Märchen

2. Des Schweizervolkes Ursprung

2. Des Schweizervolkes Ursprung

In alten Zeiten, bevor noch das Schweizerland bevölkert und bebaut war, saß ein starkes und zahlreiches Volk in Ost- und Westfriesland und im Lande Schweden, und kam über dieses Volk große Hungersnot und leidiger Mangel. Da beschlossen die Gemeinden, weil der Menschen bei ihnen zu viel, daß von Monat zu Monat eine Schar auswandern sollte, und sollte die das Los bestimmen. Wen es treffe, der müsse fort bei Strafe Leibes und Lebens, ob hoch oder niedrig, und mit Weib und Kindern. Als dies immer noch nicht fruchtete und dem Mangel steuerte, so ward fernerweit beschlossen, daß jede Woche der zehnte Mann ausgeloset werden und hinwegziehen solle. So geschah es, und zogen an die sechstausend Schweden fort und zwölfhundert Friesen mit ihnen, und ernannten sich Führer. Deren Namen waren Suiter, Swey und Josius, noch andere Restius, Rumo und Ladislaus. Sie fuhren auf Schiffen den Rhein hinauf und hatten unterwegs manchen Kampf zu bestehen; endlich kamen sie in ein Land, das hieß das Brochen- oder Brockengebirg (wie es auch im Harzwald einen Brockenberg hat), allda bescherte ihnen Gott Wonne und Weide, und sie bauten sich an und verteilten sich in das Land, wirkten und schafften. Ein Teil zog ins Brünig (Bruneck), ein anderer an die Aar. Ein Teil Schweden, die aus der Stadt Hasle (gehört jetzt dem Dänen) stammten, die erbauten Hasli und wohnten darin unter ihrem Führer Hasius. Restius erbaute die Burg Resty bei Meiringen und wohnte allda, Swey und Suiter gaben der Schweiz und dem Volke den Gesamtnamen. Auch das Bernerland gewannen sie, waren ein treu und gehorsam Volk, trugen zwilchne Kleider, nährten sich von Fleisch, Milch und Käse, denn des Obstes war damals noch nicht viel im Lande. Sie waren starke Leute, wie die Riesen, voll Kraft, und Wälder auszureuten war ihnen so leicht wie einem Fiedler sein Geigenbogen. Davon gehen noch alte Lieder, die sagen aus, wie ihrer ein Teil unter dem Führer Ladislaus und Suiter gen Rom gezogen und dem römischen Kaiser tapfer beigestanden gegen hereingebrochenes Heidenvolk, und wie beide Führer vom Kaiser Feldzeichen empfangen, Adler und Bären, ein rotes Kreuz, und auf der Krone des Aaren ein weißes, und haben dann diese Zeichen nach der neuen Heimat getragen. Immer noch erzählen sich auf ihren Bergen die Alpenhirten, wie die Vorfahren im Lande gezogen und wie die Berge eher bewohnt gewesen als die Täler. Erst ein späteres jüngeres Geschlecht habe die Talgründe bebaut, wie das auch in andern Bergländern geschehen ist.

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29. Vom treuen Eckart

29. Vom treuen Eckart

Alte deutsche Heldenlieder singen und sagen vom treuen Eckart, dessen Gedächtnis blieb lange bei den Deutschen wegen seiner Ehrbarkeit und Frömmigkeit. Er war ein Held und Herzog im alten Breisgau und Herr im Elsaß, vom Geschlecht der Harlunge, und war Vormund und Pfleger zweier jungen Härtungen, welche die Bruderssöhne Kaiser Ermenrichs waren und Vettern des berühmten Dietrich von Bern. Der Eckart übte allezeit Treue und war schon dem Vater der Harlunge ein treuer Ratgeber gewesen; Kaiser Ermenrich aber hatte einen Ratgeber, der hieß Siebich, von dem sollen alle ungetreuen Räte in die Welt gekommen sein. Dieser verleitete den Kaiser zu bösen Taten. Und Ermenrich erschlug die jungen Harlunge, Eckart aber rächte sie, indem er mit anderer Helden Hülfe den Ermenrich wieder erwürgte und um dieser Tat willen hoch gepriesen ward. Die Harlunge hatten einen reichen Schatz, der ward in einen Berg verzaubert, das ist der Bürglenberg bei Breisach, und diesen Harlungenhort hat hernachmals der Geist des treuen Eckart gar sorgsam gehütet und jeden gewarnt, der ihn für sich erheben wollte, denn er sollte dereinst wieder an den rechten Erben fallen und diesen zu einem mächtigen Herrn des Landes machen. Darum sei im Volke das Sprüchwort entstanden: Du bist der treue Eckart, du warnest jedermann. Ob aber das derselbe treue Eckart sein soll, der im Thüringerlande vor des Hörselberges Höhle sitzt und vor dem wütenden Heere warnend wandelt, bleibt in dem Dunkel der alten Sagen geheimnisvoll verhüllt.

