Märchen

282. Das Heilige Meer

282. Das Heilige Meer

An der Straße zwischen Freren in der Niedergrafschaft Lingen und Ibbenbüren ist das Heilige Meer gelegen, ein weiter See, zweitausendfünfhundert Schritte im Umfange, von dem sagt man, daß es weder Holz noch Schiffe auf sich schwimmen lasse. Dort hat vorzeiten ein reiches Kloster gestanden, in dem es mehr weltlich zuging als geistlich, und lebten Abt und Konvent dem Sinnengenuß sonder Ordnung und Zucht. Da ist es durch des Himmels Zorn in einer grausen Wetternacht untergegangen und ein See an dessen Stelle getreten, des Wasser ist so hell und klar, daß man an sonnigen Tagen drunten noch des Klosters Türme erblicken kann. Manche Leute wallen noch hin und holen dieses Wasser, gleichsam als ein geweihtes, zu heiligem Gebrauch. Bei Stürmen wirft das Heilige Meer noch immer Balken und Sparren des versunkenen Klostergebäudes an die Ufer. Der vorübergehende Landmann, der solche sieht, betet ein Vaterunser oder ein Ave.

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283. Seltsame Brunnen

283. Seltsame Brunnen

Bei Paderborn ist ein Brunnen, Metron genannt, aus diesem fließen drei Bächlein; deren eines führt ein klares, helles, warmes Wasser, das andere ein trübes, weißes und kaltes Wasser von einem starken Geschmack und das dritte ein grünliches, klares und säuerliches Wasser. Wenn aus dem mittelsten Bächlein Vögel trinken, fangen sie an zu zittern und sterben, und fanden sich solcher Eingeweide und Lungen ganz zusammengezogen und verschrumpft. So quillt auch eine Meile von Paderborn beim Dorfe Altenbeken ein mächtiger Quell zutage, der heißt der Bullerborn oder Polderbrunnen, mitten in sandiger Ebene, wo man keine Quelle vermuten sollte, der kommt und verschwindet dreimal des Tages und bricht dann jedesmal so stark hervor, daß seine Flut drei Mühlgänge treiben könnte, und verrinnt dann, wenn er die ganze Ebene mit großem Getös überschwemmt, wieder im Sande. In Paderborn selbst aber entspringt aus dreien Quellen unterm Choraltar im Dome das Flüßchen Pada, von dem die Stadt ihren Namen soll empfangen haben.

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284. Köterberg

284. Köterberg

Der Köterberg an der Landscheide des paderbornschen, corveyschen und lippeschen Gebietes mag wohl ehedem Götterberg geheißen haben. Viel erzählt von ihm die Sage; daß er innen voll Schätze sei, daß an seinem südlichen bewaldeten Fuße eine Harzburg gestanden habe, deren Reste noch zu sehen, und bei Zierenburg, zwei Stunden von ihr, eine Hünenburg. Öfters haben die Hünen, die auf diesen Burgen wohnten, mit Hämmern herüber- und hinübergeworfen.

Einem Schäfer, der auf dem Köterberge seine Herde hütete, erschien eine reizende Jungfrau in königlicher Tracht, die trug in ihrer Hand die Springwurz, bot sie dem Schäfer dar und sagte: Folge mir! Da folgte ihr der Schäfer, und sie führte ihn durch eine Höhle in den Köterberg hinein, bis am Ende eines tiefen Ganges eine eiserne Türe das Weitergehen hemmte. Halte die Springwurz an das Schloß! gebot die Jungfrau, und wie der Schäfer gehorchte, sprang die Pforte krachend auf. Nun wandelten sie weiter, tief, tief in den Bergesschoß hinein, wohl bis in des Berges Mitte. Da saßen an einem Tische zwei Jungfrauen und spannen, und unterm Tische lag der Teufel, aber angekettet. Ringsum standen in Körben Gold und Edelsteine. Nimm dir, aber vergiß das Beste nicht! sprach die Jungfrau zum Schäfer; da legte dieser die Springwurz auf den Tisch, füllte sich die Taschen und ging. Die Springwurz aber ließ er auf dem Tische liegen. Wie er durch das Tor trat, schlug die Türe mit Schallen hinter ihm zu und schlug ihn hart an die Ferse. Mit Mühe entkroch der Schäfer der Höhle und freute sich am Tageslichte des gewonnenen Schatzes. Als er diesen überzählte, gedachte er sich den Weg wohl zu merken, um nach Gelegenheit noch mehr zu holen, allein wie er sich umsah, konnte er nirgend den Ein- oder Ausgang entdecken, durch den er gekommen war. Er hatte das Beste, nämlich das beste Stück zur Wiederkehr, die Springwurz, vergessen.

