Jules Verne

Siebenunddreißigstes Capitel

Siebenunddreißigstes Capitel

Die Straße nach Westen. – Joe’s Erwachen. – Sein Eigensinn. – Ende von Joe’s Geschichte. – Tagelel. – Kennedy’s Besorgnisse. – Straße im Norden. – Eine Nacht bei Aghades.

Der Wind schien sich in der Nacht von seinen Strapazen am vorhergehenden Tage auszuruhen, und der Victoria weilte friedlich über dem Wipfel einer großen Sykomore; der Doctor und Kennedy hatten abwechselnd die Wache, und Joe machte sich das zu Nutze, um tüchtig zu schlafen, und zwar vierundzwanzig Stunden in einem Zuge.

»Es ist das beste Heilmittel für ihn, sagte Fergusson; die Natur wird seine Herstellung schon allein besorgen.«

Am Tage begann wieder ein heftiger, jedoch launischer Wind zu wehen; er wechselte oft seine Richtung, trieb den Victoria nach Süden, um ihn dann wieder nach Norden zu tragen, schließlich aber riß er den Ballon in westlicher Richtung fort.

Der Doctor recognoscirte, mit der Karte in der Hand, das Königreich Damerghu, ein wellenförmiges, sehr fruchtbares Gebiet, auf welchem die Hütten aus einer Mischung von langem Schilf und Asklepiazweigen erbaut waren; auf den beackerten Feldern erhoben sich Kornmühlen auf kleinen Gestellen, die sie vor der Zudringlichkeit der Mäuse und Termiten schützen sollten.

Bald erreichte man die Stadt Zinder, die sich durch ihren großen Richtplatz auszeichnet; im Mittelpunkt ist der Baum des Todes errichtet; der Henker wacht am Fuße desselben, und wer in seinen Schatten kommt, wird sofort gehangen.

Kennedy sah nach dem Compaß und konnte die Bemerkung nicht unterdrücken: »Nun gehen wir wieder nach Norden.

– Was thut’s! wenn der Weg uns nach Timbuktu führt, werden wir uns nicht darüber beklagen! Niemals ist dann eine schönere Reise unter besseren Umständen zu Stande gekommen! . . .

– Oder bei besserm Gesundheitszustande, fügte Joe rasch hinzu, und ließ sein gutmüthiges Gesicht freudig durch die Zeltvorhänge blicken.

– Da ist ja auch Freund Joe, unser Retter! rief Kennedy; wie geht’s denn?

– Wie natürlich, Herr Kennedy, wie natürlich! noch nie habe ich mich wohler befunden! Nichts reinigt den alten Menschen so gut, als ein Bad im Tschad-See und nachher eine kleine Vergnügungsreise. Sind Sie nicht auch der Meinung?

– Gute Seele! antwortete Fergusson, indem er ihm die Hand drückte; wie viel Angst und Unruhe haben wir um Dich empfunden.

– Und ich um Sie! oder glauben Sie, daß ich über Ihr Geschick ganz ruhig gewesen wäre? Sie können versichert sein, daß ich keine kleine Angst Ihretwegen ausgestanden habe!

– Wir werden uns nie verständigen, wenn Du die Dinge von dieser Seite auffassest.

– Ich sehe, daß sein Sturz ihn nicht verändert hat! fügte Kennedy hinzu.

– Deine edle Aufopferung hat uns gerettet, mein Junge, denn ohne sie wäre der Victoria in den See gefallen, und dann hätte ihn Niemand wieder herausziehen können.

– Wenn wirklich meine Aufopferung, wie Sie meinen Purzelbaum zu nennen belieben, Sie gerettet hat, Herr Doctor, so hat er jedenfalls auch mich selber mitgerettet, denn wir sind jetzt alle drei wieder wohlbehalten bei einander. Wir haben uns also gegenseitig nichts vorzuwerfen.

– Man wird sich mit dem Burschen nie verständigen, meinte der Jäger.

– Das beste Mittel zu einer Verständigung besteht darin, daß wir nicht mehr von der Geschichte sprechen. Was geschehen ist, ist geschehen! Mag es nun gut oder schlecht sein, so nützt es doch nichts, darauf zurückzukommen.

– Eigensinn! schalt der Doctor lachend. Du kannst uns nun wenigstens Deine Geschichte erzählen.

– Wenn sie Sie interessirt! Aber zuvor werde ich mit Ihrer gütigen Erlaubniß diese fette Gans in einen eßbaren Zustand versetzen; ich sehe, daß der Herr Dick seine Zeit nicht verloren hat.

– Wie Du willst, Joe.

– Wir wollen sehen, wie dies afrikanische Wild einem europäischen Magen behagt.«

Die Gans wurde alsbald in den Flammen des Knallgasgebläses geröstet und sodann verzehrt. Joe nahm seine tüchtige Portion davon, wie es sich für einen Menschen, der mehrere Tage nichts gegessen hat, ziemt. Nach dem Thee und dem Grog begann er, von seinen Abenteuern zu erzählen. Er sprach in einer gewissen Aufregung, da er zugleich die Ereignisse mit seiner gewöhnlichen Philosophie beleuchtete. Der Doctor drückte ihm mehrmals kräftig die Hand, als er sah, daß der brave Diener sich mehr mit der Wohlfahrt seines Herrn als mit dem eigenen Ergehen beschäftigt hatte. Bei dem Bericht von der Versenkung der Insel im Tschad-See erklärte er, daß diese Naturerscheinung dort durchaus nicht zu den Seltenheiten gehöre.

Endlich gelangte Joe im Lauf seiner Erzählung zu dem Moment, wo er im Morast versunken, einen letzten Schrei der Verzweiflung ausgestoßen habe.

»Ich hielt mich für verloren, fuhr er fort, und meine Gedanken richteten sich auf Sie. Noch ein Mal begann ich mich loszuarbeiten; wie? kann ich nicht genau sagen, aber ich war durchaus nicht Willens, mich so ohne allen Widerstand verschlucken zu lassen. Plötzlich gewahrte ich, etwa zwei Schritte von mir, ein frisch abgeschnittenes Tauende; ich arbeite mich mit äußerster Anstrengung, so gut es gehen will, bis nahe heran, und ergreife das Tau. Ich ziehe, es hält; ich hebe mich daran empor und stehe in kurzer Zeit auf festem Lande. Am Ende des Taues finde ich einen Anker; es war ein Anker des Victoria! . . . Ach, mein lieber Herr Doctor, ich hatte wohl ein Recht, ihn meinen Rettungsanker zu nennen, wenn Sie sonst nichts dagegen haben. Ich sah, daß Sie hier gelandet waren, und erkannte an der Lage des Taues, nach welcher Richtung hin Sie sich begeben hatten. Mit meinem Muthe waren auch meine Kräfte wiedergekommen, und ich marschirte einen Theil der Nacht hindurch, mich immer weiter von dem See entfernend. Endlich gelangte ich an den Saum eines unermeßlichen Waldes, wo in einem Gehege friedlich Pferde weideten. Es giebt im menschlichen Leben Augenblicke, wo ein Jeder reiten kann, nicht wahr? Ich für mein Theil verlor nicht eine Minute durch überflüssige Reflexionen, springe einem dieser Vierfüßler auf den Rücken und sprenge in aller Geschwindigkeit gen Norden. Ich erzähle Ihnen nichts von den Städten, die ich nicht gesehen habe, noch von den Dörfern, denen ich aus dem Wege geritten bin. Ich überschreite die Saatfelder, breche durch das Dickicht, überklettere Palissaden, treibe und sporne mein Thier an, und gelange endlich an die Grenze des angebauten Landes. Die Wüste! gut! das ist mir gerade Recht. Ich werde hier eine weitere Strecke übersehen können. Immer hoffte ich, den Victoria zu bemerken, wie er lavirend auf mich wartete. Aber nichts, gar nichts von ihm zu sehen! Nach drei Stunden gerieth ich Thor auf einen Lagerplatz der Araber; ach, was für eine Jagd! … Sehen Sie, Herr Kennedy, ein Jäger weiß eigentlich nicht, was eine Jagd ist, ehe er nicht selbst einmal gehetzt worden ist. Und doch, wenn er es vermeiden kann, gebe ich ihm den Rath, es lieber nicht zu versuchen! Mein Pferd sank vor Mattigkeit zusammen; die Kerle waren dicht hinter mir her; ich springe ab und einem Araber in den Rücken! ich habe nichts Böses mit ihm im Sinn gehabt, und hoffe, er wird mir’s nicht weiter übel nehmen, daß ich ihn erwürgt habe! Aber ich hatte Sie gesehen … und das Uebrige wissen Sie. Der Victoria eilt hinter mir her, Sie nehmen mich im Fluge auf, wie ein Reiter einen Ring auffängt. Hatte ich nicht Recht, daß ich auf Sie meine Hoffnung setzte? Sie haben nun gesehen, Herr Samuel, daß die ganze Geschichte höchst einfach und natürlich zugegangen ist. Ich bin gern bereit, Alles noch einmal durchzumachen, wenn ich Ihnen einen Dienst damit leisten kann; wie ich schon sagte, Herr Doctor, es ist nicht der Mühe werth, davon zu sprechen.

– Mein braver Joe, erwiderte der Doctor gerührt, wir hatten uns nicht geirrt, als wir uns auf Deine Klugheit und Geschicklichkeit verließen!

– Bah! man braucht nur immer den Ereignissen zu folgen, und sich bei precären Geschichten so gut wie möglich herauszuziehen. Das Sicherste ist immer noch, die Dinge zu nehmen, wie sie eben kommen.

Wahrend der Erzählung Joe’s hatte der Ballon in schnellem Fluge eine weite Strecke Landes durchmessen; Kennedy wies jetzt auf einen Complex von Hütten, der am Horizont wie eine Stadt erschien. Der Doctor zog seine Karte zu Rathe und recognoscirte den kleinen Marktflecken Tagelel in Damerghu.

»Wir kommen hier wieder auf die Straße Barth’s, sagte er,»in Tagelel trennte er sich von seinen beiden Begleitern Richardson und Overweg. Der Erstere sollte der Straße nach Zinder, der Letztere der nach Maradi folgen; ihr erinnert euch, daß von diesen drei Reisenden nur Barth Europa wiedersah.

– So steuern wir also jetzt direct nach Norden? fragte der Jäger, indem er auf der Karte die Richtung des Victoria verfolgte.

– Ja, mein lieber Dick.

– Und beunruhigt Dich das nicht einigermaßen?

– Warum meinst Du?

– Nun, weil dieser Weg uns nach Tripoli und über die große Wüste führt.

– O, wir werden so weit nicht kommen, Freund Kennedy, wenigstens hoffe ich es.

– Wo denkst Du einen Halt zu machen?

– Würde es Dir nicht interessant sein, einmal Timbuktu zu besuchen?

– Timbuktu?

– Ei freilich, mischte sich Joe in das Gespräch; wer in Afrika gewesen ist, muß auch Timbuktu gesehen haben.

– Du wirst der fünfte oder sechste Europäer sein, der diese geheimnißvolle Stadt sieht.

– Gut, also nach Timbuktu!

– Wenn wir zwischen den siebzehnten und achtzehnten Breitegrad kommen, werden wir eine günstige Strömung suchen, die uns nach Westen tragen kann.

– Haben wir noch eine lange Strecke nach Norden zu durchreisen? fragte der Jäger weiter.

– Noch mindestens hundertundfünfzig Meilen.

– Dann will ich ein wenig schlafen.

– Gute Ruhe, Herr Kennedy; legen Sie sich gleichfalls nieder, Herr Doctor; die Herren müssen sehr müde sein; ich habe Sie auf wirklich unverschämte Weise wachen lassen.«

Der Jäger streckte sich unter dem Zelte aus, aber Fergusson, über den die Müdigkeit wenig Macht hatte, blieb auf seinem Beobachtungsposten.

Nach drei Stunden überschritt der Victoria mit äußerster Geschwindigkeit ein steiniges Terrain mit hohen, kahlen Bergrücken auf einer Grundlage von Granit; einzelne, isolirte Spitzen erreichten sogar viertausend Fuß Höhe. Giraffen, Antilopen, Strauße sprangen mit wunderbarer Behendigkeit durch Wälder von Akazien, Mimosen, Suahs und Dattelpalmen; nach der Dürre der Wüste trat die Vegetation wieder in vollster Pracht in dem Lande der Kailuas auf, die sich ebenso wie ihre gefährlichen Nachbarn, die Tuaregs, mittelst einer Baumwollenbinde das Gesicht verschleiern.

Um zehn Uhr Abends hielt der Victoria nach einer herrlichen Fahrt von zweihundertundfünfzig Meilen über einer bedeutenden Stadt; beim Mondlicht konnte man erkennen, daß ein Theil derselben aus Ruinen bestand, einige Moscheenspitzen traten hie und da, von einem bleichen Mondstrahl beleuchtet, hervor. Der Doctor recognoscirte nach der Höhe der Sterne, daß er sich unter der Breite von Aghades befand.

Diese Stadt, ehemals der Mittelpunkt eines bedeutenden Handels, lag schon theilweise in Ruinen, als Doctor Barth sie besuchte.

Der Victoria, welcher im Schatten nicht bemerkt wurde, landete zwei Meilen oberhalb Aghades, auf einem großen Hirsefelde. Die Nacht war ziemlich ruhig und schwand gegen fünf Uhr Morgens, während ein leichter Wind den Ballon nach Westen und sogar ein wenig nach Süden lockte.

Fergusson beeilte sich, diesen glücklichen Umstand wahrzunehmen. Er stieg schnell empor und entfloh beim ersten, lichten Morgenstrahl.

Achtunddreißigstes Capitel

Achtunddreißigstes Capitel

Rasche Fahrt. – Vorsichtige Entschließungen. – Karawanen. – Beständige Regengüsse. – Gao – Der Niger. – Golberry, Geoffroy, Gray. – Mungo-Park. – Laing. – René Caillié. – Clapperton. – John und Richard Lander.

Der Tag des 17. Mai verging ruhig und ohne jeden Zwischenfall; die Wüste begann von Neuem; ein Wind mittlerer Stärke führte den Victoria nach Südwesten; dieser wich weder nach rechts noch nach links ab, und sein Schatten zog auf dem Sande eine strenggerade Linie.

Der Doctor hatte vor seinem Aufbruch der Vorsicht halber die Wasserkisten frisch gefüllt; er fürchtete, in diesen, von den Auelimminianischen Tuaregs unsicher gemachten Gegenden nicht landen zu können. Das Plateau, welches sich achtzehnhundert Fuß über dem Meeresspiegel erhob, fiel nach Süden hin ab. Nachdem die Reisenden die oft von Kameelen beschrittene Straße von Aghades nach Murfuk gekreuzt hatten, befanden sie sich Abends, nach einer Fahrt von hundertundachtzig Meilen, über einem äußerst monotonen Landstrich, unter 16° Br. und 4°55′ L.

Während dieses Tages richtete Joe die letzten Stücke Wildpret, die bis jetzt nur eine sehr summarische Vorbereitung erhalten, zu. Es waren sehr appetitliche Becassinen, die er zum Abendbrod auftrug. Da der Wind günstig war, und der Mond mit seinem bleichen Schimmer die Nacht erleuchtete, beschloß der Doctor, seine Reise nicht zu unterbrechen, ließ den Victoria fünfhundert Fuß steigen, und nun zog dieser so ruhig dahin, daß selbst der leichte Schlaf eines Kindes in ihm nicht gestört worden wäre.

Sonntag Morgen zeigte sich eine neue Veränderung in der Windrichtung; der Victoria trieb nach Nordwesten; einige Raben flogen in der Luft, und am Horizont sah man eine Schaar Geier, die sich aber glücklicher Weise in respectabler Ferne hielten.

Der Anblick dieser Vögel veranlaßte Joe, seinen Herrn in Betreff der neuen Balloneinrichtung zu beglückwünschen.

»Wo wären wir jetzt, wenn der Victoria nur die eine Hülle gehabt hätte? sagte er. Dieser zweite Ballon ist wie die Schaluppe bei einem Schiff; im Fall des Schiffbruchs kann man sie zur Rettung benutzen.

– Du hast Recht, Joe; nur macht mir meine neue Schaluppe einige Sorge; sie kommt dem Schiffe nicht gleich.

– Was willst Du damit sagen? fragte Kennedy.

– Ich meine, der neue Victoria steht an Güte gegen den alten zurück. Mag nun das Gewebe etwas gelitten haben, oder das Guttapercha bei der Hitze des Schlangenrohrs geschmolzen sein, ich constatire einen gewissen Gasverlust, der zwar bis jetzt nicht erheblich, aber doch schon wahrnehmbar ist. Der Ballon zeigt Neigung zu fallen, und um ihn oben zu halten, muß ich das Wasserstoffgas mehr ausdehnen.

– Verdammt!, fluchte Kennedy, es wird dafür kaum eine Abhilfe geben.

– Leider nein, lieber Dick; wir würden darum gut thun, auch die Nacht zu reisen, um Aufenthalt zu vermeiden.

– Sind wir noch weit von der Küste entfernt?, fragte Joe.

– Von welcher Küste, mein Junge? Wissen wir denn, wohin der Zufall uns führen wird? Ich kann Dir nur sagen, daß Timbuktu noch vierhundert Meilen nach Westen zu liegt.

– Und wie viel Zeit werden wir gebrauchen, um dorthin zu gelangen?

– Wenn der Wind uns nicht zu weit verschlägt, denke ich dort Dienstag Abend anzukommen.

– Jedenfalls treffen wir dort eher ein, als diese Karawane,« bemerkte Joe.

Fergusson und Kennedy schauten herab und sahen einen langen Zug von Menschen und Thieren, der sich durch die Wüste hinwand; es waren über hundertundfünfzig Kameele von jener Art, die für zwölf Muttals Gold mit einer Last von fünfhundert Pfund auf dem Rücken von Timbuktu nach Tafilet wandern; Jedes trug unter dem Schwanze einen kleinen Sack, der dazu bestimmt war, seine Excremente aufzunehmen; das einzige Brennmaterial, auf welches man in der Wüste rechnen kann.

Diese Kameele der Tuaregs gehören der besten Species an; sie können drei bis sieben Tage, ohne zu trinken, und zwei Tage, ohne zu fressen, ausdauern; ihre Schnelligkeit übertrifft sogar die der Pferde, und verständnißvoll gehorchen sie der Stimme des Khabir (Karawanenführers). Die Kameele sind im Lande unter dem Namen »Mehari« bekannt.

Diese Einzelheiten theilte der Doctor seinen Begleitern mit, während man die lange Linie von Männern, Frauen und Kindern vorüberziehen sah, die mühsam auf dem halbbeweglichen Sande vorwärts glitten. Einige Disteln, vertrocknete Gräser und hier und da ein kümmerliches Gesträuch verliehen dem Boden kaum einige Festigkeit. Der Wind verwischte fast augenblicklich wieder die Spur der Tritte.

Joe erkundigte sich, wie die Araber ihre Richtung in der Wüste bestimmen können, um die in dieser unendlichen Einöde verstreuten Brunnen nicht zu verfehlen.

