Märchen

411. Stammschloß Anhalt

411. Stammschloß Anhalt

Nicht gar weit vom Schlosse Falkenstein, nur eine halbe Meile, liegen auf dem großen Hausberg die geringen Reste einer Burg, welche einem noch blühenden Fürstenhause, den Gebietern dieser ganzen Harzgegend, den Namen verlieh; das ist Anhalt, in undenklich früher Zeit auf einem Jaspisfelsen ohne Holz erbaut, daher On-Holt genannt. Darauf ist ein sehr tiefer Felsenbrunnen, der war lange verschüttet, ist aber in neuer Zeit wieder bis zum Grunde aufgeräumt worden, und in dem Brunnen ist ein Schatz verborgen, der liegt in einem Kessel, es hat ihn aber noch niemand zu heben vermocht. Einst machte eine Gesellschaft den Versuch und ließ einen Bergmann in den Brunnen hinab. Dieser vollbrachte alles nötige Zauberwerk glücklich, und siehe, der Kessel rückte auch wirklich herauf, ganz voll alter Taler und Goldgülden, so nahe an die Hand des Bergmanns heran, daß dieser nur zugreifen durfte. Sowie er aber die Hand danach ausstreckte, um einzusacken, so zog sich der Kessel zurück wie eine spröde Schöne, dann kam er wieder nahe und äffte den Bergmann so fort und fort, bis dieser des Gaukelspieles überdrüssig war und einen Fluch tat. Plauz, fiel der Kessel in die Tiefe, und der Bergmann hörte das Gold und das Silber noch lange klingeln und rollen und an die Felswände des Brunnens anschlagen. In der Nähe liegt auch eine Wiese, die Pfannenwiese genannt, die hat ihren Namen von einer in ihr verborgenen Braupfanne voll Gold und Silber, wie denn der Sagen von verborgenen und verzauberten Bergschätzen auf und am Harzwalde so viele sind, daß ihre Zahl in das Unendliche geht.

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412. Doktor Faust auf Anhalt

412. Doktor Faust auf Anhalt

Zum Grafen von Anhalt kam zur Winterszeit der weitberufene Doktor Faustus, und da er die Frau Gräfin in gesegneten Umständen sah, so fragte er sie, ob sie nicht irgendein Gelüste oder Verlangen habe nach etwas Besonderem, wie bei Frauen in Hoffnung nicht selten, so wolle er es ihr gern vermöge seiner Zauberkunst verschaffen. Solches freundliche Erbieten nahm die Frau Gräfin gütig auf und erwiderte, es würde ihr wohl ein großes Verlangen befriedigt werden, wenn sie statt des trocknen Konfekts und der trocknen Nüsse frischen Obstes, als Weintrauben, Kirschen und Pfirsiche, teilhaft werden könnte, die werde aber jetzt im rauhen Winter weder er noch ein anderer Zauberer herbeizuschaffen vermögen. Da nahm Doktor Faustus drei silberne Schüsseln, setzte sie vor das Fenster des Tafelzimmers, murmelte eine Zauberformel und brachte dann alsbald die erste Schüssel voll frisches Obst, Äpfel, Birnen und Pfirsiche, die zweite voll Kirschen, Aprikosen und Pflaumen, die dritte voll blauer und grüner Trauben herein und hieß sie ohne Zagen davon essen, was die Gräfin auch mit großem Wohlbehagen tat.

Als nun die Zeit kam, daß Doktor Faustus von Anhalt Abschied nehmen wollte, so ersuchte er den Grafen und die Gräfin, ihn auf einem Spaziergang zu begleiten, er wolle ihnen etwas Neues zeigen. Dieses geschah im Geleite des gräflichen Gefolges, und als man vor das Burgtor trat, sah man auf einer Höhe, der Rombühl genannt, ein neuerbautes Schloß sich erheben, auf dessen breiten Wallgräben Wassergeflügel schwamm; das Schloß hatte fünf Türme, und als die Gesellschaft näherkam, fand sie zwei Tore und den Zwinger belebt von einer Menagerie seltener Tiere, die darin umhergingen und sprangen, ohne sich zu beschädigen, Affen, Meerkatzen, Bären, Gemsen, Strauße und sonstige Tiere. In einem Saale harrte ein auserlesenes Frühmahl, bei welchem Doktor Fausts Famulus, Christoph Wagner, den Diener machte, und in welchem eine unsichtbare Musik sich hören ließ. Speisen und Weine waren solcher Art, daß sie alle mit Wohlgefallen sättigten. Als die Gesellschaft aus diesem schönen Schlosse nach länger als einer Stunde Aufenthalt wieder aufbrach und sich dem Schlosse Anhalt wieder näherte, nicht ohne rückwärts nach dem neuen Schloß zu blicken, da hörten und sahen sie, wie dieses unter Schüssen und Krachen wie von Büchsen und Kartaunen in Flammen aufging, Faustus und Wagner waren verschwunden, und alle fühlten einen Löwenappetit, und es kam ihnen allen der Hunger in den Leib, und mußten noch einmal frühstücken, denn, was sie gegessen, war eitel Blendwerk gewesen.