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285. Deesenberg

285. Deesenberg

Gleich dem Köterberge ist auch der Deesenberg weit berufen, daß in ihm viele Schätze verborgen liegen und mancher in das Innere Geführte das Beste vergessen habe. Die Burg auf dem Deesenberge soll, wie manche behaupteten, Karl der Große erbaut und allda seinen Sitz gehabt haben in den Kriegen gegen die Sachsen, habe sich auch mit feinem Hoflager hinabgebannt in den Bergesschoß, wo er gleich dem Barbarossa an einem Steintisch sitzt, durch den sein langer Bart gewachsen ist, und daraus er einst wieder hervorgehen werde und sein großes zerfallenes Reich wiederherstellen. Hirten und Schäfer haben den alten Kaiser vordem zuzeiten sitzen sehen, und solche, die ihm Lieder vorpfiffen, sind beschenkt worden. Ein Bäcker aus dem nahen Warburg, der dem alten Kaiser Weißbrot brachte, empfing reiche Begabung. Sonst ist der Stadt Warburg vom Deesenberge aus mehr Drangsal als Begabung widerfahren. Andere Kunden berichten, daß schon vor Karl dem Großen auf dem Deesenberg eine Bergfeste der alten Sachsen stand, und manche behaupteten dann, der Deesenberg sei das alte Dispargum, darum einst so viel unnützen Gelehrtenstreites war, recht wie um des Kaisers Bart, weil alle die uralten befestigten götterheiligen Burgstätten in frühester Heidenzeit Dispargen hießen, da blieb denn an einer und der andern der frühere Klang des Namens haften, und so mag wohl auch auf dem Deesenberge eine Disparge gestanden haben. Da nun Karl der Große die alten Burgen in jenem Lande alle gewann, Iburg und Syburg, Ehresburg und Bransberg und Bukke und andere, so befestigte er die starke Burg noch mehr und setzte einen seiner Treuen des Namens Konrad Speegel als Burgmann darauf, von dem stammt das berühmte Geschlecht der Spiegel vom Deesenberge ab. In spätern Zeiten wurde die Burg den Bischöfen von Paderborn und den Abten von Corvey ein Dorn im Auge, denn die Besitzer plagten die Umgegend, insonderheit Städte und Stifter, weidlich, und ward oft heftig um den Deesenberg gestritten, die Burg erobert, zerstört und wieder aufgebaut, bis das zahlreich vermehrte Geschlecht ihrer Besitzer am Bergesfuß vier neue Stammsitze baute und die alte Stammburg verließ.