»Die Araber, erklärte Fergusson, haben von der Natur einen vorzüglichen Sinn dafür erhalten, ihre Straße zu recognosciren; da, wo ein Europäer sich nicht zu orientiren weiß, schwanken sie nicht einmal; ein unbedeutender Stein, ein Kiesel, ein Grasbüschel, ja schon die verschiedene Nüancirung des Sandes genügt ihnen, um sicher ihrem Ziel zuzuschreiten.

Während der Nacht richten sie sich nach dem Polarstern; sie machen übrigens nie mehr als zwei Meilen in der Stunde, und ruhen während der Mittagshitze; hiernach könnt ihr euch vorstellen, eine wie lange Zeit sie brauchen, um die Sahara, eine Wüste von über neunhundert Meilen, zu durchreisen.«

Der Victoria war jetzt längst den erstaunten Augen der Araber entschwunden, denen seine Schnelligkeit gewiß beneidenswerth erschien. Am Abend zog der Ballon unter 2°20′ L. vorüber, und während der Nacht überschritt er noch mehr als einen Grad.

Am Montag ging eine totale Aenderung des Wetters vor sich; der Regen begann mit großer Heftigkeit herabzuströmen. Man mußte dieser Fluth und der Gewichtsvermehrung, mit der sie den Ballon und die Gondel belastete, Einhalt thun. Der fortwährende Regen gab eine genügende Erklärung von den Sümpfen, die das Land überall erfüllten; die Vegetation bestand auch hier hauptsächlich aus Mimosen, Baobabs und Tamarinden.

Hier lag das Gebiet von Sonray, dessen Dörfer durch die sonderbare Gestalt ihrer Hüttendächer einen so sonderbaren Anblick gewähren. Die Wohnungen sehen aus, als habe man ihnen armenische Hüte aufgestülpt. Es erhoben sich nur wenig Berge, und nur eben Hügel genug, als nöthig waren, um Schluchten und Weiher für die große Masse Perlhühner und Becassinen zu bilden, die hier zu finden sind. Ab und zu durchschnitt in ungestümem Laufe ein Strom die Straßen, der durch die Eingeborenen überschritten wurde, indem sie sich an einer Liane hielten, die an Bäumen herüber und hinüber gespannt war. Statt der Wälder sah man Dschungeln, in denen Alligatoren, Nilpferde und Nashörner ihre Schlupfwinkel suchten.

»Bald werden wir den Niger erreicht haben, sagte der Doctor, die Landschaft nimmt in der Nähe großer Flüsse eine andere Gestalt an. Diese Wasserstraßen haben zuerst die Vegetation hervorgerufen, wie sie später auch die Civilisation hierher bringen werden. So hat der Niger, in seinem Lauf von zweitausendfünfhundert Meilen, an seinen Ufern die wichtigsten Städte Afrika’s.

– Halt, schob hier Joe ein, das erinnert mich an die Geschichte von jenem Schlaukopf, der die Weisheit der Vorsehung besonders darin bewunderte, daß sie die großen Flüsse gerade durch die Städte geführt habe!

Am Mittag segelte der Victoria über die ehemalige Hauptstadt Gao hinweg; jetzt zeigt sie nur noch eine Vereinigung armseliger Hütten, und bildet einen kleinen Marktflecken.

»Dort setzte Barth bei seiner Rückkehr aus Timbuktu über den Niger, erzählte Fergusson, es ist dies der bereits im Alterthum bekannte Fluß, der Nebenbuhler des Nil, dem der heidnische Glaube einen himmlischen Ursprung gab; wie dieser hat er die Aufmerksamkeit der Geographen aller Zeiten in Anspruch genommen; und seine Erforschung hat noch zahlreichere Opfer gekostet als jener.«

Der Niger floß zwischen zwei weit von einander gelegenen Ufern dahin; seine Gewässer rollten mit großer Gewalt dem Süden zu, aber die Reisenden konnten die merkwürdigen Linien seines Laufs nicht näher besichtigen, sie wurden im Fluge weiter getragen.

»Ich wollte euch von diesem Strome sprechen, und schon ist er uns fern gerückt! Unter den Namen des Dhiuleba, Mano, Egghirreu, Quorra und anderen mehr durchfließt er eine ungeheure Länderstrecke, und kann es an Länge fast mit dem Nil aufnehmen. All‘ diese Namen bedeuten schlechtweg »Strom«, je nach der Sprache der verschiedenen Länder, durch welche er fließt.

– Hat Doctor Barth diese Straße verfolgt?, fragte Kennedy.

– Nein, Dick; als er den Tschad-See verließ, reiste er durch die hauptsächlichsten Städte von Bornu und durchschnitt den Niger bei Say, vier Grad südlich von Gao; dann drang er in das Innere jener unerforschten Gegenden, die der Niger in seinem Bogenlaufe umschließt, und gelangte nach achtmonatlichen, neuen Strapazen nach Timbuktu. Diese Reise werden wir bei günstigem Winde in drei Tagen vollenden.

– Hat man die Quellen des Niger entdeckt?, fragte Joe.

– Seit lange schon. Die Erforschung des Niger und seiner Nebenflüsse hat zahlreiche Entdeckungsreisen veranlaßt, von denen ich nur die hauptsächlichsten nennen will. Von 1749 bis 1758 bereist Adamson das Flußgebiet und besucht Gorée; von 1785 bis 1788 durchstreifen Golberry und Geoffroy die Wüsten Senegambiens und kommen bis zu dem Lande der Mauren, die Saugnier, Brisson, Adam, Riley, Cochelet und so viele andere Unglückliche ermordeten. Dann folgt der berühmte Mungo-Park, ein Freund Walter Scott’s, und wie dieser ein Schotte. Er wurde im Jahre 1795 von der afrikanischen Gesellschaft zu London abgesandt, erreicht Bambarra, sieht den Niger, macht in Gesellschaft eines Sklavenhändlers fünfhundert Meilen, recognoscirt den Gambia und kehrt im Jahre 1797 nach England zurück.

Am 30. Januar 1805 reist er mit seinem Schwager Anderson, dem Zeichner Scott und einer Schaar Handwerker wieder ab, kommt in Gorée an, nimmt sich eine Verstärkung von fünfunddreißig Soldaten, sieht am 19. August den Niger wieder, aber von vierzig Europäern bleiben in Folge der übermenschlichen Anstrengungen, Entbehrungen, Mißhandlungen, der Ungunst des Himmels, und der ungesunden Ausdünstungen des Landes nur noch elf am Leben; am 16. November gelangten die letzten Briefe Mungo-Park’s an seine Frau, und ein Jahr später erfuhr man durch einen Handelsmann dieses Landes, daß der unglückliche Reisende am 23. December in Bussa am Niger angekommen, seine Barke von den Katarakten des Stromes umgestürzt, und er selbst von den Eingeborenen ermordet sei.

– Und dies schreckliche Ende hielt die Forscher nicht zurück?

– Im Gegentheil, Dick; denn jetzt hatte man nicht nur den Fluß zu recognosciren, sondern auch die Briefschaften und Notizen des Reisenden aufzusuchen. Im Jahr 1816 wird zu London eine Expedition organisirt, an welcher sich Major Gray betheiligt; diese kommt in das Senegal, dringt nach Futa- Dhiallon, besucht die Völkerschaften der Fulahs und Mandingos und kehrt ohne weiteres Ergebniß nach England zurück. Im Jahre 1822 erforscht Major Laing jenen ganzen Theil des westlichen Afrika, der den englischen Besitzungen benachbart liegt, und erwirbt den Ruhm, zuerst an die Quellen des Niger gelangt zu sein; nach seinen Angaben hat die Quelle dieses Riesenflusses kaum zwei Fuß Breite.

– Leicht zu überspringen, meinte Joe.

– Leicht? das ist doch noch die Frage, entgegnete der Doctor.»Wenn man der Ueberlieferung Glauben schenkt, so wird ein Jeder, der es versucht, durch Springen über die Quelle zu setzen, sofort verschlungen; wer Wasser daraus schöpfen will, fühlt sich durch eine unsichtbare Hand zurückgezogen.«

– Es ist doch wohl gestattet, daß man nichts davon glaubt? fragte Joe.

– Jeder nach seinem Belieben. Fünf Jahre später sollte der Major Laing sich durch die Sahara schlagen, nach Timbuktu vordringen und einige Meilen weiter nördlich einen furchtbaren Tod durch die Ulad-Shiman finden, die ihn zwingen wollten, Muselmann zu werden.

– Wieder ein Opfer, sagte der Jäger.

– Nun unternahm ein muthiger junger Mann, dem nur geringe Hilfsquellen zu Gebote standen, die erstaunlichste der neueren Reisen und brachte sie auch glücklich zu Ende; ich rede von dem Franzosen René Caillié. Nach verschiedenen Anläufen in den Jahren 1819 und 1824 brach er den 19. April 1827 zu einer neuen Reise von Rio-Nunez auf; am 3. August langte er so erschöpft und krank in Timé an, daß er seine Reise erst im Januar 1828, sechs Monate später, wieder aufnehmen konnte; er gesellte sich dann, durch seine orientalische Kleidung geschützt, einer Karawane zu, erreichte am 10. März den Niger, drang in die Stadt Dschenna und fuhr den Fluß stromabwärts bis Timbuktu, wo er am 30. April ankam. Ein anderer Franzose, Imbert, hatte, vielleicht im Jahre 1670; ein Engländer, Robert Adams, im Jahre 1810 diese interessante Stadt gesehen; aber René Caillié sollte der erste Europäer sein, der genaue Angaben über dieselbe heimbringen durfte; am 4. Mai verließ er diese Königin der Wüste; am 9. besichtigte er genau die Stätte, an welcher Major Laing ermordet worden war; am 19. kam er nach El-Arawan und verließ diese Handelsstadt, um unter tausend Gefahren die großen, zwischen Süden und den nördlichen Gegenden Afrika’s liegenden Einöden zu überschreiten; endlich zog er wieder in Tanger ein und segelte am 28. September nach Toulon ab; in neunzehn Monaten hatte er trotz hundertundachtzigtägiger Krankheit Afrika von Westen bis zum Norden durchreist. Wenn Caillié in England geboren wäre, hätte man ihn als den kühnsten Reisenden der neuern Zeit gleich Mungo-Park geehrt, aber in Frankreich wird er nicht nach Verdienst geschätzt. [Fußnote]

– Ein unerschrockener Mann, stimmte Kennedy bei, was ist aus ihm geworden?

– Er starb im Alter von neununddreißig Jahren an den Folgen seiner Strapazen; man glaubte genug gethan zu haben, als man ihm im Jahre 1828 den Preis der Geographischen Gesellschaft zuerkannte; in England wären ihm die größten Ehrenbezeugungen erwiesen worden! Während übrigens René Caillié diese bewundernswerthe Reise vollendete, faßte ein Engländer, Kapitän Clapperton, der Begleiter Denham’s, den Plan zu demselben Unternehmen, das er mit gleichem Muthe, wenn nicht mit gleichem Glücke ausführte. Im Jahr 1829 begann er vom Busen von Benin an der Westküste seinen Einzug in Afrika, verfolgte den Weg Mungo-Park’s und Laing’s, fand in Bussa die auf den Tod des Erstern bezüglichen Beweisstücke, kam am 20. August in Sackatu an, wo er als Gefangener zurückgehalten, seinen letzten Athemzug in den Armen seines treuen Dieners Richard Lander, aushauchte.

– Und was wurde aus diesem Lander? fragte Joe sehr interessirt.

– Es gelang ihm, die Küste wieder zu erreichen; er kehrte nach London zurück und brachte die Briefschaften des Kapitäns und einen genauen Bericht seiner eigenen Reise mit; dann bot er der Regierung seine Dienste an, um die Erforschung des Niger zu vervollständigen; zur Gesellschaft nahm er seinen Bruder John, das zweite Kind armer Leute aus Cornwallis, mit, und die Beiden fuhren in den Jahren 1829 bis 1831 den Fluß von Bussa bis zur Mündung stromabwärts, indem sie ihre Reise Dorf für Dorf, Meile für Meile beschrieben.

– So sind also diese beiden Brüder dem allgemeinen Schicksal entgangen? fragte Kennedy.

– Ja, wenigstens auf dieser Forschungsreise; im Jahre 1833 aber, als Richard eine dritte Niger-Fahrt unternommen hatte, kam er nahe der Mündung des Flusses um; eine Kugel von unbekannter Hand hatte ihn getroffen. Ihr seht also, meine Freunde, das Land, durch welches wir gegenwärtig reisen, ist vielfach Zeuge edler Aufopferung gewesen, die nur zu oft mit dem Tode belohnt worden ist!

Vierundzwanzigstes Capitel

Vierundzwanzigstes Capitel

Der Wind legt sich. – Herannahen der Wüste. – Wassermangel. – Die Nächte unter dem Aequator. – Darlegung der gegenwärtigen Lage. – Kennedy’s und Joe’s energische Antworten. – Noch eine Nacht.

Der Victoria wurde an einen einzelnstehenden, fast vertrockneten Baum befestigt, und brachte die Nacht in vollkommener Ruhe zu. Die Reisenden konnten sich endlich ein wenig Schlaf gönnen, die letzten Tage hatten zu viele Aufregungen gebracht, und ihnen manche traurige Erinnerung zurückgelassen.

Gegen Morgen nahm der Himmel wieder seine glänzende Durchsichtigkeit und Hitze an; der Ballon stieg in die Lüfte und traf nach mehreren vergeblichen Versuchen auf eine übrigens nicht sehr schnelle Strömung, die ihn nach Nordwesten trug.

»Wir kommen nicht mehr von der Stelle, begann der Doctor; wenn ich mich nicht irre, haben wir in etwa zehn Tagen die Hälfte unserer Reise zurückgelegt, aber unter den jetzigen Verhältnissen kann es Monate dauern, ehe wir sie beenden; um so fataler, als wir von Wassermangel bedroht werden.

– Es ist doch ganz undenkbar, daß wir auf dieser großen Länderstrecke nicht einen Fluß, einen Bach oder irgend einen Teich antreffen sollten.

– Ich wünschte es.

– Sollte etwa Joe’s Ladung die Schnelligkeit unsrer Reise beeinträchtigen?«

Kennedy sagte das, um den guten Jungen zu hänseln, und es lag ihm dies um so näher, als er selbst innerlich einen Augenblick Joe’s Verblendung getheilt hatte. Da er aber solche Gefühle in sich verschlossen, spielte er sich jetzt als starken Geist auf, übrigens nur im Scherz.

Joe antwortete ihm nur mit einem verdrießlichen Blick. Der Doctor schwieg; er dachte nicht ohne geheimen Schrecken an die wüsten Einöden der Sahara, in denen Wochen dahingehen, ohne daß die Karawanen einen Brunnen antreffen, um ihren Durst zu löschen. Er faßte daher mit ängstlichster Sorgfalt auch die geringsten Senkungen des Erdbodens in’s Auge.

Diese Besorgniß des Doctors drückte, im Verein mit den letzten Ereignissen der Reise, die Stimmung der drei Reisenden merklich herab; es wurde weniger als je gesprochen, und jeder war in seine eigenen Gedanken versunken.

Der würdige Joe war nicht mehr wieder zu erkennen, seitdem er seine Blicke in das Meer von Gold getaucht hatte. Er betrachtete schweigend, mit sehnsüchtigem Verlangen seine in der Gondel angehäuften Steine, die heute noch werthlos, morgen unschätzbar werden konnten.

Der Anblick des Landes wurde hier übrigens beunruhigend; es nahm allmälig den Charakter der Wüste an. Weder ein Dorf noch die kleinste Vereinigung von Hütten war zu entdecken; die Vegetation verschwand mehr und mehr, kaum ließen sich noch, wie in den Heidedistricten Schottlands, einige verkrüppelte Zwergpflanzen entdecken; überall bezeichneten weißlicher Sand und Feuersteine den Anfang der Wüste. In dieser Unfruchtbarkeit erschien das rohe Gerippe der Erdoberfläche in scharfen, jäh abfallenden Felskämmen. Diese Anzeichen trostlosester Dürre riefen dem Doctor allerhand trübe Gedanken wach.

Es hatte nicht den Anschein, als sei jemals eine Karawane in diese verlassene Gegend gedrungen; sie hätte sicherlich Spuren eines Lagers, gebleichte Menschen- oder Thierknochen zurückgelassen; aber nichts von alledem war zu sehen. Man merkte bald, in welch‘ unermeßliche Sandfläche die öde Gegend auslaufen würde, aber an ein Zurückweichen war weder zu denken, noch lag es in der Absicht des Doctors. Ein Sturm jedoch, der ihn in so schneller Zeit als möglich über dieses Land fortgerissen hätte, wäre ihm willkommen gewesen; auch nicht eine Wolke ließ sich blicken! Am Ende dieses Tages hatte der Victoria noch nicht dreißig Meilen durchmessen.

Wenn nur kein Wassermangel zu fürchten gewesen wäre! Aber der ganze Vorrath bestand nur noch aus drei Gallonen! Fergusson bestimmte eine derselben, ihren brennenden Durst zu löschen, und die beiden übrigen, um das Knallgasgebläse zu speisen. Es konnten hiermit nur vierhundert und achtzig Cubikfuß Gas erzeugt werden, und da das Knallgasgebläse jede Stunde etwa neun Cubikfuß davon verbrauchte, konnte man nur noch auf eine vierundfünfzigstündige Reise rechnen.

Dieser Anschlag war mathematisch vollkommen genau und richtig.

»Vierundfünfzig Stunden! sprach Fergusson zu seinen Begleitern. Da ich nun aber fest entschlossen bin, die Nacht über nicht zu reisen, weil ich fürchte, einen Bach, eine Quelle oder irgend eine Lache zu übersehen, so bleiben uns noch drei und ein halber Reisetag; in dieser Zeit müssen wir um jeden Preis Wasser finden. Ich hielt es für meine Pflicht, euch, meine Freunde, mit dem Ernst der Situation bekannt zu machen, denn ich reservire nur eine einzige Gallone für den Durst, und mir werden uns auf eine sehr geringe Ration setzen müssen.«

»Theile die Rationen für uns ein, schlug der Jäger vor. Für jetzt haben wir keinen Grund zu verzweifeln, denn es liegen noch drei volle Tage vor uns, sagst Du?«

»Ja, mein lieber Dick.«

»Nun, da unser Jammern nichts helfen kann, wollen wir diese drei Tage benutzen, einen Entschluß zu fassen. Bis dahin laß uns unsere Wachsamkeit verdoppeln.«

Beim Abendessen wurde das Wasser genau gemessen, und der Branntweinzusatz im Grog erhöht. Man mußte jedoch vorsichtig mit diesem Getränk zu Werke gehen, das eher dazu dient, den Durst zu erhöhen, als ihn zu stillen.

Die Gondel ruhte während der Nacht auf einem unermeßlich weiten Plateau, von dem aus man eine große Senkung beobachten konnte. Die Höhe derselben betrug kaum achthundert Fuß über dem Meeresspiegel. Dieser Umstand flößte dem Doctor wieder einige Hoffnung ein, da er ihn daran erinnerte, was die Geographen in Bezug auf eine große Wasserfläche in Zentral-Afrika behauptet haben. Wenn dieser See wirklich vorhanden war, so mußte man ihn auffinden; an dem stets gleichmäßig unbewegten Himmel zeigte sich noch immer nicht die geringste Aenderung.

