Roman

Fünfundzwanzigstes Capitel.


Fünfundzwanzigstes Capitel.

Der Berg Hatteras.

Nach dieser gehaltvollen Unterredung richtete sich Jeder in der Grotte so gut wie möglich ein und sank bald in Schlaf.

Nur Hatteras nicht. Was raubte dem außerordentlichen Manne den Schlaf?

Hatte er nicht seinen Lebenszweck erreicht? Hatte er nicht die kühnen Entwürfe, welche ihm so sehr am Herzen lagen, in Erfüllung gebracht? Weshalb wurde die Unruhe dieser glühenden Seele nun nicht gestillt? Hätte man nicht glauben sollen, Hatteras werde nach Ausführung seiner Projecte in eine Art Abspannung verfallen, und seine gespannten Nerven nach Ruhe trachten?

Aber nein. Er zeigte sich nur noch mehr aufgeregt. Doch war’s nicht der Gedanke an die Rückkehr, welcher ihn so unruhig machte. Wollte er noch weiter dringen? Fand er die Welt zu klein, weil er bis an ihr Ende gedrungen war?

Wie dem auch sein mochte, er konnte nicht schlafen. Und doch war diese erste am Pol verbrachte Nacht rein und ruhig. Die Insel war völlig unbewohnt: kein Vogel in der vulkanischen Luft, kein Thier auf dem aschebestreuten Boden, kein Fisch in seinem siedenden Gewässer; nur in der Ferne vernahm man das dumpfe Getöse des Berges, aus dessen Gipfel glühende Rauchsäulen empordrangen.

Als Bell, Johnson, Altamont und der Doctor aufwachten, fanden sie Hatteras nicht in ihrer Nähe. Sie verließen unruhig die Grotte und sahen den Kapitän auf einem Felsen stehen, den Blick unverwandt auf den Gipfel des Vulkans gerichtet. Er hielt seine Instrumente in der Hand und hatte offenbar eine genaue Aufnahme des Berges vorgenommen.

Der Doctor ging auf ihn zu und redete ihn mehrmals an, ehe er ihn aus seiner Gedankenvertiefung ziehen konnte. Endlich schien der Kapitän ihn zu verstehen.

»Vorwärts! sagte der Doctor zu ihm, der ihn aufmerksam betrachtete, vorwärts; wir wollen unsere Insel ganz durchstreifen; wir sind zu unserm letzten Ausflug bereit.

– Dem letzten, sagte Hatteras mit der Betonung von Leuten, welche laut träumen; ja, dem letzten, wirklich. Der ist aber auch, fuhr er mit großer Lebhaftigkeit fort, der merkwürdigste!«

Indem er so sprach, strich er mit beiden Händen über seine Stirn, um die Wallungen im Innern zu beruhigen.

In diesem Augenblick kamen Altamont, Johnson und Bell dazu, und Hatteras schien aus seinem Traumzustande heraus zu kommen.

»Meine Freunde, sprach er mit gerührter Stimme, ich danke für Ihren Muth, Ihre Ausdauer, Ihre übermenschlichen Anstrengungen, durch welche es uns möglich geworden ist, dies Land zu betreten!

– Kapitän, sagte Johnson, wir haben nur gehorcht, und Ihnen allein gebührt die Ehre.

– Nein! Nein! fuhr Hatteras mit leidenschaftlicher Wärme fort, Euch Allen gleich mir! Altamont ebenso wie uns Allen! Wie dem Doctor selbst! O, lassen Sie mein Herz seine Empfindungen ausgießen! Es kann seine Freude und Erkenntlichkeit nicht mehr zurückhalten!«

Hatteras drückte seinen Gefährten auf’s Herzlichste die Hand. Er ging unruhig hin und her und war nicht mehr Herr seines Geistes.

»Wir haben nur als Engländer unsere Schuldigkeit gethan, sagte Bell.

– Unsere Freundespflicht, erwiderte der Doctor.

– Ja! fuhr Hatteras fort, aber diese Pflicht haben nicht Alle zu erfüllen verstanden. Einige sind erlegen! Doch muß man ihnen verzeihen, denen, welche Verrath geübt haben, wie denen, welche sich zum Verrath fortreißen ließen! Die Armen! Ich verzeihe ihnen. Sie verstehen mich, Doctor!

– Ja, erwiderte dieser, ernstlich beunruhigt durch die erhöhte Geistesspannung Hatteras‘.

– Auch will ich nicht, fuhr der Kapitän fort, daß das kleine Vermögen, um dessenwillen sie die weite Fahrt unternahmen, ihnen verloren sei. Nein! Nichts soll an meinen Verfügungen geändert werden, und sie sollen reich sein … wenn sie jemals nach England zurück kommen!«

Man konnte sich der Rührung nicht erwehren, wenn man den Ton hörte, womit Hatteras diese Worte sprach.

»Aber, Kapitän, sagte Johnson, der zu scherzen suchte, man sollte meinen, Sie machen Ihr Testament.

– Vielleicht, erwiderte Hatteras ernst.

– Doch haben Sie ein schönes und langes Leben voll Ruhm vor Augen, versetzte der alte Seemann.

– Wer weiß!« sagte Hatteras.

Langes Schweigen folgte auf diese Aeußerung. Der Doctor wagte nicht den Sinn dieser letzten Worte zu deuten.

Aber Hatteras ließ bald die Deutung finden; mit hastiger, kaum zurückgehaltener Stimme fuhr er fort:

»Meine Freunde, hören Sie mich an. Bis jetzt haben wir viel geleistet, und doch bleibt noch viel zu thun übrig.«

Mit tiefem Erstaunen sahen die Gefährten des Kapitäns einander an.

»Ja, wir sind am Land des Pols, aber noch nicht am Pol selbst!

– Wie so? fragte Altamont.

– Das wäre! rief der Doctor, mit ahnender Besorgniß.

– Ja! fuhr Hatteras mit Nachdruck fort. Ich habe gesagt, ein Engländer werde den Fuß auf den Pol des Erdballs setzen; das hab‘ ich gesagt, und ein Engländer wird es ausführen.

– Was? … erwiderte der Doctor.

– Wir sind noch fünfundvierzig Secunden von dem unbekannten Punkt entfernt, fuhr Hatteras mit zunehmendem Feuer fort, und da, wo er ist, werd‘ ich hindringen!

– Aber der Gipfel dieses Vulkans ist’s, sagte der Doctor.

– Ich dringe hin!

– Ein unzugänglicher Kegel!

– Ich gehe hin.

– Ein klaffender Krater in Gluth und Flammen!

– Ich dringe hinein.«

Die energische Ueberzeugung, womit Hatteras diese letzteren Worte sprach, läßt sich nicht darstellen. Seine Freunde waren voll Bestürzung; sie blickten mit Schrecken auf den Berg, welcher rauchende Feuersäulen in die Lüfte schoß.

Der Doctor ergriff darauf wieder das Wort; er setzte Hatteras dringend zu, auf sein Vorhaben zu verzichten; er sagte Alles, was sein Herz ihm einzugeben vermochte, von dringender Bitte bis zu freundlicher Drohung; aber er vermochte nichts über die reizbare Seele des Kapitäns.

Es gab nur noch Mittel der Gewalt, um den Wahnsinnigen abzuhalten, daß er sich nicht in’s Verderben stürze. Da er aber einsah, daß sie zu großen Unordnungen führen würden, wollte der Doctor nur im äußersten Nothfall dazu schreiten.

Er hoffte übrigens, daß Hatteras durch physische Unmöglichkeit, unübersteigliche Hindernisse sich werde an der Ausführung seines Vorhabens hindern lassen.

»Weil dem so ist, sagte er, wollen wir Sie begleiten.

– Ja! erwiderte der Kapitän, bis zur Hälfte der Bergeshöhe! Weiter nicht! Müßt Ihr nicht das Duplicat des Protokolls über unsere Entdeckung nach England bringen, falls …?

– Doch ….

– Abgemacht, erwiderte Hatteras mit unerschütterlichem Ton, und weil die Bitten des Freundes nicht ausreichen, befiehlt der Kapitän.«

Der Doctor wollte ihm nicht länger zusetzen, und nach einer kleinen Weile setzte sich die kleine Truppe, für eine schwierige Besteigung gerüstet, Duk voran, in Bewegung.

Der Himmel glänzte im Widerschein. Das Thermometer zeigte zweiundfünfzig Grad (+11° hunderttheilig). Die Atmosphäre war reichlich von der klaren Helle durchdrungen, welche jenen hohen Breitegraden eigenthümlich ist. Es war um acht Uhr früh.

Hatteras mit seinem braven Hund ging voran; Bell und Altamont, der Doctor und Johnson folgten ihm unmittelbar.

»Es ist mir angst, sagte Johnson.

– Nein, nein, es ist nichts zu befürchten, erwiderte der Doctor, wir sind ja dabei.«

Das Inselchen hatte etwas sehr Eigenthümliches von neuem, jugendlichem Charakter; der Vulkan schien nicht alt zu sein.

Die über einander gewürfelten Felsen hielten sich wie durch ein Wunder im Gleichgewicht. Der Berg bestand, genau genommen, nur aus einer Zusammenhäufung herabgefallener Steine. Nichts von Erde, nicht das kleinste Moos, nicht die magerste Flechte, keine Spur von Vegetation. Die vom Krater ausgespieene Kohlensäure hatte noch nicht Zeit gehabt, sich mit dem Wasserstoff des Wassers, noch mit dem Ammonium der Wolken zu vereinigen, um unter Einwirkung des Lichtes organisirte Stoffe zu bilden.

Diese im Meere verlorene Insel war lediglich durch allmälige Anhäufung vulkanischer Auswürfe entstanden, gleich dem Aetna, welcher bereits eine weit beträchtlichere Menge Lava ausgeworfen hat, als seine eigene Masse beträgt.

Diese Steinhaufen, welche die Insel der Königin bildeten, waren offenbar aus dem Innern der Erde ausgeworfen worden; jene hatte den plutonischen Charakter im höchsten Grad. An ihrer Stelle befand sich früher das unermeßliche Meer, welches in der Urzeit durch Verdichtung der Wasserdämpfe auf dem erkalteten Erdball entstanden ist; aber in dem Verhältniß, wie die Vulkane der alten und neuen Welt erloschen, oder besser gesagt, verstopft wurden, mußten sie durch neue feuerspeiende Krater ersetzt werden.

In der That kann man die Erde mit einem ungeheuren Kessel vergleichen, worin durch Wirkung des Centralfeuers unermeßliche Quantitäten von Dünsten entstehen, welche in einem umschlossenen Raum bis zu einer Spannung von vielen Tausend Atmosphären getrieben, den Erdball auseinandersprengen würden, wenn nicht nach außen hin Sicherheitsventile angebracht wären.

Diese Ventile nun sind die Vulkane; wenn einer sich schließt, öffnet sich ein anderer, und an den Polen, wo ohne Zweifel in Folge der Abplattung die Erdrinde minder dick ist, kann es nicht auffallend sein, daß sich durch eine Erhebung des Erdkerns unter der Fluth unvermuthet ein neuer Vulkan bildet.

Der Doctor nahm, während er Hatteras folgte, diese auffallenden Eigenthümlichkeiten wahr; sein Fuß betrat einen vulkanischen Tuff und Bimssteine, die aus Schlacken sich bildeten, Asche, ausgeworfene Steine, gleich den Syeniten und Graniten Islands.

Den fast modernen Ursprung des Eilands nahm er deshalb an, weil das sedimentäre Terrain noch nicht Zeit gehabt hatte, sich zu bilden.

An Wasser fehlte es gänzlich. Wäre die Insel der Königin schon mehrere Jahrhunderte alt, so würden heiße Quellen, wie sie in der Nähe der Vulkane häufig sind, aus ihrem Innern gesprudelt sein. Nun aber fand man hier nicht allein kein Tröpfchen Wassers, sondern die Dünste, welche aus Lavaströmen entstanden, schienen durchaus ohne Wassergehalt zu sein.

Also war diese Insel neuerer Bildung, und so wie sie eines Tages zum Vorschein kam, so konnte sie eines anderen Tages wieder verschwinden und von Neuem in die Tiefe des Oceans versinken.

Im Verhältniß, wie man höher kam, wurde das Besteigen schwieriger; die Seiten des Berges waren fast senkrecht, und man mußte äußerst vorsichtig sein, um ein Zusammenstürzen zu vermeiden. Oft wirbelten Aschensäulen um die Reisenden, und drohten sie zu ersticken, oder Lavaströme versperrten ihnen den Weg. An einigen horizontalen Stellen waren die Ströme eben erkaltet und fest geworden, während unter dieser Rinde noch siedende Lava floß, so daß also Jeder sondiren mußte, um nicht plötzlich in solchen glühenden Stoff einzusinken.

Von Zeit zu Zeit spie der Krater Felsstücke aus, welche in brennendem Gas rothglühend geworden; manche von diesen Massen zerplatzten wie Bomben in der Luft, und ihre Trümmer zerstreuten sich weit und breit in allen Richtungen.

Man begreift, wie diese Besteigung des Berges mit unzähligen Gefahren verbunden war, und nur von einem Narren vorgenommen werden konnte.

Doch Hatteras stieg mit auffallender Behendigkeit immer weiter, und klomm, die Stütze seines eisenbeschlagenen Stockes verschmähend, die schroffsten Abhänge hinan.

Er gelangte bald zu einem kreisrunden Felsen, der eine Art von Plateau von zehn Fuß Breite bildete; ein glühender Strom floß um denselben herum, nachdem er an der Spitze eines höheren Felsens sich gabelförmig getheilt hatte, so daß nur ein schmaler Weg dazwischen blieb, welchen Hatteras tollkühn betrat.

Hier blieb er stehen, und seine Gefährten konnten ihn einholen. Darauf schien er mit den Augen den Raum zu messen, welcher ihm noch zu steigen blieb; horizontal befand er sich noch über hundert Klafter vom Krater, d. h. vom mathematischen Punkt des Pols entfernt; aber vertical waren noch über fünfzehnhundert Fuß zu ersteigen.

Bereits seit drei Stunden war man im Aufsteigen begriffen; Hatteras schien noch nicht müde; seine Gefährten waren schon fast erschöpft.

Der Gipfel des Vulkans schien unzugänglich zu sein. Der Doctor entschloß sich, Hatteras um jeden Preis vom Weitersteigen abzuhalten. Zuerst versuchte er’s mit der Güte, aber die Aufregung des Kapitäns steigerte sich bis zum Wahnsinn; bereits während des Steigens hatte er alle Anzeichen wachsenden Irrsinns wahrnehmen lassen, und wer ihn kannte, wer ihn durch alle Phasen seines Lebens begleitete, konnte es nicht überraschend finden. Im Verhältniß wie Hatteras höher über den Meeresspiegel drang, wuchs seine Ueberspannung; er lebte nicht mehr in der Menschenregion.

»Hatteras, sagte zu ihm der Doctor, nun ist’s genug! Weiter können wir nicht.

– So bleibet, erwiderte der Kapitän mit auffallendem Ton, ich steige höher hinauf!

– Nein! Das wäre auch unnöthig! Hier sind Sie am Pol der Erde!

– Nein! Nein! Noch höher!

– Mein Freund! Ich, der Doctor Clawbonny, rede zu Ihnen! Kennen Sie mich nicht?

– Höher! Höher! rief er wiederholt im Wahnsinn.

– Nein! Nein! Wir dulden’s nicht …«

Ehe noch der Doctor diese Worte zu Ende gesprochen, sprang Hatteras mit übermenschlicher Anstrengung über den Lavastrom, von seinen Gefährten getrennt, welche nicht zu ihm gelangen konnten.

Diese schrieen laut auf, in der Meinung, Hatteras sei in den siedenden Strom gestürzt; aber der Kapitän war jenseits hingesunken, und Duk, der ihn nicht verlassen wollte, sprang ihm nach.

Er verschwand hinter einer Hülle von Rauch, und man hörte seine Stimme, die in der Entfernung immer schwächer tönte:

»Nordwärts! Nordwärts! schrie er. Zum Gipfel des Hatteras-Berges! Gedenken Sie des Hatteras-Berges!«

Den Kapitän einzuholen, daran war nicht zu denken; es waren zwanzig Gründe dafür, daß man an der Stelle blieb, welche er mit dem Glück und der Geschicklichkeit, wie sie Narren eigen ist, verlassen hatte; den feurigen Strom zu überspringen war unmöglich; ebenso unmöglich, ihn zu umgehen. Altamont versuchte vergeblich über ihn hinüber zu kommen; wollte man über den Lavastrom dringen, so hätte man sein Leben daran gesetzt; wider Willen mußten seine Gefährten zurückbleiben.

»Hatteras! Hatteras!« rief der Doctor.

Aber der Kapitän gab keine Antwort, und nur das kaum vernehmliche Bellen Duks verhallte im Gebirge.

Inzwischen sah man Hatteras in Zwischenräumen mitten durch Rauchsäulen und unter dem Aschenregen. Bald ragte sein Arm, bald sein Kopf aus dem Wirbel heraus. Dann verschwand er wieder den Blicken und zeigte sich höher oben auf den Felsen. Seine Figur sah immer kleiner aus, je höher er hinauf kam.

Dumpfes Getöse des Vulkans füllte die Luft; es tobte in dem Berge gleich wie in einem siedenden Kessel. Hatteras ließ sich nicht aufhalten, von Duk begleitet.

Von Zeit zu Zeit rutschte hinter ihm das Gestein, und ein Felsblock stürzte mit wachsender Schnelligkeit an den Spitzen abprallend bis zum Grund des Polarmeeres hinab.

Hatteras wendete sich nicht einmal um. Sein Stab diente ihm als Schaft, um die englische Flagge daran zu befestigen. Voll Schrecken verfolgten seine Gefährten alle seine Bewegungen, während seine Gestalt sich mehr und mehr verkleinerte; Duk schien nicht mehr größer, als eine Ratte.

Einen Moment verdeckte sie der Wind mit einem feurigen Vorhang. Der Doctor erhob ein Angstgeschrei; doch kam Hatteras wieder zum Vorschein, wie er aufrecht stand und seine Flagge schwang.

Ueber eine Stunde lang dauerte das Schauspiel dieser erschrecklichen Besteigung. Eine Stunde des Ringens mit wackelnden Felsen, mit tiefen Aschenschichten, worin der Heros des Unmöglichen bis zu halbem Leibe einsank.

Bald kletterte er, mit den Knieen und Hüften wider die Spalten sich stemmend, bald hing er mit den Händen an einem Grat, und flatterte im Winde gleich einem trockenen Büschel.

Endlich langte er auf dem Gipfel des Vulkans an, unmittelbar an des Kraters Mündung. Da schöpfte der Doctor Hoffnung, der Unglückliche, nachdem er an seinem Ziele angelangt, werde vielleicht nun zurückkehren, und hätte dann nur noch das Gefährliche des Herabsteigens zu bestehen.

Er schrie aus voller Brust und zum letzten Mal auf:

»Hatteras! Hatteras!«

Des Doctors Rufen drang dem Amerikaner bis auf den Grund der Seele.

»Ich will ihn retten«, rief Altamont.

Dann setzte er mit einem gewaltigen Sprunge über den feurigen Strom, mit Gefahr hinein zu fallen, und verschwand in der Mitte der Felsen.

Clawbonny hatte nicht Zeit ihn aufzuhalten.

Inzwischen drang Hatteras, als er auf dem Gipfel ankam, über den Schlund hinaus auf einen überhängenden Felsen. Die Steine regneten um ihn herum. Duk sprang ihm stets zur Seite. Das arme Thier schien bereits vom Schwindel ergriffen. Hatteras schwang sein Banner im Widerschein der Gluth, und das geröthete Tuch flatterte in langen Streifen beim Luftstrom des Kraters.

Mit der einen Hand schwang es Hatteras hin und her. Mit der anderen wies er im Zenith auf den Pol der Himmelskugel. Inzwischen schien er zu zaudern. Er suchte nach dem mathematischen Punkt, wo alle Meridiane des Erdballs zusammenlaufen, auf den er in erhabenem Starrsinn den Fuß setzen wollte.

Plötzlich wankte der Fels unter seinen Füßen; er verschwand. Ein fürchterliches Geschrei seiner Gefährten drang bis zum Gipfel hinan. Clawbonny hielt seinen Freund für verloren und auf ewig begraben in den Tiefen des Vulkans. Aber Altamont war noch da, auch Duk. Der Mann und der Hund erfaßten den Unglücklichen im Moment, wo er in den Abgrund stürzte. Hatteras war gerettet, gerettet wider Willen, und eine Viertelstunde nachher lag der Kapitän des Forward bewußtlos in den Armen seiner verzweifelnden Freunde.

Als er wieder zu sich kam, fragte der Doctor in stummer Befürchtung seinen Blick. Aber dieser bewußtlose Blick, gleich dem eines Blinden, der ohne zu sehen anschaut, antwortete ihm nicht.

»Großer Gott! sagte Johnson, er ist blind!

– Nein, erwiderte Clawbonny, nein! Meine armen Freude, wir haben nur den Körper gerettet! Hatteras‘ Seele ist auf dem Gipfel des Vulkans geblieben! Seine Vernunft ist gestorben!

– Wahnsinnig! riefen Johnson und Altamont voll Bestürzung.

– Wahnsinnig!« antwortete der Doctor.

Und Thränen rannen aus ihren Augen.

Fünfzehntes Capitel.


Fünfzehntes Capitel.

Die nordwestliche Durchfahrt.

Am anderen Tage begaben sich Bell, Altamont und der Doctor nach dem Porpoise; Holz bot das Wrack in Ueberfluß; die alte Schaluppe des Dreimasters war zwar leck durch die Stöße der Eisschollen, konnte aber doch die Haupttheile zu der neuen liefern. Der Zimmermann begann ohne Zögern seine Arbeit; man brauchte ein seetüchtiges Fahrzeug, das gleichzeitig so leicht war, um auf dem Schlitten fortgeschafft werden zu können.

Die letzten Tage des Mai hob sich die Temperatur; das Thermometer stieg wieder bis zum Gefrierpunkte; dieses Mal kam nun der Frühling alles Ernstes, und die Reisenden konnten die Winterkleider ablegen. Häufig trat Regen ein; der Schnee schmolz zusammen und rann über die geringsten Terrainneigungen in Stromschnellen und kleinen Wasserfällen.

