Roman

2. Kapitel. Mazarins Nachfolger

Colbert war schon den ganzen Tag im Palast gewesen und hatte sich an Bernouin, den Kammerdiener, und Brienne, den Sekretär, herangemacht, um allerlei Neuigkeiten zu erfahren. Colbert, der als Nachfolger Mazarins der größte Staatsmann und Organisator seiner Zeit werden sollte, war damals von mittlerer Größe und hager. Seine Augen lagen tief, sein Gesicht fiel durch keine außergewöhnlichen Züge auf, sein Haar war dünn und struppig. Er war dreizehn Jahre älter als Ludwig XIV., sein künftiger Herr. Sein Blick war ernst, sein Wesen ein wenig steif, was von Leuten, die ihn nicht kannten, für Blasiertheit gehalten wurde. Nachdem Mazarin auf Colberts Talent aufmerksam gemacht worden war, arbeitete dieser unermüdlich selbst an seiner Karriere weiter. Er war der Sohn eines Kaufmanns, aber das Kontor seines Vaters hatte er bald mit der Schreibstube eines Staatsanwalts vertauscht, wo er seine Kenntnisse erweiterte und zu der schätzbaren Kunst, Berechnungen anzustellen, die unschätzbare Kunst, sie zu verwirren, hinzulernte. Das Glück verschaffte ihm bald darauf eine Stelle bei dem Staatssekretär Michel Letellier, und dieser Posten war das Sprungbrett, von dem aus er sich mit einem kühnen Satze in die Nähe Mazarins schwang.

Man erzählt sich darüber die folgende Anekdote. ES war um die Zeit der Fronde, und Mazarins Stellung war sehr gefährdet. Anna von Oesterreich schien willens, ihn fallen zu lassen. Sie hatte an Letellier einen Brief geschrieben, der für Mazarin ungemein kompromittierend und für Letellier natürlich ungemein wertvoll war. Aber Michel Letellier hatte gern zwei Eisen im Feuer und wollte sich doch mit Mazarin noch nicht völlig überwerfen. Er kam daher auf den Einfall, ihn den Brief Annas von Oesterreich lesen zu lassen. Es war aber keine Kleinigkeit, dieses Schreiben an den Kardinal zu senden; denn die Schwierigkeit lag darin, es auch wirklich zurückzuerhalten. Er erteilte nun Colbert den heiklen Auftrag. Mazarin errötete, als er den Brief las, schenkte Colbert ein gnädiges Lächeln und entließ ihn. – »Wann habe ich die Antwort zu holen?« fragte der Bote. – »Morgen früh.« – Um sieben Uhr war Colbert zur Stelle. Er mußte bis zehn Uhr warten. Dann ließ Mazarin ihn vor und übergab ihm eigenhändig ein Paket. »An den Staatssekretär Letellier,« sagte er und schob Colbert mit freundlichem Lächeln zur Tür. – »Und der Brief der Königin-Mutter?« fragte Colbert. – »Ist im Paket,« antwortete Mazarin. – Colbert nahm den Hut zwischen die Knie und zerriß das Siegel. – »Was fällt Ihnen ein?« rief der Kardinal. »Trauen Sie meinem Wort nicht? Welche unerhörte Frechheit!« – »Ihrem Worte selbstverständlich,« versetzte Colbert ganz ruhig. »Aber Ihr Kanzleipersonal ist vielleicht nicht so zuverlässig – so ein Brief wird leicht vergessen – und sehen Sie, daß ich recht habe. Er ist wirklich in der Kanzlei vergessen worden – er ist nicht im Paket.« – »Unverschämter Mensch!« rief Mazarin, entriß ihm das Paket und lief hinaus. – Nun erschien Colbert an jedem Morgen, so oft er abgewiesen wurde, und endlich mußte Mazarin den Brief der Königin-Mutter herausrücken. Colbert prüfte das Schriftstück von allen Seiten, hielt es sich sogar an die Nase und unterzog die Schriftzüge einer so genauen Untersuchung, als wenn er es mit dem gemeinsten Fälscher zu tun gehabt hätte. Mazarin schäumte vor Wut, aber Colbert kehrte sich gar nicht daran. Als später all diese Dinge vergessen waren und Mazarin so fest saß wie nie zuvor, da erinnerte er sich dieses Schreibers und der Hartnäckigkeit, die er bewiesen, und nahm ihn zu sich. Colbert erwarb sich rasch die Gunst Mazarins und wurde ihm mit der Zeit ganz unentbehrlich. Er gestattete ihm Einblick in alle seine Geschäfte, so daß Colbert, umsichtig und scharfblickend wie er war, nicht nur über die Staatsfinanzen, sondern auch über die persönlichen Vermögensverhältnisse Mazarins genau unterrichtet war.

Als nun Mazarin sich dem Ende nahe glaubte, rief er Colbert sofort zu sich, um mit ihm schleunigst alles in Ordnung zu bringen. »Es kann sein, daß ich das Zeitliche segnen muß, Colbert,« sprach er, »da ist es not, daß wir ein ernstes Wort miteinander reden.« – »Sterben muß jeder Mensch,« antwortete Colbert gelassen. – »Ich habe dies stets vor Augen gehabt und dafür gesorgt, daß ich nicht mittellos sterbe. Wie hoch schätzen Sie mein Vermögen?« – »Auf vierzig Millionen und 560 000 Livres.« Der Kardinal seufzte tief auf und lächelte mühsam. – »Das ist die bekannte Höhe,« setzte Colbert hinzu. – »Was meinen Sie damit?« fragte Mazarin erstaunt. – »Außer dieser Summe sind noch 13 Millionen vorhanden, von denen niemand etwas weiß. Sie sterben als reicher Mann, Eminenz, während der König keine 500 000 Livres in der Schatulle hat.«

»Was wollen Sie damit sagen?« fuhr Mazarin auf. »Habe ich mein Gehalt zu Unrecht bezogen? Habe ich etwa nicht Ordnung in die Finanzen des Reichs gebracht? Wieviel der König hat, das ist Sache seines Schatzmeisters. Dafür hat Fouquet aufzukommen. Mich geht das gar nichts an. Wollen Sie damit sagen, ich müßte dem König mein Geld vermachen? Ich denke nicht daran – ein paar Legate, ja, aber alles nicht! Ich kann meine Verwandten nicht benachteiligen.« – »Eminenz,« antwortete der unerschütterliche Sekretär, »ein Legat wäre eine Beleidigung des Königs und könnte so ausgelegt werden, als wenn Sie diesen Teil Ihres Vermögens als unrecht erworben ansähen.« – »Also muten Sie mir im Ernst zu, all mein Geld in die Schatulle des Königs zu werfen?« rief Mazarin ironisch. »Das wäre ein gefundener Bissen für Ludwig XIV. Er würde sich ins Fäustchen lachen und meine sauer ersparten Taler bald verschwendet haben.«

»Eure Eminenz sehen in diesem Punkte falsch,« erwiderte Colbert. »Sie beurteilen den Charakter Ludwigs XIV. nicht ganz richtig. Wenn ihm gewisse Dinge gesagt werden, so wird er die Schenkung nicht annehmen.« – »Sie meinen, er würde 40 Millionen zurückweisen? Und was sind denn das für Dinge, die ihm gesagt werden müßten?« – »Die will ich niederschreiben, wenn Eminenz sie mir diktieren wollen,« antwortete Colbert in vielsagendem Tone. – »Und was hätte ich von diesem gewagten Experiment?« fragte der Kardinal. – »Einen ungeheuren Vorteil,« antwortete Colbert, »niemand wird dann Eure Eminenz noch des Geizes anklagen können, wie dies bisweilen in Flugblättern ungerechterweise geschehen ist. Der glänzendste Geist unsers Jahrhunderts wird dann von diesem Vorwurf auf immer befreit sein. Und nachdem Eminenz soviel für Ihren Ruhm getan, sollten Sie auch etwas für Ihren Nachruhm tun.« – »Sie haben recht, Colbert,« antwortete Mazarin. »Aber wenn nun der König doch annimmt?« – »Dann bleiben Ihren Verwandten immer noch 13 Millionen, und das ist eine hübsche, runde Summe. Allein Sie sollten nicht die Annahme, sondern vielmehr die Ablehnung fürchten.« – »Wenn er ablehnt, so stelle ich ihm diese 13 Millionen sicher – ja, ganz bestimmt. Die Schmerzen kehren wieder. O, wirklich, Colbert, ich bin dem Ende nahe.«

Mazarin war wirklich schwerkrank; kalter Schweiß perlte auf seiner Stirn. Bernouin, der Kammerdiener, und Guénaud, der Arzt, wurden wieder an das Lager gerufen, und unter den Händen des letzteren ließen die heftigen Symptome etwas nach. Als der Kardinal wieder allein war mit Colbert, nahm er das Thema von neuem auf. – »Ich will es wagen, Colbert,« flüsterte er, sich aufraffend. »Glauben Sie Ihrer Sache sicher zu sein?« – Colbert antwortete ruhig: »Schreiben Sie eine Schenkung folgenden Inhalts: Im Begriff, vor Gott zu treten, bitte ich den König, der mein Herr auf Erden war, die irdischen Güter zurückzunehmen, die seine Huld mir beschert hat. Meine Angehörigen werden nichts dagegen einzuwenden haben, daß das Vermögen in so erlauchte Hände falle. Das genaue Verzeichnis meiner Besitztümer liegt bereit und wird Eurer Majestät ausgeliefert werden, sobald ich den letzten Seufzer getan habe. Euer treu ergebener Diener Julius von Mazarin.« – Mit zitternder Hand setzte der Kardinal seinen Namen darunter.

Die Kunde von seinem hoffnungslosen Zustande hatte sich im Louvre, wo der König zur Zeit mit dem gesamten Hof weilte, sehr rasch verbreitet. Ludwig XIV. wartete mit Spannung des weiteren Verlaufes. Starb der Kardinal, so war ja für ihn der Tag der Freiheit gekommen, der Tag, da er in Wahrheit König wurde, da er nicht mehr nur das Mäntelchen des Regenten tragen sollte, ohne seine Macht zu besitzen. Anna von Oesterreich, seine Mutter, betrachtete ihn gedankenvoll, aber es waren andere Erwägungen, denen sie nachhing. – »Du scheinst traurig zu sein, Ludwig,« sprach sie zu ihm, während er unruhig auf und ab schritt. »Machst du dir vielleicht Gedanken darüber, daß es uns an Geld fehlt? Wisse, alle Leute, die in deinem Lande reich sind, besitzen ihren Reichtum nur durch deine Güte. Der Herr verleiht ihnen überdies die Erdengüter nur auf kurze Zeit, und niemand,« setzte sie mit besonderer Betonung hinzu, »kann sie mit ins Grab nehmen. Ein junges Geschlecht erntet die Früchte der Alten.« – »Man sollte wirklich glauben,« sagte Ludwig XIV. und sah seine Mutter forschend an, »Sie hätten mir noch mehr zu sagen.« – »Nichts, mein Sohn, als daß der Kardinal sehr krank ist,« antwortete Anna. – »Ich denke, er wird sich noch einmal erholen,« sagte Ludwig seufzend.

Er hatte diese Worte kaum gesprochen, als ein Türhüter den Vorhang aufhob. – »Eine Botschaft von Seiner Eminenz!« rief er und reichte dem König ein Schreiben. Im selben Augenblick, wo Ludwig es öffnete, um es zu lesen, trat Fouquet, der Schatzmeister, herein.

»Sie auch hier, Fouquet?« wandte Ludwig sich wohlwollend an ihn. »Hat die Kunde von der Krankheit des Ministers Sie hergerufen?« – »Ja, Majestät. Ich war vor anderthalb Stunden noch auf meinem Gute in Vaux und bin aufs schnellste hergeeilt.« – »Wie ist das möglich? In anderthalb Stunden von Vaux nach Paris?« rief der König, der wohl seinen Zorn, aber nicht sein Erstaunen zu bemeistern verstand. – »Eure Majestät bezweifeln, was ich sage, und mit Recht,« erwiderte der Höfling. »Des Rätsels Lösung sind aber sechs Pferde erster Klasse, die ich aus England erhalten habe, die besten Renner unseres Zeitalters. Ich habe sie heute abend probiert, und sie haben die Probe glänzend bestanden. Eure Majestät werden Gelegenheit haben, sich selbst von der seltnen Güte dieser Pferde zu überzeugen; denn sie sind nur für einen königlichen Marstall geschaffen und warten nur auf einen Wink Eurer Majestät, um in Höchstdero Marstall eingereiht zu werden.« – Fouquet verneigte sich. Der König sah betroffen auf.

»Sie wissen doch, Herr Fouquet,« warf die Königin-Mutter ein, »es ist am französischen Hofe nicht Sitte, daß ein Untertan seinem König Geschenke macht.« – »Ich hoffe,« versetzte der Oberintendant der Finanzen verlegen, »meine grenzenlose Ergebenheit und mein sehnlicher Wunsch, meinem geliebten Monarchen zu gefallen, würden genügen, diesen Grundsatz der Etikette einmal fallen zu lassen. Uebrigens ist es kein Geschenk, sondern ein schuldiger Tribut.« – »Ich danke Ihnen,« erwiderte Ludwig. »Ich bin ein großer Freund von schönen Pferden, aber Sie wissen ja, ich bin nicht reich. Ich kann ein so teures Gespann also nicht kaufen.«

Nach diesen Worten faltete der König das Schreiben Mazarins auseinander, in das er bisher noch keinen Blick getan hatte. Er las ein paar Zeilen, und ein Ausruf höchster Ueberraschung entschlüpfte ihm. »Lesen Sie, Königliche Hoheit,« rief er, das Papier der Mutter reichend. – Auch Anna von Oesterreich vermochte ihre Ueberraschung und Freude nicht zu verbergen. – »O,« sagte sie, »das ist ja eine Schenkung in ganz einwandfreier Form.« – Fouquet stutzte und wiederholte: »Eine Schenkung?« – »Ja,« antwortete Ludwig XIV., »der Kardinal schenkt mir sein gesamtes Vermögen.« – »Vierzig Millionen!« rief Anna. »Das ist großmütig. So handelt nur ein treuer Untertan und ein wahrer Christ.« – »Eure Majestät sagten soeben erst,« murmelte Fouquet zurücktretend, »es gezieme sich nicht für einen Untertan, seinem König Geschenke zu machen, noch auch für den König, sie anzunehmen.« – »Aber vierzig Millionen, Herr Oberintendant!« rief Anna. – »Gewiß eine schöne Summe, die selbst ein königliches Gewissen in Versuchung führen kann,« sagte Fouquet. – »Wenn Sie dem König abraten, diese vierzig Millionen anzunehmen,« rief die Königin-Mutter ungehalten, »dann verschaffen Sie als sein Finanzminister ihm wenigstens auf andere Weise eine solche Summe. Sie wissen ja am besten, daß er kein Geld hat.« – »Er kann vierzig Millionen haben, wann es ihm beliebt,« versetzte der Minister kalt. – »Ja, die Sie dem Volk erpressen wollen,« rief Anna. – »Sind jene Millionen etwa nicht erpreßt?« entgegnete Fouquet. »Ich wiederhole, der König kann diese Schenkung nur ablehnen, denn für ihn gibt es keinen andern Maßstab und Richter als das eigene Gewissen. – »Genug!« rief Ludwig, sich zum Gehen wendend. »Ich werde mir die Sache überlegen.«

An demselben Tage hatte der Kardinal sich nach Vincennes schaffen lassen. Dort wartete er nun in höchster Unruhe auf die Entscheidung des Königs. Diese Ungewißheit, ob Colbert in seinem tollkühnen Experiment Recht behalten oder ob Ludwig über der Größe der Summe die königliche Würde vergessen würde, steigerte noch die Qualen des Todeskampfes. So oft die Tür aufging, glaubte er die Nachricht zu erhalten, daß Ludwig die Millionen angenommen hätte. Zwei Tage waren verflossen, als endlich Anna von Oesterreich sich bei dem Kranken melden ließ und ihm mitteilte, der König werde ihn noch am selben Tage besuchen. Nur schwer hatte Ludwig sich dazu entschlossen, denn er fürchtete, in seinen Zügen zu verraten, was im Innersten seiner Seele vorging. – Mazarin war tief ergriffen von dieser königlichen Huld; aber die Frage, ob Ludwig annähme oder ablehnte, vergaß er deshalb doch nicht, und je näher die Besuchsstunde rückte, umso unerträglicher wurde seine Angst.

»Geduld, Geduld, gnädigster Herr!« mahnte Colbert. – »Sie sind von Sinnen!« entgegnete Mazarin außer sich. »Ich stehe am Rande des Grabes, und Sie mahnen zu Geduld. Treiben Sie Ihren Spott mit mir?« – »Es kommt so, wie ich gesagt habe,« antwortete Colbert, ruhig wie immer. »Majestät kommt nur, um Ihnen das Dokument selbst zurückzugeben.« – Der König wurde angemeldet und trat mit seiner Mutter ein. Zwei Sessel wurden an das Bett geschoben, die königlichen Herrschaften nahmen Platz. Alle Höflinge zogen sich auf einen Wink Ludwigs zurück, nur Colbert blieb hinter dem Vorhang des Bettes sitzen. Tiefe, fast feierliche Stille herrschte in dem Zimmer. Der jugendliche König fühlte sich noch immer beklommen in der Nähe des gewaltigen Staatsmannes, der sein Meister und Lehrer von der Geburt an gewesen war. Jetzt, da er ihn als Sterbenden vor sich sah, hegte er fast noch tiefere Ehrfurcht. Er war daher in Verlegenheit, wie er das Gespräch beginnen sollte, wohl wissend, daß jedes einzelne Wort von großer Bedeutung sei. Mazarin, vor Aufregung kaum der Sprache fähig, litt Höllenqualen. Endlich brach er das Schweigen.

»Eure Majestät haben in Vincennes Wohnung genommen?« fragte er. »Das ist eine hohe Gnade. Sie erleichtern dadurch das Ende eines Sterbenden.« – »Ich hoffe,« antwortete der König, »nicht vor einem Sterbenden, sondern vor einem Genesenden zu stehen.« – Mazarin schüttelte den Kopf. »Es ist der letzte Besuch,« sagte er, »den Majestät mir heute abstatten.« – Anna von Oesterreich konnte ein paar Tränen nicht unterdrücken, selbst Ludwig war tiefbewegt; Mazarin verzehrte sich in Ungeduld. Wieder folgte eine lange Pause. Dann sagte Ludwig: »Ich bin Eurer Eminenz großen Dank schuldig.« – Der Kardinal heftete einen erlöschenden Blick auf den König. »Um Ihnen vor allem meinen Dank abzustatten für den letzten Freundschaftsbeweis, den Sie mir gegeben haben, das ist der Hauptzweck meines Kommens,« fuhr Ludwig fort. – Mazarin keuchte; seine zitternden Lippen taten sich auf. »Majestät,« sagte er tonlos, »ich habe meine Verwandten zu Bettlern gemacht, aber ich wollte alles meinem König opfern.« – »Sie verstehen mich falsch, Kardinal,« antwortete der König sehr ernst. »Ihre Verwandten sollen nicht in Armut gestürzt werden – niemand soll um das Seine kommen.« – Mazarin stutzte; seine Zweifel erreichten den Höhepunkt; auch die Königin-Mutter stutzte; sie hob das in Tränen gebadete Gesicht. »Will der König etwa den Großmütigen spielen?« dachte sie. »Seien Sie ohne, Sorge, Kardinal,« beeilte sie sich zu bemerken, »wir werden uns Ihrer Verwandten annehmen. Ihre Nichten sollen wie meine eigenen Kinder gehalten werden, Ihre Freunde sollen auch die unseren sein.« – »Blauer Dunst!« dachte der Sterbende, der es ja am besten wußte, wie wenig auf die Versprechungen von Königen zu geben war.

Ludwig mochte diesen Gedanken in den Augen des Kardinals lesen. »Beruhigen Sie sich,« sagte er mit einem halb traurigen, halb spöttischen Lächeln, »die Fräulein von Mancini werden nicht um ihr Erbe kommen; ich gebe Ihnen Ihre Schenkung zurück.« Und er überreichte Mazarin das Dokument. Hinter den Vorhängen hörte man einen Laut, der einem triumphierenden Ausruf glich. Die Königin-Mutter sprang fast entsetzt vom Stuhl auf und starrte ihren Sohn fassungslos an. Mazarin wühlte mit den Fingern in der Bettdecke.

»Ja, Königliche Hoheit,« wendete Ludwig sich an seine Mutter und zerriß die Urkunde, die Mazarin noch nicht an sich genommen hatte, »ich vernichte diese Schenkung, durch die eine ganze Familie beraubt worden wäre. Das Vermögen, das Seine Eminenz in meinen Diensten erworben hat, gehört ihm allein.« – »Aber du hast keine 10 000 Taler in deiner Schatulle!« rief Anna von Oesterreich. – »Ich habe eben meine erste königliche Tat vollbracht,« versetzte Ludwig. »Ich hoffe mit ihr meine Regierung einzuweihen.« – »Nun, dann glückauf!« rief Anna und lief hinaus.

»Der Himmel segne Eure Majestät für diese Großmut!« rief Mazarin, der inzwischen die Fetzen des Dokuments untersucht hatte, bis er das Stück mit seinem Namenszug gefunden, an welchem er zu seiner Beruhigung erkannte, daß er seine Originalniederschrift und nicht etwa eine Kopie vor sich hatte. »Was Majestät hier getan haben, übertrifft alles, was von den edelsten Männern des Altertums gerühmt wird. Nun, ich will in meiner letzten Stunde, Majestät, Ihnen etwas geben, das ein Ersatz für diese 40 Millionen sein soll, ja, das mehr wert sein wird als sie. Ich will Ihnen einen guten Rat geben. Treten Sie dicht an mein Bett heran, Sire, und hören Sie!« Und die Stimme zu einem fast unhörbaren Geflüster dämpfend, sprach er: »Majestät, nehmen Sie nie wieder einen Premierminister.« – Ludwig richtete sich erstaunt auf; denn diese Worte waren nicht nur ein Rat, sondern ein Bekenntnis. Das Vermächtnis, das Mazarin dem jungen König hinterließ, bestand nur aus sieben Worten; aber Mazarin hatte recht, diese sieben Worte waren mehr wert als 40 Millionen.

Ludwig war für den Augenblick bestürzt. Mazarin, von seiner größten Sorge befreit, hatte seine Ruhe wiedergewonnen. »Und haben Sie mir jemand zu empfehlen, der mir einigen Ersatz für den Verlust Ihrer Person bieten könnte?« fragte Ludwig. – »Ja, Majestät, einen verständigen, tüchtigen und zuverlässigen Mann.« – »Sein Name?« – »Colbert,« antwortete Mazarin. »Und nun leben Sie wohl, Sire. Ich bin müde und habe noch einen beschwerlichen Weg vor mir, ehe ich vor meinem neuen Herrn erscheine.« – Mit Tränen in den Augen neigte Ludwig sich einen Augenblick über das Bett des Sterbenden, dann verließ er schnell das Zimmer.

Vierundzwanzig Stunden waren verflossen, Ludwig saß unruhig und erwartungsvoll in seinem Lehnstuhle, als ein Diener eintrat. – Dieselbe Frage, die der König in diesen Stunden schon so oft getan, kam auch nun wieder von seinen Lippen. »Wie steht es?« – »Tot, Majestät,« antwortete der Diener. – »Wer hat es dir gesagt?« »Colbert.« – »Wo ist Colbert?« – »Im Vorzimmer Eurer Majestät.« – »Laß ihn herein.« – Colbert trat ein, verneigte sich ehrerbietig und blieb stehen. – »Was haben Sie mir zu melden?« fragte Ludwig. – »Daß Seine Eminenz gestorben ist. Ich bringe Eurer Majestät seinen letzten Gruß.« – »Sie haben lange Jahre im Dienst des Kardinals gestanden und kennen einen Teil seiner Geheimnisse?« – »Alle, Majestät.« – »Sie waren im Finanzfach tätig?« – Colbert verneigte sich. »Ja, Majestät.« – »Und der Kardinal verwendete Sie auch im Verwaltungswesen?« – »Ja, Majestät.« – »Für mein Haus im besondern haben Sie nichts getan?« – »Mit Verlaub, doch, Majestät,« sagte Colbert. »Ich war so glücklich, Seiner Eminenz ein Sparsystem vorzuschlagen, durch das alljährlich 300 000 Livres in Eurer Majestät Schatulle fließen.« – »Und worin bestand dieses System?« – »Ich riet dazu, die echten Silbertressen der Schweizergardisten durch unechte zu ersetzen. Den Unterschied merkt kein Mensch, und für das ersparte Geld kann man ein Regiment ein halbes Jahr lang unterhalten, 10 000 gute Gewehre ankaufen oder ein Transportschiff mit zehn Kanonen versehen.« – »Eine wohlangebrachte Ersparnis!« rief Ludwig. »Hatten Sie sonst noch ein Amt unter Seiner Eminenz?« – »Der Herr Kardinal beauftragte mich mit der Nachprüfung der Rechnungen des Finanzministeriums.« – »Also mit einer Kontrolle des Finanzministers,« sagte Ludwig, »und das Ergebnis?« – »Ein Defizit, überall leere Kassen, nirgends Geld,« antwortete Colbert in seiner unerschütterlichen Ruhe. – »Nehmen Sie sich in acht!« rief Ludwig. »Sie greifen Fouquets Geschäftsführung an.«

Colbert erblaßte ein wenig, denn er fühlte in diesem Augenblick, daß er im Begriff stehe, mit einem Manne, der nach Mazarins Tode ebenso mächtig war wie dieser, in die Schranken zu treten. »Ich erhebe keine Anklage,« antwortete er. »Ich lege nur Beweise vor.« – »Sehr wohl!« rief Ludwig. »Einen Rechnungsnachweis verlange ich auch von Ihnen. Ein Defizit? Wenn ich nun jetzt zum Beispiel Geld haben wollte?« – »So würden Majestät keins bekommen,« erwiderte Colbert. »Die Einkünfte sind auf vier Jahre voraus verpfändet.« – »Mein Gott, dann bin ich ja von Anbeginn meiner Regierung an ruiniert,« rief Ludwig, auf und nieder schreitend. – »Eure Majestät sind auch wirklich ruiniert,« antwortete der Mann der Zahlen in seiner unverwüstlichen Gelassenheit. »Aber ich habe die Ehre, die Schwierigkeit augenblicklich aus der Welt zu schaffen, indem ich Eurer Majestät ein Verzeichnis über Gelder vorzulegen habe, die Seine Eminenz weder in seinem Testament, noch in andern Dokumenten aufgeführt hat. Er hat sie vielmehr mir anvertraut, mit dem Befehl, Sie Eurer Majestät zur Verfügung zu stellen.« – »Wie?« rief Ludwig. »Mazarin hatte außer jenen 40 Millionen noch andere Kapitalien.« Und leise setzte er hinzu: »Der Mann war also ein bodenloser Abgrund. Auf der einen Seite Fouquet, auf der andern Mazarin – da ist es kein Wunder, daß meine Schatulle leer ist. Und was ist’s für eine Summe?« fragte er Colbert.