Auf die friedliche Nacht mit ihrem Sternenschein folgte ein Tag, der wenn möglich eine noch glühendere Hitze als die vorhergehenden entwickelte. Vom frühen Morgen an steigerte sich die Temperatur zu einer unerträglich drückenden Hitze.

Der Doctor hätte dieser intensiven Gluth durch ein Aufsteigen in die oberen Regionen entgehen können, doch wäre hiebei eine größere Quantität Wasser vergeudet worden, und dies wollte er entschieden vermeiden. Fergusson begnügte sich also damit, das Luftschiff in einer Höhe von hundert Fuß über dem Boden zu halten; eine schwache Strömung trieb es dem westlichen Horizonte zu.

Das heutige Frühstück bestand aus etwas getrocknetem Fleisch und Pemmican. Gegen zwölf Uhr Mittags hatte der Victoria kaum einige Meilen durchflogen.

»Wir können nicht schneller reisen, sagte der Doctor, wir sind nicht mehr Herren der Situation, sondern müssen uns den Verhältnissen fügen.«

– Mein lieber Samuel, hub der Jäger an, bei einer Gelegenheit wie diese wäre ein Propeller doch nicht zu verachten.

– Gewiß, Dick, wenn er nur kein Wasser verbrauchte, um sich in Bewegung zu setzen. Hierdurch würde nämlich unsere Lage genau dieselbe werden. Man hat übrigens bis jetzt keine praktische Erfindung in dieser Beziehung gemacht. Die Ballons stehen noch auf derselben Stufe wie die Schiffe vor Erfindung des Dampfes. Sechstausend Jahre hat man gebraucht, um die Schaufelräder und Schrauben zu ersinnen, wir können also noch eine gute Zeit warten.

– Verdammte Hitze! und Joe trocknete sich die hellen Schweißtropfen von der Stirn.

– Wenn wir Wasser hätten, würde uns diese Hitze nur förderlich sein, denn sie dehnt das Wasserstoffgas aus und erheischt eine weniger starke Flamme im Schlangenrohr. O, der verwünschte Wilde, dem wir diese kostbare Wasserkiste opfern mußten!

– Bedauerst Du, es gethan zu haben, Samuel?

– Nein, Dick; konnten wir doch diesen Unglücklichen dadurch einem qualvollen Tode entreißen! aber die hundert Pfund Wasser, die wir damals fortgeworfen haben, würden uns jetzt sehr nützlich sein. Mit ihrer Hilfe könnten wir noch zwölf bis dreizehn Tage weiterreisen, und somit sicher über diese Wüste hinwegkommen.

– Haben wir jetzt nicht wenigstens die Hälfte der Reise hinter uns? fragte Joe.

– Als Entfernung ja, aber was die Dauer anbetrifft, nein, wenn nämlich der Wind uns im Stich lässt: er scheint sich vollständig legen zu wollen.

– Nun, Herr Doctor, versetzte Joe, wir dürfen uns nicht beklagen; bis jetzt ist es uns leidlich gut gegangen, und es ist mir unmöglich, mich der Verzweiflung hinzugeben. Wir werden Wasser finden, und das sage ich – Joe!«

Der Boden senkte sich indessen von Meile zu Meile mehr. Die Wellenlinien der goldhaltigen Berge erstarben am Horizont. Es waren dies die letzten schwachen Anstrengungen einer erschöpften Natur. Zerstreute, einzelne Gräser ersetzten die schönen Bäume des Ostens, einige Streifen fahlen Grüns kämpften noch mit dem Sande um ihre Existenz; die großen, von den fernen Berggipfeln losgelösten Felsstücke zerbröckelten, bei ihrem Falle zerschmettert, in scharfe Kieselsteine, aus denen bald ein körniger Sand und dann ein ganz feiner Staub wurde.

»Sieh, Joe, so hast Du Dir Afrika vorgestellt; Du siehst jetzt, wie Recht ich hatte, Dir zu sagen: Habe Geduld und warte es ab.

– Aber, Herr Doctor, das ist ja ganz natürlich; Hitze und Sand. Es wäre thöricht, in einem solchen Lande etwas Anderes suchen zu wollen. Ich hatte ja keinen Glauben an eure Wälder und Prairien, fügte er lachend hinzu; das war widersinnig! es lohnte nicht der Mühe, so weit zu reisen, wenn man nichts Anderes sehen soll, als was man in England hat. Zum ersten Mal kommt es mir vor, als wäre ich in Afrika, und es thut mir nicht leid, ein wenig davon zu kosten.«

Gegen Abend constatirte der Doctor, daß der Victoria an diesem brennendheißen Tage nicht zwanzig Meilen zurückgelegt hatte. Ein warmes Dunkel umhüllte ihn, sobald die Sonne hinter der schnurgeraden Linie des Horizonts verschwunden war.

Der folgende Tag war der erste Mai, ein Donnerstag; aber die Tage folgten einander in verzweifelnder Eintönigkeit; dieser Morgen glich dem vorhergehenden ganz genau; die Mittagssonne sandte in verschwenderischer Fülle ihre immer gleichen, unerschöpflichen Strahlen, und die Nacht ballte in ihrem Schatten diese Wärme zusammen, die der folgende Tag dann wieder der darauffolgenden Nacht übergab. Der kaum merkliche Luftzug war mehr einem Aushauchen als einem Wehen zu vergleichen, und man fürchtete, den Augenblick im Voraus zu fühlen, in dem dieser schwache Athem gänzlich verlöschen würde.

Der Doctor trat der Trostlosigkeit seiner Lage mit voller Energie entgegen; er bewahrte die Ruhe und Kaltblütigkeit eines kampfgewohnten Herzens. Mit dem Fernglas in der Hand durchsuchte er alle Punkte, so weit der Horizont reichte; er sah die letzten Hügel sich allmälig ebnen, die Vegetation noch dürftiger werden und verschwinden, und wurde mit Schrecken gewahr, wie sich vor ihm die ganze Unermeßlichkeit der Wüste ausbreitete.

Fergusson war sich der Verantwortlichkeit, welche auf ihm ruhte, sehr schwer bewußt, obgleich er kein Wort hierüber verlor. Hatte er diese beiden Männer, Kennedy und Joe, die durch Pflicht und Freundschaft mit ihm verbunden waren, nicht fast gezwungen, mit ihm in die gefahrvolle Ferne zu ziehen? Hieß das nicht verwegen gehandelt? War diese Reise nicht ein Versuch, die Grenzen des Unmöglichen zu überschreiten? Hatte Gott nicht vielleicht erst späteren Jahrhunderten die Erforschung dieses unenträthselten Kontinents vorbehalten?

Wie dies gewöhnlich in den Stunden der Muthlosigkeit geschieht, drängten und vermehrten sich die quälenden Gedanken in seinem Hirn, und in wunderlicher Ideenverbindung setzte sich Samuel Fergusson über alle Logik und vernünftige Schlußfolgerung hinweg. Nachdem er darüber mit sich einig geworden war, was er nicht hätte thun sollen, ging er mit sich zu Rathe, was zu beginnen sei. Sollte es unmöglich sein, wieder umzukehren? Fanden sich nicht vielleicht mehr in der Höhe Strömungen, die ihn in weniger dürre Gegenden zurücktragen konnten? Ueber das schon durchreiste Land war er sich im Klaren, aber das noch vor ihm liegende kannte er nicht. So von Unentschlossenheit und Selbstvorwürfen gepeinigt, hielt er es für das Beste, sich gegen seine Gefährten freimüthig auszusprechen; er setzte ihnen den Stand der Dinge auseinander, und zeigte ihnen, was schon geschehen, und was noch zu thun übrig war. Im äußersten Falle könne man umkehren, oder es doch wenigstens versuchen. Er begehrte hierüber ihre Meinung zu hören.

»Ich habe keine andere Meinung, als die meines Herrn,« nahm Joe das Wort. »Was er leiden wird, kann ich auch ertragen, und noch leichter als er. Wo der Herr Doctor hingeht, werde ich ihm folgen.«

»Und Du, Kennedy?«

»Mein lieber Samuel, ich bin nicht der Mann danach, mich der Verzweiflung zu überliefern; Niemand kannte die Gefahren dieser Unternehmung besser als ich, aber ich habe von dem Augenblick an, als Du ihnen trotztest, meine Augen dagegen verschlossen. In der gegenwärtigen Lage geht meine Meinung dahin, daß wir ausharren müssen bis an’s Ziel. Die Gefahren scheinen mir übrigens bei einer Umkehr ebenso groß. Wenn es also vorwärts gehen soll, so kannst Du auf uns rechnen.«

»Ich danke euch, meine Freunde,« antwortete der Doctor, der durch diese Hingabe gerührt war; »ich hatte diese Treue und Aufopferung von euch erwartet, aber ich bedurfte so ermuthigender Worte; noch einmal, ich danke euch.«

Und die drei Männer drückten einander kräftig die Hände.

»Hört mich an, begann Fergusson von Neuem. Nach meinen Berechnungen sind wir nicht über dreihundert Meilen vom Golf von Guinea entfernt; die Wüste kann sich nach jener Richtung nicht zu weit ausdehnen, denn die Küste ist bewohnt und bis auf eine gewisse Strecke in’s Land hinein bekannt. Erforderlichen Falls werden wir auf diese Küste hinhalten, und es wäre undenkbar, daß wir nicht auf eine Oase oder einen Brunnen stoßen sollten, wo wir unsern Wasservorrath erneuern könnten. Aber was uns zur Ausführung dieses Planes fehlt, ist der Wind, ohne den wir ruhig auf einer Stelle in der Luft festgehalten werden.

– Wir müssen geduldig warten,« sagte der Jäger.

Und ein Jeder erforschte spähenden Auges an diesem Tage, der kein Ende zu nehmen schien, den weiten Raum. Nichts zeigte sich, das eine Hoffnung hätte wecken können; die letzten wellenförmigen Erhebungen des Bodens verschwanden beim Untergang der Sonne, deren horizontale Strahlen sich auf dieser flachen Unermeßlichkeit zu langen Feuerlinien verlängerten. Das war die Wüste.

Die Reisenden hatten heute kaum eine Entfernung von fünfzehn Meilen zurückgelegt, dabei aber, wie am vorhergehenden Tage, hundertfünfunddreißig Cubikfuß Gas verbraucht, um das Knallgasgebläse zu unterhalten, und zwei Pinten Wasser von achten hatten verwandt werden müssen, um den brennenden Durst zu stillen.

Die Nacht verging ruhig, nur zu ruhig! der Doctor konnte kein Auge schließen.

Fünfundzwanzigstes Capitel

Fünfundzwanzigstes Capitel

Ein wenig Philosophie. – Eine Wolke am Horizont. – Im Nebel. – Der unerwartete Ballon. – Die Signale. – Genaue Ansicht des Victoria. – Die Palmbäume. – Spuren einer Karawane. – Der Brunnen inmitten der Wüste.

Am folgenden Tage die gleiche Klarheit des Himmels, dieselbe unbewegliche Ruhe der Atmosphäre. Der Victoria stieg zu einer Höhe von fünfhundert Fuß, aber man konnte kaum eine kleine Ortsveränderung nach Westen zu bemerken.

»Wir sind inmitten der Wüste, verkündete der Doctor. Eine unabsehbare Sandebene! Welch‘ sonderbares Schauspiel! Wie eigenthümlich hat doch die Natur ihre Gaben vertheilt! Warum dort jene reiche Vegetation und hier diese außerordentliche Dürre – Beides unter derselben Breite, denselben Sonnenstrahlen!«

»Das Warum bekümmert mich wenig, mein lieber Samuel,« antwortete Kennedy. »Der Grund macht mir weniger zu schaffen, als die Thatsache selbst. Für mich ist das Wesentliche, daß es sich so verhält.«

»Man muß doch etwas philosophiren, lieber Dick; das kann nicht schaden.«

»Nun ja, wir haben Zeit genug dazu; es ist nicht zu bemerken, daß wir vorwärts kommen. Der Wind fürchtet sich zu wehen, er schläft.«

»Es wird nicht mehr lange so währen,« sagte Joe, »es kommt mir vor, als bemerkte ich einige Wolken dort im Osten.«

»Wirklich! Joe hat Recht,« pflichtete der Doctor bei.

»Ei,« versetzte Kennedy, »eine richtige Wolke mit einem tüchtigen Regen und starkem Winde könnte uns gerade passen.«

»Wir werden sehen, Dick, wir werden sehen.«

»Es ist aber Freitag, Herr Doctor, und dem Freitag habe ich nie recht getraut.«

»Hoffentlich kommst Du heute von Deinem Vorurtheil zurück.«

»Ich wünschte es, Herr Fergusson ….« Er holte tief Athem und trocknete sich das Gesicht … »Wärme ist etwas Schönes, besonders im Winter, aber im Sommer darf man keine Verschwendung damit treiben.«

»Fürchtest Du nicht die Einwirkung der Sonnenhitze auf unsern Ballon?«

»Nein; das Guttapercha, mit welchem der Taffet überzogen ist, würde noch eine weit höhere Temperatur vertragen. Ich habe im Innern des Ballons vermittelst des Schlangenrohrs bisweilen eine Hitze von hundertachtundfünfzig Grad erzeugt, und die Hülle scheint mir bis jetzt noch nicht gelitten zu haben.«

»Eine Wolke, wirklich eine Wolke!« rief Joe, dessen scharfer Blick jedes Fernrohr zum Wettstreit herausforderte.

Und in der That konnte man jetzt deutlich eine Wolkenschicht erkennen, die sich langsam über den Horizont erhob; sie schien ziemlich tief zu stehen und sah gleichsam aufgedunsen aus. Es war eine Anhäufung kleinen Gewölks, das aber unveränderlich seine Gestalt beibehielt, und hieraus glaubte der Doctor schließen zu dürfen, daß sich keine Luftströmung in dem Gebilde befände.

Gegen acht Uhr Morgens war diese compacte Masse erschienen, und erst um elf Uhr erreichte sie die Sonnenscheibe, welche völlig hinter ihr verschwand; in diesem Augenblick trennte sich der untere Streifen der Wolke von der Linie des Horizonts, die wieder im vollen Lichte strahlte.

»Es ist nur ein isolirtes Gewölk, auf das man nicht viel Hoffnung bauen darf, meinte der Doctor. Sieh nur, Dick, seine Gestalt ist noch genau dieselbe wie heute Morgen.

– Es ist auch noch nichts von Regen oder Wind zu verspüren.

– Sie hält sich immer in großer Höhe.

– Nun, Samuel, könnten wir nicht diese Wolke, da sie sich durchaus nicht über uns entleeren will, aufsuchen?

– Ich fürchte, das wird nicht viel helfen, entgegnete Fergusson; auch wird es uns eine beträchtliche Menge Gas und somit Wasser kosten. Wir dürfen jedoch in unserer Lage nichts unversucht lassen, und so wollen wir steigen.«

Der Doctor trieb die Flamme des Knallgasgebläses in die Windungen des Schlangenrohrs; es entstand eine gewaltige Hitze, und bald erhob sich der Ballon unter Einwirkung seines ausgedehnten Wasserstoffgases.

Ungefähr fünfzehnhundert Fuß von der Erdoberfläche traf man auf die schattige Wolkenmasse und war hier von einem dichten Nebel umgeben, dem jedoch alle Feuchtigkeit zu fehlen schien. Auch war nicht der leiseste Windhauch zu verspüren. Der in diesen Dunst gehüllte Victoria kam ein wenig schneller von der Stelle, aber dies war auch der einzige Vortheil.

Der Doctor constatirte soeben dieses höchst mittelmäßige, von seinem Manöver erzielte Resultat, als Joe im Ton der lebhaftesten Ueberraschung ausrief:

»Das ist aber doch gar zu merkwürdig! Herr Doctor, Herr Kennedy! das ist erstaunlich!

– Was giebts denn, Joe?

– Wir sind nicht allein hier; intrigante Leute haben uns unsere Erfindung nachgemacht, gestohlen!

– Ist er närrisch geworden, oder was hat er?« fragte Kennedy.

Joe stand vor Verwunderung starr wie eine Bildsäule.

»Sollte die Sonne den Verstand des armen Burschen verwirrt haben? sagte Fergusson besorgt.

– Aber so sehen Sie doch, Herr Doctor, schrie Joe abermals, und deutete in die Luft auf einen bestimmten Punkt.

– Beim heiligen Patrik, der Kerl hat Recht! rief jetzt auch Kennedy; es ist unglaublich! Samuel, Samuel, so sieh doch!

– Ich sehe, antwortete dieser ruhig.

– Noch ein anderer Ballon! noch andere Reisende als wir!

Wirklich schwebte zweihundert Fuß hoch ein Luftschiff nebst Gondel und Reisenden. Es verfolgte genau dieselbe Richtung wie der Victoria.

»Wir wollen Signale mit ihm austauschen, schlug der Doctor vor; nimm die Flagge, Kennedy, und zeige unsere Farben.«

Augenscheinlich hatten die Reisenden im andern Luftschiff denselben Gedanken gehabt, denn auch dort streckte sich eine Hand mit der nämlichen Farbe heraus und wurde grüßend in derselben Weise geschwungen, wie hier von Kennedy.

»Was hat denn das zu bedeuten? fragte verwundert der Jäger.

– Es sind Affen, die unserer spotten, schalt Joe.

– Du selbst giebst auch drüben das Signal, mein lieber Dick, erwiderte Fergusson lachend. Die Reisenden in jener Gondel sind wir, und der Ballon ist ganz einfach unser Victoria.

– Verzeihen Sie, Herr Doctor, aber das kann ich nicht glauben; es ist unmöglich.

– So tritt an den Gondelrand, mein Junge, und bewege Deinen Arm. Du wirst Dich dann wohl überzeugen.«

Joe that, wie ihm geheißen, und sah, wie seine Bewegungen und Geberden augenblicklich und genau drüben reproducirt wurden.

»Es ist nichts weiter, als Luftspiegelung, eine sehr einfache Naturerscheinung der Optik, die in der ungleichen Dichtigkeit der Luftschichten ihren Grund hat, erklärte der Doctor.

– Wie wunderbar! hub Joe wieder an; er konnte sich über dies seltsame Phänomen nicht beruhigen und setzte seine Geberden und Armbewegungen noch weiter fort.

– Ein interessantes Schauspiel! äußerte Kennedy; und es ist wirklich ein Vergnügen, unsern wackern Victoria so anschauen zu können! Er nimmt sich prächtig aus, wie er so majestätisch dahinschwebt!

– Die Herren mögen die Sache immerhin auf ihre Weise auslegen und erklären, sagte Joe; für mich ist und bleibt die Geschichte sehr sonderbar.«

Allmälig erlosch das Bild; die Wolken stiegen höher empor, der Victoria, der ihnen nicht mehr zu folgen suchte, blieb zurück, und in Zeit von einer Stunde war das Himmelsgewölbe wieder klar wie vorher.

Der Wind schien jetzt noch schwächer zu werden, und der Doctor näherte sich entmuthigt dem Boden.

Die Reisenden, welche von dem Zwischenfall eine Zeit lang beschäftigt worden waren, fielen wieder in ihre trübe Stimmung zurück und ertrugen schweigend die Pein der sengenden Hitze.

Gegen vier Uhr glaubte Joe einen Gegenstand zu bemerken, der sich von der weiten Sandfläche abhob, und bald versicherte er entschieden, daß dies zwei Palmbäume seien, die in nicht allzu großer Entfernung von ihnen emporragten.

