Märchen

125. Fastradas Liebeszauber

125. Fastradas Liebeszauber

Mit einer unsterblichen Liebe liebte Kaiser Karl sein Ehegemahl Fastrada, bis sie erkrankte und starb. Dies geschah zu Frankfurt am Main, von wannen ihr Leichnam erhoben ward und gen Mainz geführt, ihn allda zu bestatten. Aber der Kaiser wich nicht von der Verstorbenen und duldete nicht, daß man sie von ihm entferne, denn es fesselte ihn ein Zauber, wie vorher an die Lebende, so jetzt an die Tote. Das ward des Kaisers Umgebung auf die Länge ganz unerträglich, fort und fort den Stank der Verwesung zu atmen, und endlich ahnete der weise Turpin, des Kaisers Ohm und Bischof von Mainz, daß ein Zauber hier walte, suchte und fand im Munde der Toten, oder nach andern in ihr Haar geflochten, den Ring mit dem Edelstein, den damals zu Zürch die Schlange in des Königs Becher gesenkt, und nahm den Ring an sich. Alsbald wich der Zauber von Fastradens Leichnam, die dem Kaiser bislang noch immer schön und frisch und blühend, wie eine Schlafende, erschienen war, deshalb er sie auch nicht zu bestatten erlaubte – und er erbebte jetzt vor ihrem Anblick und wollte sie nicht mehr sehen. Also ward Fastrada bestattet, aber nun wandte sich Karls ganze Liebe dem Erzbischof zu, der nun schon wußte, woher diese Neigung stamme. Und als Erzbischof Turpin im Gefolge des Kaisers gen Aachen zog, da sah er unterm Frankenberge einen schönen See, der war still und tief und heimlich. Dahinein warf Turpin den Schlangenring. Alsobald entwich die Zauberliebe aus Karols Herzen und wandte sich nun zu diesem See, wollte nimmer von ihm scheiden. Ließ ein Schloß zur Wohnstätte auf den Berg über dem See bauen, da weilte er nun immerdar und hatte seine Augen stündlich auf den See gerichtet und verordnete, daß man ihn bei seinem Absterben allda in seinem Münster zu Aachen begraben solle, befahl auch, daß alle seine Nachfolger zu Aachen vor ihrer Krönung sich sollten salben und weihen lassen, welches auch also geschehen ist in langer Reihe deutscher Kaiser bis nahe heran an die neue Zeit, da man nicht mehr deutsche Kaiser zu salben und zu krönen hatte und das Reich ein Ende genommen.

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126. Karl des Großen Tod und Grab