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286. Graf Erpo von Padberg

286. Graf Erpo von Padberg

Auf der Burg Bukke, später Bocke, die auch aus den alten heidnischen Sachsenzeiten herstammte, saß ein Graf von Padberg und Flechtorp, der war von wilder und jäher Gemütsart und schonte nichts, wenn erst sein Zorn gereizt war. So hatten sich einmal die Einwohner des Dorfes Horhusen, das jetzt nicht mehr vorhanden, gegen den Grafen aufgelehnt, und er brach alsbald auf, das Strafamt zu üben, alles zu ermorden und den Ort niederzubrennen, denn in jener Zeit parlamentierten die Herren nicht erst ein langes und breites mit dem Aufruhr. Da nun die Rache ihren Anfang nahm und die ersten Häuser bereits brannten, so liefen einige Einwohner voll Schreck und Entsetzen in die Kirche zum heiligen Märtyrer Magnus, rissen das Kruzifix vom Altar und trugen es dem Wüterich entgegen, beim Bilde des Gekreuzigten um Schonung und Gnade flehend. Graf Erpo aber wollte nichts davon wissen, er schlug mit seinem Schwert auf das Bildnis unsers Erlösers, daß die Dornenkrone gleich in Stücke zersprang und zur Erde fiel. Aber im selben Augenblicke durchzuckte des Grafen Hand ein jäher Schmerz, das Schwert entfiel ihr, und die Finger verkrümmten. Da erkannte der Graf die strafende Hand Gottes, ließ ab von Ausübung seiner Rache, begabte die Kirche des heiligen Magnus, erbaute ein Kloster zu Flechtorp und brachte in dasselbe die Gebeine des heiligen Landelin, die früher in Bocke verwahrt waren, und die Bischof Badured im Jahre des Herrn 836 aus Cambray erhalten und der Pfarrkirche des alten Ortes Bukke geschenkt hatte. Graf Erpo starb ohne Erben, und all sein Gut fiel dem Kloster Flechtorp zu.

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287. Die dreieckte Wevelsburg

287. Die dreieckte Wevelsburg

Hoch überm Almetale unterhalb Paderborn erhebt sich auf einem steilen Felsenberge die Trümmer der alten Wevelsburg über dem gleichnamigen Dorfe. Ein Ritter Wevelo von Büren soll ihr den Namen verliehen haben, da er ein Jagdhaus auf der Stätte einer viel ältern Burg sich erbaute, die schon der heilige Mainolf, ein Sachse von Geburt, dessen Taufpate Karl der Große in eigner Person gewesen, besaß und bewohnte. Aus dem Jagdhaus Wevelos ward aber später wieder ein fester Burgsitz, und als solcher umfing die Burg als ein Gefängnis den heiligen Norbert, allwo dieser fromme Mann in einem tiefen Burgverlies schmachtete, das noch bis heute gezeigt und das Norbertsloch genannt wird. Damals besaß Friedrich Graf von Arensberg die Feste, er war es, der Norbert so hart gefangen hielt. Allen Vorstellungen, Norbert freizugeben, widerstand der Arensberger auf das hartnäckigste und verschwur sich hoch und teuer bei einem Mahle, das auf der Burg gehalten wurde. Da geschähe aber etwas sehr Unerwartetes und gar Schreckliches vor den Augen aller Gäste, denn plötzlich schrie Friedrich von Arensberg: Helft, helft! Ich erplatze! – und da erplatzte er auch alsbald, und seine Gedärme fielen ihm aus dem Leibe heraus auf die Erde. Darauf wurde Norbert sogleich freigegeben.

Die Wevelsburg ist in eines Dreieckes Form erbaut; sie wurde noch mancher Fehde und manches Kampfes Ursache. Von den Arensbergern kam sie an die Grafen von Waldeck, dann an andere Besitzer und zuletzt an das Hochstift Paderborn. Fürstbischof Dieterich erbaute ein neues, schönes Schloß auf der Wevelsburg altem Grund; das kostete ohne die Frondienste und Fuhren sechsunddreißigtausend Taler, aber die Schweden unter Krusemark verwüsteten es vierzig Jahre nachher auf die greulichste Weise. In dem alten vergessenen Ritterroman Kuno von Kyburg ist der Wevelsburg auch eine Rolle zu spielen vergönnt worden, und nicht unanziehend ist, was sich zu damaliger Zeit, als Kuno von Kyburg durch die Leserkreise spuken ging, auf ihr begab. Ein reicher Lord in England besaß eine im Dreieck erbaute Burg, und diese Seltsamkeit dünkte den Seltsamkeiten liebenden Sohne Albions ein unschätzbares Besitztum. Er meinte, sagte und glaubte, eine dreieckige Burg sei in der ganzen Welt nicht mehr zu finden als nur einzig und allein in England, und auch da nur einzig und allein in **shire, und die sei die seine, des Lords. Da führte das Mißgeschick dem Lord einen Emigranten aus Frankreich zu, der hatte sich in der Welt umgesehen, war auch in Deutschland, in Westfalen und auf der Wevelsburg gewesen, und da nun der Lord so hoch Rühmens machte von seiner dreieckten Burg, so sagte der Emigrant, solcher Burgen gebe es mehr, in Deutschland wisse er auch eine. Das wollte der Lord nimmermehr glauben, nein, dreieckte Burgen könne es nicht weiter geben, der Franzose solle mit auf die Reise, diese Burg müsse der Lord sehen, sagte er, und alle Kosten wolle er tragen und verlange nichts weiter, als daß der Franzose beschämt eingestehen solle, nur der Lord besitze eine dreieckte Burg.

