Märchen

871. Die Galgendenkler

871. Die Galgendenkler

Fünf Stunden von Eichstätt, im alten Kastenamte Kipfenberg, liegt der Marktflecken Enkering, dessen Bewohner müssen auch einen Spitznamen tragen. Sie hatten nämlich draußen vor Enkering einen niedrigen hölzernen Galgen, und da daselbst, wenn die Bauern auf dem Felde, kein Bürger daheim war, so geschah es häufig, daß sie zur Erntezeit, wann gemäht wurde, ihre Sensen auf das Galgenholz auflegten und sie dengelten, was man in dieser Gegend denkeln nennt. Davon haben die Umwohner den Enkeringern den Spitznamen Galgendenkler gegeben, darüber bat es schon oft Schlägereien und blutige Köpfe gesetzt. Der Volkswitz ist überhaupt in diesem Lande stets rasch bei der Hand mit neckischen Redensarten. So steht auf dem Berge über dem eichstättischen Dorfe Bettenhofen die Kirche nebst dem Pfarrhaus und der Schule, und ist erstere weit sichtbar, darum lebt in der Gegend das Sprüchwort, wenn einer Unglaubhaftes erzählt: Du – mache mir nichts weiß, ich kenne schon Bettenhofen, liegt die Kirch‘ auf dem Berg.

So auch die Seglau, das ist der Name einer ganz kleinen Wiese im untern Hochstifte Eichstätt bei Burggriesbach, von der aber wird die ganze große Ebene zwischen Jettenhofen, Burggriesbach, Obermäßing und Forchheim die Seglau genannt, und weil auf dieser fetten Wiesenflur viele Butterblumen wachsen, so sagen die Umwohner, wenn rechter Sturmwind weht: Die Hexen fahren auf die Seglau ins Schmalz. –

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872. Heiligblut und Sankt Salvator

872. Heiligblut und Sankt Salvator

Eine Stunde nördlich von Pleinfeld und ebenso weit südlich von Spalt liegt einsam im tiefen Walde das Franziskanerkloster Heiligblut, wohin viele Wallfahrten geschahen und noch geschehen. Es wird in der Kirche unter einem der Altäre der Stock eines abgehauenen Fichtenstammes gezeigt und dieses erzählt: Als im Jahre 1444 eine große Hungersnot das Land heimsuchte, beredete ein Jude einen armen Tagelöhner zu Unterbreitenlohe, aus der Kapelle zu Stirn eine geweihte Hostie zu stehlen, diese auf jenen Fichtenstock zu legen und dreimal aus allen Kräften mit der Axt auf die Hostie zu hauen. Andere sagen, der Jude habe selbst mit dem Messer in dieselbe hineingestochen. So oder so – floß aus der Hostie Blut, der Tagelöhner wurde hierauf von entsetzlicher Reue ergriffen, zeigte seine und des Juden Freveltat an, und das heilige Blut ward aufgehoben, über dem Fichtenstamm zunächst ein Altar errichtet, über diesen dann eine Kirche erbaut und das Kloster begründet, dem der Ruf von jenem Wunder zahllose Waller zuführte, so daß es insgemein nur die Wallfahrt genannt wird.

Ein anderer berühmter Wallfahrtort im Eichstättischen, und noch dazu der älteste, ist Sankt Salvator, und auch zu dessen Gründung gab eine heilige Hostie den ersten Anlaß, die ein Edelfräulein von Neuses bei Oberbach in der Karwoche zu Rauenzell empfing und im Munde behielt, aber im Walde vor einem Kruzifix fallen ließ. Die Hostie konnte nicht wieder aufgehoben werden, und es ging mit derselben wie mit dem Gott im Kasten. Erst als der Weihbischof mit dem ganzen Klerus zu Herrieden und alle Pfarrer von Burgoberbach, Großenried, Neunstetten mit allen ihren Pfarrkindern in zahlreicher Prozession naheten, ließ die heilige Hostie sich erheben und in ein gläsernes Gefäß legen und in der Rauenzeller Pfarrkirche in einem Reliquienschrein aufbewahren.