»Dreizehn Millionen,« war die Antwort. – »Dreizehn Millionen!« rief Ludwig erstaunt. »Und von dieser Summe hat niemand gewußt?« – »Nur ich, nicht einmal der Kardinal,« erwiderte Colbert. – »Und ich kann das Geld haben?« – »In zwei Stunden.« – »Der Kardinal hat sich also vollständig auf Sie verlassen?« – »Er war gegen alle Welt mißtrauisch, nur gegen mich nicht.« – »Sie sind ein braver Mann, Colbert.« – »Das ist keine Tugend, das ist Pflicht,« war die Antwort. – »Und dieses Geld gehört nicht den Verwandten?« – »Wenn dies der Fall wäre, so würde es gleich dem übrigen Vermögen im Testament aufgeführt sein. Majestät können aus dieser Abschrift des Testaments,« sagte Colbert, dem König ein Dokument reichend, »ersehen, daß darin keine Rede von den 13 Millionen ist. Ich hätte dann diese Summe ja auch schon zu den 40 Millionen hinzugefügt, über die die Schenkungsurkunde lautete.« – »Sie hätten sie hinzugefügt? Ja, haben denn Sie diese Schenkungsurkunde geschrieben?« – »Ich habe sie Seiner Eminenz diktiert.« – Ludwig strich sich über die Stirn. »O, wie jung bin ich doch noch,« sagte er, »über Menschen zu regieren.«

»Wann soll ich Eurer Majestät das Geld schicken?« – »Morgen nacht um elf Uhr. Besteht es aus gemünztem Golde?« – »Ja.« – »Schicken Sie es zum Louvre. Ich danke Ihnen, Colbert.« Und als er allein war, rief er: »Dreizehn Millionen! Es erscheint mir wie ein Traum.« Er riß das Fenster auf, um die glühende Stirn an der frischen Morgenluft zu kühlen. Die Sonne ging prachtvoll auf und färbte den Himmel purpurrot. Ihre ersten Strahlen fielen, ein goldner Schein, auf das Haupt des jungen Monarchen. – »Die Morgenröte meiner Regierung!« sprach Ludwig XIV.

Colbert hielt Wort. Am nächsten Abend befand sich die ganze Summe von 13 Millionen im königlichen Schloß. Aber der besonnene, zielbewußte Mann wußte sich auch ein Entgelt für seine Uneigennützigkeit zu sichern. Als er an diesem Tage Ludwig XIV. verließ, war er zum Kontrolleur der Finanzen ernannt, mit der Bildung einer Justizkammer betraut, die gegen die betrügerischen Finanzpächter vorgehen sollte, welche, wie Colbert sagte, schon seit zehn Jahren den Staat betrogen hätten, und außerdem auch dazu ermächtigt worden, die britische Korrespondenz in Empfang zu nehmen und zu bearbeiten. Das war viel auf einmal, niemand wußte das besser, als Colbert selbst. Er konnte sich sagen, daß die erste Stufe zur Würde eines zweiten Mazarin erklommen war.

Er war kaum gegangen, so erhielt Ludwig XIV. ein Schreiben von Karl II. Es lautete: »Ich danke Eurer Majestät für Ihre huldvolle Antwort auf meinen Heiratsvorschlag. In acht Tagen wird Lady Henriette nach Paris abreisen. Es ist für mich eine große Freude, daß ich Sie dann noch mit größerem Recht Bruder nennen darf. Inzwischen habe ich erfahren, daß Sie Belle-Ile-en-mer unter der Hand befestigen lasten. Das ist nicht recht von Ihnen. Wir werden nie Krieg miteinander haben. Das betrübt mich. Außerdem vergeuden Sie damit viele Millionen in ganz unnützer Weise. Sagen Sie das Ihren Ministern.« – »Belle-Ile wird befestigt?!« rief Ludwig. »Die Insel ist ein Besitztum Fouquets. Sollte das eine Verschwörung sein? Das wäre der Ruin des Oberintendanten.« Er dachte einen Augenblick nach, dann rief er den Kammerdiener: »Ich hatte einmal einen Musketier-Leutnant namens d’Artagnan. Der Mann soll morgen vormittag zu mir kommen.« Der Kammerdiener verneigte sich und ging. – »Wenn Colbert meine Börse und d’Artagnan mein Schwert führt,« sagte Ludwig zu sich selbst, »dann bin ich König!«

11. Kapitel. Karl II. in London

Monks Rückkehr ins Lager war für das ganze Heer ein freudiges Ereignis, denn man hatte ihn schon tot geglaubt. Die Stabsoffiziere umringten ihn, er aber schien sich zu ärgern über die große Freude, die ringsum herrschte. – »Wozu diese Aufregung?« rief er. »Habe ich denn von Schritt und Tritt Rechenschaft abzulegen?« – »Aber, Herr General,« antwortete ein Oberst, »die Herde kann in Schrecken geraten, wenn der Hirt fehlt.« – »Hol euch alle der Teufel,« versetzte Monk. »wenn ihr in Angst und Schrecken verfallt, sobald ich mal nicht da bin.« – Darauf zog er sich in sein Zelt zurück und kam erst nach ein paar Stunden wieder zum Vorschein, um einen Rundgang durch das Lager zu machen und seine und des Feindes Lage zu rekognoszieren. D’Artagnan begleitete ihn, und der General fand großes Gefallen an der Art und Weise, wie der kriegskundige Franzose die Mängel der feindlichen Stellung erörterte und den in Monks Schar herrschenden Geist pries.

Am folgenden Tage wurde zwischen Monk und Lambert ein Waffenstillstand vereinbart, der aber dem letzteren fast noch verhängnisvoller wurde, als eine offene Schlacht hätte werden können. Täglich liefen ganze Scharen von seinen Soldaten zu Monk über. Die Desertion griff in riesigem Maße um sich, und Lambert, der mit der Zuversicht ausgerückt war, Monks ganzes Heer zu verschlingen, sah seine Armee von Tag zu Tag in erschreckender Weise zusammenschrumpfen. Ehe der Waffenstillstand abgelaufen war, mußte er seine Sache verloren geben. Monk hatte einen Sieg errungen, der ebenso vollständig wie unblutig war. Das Lager wurde abgebrochen, der Marsch nach London angetreten. Mehr als je war nun Monk der Liebling des Parlaments, mehr als je war die große Menge des Volkes bereit, allen Entschließungen dieses erfolgreichen Verteidigers zuzustimmen. Und nun tat Monk jenen großen Wurf, der ihn für alle Zeiten in die glorreiche Reihe der Helden der Weltgeschichte stellt. Er vertrieb den Rest der Lambertschen Partei aus London und schlug sein Hauptquartier mitten in der Stadt auf. In einer Sitzung des Parlaments erklärte er, diese Regierungsform genüge nicht mehr den Bedürfnissen der Zeit und gebe keine Gewähr für eine gedeihliche Entwicklung des Staates. Diese Erklärung gab er unter dem Schutze von 50 000 Soldaten ab, und die Mehrzahl der Bevölkerung, 500 000 Bürger, stimmten ihm ohne weiteres bei. Umringt von einer jubelnden Menge, hielt er auf offener Straße hoch zu Roß.

»Bürger und Brüder!« rief er aus. »Karl II. betritt eben den Boden seines Landes. Ich ziehe ihm mit meinen Soldaten entgegen, um ihn zu empfangen und nach London zu geleiten. Wer mir ergeben ist, der folge mir!« – Und sie folgten ihm alle. – »Potzblitz!« murmelte d’Artagnan, der an seiner Seite hielt, »das war ein kühnes Wagestück.« – »Und auf solche verstehen Sie sich ja gut,« antwortete Monk und spielte damit zum erstenmal auf den Handstreich des Chevaliers an. – »Darf ich wissen, welche schriftliche Botschaft Sie dem Grafen de la Fère nach Holland mitgegeben haben?« fragte d’Artagnan. – »Ich habe kein Geheimnis vor Ihnen, lieber Chevalier,« sagte Monk. »Ich schrieb nur die Zeilen: In sechs Wochen erwarte ich Eure Majestät in Dover.«

*

König Karl hielt mit großem Pomp seinen Einzug in London. Er hatte seine Brüder zu sich gerufen und brachte Mutter und Schwester mit. Die Wiedereinsetzung des angestammten Herrscherhauses war ein Fest für alle drei Königreiche, obgleich das Volk Karl II. nur als den Sohn eines vom Volk gemordeten Mannes kannte. Der Zug war überaus prächtig, und schönstes Wetter begünstigte die Feier. Unter den englischen Trachten und Uniformen fiel die eines französischen Leutnants auf, der mit unverhohlener Ironie in das Treiben blickte und oftmals mit einem fast spöttischen Lächeln nach dem König selbst hinblickte.

»Fürwahr,« dachte d’Artagnan bei sich – denn er war dieser Franzose, »sie überschütten ihn mit Blumen. Wäre er zwei Monate eher gekommen, hätten sie ihn mit Bleikugeln überschüttet. Mich halten die Leute entschieden für etwas ganz Geringes. Für etwas Hohes halten sie nur den König, obwohl er zwölf Jahre verbannt war und fast das Leben eines Bettlers führen mußte. Allenfalls auch noch den General Monk, obgleich er die Reise nach dem Kontinent in einer Kiste gemacht hat.«

Während er solchen Gedanken nachhing, faßte ihn jemand von hinten am Arm. »Athos!« rief er aus. »Sie hier! Warum sind Sie nicht beim Gefolge? Warum reiten Sie nicht an der linken Seite des Königs wie General Monk an der rechten. Sie haben ihm doch ebenso große Dienste geleistet.« – »Ich gehöre nicht zum Gefolge und stehe nicht im Dienste des Königs,« antwortete Athos. »Als Repräsentant Frankreichs aber mich neben ihm zu zeigen, bin ich nicht befugt. Doch mir scheint gar, die glückliche Rückkehr Karls II. stimmt Sie traurig, statt Sie zu erfreuen. Dabei haben Sie in dieser Sache doch ebensoviel getan wie ich.« – »Wahrhaftig?« versetzte d’Artagnan. »Nun, soviel ich sehe, denkt kein Mensch mehr daran. Sie haben vollständig recht, obwohl ich mich nicht gern selbst lobe. Aber wenn alle andern meine Verdienste immer wieder vergessen, so kann ich selbst sie schon einmal ins rechte Licht rücken. Wenn ich General Monk nicht nach Holland geschleppt hätte, würde der König keine Gelegenheit gehabt haben, sich großmütig gegen ihn zu zeigen, und durch diese Großmut allein hat er Monk bewogen, für ihn einzutreten. Das ist sonnenklar, aber ebenso klar ist es, daß ich nun wieder abreise und daß der arme Planchet mir fluchen wird, weil ich ihn um einen Teil seines Vermögens gebracht habe.«

»Ei, was hat denn Planchet damit zu tun?« fragte Athos erstaunt. – »Lieber Freund, Monk bildet sich ein, den König zurückgerufen zu haben, Sie bilden sich ein, ihm die größte Hilfe geleistet zu haben, ich bilde mir ein, ebensosehr daran beteiligt gewesen zu sein, und er selbst bildet sich ein, durch geschickte Unterhandlung wieder auf den Thron gelangt zu sein – aber das alles ist nicht wahr. Die Wahrheit ist, der stolze König Karl II. ist durch einen ganz simpeln Tütchenkrämer namens Planchet wieder zu Ehren und Würden gelangt, denn wenn dieser Tütchenkrämer mir nicht 40 000 Livres zur Verfügung gestellt hätte, würde ich nie imstande gewesen sein, auf die Jagd nach dem General Monk zu ziehen.«

»Lieber Freund, sind Sie denn nicht mehr Philosoph?« entgegnete Athos. »Freut es Sie denn nicht, mir das Leben gerettet zu haben, als die verteufelten Parlamentssoldaten mich bei lebendigem Leibe braten wollten?« – »Gestehen Sie nur, es wäre Ihnen nicht so unrecht geschehen,« antwortete der Chevalier. – »Wie? wo ich doch dem König die Million gerettet habe!« – »Was für eine Million?« – »Nun, das letzte Geld Karls I., das er mir in seiner Todesstunde anvertraute.« – »So hat Karl II. eine Million? Dann sind Sie wohl Schatzmeister des Königs?« – »Meiner Treu, nein! Uebrigens ist die Million schon längst alle, sie hat sich in Samt und Seide und allerlei andere schöne Sachen aufgelöst.« – »Nicht Schatzmeister?« fragte d’Artagnan, »und auch überhaupt nicht bei Hofe? Dann hat der König gewiß auch Sie schon wieder vergessen. Mich sollte es nicht wundern. Man ist’s allmählich gewöhnt geworden.«

»Er hat uns beide nicht vergessen, lieber Freund!« antwortete der Graf. »Und damit Sie über Ihre traurige Stimmung hinwegkommen, so begleiten Sie mich in mein Gasthaus. Wir trinken zusammen eine Flasche, gedenken der vergangenen Tage und richten einen heiteren Blick auf die Zukunft, die Ihnen wahrlich zu Unrecht so düster erscheint.« – D’Artagnan folgte ihm, und als er in Athos‘ Zimmer stand und sich umsah, rief er plötzlich: »Potzblitz! Das ist ja das Gasthaus ›Zum Hirschgeweih! ‹ Das ist ja dieselbe Stube –« – »Ja,« antwortete der Graf lächelnd, »das ist dieselbe Stelle, wo ich todmüde und verzweifelnd niedersank, als Sie am 31. Januar abends zurückkamen.« – »Nachdem ich die Wohnung des maskierten Henkers ausgekundschaftet hatte. Ja, das war ein entsetzlicher Tag!« Und der alte Haudegen sah sich mit Rührung in dem Gemach um, aber es hatte sich sehr verändert. Denn der ehemalige Wirt war reich geworden und hatte sich zur Ruhe gesetzt; der neue Besitzer hatte das Haus den Ansprüchen der Gegenwart entsprechend umgestalten lassen. Nur die alte Landkarte, die Porthos in seinen Mußestunden so gern studiert hatte, hing noch an der Wand. – »Elf Jahre sind seitdem verflossen!« murmelte d’Artagnan. »Mir ist’s, als wäre es eine Ewigkeit!« – »Und mir ist’s, als sei alles erst gestern gewesen,« antwortete Athos lachend. »Wie freue ich mich, daß Sie bei mir sind, und daß wir mal eine Flasche Sherry leeren können, ohne wie die Windhunde auf der Lauer liegen zu müssen. Ach, säße doch auch Rudolf, mein geliebter Rudolf, jetzt bei uns!«

Während sie beim Glase saßen, trat der Wirt heran und überreichte Athos einen Brief. – »Von Parry!« sagte dieser. »Sehen Sie, d’Artagnan, der König denkt an uns.« – »Das würde höchstens beweisen, daß er an Sie denkt,« versetzte der Chevalier mißmutig. »Lesen Sie!« Athos öffnete das Schreiben; es lautete: »Herr Graf! – Der König hat es tief bedauert, daß Sie heute beim Einzuge nicht an seiner Seite waren. Er erwartet Sie heute abend zwischen neun und elf im Saint-James-Palast.« – »Sie haben schon immer mehr Glück gehabt als ich,« sagte d’Artagnan bitter. – »Aber, lieber Freund, ich nehme Sie selbstverständlich mit,« rief Athos. Ich werde dem König sagen –« – »Nein, nein,« unterbrach ihn der andere mit Stolz, »wenn es etwas Schlimmeres gibt, als selbst betteln, so ist es, durch andere betteln lassen.«

In diesem Augenblick trat der Wirt abermals ein und überreichte einen zweiten Brief, der an d’Artagnan adressiert war und die Worte enthielt: »Herr Chevalier! Der König hat Sie heute in seinem Gefolge vermißt. Und ich ebenfalls. Majestät erwartet mich heute abend um neun im Saint-James-Palast. Ich fordere Sie auf, mich zu begleiten. Die Audienz ist bewilligt. Monk.«

*

Die beiden Freunde gingen zusammen zum Palast. Die Korridore waren von Höflingen und Bittstellern angefüllt. Alle Anwesenden musterten mit Erstaunen die fremden Gewänder der unbekannten Männer, deren edle, ausdrucksvolle Züge allgemein auffielen. Am Ende des Korridors entstand eine Bewegung. General Monk erschien in Begleitung von zwanzig Offizieren. Sofort war er von einer Schar von Höflingen umringt, die sich durch ihn den Weg zur königlichen Gunst zu bahnen gedachten.

»Sie vergessen, meine Herren,« sagte er in der ihm eignen Derbheit, »ich bin nichts mehr. Vor kurzem noch befehligte ich die Armee der Republik, jetzt aber habe ich den Oberbefehl an den König abgetreten.«

Nach einem Weilchen öffnete sich die Tür der Innengemächer, und Karl II. erschien auf der Schwelle und fragte nach dem General. Als er ihn erblickte, eilte er auf ihn zu und schüttelte ihm die Hand. »General,« rief er laut, »ich habe eben das Diplom unterzeichnet, das Sie zum Herzog von Albemarle ernennt. Es ist mein Wille, daß in meinem Reiche keiner Ihnen an Macht und Reichtum gleichkomme; denn keiner, den edlen Montrose ausgenommen, ist Ihnen an Redlichkeit, Mut und Begabung gleich. Meine Herren, der Herzog von Albemarle ist Oberbefehlshaber unserer Land- und Seemacht. Sie haben ihm, meine Herren, Folge zu leisten.« – Während die Anwesenden sich tief verneigten, raunte d’Artagnan dem Grafen zu: »Sollte man es glauben, daß dieses Herzogtum und dieser Oberbefehl zu Wasser und zu Lande in einer sechs Fuß langen und drei Fuß breiten Kiste Platz gehabt hat?« – »Freund, es haben noch weit imposantere Größen in noch weit kleineren Kisten – und zwar für immer – Platz,« murmelte Athos.

Der König schritt weiter, und Monk trat zu den beiden Franzosen. »Sie haben ja Audienz,« sagte er. »Treten Sie in dieses Kabinett.« – In diesem Augenblick sah der König sie und eilte herbei. »O, meine Franzosen!« rief er. »Nein, Monk, gleich in mein Arbeitszimmer! Ich habe jetzt Zeit für diese Herren.« – Er entließ sein Gefolge und trat mit den beiden Freunden ein. – »Herr Chevalier d’Artagnan,« begann er, »es freut mich, Sie wiederzusehen. Sie haben mir einen sehr wichtigen Dienst geleistet, und ich bin Ihnen zu großem Dank verpflichtet. Wenn ich nicht fürchtete, die Befugnisse meines Oberbefehlshabers zu beeinträchtigen, so würde ich Ihnen in meiner Umgebung einen Ihrer würdigen Posten verleihen.« – »Majestät,« antwortete d’Artagnan, »als ich aus französischen Diensten schied, habe ich gelobt, nie einem andern König zu dienen.« – »Schade,« sagte der König. »Ich hätte gern viel für Sie getan. Sie gefallen mir. Sehr schade – doch ist dann ja wohl nicht weiter darüber zu reden,« und er überließ d’Artagnan einer schmerzlichen Enttäuschung. – »Worte! Worte! Hofweihwasser, ich wußte es wohl!« murmelte dieser. »Könige haben ein großes Talent, Anerbietungen zu machen, von denen sie im voraus wissen, daß man sie ablehnen muß. Das ist eine billige Weise, sich großmütig zu zeigen. O, wie dumm von mir, auch nur aus einen Augenblick Hoffnung zu hegen.«

Der König hatte sich inzwischen an Athos gewendet. »Graf, Sie waren mir ein zweiter Vater und haben mir einen unbezahlbaren Dienst geleistet. Mein Vater hat Sie schon zum Ritter des Hosenbandordens ernannt; das ist eine Ehre, deren sich nicht einmal alle Könige Europas rühmen können. Desgleichen tragen Sie den Orden vom heiligen Geiste; ich füge nun noch den des Goldenen Vlieses hinzu.« Mit diesen Worten nahm er den Orden von seinem eignen Halse und hängte ihn dem knieenden Athos um. »Herr Herzog,« wendete der König sich abermals an Monk, »ich vergaß noch eins: Sie sind zum Vizekönig von Irland und Schottland ernannt.« – Der Herzog ergriff des Königs Hand, tiefbewegt durch diese Gunstbezeugung, die alle seine Erwartungen, wenn er überhaupt solche gehegt hatte, weit übertraf. »Und nun wäre nur noch eins zu erledigen. Sie wohnen mit dem Chevalier d’Artagnan zusammen, nicht wahr?« – »Ja, ich bot ihm ein Zimmer in meinem Hause an,« sagte Monk. – »Und das ist auch in der Ordnung,« meinte der König lächelnd. »Sie sind ja noch immer der Gefangene des Chevaliers. Aber seien Sie ohne Sorge, ich werde Ihr Lösegeld bezahlen.« – D’Artagnan spitzte die Ohren, seine Augen leuchteten wieder. – »Der General,« fuhr Karl II. fort, »ist nicht reich und könnte nicht soviel zahlen, wie er wert ist. Jetzt, wo er Vizekönig ist, ist sein Wert aber so sehr gestiegen, daß auch ich nur das zahlen möchte, was er als General wert war. Also haben Sie Nachsicht mit mir, d’Artagnan. Wieviel bin ich Ihnen schuldig?«

»Als ich ihn gefangennahm,« antwortete d’Artagnan, »hatte ich es ja auch nur mit dem General Monk zu tun, also steht mir auch nur das für einen General übliche Lösegeld zu. Der General möge mir seinen Degen geben, und ich bin befriedigt; denn nur sein Degen ist soviel wert wie er selbst.« – »Ein wackres Wort,« rief der greise Feldherr, den Degen ziehend. »Hier ist er, Chevalier. Sie sind der erste, dem er überliefert wird.« – »Ei, ei!« rief Karl II. »Ein Degen, der einem König auf den Thron geholfen hat, muß unter den Kronjuwelen glänzen. Chevalier, verkaufen Sie mir diesen Degen für 200 000 Livres. Wenn das zu wenig ist, so sagen Sie es.« – »Es ist zu wenig,« sagte d’Artagnan ernst. »Der Degen ist mir nicht feil, und nur weil Eure Majestät ihn durchaus haben wollen, lasse ich mich auf ein Gebot ein. Die Achtung vor dem berühmten Krieger, dem die Waffe gehört, verlangt es, eine höhere Summe zu fordern. Zahlen Sie 300 000 Livres – oder nehmen Sie ihn geschenkt.« – Er reichte den Degen dem König. Karl II. lachte und schrieb eine Anweisung auf 300 000 Livres. D’Artagnan wendete sich, das Papier in der Hand, zu Monk. »Ich weiß, ich habe es billig gemacht,« sagte er, »aber ich kann nun einmal nicht habgierig sein.« – Der König lachte so herzlich, wie der zufriedenste Bürger seines Reiches. – »Meine Herren,« sagte er, »ehe Sie heimreisen, kommen Sie noch einmal her. Ihnen, Herr Graf, habe ich noch eine wichtige Botschaft zu übertragen. Und nun leben Sie wohl!«

»Sind Sie jetzt zufrieden?« fragte Athos draußen seinen Freund. – »Es ist noch nicht aller Tage Abend,« antwortete dieser. »Noch war ich nicht beim Schatzmeister. Das hier ist vorderhand bloß ein Stückchen Papier.«

12. Kapitel. D’Artagnan als reicher Mann

Der Chevalier bekam sein Geld in klingender Münze ausgezahlt, und so gut er sich sonst zu beherrschen wußte, ging diesmal doch die Freude, plötzlich ein reicher Mann geworden zu sein, mit ihm durch, hatte er doch noch nie so viele Rollen Münzen auf einmal gesehen! In seiner Wohnung schloß er sich ein und vergaß über der Betrachtung seines Reichtums das Zubettgehen. Alsbald stellten sich die Schattenseiten so großen Besitzes bei ihm ein, denn er schwebte in beständiger Furcht vor Dieben und zerbrach sich den Kopf darüber, wie und wo er sein Geld am sichersten verwahren könne. Er getraute sich nicht mehr aus dem Zimmer heraus und bat schließlich Athos, ihm Grimaud zu leihen, der nun als Wächter bei dem Schatze zurückgelassen wurde.