»Palmbäume!« rief Fergusson erregt, »dann muß dort auch eine Quelle, ein Brunnen zu finden sein.«

Er nahm ein Fernglas zur Hand und sah, daß Joe’s Augen ihn nicht getäuscht hatten.

»Endlich Wasser, Wasser!« fuhr er fort, »nun winkt uns Rettung; denn wenn wir auch nur langsam weiterkommen, wir schreiten doch mehr und mehr vor und werden zuletzt an’s Ziel gelangen!«

»Nun, Herr Doctor! Wie wär’s, wenn wir vorerst einmal tränken? Die Luft ist zum Ersticken heiß.«

»Ja, mein Junge, laß uns trinken.«

Niemand ließ sich dazu nöthigen, und eine ganze Pinte ging drauf, wodurch der Vorrath auf drei und eine halbe Pinte verringert wurde.

»Ach, thut das wohl!« schmunzelte Joe. »Wie herrlich ist das! nie hat mir Bier von Perkins nur halb so gut gemundet!«

»Das sind die Vortheile der Entbehrung,« bemerkte der Doctor.

»Sie sind, im Ganzen genommen, gering,« meinte der Jäger, »und wenn ich auch nie dies Vergnügen am Wassertrinken finden sollte, würde ich doch gern darauf verzichten unter der Bedingung, daß es mir nicht wieder fehlte.«

Um sechs Uhr schwebte der Victoria über den Palmbäumen; es waren zwei armselige, vertrocknete Baumgespenster ohne Laub und mehr todt wie lebendig. Fergusson konnte sich bei ihrem Anblick eines Schreckens nicht erwehren. Unter ihnen bemerkte man die halb verwitterten Steine eines Brunnens, aber auch sie waren von der Sonnengluth fast zersetzt und dem Zerbröckeln nahe. Nirgend zeigte sich auch nur ein Schimmer von Feuchtigkeit. Samuel’s Herz zog sich bei diesem Anblick zusammen, und er wollte soeben den Gefährten seine Befürchtungen mittheilen, als ihre lauten Ausrufe seine Aufmerksamkeit in Anspruch nahmen.

Eine Strecke hinaus, nach Westen zu, gewahrte man eine lange Linie gebleichter Gebeine, und Stücke von Skeletten umringten die Quelle. Augenscheinlich war eine Karawane bis hierher vorgedrungen und hatte ihren Weg durch dieses traurige Wahrzeichen kenntlich gemacht. Die Schwächeren waren auf dem Sande zusammengesunken, und die Stärkeren hatten, bis zu der so heiß ersehnten Quelle gelangt, hier ihren schauerlichen Tod gefunden.

Die Reisenden blickten einander erbleichend an.

»Laß uns hier nicht aussteigen,« bat Kennedy; »wir wollen fliehen vor diesem scheußlichen Schauspiel. Es ist hier nicht ein Tropfen Wasser zu bekommen.«

»Nein, Dick, davon müssen wir uns erst genauer überzeugen; auch können wir hier ebenso gut wie anderswo die Nacht zubringen. Wir wollen diesen Brunnen bis auf den Grund untersuchen; es ist hier einst eine Quelle gewesen, und vielleicht können wir noch einen Rest des Wassers entdecken.«

Der Victoria landete; Joe und Kennedy legten in die Gondel ein dem ihrigen gleichkommendes Gewicht Sand, stiegen aus und eilten zur Quelle, um auf Stufen, die fast nur noch aus Staub bestanden, in das Innere derselben einzudringen. Sie schien bereits seit langen Jahren versiegt, und Dick und Joe erspähten nichts als morschen, trockenen, ausgedörrten Sand. Nirgend eine Spur von Feuchtigkeit.

Der Doctor sah, wie seine beiden Gefährten erhitzt, entstellt und mit einem seinen Staube bedeckt wieder oben ankamen, und er begriff sofort, daß ihre Nachforschungen, wie er es erwartet hatte, umsonst gewesen waren; aber er sagte nichts – war er sich doch bewußt, daß er von diesem Augenblick an Muth und Energie für drei haben müsse.

Joe hatte die Stücke eines zusammengeschrumpften Schlauches gefunden, und warf sie jetzt zornig unter die auf dem Boden zerstreut umher liegenden Gebeine.

Während die Freunde ihre Abendmahlzeit verzehrten, wurde kein Wort unter ihnen gewechselt; sie gaben sich dem Genusse nur mit innerm Widerstreben hin. – Und doch hatten sie bis jetzt noch nicht die wirklichen Qualen des Durstes zu erdulden gehabt und schauten nur verzweiflungsvoll in die Zukunft.

Sechsundzwanzigstes Capitel

Sechsundzwanzigstes Capitel

Hundertunddreizehn Grad. – Erwägungen des Doctors. – Verzweifeltes Suchen. – Das Knallgasgebläse erlischt. – Hundertzweiundzwanzig Grad. – Betrachtung der Wüste. – Ein Spaziergang während der Nacht. – Oede. – Ohnmacht. – Joe’s Pläne. – Um einen Tag aufgeschoben.

Die vom Victoria am verflossenen Tage zurückgelegte Strecke betrug nicht über zehn Meilen, und doch hatte man, um sich oben zu halten, hundertzweiundsechzig Cubikfuß Gas verbraucht. Am Sonnabend Morgens gab der Doctor das Signal zum Aufbruch.

»Das Knallgasgebläse kann nur noch sechs Stunden arbeiten,« verkündete er seinen Begleitern; »wenn wir in dieser Zeit weder einen Brunnen noch eine Quelle entdeckt haben, weiß Gott allein, was aus uns werden wird.«

»Schlechter Wind heute Morgen, Herr Doctor,« sagte Joe, aber schnell fügte er hinzu, als er die tiefe Niedergeschlagenheit Fergusson’s bemerkte: »vielleicht wird er sich aber noch aufmachen.«

Eitle Hoffnung! es herrschte eine Todtenstille in der Luft, eine jener Windstillen, die auf den tropischen Meeren die Schiffe für lange Zeit auf einer Stelle bannen. Die Hitze wurde unerträglich, und das Thermometer zeigte im Schatten des Zeltes hundertunddreizehn Grad.

Joe und Kennedy hatten sich neben einander ausgestreckt, und suchten, wenn auch nicht im Schlaf, so doch in einer Art von Betäubung ihre furchtbare Lage zu vergessen. Die erzwungene Unthätigkeit legte ihnen eine neue Pein auf, denn wer sich seinen Leiden nicht durch eine Arbeit oder äußerliche Beschäftigung entziehen kann, fühlt sie bei Weitem tiefer. Hier gab es nichts zu beaufsichtigen, noch zu unternehmen; man mußte Alles hinnehmen, ohne eine Aenderung herbeiführen zu können.

Die Qualen des Durstes begannen, sich grausam fühlbar zu machen; der Branntwein, weit entfernt, dies gebieterische Bedürfniß zu befriedigen, machte im Gegentheil den Durst noch brennender, und verdiente mit Recht den, ihm von den Eingeborenen zugelegten Namen der »Tigermilch«. Es waren kaum noch zwei Pinten einer erhitzten Flüssigkeit vorhanden, und Jeder verschlang mit den Blicken diese wenigen, so kostbaren Tropfen, ohne es doch zu wagen, seine Lippen damit zu netzen. Zwei Pinten Wasser inmitten der Wüste!

Fergusson fragte sich jetzt, ob er recht gehandelt habe, indem er einen so großen Theil des Wassers zerlegte, nur um den Ballon oben zu halten? er war dadurch allerdings eine kleine Strecke weiter gekommen, aber war ihm daraus irgend ein Nutzen entsprungen? Es konnte ihm völlig gleichgiltig sein, ob er sich gegenwärtig hier oder sechzig Meilen zurück unter derselben Breite befände, wenn ihm hier das Wasser ausging. Erhob sich endlich der Wind, so würde er ebenso wohl dort unten wehen wie auch hier, ja hier vielleicht noch weniger schnell, wenn er von Osten herkam; aber die Hoffnung hatte den Doctor immer weiter getrieben. Wenn man jetzt die beiden vergeblich angewandten Gallonen Wasser gehabt hätte, so wäre ein neuntägiger Aufenthalt hier in der Wüste möglich gewesen. – Vielleicht auch hätte Fergusson weiser gehandelt, wenn er das Wasser nicht angriff, und den Ballon durch Ballast-Auswerfen und nachherigen Gasverlust steigen und fallen ließ. Aber das Gas des Ballons war ja sein Blut, sein Leben!

Diese tausendfachen Betrachtungen kreuzten sich in seinem Hirn, während er, den Kopf in beide Hände gestützt, ganze Stunden lang dumpf vor sich hinbrütete.

»Wir müssen eine letzte Anstrengung machen, sagte er gegen zehn Uhr Morgens zu sich; wir wollen noch einmal versuchen, eine atmosphärische Strömung zu finden, die uns forttragen kann, und wenn wir dabei unsere letzten Hilfsquellen daransetzen müßten.«

Und während seine Gefährten in apathischem Halbschlaf dalagen, machte er sich daran, das Wasserstoffgas des Luftschiffes auf einen hohen Temperaturgrad zu bringen; dieses rundete sich, und stieg unter der Spannung des Gases gerade in die senkrechten Strahlen der Sonne hinein. Aber vergebens suchte Fergusson in den Luftschichten von hundert bis fünftausend Fuß Höhe einen Windhauch; die Stelle, von der er aufgestiegen, blieb gerade unter ihm, und bis an die äußersten Grenzen der athmungsfähigen Luft schien absolute Stille zu herrschen.

Endlich war das Wasser für die Speisung des Ballons vollständig aufgebraucht; das Knallgasgebläse erlosch aus Mangel an Gas, die Bunsen’sche Batterie stellte ihre Arbeit ein, und der Ballon wurde schlaff, und ließ sich langsam an demselben Platze auf den Sand herab, auf dem die Gondel vor Kurzem ihre Spuren eingedrückt hatte.

Es war zwölf Uhr; die Aufnahme ergab 19° 35′ L. und 6° 51′ Br., also etwa fünfhundert Meilen Entfernung von dem Tschad-See und über vierhundert Meilen von den westlichen Küsten Afrika’s.

Als die Gondel auf dem Boden anlangte, erwachten Dick und Joe aus ihrem schweren Schlummer.

»Wir halten an?« rief der Schotte.

»Es bleibt uns nichts anderes übrig,« lautete die ernste Erwiderung.

Seine Begleiter verstanden ihn. Die Erdoberfläche befand sich in Folge ihrer beständigen Senkung mit dem Meeresspiegel in gleicher Höhe, und der Ballon hielt sich demgemäß ganz unbeweglich, und in vollkommenem Gleichgewicht.

Die Gondel wurde mit einer Last Sand beladen, die der Schwere der Reisenden gleichkam, und diese stiegen auf den Erdboden herab. Ein Jeder versenkte sich in seine Gedanken, und Keiner sprach ein Wort. Joe bereitete das aus Zwieback und Pemmican bestehende Abendessen, aber es wurde kaum berührt. Ein Schluck heißen Wassers vervollständigte dies traurige Mahl.

Wählend der Nacht hielt Niemand Wache, aber Niemand schlief auch. Die Hitze war entsetzlich. Am folgenden Morgen war nur noch eine halbe Pinte Wasser vorhanden, und der Doctor reservirte sie für den Fall der äußersten Noth.

»Ich ersticke, klagte Joe, die Hitze wird immer furchtbarer; man darf sich freilich nicht darüber wundern,« fügte er hinzu, nachdem er einen Blick auf das Thermometer geworfen; »wir haben hundertundvierzig Grad Wärme.«

»Der Sand brennt, als wäre er in einem Ofen erhitzt,« bemerkte der Jäger, »und nicht eine Wolke zeigt sich an dem feurigen Himmel! es ist, um wahnsinnig zu werden!«

»Wir dürfen noch nicht verzweifeln,« beruhigte sie der Doctor. »Auf so große Hitze folgen unvermeidlich in diesen Breiten Stürme, die dann mit der Schnelligkeit des Blitzes eintreten. Trotzdem jetzt der Himmel klar und hell ist, können sich in weniger als einer Stunde große Veränderungen des Wetters einstellen.«

»Ach, könnten wir doch etwas davon bemerken,« seufzte Kennedy.

»Nun,« entgegnete der Doctor, »es scheint mir, als zeige das Barometer eine leise Neigung zu fallen.«

»Der Himmel gebe es, Samuel! wir sind hier an den Boden gefesselt, wie ein Vogel, dem die Flügel zerschmettert sind.«

»Mit dem Unterschiede, mein lieber Dick, daß unsere Flügel unversehrt sind, und ich die Hoffnung hege, bald den gehörigen Gebrauch von ihnen machen zu können.«

»O, wenn sich doch endlich Wind erhöbe!« rief Joe. »Wenn uns nur die Möglichkeit gegeben wird, an einen Bach oder einen Brunnen zu gelangen, so kann uns nichts mehr fehlen. Die Lebensmittel sind hinreichend, um unser Leben noch einen Monat lang zu fristen, aber der Durst ist gar zu grausam.«

Nicht nur der Durst, sondern auch die unaufhörliche Betrachtung der Wüste ermüdete den Geist; keine Unebenheit des Bodens, kein Sandhügel, kein Kieselstein gab dem Blick einen Ruhepunkt. Die ebene Fläche verursachte einen förmlichen Ekel und erzeugte die unter dem Namen »Wüstenfieber« bekannte Krankheit. Das ewig gleiche, unveränderliche Blau des Himmels und die unermeßliche Fläche gelben Sandes wirkte zuletzt erschreckend, und die entzündete Atmosphäre schien in eine leise, zitternde Bewegung zu gerathen, wie die Luft über einem glühenden Feuerheerd. Der Menschengeist gerieth in Verzweiflung beim Anblick dieser unermeßlichen Stille, und marterte sich ab, einen Grund dafür zu finden, daß dieser Zustand auch einmal aufhören könne, denn die Unermeßlichkeit erscheint uns wie eine Art Ewigkeit.

Die Unglücklichen, welche in dieser ausdörrenden Temperatur des Wassers entbehrten, fingen bereits an, Symptome der Sinnverwirrung zu verspüren; ihre Augen vergrößerten sich, und ihr Blick wurde trübe.

Als die Nacht herangekommen war, beschloß der Doctor, gegen diese beunruhigende Stimmung durch einen schnellen Marsch anzukämpfen; er wollte einige Stunden lang die Sandfläche durchstreifen, nicht um zu suchen, sondern nur um zu gehen.

»Kommt mit mir,« redete er seinen Begleitern zu, »die rasche Bewegung wird auch euch wohlthun.«

»Es ist mir unmöglich,« erwiderte Kennedy; »ich könnte keinen Schritt gehen.«

»Und ich will lieber schlafen,« versetzte Joe.

»Schlaf und Ruhe können euch den Tod bringen, meine Freunde. Bemüht euch, diese Erstarrung abzuschütteln, und kommt mit mir.«

Da der Doctor sich bald davon überzeugte, daß er Dick und Joe nicht vermögen konnte, ihm bei seinem Gange Gesellschaft zu leisten, machte er sich allein auf den Weg. Die ersten Schritte würden ihm schwer, wie der erste Gehversuch eines Genesenden; aber bald bemerkte er, daß die Bewegung ihm heilsam sei.

Wirklich schritt er mehrere Meilen nach Westen vor, und fühlte sich schon sehr gekräftigt, als ein Schwindel ihn plötzlich ergriff. Er glaubte, über einem Abgrunde zu schweben, und fühlte, wie seine Kniee unter ihm wankten; die ungeheure Einöde erschreckte ihn, und er fühlte sich als der mathematische Punkt, das Centrum einer unendlichen Peripherie, d.h. Nichts. Der Victoria verschwand im Schatten, und der Doctor, er, der leidenschaftslose, kühne Reisende, wurde von einem unüberwindlichen Schrecken befallen. Er wollte wieder umkehren, aber es war ihm unmöglich; er rief, aber nicht einmal das Echo antwortete ihm, und seine Stimme fiel in den Weltenraum, wie ein Stein in einen grundlosen Schlund. Und so, allein in dem tiefen Schweigen der Wüste, bettete er sich, in Ohnmacht sinkend, auf dem Sande.

Um Mitternacht schlug er die Augen auf und fand sich in den Armen seines treuen Joe wieder. Dieser, über die so lange Abwesenheit seines Herrn in Unruhe gerathen, war seinen in den weichen Sand gedrückten Spuren gefolgt, und hatte ihn endlich ohnmächtig angetroffen.

»Was ist Ihnen zugestoßen, Herr Doctor?« fragte er besorgt.

»Nichts, mein lieber Joe, es war nur eine Anwandlung von Schwäche.«

»Ich hoffe, es wird nichts zu bedeuten haben, Herr, aber bitte, stehen Sie auf, stützen Sie sich auf mich, und begeben Sie sich mit mir nach dem Victoria zurück.«

Und an Joe’s Arm machte sich Fergusson auf den Rückweg.

»Wie unvorsichtig von Ihnen, Herr Doctor, daß Sie sich in solche Gefahr stürzten. Sie hätten beraubt werden können, fügte Joe lachend hinzu. Aber lassen Sie uns im Ernst mit einander reden; es muß jetzt ein Entschluß gefaßt werden. Unsere Lage kann nicht noch länger so fortdauern, denn wenn sich kein Wind erhebt, sind wir verloren.«

Fergusson antwortete nicht.

»Es muß sich einer von uns dreien für die beiden Andern opfern, und dieser Eine werde ich natürlich sein.

»Was willst Du damit sagen? woran denkst Du?«

»Mein Plan ist sehr einfach; ich will mich mit Lebensmitteln versehen, und immer weiter marschiren, bis ich an irgend einen Ort komme, was doch endlich einmal geschehen muß. Wenn ich in ein Dorf komme, werde ich meinen Auftrag ausrichten, indem ich einen Zettel von Ihnen abgebe, auf den Sie einige arabische Worte geschrieben haben. So denke ich Ihnen entweder Hilfe zuzuführen, oder mein Leben für Sie in die Schanze zu schlagen. Was meinen Sie dazu?«

»Das Project ist unsinnig, aber es macht Deinem Herzen alle Ehre. – Es ist unmöglich. Du kannst uns nicht verlassen.«

»Wir sollten es wirklich versuchen; Ihnen und Herrn Kennedy könnte daraus kein Nachtheil entstehen, denn im Fall ein günstiger Wind eher kommt als meine Hilfe, brauchen Sie nicht auf mich zu warten, und mir gelingt mein Plan vielleicht über Erwarten gut.«

»Nein, Joe, nein! wir wollen uns nicht trennen, nicht dies Leid noch zu allem andern fügen. Es stand geschrieben, daß es so kommen sollte, und vielleicht fügt es das Schicksal, daß es später wieder besser wird. Laß uns noch mit Ergebung warten.«

»Gut, Herr Doctor, ich will Ihnen nur dies Eine sagen: ich gestatte Ihnen noch einen Tag, aber länger werde ich nicht zögern. Es ist heute Sonntag, oder vielmehr Montag, denn es ist jetzt ein Uhr Morgens. Wenn wir uns am Dienstag nicht in die Lüfte erheben können, so versuche ich mein Heil; das ist unwiderruflich beschlossen.«

Der Doctor schwieg; bald hatte er die Gondel erreicht und nahm in derselben neben Kennedy Platz, Dieser war in ein dumpfes Hinbrüten versunken, das nichts mit dem Schlaf gemein hatte.

