Märchen

106. Die letzte Saat

106. Die letzte Saat

Bei Mülheim, nahe dem Rhein, lag vorzeiten ein Kloster namens Dünnwald, das war in Streit geraten über hundert Morgen Ackerlandes mit einem nachbarlichen Edeln, Junker Hall von Schlebusch. Das Kloster wie der Junker sprachen dieses große Grundstück als Eigentum an, doch hatte es der Junker im Besitz, aber alle Nutzung verzehrten die Kosten des vor Gericht geführten Rechtsstreites, die Anwälte, die Fürsprecher, die Richter, die Schöffen, die Schreiber. Da bot endlich der Junker Hall von Schlebusch gütlichen Vergleich an und sprach zu den frommen Vätern des Klosters Dünnwald: Fromme Väter, ich bin des langen Haders müde, der uns beiderseits nicht frommt. Die hundert Morgen sollen fürder und künftig für alle Zeiten des Klosters Eigen sein, nur eins bedinge ich: noch einmal eine, und zwar die letzte Aussaat. Ist die zur Ernte reif und gediehen und eingebracht, so begebe ich mich jedes Anspruchs an die hundert Morgen. – Der Himmel stärke Euch, edler Junker, in solch frommem Entschluß, sprach der Abt, doch seid Ihr wohl so gnädig, dieses Versprechen uns schriftlich zu geben. – Darauf wurde ein Brief auf Pergament doppelt geschrieben und ausgefertigt, und der Junker hing sein Siegel in Wachs daran, und der Abt des Klosters das seine, und das große Konventsiegel kam auch noch hinzu, und das des Priors, und noch zwölf Siegel erbetener ritterlicher Zeugen, und war ein sehr schöner Brief, diese Schenkungsurkunde auf ewige Zeiten nach der Ernte der letzten Aussaat, die noch des Junkers sein sollte. Junker Hall von Schlebusch ließ nun seinen Acker bestellen und die hundert Morgen besäen, das geschah im Herbst, und im Frühjahr ging die Saat auf, wollte aber gar nicht recht in die Höhe schießen wie andere Saat. Da nun das Fest der Hagelfeier kam, wo man mit Prozessionen und Fahnen die Felder umgeht und für sie betet, da sahen die Mönche nach der Saat auf dem künftigen Klostererbe – aber was sahen sie? – Eine Saat von Eicheln. – Betrug! Betrug! schrien Abt und Prior und Konvent – aber es half nichts, denn im Briefe stand: vnde bewilligen ihme deme edeln junkherrn Hall vom Sleehenbosche die letzte Vssaat sinder widerrede unde sinder alle geferde. deßez czo gezügen han wir erbeten etc. Lange noch freute Junker Hall von Schlebusch sich seines schönen herrlich gedeihenden jungen Eichenwaldes, er jagte noch Hasen und Hühner darin – die Bäume wuchsen, und Abt und Prior und der ganze damalige Konvent gingen einer nach dem andern zur ewigen Ruhe der Saat, von Gott gesäet – und immer noch wuchsen die Eichen, und im Archive der schöne Brief wurde grau, und die Siegel wurden voll Staub, und es dachte niemand mehr an ihn – und immer noch wuchsen die Eichen, und das Kloster versank in Schutt und Trümmer, und das neue Geschlecht, das gekommen war, konnte die Schrift des alten Briefes nicht mehr lesen.