126. Karl des Großen Tod und Grab

Als es mit Kaiser Karl dem Großen zum Sterben kam, verordnete der Held, wie es mit seinem Begräbnis geschehen solle, und geschahen zugleich große Wunderzeichen am Himmel und auf Erden, welche des mächtigen Kaisers Absterben vorausverkündigten. So stürzte der bedeckte Gang ein, der von der Kaiserpfalz auf den Markt zum Münster führte. Und da Karolus nun verstorben war, da ward er beigesetzt im rechten Sinn, in eine neue wohlverwahrte Gruft, auf einem Stuhl von Marbelstein aufrechtsitzend, auf seinem Haupt die Krone und in der einen Hand den Szepter, in der andern das Evangeliumbuch, und ward dann über ihm die Gruft geschlossen und vermauert. Das geschahe gleich am zweiten Tage nach dem Tode des großen Herrschers, und kam nach wenigen Wochen Ludwig der Fromme, sein Sohn, und übernahm das Erbe des Reiches. Der sahe seinen Vater nicht mehr, und kein Mensch sah ihn mehr, bis man das Jahr Eintausend schrieb. Da trug des Reiches Krone Kaiser Otto III. vom Sachsenstamme, dem gelüstete zu einer Zeit, den Leichnam Karl des Großen zu schauen, ging zum Grabe dar, geleitet von zwei Bischöfen und einem Grafen, und ließ eine Öffnung in die Gruft brechen. Da saß der nun seit fast zwei Jahrhunderten beigesetzte Kaiser noch hoch und hehr, wie ein steinern Heldenbild, auf seinem Marbelstuhl, die Krone noch auf dem Haupte, das Szepter in der behandschuhten Hand und das Buch auf den Knien, schier dräuend und schrecklich. Alle beugten sich ehrfurchtvoll vor dem großen Toten und befanden, daß die Nägel fortgewachsen waren durch die Handschuhe hindurch, und daß die Fäule nur erst die Nase ergriffen. Die ließ Kaiser Otto von Gold ergänzen, schnitt dem Leichnam mit goldner Schere die Nägel ab und kleidete ihn in ein weißes Gewand. Dann entnahm er dem Munde Karols einen Zahn, diesen aufzubewahren als heilige Reliquie, dann ließ er das Grab wieder schließen und fest vermauern. In der Nacht darauf aber erschien Karolus dem Kaiser Otto III. im Traume, hehr und schrecklich anzusehen, und sprach zu ihm: Mußtest du kommen und meine Ruhe stören? Bald wirst du ruhen, wo ich ruhe, nicht weit von mir, und erlöschen wird mit dir dein Stamm. – Otto, der Kaiser, nahm sich dies Gesicht sehr zu Herzen; er gründete eine Kirche und ein Klosterstift und weihte es in die Ehre Sankt Adalberts, und im zweiten Jahre, nachdem er Karoli Leichnam gesehen, da war schon das Wort der Erscheinung erfüllt, und Otto III. ruhete in der Kaisergruft im Aachner Dome. Hernachmals hat nach aber zweihundert Jahren Kaiser Friedrich II. von Hohenstaufen Kaiser Karls Gebeine erheben und in einen prächtigen goldnen und silbernen Kasten legen lassen, die Krone aber und andere Kleinodien dem Domschatz überwiesen.

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127. Templerkirche zu Aachen

127. Templerkirche zu Aachen

Weit verbreitet war der Orden der Templer; auch zu Aachen erbauten sie ein Tempelhaus, dessen Stätte heißt noch heute der Tempelgraben. Als sich die Feinde des Ordens gegen den Templerbund erhoben, als der schreckliche Tag im Märzmond des Jahres 1314 den heldenherzigen Großmeister Jakob Molay nebst seinen Todesgenossen in Flammen zu Märtyrern verklärete, da versank zu Aachen plötzlich die Templerkapelle, an ihrer Stelle schoß ein Wasserstrahl aus dem Boden herauf, und ein Weiher bedeckte den Ort. Das war fast wieder volle hundert Jahre, seit Kaiser Friedrich Karl den Großen zum andern Male bestattet hatte. Immer noch quillt jene Quelle über der versunkenen Templerkirche, und im Märzen hört man wohl bei stiller Luft ihre tiefversunknen Glocken läuten, das klingt wie aus weiter Ferne und geisterhaft. Auch geht die Sage, daß in der Mitternachtstunde jenes Unheiltages drei Ritter in Templertracht, auf ihren Mänteln das rote Kreuz, von Blut gezeichnet, über den Tempelgraben wandeln.

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128. Die Hinzlein zu Aachen

128. Die Hinzlein zu Aachen

Allenden in Deutschland und den Nachbarländern gehen Sagen von Zwergen und Neckebolden, heißen da so und dort anders, Hinzelmännlein, Bergmanndli, Hütchen, Heinzchen, Wichtlein, Querchlein, Quarkse, stilles Volk, Unterirdische, sind ein wunderlich spukhaft Geistervolk, den Menschen gut und feindlich, je nachdem es kommt, hülfreich und zuwider, nütze und schädlich, doch am meisten den Guten mild und den Bösen feindlich gesinnt.