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291. Schellpyrmont

291. Schellpyrmont

Eine Stunde weit von dem blühenden Badeort Pyrmont ragt der Schellenberg empor, der trug ein uraltes Schloß, dessen Ursprung in die früheste deutsche Vorzeit hinaufragt. Die Sage will, dort habe Thusnelde gewohnt, Hermanns des Cheruskers Weib. Thusnelde hatte ein Vögelein, das konnte reden, flog im Lande umher und sagte ihr Neues an. Da kam eines Tages das Vögelein auch geflogen und schrie fort und fort:

Hessental blank! Hessental blank!

und zeigte damit an, daß ein Römerheer durchs Hessental ziehe, von dessen hellen Rüstungen und Gewaffen das Tal erglänzte. Da sandte Thusnelde alsbald Eilboten ab an Hermann, daß er sein Heer rüste, dem heranrückenden Feind zu begegnen.

In späterer Zeit war der Schellenberg ein Eigentum der Grafen von Peremont, in deren Grafschaft er lag, und ward deren Stammname abgeleitet vom Namen Petri mons, welsch Pierre mont, daraus zuletzt Pyrmont geworden sei, denn Kaiser Friedrich der Rotbart habe dem Erzbischof Philipp von Köln dieses Stück von Westfalen oder ganz Westfalen zu Lehen gegeben, und dieser habe auf dem Schellenberge ein neues festes Schloß gebaut und dasselbe dem heiligen Apostel Peter zu Ehren Petrimons genannt. Dies zu glauben oder nicht steht einem jeden frei, doch ist außerdem aus keinem der vielen Petersberge, bei Halle, bei Erfurt und sonst, ein Pyrmont geworden. Auch Schellpyrmonts Trümmer haben die Schatzgräber durchwühlt, aber nichts Sonderes gefunden.

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292. Der goldene Kegel

292. Der goldene Kegel

Bei Arzen, zwischen Pyrmont und Hameln, liegt der Lüningsberg, auf dem haben über einen schönen grünen Rasen weiße Geister zur Nachtzeit mit goldenen Kugeln nach goldenen Kegeln geschoben. Das ist ein Rollen und Klingen gewesen, daß bisweilen die Vögel vom Schlummer erwachten und des Waldes Tiere gekommen sind und haben neugiervoll unter den Büschen hervorgelugt; die Menschen aber haben sich nicht herzugewagt, denn jedem, der dies hätte versuchen mögen, wandelte ein geheimes Grauen an. Ein kecker Webergeselle faßte sich aber endlich doch ein Herz, er meinte, solch ein goldener Kegel sei mehr wert wie ein hölzerner Webstuhl, und wollte sein Glück einmal mit den Geistern versuchen. In einer lauen Sommernacht erstieg er den Lüningsberg, trat in den Wald, kam an den Geisterrasen, sah des Berges kleine weiße Geister, wie sie eifrig Kegel schoben und keinen Kegeljungen dazu brauchten, denn die Kugeln rollten von selbst zurück, und die Kegel stellten sich von selbst wieder auf. Pfeilschnell und klingend rollten die Kugeln, mit tönendem Hall sanken die Kegel um, und die Tiere lauschten, und die Vöglein huschten im Gezweig. Hui, flog ein Kegel um, der rollte rasch zu dem Weberburschen hin, der ängstlich und bebend im Gebüsche lag, er hatte ihn in der Hand, wußte selbst nicht wie, und nun auf und davon. Alsbald, wie die Geister den Verlust ihres Kegels erblicken, setzen sie hinter dem Räuber her, der läuft schon über die Wiese am Bergesfuß, da fließt die Humme, und ein Baumstamm liegt über ihr als Brücke von einem Ufer zum andern. Wie der Webergeselle den morschen Stamm betritt, merkt er die Geister dicht hinter sich, verfehlt den rechten Tritt, springt in den Bach hinab. Da rufen Stimmen: Das war dein Glück! Im Wasser haben wir keine Macht! Hätten wir zu Lande dich erreicht, so hätten wir dir den Hals umgedreht! und schweben von bannen – der Bursche aber hielt den Kegel fest, kam glücklich heim, baute vom Golde des Kegels ein Haus, freite sein Mädchen und wurde glücklich. Noch zeigt man am Mühlbach das Haus, eine große Linde steht davor, noch zeigt man auch am Lüningsberge die Geisterkegelbahn, aber die Geister kegelten seitdem nicht mehr, da der neunte Kegel ihnen geraubt wurde.