Hatteras konnte seine Befriedigung nicht verhehlen, als die Eisfelder die ersten Spuren des Thauwetters zeigten. Freies Meer war auch für ihn die Freiheit.

Ob seine Vorgänger sich mit der Annahme eines offenen Polarmeeres getäuscht hatten oder nicht, das hoffte er nun bald zu wissen, davon hing ja der ganze Erfolg seiner Unternehmung ab.

Eines Abends, als nach einem warmen Tage sich die Spuren der Auflösung des Eises noch deutlicher zeigten, brachte er das Gespräch auf dieses hochinteressante Thema.

Er brachte dafür alle ihm geläufigen Wahrscheinlichkeitsgründe vor, und fand in dem Doctor immer einen warmen Vertheidiger seiner Lehrsätze. Uebrigens hatten seine Schlußfolgerungen entschieden viel für sich.

»Es ist einleuchtend, sagte er, daß, wenn der Ocean sich seiner Eismassen vor der Bai Victoria entledigt, sein nördlicher Theil bis Neu-Cornwallis hin frei sein muß, ebenso wie bis zu dem Canal der Königin. Penny und Belcher haben ihn so gesehen, und sie beobachteten gut.

– Ich glaube das so gut wie Sie, Hatteras, erwiderte der Doctor, und Nichts gestattet, den guten Glauben dieser berühmten Seefahrer in Zweifel zu ziehen; nur wollte man ihre Entdeckung einer Luftspiegelung zuschreiben, doch waren sie offenbar zu sehr überzeugt, um der Thatsache nicht sicher zu sein.

– So hab‘ ich immer gedacht, nahm dann Altamont das Wort; das Polarmeer erstreckt sich nicht nur nach Westen, sondern auch nach Osten.

– In der That, das kann man annehmen; erwiderte Hatteras.

– Man muß es sogar, entgegnete der Amerikaner, denn dasselbe freie Meer, welches die Kapitäne Penny und Belcher nahe den Küsten von Grinnelland gesehen haben, sah Morton, der Lieutenant Kane’s, ebenfalls von der Meerenge aus, die den Namen dieses kühnen Gelehrten trägt.

– Wir sind nicht im Kane-Meer, entgegnete Hatteras trocken, also können wir das auch nicht bestätigen.

– Mindestens ist es wahrscheinlich, sagte Altamont.

– Gewiß, fiel der Doctor ein, der einem unnützen Streite vorbeugen wollte. Was Altamont denkt, wird schon wahr sein; bei den eigenthümlichen Gestaltungen des umlagernden Landes treten unter gleichen Breiten auch die nämlichen Erscheinungen auf. Ich für meinen Theil glaube an das offene Meer im Osten eben so, wie im Westen.

– Jedenfalls ist das für uns nicht von Belang! sagte Hatteras.

– Ich spreche da nicht so wie Sie, Hatteras, sagte der Amerikaner, den die affectirte Gleichgiltigkeit des Kapitäns warm zu machen anfing, das könnte für uns von einer gewissen Wichtigkeit sein.

– Und wann, ich bitte?

– Wenn wir an die Rückkehr denken.

– An die Rückkehr! rief Hatteras; wer denkt denn daran?

– Jetzt Niemand, meinte Altamont, aber auf einem Punkte werden wir, denk‘ ich, doch einmal Halt machen.

– Und wo wäre dieser?« fragte Hatteras.

Diese directe Frage war hiermit zum ersten Male an den Amerikaner gerichtet. Der Doctor hätte einen Arm darum gegeben, um die Erörterung von Unannehmlichkeiten frei zu erhalten.

Altamont antwortete nicht; der Kapitän wiederholte seine Frage.

»Nun, wo wäre das?

– Wo wir eben hingehen! erwiderte gelassen der Amerikaner.

– Und wer kann das wissen? sagte beruhigend der Doctor.

– Ich nehme doch an, sprach der Amerikaner weiter, daß, wenn wir das Polarmeer zur Rückkehr benutzen wollen, wir versuchen müssen, das Kane-Meer zu erreichen; das wird uns näher nach der Baffins-Bai bringen.

– Sie glauben? fragte ironisch der Kapitän.

– Ich glaube es, so gewiß wie ich überzeugt bin, daß, wenn diese nördlichen Meere jemals der Schifffahrt erschlossen werden, man jenen Weg, der offenbar weniger Hindernisse bietet, benutzen wird. O, die Entdeckung des Doctor Kane ist sehr wichtig!

– Wirklich! sagte Hatteras, der sich die Lippen fast blutig biß.

– Ja, man kann das nicht leugnen, fügte der Doctor hinzu, und muß Jedem seine Verdienste gönnen.

– Ohne in Anschlag zu bringen, fuhr der hartnäckige Amerikaner fort, daß vor ihm noch Keiner so weit nach Norden vorgedrungen war.

– Mir scheint, erwiderte Hatteras, die Engländer haben’s ihm jetzt zuvor gethan.

– Und die Amerikaner! setzte Altamont hinzu.

– Die Amerikaner! rief Hatteras.

– Nun, was bin ich denn? sagte Altamont stolz.

– Sie sind, erwiderte Hatteras mit kaum verhaltener Stimme, ein Mann, der dem Zufalle und der Wissenschaft nur gleiche Theile des Ruhmes zugesteht. Ihr amerikanischer Kapitän ist weit nach Norden vorgedrungen, aber der Zufall allein …

– Dem Zufalle! Sie wagen zu behaupten, daß Kane seine große Entdeckung nicht der Energie und den Kenntnissen verdanke, welche er besaß?

– Ich sage, entgegnete Hatteras, daß der Name Kane in einem durch einen Parry, einen Franklin, Roß, Belcher und Penny berühmten Lande gar nicht zu nennen ist, oder in Meeren, worin der Engländer MacClure die nordwestliche Durchfahrt gefunden …

– MacClure, rief lebhaft der Amerikaner; Sie führen diesen Mann an und wollen die Geltung des Zufalls bestreiten? Hat ihn nicht die Gunst des Zufalls allein dahin geführt?

– Nein, erwiderte erregt Hatteras, nein! Vielmehr sein Muth, seine Ausdauer, vier Winter mitten im Eise auszuhalten …

– Das glaub‘ ich wohl, warf der Amerikaner ein, er war festgefroren, er konnte nicht fort und verließ endlich sein Schiff, den ‚Investigator‘, um nach England zurückzukehren.

– Meine Freunde …, sagte der Doctor.

– Uebrigens, unterbrach ihn Altamont, sehen wir von dem Manne ab und fassen das Resultat in’s Auge. Sie sprechen von der nordwestlichen Durchfahrt; nun, diese Durchfahrt ist erst noch aufzufinden!«

Hatteras sprang bei diesen Worten auf; nie ist eine Streitfrage zwischen zwei wetteifernden Nationen mit mehr Aufregung erörtert worden.

Der Doctor suchte fortwährend in’s Mittel zu treten.

»Sie haben Unrecht, Altamont, sagte er.

– Nein! Ich halte meine Behauptung aufrecht, erwiderte der Starrkopf, die nordwestliche Durchfahrt ist noch aufzufinden, oder doch zu durchschiffen, wenn Sie das lieber wollen! MacClure ist nicht bis zu ihr vorgedrungen, und bis auf den heutigen Tag ist noch kein Schiff von der Behrings-Straße nach der Baffins-Bai gelangt.«

Buchstäblich genommen war das richtig. Was konnte man dem Amerikaner entgegen halten?

Indessen erhob sich Hatteras und sprach:

»Ich dulde nicht, daß der Ruhm eines englischen Kapitäns in meiner Anwesenheit länger angegriffen wird!

– Sie wollen es nicht dulden! entgegnete der Amerikaner, der nun ebenfalls aufstand, aber die Thatsachen sind da, und Sie werden sie nicht ungeschehen machen können.

– Mein Herr! rief Hatteras bleich vor Zorn.

– Aber, Freunde, fiel der Doctor ein, etwas ruhiges Blut! Wir erörtern hier einen wissenschaftlichen Gegenstand!«

Der gute Clawbonny wollte darin nur eine wissenschaftliche Erörterung sehen, wo der Haß zwischen einem Amerikaner und einem Engländer in’s Spiel kam.

»Die Thatsachen – ich werde sie Ihnen anführen, rief drohend Hatteras, der auf Nichts mehr hörte.

– Und ich lasse mir’s nicht wehren, zu reden!« entgegnete der Amerikaner.

Johnson und Bell wußten nicht, wie sie sich hierbei benehmen sollten.

»Meine Herren, sprach der Doctor mit Nachdruck, Sie werden mir das Wort gestatten! Lassen Sie mich reden; die betreffenden Thatsachen sind mir so gut, wo nicht besser bekannt, als Ihnen, und Sie werden mir zugestehen, daß ich sie unparteiischer darzulegen vermag.

– Ja wohl! Ja wohl! riefen Bell und Johnson, welche über die Wendung des Gespräches besorgt waren, und mit ihrer Beistimmung dem Doctor die Majorität verschafften.

– Fangen Sie nur immer an, Herr Clawbonny, sagte Johnson; diese Herren werden auf Sie hören, und wir dabei uns Alle unterrichten.

– Reden Sie«, sagte der Amerikaner.

Hatteras gab mit einem Zeichen seine Zustimmung zu erkennen, nahm wieder Platz und kreuzte die Arme.

»Ich will Ihnen die Thatsachen in schlichter Wahrheit erzählen, sagte der Doctor, und Sie, meine Freunde, können berichtigen, wenn ich irgend Etwas übergehe oder falsch darstelle.

– Wir kennen Sie zur Genüge, Herr Clawbonny, sagte Bell, und Sie können erzählen, ohne das zu befürchten.

– Hier ist die Karte der Polarmeere, begann der Doctor, der aufgestanden war, die nöthigen Unterlagen zu beschaffen; es wird damit leicht sein, dem Zuge MacClure’s zu folgen, und Sie werden, da Ihnen der Fall bekannt ist, leicht urtheilen können.«

Der Doctor breitete auf dem Tische eine der ausgezeichneten, auf Befehl der Admiralität herausgegebenen Karten aus, welche auch die neuesten Entdeckungen in der Polarregion verzeichnet enthielt, und begann folgendermaßen:

»Sie wissen, daß im Jahre 1848 zwei Schiffe, der ‚Herald‘, Kapitän Kellet, und der ‚Plover‘, Befehlshaber Moore, nach der Behrings-Straße ausgesendet wurden, um die Spuren von Franklin aufzufinden; ihr Nachsuchen war erfolglos; im Jahre 1850 stieß auch noch MacClure, der den ‚Investigator‘ befehligte, dazu, ein Schiff, auf dem er die im Jahre 1849 vorgenommene Expedition unter James Roß mitgemacht hatte. Er fuhr in Begleitung seines Oberbefehlshabers, des Kapitäns Collinson, der sich auf dem ‚Entreprise‘ befand; aber er segelte diesem voraus, und erklärte, als er an der Behrings-Straße angekommen war, nicht länger warten zu wollen, sondern auf eigene Verantwortlichkeit weiter zu schiffen, um, bemerken Sie wohl, Altamont, entweder Franklin oder die Durchfahrt aufzufinden.«

Altamont gab weder Zustimmung noch Widerspruch zu erkennen.

»Am 5. August 1850, fuhr der Doctor fort, drang MacClure, nachdem er noch ein letztes Mal mit dem ‚Plover‘ in Verbindung getreten war, in die östlichen Meere, und zwar auf einem wenig bekannten Wege ein; sehen Sie, kaum einige Länder sind auf dieser Karte verzeichnet. Am 30. August erreichte der junge Officier Cap Bathurst; am 6. September entdeckte er das Barings-Land, zu welchem er vom Banks-Lande aus segelnd gelangte, und später das Prinz Albert-Land; dann wandte er sich entschlossen nach jener langen Meerenge, welche diese beiden mächtigen Inseln trennt und der er den Namen ‚Meerenge des Prinzen von Wales‘ gab. Begleiten Sie hier im Geiste den kühnen Seefahrer. Er hoffte in das Melville-Bassin, durch welches wir gekommen sind, einlaufen zu können, und hatte wohl auch guten Grund dazu; aber am Ausgange der Meerenge thürmte ihm das Eis eine unübersteigliche Schranke entgegen. In seinem Wege aufgehalten, brachte MacClure dort den Winter 1850 auf 1851 zu und machte während dieser Zeit einen Ausflug über das Eis, um sich über die Verbindung der Meerenge mit dem Melville-Bassin zu vergewissern.

– Ja, sagte hier Altamont, aber er fuhr nicht durch sie hindurch.

– Gedulden Sie sich, entgegnete der Doctor. Während dieser Ueberwinterung durchstreiften MacClure’s Officiere die benachbarten Küsten, Creswell das Barings-Land, Haswelt den südlichen Theil des Prinz Albert-Landes, und Wynniat das Cap Walker im Norden. Im Juli, beim ersten Thauwetter, versucht MacClure zum zweiten Mal, den ‚Investigator‘ in das Melville-Bassin zu führen; bis auf zwanzig Meilen nähert er sich diesem, nur zwanzig Meilen! Aber unwiderstehlich drängen ihn Stürme nach dem Süden, ohne daß er dieses Hinderniß zu überwinden vermag. Nun entschließt er sich, die Meerenge des Prinzen von Wales zurückzufahren, Banks-Land zu umschiffen, und das von Westen aus zu versuchen, was ihm von Osten unmöglich war. Er wendet also um, und erreicht am 18. Cap Kellet, am 20. das Cap Prinz Alfred, zwei Grade nördlicher; dann aber, nach schrecklichen Kämpfen mit den Eisbergen, sieht er sich in der Banks-Durchfahrt, am Eingange jener Reihe von Meerengen, welche nach dem Baffins-Meere führen, festgehalten.

– Aber er hat nicht hindurchschiffen können, sagte Altamont.

– Warten Sie noch und haben Sie die Geduld MacClure’s. Am 26. September bezog er Winterquartier in der Mercy-Bai, nördlich von Banks-Land, und blieb dort bis 1852; der April kam heran; MacClure hatte nur noch für achtzehn Monate Provision, und doch denkt er an keine Rückkehr. Er reist ab, setzt mittels Schlitten über die Meerenge von Banks und kommt auf der Insel Melville an. Folgen wir ihm. An ihren Küsten hoffte er die Schiffe des Commandanten Austin zu finden, die ihm durch die Baffins-Bai und den Lancaster-Sund entgegengeschickt waren. Am 28. April berührt er Winter-Harbour, an demselben Punkte, wo Parry dreiunddreißig Jahre vorher überwinterte. Von Schiffen sah er aber Nichts; in einem Cairn entdeckte er jedoch ein Document, aus dem er erfährt, daß Mac-Clintock, der Lieutenant Austin’s, im vorigen Jahre hier vorübergekommen und zurückgesegelt sei. Wo jeder Andere verzweifelt wäre, MacClure verzweifelte nicht. Auf gut Glück legt er in den Cairn ein anderes Document nieder, in dem er seine Absicht ausspricht, durch die nordwestliche Durchfahrt, die er aufgefunden habe, nach England zurückzukehren, indem er den Lancaster-Sund und das Baffins-Meer zu erreichen hoffe. Wenn man zunächst nicht weiter von ihm reden hört, so kommt das daher, daß er im Norden oder Westen der Melville-Insel verschlagen worden war; genug er kam nach der Mercy-Bai, zum Zwecke einer dritten Ueberwinterung, von 1852 auf 1853, unentmuthigt zurück.

– Seinen Muth habe ich nie bezweifelt, erwiderte Altamont, wohl aber seinen Erfolg.

– Folgen wir ihm weiter, fuhr der Doctor fort. Als er Mitte März in Folge eines sehr strengen Winters, der keine Beute an Wild ergab, auf Zweidrittel-Rationen beschränkt war, entschloß sich MacClure, die Hälfte seiner Mannschaft nach England zurückzusenden, und zwar entweder durch die Baffins-Bai oder durch den Mackenzie-Strom und die Hudsons-Bai; die andere Hälfte sollte dann den ‚Investigator‘ nach Europa zurückführen. Er suchte die minder Gesunden aus, denen eine vierte Ueberwinterung verderblich zu werden drohte. Alles war schon für ihre auf den 15. April festgesetzte Abreise vorbereitet, als MacClure am 6. bei einem Spaziergange mit seinem Lieutenant Creswell auf dem Eise von Norden her einen Mann heranlaufen sah, der mit Handbewegungen winkte; und dieser Mann war der Lieutenant Pim, vom ‚Herald‘, der Lieutenant desselben Kapitäns Kellet, den er, wie früher bemerkt, zwei Jahre vorher in der Behrings-Straße verlassen hatte. Kellet hatte, als er nach Winter-Harbour gekommen war, das auf gut Glück zurückgelassene Document MacClure’s gefunden; da er daraus dessen Aufenthalt in der Mercy-Bai erfahren, schickte er dem kühnen Seefahrer seinen Lieutenant Pim entgegen. Diesem folgte noch eine Abtheilung Seeleute des ‚Herald‘, unter welchen sich auch ein französischer Schiffsfähnrich, Herr von Bray, befand, der als Volontär unter dem Stabe des Kapitäns Kellet diente. Sie setzen doch in diese Begegnung unserer Landsleute keinen Zweifel?

– Durchaus nicht, erwiderte Altamont.

– Nun gut, so wollen wir noch betrachten, was später geschah, und ob die Nordwest-Passage wirklich durchmessen worden ist, oder nicht. Bedenken Sie, daß wenn man die Entdeckungen Parry’s mit denen MacClure’s verbindet, zugeben muß, daß die Nordküsten Amerikas festgestellt sind.

– Nicht durch ein einziges Schiff, antwortete Altamont.

– Nein, aber durch einen einzelnen Menschen. Doch weiter. MacClure besuchte den Kapitän Kellet auf der Melville-Insel; in zwölf Tagen legte er die hundertsiebenzig Meilen zurück, welche die Mercy-Bai von Winter-Harbour trennen; er kam mit dem Commandanten des ‚Herald‘ dahin überein, diesem seine Kranken zu schicken, und kehrte nach seinem Schiffe zurück. Andere würden an der Stelle MacClure’s glauben, genug geleistet zu haben, aber der unerschrockene junge Mann wollte noch einmal das Glück versuchen. Dann verließ, und hierauf richte ich besonders Ihre Aufmerksamkeit, sein Lieutenant Creswell, der die Kranken begleitete, die Mercy-Bai, erreichte Winter-Harbour, und von da, nach einer Reise von vierhundertundsiebenzig Meilen über das Eis, am 2. Juni die Insel Beechey, wenige Tage nachher aber schiffte er sich mit einem Dutzend Mann an Bord des ‚Phönix‘ ein.

– Wo ich damals mit Kapitän Inglefield diente, schaltete Johnson ein, und wir kamen nach England zurück.

– Und am 7. October 1853, fuhr der Doctor fort, traf Creswell in London ein, nachdem er den ganzen Raum, der zwischen der Behrings-Straße und Cap Farewell liegt, durchmessen hatte.

– Nun, sagte Hatteras, auf der einen Seite angekommen und von der anderen ausgegangen sein, nennt man ‚passirt haben‘.

– Ja wohl, erwiderte Altamont, wobei vierhundertundsiebenzig Meilen auf dem Eise zurückgelegt wurden.

– Nun, was verschlägt das?

– Daran liegt Alles, erwiderte der Amerikaner. Hat MacClure’s Schiff den Weg zurückgelegt?

– Nein, antwortete der Doctor, nach der vierten Ueberwinterung mußte es MacClure mitten im Eise verlassen.

– Schön, bei einer Seereise kommt es aber darauf an, daß ein Schiff einen gewissen Weg macht, nicht ein Mensch. Wenn die nordwestliche Durchfahrt jemals benutzbar sein soll, so muß sie es für Fahrzeuge, nicht für Schlitten sein. Das Schiff muß also die Reise vollenden können, in Ermangelung die Schaluppe.

– Die Schaluppe! rief Hatteras, der in diesen Worten einen bedeutungsvollen Wink herausfühlte.

– Altamont, sagte der Doctor, da machen Sie denn doch einen zu kleinlichen Unterschied, und in dieser Hinsicht geben wir Ihnen Alle Unrecht.

– Das ist für Sie nicht schwer, meine Herren, erwiderte der Amerikaner; Sie sind Vier gegen Einen. Das soll mich aber nicht hindern, meine Ansicht zu behalten.

– Behalten Sie sie doch, rief Hatteras aus, und so fest, daß man Nichts mehr davon hört.

– Mit welchem Rechte sprechen Sie in solchem Tone zu mir? fragte der Amerikaner wüthend.

– Mit meinem Rechte als Kapitän, entgegnete Hatteras zornig.

– Unterliege ich denn etwa Ihren Befehlen? fragte Altamont barsch.

– Ohne Zweifel! Und wehe Ihnen, wenn …«

Der Doctor, Johnson und Bell sprangen dazwischen; es war höchste Zeit; die beiden Feinde maßen sich mit den Blicken; dem Doctor schwoll das Herz.

Nach einigen versöhnlichen Worten legte sich Altamont indessen, den »Yankee doodle« pfeifend, nieder und sprach, ob er nun schlief oder nicht, dann keine Sylbe mehr.

Hatteras verließ das Zelt und ging draußen mit großen Schritten hin und her; erst eine Stunde später kam er wieder herein und legte sich, ohne ein Wort zu reden, zur Ruhe.

Sechzehntes Capitel.


Sechzehntes Capitel.

Arkadien des Nordens.

Am 29. Mai ging die Sonne zum ersten Male nicht unter; ihre Scheibe strich über dem Horizonte hin und streifte ihn kaum, um sogleich wieder zu steigen; man trat in die Periode der vierundzwanzigstündigen Tage ein. Am andern Tage erschien das strahlende Gestirn von einem prächtigen Hofe umgeben, einem leuchtenden Kreise, der in allen Regenbogenfarben spielte; das häufige Auftreten dieser Erscheinungen erregte die Aufmerksamkeit des Doctors, der stets das Datum, die Ausdehnung und die Art derselben aufzeichnete; die an erwähntem Tage beobachtete zeigte durch ihre elliptische Form eine noch wenig bekannte Erscheinungsweise.