Solcher Kobolde hatte es auch zu Aachen, hießen dort Hinze, wie man auch hie und da in Deutschland die Katzen nennt, die Hexenlieblinge, wohnten im Felsgeklüft unter der Emmaburg, da waren viele Gänge und unterirdische Keller, daraus zog in gewissen Nächten der Hinzenschwarm hervor mit spukhaftem Gelärm und Gepolter, klapperten an die Haustüren und trieben viel Tückerei und bösen Mutwillen. Kein Geisterbannspruch, kein Kreidekreuz an Türen und Läden half gegen den Nachtspuk der Hinzemännlein; erst als man eine Kapelle dicht an die Felsen der Emmaburg baute und deren Glocken zum ersten Male erklangen, da war alles vorbei – denn Glockengeläute können die Unterirdischen nicht hören und vertragen, aber die guten Aachener ahneten nicht, daß sie sich mit dem Kapellenbau erst recht eine Rute auf den Hals gebunden hatten. Denn die Hinzlein zogen zwar aus den Felsen fort, aber wo zogen sie hin? – In die Stadt Aachen zogen sie, in einen alten Mauerturm, zu dem ein unterirdischer Gang nach dem Felsen unter der Emmaburg führte, und nun ging der Spuk erst recht an. Der alte Turm lag ohnweit der Kölner Straße, da klopfte es zur Nacht an die Häuser, da knisterte es auf dem Herd, da rasselte und klapperte es in den Küchengeschirren, und das ging stundenlang so fort, daß kein Mensch ein Auge zutun konnte. Wußten sich keines Rates zu erholen gegen die schlimmen Poltergeister. Da kam von auswärts her ein weit umgewanderter Gesell gen Aachen, der vernahm von dem Spuk und erzählte, solcher Zwergvölker gebe es in Thüringen und Sachsen vollauf, bei Jena, bei Königsee, bei Plauen, in der Grafschaft Hohnstein am Harzwald, bei Zittau in Sachsen, im Zobten in Schlesien, im Kuttenberg in Böheim und an vielen andern Orten, auch im ganzen Vogtland, in der Schweiz am Pilatus, im Erzgebirge, im Untersberg bei Salzburg, sowie am Rhein usw. Da sei nichts besser, als man stelle vor jedes Haus ein Geschirr, ehern oder irden, dessen wären die Hinzlein sehr froh, benutzten es zur Nacht und stellten es ungeschädigt wieder an seinen Ort, ließen dagegen die Leute in Ruhe. Der Rat des guten Gesellen ward probiert und war probat, man folgte ihm und hatte Ruhe. Kamen nachmals zwei fremde Kriegsgesellen nach Aachen, die hörten in ihrem Quartier von der Sache und der Sage, hatten Spottens kein Ende, daß die Aachner Töpfe und Kessel für die Zwergmännlein hinstellten, deren es doch auf der Welt keine gebe, und vermaßen sich, nachts Wache zu stehen, da sollten die Hinzen statt der blanken Kessel blanke Degen finden. Darauf bezechten sich die Kriegsgurgeln, setzten sich vor die Tür, sangen und hatten sich sehr lustiglich, schrien immer einer den andern an: He da! Hinz! Jetzt kommt der Hinz!, trieben einander zur Kurzweil auf der Straße um, jagten sich, traten sich, rannten durchs Hinzengäßlein hinter bis zu dem alten Mauerturm, da hörte man sie beide noch einmal brüllen, dann war alles still.

Am andern Morgen lagen die Prahlhänse tot vorm Hinzenturm, hatte einer den andern durch und durch gestochen. – Und noch lange nachher hat der Hinzenspuk gedauert, bis ein reguliertes Chorherrenstift erbaut ward in der Nähe der Spukgassen, da hat der abermalige mächtige Glockenschall die Hinzlein auf immer vertrieben.