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107. Der Alte-Berg

107. Der Alte-Berg

Hoch und herrlich stand, landbeherrschend, das stolze Grafenschloß Berg überm Tal der Dhüne und gab der ganzen Grafschaft Berg den Namen, die hinter Jülich und Cleve in so vielen Titeln deutscher Fürstenhäuser unsterblich fortgeführt wird. An der Wupper wohnte ein Vogt, Eberhard, aus dem Hause Teißerbant, der hatte einen lieben Bruder, Adolf mit Namen, beide besaßen die Schlösser Berg und Altena. Adolf vermählte sich, und Eberhard minnte ein schönes Fräulein auf Burg Odinthal, aber dieses starb in seiner Jugendblüte. Graf Eberhard von Berg suchte seinen tiefen Schmerz durch Waffenlärm zu übertäuben, und da der Herzog Gottfried von Brabant dem Ritter von Limburg und den Grafen von Berg Fehde bot, so führte Eberhard die Scharen an und erfocht einen vollständigen Sieg, ward aber verwundet und kam von den Seinen hinweg, die ihn tot glauben mußten. Graf Eberhard trat eine große Wallfahrt gen Rom an, wie auch gen Compostell, dann kam er auf seinem Pilgergange nach Thüringen zum Schlosse Käfernburg, wo ein Verwandter von ihm namens Sizzo, nach andern Sieghard, wohnte. Dieser Sizzo war es, welcher unter der St. Johanniskirche auf dem Altenberge, wo der heilige Bonifazius den Thüringern zuerst das Evangelium predigte, noch eine Kirche in des heiligen Georgs Ehre erbaute, hernach im Tale das Kloster Asolverod gründete, zu welcher Gründung Graf Eberhard riet, und vom Kirchlein auf dem Georgenberge das Kloster nun Georgenthal nannte. Und da wurde Graf Eberhard von Berg und von der Mark der erste Abt. Allein der demütige und fromme Sinn dieses Grafen litt nicht lange diesen hohen Rang; er wollte dienen, nicht herrschen, legte daher die Abtwürde zu Georgenthal in Thüringen freiwillig nieder und zog als ein büßender Pilgrim weiter. Da kam er zu dem Kloster Morimund (Morimont) in der Champagne und bat daselbst um den geringsten Dienst. Dort ließ man ihn um Knechteslohn die Schweine hüten, und dies trieb er unerkannt lange Jahre. Sein Bruder Adolf und nicht minder der Bruder seiner verstorbenen Braut trugen großes Sehnen nach dem Verlorenen, und der letztere fand ihn auf einer Pilgerfahrt, die er zum Grabe des heiligen Aegidius in Morimund machte, unversehens in seinem niedern Dienste. Da nun der Freund in Eberhard dringt, ihm zu folgen, ruft dieser aus: Ja, hin nach dem alten Berge! Und bat den Abt von Morimund, zwölf Klosterbrüder mit ihm in seine Heimat ziehen zu lassen, zog heim und wandelte Schloß Berg in ein Kloster um, das er nun, vielleicht mit aus Erinnerung an jenes thüringische Altenberge, wo er oft auf waldiger Höhe im Gebet gekniet hatte, auch Altenberge nannte. Sein Bruder Adolf trat als Mitbegründer auch in das neue Kloster, dem Eberhard vorstand, und da es mit ihm zum Sterben kam und sein Bruder weinend an seinem Lager stand, sagte er einen Tag und eine Stunde voraus, wo er Adolf wiedersehen werde, und genau zu derselben Stunde ging Adolf zum Tode ein und zum Wiedersehen in dem ewigen Leben.

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108. Der Klosteresel

108. Der Klosteresel

Als die vormaligen Grafen und nun Klostermönche Eberhard und Adolf in Altenberge gestorben waren, wurde ein Mönch, der mit von Morimund gekommen und dort schon Subprior gewesen war, zum Abt von Altenberge erwählt, der hieß Berno. Unter ihm beschloß der Konvent, das Kloster von der steilen Berghöhe, auf der es lag, herab und in das Tal zu verlegen, durch das die Dhüne ihre raschen Wellen rollt. Einige schlugen nun diese, andere jene zum neuen Aufbau geeignete Stelle vor, aber die Meinungen waren sehr verschieden und ließen sich nicht vereinigen. Da riet Abt Berno, die Brüder sollten doch den Klosteresel entscheiden lassen. Da nun die Brüder mit dieser Entscheidung vollkommen einverstanden waren, so wurde der Esel an das Tor der alten Burg geführt und von da seinem Gang überlassen. Der Langohr schritt gemachsam den Berg hinab, und die Mönche folgten ihm. Im Tale, wo der Kaibach von der Spechtshard herunterkommt, und wo damals nur Wald und Waldwiesen waren, stand der Esel still, trank einmal, schaute sich um, iahte und legte sich. An dieser Stelle nun wurde das neue Kloster erbaut. Hundert Jahre hatte es dort bestanden, da war Konrad von Hochstaden, welcher zum Kölner Dome den ersten Stein legte, auch in Altenberge, und man legte dort den Grundstein zu einer Dom- und Klosterkirche von großer Pracht und Herrlichkeit, und in ihr sind die Grabstätten und Grabdenkmäler fast aller Grafen und spätern Herzoge von Berg und Mark, bis im Jahre 1511 das altberühmte edle Geschlecht erlosch.