Bald erschien das ganze Volk schreiender Vögel wieder; ganze Schwärme von Trappen und Canadagänsen, die aus dem so entfernten Florida oder Arkansas kamen, zogen mit erstaunlicher Schnelligkeit gen Norden und brachten den Frühling unter ihren Fittichen mit. Es gelang dem Doctor, einige derselben zu erlegen, sowie drei oder vier voreilige Kraniche, und selbst einen einsamen Storch.

Inzwischen schmolz unter Einwirkung der Sonne der Schnee auf allen Seiten, das auf dem Eisfelde durch die Risse und die Robbenlöcher ausgetretene Salzwasser zersetzte das Eis schnell; mit dem Seewasser vermengt bildet das letztere eine Art schmutzigen Teiges, den die Nordpolfahrer »Slush« nennen.

Breite Lachen bildeten sich auf dem Lande neben der Bai, und der bloßgelegte Boden schien, wie zu einer Vorstellung des arktischen Frühlings, mächtig zu treiben.

Der Doctor wiederholte nun seine Anpflanzungen; an Samen fehlte es ihm nicht; übrigens war er verwundert, zwischen den trockener gewordenen Steinmassen eine Art Sauerampfer wild wachsen zu sehen, und er bewunderte die Triebkraft der Natur, die so wenig braucht, um sichtbar zu werden. Er säete Kresse, deren junge Triebe nach drei Wochen schon über einen Zoll lang waren.

Auch Haidekraut begann schüchtern die kleinen Blüthen einer fast farblosen Rose zu zeigen. Kurz gesagt, ließ die Flora von Neu-Amerika viel zu wünschen übrig, dennoch sah man mit Vergnügen diese seltene, fast furchtsame Vegetation; es war ja Alles, was die schwachen Strahlen der Sonne zu leisten vermochten, ein letztes Liebeszeichen der Vorsehung, welche diese weitabliegenden Gegenden nicht gänzlich vergessen hatte.

Endlich wurde es wirklich warm; am 15. Juni beobachtete der Doctor, daß das Thermometer siebenundfünfzig Grade über Null (+14° hunderttheilig) zeigte; er traute seinen Augen kaum, aber überzeugte sich von der Richtigkeit; das Land wandelte sich um; unzählige murmelnde Wasserfälle sprudelten von den Gipfeln, welche die Sonne liebkoste, herab; das Eis verschob sich und die große Frage über das offene Meer am Pole nahte der Entscheidung … Die Luft erdröhnte von Lawinen, welche die Hügel herab in die Hohlwege stürzten, und das Bersten des Eises erscholl mit betäubendem Krachen.

Man unternahm einen Ausflug nach der Johnson-Insel; sie bestand nur aus einem dürren, wüsten Eilande, aber der alte Rüstmeister war deshalb nicht weniger stolz, daß die paar im Meere verlorenen Felsen seinen Namen trugen; er wollte ihn selbst, auf die Gefahr hin, den Hals dabei zu brechen, in einem hochragenden Steinblock eingraben.

Hatteras hatte bei seinen Ausflügen das Land bis jenseits Cap Washington genau durchforscht; das Schmelzen des Schnees veränderte das Aussehen der Umgebung merklich; Höhlungen und Abhänge erschienen da, wo der Winterteppisch scheinbar vollkommene Ebenen bedeckt hatte.

Das Haus und die Magazine drohten nun auch zu verschwinden, und man mußte sie häufig wieder in guten Stand bringen. Glücklicher Weise ist eine Temperatur von siebenundfünfzig Graden in jenen Breiten selten, und durchschnittlich erhebt sie sich dort kaum über den Gefrierpunkt.

Gegen den 15. Juni war die Schaluppe schon weit im Bau vorgeschritten und nahm ein gefälliges Aussehen an. Während Bell und Johnson an ihr arbeiteten, wurden einige große Jagden unternommen, welche reiche Ausbeute lieferten.

Es glückte auch, Rennthiere zu erlegen, denen man sich nur sehr schwer nähern kann; doch Altamont half sich mit der Methode der Indianer seines Vaterlandes, er kroch auf dem Boden hin, wobei er sein Gewehr und die Arme so hielt, daß sie den Hörnern eines solchen scheuen Vierfüßlers ähnelten, und so konnte er sie, indem er auf richtige Schußweite herankam, sicher treffen.

Aber das vorzüglichste Wild, der Bisonochse, den Parry in großen Heerden auf der Melville-Insel antraf, schien die Ufer der Victoria-Bai nicht zu besuchen. Es wurde demnach ein entfernterer Ausflug beschlossen, theils um dieses kostbare Thier zu jagen, theils um das Land im Osten kennen zu lernen; Hatteras hatte nicht vor, auf diesem Wege zum Pole vorzudringen, aber der Doctor war gar nicht böse, eine allgemeine Kenntniß des Landes zu gewinnen. Man entschloß sich also zu einem Abstecher östlich von Fort Providence. Altamont wollte jagen; Duk war natürlich bei der Gesellschaft.

So verließen also die drei Jäger, jeder mit Doppelflinte, Beil und Schneemesser ausgerüstet und von Duk gefolgt, am 17. Juni bei gutem Wetter, wobei das Thermometer einundvierzig Grad (+5° hunderttheilig) zeigte, und ruhiger, reiner Luft früh um sechs Uhr Doctors-House; sie waren auf eine vielleicht zwei bis drei Tage währende Excursion eingerichtet und führten demnach Proviant bei sich.

Um acht Uhr des Morgens hatte Hatteras mit seinen zwei Gefährten ungefähr sieben Meilen zurückgelegt. Noch kein lebendes Wesen hatte sie zu einem Schusse veranlaßt, und die Jagd schien in eine einfache Excursion umzuschlagen.

Das Land zeigte weite Ebenen, die sich über Sehweite hinaus verloren; Bäche von gestern furchten es zahlreich, und große Lachen, die wie Teiche ohne Bewegung waren, spiegelten die schief einfallenden Sonnenstrahlen wieder. Wo das Eis geschmolzen war, zeigte es einen Sedimentboden, der dem Wasser seine Entstehung verdankt und der auf der ganzen Erde so weit verbreitet ist.

Doch fanden sich einige erratische Blöcke von dem Boden ganz widersprechender Natur vor, deren Anwesenheit nur schwer erklärlich war; schiefrige Gesteine dagegen und die verschiedenen Bestandtheile der Kalkformation traf man in Ueberfluß an, und vorzüglich eine Art merkwürdiger, durchsichtiger und farbloser Krystalle, welche das eigenthümliche Lichtbrechungsvermögen des Isländischen Spathes zeigte.

Wenn er aber auch nicht jagte, so konnte der Doctor jetzt doch nicht Geolog sein; hier hieß es nur Schritt zu halten, denn seine Gefährten gingen sehr rasch. Doch studirte er das Terrain, und plauderte so viel als möglich, denn ohne ihn hätte ein vollkommenes Stillschweigen die kleine Gesellschaft beherrscht; Altamont hatte keine Lust mit dem Kapitän zu sprechen, und dieser wohl auch keine, ihm zu antworten.

Um zehn Uhr Morgens hatten die Jäger etwa ein Dutzend Meilen gegen Osten zurückgelegt; das Meer verschwand unter dem Horizonte; der Doctor schlug eine Rast zum Frühstücken vor. Der Imbiß wurde schnell eingenommen, und schon nach einer halben Stunde machte man sich wieder auf den Weg.

Das Land ward in sanfter Abdachung niedriger; einzelne durch ihre Lage oder durch überhängende Felsmassen noch erhaltene Schneestreifen gaben ihm ein wellenförmiges Ansehen; man konnte meinen, lange Wogen zu sehen, welche durch einen kräftigen Wind getrieben sich vom offenen Meere aus gegen das Land hin verliefen.

Noch immer bildeten vegetationslose Ebenen die Umgebung, die noch von keinem lebenden Wesen besucht zu sein schienen.

»Unstreitig haben wir kein Glück auf unseren Jagden, sagte Altamont zum Doctor; ich gebe zu, daß der Boden den Thieren wenig Nahrung bietet, aber das Wild der Polarländer brauchte doch nicht so zurückhaltend zu sein und könnte sich etwas entgegenkommender zeigen.

– Geben wir die Hoffnung nicht auf, antwortete der Doctor; wir stehen erst in Sommers Anfang, und wenn Parry auf der Melville-Insel so viele Thiere angetroffen hat, werden wir solche auch hier finden.

– Doch befinden wir uns nördlicher, bemerkte Hatteras.

– Allerdings, aber der Norden ist in dieser Frage nur ein Wort ohne Bedeutung; wir müssen vielmehr den Kältepol in’s Auge fassen, d. h. jene ungeheuern Eismassen, zwischen denen wir mit dem Forward überwinterten; je weiter wir jetzt hinauskommen, desto mehr entfernen wir uns von den kältesten Punkten der Erde und werden nach jener Seite hin dasselbe wieder finden, was Parry diesseits derselben antraf.

– Schließlich, sagte Altamont mit einem Seufzer des Bedauerns, sind wir bis jetzt mehr Reisende als Jäger!

– Geduld! entgegnete der Doctor, das Land verändert sich nach und nach, und es sollte mich sehr wundern, wenn wir in solchen Hohlwegen, wo etwas Pflanzenwuchs möglich ist, nicht Wild antreffen sollten.

– Man muß zugeben, erwiderte der Amerikaner, daß wir eine ebenso unbewohnte, als unbewohnbare Gegend durchstreifen.

– O, unbewohnbar, das ist ein großes Wort, versetzte der Doctor, ich glaube nicht an unbewohnbare Gegenden; der Menschh würde, wenn auch zuerst mit Opfern, indem er Generationen hindurch die Hilfsmittel der Landwirthschaftslehre anwendet, auch ein solches Land ertragsfähig machen.

– Sie glauben das? sagte Altamont.

– Allerdings! Wenn Sie sich nach den aus dem Kindesalter der Erde berühmten Gegenden, etwa nach Theben, Ninive oder Babylon, begeben, in jene fruchtbaren Thäler unserer Ahnen, so würde es Ihnen unmöglich scheinen, daß dort je hätten Menschen wohnen können; ja, die ganze Atmosphäre ist dort seit dem Verschwinden der Bewohner verdorben. Es ist das ein ganz allgemeines Gesetz der Natur, daß sie diejenigen Oertlichkeiten, welche wir nicht bewohnen, ebenso wie die, welche wir zu dicht bewohnen, unfruchtbar und ungesund werden läßt. Bedenken Sie wohl, daß es der Mensch ist, der sich seine Naturverhältnisse schafft, durch seine Gegenwart, seine Gewohnheiten, seine Industrie, ja ich gehe noch weiter, auch durch seinen Athem; er verändert nach und nach die Ausdünstungen des Bodens und die atmosphärischen Verhältnisse, und er verbessert schon dadurch, daß er athmet. Sonach giebt es wohl unbewohnte, aber nie unbewohnbare Orte.«

So gingen die Jäger plaudernd, indem sie Naturforscher geworden, immer weiter und erreichten ein weites Thal, in dessen Grunde ein fast eisfreier Fluß sich hinschlängelte; die Lage nach Süden hatte an seinen Ufern und etwas darüber hinaus einige Vegetation hervorgerufen. Der Boden schien mit Lust fruchtbar zu werden; es hätte nur einiger Zoll Erde bedurft, um ergiebig zu sein. Der Doctor machte auf dieses deutliche Streben aufmerksam.

»Sehen Sie, sagte er, könnten sich nicht einige unternehmende Colonisten zur Noth in diesem Thale niederlassen? Mit Fleiß und Ausdauer würden sie noch etwas ganz Anderes daraus machen; ich sage nicht etwa, Felder, wie in den gemäßigten Zonen, aber doch ein Land, das sich sehen lassen könnte. Ah, wenn ich mich nicht täusche, giebt es hier auch vierfüßige Bewohner! Die Schelme kennen die fetten Gegenden.

– Wahrhaftig, rief Altamont, sein Gewehr in Stand setzend, da sind Polarhasen.

– Warten Sie noch, sagte der Doctor, Sie hitziger Jäger! Die armen Thiere denken gar nicht an die Flucht. Lassen wir sie in Ruhe; sie kommen auf uns zu!«

In der That näherten sich drei bis vier junge Hasen, die sich in der niedrigen Haide und dem frischen Moose tummelten, den drei Männern, die sie gar nicht zu fürchten schienen; mit sorglos lustigen Sprüngen, welche Altamont fast entwaffneten, kamen sie heran.

Bald waren sie dem Doctor zwischen den Füßen, der sie mit der Hand streichelte und sagte:

»Warum auf Geschöpfe Feuer geben, welche zu freundlichem Verkehr mit uns herankommen? Der Tod dieser kleinen Thiere wäre uns doch unnütz.

– Sie haben Recht, Doctor, meinte Hatteras, wir wollen sie schonen.

– Und jene Schneehühner, die auf uns zufliegen, rief Altamont; und die Schnepfen, die dort auf ihren langen Beinen einherstolziren!«

Ein ganzes Volk von Federvieh erschien vor den Jägern, ohne Ahnung der Gefahr, welche nur der Doctor noch beschwor. Selbst Duk verhielt sich verwundert ganz ruhig.

Es war ein merkwürdiges, fast rührendes Schauspiel, die hübschen Thiere einherlaufen, hüpfen und umherflattern zu sehen; sie setzten sich auf die Schultern des guten Clawbonny, legten sich ihm zu Füßen und boten sich selbst den ungewohnten Liebkosungen desselben dar; sie schienen ihr Bestes zum Empfange der fremden Gäste zu thun, die zahlreichen Vögel stießen Freudenschreie aus, riefen immer einer den anderen, und bald kamen von allen Seiten noch mehr herzu. Der Doctor glich einem leibhaftigen Liebhaber. Die Jäger setzten, immer von der zutraulichen Gesellschaft gefolgt, ihren Weg an den feuchten Ufern des Flusses hinauf weiter fort, und als sie das Thal verließen, bemerkten sie eine Heerde von acht bis zehn Rennthieren, welche einige kümmerliche unter dem Schnee noch halb verborgene Flechten abweideten. Die graziösen stillen Thiere boten einen prächtigen Anblick mit ihrem gezahnten Geweih, welches das Weibchen ebenso stolz wie das Männchen trug; ihr scheinbar wolliger Pelz verlor schon das winterliche Weiß und tauschte dafür die graubraune Färbung für die Sommerzeit ein. Sie schienen ebensowenig scheu und ebenso zahm zu sein, wie die Hasen und die Vögel dieser friedlichen Gegend. – Solcher Art waren wohl die Beziehungen des ersten Menschen zur Thierwelt bald nach der Schöpfung der Erde.

Die Jäger gelangten in die Mitte der Truppe, die keinen Schritt entfloh; diesmal hatte der Doctor nicht wenig Mühe, Altamont’s Jagdtrieb zu zügeln; der Amerikaner konnte das herrliche Wild nicht sehen, ohne daß ihm das Blut berauschend zu Kopfe stieg. Hatteras betrachtete mit Rührung diese sanften Thiere, die ihre Nasen an den Kleidern des Doctors, der eben ein Freund aller lebenden Wesen war, rieben.

»Aber sind wir denn nicht eigentlich zum Jagen hierher gekommen? sagte Altamont.

– Um Bisonochsen zu erlegen, antwortete Hatteras, aber nichts Anderes! Wir wüßten mit diesem Wilde Nichts zu beginnen, da unsere Vorräthe noch reichlich sind. Wir wollen doch lieber das rührende Schauspiel genießen, den Menschen sich der Freude dieser schüchternen Thiere anschließen zu sehen, und ihnen keine Furcht einflößen.

– Das beweist uns, daß sie noch nie einen Menschen gesehen haben.

– Unzweifelhaft, bestätigte der Doctor, und daraus kann man auch noch den weiteren Schluß ziehen, daß diese Thiere nicht amerikanischen Ursprungs sind.

– Und warum das? fragte Altamont.

– Weil, wenn sie im nördlichen Amerika geboren wären, sie wissen würden, was sie von dem zweihändigen Geschöpfe, das man Mensch nennt, zu erwarten haben, und sie bei unserem Anblick dann sicher geflohen wären. Nein, wahrscheinlich sind sie aus dem Norden gekommen und entstammen jenen unbekannten Gegenden Asiens, denen Unseresgleichen sich noch nie genähert haben, von wo aus sie möglicher Weise die dem Pole benachbarten Continente überschritten. Demnach, Altamont, haben Sie nicht das Recht, sie als Landsleute zu beanspruchen.

– O, entgegnete Altamont, darauf sieht ein Jäger nicht so genau; das Wild gehört immer dem Lande desjenigen an, der es erlegt.

– Nun beruhigen Sie sich, tapferer Nimrod! Ich für meinen Theil würde lieber mein Lebenlang auf jeden Flintenschuß verzichten, als dieser liebenswürdigen Bevölkerung Schrecken einjagen. Sehen Sie, sogar Duk fraternisirt mit den allerliebsten Thieren. Glauben Sie mir, und bleiben wir gütig, so lange es möglich ist! Die Güte ist eine Macht!

– Schön, schön! entgegnete Altamont, der dieses Feinfühlen nicht ganz verstand, aber ich möchte Sie mit dieser Güte statt jeder Waffe mitten in einem Haufen von Bären oder Wölfen sehen.

– O, es fällt mir nicht ein, auch wilde Thiere zu liebkosen, entgegnete der Doctor, an die Zaubereien eines Orpheus glaube ich nicht sehr; übrigens würden Wölfe und Bären auch nicht wie jene Hasen, Hühner und Rennthiere auf uns zukommen.

– Und warum nicht, erwiderte Altamont, wenn auch sie noch keinen Menschen gesehen hätten.

– Weil derartige Thiere von Natur wild sind, und die Wildheit, so wie die Schlechtigkeit, den Verdacht nähren; das ist eine Beobachtung, die an Menschen und Thieren gleichmäßig zu machen ist. Wer schlecht ist, ist auch herausfordernd, und Furcht haben die selbst leicht, welche sie Anderen einzuflößen gewöhnt sind.«

Diese kleine philosophische Belehrung schloß die Unterhaltung.

Der ganze Tag verstrich in diesem Thale, welches der Doctor Arkadien des Nordens zu nennen beliebte, wogegen seine Genossen gar keinen Einwand erhoben; und als der Abend kam, schlummerten die drei Jäger nach einer Mahlzeit, welche keinem der Bewohner dieser Gegend das Leben gekostet hatte, in einer Felsenaushöhlung, die eigens für sie gemacht schien, friedlich ein.

Siebenzehntes Capitel.


Siebenzehntes Capitel.

Altamont’s Vergeltung.

Am andern Morgen erwachte der Doctor und seine zwei Gefährten nach einer völlig ruhig verbrachten Nacht. Die Kälte hatte sie, wenn sie auch nicht bedeutend war, doch am Morgen belästigt; aber gut bedeckt, wie sie waren, hatten sie, unter Obhut der friedlichen Thiere, fest geschlafen.

Das Wetter blieb schön, und sie beschlossen, auch noch diesen Tag der Erforschung des Landes und dem Aufspüren von Bisonochsen zu widmen. Man mußte schon Altamont die Möglichkeit bieten, ein wenig zu jagen, und man einigte sich also dahin, daß, wenn diese Thiere auch die friedliebendsten der ganzen Welt wären, er das Recht haben solle, sie zu schießen. Uebrigens bietet ihr Fleisch, wenn es auch stark nach Moschus riecht, eine schmackhafte Speise, und die Jäger freuten sich darauf, einige Stücke solch‘ frischen und stärkenden Fleisches mit nach Fort Providence zu bringen.

Während der ersten Morgenstunden bot die Reise nichts Besonderes. Im Nordosten fing das Land an, sein Aussehen zu ändern. Einige Terrainerhöhungen, die ersten Wellen einer bergigen Gegend, deuteten auf eine andere Art des Bodens. Dieses Land von Neu-Amerika mußte, wenn es nicht ein Continent war, doch eine sehr große Insel bilden; im Uebrigen handelte es sich jetzt nicht darum, diese geographische Frage zu lösen.

Duk lief weit voraus und stand bald bei der Fährte einer Heerde Bisonochsen; schnell trabte er voraus, und schwand bald den Jägern aus den Augen.

Diese folgten seinem lauten, deutlichen Gebell, dessen Eifer ihnen verrieth, daß das treue Thier endlich das Ziel ihrer Begierde aufgefunden hatte.

Sie gingen schneller, und nach etwa anderthalb Stunden trafen sie wirklich auf zwei große und ihrem Aeußern nach wirklich furchterweckende Thiere; diese eigenthümlichen Vierfüßler schienen über Duk’s Angriff sehr verwundert, ohne übrigens zu erschrecken. Sie fraßen eine Art röthlichen Mooses, welches den schneereinen Boden bedeckte. Der Doctor erkannte sie leicht an ihrer geringeren Größe, ihren breiten, an der Basis verbundenen Hörnern, an dem merkwürdigen scheinbaren Fehlen der Schnauze und an ihren kurzen Schwänzen. Der Gesammteindruck dieses Baus hat ihnen bei den Naturforschern den Namen »Ovibos« (Schafochse) erworben, ein Wort, welches also an die beiden Naturen, denen sich dieses Thier anschließt, erinnert. Ein Büschel dicker und langer Haare und ein feiner, brauner, seidenartiger Pelz ist ihnen eigenthümlich.

Beim Erblicken der Jäger liefen die Thiere sogleich davon, und diese verfolgten sie in vollem Laufe.

Aber für Leute, die ein halbstündiger Dauerlauf vollkommen außer Athem brachte, war es schwer, sie einzuholen. Hatteras und seine Genossen hielten an.

»Teufel! sagte Altamont.

– Teufel ist das richtige Wort, versetzte der Doctor, der kaum Athem schöpfen konnte. Diese Wiederkäuer überlasse ich Ihnen als Amerikaner, aber sie scheinen von ihren Landsleuten nicht die vortheilhafteste Meinung zu haben.

– Das beweist, daß wir gute Jäger sind«, erwiderte Altamont.

Indessen blieben auch die Bisonochsen, die sich nicht mehr verfolgt sahen, in staunender Haltung wieder stehen. Es war augenscheinlich, daß man sie im Laufen nicht erlangen würde; man mußte sie einzuschließen suchen; das kleine Plateau, auf dem sie jetzt waren, bot sich fast selbst dazu an.