Siebenundzwanzigstes Capitel

Siebenundzwanzigstes Capitel

Uebergroße Hitze. – Sinnesverwirrung. – Die letzten Wassertropfen. – Eine Nacht der Verzweiflung. – Selbstmordversuch. – Der Samum. – Die Oasen. – Löwe und Löwin.

Die erste Sorge des Doctors bei Tagesanbruch war, nach dem Barometer zu sehen. Die Quecksilbersäule hatte sich kaum merklich gesenkt.

»Nichts,« sagte er sich, »nichts.«

Er stieg aus seiner Gondel und prüfte das Wetter. Noch immer dieselbe Hitze, dieselbe Klarheit; der Himmel schien unversöhnlich.

»Das ist doch zum Verzweifeln!« rief er aus.

Joe verhielt sich schweigend; er war in seine Gedanken versunken und sann über seinen Wanderplan hin und her.

Kennedy fühlte sich sehr krank, als er von seinem Lager aufstand; er litt an einer beunruhigenden Überspanntheit der Nerven und stand schreckliche Qualen des Durstes aus. Sein trockener Mund konnte kaum einen Ton hervorbringen.

Es waren noch einige Tropfen Wasser vorhanden, aber obgleich Jeder dies wußte, Jeder sie zu genießen wünschte, wagte doch Niemand, einen Schritt danach zu thun.

Die drei Gefährten blickten einander hohläugig an mit einem Gefühl bestialischer Gier, das besonders bei Kennedy hervortrat. Sein mächtiger Körper unterlag am schnellsten den unerträglichen Entbehrungen. Den ganzen Tag über lag er in Fieberdelirien oder er ging hin und her, stieß ein heiseres Geschrei aus, biß sich in die Fäuste und wollte sich die Adern öffnen, um Blut daraus zu trinken.

»O, du Land des Durstes, stieß er hervor, du solltest »»Land der Verzweiflung«« genannt werden!«

Dann verfiel er wieder in seine tiefe Niedergeschlagenheit, und man hörte nur noch das Pfeifen des Athems von seinen lechzenden Lippen.

Gegen Abend wurde auch Joe von einem Wahnsinnsanfall ergriffen; die ausgedehnte Sandebene erschien ihm wie ein ungeheurer Teich mit klarem, durchsichtigem Wasser. Mehr als ein Mal stürzte er sich auf den erhitzten Boden, um nach Herzenslust zu trinken, und stand, den Mund voll heißen Staubes, wieder auf.

»Verdammt!« rief er zornig, »es ist Salzwasser!«

Dann wurde er, während Fergusson und Kennedy unbeweglich dalagen, von dem Begehren erfaßt, die wenigen aufgesparten Wassertropfen auszutrinken. Er konnte den Gedanken nicht wieder los werden und näherte sich, auf den Knieen rutschend, der Gondel. Er hütete die Flasche, in der sich die Flüssigkeit befand, mit den Augen, warf einen gierigen Blick darauf, griff darnach und führte sie an seine Lippen.

Da hörte er plötzlich neben sich in herzzerreißendem Ton die Worte: »Zu trinken! zu trinken!«

Es war Kennedy, der sich zu ihm herangeschleppt hatte, und nun, ein Jammerbild, weinend auf den Knieen lag und um Wasser bettelte.

Joe weinte gleichfalls; er reichte dem Unglücklichen die Flasche, und dieser leerte sie bis auf den letzten Tropfen.

»Danke!« stammelte er.

Aber Joe hörte ihn nicht; er war gleich ihm auf den Sand zurückgesunken.

Endlich schwand auch diese furchtbare Nacht, und als der Morgen tagte, fühlten die Unglücklichen, wie ihre Glieder unter den brennenden Sonnenstrahlen nach und nach vertrockneten. Joe versuchte sich zu erheben, aber es war ihm unmöglich, und so konnte er seinen Plan nicht zur Ausführung bringen.

Als er aufschaute, gewahrte er Samuel Fergusson, der mit über der Brust gekreuzten Armen wie im Wahnwitz nach einem imaginären Punkt in der Luft starrte. Kennedy war in einem schreckenerregenden Zustande; er wiegte den Kopf hin und her wie ein wildes Thier im Käfig.

Plötzlich hefteten sich die Blicke des Jägers auf seine Büchse, deren Schaft über den Rand der Gondel hinausragte.

»O!« stieß er hervor, indem er sich mit übermenschlicher Anstrengung erhob, stürzte sich wahnsinnstoll auf die Waffe, und richtete ihren Lauf gegen seinen Mund.

»Herr, Herr!« rief Joe, indem er sich seinem Vorhaben zu widersetzen suchte.

»Laß mich! Fort!« schrie der Schotte ächzend.

Sie kämpften mit einander wie erbitterte Feinde.

»Geh weg, oder ich erschieße Dich!« wiederholte Kennedy.

Aber Joe klammerte sich mit Gewalt an ihn; so rangen sie, ohne daß der Doctor etwas hievon zu bemerken schien, wohl eine Minute lang. Da entlud sich plötzlich die Feuerwaffe, und Fergusson richtete sich beim Knall des Schusses wie ein Gespenst in die Höhe und blickte umher.

Aber in einem Augenblick belebte sich sein Blick; seine Hand streckte sich nach dem Horizont aus, und er rief mit einer Stimme, die fast übermenschlich klang:

»Dort! dort! dort unten!«

Es lag eine solche Entschiedenheit in seinen Bewegungen, daß Joe und Kennedy auseinanderfuhren und aufblickten.

Die Ebene war in Bewegung wie ein tiefaufgewühltes Meer an einem stürmischen Tage; die Sandwogen brandeten im dichten Staube übereinander. Eine ungeheure Säule kam wirbelnd, mit außerordentlicher Schnelligkeit aus Südosten; die Sonne verschwand hinter dunkeln Wolken, deren riesenhafte Schatten sich bis zum Victoria verlängerten. Die feinen Sandkörner glitten mit der Leichtigkeit flüssiger Molecüle dahin, und diese steigende Fluth nahm mehr und mehr zu.

Ein Hoffnungsblick strahlte aus den Augen Fergusson’s.

»Der Samum!« rief er.

»Der Samum!« wiederholte Joe, ohne zu verstehen, was damit gemeint war.

»Um so besser!« rief Kennedy mit verzweifelter Wuth, »um so besser, dann werden wir sterben!«

»Um so besser, denn wir werden leben!« erwiderte der Doctor.

Er begann schnell, den Sand, welcher die Gondel auf dem Boden festhielt, auszuwerfen.

Seine Gefährten verstanden ihn endlich, schlossen sich ihm an und nahmen an seiner Seite Platz.

»Jetzt, Joe,« sagte der Doctor, »wirf etwa fünfzig Pfund von Deinem Erz hinaus.«

Joe zögerte nicht, diesem Befehle nachzukommen, aber er empfand etwas wie ein rasch vorübergehendes Bedauern. Der Ballon hob sich.

»Es war Zeit!« rief Fergusson.

Der Samum kam in der That mit der Schnelligkeit des Blitzes heran; hätte der Victoria noch wenige Augenblicke gewartet, ihm zu entfliehen – er wäre zerschmettert, in Stücke gerissen, vernichtet worden. Die ungeheure Sandhose war im Begriff gewesen, ihn zu erreichen; er wurde mit einem Hagel von Sand überschüttet.

»Noch mehr Ballast auswerfen! rief der Doctor Joe zu.

»Hier!« antwortete dieser, indem er ein mächtiges Quarzstück hinabschleuderte.

Der Ballon stieg schnell über die Sandhose empor und wurde dann im ungeheuren Aufruhr der Luft mit einer unberechenbaren Schnelligkeit fortgerissen.

Samuel, Dick und Joe schauten schweigend in das aufgeregte Sandmeer hinaus, und ließen sich von dem Winde erfrischen. Um drei Uhr hörte der Sturm auf, der Sand bildete, indem er herniedersank, eine Unzahl kleiner Berge, und der Himmel nahm seine frühere Ruhe wieder an.

Der Victoria, welcher sich jetzt wieder unbeweglich verhielt, schwebte über einer, mit grünenden Bäumen bedeckten Oase, die gleich einer Insel aus dem Sandmeere herausragte.

»Wasser! dort ist Wasser!« triumphirte der Doctor; zugleich verschaffte er dem Wasserstoffgas durch Oeffnen der obern Klappe freien Ausgang und stieg sanft auf die Erde hernieder, wo er zweihundert Schritt von der Oase entfernt ankam.

In vier Stunden hatten die Reisenden einen Raum von zweihundertundvierzig Meilen durchmessen.

Die Gondel wurde sofort in’s Gleichgewicht gebracht, und Kennedy und Joe schwangen sich auf den Boden heraus.

»Eure Gewehre!« rief Fergusson. »Vergeßt nicht eure Gewehre, und seid vorsichtig.«

Dick ergriff sofort seinen Carabiner, und Joe bemächtigte sich einer der andern Flinten. Sie rückten schnell bis zu den Bäumen vor, und drangen zwischen grünem Laube hindurch, das ihnen eine fließende Quelle verhieß. Sie achteten nicht auf den zerstampften Boden, auf die frischen Spuren, die hie und da dem feuchten Erdreich eingedrückt waren.

Plötzlich ertönte in einer Entfernung von ungefähr zwanzig Schritten lautes Gebrüll.

»Ein Löwe!« rief Joe.

»Mir gerade Recht!« versetzte der Jager erbittert, »wir werden es mit ihm aufnehmen. Sobald es sich um einen Kampf handelt, fühle ich mich stark.«

»Vorsicht, Herr Dick, Vorsicht! bedenken Sie, daß von dem Leben eines der Unserigen unser Aller Leben abhängt.«

Aber Kennedy hörte nicht auf ihn; er rückte funkelnden Auges, mit geladener Büchse, vor. Unter einem Palmbaum stand ein kolossaler Löwe mit schwarzer Mähne, und schien dem Angriff entgegenzusehen, denn als der Jäger näher kam, sprang er mit einem ungeheuren Satze auf ihn zu. Aber noch hatten seine Füße nicht wieder die Erde berührt, da drang eine Kugel ihm in’s Herz. Er fiel todt zu Boden.

»Hurrah! Hurrah!« schrie Joe.

Und nun eilte Kennedy zum Brunnen, glitt auf den feuchten Stufen hinunter und lag, das köstliche Naß schlürfend, an einer frischen Quelle.

Joe ahmte ihm nach, und einige Zeit war nichts zu vernehmen als das Geräusch des Zungenschnalzens, wie man es hört, wenn Thiere, die lange nach Wasser lechzten, ihren Durst stillen.

»Wir müssen uns in Acht nehme, Herr Dick, daß wir uns nicht zu viel thun,« warnte Joe, Athem schöpfend.

Aber Dick trank noch immer und antwortete nicht. Er senkte seinen Kopf und seine Hände in das erquickende Wasser und berauschte sich förmlich in diesem Genuß.

»Und Herr Fergusson?« erinnerte Joe.

Dies eine Wort genügte, um Kennedy wieder zu sich selbst zu bringen; er füllte eine Flasche und stürzte die Stufen des Brunnens hinauf.

Aber hier blieb er wie angewurzelt vor Ueberraschung stehen; ein dunkler, umfangreicher Körper versperrte den Eingang. Joe, der dem Jäger gefolgt war, mußte mit ihm zurückweichen.

»Wir sind eingeschlossen!«

»Das ist unmöglich! was kann das sein?« …

Dick führte seine Worte nicht zu Ende; ein fürchterliches Gebrüll belehrte ihn, welch neuer Feind ihm gegenüberstand.

»Noch ein anderer Löwe!« rief Joe.

»Nein, eine Löwin! warte, Du verwünschte Bestie, warte!« … und der Jäger hatte in einem Moment seinen Carabiner geladen und feuerte, aber das Thier war verschwunden.

»Vorwärts!« kommandirte Kennedy.

»Nein, Herr Dick, Sie haben das Thier noch nicht getödtet, der Körper wäre sonst hier hinein gerollt; ich bin überzeugt, die Bestie steht draußen zum Sprunge bereit, und wer von uns sich zuerst hinauswagt, ist verloren.«

»Aber was sollen wir thun? hinaus müssen wir. Samuel wartet auf uns!«

»Lassen Sie uns das Thier anlocken, und nehmen Sie jetzt meine Flinte für Ihren Carabiner.«

»Was hast Du vor?«

»Sie werden gleich sehen.«

Joe zog seine Leinwandjacke aus, befestigte sie vorn an der Büchse, und reichte sie als Köder vor den Eingang des Brunnenhauses. Das wüthende Thier stürzte sich sofort darauf los. Kennedy hatte sein Erscheinen an der Oeffnung erwartet und zerschmetterte ihm jetzt mit einer Kugel die Schulter. Die Löwin rollte auf die Brunnentreppe, indem sie Joe mit sich fortriß; er glaubte schon die ungeheuren Tatzen der Bestie zu fühlen, als ein zweiter Schuß krachte und Samuel Fergusson mit einem noch rauchenden Gewehr in der Hand am Eingange erschien.

Joe erhob sich eilig, schritt über den Körper der Löwin hinweg, und reichte seinem Herrn die gefüllte Wasserflasche.

Sie an die Lippen führen und halb austrinken, war das Werk eines Augenblicks; dann dankten die drei Reisenden aus dem Grunde ihres Herzens der Vorsehung, die sie so wunderbar errettet hatte.

Achtundzwanzigstes Capitel

Achtundzwanzigstes Capitel

Ein köstlicher Abend. – Joe’s Küche. – Erörterung über rohes Fleisch. – Geschichte von James Bruce. – Das Bivouak. – Joe’s Träume. – Das Barometer fällt. – Das Barometer steigt wieder. – Vorbereitungen zum Aufbruch. – Der Orkan.

Der Abend war herrlich, und die drei Freunde brachten ihn, nachdem sie sich an einem Mahle gelabt hatten, unter dem frischen Laub der Mimosen zu. Thee und Grog wurden heute nicht gespart.

Kennedy hatte das kleine Paradies nach allen Seiten hin durchsucht und gefunden, daß sie die einzigen lebenden Wesen auf diesem Gebiete waren. Sie streckten sich auf ihre Decken aus und erfreuten sich einer friedlichen Nacht, die ihnen Vergessen der überstandenen Leiden brachte.

Am Morgen des 7. Mai leuchtete die Sonne in ihrem hellsten Glanz, aber ihre Strahlen vermochten nicht, das dichte Laubwerk zu durchbrechen. Da Lebensmittel in hinreichender Menge vorhanden waren, beschloß der Doctor, an diesem Orte einen günstigen Wind abzuwarten.

Joe hatte seine tragbare Küche hierher transportirt, und versuchte eine Masse culinarischer Combinationen, bei denen er das Wasser mit sorgloser Verschwendung benutzte.

»Welch‘ sonderbare Aufeinanderfolge von Leid und Freude, bemerkte Kennedy; dieser Ueberfluß nach so qualvoller Entbehrung! Dieser Luxus im Gefolge solches Elends! ach, ich war nahe daran, den Verstand zu verlieren.

– Mein lieber Dick, wäre Joe nicht gewesen, so würdest Du jetzt nicht mehr über die Unbeständigkeit der menschlichen Dinge philosophiren.

– Der wackere Junge, der treue Freund! rief der Schotte, indem er Joe die Hand reichte.

– Keine Ursache; es lohnt nicht davon zu reden,« antwortete dieser; »Sie können sich ja einmal revanchiren, Herr Dick; ich wünschte zwar nicht, daß sich Gelegenheit dazu böte.

– Armselige Creaturen sind wir doch, versetzte der Doctor, daß eine solche Kleinigkeit uns so niederzudrücken vermag!

– Sie meinen den Mangel von ein wenig Wasser, Herr Doctor? Dies Element muß doch wohl außerordentlich nothwendig zum Leben sein!

– Allerdings, Joe, man kann länger ohne zu essen, als ohne zu trinken leben.

– Das glaube ich; übrigens kann man im Falle der Noth so ziemlich Alles essen, was Einem aufstößt, sogar Seinesgleichen, obgleich das eine Speise sein muß, die schwer im Magen liegt.

– Die Wilden nehmen weiter keinen Anstoß daran, meinte Kennedy.

– Ja, die Wilden! sie sind aber auch daran gewöhnt, rohes Fleisch zu essen; ich für meine Person würde den Ekel davor nicht überwinden können.

– Es muß in der That ziemlich widerwärtig sein, stimmte der Doctor bei, und Niemand wollte den ersten Afrika-Reisenden Glauben schenken, als sie erzählten, daß verschiedene Völker sich von rohem Fleische nährten. James Bruce begegnete in dieser Hinsicht ein merkwürdiges Abenteuer.

– Bitte, erzählen Sie, Herr Doctor, wir haben Zeit, Ihnen zuzuhören …. Mit diesen Worten streckte sich Joe behaglich auf dem weichen Grase aus.

– Gern, mein Junge. James Bruce war ein Schotte, aus der Grafschaft Stirling gebürtig, der in den Jahren von 1768 bis 1772 behufs Aufsuchung der Nilquellen ganz Abessynien bis zum Tyana-See durchreiste; dann kehrte er nach England zurück, wo er erst im Jahre 1790 seine Reisebeschreibung veröffentlichte. Die darin enthaltenen Erzählungen wurden mit außerordentlichem Unglauben aufgenommen, einem Unglauben, der sicherlich auch den unserigen bevorsteht. Die Gewohnheiten der Abessynier waren von englischen Sitten und Gebräuchen so verschieden, daß Niemand sie für möglich hielt.

Unter Anderm hatte James Bruce behauptet, daß die Völker Ostafrika’s rohes Fleisch äßen. Diese Angabe brachte Jedermann in Harnisch gegen ihn; er könne ja Alles sagen, was ihm beliebe, meinte man, es würde Niemand hinreisen, um ihn zu widerlegen! Bruce war ein sehr muthiger, aber äußerst jähzorniger Mann, und diese Zweifel an seinen Worten reizten ihn im höchsten Grade. Eines Tages, als in einer Gesellschaft zu Edinburg ein Schotte das gewöhnliche Scherzthema wieder aufnahm und rund heraus erklärte, daß die Sache weder möglich noch wahr sei, entfernte sich Bruce stillschweigend und kehrte nach einigen Minuten mit einem rohen Beefsteak zurück, das nach afrikanischer Manier mit Pfeffer und Salz bestreut war. »Mein Herr,« sagte er zu dem Schotten, »durch Ihren Zweifel an einer meiner Behauptungen haben Sie mir eine schwere Beleidigung zugefügt; darin, daß Sie die Thatsache für unausführbar hielten, haben Sie sich sehr geirrt, und um das allen Anwesenden zu beweisen, werden Sie sofort entweder dies rohe Beefsteak essen, oder mir für Ihre Worte Genugthuung geben.« Der Schotte hatte Furcht und gehorchte nicht ohne allerlei Grimassen. Sodann sagte James Bruce mit der größten Kaltblütigkeit: »Wenn Sie vielleicht immer noch behaupten, mein Herr, daß meine Angabe nicht auf Wahrheit beruht, so werden Sie wenigstens nicht mehr sagen können, daß sie unmöglich sei.