Da haben sich die beiden Herren miteinander auf die Reise gemacht und sind Tag und Nacht gereist, über den Kanal und nach Amsterdam, durch Holland und durch das schöne Land Ober-Yssel, nach Westfalen herein, nach Münster und Telgte, über Warendorf nach Rheda und Wiedenbrück, durch Rietberg über das Lauer Bruch, bis sie dahin gekommen sind, wo die Lippe und die Alme sich einen, und endlich sind sie auch auf die Wevelsburg gekommen. Und da hat sich der Lord die Burg recht genau angesehen, und dann hat er gesagt, es sei leider wahr, er sei nicht allein ein dreieckter Burgbesitzer, und ist nach Hause gereist voller Zorn und hat seine Burg abbrechen lassen und sich eine neue vieleckte gebaut, weil er nicht mehr haben sollte eine dreieckte Burg allein.

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288. Der Glockenguß zu Attendorn

288. Der Glockenguß zu Attendorn

Eine Witwe, welche zu Attendorn im Lande Westfalen lebte, hatte einen einzigen Sohn, und der ging in die Fremde nach Holland, wo er treu und fleißig arbeitete, die Mutter unterstützte und auch für sich etwas zurücklegte, was er aber alles nach Hause zur Mutter sandte, es ihm aufzubewahren. Da kam eines Tages mit anderen Sachen eine kleine schwarze, aber sehr schwere Metallplatte, welches Erz die Frau, die einen kleinen Laden hielt, unter die Bank stellte, da sie nicht recht wußte, wo sie es aufbewahren sollte, seiner auch nicht hoch achtete. Nun traf es sich, daß die zu Attendorn wollten eine neue Glocke gießen lassen, und da gingen Männer aus der Gemeinde von Haus zu Haus und erbaten altes Metall, Erz, Messing, Kupfer, Zinn, alles, was gut war zur Glockenspeise von zerbrochenen oder abgängigen Geschirren und Hausgeräten, und da die Witwe gerade nichts Entbehrliches von solcher Art hatte, so fiel ihr die alte schwarze Erzplatte ihres Sohnes ein, und sie gab diese den Männern hin. Der Glockengießer reisete bald darauf nach Arensberg, wo er auch Arbeit hatte, indes bereitete sein Geselle zu Attendorn alles zum Guß vor bis zu des Meisters bestimmter Ankunft, formte die Glocke und brachte einstweilen alles Erz in Fluß. Siehe, da blieb der Meister, durch andere Arbeit verhindert, aus, und der Geselle konnte nicht anders als den Guß vollenden, auch war er seiner Sache gewiß. Und das Werk gelang ganz vortrefflich, und als nun die Glocke geläutet wurde, hatte sie einen überaus herrlichen Klang, so daß alles, und sein Werk am meisten, den Meister lobte, obgleich selber Meister nur noch ein Geselle war. Heitern Sinnes gedachte dieser nun nach Arensberg zu reisen, um seinem Meister dort zu helfen, und als er schied, da gaben ihm viele gute Gesellen das Geleite, und hinter ihm schallte das herrliche Geläute seiner Glocke, ihm zu Dank und Ehren. Als nun der wandernde Geselle mit seiner Geleitschaft gegen das Schloß Schnellenberg kam, begegnete ihm auf einer steinernen Brücke zu Pferde sein Meister, welcher schon erfahren hatte, daß der Geselle ohne ihn den Glockenguß meisterlich vollbracht, voller Zorn und Wut, schnaubte ihn mit den Worten an: Was hast du getan, du