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862. Die Hunde zu Weißenstein

862. Die Hunde zu Weißenstein

Auch im Bayrischen Walde widerhallt und wiederholt die Sage von den jungen Hunden. Einer Frau Gräfin von Weißenstein begegnete die Bettlerin, die, von jener verhöhnt, sie verwünschte, und eine Zigeunerin prophezeiete ihr, sie werde auf einmal sieben Söhne gebären, von denen würden sechse ihr den Tod zuwegebringen. Solches zu verhüten, ward sie einig mit ihrer Kammerfrau, als bereits der erste Teil der Prophezeiung sich erfüllt hatte, daß jene die sechs nachgebornen Knäblein ersäufen solle. Der begegnete nun auch der aus dem Hussitenkriege zurückkehrende Graf und entdeckte die Untat, ließ die allzudienstfertige Magd alsogleich binden und in den Regenfluß werfen und die Knäblein heimlich aufziehen und ihnen Ammen geben. Heimgekehrt, ließ der Graf sich nichts merken, während sieben ganzer Jahre lang, nahete aber auch seiner Frau nie wieder in Liebe, sondern schützte ein Enthaltsamkeitsgelübde vor, wie die Männer in jenen alten frommen Zeiten sich bisweilen auferlegten. Dann aber, als die sieben Jahre nun um waren, ließ er ein Gastmahl zurichten und fragte die Gäste, indem er die Untat nannte, welche Strafe einer solchen Mutter gebühre. Da fuhr seine eigne Frau, von Angst des Gewissens getrieben, heraus: Lebendig einmauern müsse man solche Rabenmutter! – Du hast es gesagt! zürnte der Graf, dir geschehe, wie du gesagt hast, denn die Rabenmutter bist du! Siehe hier die jungen Raben, die der Herr ernährt und erhalten, deine – Hunde! – Und ließ die sechs frischen Knäblein eintreten. Da war viel Wonne und Weh beisammen und wurden viele Fürbitten laut für die entartete Mutter, sie selbst aber bestand auf der gerechten Strafe und empfing sie. Darauf hat der Graf eines Hundes Bild in sein Wappenschild genommen und die Söhne als die seinen erkannt, ihnen aber zu ihrem Zunamen noch den Hund gefügt, so ist das Geschlecht der Hunde von Weißenstein, gleich jenem der Hunde von Wenkheim und der Rüden von Collenberg im Frankenlande, entstanden, aber der Graf verließ seine Stammburg, und sie fiel in Trümmer.

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863. Der Stockenfels

863. Der Stockenfels

Zwischen Burg Lengenfeld und Rittenau am Regen beim Dorfe Fischbach liegt eine Burgruine auf einem hohen Berge, Stockenfels geheißen, darinnen ist es nicht geheuer; verwunschene und hineingebannte Spieler sitzen drinnen und karten und würfeln und haben eiserne Karten, wie die Spieler in der Burgtrümmer von Waldstein und die Männer im Flußberg, und glühende Marken und Becher. Wer sie sieht, dem grauset. Und wer sind denn diese Männer? Ritter sind es nicht, Pfaffen auch nicht, Bauern auch nicht. Sie haben große schwarzlederne Schurzfelle und harte Köpfe. Spielen dürfen sie nicht beständig, sie müssen auch was tun. Da ist ein grausam tiefer Brunnen auf Stockenfels, der geht bis zum Bergesgrunde, da stehen sie auf einer Leiter von oben bis unterst, und der unterste schöpft Wasser und langt es herauf, und der oberste schüttet’s aus, und rastlos wandern die Eimer die ganze Woche lang, und das sind die abgeschiedenen Bierbrauer von Regensburg, von Straubing, Cham, Burglengenfeld, Landshut und andern Orten, die solche Buße tun müssen, dieweil sie bei ihrem Leben zu viel Wasser in jedes Gebräu gemischt, und werden ihrer immer mehr, »daß bald gor kani mehr in den Brunnen eini gohn,« als welches sehr schade ist, sonst wollt‘ einer dem Stockenfelser Brunnen die ***er Brauer ebenfalls bestens empfohlen haben.