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293. Spuk unter den fünf Eichen

293. Spuk unter den fünf Eichen

Nahe bei Arzen liegt ein Dorf, heißt Selxen, und nahe diesem Dorfe standen fünf alte Eichen, jetzt stehen nur noch drei, man nennt es aber immer noch unter den fünf Eichen, dort tollt zur Nachtzeit greulicher Spuk umher. Schwarze Riesenhunde mit feurigen Telleraugen und rasselnden Ketten, dreibeinige Hasen, luftiges Galgengesindel vom nahen Totenberge, schwarze Raben, Fledermäuse so groß wie Nachteulen rennen, kriechen und fliegen durcheinander. Man sieht wohl auch nackte Jungfern tanzen von greulicher Gestalt. Einstens gingen zwei Bursche von Großenberken, wo sie gearbeitet hatten, nach Selxen zurück, denen begegnete bei den fünf Eichen ein wunderliches Spukding. Es hatte weder Kopf, noch Arme, noch Füße und hullerte auf sie zu und ließ ein Stöhnen hören. Der eine Bursche wollte beherzt darauf zugehen, der andere aber riß den Kameraden zurück, zu seinem Glück. – Ein alter Chirurg aus Arzen hatte noch spät einen Kranken besucht, und als er an die fünf Eichen kam, da saß ein weißes Kaninchen am Wege, das fing der Chirurg, tat es in seinen Schersack und trug es fort, aber je weiter er ging, je schwerer wurde der Sack, er konnte ihn zuletzt nicht mehr tragen, setzte ihn hin und öffnete ihn. Da stieg ein Ding daraus hervor wie ein Mondkalb, über alle Maßen abscheulich, das fauchte ihn an, und da lief er, was er laufen konnte, und ließ den Sack samt allem Gerät darin im Stiche. – Ein anderes Mal kam ein alter Jude des Weges, auch schon spät am Abend, da saß an den fünf Eichen eine weiße Gans. Gott, dachte der Jude, was soll sitzen hier über Nacht die schöne Gans? Ich will sie doch nehmen mit mir und will sie machen fett. Die Gans aber wollte sich nicht gleich fangen lassen, sie zischte und schlug heftig mit den Flügeln, der Jude aber wurde ihrer endlich doch Herr und steckte sie in die Kiepe, die er trug. Wie er aber weiterging, so dachte er: Gott, gerechter, was ist doch die Gans so schwer. Wenn ich sie doch nur erst derham hätt‘! Aber er brachte die Gans nicht heim, er mußte stehenbleiben, da rief es aus der Kiepe: Gleich trägst du mich wieder unter die fünf Eichen, Jud, vermaledeiter! Ach wie zitterte und bebte da das arme alte Jüdchen, half aber alles nichts, es mußte gehorchen und die schwere Last wieder zurücktragen, zum Glück wurde sie nun wieder mit jedem Schritt leichter, wie sie erst schwerer geworden war. Und wie das Jüdchen dort bei den Eichen war, kroch ein uraltes spindeldürres Weib fast mit einem Totenschädel und roten Augen und Haut wie Pergament aus der Kiepe und sagte: Danke auch schön, daß du mich getragen hast! und gab ihm einen Schlag ins Gesicht, daß er um und um taumelte. Hinter ihm drein aber rief aus den fünf Eichen eine spottende Stimme den Neckereim:

Wer mir die Gans gestohlen hat,
Der ist ein Diebl
Wer mir sie aber wiederbringt.
Den hab‘ ich lieb.