Die beiden Freunde begaben sich zum Saint-James-Palast, um von König Karl II. Abschied zu nehmen. – »Sie haben keine Ursache, mir zu danken, Chevalier,« sagte der König. »Die Geschichte von der Kiste, in die Sie den General gepackt haben, ist viermal so viel wert, wie Sie bekommen haben. Uebrigens, hat Monk Ihnen wirklich schon verziehen? Es war ein Teufelsstreich, den ersten Mann der englischen Revolution einzupacken wie einen Hering. Ich würde an Ihrer Stelle, Herr Chevalier, auf meiner Hut sein. Monk nennt Sie ja seinen Freund, aber seine tiefen Augen deuten auf ein gutes Gedächtnis und seine hochgeschwungenen Brauen auf einen stolzen Charakter. Nun, ich werde versuchen, Sie vollends auszusöhnen.«

»Sie jagen mir einen großen Schreck ein, Majestät,« antwortete d’Artagnan ernsthaft bestürzt. »Tun Sie lieber nichts in der Sache; denn wenn Sie es in der Tonart anfangen, wie jetzt eben, dann läßt mich der Herzog ermorden. Ich möchte diese Unterhandlung schon persönlich führen. Das beste wäre freilich, ich nähme meinen Abschied, und wenn Eure Majestät mir nichts weiter zu befehlen haben –« – »Ich wünsche nur noch, daß Sie zu meiner Schwester, Lady Henriette, gehen. Sie muß Sie kennen lernen – sie muß im Notfall auf Sie zählen können. Parry!« rief er hinaus, und der alte Diener erschien. »Was macht Rochester?« – »Er macht mit den Damen eine Spazierfahrt auf dem Kanal,« antwortete Parry. – »Und Buckingham?« – »Ist mit dabei.« – »Schön. Führe den Chevalier zu Villiers und ersuche den Herzog von Buckingham, ihn meiner Schwester vorzustellen. Und danach, Chevalier, können Sie abreisen, sobald es Ihnen beliebt. Eins meiner Kriegsschiffe steht Ihnen zur Ueberfahrt zur Verfügung. Graf de la Fère wird mit Ihnen fahren. Und nun leben Sie wohl! Behalten Sie mich lieb, wie auch ich Ihnen stets von Herzen gut sein werde.«

*

Auf dem dunkeln Wasser des Kanals glitt majestätisch eine lange, flache Barke dahin, über der die englische Flagge wehte. Ueber der Mitte des Fahrzeugs erhob sich ein Baldachin, das Innere war mit Damast ausgeschlagen, dessen Fransen im Wasser schleppten. Acht Ruderer bewegten das glänzende Prunkschiff, das eine zahlreiche, lustige Gesellschaft trug. Den Ehrenplatz unter dem Thronhimmel hatte Lady Henriette Stuart, die Enkelin Heinrichs IV., die Tochter Karls I., die Schwester Karls II., inne. Um sie herum saß eine Schar von Hofherren und Damen. Vier Lautenschläger und zwei Sänger erfreuten das Ohr der Herrschaften. – Die Prinzessin, die mit ihrer Mutter zusammen im Louvre zu Paris lange Zeit hatte darben müssen, war aus dem schrecklichen Traum dieses Elends erwacht und zu Macht und Reichtum zurückgekehrt. Keine Spur der Not, die sie kennen gelernt hatte, war auf dem schönen Antlitz zu erkennen, und die stolze, edle Gestalt schien nie das Joch der Armut kennen gelernt zu haben.

Zwei Herren standen in ihrer unmittelbaren Nähe: Lord Villiers von Buckingham, der Sohn des berühmten Herzogs gleichen Namens, des Günstlings der Anna von Oesterreich, und Vilmot von Rochester. Beide bemühten sich um die Wette, die Prinzessin zu unterhalten, die ebenso kokett wie schön war und, noch frei von aller Liebe, mit den Kavalieren ihrer Umgebung ein grausames Spiel zu treiben pflegte. – »Lassen Sie umkehren, Mylords,« rief sie. »Meine Mutter erwartet mich, und es wird mir nun auch langweilig.« – Das war ein hartes Wort. Buckingham biß sich auf die Lippen; denn er liebte Lady Henriette in allem Ernst und nahm sich daher alles zu Herzen, was sie sagte; Rochester biß sich ebenfalls auf die Lippe, aber da bei ihm die Vernunft stets die Oberhand hielt, so geschah es nur, um sich ein spöttisches Lachen zu verbeißen. Die Prinzessin ließ den Blick über den Rasen des Ufers schweifen und erblickte die Gestalten Parrys und d’Artagnans. – »Wer kommt dort?« fragte sie. – »Es ist nur Parry,« wurde ihr geantwortet. – »Nur Parry?« erwiderte sie. »Will man damit sagen, er sei keine wichtige Person? Er hat sich’s in unserm Dienst sauer werden lassen, und ich sehe ihn jederzeit gern. Aber von den hohen Herren werden treue Diener gern rücksichtslos behandelt. Es scheint, er will mich sprechen. Lassen Sie landen, Mylords.«

Eine Minute später legte die Barke an. Lady Henriette nahm Lord Rochesters Arm, obwohl Buckingham ihr den seinen bot, und eilte über die Brücke ans Ufer. »Parry,« rief sie, »guter Parry, ich sehe, du suchst mich. Komm hierher. Seine Augen sind schwach geworden,« setzte sie zu Lord Rochester hinzu. – »O, dafür hat der Mann, der bei ihm ist, umso schärfere. Sie funkeln ja wie das Feuer eines Leuchtturms.« – »Ein imposantes, martialisches Gesicht,« sagte die Prinzessin, »wie man sie nur in Frankreich sieht.« – Rochester und Buckingham bissen sich abermals auf die Lippe.

Parry näherte sich langsam mit der Schwerfälligkeit des Alters der Prinzessin, d’Artagnan schritt würdevoll und selbstbewußt daher, wie es dem Besitzer von 300 000 Livres geziemt. Buckingham schritt ihnen entgegen, und an ihn richtete der alte Diener das Wort. »Wollen Eure Herrlichkeit dem Wunsche des Königs gemäß diesen Herrn der Lady Henriette Stuart vorstellen?« – »Wen habe ich vorzustellen?« fragte der junge Lord in hochfahrendem Tone. – D’Artagnan, leicht erregbar, wie er war, nahm an diesem Ton Anstoß. Mit flammensprühenden Augen sah er den Höfling an. »Den Chevalier d’Artagnan,« antwortete er kurz. – »Ist das alles?« versetzte der Engländer. – »Sie kennen mich nicht?« fragte der Franzose. »Nun, ich habe Ihren Vater sehr gut gekannt.« – Der junge Lord schwieg betroffen, dann sagte er: »Ach, ich glaube mich zu erinnern. Sie sind einer der Franzosen, die mit meinem Vater in geheimer Verbindung standen, nicht wahr? Sie sind es, der meinen Vater kurz vor seinem Tode warnte, und den er so lange vergebens gesucht hat, obwohl Sie doch so viel von uns zu erwarten hatten.« – »O, das Erwarten habe ich in meinem Leben gründlich gelernt, Mylord,« antwortete der Chevalier spöttisch, »ich habe gar vieles erwartet, das nie eingetroffen ist. Doch ich bitte, mich der Prinzessin vorzustellen – sie wundert sich über unser langes Zwiegespräch.«

Buckingham führte ihn zu Lady Henriette. »Majestät haben befohlen, Sie mit dem Chevalier d’Artagnan bekannt zu machen.« – »Damit Königliche Hoheit im Fall der Not einen zuverlässigen Freund und eine feste Stütze haben,« setzte Parry hinzu. »Majestät wünschen, Sie möchten sich nicht nur des Namens, sondern auch der Verdienste dieses Herrn erinnern; Majestät verdanken ihm den Thron.« – Lord Buckingham, Lord Rochester und die Prinzessin sahen sich erstaunt an. – Buckingham half über das peinliche Schweigen hinweg. – »Auch ein alter Bekannter meines Vaters,« sagte er, »und ich hoffe, er wird sich auch mir, dem Sohne, wenn ich einmal nach Frankreich komme, gewogen zeigen.« – »Und nach Frankreich werden Sie kommen, ich stehe Ihnen dafür.« sagte D’Artagnan lächelnd. – »Wieso?« – »O, ich besitze in solchen Dingen eine gewisse Sehergabe, und was ich prophezeie, trifft fast immer ein. Wenn Sie in Frankreich sind, werde ich es mir zur Ehre anrechnen, Ihnen meine Dienste anbieten zu dürfen. Mylady,« wendete er sich zur Prinzessin, »Sie sind eine Tochter Frankreichs, und ich hoffe, auch Eure Hoheit in Paris wiederzusehen. Es soll mich glücklich machen, dann mit einem Auftrag beehrt zu sein, der mir beweist, daß Seine Majestät mich nicht umsonst seiner erlauchten Schwester empfohlen hat.« – Er verneigte sich vor der schönen Prinzessin, die ihm die Hand zum Kusse reichte. – Buckingham seufzte, als er dies sah. – »O, Mylady,« sagte er, »was muß ich tun, um von Eurer Hoheit die gleiche Gunst zu erlangen?« – »Fragen Sie Chevalier d’Artagnan,« antwortete sie. »Er wird es Ihnen sagen können.«

Als d’Artagnan an diesem Tage heimkehrte, machten ihm die Worte, die der König über den General Monk gesprochen hatte, viel zu schaffen. Wenn Monk wirklich nach Rache trachtete, was ja bei der Unberechenbarkeit dieses Charakters immer möglich war, so würde gewiß Karl II. nicht zaudern, den ihm verhältnismäßig fernstehenden Chevalier dem Zorn seines ersten Staatsmannes zum Opfer fallen zu lassen, und nichts zur Rettung des Franzosen oder gar zur Sühne seines Mordes unternehmen. Monk konnte ganz ungestraft den Mann beseitigen, der ihn wie einen Hering in eine Kiste gepackt hatte, das wußte d’Artagnan recht wohl. – »Ich muß mich mit ihm aussöhnen,« dachte er, »und mich davon überzeugen, ob er sich über das Geschehene schon völlig hinweggesetzt hat.«

Er begab sich sogleich in Monks Wohnung und traf ihn in seinem Arbeitszimmer. – »Mylord,« begann er das Gespräch, »ich möchte Sie um einen guten Rat bitten.«

»Lassen Sie hören, Chevalier,« antwortete Monk. – »Seine Majestät der König beliebt manchmal zu scherzen, und Sie wissen, Kriegsleute wie wir können das in gewissen Fällen schlecht vertragen.« – Monk erriet, worauf sich diese Worte bezogen. Eine leichte Röte seiner Wangen verriet dies. Er antwortete jedoch so unbefangen wie möglich: »Ich selbst bin ein Freund der Scherze. Mir hat es seinerzeit sogar Spaß gemacht, die Spottlieder anzuhören, die in Lamberts Lager auf mich gesungen wurden.« – »Ich weiß, Mylord, Sie sind über Kleinlichkeiten erhaben, aber mich berühren Scherze, die sich gegen meine Freunde richten, doch immer schmerzlich. In diesem Falle handelte es sich um Sie, Mylord. Wie kann der König über Sie, der Sie ihm so große Dienste leisten, solche Scherze machen? Wie kann es ihm Vergnügen bereiten, einen Löwen wie Sie mit einer Mücke, wie ich bin, zu ärgern. Wenn nun auch andere von diesem Geheimnis erführen –«

»Von der Geschichte meiner Gefangennahme,« rief Monk. »Das war gut gemacht und damit basta! Sie sind ein Kriegsmann und haben bewiesen, daß Sie ebensoviel Schlauheit wie Tapferkeit besitzen. Es war meine Sache, auf der Hut zu sein – weiter ist darüber nichts zu sagen.« – »Sehr wohl, Mylord,« antwortete d’Artagnan; »wenn es nur nicht gerade eine Kiste gewesen wäre, mit Luftlöchern für Nase und Mund. Wahrlich, Mylord, wenn der König redete, es wäre furchtbar. In eine Kiste gesperrt zu werden, das ist keine Sache für einen Mann, der mit Krone und Szepter spielt wie ein Zigeuner mit bunten Kugeln. Sie begreifen, Ihre Feinde würden sich weidlich daran ergötzen.« – »Beruhigen Sie sich,« versetzte Monk, sichtlich aus der Fassung gebracht, »der König wird nicht darüber sprechen und keinen Scherz mit meiner Person treiben, ich bürge Ihnen dafür. Auch hat er ein zu gutes Herz, um so zu handeln. In Ihre Verschwiegenheit, Chevalier, setze ich fast noch weniger Zweifel.«

»Was meine Person anbetrifft, Mylord, so können Sie ruhig sein, aber leider war ich bei dem Unternehmen nicht allein,« sagte d’Artagnan, »und meine Begleiter wußten auch, wen ich gefangen hatte. Ich fürchte nun, daß sie in meiner Abwesenheit – ja, wenn ich selbst dort wäre, so könnte ich dafür sorgen, daß – kurz und gut, Mylord, wäre es nicht geraten, daß ich so bald wie möglich zurückkehrte?« – »Gewiß, wenn Sie meinen, daß Sie persönlich diese Schnapphähne im Zaume halten können. Gehen Sie nach Frankreich zurück, Chevalier, und da Sie ein liebenswürdiger Kavalier von Geist und Mut sind, so nehmen Sie von mir ein Andenken an, durch das England Ihnen ans Herz wachsen soll, durch das Sie sich bewogen fühlen sollen, bald einmal wiederzukommen. Ich besitze am Clyde-Flusse ein kleines Landhaus mit hundert Morgen Landes. Nehmen Sie es zum Geschenk an.« – »O Mylord –« – »Sie werden dann dort eine Ihnen allzeit offene Zufluchtsstätte haben –« – »Ich sollte Eurer Herrlichkeit so sehr verpflichtet sein, Sie beschämen mich, Mylord.« – »Im Gegenteil, Chevalier,« antwortete Monk, »ich bin Ihnen großen Dank schuldig. Ich setze sogleich die Schenkungsurkunde auf,« und er drückte ihm die Hand und verließ mit ihm das Zimmer.

»Ein wackrer Mann!« murmelte d’Artagnan. »Nur schade, daß er das nur aus Furcht vor mir, nicht aus wahrer Zuneigung tut. Nun, die Zuneigung werde ich mir auch noch erwerben. Doch wozu?« beruhigte er sich, »er ist ja ein Engländer! –Da wäre ich denn nun Grundbesitzer,« setzte er sein Selbstgespräch fort. »Das ist ein Gewinst, den ich nicht mit Planchet, dem Krämer, zu teilen habe. Das hat mir ganz allein mein Genie eingebracht.« – Er kehrte zu Athos zurück, und beide Freunde speisten in guter Laune zusammen. Noch am Abend traf vom König die Erlaubnis zur Abreise ein, und gleichzeitig schickte Monk dem Chevalier die Schenkungsurkunde, die der vorsichtige und großmütige Mann in der Form einer Verkaufsakte, mit einer Quittung über gezahlte 15 000 Livres, abgefaßt hatte. Athos erhielt mehrere Dokumente, die den geheimen Auftrag betrafen, welchen König Karl II. ihm erteilt hatte. – »Ich darf also nicht wissen, was Sie da erhalten haben, Athos?« fragte d’Artagnan. »Es gab eine Zeit, wo Sie derlei Papiere offen auf den Tisch gelegt und zu mir gesagt hätten: d’Artagnan, lesen Sie das Geschreibsel Porthos und Aramis vor.« – »Das stimmt, Freund,« antwortete Athos, »aber das war die Zeit des jugendlichen Vertrauens. Hier liegt die Sache ein wenig anders, und ich kann, ich darf nicht –« – »O, beruhigen Sie sich,« lachte d’Artagnan, »mir sind von jetzt ab auch alle geheimen Sendungen der Welt höchst gleichgültig.« – – – –

Karl II., der in Kleinigkeiten stets einen sehr feinen Takt bewies, ließ sie am Themsestrand durch ein mit Gardematrosen besetztes Jachtboot erwarten, das Befehl hatte, sie an Bord des Kriegsschiffes zu bringen. Um Mitternacht stach das Schiff in See, und um acht Uhr früh waren Athos und sein Gefährte in Boulogne. Der Graf mietete Postpferde, um nach Paris zu fahren. d’Artagnan eilte in die Fischerkneipe, wo er seine Spießgesellen zu finden gedachte. In der Tat hatten diese das Warten auch noch nicht aufgegeben und begrüßten ihren Anführer mit allgemeinem Jubel. Er zahlte ihnen den Rest des versprochenen Soldes. »Und nun noch eins,« sprach er, während die Männer vergnügt die Taler einsteckten. »Der Mann, den wir gefangennahmen, war der Schatzmeister des in England allmächtigen Generals Monk. Ich habe ihn deshalb auf neutrales Gebiet, nach Holland geschafft, damit er dort den neuen Handels- und Schiffahrtsvertrag unterzeichne, der ja inzwischen auch schon in Kraft getreten ist. Selbstverständlich aber stehen wir nun zwischen Galgen und Bastille, denn bei der herrschenden Freundschaft zwischen Frankreich und England auf Grund des neuen Handelsvertrags darf kein Wort darüber ruchbar werden, daß wir dem General Monk durch die Gefangennahme seines Schatzmeisters sozusagen das Messer an die Kehle gesetzt haben. Richtet euch also danach, wenn euch eure Hälse lieb sind. Und somit Gott befohlen!«

Er entließ sie mit einer Handbewegung. – »Menneville!« setzte er hinzu, sich an jenen Mann wendend, den er bei dem Wagestück mehr als die andern ins Vertrauen gezogen hatte, »bleiben Sie noch einen Augenblick da. Ich habe Ihnen allein noch etwas zu sagen. Ich sah es wohl an Ihren Blicken, daß Sie meiner Erzählung keinen Glauben schenkten. Sie fürchten sich weder vor dem Galgen noch vor der Bastille, das weiß ich, aber tun Sie mir wenigstens den Gefallen, sich vor mir zu fürchten. Wenn ein unbedachtsames Wort über Ihre Lippen kommt, so schlachte ich Sie ab wie ein junges Huhn, verstanden? Ich habe die Absolution des heiligen Vaters in der Tasche.« – »Ich schwöre Ihnen, ich weiß nichts, Herr Chevalier,« antwortete Menneville, »und werde mich streng nach Ihrer Vorschrift richten.« – »Ich wußte, Sie haben Kopf und Herz auf dem rechten Flecke,« fuhr d’Artagnan fort; »hier diese fünfzig Taler, die ich Ihnen als Extrazugabe schenke, werden Ihnen beweisen, daß ich was auf Sie halte. Damit könnten Sie nun aber wirklich ein anständiger Mensch werden. Es ist eine Schmach, daß ein so tüchtiger Kerl und ein so guter Name auf immer vom Rost eines lüderlichen Lebenswandels bedeckt bleiben sollen. Werden Sie ein Mann, der keinen falschen Namen mehr zu führen braucht, und führen Sie erst mal von diesem Gelde ein Jahr lang ein anständiges Leben. Dann kommen Sie zu mir, und potzblitz! ich werde etwas für Sie tun.«

Am folgenden Tage ritten Athos und d’Artagnan nach Paris, wo sie am Abend des vierten Tages ankamen. Im Begriff, sich zu trennen, sahen sie einander an, und Athos rief: »Warum muß denn geschieden sein? Sie können doch bei mir in Blois wohnen. Sie haben ja nun Geld und sind ein unabhängiger Mann. Ich kann Ihnen auch in der Nähe von la Fère ein schönes Grundstück mit Jagd kaufen. Sie lieben doch die Jagd. Wir ziehen dann zusammen auf die Pirsch.« – D’Artagnan faßte beide Hände des Grafen. – »Ich sage weder ja noch nein, lieber Freund,« antwortete er. »Erst muß ich meine Angelegenheit hier in Paris ordnen, und erst muß ich mich auch daran gewöhnt haben, reich zu sein. Solange ich mich noch nicht daran gewöhnt habe, bin ich ein unausstehlicher Kerl – ich kenne mich. Und nun adieu!« – Die beiden Freunde gingen auseinander.

Bei Planchet wurde eben der Laden geschlossen. D’Artagnan stieß mit dem Fuß gegen die Tür, daß die Sporen klirrten. Planchet machte noch einmal auf und rief, als er seinen früheren Herrn erkannte: »Ach, mein Gott!« – Mehr konnte er nicht herausbringen. D’Artagnan trat mit finsterm Gesichtsausdruck ein und setzte sich ohne ein Wort des Grußes. – »Herr Chevalier,« begann Planchet, dem das Herz klopfte beim Anblick dieses mürrischen Gesichts, »wie geht es denn?«

»Leidlich.« – »Sie sind doch nicht verwundet worden?« – »Bah!« – »Aber viel saure Arbeit hat’s gegeben, nicht wahr?« – »Ja.« – Den Krämer überlief es eiskalt. – »Ich möchte ein Glas Wein trinken,« sagte d’Artagnan traurig. – Planchet holte Flasche und Glas. »Was ist das für Gesöff?« fragte der Chevalier. – »Ihr Lieblingstropfen, Herr d’Artagnan, Anjouwein!« und er goß ein. »Gnädiger Herr,« fuhr er fort, »ich bin ja Soldat gewesen, ich habe ja Courage – lassen Sie mich doch nicht so lange in schwebender Pein. Raus damit! Unser Geld ist verloren, nicht wahr?« D’Artagnan antwortete nicht. Planchet war blaß geworden, ein würgender Laut entfuhr seiner Kehle, endlich stieß er hervor: »Zwanzigtausend Livres sind ’ne hübsche Summe. Aber wenn es doch mal nicht anders ist, dann müssen wir das Unvermeidliche mannhaft tragen. Die Hauptsache ist doch, daß Sie nicht das Leben dabei verloren haben. Nur nicht gleich verzweifeln! Euer Gnaden ziehen nun zu mir, ich gebe Ihnen Obdach und Nahrung. Ich werde doch meinen alten guten Herrn nicht verkommen lassen. Und wenn das Geschäft nicht mehr gehen sollte, dann essen wir die Mandeln und Rosinen auf und verzehren gemeinschaftlich alles bis auf den letzten Dreierkäse!«

D’Artagnan sprang auf. »Planchet,« rief er aus, »du bist doch ein guter Kerl. Aber hast du nicht bloß Komödie gespielt? Hast du nicht schon durchs Fenster das Pferd mit den Geldsäcken gesehen?« – Nun fiel Planchet aus den Wolken. – »Was für ein Pferd? Was für Geldsäcke?« schrie er. – »Das dort auf der Straße – unter deinem Warenschuppen!« antwortete d’Artagnan. »Siehst du nicht, es ist beladen. Und was meinst du, was es trägt? Säcke mit guten englischen Goldstücken. Heda, Ladenschwengel!« rief er hinunter, »bringt die Säcke herauf.« – Einen Augenblick später stolperten die Jungen unter der schweren Last herein. D’Artagnan nahm ihnen die Säcke ab und schickte sie fort, worauf er sorgsam die Tür verschloß. Dann breitete er eine Decke auf dem Boden aus und schnitt die Beutel entzwei. Eine Flut von Gold quoll auf den Boden. Planchet sah ein Weilchen zu, aber als die metallne Masse ihm an den Waden hinaufzusteigen begann, drehte er sich wie ein Kreisel herum, stieß einen Schrei aus und fiel in Ohnmacht, mitten in das Gold hinein.

Ein Glas Wein brachte ihn wieder zur Besinnung.

»Potzblitz!« rief der Chevalier. »100 000 Livres gehören Ihnen. Zählen Sie sich Ihren Anteil ab. Vor einer halben Stunde wollte ich dir soviel gar nicht gönnen, aber du bist ein braver Kerl. Also rechnen wir ehrlich ab – glatte Rechnung gute Freunde!« – »Ei ja, ei ja!« rief Planchet, »und während ich zähle, lassen Sie mich wissen, wie alles zugegangen ist. Die ganze Geschichte, Herr Chevalier!«

9. Kapitel. Der Schatz

Monk und Athos verließen das Lager und wendeten sich dem Tweedfluß zu. Der Franzose zweifelte nicht einen Augenblick, welchen Weg er einschlagen sollte, und der englische General erkannte bald, daß dieser Mann die Gegend ganz genau kenne. Zehn Minuten ging es zwischen Zelten und Schildwachen hindurch, dann betraten sie eine Landstraße, die sich nach wenigen Schritten teilte. Die mittlere der drei Abzweigungen führte zur Abtei Newcastle. Jenseits dieser Straße, gar nicht mehr weit von ihnen, lagen die äußersten Posten Monks. Man war hier also schon verhältnismäßig nahe beim feindlichen Lager. Gleichfalls ganz in der Nähe befand sich am Flußufer das Quartier, das den vermeintlichen Fischern aus der Picardie angewiesen worden war.

Der Mond schien und warf ein gespenstisches Licht auf das Wasser, auf die Baumgruppen, auf die Zelte und die einzelnen hin und her wandelnden Wachtposten. Monk und Athos schritten schweigend durch dieses Zwielicht von Mondschein und Wachtfeuern. Ehe der General die finstere Straße betrat, die geradeswegs zur Abtei führte, warf er einen Blick um sich. Er sah eine Gestalt im Schatten dahinhuschen. – »Ah,« dachte er, »Digby traut der Sache nicht und ist uns doch gefolgt. Digby!« rief er laut, »hierher!« – Aber es konnte doch wohl nicht Digby, der Adjutant, gewesen sein; denn statt zu gehorchen, duckte sich die Gestalt und verschwand hinter einem Damme. Da das nun in einem Kriegslager keine sonderlich auffallende Erscheinung war, so machte Monk sich keine Gedanken weiter darüber, sondern ging mit Athos weiter.