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10. Der Pilatus und die Herdmanndli

10. Der Pilatus und die Herdmanndli

In der ganzen Schweiz, im Berner und Luzerner Land, im Haslital und fast allenthalben gehen Sagen von Zwergen und Berggeistern, die sich vielfach ähnlich sind. Absonderlich viel Redens ist von dem hohen Berge Pilatus und den Zwergen, die sonst in seinem Geklüft wohnen, die heißen Herdmanndli. Der Pilatus, das ist der rechte und wahre Broch- oder Brockenberg der Schweiz, auf welsch Fraxmont ( mons fractus) geheißen, auf lateinisch aber mons pileatus, Hutberg, weil im Land die bekannte Rede geht:

Hat der Pilatus einen Hut,
So steht im Land das Wetter gut.

Aber es geht die Sage, daß nach Christi unseres Herrn Leiden, Tod und Auferstehung der römische Landpfleger Pilatus in dieses Land gezogen sei, oder gar, daß der Satan seinen Leichnam hergetragen, und da habe er am Berge den ungeheuerlichen See gefunden, der hat weder Zu- noch Abfluß und ist wegen der unergründlichen Tiefe schwarz und gräßlich anzusehen, ein unheimlicher Moorgrund. Lange hat die Sage gelebt, daß, wer etwas in den See werfe, alsbald ein heftiges Unwetter mit Hagel und Wolkenbrüchen errege, wie auch das Gewässer den Krienser Boden und Luzern, die Stadt, in den Jahren 1332 und 1475 in große Not gebracht, darum hat man Fremde nicht gern hinzugelassen, und das Hineinwerfen von Steinen oder Holz bei Leib- und Lebensstrafe verboten. In diesen See habe sich der römische Landpfleger gestürzt, weil sein Gewissen ihn fort und fort gepeinigt, andere sagen, der Teufel habe ihn hineingesteckt. Die Herdmanndli, die wohnten vielfach in der Pilatushöhle, die hoch oben liegt, tief und schaurig. Sie waren den Menschen gar gut und hülfreich, gar »gespäßige Lüet«, wie die Hirten sagen, sie verrichteten nachts der Menschen Arbeit; kamen vom Berg auch herunter in die Täler, schafften und ackerten redlich, und ein Herdmanndli konnte mehr verrichten als zehn Meister mit allen Knechten. Aber sehen ließen sich die Manndli wunderselten, und auch da hatten sie lange graue Kutten an, die bis auf die Erde reichten, daß man nimmer ihre Füße sah. Einem Hirten begegnete es, daß er einen reichtragenden Kirschbaum oben am Berge hatte, dem pflückten die geschäftigen Zwerglein die Kirschen ab und brachten sie zum Trocknen auf die Hürden, daß hernach gutes Kirschwasser gebrannt werden konnte, der Hirt ward aber neugierig, zumal mocht‘ er gern die Füße der Herdmanndli sehen, war her und streute Asche rings um den Baum, als die Früchte im nächsten Jahre wieder reiften. Die Herdmanndli kamen, pflückten redlich die Kirschen ab, und am Morgen sah der Hirt ihrer Füßlein Spur in der Asche. Es waren eitel kleine Gänsefüße. Der Hirte lachte und sagt‘ es freudig seinen Genossen an, daß er nun wisse, was für Füße die Herdmanndli haben. Die Zwerge aber ergrimmten, zerbrachen des Hirten Dach und Fach, versprengten seine Herde, zerknickten den Kirschbaum Ast um Ast, und ihrer keines kam jemals wieder herunter, den Menschen hülfreich zu sein. Sie blieben droben in ihrer tiefen Höhle und in ihrem Geklüft wohnen. Der Hirte aber wurde ganz tiefsinnig, schlich bleich umher und hat nicht lange gelebt.