Der arme Jude hat fast den Tod davon gehabt und hat weder bei Tage noch bei Nacht jemals wieder Verlangen getragen, eine Gans, die nicht sein war, zu fangen und heimzuschleppen, wollte auch niemals unter den fünf Eichen lieb gehabt sein.

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294. Die Kinder von Hameln

294. Die Kinder von Hameln

Es geschah im Jahre 1284, daß ein Mann von wunderlichem Aussehen und bunter Tracht gen Hameln kam, der war ein Rattenfänger und verhieß sich, gegen ein gewisses Geld die ganze Stadt von dem Ungeziefer der Ratten und Mäuse zu befreien. Das ward ihm denn von einem hohen Rate und der Bürgerschaft zugesichert, und darauf zog derselbe Mann ein Pfeifchen hervor, ging durch die Gassen und pfiff, wie heutzutage in manchen Städten Hirten und Nachtwächter pfeifen, weil das Blasen auf dem Kuhhorn nicht städtisch genug klingt, und siehe, da kamen die Ratten und Mäuse aus allen Häusern gesprungen und liefen in Scharen hinter ihm drein, wie vordessen hinter dem Bischof Hatto von Mainz her. Da nun der Rattenpfeifer durch alle Gassen gegangen war, so wandelte er mit seinem grauen Gefolge durchs Wesertor hinaus dem Strome zu, schürzte sein Gewand, trat in den Strom, Ratten und Mäuse folgten ihm blindlings nach und ersoffen wie Pharaos Heer im Roten Meere. Nun waren aber die Bürger zu Hameln damaliger Zeit gerade so erschrecklich klug wie viele Menschen noch heutzutage nicht nur zu Hameln, sondern allüberall, sie legten den Maßstab des Lohnes nicht an die Kunst und Wissenschaft, so einer innehatte, sondern an die Arbeit und Plage, die einer hat, um etwas zu vollbringen, und sprachen unter sich: Es ist doch ein sündliches Geld, was dieser Rattenfänger sich bedungen hat für so gar keine Mühe; ja wenn er Fallen gestellt und Gift gelegt hätte in jedem Hause, das ließe sich hören – aber so! Und ist es nicht heillos, daß er das Ungeziefer in die Weser gelockt hat, wo es nun die Fische fressen? Da mag ein anderer Weserfische essen, wir danken dafür. Und wie hat er es denn vollbracht? Mit einem Satanskunststück! Vielleicht gar nur ein Blendwerk; wenn er das Geld hat und fort ist, haben wir zuletzt unsere Ratten wieder. Wir wollen ihm nur das halbe Geld geben, und wenn ihm das nicht recht ist, so wollen wir ihn als einen Zauberer in den Turm werfen und abwarten, ob die Ratten und Mäuse nicht wiederkommen. – So sprachen erst unter sich die vorsichtigen und weisen, auch höchst sparsamen Bürger und Ratsherren zu Hameln, dann hielten sie das alles dem Rattenfänger vor und boten ihm das halbe Geld und drohten ihm mit dem Turme. Da nahm der Künstler das Geld und ging im Zorne. Darauf geschähe, daß am Tage Johannis und Pauli, der heiligen Märtyrer, war der 26. Tag des Heumondes, als die Leute in der Kirche waren, derselbe Rattenfänger wieder in den Straßen zu Hameln gesehen wurde, aber in Tracht eines Jägers mit schrecklichem Angesicht und mit einem roten, verwunderlichen Hut, und pfiff durch alle Gassen. Da kamen aber keine Ratten und Mäuse aus den Häusern, denn die blieben vertrieben und aufgerieben, wohl aber die Kinder, Knaben und Mädchen vom vierten Jahre an, und liefen dem Rattenfänger nach, auch eine schon ziemlich große Tochter des Bürgermeisters, der am meisten den Künstler angeschnurrt und bedräuet hatte, und die Kinder folgten ihm mit großen Freuden, führten sich an den Händen und hatten ihre Lust, selbst ein blinder und ein stummer Knabe gingen die letzten mit im Zuge, und der Stumme führte den Blinden, und hinterdrein kam auch noch eine Kindsmagd, die ein Kind im Mantel trug, die wollte auch sehen, wo es denn hingehen sollte. Der Schwarm zog, den Jäger an der Spitze, die schmale Gasse zum Ostertore hinauf und dann hinaus nach dem Koppelberg zu, der tat sich aus, der Pfeifer ging voran, die Kinder folgten, nur der stumme Knabe, der sich mit dem Blinden führte, blieben draußen, weil der Blinde nicht so sehr eilen konnte, denn knapp vor ihnen tat sich der Berg mit einem Male wieder zu, und da wandte die Kindsmagd auch wieder um und brachte das Geschrei aus in der Stadt, daß die Kinder in den Koppelberg geführt worden. Welch ein großer Schrecken! Die Kirche wurde geschlossen, die Eltern eilten voll Angst hinaus zum Berge, kaum fanden sie noch eine schmale Schluft als Wahrzeichen. Einhundertunddreißig Kinder kamen so hinweg, und nimmer kamen sie wieder, und war in der ganzen Stadt nur ein herzzerreißendes Jammern und Wehklagen und aufs neue schmerzlich offenbar, daß der blödsinnige Geiz und die torheitvolle Sparsucht die Wurzeln allen Übels sind. Lange, lange trauerte Hameln um seine verlorenen Kinder – zwei steinerne Grabeskreuze wurden ihnen an der Stelle geweiht, wo der Berg sich hinter den Kindern zugetan – eines den Knaben und eines den Mägdlein. In der Straße, durch die der Zug zuletzt gegangen, durfte nie wieder Trommelschall und Musikgetöne lautbar werden, selbst der Brautzüge Musik mußte in ihr verstummen, deshalb wird sie auch bis heute die Bungen- (Trommel-) straße genannt, weil in ihr nicht darf getrommelt werden; lucus a non lucendo.