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413. Das ist des Manns Feld

413. Das ist des Manns Feld

Da Kaiser Heinrich auf seiner Pfalz Wallhausen in der güldnen Aue Hoflager hielt, wollte er einem seiner Mannen eine Gnade erzeigen, und so erbat sich dieser ein Stück Feldes, angrenzend an die güldne Aue, so groß, als er mit einem Scheffel Gerste werde umsäen können. Dieses Ansuchen gewährte ihm der Kaiser, und der Mittelsmann säete nun nichts weniger als dicht, sondern lang und weit und umfing den Bodenraum einer ganzen Grafschaft. Das verdroß des Kaisers Ritter und Dienstmannen, und murrten gegen ihn, daß jener Kämpe mit ziemlicher Unbescheidenheit zu Werke gegangen, der Kaiser aber lachte und sprach: Wort ist Wort. Was der Mann umsäet hat, das ist des Manns Feld. Von da ab wurde und blieb der neuen Grafschaft der Name Mansfeld, und in das Wappen, das die Grafen annahmen, wurden Gerstenkörner gestellt, welche die Heraldiker hernach Wecken nannten, weil sie den Ursprung vergessen hatten und die Körner undeutlich ausgedrückt fanden, wie sie aus den ursprünglichen Pfauenschweifwedeln durch den Hut überm Wappen der alten Grafen von Henneberg ein paar unbedeutende Rohrkolben gemacht und andere solche Schnitzer mehr auf gar vielen alten Geschlechterwappen.– Des Hauses Mansfeld Ahnherren haben die alten Historiker, die so zuverlässig sind wie die alten Heraldiker, weit über die Zeit der Kaiser Heinriche hinaufgerückt, sie glänzten nach ihnen schon unter den Rittern der Tafelrunde.

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414. Schloß Mansfeld

414. Schloß Mansfeld

Die Sage geht, daß auf der Stätte, darauf Schloß Mansfeld sich erhob, jener Lindwurm hauste, und zwar in einem ungeheuerlichen Lindenwalde, den der Ritter St. Georg erlegte. Der Berg heißt noch bis heute der Lindberg, und St. Georg wurde als der Grafschaft Mansfeld Schutzpatron gar eifrig verehrt und sein Bild, den Lindwurm erlegend, zu Roß und zu Fuß auf die mansfeldischen Münzen geprägt, nicht minder war ihm die Kirche des Städtleins Mansfeld geweiht. Ja die Einwohnerschaft ehrte diesen Heiligen so hoch, daß sie ihn für einen Grafen und Herrn von Mansfeld hielt und überall sein Bildnis, selbst in Fensterscheiben und an Öfen, wie an Gebäuden, Säulen und Brücken, anbringen ließ. Das Schloß war groß, stattlich und fest, jedes neue Jahrhundert erweiterte es und schmückte es aus und brachte auch mancherlei Bildwerk an. So zeigt man noch als Wahrzeichen einen Mönchs- und einen Nonnenkopf und erzählt als Sage, daß ein klösterliches Liebespaar auf dem Schloß gefangengehalten worden; da erhenkte sich das arme Nönnlein in ihrer dunkeln Kammer, und der Mönch stürzte sich vom Schlosse, worauf die Geister beider in liebender Unzertrennlichkeit dem Geschäft des Spukens oblagen. Auch heitere Trinkbilder zierten manchen Eingang, denn die edlen Grafen waren mannliche Zecher und taten’s dem Grafen Klettenberg zum mindesten gleich. Einst besuchte Doktor Luther die hohen Herren, von ihnen eingeladen, da schwemmte ihm schon der Wein die Treppe herab entgegen, und droben die Trinker wankten und schwankten. Da rief Luther ihnen prophetisch zu: Ei, ihr Herren, dünget ja gut und schön! Da wird brav Gras danach wachsen! Und dem geschahe also. Gras wächst seit lange auf Treppen und Gängen und in den Höfen des Schlosses Mansfeld, hohes Gras, und die Grafen sind längst ausgestorben, der goldene Saal ihres Schlosses ist eine Trümmer.