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109. Der blühende Bischofstab

109. Der blühende Bischofstab

Aus dem Geschlechte der Grafen vom Berge und Altena stammte auch Bruno, der sechsundvierzigste Erzbischof von Köln, das war gar ein andächtiger und frommer Priester und von so großer Demut und Bescheidenheit, daß er sich lange weigerte, sein wichtiges Amt zu übernehmen. Es drückte ihn die hohe Würde, und nur drei Jahre behielt er sie, dann kam er nach Altenberge von Köln herüber, hielt noch einmal in pontificalibus in der herrlichen Kathedrale das Hochamt und trat dann als schlichter Zisterziensermönch in die Schar der Brüder des Klosters Altenberge ein. Seinen Bischofstab hing er zum Andenken hinter dem Hochaltar der Kirche auf, diente Gott in Treue und starb am Tage des heiligen Gregorius im Jahre des Herrn eintausendzweihundert. Als die Brüder früh in die Kirche kamen, die Vigilien zu singen, war sie mit Wohlgeruch erfüllt, und dem Bischofstabe waren Palmenzweige und weiße Lilien entsproßt, die also dufteten. Da erkannten alle, welch ein heiliger Mann ihr Bruder Bruno gewesen.

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110. Immenkapelle

110. Immenkapelle

Im Kloster Altenberge lebte auch ein Klosterbruder, der war des Klosters Bienenvater und schien nicht mit sonders hellem Geist begabt, viel eher am Verstande beschränkt, doch gar sinnig treu vom Herzen. Da man nun das Allerheiligste durch die Fluren trug unter Gesängen und Litaneien, der Saaten Wachstum und Gedeihen zu fördern, so dachte der Bienenvater in seiner Einfalt, wenn die heilige Hostie dem Korn und Weizen Gedeihen gebe, so könne, werde und müsse sie das auch dem Honig und Wachse, nahm heimlich eine geweihte Hostie und legte sie in das Bienenhaus in einen leeren Korb von Glas. Da schwärmten alsbald die Immen herbei und bauten um das Heiligtum von eitel Wachs ein überaus kunstvolles Sakramenthäuschen mit Türen, Kuppeln, Türmchen, Spitzbogen, Pfeilern und gar wunderzierlichem Schmuck. Darauf kamen die Tiere des Feldes und beugten sich vor dieser wunderbaren Monstranz. Da nun die Brüder solches Wunder anstaunten, bekannte der Bruder Bienenvater, was er getan, und da erhob man das Sakramenthaus der Immen und stellte es unter Absingung frommer Hymnen in der Klosterkirche auf, das Bienenhaus aber ward abgebrochen und an seine Stätte eine Kapelle gebaut, die nannte man hernach stetig die Immenkapelle. Der Klosterbruder Bienenvater aber ward von der Zeit noch stiller und in sich gekehrter und starb bald darauf.

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111. Nibelung von Hardenberg und der Zwerg Goldemar