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12. Die Herdmanndli ziehen weg

12. Die Herdmanndli ziehen weg

Es ist schon viel gesagt, wie gut gegen die guten Menschen die Berglütlenen des Pilatus waren; kleine, zwei Fuß hohe Männlein mit grünen oder grauen Röckchen, mit Füßen, die man nicht sah, langem Silberbart bis zur Erde herunter, die hüteten das edle Gestein im Berge, waren den Menschen hülfreich, kamen wohl auch und begehrten Speise, liebten insonderheit das Schweinefleisch, und wer ihnen gab, hatte es gut und erfreute sich ihrer Gunst. Wenn ihnen die Sennerinnen etwas Milch beiseite stellten, so molken und fütterten sie, und waren ganz heimisch bei den Mägden; sie konnten auch wahrsagen aus Karten und Händen und waren geschickt zu allen Dingen, aber erzürnen durfte man sie nicht. Wem sie im Sommer beim Heuen halfen, der konnte zufrieden sein, sie mehreten das Heu wunderbar. Manchmal sahen sie auch dem Heuen zu und halfen nicht. Einstmals verdroß das einen Heuer, der machte mit noch einem Kameraden, bevor die Arbeit anging, ein Feuer auf den Felsstein, darauf die Herdmanndli zu sitzen und zuzusehn pflegten, und kehrten dann geschwind Asche und Kohlen vom heißen Steine weg. Als die Manndli kamen und den Stein betraten, verbrannten sie sich ihre Füße. Da schrien sie überlaut: O böse Welt! O böse Welt! – und kamen nimmermehr wieder.

So auch kamen Bergmanndli vom Pilatus ins Haslital von der Flüh herunter, den Heuern zuzuschauen; die waren gewohnt, sich auf die Äste und Zweige eines schattigen Ahornbaumes zu setzen. Das merkten Schälke und sägten die Äste knapp durch, daß die armen Manndli herunterfielen. Da erhuben sie ein jämmerlich Geschrei und riefen:

O wie ist der Himmel so hoch!
O wie ist die Untreu so groß!
Heute hier und nimmermehr!

Und nachher hat sich im Haslital niemals wieder eins sehen lassen.

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129. Die buckligen Musikanten auf dem Pervisch