Der Unglückstag blieb schwarz angeschrieben in Hamelns Annalen; das Rathaus verewigte sein Andenken in diesen Zeilen einer Steinschrift:

Im jar 1284 na Christi gebort
tho Hamel worden uthgevort
hundert vnd driczig kinder, dosülvest geborn,
dorch enen piper vnter den köppen verlorn.

An der neuen Pforte wurde die Kunde lateinisch in Stein geschrieben; im Jahr 1572 ließ der damalige Bürgermeister die Wundermär in der Glasmalerei der Kirchenfenster bildlich erneuern, die auch ohne das, vom Mund zu Munde gehend, unsterblich fortlebte.

Noch geht die Sage, daß die Kinder von Hameln unter der Erde hinweg nach dem Lande Siebenbürgen geführt worden seien, wo sie wieder an das Tageslicht gekommen und dort, nachdem sie erwachsen, den sächsisch-deutschen Volksstamm begründet hätten. Den grausamen Rattenfänger und Teufelspfeifer hat niemand wiedergesehen, aber nach ihm haben hernachmals alle Ratten- und Mäusefänger des Heiligen Römischen Reichs Jägertracht angelegt und sich Kammerjäger genannt, wie es Kammerknechte, Kammerboten und andere Kammerbetitelte gab und noch gibt.