111. Nibelung von Hardenberg und der Zwerg Goldemar

I Jülicher Lande saß ein Edler, des Namens Nibelung von Hardenberg, dem waren die Schlösser Hardenberg, Hardenstein und Rauenthal, und bei ihm wohnte ein Zwergenkönig oder Elbe, der hieß Goldemar, der war dem Nibelung von Hardenberg und nicht minder dessen schöner Schwester gar sehr zugetan, gab Ratschläge und war hülfreich in allen Sachen. Und obschon der Elb Goldemar sich nicht sehen ließ, vielmehr stets unsichtbar blieb, so ließ er sich doch deutlich wahrnehmen, er trank Wein mit dem Ritter, spielte mit ihm und seiner Schwester im Brett und selbst mit Würfeln und spielte auch die Harfe gar wundersam, daß kein Mensch auf Erden ihr solche Töne entlocken konnte. Wollte Nibelung sich überzeugen, ob wirklich der Elbe bei ihm sei, so fühlte er nach dessen Hand, und die war sehr klein, zart, weich und warm. Dieser Elb trieb es also drei Jahre lang auf Hardenbergs Schlössern und beleidigte niemand, da geschah es, daß er beleidigt wurde, denn die Hausgenossen, denen seine Anwesenheit unverborgen war, wurden von Neugierde geplagt, ihn zu sehen und doch zu erfahren, wie der Elbe aussähe. Da streuten sie heimlich Asche auf den Fußboden und Erbsen, und Goldemar der Zwerg kam, sich nichts versehend, in den Saal und trat auf die Erbsen und glitt aus und fiel, und seine Gestalt drückte sich in die Asche ab. Die war aber gestaltet wie eines sehr jungen Kindes Gestalt, und die Füße waren ungestaltet. Da kam der Elbe Goldemar nimmer wieder auf des Hardenbergs Schlösser. Er wandte sich anderswohin und entführte eine Königstochter, die hieß Hertlin. Die Mutter dieser Königstochter starb vor Leid über der Tochter Verlust, letztere aber ward durch den sieghaften Helden Dietrich von Bern, den alte Lieder feiern, befreit und von ihm geehelichet. Manche sagen, daß dieses Bern, wovon der Held Dietrich den Namen geführt, nicht das Bern in der Schweiz, auch nicht das welsche Bern, Verona, gewesen, sondern das rechte Dietrichs-Bern sei Bonn gewesen, der älteste Teil dieser Stadt habe auch Verona oder Bern geheißen, und da in dieses rheinische Land und Gefilde so viele Taten Dietrichs von Bern fallen, von denen in alten Heldenbüchern viel zu lesen, so dürfte wohl etwas Wahres an der Sache und Sage sein. Der Gezwerg Goldemar aber habe, nachdem ihm Dietrich die Beute abgedrungen, die Riesen zu Hülfe gerufen und Berge und Wälder ringsum schrecklich verwüstet. Die Stadt Elberfeld soll ihren Namen von nichts anderm tragen als von den Elben, auf deren Felde sie begründet ward.

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112. Das heilige Köln

112. Das heilige Köln

Köln ist eine der ältesten, größesten und berühmtesten Städte am Rhein. Es soll, nachdem seine Stätte schon von Urvölkern bewohnt worden, sechzehn Jahre vor Christi Geburt begründet sein, und zwar von Marcus Agrippa, dem Tochtermann Kaiser Augusts, daher sein lateinischer Name Colonia Agrippina, den es noch heute führt, und der offenbar auf Römeransiedelung hindeutet, sprächen nicht noch steinerne Zeugnisse für deren Vorhandensein schon in sehr früher Zeit. Es hatte die Stadt Köln so viele Kirchen und Kapellen, als das Jahr Tage zählt, und es birgt so viele Heiligen- und Martyrerleiber, daß der Stadt schon in früher Zeit der Beiname der heiligen wurde, auch ward Köln häufig das deutsche Rom genannt. Zahllose Wunderlegenden wären von alle den hier aufbewahrten Martyrerleibern, Schädeln und Gebeinen zu erzählen. Die drei Weisen des Morgenlandes, die das Christkind begabten, ruhen allda, St. Gereon mit seinen Kriegern, St. Ursula mit ihren eilftausend Jungfrauen, St. Georg der Drachentöter, die Mutter der Makkabäer mit ihren Söhnen, St. Matern, des heiligen Apostel Petrus Jünger, kein anderer als der Sohn der Witwe zu Nain, vom heiligen Petrus mit seinen Gefährten Eucharius und Valerianus nach Deutschland gesendet, im Elsaß, drei Meilen von Schlettstadt, abermals gestorben, begraben und nach vierzig Tagen mit dem Stab St. Petri, der noch im Kölner Domschatz vorhanden, berührt und wieder lebendig gemacht, der erste Bischof von Köln geworden und im einhundertundfünfzehnten Jahre seines Lebens zum dritten und letztenmal gestorben. Und nun die langen Reihen heiliger und frommer Bischöfe, dann Erzbischöfe aus den edelsten und berühmtesten rheinischen Geschlechtern, mit großer Macht begabt, unter ihnen St. Severin, St. Cunibert u.a. Und Anno, der heilige Erzbischof, mit dem die heilige Stadt Köln die erste Fehde hatte, ihn unterm Banner ihrer Heiligen und Märtyrer verjagte und dann aufs neue ihm dennoch huldigen mußte – und so viele andere. Gar große Rechte und Freiheiten hatte die Stadt und hat sie zum Teil noch immer, und sie stammen aus uralten Zeiten her.