129. Die buckligen Musikanten auf dem Pervisch

Zu Aachen, in der alten Reichsstadt, haben einmal zwei Musikanten gelebt, von denen hatte jeder einen nicht kleinen Buckel; das war aber auch alles, was sie miteinander gemein hatten, denn der eine war gut und wohlgesinnt, der andere war neidisch und tückisch, scheelsüchtig und habsüchtig. Nun trug sich’s einstmals zu, daß der erstere auf ein Dorf erfordert war, dort zu einer Hochzeit mit aufzuspielen, und erst am späten Abend heimwanderte. Er mochte dort manch gutes Trünklein getan haben, denn er war ganz fröhlich, und als er auf seinem Wege am hohen Dome vorbeikam, pfiff er wohlgemut ein lustiges Schelmenstücklein. Indem schlug die Glocke Mitternacht, und alsbald war um ihn her ein Schwirren und Schweben, geisterhaft und grauenhaft, und die Gespensterfurcht ergriff den Spielmann und trieb ihn eilend vorwärts durch die Schmiedegasse vor auf den Pervisch, das ist der Fischmarkt. Siehe, da traf es der Spielmann ganz hell an, alle Fischbänke waren illuminiert, Wein und Speisen die Hülle und Fülle standen auf reich gedeckten Tafeln in köstlichen Gefäßen, und vornehme Frauen saßen da und schmausten und zechten. Da trat eine solche Dame auf den Spielmann zu und sprach: Holla, Fiedler! Du kommst gerade recht, jetzt geig uns eins auf, wir wollen tanzen! Doch zuvor trink erst einmal! – Und reichte ihm würzigen Wein in einem Goldpokal, und er trank und erglühte vor Lust, nahm sein Saitenspiel und geigte fröhlich darauf los. Und die Frauen begannen miteinander zu tanzen im wilden Reigen, und des Geigers Tanzweisen gellten wie toll durch die Nacht. Da schlug es drei Viertel auf Eins, und jetzt ließen allgemach die wirbelnden Paare vom Tanzen ab, wie ermüdet – und die Frau, die den Geiger angesprochen, trat jetzt wieder zu diesem und sprach: Habe Dank und auch Lohn – und dabei strich sie ihn mit ihrer Hand sanft über den Rücken, daß er vermeinte, sie wolle ihn an sich ziehen – aber indem war sie verschwunden, und alle andern Frauen desgleichen, und die Lichter, die Speisen, die Geräte – alles – und die Münsteruhr schlug eins. Der Spielmann ging nach Hause, so leicht, so wohlig – er wußte gar nicht, wie ihm geschehen. Und siehe, als er sich auskleidete, weg war sein Buckel, den hatte zum Lohn die nächtliche Tanzfrau ihm abgestreift. Bald lief durch ganz Aachen die Wundermär, die hörte nicht sobald der andere Buckelmusikant, als der Neid über ihn kam, und dachte, mir soll das doch wohl auch gelingen, was jenem Lump gelang. Konnte kaum die Nacht erharren, stand lange vor Mitternacht schon auf dem Pervisch, seine Geige mit dem Fiedelbogen in der Hand. Endlich schlug’s, und da glänzten auch die Fischbänke voll Lichter, da standen die kostbaren Geräte, da reichte ihm eine Dame würzigen Wein, alles wie vor geschehen, und forderte auch ihn auf, seine Tanzweisen aufzuspielen. Solches tat er, aber seine Tänze wurden, ohne daß er wollte, Grabmelodien, der Tanz wurde ein Totentanz, die holden Frauenbilder wurden zu Gerippen, und als es drei Viertel schlug, huschte ein molkiges Schattengebild an den Spielmann heran, das hatte zuvor aus einem Silbergefäß etwa ein Kleinod gehoben, und sprach: Habe Dank und auch Lohn – und hing ihm und drückte ihm das Kleinod an die Brust, schier wie einen Orden. Dann schwand alles hinweg, und der Spielmann wankte und schwankte nach Hause, und war ihm weh auf der Brust, und hatte kurzen Odem. Und als er sich auszog, da hatte er den Buckel seines Spielgesellen vorn auf der Brust, und seinen eigenen dahinten, den hatte er auch noch, und mußte beide Buckel tragen bis an sein Ende. –

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130. Der fliegende Holländer