Bestia! und schoß ihm auf der Stelle eine Kugel durch den Kopf und sprach zu den erschrockenen Geleitenden: Der Kerl hat die Glocke gegossen als ein Schelm, sie muß umgegossen werden! Ritt auch stracklich, als habe er was Rechtes vollbracht, nach Attendorn, in Absicht, die Glocke wirklich umzugießen. Allein die Zeugen der Mordtat klagten ihn an beim Rat, und der Rat ließ ihn alsbald festsetzen und bedeuten, es sei nicht Brauch im Reich, daß jeder Meister an seinem Gesellen zum Scharfrichter werde, und ließ ihn befragen, was ihn zu solcher Untat getrieben, denn ein Hochweiser Rat zu Attendorn sah klüglich ein, daß wohl mehr dahinter verborgen liegen müsse als bloßer Zorn und Eifersucht über ein noch dazu wohlgelungenes Werk des Gesellen. Erst fragten sie gütlich, dann peinlich und sehr peinlich mit eisernen Fragezeichen, als da waren Daumschrauben, spanische Stiefeln, gespickter Hase und dergleichen, und da bekannte der Meister Glockengießer, er habe sich so sehr verzürnt über den Gesellen, weil unter dem eingelieferten Metall eine schwere schwarzgefärbte Goldplatte gewesen, die er, der Meister, für sich habe wegzwacken und zurückbehalten wollen, die habe der Geselle aus Unkunde auch mit eingeschmolzen, und davon habe die neue Glocke den herrlichen Klang. Darum habe er die Glocke nochmals umschmelzen, das Gold ausscheiden und sie neu gießen wollen. Mit diesem Bescheid auf seine Fragen war der Rat zu Attendorn zufrieden und ließ dem Meister den Kopf abschlagen, dem unschuldigen Gesellen aber auf jener Brücke ein steinernes Kreuz zum Andenken errichten. Niemand aber konnte denken, wer in der Stadt zur Glocke eine so kostbare Beisteuer gegeben habe. Da kehrte der Sohn der Witwe mit ziemlicher Habe aus Holland zurück und fragte bald seine Mutter, wo sie die schwere Goldplatte aufbewahrt habe, so er ihr gesendet. Gold? Das war Gold? schrie die Witwe und wurde vor Schrecken bleich und schier ohnmächtig und bekannte mit Zittern, daß sie das ja unmöglich habe wissen können, daß sie die schwarze Platte hingegeben habe zum Glockenguß. Darauf sprach der Sohn: Beruhiget Euch nur, meine liebe Mutter! Es ist gegeben zu Gottes Ehre. Und nun erzählte die Frau ihrem Sohne die Geschichte von dem Glockenguß, und wie es dabei ergangen, daß durch jenes Gold zwei Menschen, einer unschuldig und einer schuldig, ihr Leben eingebüßt, daß sie aber nimmermehr habe denken können, daß aus ihrer Hand das vielbesprochene Gold gekommen, und der Sohn sagte: Gott hat es also vorausbestimmt, wir wollen über den Verlust nicht klagen und nur über das Unglück trauern, das jenes Gold geboren.

Nach langen Jahren entzündete ein Wetterstrahl den Glockenturm zu Attendorn, und in der Glut schmolz auch die Glocke. Da ward das Erz gesammelt und geprüft und also goldhaltig befunden, daß von seinem Wert der ganze Turm neu gebaut und mit Blei gedeckt werden konnte. – Ähnliche Sagen von getöteten Glockengießergesellen durch des zornigen Meisters Hand gehen noch viele in Deutschland, so in Groß-Möhringen in der Mark, in Waltershausen in Thüringen und an manchem andern Ort.