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864. Juditha

864. Juditha

Aus dem Böhmerlande zog der junge Herzogsohn Brzetislav durch den Böhmerwald, erkor sich am Regenfluß eine heimliche Stelle in den waldigen Talwinkeln nahe bei Regenstauf und ging mit nur wenig Dienern nach Regensburg hinein. Er hatte von einer überaus schönen Nonne vernommen namens Juditha, welche die Tochter eines Grafen vom Rheine soll gewesen sein, Otto des Weisen. Es gelang ihm, sie zu sehen, und alsbald entbrannte in beiden zueinander heftige Liebe, und der junge Herzogsohn beschloß, die schöne Juditha zu entführen. Diesen Plan führte Brzetislav auch ohne Säumen aus, er bestach die Torwächter, daß sie ihm das Tor, und die Brückenwächter, daß sie ihm die Brücke offen hielten, und die Torwächter drüben in Stadtamhof nicht minder, band sein Roß vor der Klosterpforte an, ging hinein und holte sich seine Erkorene ohne alle Umstände. Mittlerweile war der Weg vor dem Kloster durch eine mächtig große Kette gesperrt worden, die hieb Brzetislav entzwei, hob die Entführte auf sein Roß und sprengte mit ihr von bannen, seine Getreuen folgten, und hinter ihnen rasselten die Tore samt und sonders zu. Ehe sie den Verfolgern wieder aufgetan wurden, verging die längste Zeit, das Regensburger Stadttor, drei Brückentore und zwei Tore von Stadtamhof, alle mit schweren Schlössern und Riegeln; es war offenbar eine wahre Torheit, die Flüchtigen verfolgen zu wollen. Auf der Brücke verlor Juditha einen roten Schuh, wie Katharina von Bora, da sie aus Kloster Nimbschen bei Grimma an der Mulde flüchtete, der wurde samt der zerhauenen Kette lange als ein Denkzeichen aufbewahrt. Der Vater der Entführten klagte nun zwar beim Kaiser über den Jungfrauenraub, und das Kloster klagte nicht minder, aber der Vater Herzog Brzetislav gab seinem Sohne Mähren und erwirkte ihm Verzeihung.

Wundersamerweise, nur mit minderer Wahrscheinlichkeit, wiederholt sich dieselbe Sage zu Schweinfurt, nur heißt die Nonne dort Jutta, wohnt im Kloster auf der Petersstirn. Der Vater ist ein Markgraf von Schweinfurt oder gar – doch heimlich – Kaiser Konrad der Salier selbst, und als der Bote mit der Klage an den Kaiser gesendet ward, behändigte man ihm zur Beglaubigung den verlornen Schuh – da er ihn aber überreichen wollte, verschwand er ihm aus der Hand hinweg.

