Jules Verne

Achtzehntes Capitel.


Achtzehntes Capitel.

Durch die Lavagalerie.

Um acht Uhr Morgens drang ein Strahl Tageslicht zu uns hinab und weckte uns. Die tausend Facetten der Lava der Wände fingen ihn auf und zerstreuten ihn gleich einem Funkenregen.

Dieser Schimmer reichte hin, um die Gegenstände der Umgebung zu unterscheiden.

»Nun, Axel, was sagst Du dazu? rief mein Oheim, indem er sich die Hände rieb. Hast Du je in unserm Hause in der Königsstraße eine so ruhige Nacht hingebracht! Da ist kein Wagengerassel, Geschrei der Kaufleute, Rufen der Bootsleute!

– Allerdings sind wir hier sehr ruhig auf dem Boden dieses Schachts, aber es liegt doch etwas Erschreckendes darin.

– Aber, rief mein Oheim, erschrickst Du jetzt schon, wie wird’s da später gehen? Wir sind noch keinen Zoll weit in’s Innere der Erde gedrungen.

– Was meinen Sie?

– Ich meine, wir sind erst bis auf den Boden der Insel gelangt. Diese lange senkrechte Röhre, die im Krater des Snäfields mündet, endigt etwa in der Höhe des Meeresspiegels.

– Wissen Sie dies gewiß?

– Sehr gewiß. Befrage nur den Barometer.«

Wirklich, das Quecksilber, welches im Verhältniß, wie wir hinabkamen, allmälig gestiegen, war bei neunundzwanzig Zoll stehen geblieben.

»Du siehst, fuhr der Professor fort, wir haben erst den Druck einer Atmosphäre, und ich bin ungeduldig, den Barometer durch den Manometer zu ersetzen.«

Jenes Instrument mußte in der That von dem Augenblick an unbrauchbar werden, wo das Gewicht der Luft den Druck derselben, wie er auf dem Meeresspiegel stattfindet, überschreitet.

»Aber, sagte ich, ist nicht zu besorgen, dieser stets zunehmende Druck werde peinlich werden?

– Nein. Wir kommen langsam abwärts, und unsere Lungen gewöhnen sich, eine dichtere Atmosphäre einzuathmen. Den Luftschiffern mangelt’s am Ende an Luft, wenn sie in die höheren Schichten kommen, und wir bekommen vielleicht zu viel. Aber das ist besser. Verlieren wir nun keinen Augenblick Zeit. Wo ist der Pack, welchen wir zuvor hinabgeworfen haben?«

Ich erinnere mich, daß wir Abends zuvor vergeblich danach gesucht hatten. Mein Oheim fragte Hans, der mit seinem Jägerauge sich umsah.

»Der huppe? fragte er.

– Dort oben.«

Wirklich, der Pack war an einem Felsenvorsprung etwa hundert Fuß über unserem Kopf hängen geblieben. Und der behende Isländer kletterte gleich einer Katze hinan und holte in einigen Minuten denselben herunter.

»Jetzt, sagte mein Oheim, wollen wir frühstücken, aber wie Leute, die vielleicht eine weite Fahrt zu machen haben.«

Zum Zwieback und getrocknetem Fleisch wurden einige Schluck Wasser mit Wachholderbranntwein genommen.

Als das Frühstück zu Ende war, zog mein Oheim sein Notizbüchlein aus der Tasche, nahm nach einander die verschiedenen Instrumente, und zeichnete auf:

Montag, 1. Juli.

Chronometer: 8 Uhr 17 M. Vorm.
Barometer: 29’7“.
Thermometer: 6°.
Richtung: O.-S.-O.

Diese letztere Angabe des Compasses bezog sich auf den dunkeln Gang.

»Jetzt, Axel, rief der Professor begeistert aus, jetzt werden wir erst recht in’s Innere des Erdballs dringen. Nun beginnt eigentlich erst unsere Reise.«

Und unverzüglich faßte mein Oheim mit der einen Hand einen an seinem Halse hängenden Rühmkorff’schen Apparat, brachte mit der andern den elektrischen Strom in Verbindung mit der Serpentine in der Laterne, und helles Licht zerstreute das Dunkel des Ganges.

Der zweite Apparat, welchen Hans trug, wurde ebenfalls in Thätigkeit gesetzt. Diese sinnreiche Anwendung der Elektricität setzte uns in Stand, durch Schöpfung künstlichen Tageslichts selbst mitten durch entzündliche Gase weiter zu dringen.

»Marsch!« sagte mein Oheim.

Jeder nahm wieder seinen Pack, Hans übernahm es, den mit den Kleidern und Stricken vor sich her zu stoßen, und wir traten alle drei in die Galerie.