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1000. König Watzmann

1000. König Watzmann

Südöstlich von Salzburg streckt, mit ewigem Schnee bedeckt, hoch über sieben niedrigere Zinken ein Berg zwei riesige Zackenhörner gen Himmel, das ist der über neuntausend Fuß hohe Watzmann. Von ihm erzählt das umwohnende Volk aus grauen Zeiten her diese Sage.

Einst, in undenklicher Frühzeit, lebte und herrschte in diesen Landen ein rauher und wilder König, welcher Watzmann hieß. Er war ein grausamer Wüterich, der schon Blut getrunken hatte aus den Brüsten seiner Mutter. Liebe und menschliches Erbarmen waren ihm fremd, nur die Jagd war seine Lust, und da sah zitternd sein Volk ihn durch die Wälder toben mit dem Lärm der Hörner, dem Gebell der Rüden, gefolgt von seinem ebenso rauhen Weibe und seinen Kindern, die zu böser Lust auferzogen wurden. Bei Tag und bei Nacht durchbrauste des Königs wilde Jagd die Gefilde, die Wälder, die Klüfte, verfolgte das scheue Wild und vernichtete die Saat und mit ihr die Hoffnung des Landmanns. Gottes Langmut ließ des Königs schlimmes Tun noch gewähren. Eines Tages jagte der König wiederum mit seinem Troß und kam auf eine Waldestrift, auf welcher eine Herde weidete und ein Hirtenhäuslein stand. Ruhig saß vor der Hütte die Hirtin auf frischem Heu und hielt mit Mutterfreude ihr schlummerndes Kindlein in den Armen. Neben ihr lag ihr treuer Hund, und in der Hütte ruhte ihr Mann, der Hirte. Jetzt unterbrach der tosende Jagdlärm den Naturfrieden dieser Waldeinsamkeit; der Hund der Hirtin sprang bellend auf, da warf sich des Königs Meute alsobald auf ihn, und einer der Rüden biß ihm die Kehle ab, während ein anderer seine scharfen Zähne in den Leib des Kindleins schlug und ein dritter die schreckenstarre Mutter zu Boden riß. Der König kam indes nahe heran, sah das Unheil und stand und lachte. Plötzlich sprang der vom Gebell der Hunde, dem Geschrei des Weibes erweckte Hirte aus der Hüttentüre und erschlug einen der Rüden, welcher des grausamen Königs Lieblingstier war. Darüber wütend fuhr der König auf und hetzte mit teuflischem Hussa Knechte und Hunde auf den Hirten, der sein ohnmächtiges Weib erhoben und an seine Brust gezogen hatte und verzweiflungsvoll erst auf sein zerfleischtes Kind am Boden und dann gen Himmel blickte. Bald sanken beide zerrissen von den Ungetümen zu dem Kinde nieder; mit einem schrecklichen Fluchschrei zu Gott im Himmel endete der Hirte, und wieder lachte und frohlockte der blutdürstige König. Aber alles hat ein Ende und endlich auch die Langmut Gottes. Es erhob sich ein dumpfes Brausen, ein Donnern in Höhen und Tiefen, in den Bergesklüften ein wildes Heulen, und der Geist der Rache fuhr in des Königs Hunde, die fielen ihn jetzt selbst an und seine Königin und seine sieben Kinder und würgten alle nieder, daß ihr Blut zu Tale rann, und dann stürzten sie sich von dem Berge wütend in die Abgründe. Aber jener Leiber erwuchsen zu riesigen Bergen, und so steht er noch, der König Watzmann, eisumstarrt, ein marmorkalter Bergriese, und neben ihm, eine starre Jacke, sein Weib, und um beide die sieben Zinken, ihre Kinder – in der Tiefe aber hart am Bergesfuß ruhen die Becken zweier Seen, in welche einst das Blut der grausamen Herrscher floß, und der große See hat noch den Namen Königssee, und die Alpe, wo die Hunde sich herabstürzten, heißt Hundstod, und gewann so König Watzmann mit all den Seinen für schlimmste Taten den schlimmsten Lohn und hatte sein Reich ein Ende.