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295. St. Viti Gaben

295. St. Viti Gaben

Vom Kloster Corvey bei Höxter an der Weser gehen viele schöne Sagen. Das Kloster war dem heiligen Veit geweiht und hatte zwar arme, aber sehr fromme Mönche. Nur einmal im Jahre hielten sie ein Gastmahl, und das geschah am St. Vitustage, zu Ehren des Schutzpatrons, und war dennoch mäßig und beschränkt, denn die Einkünfte des Klosters waren gering. Einmal geschahe es, daß St. Vitustag, welches ist der 15. Juni, herankam und es leider dem Kloster fast an allem zu einem Festmahl Nötigen gebrach, an Fischen, an Wildbret und an Wein, nur Gemüse war vorhanden. Vergebens sannen die Mönche, wie sie ohne das Nötigste ihr Fest begehen sollten, siehe, da plätscherte es im Klosterbrunnen, und zwei große Karpfen schwammen darin, und auf dem Hofe stellten sich zwei prächtige Hirsche ein, die waren feist vor der eigentlichen Feistzeit. Das war eine Freude! Fast hätte der Bruder Klosterkoch getanzt. Und da kam mit strahlendem Gesicht der Bruder Kellermeister und trug zwei große Krüge, die er gefüllt hatte am Quell, der in der Kirche hinter dem Altar sprang, und verkündete, daß das Wasser dieses Quells in Wein verwandelt sei. Da nun die Kunde solcher hohen Wunder dem Abt angesagt war, so sprach dieser: Brüder, lasset uns in Demut und Dankbarkeit diese Gaben Gottes und unsers heiligen Schutzpatrones genießen. Es genüge uns aber an einem Hirsch und an einem Fisch, und jeder fülle sich nicht mehr als zwei Kannen Weines. Da ließen die Brüder ohne Widerrede den einen Hirsch ins Freie und den einen Fisch in die Weser und segneten im Herzen den guten Abt, daß er ihnen doch statt nur eines Krüglein Weines deren mindestens zwei erlaubt hatte, und hielten ihr Festmahl zu Ehren St. Viti in Eintracht und Liebe. Seitdem erneute sich diese Spende des Heiligen an jedem Jahrestage, und immer wurde also verfahren wie am ersten. Endlich aber starb der gute und fromme Abt und ward ein anderer erwählt, dessen Gott der Bauch und dessen Heiliger Herr Bacchus war, der bekannte brave Mann, und als St. Viti Jahrtag wieder kam, da ließ der Abt beide Hirsche schlachten und beide Fische und Weines die Fülle füllen und bezechte sich zu Ehren St. Viti weidlich. Und als wieder ein Jahrtag kam, da kam mit ihm weder Hirsch noch Fisch, und der Altarquell sprudelte nach wie vor recht klares frisches Wasser, und der Küchenmeister im Kloster Corvey hieß Bruder Schmalhans.

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296. Engel und Lilien

296. Engel und Lilien

Im Kloster Corvey erschienen alljährlich, und wohl sonder Zweifel am Jahrestage St. Veits, in der Kirche zwei Engel oder auch mehrere, und wenn die Knaben im Singechor das Gloria sangen, stimmten die Engel am Grabmal des heiligen Veit das Responsorium an mit wunderherrlichen Stimmen. Da war einmal ein Propst im Kloster, der glaubte nicht an Engel, und als der himmlische Gesang wiederum sich hören ließ, schritt er hin zum Kenotaph St. Viti und fragte frech: Was singet ihr hier? Wer seid ihr? Von wannen kommt ihr? Da sangen die Engel zur Antwort: Kommet, wir wollen wieder zum Herrn! Die nach ihm fragen, werden ihn preisen! Seitdem durchtönte nie wieder Engelgesang die Klosterkirche, wie es seit dreihundert Jahren immer geschehen war, und das Kloster kam in Verfall, sein weitverbreiteter Ruhmesstern erlosch.

Was sich im Dome zu Lübeck zugetragen mit den voraussagenden Todesrosen und dem Mönche Rabundus, dasselbe begab sich im Kloster Corvey mit Lilien. Im Chore der Kirche hing ein eherner Kranz, und im Kranz war eine Lilie, und wenn einer der Brüder sterben sollte, so kam diese Lilie allezeit wunderbarlich herab und lag drei Tage vorher im Stuhle des Bruders, dem zu sterben bestimmt war, und der dann ernst und still sich vorbereitete zum seligen Dahinscheiden. Dieses Wunder war mehrere hundert Jahre lang im Gange, da fand einst ein junger Klosterbruder, der früher als die anderen in den Chor kam, auf seinem Stuhle die Lilie und dachte bei sich selbst, indem er erbebte: Soll ich schon sterben und bin noch so jung? Wäre es nicht besser und mehr in der Ordnung, es ginge damit der Reihe nach, erst die Alten, damit die Jungen Zeit gewännen, auch alt zu werden? Und da lag schon die Lilie aus des jungen Klosterbruders Hand im Stuhle des ältesten Mönchs. Da dieser nun kam und die Lilie sah, entsetzte er sich fast bis zum Tode, denn das hohe Alter stirbt am mindesten gern, weil das Leben so schön ist und den Ältesten nur als eine kurze Spanne erscheint, und erkrankte, doch nicht zum Sterben; nach dreien Tagen aber lag der junge Klosterbruder, der das Todeswahrzeichen, die Lilie, von sich ablehnen wollen, kalt und steif auf dem Brett, von einem jähen Tod hinweggerafft.