Im Augenblick, als wir uns hinein begaben, blickte ich empor, und sah zum letztenmal durch den unermeßlichen Tubus den Himmel Islands, »den ich nicht wieder sehen sollte.«

Die Lava hatte sich bei ihrem Ausbruch im Jahre 1229 einen Weg durch diesen Tunnel gebrochen. Sie überzog das Innere mit einem dichten glänzenden Ueberzug, wovon das elektrische Licht mit hundertfacher Stärke reflectirt wurde.

Die Schwierigkeit des Weges bestand hauptsächlich darin, daß man über eine in einem Winkel von fünfundvierzig Grad geneigte Fläche nicht allzu rasch hinabglitt; zum Glück konnten manche zerfressene oder hervorragende Stellen als Stufen dienen, und das Gepäck brauchten wir nur an einer langen Leine uns nachzuziehen.

Aber, was unter unseren Füßen die Stufen abgab, wurde an den anderen Wänden zum Tropfstein. Die an manchen Stellen löcherige Lava bildete kleine runde Blasen; Krystalle von dunklem Quarz, mit klaren Glastropfen geziert, hingen wie Lüstres vom Gewölbe herab, schienen bei unserer Ankunft angezündet zu werden. Man konnte meinen, die unterirdischen Geister illuminirten ihren Palast, um die Gäste von der Oberwelt zu empfangen.

»Wie prachtvoll ist das! rief ich unwillkürlich aus. Welch ein Anblick! Zum Staunen diese Nuancen der Lava, die in unmerklichen Abstufungen aus dem Rothbraunen in’s glänzende Gelb übergehen! Und diese Krystalle sehen aus wie leuchtende Kugeln!

– Ach! jetzt kommst Du darauf, Axel! erwiderte mein Oheim. Ah, Du hältst das für prächtig, lieber Junge! Du wirst noch ganz andere Dinge zu schauen bekommen, hoff‘ ich. Nur vorwärts! vorwärts!«

Der Compaß, den ich häufig befragte, wies unveränderlich strenge die Richtung Südost. Dieser Lavastrom wich nach keiner Seite hin von der geraden Linie ab.

Inzwischen nahm die Wärme nicht merkbar zu. Dies bestätigte Davy’s Theorie, und ich befragte öfters mit Verwunderung den Thermometer. Zwei Stunden nach unserer Abreise zeigte er nur 10°, das heißt eine Steigerung von 4°. Dies veranlaßte zu der Annahme, daß wir uns mehr horizontal, als vertical bewegten. Wie tief wir hinabgekommen, war leicht zu bestimmen. Der Professor maß die Winkel der senkrechten und wagerechten Richtung des Weges, aber das Ergebniß seiner Beobachtungen hielt er geheim.

Abends um acht Uhr gab er das Zeichen zum Anhalten. Hans setzte sich sogleich nieder. Die Lampen wurden an einem Lavavorsprung befestigt. Wir befanden uns in einer Art Höhle, wo es an Luft nicht mangelte. Im Gegentheil, wir spürten einigen Luftzug. Woher rührte diese atmosphärische Bewegung? Diese Frage mir zu lösen, unterließ ich jetzt, da Hunger und Ermüdung mir die Fähigkeit zu denken benahmen. Das Hinabsteigen während sieben Stunden hintereinander hatte meine Kräfte erschöpft, und ich hörte mit Vergnügen den Ruf »Halt!« Hans breitete auf einem Lavablock einige Lebensmittel aus, und wir aßen mit Appetit. Doch beunruhigte mich ein Umstand: unser Wasservorrath war zur Hälfte verzehrt. Mein Oheim hatte darauf gerechnet, ihn aus unterirdischen Quellen zu ergänzen, aber bisher mangelten diese gänzlich. Ich konnte nicht umhin, diesen Punkt seiner Beachtung zu empfehlen.

»Ist Dir dieser Mangel an Quellen befremdlich? sagte er.

– Allerdings, und er beunruhigt mich sogar. Wir haben nur noch auf fünf Tage Wasser.

– Sei ruhig, Axel, ich stehe Dir dafür, daß wir Wasser finden werden, und mehr als uns lieb sein wird.

– Wann?

– Wenn wir aus diesen Lavaschichten heraus sind. Wie ist’s möglich, daß Quellen durch diese Wände dringen?

– Aber vielleicht zieht sich dieser Gang bis zu großen Tiefen hin. Es scheint mir, wir sind senkrecht noch nicht so tief hinab gekommen.

– Worauf stützest Du diese Voraussetzung?