– Gut gegeben! meinte Joe; wenn sich der Schotte an dem rohen Beefsteak ein Wenig den Magen verdorben hat, so ist ihm nur Recht geschehen. Wenn man bei unserer Rückkehr nach England unsere Reise gleichfalls in Zweifel ziehen sollte ….

– Nun, Joe, was gedenkst Du dann zu thun?

– Ich werde den Ungläubigen die Stücke des Victoria ohne Salz und Pfeffer zu essen geben!«

Und Jeder lachte über Joe’s Auskunftsmittel. Der Tag verging so unter angenehmen Gesprächen; mit der Kraft kehrte die Hoffnung, und mit der Hoffnung die Kühnheit wieder. Die Vergangenheit vermischte sich fast unmerklich mit der Zukunft.

Joe hätte am Liebsten dies entzückende Asyl nie wieder verlassen; es war das Ideal seiner Träume; er fühlte sich hier wie zu Hause, und sein Herr mußte ihm die genaue Aufnahme der Oertlichkeit angeben, die er mit großem Ernst in seine Reisenotizen eintrug: 15° 43′ L. und 8° 32′ Br.

Kennedy bedauerte nur eins, nämlich daß er in diesem Miniaturwalde nicht jagen konnte; seiner Ansicht nach fehlten zur Annehmlichkeit der Situation noch wilde Thiere.

»Du hast ein kurzes Gedächtniß, lieber Dick,« versetzte der Doctor. »Denkst Du gar nicht mehr an den Löwen und an die Löwin?«

»Ach das!« sprach er mit der Verachtung, die ein richtiger Jäger für das erlegte Wild an den Tag legt. »Aber freilich, ihre Anwesenheit in dieser Oase gestattet wohl der Vermuthung Raum, daß wir nicht mehr sehr entfernt von fruchtbaren Landstrichen sind.«

»Kein sicherer Beweis dafür, Dick. Diese Thiere überschreiten, von Hunger oder Durst getrieben, oft beträchtliche Entfernungen; in der nächsten Nacht werden wir sogar gut thun, größere Wachsamkeit zu beobachten und Feuer anzuzünden.«

»Bei dieser Temperatur noch Feuer anzünden!« rief Joe. »Nun wenn es sein muß, soll es geschehen. Aber es wird mir wirklich schwer werden, dies hübsche Gehölz, das uns so nützlich und erquickend gewesen ist, zu verbrennen.«

»Wir müssen besonders Acht darauf geben daß wir es nicht in Brand stecken,« fügte der Doctor hinzu, »damit auch andere Reisende hier eines Tages Zuflucht finden können.«

»Wir wollen schon dafür sorgen, Herr; aber meinen Sie denn, daß diese Oase bekannt ist?«

»Gewiß. Es ist ein Haltepunkt für die Karawanen, die Central-Afrika besuchen, und es wäre wohl möglich, daß solch‘ Besuch Dir wenig behagen würde, Joe.«

»Giebt es in dieser Gegend auch solche abscheuliche Nyam-Nyam?«

»Ohne Zweifel! das ist der Gesammtname für all diese Völkerschaften, und unter demselben Klima müssen dieselben Racen auch gleiche Gewohnheiten haben.«

Joe gab mit einem kräftigen »Puh« seinem Widerwillen Ausdruck.

»Trotzdem finde ich das eigentlich sehr natürlich! wenn Wilde denselben Geschmack wie gesittete Europäer hätten – wo bliebe der Unterschied? Es mag hier ganz honette Leute geben, die sich nicht bitten lassen würden, das rohe Beefsteak des Schotten und ihn selber noch obendrein zu verzehren.«

Nach dieser sehr verständigen Betrachtung errichtete Joe seine Scheiterhaufen für die Nacht, machte sie jedoch so klein wie möglich. Diese Vorsichtsmaßregeln erwiesen sich jedoch glücklicher Weise als unnöthig, und die drei Reisenden schliefen abwechselnd in tiefster Ruhe.

Am folgenden Morgen zeigte sich noch keine Aenderung des Wetters; es blieb hartnäckig klar und schön. Der Ballon verhielt sich vollständig ruhig, und nicht die geringste Schwankung seines beweglichen Körpers verrieth einen Windhauch.

Der Doctor wurde wieder besorgt; wenn die Reise sich sehr verlängern sollte, würden die Lebensmittel nicht ausreichen. Nachdem man beinahe dem Wassermangel erlegen war, sollte man schließlich vor Hunger sterben müssen?

Fergusson gewann indessen seine Zuversicht wieder, als er sah, wie das Quecksilber im Barometer sehr merklich fiel; das war ein augenscheinliches Zeichen einer nahen Veränderung in der Atmosphäre; demnach beschloß er seine Vorbereitungen zum Aufbruch zu treffen, um die erste günstige Gelegenheit sofort benutzen zu können. Der Speisungskasten wie auch die Wasserkiste wurden vollständig gefüllt.

Der Doctor mußte nun das Gleichgewicht des Luftschiffes wieder herstellen, und Joe wurde genöthigt, einen ansehnlichen Theil seines kostbaren Golderzes zu opfern. Mit der Gesundheit waren ihm jedoch wieder habsüchtige Gedanken aufgestiegen, und er schnitt ein böses Gesicht über das andere, ehe er sich entschloß, seinem Herrn zu gehorchen; dieser aber bewies ihm geduldig, daß er ein so bedeutendes Gewicht nicht mitnehmen könne, und ließ ihm die Wahl zwischen Wasser und Gold; Joe schwankte nun nicht länger, und schleuderte eine tüchtige Menge seiner werthvollen Kiesel auf den Sand, indem er rief:

»Mögen es die behalten, welche nach uns kommen; sie werden nicht wenig erstaunt sein, an solchem Orte ihr Glück zu finden.«

»Wenn nun irgend ein gelehrter Reisender diese Steinmuster hier auffindet?« hub Kennedy an.

»Ich zweifle durchaus nicht, mein lieber Dick, daß es ihn sehr überraschen und er seiner Verwunderung in zahlreichen Folianten Ausdruck verleihen würde! Vielleicht hören wir bald einmal von einer wunderbaren Schicht goldhaltigen Quarzes inmitten der Sandwüsten Afrika’s.«

»Und Joe ist dann die Ursache hiervon gewesen.« Der Gedanke, irgend einen Gelehrten zu mystificiren, schien den braven Joe zu trösten; er entlockte ihm wenigstens ein Lächeln.

Der Doctor wartete vergebens den Tag über auf Wetterveränderung. Die Temperatur stieg bedeutend, und wäre ohne den Schatten der Oase unerträglich gewesen. Das Thermometer zeigte in der Sonne hundertneunundvierzig Grad. Ein wahrer Feuerregen durchfuhr die Luft. Es war die höchste Wärme, die bis jetzt beobachtet worden war.

Joe ordnete wie am vergangenen Abende das Bivouak, und während der Doctor und später Kennedy wachten, ereignete sich kein weiterer Zwischenfall. Aber gegen drei Uhr Morgens, als Joe die Wache hatte, wurde die Temperatur plötzlich kühler, der Himmel bedeckte sich mit Wolken, und die Dunkelheit nahm zu.

»Auf! auf!« rief Joe, indem er seine beiden Gefährten weckte; »der Wind!«

»Endlich!« sagte der Doctor, indem er den Himmel betrachtete; »es erhebt sich ein Sturm; in den Victoria, in den Victoria

Es war die höchste Zeit zum Einsteigen. Der Victoria bog sich unter der Gewalt des Orkans und schleppte die Gondel fort, die auf dem Sande hinstreifte. Wenn durch irgend einen Zufall ein Theil des Ballasts zur Erde gestürzt wäre, würde der Ballon auf und davon gegangen sein, und jede Hoffnung, ihn wiederzufinden, wäre vergeblich gewesen.

Aber Joe lief, so schnell ihn seine Füße tragen wollten, zum Victoria und hielt die Gondel an, während der Ballon sich auf den Sand legte und der Gefahr des Zerreißens sehr nahe war. Der Doctor nahm seinen Platz ein, zündete das Knallgasgebläse an und warf den Gewichtüberschuß auf den Sand.

Die Reisenden betrachteten ein letztes Mal die Bäume der Oase, die sich unter dem Sturm beugten, und verschwanden bald zweihundert Fuß über der Erde, vom Ostwinde getrieben, im Dunkel der Nacht.

Neunundzwanzigstes Capitel

Neunundzwanzigstes Capitel

Symptome bei Vegetation. – Phantastischer Gedanke eines französischen Schriftstellers. – Ein herrliches Land. – Das Königreich Adamova. – Die Forschungsreisen Speke’s und Burton’s mit denen Barth’s verknüpft. – Die Atlantika-Berge. – Der Benue-Fluß. – Die Stadt Yola. – Der Bagele. – Der Berg Mendif.

Die Reisenden fuhren vom Augenblick ihres Aufbruchs an mit großer Geschwindigkeit; sie sehnten sich danach, diese Wüste, die ihnen beinahe so verhängnißvoll geworden wäre, zu verlassen.

Gegen ein Viertel zehn Uhr Morgens erblickte man einige Symptome der Vegetation, Gräser, die auf diesem Sandmeer zitterten und ihnen, wie dem Christoph Columbus, die Nähe des Landes verkündeten. Grüne Keime sproßten schüchtern unter Kieseln hervor, und am Horizonte zogen sich Hügel in wellenförmiger Linie hin. Ihre vom Nebel verwischte Seitenansicht zeichnete sich in vagen Umrissen ab; die Eintönigkeit schwand.

Fergusson begrüßte freudig diese neue Gegend, und wie ein Matrose im Mastkorbe hätte er ausrufen mögen: »Land! Land!«

Eine Stunde später entfaltete sich der Continent vor seinen Augen; er bot bis jetzt nur noch einen wilden Anblick dar, war aber doch weniger flach und nackt; einige Bäume hoben sich vom grauen Himmel ab.

»Wir sind jetzt also in civilisirten Landen? fragte der Jäger.

– Civilisirt? Herr Dick, was denken Sie sich? von Einwohnern ist noch nichts zu sehen.

– Bei der Schnelligkeit, mit der wir fortkommen, wird auch das nicht lange dauern, entgegnete Fergusson.

– Sind wir noch im Negerlande, Herr Samuel?

– Noch immer, Joe, und dann kommen wir zu den Arabern.

– Zu den Arabern, Herr Doctor? zu richtigen Arabern mit Kameelen?

– Nein, ohne Kameele; diese Thiere sind hier selten, wenn nicht gar unbekannt; man trifft sie erst einige Grade nördlicher an.

– Das gefällt mir nicht.

– Warum denn, Joe?

– Weil sie uns bei widrigem Winde nützlich werden könnten. Es kommt mir nämlich ein Gedanke, Herr Doctor. Man könnte sie an die Gondel spannen und sich von ihnen in’s Schlepptau nehmen lassen.

– Mein armer Joe, diesen Gedanken hat schon ein Anderer vor Dir gehabt, und er ist von einem sehr geistreichen, französischen Schriftsteller durchgeführt worden … allerdings nur in einem Roman. Reisende lassen sich im Ballon von Kameelen ziehen, es kommt ein Löwe, der die Kameele verschlingt, das Sattelzeug gleichfalls verspeist und nun an ihrer Stelle ziehen muß, und so dann weiter. Du siehst, daß dies Alles in’s Genre der höhern Phantasie gehört, und nichts mit unserer Beförderungsart gemein hat.«

Joe, der sich ein wenig durch den Gedanken gedemüthigt fühlte, daß seine Idee schon Verwendung gefunden hatte, sann darüber nach, welches Thier den Löwen hätte verschlingen können, kam jedoch zu keinem Resultat und begann wieder, das Land zu besichtigen.

Ein See von mittlerer Größe erstreckte sich unter ihnen und wurde von einem Amphitheater von Hügeln eingeschlossen, die noch keinen Anspruch darauf erheben konnten, Berge zu heißen; dort schlängelten sich zahlreiche, fruchtbare Thäler mit ihrem unentwirrbaren Durcheinander der mannigfaltigsten Bäume; die Oelpalme mit ihren fünfzehn Fuß langen Blättern auf scharfdornigen Stengeln, war hauptsächlich unter ihnen vertreten; der Bombyx (Seidenwollenbaum) füllte den Wind mit dem feinen Flaum seines Samens; der strenge Geruch des Pendanus, des »Kenda« der Araber, durchduftete die Lüfte bis zu der Zone, in welcher der Victoria dahinschwebte. Der Melonenbaum mit gefingerten Blättern, der Stinkbaum, auf dem die Sudanischen Nüsse wachsen, Baobabs und Bananen vervollständigten diese üppige Flora der Tropengegenden.

»Das Land ist herrlich, sagte der Doctor.

– Thiere finden sich schon ein, dann sind auch Menschen nicht weit, äußerte Joe.

– Ach, die prächtigen Elephanten! rief Kennedy; ließe sich hier nicht eine kleine Jagd veranstalten?

– Wie könnten wir bei einer so heftigen Strömung wohl anhalten, lieber Dick? Stehe nur ein wenig Tantalusqual aus! Du kannst Dich später dafür entschädigen.«

Es war allerdings Ursache vorhanden, einen Jäger in Aufregung zu bringen. Dick klopfte das Herz in der Brust, und seine Finger legten sich fester um den Kolben seines Purdey.

Die Fauna dieses Landes kam der Flora gleich. Der wilde Ochse walzte sich in einem so dichten Grase, daß er fast darunter verschwand; graue, schwarze und gelbliche Elephanten von riesenhaftem Wuchse schritten wie ein Windbruch durch die Wälder, verheerend, niederbrechend, umstürzend und ihren Weg durch Verwüstung bezeichnend. Auf dem mit Holz bestandenen Abhang der Hügel sickerten Cascaden und Wasserrinnen, die ihren Weg gen Norden nahmen; dort badeten sich Nilpferde mit lautem Plätschern, und Seekühe von zwölf Fuß Länge und fischartigem Körper streckten sich an den Ufern aus, indem sie ihre runden milchgeschwellten Euter nach oben kehrten.

Es war eine förmliche Menagerie seltener Thiere in einem wunderbaren Treibhause, das zahllose, buntfarbig schillernde Vögel durchschwirrten.

An dieser, mit verschwenderischer Ueppigkeit geschmückten Natur erkannte der Doctor das stolze Königreich Adamova.

»Wir treten nunmehr in die Fußtapfen der neuern Entdecker ein,« theilte der Doctor seinen Begleitern mit; ich habe die unterbrochene Spur der Reisenden wieder aufgenommen; eine glückliche Schickung, meine Freunde. Wir werden die Forschungsreisen der Kapitäne Burton und Speke mit denen des Doctor Barth verknüpfen können; wir haben Engländer verlassen, um einen Hamburger wiederzufinden, und bald werden wir an dem äußersten Punkte angelangt sein, den dieser kühne Gelehrte erreicht hat.

– Es kommt mir vor, hub Kennedy an, als ob sich zwischen diesen beiden Entdeckungsreisen eine große Länderstrecke befinden müßte, wenn ich nach dem von uns zurückgelegten Wege urtheilen darf.

– Das können wir leicht berechnen; nimm die Karte zur Hand und sieh, welches der Längengrad der von Speke erreichten Südspitze des Ukerewe-Sees ist.

– Sie zeigt sich etwa unter dem siebenunddreißigsten Grad.

– Und wo liegt die Stadt Yola, die wir heute Abend aufnehmen werden, nach der Barth gelangte?

– Ungefähr unter dem zwölften Längengrad.

– Beträgt also fünfundzwanzig Grad; jeden zu sechzig Meilen, macht fünfzehnhundert Meilen.

– Ein hübscher Spaziergang für Leute, die zu Fuß reisen.

– Trotzdem wird er gemacht werden. Livingstone und Moffat gehen immer weiter in’s Innere vor; der Nyassa, den sie entdeckt haben, liegt in nicht zu großer Entfernung von dem durch Burton recognoscirten Tanganiyka-See. Noch ehe das Jahrhundert zu Ende geht, werden diese unermeßlichen Gegenden gewiß durchforscht sein. Aber,… fügte Fergusson nach Besichtigung seines Compasses hinzu,… ich bedaure, daß der Wind uns so sehr nach Westen trägt; ich hätte mehr nach Norden kommen mögen.«

Nach einer zwölfstündigen Reise befand sich der Victoria auf den Grenzen Nigritiens; die ersten Bewohner dieses Landes, Chua-Araber, weideten ihre Nomadenherden. Die ungeheuren Gipfel der Atlantika-Berge erhoben sich über den Horizont, Berge, die noch der Fuß keines Europäers betreten hat, und deren Höhe auf ungefähr dreizehnhundert Toisen geschätzt wird. Ihr westlicher Abhang bestimmt den Abfluß aller Wasser aus diesem Theile Afrika’s nach dem Ocean; es sind die Mondberge dieser Gegend.

Endlich zeigte sich ein wirklicher Strom den Augen der Reisenden, und an den kolossalen Ameisenhaufen in seiner Nähe erkannte der Doctor den Benue, einen der großen Zuflüsse des Niger, ihn, den die Eingeborenen »die Quelle der Wasser« genannt haben.

»Dieser Strom, belehrte der Doctor seine Gefährten, wird dermaleinst der natürliche Communicationsweg mit dem Innern Nigritiens werden. Unter dem Oberbefehl eines unserer tapfern Kapitäne ist das Dampfboot, »die Plejade« bereits auf demselben bis zur Stadt Aola gefahren. Ihr seht, daß wir in bekanntem Lande sind.«

Zahlreiche Sclaven beschäftigten sich mit Feldarbeiten, indem sie den Sorgo (eine Art Hirse), ihr hauptsächliches Nahrungsmittel, anbauten. Starres Staunen prägte sich auf den Gesichtern der Leute aus, als der Victoria wie ein Meteor an ihnen vorüberflog. Am Abend machte er vierzig Meilen von Yola Halt, und vor ihm, in der Ferne, erhoben sich die beiden spitzigen Kegel des Mendif-Berges.

Der Doctor ließ den Anker auswerfen und hakte ihn in den Wipfel eines hohen Baumes ein; aber ein sehr rauher Wind schüttelte den Victoria dermaßen, daß er sich mitunter in ganz wagerechter Lage befand, und so wurde die Stellung der Gondel bisweilen äußerst gefährlich. Fergusson schloß in dieser Nacht kein Auge; oft war er nahe daran, das Befestigungstau zu durchhauen und vor dieser Pein zu fliehen. Endlich aber legte sich der Sturm, und die Schwankungen des Luftschiffes hatten nichts Beunruhigendes mehr.

Am andern Morgen war der Wind gemäßigter, aber er entfernte die Reisenden von der Stadt Jola, die kürzlich von den Fullannes neu aufgebaut, die Neugier Fergusson’s erregte; nichtsdestoweniger mußte man sich darein ergeben, nach Norden, ja sogar ein wenig nach Osten zu segeln.

Kennedy schlug vor, in diesem Jagdlande Station zu machen; Joe behauptete, für die Küche frisches Fleisch sehr nöthig zu haben; aber die wilden Sitten dieses Landes, die Haltung der Bevölkerung, das Abfeuern einiger Flintenschüsse auf den Victoria veranlaßten den Doctor, seine Reise ohne Aufenthalt fortzusetzen. Man schwebte über ein Land hinweg, das einen Schauplatz von Brand und Mord darstellte, in welchem kriegerische Kämpfe nimmer aufhören, und in denen die Sultane unter dem scheußlichsten Gemetzel um ihre Reiche spielen.