130. Der fliegende Holländer

Im Lande Limburg liegt ein altes Schloß, das ist Falkenberg genannt, darin es spukt und umgeht. Eine Stimme ruft gegen die vier Wände den Klageruf: Mörder! Mörder! – Zwei kleine Flämmchen flackern vor der Stimme her, aber den Rufer sieht keiner. Und das ist also seit sechshundert Jahren. Damals, vor so langer Zeit, stand das Schloß noch in seinem Glanze, zwei Brüder von Falkenberg wohnten darin, die hießen Waleram und Reginald und liebten beide die schöne Tochter eines Grafen von Cleve, Alix. Waleram war der Glückliche, den die Jungfrau erkor, und feierte mit ihr glänzende Hochzeit. Dem verschmähten Reginald aber wandte der Rachegeist das Herz im Busen, und er ging und ermordete die Liebenden in ihrem Brautbette. Im Todeskampfe griff Waleram in des Bruders Mordwaffe, schlug ihm die blutende Hand ins Gesicht und sank dann tot zurück. Der Mörder schnitt vom Haupt der von ihm erdolchten Braut eine Locke und entwich, war auch nimmer zu finden, als man die Toten fand und bejammerte und den Mörder ahnete. Es lebte dazumal nicht allzuweit vom Schlosse Falkenberg ein frommer Einsiedel, dessen Klause neben einer kleinen Kapelle stand. Bei dem klopfte es an um Mitternacht und begehrte Einlaß im Namen des Himmels. Reginald war’s, den die Reue marterte, und auf dessen Gesicht die Spur einer blutigen Hand unaustilgbar sichtbar war, ein Wahrzeichen, was kein Wasser abwusch. Reginald beichtete dem Einsiedel seine schwere Schuld, und der hieß ihn mit ihm gehen, und führte ihn in die Kapelle, und kniete mit ihm am Altare, und betete mit ihm die ganze Nacht. Am andern Morgen gebot der Einsiedel dem Grafen Reginald von Falkenberg: Wandelt als büßender Pilger gen Norden und immer gen Norden, bis Ihr keine Erde mehr unter den Füßen habt, dann wird Gott Euch durch ein Zeichen offenbaren, was Ihr weiter beginnen sollt. Da sprach Reginald kein anderes Wort als Amen und verbrannte an der ewigen Ampel des Altars Alixens Locke und ging von dannen, gen Norden und immer gen Norden, und büßte und betete. Und da sind zwei Gestalten mit ihm gegangen, eine weiße zu seiner Rechten und eine schwarze zu seiner Linken; die zur Rechten bestärkte ihn im Büßen und Beten, die zur Linken aber flüsterte ihm zu, davon abzulassen und den Freuden der Welt zu leben, und so kämpften sie um seine Seele, und dieser Kampf, den er im Herzen fühlte und mitkämpfte, war seine Buße. So ging er Tage lang, und Wochen lang, und Monden lang, bis er am Meere stand und kein Erdreich mehr vor sich sah, darauf er seinen Fuß hätte setzen können. Aber da fuhr ein Nachen heran, da saß einer drin, der winkte Reginald und sprach: Exspectamus te! Und das war das Zeichen, und Reginald stieg in den Kahn, und die zwei Gestalten mit ihm. Und der Mann im Nachen stieß ab und fuhr nach einem großen Schiffe hin, das im Meere lag und alle Segel aufgespannt hatte und alle Flaggen aufgezogen. Da stiegen die drei an Bord, und der Mann samt dem Nachen verschwand, und das Schiff segelte durch das Meer. Reginald aber ging unter das Verdeck des Schiffes, das ganz menschenleer war und ohne alle Bemannung; da stand eine Tafel und Stühle, und die drei setzten sich, und die schwarze Gestalt legte drei beinerne Würfel auf den Tisch und sprach: Jetzt wollen wir um deine Seele würfeln bis zum Jüngsten Tag.

Und das tun sie noch heute, ohne Ruder und ohne Steuer fährt das Schiff durch den Ozean im Norden, zur Nacht webern Flammen auf seinen Masten und tanzen auf den Rahen. Seine Segel sind grau wie Erde, und seine Flaggen sind fahl wie abgebleichte Bänder an Totenkränzen. Sein Bord ist leer, und am Steuer steht kein Steuermann. Sein Gang ist Flug, und sein Begegnen ist Fluch, Unheil verheißend dem Fahrzeug, dem es begegnet. Mancher Schiffer hat es schon gesehen, und es hat ihm Grausen erregt. Selbst bei Windstille fliegt es wie ein Pfeil über die Meeresglätte. Und sie nennen es den fliegenden Holländer.

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121. Der Teufel im Ponellenturm

121. Der Teufel im Ponellenturm

Zu Aachen in der Stadtmauer steht ein starker Turm, heißt der Ponellenturm, dahinein haben sie einen Teufel gebannt, daß er nimmermehr wieder heraus kann, darin höret man ihn öfters wild rumoren, plärren, an die Glocke schlagen, auch äfft er sonderlich die Vorübergehenden, aber heraus kann er nicht, der gebannte Teufel, ehe denn der Jüngste Tag kommt. Daraus ist ein Sprüchwort im Volke von einem Ding der Unmöglichkeit, oder wenn einer eine Sache, die ein anderer als nahe in Aussicht stellt, bezweifeln will, so sagt er: Ja, das wird kommen, wenn der Teufel von Aachen kommt – das ist so viel als nimmermehr.