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415. Stein und Schlacht am Welfesholz

415. Stein und Schlacht am Welfesholz

Ohnweit dem Städtchen Hettstedt liegt das Welfesholz, da liegt nahe dem Holze ein Stein in der Feldmark zwischen Helmsdorf und Gerbstädt, nur wenige Schritte von dem Schleifwege, welcher von Zabenstedt nach dem Welfesholze führt; derselbe Stein ist gar hoch berühmt.

Der Ahnherr der Grafen von Mansfeld, Graf Hoyer, war Kaiser Heinrichs V. Feldmarschall und führte dessen Heer gegen die Sachsen, die unter Graf Wiprecht von Groitsch stritten. Graf Hoyer war, wie der große Römer Julius Cäsar, aus seiner Mutter Leib geschnitten, und da die Schlacht am Welfesholze beginnen sollte, so ritt der Graf zu jenem Stein und sprach stolz und freudig:

Ich Grave Hoyer ungeborn,
Han noch keine Schlacht verlorn.
So wahr ich greif‘ in diesen Stein,
Auch diese Schlacht muß meine sein! –

und da griff er mit eiserner Hand in den Stein wie in einen Weizenteig und begann die Schlacht. Aber des Grafen Zuversicht und Stolz brach sein furchtbarer Gegner, Graf Wiprecht von Groitsch, der im persönlichen Kampfe nach der tapfersten Gegenwehr den Helden fällte und erschlug. Die Sachsen siegten, und des Kaisers Heer wich vom Kampfplatz, soviel dessen nicht erschlagen ward. Ein Weidenstock rief in dieser mörderlichen Schlacht: Jodute! Jodute!, den uralten Hülferuf. Das half zum Siege. Die Sachsen errichteten darauf eine Siegessäule, die sie Jodute nannten und ihr viele Ehrfurcht erwiesen; später wurde eine Kapelle an den Ort gebaut, und aus dem Jodute schufen die Mönche mit klugem Sinne ein Signum Adjutorii, das Volk aber in seinem unklugen Sinne machte einen neuen Heiligen des Namens Jodute daraus. Der Stein am Welfesholz steht noch auf dem Acker, fast eine Elle dick und breit, und die Spur des Griffes von der Heldenfaust ist tief in denselben eingedrückt. Er gleicht einem weißen Kiesel und wird beim Gewitter weich. Wenn einer mit einem Stock daranschlägt, soll er erklingen, als ob er hohl wäre.

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416. Die Geister auf Arnstein

416. Die Geister auf Arnstein

Nahe beim Dorfe Harkerode überm Tale des Flüßchens Eine ruhen die Trümmer der mansfeldischen Burg Arnstein. Auf dieser Burg saß auch ein Graf Hoyer zur Zeit Kaiser Karl V., und war dieses Kaisers Feldmarschall, ein Schrecken der Feinde, wie sein ruhmreicher Ahnherr, jener Hoyer, der in der Schlacht am Welfesholze fiel. Er war aber gar hart, grausam und tyrannisch, ließ viele Gefangene in seinem Burgverlies auf Arnstein verschmachten, und auch sein Gemahl war von gleicher Strenge und Herzenshärte. Dafür sind sie beide schon beim Leben oft verwünscht worden, und nach ihrem Absterben gedieh die Verwünschung dahin, daß sie beide in einem Winkel hoch oben in der Burgmauer einander gegenübersitzen und wimmern und stöhnen müssen. Die Gräfin spinnt und spinnt und muß ohn‘ Ende spinnen bis zum Jüngsten Tage.

Am Fuße des Burgberges geht ein spukender Mönch um, der alle sieben Jahre einmal herauf auf die Burg kommt und sie durchpoltert. Sonntagskindern zeigt er sich bisweilen sichtbarlich, andern nie; es ist aber kein Gewinn und keine Freude, sotanen Mönch zu sehen, denn sein Anblick erregt ein unaussprechliches Grauen.

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405. Der Mägdesprung

405. Der Mägdesprung

Im Selketale gipfelt sich eine schroffe Felswand empor, ähnlich dem Ilsenstein im Ilsetale, auch auf dem Gipfel mit einem eisernen Kreuze geziert, dem, wie jenem, ein anderer, nur minder hoher Felsen so gegenübersteht, als hätten beide zusammengehört. Auf beiden wird eine in den Fels tief eingedrückte Fußtapfe gezeigt und auch eine ähnliche Sage wie vom Ilsensteine erzählt.