»Es ist aber doch wohl besser, General,« sagte dieser, »wir lassen uns von einem der Soldaten eine Laterne geben.« – »Nein, nicht von einem Soldaten,« antwortete Monk. »Ich will von keinem meiner Leute hier gesehen sein. Gehen wir zu den französischen Fischern, die auch ganz in der Nähe liegen. Die Leute fahren morgen wieder ab, so kann man ihnen das Geheimnis eher anvertrauen. Wüßten meine Soldaten, daß in der Abtei dort eine Million versteckt liegt, sie würden morgen dort das unterste zu oberst kehren und keinen Stein auf dem andern lassen, um nach weiteren Schätzen zu suchen.« – Nach diesen Worten schritt Monk auf das Feld jenseits des Weges, bis er vor einem kleinen Zelt stand. »Hollah!« rief er. »Aufgewacht!« – Der Kapitän der Fischer war sofort auf den Füßen. Als er den General erkannte, fragte er mit gut erkünstelter Schläfrigkeit nach seinen Befehlen. – »Ich brauche einen Mann mit einer Laterne,« war die Antwort. – »Soll ich selbst mitkommen, Mylord?« fragte der Kapitän. – »Du oder ein anderer, das ist mir gleich,« versetzte Monk. »Nur schnell!«

»Sonderbar,« dachte Athos bei sich. »Die Sprache dieses Fischers kommt mir bekannt vor.« – Der Mann hielt sich jedoch im tiefen Schatten der Zeltwand, so daß der Graf nicht sein Gesicht sehen konnte. – »Ich will doch lieber einen andern schicken,« dachte d’Artagnan. »Das ist meiner Treu Athos. Er könnte mich erkennen und meinem Unternehmen Schwierigkeiten bereiten. Sicherlich verfolgt er hier seinen eignen Plan.« – Diese Erwägungen vollzogen sich in seinem Kopfe mit der Geschwindigkeit eines Blitzes, und Monk hatte nicht nötig, noch einmal zur Eile zu drängen. Im nächsten Augenblick stand einer der Fischer bereit, den beiden mit der Laterne voranzugehen.

»Leuchte uns nach der Abtei Newcastle,« befahl Monk, »und mach lange Beine, Kerl!« – Sie schritten weiter durch die Nacht, stumm und rasch, ein jeder mit seinen Gedanken beschäftigt. Die des Grafen weilten bei dem Fischer, dessen Erscheinung und Stimme ihm bekannt erschienen waren. »Aber es ist ja ganz unmöglich,« sagte er sich. »Wie kann ich auf solch eine alberne Vermutung kommen?«

Nach wenigen Minuten traten sie in die Abtei. Im Innern lag ein Posten von vier Mann, die beim Geräusch von Schritten aufsprangen und ihr »Wer da?« ertönen ließen. Monk gab das Losungswort, und sie schritten unangefochten tiefer hinein in die Trümmer der verfallenen Stätte. Festen Fußes ging Athos, seines Zieles ganz sicher, durch die öden Hallen. Es gab hier keine Tür und kein Fenster mehr. Aus den leeren Löchern und Höhlen flüchteten aufgescheuchte Nachtvögel, vom Licht der Laterne erschreckt. Fledermäuse umflatterten die Eindringlinge, deren Schatten in riesiger Größe an den nackten Flächen der verwitterten Mauern tanzten. Als Monk diese Tiere jetzt erst auffliegen sah, wußte er, daß sich dort drinnen niemand versteckt, daß vor ihnen kein Mensch diese Oedenei betreten hätte. – »Ich werde also mit diesem Manne ganz allein sein,« dachte er bei sich. »Nun, dann will ich es schon mit ihm aufnehmen.« – Athos schritt über Schutthaufen hinweg und stand nun vor der Gruft. – »Wir sind zur Stelle,« sprach er. »Hier ist der Stein.« – »Der Ring daran ist in den Stein eingegossen,« sagte Monk. »Wir müssen einen Hebebaum haben. Hast du ein Messer bei der Hand?« fragte er den Fischer. »Dann schneide die junge Esche dort ab.« Dies geschah. »Bleib dort hinten stehen,« sagte Monk darauf zu dem Manne. »Du darfst mit deinem Licht nicht so nahe heran, wir haben Schießpulver zu Tage zu fördern.«

Der Matrose wich erschrocken zurück. Athos und Monk traten hinter eine Säule. Der Franzose ergriff den Hebebaum, setzte ihn in den Ring und wuchtete mit einem kraftvollen Ruck die Platte in die Höhe. – »Ich danke, Mylord,« sprach er, als Monk ihm helfen wollte. »Ich wünsche nicht, daß Sie mit Hand anlegen an ein Werk, von dem Sie gewiß die Finger lassen würden, wenn Ihnen die Folgen, die es haben wird, bekannt wären.«

Der General stutzte und sah den Grafen an. – »Was meinen Sie damit?« fragte er. – Athos warf einen Blick auf den Fischer und sagte: »Wir sind nicht allein.« – »Ha!« dachte Monk. »Nun, ich will es drauf ankommen lassen, Mann gegen Mann mit ihm zu bleiben.« Darauf rief er dem Matrosen zu, er solle in den Außenhof zurückkehren und seine Laterne da lassen. Der Mann gehorchte. Monk war mit Athos allein.

»In dieser Gruft also soll soviel Geld stecken?« fragte der General, nahm die Laterne und stellte sie hart an den Rand der Oeffnung. – »Ja, General, in fünf Minuten werden Sie nicht mehr daran zweifeln.« – Zugleich schlug Athos mit solcher Kraft auf die Gipsbekleidung, daß sie in Stücke ging. Er faßte die Steine und riß sie los. – »Das ist das Mauerwerk, von dem ich sprach.« – »Ja, aber ich sehe die Fässer noch nicht,« gab Monk zur Antwort. – »Wenn ich einen Dolch hätte,« sagte Athos, »dann würden die Fässer bald zum Vorschein kommen. Leider habe ich alle Waffen in Ihrem Zelte gelassen.« – »Ich würde Ihnen den meinigen geben,« erwiderte Monk, »aber die Klinge ist zu dünn und würde nur abbrechen. Lassen Sie sich den Dolch des Fischers herüberwerfen.« – Athos trat ein paar Schritte vor, bis er in Rufweite des Matrosen war. Gleich darauf klirrte die Waffe auf dem Gestein, und der Graf kehrte zurück. – »Der ist stärker als meiner,« sprach Monk ruhig.

Athos schien nicht zu hören, sondern arbeitete alsbald wieder an den Steinen herum. In wenigen Minuten war aller Gips entfernt, und Monk erblickte zwei Fäßchen. – »Sie sehen, General,« rief Athos, »meine Ahnungen haben mich nicht betrogen. Gott beschützt jede gerechte Sache, und daher war ich der Zuversicht, daß dieser Schatz nicht in unrechte Hände gefallen sei.« – »Sie sind ebenso geheimnisvoll in Worten wie in Taten, Graf,« entgegnete Monk. »Soeben sprachen Sie von den Folgen Ihrer Tat, und jetzt reden Sie von einer gerechten Sache. Was ist das für eine Sache?«

Athos sah General Monk an, als wollte er in der Tiefe seiner Seele lesen. Dann nahm er seinen Hut ab und begann in feierlichem Tone, dem die düstere Umgebung der Ruine noch eine ganz besondere Eindringlichkeit verlieh: »Herr General, als Edelmann spreche ich zum Edelmanne. Ich sagte, dieses Geld gehöre mir. Das war die erste Lüge meines Lebens. Ich eile, sie wieder gutzumachen. Dieses Geld gehört vielmehr Karl II., dem vertriebenen König von England.« – Monk erblaßte und zitterte unwillkürlich. – »Ich bin der Letzte,« fuhr der Graf de la Fère fort, »der dem unglücklichen Herrscher die Treue gewahrt hat, und um ihm zu helfen, habe ich den Mann aufgesucht, von dessen Entschluß das Schicksal Englands und seines Königs abhängt, habe mich ihm wehrlos in die Hände gegeben und spreche also zu ihm: Mylord, diese Million ist der letzte Rettungsanker eines Mannes, der Ihr Fürst und König ist. Sie allein haben über sein Schicksal, über seine Zukunft zu entscheiden. Hier vor Ihnen liegt das, was den König retten kann, was Sie aber auch zu seiner völligen Vernichtung benützen können. Wenn Sie verhindern wollen, daß ich mit diesem Gelde zu Karl II. zurückkehre, daß ich ihm die Heimfahrt damit ermögliche, dann stoßen Sie mich nieder, hier ist ein fertiges Grab. Zu jedem andern als Ihnen, Mylord, würde ich sagen: Nehmen Sie dieses Geld als Bezahlung für Ihre Mithilfe. Treten Sie gegen diese Million auf die Seite Karls, werfen Sie Ihre gewichtige Stimme zu seinen Gunsten in die Wage, Ihnen wird das Volk beistimmen. Allein so darf ich zu General Monk nicht sprechen. An einen so ausgezeichneten Charakter muß ich andere Worte richten. Herr General, eine hervorragende Stelle in der Geschichte Ihres Volkes ist Ihnen eingeräumt worden. Wenn Sie nur das Wohl Ihres Vaterlandes im Auge haben, dann müssen Sie dem König helfen, dem einzigen rechtmäßigen König. Dann wird Ihnen der Ruhm zuteil werden, der redlichste, tugendhafteste Mann Ihrer Zeit gewesen zu sein. Sie haben eine Krone in der Hand gehalten und, statt sie auf das eigene Haupt zu setzen, dem rechtmäßigen Besitzer zurückgegeben. Handeln Sie so, Mylord, und Ihr Ruhm bei der Nachwelt wird nicht enden.«

Der Graf schwieg. Monk hatte weder Beistimmung noch Widerspruch erkennen lassen. Sein kaltes, gefühlloses Gesicht veränderte sich nicht. Nach kurzem Schweigen antwortete er: »Herr Graf, Sie sind einer von denen, die Karl I. helfen wollten. Als ich sagte, ich hätte noch nie von Ihnen gehört, sprach auch ich die Unwahrheit. Ich habe vielmehr schon viel von Ihnen gehört, aber ich freue mich, daß ich Sie nach meinem Gefühl, nicht nach meinen Erinnerungen beurteilt habe, daß ich Ihnen Gehör schenkte, statt Sie auf der Stelle gefangenzusetzen. Bisher habe ich noch keine der von Karl II. an mich abgeschickten Personen vorgelassen. Was kümmert mich dieses Phantom von einem König? Er hat hier gekämpft und ist besiegt worden, also ist er ein schlechter Heerführer; er hat Unterhandlungen versucht und keine erfolgreich durchführen können, also ist er auch ein schlechter Diplomat. Er ist in seinem Elend an allen europäischen Höfen hausieren gegangen, also ist er auch kleinmütig und schwach. Er hat sich noch nicht königlich gezeigt, keine edle große Tat hat der Geist gezeitigt, der eines der größten Länder der Erde regieren soll. Ich kenne Karl Stuart also nur von einer sehr unvorteilhaften Seite. Soll ich ihm deshalb huldigen, weil er der Sohn Karls I. ist? Den hat das Volk vom Thron gestoßen, weil ihm die Tugenden eines Königs fehlten. Nun wohl, dieser Sohn möge mir zeigen, daß er eben jene Tugenden besitzt; er offenbare mir sein Genie, seinen Mut. Von ihm als dem Sproß eines solchen Geschlechts muß man mehr fordern als von andern Sterblichen. Bringen Sie ihm diese Million. Sie soll für mich ein Prüfstein sein, und ich werde sehen, wie er das Geld anwendet. Bis jetzt will ich ihn ja schließlich nicht ganz verdammen. Nein, gewiß nicht! Sie haben sehr Recht, wenn Sie sagen, ich verfolge nur das Wohl meines Vaterlandes. Ja ich erkläre Ihnen sogar, wenn das Parlament mir heute Befehl erteilte, Karl II. als König zu empfangen, so würde ich –«

»So würden Sie gehorchen?« rief Athos freudig. – »Entschuldigen Sie,« versetzte Monk lächelnd. »Wo hatte ich alter Graukopf nur meinen Verstand? Hätte ich doch beinahe eine jugendliche Torheit gesagt!« – »Sie würden also nicht gehorchen?« fragte Athos. – »Das sagte ich auch nicht, Graf. Das Wohl des Vaterlands über alles! Wenn das Parlament mir einen solchen Befehl erteilte, so würde ich mich bedanken. Doch gestatten Sie nun auch mir eine Frage. Wenn Sie Karl Stuart diese Million bringen, welchen Rat werden Sie ihm dabei geben?« – »Ich werde ihm nicht raten, Unterhandlungen anzuknüpfen, was mancher an meiner Stelle vielleicht täte. Ich werde ihm Folgendes raten: Werben Sie, so werde ich zu ihm sprechen, zwei Regimenter an, rücken Sie in Schottland ein, führen Sie persönlich das kleine Heer an und fallen Sie mit der Fahne in der Hand. Rufen Sie sterbend noch Ihren Gegnern zu: Briten, dies ist der dritte König meines Geschlechts, den ihr mordet, fürchtet die Rache Gottes!« – »Leider werden gerade die guten Ratschläge von den Königen selten befolgt,« versetzte Monk mit ironischem Lächeln. »Graf, unsere Unterredung ist beendet. Ich werde Befehl erteilen, diese Fässer an den Ort zu schaffen, den Sie mir nennen wollen. Wo wohnen Sie?« – »In einem kleinen Dorfe an der Mündung des Flusses. Eine Viertelmeile von der Küste liegt auch mein Schiff.«

»Wollen Sie sogleich absegeln?« fragte Monk. »Ich rate Ihnen, dies nicht zu tun. Zwischen mir und Lambert steht eine Schlacht bevor oder ein Vergleich. Jedenfalls aber eine Entscheidung. Warten Sie acht Tage. Dann muß diese Entscheidung gefallen sein. Wenn ich dann noch am Leben bin, so werde ich Sie aufsuchen. Vielleicht haben die Dinge dann ein ganz anderes Gesicht als heute. Sicherlich aber werden Sie Karl Stuart eine wichtige Neuigkeit gleich als Augenzeuge übermitteln können. Sie werden von mir Nachricht erhalten. Doch nicht vor acht Tagen.« – In den Augen des Grafen blitzte ein Strahl von Freude auf. »O, wie stolz würde es mich machen,« rief er fast unwillkürlich, »das edle Herz, das unter diesem Mantel schlägt, früher als andere entdeckt zu haben!«

Monk antwortete nicht, sondern befahl dem Fischer, den Wachtposten herbeizurufen. Die vier Soldaten kamen. Der General hieß den Sergeanten, der die Aufsicht über die drei Gemeinen führte, hertreten. »In diesen zwei Fässern sind Pulver und Kugeln,« sagte er. »Schaffe sie mit deinen Leuten in das kleine Dorf an der Flußmündung, das wir morgen mit 200 Mann besetzen. Sorge dafür, daß es geheim bleibt. Der Sieg kann dadurch entschieden werden. Dieser Edelmann hier wird dich hinführen und dir zeigen, wo die Fässer niederzulegen sind. Laß also sofort ein Pferd holen, das die Last tragen kann. Herr Graf,« wendete er sich an Athos, »ich lasse Sie mit diesen Leuten allein und kehre ins Lager zurück. Auf Wiedersehen!«

Er verließ die Gruft. Als er etwa zwanzig Schritte von der Abtei entfernt war, ertönte ein leiser Pfiff in der Dunkelheit. Monk sah sich nach dem Fischer um, der sie hergeführt hatte. Der Mann war nirgends mehr zu sehen. Monk glaubte sich in der Mitte seines Lagers frei von aller Gefahr und schritt weiter. Hätte er sorgsamer hingeschaut, so würde er entdeckt haben, daß ein Mann ein Stück von ihm entfernt zwischen den Steinen dahinkroch, und daß das Fischerboot nicht mehr in der Mitte des Flusses, sondern hart am Ufer lag. Die nächsten Wachtposten waren ein beträchtliches Stück von ihm entfernt; den einzigen, der ihm hätte helfen können, hatte er unter den Befehl des Grafen de la Fère gestellt. Der Nebel wurde rasch so dicht, daß man bald keine zehn Schritte weit sehen konnte. Plötzlich glaubte Monk ein Geräusch zu hören, das wie Ruderschläge klang. Er blieb stehen und zog seine Pistole. Einen Hilferuf auszustoßen, solange es nicht dringend nötig war, hielt er seiner unwürdig.

*

Am nächsten Morgen wurde Athos durch den Lärm von Soldaten geweckt, die in seine Wohnung drangen. Sie hatten Befehl, ihn ins Lager zu führen. Verwundert darüber, daß Monk so rasch gegen die Verabredung verstieß, folgte er den Leuten. Als er im Hauptquartier anlangte, sah er im Zelte des Generals außer dem ihm schon bekannten Adjutanten Digby zwei Obersten. Sein Schwert lag noch auf dem Tische, wohin er es am verflossenen Abend gelegt hatte.

»Ist dies derselbe Fremde, mit dem zusammen der General gestern das Zelt verlassen hat?« fragte einer der Stabsoffiziere den Adjutanten. – »Es ist derselbe,« 7 antwortete Digby. – »Meine Herren,« rief Athos mit Würde, »ich habe keinen Grund, das zu leugnen. Warum eine solche Frage in solchem Tone?« – »Wir sind berechtigt, einen solchen Ton anzuschlagen.« – »Nein,« versetzte Athos. »Ich erkenne hier nur den General Monk als meinesgleichen an und stehe nur ihm Rede und Antwort. Führen Sie mich also zu ihm, wenn Fragen an mich zu richten sind. Wo ist er?« – »Das werden Sie wohl besser wissen als wir,« antwortete einer der Obersten. »Was hat der General gestern mit Ihnen gesprochen?« – »Das ist ein Geheimnis zwischen mir und ihm. Ich kann darauf nur antworten, wenn der General mich dazu ermächtigt.« – »Aber Sie wissen doch recht gut, daß dies unmöglich ist.« – »Ich erhalte schon zum zweitenmal eine solche seltsame Antwort! Ist denn der General nicht hier?« – Diese Frage stellte Athos in so ungekünsteltem Erstaunen, daß die Offiziere sich verlegen ansahen. Nach einer Pause fragte der Adjutant: »Der General hat Sie gestern bei der Abtei verlassen? Sie sind dann gegangen?« – »Fragen Sie danach Ihre eigenen Soldaten, die meine Begleiter waren,« antwortete Athos unwillig.

»Sie wollen also nicht wissen, wo sich der General befindet?« – »Wo er sich befindet? Zum Teufel, doch hier im Lager!« – »Und was enthielten jene Fässer?« – »Fragen Sie Ihre Soldaten. Denen hat es der General selber gesagt.« – »Wir haben sie gefragt und erfahren, die Fässer enthielten Pulver und Blei, aber wir lassen uns nicht hinters Licht führen.« – »Bedenken Sie, was Sie da reden, meine Herren!« rief Athos. »Sie zeihen Ihren General der Lüge. Der General hat mich aufgefordert, noch acht Tage hier zu bleiben und auf seine Antwort zu warten. Bin ich entflohen?« – »Er hat Sie aufgefordert, acht Tage zu warten?« rief der Adjutant. – »Meine Schaluppe liegt an der Flußmündung. Ich hätte ohne jede Schwierigkeit an Bord gehen und abfahren können. Nur auf Wunsch des Generals blieb ich hier.«

Der Adjutant wendete sich an die beiden Stabsoffiziere und sprach: »Wenn der Franzose die Wahrheit spricht, dann ist noch Hoffnung. Der General hat vielleicht eine geheime Unterhandlung zu erledigen, über die er niemand etwas sagen wollte. Mein Herr,« sagte er zu Athos, »der General ist spurlos verschwunden, und wir wissen nicht, ob ein Verbrechen vorliegt, oder ob der General absichtlich fortbleibt. Können Sie uns eine Erklärung geben?« – »Zwischen mir und dem General,« antwortete Athos, »hat eine geheime Unterredung stattgefunden und da der General vor der Entscheidungsschlacht, die zu erwarten ist, mir keine bindende Antwort geben wollte, so hieß er mich – ich wiederhole es – acht Tage warten. Das ist alles, was ich weiß, so wahr mein Leben in der Gewalt Gottes steht.« – »Die Sache ist unerklärlich,« sagte einer der Obersten. »Unmöglich können wir annehmen, daß ein so umsichtiger Mann wie unser General am Vorabend einer Schlacht einfach seine Armee verläßt, ohne einem seiner Unterfeldherren etwas zu sagen. Mich will bedünken, als hätten mit diesem plötzlichen Verschwinden die französischen Fischer zu tun, die ja seit gestern abend auch verschwunden sind. Allerdings konnten sie gehen, wann sie wollten, denn sie waren keine Kriegsgefangnen; dennoch erscheint mir das Zusammentreffen seltsam und verdachterregend. Und wer steht uns nun dafür, daß Sie, mein Herr, nicht mit diesen Fischern unter einer Decke gesteckt haben? Daß Sie nur geblieben sind, um jeden Argwohn abzulenken?« – »Das ist ein scheinbar ganz richtiger Schluß,« versetzte Athos, »aber in Bezug auf meine Person trifft er nicht zu. Verdächtig erscheint der Fall nun freilich auch mir, und ich rate Ihnen, schleunigst Nachforschungen anzustellen. Was mich anbetrifft, so gebe ich mich bis auf weiteres gefangen.« – »Das ist selbstverständlich,« erwiderte der Adjutant. »Sie bleiben im Hauptquartier.« – »Damit bin ich nicht einverstanden,« entgegnete Athos ruhig, »Ihr General hat mir sein volles Vertrauen geschenkt und mir ein Gut übergeben, das ich nicht aus den Händen lassen darf. Setzen Sie eine Wache über mich, von soviel Mann, wie Sie wollen, aber lassen Sie mich in meine Wohnung zurückkehren. Der General wird Sie ernsthaft tadeln, wenn Sie hierin gegen seinen Willen handelten.« – Die Offiziere berieten sich einen Augenblick, dann ließen sie Athos unter Bedeckung von fünfzig Mann in seine Wohnung zurückkehren.

Die Sache blieb geheim. Vom Verschwinden des Generals erfuhr niemand im Lager. Aber Tage, ja Wochen verflossen, und Monk kam nicht zurück; ja nicht einmal eine Nachricht traf von ihm ein.

10. Kapitel. Wie d’Artagnans große Idee endete

Zwei Tage nach den eben erzählten Ereignissen ging am späten Abend eine kleine holländische Fischerbark an der Küste von Scheveningen vor Anker und setzte in einem Boote acht Mann an Land, die beim Aussteigen einen großen, länglichen Gegenstand, der eine Kiste oder ein Ballen zu sein schien, auf den Strand legten. Ein einzelner Mann lief sogleich auf das einsame Haus zu, das dem verstoßenen König von England zur Wohnung diente. Der Hund bellte laut, der alte Parry fuhr aus dem Schlafe auf. – »Was gibt’s?« rief er und wagte die Tür nur um einen Spalt zu öffnen. – »Ich will zu Seiner Majestät Karl II.,« antwortete eine Stimme. – »Nennt Euern Namen und Euer Begehr!« – »Potzblitz, Ihr seid neugierig, Alter, ich bringe wichtige und unerwartete Nachrichten, laßt mich also nicht länger warten, so Ihr Euern Herrn lieb habt.« – »Ihr müßt vor allem Euern Namen nennen – ich habe ausdrücklichen Befehl, jeden Unbekannten, der anklopft, danach zu fragen.« – »Ich bin kein Unbekannter, potzblitz!« rief die Stimme. »Oeffnet, ich bringe eine Kunde, die nicht mit Geld aufzuwiegen ist!« – »Meiner Treu, ich sollte diese Stimme kennen,« sagte nun Parry und öffnete die Tür um einen Spalt weiter. »Richtig, es ist Chevalier d’Artagnan!« Und nun flog die Tür ganz auf, und Parry ließ den Kriegsmann ein, der noch immer die Fischerstracht anhatte.

»Ja, ja, ich bin’s wirklich, lieber Parry!« sagte d’Artagnan. »Und nun melden Sie mich beim König!«

»Aber Majestät schlafen schon.« – Doch im selben Augenblick erschien der König, der noch gearbeitet hatte, in der Tür seines Zimmers und fragte nach der Ursache dieses nächtlichen Lärms. – »Majestät, Verzeihung,« antwortete Parry, »Chevalier d’Artagnan ist hier und will Sie durchaus sprechen. Er hat wichtige Nachrichten.«

»So laß ihn herein, Parry!«

Und d’Artagnan trat auf den König zu. – »Wo ist der Chevalier?« fragte dieser erstaunt beim Anblick einer fremden Gestalt. – »Er steht vor Ihnen,« antwortete der Kriegsmann. – »Ah, nun erkenne ich Sie!« rief der Brite. »Doch wozu diese Verkleidung?«

»Hören Sie mich an, Majestät,« begann d’Artagnan, als er mit dem König in dessen Zimmer allein war. »Als ich Sie in Blois zu Ludwig XIV. führte, war ich Zeuge Ihres Schmerzes und auch Zeuge Ihres Mißerfolges. Aus Ihrem Munde vernahm ich da die Worte, daß ein gewisser General Monk für Sie das gefährlichste Hindernis auf dem Wege zum Throne sei. Wenn es Ihnen gelänge, ihn zu beseitigen oder zu sich hinüberzuziehen, so würden Sie Ihrem Ziel um ein bedeutendes Stück näher sein. Habe ich damals recht gehört?« – »Gewiß, Chevalier, doch wozu diese Frage? Ein König ohne Heer und Geld vermag nichts gegen einen Mann wie Monk.« – »Das war Ihre Meinung, Majestät, doch glücklicherweise nicht die meine,« fuhr der Chevalier fort. »Ich habe ohne Heer und ohne besonders viel Geld ausgeführt, was Eurer Majestät so unmöglich schien.«

»Mann, was wollen Sie damit sagen?« rief Karl II.