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865. Leuchtenberg

865. Leuchtenberg

Vor dem Böhmerwald liegt die alte Landgrafschaft Leuchtenberg, dazu gehört auch Schloß, Stadt und Amt. Daselbst weilte Heinrich der Vogler, da er diese Gaue gegen die Ungarn und Wenden schirmte, und war auch seine Tochter Jutta bei ihm und weidwerkete mit ihm. Da geschah es, daß die Prinzessin eine schlanke Hinde verfolgte und ganz abkam von ihrem Vater und sämtlichem Jagdgefolge, und ward ihr bänglich zumute, wie der Jungfrau Lorenz zu Tangermünde. Es kam aber kein stolzer Edelhirsch, die Kaisertochter aus dem Walde zu tragen, doch fand sich ihr ein Helfer. Dem Vater aber war und blieb sie verloren Tage, Wochen, Monden lang, und grämte dieser sich sehr. Vergebens war die Prinzessin durch den ganzen weiten Wald gesucht worden, sie blieb verschwunden. Jahr und Tag verging, der Kaiser suchte noch immer sein verlorenes Kind, einstens bis zum späten Abend, und verirrte sich selbst nach einer Gegend hin, die er noch nie betreten. Da leuchtete ihm von einem Berge aus einer Burg ein tröstliches Licht, er klomm hinan und begehrte Einlaß, und alsbald wurde der Gast vor den Burgherrn, einen Ritter Gebhardt, und dessen junges Ehegemahl geführt. Und siehe, selbiges junges Ehegemahl war des Königs Tochter Jutta, welche der Ritter im Walde vom Verderben erlöst und an sich genommen hatte als einen werten Fund, von dem er sich nimmer zu trennen vermochte. Da ernannte ihn der Kaiser zum Grafen und gab ihm den Namen Leuchtenberg, in alter Sprache Luichtenbergk, weil der Berg ihm zum frohen Wiederfinden geleuchtet. Nahe der alten Landgrafenburg, die nun auch längst in Trümmern liegt, steht einsam ein alter Baum, der wird der kalte Baum genannt. Unter ihm ruht ein erschlagener Rittersmann, der eine Leuchtenbergerin liebte; ihr Vater aber erschlug ihn, weil er ihm nicht ebenbürtig erschien, und ließ ihn unter diesen Baum einscharren, gegenüber einem Turme der Burg, darin er seine Tochter zur Strafe ihrer Minne einsperrte. Und die Tochter fluchte dem Baume, daß er ewig erkaltet stehen solle, wie ihres Liebsten Herz. Turm und Burg sind gebrochen, wie das Herz der liebenden Jungfrau brach, aber der Baum steht noch. Kühl weht die Luft stetig auf seiner Höhe, wenn es auch drunten noch so heiß, Frostschauer umwehen sein Gezweig, und seine Blätter erbeben fort und fort wie der Espe Laub, und er heißt noch bis heute: der kalte Baum.

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860. Wölfe gehenkt

860. Wölfe gehenkt

Vordessen war ein sonderer Brauch vornehmlich im Franken- und Bayerlande, daß man die Wölfe an Galgen henkte, gleich Wegelagerern, und geht schon vom Herzog Heinrich in Bayern die Sage, daß er, obschon er das Rotwild über alle Maßen liebte und die Rüden den Bauern durch die Zäune jagte, doch bezüglich der Stegreifreiterei all reine Straße hielt, so daß die Kaufleute sein Reich im Rosengarten nannten, die Räuber und Reiter aber von ihm wehklagten: Kein Wolf mag sich in seinem Lande erhalten und dem Strang entrinnen.