Zahlreiche, bevölkerte Dörfer mit langen Negerhütten erstreckten sich zwischen den großen Viehweiden, deren dichtes Gras mit violetten Blumen besäet war; Häuser, großen Bienenkörben ähnlich, standen im Schutze starrender Palissaden, und die wilden Abhänge der Hügel erinnerten, wie Kennedy mehrmals hervorhob, an die »Glen« des schottischen Hochlandes

Trotz aller Anstrengungen segelte der Doctor nach Nordosten, gerade auf den Mendif-Berg zu, der in den Wolken verschwand; die hohen Gipfel dieses Gebirges trennen das Nigerbassin von dem Becken des Tschad-Sees.

Bald erschien der Bagele mit seinen achtzehn Dörfern, die wie Kinder im Schooß ihrer Mutter, an den Seitenabhängen des Berges kleben. Für die Reisenden, die dies Ensemble überschauen konnten, bot das Bild einen wahrhaft reizenden Anblick; die Schluchten waren mit Reis- und Erdeichelfeldern bedeckt.

Um drei Uhr befand sich der Victoria dem Mendif-Berge gegenüber. Man hatte ihn nicht umsegeln können, und so mußte er überschritten werden. Mittelst einer Temperatur, die der Doctor um hundertundachtzig Grad steigerte, gab er dem Ballon eine neue emportreibende Kraft von beinahe sechzehnhundert Pfund. Er stieg um mehr als achttausend Fuß: die bedeutendste auf der Reise erreichte Höhe, in der die Temperatur dergestalt abnahm, daß der Doctor und seine Gefährten sich in Decken einhüllen mußten.

Fergusson stieg eilig wieder hinab, denn die Hülle des Luftschiffes dehnte sich zum Zerspringen aus; dennoch hatte man Zeit gehabt, den vulkanischen Ursprung des Berges zu constatiren; seine ausgebrannten Krater zeigen sich jetzt nur noch als tiefe Abgründe. Große Anhäufungen von Vogelmist geben den Seitenabhängen des Mendif das Aussehen von Kalkfelsen; man hätte damit die Ländereien des ganzen Königreichs düngen können.

Um fünf Uhr segelte der Victoria, vor den Südwinden geschützt, sanft an der Senkung des Gebirges hin, und hielt in einer großen, von jeder menschlichen Wohnung entfernt liegenden Lichtung; sobald die Gondel den Boden berührt hatte, wurden Vorsichtsmaßregeln getroffen, um sie an der Erde zu fesseln, und Kennedy stürzte, die Flinte in der Hand, über die sanftabfallende Ebene davon. Bald kam er, mit einem halben Dutzend wilder Enten und einer Art Becassinen beladen, zurück, die Joe kunstgerecht herrichtete. Das Mahl war köstlich, und ihm folgte eine Nacht ungestörter, tiefer Ruhe.

Drittes Capitel

Drittes Capitel

Der Freund des Doctors. – Geschichte ihrer Freundschaft. – Dick Kennedy in London. – Ein unerwarteter, aber keineswegs beruhigender Vorschlag. – Das wenig tröstlich klingende Sprichwort. – Einige Worte über die afrikanische Märtyrerliste. – Vortheile eines Luftschiffes. – Das Geheimnis des Doctor Fergusson.

Doctor Fergusson besaß einen Freund. Derselbe war nicht etwa sein zweites Ich, kein alter ego, – zwischen zwei vollkommen gleichartigen Wesen hätte wirkliche Freundschaft nicht existiren können, – aber wenn Dick Kennedy und Samuel Fergusson auch verschiedene Eigenschaften und Fähigkeiten, ja sogar ein verschiedenes Temperament besaßen, so waren sie doch ein Herz und eine Seele und wurden dadurch nicht weiter gestört – im Gegentheil. –

Besagter Dick Kennedy war ein Schotte im vollen Sinne des Worts; offen, entschlossen und beharrlich. Er wohnte in der kleinen Stadt Leith bei Edinburg, eine richtige Bannmeile von dem »alten Rauchnest« entfernt. Bisweilen trieb er die Fischerei, aber immer und überall war er dem Jägerhandwerk mit Leib und Seele ergeben; und das war bei einem Kinde Caledoniens, das gewohnt ist, in den Bergen des Hochlands umherzustreifen, nicht eben zu verwundern. Man rühmte ihn als einen vorzüglichen Schützen mit dem Carabiner und sagte ihm nach, daß er die Kugel beim Schuß auf eine Messerklinge nicht nur durchschnitt, sondern sie auch auf diese Weise in so gleiche Hälften theilte, daß beim Wiegen kein Unterschied zwischen ihnen gefunden werden konnte.

Die Physiognomie Kennedy’s erinnerte lebhaft an diejenige Halbert Glendinning’s, wie sie Walter Scott im »Kloster« gezeichnet hat; seine Größe überstieg sechs englische Fuß; obgleich graciös und behende, war er mit einer herkulischen Körperkraft ausgerüstet; ein wettergebräuntes Antlitz, lebhafte schwarze Augen, eine natürliche, ausgeprägte Kühnheit, kurz eine gewisse Güte und Solidität in der ganzen Person des Schotten nahm von vornherein zu seinen Gunsten ein.

Die beiden Freunde hatten sich in Indien, als beide bei demselben Regiment dienten, kennen gelernt; während Dick sich auf der Tiger- und Elephantenjagd vergnügte, erbeutete Samuel Pflanzen und Insecten. Dieser wie Jener konnte sich in seiner Sphäre eines guten Erfolges rühmen, und dem Doctor fiel gar manche Pflanze in die Hände, deren Werth einem Paar Elfenbeinhauern gleich zu schätzen war.

Die beiden jungen Leute hatten niemals Gelegenheit gehabt, einander das Leben zu retten, oder sich sonstige Dienste zu erweisen; daher erhielt sich unter ihnen eine ungetrübte, gleichmäßige Freundschaft. Das Geschick trennte sie zuweilen von einander, aber immer führte sie ihre Sympathie wieder zusammen.

Seitdem sie nach England zurückgekehrt waren, wurden sie oft durch die Expeditionen des Doctors geschieden; wenn er indessen heimkam, verfehlte er niemals, ungebeten bei seinem Freunde vorzusprechen und ihm einige Wochen zu widmen.

Dick plauderte dann von der Vergangenheit, und Samuel machte Zukunftspläne; der eine sah vorwärts, der andere schaute zurück, und so kam es, daß der Geist des einen die personificirte Aufregung, der des andern die vollkommenste Ruhe war.

Nachdem der Doctor von Tibet zurückgekommen war, sprach er fast zwei Jahre lang nicht von neuen Forschungsreisen, und Dick gab sich der Hoffnung hin, daß sein Reisetrieb und seine Sucht nach Abenteuern nun endlich befriedigt wären. Er war von diesem Gedanken entzückt. »Wenn man auch noch so gut mit den Menschen umzugehen versteht, sagte er zu sich, muß es doch früher oder später ein schlechtes Ende nehmen; man begiebt sich nicht ungestraft unter Menschenfresser und wilde Thiere.« So forderte denn Kennedy seinen Freund auf, ein Ende mit seinen Reisen zu machen, und stellte ihm vor, daß er für die Wissenschaft genug und für die Dankbarkeit der Menschen bereits viel zu viel geleistet habe.

Hierauf erhielt er von dem Doctor keine Antwort; derselbe war in der nächsten Zeit nachdenklich, beschäftigte sich insgeheim mit Berechnungen, verbrachte die Nächte mit minutiösen Arbeiten, über Zahlen brütend; ja, er stellte sogar Experimente mit allerlei sonderbaren Maschinerieen an, von denen man nicht wußte, was sie zu bedeuten hatten. So viel aber war klar ersichtlich: Es gährte ein neuer, großer Gedanke in dem Hirn Samuel Fergusson’s.

»Worüber mag er so gegrübelt haben?« fragte sich Kennedy, als sein Freund ihn im Monat Januar verlassen hatte, um nach London zurückzukehren.

Da wurde ihm die Beantwortung dieser Frage eines Morgens aus dem bereits mitgetheilten Artikel des »Daily Telegraph«.

»Barmherziger Himmel! rief er aus, ist der Mensch wahnsinnig geworden! Afrika in einem Ballon durchreisen! Weiter fehlte nichts! Also darüber hat er in diesen beiden Jahren nachgesonnen!«

Denkt euch anstatt aller dieser Ausrufungszeichen kräftige, auf das eigene Hirn geführte Faustschläge, und ihr werdet euch einen ungefähren Begriff von der körperlichen Motion machen können, in welcher unser wackerer Dick seine Erregung austobte.

Als seine alte Vertraute, Frau Elspeth, ihm zu bedenken gab, daß dies Alles nur eine Mystifikation sein könne, antwortete er:

»Unsinn! ich werde doch meinen Mann kennen? Das sieht ihm ähnlich, ganz ähnlich! Durch die Lüfte reisen! Jetzt wird er gar eifersüchtig auf die Vögel! Nein, daraus soll nichts werden! ich werde es zu verhindern wissen! Ja, wenn man ihn gewähren ließe; wer könnte Einem dafür gut sagen, daß er sich nicht eines schönen Tages nach dem Monde aufmachte!«

Noch am Abend desselben Tages setzte sich Kennedy voll großer Unruhe und Erbitterung in ein Coupé der Eisenbahn nach der General Railway Station und langte am folgenden Morgen in London an.

Drei Viertelstunden später setzte ihn eine Droschke vor dem kleinen Hause des Doctors, Soho Square, Greek Street ab.

Er schritt über den Vorplatz und kündigte sich durch fünf nachdrückliche Schlage gegen die Thür an, worauf Fergusson öffnete.

»Dick?« fragte er, ohne irgend welches Erstaunen zu verrathen.

»Dick selber«, erwiderte Kennedy kurz.

»Du hältst Dich zur Zeit der Winterjagden in London auf? was führt Dich hierher?«

»Eine grenzenlose Thorheit, die ich verhindern will.«

»Eine Thorheit?«

»Ist das, was in dieser Zeitung steht, wahr?« rief jetzt Kennedy, indem er die betreffende Nummer des Daily Telegraph hervorholte und sie seinem Freunde entgegenhielt.

»Ach davon sprichst Du! diese Zeitungen schwatzen doch wirklich Alles aus! aber setze Dich doch, lieber Dick.«

»Nein, ich werde mich nicht setzen. Sage mir, ob Du wirklich und wahrhaftig die Absicht hast, diese Reise zu unternehmen?«

»Ganz entschieden; meine Vorbereitungen sind schon im Gange, und ich …«

»Wo hast Du Deine Vorbereitungen? In tausend Stücke will ich sie zerschlagen! Her damit!«

Der würdige Schotte gerieth jetzt ernstlich in Zorn.

»Beruhige Dich, mein lieber Dick«, versetzte der Doctor; »ich begreife Deine Gereiztheit sehr wohl. Du zürnst mir, daß ich Dir meine neuen Pläne noch nicht mitgetheilt habe.«

»Das nennt er neue Pläne!«

»Ich bin nämlich sehr beschäftigt gewesen«, fuhr Samuel fort; »es gab in der letzten Zeit viel für mich zu thun. Aber trotzdem wäre ich nicht abgereist, ohne Dir zu schreiben . . .«

»Ach, was liegt mir daran …«

»Weil ich die Absicht habe, Dich mitzunehmen.«

Der Schotte machte einen Satz, der einem Gemsbock zur Ehre gereicht haben würde.

»Ah so!« sagte er; »Du gehst also darauf aus, uns Beide nach Bedlam zu bringen!«

»Ich habe mit voller Bestimmtheit auf Dich gerechnet, lieber Dick, und mit Ausschluß von vielen Anderen Dich zu meinem Reisegefährten erwählt.«

Kennedy war ganz starr vor Staunen.

»Wenn Du mich zehn Minuten lang angehört hast, wirst Du mir dafür dankbar sein«, fuhr der Doctor fort.

»Sprichst Du wirklich im Ernst?«

»Vollständig im Ernst.«

»Und wenn ich mich nun weigere, Dich zu begleiten?«

»Das wirst Du nicht thun.«

»Wenn ich mich nun aber doch weigere?«

»Dann reise ich allein.«

»Setzen wir uns, sagte der Jäger, und sprechen wir ohne alle Leidenschaft. Von dem Augenblick an, wo ich weiß, daß Du nicht scherzest, ist die Sache wenigstens einer Unterredung werth.«

»Wenn Du nichts dagegen hast, können wir dabei frühstücken, lieber Dick.«

Die beiden Freunde setzten sich einander gegenüber an einen kleinen Tisch, auf dem rechts ein stattlicher Berg von Butterbroden, und links eine ungeheure Theekanne stand.

»Mein lieber Samuel, Dein Plan ist geradezu verrückt; an seine Durchführung ist nicht zu denken, er ist mit einem Wort unmöglich!«

»Das werden wir erst genau wissen, wenn wir den Versuch gemacht haben.«

»Aber eben dieser Versuch soll ja nicht gemacht werden!«

»Und warum nicht, wenn’s beliebt?«

»Denke doch an die Gefahren, die Hindernisse aller Art!«

»Hindernisse«, versetzte Fergusson sehr ernst, »sind erfunden, um besiegt zu werden; und was die Gefahren betrifft – wer kann sich schmeicheln, ihnen zu entgehen? Alles im Leben ist Gefahr! Es kann das größte Unglück herbeiführen, wenn man sich an einem Tische niederläßt oder auch nur seinen Hut aufsetzt. Ueberdies muß man sich sagen, daß Alles, was bereits geschehen ist, auch wiederum geschehen wird, daß die Zukunft nur eine etwas entferntere Gegenwart ist.«

»Ich kenne Deine Ansichten«, schob Kennedy ein, indem er mit den Achseln zuckte. »Du bist Fatalist!«

»Immer, aber im besten Sinne des Wortes. Beschäftigen wir uns also nicht mit dem, was das Geschick uns möglicher Weise vorbehalten hat, sondern halten wir uns an das gute englische Sprichwort: Wer zum Hängen geboren ist, wird nie den Tod des Ertrinkens sterben.«

Hierauf war nichts zu erwidern, doch hinderte dies Kennedy nicht, eine Menge naheliegender Gründe gegen die beabsichtigte Unternehmung aufzuzählen, deren nähere Erörterung uns hier zu weit führen würde.

»Warum willst Du denn aber, sagte er nach einer Stunde lebhaftester Debatte, wenn diese Bereisung Afrikas absolut zu Deinem Lebensglück gehört, nicht dieselben Bahnen einschlagen, wie andere gewöhnliche Sterbliche vor Dir?«

»Warum?« rief der Doctor, in Eifer gerathend; »weil bis jetzt alle Versuche scheiterten! weil von Mungo Park’s Ermordung am Niger bis zum Verschwinden Vogels in Wadai, von Oudney’s und Clapperton’s Tod in Murmur und Sackatu bis auf den Franzosen Maizan, der in Stücke gehauen wurde, von dem Major Laing, der durch die Hand der Tuaregs sein Ende fand, bis zur Ermordung Roschers aus Hamburg im Anfange des Jahres 1860, zahlreiche Opfer in die afrikanische Märtyrerliste eingetragen worden sind! Weil es ganz unmöglich ist, gegen die Elemente, gegen den Hunger, den Durst, das Fieber, gegen die wilden Thiere und die noch viel wilderen Völkerstämme anzukämpfen! Weil man das, was nicht auf eine Weise zu erreichen ist, auf eine andere Art versuchen muß, und endlich, weil man da, wo nicht gerade durch zu kommen ist, nebenher oder darüber hinweg gehen muß.«

»Wenn es sich nur darum handelte, darüber hinweg zu gehen!« äußerte Kennedy; »aber Du willst ja hoch darüber fort fliegen.«

»Nun«, argumentirte der Doctor mit der größten Kaltblütigkeit weiter, »was habe ich denn zu fürchten? Wie Du Dir wohl denken kannst, habe ich meine Vorsichtsmaßregeln dergestalt getroffen, daß ein Fall meines Ballons nicht besorgt werden darf. Sollte das Luftschiff mich trotz alledem im Stich lassen, so würde ich mich auf der Erde noch immer in gleichen Verhältnissen mit andern Entdeckungsreisenden befinden; aber mein Ballon wird sich bewähren; wir können fest darauf rechnen.«

»Wir dürfen im Gegentheil nicht darauf rechnen.«

»Doch wohl, mein lieber Dick; ich beabsichtige, mich nicht eher von meinem Luftschiff zu trennen, als bis ich auf der Westküste Afrikas angekommen bin. Mit diesem Ballon ist Alles möglich; ohne ihn aber fiele ich wieder den Gefahren und natürlichen Hindernissen solcher Expeditionen zum Opfer. Mit ihm gedenke ich ebenso der Hitze, den Strömen und Stürmen, wie dem Samum und dem ungesunden Klima zu trotzen; weder wilde Thiere noch Menschen können mir etwas anhaben. Ist mir zu heiß, so steige ich; wird es zu kalt, so lasse ich mich herab. Über einen Berg fliege ich hinweg, über jeden Abgrund schwebe ich hin; ich schieße über Flüsse und Ströme wie ein Vogel, und entladet sich ein Gewitter, so erhebe ich mich über dasselbe und beherrsche es von oben herab. Ich komme vorwärts, ohne zu ermüden, und halte an, ohne der Ruhe zu bedürfen! Ich schwebe über den Städten, und fliege mit der Schnelligkeit des Orkanes bald hoch oben in den Lüften, bald nur hundert Fuß vom Erdboden entfernt; und unter meinen Augen entrollt sich die Karte von Afrika im großen Atlas der Welt!«

Der wackere Kennedy begann eine gewisse Bewegung und Rührung zu verspüren, und doch schwindelte ihm bei dem vor seinen Augen entrollten Schauspiel. Er betrachtete Samuel mit einem Gemisch von Bewunderung und Sorge; fast fühlte er sich schon schwebend im Weltenraum.

»Nach alledem, mein lieber Samuel«, sagte er endlich, »hast Du das Mittel ausfindig gemacht, den Ballon zu lenken?«

»Nein! Das ist eine Unmöglichkeit.«

»Aber dann wirst Du reisen. ….«

»Wohin es der Vorsehung beliebt, aber jedenfalls von Osten nach Westen, denn ich gedenke mich der Passatwinde, die eine durchaus beständige Richtung haben, zu bedienen.«

»O, freilich!« sagte Kennedy überlegend; »die Passatwinde…. gewiß….. Man kann im Nothfall….. Es wäre immerhin möglich….«

»Es wäre möglich? nein, mein wackerer Freund, es ist sogar gewiß. Die englische Regierung hat mir ein Transportschiff zur Verfügung gestellt, und es ist abgemacht, daß zu der voraussichtlichen Zeit meiner Ankunft drei oder vier Schiffe an der Westküste kreuzen sollen. In drei Monaten spätestens werde ich in Zanzibar sein, um die Füllung des Ballons zu bewerkstelligen, und von dort aus wollen wir uns in die Lüfte schwingen …«

»Wir!« rief Dick.