»Daß ich nach England gefahren bin, um den Ihnen so lästigen Mann zu fangen, daß ich ihn mitten aus seinem Lager fortgeschleppt habe, daß ich glücklich zurückgekehrt bin, und daß ich ihn Eurer Majestät bringe.« – »Sie bringen mir den General Monk?« rief Karl II. in grenzenlosem Erstaunen. – »Ja, Sire. Ich habe ihn dort am Strande in einer großen Kiste, aus der ich ihn nur herauszuholen brauche. Seien Sie unbesorgt, die Kiste war mit Luftlöchern versehen, er hat also atmen können. Er wollte zwar keine Nahrung zu sich nehmen, aber ich zwang ihn dazu. Somit befindet er sich ganz wohl. Wünschen Sie ihn zu sehen, Majestät?« – »Sie sind des Teufels, Herr! Ich kann nicht glauben, daß Sie im Ernst sprechen!« – Aber d’Artagnan war schon hinausgeeilt, um seine seltsame Beute herbeizuschaffen.

Vor seiner Abfahrt aus Calais hatte d’Artagnan einen Kasten zimmern lassen, lang, breit und tief genug, einen Menschen aufzunehmen. Eine Matratze war hineingelegt worden, so daß man weich darin liegen konnte. Zweierlei war für den wagemutigen Kriegsmann zu fürchten gewesen: entweder der General Monk, der allgemein für halsstarrig galt, zog den Tod dieser seltsamen Gefangenschaft vor, oder aber er versuchte, die Matrosen zu bestechen und gegen ihren Führer aufzuhetzen. Als d’Artagnan den General nun glücklich in der Kiste hatte, blieb er Tag und Nacht daneben sitzen, bis das Gestade von Holland erreicht war. Erst als er nun zum König ging, verließ er den Gefangenen zum ersten Male, indem er mit einem seiner Leute, den er ganz besonders in sein Vertrauen gezogen hatte, ein dreimaliges Pfeifen verabredete, auf welches Zeichen sie die Kiste unverzüglich herbeitragen sollten.

Dieses Pfeifen ließ er nun ertönen, und als der Kasten im Zimmer des Königs stand, hob d’Artagnan den Deckel auf und half dem Gefangenen heraus, der stumm die steifen Glieder reckte und sich umschaute, während d’Artagnan seine Leute mit den Worten entließ: »Ihr habt König Karl II. von England einen wichtigen Dienst geleistet. Binnen sechs Wochen wird er nun wieder auf seinem Throne sitzen. Eure Löhnung wird deshalb verdoppelt werden. Kehrt zum Boot zurück und wartet dort auf mich.« Darauf wendete er sich an den General, der noch immer stumm wie eine Bildsäule dastand, verneigte sich respektvoll vor ihm und sprach: »Herr General, ich muß Sie um Verzeihung bitten, daß ich Sie so behandelt habe, aber es blieb mir nichts weiter übrig. Jetzt sind Sie frei oder vielmehr aus meinen Händen in die des Königs Karl II. übergegangen.« Und zum König gewendet, setzte er hinzu: »Majestät, hier steht Ihr Feind, General Monk. Beschließen Sie nun das Weitere.«

Monk sah den jungen Monarchen gleichgültig an. »Für mich gibt es keinen König von England,« sagte er ruhig; »ich kenne hier keinen, der würdig wäre, ein Edelmann genannt zu werden. Ein verkappter Verräter, den ich für einen ehrlichen Mann hielt, hat mir im Namen Karl Stuarts eine schändliche Falle gestellt, in die ich leider hineingegangen bin. Tötet mich, denn wahrlich, meinen unbeugsamen Willen werdet Ihr Euch nie Untertan machen. Von diesem Augenblick an werde ich nicht einmal mehr zum Hilferufen den Mund mehr auftun.«

Karl II. betrachtete nachdenklich den berühmten Mann, dem er zum ersten Male Auge in Auge gegenüberstand. Mit jenem Scharfsinn, der den Adlern eigen ist und den Königen eigen sein sollte, hatte er die Tiefe dieses Feindesherzens auf den ersten Blick ergründet und faßte alsbald einen jener heroischen Entschlüsse, auf die ein gewöhnlicher Mensch sein Leben, ein Heerführer sein Glück, ein König sein Reich setzt. – »General,« sagte er zu Monk, »Sie haben das Recht zu schweigen. Ich verlange daher nicht, daß Sie mir antworten, sondern nur, daß Sie mich anhören. Sie machen mir einen schmerzlichen Vorwurf, indem Sie behaupten, ein von mir abgesandter Verräter hätte Ihnen eine Falle gestellt. Damit können Sie nicht diesen Herrn hier meinen, den Chevalier d’Artagnan, dem ich für seine uneigennützige Anhänglichkeit tiefen Dank schulde. Der Herr Chevalier ist nämlich ganz aus eigenem Antriebe, und ohne daß ich etwas von seinem Vorhaben wußte, nach England gefahren, um seinen früheren glänzenden Waffentaten eine neue hinzuzufügen. Sie können mit Ihren Worten vielmehr nur auf den Grafen de la Fère anspielen, der in meinem Auftrag nach Newcastle gereist ist –« – »Athos,« rief d’Artagnan dazwischen. – »Ich glaube, dies ist sein Spitzname,« fuhr Karl II. fort. »Er sollte für mich nach einer Million Geldes suchen, die als letztes Besitztum meines Vaters in der Abtei von Newcastle verborgen lag, und dabei gleichzeitig eine Unterredung mit Ihnen, General, herbeiführen. Nun ist, wie mir scheint; die Unterhandlung zwischen Ihnen und meinem Abgesandten durch diesen Biedermann hier auf unfreiwillige Weise unterbrochen worden. Lassen Sie sich das nicht zu Herzen gehen, Herr d’Artagnan, Sie haben sich als treuer Freund bewährt und mir zur persönlichen Bekanntschaft eines Mannes verholfen, den ich bald nach seinem vollen Werte zu schätzen wissen werde.«

In den Augen des Puritaners leuchtete ein Blitz der Freude auf, doch nur ganz flüchtig, dann sah er wieder kalt und starr vor sich hin. Karl II. fuhr fort: »Für die Ihnen verhängnisvolle Wendung, die die Sache genommen hat, Herr General, bin ich also nicht verantwortlich zu machen. Ich werde es Ihnen sogleich beweisen. Folgen Sie mir, meine Herren!« – Mit diesen Worten verließ er das Haus, und Monk und d’Artagnan folgten ihm. Der König ging zum Strande. – »Wo ist das Boot, auf dem Sie herübergekommen sind?« fragte er. – »Dort,« antwortete der Chevalier, »und in Kanonenschußweite liegt die Bark – man kann sie in der Finsternis der Nacht nicht erkennen.« – »Aber Sie wissen, wo sie liegt, und werden sie finden?« – »Gewiß, Majestät.«

Darauf wendete der König sich an Monk und sprach: »General, Sie sind frei.« – Ein so großer Meister Monk auch in der Kunst, sich zu beherrschen, war, so vermochte er doch nicht einen leisen Ausruf der Ueberraschung zu unterdrücken. Karl II. fuhr fort: »Wecken Sie ein paar Fischersleute im Dorfe und besetzen Sie mit diesen das Fahrzeug. Noch in dieser Nacht können Sie die Reise antreten. Chevalier d’Artagnan wird Sie begleiten. Ich stelle meinen Freund und treuen Helfer unter den Schutz Ihrer Ehre.« – Monk ließ einen neuen Ausruf der Verwunderung hören, und der Chevalier seufzte tief. – »Und nun, General, gute Fahrt und Gott befohlen! Wir sehen uns bald wieder.« Nach diesem Gruße machte Karl II. kehrt und verschwand in der Dunkelheit.

»Das Blättchen hat sich gewendet,« brummte d’Artagnan mürrisch. »Gewähren Sie mir noch ein paar Minuten Frist. Ich muß meine Leute ablöhnen.« – Monk nickte stumm, und der Chevalier pfiff dreimal. In wenigen Augenblicken waren sie von zehn Matrosen d’Artagnans umringt. Er warf ihnen eine mit 2500 Goldlivres gefüllte Börse zu. »Ich muß euch verlassen,« sagte er. »Dies als Abschlagszahlung. Vielleicht komme ich bald wieder, vielleicht dauert’s auch lange, kann auch sein, wir sehen uns nimmermehr. Wartet immerhin in Calais ein Weilchen auf mich. Und nun, Herr General,« wendete er sich an diesen, »stehe ich zu Ihrer Verfügung. Wir werden die Reise zusammen machen – wenn anders Ihnen meine Gesellschaft nicht unangenehm ist –« – »Ganz im Gegenteil,« antwortete Monk gelassen, und d’Artagnan murmelte kopfschüttelnd: »Ich glaube, armer Planchet, unsere Aktien stehen faul.«

Während der Seefahrt sprach Monk kaum ein Wort mit d’Artagnan, obwohl er täglich mit ihm speiste und ihn auch sonst die Behandlung, die er durch ihn erlitten, in keiner Weise entgelten ließ. Nach achtundvierzigstündiger Reise landeten sie an der Mündung des Flüßchens wo das Haus stand, das Athos zur Wohnung diente. Monk schlug rasch den Weg zu seinem Lager ein, und d’Artagnan, der sich in sein Schicksal ergeben hatte, folgte ihm willenlos, wie ein Bär seinem Führer. Ingrimmig murmelte er vor sich hin, die Könige seien alle über einen Kamm, und der beste unter ihnen tauge nichts. Im Stillen gelobte er sich, keinem von ihnen je wieder zu dienen.

»Dort brennt ein Haus!« rief Monk plötzlich, »meiner Treu, das können nur Lamberts Soldaten sein.« – Sie beschleunigten ihre Schritte, um den durch die Flammen bedrohten Menschen zu Hilfe zu kommen, denn die Anzahl der Leute, die das brennende Haus umringte, schien ihnen nicht allzu groß zu sein, so daß sie es wagen konnten, sie anzugreifen. Als sie näher kamen, bemerkten sie, daß die Soldaten in offenbarer Mutlosigkeit dem Brande zusahen. Ohne vorher von ihnen bemerkt worden zu sein, trat Monk ganz plötzlich unter sie.

»Was bedeutet dies?« rief er. – Da stieß einer der Soldaten einen Schrei der Ueberraschung aus. »Der General!« – Der Ruf pflanzte sich rasch von Munde zu Munde fort, ein paar Offiziere, unter ihnen Digby, der Adjutant, stürzten herbei. Monk war von seinen Getreuen umringt. – »Was geht hier vor?« rief er nochmals. – Digby, der Adjutant ergriff das Wort: »Wir wollten jenen verräterischen Franzosen, der Euer Gnaden an jenem Abend fortlockte, zur Uebergabe zwingen,« erklärte er. »Aber es ist ihm nicht beizukommen. Er hat schon zehn der Unseligen erschossen, und wir sahen uns genötigt, Feuer an das Haus zu legen, um ihn auszuräuchern.«

»Ha!« rief d’Artagnan, und sein Schwert flog aus der Scheide, »mein Landsmann – mein Freund ist in Lebensgefahr – ihn wollt ihr bei lebendigem Leibe verbrennen. O, ihr Hunde! Athos, Athos, Hilfe ist nahe!« schrie er und wollte über die Soldaten Monks herfallen. Der General fiel ihm in den Arm. »Geduld!« sagte er. »Digby, sorgen Sie dafür, daß das Feuer auf der Stelle gelöscht wird. Wer dem Manne da drin ein Haar krümmt, büßt es mit dem Leben. Ist in meiner Abwesenheit eine Schlacht geliefert worden?« – »Wozu, Herr General?« sagte Digby. »Täglich laufen hunderte von Lamberts Soldaten zu uns über. In acht Tagen wird sein Heer zusammengeschmolzen sein, wie Schnee an der Frühlingssonne. Entschuldigen Sie uns, Herr General, wir glaubten Sie schon verloren.«

»Sie sind von Sinnen,« versetzte Monk. »Wie könnte ein Mann wie ich verlorengehen? Darf ich mich etwa nicht entfernen, ohne es an die große Glocke zu hängen? Muß deshalb ein Ehrenmann, ein Freund von mir, wie ein Räuber belagert und ausgeräuchert werden? Bei Gott, ich werde die, die der Graf übrig gelassen hat, erschießen lassen.« – Nach diesen Worten wandte er sich um und schüttelte Athos, der sich aus einer stürmischen Umarmung seines Waffenbruders losriß, die Hand. – »Zurück ins Lager!« rief er dann seinen Soldaten zu, und Sie, Digby, haben vier Wochen Arrest, damit Sie künftighin sich besser nach meinen Befehlen richten.«

»Wir sind allein,« fuhr er fort, als die Soldaten sich entfernt hatten. »Nun sagen Sie mir, Graf de la Fère, warum sind Sie geblieben? Sie konnten doch jederzeit Ihre Feluke erreichen.« – »Ich wartete auf Sie, General,« antwortete Athos. »Sie hatten doch versprochen, mir in acht Tagen Bescheid zu geben.« – »Führen Sie mich in Ihr Zimmer!« sagte Monk, und während d’Artagnan mit dem alten Grimaud draußen blieb und sich beide wohl fünf Minuten lang die Hände schüttelten, trat Monk mit Athos in die von Rauch geschwärzte, vom Feuer beschädigte Wohnung. Er ließ sich Papier und Feder geben, schrieb ein paar Zeilen, setzte seinen Namen darunter, steckte das Blatt in einen Umschlag, versiegelte diesen mit seinem Ringe und übergab das Billett dem Grafen mit den Worten: »Machen Sie sich hiermit sofort auf den Weg zu Karl II. Die Fässer bringen Sie mit Hilfe der Fischer, die mich hierhergebracht haben, an Bord. In einer Stunde schon können Sie unterwegs sein. Herr Chevalier!« rief er zum Fenster hinaus. »Sagen Sie Ihrem Freunde Adieu, er kehrt nach Holland zurück.« – »Zurück nach Holland?« rief d’Artagnan. »Und ich?«

»Sie können ihm nachfolgen, wenn Sie wollen,« erwiderte Monk. »Ich bitte Sie jedoch, bei mir zu bleiben. Schlagen Sie mir das ab?« – »Nein, General.« – Als d’Artagnan sich von seinem alten Kameraden verabschiedet hatte, nahm Monk seinen Arm und schritt mit ihm dem Lager zu. Der Chevalier schüttelte, aufs höchste verwundert, den Kopf und dachte bei sich: »Bei Gott, die Aktien von Planchet und Co. scheinen wieder zu steigen. Himmlischer Vater! gib nur, daß Monk nicht soviel Eigenliebe besitze wie ich. Ich muß gestehen, wenn mich jemand in eine Kiste gesteckt und übers Meer geschafft hätte wie ein Kalb, ich würde es ihm nie vergessen, daß er mich eine so lächerliche Figur spielen ließ. Die Haut würde ich ihm abziehen. In einen wirklichen Sarg würde ich ihn stecken zur Erinnerung an den falschen Sarg, in den er mich gepackt wie ein Ladung Heringe.«

Neuntes Capitel.


Neuntes Capitel.

Kälte und Wärme.

Mit einer gewissen Unruhe warteten schon Hatteras und Johnson auf die Wanderer. Diese waren froh, so ein warmes und bequemes Obdach zu finden. Die Temperatur war seit Anbruch des Abends merklich gesunken; das Thermometer zeigte im Freien vierundzwanzig Grad unter Null (-31° hunderttheilig).

Die Ankömmlinge, erschöpft von der Anstrengung und halb erfroren, hätten auch nicht mehr weiter gekonnt. Glücklicher Weise waren die Oefen gut im Gange; der Kochofen wartete nur auf den Ertrag der Jagd; der Doctor ward wieder zum Koch, schmorte einige Wallroßcotelette, und um neun Uhr saßen alle fünf Gefährten bei einem stärkenden Mahle.

»Meiner Treu, sagte Bell, und wenn ich für einen Eskimo gehalten würde, ich gestehe, daß die Mahlzeit mir das wichtigste Ding bei einer Ueberwinterung zu sein scheint. Wenn man einmal eine vor sich hat, soll man ordentlich einhauen.«

Alle Gefährten hatten den Mund voll und konnten nicht gleich antworten, aber der Doctor gab durch Zeichen seine Zustimmung zu erkennen.

Die Wallroßcotelette wurden für delicat erklärt, und wenn das nicht mit Worten geschah, so aß man sie doch bis zum letzten Bissen auf, was wohl alle Erklärungen aufwiegt.

Wie gewöhnlich bereitete der Doctor nach dem Essen Kaffee, er überließ es Niemand, dieses vortreffliche Getränk herzustellen; in einer Spiritus-Kaffeemaschine kochte er ihn auf dem Tisch und reichte ihn siedend. Er für seine Person verlangte, daß ihm das Getränk noch auf der Zunge brannte, sonst erachtete er es nicht werth, durch seine Kehle zu gleiten. Diesen Abend aber trank er den Kaffee so heiß, daß seine Gefährten es ihm nicht nachthun konnten.

»Sie verbrennen sich noch, Doctor, sagte Altamont.

– Das kommt nicht vor, erwiderte er.

– Dann ist Ihr Gaumen mit Kupfer ausgeschlagen? warf Johnson ein.

– Nein, Freunde; ich lade Alle ein, meinem Beispiele zu folgen. Es giebt eben Leute, und zu denen zähle auch ich, die den Kaffee in einer Wärme von hunderteinunddreißig Grad (+55° hunderttheilig) genießen.

– Hunderteinunddreißig Grad! rief Altamont aus; solche Hitze vermag ja kaum die Hand auszuhalten!

– Ganz recht, Altamont, da die Hand im Wasser gewöhnlich nicht mehr als hundertzweiundzwanzig Grad (+50° hunderttheilig) verträgt; aber Gaumen und Zunge sind in diesem Sinne auch weniger empfindlich als die Hand, und dauern noch da aus, wo es diese nicht könnte.

– Sie setzen mich in Erstaunen, sagte Altamont.

– Gut, ich werde Sie überzeugen.«

Da tauchte der Doctor das Thermometer des Salons in seinen heißen Kaffee, und wartete, bis das Instrument nur noch hunderteinunddreißig Grad zeigte. Mit merkbarem Wohlbehagen nahm er dann das erquickende Getränk zu sich. Bell wollte es ihm tapfer gleichthun, verbrannte sich aber, daß er laut aufschrie.

»Da fehlt’s an der Gewohnheit, sagte der Doctor.

– Clawbonny, fragte Altamont, könnten Sie uns wohl die höchsten Wärmegrade angeben, die der menschliche Körper zu ertragen vermag?

– Sehr wohl, erwiderte der Doctor, man hat darüber Versuche angestellt und hat auch ganz merkwürdige Erfahrungen gemacht. An zwei bis drei erinnere ich mich eben, und sie mögen Sie überzeugen, daß man sich an Alles gewöhnen kann, selbst daran, nicht zu braten, wo ein Beefsteak braten würde. So erzählt man, daß die Dienstmädchen beim Bannofen der Stadt Rochefoucauld in Frankreich zehn Minuten lang in diesem Backofen aushalten konnten, wenn darin eine Hitze von dreihundert Graden (+149° hunderttheilig) war, d. h. neunundachtzig Grad mehr als die des siedenden Wassers, während um sie her Aepfel und Fleisch lustig brieten.

– Was für Mädchen! rief Altamont aus.

– Erlauben Sie, da hören Sie ein anderes unzweifelhaftes Beispiel. Acht unserer Landsleute, Fordyce, Banks, Solander, Blagdin, Home, Nooth, Lord Seaforth und der Kapitän Philips ertrugen im Jahre 1774 eine Temperatur von zweihundertfünfundneunzig Graden (+146° hunderttheilig), während Eier und ein Rostbeef um sie herum gar wurden.

– Das waren aber auch Engländer, sagte Bell mit einem Anflug von Stolz.

– Ja wohl, Bell, bestätigte der Doctor.

– O! Amerikaner hätten das noch besser gekonnt, bemerkte Altamont.

– Die wären gebraten worden, sagte der Doctor mit Lachen.

– Und warum das? erwiderte der Amerikaner.

– Jedenfalls haben’s wenigstens Keine versucht; ich kann also nur von meinen Landsleuten sprechen. Ein letztes Beispiel will ich noch anführen, das ganz unglaublich wäre, wenn es nicht die Zeugen dafür außer Zweifel setzten. Der Herzog von Ragusa und ein Dr. Jung, ein Franzose und ein Oesterreicher, sahen einen Türken gar in ein Bad gehen, welches hundertsiebzig Grad (+77° hunderttheilig) warm war.

– Mir will aber scheinen, sagte Johnson, daß das nicht der Leistung der Bannofenmädchen und der unserer Landsleute gleichkommt!

– Entschuldigen Sie, erwiderte der Doctor, es ist ein großer Unterschied, ob man in heiße Luft oder in heißes Wasser geht. Die warme Luft ruft eine Verdunstung hervor, welche den Körper beschützt, während man in heißem Wasser nicht transpirirt und sich deshalb verbrennt. So ist die äußerste Temperaturgrenze, die man bei Bädern für zulässig erachtet, im Allgemeinen hundertsieben Grad (+42° hunderttheilig). Jener Türke mußte also ein außergewöhnlicher Mensch sein, um eine solche Hitze zu ertragen.

– Herr Clawbonny, fragte Johnson, welche Temperatur haben im Allgemeinen die lebenden Geschöpfe?

– Das ist je nach ihrer Natur verschieden, entgegnete der Doctor; so zeigen die Vögel unter allen Thieren die größte Eigenwärme und unter ihnen stehen Ente und Henne vornan; die Wärme ihres Körpers übersteigt hundertzehn Grad (+43° hunderttheilig), während die Nachteule z. B. nur hundertvier Grad (+40° hunderttheilig) hat; in zweiter Linie kommen dann die Säugethiere und die Menschen; die Temperatur der Engländer ist gewöhnlich hundertein Grad (+38° hunderttheilig).

– Ich bin ganz sicher, daß Herr Altamont für die Amerikaner mehr beanspruchen wird, sagte Johnson lachend.

– Nun gewiß, erwiderte dieser, es sind sehr Heißblütige darunter; da ich ihnen aber nie ein Thermometer in den Brustkasten oder unter die Zunge geschoben habe, kann ich unmöglich etwas Gewisses darüber sagen.

– Gut, setzte der Doctor hinzu, der Unterschied zwischen den verschiedenen Menschenracen ist auch nicht merkbar, wenn sie sich unter gleichen Verhältnissen befinden und dieselbe Nahrung genießen. Ich möchte fast behaupten, daß die menschliche Eigenwärme unter dem Aequator und dem Pole dieselbe ist.

– Also, sagte Altamont, ist hier unsere Körperwärme dieselbe wie in England?

– Ganz sicher, antwortete der Doctor; was die anderen Säugethiere betrifft, so übersteigt ihre Temperatur meist ein wenig die des Menschen. Das Pferd steht ihm sehr nahe, ebenso der Hase, der Elephant, das Meerschwein und der Tiger; aber Katze, Eichhörnchen, Ratte, Panther, Schaf, Ochse, Hund, Affe, Bock und Ziege erreichen hundertdrei Grad, und endlich, das Bevorzugteste unter derart Thieren, das Schwein, hat gar über hundertvier Grad (+40° hunderttheilig)..

– Das ist erniedrigend für uns, sagte Altamont.

– Es folgen hierauf die Amphibien und Fische, deren Temperatur je nach der des Wassers sehr verschieden ist. Die Schlange hat nur sechsundachtzig Grad (+30° hunderttheilig), der Frosch fünfundsechzig (+18° hunderttheilig), der Hai im Mittel gar noch ein und einen halben Grad weniger; die Insecten endlich scheinen gar die Temperatur der Luft und des Wassers zu haben.

– Das ist Alles ganz schön, sagte Hatteras, der jetzt endlich das Wort ergriff, und ich danke dem Doctor für die uns gewordene Mittheilung seiner Kenntnisse. Aber wir plaudern hier, als wenn uns große Hitze zu ertragen bevorstände. Wäre es nicht mehr am Platze, von der Kälte zu reden, zu wissen, was wir etwa zu erwarten haben, und welches die niedrigsten bis jetzt beobachteten Temperaturen sind?

– Das ist richtig, meinte Johnson.

– Nichts leichter als das, sagte der Doctor, und ich stehe gern mit Aufklärung zu Diensten.

– Das glaube ich, sagte Johnson, Sie wissen ja Alles.

– Ich weiß weiter Nichts, meine Freunde, als was ich von Anderen gelernt habe, und nach meinen Mittheilungen werden Alle ebenso unterrichtet sein, wie ich. Ueber die Kälte und die in Europa beobachteten niedrigsten Temperaturen kann ich nur etwa Folgendes sagen: Man zählt viele sehr harte Winter, und es scheint, daß die strengsten unter diesen nach einer Periode von etwa einundvierzig Jahren wiederkehren, ein Zeitraum, der mit dem reichlichsten Vorkommen von Sonnenflecken zusammenfällt. Ich erinnere hier an den Winter von 1364, wo die Rhône bis Arles hin gefror; an den von 1408, wo die Donau in ihrer ganzen Länge zufror und die Wölfe trockenen Fußes nach Jütland kamen; an den von 1509, während dessen das Adriatische Meer bei Venedig, Cette und Marseille fest wurde und die Ostsee noch am 10. April nicht zu befahren war; an den von 1608, während dessen in England alles Vieh umkam; an den von 1789, wo die Themse bis Gravesend, sechs Stunden unterhalb London, gefroren war; an den von 1813, an welchen sich die Franzosen mit Schrecken erinnern, und endlich an den von 1829, den strengsten und andauerndsten im neunzehnten Jahrhundert. Dies in Hinsicht Europas.