Im Sommer des Jahres 1685 hauste ein gefährlicher Wolf im Ansbacher Gebiet, erwürgte mehrere Menschen, Kinder und Erwachsene, und entging lange dem Tode, denn die gnädige Landesherrschaft wies zwar den Oberjäger an, mit Zuziehung mehrerer Leute einen Streif vorzunehmen nach dem Wolfe, aber dabei fleißig acht zu haben, daß dem Wildbret dadurch kein Schaden zugefügt werde; da ging es recht nach dem Sprüchwort: Wasche mir den Pelz und mache mich nicht naß. Der Wolf würgte und wütete fort, die Landleute trauten sich selbst am hellen Tage nicht mehr aufs Feld zu gehen. Zum Unglück verbreitete sich auch noch die Kunde, daß der Wolf gar nicht ein natürlicher Wolf sei, sondern der Geist des vor kurzem verstorbenen Bürgermeisters und Kastenpflegers zu Ansbach. Schon bei seiner Beerdigung habe dieser aus einem Dachfenster seines Hauses seinem Begängnis in aller Gemütlichkeit zugeschaut, und darauf nachts sei er dem Nachtwächter in Wolfsgestalt und in ein weißes Tuch gehüllt begegnet. Da geschah es, nachdem Ende Juli besagter Wolf sich zuerst hatte sehen lassen, daß er am 10. Oktober gemeldeten Jahres im Weiler Neuses bei Windsbach auf zwei Bauernknaben lauerte, die ihm jedoch entgingen, darauf einem Hahn nachsprang, der die Flucht über einen alten mit Röhrig belegten Brunnen flatternd nahm, und überm Springen in den Brunnen hineinfiel, wo ihm nun die Gemeinde leichtlich, wie sich denken läßt, das Garaus machte. Im Triumph wurde das erlegte Untier nach Ansbach zu hochfürstlicher Landesherrschaft gebracht und darauf folgendermaßen mit ihm verfahren. Erstlich wurde er enthäutet, um ausgestopft die hochfürstliche Kunstkammer als rares Exemplar einer anderthalb Ellen hohen Wolfsgestalt zu zieren, dann wurde ihm von Pappe ein Menschengesicht, seiner etlichermaßen bei Lebzeiten gehabten Physiognomie ähnlich, gemacht und mit einem Schönbart, lang und weißgraulich, ausgeputzt; dann bekam er ein Kleid von gewichster Leinwand, fleischfarbrötlich, angezogen und wurde ihm eine kastanienbraune Perücke aufgesetzt. Und also wurde Herr Isegrim auf dem sogenannten Nürnberger Berg vor Onolzbach an einem eigens dazu errichteten Schnellgalgen aufgehenkt, jedermänniglich zur Warnung, er mochte Wolf, Bürgermeister oder Kastenpfleger sein, zur Strafe seiner ungebührlichen Aufführung.

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861. Wolffindis

861. Wolffindis

Im Landgerichte Dingolfing nahe beim Markte Reisbach steht eine kleine Kirche, die ist einer heiligen Jungfrau geweiht, welche eine Märtyrerin ihrer Frömmigkeit und Keuschheit wurde. Wolffindis, so war ihr Name, war eines Gaugrafen Tochter, der auf dem Schlosse Warth saß, und neigete ihr Herz dem Christentume zu, da ihr Vater noch ein blinder Heide war. Darüber ergrimmte dieser Vater also sehr, daß er die Tochter an die Schweife wilder Ochsen binden und diese von dannen peitschen ließ. Dort bei Reisbach blieben die Ochsen stehen, und an jener Stelle, wo die Unschuldige verblutete, sprudelte eine Heilquelle hervor. Andere sagen, es habe ein fremder Krieger sich in die fromme Wolffindis also vergafft, daß er ihrer, da sie ihm nicht im guten sich zu eigen geben wollen, mit Gewalt begehrt, und weil er, obschon er ihrer sich bemächtigt, doch nichts erlangen können, habe er sie an seines Rosses Schweif gebunden und sie selbst auf so grausame Weise zu Tode geschleift. Nahe dem Markte Reisbach endete die fromme Wolffindis, und der Wunderquell entsprang.

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855. Regensburger Wahrzeichen