Die Jäger ließen durch Duk die Thiere necken, während sie in nahen Hohlwegen heranschlichen, das Plateau zu umgehen. Altamont und der Doctor versteckten sich an dem einen Ausläufer desselben hinter Felsenvorsprüngen, während Hatteras, der es von der anderen Seite unvermuthet erstieg, sie ihnen zutreiben sollte.

Nach einer halben Stunde hatte Jeder seine Stelle eingenommen.

»Jetzt werden Sie sich nicht widersetzen, sagte Altamont, diese Thiere mit Flintenschüssen zu empfangen?

– Nein, das ist ehrlicher Krieg«, erwiderte der Doctor, der trotz seiner natürlichen Gutmüthigkeit doch Jäger vom Grunde seiner Seele war.

So sprachen sie, als sie die Thiere, Duk ihnen auf der Ferse, sich schnell in Bewegung setzen sahen; weiter entfernt rief Hatteras laut und jagte sie nach der Richtung des Doctors und des Amerikaners, die sich bald dieser prächtigen Beute entgegenstellten.

Sogleich standen da die Ochsen, und da sie vor einem einzelnen Feinde weniger Furcht hatten, so liefen sie gegen Hatteras wieder zurück. Dieser erwartete sie festen Fußes, legte, als sie nahe genug waren, an und gab Feuer, ohne daß seine Kugel, die eines der Thiere mitten auf die Stirn traf, sie im Laufe aufzuhalten vermochte. Der zweite Schuß von Hatteras machte die Thiere nur wüthend; sie stürzten sich auf den entwaffneten Jäger und warfen ihn jählings um.

»Er ist verloren!« rief der Doctor.

In dem Augenblicke, da Clawbonny diese Worte im Ton der Verzweiflung ausrief, that Altamont einen Schritt voran, um Hatteras zu Hilfe zu eilen, dann blieb er wieder stehen, im Kampfe gegen sich selbst und seine Vorurtheile.

»Nein, rief er aus, das wäre ein Schurkenstreich!«

So stürzte er mit Clawbonny schnell nach dem Kampfplatze. Keine halbe Secunde hatte sein Zögern gedauert, aber so wie der Doctor sah, was in der Seele des Amerikaners vorging, so verstand es auch Hatteras, er, der lieber umgekommen wäre, als daß er die Hilfe seines Nebenbuhlers angerufen hätte. Jedenfalls hatte er kaum Zeit, sich darüber Rechenschaft zu geben, denn Altamont war schon nahe bei ihm.

Hatteras, der zu Boden lag, suchte die Hörnerstöße und Huftritte der beiden Thiere abzuwehren; lange hätte er indeß diesen Kampf nicht fortzusetzen vermocht.

Er war nahe daran, unvermeidlich in Stücke zerrissen zu werden, als zwei Flintenschüsse fielen; Hatteras fühlte die Kugeln fast seinen Kopf streifen.

»Nur Muth!« rief Altamont, der sein abgeschossenes Gewehr von sich schleuderte und auf die wüthenden Thiere losstürzte.

Der eine der Ochsen stürzte, im Herzen getroffen, zusammen; der andere wollte in schäumender Wuth dem unglücklichen Kapitän den Leib aufschlitzen, als Altamont ihm gegenüber sprang und mit der einen Hand sein Schneemesser tief zwischen die geöffneten Kinnbacken stieß, während er ihm mit der anderen durch einen furchtbaren Beilhieb den Kopf spaltete.

Das Alles geschah mit so wunderbarer Schnelligkeit, daß ein Blitz hinreichend gewesen wäre, die ganze Scene zu beleuchten.

Der zweite Ochse brach in den Knieen zusammen und fiel todt nieder.

»Hurrah! Hurrah!« rief Clawbonny.

Hatteras war gerettet.

Er verdankte also sein Leben demselben Manne, den er in der Welt am meisten haßte! Was ging in diesem Augenblick in seiner Seele vor? Welche menschliche Regung, die er nicht zu bemeistern vermochte, stieg in ihr auf?

Hier liegt ein Geheimniß des Herzens, das sich jeder Deutung entzieht.

Wie dem auch sei, Hatteras ging ohne Zaudern auf seinen Rivalen zu und sagte mit ernster Stimme:

»Sie haben mir das Leben gerettet, Altamont.

– Sie hatten es mir gethan, erwiderte der Amerikaner, und nach einer kleinen Pause fügte er hinzu: Wir sind quitt, Hatteras.

– Nein, Altamont, erwiderte der Kapitän, als der Doctor Sie aus dem Eisgrabe hervorzog, wußte ich nicht, wer Sie waren, doch Sie haben mich mit eigener Lebensgefahr gerettet, trotzdem Sie wußten, wer ich sei.

– Nun, Sie sind Meinesgleichen, entgegnete Altamont; doch sei dem wie ihm wolle, ein Amerikaner ist kein feiger Schurke.

– Nein, gewiß nicht, rief der Doctor, er ist ein Mensch, ein Mensch wie Sie, Hatteras!

– Und mit mir soll er den Ruhm theilen, der uns noch zu ernten bevorsteht.

– Den Ruhm, zum Nordpole vorzudringen, sagte Altamont.

– Ja wohl, erwiderte der Kapitän mit Selbstgefühl.

– Ich hatte es also errathen, rief der Amerikaner; Sie haben gewagt, einen solchen Beschluß zu fassen! Sie haben zu versuchen gewagt, diesen unnahbaren Punkt zu erreichen. O, das ist schön; das sage ich Ihnen, ich; das ist herrlich!

– Aber Sie, fragte Hatteras schnell, Sie befanden sich also nicht wie wir auf dem Wege zum Pole?«

Altamont schien mit der Antwort zu zögern.

»Nun? fragte der Doctor.

– Nun denn, nein! sagte der Amerikaner. Nein! Die Wahrheit über die Eigenliebe! Nein, ich hatte den großen Gedanken, der Sie hierher geleitet hat, nicht. Ich wollte mit meinem Schiffe nur die Nordwestpassage durchfahren; das ist Alles.

– Altamont, sagte Hatteras, dem Amerikaner die Hand entgegenstreckend, seien Sie also unser Ruhmesgefährte und kommen Sie mit uns, den Nordpol zu entdecken!«

Und die beiden Männer reichten sich zum warmen, redlichen Drucke ihre Hände.

Als sie sich nach dem Doctor umdrehten, standen diesem die Thränen in den Augen.

»O, meine Freunde, sagte er, sich die Augen trocknend, wie vermag mein Herz die Freude, mit der Sie es erfüllen, zu fassen! O, meine theuren Gefährten, Sie haben für den gemeinschaftlichen Erfolg die leidige Frage wegen der Nationalitäten geopfert. Sie haben sich gesagt, daß weder England noch Amerika hierbei in Betracht kommen, und daß eine innige Sympathie uns gegenüber den Gefahren unserer Expedition verbinden muß. Wenn der Nordpol erreicht ist, was kommt darauf an, wer ihn entdeckt? Warum sich so erniedrigen und darauf pochen, daß man ein Amerikaner oder ein Engländer ist, wenn man sich rühmen kann, ein Mensch zu sein!«

Der Doctor drückte die versöhnten Feinde in seine Arme; er konnte sich vor Freude kaum beruhigen, und auch die beiden neuen Freunde fühlten sich durch die Freundschaft, welche der würdige Mann ihnen entgegen brachte, nur noch mehr genähert.

Clawbonny sprach, ohne sich zurückhalten zu können, von der Eitelkeit der Wettbewerbung, von der Thorheit des Rivalisirens, und von dem so nöthigen Zusammenwirken zwischen Menschen, die so weit von ihrem Vaterlande verlassen sind. Seine Worte, seine Thränen, seine Zärtlichkeiten, Alles kam aus dem Grunde seines Herzens.

Doch beruhigte er sich endlich, nachdem er Hatteras und Altamont wohl zwanzig Mal umarmt hatte.

»Und nun, sagte er, an’s Werk, an’s Werk! Da ich als Jäger zu Nichts gut gewesen bin, so wollen wir meine Fähigkeiten auf anderer Seite benutzen!«

Er ging daran, den Ochsen auszuweiden, den er »den Ochsen des Versöhnungs-Opfers« nannte, und machte das so geschickt, daß er vielmehr einem Arzte glich, der eine sorgsame Section vornimmt.

Lächelnd sahen ihm die Gefährten zu. Nach wenigen Minuten hatte der gewandte Operateur etwa einen Centner appetitlichen Fleisches herausgeschnitten, das er in drei gleiche Theile theilte; Jeder belud sich mit einem derselben, und zurück ging es nach Fort Providence.

Um zehn Uhr Abends erreichten die Jäger, von den schiefen Strahlen der Sonne beleuchtet, Doctors-House, wo Johnson und Bell sie mit einer guten Mahlzeit erwarteten.

Aber noch bevor sie sich zu Tische setzten, rief der Doctor, auf seine beiden Jagdgenossen zeigend:

»Mein alter Johnson, ich hatte einen Engländer und einen Amerikaner mitgenommen, nicht wahr?

– Ja wohl, Herr Clawbonny, erwiderte der Rüstmeister.

– Nun, und zurück bringe ich zwei Brüder!«

Freudig reichten die beiden Seeleute Altamont die Hände; der Doctor erzählte ihnen, was der amerikanische Kapitän für den englischen gethan hatte, und diese Nacht beherbergte das Eishaus fünf wahrhaft glückliche Menschen.

Achtzehntes Capitel.


Achtzehntes Capitel.

Die letzten Vorbereitungen.

Am anderen Tage wechselte die Witterung; es ward wieder kalt; Schnee, Regen und Wirbelstürme folgten einander mehrere Tage hindurch.

Bell war mit der Schaluppe fertig; sie entsprach vollkommen dem Zwecke, dem sie dienen sollte; in Bordhöhe zum Theil verdeckt, konnte sie mit ihrem Fockmast und Klüverbaum auch bei schwererem Wetter See halten; dabei erlaubte ihre Leichtigkeit, sie auf dem Schlitten mitzunehmen, ohne dem Hundegespann zu schwer zu sein.

Endlich vollzog sich in dem Polarmeere eine für die Ueberwinternden immerhin sehr wichtige Veränderung. Die Eishaufen in der Mitte der Bai fingen an sich in Bewegung zu setzen; die höheren, schon unterminirt durch das fortwährende Anprallen, brauchten nur noch einen kräftigen Sturm, um sich vom Ufer loszureißen und schwimmende Eisberge zu bilden. Doch wollte Hatteras nicht die Beseitigung des ganzen Eisfeldes erwarten, um den Ausflug anzutreten. Da die Reise über Land gemacht werden sollte, that es nicht viel Eintrag, ob das Meer frei war oder nicht; er setzte also die Abreise auf den 25. Juni fest; bis dahin sollten alle Vorbereitungen vollkommen beendigt sein. Johnson und Bell beschäftigten sich mit der Instandsetzung des Schlittens, dessen Gestell verstärkt wurde, und verfertigten neue Schneeschuhe. Die Reisenden suchten für ihren Ausflug die wenigen Wochen schöner Witterung zu benutzen, welche die Natur diesen hochnördlichen Gegenden zutheilt. Die Beschwerden mußten da leichter zu ertragen, etwaige Hindernisse besser zu besiegen sein.

Einige Tage vor der Abfahrt, am 20. Juni, zeigte das Eis verschiedene offene Stellen, die man benutzte, um die Schaluppe bei einer Spazierfahrt nach Cap Washington zu erproben. Frei war das Meer freilich noch lange nicht, doch zeigte es keine feste Oberfläche mehr und eine Fußwanderung über die geborstenen Eisfelder wäre unmöglich gewesen.

Dieser halbe Tag Schifffahrt gestattete, die guten nautischen Eigenschaften der Schaluppe schätzen zu lernen.

Auf ihrer Rückfahrt waren die Reisenden Zeugen eines merkwürdigen Vorfalls. Es war die Jagd eines gewaltigen Bären auf eine Robbe; Ersterer war offenbar zu sehr in Anspruch genommen, um die Schaluppe zu bemerken, denn er würde nicht verfehlt haben, sie zu verfolgen. Er befand sich an einem Loch im Eisfelde, durch welches die Robbe jedenfalls entschlüpft war, auf der Lauer. Der Bär erwartete ihr Wiedererscheinen mit der Geduld eines Jägers oder vielmehr eines Fischers, denn er fischte ja in Wahrheit.

Schweigend, ohne Bewegung, ja, ohne jedes Lebenszeichen, lag er auf dem Anstand.

Plötzlich aber begann sich die Oberfläche des Wassers zu bewegen; die Amphibie tauchte zum Athemholen empor; der Bär streckte sich der Länge nach auf das Eis hin und legte die Tatzen rund um das Loch.

Einen Augenblick später erschien der Kopf der Robbe über dem Wasser; es blieb ihr aber nicht Zeit, wieder unterzutauchen; die Tatzen des Bären umfaßten sie wie von einer Feder losgeschnellt, preßten das Thier mit unwiderstehlicher Gewalt zusammen und hoben es aus seinem Elemente empor.

Es war nur ein kurzer Kampf; die Robbe vertheidigte sich einige Secunden lang, wurde aber an der Brust des gigantischen Gegners erstickt; dieser, der sie trotz ihrer Größe leicht wegtrug, sprang behende von einer Scholle zur andern bis an das feste Land und verschwand mit seiner Beute.

»Glückliche Reise! rief ihm Johnson nach; der Bär hat etwas zu viel Tatzen zur Verfügung.«

Die Schaluppe erreichte bald die kleine Bucht wieder, die ihr Bell im Eise ausgehauen hatte.

Noch vier Tage nur trennten Hatteras und seine Gefährten von dem zur Abreise bestimmten Zeitpunkt. Hatteras beeilte die letzten Zurüstungen; es drängte ihn, dieses Neu-Amerika zu verlassen, dieses Land, welches doch nicht das Seine war und dem er nicht seinen Namen gegeben hatte; er fühlte sich hier nicht zu Hause.

Am 22. Juni begann man den Schlitten mit den Lagergeräthschaften zu beladen, mit dem Zelte und dem Proviant. Die Reisenden nahmen zweihundert Pfund gesalzenes Fleisch mit, drei Kisten mit conservirtem Gemüse und Fleisch; fünfzig Pfund Salzlake und Limoniensaft; fünf Quarter (380 Pfd.) Mehl; verschiedene Päckchen Kresse und Löffelkraut aus den Anpflanzungen des Doctors; rechnet man hierzu zweihundert Pfund Pulver, die Instrumente, die Waffen, die Küchengeräthe, und dazu noch die Schaluppe, das Kautschukboot und das Gewicht des Schlittens, so ergab das eine Last von nahezu fünfzehnhundert Pfund, gewiß genug für vier Hunde, um so mehr, da diese nicht wie im Dienste der Eskimos, welche dieselben nur vier Tage hintereinander arbeiten lassen, keine Stellvertreter hatten, und alle Tage ziehen mußten; aber die Reisenden nahmen sich vor, ihnen im Nothfalle zu helfen und nur kurze Tagemärsche zurückzulegen. Die Entfernung von der Bai Victoria bis zum Pol betrug höchstens hundertfünfundfünfzig Meilen, wozu sie, bei zwölf Meilen täglich, einen halben Monat bedurften.

Sollte übrigens das Land aufhören, so mußten sie die Reise mit Hilfe der Schaluppe ohne Anstrengung für die Menschen oder die Hunde vollenden können.

Alle befanden sich jetzt wohl; der allgemeine Gesundheitszustand war ausgezeichnet; der Winter, obgleich streng, schloß doch unter für ihr Wohlsein günstigen Verhältnissen; Jeder entging, da sie alle dem Rathe des Doctors Folge geleistet hatten, den jenen rauhen Klimaten eigenthümlichen Krankheiten. In Summa, man war etwas abgemagert, was dem würdigen Clawbonny ganz erfreulich war. Aber man hatte auch Leib und Seele dieser rauhen Lebensweise angepaßt, und nun konnten diese acclimatisirten Männer den härtesten Proben der Ermüdung und der Kälte widerstehen, ohne zu unterliegen.

Und endlich, sie eilten ja dem Ziele der Reise zu, jenem unnahbaren Pole, an dem keine andere Frage als die der Rückkehr noch übrig blieb. Die Uebereinstimmung, welche jetzt die fünf Mitglieder der Expedition beseelte, sollte ihnen helfen, ihre kühne Fahrt zu vollbringen, und Keiner von ihnen zweifelte an dem Erfolge des Unternehmens.

In der Voraussicht einer lange dauernden Expedition hatte der Doctor seine Gefährten dahin vermocht, sich auch lange vorher darauf vorzubereiten.

Am 23. Juni waren die Reisenden bereit; es war ein Sonntag, der vollkommen der Ruhe gewidmet wurde.

Der Augenblick der Abreise nahte heran, und die Bewohner des Fort Providence sahen ihm nicht ohne Bewegung entgegen.

Es ging ihnen doch etwas an’s Herz, diese Schneehütte zu verlassen, die ihren Zweck als Wohnung so gut erfüllt hatte; diese Bai Victoria, diese gastliche Küste, an der sie die letzten Wintermonate verbracht hatten.

Würde man diese Baulichkeiten bei der Rückkehr wiederfinden? Würden die Strahlen der Sonne diese zerbrechlichen Mauern nicht vollends schmelzen?

Alles in Allem hatten sie hier schöne Stunden verlebt. Der Doctor rief beim Abendessen seinen Gefährten diese rührenden Erinnerungen wieder wach, und vergaß nicht, dem Himmel für seinen sichtbaren Schutz zu danken.

Endlich kam die Stunde der Ruhe. Jeder legte sich zeitig nieder, um früh aufzustehen. So verfloß die letzte im Fort Providence verbrachte Nacht.

Neunzehntes Capitel.


Neunzehntes Capitel.

Die Reise nach Norden.

Am anderen Tage gab Hatteras zeitig das Zeichen zur Abreise; die Hunde wurden vor den Schlitten gespannt; wohl ernährt und ausgeruht, und nach einem sehr bequem verbrachten Winter, waren sie gewiß im Stande, für den Sommer große Dienste zu leisten. Sie ließen sich auch gar nicht bitten, ihr Reisegeschirr wieder anzulegen.

Nach Allem zu urtheilen, sind diese Grönländer Hunde sehr gute Thiere; ihre wilde Natur hatte sich nach und nach verändert; sie verloren ihre Aehnlichkeit mit dem Wolfe und wurden Duk, diesem vollendeten Beispiele aus der Hunderace, ähnlicher; mit einem Worte, sie wurden civilisirt.

Duk konnte sich gewiß einen guten Theil ihrer Erziehung zurechnen; er hatte sie gelehrt, sich gut zu vertragen, und war mit eigenem Beispiele vorangegangen; in seiner Eigenschaft als Engländer und etwas eigensinnig bezüglich der »Kunstsprache«, hatte es lange gedauert, bevor er mit diesen Hunden, »die ihm nicht vorgestellt waren«, vertraulicher wurde, und im Princip sprach er nicht mit ihnen. Da sie aber dieselben Gefahren, dieselben Entbehrungen, dasselbe Loos theilten, vertrugen sich endlich diese Thiere verschiedener Race ganz gut. Duk, der ein gutes Herz hatte, that die ersten entgegenkommenden Schritte, und das ganze vierfüßige Volk war bald eine Heerde Freunde.

Der Doctor liebkoste die Grönländer Hunde, und Duk sah es ohne Eifersucht auf seine Kameraden. In nicht weniger guten Verhältnissen befanden sich die Menschen; wenn Jene tapfer ziehen mußten, so nahmen sich diese vor, gut zu marschiren.

Bei günstiger Witterung reiste man früh um sechs Uhr ab; nachdem man den Umgebungen der Bai gefolgt war und das Cap Washington überschritten hatte, ließ Hatteras die Richtung direct nach Norden einschlagen; um sieben Uhr verloren die Reisenden im Süden den Leuchtthurmkegel und Fort Providence aus dem Gesicht.

Die Reise begann unter guten Anzeichen, jedenfalls unter weit besseren, als die im tiefen Winter zur Aufsuchung von Kohlen unternommene! Hatteras ließ damals an Bord seines Schiffes die Empörung und die Verzweiflung zurück, ohne des Zieles, dem er nachstrebte, sicher zu sein; er verließ eine vor Kälte halbtodte Mannschaft und reiste mit Begleitern, welche durch die Leiden des arktischen Winters geschwächt waren; er, der Mann des Nordens, wandte sich nach Süden zurück. Jetzt dagegen strebte er, umgeben von kräftigen Freunden, im besten Wohlbefinden, unterstützt, ermuthigt, fast gedrängt, nach dem Pol, nach diesem Zielpunkt seines ganzen Lebens. Niemals war ein Mensch näher daran gewesen, diesen für ihn und sein Vaterland hellstrahlenden Ruhm zu erwerben!

Dachte er wohl an alle diese bei den gegenwärtigen Verhältnissen so selbstverständlich erscheinenden Dinge? Der Doctor nahm es gern an, und konnte kaum daran zweifeln, wenn er Jenen so begierig sah. Der gute Clawbonny freute sich über das, was seinem Freunde offenbar Freude bereitete, und seit der Aussöhnung der beiden Kapitäne, seiner beiden Freunde, fühlte er sich als den glücklichsten der Menschen; er, dem die Empfindung des Hasses, der Mißgunst, der Rivalität so fremd war, er, das beste aller Geschöpfe! Was würde aus dieser Reise werden, welchen Erfolg versprach sie? Er wußte es nicht; indeß, sie fing gut an, das war schon viel.

Jenseit des Cap Washington verlängerte sich die westliche Küste Neu-Amerikas mittels einer Reihenfolge einzelner Baien; um diese ungeheuren Bogen zu vermeiden, wandten sich die Reisenden, nachdem sie die ersten Abhänge des Mount-Bell erstiegen hatten, gegen Norden, um die höheren Ebenen zu gewinnen. Sie kürzten dadurch den Weg ganz wesentlich ab.

Hatteras wollte, wenn nicht durch Meerengen oder Berge unvorhergesehene Hindernisse dazwischen träten, eine gerade Linie von dreihundertfünfzig Meilen vom Fort Providence bis nach dem Pole ziehen.