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113. Der Bürger Marsilius

113. Der Bürger Marsilius

Zu den Heidenzeiten geschah es, daß ein römischer Kaiser Köln belagerte und es in große Not brachte. Es begann in der Stadt an allem zu mangeln, am meisten aber war Mangel am Holz. Da war ein edler Bürger und Hauptmann in der Stadt gesessen, der hieß Marsilius, der ersann einen listigen Anschlag und gab guten Rat. Eine Schar Frauen, als Männer verkleidet, mußte mit Karren und Holzwagen zu dem einen Tore aus und nach dem Walde ziehen, dort Holz zu fällen oder auch nur so zu tun, als sei das der Schar Geschäft und Wille, die Bürger aber unter ihrem Führer Marsilius zogen zu einem andern Tore hinaus, um den Feind, sobald er sich gegen die Schar der Frauen wenden würde, in den Rücken zu fallen. Und es geschah alles so, wie es vorgesehen war, und die Bürger drangen mit großer Macht auf den Feind, und auch die Frauen trugen ihre Wehren nicht zum Schein, und die Kölner gewannen einen vollständigen Sieg, erwarben viele Beute und gewannen eine große Schar von Gefangenen, darunter den Kaiser selbst, der ihre Stadt belagert. Der ward in einen tiefen Turm gelegt und sollte dann auf offenem Markte enthauptet werden. Schon war ein köstlicher Teppich bereitet, der des Römerkaisers Blut trinken sollte, und schon mußte der Kaiser auf ihn niederknien; da sprach er: Ließet ihr mich leben, ihr Bürger von Colonia, so sollte euch mein Leben viel nützer sein denn mein Tod. – Da wurde dem Henker geboten, noch zu harren, und wurde noch einmal Rat gehalten, und Marsilius riet, dem Kaiser das Leben zu schenken, aber von ihm stattliche Gerechtsame zu begehren. Der Rat war den Kölnern abermals genehm, und Marsilius und die Senatoren entwarfen die Gerechtsame, welche sie fordern wollten, und schrieben sie auf eine glatte Tierhaut, und der Kaiser mußte sie besiegeln und seinen großen Ring in ein dickes Stück Wachs auf dem pergamentnen Brief drücken und seinen Namenszug danebenschreiben nach alter Sitte. Solches geschah an einem Donnerstage im Monat Junius, und hernachmals haben die zu Köln fort und fort am Donnerstag nach dem heiligen Pfingstfest diesen Tag begangen und ihn Holzfahrttag geheißen und sind mit Gesang und Spiel und Festlust nach dem Walde gezogen. Marsilius aber ward ob seines guten Rates hoch geehrt und der Stadt vornehmster Bürger und Hauptmann, und als er gestorben war, wurde sein Sarg in die Stadtmauer beigesetzt, da, wo man es nachher zu St. Aposteln genannt hat, und ihm ein steinern Denkmal aufgerichtet. Auch ist seine Bildsäule noch am Gürzenich zu sehen, dem alten Kauf- und Ballhaus der Stadt Köln, neben ihrem Begründer Marcus Agrippa, zu ewigen Ehren und Gedächtnis.