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297. Das Fräulein vom Willberg

297. Das Fräulein vom Willberg

Nahe bei Höxter bildet die Lage der drei Dörfer Godelheim, Amelunxen und Ottbergen ein Dreieck, durch welches die Aa fließt. Godelheim gegenüber liegt der Wiltberg oder Willberg, auf dem ist es nicht geheuer, vorzeiten wohnten Hünen auf ihm, die sich mit den Hünen auf dem nahen Brusberg viele zentnerschwere Steinkugeln zuwarfen. Noch sieht man mitten im Tale das tiefe Loch, das einmal eine solche Kugel, die zu kurz geworfen wurde, in den Erdboden schlug. Ein Fräulein wandelt am Willberge herum und erscheint bisweilen und begabt die Menschen, wenn sie verständig sind.

Zwei junge Bursche aus Wehrden, Peter und Knipping haben sie geheißen, gingen in den Wald nach Vogelnestern, der eine war erstaunlich faul, legte sich unter einen Baum und schlief ein, und das war der Peter. Knipping verlor sich im Walde und suchte Nester. Da zupfte den Peter etwas am Ohr. Er wachte auf, sah sich um und sah nichts. Das geschah, nachdem der faule Peter wieder eingeschlafen war, zum zweiten und endlich gar zum dritten Male. Da mochte der Peter nicht länger liegenbleiben an einem so unruhigen Ort und stand auf, einen ruhigeren zu suchen, wo er im Frieden schlafen könne. Siehe, da ging vor ihm her eine weiße Jungfer, die knackte Nüsse auf, warf die Kerne zur Erde und steckte die Schalen in die Tasche und verschwand. Peter las die Nüsse auf und aß sie, und es freute ihn, daß er nicht die Plage gehabt, sie selbst aufknacken zu müssen, denn das wäre ihm schon zu viel Arbeit gewesen. Da Peter nun den Knipping wiederfand, erzählte er ihm, was ihm begegnet war, und zeigte ihm den Ort, wo das wandelnde Fräulein verschwunden war, danach machten sie sich Merkzeichen, holten noch ein paar Kameraden und gruben an derselben Stelle. Da fanden sie ihr Glück, vieles Geld, so viel sie einsacken konnten. Am andern Tage wollten sie mehr holen, da war aber alles verschwunden. Peter war ganz glücklich, er baute sich von seinem Geld ein Haus, darin er herrlich schlafen konnte.

Ein anderer älterer Mann, auch aus Wehrden, ging nach Amelunxen, um auf dortiger Mühle Korn zu mahlen. Auf dem Rückwege ruhte er ein wenig aus am Teich im Lau, da erschien ihm das Fräulein vom Willberg und sprach zu ihm: Trage mir zwei Eimer voll Wasser hinauf auf die Stolle vom Willberg. Solches tat der Mann, und als er die zwei Eimer voll Wasser auf den Gipfel des Berges gebracht, sprach das Fräulein: Morgen gehe nach Ottbergen, suche den Schäfer auf und bitte ihn um den Blumenbusch, den er auf seinem Hute trägt, dann komme zu dieser Stunde wieder. Auch dieses tat der Mann, ungern gab ihm der Schäfer den Blumenbusch, ein schönes Jungfräulein hatte ihm denselben geschenkt, er hatte aber nichts damit anzufangen verstanden, wußte nicht, daß das Fräulein vom Willberg die Geberin und daß im Busch die Wunderblume war, vor der sich alle Schlösser und Riegel auftun. Als jener mit dem Busch zum Fräulein auf den Berggipfel kam, sah er eine vorher nie erblickte eiserne Türe, mußte den Blumenbusch vor das Schloß halten, und da sprang die Türe auf. In einer Höhle sah der Mann ein uraltes graues Männlein sitzen, dem war der Bart durch den Tisch gewachsen, und ringsum standen Schätze zu Hauf. Über dem Tisch hing ein goldener Kronenleuchter. Jetzt begann der Mann einzusacken und legte, die Hände frei zu haben, den Blumenstrauß auf den Tisch. Das Fräulein sprach zu ihm: Vergiß das Beste nicht. Da langte der gute Mann nach dem goldenen Kronenleuchter. Da hob das graue Männlein seine Hand und gab ihm eine Dachtel. Des erschrak der Mann über alle Maßen und eilte von dannen, ließ die Blumen liegen und hörte nicht auf des Fräuleins wiederholten Ruf: Vergiß das Beste nicht! Krachend flog die Gewölbetüre hinter ihm zu. Als er drunten am Berge war, angesichts Godelheim, wollte er seinen Schatz zählen – da fand er statt Geldes in seinen Taschen eitel Papierzettel, es stand auf jedem ein Wappen und ein Geldwert.