Eine Liebende, deren Geliebter auf dem gegenüberstehenden Felsen ihrer harrte, ward von so heftiger Sehnsucht zu ihm getrieben, daß sie den gewaltigen Sprung hinüber wagte, und hüben und drüben drückten ihre Fußspuren sich dem Felsen ein. Daß nur eine Hünentochter solches vermochte, liegt in der Örtlichkeit bedingt. Andere erzählen, daß bloß, um bei einer lieben Gespielin zu sein, die junge Hünin, vom Petersberge herkommend, welche erstere drüben auf dem Rammberge unter der Teufelsmühle erblickte, den Sprung gewagt. Da sie eine Weile unschlüssig stand und die Sprungweite maß, während die Freundin ihr drüben winkte, sah sie drunten ein Knechtlein, das in der Harzgeroder Gegend pflügte und ihr lachend zurief: Springe doch, springe doch, Riesenmaid! Da bog die Hünenmagedein den ungeheuern Leib zu Tale, und streckte den Arm so lang aus wie die Jungfrau Helvetia im Bilde auf den neuen Schweizer Münzen, und raffte das Knechtlein samt Pferden und Pflug empor, und tat ihren Hupf hinüber samt allem, was sie in ihr Schürztuch geladen hatte, und da haben die beiden Hünentöchter tausend Spaß mit dem niedlichen Spielzeug, dem Menschlein, den Pferdlein und dem seltsamen Geräte, dem Ackerpflug, gehabt.

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406. Falkenstein und Tidian

406. Falkenstein und Tidian

Weit berufen ist das stattliche Schloß Falkenstein im Harz über dem Selketale, vorzugsweise weit und breit das Schloß genannt, darauf haben schon in uralten Zeiten mannliche Harzgrafen gesessen und hat ein Graf Hoyer von Falkenstein das berühmte alte Rechtsbuch, der Sachsenspiegel genannt, durch einen Edelmann, Ecko von Nebkau, sammeln und aus der lateinischen in die deutsche Sprache übertragen lassen.

Auf Schloß Falkenstein hauste ein Burggeist, der manchen Spuk übte. Da einstmals viele Grafen und Herren der Umgegend, darunter auch ein Graf von Anhalt war, auf Falkenstein beim Spiele saßen und dieser Graf alles verloren hatte, was er bei sich trug, setzte er noch ein oder einige Haare seines Bartes zum Spielpfande ein und verlor auch die. Niemand unterfing sich, dieselben ihm ausraufen zu wollen, und er selbst tat es auch nicht. Aber in der Nacht stattete ihm der Burggeist einen Besuch ab und forderte das Spielpfand und nahm’s. Einen andern edlen Herrn, der in verschlossener Kammer schlief, soll derselbige Geist aus dem Bette geworfen haben, doch könnte dies auch der Weingeist gewesen sein. Schloß Falkenstein ist noch im Stande trefflicher Erhaltung, und werden daselbst viele merkwürdige Gegenstände gezeigt.

Nahe beim Falkenstein liegt der Wald Tidian und in demselben eine tiefe Höhle, die Tidianshöhle geheißen, von der geht manche Sage. Es ruht in ihr neben andern reichen Schätzen ein ganz goldner Mann; wem es glückte, von diesem Mann etwas abzubringen, der hatte, wie die Goldschmiede erprobten, ein Gold, das an Reinheit und Feinheit jedes andere übertraf. Ein Schäfer, der so glücklich war, die Wunderblume zu finden, fand auch die Tidianshöhle; die eiserne Türe öffnete sich ihm, und er gewann Goldes die Fülle, das ein Goldschmied in Quedlinburg ihm abkaufte, gegen den der Schäfer kein Hehl machte, wo er es gewonnen. Der Goldschmied sprach zu ihm: Bringe mehr, und der glückliche Schäfer, immer noch im Besitz der Wunderblume, ging und fand und brachte mehr. Da kam ein Graf von Falkenstein zum Goldschmied, ein Geschmeide zu kaufen, verlangte es vom feinsten Golde, und da sprach der Goldschmied: Das feinste Gold kommt vom Tidian. Vom Tidian, aus meinem Walde? fragte erstaunt der Graf und erfuhr nun des Schäfers Glück. Solches wollte der Graf nicht nur teilen, denn vom Teilen mit dem gemeinen Mann sind die Grafen und Herren allüberall niemals und im geringsten nicht Freunde gewesen, sondern er wollt‘ es alleinig besitzen, ließ den Schäfer entbieten und befragte ihn scharf, warum er ihm, dem Grafen, das Gold aus dem Berge trage, gleich solle er den Ort zeigen, wo er es gefunden. Dem armen Schäfer, der an ein Unrecht nicht gedacht und genommen hatte, was gütige Berggeister ihm gönnten, erzitterte das Herz, er ließ seinen Hut aus der Hand fallen, da sprang des Grafen Affe herbei und nahm den Hut, spielte damit und zerbiß und zerpflückte die Wunderblume in eitel kleine Stücken. Wohl führte gehorsam der Schäfer seinen strengen Herrn in den Tidian, wohl fand er die Höhle, aber wo die eiserne Türe zum Innern sich geöffnet, da hemmte jetzt starrer Fels jeden Weiterschritt.