Die Reise ging fröhlich vorwärts; die höheren Ebenen boten einen ungeheuren weißen Teppich dar, auf welchem der Schlitten, der mit geschwefelten Kufen versehen war, ohne Mühe dahinglitt, ebenso wie die Menschen mittels der Schneeschuhe einen raschen und sichern Gang hatten.

Das Thermometer zeigte siebenunddreißig Grad (+3° hunderttheilig). Die Witterung war nicht beständig; bald war es klar, bald nebelig; aber weder Kälte noch Wirbelwinde hätten die Reisenden, welche so fest entschlossen waren, vorwärts zu dringen, aufzuhalten vermocht.

Nach dem Compaß war die Richtung leicht inne zu halten; die Nadel war weniger träge, da sie sich vom magnetischen Pol entfernte; freilich drehte sie sich, als dieser magnetische Punkt überschritten war, nach diesem um, und zeigte also für die nach Norden Wandernden jetzt eigentlich den Süden an; aber dieses verkehrte Anzeigen machte ja keine beschwerliche Rechnung nothwendig.

Uebrigens ersann der Doctor noch ein sehr einfaches Mittel zur Bestimmung der Richtung, welches das häufige Beobachten der Boussole unnöthig machte; war ihre Lage einmal festgestellt, so suchten sie bei heiterem Wetter einen genau nördlichen, zwei bis drei Meilen entfernten Punkt; auf diesen gingen sie zu, bis er erreicht war, und bestimmten von da aus einen neuen ebenso belegenen Punkt. So wichen sie gewiß nur wenig von dem geraden Wege ab.

Während der ersten beiden Reisetage legte man immer zwanzig Meilen in zwölf Stunden zurück; die übrige Zeit wurde den Mahlzeiten und der Ruhe gewidmet; zum Schutz während des Schlafes erwies sich das Zelt als ausreichend.

Die Temperatur hob sich dann und wann; stellenweise schmolz der Schnee, je nach der Art des Bodens, während andere Stellen ihre fleckenlose Weiße bewahrten, da und dort bildeten sich große Wasserflächen, manchmal wahre Teiche, welche mit etwas Phantasie wohl für Seen zu halten waren; sie mußten manchmal mit dem halben Bein im Wasser gehen, worüber sie nur lachten; ja der Doctor war über diese unerwarteten Bäder ganz glücklich.

»Dem Wasser ist’s gleichwohl nicht verstattet, uns in diesen Ländern zu durchnässen, sagte er; hier hat es nur in festem oder gasförmigem Zustande Rechte; sein flüssiger Zustand ist ein Mißbrauch. Eis oder Dampf, ganz schön, aber Wasser, nie!«

Unterwegs wurde auch die Jagd nicht vernachlässigt, denn sie mußte frische Nahrungsmittel liefern; dazu durchstreiften Altamont und Bell, ohne sich zu weit zu entfernen, die Nachbarschaft; sie schossen Schneehühner, Taucherhühner, Gänse, einige graue Hasen u. dergl.; diese Thiere kamen übrigens bald von dem ersten Zutrauen zurück und wurden furchtsam; sie flohen scheu, und nur schwer konnte man sich ihnen nähern. Ohne Duk wären die Jäger häufig um ihr Pulver betrogen gewesen.

Hatteras befahl ihnen, sich nicht weiter, als eine Meile zu entfernen, denn er hatte keinen Tag, ja keine Stunde zu verlieren, da auf mehr als drei Monate geeigneter Witterung nicht zu rechnen war.

Außerdem mußte Jeder dem Schlitten nahe zur Hand sein, wenn eine schwierige Stelle, eine enge Schlucht oder starkgeneigte Ebenen zu passiren waren; dann spannte oder stemmte sich Jeder an den Schlitten, ihn ziehend, schiebend oder stützend; mehr als einmal mußte man ihn ganz entladen, und auch das verhinderte noch nicht alle Stöße und in Folge dessen Beschädigungen, welche Bell nach besten Kräften ausbesserte.

Am dritten Tage, Mittwochs den 26. Juni, stießen die Reisenden auf einen See von mehreren Morgen Landes Ausdehnung, der in Folge seiner vor der Sonne geschützten Lage noch vollständig mit Eis bedeckt war; dieses zeigte sich auch stark genug, das Gewicht der Reisenden und des Schlittens zu tragen. Dieses Eis schien schon von einem früheren Winter herzurühren, denn in Folge seiner Lage konnte dieser See nie aufthauen. Es war ein compacter Spiegel, dem die arktischen Sommer Nichts anhaben konnten; was diese Ansicht noch bestätigte, war der trockene Schnee, der seine Ufer einrahmte, und dessen untere Schichten offenbar früheren Jahren angehörten.

Von diesem Punkte aus ward das Land merklich niedriger, woraus der Doctor den Schluß zog, daß es gegen Norden sich nicht allzuweit erstrecken dürfte; es wurde immer wahrscheinlicher, daß Neu-Amerika nur eine Insel sei, welche sich nicht bis zum Pol ausdehnte. Nach und nach flachte sich das Land mehr ab; kaum waren noch im Westen einige theils in der Entfernung, theils in einem bläulichen Nebel verschwindende Hügel sichtbar.

Bis hierher war die Expedition ohne Ermüdung verlaufen, die Reisenden litten höchstens durch die von dem Schnee zurückgeworfenen Sonnenstrahlen; durch diesen Reflex konnten sie der Schnee-Blindheit3 kaum entgehen. Zu anderer Jahreszeit wären sie während der Nacht gereist, um diesem Uebelstande zu entgehen, jetzt aber gab es ja keine Nacht. Glücklicher Weise neigte sich der Schnee zum Schmelzen, und verlor so, wenn er im Begriff war, in Wasser überzugehen, viel von seinem Glanze.

Am 28. Juni hob sich die Temperatur bis auf fünfundvierzig Grad über Null (+7° hunderttheilig); dieser Wärmegrad war von reichlichem Regen begleitet, den die Reisenden ruhig, selbst mit Vergnügen ertrugen, denn er beförderte das Schmelzen des Schnees; man mußte wieder auf die Mocassins von Damleder zurückgreifen und auch das Gleitungsvermögen des Schlittens ändern. Der Marsch wurde dadurch zwar aufgehalten, da aber ernsthafte Hindernisse nicht auftraten, kam man doch vorwärts.

Einige Male hob der Doctor unterwegs rundliche oder platte Steine auf, die das Ansehen der durch den Wellenschlag abgerundeten Steine am Seestrande hatten, und er glaubte deshalb, in der Nähe des Polar-Meeres zu sein; aber immer noch dehnte sich die Ebene zu unübersehbarer Ferne aus.

Sie bot kein Anzeichen von Bewohntsein, weder Hütten, noch Cairns, noch Eskimohöhlen; offenbar waren unsere Reisenden die Ersten, welche dieses neue Land betraten; diejenigen Stämme der Grönländer, welche die arktischen Länder besuchen, drangen nie soweit hinauf, obgleich die Jagd hier reiche Ergebnisse diesen immer hungrigen Unglücklichen liefern mußte; manchmal bemerkte man Bären, die der kleinen Gesellschaft unter dem Winde folgten, aber keine Miene machten, sie anzugreifen; in der Ferne zeigten sich auch zahlreiche Heerden von Bisonochsen und Rennthieren, von welchen Letzteren der Doctor gern einige Exemplare zur Verstärkung der Schlittenbespannung gehabt hätte, doch waren diese sehr scheu und machten es unmöglich, sie lebend zu fangen.

Am 29. tödtete Bell einen Fuchs, und Altamont war so glücklich, einen kleineren Bisonochsen zu erlegen, wobei er seinen Genossen eine hohe Meinung von seiner Kaltblütigkeit und Geschicklichkeit abnöthigte; wirklich war er ein ausgezeichneter Jäger, und der Doctor, der sich darauf verstand, bewunderte ihn höchlich. Der Ochse ward ausgeweidet und lieferte reichlich frische Nahrung.

Dieses zufällige Glück guter und nahrhafter Mahlzeiten wurde immer freudig begrüßt; auch wer weniger Feinschmecker war, mußte unwillkürlich einen Blick der Befriedigung auf diese Schnitten saftigen Fleisches werfen. Der Doctor selbst lachte, wenn er sich über der Bewunderung dieser köstlichen Stücke ertappte.

»Wir wollen den Mund nicht zu spitz machen, sagte er da, bei Nordpol-Expeditionen ist die Mahlzeit eine Sache von Bedeutung.

– Zumal, erwiderte Johnson, wenn sie von einem mehr oder weniger geschickten Schusse abhängt.

– Sie haben Recht, mein alter Johnson, versetzte der Doctor, wenn man den Kochtopf regelmäßig im Küchenofen brodeln sieht, denkt man weniger an’s Essen.«

Am 30. wurde das Land ganz unerwartet sehr uneben, als wenn es durch eine vulkanische Bewegung gehoben wäre; kegelförmige und spitze Erhabenheiten wurden unzählig und erreichten große Höhen. Ein Südostwind begann mit Heftigkeit zu wehen und steigerte sich bald zum tüchtigen Orkane; er verfing sich an den schneebekrönten Felsen und zwischen den Eisbergen, die auf der Ebene die Form von Spitzhügeln und Eisinseln des Meeres nachahmten; ihre Anwesenheit auf diesen Hochebenen war ihnen unerklärlich, selbst dem Doctor, der doch sonst für Alles eine Deutung hatte.

Dem Sturme folgte warme, feuchte Witterung, ein wahrhaftes Thauwetter; von allen Seiten erscholl das Krachen des Eises, das sich mit dem noch mächtigeren Donner der Lawinen mischte.

Die Reisenden vermieden sorgfältig, ihren Weg am Fuße der Hügel zu nehmen, ja sogar laut zu sprechen, denn schon das Geräusch der Stimme konnte durch die Bewegung der Luft Katastrophen herbeiführen; sie waren öfters Zeugen furchtbarer Stürze, vor denen sich zu schützen sie gar keine Zeit gehabt hätten; eine wesentlichste Eigenthümlichkeit der polaren Lawinen ist in der That deren erschreckende Schnelligkeit; sie unterscheiden sich damit von denen in der Schweiz und in Norwegen; dort bildet sich zunächst eine Schneekugel, die zuerst wenig beträchtlich, durch den Schnee und wohl auch durch Felsstücke auf ihrem Wege an Größe zunnimmt, mit wachsender Schnelligkeit niederstürzt, Felder verwüstet und Dörfer zerstört, aber immerhin eine gewisse Zeit zum Niederrollen braucht; anders aber ist es in den von arktischem Froste erstarrten Gegenden; die Ortsveränderung von Eisblöcken geschieht hier völlig unerwartet, blitzartig. Ihr Sturz fällt mit dem Augenblicke des Losbrechens zusammen, und wer sie gerade auf sich zustürzen sieht, wird von ihnen unrettbar zermalmt; die Kanonenkugel ist nicht schneller, der Blitz nicht sicherer. Sich ablösen, fallen und zerstören ist für die Lawinen der Polarländer ein und dasselbe, und das geschieht mit dem majestätischen Rollen des Donners und mit ganz fremdartigem, mehr kläglichem als geräuschvollem Echo.

Vor den Augen der Zuschauer vollzogen sich auch nicht selten merkwürdige Veränderungen der umgebenden Ansichten; das Land wandelte sich um; der Berg wurde unter dem Einflusse eines plötzlichen Thaues zur Ebene; oder, wenn das Regenwasser, das in die Sprünge großer Blöcke gedrungen war, durch den Frost einer einzigen Nacht gefror, sprengte es durch die unwiderstehliche Kraft der Expansion jedes Hinderniß, eine Macht, die sich bei der Eisbildung noch stärker erwies, als bei der Dampfbildung, und auch diese Erscheinung vollzog sich mit erschreckender Augenblicklichkeit.

Dem Schlitten und seinen Führern drohte glücklicher Weise kein Unfall; in Folge ihrer Vorsichtsmaßregeln wurde jede Gefahr vermieden. Uebrigens hatte dieses durch Gebirgskämme und daran lagernde Anhöhen, durch Bergspitzen und Eisberge zerklüftete Land keine große Ausdehnung, und drei Tage darauf, am 3. Juli, befanden sich die Reisenden wieder auf bequemerer Ebene.

Da wurden sie aber durch eine andere Erscheinung in Erstaunen gesetzt, welche lange die mühsamsten Untersuchungen der Gelehrten beider Hemisphären erregte; die kleine Truppe folgte einer etwa fünfzig Fuß hohen Hügelkette, die sich mehrere Meilen weit zu erstrecken schien; ihr Abhang nach Osten war mit Schnee, aber mit vollkommen rothem Schnee bedeckt.

Man begreift das Erstaunen Aller, ihre Ausrufe der Verwunderung und selbst den etwas erschreckenden Eindruck dieses langen carmoisinrothen Abhangs. Der Doctor zögerte nicht, wenn nicht sie zu beruhigen, so doch wenigstens seine Gefährten zu unterrichten; er kannte das Wesen dieses rothen Schnees aus den darüber ausgeführten chemisch-analytischen Arbeiten Wollaston’s, Candolle’s und Bauer’s; er erzählte also, daß sich dieser Schnee nicht allein in den arktischen Gegenden finde, sondern auch mitten in den Alpen der Schweiz. Saussure sammelte im Jahre 1760 eine beträchtliche Menge desselben, und später brachten auch die Kapitäne Roß, Sabine und andere Seefahrer von ihren Polar-Expeditionen ebensolchen mit.

Altamont befragte den Doctor über die Natur dieser außergewöhnlichen Substanz, und dieser belehrte ihn, daß die Farbe derselben einzig durch die Anwesenheit organischer Körperchen bedingt sei. Lange waren die Forscher im Zweifel, ob dieselben thierischer oder pflanzlicher Natur seien, aber sie erkannten endlich, daß sie zu der großen Familie mikroskopischer Pilze, und zu der Art »Uredo« gehörten, welche Bauer »Uredo nivalis« zu nennen vorschlug.

Dann zeigte der Doctor seinen Genossen, indem er den Schnee mit seinem eisenbeschlagenen Stocke durchstieß, daß jene Scharlachkruste neun Fuß dick war, und gab ihnen zu berechnen auf, wieviel auf einen Raum von mehreren Meilen von diesen Pilzen, von denen die Gelehrten dreiundvierzigtausend auf einem Quadratcentimeter zählten, wohl vorhanden sein möchten.

Nach der Natur des Abhanges mußte diese Färbung schon sehr alt sein, denn diese Pilze zersetzen sich weder durch Verdunstung, noch durch das Schmelzen des Schnees, und ebenso ist ihre Farbe unveränderlich.

Das Phänomen blieb, wenn auch erklärt, doch nicht minder fremdartig; die rothe Farbe trifft man in der Natur nur selten in größerer Verbreitung an; der Widerschein der Sonnenstrahlen auf diesem Purpurteppich brachte eigenthümliche Effecte hervor; er verlieh den benachbarten Gegenständen, den Felsen wie den Menschen und Thieren, ein feuriges Aussehen, so als ob sie von einer inneren Gluth durchleuchtet wären, und als jener Schnee schmolz, schien es, als ob Bäche von Blut unter den Füßen der Reisenden dahinflössen.

Der Doctor, welcher diese Substanz, als er sie auf den Crimson-Klippen der Baffins-Bai sah, nicht hatte untersuchen können, sammelte sie sich jetzt nach Gefallen und füllte sorgsam mehrere Flaschen damit an.

Dieser rothe Boden, dieses »Blutfeld«, wie er es nannte, wurde erst nach dreistündigem Marsche überschritten; dann nahm das Land sein gewöhnliches Aussehen wieder an.

  1. Eine eigenthümliche Erkrankung der Netzhaut, die durch den Widerschein des Schnees hervorgerufen wird.

Zwölftes Capitel.


Zwölftes Capitel.

Im Eis-Gefängniß.

Am folgenden Tage dachte man daran, einen Jagdzug zu unternehmen, an dem Hatteras, Altamont und der Zimmermann theilnehmen sollten. Verdächtige Spuren waren nicht wieder bemerkt worden, und die Bären hatten gewiß auf einen Angriff verzichtet, sei es aus Furcht vor ihren unbekannten Feinden, oder weil ihnen neuerdings Nichts die Anwesenheit lebender Wesen in jener Schneemasse verrathen hatte.

Während der Abwesenheit der drei Jäger sollte der Doctor zur Insel Johnson vordringen, den Zustand des Eises untersuchen und einige hydrographische Aufnahmen vornehmen. Es war zwar eine sehr lebhafte Kälte, aber die Ueberwinternden vertrugen sie gut; ihre Haut hatte sich an diese ungeheure Kälte bereits gewöhnt.

Der Rüstmeister sollte in Doctors-House zurückbleiben, um die Wohnung zu überwachen.

Die Jäger trafen ihre Vorbereitungen; sie bewaffneten sich Jeder mit einem gezogenen Doppelgewehre und Spitzkugeln, und nahmen etwas Pemmican mit, für den Fall, daß die Nacht sie vor Beendigung ihres Ausflugs überraschte; außerdem trugen sie das unvermeidliche Schneemesser mit sich, das unentbehrlichste Werkzeug in jenen Gegenden, und ein Beil steckte im Gürtel ihrer Damwildjacken.

So ausgerüstet, bekleidet und bewaffnet konnten sie wohl ziemlich weit gehen, und, gewandt und kühn wie sie waren, auf einen guten Erfolg ihrer Jagd rechnen.

Um acht Uhr Morgens waren sie fertig und brachen auf. Duk sprang munter voran; sie stiegen die kleine Höhe im Osten hinauf, umgingen den Leuchtthurm und verloren sich in der weiten, im Süden durch den Mount Bell begrenzten Ebene.

Der Doctor seinerseits ging, nachdem er mit Johnson ein Alarmsignal für den Fall einer Gefahr verabredet hatte, nach dem Ufer hinab, um zu den vielgestaltigen Eismassen zu gelangen, welche die Bai Victoria umstarrten.

Der Rüstmeister blieb im Fort Providence allein, aber nicht müßig. Er ließ zuerst die Grönländer Hunde, die im Doggenpalast unruhig wurden, in’s Freie, wo sie sich lustig im Schnee wälzten. Dann beschäftigte sich Johnson mit den vielerlei Einzelheiten des Haushalts. Er mußte Brennmaterial und Speisevorräthe herbeischaffen, die Magazine in Ordnung bringen, manch‘ zerbrochenes Geräth wiederherstellen, die schlecht gewordenen Decken ausbessern und Schuhwerk für die weiten Sommerausflüge in Stand setzen. An Arbeit fehlte es ihm nicht, und der Rüstmeister gab sich ihr mit jener, dem Seemann eigenthümlichen Geschicklichkeit hin, die sich in Alles zu finden weiß.

Als er sich so beschäftigte, kam ihm die Unterhaltung des vergangenen Tages wieder in den Sinn; er dachte an den Kapitän und dessen nach Allem so heroischen und ehrenhaften Eigensinn, der nicht wollte, daß ein Amerikaner, nicht einmal eine amerikanische Schaluppe vor oder mit ihm den Pol erreichen sollte.

»Es scheint mir immerhin schwer, sprach er bei sich, den Ocean ohne ein Fahrzeug zu passiren, und wenn wir erst das offene Meer vor uns haben, wird man sich wohl der Nothwendigkeit, zu Schiffe zu gehen, nicht entschlagen können. Dreihundert Meilen weit kann man nicht schwimmen, und wenn man der beste Engländer wäre; der Patriotismus hat eben seine Grenzen. Nun wir werden’s ja sehen. Noch haben wir Zeit vor uns; Herr Clawbonny hat sein letztes Wort in dieser Sache auch noch nicht gesprochen; er ist der Mann dazu, den Kapitän die Sache noch einmal überlegen zu lassen. Ich möchte wetten, daß er von der Küste der Insel her schon einen Blick auf das Wrack des Porpoise wirft, und dann am besten wissen wird, was sich daraus machen läßt.«

Bis hierher kam Johnson mit seinen Betrachtungen, und die Jäger waren etwa eine Stunde lang fort, als er zwei bis drei Meilen unter dem Winde einen heftigen, deutlichen Knall hörte.

»Schön! sagte der alte Seemann, sie haben Etwas gefunden, und ohne weit zu gehen, da man den Schall so deutlich hört. Zudem ist die Atmosphäre sehr rein!«

Ein zweiter Knall und ein dritter folgten sich Schlag auf Schlag.

»Nun, sagte Johnson, die sind an einem guten Platze.«

Da fielen noch, offenbar näher, drei weitere Schüsse.

»Sechs Schuß! stutzte Johnson, nun haben sie keine Ladung mehr in den Gewehren, das muß heiß hergegangen sein. Oder sollten etwa gar …..«

Johnson erblaßte bei dem Gedanken, der ihm kam; schnell sprang er aus dem Hause und klomm in wenigen Augenblicken den kleinen Abhang bis zum Gipfel des Kegels empor. Was er sah, machte ihn erzittern.

»Die Bären!« rief er aus.

Die drei Jäger kamen, gefolgt von Duk, in vollem Laufe daher, verfolgt von fünf gewaltigen Thieren; ihre sechs Kugeln hatten jene nicht abzuwehren vermocht; die Bären liefen schneller als sie; Hatteras, der zurück war, verlor an Zwischenraum zwischen sich und den Thieren, und konnte diesen nur dadurch, daß er seine Mütze, seine Hacke und sogar seine Flinte wegwarf, erhalten. Die Bären hielten ihrer Gewohnheit gemäß an, um jeden ihrer Neugierde preisgegebenen Gegenstand zu beschnüffeln, und verloren so etwas an Terrain, während sie sonst das schnellste Pferd überholt hätten.

So kamen Hatteras, Altamont und Bell, außer Athem vom Laufen, bei Johnson an und ließen sich mit ihm die Böschung nach dem Schneehaufe hinabgleiten.

Die fünf Bären waren ihnen dicht auf dem Nacken, und der Kapitän mußte noch mit seinem Messer einen Tatzenschlag pariren, der kräftig nach ihm geführt wurde.

In Zeit von einem Augenblicke waren Hatteras und seine Genossen im Hause eingeschlossen. Die Bären waren zunächst auf dem durch die Abstumpfung des Kegelberges gebildeten Plateau zurückgeblieben.