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28. Herzog Bernhard hält sein Wort

28. Herzog Bernhard hält sein Wort

Im Dreißigjährigen Kriege kämpfte der Sachsenherzog Bernhard von Weimar in den Gefilden des Oberrheins. Da belagerte er das Städtchen Neuenburg, zwischen Basel und Breisach gelegen, das noch gut kaiserlich war und sich tapfer hielt. Der langen Belagerung und des hartnäckigen Widerstandes der Neuenburger äußerst müde, erzürnte sich der Sachsenherzog und verschwur sich hoch und teuer bei Himmel und Hölle: Komme ich in das Nest hinein, so soll weder Hund noch Katze mit dem Leben davonkommen. – Bald darauf mußten sich die tapfern Neuenburger, da sie die Belagerung nicht länger aushalten konnten, dennoch ergeben, und die Soldateska wollte schon ihr Mütlein im Blute der Bürgerschaft kühlen und alles ermorden. Da gereute dem Herzog sein vermessener Eid und des vielen edeln auch zum Teil unschuldigen Blutes, das hier vergossen werden sollte, und er sprach: Nur was ich schwur, wird gehalten, und nicht mehr und minder. Schont nicht Hunde, nicht Katzen, aber bei Leib und Leben gebiet‘ ich, daß der Menschen geschont werde. – Und also geschah es. Herzog Bernhard, der große Kriegesheld, hatte auch Breisach belagert und erobert, Freiburg eingenommen und bei Rheinfelden das Heer der Kaiserlichen geschlagen. Große Hoffnungen baute auf ihn das deutsche Volk, auch das im Elsaß, und jubelte ihm zu und begrüßte ihn überall als einen Retter, wie als einen Schirmvogt gegen das treulose Nachbarland. Aber er sprach ahnungsvoll: Ich werde des großen Schwedenkönigs Gustav Adolf Schicksal teilen – sobald das Volk ihn mehr ehrte als Gott, mußte er sterben. – Und ein Jahr nach Neuenburgs Einnahme starb er alldort, wo er menschlich gewaltet, der allgemeinen Sage nach an Gift, und die Zeichen dieser Tat deuteten alle nach Frankreich hinüber.

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289. Vom Eisenberge

289. Vom Eisenberge

Im Waldeckischen erhebt sich ein hoher Berg, den ein Schloß krönte, Berg und Schloß war der Name Eisenberg gemeinsam. Des Eisenerzes birgt der Berg in Fülle in seinem Innern, und auf dem Schlosse herrschten in grauen Zeiten die mannlichen Grafen von Waldeck; viele des edeln Geschlechtes wurden auf dem Schlosse geboren. Aber nicht Eisen allein, auch Gold lieferte der Eisenberg, und lange ward in ihm ein ergiebiges Goldbergwerk betrieben. Aber das Schloß ward Trümmer und schwand hinweg, und das Bergwerk ging ein.

Eines Tages hütete ein Schäfer auf des Berges einsamer Höhe. In der Mittagsstunde legte er sich zur Ruhe unter den Schatten eines Holunderbaumes, und als er wieder aufwachte, hatte die Dämmerung schon begonnen. Die Herde lag friedlich um ihn her, aber der Leithammel fehlte. Da hörte der Schäfer diesen kläglich blöken und folgte der Stimme des treuen Tieres. Siehe, da blitzte klarer Schein aus einem verfallenen Kellergewölbe der alten Burg, und drunten im Gewölbe steht der Hammel, und neben ihm steht ein großer Kessel voll alte Taler. Der Hirte, nicht faul, steigt hinunter, greift zu und stopft sich Tasche und Hut voll Taler, dann gibt er dem Hammel einen sanften Stoß, wieder hinaufzuspazieren, und spricht: Du bist ja ein tausendsappermentscher Teufelskerl! Wie der Schäfer geredet hat, erhebt sich droben am Eingange in den Keller ein eisgrauer alter Mann, angetan mit einem langen weißen Rocke, mit Streifen besetzt, rot wie Blut, der hebt ein silbernes Horn zum Munde und bläst mit einem allgewaltigen Schall, daß die Bäume wie vom Sturmwind geschüttelt rauschen, das Gewölbe erdröhnt und der Erdboden schüttert. Von dem entsetzlichen Schall vergeht Hören und Sehen dem Hirten, er wirft alles genommene Geld von sich, unendliches Zagen und Grausen erfaßt ihn, er stürzt besinnungslos zu des alten Greises Füßen nieder. Lange lag er so, als er wieder zu sich kommt, ist es heller Tag, seine Sachen liegen oben neben ihm – die Herde liegt auch da, kein Stück fehlt, nur das Geld, nur das Gewölbe, nur der Kessel, selbst der verfallene Eingang sind verschwunden.