Die Sage geht, daß die Tidianshöhle ihre Schätze so lange festhalten müsse und werde, bis auf Schloß Falkenstein drei Herren geboren werden und gewohnt haben, von denen einer blind, einer lahm und einer stumm ist, und dieses ist noch nicht dagewesen.

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407. Der Gott im Kasten

407. Der Gott im Kasten

In der Gegend von Harzgerode und Günthersberge liegt ein uraltes Dorf, heißt Waterleben (Wasserleben), darinnen wohnten zu des löblichen Bischof Friedrich von Halberstadt Zeiten zwei fromme Schwestern, von denen hatte die eine ihr notdürftiges, ja gutes Auskommen, der andern aber ging alles krebsgängig, obschon sie es am Fleiß nicht mangeln ließ; betrübte sich deshalb nicht wenig und beneidete ihre Schwester, ließ ihr auch das mit Worten fühlen. Da sprach die glücklichere Schwester: Was neidest du mich? Ich habe unsern Herrgott im Kasten, der segnet all das Meine und gibt mir das Glück im Schlafe. Diese Worte nahm sich die arme Schwester zu Herzen, und als sie Ostern zum Nachtmahl ging, behielt sie die heilige Hostie im Mund und tät sie dann heimlich daheim in ein Tüchlein gewickelt in ihren Kasten. Als sie nun nach ein paar Tagen nachsehen wollte, ob der Herrgott im Kasten ihr etwas Rechtschaffenes zuwege gebracht, so sah sie, daß die Hostie Blut schwitzte, wie jene, die das Weib zu Zehdenick in der Mark vorm Bierfaß vergraben, und war das ganze Tuch, darin sie die Hostie gewickelt, von Blut durchnäßt. Erschrocken rief die Frau ihren Mann herbei, dieser zeigte es dem Pfarrer an und der Pfarrer dem Bischof zu Halberstadt, und da kam die ganze Klerisei der Umgegend, den Bischof an der Spitze, in Prozession, erhoben die Hostie und trugen sie unter Gesängen und mit brennenden Kerzen bis nach Hauslar (andere nennen Heudeber) und wollten sie gen Halberstadt führen. Aber von dem Altar, auf den die Hostie dort gesetzt ward, konnte sie nicht wieder abgenommen werden, und mußte allda bleiben, blutete aber fort und fort. Da kamen so viele andächtige Waller, daß von ihren Gaben gar bald ein Kloster gestiftet werden konnte. Ob der armen Frau, die gern auch den Gott im Kasten haben wollte, das heilige Blut in etwas zugute gekommen, davon meldet die Sage nichts, doch ist, daß es geschehen, wohl zu hoffen.

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408. Der Totenweg

408. Der Totenweg

Nicht weit von Waterleben liegt das Dorf Rottleberode, nahe dabei ist ein Teich und ein Hohlweg, den nennen die Leute den Totenweg. Als eine Anzahl Harzgrafen, darunter Graf Botho VII. von Stolberg, dessen Schwiegervater Graf Heinrich von Schwarzburg und Graf Heinrich der Kühne von Hohnstein, als Erbverbrüderte gegen den Bischof Burchard III. von Halberstadt kriegten und dieser Bischof in der güldnen Aue viel Schaden tat und allen Mutwillen alldorten ausübte, ließen sie die Wege aus dem Harzwald verhauen, griffen des Bischofs Heer in diesem Hohlweg an, erlegten eine große Anzahl, nahmen über siebenhundert Mann gefangen und jagten die übrigen in den Teich. Von da an hieß jener Hohlweg der Totenweg, und man hat bisweilen in ihm des Nachts wildes Schlachtgetümmel vernommen und Geister miteinander heftig kämpfen gesehen.

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