– Aber welchen Grad kann die Kälte hier, oberhalb des nördlichen Wendekreises, annehmen? fragte Altamont.

– Nun, meinte der Doctor, ich glaube, daß wir die härteste Kälte, die je beobachtet wurde, selbst erlebt haben; denn das Weingeist-Thermometer zeigte an einem Tage zweiundsiebzig Grad unter Null (-58° hunderttheilig), und, wenn ich mich recht entsinne, erreichen die niedrigsten von Polarreisenden bis jetzt aufgemerkten Temperaturen nur einundsechzig Grad auf der Insel Melville, fünfundsechzig Grad am Port Felix und siebzig Grad (-56°,7 hunderttheilig) am Fort Reliance.

– Ja, wir sind hier durch einen sehr rauhen Winter zurückgehalten worden, sagte da Hatteras, und sehr zu unserm Unglück.

– Sie sind aufgehalten worden, fragte rasch Altamont, den Kapitän scharf ansehend.

– Auf unserer Fahrt nach Westen, beeilte sich der Doctor zu sagen.

– Also schwankt, sagte Altamont, den Faden der Unterhaltung wieder aufnehmend, der höchste und niedrigste Stand der dem Menschen erträglichen Temperaturgrade etwa zwischen zweihundert Graden?

– Ja, antwortete der Doctor, ein im Freien und geschützt vor jeder Rückstrahlung angebrachtes Thermometer steigt nie und nirgends über hundertfünfunddreißig Grad über Null (+57° hunderttheilig), so wie es andererseits nicht unter zweiundsiebenzig Grad (-58° hunderttheilig) herabsinkt. Sie sehen also, meine Freunde, daß wir uns ganz nach Bequemlichkeit einrichten können.

– Wenn aber die Sonne, sagte Johnson, plötzlich verlöschte, würde die Erde nicht in eine weit beträchtlichere Kälte versinken?

– Die Sonne wird zwar nicht verlöschen, erwiderte der Doctor, aber auch wenn es geschähe, würde die Temperatur schwerlich unter den vorhin angedeuteten Grad herabgehen.

– Das ist merkwürdig.

– O, ich weiß, daß man früher für die außerhalb der Atmosphäre gelegenen Räume Tausende von Graden annahm, aber nach den Forschungen eines gelehrten Franzosen, Fourrier, muß man das jetzt abweisen; er hat es zwar wahrscheinlich gemacht, daß, wenn sich die Erde in einer völlig wärmelosen Umgebung befände, die Stärke des Frostes, den wir jetzt am Pole beobachteten, zwar noch größer, auch zwischen Tag und Nacht ein beträchtlicherer Unterschied der Temperatur stattfinden würde; dennoch, meine Freunde, ist es auch Millionen Meilen entfernt nicht so sehr kälter als hier.

– Sagen Sie mir, Doctor, fragte Altamont, ist die Temperatur Amerikas nicht geringer, als die der anderen Länder der Erde?

– Ohne Zweifel, Sie dürfen aber darauf nicht eitel werden, sagte der Doctor lachend.

– Und wie erklärt man sich diese Erscheinung?

– Man hat eine Erklärung dafür gesucht, aber keine genügende gefunden; so stellte Halley die Vermuthung auf, ein Komet, der einmal schief auf die Erde getroffen sei, habe ihre Rotationsaxe verschoben, d. h. also ihre Pole. Nach ihm soll der Nordpol, welcher früher bei der Hudsonsbai war, weiter nach Osten gerückt sein, und die Gegenden des alten Poles wären dann so weit abgekühlt, daß sie die Sonne noch nicht wieder habe zu erwärmen vermögen.

– Und Sie stimmen dieser Theorie nicht bei?

– Keinen Augenblick; denn was für die Ostküste Amerikas wahr ist, gilt nicht für die Westküste, deren Temperatur eine höhere ist. Nein! Es ist nur zu bestätigen, daß es Isothermenlinien giebt, welche von den Parallelkreisen der Erde abweichen, das ist Alles.

– Wissen Sie, Herr Clawbonny, sagte Johnson, daß es sich unter unseren jetzigen Verhältnissen recht hübsch von der Kälte plaudert.

– Gewiß, mein alter Johnson; wir sind eben dabei, die Praxis zur Unterstützung der Theorie anzurufen. Diese Gegenden sind ein ungeheures Laboratorium, in dem man merkwürdige Versuche über niedrige Temperaturen anzustellen vermag. Seien Sie aber immer aufmerksam und klug; sollte Ihnen ein Körpertheil erfrieren, so reiben Sie ihn sogleich mit Schnee ab, um die Blutcirculation wieder herzustellen, und nehmen sich in Acht, wenn Sie an’s Feuer zurückkommen, denn Sie könnten sich Hände oder Füße verbrennen, ohne es zu bemerken; das würde Amputationen nöthig machen, und wir wollen doch suchen, Nichts von uns selbst in diesen Polargegenden zurückzulassen. Ueberdies aber, meine Freunde, denke ich, wir werden gut thun, uns nun im Schlafe einige Stunden Ruhe zu gönnen.

– Gern, antworteten des Doctors Gefährten.

– Wer hat die Wache beim Ofen?

– Ich, antwortete Bell.

– Nun gut, Freundchen, so sehen Sie darauf, daß das Feuer nicht nachläßt, denn es ist eine Teufelskälte diesen Abend.

– Beruhigen Sie sich, Herr Clawbonny, das spornt genug, und übrigens, sehen Sie doch, der Himmel steht ganz in Flammen.

– Ja, erwiderte der Doctor, der sich dem Fenster näherte, ein Nordlicht von vollkommener Schönheit! Welch‘ prächtiges Schauspiel! Ich werde nie satt, es zu betrachten.«

In der That bewunderte der Doctor immer diese kosmischen Phänomene, welchen seine Genossen keine große Aufmerksamkeit mehr schenkten; er hatte übrigens bemerkt, daß ihrem Erscheinen immer Störungen der Magnetnadel vorhergingen, und notirte sich seine Beobachtungen, die für das »Weather- Book«2 bestimmt waren.

Bald war dann Jeder, während Bell nächst dem Ofen wachte, auf seinem Lager gestreckt in ruhigen Schlummer gesunken.

  1. Das »Wetterbuch« des Admirals Fitz-Roy, in dem alle meteorologische Erscheinungen berichtet werden.

Zehntes Capitel.


Zehntes Capitel.

Wintervergnügungen.

Das Leben am Pole ist von trauriger Einförmigkeit. Der Mensch ist vollständig den Launen der Atmosphäre unterthan, welche Stürme und strenge Kälte mit verzweifelter Eintönigkeit herbeiführt. Den größten Theil der Zeit ist es ganz unmöglich, einen Schritt aus dem Hause zu thun, und man bleibt in den Eishütten eingeschlossen. So vergehen lange Monate, welche die Ueberwinternden zu einer Maulwurfsexistenz verdammen.

Am anderen Tage ging das Thermometer um einige Grade herab, und die Luft war voll wirbelnden Schneegestöbers, wodurch das ganze Tageslicht entzogen ward. Der Doctor sah sich an’s Haus gefesselt und legte die Hände in den Schoß; er hatte Nichts zu thun, außer etwa den Verbindungsgang alle Stunden zu reinigen, der sonst sich ganz zu verstopfen drohte, und die Wände, welche von der Wärme im Innern feucht wurden, wieder zu glätten; das Eishaus selbst war höchst dauerhaft errichtet, und die Schneewehen, die seine Mauern verstärkten, erhöhten nur seine Widerstandsfähigkeit.

Die Magazine bewährten sich gleichmäßig gut. Alle aus dem Schiffe geräumten Gegenstände waren in bester Ordnung aufgestapelt in diesen »Warendocks«, wie sie der Doctor nannte. Obgleich diese Magazine übrigens kaum sechzig Schritt vom Hause entfernt lagen, so war es an manchen stürmischen Tagen doch fast unmöglich, sich dahin zu begeben; daher mußte auch eine gewisse Menge Proviant für den täglichen Bedarf immer in der Küche aufbewahrt werden.

Die Vorsicht, den Porpoise zu entladen, war ganz gerechtfertigt gewesen. Das Fahrzeug unterlag einem langsamen, unmerkbaren, aber unwiderstehlichen Drucke, der es nach und nach zerstörte. Es lag auf der Hand, daß aus seinen Trümmern Nichts zu machen sein werde; dennoch hoffte der Doctor immer, wenigstens eine Schaluppe zur Rückkehr nach England daraus zu gewinnen; der Augenblick, um deren Bau vorzunehmen, war aber noch nicht gekommen.

So verbrachten die fünf Wintergenossen den größten Theil der Zeit in tiefem Müßiggange. Hatteras lag in Gedanken versunken auf seinem Bette, Altamont trank oder schlief, und der Doctor hütete sich wohl, sie aus ihrem Halbschlummer zu erwecken, denn er fürchtete stets irgend einen bösen Wortwechsel. Nur selten sprachen diese beiden Männer mit einander.

Auch während der Mahlzeiten trug der kluge Doctor immer Sorge, die Unterhaltung zu führen und so zu leiten, daß keine Eigenliebe in’s Spiel kam; er hatte aber alle Mühe, die überreizte Empfindlichkeit abzulenken. Soviel als möglich suchte er seine Genossen zu unterrichten, zu zerstreuen oder doch ihr Interesse zu erregen. Wenn er nicht mit der Ordnung seiner Reisenotizen beschäftigt war, besprach er lauter Gegenstände aus der Geschichte, der Erdbeschreibung oder der Witterungskunde, welche sich aus ihrer Lage ergaben; er trug die Sachen in ansprechender, dem Verstand einleuchtender Form vor; zog aus den geringsten Zwischenfällen eine Nutzanwendung; sein unerschöpfliches Gedächtniß ließ ihn niemals im Stich; er wandte seine Lehrsätze auf die anwesenden Personen an; erinnerte sie an Dies oder Jenes, was aus diesem oder jenem Umstande hervorging, und erhöhte so das Gewicht seiner Theorieen durch persönliche Beweisgründe.

Man kann wohl sagen, daß dieser würdige Mann die Seele dieser kleinen Welt war, eine Seele, voll Offenherzigkeit und Gerechtigkeit, womit sie Alles durchdrang. Seine Genossen hatten zu ihm ein unbegrenztes Zutrauen; er verfehlte sogar seines Eindrucks auf Hatteras nicht, der ihn übrigens liebte. Durch seine Worte, sein Wesen und seine Gewohnheiten wirkte er so wohlthätig, daß die Existenz dieser wenigen, sechs Grad vom Nordpole vereinsamten Menschen ganz natürlich erschien; wenn der Doctor sprach, glaubte man ihn in seinem Zimmer in Liverpool zu hören.

Und doch, wie verschieden war diese Lage von der solcher Schiffbrüchiger, die auf eine Insel des Stillen Oceans verschlagen wurden, jene Robinsone, deren anziehende Geschichte stets die Leser fesselt. Dort bot allerdings ein fruchtbarer Boden, eine üppig reiche Natur tausend Hilfsquellen; in jenen herrlichen Ländern genügte ein wenig Einbildungskraft und Arbeit, um sich materielles Wohlsein zu schaffen; Jagd und Fischfang befriedigten alle menschlichen Bedürfnisse; die Bäume trieben für den Menschen, natürliche Höhlen boten ihm ihren Schutz, die Bäche rieselten, seinen Durst zu löschen, prächtiger Schatten schützte ihn gegen die Hitze, und niemals bedrohte ihn arger Frost in jenen milden Wintern; pflegelos hingeworfene Samenkörner lieferten einige Monate später eine Ernte. Abgesehen von dem Mangel an Gesellschaft war die Glückseligkeit vollkommen. Dazu lagen jene bezaubernden Inseln, jene herrlichen Länder an dem Wege anderer Schiffe; der Schiffbrüchige konnte immer hoffen, wieder mit aufgenommen zu werden, und er wartete geduldig, bis man ihn seiner glücklichen Existenz entriß.

Aber hier, an dieser Küste Neu-Amerikas, welcher Abstand! Diesen Vergleich stellte der Doctor zwar manchmal an, aber er behielt ihn für sich, obgleich er gewiß über den erzwungenen Müßiggang erzürnt war.

Mit Begierde erwartete er den Wiedereintritt des Thauwetters, um seine Ausflüge von Neuem vornehmen zu können, und doch sah er ihn nicht ohne Furcht sich nahen, denn er prophezeite sich ernsthafte Auftritte zwischen Hatteras und Altamont. Wenn man jemals bis zum Pole drang, was würde aus der Rivalität der beiden Männer sich ergeben?

Er mußte also zunächst Alles abzuwenden suchen, nach und nach diese beiden Rivalen zu einem unbewußten Einverständniß und zu freimüthigem Gedankenaustausche bringen; aber einen Engländer und einen Amerikaner unter einen Hut zu bringen, zwei Menschen, die schon ihre Abkunft zu Feinden machte, der Eine von ihnen erfüllt mit dem ganzen Ernste Alt-Englands, der Andere, begabt mit dem unternehmenden, kühnen und rücksichtslosen Geiste seiner Nation welche Arbeit voller Schwierigkeiten bot das!

Wenn der Doctor über diesen unversöhnlichen Wettstreit der Menschen, diese nationale Eifersucht nachdachte, konnte er nicht umhin, nicht etwa mit den Achseln zu zucken, denn das kam bei ihm überhaupt nie vor, aber doch die menschlichen Schwachheiten zu bedauern.

Mit Johnson sprach er oft über dieses Thema; der alte Seemann und er stimmten in dieser Hinsicht ganz überein; sie fragten sich dann, welche Mittel sie ergreifen, durch welches vorsichtige Verfahren sie zu ihrem Ziele gelangen sollten, und sahen wohl die in der Zukunft drohenden Verwickelungen.

Indeß dauerte die üble Witterung fort; nicht auf eine Stunde konnte man daran denken, das Fort Providence zu verlassen; Tag und Nacht mußte man in dem Eishause verweilen. Man langweilte sich, ausgenommen der Doctor, der immer ein Mittel fand, sich zu beschäftigen.

»Es giebt also keine Möglichkeit, sich zu zerstreuen? sagte eines Abends Altamont; das nennt man doch wahrlich nur nach Art der Reptilien leben, die den ganzen Winter über verscharrt liegen.

– Es ist wohl wahr, bestätigte der Doctor; leider sind wir nicht zahlreich genug, um irgend ein System von Zerstreuungen zu organisiren.

– Also glauben Sie, erwiderte der Amerikaner, daß wir weniger mit Müßiggang zu kämpfen hätten, wenn wir in größerer Zahl hier wären?

– Ohne Zweifel, denn wenn ganze Schiffsmannschaften einen Winter in den Polargegenden verbracht haben, fanden sie allemal ein Auskunftsmittel, sich nicht zu langweilen.

– Ich wäre wahrlich neugierig, sagte Altamont, zu wissen, wie sie das angefangen haben; es gehören sehr erfindungsreiche Geister dazu, um einer solchen Lage noch erheiternde Seiten abzugewinnen. Sie gaben sich, denk‘ ich, nicht Räthsel zu lösen auf!

– Nein, es fehlte aber nicht viel, versetzte der Doctor; sie hatten in diese hochnördlichen Länder zwei mächtige Zerstreuungsmittel eingeführt: die Presse und das Schauspiel.

– Wie? Sie hatten ein Journal? fragte der Amerikaner.

– Sie spielten Komödie? rief Bell.

– Allerdings, und sie fanden auch ein wahrhaftes Vergnügen dabei. So schlug der Commandant Parry bei Gelegenheit der Ueberwinterung auf der Insel Melville seinen Leuten diese beiden Arten Vergnügungen, und zwar mit bestem Erfolge vor.

– Nun, offen gestanden, meinte Johnson, ich hätte wohl dabei sein mögen, das muß merkwürdig gewesen sein.

– Merkwürdig und unterhaltend, mein braver Johnson; der Lieutenant Beechey wurde Theaterdirector, und der Kapitän Sabine Hauptredacteur der ‚Winter-Chronik‘, oder ‚Zeitung für Nord-Georgia.‘

– Schöne Titel, sagte Altamont.

– Diese Zeitung erschien vom 1. November 1819 bis 20. März 1820 jeden Montag. Sie berichtete Alles, was auf die Ueberwinterung Bezug hatte, über die Jagden, kleine Vorkommnisse, Unfälle, über Witterung und Temperatur; sie enthielt eine mehr oder weniger ergötzliche Chronik; zwar durfte man den Geist eines Sterne nicht darin suchen, oder etwa die schönen Artikel des ‚Daily-Telegraph‘; aber doch half man sich immerhin damit fort und zerstreute sich; die Leser waren weder zu peinlich noch blasirt und niemals, glaub‘ ich, wird die Aufgabe eines Tagesschriftstellers eine angenehmere gewesen sein.

– Wahrlich, sagte Altamont, ich wäre wohl begierig, Auszüge aus dieser Wochenschrift zu kennen, mein lieber Doctor; ihre Artikel müssen doch vom ersten Wort bis zum letzten von Frost gestarrt haben.

– Gott bewahre, entgegnete der Doctor; was jedenfalls der Philosophischen Gesellschaft in Liverpool oder dem Literarischen Institut in London etwas naiv vorgekommen wäre, das genügte doch den im Schnee vergrabenen Mannschaften vollkommen. Wollen Sie selbst darüber urtheilen?

– Was? Sie hätten das im Gedächtniß behalten …?

– Das zwar nicht, aber Sie hatten Parry’s Reisen an Bord des Porpoise, und ich brauche nur seine eigenen Berichte vorzulesen.

– Ja, thun Sie es! riefen die Gefährten des Doctors.

– Nichts leichter als das.«

Der Doctor suchte das betreffende Werk in dem Schranke des Salons, und fand leicht die einschlägige Stelle.

»Seht, sagte er, da haben wir einige Auszüge aus der ‚Zeitung für Nord-Georgia.‘ Hier ist ein an den Hauptredacteur gerichtetes Schreiben:

‚Mit wahrer Befriedigung wurde in unserer Mitte Ihr Vorschlag zur Begründung einer Zeitung aufgenommen. Ich bin der Ueberzeugung, daß sie unter Ihrer Leitung uns manches Vergnügen bereiten und die Last unserer hundert finsteren Tage wesentlich erleichtern wird.

Bei dem Interesse, welches ich persönlich daran nehme, habe ich den Eindruck Ihrer Anzeige auf die ganze Gesellschaft zu ermitteln gesucht, und ich kann Sie versichern, daß, um die der Londoner Presse geläufigen Ausdrücke zu gebrauchen, die Sache bei unserem Publicum eine tiefe Sensation hervorgerufen hat.

Am Tage nach dem Erscheinen Ihres Prospectes entstand an Bord eine ganz ungewohnte, noch nie dagewesene Nachfrage nach Tinte. Die grünen Decken unserer Tische hatten sich bald mit einer wahren Sündfluth von Federabschnitzeln bedeckt, zum großen Verdrusse eines unserer Diener, der sich beim Abschütteln einen davon unter den Nagel stach.

Ich weiß endlich aus guter Quelle, daß der Sergeant Martin nicht weniger als neun Federmesser zu schleifen hat. All‘ unsere Tische kann man unter der ungewohnten Last der Schreibepulte sich beugen sehen, die seit zwei Monaten nicht das Tageslicht gesehen hatten, und man sagt sogar, daß man aus den Tiefen des Schiffsraumes manches Ries Papier, das nicht so bald aus seiner Ruhe gestört zu werden glaubte, hervorgeholt habe.

Vergessen will ich nicht, Ihnen mitzutheilen, wie ich einigen Verdacht habe, daß man versuchen wird, in Ihren Briefkasten einige Artikel schlüpfen zu lassen, welche, da sie jeder Originalität entbehren und keineswegs noch ungedruckt sind, Ihrem Plane nicht entsprechen dürften. Ich kann versichern, daß schon gestern Abend ein Autor zu sehen war, der in der einen Hand einen aufgeschlagenen Band des »Spectators« hielt, während er mit der anderen seine Tinte an der Lampenflamme aufthaute! Es wird unnütz sein, Ihnen zu empfehlen, daß Sie sich vor solcher Arglist hüten; wir wollen nicht das in der »Winterchronik« wieder erscheinen sehen, was unsere Vorfahren, vielleicht vor einem Jahrhundert, beim Frühstück lasen.‘

– Gut, sehr gut, sagte Altamont, als der Doctor zu Ende gelesen hatte, darin ist wirklich gesunder Humor, und der Verfasser des Briefes muß ein rechter Schlaukopf gewesen sein.

– Schlaukopf, das ist das rechte Wort, antwortete der Doctor. Doch halt, da ist noch eine Anzeige, der es auch nicht an Humor fehlt:

‚Gesucht wird eine gut beleumundete Frau in mittleren Jahren, um den Damen der Truppe des königlichen Theaters im nördlichen Georgia bei der Toilette behilflich zu sein. Neben angemessenem Salär gewährt man ihr Thee und Bier nach Belieben. Adressen werden an das Theater-Comité erbeten. – NB. Eine Witwe erhielte den Vorzug.‘

– Meiner Treu‘, sagte Johnson, unsere Landsleute waren für den Spaß noch nicht verdorben.

– Aber die Witwe, fragte Bell, hat diese sich gefunden?

– Man sollte es wohl glauben, erwiderte der Doctor, denn hier findet sich auch eine an das genannte Comité gerichtete Antwort:

‚Meine Herren, ich bin Witwe und sechsundzwanzig Jahre alt. Für mein Verhalten und meine Geschicklichkeit kann ich unwiderlegliche Zeugnisse beibringen. Bevor ich aber die Toilette der Künstlerinnen an Ihrer Bühne in die Hand nehme, möchte ich wissen, ob dieselben ihre Hosen beibehalten wollen, und ob man mir zum Schnüren und Binden der Corsets zwei handfeste Matrosen zur Hilfe giebt. Wenn das der Fall ist, meine Herren, so zählen Sie auf Ihre ergebene Dienerin

A. B.

Nachschrift. Könnten Sie nicht Branntwein statt des Halbbieres liefern?‘

– Ah, bravo! rief Altamont, ich sehe nun schon Kammerfrauen, die mit der Schiffswinde zusammenschnüren. Aber wahrlich, lustig waren sie, die Begleiter des Kapitän Parry.

– Wie alle diejenigen, welche je ihr Ziel erreicht haben«, versetzte Hatteras.

Hatteras warf diese Bemerkung mitten in die Unterhaltung dazwischen, dann verfiel er wieder in sein gewohntes Schweigen. Der Doctor, der auf diesen Punkt nicht weiter eingehen wollte, las unverweilt weiter.

»Hier findet sich nun, fuhr er fort, ein Gemälde der Leiden im hohen Norden; man könnte es in’s Unendliche vervielfältigen; aber einige Beobachtungen sind gar zu treffend. Urtheilen Sie selbst:

Morgens ausgehen, um frische Luft zu schöpfen und beim ersten Schritt aus dem Schiffe ein unfreiwilliges kaltes Bad in dem Wasserloche des Kochs nehmen.

Auf die Jagd gehen, einem prächtigen Rennthier begegnen, anlegen und Feuer zu geben versuchen, und dann den abscheulichen Fehler begehen, von der Pfanne blitzen zu lassen, weil die Ladung feucht war.

Sich mit einem weichen Stück Brod auf den Weg begeben, und wenn man Appetit fühlt, es so hart zu finden, daß man wohl die Zähne zerbrechen kann.

Plötzlich die Tafel verlassen, da man hört, ein Wolf sei in Sicht des Fahrzeugs, und bei der Rückkehr sein Essen von der Katze verzehrt finden.

Vom Spaziergang heimkehren, sich tiefen und nützlichen Grübeleien hingeben und plötzlich durch die Umarmung eines Bären wieder herausgerissen werden.«

– Sie sehen, meine Freunde, wir würden nicht verlegen sein, dem noch mehrere andere polare Unannehmlichkeiten hinzuzufügen; aber wenn man diese einmal ertragen mußte, war es doch ein Vergnügen, sie zu constatiren.

– Das ist wahrlich eine unterhaltende Zeitschrift, sagte Altamont, und es ist schade, daß wir sie nicht halten können.

– Wenn wir nun versuchten, selbst eine zu gründen, bemerkte Johnson.

– Wir, zu Fünf? erwiderte Clawbonny; wir würden höchstens die Redacteure dazu sein, und es bliebe keine hinreichende Zahl von Lesern.

– Nicht mehr als Zuschauer, wenn wir uns in den Kopf setzten, Komödie zu spielen, fügte Altamont hinzu.

– Was das betrifft, Herr Clawbonny, sagte Johnson, so erzählen Sie uns doch Etwas vom Theater des Kapitän Parry; gab man da neue Stücke?

– Ohne Zweifel; anfangs wurden zwar zwei Bände mit solchen, die auf dem »Hekla« mit eingeschifft waren, benutzt; da aber alle vierzehn Tage eine Vorstellung gegeben wurde, ging das Repertoire bald total zur Neige. Dann machten sich improvisirte Schriftsteller an’s Werk, und Parry selbst schrieb für Weihnachten ein ihrer Lage ganz angepaßtes Stück, welches »Die Nord-West-Passage«, oder »Das Ende der Reise« hieß, und ungeheuren Erfolg hatte.

– Ein herrlicher Titel, sagte Altamont, doch gestehe ich, daß ich für meine Person bei der Behandlung desselben Sujets um die Lösung der Verwicklung verlegen sein würde.