Der gute Mann konnte aber nicht lesen, was daraufstand, und warf das Papier in die Aa, da floß es hin, sein Glück. Es war das erste Papiergeld.

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298. Gaul aus dem Pfuhl

298. Gaul aus dem Pfuhl

Bei Dassel liegt ein Pfuhl, von dem geht die Sage wie von den Teufelskreisen auf dem Schneekopf im Thüringer Walde und vom schwarzen Moor auf dem Rhöngebirge, daß er unergründlich sei und ein Wohnplatz und Tummelplatz des Teufels. Zu Leuthorst saß ein Bauer, der konnte nimmer genug haben und hatte neben dem Pfuhl einen Acker, den pflügte er an einem Sonnabend und brachte sein Werk vor Feierabend nicht zu Ende und pflügte immer fort. Die Betglocke läutete, aber der Bauer hatte kein Acht darauf; er stand nicht still wie andere bei den dreimal drei feierlichen Schlägen, tat seine Mütze nicht ab und sprach kein frommes Vaterunser, er rief vielmehr seinen Pferden zu: Jü hott, ihr Schindmähren! Wollt ihr ins Teufels Namen ziehen, daß ’s endlich ein Ende wird? Hatte auch seinen Jungen bei sich, der mußte neben den Pferden herlaufen und sie schlagen und antreiben, und endlich prügelte er selbst die Pferde und den Jungen wie unsinnig und wünschte sie zu allen Teufeln. Schon wurde es dämmerig, da stieg ganz langsam ein großer kohlenschwarzer Gaul aus dem Meerpfuhl, und wie der Bauer den sah, freute er sich der Hülfe und rief dem Jungen zu: Geh hin, fange den Gaul und spanne ihn vor den Pflug in aller Teufel Namen, daß wir mit dem verfluchten Acker zu Rande kommen! Der arme gescholtene und geprügelte Junge heulte und schrie, doch gehorchte er und holte den schwarzen Gaul als Vorspann, und nun ging es, heissa, hast du nicht gesehen; die Schar riß Furchen in den Acker so tief wie ein Weggraben, und der Bauer konnte die Hand nicht mehr vom Pflugsterz bringen und mußte laufen, und wie er an des Ackers Ende war und wenden wollte, da ließ das der Gaul nicht zu, sondern zog immer geradeaus, frisch und gewaltig, bis an den Pfuhl, und da ist er hineingegangen mitsamt dem Bauer, Pflug und Pferden, und ist keines davon wieder zum Vorschein gekommen.

In selbigem Teufelspfuhl liegt auch eine goldene Glocke, die stammt vom Kirchturm zu Portenhagen, und weil sie einen so wonnesamen Klang hatte, dem niemand wiederstehen konnte, und alles in die Kirche gleichsam magisch zog (jetzt gibt es leider keine solchen Glocken mehr), da hat sie der Teufel aus Gift und Ärger geholt und in den Pfuhl geworfen. Einst wagte sich ein Taucher in den Meerpfuhl hinab, vielleicht die Glocke heraufzuwinden; da sah er auf einer grünen Wiese einen Tisch, und auf dem Tisch stand die Glocke, aber unter dem Tisch lag der Teufel als ein schwarzer Hund, der funkelte ihn an mit feurigen Augen und streckte eine armslange feurige Zunge gegen ihn heraus, und daneben war auch ein grünes Meerweib, das rief: Noch nicht an der Zeit! Noch nicht an der Zeit! Da eilte der Taucher, wieder hinaufzukommen, und seitdem hat niemals wieder jemand die goldene Glocke gesehen.

In der alten Grafschaft Dassel ist auch ein Dorf, Evenhausen, in dessen Kirchturm hängt eine Glocke, von deren Läuten das Volk fest glaubt, daß es die Gewitter vertreibe. Diese Glocke hat die bekannte Aufschrift, welche über Schillers Gedicht von der Glocke zu lesen ist:

Vivos voco, mortuos plango, fulgura frango.

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