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114. Die Kölner Dom-Sage

114. Die Kölner Dom-Sage

Da man begann, den Kölner Dom zu bauen, verdroß den Teufel mächtig, daß in der heiligen Stadt Köln, welche schon so viele Kirchen und Kapellen hatte, darinnen die Frommen Gott dienten, dem Herrn auch noch so ein übergroßes Haus erbaut werden solle; der Teufel nahm daher Menschengestaltung an, trat mit List zu dem Baumeister und sprach zu ihm: Du übernimmst ein unausführbar schweres Werk! Was wettest du, daß ich eher einen Kanal lege von Trier bis nach Köln, ehe du deinen Bau vollendest? Einen Kanal, mittelst dessen dieser guten Stadt reines Trinkwasser nicht minder als auch edler Moselwein zufließen kann, und meine ich fast, solcher Kanal wäre der Stadt nützer als noch eine Kirche zu den vielen, die Köln schon hat. – Was soll ich wetten? fragte der Baumeister. – Wir wetten, daß der von uns sein begonnenes Werk alsbald einstelle, es sei vollendet, soweit es wolle, wenn das des andern als vollendet erscheint. Ich das meine, wenn du die höchsten Kronen auf die Spitzen deiner Domtürme setzest, du das deine, wenn von Trier das Wasser in meinem Bau geflossen kommt und in deinen ausmündet. – Der Dombaumeister ging diesen Vertrag ein, und beide gingen an ihr Werk. Hoch und höher wuchs der Dombau, nah und näher rückten von Trier aus die Säulen einer gewaltigen Wasserleitung, ein stolzes Werk, wie nur die Kunst der alten Römer aufzuführen vermocht hätte. Da – als die Domtürme die Höhe des Krans erreicht hatten, da stand der Baumeister oben auf dem Gerüste und blickte hinab und sahe zu seinem Schrecken das Werk vollendet, der Kanal war bis an den Dom herangerückt, noch war er wasserleer, da schien in der Ferne ein weißer Punkt sich zu bewegen, näher und immer näher – und da kam das Wasser brausend geschossen, und auf dem Wasser schwamm eine weiße Ente. Als der Baumeister so sich überwunden sah, stürzte er sich von der Höhe des Turmes und des Baugerüstes in die Tiefe herab, und sein treuer Hund, der ihm auf das Gerüste gefolgt war, sprang ihm nach. Nimmer konnte der Dom vollendet werden, aber auch jene Wasserleitung brach die mächtige Hand der Zeit. Das Volk nennt ihre Trümmer die Teufelskralle. Zum Überfluß und als Siegeszeichen warf der Teufel einen Stein durch das Dach im Chor über der Heiligen-Dreikönigs-Kapelle, davon ein drei bis vier Fuß weites Loch blieb. Späterer Aufschrift zufolge soll es der Wind gewesen sein, der den Stein herabwarf; der Stein aber lag oder liegt noch auf dem Pflaster bei der Kapelle, die Leute nennen ihn den Teufelsstein, man sieht auf ihm eine Marke wie eine Hahnenkralle, die von der Teufelskralle eingebrannt ward. Da die Leiber der heiligen drei Könige gen Köln kamen, welche der Erzbischof Reinold II., ein Graf von Dassel, vom Kaiser Friedrich Barbarossa für Köln erbat, da dieser Mailand, allwo diese heiligen Leiber früher aufbewahrt wurden, hatte schleifen lassen, trug ein Kameel die werte Last, und es neigete sich, die Reste der Weisen zu ehren, ein Turm gegen sie und blieb in geneigter Stellung. Das Tor am Rhein, durch das sie gebracht wurden, ward alsbald vermauert, damit es nie wieder entweiht werde. Zahllose Wunder erzählt man von diesen Heiligen, deren drei Kronen die Stadt in ihrem Wappen führt. Einst kam aus Ungarland, wo wegen zu großer anhaltender Dürre merkliche Hungersnot entstanden war, eine Menge Volkes nach Köln und wollte die heiligen drei Könige um Regen anflehen. Kaum war das erste Gebet erklungen, als der Himmel sich trübte und heftiger Regen niederströmte zum Gnadenzeichen, und es hat dann im Ungarlande im Überfluß geregnet. Zum Danke dafür sind aller sieben Jahre Abgesandte aus Ungarn gen Köln gefahren, haben die heiligen drei Könige verehrt und ihre Kapelle und Priester begabt, und der Magistrat hat sie vierzehn Tage gespeist und getränkt und geherbergt.

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