– Sie haben wohl Recht, meinte Bell; wer weiß, wie das noch enden wird!

– Genug, sagte der Doctor; wer wird denn schon an den letzten Act denken, wenn die ersten gut verlaufen? Ueberlassen wir das der Vorsehung, meine Freunde; wir haben nur unsere Rollen nach besten Kräften zu spielen, und da die Lösung den Schöpfer aller Dinge angeht, so wollen wir auch seiner Weisheit vertrauen; er wird uns schon zu helfen wissen.

– Nun wollen wir aber alles das beschlafen, warf Johnson ein, es ist spät, und da die Zeit der Ruhe da ist, wollen wir auch schlummern.

– Sie haben rechte Eile, mein alter Freund, sagte der Doctor.

– Was meinen Sie, Herr Clawbonny, ich befinde mich so wohl in meinem Bette! Und dann träume ich auch gewöhnlich so schön; ich träume von den heißen Ländern, so daß ich wahrlich sagen möchte, daß ich die eine Hälfte meines Lebens unter dem Aequator und die andere am Pole zubringe.

– Den Teufel, sagte Altamont, da sind Sie ja glücklich organisirt.

– Wie Sie sagen, erwiderte der Rüstmeister.

– Nun gut, schloß der Doctor, es würde grausam sein, unseren braven Johnson noch länger sich sehnen zu lassen. Seine Tropensonne erwartet ihn; da wollen wir auch schlafen gehen.«

Sechsundzwanzigstes Capitel.


Sechsundzwanzigstes Capitel.

Rückkehr nach dem Süden.

Drei Stunden nach diesem traurigen Ausgange der Abenteuer des Kapitän Hatteras fanden sich Clawbonny, Altamont und die beiden Matrosen in der Grotte am Fuße des Vulkans zusammen. Clawbonny wurde ersucht, seine Meinung über das, was nun geschehen solle, abzugeben.

»Meine Freunde, sagte er, wir können auf der Insel der Königin nicht lange verweilen: das Meer vor uns ist frei, wir haben hinreichenden Proviant, und werden in aller Eile nach Fort Providence zurückkehren müssen, um dort bis nächsten Sommer zu überwintern.

– Das ist auch meine Ansicht, sagte Altamont, der Wind ist günstig und morgen wollen wir wieder zur See gehen.«

In tiefer Niedergeschlagenheit verging vollends der Tag. Die Geistesstörung des Kapitäns erschien von schlimmer Vorbedeutung, und als Johnson, Bell und Altamont ihre Gedanken bezüglich der Rückkehr austauschten, erschraken sie über ihre Verlassenheit und die weite Entfernung. Hatteras‘ unerschrockene Seele fehlte ihnen.

Doch als geistesstarke Männer rüsteten sie sich, um von Neuem gegen die Elemente und gegen sich selbst zu kämpfen, wenn sie sich schwach fühlen sollten.

Am anderen Tage, Sonnabend den 13. Juli, wurden die Lagergeräthschaften eingeschifft, und bald war Alles zur Abfahrt bereit.

Bevor sie aber diesen Felsen auf Nimmerwiedersehen verließen, ließ der Doctor, um Hatteras‘ Absichten zu entsprechen, an dem Punkte, wo der Kapitän an der Insel gelandet war, einen Cairn errichten, der, aus großen, übereinander gelagerten Blöcken gebildet, ein leicht sichtbares Merkzeichen darstellte, vorausgesetzt, daß er von den Folgen der Eruptionen verschont blieb.

In einen der Seitensteine grub Bell mit dem Meißel die einfache Inschrift:

John Hatteras.

1861.

Im Innern des Cairn und in einem vollkommen geschlossenen Blechcylinder wurde eine Abschrift des Documentes niedergelegt, und so ruhte das Zeugniß der großen Entdeckung verlassen unter den wüsten Felsen.

Dann schifften sich die vier Männer und der Kapitän, – ein armer Körper ohne Seele – sammt dem treuen Duk, der jetzt so traurig war, zur Rückkehr ein. Es war um zehn Uhr des Morgens. Aus der Leinwand des Zeltes wurde ein neues Segel hergestellt. Die Schaluppe verließ, den Wind im Rücken, die Insel der Königin und am Abend warf der Doctor, auf seiner Bank stehend, einen letzten Blick zurück nach dem Mount-Hatteras, der noch am Horizonte Flammen sprühte.

Die Ueberfahrt ging sehr schnell von Statten; das überall freie Meer erleichterte die Schifffahrt, und es schien wirklich, es sei angenehmer, dem Pole zu entfliehen, als sich ihm zu nähern.

Nur Hatteras verstand nicht, was um ihn her vorging. Er lag in der Schaluppe mit stummem Munde, gebrochenem Blicke, die Arme über der Brust gekreuzt und Duk zu seinen Füßen. Vergeblich richtete der Doctor das Wort an ihn, – Hatteras verstand ihn nicht.

Während achtundvierzig Stunden blieb der Wind sehr günstig und das Meer ziemlich ruhig. Clawbonny und seine Genossen ließen den Nordwind gewähren.

Am 15. Juli bekamen sie im Süden Altamont-Harbour in Sicht; da aber das Polarmeer der ganzen Küste frei war, beschlossen sie, statt sich über Neu- Amerika hinweg des Schlittens zu bedienen, dieses bis zur Bai Victoria zu umsegeln.

Dieser Weg war schneller und kürzer. In der That hatten die Reisenden denselben Weg, zu dem sie mittels Schlitten vierzehn Tage gebraucht hatten, unter Segel in kaum acht Tagen zurückgelegt, und waren dabei noch der durch Fjorde unterbrochenen Küste gefolgt, deren Entwicklung sie bestimmten. Montag Abends, am 23. Juli, erreichten sie die Bai Victoria.

Die Schaluppe wurde am Ufer sicher verankert, und man begab sich nach Fort Providence. Aber welche Verwüstung zeigte sich da! Doctors-House, die Magazine, die Pulverkammer und die Befestigungen waren unter den Strahlen der Sonne zu Wasser zerflossen; die Vorräthe von reißenden Thieren beraubt.

Ein trauriger, trostloser Anblick!

Die Seefahrer waren mit ihren Lebensmitteln fast zu Ende und hofften sie in Fort Providence zu erneuern. Die Unmöglichkeit, jetzt einen Winter hier zuzubringen, lag auf der Hand. Als Leute, die gewöhnt waren, einen schnellen Entschluß zu fassen, entschieden sie sich, das Baffins-Meer auf kürzestem Wege zu gewinnen zu suchen.

»Wir können keinen anderen Ausweg ergreifen, sagte der Doctor; das Baffins-Meer ist kaum sechshundert Meilen entfernt. So lange unserer Schaluppe das Wasser nicht mangelt, können wir segeln, den Jones-Sund und von da aus die dänischen Niederlassungen erreichen.

– Gut, antwortete Altamont, so wollen wir den Rest der Provision sammeln und abreisen.«

Bei genauerem Nachsuchen fand man einige da und dorthin verschleppte Kisten mit Pemmican und zwei Fässer condensirtes Fleisch, die der Zerstörung entgangen waren, zusammen Proviant für sechs Wochen, und einen Ueberfluß an Pulver. Alles wurde sorgfältig gesammelt; man benutzte den Tag noch, die Schaluppe zu kalfatern und in Stand zu setzen, und am folgenden Tage, am 24. Juli, stach man wieder in See.

Unter dem dreiundachtzigsten Breitengrade fiel das Land nach Osten ab, und es war nicht unmöglich, daß es mit den unter den Namen Grinnel-Land, Ellesmeer und Nord-Lincoln bekannten Ländern, welche die Küste der Baffins-Bai bilden, in Verbindung stand. Man konnte demnach als ziemlich sicher ansehen, daß der Jones-Sund sich wie die Lancaster-Straße nach den inneren Meeren zu öffne.

Die Schaluppe segelte von nun an ohne besondere Schwierigkeiten; die schwimmenden Eisblöcke waren leicht zu vermeiden. Der Doctor setzte jedoch mit Rücksicht auf unvorhergesehene Verzögerungen seine Gefährten auf halbe Speiserationen; dennoch kamen diese dabei nicht sonderlich von Kräften und blieben bei guter Gesundheit.

Uebrigens konnten sie auch wiederholt von den Gewehren Gebrauch machen; sie erlegten Enten, Gänse und Taucherhühner, die ihnen frische und gesunde Nahrung lieferten. Ihr Wasserbedarf ward leicht durch Süßwasserschollen, deren sie genug antrafen, gedeckt, denn sie achteten immer darauf, sich nicht zu weit von der Küste zu entfernen, da sie es nicht wagten, mit der Schaluppe in das ganz freie Meer zu steuern.

Zu dieser Jahreszeit hielt sich das Thermometer durchschnittlich schon immer unter dem Gefrierpunkte; das Wetter, das anfangs sehr regnerisch gewesen war, neigte sich zum Schneien und wurde düster; die Sonne begann den Horizont zu streifen und tagtäglich wurde ein größerer Theil ihrer Scheibe verdeckt. Am 30. Juli verloren sie die Reisenden zum ersten Male aus dem Gesicht, d. h. sie hatten eine wenige Minuten dauernde Nacht.

Inzwischen segelte die Schaluppe recht gut und legte in vierundzwanzig Stunden manchmal sechzig bis fünfundsechzig Meilen zurück; nicht einen Augenblick wurde angehalten. Man wußte aus Erfahrung, welche Anstrengungen zu erleiden, welche Hindernisse zu überwinden waren, wenn man gezwungen wäre, auf das Land zurückzukehren; schon bildete sich hier und da junges Eis. Unter jenen hohen Breiten folgt der Winter ganz plötzlich dem Sommer; es giebt weder Frühling noch Herbst, die Uebergangszeiten fehlen. Man mußte sich also beeilen.

Am 31. Juli bemerkte man, da der Himmel bei Sonnenuntergang heiter war, die ersten Sterne von den Sternbildern im Zenith. Von diesem Tage ab herrschte aber ein fortdauernder Nebel, der die Schifffahrt sehr behinderte.

Der Doctor wurde, da er die Vorzeichen des Winters sich häufen sah, sehr unruhig. Er wußte, welche Schwierigkeiten Sir John Roß vorgefunden hatte, nachdem er sein Schiff verlassen, die Baffins-Bai zu erreichen; und zuletzt war dieser kühne Seefahrer, nachdem er einmal versucht hatte das Eis zu überschreiten, doch gezwungen gewesen, nach seinem Fahrzeuge zurückzukehren und ein viertes Mal zu überwintern; er hatte aber für die schlechte Jahreszeit doch wenigstens ein Obdach, Proviant und Heizmaterial.

Wenn den Ueberlebenden vom Forward ein ähnliches Unglück zustieß, wenn sie gezwungen waren, anzuhalten oder gar umzukehren, so waren sie verloren. Der Doctor theilte seinen Gefährten seine Beunruhigung zwar nicht mit, aber er trieb, soviel als möglich nach Osten zu gelangen.

Am 15. August endlich, nach einer schnellen dreißigtägigen Fahrt, nachdem sie achtundvierzig Stunden gegen sich häufende Eisschollen gekämpft, nachdem sie hundertmal ihre zerbrechliche Schaluppe in Gefahr gesetzt hatten, sahen sich die Schifffahrer vollkommen festgehalten, ohne weiter vorwärts zu können; das Meer war nach allen Seiten in Fesseln geschlagen, und das Thermometer zeigte im Mittel nur fünfzehn Grade über Null (-9° hunderttheilig).

Uebrigens war nach Norden und Westen hin die Nähe einer Küste an den platten und abgerundeten kleinen Steinen, welche die Wellen so an den Ufern abreiben, zu erkennen; auch dem Süßwasser-Eise begegnete man immer häufiger.

Altamont machte mit größter Sorgfalt eine Ortsaufnahme, und erhielt als Resultat 77°15′ Breite bei 85°2′ östlicher Länge.

»Nun, dann ist unsere Lage also bestimmt, sagte der Doctor; wir haben Nord-Lincoln erreicht, und zwar genau am Cap Eden. Wir treten jetzt in den Jones-Sund ein; mit etwas mehr Glück hätten wir diesen bis zum Baffins-Meere offen gefunden. Doch wir dürfen nicht klagen; wenn mein armer Hatteras zuerst ein so leicht zugängliches Meer gefunden hätte, wäre er schnell bis zum Pol gelangt; seine Mannschaft hätte ihn nicht verlassen, und er hätte nicht unter dem Einfluß so schrecklicher Gemüthsbewegungen den Verstand verloren!

– Nun, sagte Altamont, so haben wir keine andere Wahl, als die Schaluppe zu verlassen und die Ostküste von Lincoln mittels Schlitten zu erreichen.

– Die Schaluppe verlassen und wieder zum Schlitten greifen, ja wohl, antwortete der Doctor; aber statt über Lincoln zu fahren, schlage ich vor, über den Jones-Sund zu setzen und auf dem Eise Nord-Devon zu erreichen.

– Und warum?

– Weil wir, je mehr wir uns dem Lancaster-Sund nähern, desto mehr Aussicht haben, Wallfischfängern zu begegnen.

– Sie haben Recht, Doctor; doch glaube ich nicht, daß das Eis schon fest genug sein wird, uns den Uebergang zu gestatten.

– Wir werden es versuchen«, erwiderte Clawbonny.

Die Schaluppe wurde entladen; Bell und Johnson setzten den Schlitten wieder zusammen, dessen Theile alle in gutem Zustande waren; andern Tags wurden die Hunde wieder angeschirrt und man zog längs der Küste hin, um das Eisfeld zu erreichen.

Nun begann diese schon so oft beschriebene, ermüdende und langsame Reise wieder. Altamont hatte Recht gehabt, der Haltbarkeit des Eises zu mißtrauen, man konnte nicht über den Jones-Sund setzen und mußte sich an der Küste von Lincoln halten.

Am 21. August schnitten gelangten die Reisenden auf Umwegen an den Eingang der Glacier-Meerenge; dort begaben sie sich nun auf das Eisfeld und erreichten andern Tags die Insel Cobourg, die sie in weniger als zwei Tagen trotz andauernder Schneestürme durchzogen.

Von hier aus konnten sie wieder den bequemeren Weg über das Eisfeld nehmen und setzten den Fuß endlich, am 24. August, auf Nord-Devon.

»Nun haben wir, sagte der Doctor, nur noch dieses Land zu durchziehen und Cap Warender am Eingange des Lancaster-Sund zu erreichen.«

Das Wetter wurde aber nun abscheulich und sehr kalt; Schneewehen und Wirbelstürme gewannen ihre winterliche Heftigkeit wieder; die Reisenden waren mit ihren Kräften zu Ende. Die Nahrungsmittel gingen auf die Neige und Jeder mußte sich mit einer Drittelration begnügen, um den Hunden ein ihren Anstrengungen entsprechendes Futter zu sichern.

Die Natur des Bodens steigerte die Strapazen der Reise; dieses Land, Nord-Devon, war ungemein zerklüftet; man mußte das Trauter-Gebirg durch kaum zugängliche Schluchten überschreiten, und das im fortwährenden Kampfe gegen die entfesselten Elemente. Der Schlitten, die Menschen und die Hunde hätten beinahe nicht weiter gekonnt, und mehr als einmal bemächtigte sich die Verzweiflung der kleinen Truppe, welche doch so abgehärtet und an die Anstrengungen einer Polarexpedition gewöhnt war. Ohne sich davon Rechenschaft zu geben, waren diese armen Leute moralisch und physisch gebrochen; nicht ungestraft verträgt man achtzehn Monate lang unausgesetzte Anstrengungen und einen nervenzerrüttenden unaufhörlichen Wechsel von Hoffnung und Verzweiflung. Zudem ist nicht zu vergessen, daß die Hinreise mit einem Feuereifer, einer Ueberzeugung, einem Glaubensmuthe ausgeführt wurde, welche der Rückreise abgingen. So schleppten sich auch die Unglücklichen nur mit Mühe vorwärts; man könnte sagen, sie marschirten aus Gewohnheit, getrieben durch ein Ueberbleibsel thierischer, von ihrem Willen unabhängiger Energie.

Erst am 30. August kamen sie aus jenem Chaos von Bergen heraus, von denen die Orographie niederer Breitegrade keine Idee giebt, aber sie kamen heraus halb todt und halb erfroren. Der Doctor war nicht mehr im Stande, seine Genossen aufrecht zu erhalten, er fühlte selbst seine zunehmende Schwäche.

Die Trauter-Berge reichten bis zu einer zerrissenen und zerklüfteten Ebene.

Dort mußte man wohl oder übel einige Tage ausruhen; die Wanderer konnten nicht mehr einen Fuß vor den anderen setzen; zwei Zughunde waren auch schon vor Erschöpfung verendet.

Man suchte also, bei einer Kälte von zwei Grad unter Null (-19° hunderttheilig) hinter einigen Eisschollen Schutz; Niemand hatte den Muth, das Zelt aufzuschlagen.

Die Lebensmittelvorräthe waren sehr zusammengeschmolzen und konnten trotz der äußersten Sparsamkeit bei den Rationen nur noch auf acht Tage hinreichen; das Wild wurde auch selten, indem es sich für den Winter in mildere Gegenden zurückgezogen hatte. Der Hungertod nahte drohender den erschöpften Opfern.

Altamont, der eine große Ergebung und wahrhafte Selbstverleugnung bewies, raffte seine letzten Kräfte zusammen, um seinen Genossen mittels der Jagd einige Nahrungsmittel zu verschaffen.

Er nahm seine Flinte, rief Duk zu sich und wandte sich zu den Ebenen im Norden; fast gefühllos sahen ihn der Doctor, Johnson und Bell sich entfernen. Während einer Stunde vernahmen sie keinen einzigen Flintenschuß und sahen ihn auch zurückkehren, ohne daß er einen solchen abgegeben hätte; der Amerikaner lief aber wie Jemand, der von Entsetzen ergriffen ist.

»Was giebt es? fragte ihn der Doctor.

– Da unten! Unter dem Schnee! antwortete Altamont mit dem Ausdruck des Entsetzens, indem er nach einem Punkt am Horizonte zeigte.

– Was denn?

– Eine ganze Gesellschaft Menschen.

– Lebende?

– Todt …. erfroren …. und sogar …«

Der Amerikaner wagte seinen Gedanken nicht zu vollenden, aber sein Ausdruck verrieth ein unsägliches Entsetzen.

Der Doctor, Johnson und Bell, die durch diesen Zwischenfall wieder aufgerüttelt wurden, erhoben sich und zogen, den Spuren Altamont’s nachgehend, nach jenem Theile der Ebene, den Letzterer ihnen durch Handbewegungen bezeichnete.

Bald gelangten sie, im Grunde eines tiefen Hohlwegs, an eine enge Stelle – aber da – welches Schauspiel bot sich ihren Blicken!

Halb unter dem weißen Leichentuche begrabene Cadaver sahen da und dort nach aus dem Schnee hervor; hier ein Arm, dort ein Bein, weiterhin runzlich gewordene Hände, Köpfe mit dem noch erhaltenen Gesichtsausdruck der Drohung und Verzweiflung.

Der Doctor ging näher, aber schnell eilte er, erblaßt und mit entstellten Zügen zurück, während Duk ein dumpfes, wie erschrockenes Bellen hören ließ.

»Entsetzlich! Grauenhaft! rief er.

– Nun, was? fragte der Rüstmeister.

– Sie haben sie nicht wiedererkannt? versetzte der Doctor mit dem Ton der Bestürzung.

– Was sagen Sie?

– Sehen Sie nur hin!«

Der Hohlweg war unlängst der Schauplatz eines letzten Kampfes von Menschen gegen das Klima, gegen die Verzweiflung, ja gegen den Hunger gewesen; denn an einigen entsetzlichen Resten sah man, daß die Unglücklichen durch menschliche Cadaver ihr Leben gefristet, vielleicht noch zuckendes Fleisch gegessen hatten, und unter ihnen hatte der Doctor Shandon, Pen und die übrige nichtswürdige Mannschaft vom Forward erkannt. Kräfte und Lebensmittel waren diesen Unglücklichen ausgegangen; ihre Schaluppe war wahrscheinlich durch Lawinen zertrümmert worden oder in eine Schlucht gestürzt, so daß sie das Meer nicht hatten zur Schifffahrt benutzen können. Es war ja auch möglich, daß sie sich mitten in jenen Continenten verirrt hatten. Dazu kommt, daß Leute, welche unter der Aufregung der Empörung davongingen, doch nicht lange Zeit in solcher Einigkeit leben konnten, welche allein es möglich macht, große Thaten zu vollbringen. Ein Anführer von Aufwieglern hat immer nur eine zweifelhafte Macht in den Händen. Ohne Zweifel wuchsen die Anderen Shandon bald über den Kopf.

Doch wie dem auch sei, jedenfalls hatte die Mannschaft tausend Qualen, tausendfache Verzweiflung zu bestehen und brachte es doch nur bis zu dieser schrecklichen Katastrophe. Aber die geheime Geschichte ihrer Leiden ist für immer mit ihnen unter dem Schnee des Poles eingesargt.

»Entfliehen wir! Fort!« rief der Doctor.

Er zog seine Genossen weit weg von dem Orte des Schreckens. Das Entsetzen verlieh ihnen eine augenblickliche Energie wieder. – Sie setzten ihre Reise weiter fort.

Siebenundzwanzigstes Capitel.


Siebenundzwanzigstes Capitel.

Schluß.

Warum sollte ich bei den Leiden, welche unablässig die Ueberlebenden der Expedition trafen, lange verweilen? Sie selbst vermochten niemals sich an alles Einzelne wieder zu erinnern, was sie in den acht Tagen nach der gräßlichen Entdeckung der Reste der Mannschaft zu erleben hatten. Indessen gelangten sie am 9. September durch wunderhafte Energie zum Cap Horsburg, am Ende von Nord-Devon.

Sie waren ausgehungert bis zur Erschöpfung: seit achtundvierzig Stunden waren sie ohne Nahrung und ihre letzte Mahlzeit hatte aus dem letzten Stück Fleisch ihrer Eskimohunde bestanden. Bell konnte nicht weiter, und der alte Johnson fühlte sich dem Tode nahe.

Sie befanden sich am Ufer des Baffins-Meeres, das zum Theil fest gefroren war, also auf dem Wege nach Europa. Drei Meilen von der Küste ab brandeten die eisfreien Wogen mit Getöse an den Spitzen des Eisfeldes.

Man mußte auf das zufällige Vorüberkommen eines Wallfischfahrers warten, und wie lange konnte dies dauern? …

Aber der Himmel erbarmte sich der Unglücklichen, denn am folgenden Tage gewahrte Altamont deutlich ein Segel am Horizont.

Man weiß, welche angstvolle Spannung herrscht, wenn ein Schiff sich zeigt, welche Furcht vor einer Täuschung dieser Hoffnung! Das Fahrzeug scheint bald näher zu kommen, bald sich wieder zu entfernen, in schrecklichem Wechsel von Hoffnung und Verzweiflung, und es geschieht nicht selten, daß ein am Horizont erblicktes Schiff wieder in der Ferne verschwindet.

Der Doctor und seine Gefährten hatten alle diese Prüfungen zu bestehen; sie waren, indem sie sich einander trugen und schoben, am westlichen Ende des Eisfeldes angelangt, und sahen allmälig das Schiff wieder verschwinden, ohne daß es ihre Anwesenheit gewahrt hatte. Sie riefen es an, doch vergebens!

Da kam dem Doctor zum letzten Mal ein sinnreicher Gedanke, wie sie diesem erfinderischen Kopf bisher so oft zu Statten kamen.

Ein Eisblock, der in der Strömung trieb, stieß wider das Eisfeld.

»Dieser Eisblock!« rief er, und wies mit der Hand darauf hin.

Man verstand ihn nicht.

»Fahren wir auf ihm! Fahren wir mit!« rief der Doctor.

Es war ein Hoffnungsstrahl für Alle.

»Ach! Herr Clawbonny, Herr Clawbonny!« rief Johnson, und drückte dem Doctor die Hände.

Bell eilte mit Hilfe Altamont’s zum Schlitten, holte daraus einen Pfosten, steckte ihn wie einen Mast auf den Eisblock und band ihn mit Stricken fest; aus dem abgerissenen Zeltdach machte man wohl oder übel ein Segel. Der Wind war günstig; die armen Verlassenen stürzten sich auf das zerbrechliche Fahrzeug und fuhren in’s weite Meer hinaus.

Schon nach zwei Stunden unerhörter Anstrengungen wurden die letzten der Mannschaft des Forward an Bord des dänischen Wallfischfahrers Hans Christian, welcher nach der Davis-Straße zurückkehrte, aufgenommen.

Der Kapitän empfing diese Gespenster, welche kaum noch wie Menschen aussahen, als ein Mensch von Gemüth; beim Anblick ihrer Leiden begriff er ihre Geschichte; durch die sorgfältigste Pflege gelang es ihm, sie am Leben zu erhalten.

Zehn Tage darauf stiegen Clawbonny, Johnson, Bell, Altamont und der Kapitän Hatteras zu Korsör, auf Seeland, in Dänemark, an’s Land; ein Dampfboot brachte sie weiter nach Kiel; von hier begaben sie sich über Altona und Hamburg nach London, wo sie am 13. desselben Monats ankamen, nachdem sie sich kaum von ihren langen Prüfungen erholt hatten.

Vor allen Dingen erbat sich der Doctor von der königlich Geographischen Gesellschaft zu London die Erlaubniß, ihr eine Mittheilung zu machen; in der Sitzung des 15. Juli wurde ihm diese Gelegenheit zu Theil.

Man denke sich das Erstaunen dieser gelehrten Gesellschaft, welche nach Verlesung der Urkunde Hatteras‘ enthusiastischen Beifall spendete.