855. Regensburger Wahrzeichen

Die Wahrzeichen Regensburgs sind am Dome zu finden und an der Brücke: am Dome ein Mann von Stein, der sich herunterstürzt, und an der Brücke ein kleiner Mann, der nach jenem schaut, die Hand über die Stirne haltend. Das sind die Baumeister des Domes und der Brücke; beide wetteten miteinander, wessen Bau zuerst vollendet sein werde. Und soll der Baumeister der Brücke des Dombaumeisters Lehrling gewesen sein. Der Lehrling nun ging einen Bund mit dem Teufel ein und versprach ihm die ersten drei Seelen, die über die vollendete Brücke gehen würden, zum Eigentum, wenn er sie eher vollende als sein Meister den Dom. Da schleppte der Teufel als bekannter Steinschlepper und Lastesel Steine in Massen herbei und half bauen, was das Zeug hielt, und ward die herrliche Brücke gebaut mit fünfzehn granitnen Schwibbogen und drei Türmen aus lauter Quadersteinen, vierhundertsiebenzig Schritte lang und dreiunddreißig Schuh breit. Und unversehens war sie fertig, und da der Dombaumeister auf seinem Gerüste stand und das Werk vollendet sah, so tat er wie der Baumeister des Doms zu Köln, dem Ähnliches widerfuhr, er stürzte sich vom Gerüste herab, worauf sein steinern Bild am Dom angebracht wurde. Der Brückenbaumeister aber sperrte die Brücke, sowie sie vollendet war, daß kein Mensch darübergehen durfte, und trieb zuerst einen Hund, einen Hahn und eine Henne darüber, welche der Teufel in Empfang nahm und dadurch bestätigte, daß die Tiere auch Seelen haben, was von vielen verneint worden, und mag sie ohne Zweifel zu der Wolfsseele getan haben, die er beim Dombau zu Aachen fing, und zu der Eselsfüllenseele, die er auf Burg Rheingrafenstein so glückhaft erhaschte, und zu andern Tierseelen. Der von des Teufels Ansprüchen also durch List befreite Architekt brachte nun zum ewigen Wahrzeichen die Bilder von Hund, Hahn und Henne auf der Brücke selbst an, auch zeigt man auf ihr ihren größten und ihren kleinsten Stein nebeneinander.

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856. Dollinger und Krako

856. Dollinger und Krako

Zu Kaiser Heinrichs des Hunnensiegers Gezeiten hielt derselbe in Regensburg Hof und daselbst ein Stechen. Da kam unter Geleit ein freisamer Heide geritten, des Name war Krako, der forderte die Ritterschaft zum Lanzenbrechen auf mit großem Übermut, und wer im Stechen auf Leben und Tod unterliege, dessen Seele sollte dem Teufel eigen sein, denn er hatte heimlich zwei Teufel in seinem Dienst, die ihn stark machten und nach Teufelart auf Christenseelen lauerten. Die Ritter aber alle schwiegen bestürzt, und keiner wagte den Kampf anzunehmen, und der Kaiser fragte zornig: Habe ich denn an meinem Hofe keinen Mann, der mit dem Heiden das Stechen darauf wagt, daß seine Seele, wenn sie ihn verläßt, dem Heiland, unserm Herrn, gehört und mitnichten dem Teufel? – Da trat ein mannlicher Ritter hervor, Hans Dollinger geheißen, andere sagen, derselbe habe ob Hochverrats im Kerker gelegen und sei zum Kampfe zugelassen worden, um gleichsam hier in einem Gottesgerichtskampf seine Seele zu lösen, und begann das erste Stechen mit dem gewaltigen Heiden, und da sah er in des Heiden Spiegelschild die zwei Teufel, die ihm kämpfen halfen, allen andern unsichtbar, und da stach der Heide den Dollinger vom Roß, daß er auf dem Rücken lag wie ein gepreschter Frosch und zu Jesu im Himmel hineinschrie, ihm von den Heiden und seinen Teufeln zu helfen. Da ritt der Kaiser zu dem Gefällten und hielt ihm ein Kruzifix an den Mund, daß er das küsse, und von dem Kuß wurde der Dollinger frisch und gesund und sprang aus, bestieg sein Roß, und da taten sie das zweite Reiten gegeneinander, und stach der Dollinger dem Heiden die Lanze in das Ohr, wie der junge Königsohn am Rhein dem Heidenweibe sein Schwert, daß die Spitze zum andern Öhrlein wieder heraustrat und der Heide vom Rosse fiel wie ein Nußsack und seine Seele dahin fuhr, wohin er sie verlobt, nämlich zu allen Teufeln. Hernach hat der Dollinger an seiner Herberge zu Regensburg sotanen Kampf in Stein hauen und abbilden lassen, das wurde auch ein Regensburger Wahrzeichen, ward auch vielfach gemalt und besungen in alten Liedern.

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