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290. Wetterburg

290. Wetterburg

Im Waldeckischen Lande erhebt sich auch die alte Wetterburg, von der ein bedeutender Rest noch im wohnlichen Stande steht. Auf der Wetterburg saß Philipp II. Graf zu Waldeck, der war im Bündnis mit Erzbischof Albrecht von Mainz, gegen welchen Ritter Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand in Fehde war. Und da gedachte Götz den Waldecker in seine Gewalt zu bekommen, zog durch die Lande und näherte sich mit seiner Schar der Wetterburg, wo er sich nahe dem Wege von der Burg nach Dalheim in den Hinterhalt legte. Als Götz von Berlichingen nun da lag und lauerte, ward er eines Schäfers ansichtig, der seine Herde hütete, und siehe – mit einem Male rannten fünf Wölfe aus dem Walde und fielen in die Herde ein. Des freute sich des biedern Götzens deutschritterliches Herz, und hörte und sah es gern – wie er selbst erzählt hat – und wünschte den Wölfen Glück und auch sich und sagte zu den Wölfen: Glück zu, lieben Gesellen! Glück zu überall! Und als dies gute Omen sich gezeigt hatte, da kam Graf Philipp von Waldeck von der Wetterburg herunter, und Götz griff ihn an auf paderbornschem Boden und nahm ihn gefangen, dann führte er ihn auf kölnischen Boden, dann durch des Grafen eignes Land, dann durch die Landgrafschaft Hessen, von da aus durch das Hochstift Hersfeld, von da nach Fulda und in die Grafschaft Henneberg und weiter durch sächsisches Land und durch die Hochstifte Würzburg und Bamberg in die Markgrafschaft Nürnberg und in die Bayrische Pfalz bis an den Ort, da er ihn hinhaben wollte, auf eine seiner Burgen im gottgeliebten Schwabenlande. Hierauf berechnete Götz von Berlichingen die vielen Kosten, welche dieser Zug ihm verursacht, und die Zehrung seines Gefangenen, und wenn ihm diese ersetzt würden, wolle er ihn wieder loslassen. Nur hundert Gulden Zehrungskosten und außerdem noch achttausend Gulden – so solle Graf Philipp II. von Waldeck wieder frei werden. Des Grafen treuer Bundesgenoß Kurfürst Albrecht zu Mainz gab keinen Deut her zur Auslösung des Gefangenen, auch fiel ihm nicht ein, gegen Götz einen Feldzug zu unternehmen. Da schnitt der Gefangene einen Büschel seiner grauen Haare ab und schrieb an seinen Sohn, auch Philipp geheißen, und bat ihn beweglich, das Lösegeld für ihn aufzubringen. Solches tat auch der Sohn und zog seinem alten Vater bis Koburg entgegen, wohin Götz seinen Gefangenen vergeleiten ließ, und umarmte den Vater, der noch nach einer Hast von zwanzig Wochen den nämlichen Koller trug, in dem er war gefangen worden, unter Tränen, aber der Vater tröstete ihn mit weisen Worten über des Lebens Wechsel, des Glückes Unbestand, und wie auf Regen Sonnenschein, auf Trauer Freude folge.

Von der Wetterburg überblickt der Wanderer einen schönen Teil von Westfalens roter Erde, worauf die heilige Feme ihre blutigen Urteile sprach und vollzog. Besonders zeigt sich die alte Femdingstuhlstadt Volkmarsen, davor »vff dem ride die wirdige königliche Dingstatt des kaiserlichen freienstuls« stand und »die echten rechten freischöffen und procuratoren der heiligen heimlichen achte« zu Gericht saßen. Gar gruselig ist davon zu lesen im Ritterromane Kurt von der Wetterburg oder die unsichtbaren Oberen, es ist aber alles nicht wahr, dieweil es nie Ritter gab, die von der Wetterburg sich nannten oder schrieben. Im alten Keller der Burg aber läßt die Sage keinen poetischen Femrichter, sondern einen sehr prosaischen Geist in Gestalt einer Branntweinstonne spuken, und ist solches gar ein arger, gefährlicher Geist.

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