Diese Reise, einzig in ihrer Art, die in den Annalen der Geschichte ihres Gleichen nicht hatte, begriff alle früheren, in den Polarregionen gemachten Entdeckungen in sich; sie verband miteinander die Expeditionen von Parry, Roß, Franklin, MacClure; sie vervollständigte zwischen dem hundertsten und hundertfünfzehnten Meridian die Karte der hohen Nordlande, und endlich, sie führte bis zu dem bisher unzugänglichen Punkte des Erdballs, dem Pol selbst.

Niemals, noch niemals hat eine so unerwartete Neuigkeit das staunende England überrascht.

Die Engländer haben eine leidenschaftliche Empfänglichkeit für so große geographische Thatsachen; man begrüßte sie mit Theilnahme und Stolz, vom Lord bis zum Cockney, vom größten Kaufmann bis zum Arbeiter der Docks.

Blitzschnell verbreitete sich die große Entdeckung mittels der Telegraphendrähte durch das Vereinigte Königreich; die Journale verehrten an der Spitze ihrer Spalten den Namen Hatteras‘ als eines Märtyrers, und England erhob ihn mit gerechtem Stolz.

Der Doctor und seine Gefährten wurden mit öffentlichen Festen geehrt, und sie wurden vom Lord-Kanzler in feierlicher Audienz Ihrer Königlichen Majestät vorgestellt.

Die Regierung bestätigte die Benennungen: Königin-Insel für den Felsen des Nordpols, Hatteras-Berg für den Vulkan, und Altamont-Hafen für den Hafen Neu-Amerikas.

Altamont trennte sich nicht mehr von den Genossen seines Elends und Ruhmes, welche seine Freunde geworden; er begleitete den Doctor, Bell und Johnson nach Liverpool, wo sie bei ihrer Rückkehr mit jubelndem Beifall begrüßt wurden, nachdem man sie längst für todt und im ewigen Eisgrabe bestattet glaubte.

Aber der Doctor Clawbonny wies diesen Ruhm beständig dem unter ihnen zu, welcher das Hauptverdienst hatte. In seinem Reisebericht: »Die Engländer und der Nordpol«, welcher im folgenden Jahre von der königlich Geographischen Gesellschaft herausgegeben wurde, führte er John Hatteras unter den größten Reisenden auf, als Nacheiferer der kühnen Männer, welche sich ganz dem Fortschritt der Wissenschaft als Opfer hingaben.

Indessen lebte dieses traurige Opfer einer erhabenen Leidenschaft friedlich im Genesungshause zu Sten-Cottage, nächst Liverpool, wohin sein Freund, der Doctor, ihn selbst gebracht hatte. Sein Irrsinn war von milder Art, aber er sprach nicht, es mangelten die Begriffe, und mit der Vernunft schien ihm auch die Fähigkeit zu reden geschwunden zu sein. Ein einziges Gefühl knüpfte ihn noch an die Außenwelt, seine Freundschaft für Duk, der ihm ein treuer Gesellschafter war.

Diese Krankheit nahm dann ihren ruhigen Verlauf, ohne irgend ein besonderes Symptom, als dem Doctor Clawbonny, der seinen armen Kranken oft besuchte, sein Benehmen auffiel.

Seit einiger Zeit machte der Kapitän Hatteras in Begleitung seines treuen Hundes, der ihn mit sanftem und traurigem Blick ansah, täglich stundenlang Spaziergänge, aber diese Gänge hatten unabänderlich dieselbe Richtung in einer gewissen Allee zu Sten-Cottage. War er am Ende der Allee angekommen, so kehrte er rücklings zurück. Wollte ihn Jemand anhalten, wies er mit dem Finger auf einen bestimmten Punkt am Himmel. Wollte man ihn nöthigen umzukehren, so wurde er zornig, und Duk, der seine Gefühle theilte, bellte wüthend.

Der Doctor beobachtete achtsam diese bizarre Manie, und der Grund dieser sonderbaren Hartnäckigkeit ward ihm klar; er errieth, weshalb dieser Spaziergang sich standhaft in derselben Richtung, so zu sagen, unter Einwirkung einer magnetischen Kraft erhielt:

Der Kapitän John Hatteras bewegte sich unabänderlich in nördlicher Richtung.

Viertes Capitel.


Viertes Capitel.

Der letzte Schuß Pulver.

Johnson hatte auch die müden Hunde mit in das Eishaus geführt; bei reichlichem Schneefall bereitet dieser den Thieren eine Decke, die ihre natürliche Wärme zusammenhält. Aber jetzt wären die armen Thiere bei einer trockenen Kälte von fast vierzig Grad in freier Luft ohne Zweifel bald erfroren.

Johnson, der sich viel mit dem Abrichten von Hunden beschäftigte, versuchte die Thiere mit dem schwärzlichen Robbenfleische, das ihnen widerstand, zu füttern, und zu seiner großen Freude schien das ihnen gar nicht übel zu munden, wovon er dem Doctor bald Nachricht gab. Dieser war gar nicht besonders erstaunt darüber; er wußte, daß sich im Norden Amerikas die Pferde vorwiegend von Fischen nähren, und was dem pflanzenfressenden Rosse genügte, das mußte wohl den fleisch- und pflanzenfressenden Hunden gelegen kommen.

Bevor er sich niederlegte, wollte der Doctor, obschon der Schlaf den Reisenden, die sich wieder fünfzehn Meilen über das Eis geschleppt hatten, sich dringend geltend machte, ihnen ihre thatsächliche Lage klar machen, ohne den Ernst derselben herabzusetzen.

»Wir sind erst unter’m zweiundachtzigsten Breitegrade, sagte er, und schon drohen uns die Lebensmittel zu fehlen.

– Das ist ein Grund mehr, erwiderte Hatteras, um keinen Augenblick zu verlieren. Wir müssen vorwärts! Die Stärkeren mögen die Schwächeren fortziehen.

– Werden wir an bezeichneter Stelle auch ein Schiff finden? fragte Bell, den die Strapazen der Reise trotz seiner Gegenwehr niederdrückten.

– Warum sollten wir das bezweifeln? Das Heil des Amerikaners ist auch das unsere«, antwortete Johnson.

Zu größerer Sicherheit wollte der Doctor noch einmal Altamont befragen; dieser sprach jetzt, wenn auch schwach, doch mit größerer Leichtigkeit; er bestätigte nur alle früher angegebenen Einzelheiten; er wiederholte, daß das auf felsigem Ufer gelagerte Fahrzeug seinen Ort nicht zu verändern im Stande sei, und daß es sich also bei hundertzwanzig Grad fünfzehn Minuten Länge und dreiundachtzig Grad fünfunddreißig Minuten Breite finden müsse.

»Wir können an der Richtigkeit dieser Aussage nicht zweifeln; die Schwierigkeit wird nicht darin liegen, den Porpoise aufzufinden, sondern ihn nur zu erreichen.

– Wie viel haben wir noch Proviant? fragte Hatteras.

– Etwa noch für drei Tage.

– Nun gut, so werden wir binnen drei Tagen dort ankommen müssen, sagte der energische Kapitän.

– Freilich ist das nöthig, fuhr der Doctor fort, und wenn wir es durchführen, werden wir es dem Wetter zu danken haben, das uns ganz auffallend günstig war. Fünfzehn Tage sind wir von Schnee verschont geblieben, und der Schlitten glitt leicht über das feste Eis. O, daß wir nicht noch zwei Centner Nahrungsmittel haben, unsere braven Hunde wären dann leicht dieser Aufgabe gewachsen. Doch wir müssen uns wohl in’s Unvermeidliche fügen.

– Könnte man denn, entgegnete Johnson, nicht mit ein wenig Glück und Geschick die paar Schuß Pulver verwenden, welche uns noch blieben? Wenn wir einen Bären erlegten, wären wir für den ganzen Rest der Reise versorgt.

– Ohne Zweifel, sagte der Doctor, aber diese Thiere sind selten und flüchtig. Und gerade, wenn man daran denkt, was von dem Erfolge eines Schusses Alles abhängt, zittert die Hand und versagt das Auge.

– Sie sind doch ein tüchtiger Schütze, sagte Bell.

– Ja, aber nur dann, wenn nicht die Beschaffung der Nahrung für vier Mann von meiner Fertigkeit abhängt; giebt es aber der Zufall, so will ich mein Bestes thun. Für jetzt, lieben Freunde, begnügen wir uns mit diesen dünnen Pemmicanschnitten und suchen zu schlafen. Morgen früh mag’s weiter gehen.«

Schon nach kurzer Zeit lagen Alle, von übermäßiger Müdigkeit bewältigt, trotz aller Gedanken, die sie beschäftigten, in tiefem Schlafe.

Am Sonnabend darauf weckte Johnson frühzeitig; die Hunde kamen an den Schlitten und fort ging’s nach Nordwesten.

Der Himmel war prächtig, die Luft überaus rein, und die Temperatur sehr niedrig. Als die Sonne über dem Horizont erschien, hatte sie die Form einer langen Ellipse; ihr horizontaler Durchmesser erschien durch eine sonderbare Strahlenbrechung doppelt so groß als der verticale. Klar, aber kalt, schossen ihre Strahlenbündel über die ungeheure Eisebene. Schon diese Rückkehr zum Licht, wenn auch nicht zur Wärme, erfreute die Wanderer.

Der Doctor schweifte, trotz Kälte und Verlassenheit, mit dem Gewehre eine bis zwei Meilen weit allein herum; vorher hatte er seine Munition sorgsam gemustert: er hatte nur noch vier Schuß Pulver und drei Kugeln, mehr nicht; und wie wenig war das, wenn man bedenkt, daß der starke und lebenszähe Eisbär oft erst auf den zehnten bis zwölften Schuß fällt.

Der Ehrgeiz des Jägers war auch gar nicht auf ein so großes Wild gerichtet; nach einigen Hasen oder zwei bis drei Füchsen sehnte er sich aber doch, die dem Proviant einen erheblichen Zuwachs herbeigeführt hätten.

Wenn er aber im Laufe dieses Tages ein derartiges Thier in Sicht bekam, konnte er ihm entweder nicht nahe genug kommen, oder es täuschte die Strahlenbrechung sein Auge, und er feuerte vergeblich; dieser Tag kostete ihm also eine vergeudete scharfe Ladung.

Seine Gefährten, die schon voller Freude waren, als sie den Knall seines Gewehres hörten, sahen ihn gesenkten Kopfes zurückkehren; sie sprachen kein Wort darüber; man legte sich am Abend nieder wie gewöhnlich, nachdem noch die beiden letzten Viertelrationen sorgfältig zurückgelegt waren.

Am folgenden Tage schien die Reise mehr und mehr beschwerlich zu werden. Man ging nicht mehr, man schleppte sich. Die Hunde hatten die Robbe bis auf die Eingeweide verzehrt und nagten schon wieder an dem Lederzeug.

Einige Füchse trabten in ziemlich großer Entfernung vorbei, und nachdem der Doctor einmal, ohne zu treffen, darauf geschossen hatte, wagte er es nicht, seine letzte Kugel und vorletzte Pulverladung an dieses unsichere Ziel zu setzen.

Abends machte man bei Zeiten Halt. Die Reisenden konnten kaum noch einen Fuß vor den andern setzen, und obschon der Weg durch ein prachtvolles Nordlicht erhellt war, mußten sie doch rasten.

Die letzte Mahlzeit am Sonntag Abend wurde in trauriger Stimmung eingenommen. Wenn der Himmel ihnen jetzt nicht beistand, waren sie verloren. Hatteras sprach nicht; Bell dachte wohl gar nicht mehr; Johnson brütete still vor sich hin; nur der Doctor verzweifelte noch nicht.

Johnson hatte den Einfall, für die Nacht einige Fallgruben anzulegen, da er aber keine Lockspeise hineinzulegen hatte, versprach er sich selbst nicht viel davon; er täuschte sich darin nicht; denn als er am Morgen darauf nachsah, fand man wohl Spuren von Füchsen, aber keiner von den Schlauköpfen war in die leere Falle gegangen.

Er kam sehr entmuthigt zurück, als er einen sehr großen Bären bemerkte, der den Schlitten in einer Entfernung von etwa hundertfünfzig Schritten witterte. Dem alten Seemann kam der Gedanke, es habe ihn die Vorsehung bestimmt, diese unerwartete Beute zu erlegen; ohne seine Gefährten zu wecken, bemächtigte er sich der Flinte des Doctors und war dem Thiere bald zur Seite.

Als er in Schußweite war, legte er an, doch als er schon den Drücker berühren wollte, fühlte er seinen Arm zittern; seine großen Fellhandschuhe behinderten ihn auch; schnell zog er sie aus und ergriff das Gewehr mit sicherer Hand.

Plötzlich entfuhr ihm ein Schmerzensschrei; seine Finger klebten vermöge der Kälte des Laufes an diesem, während gleichzeitig die Waffe zu Boden fiel, sich entlud und die letzte Kugel in die Luft jagte.

Durch den Knall aufgescheucht, lief der Doctor herzu; er durchschaute Alles; das aufgeschreckte Thier trottete ruhig von dannen. Johnson verzweifelte und dachte gar nicht mehr an seine eigenen Leiden.

»Ich bin doch eine rechte Memme! rief er aus, ein Kind, das nicht den geringsten Schmerz ertragen kann. O Jammer! Was bin ich so alt geworden!

– Halloh, Johnson, sagte da der Doctor, kommen Sie herbei; Sie werden erfrieren. Da, Ihre Hände sind schon ganz weiß, kommen Sie, kommen Sie!

– Ich bin Ihrer Besorgniß nicht werth, Herr Clawbonny, erwiderte der Rüstmeister, lassen Sie mich nur!

– Aber so kommen Sie doch, Sie Starrkopf! Kommen Sie! Es könnte bald zu spät sein.«

Der Doctor mußte den grauen Seemann bis unter das Zelt fortziehen, wo er ihn die Hände in ein Gefäß mit Wasser halten ließ, das zwar der Ofen aus Eisstücken zusammengeschmolzen, aber noch nicht erwärmt hatte; aber kaum waren Johnson’s Hände darin, als auch schon das Wasser, wo es sie berührte, gefror.

»Sie sehen, daß es höchste Zeit war, hereinzukommen, sagte der Doctor, sonst hätte ich in die Lage kommen können, Sie zu amputiren.«

Dank seiner Pflege war nach etwa einer Stunde jede Gefahr vorüber, aber doch hatte es wiederholter Abreibungen bedurft, das Blut in den Händen des alten Seemanns wieder in Umlauf zu bringen. Der Doctor empfahl ihm noch besonders, die Hände nicht dem warmen Ofen zu nähern, was nicht ohne sehr üble Folgen geblieben sein würde.

An diesem Morgen nun mußte man das Frühstück entbehren; Pemmican oder Salzfleisch – Nichts war mehr da; keine Schnitte Zwieback. Kaum noch ein halbes Pfund Kaffee. Man mußte sich wohl oder übel mit diesem erwärmenden Getränk begnügen, und setzte sich dann in Marsch.

»Nun sind wir am Ende! sagte Bell zu Johnson im Tone der Verzweiflung.

– Vertrauen wir Gott! erwiderte der alte Seemann, er ist allmächtig genug, uns zu retten.

– O, dieser Kapitän Hatteras! Von seinen früheren Zügen ist er wohl zurückgekehrt, der Verblendete! Von diesem kehrt er niemals wieder, und auch wir werden die Heimat nicht mehr sehen.

– Muth, Bell! Ich gebe zu, daß der Kapitän ein Waghals ist, aber neben ihm ist noch ein anderer Mann, der nie um einen Ausweg verlegen ist.

– Der Doctor Clawbonny? fragte Bell.

– Derselbe, antwortete Johnson.

– Was vermag er in unserer Lage zu thun? erwiderte Bell mit Achselzucken. Wird er die Eisschollen in Fleisch verwandeln können? Ist er ein Gott, der Wunder thut?

– Wer weiß es! setzte Johnson allen Zweifeln seines Gefährten entgegen. Ich wenigstens habe Vertrauen zu ihm.«

Bell zog den Kopf ein und versank wieder gedankenlos in düsteres Schweigen.

Drei Meilen legte man an diesem Tage zurück; zum Abend gab es – Nichts zu essen; die Hunde drohten einander aufzufressen, und nur mit Mühe kämpften die Menschen den nagenden Hunger nieder.

Kein Thier war sichtbar. Was hätte es auch genützt? Man konnte nur noch mit dem Messer jagen. Nur Johnson glaubte, etwa eine Meile unter dem Winde, den Bär zu bemerken, welcher der unglücklichen Gesellschaft nachtrabte.

»Der lauert uns auf, sagte er sich, er hält uns schon für eine sichere Beute!«

Gegen seine Genossen sprach sich Johnson nicht darüber aus; Abends machte man wie gewöhnlich Halt. Die ganze Abendmahlzeit bestand aus Kaffee. Die Unglücklichen bemerkten, wie ihre Augen sich trübten und ihr Gehirn eingenommen wurde; gepeinigt von wüthendem Hunger vermochten sie keine Stunde Schlaf zu finden; wilde und schmerzliche Träume betäubten ihren Geist.

Unter einem Breitegrade, wo der Körper um so gebieterischer eine kräftigere Kost verlangt, hatten die Unglücklichen nun, am Mittwoch Morgen, seit sechsunddreißig Stunden Nichts gegessen. Mit fast übermenschlicher Anstrengung nahmen sie doch ihren Weg wieder auf und drückten noch den Schlitten vorwärts, den die Hunde nicht mehr zu ziehen vermochten.

Nach zwei Stunden sanken sie erschöpft zusammen. Hatteras wollte noch weiter gehen. Er, der immer Energische, wandte alle Vorstellungen, alle Bitten an, auch seine Genossen dazu zu bewegen, aufzustehen, – vergeblich! Das hieß auch etwas Unmögliches verlangen.

Mit Hilfe Johnson’s arbeitete er noch eine Höhle in einem Eisberge aus. Es sah aus, als ob die beiden Männer ihr Grab grüben.

»Vor Hunger will ich wohl sterben, sagte Hatteras, aber nicht vor Kälte.«

Nach unendlicher Anstrengung war das Obdach fertig, und alle begaben sich hinein.

So verging der Tag. Am Abend, während Alle schliefen, hatte Johnson eine Art Wahngesicht; er träumte von gigantischen Bären.

Dieses von ihm öfter wiederholte Wort erregte endlich die Aufmerksamkeit des Doctors, der, aus seiner halben Betäubung erwacht, den alten Seemann fragte, warum er immer von Bären, und von welchem er denn spreche.

»Von dem Bären, der uns folgt, erwiderte Johnson.

– Ein Bär, der uns folgt? wiederholte der Doctor.

– Ja, seit zwei Tagen!

– So lange schon? Haben Sie ihn wirklich gesehen?

– Ja, er hält sich etwa eine Meile unter dem Winde.

– Und davon haben Sie mir Nichts gesagt, Johnson?

– Was hätte es genützt?

– Das ist wahr, sagte der Doctor, wir können keine Kugel nach ihm jagen.

– Ja, wir haben auch keinen Spieß, kein Stück Eisen, nicht einmal einen Nagel!« setzte der Seemann hinzu.

Nachdenklich schwieg der Doctor. Bald sagte er zum Rüstmeister:

»Sie sind also sicher, daß das Thier uns nachfolgt?

– Ja, Herr Clawbonny, das wartet auf ein Gericht Menschenfleisch; es weiß, daß wir ihm nicht entgehen.

– Johnson! rief der Doctor, erregt von dem verzweifelten Tone des Gefährten.

– Seine Nahrung ist ihm sicher, erwiderte der Arme, dem schon der Geist irre wurde; es wird hungrig sein, und ich sehe nicht ein, warum wir es warten lassen!

– Johnson, beruhigen Sie sich!

– Nein, Herr Clawbonny, da wir doch einmal dazu kommen müssen, warum sollen wir das Thier länger leiden lassen? Das hat Hunger, so gut wie wir, und es hat keine Robbe zu verzehren! Der Himmel sendet ihm Menschen, desto besser für den Bären!«

Der alte Johnson wurde närrisch, er schickte sich schon an, das Eishaus zu verlassen. Der Doctor hatte alle Mühe, ihn zurückzuhalten, und wenn ihm das gelang, so dankte er es nicht seinen Leibeskräften, sondern folgenden Worten, die er ihm aus des Herzens Ueberzeugung zurief:

»Morgen werde ich den Bären erlegen!

– Morgen, sagte Johnson, der aus einem schweren Traume zu erwachen schien.

– Morgen!

– Sie haben keine Kugel!

– Ich werde eine machen.

– Sie haben kein Blei!

– Nein, aber Quecksilber.«

Nach diesen Worten ergriff der Doctor das Thermometer. Es zeigte jetzt im Eishause fünfzig Grad über Null (+10° hunderttheilig). Der Doctor ging hinaus, legte das Instrument auf eine Eisscholle, und kam bald wieder herein. Die äußere Temperatur war fünfzig Grad unter Null (-46° hunderttheilig).

»Also auf morgen, sagte er zu dem alten Seemanne. Jetzt schlafen Sie und erwarten ruhig den Sonnenaufgang.«

Unter den Qualen des Hungers verstrich die Nacht; nur der Rüstmeister und der Doctor konnten sie durch einen schwachen Hoffnungsschimmer etwas mildern.

Beim ersten Tageslichte machte sich der Doctor, dem Johnson folgte, schon hinaus und lief zum Thermometer. Alles Quecksilber hatte sich in das untere Gefäß zurückgezogen und bildete einen compacten Cylinder. Der Doctor zerbrach das Instrument und zog daraus, mit Handschuhen wohl bedeckt, ein wirkliches, kaum hämmerbares Stück Metall hervor, einen wahren Barren.

»O, Herr Clawbonny, rief der Rüstmeister erfreut, das ist wunderbar! O, Sie sind ein großer Mann!

– Nein, lieber Freund, ich bin eben nur ein Mensch mit gutem Gedächtniß, der viel gelesen hat.

– Was wollen Sie damit sagen?

– Ich erinnerte mich eben einer Bemerkung des Kapitän Roß aus dessen Reiseberichte. Er hatte ein zolldickes Brett mit einer Kugel aus gefrorenen Quecksilber durchschossen; hätte ich Oel bei der Hand gehabt, so hätte das fast dasselbe gethan, denn er erzählt auch, daß eine Kugel aus süßem Mandelöl, natürlich aus gefrorenem, gegen einen Pfahl abgeschossen, denselben aufsplitterte und unzerbrochen zur Erde zurückprallte.

– Das ist unglaublich!

– Aber es ist doch so, Johnson. Da, dieses Stück Metall kann uns möglicher Weise das Leben retten; lassen wir es bis zum Gebrauche an der Luft liegen und sehen zu, ob uns der Bär nicht bereits verlassen hat.«

In diesem Augenblicke trat Hatteras aus der Hütte, der Doctor zeigte ihm den kleinen Barren Quecksilber und theilte ihm den Gebrauch mit, den er davon machen wolle; der Kapitän drückte ihm schweigend die Hand, und die drei Jäger brachen auf.

Das Wetter war ganz klar. Hatteras war seinen Genossen vorausgeeilt und entdeckte den Bären auf etwa achtzehnhundert Schritt.

Das Thier hatte sich niedergesetzt; langsam bewegte es den Kopf und schnüffelte die ungewohnten Ausdünstungen seiner Wirthe ein.

»Da ist er! rief der Kapitän.

– Stille!« sagte der Doctor.

Aber als der große Vierfüßler die sich Nähernden sah, fiel es ihm gar nicht ein, von der Stelle zu weichen. Ohne Schrecken und auch ohne Wuth sah er sie an. Dennoch war es nicht leicht, sich ihm genügend zu nähern.

»Meine Freunde, sagte Hatteras, es handelt sich jetzt hier nicht um ein bloßes Vergnügen, sondern um die Rettung unseres Lebens. Also handeln wir mit Klugheit!

– Ja, erwiderte der Doctor, wir haben nur einen Flintenschuß. Wir dürfen nicht fehlen; entflieht das Thier, so ist es für uns verloren, da es wohl einen Windhund im Laufe überholt.

– Also müssen wir gerade darauf losgehen. Das Leben gilt es, sagte Johnson, doch was thut das jetzt – ich will das meine daran wagen.

– Nein ich! rief der Doctor.

– Das thue ich, sagte einfach Hatteras.

– Nein, nein, stritt Johnson dagegen, sind Sie nicht für das Wohl Aller nützlicher, als ich alter Mann?

– Nein, Johnson, erwiderte der Kapitän, laßt mich nur machen. Ich werde mein Leben nicht unnöthig auf’s Spiel setzen; es ist sogar möglich, daß ich Euch zu Hilfe rufen muß.

– Hatteras, fragte der Doctor, wollen Sie wirklich dem Bären zu Leibe gehen?

– Wär‘ ich nur sicher, ihn zu erlegen, so thät‘ ich’s, wenn er mir auch den Schädel zerschlüge! Aber, wenn ich nahe komme, reißt er wohl aus. Es ist ein sehr listiges Thier, und wir müssen ihn überlisten.

– Was denken Sie zu thun?

– Ich will versuchen, mich ihm auf zehn Schritte zu nähern, ohne daß er mich bemerkt.

– Und wie das?

– Das Mittel ist kühn, aber einfach. Sie haben doch das Fell von der Robbe aufgehoben, die Sie erlegt haben?

– Es ist auf dem Schlitten.

– Gut, so wollen wir jetzt zurückkehren, während Johnson auf Wache bleibt.«

Der Rüstmeister glitt hinter einen Spitzhügel, der ihn den Blicken des Bären vollkommen entzog.

Dieser aber blieb ruhig auf seinem Platze und schnüffelte arglos weiter.