»Endlich, rief Hatteras, werden wir uns nun besser vertheidigen können, Fünf gegen Fünf!

– Nur Vier gegen Fünf, sagte Johnson voll Schrecken.

– Wie das? fragte Hatteras.

– Der Doctor! antwortete Johnson nur, auf das leere Zimmer zeigend.

– Nun?

– Er ist nach der Insel zu gegangen!

– Der Unglückliche! rief Bell aus.

– So können wir ihn nicht verlassen, meinte Altamont.

– Nein, machen wir uns auf!« sprach Hatteras.

Schnell öffnete er die Thür, aber konnte sie kaum rechtzeitig wieder schließen; ein Bär hätte ihm beinahe mit einem Tatzenschlage den Schädel zertrümmert.

»Sie sind da! schrie er.

– Alle? fragte Bell.

– Alle!« erwiderte Hatteras.

Altamont sprang nach den Fenstern, deren Oeffnungen er mit Eisstücken aus den inneren Wänden verrammelte; seine Genossen thaten dasselbe; durch Nichts ward das Schweigen unterbrochen, als durch Duks verhaltenes Bellen.

Das muß man jedoch den Männern nachsagen, daß sie nur Ein Gedanke beseelte: sie vergaßen die eigene Gefahr und dachten nur an den Doctor; an ihn, nicht an sich. Der arme Clawbonny! So gut, so ergeben, die Seele der kleinen Colonie! Zum ersten Male war er nicht da; die größten Gefahren, vielleicht gar ein schrecklicher Tod warteten sein, denn nach Beendigung seines Ausflugs würde er ruhig nach Fort Providence zurückkehren und plötzlich vor den wilden Bestien stehen.

Und es gab kein Mittel, das zu verhüten!

»Jedoch, wenn ich mich nicht sehr täusche, sagte Johnson, wird er auf seiner Hut sein; Ihr wiederholtes Feuern muß ihn aufmerksam gemacht haben und ihn glauben lassen, daß irgend etwas Außergewöhnliches vorgehe.

– Wenn er aber zu fern von hier war, antwortete Altamont, und es nicht gehört hätte? Mit der Wahrscheinlichkeit von acht zu zehn wird er ohne Ahnung einer Gefahr zurückkehren. Die Bären sind durch den Wall des Forts verdeckt, so daß er sie vorher nicht sehen kann.

– Wir müssen uns also von diesen gefährlichen Gästen vor seiner Rückkehr befreien, erwiderte Hatteras.

– Aber wie?« fragte Bell.

Die Antwort hierauf war nicht leicht. Ein Ausfall erschien unausführbar. Man hatte Mühe gehabt, den Verbindungsgang zu verbarrikadiren, aber die Bären konnten, wenn es ihnen einfiel, dieser Hindernisse leicht Meister werden; sie wußten recht gut, wie sie bezüglich der Zahl und der Stärke ihrer Gegner daran waren, welche ohne Schwierigkeit bis zu ihnen gelangen konnten.

Die Gefangenen vertheilten sich in alle Räume von Doctors-House, um jeden Versuch eines Einbruchs zu überwachen; wenn sie lauschten, hörten sie die Bären hin und her laufen, dumpf brummen und mit ihren ungeheuren Tatzen an den Wänden scharren.

Doch, man mußte handeln; die Zeit drängte. Altamont beschloß eine Schießluke herzustellen, um auf die Angreifer zu feuern; in wenigen Minuten hatte er ein Loch in der Eismauer ausgehöhlt, in welches er sein Gewehr einlegte; kaum aber erschien dasselbe außerhalb mit der Mündung, als es seinen Händen auch schon mit unwiderstehlicher Gewalt entrissen wurde, ohne daß er zum Schießen kam.

»Zum Teufel! rief er; dagegen sind wir nicht stark genug!« und beeilte sich, die Schießscharte wieder zu verstopfen.

Diese Lage währte nun schon eine Stunde, und ihr Ende war vorläufig nicht abzusehen. Die Aussichten eines Ausfalls wurden noch besprochen; sie waren nur schwach, da man die Bären nicht würde einzeln bekämpfen können. Nichtsdestoweniger gedachten Hatteras und seine Genossen, die diese Lage gern ändern wollten, und, man muß es gestehen, sehr beschämt und verwirrt waren, so von Thieren gefangen gehalten zu werden, einen directen Angriff unternehmen, als der Kapitän noch auf ein neues Vertheidigungsmittel verfiel.

Er nahm den Poker, der Johnson zum Reinigen der Ofenroste diente, und legte ihn in die Kohlengluth; dann machte er eine Oeffnung in die Schneemauer, ohne sie für jetzt bis nach Außen zu verlängern, so daß also noch eine dünne Eiskruste an der Mündung stehen blieb.

Seine Gefährten sahen ihm zu. Als der Poker weißglühend geworden war, sagte Hatteras:

»Diese weißglühende Stange soll mir dazu dienen, die Bären, welche sie nicht halten können, zurückzutreiben, und durch die Schießscharte wird ein wohlgenährtes Feuer auf sie gerichtet werden können, ohne daß sie uns die Waffen zu entreißen vermögen.

– Gut ausgedacht!« rief Bell, der neben Altamont Posto faßte.

Darauf nahm Hatteras das Eisen aus der Gluth und stieß es schnell vollends durch die Mauer. Der Schnee, der in Berührung damit schmolz und verdampfte, zischte mit betäubendem Geräusche. Zwei Bären sprangen herbei, faßten die noch rothglühende Stange an, und stießen ein schreckliches Geheul aus; in demselben Augenblick fielen vier Schüsse Schlag auf Schlag.

»Getroffen! rief der Amerikaner.

– Getroffen! wiederholte hurtig Bell.

– Wiederholen wir’s«, sagte Hatteras, und verstopfte die Oeffnung augenblicklich wieder.

Das Schüreisen kam wieder in den Ofen; nach einigen Minuten war es rothglühend.

Altamont und Bell, welche die Gewehre wieder geladen hatten, nahmen ihre Plätze wieder ein; Hatteras reinigte die Schießscharte wieder und brachte das weißglühende Eisen auf’s Neue hinein.

Diesmal aber stieß es auf eine undurchdringliche Schicht.

»Verdammt! rief der Amerikaner.

– Was ist los? fragte Johnson.

– Was los ist! Nun, daß diese verwünschten Thiere Blöcke auf Blöcke häufen, so daß sie uns in unserem Hause einmauern und lebendig begraben.

– Unmöglich!

– Sehen Sie doch, das Schüreisen dringt nicht mehr durch; das wird am Ende spaßhaft!«

Spaßhaft war es nicht mehr, es wurde beunruhigend; die Lage verschlimmerte sich. Die Bären, als sehr gescheite Thiere, wandten dies Mittel an, ihre Beute zu ersticken. Sie häuften die Schollen derart an, daß jede Flucht unmöglich wurde.

»Das ist hart! sagte der alte Johnson mit höchst ärgerlicher Miene. Wenn Menschen uns so behandelten, möchte es noch gehen, aber Bären!«

Hierauf verflossen noch zwei Stunden ohne wesentliche Veränderung der Lage; ein Ausfall war unausführbar geworden, die verdickten Mauern hielten auch jedes von Außen kommende Geräusch ab. Altamont ging unruhig umher, wie ein muthiger Mann, der erbittert ist über eine Gefahr, die alle seine Kühnheit übersteigt. Hatteras gedachte mit Schrecken des Doctors und der ernstlichen Gefahr, die ihm bei der Rückkehr drohte.

»Ach! rief Johnson, wäre doch Herr Clawbonny hier!

– Nun, was würde er beginnen? fragte Altamont.

– Er würde uns gewiß aus der Noth zu helfen wissen.

– Und womit? fragte lächelnd der Amerikaner.

– Ja, wenn ich das wüßte, erwiderte Johnson, dann brauchte ich ihn nicht. Doch, einen Rath, den er uns jetzt geben würde, weiß ich doch.

– Der wäre?

– Den, einen Imbiß zu nehmen! Gewiß kann uns das nichts schaden, im Gegentheil. Was meinen Sie darüber, Herr Altamont?

– Wir wollen essen, wenn es Ihnen Vergnügen macht, antwortete der Letztere, obgleich es in unserer Lage etwas Albernes, um nicht zu sagen Demüthigendes ist.

– Ich wette, daß wir nach dem Essen irgend ein Mittel entdecken, hier heraus zu kommen«, sagte Johnson.

Niemand antwortete, aber man setzte sich zu Tisch. Zwar versuchte Johnson, der in des Doctors Schule gebildet war, gegenüber der Gefahr den Philosophen zu spielen; doch gelang es ihm nur schlecht. Uebrigens fingen die Gefangenen auch allmälig an, sich unbehaglich zu fühlen; die Luft verschlechterte sich in diesem hermetisch verschlossenen Raume; die Atmosphäre konnte sich durch die Rauchfänge der Oefen, welche schlecht zogen, nicht erneuern, und es war leicht vorauszusehen, daß in nicht ferner Zeit das Feuer erlöschen werde; der Sauerstoff, welcher durch das Athmen und das Feuer verzehrt wurde, mußte bald der Kohlensäure, deren verderbliche Wirkung bekannt ist, Platz machen.

Hatteras erkannte diese neue Gefahr zuerst und wollte sie seinen Gefährten nicht verheimlichen.

»So werden wir also um jeden Preis hinaus müssen, sagte Altamont.

– Ja, erwiderte Hatteras; aber wir wollen die Nacht abwarten, dann machen wir eine Oeffnung in die Decke, die uns frische Luft zuführen wird, dann nimmt Einer von uns auf dieser Stelle Platz, um auf die Bären zu feuern.

– Das ist der einzige Ausweg«, erwiderte der Amerikaner.

Als man dahin übereingekommen war, wartete man gespannt auf die Zeit zum Versuche dieses Abenteuers, doch machte in den folgenden Stunden Altamont seinen Verwünschungen Luft über eine Lage der Dinge, »in welche, wie er sagte, Bären und Menschen gekommen seien, und in der die Letzteren nicht die schönste Rolle spielten.«

Dreizehntes Capitel.


Dreizehntes Capitel.

Die Mine.

Die Nacht kam heran, und schon begann die Lampe in der sauerstoffarmen Atmosphäre des Salons düster zu werden.

Um acht Uhr traf man die letzten Vorbereitungen. Die Gewehre wurden sorgfältig geladen, und eine Oeffnung in die Decke des Eishauses gemacht.

Die Arbeit dauerte schon einige Minuten, und Bell unterzog sich ihr ganz geschickt, als Johnson aus dem Schlafraume, in dem er sich zum Aufpassen befand, eilig zu den Anderen gelaufen kam.

Er schien unruhig zu sein.

»Was ist Ihnen, fragte der Kapitän.

– Was mir ist? Nichts, erwiderte der alte Seefahrer stockend, und doch ….

– Nun, was giebt’s? sagte Altamont.

– Stille! Hören Sie nicht ein sonderbares Geräusch?

– Von welcher Seite?

– Da! Es geht irgend Etwas in der Mauer des Zimmers vor.«

Bell unterbrach seine Arbeit; Jeder horchte.

Ein noch entferntes Geräusch war zu vernehmen, das aus der Seitenwand herzukommen schien; offenbar wurde ein Loch in das Eis gemacht.

»Man scharrt daran! sagte Johnson.

– Ohne Zweifel, erwiderte Altamont.

– Die Bären? fragte Bell.

– Ja, die Bären, versetzte dieser.

– Die haben ihre Taktik geändert, sagte der alte Seemann; sie haben es aufgegeben, uns zu ersticken.

– Oder sie halten uns schon für abgethan, erwiderte der Amerikaner, in dem der Zorn aufschäumte.

– Nun werden wir angegriffen werden, meinte Bell.

– Nun gut! sagte Hatteras, so werden wir Auge in Auge kämpfen.

– Tausend Teufel! rief Altamont, das ist mir lieber; ich für meinen Theil bin dieser unsichtbaren Feinde überdrüssig; jetzt wird man sich sehen und sich schlagen.

– Ja wohl, erwiderte Johnson, aber nicht mit Flintenschüssen, das geht in dem engen Raume nicht an.

– Nun gut, dann mit dem Beil, dem Messer!«

Das Geräusch wurde hörbarer, man vernahm deutlich das Kratzen der Krallen. Die Bären hatten die Mauer an dem Winkel in Angriff genommen, wo sich das Haus an den eisigen Abhang des Felsens lehnte.

»Das Thier, welches da arbeitet, ist jetzt keine sechs Fuß mehr von uns, sagte Johnson.

– Sie haben Recht, antwortete der Amerikaner, aber es bleibt uns Zeit, uns zu seinem Empfange vorzubereiten.«

Der Amerikaner nahm sein Beil in die eine, sein Messer in die andere Hand; auf den rechten Fuß gestützt, und den Körper zurückgebogen, hielt er sich zum Angriff bereit. Hatteras und Bell thaten desgleichen. Johnson hatte die Flinte bei der Hand, für den Fall, daß der Gebrauch der Feuerwaffe nöthig erschiene.

Immer stärker wurde das Geräusch; das Eis krachte unter der Gewalt der stählernen Krallen.

Endlich trennte nur noch eine dünne Kruste den Angreifer und seine Gegner. Plötzlich spaltete sich auch diese Zwischenwand, und ein großer schwarzer Körper erschien in dem Halbdunkel des Zimmers.

Schnell erhob Altamont seine Hand zum Schlage.

»Halt! Um des Himmels willen! rief da eine bekannte Stimme.

– Der Doctor! der Doctor!« jauchzte Johnson.

Wirklich, es war der Doctor, der mit der Wucht seines Leibes mitten in’s Zimmer kollerte.

»Nun, guten Tag, meine tapferen Freunde!« sagte er, indem er flink aufsprang.

Seine Gefährten waren ganz verdutzt, aber auf dieses Staunen folgte die Freude; Jeder wollte den wackern Mann in seine Arme schließen; Hatteras drückte ihn, tief gerührt, lange Zeit an’s Herz; der Doctor antwortete ihm mit einem warmen Händedruck.

»Was, Sie sind es, Herr Clawbonny! rief der Rüstmeister.

– Ich bin es, mein alter Johnson, und ich war über Ihr Loos gewiß unruhiger, als Sie es um das meinige sein konnten.

– Aber wie haben Sie wissen können, daß wir durch eine Rotte Bären angegriffen waren? fragte Altamont; unsere Hauptsorge war die, Sie möchten ruhig, ohne Ahnung der Gefahr, nach Fort Providence zurückkehren.

– O, ich habe Alles mit angesehen, erwiderte der Doctor; Ihre Flintenschüsse machten mich aufmerksam; ich war in dem Augenblicke nahe dem Wrack des Porpoise; ich erkletterte einen Eishügel und bemerkte die fünf Bären, die Ihnen auch auf der Ferse waren; ach, welche Angst hab‘ ich für Sie ausgestanden! Als ich Sie aber endlich von der Höhe des Hügels herabgleiten und die Bären Halt machen sah, war ich für den Augenblick beruhigt; ich nahm an, daß Sie noch Zeit hatten, sich im Hause verschanzen zu können. Dann hab‘ ich mich nach und nach genähert, bald kriechend, bald zwischen den Eisschollen gleitend; ich kam dem Fort nahe, und sah die gewaltigen Thiere, wie große Biber, bei der Arbeit; sie schlugen den Schnee an, thürmten die Blöcke, mit einem Worte, sie mauerten Sie lebendig ein. Glücklicherweise kamen sie nicht auf den Einfall, Blöcke von dem Berggipfel herabzuschleudern, denn dann würden Sie ohne Gnade zerschmettert worden sein.

– Aber, sagte Bell, Sie waren doch nicht in Sicherheit, Herr Clawbonny; konnten die Ungethüme nicht ihren Platz verlassen und gegen Sie vorgehen?

– Das fiel ihnen gar nicht ein; die Grönländer Hunde, welche Johnson losgelassen hatte, streiften mehrmals dicht bei jenen herum, ohne daß ihnen der Gedanke kam, auf sie Jagd zu machen; nein, die waren sich einer leckereren Beute gewiß.

– Ich danke für das Compliment, sagte Altamont lachend.

– O, darauf dürfen Sie nicht stolz sein. Als ich die Taktik der Bären durchschaute, beschloß ich zu Ihnen einzudringen; aus Vorsicht mußte ich die Nacht abwarten. Schon mit Eintritt der Dämmerung glitt ich geräuschlos nach dem Abhange von der Seite des Pulverhäuschens her. Diesen Weg wählte ich aus ganz bestimmten Gründen; ich wollte hier einen verdeckten Gang anlegen. Ich ging also an die Arbeit und griff das Eis mit meinem Schneemesser – wahrlich, ein prächtiges Stück Werkzeug das, entschlossen an. Ich hackte, bohrte, arbeitete, und da bin ich nun, zwar ausgehungert und kreuzlahm, aber doch angekommen …

– Um unser Loos zu theilen? sagte Altamont.

– Nein, um Alle zu retten; aber erst geben Sie mir etwas Zwieback und Fleisch, ich falle fast um vor Hunger.«

Bald zermalmten des Doctors weiße Zähne ein tüchtiges Stück Pökelfleisch; noch während des Essens gab er auf die ihn bestürmenden Fragen Antwort.

»Uns retten! wiederholte Bell.

– Ohne Zweifel, erwiderte der Doctor, der mit gewaltiger Anstrengung der Kaumuskeln seiner Antwort Bahn machte.

– Uebrigens, sagte Bell, da Herr Clawbonny hereingekommen ist, können wir auch auf demselben Wege wieder hinauskommen.

– Ja freilich, erwiderte der Doctor, und können der bösen Brut das Feld räumen, die zuletzt unsere Vorräthe entdecken und plündern wird.

– Wir müssen hier aushalten, sagte Hatteras.

– Ohne Zweifel, bestätigte der Doctor, aber uns nichtsdestoweniger bald jene Thiere vom Halse schaffen.

– Und dazu gäbe es ein Mittel? fragte Bell.

– Ein ganz sichres, erwiderte der Doctor.

– Ich hab’s doch immer gesagt, frohlockte Johnson, sich die Hände reibend; mit Herrn Clawbonny braucht man an Nichts zu verzweifeln; er hat in seinem Wissenssacke immer noch eine Aushilfe.

– O, o! Mein armer Quersack ist sehr schmächtig, wenn man ihn aber tüchtig durchsucht …

– Doctor, fiel Altamont ein, die Bären können doch nicht durch den Gang, den Sie ausgehöhlt haben, nachdringen?

– Nein, den habe ich hinter mir wieder gut verstopft; jetzt können wir von hier wenigstens nach dem Pulverhäuschen, ohne daß sie Etwas davon merken.

– Gut! Aber nun theilen Sie uns auch mit, wie Sie uns die lächerlichen Belagerer vom Halse zu schaffen gedenken.

– Das ist ein sehr einfaches Mittel, wofür die Vorarbeiten schon theilweise ausgeführt sind.

– Wie so?

– Das werden Sie gleich sehen. Doch ich vergesse ganz, daß ich ja nicht allein gekommen bin.

– Was sagen Sie? fragte Johnson.

– Ich habe Ihnen da einen Begleiter vorzustellen.«

Bei diesen Worten holte der Doctor aus dem Gange einen frisch geschossenen Fuchs.

»Ah, ein Fuchs! rief Bell.

– Meine Jagdbeute von heute früh, erklärte bescheiden der Doctor, und Sie sollen einsehen, daß noch nie ein Fuchs zu gelegenerer Zeit erlegt worden ist.

– Aber was haben Sie für einen Plan? fragte Altamont.

– Ich will die Bären alle miteinander mit einem Centner Pulver in die Luft sprengen«, erwiderte der Doctor.

Erstaunt sahen sie den Letzteren an.

»Aber das Pulver? fragte man.

– Ist im Magazin.

– Und das Magazin?

– Dieser enge Gang führt dahin. Ich habe doch nicht ohne Grund einen sechzig Fuß langen Stollen ausgegraben; ich hätte von der Brüstung aus auf näherem Wege in das Haus gelangen können, aber ich hatte so meine Gedanken dabei.

– Nun, und die Mine, fragte der Amerikaner, wo wollen Sie diese anlegen?

– Vor unserer Böschung, d. h. so entfernt von dem Hause, der Pulverkammer und den Magazinen als möglich.

– Aber wie sollen die Bären dahin gelockt werden?

– Das übernehme ich schon, antwortete der Doctor; genug der Worte, gehen wir zu Thaten. Während der Nacht haben wir einen etwa hundert Fuß langen Gang auszuhöhlen; das ist eine anstrengende Arbeit, aber zu Fünf werden wir, wenn wir uns ablösen, auch damit fertig. Bell mag anfangen und wir ruhen indessen aus.

– Alle Wetter, rief Johnson, je mehr ich mir es überlege, desto besser erscheint mir Herr Clawbonny’s Mittel.

– Es ist wenigstens ein sicheres, erwiderte der Doctor.

– O, von dem Augenblicke an, da Sie es sagen, sind die Bären schon so gut wie todt, und ich fühle schon ihre Pelze auf der Schulter.

– Nun denn, an’s Werk!«

Der Doctor verschwand in dem dunkeln Gange, und Bell folgte ihm; die Gefährten wußten, daß er bei einer Sache, die er einmal anfing, auch mit frohem Muthe war. Die beiden Mineure kamen am Pulverhäuschen an und machten sich eine Oeffnung, die sie mitten unter die bestens geordneten Fäßchen führte. Der Doctor gab Bell die nöthigen Anweisungen, und der Zimmermann arbeitete durch die entgegengesetzte Mauer, auf welche sich die Böschung stützte, während sein Begleiter nach dem Hause zurückkehrte.

Bell arbeitete eine Stunde lang und schachtete einen etwa zehn Fuß langen engen Gang aus, der kriechend passirt werden konnte. Nach dieser Zeit trat Altamont an seine Stelle, welcher ungefähr eben so viel förderte. Der aus dem Gange fortgeschaffte Schnee wurde nach der Küche gebracht, wo ihn der Doctor der Raumersparniß wegen einschmolz.

Auf den Amerikaner folgte der Kapitän, auf diesen Johnson; in zehn Stunden, d. h. bis gegen früh acht Uhr, war der Gang vollendet.