»Hast Du mir noch den leisesten Einwand zu machen, so sprich, Freund Kennedy.«

»Nicht einen Einwand, sondern tausend! aber sage mir unter Anderm: wenn Du das Land zu besichtigen und Dich nach Belieben zu erheben oder herabzulassen gedenkst, so kannst Du das nicht, ohne von Deinem Gas einzubüßen. Schon dieser Umstand hat bis jetzt alle langen Reisen in Luftballons verhindert.«

»Mein lieber Dick, ich will Dir nur dies eine Wort sagen: ich werde auch nicht das kleinste Atom, kein Molecül Gas einbüßen.«

»Und doch willst Du nach Belieben steigen und fallen können? Wie willst Du das machen?«

»Das ist mein Geheimniß, Freund Dick. Habe nur Vertrauen zu mir, und laß mein Losungswort auch das Deinige sein: ›Excelsior!‹«

»Gut, also ›Excelsior,‹« antwortete der Jäger, der kein Wort lateinisch verstand.

Er war fest entschlossen, sich mit allen erdenklichen Mitteln der Abreise des Doctors zu widersetzen; vorläufig aber gab er sich den Anschein, als sei er der Meinung desselben beigetreten. Er begnügte sich damit, den Freund zu beobachten. Dieser machte sich jetzt daran, die Zurüstungen für seine Reise zu beaufsichtigen.

Dreißigstes Capitel

Dreißigstes Capitel

Mosfeia. – Der Scheik. – Denham, Clapperton, Oudney, Vogel. – Die Hauptstadt von Loggum. – Toole. – Windstille über Kernak. – Der Gouverneur und sein Hof. – Der Angriff. – Die Tauben als Brandstifter.

Am Morgen des 11. Mai nahm der Victoria seinen abenteuerlichen Flug wieder auf; die Reisenden schauten auf ihn mit demselben Vertrauen wie der Seemann auf sein Schiff.

Aus wüthenden Orkanen, tropischer Hitze, mit Gefahren verknüpften Auffahrten und noch gefährlicheren Landungen war er überall und glücklich hervorgegangen. Fergusson konnte ihn mit einem Druck der Hand führen und hegte, auf die Vortrefflichkeit seines Fahrzeugs bauend, keine Befürchtungen mehr für den Ausgang seiner Reise. Die Klugheit nöthigte ihn, in diesem Lande der Barbarei und des Fanatismus die strengsten Vorsichtsmaßregeln zu beobachten; er empfahl also seinen Begleitern dringend, auf Alles, was sich ereignen sollte, zu jeder Stunde ein offnes Auge zu haben.

Der Wind führte sie wieder etwas mehr nördlich, und gegen neun Uhr erblickten sie die große, zwischen zwei hohen Bergen auf einer Anhöhe gebaute Stadt Mosfeia; sie lag in einer unangreifbaren Stellung; eine enge, zwischen Morast und Gehölz hinlaufende Straße bildete den einzigen Zugang.

In diesem Augenblick hielt ein Scheik, von einer berittenen Escorte geleitet, in Gewänder von lebhaften Farben gekleidet, seinen Einzug in die Stadt. Trompetenbläser und Läufer, welche die auf seinen Weg gestreuten Zweige entfernten, gingen ihm voran.

Der Doctor ließ den Ballon fallen, um die Eingebornen aus größerer Nähe zu betrachten, aber in dem Maße, wie sich der Ballon in ihren Augen vergrößerte, offenbarten sich Zeichen tiefen Schreckens unter ihnen, und sie entwichen alsbald, so schnell sie ihre Pferde und ihre Beine tragen wollten.

Nur der Scheik rührte sich nicht von der Stelle; er nahm seine lange Muskete, lud sie und wartete stolz. Da näherte sich der Doctor auf etwa hundertundfünfzig Fuß und richtete in wohlgesetzten Worten einen arabischen Gruß an ihn.

Als diese Worte, wie vom Himmel kommend, an sein Ohr schlugen, setzte der Scheik den Fuß zur Erde, streckte sich auf den Staub des Weges nieder, und der Doctor konnte ihn nicht von seiner Anbetung zurückbringen.

»Es liegt in der Natur der Sache,« sagte Fergusson, »daß diese Leute uns für übermenschliche Wesen halten. Haben sie doch schon bei der Ankunft der ersten Europäer unter ihnen gemeint, diese seien aus übernatürlichem Stamme entsprossen. Wenn später der Scheik von dieser Begegnung sprechen wird, so verfehlt er gewiß nicht, die Thatsache mit allen Hilfsquellen einer arabischen Einbildungskraft auszustatten. Du kannst Dir wohl denken, was die Sage dermaleinst für einen Glorienschein um uns weben wird.«

»Vom Standpunkt der Civilisation betrachtet, wäre es doch besser, daß wir ihnen für einfache Menschen gelten; das würde diesen Negern noch einen weit höhern Begriff von der europäischen Macht beibringen.«

»Einverstanden, lieber Dick; aber was können wir dagegen thun? So weitläufig Du auch den Gelehrten des Landes den Mechanismus eines Luftschiffes erklären magst, sie würden Deine Worte doch nicht begreifen und in der Begegnung mit uns immer das Eingreifen höherer Wesen suchen.«

»Herr Doctor, Sie sprachen soeben von den ersten Europäern, die dies Land erforschten; bitte, erzählen Sie uns doch, wer sie waren.«

»Mein lieber Joe, wir verfolgen jetzt genau die Straße, wie vor uns einst der Major Denham; hier in Mosfeia wurde er von dem Sultan von Mandara aufgenommen; er hatte Bornu verlassen, begleitete den Scheik auf einem Zuge gegen die Fellatahs, und wohnte dem Angriff auf die Stadt bei, die mit ihren Pfeilgeschossen tapfer gegen die Kugeln der Araber Widerstand leistete und die Truppen des Scheik zur Flucht nöthigte; doch alles das gab nur den Vorwand zum Morden, Plündern und Verwüsten her. Der Major wurde vollständig beraubt, gänzlich entkleidet, und wäre niemals nach Kuka, der Hauptstadt von Bornu, zurückgekehrt, hätte er nicht einem Pferde unter den Bauch gleiten und so in rasendem Galop den Siegern entrinnen können.

»Aber wer war denn dieser Major Denham?«

»Ein unerschrockener Engländer, der von 1822 bis 1824 in Gesellschaft von Kapitän Clappperton und Doctor Dudney eine Expedition nach Bornu befehligte. Im März brachen sie von Tripoli auf, gelangten nach Mursuk, der Hauptstadt von Fezzan, und indem sie den Weg einschlugen, den später der Doctor Barth verfolgen sollte, um nach Europa zurückzukehren, kamen sie am 16. Februar 1823 in Kuka am Tschad-See an. Denham machte verschiedene Forschungsreisen nach Bornu, Mandara und den östlichen Ufern des Sees; unterdessen drangen am 19. December 1823 Kapitän Clapperton und Doctor Oudney in Sudan bis Sackatu vor, und der Letztere starb vor Mattigkeit und Erschöpfung in der Stadt Murmur.«

»Dieser Theil Afrika’s hat also der Wissenschaft manches Opfer gekostet?« fragte Kennedy.

»Ja, diese Landstriche hier sind verhängnißvoll: wir reisen geraden Wegs auf das Königreich Baghirmi zu, welches Vogel im Jahre 1856 durchreiste, um nach Wadai vorzudringen, und dort ist er verschwunden. Dieser junge Mann wurde im Alter von dreiundzwanzig Jahren abgesandt, um an den Arbeiten des Doctor Barth mitzuwirken; sie trafen sich am ersten December 1854; dann begann Vogel die Erforschung des Landes; gegen 1856 that er in seinen letzten Briefen die Absicht kund, das Königreich Wadai zu recognosciren, in das noch kein Europäer bis dahin gedrungen war; es scheint, als sei er bis nach der Hauptstadt Wara gekommen, wo er nach einigen Berichten getödtet wurde, nach andern noch gefangen gehalten wird, weil er den Versuch gemacht hatte, einen der geheiligten Berge in der Umgegend zu besteigen. Man darf jedoch nicht den Tod der Reisenden als gewiß annehmen, denn das würde etwaige Forschungen nach ihnen überflüssig machen. Wie oft ist die Nachricht vom Tode des Doctor Barth officiell verbreitet worden, und wie oft hat er eine gerechte Entrüstung darüber empfunden! So ist es auch leicht möglich, daß Vogel von dem Sultan des Wadai-Landes gefangen gehalten wird, der vielleicht ein Lösegeld für ihn zu erpressen hofft. Der Baron von Neimans wollte sich nach Wadai begeben, aber er starb im Jahre 1855 in Kairo. Bekanntlich hat sich jetzt Herr von Heuglin mit der von Leipzig abgesandten Expedition auf die Reise gemacht, um die Spuren Vogel’s zu entdecken. So werden wir demnächst über das Schicksal dieses interessanten jungen Reisenden Gewißheit erhalten.« [Fußnote]

Mosfeia war schon lange am Horizont verschwunden, und jetzt entrollte Mandara unter den Reisenden seine wunderbare Fruchtbarkeit; hier zeigten sich üppige Wälder von Akazien, dort rothblühende Grasähren und die krautartigen Pflanzen der Baumwollenstauden und Indigofelder; der Shari, welcher sich achtzig Meilen weiter in den Tschad ergießt, rollte ungestümen Laufes dahin.

Der Doctor zeigte auf den Karten Barth’s seinen Gefährten den Lauf dieses Flusses.

»Ihr seht, sagte er, daß die Arbeiten dieses Gelehrten von außerordentlicher Wichtigkeit sind; wir steuern gegenwärtig gerade auf den District von Loggum zu, und vielleicht auch sehen wir die Hauptstadt Kernak. Dort starb der arme Toole im Alter von kaum zweiundzwanzig Jahren. Es war dies ein junger Engländer, ein Fähndrich vom 80sten Regiment, der sich einige Wochen zuvor dem Major Denham in Afrika angeschlossen hatte, und hier so bald schon seinen Tod fand. Man kann mit Recht diese unermeßliche Gegend den Kirchhof der Europäer nennen!«

Einige, fünfzig Fuß lange Canots schifften den Shari abwärts; der Victoria, tausend Fuß von der Erde entfernt, zog nur in geringem Maße die Aufmerksamkeit der Eingeborenen auf sich. Der Wind, welcher bis jetzt ziemlich kräftig geweht hatte, begann mehr und mehr abzunehmen.

»Sollten wir noch einmal unter Windstille zu leiden haben?« begann der Doctor.

»Thut nichts, Herr Fergusson, wir haben weder Wassermangel noch die Wüste zu fürchten.«

»Freilich, aber dafür wilde Völkerschaften.«

»Dort taucht etwas auf, das einer Stadt ähnlich sieht,« meldete Joe.

»Das ist Kernak; das letzte Wehen des Windes führt uns dahin, und mir werden einen genauen Plan der Stadt aufnehmen können.«

»Sollen mir uns nicht noch mehr nähern?« fragte Kennedy.

»Nichts leichter als das, Dick. Wir schweben gerade über der Stadt; ich werde mir erlauben, den Hahn des Knallgasgebläses ein wenig zu drehen, und wir senken uns sofort.«

Der Victoria hielt eine halbe Stunde später unbeweglich in einer Höhe von zweihundert Fuß über dem Boden.

»Wir sind hier nicht so weit von Kernak entfernt, als ein Mann im Knopf der St. Paulskirche es von London sein würde. Wir können uns jetzt bequem umsehen.«

»Was ist das für ein Gehämmer? man hört es überall.«

Joe schaute aufmerksam hinunter und entdeckte bald, daß das Geräusch von Webern herrührte, die unter freiem Himmel an ungeheuren Baumstämmen ihre Gewebe aufgespannt hatten.

Die Hauptstadt von Loggum ließ sich jetzt in ihrem ganzen Umfang wie auf einem aufgerollten Plan überschauen; es war eine wirkliche Stadt mit Häuserreihen und ziemlich breiten Straßen; mitten auf einem großen Platz wurde gerade Sclavenmarkt abgehalten; es war großer Zudrang von Käufern, denn die Mandaraninnen, die durch äußerst kleine Hände und Füße bekannt sind, werden sehr gesucht und vortheilhaft verkauft.

Beim Anblick des Victoria spielte von Neuem die so oft beobachtete Scene: zuerst erhob sich Geschrei, und dann das höchste Staunen; Jeder ließ sein Geschäft im Stich und unterbrach seine Arbeit, um hinaufzuschauen. Endlich hörte der Lärm auf, die Reisenden hielten sich unbeweglich und schauten mit Interesse auf all‘ die Merkwürdigkeiten dieser seltsamen Stadt; der Ballon senkte sich sogar bis auf sechzig Fuß vom Erdboden herab.

Nun trat der Gouverneur von Loggum aus seinem Hause; eine grüne Fahne wurde entfaltet, und die Musikanten bliesen auf den Büffelhörnern, als wenn die Gewalt ihrer Töne Alles sprengen könne – nur ihre Lungen nicht. Die Menge versammelte sich um den Gouverneur. Samuel Fergusson suchte sich Gehör zu verschaffen, aber es war unmöglich.

Das Volk hatte ein stolzes und kluges Aussehen; überall begegnete der Blick hohen Stirnen, gelocktem Haar und fast adlerartig gebogenen Nasen; gegenwärtig hatte die Anwesenheit des Victoria alle Einwohner in große Verwirrung gesetzt; man sah Reiter nach allen Richtungen sprengen, und bald bemerkten die Reisenden, daß die Truppen des Gouverneurs sich versammelten, um einen vermeintlichen Feind zu bekämpfen. Es half Joe nichts, daß er mit buntfarbigen Taschentüchern winkte; alle derartigen Verständigungsversuche blieben erfolglos.

Indessen hatte der Scheik, von seinem Hofe umgeben, Schweigen geboten, und richtete an die Reisenden eine Rede, die nur den einen Fehler hatte, daß diejenigen, für welche sie bestimmt war, kein Wort davon verstanden. Es war eine Art Arabisch mit Baghirmi-Sprache gemischt. Der Doctor errieth jedoch aus der allgemein verständlichen Sprache der Geberden, daß man die ausdrückliche Aufforderung des Abzugs an ihn richtete. Gern wäre er diesem Begehren auch nachgekommen, aber in Folge der Windstille konnte man nicht daran denken. Die unbewegliche Haltung des Ballons erbitterte den Gouverneur, und seine Hofbeamten begannen ein ohrzerreißendes Geheul, um das Ungeheuer zur Flucht zu nöthigen.

Diese Höflinge bildeten übrigens sonderbare Figuren; sie trugen fünf bis sechs buntscheckige Hemden, die über einander gezogen waren, und zeichneten sich durch enorme Schmerbäuche aus, von denen einige angesetzt zu sein schienen. Der Doctor unterrichtete seine Gefährten, daß dies hier zu Lande die Art sei, wie man sich beim Sultan beliebt zu machen suche; die Rundung des Leibes lege hier ein Zeugniß für den Ehrgeiz der Leute ab. All diese dicken Hofschranzen gesticulirten jetzt lebhaft, sie schrieen aus allen Kräften, und ganz besonders zeichnete sich einer von ihnen aus, der jedenfalls Premierminister hätte werden müssen, wenn sein Umfang hierfür maßgebend gewesen wäre. Die Neger vereinigten ihr Geheul mit dem Geschrei des Hofes, indem sie sich die größte Mühe gaben, die Gestikulationen desselben nachzumachen, wodurch eine gleichmäßige Bewegung von etwa zehntausend Armen hervorgebracht wurde.

Zu diesen Versuchen, den Ballon einzuschüchtern, die sich bald als wirkungslos erwiesen, gesellten sich noch andere, die unsern Reisenden gefährlicher zu werden drohten. Soldaten, die mit Bogen und Pfeilen bewaffnet waren, stellten sich in Schlachtordnung auf; aber schon blähte sich der Victoria und stieg ruhig über ihr Bereich hinaus. Nun ergriff der Gouverneur seine Muskete und richtete sie auf den Ballon, aber Kennedy hatte seine Bewegungen überwacht und zerschmetterte jetzt mit einer Kugel seines Carabiners die Waffe in der Hand des Scheik.

Bei diesem unerwarteten Schusse entstand eine allgemeine Flucht; Jeder zog sich so schnell wie möglich in seine Hütte zurück, und die Stadt blieb während des übrigen Tages öde und verlassen.

Die Nacht kam heran, aber mit dem schwindenden Tageslicht hatte sich auch die letzte Spur eines Luftzugs verloren, und man mußte sich damit begnügen, ruhig in einer Höhe von ungefähr dreihundert Fuß zu schweben. Nicht ein Feuer leuchtete durch das Dunkel der Nacht; es herrschte eine Todtenstille. Der Doctor verdoppelte seine Vorsicht; diese Ruhe war vielleicht nur scheinbar, um eine Falle zu verbergen.

Und Fergusson hatte guten Grund, wachsam zu sein. Gegen zwölf Uhr schien die ganze Stadt in Flammen zu stehen; hunderte von Feuerstreifen kreuzten sich wie Brander eines Feuerwerks, indem sie eine förmliche Verwickelung von Flammenlinien bildeten.

»Eine höchst sonderbare Erscheinung!« meinte der Doctor.

»Gott bewahre uns,« rief ietzt Kennedy, »der Brand scheint emporzusteigen und sich uns zu nähern.«

Wirklich erhob sich unter dem Lärm eines wüthenden Geheuls und dem Knall der Musketenschüsse diese Feuermasse zum Victoria, und Joe schickte sich an, Ballast auszuwerfen. Bald indessen hatte der Doctor eine Erklärung für das Phänomen gefunden.

Man hatte Tausende von Tauben, deren Schwanzfedern mit leichtentzündlichen Stoffen versehen waren, gegen den Ballon losgelassen, und erschreckt stiegen sie empor, indem sie in der Luft feurige Zickzacklinien beschrieben. Kennedy setzte all seine Schießwaffen gegen die Thiere in Thätigkeit, aber was vermochte er gegen diese zahllose Masse? Schon umflatterten die Tauben die Gondel und den Ballon, dessen Wände das Licht zurückstrahlten, und der in ein Feuernetz eingehüllt zu sein schien.

Der Doctor warf ohne Zögern ein Stück Quarz aus der Gondel und wich so schnell wie möglich vor den Angriffen dieser gefährlichen Vögel. Noch zwei Stunden lang sah man sie im Dunkel der Nacht hin und herfliegen; dann verminderte sich ihre Zahl allmälig, und endlich war jede Spur von ihnen verschwunden.

»Jetzt können wir ruhig schlafen,« sprach der Doctor.

Joe dachte noch über das Abenteuer nach.

»Für Wilde kein übler Gedanke«, meinte er.

»Man wendet diese Tauben hier ziemlich allgemein an, um die Strohdächer von feindlichen Dörfern in Brand zu stecken, aber dies Mal flog das Dorf noch höher, als das brandstiftende Geflügel!«

»Der Ballon hat eigentlich keine Feinde zu fürchten,« bemerkte Kennedy.

»Das möchte ich nicht so absolut behaupten.«

»Welche denn, zum Beispiel?«

»Vor allem die Unvorsichtigkeit Derjenigen, die er in seiner Gondel trägt; darum, meine Freunde, überall und stets die strengste Wachsamkeit!«