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Nachwort des Herausgebers

Nachwort des Herausgebers

Alle Erneuerung eines Volkes fängt mit Selbstbesinnung an, und ein Teil dieser Selbstbesinnung ist die Besinnung auf seine alten Sagen und Märchen, in denen es sein eigenes Wesen treu bewahrt wiederfindet. Damit ist der Zweck dieser Neuausgabe bereits dargelegt. Denn im ganzen Umkreis der deutschen Sagenliteratur gibt es kaum ein anderes Werk, das so wahr und echt die Art des deutschen Volkes und seiner Stämme ins Licht stellt wie dieses Buch. Ausführlich braucht darüber hier nicht mehr geredet werden. Bechstein selbst hat das Wesen und den Sinn seiner Sammlung in der Einleitung auseinandergesetzt, die wir mit zum Abdruck bringen, und nur das eine wäre den Worten Bechsteins hinzuzufügen: daß die Sammlung alles hält, was die Einleitung verspricht.

Liebevolle Achtung vor dem lebendigen Wirken und Weben im Volke ist der Grundzug der Bechsteinschen Sammlung. Dieser Grundzug mußte auch in unserer Neuausgabe gewahrt bleiben und deswegen dem Text möglichst seine ursprüngliche Gestalt gelassen werden. Zugleich aber galt es, die Sagen dem Verständnis und dem Empfinden des heutigen Lesers nahezubringen. Diese beiden Erfordernisse zu vereinigen erschien anfangs fast unmöglich. Vor allem machte die Zeichensetzung große Sorge. Sie mußte von den vielen Willkürlichkeiten – Bechstein zeigt sich auch in diesem Werke oberflächlich und flüchtig in der Textgestaltung, wie auch der Druck des Originals sehr wenig sorgfältig ist – gereinigt werden, damit die von Bechstein selbst gewollte, aus dem Stoff sich ergebende Form zutage kam, die bei diesen frisch aus der Quelle strömenden Sagen nicht Form eines literarischen Gebildes, sondern lebendige Erzählform bedeutet.

Dabei war noch besonders daran zu denken, daß jede Geschichte ihr eigenes Wesen und ihren eigenen Klang hat. Es wäre also nichts falscher gewesen als Vereinheitlichung. Man wird also finden, daß der Ton der Geschichten je nach Stoff, Zeit und Landschaft wechselt; auch die Form einzelner sprachlicher Ausdrücke schwankt demgemäß, wie auch die Namen, besonders die Ortsnamen, nach zeitlichen und örtlichen Abweichungen verschieden erscheinen. Zu den Ortsnamen ist indes zu bemerken, daß zu veraltete oder entstellte auf ihre heutige Form gebracht worden sind.

Bechsteins Sagenbuch ist lange zu Unrecht vergessen gewesen. Es soll mit unserer Ausgabe zu neuem Leben erweckt werden. Dazu sollen auch die Bilder Adolf Ehrhardts aus der Erstausgabe der Sagen von 1853 helfen, die hier das erstemal neu entdeckt werden, und zwar teilweise nach den handsignierten Probeabzügen von den Originalholzstöcken selbst, die dem Verlag freundlicherweise von dem bekannten Bibliophilen Herrn Rechtsanwalt Heilpern in Leipzig zur Verfügung gestellt worden sind. An ihnen wird man das tiefe Verständnis für die Volkssage, die ungeheure Gewalt in der sinnenfälligen Darstellung aufbauender und zerstörender Naturkräfte und die plastische Gegenständlichkeit in der Komposition so sehr bewundern können, daß man kein Bedenken tragen wird, die Bilder den allerbesten Erzeugnissen deutscher Holzschneidekunst zuzuzählen.

Der Herausgeber hofft und glaubt, daß die Freude an dem Werke, die er selbst bei seiner Herausgabe empfunden hat, in vielen anderen weiterklingen und dem alten Buche in seiner neuen Gestalt den Weg durch das ganze deutsche Land bereiten wird.

Leipzig, im März 1930.
Dr. Karl Martin Schiller.

 

Diese Ausgabe von Bechsteins Deutschem Sagenbuch wurde im Auftrage des F. W. Hendel Verlages zu Meersburg in der Offizin Fischer & Kürsten in Leipzig gedruckt. Den Einband schuf die Handbindeabteilung der Buchbinderei H. Sperling, Leipzig. Das Papier wurde eigens für diese Ausgabe von der Wiedeschen Papierfabrik in Rosenthal angefertigt.