Beim ersten Morgengrauen beobachtete der Doctor die Bären durch die Luke, die er in die Wand des Pulverhäuschens gebrochen hatte.

Die geduldigen Thiere waren nicht von der Stelle gewichen; er sah sie hin- und hergehen und brummen, aber im Ganzen standen sie doch mit bewundernswerther Ausdauer Schildwache; sie tummelten sich rund um das Haus, das der Eisblöcke wegen kaum sichtbar war. Plötzlich aber schien ihre Geduld zu Ende zu sein, denn der Doctor sah sie die Eisschollen, die sie erst aufgethürmt hatten, wieder wegräumen.

»Schön! sagte er zum Kapitän, der neben ihm stand.

– Was fangen sie an? fragte dieser.

– Es scheint mir, als wollten sie ihr eigenes Werk wieder zerstören und bis zu uns vordringen! Aber Geduld, sie werden vorher zerschmettert sein; auf jeden Fall ist nun keine Zeit zu verlieren!«

Der Doctor glitt bis zu dem Punkte, wo die Mine angelegt werden sollte; dort ließ er die Kammer zur ganzen Höhe und Breite der Böschung ausweiten; bald war diese nur noch von einer dünnen, kaum einen Fuß mächtigen Eiskruste bedeckt; man mußte sie stützen, damit sie sich nicht senkte.

Ein auf dem Granitboden aufgestemmter Pfahl diente als Pfeiler; oben wurde der Fuchs daran gebunden, unten ein langer Strick, der bis zum Pulverhäuschen hinlief.

Die Genossen des Doctors folgten seinen Anordnungen, ohne sie noch völlig zu verstehen.

»Da ist die Lockspeise«, sagte er, auf den Fuchs weisend.

Neben den Pfeiler rollte er ein Tönnchen, das einen Centner Pulver enthalten mochte.

»Und hier ist die Mine, fügte er hinzu.

– Aber, fragte Hatteras, mit den Bären werden wir gleichzeitig in die Luft gehen.

– Nein, wir sind von dem Orte der Explosion weit genug entfernt; übrigens ist unser Haus fest, und wenn es etwas aus den Fugen ginge, nun, so werden wir es wiederherstellen.

– Gut, erwiderte Altamont; aber wie wollen Sie zu Werke gehen?

– Folgendermaßen: Wenn wir diesen Strick anziehen, reißen wir den Pfeiler um, der die Eisdecke über der Mine hält; der Balg des Fuchses wird dann sichtbar werden und Sie werden zugeben, daß die durch langes Fasten ausgehungerten Thiere sogleich darüber herfallen werden.

– Zugegeben.

– Nun wohl, in demselben Augenblicke lege ich Feuer an die Mine, und sprenge Mahlzeit und Gäste auf einmal in die Luft.

– Schön, schön!« rief Johnson, welcher der Unterhaltung mit lebhaftem Interesse gefolgt war.

Hatteras hatte zu seinem Freunde so vollkommenes Vertrauen, daß er nach keiner weiteren Erklärung verlangte; er wartete es ruhig ab. Altamont wollte aber näher unterrichtet sein.

»Doctor, sagte er, wie wollen Sie die Brennzeit ihre Lunte so genau berechnen, daß die Explosion im rechten Augenblicke erfolgt?

– Das ist sehr einfach, denn ich berechne sie gar nicht.

– Sie haben doch eine hundert Fuß lange Lunte?

– Nein.

– Dann wollen Sie wohl eine Pulverspur anlegen?

– Nein, die könnte versagen.

– Dann wird sich also Einer entschließen müssen, die Mine zu entzünden?

– Wenn es eines Mannes mit gutem Willen bedarf, sagte Johnson opferwillig, so biete ich mich freiwillig an.

– Das ist unnöthig, mein würdiger Freund, antwortete der Doctor dem alten Rüstmeister, unsere fünf Leben sind kostbar, und sollen, Gott sei Dank, geschont werden.

Dann höre ich auf, zu rathen, bemerkte der Amerikaner.

– Aber, sagte der Doctor lachend, wenn man sich hierbei nicht helfen könnte, wozu hätte man dann Physik studirt!

– Ah, sagte Johnson freudestrahlend, – die Physik hilft!

– Natürlich. Haben wir da nicht eine elektrische Batterie mit hinreichend langen Leitungsdrähten? Ich meine dieselben, die uns beim Leuchtthurme dienten.

– Nun, und …?

– Nun, damit werden wir augenblicklich, wenn es uns gefällt, und ganz ohne Gefahr, die Mine entzünden.

– Hurrah! rief Johnson.

– Hurrah!« die Anderen, unbekümmert, ob es die Feinde hörten oder nicht.

Sogleich wurden die Drähte von dem Hause aus bis nach der Minenkammer gelegt. Ihr eines Ende blieb an der Batterie befestigt, die anderen tauchten in das Pulver, indem sie sich unweit gegenüberstanden.

Um neun Uhr Morgens war Alles beendet; es ward auch die höchste Zeit; wüthend betrieben die Bären das Werk der Zerstörung.

Der Doctor erklärte den Augenblick für gekommen.

Johnson wurde in dem Pulverhäuschen damit beauftragt, den mit dem Pfeiler verbundenen Strick anzuziehen. Er bezog seinen Posten.

»Jetzt, sagte der Doctor zu seinen Gefährten, halten Sie auch die Gewehre bereit für den Fall, daß die Belagerer nicht auf einen Schlag getödtet würden, und halten Sie sich an Johnson’s Seite; sogleich nach der Explosion brechen Sie aus.

– Einverstanden, sagte der Amerikaner.

– Und jetzt haben wir Alles gethan, was Menschen thun können! Wir haben uns geholfen, nun helfe der Himmel weiter!«

Hatteras, Altamont und Bell verfügten sich nach dem Pulverhäuschen. Bei der Batterie blieb der Doctor allein.

Bald hörte er den entfernten Zuruf Johnson’s:

»Achtung!

– Es geht Alles nach Wunsch!« antwortete er.

Johnson zog heftig an dem Taue, es gab nach, indem es die Stütze umriß, dann eilte er nach der Luke und sah nach dem Erfolge.

Die Decke der Boschung senkte sich nieder; über den Bruchstücken ward der Körper des Fuchses sichtbar. Die Bären, welche zuerst erstaunt schienen, stürzten sich doch bald dicht an einander gedrängt auf die willkommene Beute.

»Feuer!« rief Johnson schnell.

Sogleich schloß der Doctor den elektrischen Strom; eine furchtbare Explosion fand statt – das Haus erzitterte wie von einem Erdbeben; die Mauern barsten. Hatteras, Altamont und Bell stürzten hervor, um nöthigenfalls zu feuern.

Aber ihre Waffen waren unnöthig; vier von den fünf Bären, welche die Explosion getroffen hatte, fielen da und dort zerrissen, unkennbar, verstümmelt und verbrannt nieder, während der Letzte, halb geröstet, sein Heil in eiliger Flucht suchte.

»Hurrah! Hurrah! Hurrah!« riefen die Genossen Clawbonny’s, während dieser freudig in ihre Arme fiel.

Vierzehntes Capitel.


Vierzehntes Capitel.

Arktischer Frühling.

Die Gefangenen waren erlöst; ihre Freude sprach sich in lauten Ausbrüchen und lebhaften Dankesbezeugungen gegen den Doctor aus. Die verbrannten und zu keiner Anwendung mehr tauglichen Felle der Bären bedauerte der alte Johnson zwar, ohne daß dies indeß seiner guten Laune besonderen Abbruch that.

Der Tag verging mit Wiederausbesserung des Eishauses, das merkliche Spuren von der Explosion davon getragen hatte.

Man entfernte die von den Thieren herangewälzten Blöcke wieder und verschloß die Mauerfugen auf’s Neue. Die Arbeit schritt, begleitet vom lustigen Gesang des Rüstmeisters, rasch vorwärts.

Am anderen Tage besserte sich die Temperatur wesentlich, und das Thermometer stieg in Folge einer plötzlichen Drehung des Windes bis auf fünfzehn Grad über Null (-9° hunderttheilig). Eine so beträchtliche Differenz war an lebenden und todten Wesen sehr bemerkbar. Der südliche Seewind brachte die ersten Anzeichen des nahenden polaren Frühlings.

Diese relative Wärme dauerte mehrere Tage an; das Thermometer zeigte, geschützt vor dem Winde, sogar einunddreißig Grad über Null (-1° hunderttheilig); es traten Anzeichen von Thauwetter ein.

Das Eis bekam Risse; da und dort sprang schon etwas Salzwasser hervor, wie die Wasserstrahlen in englischen Parks, und einige Tage später strömte reichlicher Regen herab.

Ein dichter Dunst lagerte über dem Schnee; er war ein gutes Vorzeichen und verkündete die baldige Schmelzung der ungeheuren Massen. Die blasse Scheibe der Sonne färbte sich lebhafter und beschrieb längere Bogen am Himmel; die Nacht dauerte jetzt kaum drei Stunden.

Ein anderes nicht weniger bezeichnendes Symptom bildeten die in großer Anzahl wiederkehrenden Schneehühner, Polargänse, Regenvögel und Birkhühner; die Luft ertönte nach und nach von jenem betäubenden Geschrei, dessen sich die Seefahrer noch vom vorigen Frühling her erinnerten; Hasen, welche man in großer Zahl schoß, erschienen an den Ufern der Bai, ebenso wie die arktische Maus, deren Bau eine Reihe regelmäßiger Zellen bildet.

Der Doctor machte seine Gefährten darauf aufmerksam, wie fast alle diese Thiere ihre weißen Winterhaare oder –Federn verloren und gegen die Sommer-Pelze oder –Gefieder umtauschten, sie »machten selbst Frühling«, während die Natur ringsherum ihre Nahrung in Form von Moos, Mohn, Steinbrech und Zwergrasen hervorsprießen ließ. Ein ganz neues Leben brach durch den verschwindenden Schnee hervor.

Mit den unschuldigen Thieren kamen aber auch deren ausgehungerte Feinde wieder; Füchse und Wölfe trabten ihrer Beute nach; und klägliches Geheul erscholl während der kurzen Dunkelheit der Nacht.

Der Wolf dieser Gegend ist unserm Hunde nahe verwandt; er bellt wie dieser, und so täuschend, daß sich auch die geübtesten Ohren, nämlich die der Hunderace selbst, täuschen lassen; man erzählt sogar, daß diese Thiere jene Kriegslist anwenden, um Hunde heranzulocken und diese zu verzehren. Diese Thatsache wurde ebenso in den Hudson-Bai-Ländern beobachtet, wie sie der Doctor in Neu-Amerika bestätigen konnte, und Johnson sorgte deshalb, daß die Hunde des Gespanns, die sich in dieser Schlinge hätten fangen können, nicht umher liefen. Was Duk betraf, so hatte dieser zu viele gesehen, und war zu klug, um in den Rachen eines Wolfs zu laufen.

Während vierzehn Tagen jagte man sehr fleißig und hatte bald frische Fleischvorräthe in Ueberfluß. Man erlegte Schneehühner, Rebhühner und Schnee-Ortolane, die eine leckere Speise boten. Weit vom Fort Providence brauchten sich die Jäger gar nicht zu entfernen; man konnte sagen, daß das kleine Wild ihnen selbst vor die Flinte lief; es belebte durch seine Gegenwart diese sonst so schweigsamen Gegenden ganz eigenthümlich, und die Bai Victoria gewann ein ebenso ungewohntes, als den Augen erquickliches Ansehen.

Die vierzehn Tage nach dem ernsthaften Zusammenstoße mit den Bären wurden so auf wechselnde Art verbracht; das Thauwetter machte sichtliche Fortschritte; das Thermometer stieg auf zweiunddreißig Grad über Null (0° hunderttheilig). Bergströme rauschten in den Hohlwegen und tausend Wasserfälle bildeten sich an den Abhängen der Hügel.

Der Doctor räumte etwa einen Morgen Landes auf und säete darein Kresse, Sauerampher und Löffelkraut, die eine so vortreffliche Heilwirkung beim Scorbut äußern. Schon sproßten kleine grüne Blättchen aus der Erde auf, als der Frost plötzlich wieder die Oberhand in seinem Reiche gewann.

In einer Nacht sank das Thermometer bei strengem Nordwind etwa vierzig Grade, bis auf acht unter Null (-22° hunderttheilig). Alles war wieder gefroren; Vögel, Vierfüßler und Amphibien verschwanden wie durch Zauberschlag; die Robbenlöcher schlossen sich wieder; die Risse verschwanden und das Eis bekam wieder die Härte des Granites, während die Cascaden, in ihrem Herabsturz gehemmt, lange Krystallzapfen bildeten.

Eine merkwürdige Veränderung des Anblicks ging in der Nacht vom 11. zum 12. Mai vor, und als Bell am Morgen die Nase in diesen schneidenden Frost hinaussteckte, hätte er sie beinahe draußen gelassen.

»O, über diesen Norden, rief der Doctor etwas verdrießlich, das ist so eine seiner Plagen! Nun werde ich mein Säen von Neuem anfangen können.«

Hatteras nahm die Sache weniger philosophisch, so sehr trieb es ihn, seine Untersuchungen aufzunehmen, doch wohl oder übel mußte er sich fügen.

»Und werden wir diese Kälte lange Zeit haben? fragte Johnson.

– Nein, mein Freund, antwortete Clawbonny, das ist gewöhnlich der letzte Anfall des Frostes! Sie wissen, daß er hier zu Hause ist und ohne Widerstand läßt er sich nicht vertreiben.

– Er vertheidigt sich wirklich gut, warf Bell ein, sich das Gesicht reibend.

– Ja wohl, bestätigte der Doctor; aber ich hätte das wissen können und meine Sämereien nicht wie ein Unwissender vergeuden sollen, zumal da ich sie nöthigenfalls in der Nähe des Küchenofens hätte treiben lassen können.

– Wie, sagte Altamont, Sie konnten diesen Temperaturwechsel voraussehen?

– Gewiß, und ohne deshalb Prophet zu sein. Ich hätte wenigstens meine Sämereien unter den unmittelbaren Schutz der Heiligen Mamertus, Pancratius und Servatius stellen müssen, deren Namenstage auf den 11., 12. und 13. dieses Monats fallen.

– Können Sie mir beispielsweise sagen, Doctor, rief Altamont, welchen Einfluß die genannten drei Heiligen auf die Temperatur haben könnten?

– Einen sehr großen, wenn man den Gärtnern, welche sie ‚die drei Eisheiligen‘ nennen, Glauben schenkt.

– Und wie das, wenn ich fragen darf?

– Weil gewöhnlich im Monat Mai ein periodisches Froststadium einfällt, und der niedrigste Stand der Temperatur vom 11. bis 13. stattfindet. Das ist mindestens Thatsache.

– Es ist merkwürdig; doch hat man eine Erklärung dafür? fragte der Amerikaner.

– Ja; sogar zwei: Entweder erklärt man es durch die Annahme einer größeren Zahl Asteroïden, die an diesem Tage zwischen Sonne und Erde vorüberziehen sollen; oder einfacher durch die Schmelzung der Schneemassen, welche eine große Menge Wärme bindet. Beide Erklärungen haben Etwas für sich. Muß man die Richtigkeit derselben anerkennen? – Ich weiß es nicht; aber wenn ich das auch nicht thue, durfte ich doch die Thatsache nicht außer Acht lassen und dadurch meine Pflanzungen in Gefahr bringen.«

Der Doctor hatte Recht; mochte nun Dies oder Jenes die Ursache sein, die Kälte hielt bis Ende des Monats an; die Jagd mußte unterbrochen werden, nicht weil der Frost zu heftig gewesen wäre, als weil es Nichts zu jagen gab; zum Glück waren die Vorräthe an frischem Fleische bei Weitem noch nicht erschöpft.

Die Ueberwinternden waren also zu neuer Unthätigkeit verurtheilt; während der nächsten vierzehn Tage, vom 11. bis 25. Mai, wurde ihr eintöniges Leben nur von einem einzigen Ereigniß unterbrochen, einer schweren Krankheit, die Rachenbräune, welche den Zimmermann unerwartet überfiel; bei den heftig geschwollenen Mandeln und den falschen Membranen, die darauf abgelagert waren, konnte der Doctor bezüglich der Diagnose nicht in Zweifel sein; hier war er aber in seinem Elemente, und die böse Krankheit, die auf ihn gewiß nicht gerechnet hatte, wurde bald abgewendet. Die Behandlung Bell’s war sehr einfach, und die Apotheke nicht weit. Der Doctor that Nichts weiter, als daß er den Kranken Eisstückchen in den Mund nehmen ließ; schon nach einigen Stunden sank die Anschwellung zusammen und die falschen Membranen stießen sich los; vierundzwanzig Stunden später war Bell wieder auf den Füßen.

Als man sich über das Verfahren des Doctors wunderte, antwortete dieser:

»Hier zu Lande sind die Halsentzündungen einheimisch, und das Heilmittel dagegen muß nahe dem Uebel sein.

– Das Heilmittel und besonders der Arzt«, fügte Johnson hinzu, in dessen Augen der Doctor zu wahrhaft pyramidalem Ansehen stieg.

Während dieser neuen Muße beschloß der Letztere mit dem Kapitän eine wichtige Auseinandersetzung zu veranlassen; es handelte sich darum, Hatteras darauf zurückzuführen, daß der Weg nach Norden unternommen werden solle, ohne eine Schaluppe, ein Canot, ein Stück Holz mitzunehmen, um mit ihm die See oder Meerengen zu überschreiten. Der Kapitän, der unbeugsam auf seinen Ideen beharrte, hatte sich ja in aller Form gegen die Erbauung eines Fahrzeuges aus den Resten des Porpoise ausgesprochen.

Es wurde demnach dem Doctor nicht leicht, jenes Thema anzufassen, und doch war es wichtig, dasselbe gründlich bis zur Entscheidung zu behandeln, denn bald mußte nun ja der Juni die Zeit der größeren Ausflüge herbeiführen. Nach reiflicher Ueberlegung nahm er Hatteras endlich einmal bei Seite und sprach zu ihm mit dem Ausdrucke sanfter Freundlichkeit:

»Hatteras, halten Sie mich für Ihren Freund?

– Gewiß, erwiderte der Kapitän schnell, für den besten, vielleicht für den einzigen.

– Wenn ich Ihnen einen, wenn auch unverlangten Rath ertheile, fuhr der Doctor fort, glauben Sie, daß ich das aus Eigennutz thue?

– Nein, denn das persönliche Interesse hat nie Ihre Handlungen bestimmt; aber wohinaus zielen Sie?

– Erlauben Sie mir noch eine Frage, Hatteras; halten Sie mich für einen eben so guten Engländer als Sie, und für eben so ehrgeizig auf den Ruhm unseres Vaterlandes?«

Erstaunt maß Hatteras den Doctor mit den Augen.

»Ja, erwiderte er, und forschte mit den Augen nach dem Zwecke seiner Fragen.

– Sie wollen bis zum Nordpol vordringen, fuhr der Doctor fort; ich begreife Ihren Ehrgeiz, ja, ich theile ihn; aber um dieses Ziel zu erreichen, würden wir nichts Nothwendiges unterlassen dürfen.

– Nun, habe ich bis jetzt nicht Alles diesem Zwecke geopfert?

– Nein, Hatteras, Ihr persönliches Widerstreben haben Sie nicht geopfert, und noch jetzt sehe ich Sie die unumgänglichsten Hilfsmittel, den Pol zu erreichen, ausschlagen.

– Aha, fiel Hatteras ein, Sie wollen von jener Schaluppe, von jenem Manne sprechen …

– Hatteras, wir wollen ganz ruhig und kaltblütig verhandeln, und die Sache von allen Seiten betrachten. Diese Küste, auf der wir den Winter zugebracht haben, kann unterbrochen sein; Nichts giebt uns einen Beweis, daß sie sich durch sechs Breitengrade bis zum Pole erstrecke; wenn die Angaben, welche uns bis hierher führten, sich bestätigen, so werden wir während des Sommers eine große Fläche freien Wassers vorfinden. Nun, und wenn wir vor dem Arktischen Ocean stehen, der frei von Eis, aber ohne Hinderniß für die Schifffahrt ist, was werden wir beginnen, wenn uns die Mittel fehlen, darüber zu setzen?«

Hatteras antwortete nicht.

»Wird es Ihnen genehm sein, sich wenige Meilen vom Pole entfernt zu befinden, ohne bis dahin gelangen zu können?«

Der Kapitän hatte den Kopf in die Hände sinken lassen.

»Und nun, betrachten wir die Frage einmal vom moralischen Standpunkte aus. Ich begreife, daß ein Engländer sein Vermögen, ja, seine Existenz einsetzt, um England ein neues Lorbeerblatt zu erwerben. Aber weil ein Boot aus einigen, von einem amerikanischen Schiffe genommenen Planken gezimmert worden ist, kann das die Ehre der Entdeckung schmälern? Und wenn Sie nun selbst hier ein verlassenes Schiff aufgefunden hätten, würden Sie Anstand genommen haben, sich seiner zu bedienen? Kommen nicht dem Chef einer Expedition allein die Früchte des Erfolges zu? – und ich frage Sie noch, wird denn diese Schaluppe, welche vier Engländer erbauen, und vier Engländer bemannen, wird sie nicht vom Kiel bis zum Deck eine englische sein?«

Hatteras schwieg noch immer.

»Nein, nahm der Doctor wieder das Wort, sprechen wir offenherzig, nicht die Schaluppe liegt Ihnen am Herzen, sondern der Mann.

– Ja, Doctor, ja, erwiderte der Kapitän, dieser Amerikaner, der meinen ganzen englischen Haß wachruft; dieser Mann, den das Schicksal mir in den Weg werfen mußte …

– Um Sie zu retten!

– Um mich zu verderben! Mir scheint es, als hänsele er mich, als rede er hier als Herr und Meister, als bilde er sich ein, mein Geschick in der Hand und meine Pläne errathen zu haben. Bekannte er nicht schon Farbe, als es sich darum handelte, diese neuen Länder zu taufen? Hat er je eingestanden, was er in diesen Breiten überhaupt vorhabe? Sie werden mir nicht einen Gedanken, der mich martert, nehmen können, nämlich den, daß er der Chef einer von der Unionsregierung auf Entdeckungsreisen ausgesendeten Expedition ist.

– Und wenn das wäre, wer beweist, daß diese Expedition auch den Nordpol zum Ziele hatte? Kann Amerika nicht eben so gut wie England die nordwestliche Durchfahrt suchen? Jedenfalls kennt Altamont Ihre Absichten nicht im Mindesten, denn weder Johnson, noch Bell, noch Sie, noch ich haben vor ihm je ein Wort davon gesprochen!

– Nun gut, so möge er sie auch nie kennen lernen.

– Das wird nicht angehen, denn wir können ihn doch nicht allein hier zurücklassen?

– Warum das nicht? fragte Hatteras mit einer gewissen Heftigkeit; kann er nicht im Fort Providence wohnen bleiben?

– Da würde er schwerlich zustimmen, Hatteras; übrigens, diesen Mann zu verlassen, den wiederzufinden wir bei der Rückkehr nicht einmal sicher sind, wäre mehr als unklug, es wäre unmenschlich; Altamont wird mitkommen und muß es auch! Da es aber unnütz wäre, ihm jetzt Gedanken beizubringen, die er noch nicht hat, so sagen wir ihm auch nichts, sondern bauen eine Schaluppe, die scheinbar zur Erforschung dieser neuen Ufer bestimmt ist.«

Noch vermochte Hatteras nicht auf die Ideen seines Freundes einzugehen; dieser erwartete vergeblich eine Antwort.

»Und wenn dieser Mann die Zerstückelung seines Schiffes nicht zugäbe? sagte endlich der Kapitän.

– In diesem Falle wäre das volle Recht auf Ihrer Seite; Sie würden trotz seines Widerspruchs eine Schaluppe bauen lassen und er hätte keinen weiteren Anspruch.

– Gebe der Himmel, daß er es abschlägt! rief Hatteras.

– Vorher aber, erwiderte der Doctor, ist eine Anfrage nöthig; ich erbiete mich, diese zu stellen.«

Wirklich brachte noch denselben Abend, beim Essen, Clawbonny das Gespräch auf gewisse Projecte zu Ausflügen während der Sommermonate, wobei die Küste hydrographisch aufgenommen werden sollte.

»Ich denke, Sie werden sich uns anschließen, Altamont, sagte er.

– Gewiß, antwortete der Amerikaner, wir müssen doch wissen, wie weit sich Neu-Amerika erstreckt.«

Hatteras sah seinen Nebenbuhler, als dieser so sprach, scharf an.

»Und dazu, fuhr Altamont fort, müssen wir aus den Resten des Porpoise den besten Nutzen zu ziehen suchen. Wir wollen eine feste Schaluppe bauen, die uns weit tragen kann.

– Sie hören es, Bell, sagte lebhaft der Doctor, von morgen an gehen wir an’s Werk.«

Elftes Capitel.


Elftes Capitel.

Beunruhigende Spuren.

In der Nacht vom 26. zum 27. April schlug das Wetter um; das Thermometer sank merkbar, so daß die Insassen von Doctors-House die Kälte spürten, die bis unter ihre Decken drang. –

Altamont, der die Ofenwache hatte, bemühte sich, das Feuer nicht ausgehen zu lassen, und mußte tüchtig nachlegen, um die Temperatur im Innern auf fünfzig Grad über Null (+10° hunderttheilig) zu erhalten.

Der Wiedereintritt der Kälte bezeichnete das Ende des stürmischen Wetters, worüber sich der Doctor sehr freute; nun konnten ja die gewohnten Beschäftigungen, wie Jagden, Ausflüge, Erforschung des Landes und dergleichen wieder aufgenommen werden, was endlich der thätigkeitslosen Einsamkeit ein Ziel setzte, über die zuletzt auch die besten Menschen ärgerlich werden.

Am folgenden Morgen verließ der Doctor frühzeitig das Bett und bahnte sich durch die aufgehäuften eisigen Massen einen Weg bis zu dem Gipfel, auf dem der Leuchtthurm stand.

Der Wind war nach Norden umgesprungen; die Atmosphäre war klar; lange weiße Flächen boten dem Fuße ihren erhärteten Teppich.

Bald verließen die fünf Wintergenossen Doctors-House; ihre erste Sorge war, das Haus von den umhergelagerten Eismassen zu befreien; das Plateau erkannte man kaum wieder, es wäre unmöglich gewesen, darauf die Spuren einer Wohnung zu erkennen. Der Sturm, der die Unebenheiten des Terrains zufüllte, hatte Alles geebnet; mindestens um fünfzehn Fuß war der Boden erhöht.

Zuerst mußte man zum Wegräumen der Schneemassen schreiten; dann verlieh man dem Gebäude wieder eine architektonische Form, indem man seine Linien vereinigte und sein Aussehen wiederherstellte. Das war übrigens nicht allzuschwer, denn nachdem das Eis fortgeschafft war, genügte einige Arbeit mit dem Eismesser, den Mauern ihre normale Stärke wiederzugeben.

Nach zwei Stunden anhaltender Arbeit ward der Granitboden wieder sichtbar; dann wurde auch der Weg nach den Magazinen und dem Pulverhäuschen wieder gangbar gemacht.

Da sich bei dem so unzuverlässigen Klima ein solcher Zustand jeden Tag wiederholen konnte, entnahm man neuen Vorrath an Lebensmitteln und schaffte ihn in die Küche. Nun machte sich den durch das Salzfleisch gereizten Magen aber auch das Bedürfniß nach frischem Fleische fühlbar; die Jäger wurden demnach beauftragt, diese erhitzende Nahrungsweise einmal abzuändern, und sie bereiteten sich zu einer Partie.

Doch war mit Ende April der polare Frühling noch nicht gekommen; das dauerte noch mindestens sechs Wochen. Die noch schwachen Sonnenstrahlen vermochten diese Schneeflächen nicht zu durchdringen und dem Boden die dürftige Flora jener Gegenden zu entlocken. Man mußte wohl fürchten, daß die Thiere, Vögel und Vierfüßler noch sehr selten seien. Doch hätten ein Hase, einige Paar Schneehühner, selbst ein junger Fuchs die Tafel in Doctors-House geziert, und die Jäger waren entschlossen, unerbittlich Alles, was ihnen vor den Flintenlauf kam, zu erlegen.

Der Doctor, Altamont und Bell machten sich daran, das Land zu erforschen. Altamont mußte, seinem Auftreten nach, ein geschickter und entschlossener Jäger sein; er war ein trefflicher Schütze, aber auch etwas großsprecherisch. Er war also bei der Partie, ganz wie Duk, der in seiner Art gleichviel werth war, und weniger schwatzte.

Die drei Reisegenossen stiegen auf die östliche Erhöhung hinauf und drangen quer über die weißen Ebenen; sie brauchten indeß nicht weit zu gehen, denn kaum zweitausend Schritte vom Fort wurden zahlreiche Fährten sichtbar; von dieser Stelle aus gingen sie nach dem Ufer der Victoria-Bai und schienen rings das Fort in concentrischen Kreisen zu umschließen.

Nachdem die Jäger diese Spuren aufmerksam verfolgt, sahen sie sich einander an.

»Nun, sagte der Doctor, das scheint mir jetzt klar.

– Nur zu klar, setzte Bell hinzu; das sind Spuren von Bären.

– Ein prächtiges Stück Wild, antwortete Altamont, aber heute scheint es mir doch einen großen Fehler zu haben.

– Welchen? fragte der Doctor.

– Seine große Anzahl, erwiderte der Amerikaner.

– Was wollen Sie damit sagen, versetzte Bell.

– Ich will sagen, daß das die Spuren von fünf vollkommen zu unterscheidenden Bären sind; und fünf Bären auf fünf Menschen ist doch etwas viel.

– Sind Sie Ihrer Ansicht sicher? fragte der Doctor.

– Sehen und urtheilen Sie selbst; hier ist eine Fährte, die jener anderen nicht gleicht; die Krallen von diesen hier sind weiter abstehend, als die von jenen; da ist auch noch die Fußtapfe eines kleineren Bären. Wenn Sie vergleichen, werden Sie in bestimmtem Raume immer die Spuren von fünf Thieren finden.

– Es ist unzweifelhaft, sagte Bell, nachdem er sich die Sache genau angesehen.

– Dann, meinte der Doctor, gilt es hier nicht unnütze Bravour zu zeigen, sondern auf unserer Hut zu sein; diese Thiere sind durch den strengen Winter ausgehungert, und können deshalb sehr gefährlich werden; und da über ihre Zahl kein Zweifel sein kann …

– Und auch nicht über ihre Absichten, fiel Altamont ein.

– Sie glauben, sagte der Erstere, daß diese unseren Aufenthalt an der Küste aufgespürt haben?

– Gewiß, wenn wir nicht nur auf eine Wechselfährte der Bären gestoßen sind. Aber warum gehen diese Spuren rund herum und verlieren sich nicht in der Ferne? Da sehen Sie, von Südosten sind die Thiere gekommen, haben dann hier Halt gemacht, und von dieser Stelle aus das Terrain durchstöbert.

– Sie haben Recht, sagte der Doctor; es steht sogar fest, daß sie diese Nacht gekommen sind.

– Und ohne Zweifel auch die früheren Nächte, antwortete Altamont, nur wird der Schnee ihre Spuren verdeckt haben.

– Nein, erwiderte der Doctor, es ist vielmehr anzunehmen, daß die Bären auch das Ende der Stürme abgewartet haben; durch die Noth getrieben, haben sie sich dann nach der Küste der Bai aufgemacht, um einige Robben zu fangen, und haben uns dabei ausgewittert.

– So ist’s gerade, sagte Altamont; übrigens können wir leicht erfahren, ob sie nächste Nacht wiederkehren.

– Wie das? fragte Bell.

– Wir verwischen die Spuren auf einer Strecke Weges, und wenn wir morgen frische eingedrückte Spuren bemerken, ist es sicher, daß das Fort Providence das Ziel ist, nach dem sie trachten.

– Gut, sagte der Doctor, dann werden wir wenigstens wissen, woran wir sind.«

Die drei Jäger gingen an’s Werk, und indem sie den Schnee darüber scharrten, hatten sie bald auf eine Entfernung von sechshundert Fuß jede Fährte zerstört.

»Es ist doch auffallend, sagte Bell, daß die Thiere uns auf eine so große Entfernung hin aufspüren konnten, da wir kein Fett verbrannt haben, das sie hätte anlocken können.

– O, sagte der Doctor, die Bären haben sehr scharfen Gesichts- und sehr feinen Geruchssinn; dazu sind sie sehr gescheit, wenn nicht die gescheitesten aller Thiere, und haben von hier aus gewiß etwas Ungewohntes gewittert.

– Wer sagt uns übrigens, bemerkte Bell, daß sie nicht während des Sturmes sogar bis zu dem Plateau gekommen sind?

– Ja, sagte der Amerikaner, warum hätten sie sich dann aber letzte Nacht gerade auf diese Grenze beschränkt?

– Darauf giebt es freilich keine Antwort, erwiderte der Doctor, und wir müssen annehmen, daß sie den Kreis ihrer Nachforschungen immer enger um das Fort Providence ziehen werden.

– Das werden wir wohl sehen, antwortete der Amerikaner.

– Nun wollen wir unseren Weg fortsetzen, sagte der Doctor, aber wachsamen Auges!«

Die Jäger lugten scharf aus; sie mochten fürchten, hinter irgend einem kleinen Eisberge lauere ein Bär; häufig hielten sie große Blöcke, die ungefähr die Form und Farbe derselben hatten, auch selbst für solche; aber zuletzt und zu ihrer großen Befriedigung war es immer eine Täuschung.

Endlich kamen sie dem Bergkegel wieder nahe, von wo aus ihr Blick vergeblich vom Cap Washington bis zur Insel Johnson streifte.

Sie sahen Nichts; Alles war unbeweglich und weiß; kein Geräusch, kein Krachen des Eises war hörbar.

So kehrten sie in das Schneehaus zurück.

Hatteras und Johnson wurden mit dem Vorgefallenen bekannt gemacht, und man beschloß mit angestrengtester Aufmerksamkeit zu wachen. Die Nacht kam; Nichts störte ihre Ruhe, Nichts ließ sich hören, was die Nähe einer Gefahr verrathen hätte.

Am folgenden Tage machten sich Hatteras und seine Begleiter schon mit der Morgendämmerung wohlbewaffnet auf, den Zustand der Schneefläche nachzusehen; sie entdeckten Spuren, die denen des vorigen Tages vollkommen entsprachen, aber näher waren. Offenbar machten die Feinde Anstalt, das Fort Providence zu belagern.

»Sie haben ihre zweite Parallele eröffnet, sagte der Doctor.

– Sie haben sogar einen Posten vorgeschoben, erwiderte Altamont; sehen Sie dort diese Fährte, sie gehört einem gewaltigen Thiere an.

– Ja, sagte Johnson, diese Bären kommen nach und nach heran; es ist augenscheinlich, daß sie uns angreifen wollen.

– Das unterliegt keinem Zweifel, entgegnete der Doctor, darum vermeiden wir, uns sehen zu lassen. Wir sind nicht stark genug, um mit Erfolg einen offenen Kampf aufzunehmen.

– Aber wo mögen diese verdammten Bären sein? rief Bell.

– Hinter irgend einem Schollenhaufen im Osten, von wo aus sie uns beobachten; wir wollen uns keinem unklugen Abenteuer aussetzen.

– Und die Jagd? warf Altamont ein.

– Werden wir einige Tage aufschieben; wir wollen auf’s Neue die nächsten Fährten verlöschen, und morgen nachsehen, ob sie wieder da sind. So werden wir uns bezüglich der Manoeuvres unserer Feinde auf dem Laufenden erhalten.«

Des Doctors Rath ward befolgt, und man zog sich wieder in das Fort zurück. Die Anwesenheit dieser furchtbaren Thiere machte jeden Ausflug unmöglich. Man überwachte aufmerksam die Umgebungen der Victoria-Bai. Der Leuchtthurm wurde gelöscht, er hatte jetzt keinen thatsächlichen Nutzen und erregte eher die Aufmerksamkeit der Thiere; die Laterne und die Leitungsschnüre wurden in das Haus hereingenommen; ferner begab sich Einer nach dem Anderen zur Umschau auf das obere Plateau.

Nun hatten sie auf’s Neue die Unlust der Abschließung auszuhalten; aber konnten sie anders handeln? In einen so ungleichen Kampf konnte man sich nicht einlassen, und das Leben jedes Einzelnen war zu kostbar, um es unklug auf’s Spiel zu setzen. Wenn die Bären Nichts mehr sahen, gaben sie vielleicht das Spüren auf, und traf man sie bei einem Ausfluge einzeln, so waren sie schon mit Erfolg anzugreifen.

Diese Unthätigkeit wurde indeß auch durch ein neues Interesse belebt; es galt zu wachen, und Keiner bedauerte, ein wenig Vorposten stehen zu müssen.

Der 28. April verging ohne ein Lebenszeichen der Feinde.

Am anderen Tage suchte man mit lebhafter Neugierde die Fährte wieder auf, und war nicht wenig erstaunt, keine zu finden. Weit und breit sah man nur die unberührte Schneefläche.

»Gut! rief Altamont, die Bären haben ihr Spüren aufgegeben, sie hatten keine Ausdauer und wurden des Wartens müde. Sie sind fort! Glückliche Reise! Und nun auf, zur Jagd!

– Halt! Halt! wendete der Doctor ein, wer weiß? Zu größerer Sicherheit, meine Freunde, verlange ich noch einen Tag Ueberwachung; sicher ist nur, daß der Feind diese Nacht nicht zurückgekehrt ist, mindestens nicht von dieser Seite her …

– So umgehen wir das ganze Plateau, sagte Altamont, dann wissen wir gleich, woran wir sind.

– Recht gern!« erwiderte der Doctor.

Aber mochte man auch noch so achtsam den ganzen Raum innerhalb zwei Meilen absuchen, es war unmöglich, nur die geringste Fährte zu entdecken.

»Nun, gehen wir nun jagen? fragte ungeduldig der Amerikaner.

– Warten wir bis morgen, entgegnete der Doctor.

– Also bis morgen«, versetzte Altamont, der sich nur mit Mühe zurückhielt.

Alle gingen in’s Fort zurück und Jeder mußte, wie den Tag vorher, immer eine Stunde auf dem Beobachtungspunkte verbleiben.

Als die Reihe an Altamont kam, verfügte er sich zur Ablösung Bell’s nach dem Bergkegel.

Sobald er nur hinaus war, rief Hatteras seine Gefährten um sich zusammen. Der Doctor verließ sein Notizenheft und Johnson die Oefen.

Man hätte glauben können, daß Hatteras mit ihnen über die Gefahren ihrer Lage habe reden wollen; aber daran dachte er nicht.

»Meine Freunde, sagte er, benutzen wir die Abwesenheit dieses Amerikaners, um einmal von unseren Angelegenheiten zu sprechen; es giebt Sachen, die ihn Nichts angehen und in welche ich seine Einmischung nicht wünschte.«

Die Angeredeten sahen sich an, da sie noch nicht wußten, wo er hinaus wolle.

»Ich wünsche mich mit Euch, fuhr er fort, über unsere zukünftigen Projecte zu verständigen.

– Gut, gut, erwiderte der Doctor, darüber wollen wir reden, da wir allein sind.

– In einem Monate, sagte Hatteras, spätestens in sechs Wochen wird die Zeit zu größeren Ausflügen wieder da sein. Habt Ihr daran gedacht, was wir wohl während des Sommers unternehmen sollen?

– Und Sie, Kapitän, fragte Johnson.

– Ich, ich kann sagen, daß mir keine Stunde verstreicht, die mich nicht mit meiner Idee beschäftigt fände. Ich nehme an, daß Keiner die Absicht hat, den Weg rückwärts zu gehen?«

Diese Anmuthung blieb ohne augenblickliche Antwort.

»Was mich betrifft, fuhr Hatteras fort, und müßte ich allein gehen, ich ginge bis zum Nordpole, von dem wir höchstens noch dreihundert Meilen entfernt sind. Noch niemals näherten sich Menschen soweit diesem ersehnten Ziele, und ich möchte eine solche Gelegenheit nicht verlieren, ohne Alles versucht zu haben, selbst das Unmögliche. Was sind in dieser Hinsicht Ihre Absichten?

– Die Ihrigen, antwortete lebhaft der Doctor.

– Und die Ihrigen, Johnson?

– Die des Doctors, erwiderte der alte Schiffer.

– Es ist noch an Ihnen, zu sprechen, Bell, sagte Hatteras.

– Kapitän, entgegnete der Zimmermann, uns erwartet keine Familie in England, das ist wahr, aber die Heimat bleibt doch die Heimat! Denken Sie denn an keine Rückkehr?

– Die Rückkehr wird sich nach der Entdeckung des Poles noch ebensogut ausführen lassen, erwiderte der Kapitän. Selbst noch besser. Die Schwierigkeiten derselben werden nicht größer geworden sein, denn bei der Rückkehr entfernen wir uns immer mehr von den kältesten Punkten der Erdkugel. Wir haben noch für lange Zeit Brennmaterial und Nahrungsmittel. Nichts kann uns demnach abhalten, und wir würden uns eine wahre Schuld aufladen, nicht bis an’s Ziel gegangen zu sein.

– Nun denn, sagte Bell, wir sind Alle Ihrer Meinung, Kapitän.

– Gut, antwortete Hatteras, ich habe auch nie an Ihnen gezweifelt. Wir werden siegen, meine Freunde, und England wird den vollen Ruhm unseres Erfolges haben.

– Aber es ist ein Amerikaner unter uns«, sagte Johnson.

Hatteras vermochte bei dieser Bemerkung eine zornige Bewegung nicht zu unterdrücken.

»Ich weiß es, sagte er ernst.

– Wir können ihn hier nicht zurücklassen, meinte der Doctor.

– Nein, das können wir nicht, sagte mechanisch Hatteras.

– Und er wird bestimmt mitkommen.

– Ja! Er wird mitkommen! Aber wer wird den Befehl führen?

– Sie, Kapitän.

– Und wenn Ihr Anderen mir gehorcht, sollte dieser Yankee den Gehorsam verweigern?

– Ich glaube es nicht, antwortete Johnson; und wenn er sich wirklich Ihren Anordnungen nicht fügen wollte …

– So wäre das dann eine Frage zwischen ihm und mir.«

Schweigend sahen die drei Engländer Hatteras an. Der Doctor ergriff wieder das Wort.

»Wie werden wir reisen? sagte er.

– So viel als möglich längs der Küste, erwiderte Hatteras.

– Aber wenn wir, wie es wahrscheinlich ist, auf ein offenes Meer stoßen?

– Nun gut, dann setzen wir hinüber.

– Aber wie? Wir haben kein Fahrzeug.«

Hatteras blieb die Antwort schuldig; er war offenbar in Verlegenheit.

»Man könnte vielleicht, sagte Bell, eine Schaluppe aus den Trümmern des Porpoise bauen.

– Nimmermehr! fuhr Hatteras heftig auf.

– Nimmermehr?« fragte Johnson.

Der Doctor schüttelte den Kopf; er verstand das Widerstreben des Kapitäns.

»Nimmermehr! wiederholte dieser. Eine Schaluppe aus dem Holze eines amerikanischen Schiffes gebaut, wäre auch eine amerikanische! …

– Aber, Kapitän! …« begann Johnson.

Der Doctor gab dem alten Schiffer einen Wink, jetzt nicht hierbei zu verharren. Diese Frage mußte für einen gelegeneren Augenblick erspart bleiben. Wenn der Doctor auch Hatteras‘ Widerstand vollkommen begriff, so theilte er ihn doch nicht, und hoffte schon, den Freund wieder von seiner so bestimmten Entschließung zurückzubringen. Er sprach nun von Anderem; von der Möglichkeit, von der Küste aus direct nach Norden zu dringen, und von jenem unbekannten Punkte der Erdkugel, den man den Nordpol nennt.

Kurz, er vermied die gefährlicheren Seiten der Unterhaltung bis zu dem Augenblick, wo sie plötzlich unterbrochen wurde, und das war beim Wiedereintritt Altamont’s.

Dieser hatte nichts Neues mitzutheilen.

So endete der Tag, und auch die Nacht verlief ruhig. Offenbar waren die Bären verschwunden.