– Weil, wenn wir innerhalb der Erdrinde weit vorwärts gekommen wären, die Wärme stärker wäre.

– Nach Deinem System, erwiderte mein Oheim. Was zeigt der Thermometer?

– Kaum fünfzehn Grad, also nur neun Grad mehr seit unserer Abreise.

– Nun folgere.

– Ich folgere also. Nach den genauesten Beobachtungen beträgt die Steigerung der Temperatur im Innern der Erde einen Grad auf hundert Fuß. Aber diese Ziffer kann wohl unter gewissen Bedingungen der Oertlichkeit sich ändern. So hat man zu Jakutzk in Sibirien wahrgenommen, daß die Steigerung um einen Grad schon bei sechsunddreißig Fuß stattfand. Dieser Unterschied hängt offenbar von der Leitfähigkeit der Felsen ab. Ich füge ferner bei, daß man in der Nähe eines erloschenen Vulkans und durch den Gneis wahrgenommen hat, daß die Steigerung der Temperatur nur bei hundertfünfunddreißig Fuß einen Grad betrug. Halten wir uns nun an diese letztere Annahme, die sich am günstigsten ausspricht, und rechnen wir.

– Rechne nur, lieber Junge.

– Das ist nicht schwer, sagte ich, und schrieb die Ziffern in mein Notizbuch. Neun mal hundertfünfundzwanzig Fuß machen elfhundertfünfundzwanzig Fuß Tiefe.

– Sehr genau ausgerechnet.

– Nun?

– Nun, nach meinen Beobachtungen befinden wir uns nun zehntausend Fuß unter dem Meeresspiegel.

– Ist’s möglich?

– Ja, oder die Ziffern gelten nicht mehr!«

Des Professors Berechnung stand richtig. Wir waren bereits um sechstausend Fuß tiefer gekommen, als bisher den Menschen gelungen war, zum Beispiel in den Gruben zu Kitz-Bühel in Tyrol und zu Kuttenberg in Böhmen.

Die Temperatur, welche an dieser Stelle einundachtzig Grad hätte betragen sollen, betrug kaum fünfzehn. Das gab sonderlich Stoff zum Nachdenken.

Neunzehntes Capitel.


Neunzehntes Capitel.

Auf dem Irrweg.

Am folgenden Tag, Dienstags, 30. Juni, um sechs Uhr, setzten wir die Reise fort.

Wir folgten stets der Lavagalerie, welche in mäßigem Fall abwärts führte, wie die geneigten Flächen, die noch in manchen alten Häusern sich an Stelle der Treppen finden. So ging’s bis zwölf Uhr siebenzehn Minuten, als wir Hans, der stehen geblieben war, einholten.

»Ah! rief mein Oheim aus, da sind wir ja am Ende des Ganges!«

Ich sah mich um. Wir befanden uns mitten auf einem Kreuzweg, wo zwei Wege mündeten, beide düster und enge. Welchen sollten wir einschlagen?

Mein Oheim, welcher vor mir und dem Führer nicht den Anschein haben wollte, als schwanke er, bezeichnete den östlichen Tunnel, und alsbald gingen wir in denselben hinein. Uebrigens würde jede Unschlüssigkeit bezüglich dieses Weges sehr lange gedauert haben, denn es war kein Anzeichen vorhanden, welches die Wahl des einen oder des andern bestimmen konnte; wir mußten uns ganz dem Zufall anheim geben.

Diese neue Galerie hatte kaum merkbaren Fall, und sehr ungleichen Durchschnitt. Mitunter hatten wir eine Reihe von Gewölbebogen vor uns, die dem Nebenschiff einer gothischen Cathedrale glichen. Die Baukünstler des Mittelalters hätten da alle Formen der religiösen Architektur, welche aus dem Spitzbogen sich entwickelt hat, studieren können. Eine Meile weiter hatten wir unter den gedrückten Bogen des romanischen Styls den Kopf zu beugen, und mächtige Pfeiler in den Grundmauern stützten die Gewölbe mit ihren Unterlagen. An manchen Stellen sah man statt ihrer niedrige Unterbauten, die den Werken der Biber glichen, und wir glitten durch enge Gänge kriechend hinab.

Die Wärme hielt sich stets auf einem erträglichen Höhegrad. Unwillkürlich verglich ich damit, wie unendlich stark dieselbe gewesen, als die vom Snäfields ausgeworfenen Lavaströme auf diesem jetzt so ruhigen Weg durchbrachen. Ich dachte mir, wie an den Ecken der Galerie die Feuerströme sich brachen, und in diesem engen Raum die übermäßig heißen Dämpfe sich häuften.

»Wenn es nur, dachte ich, dem alten Vulkan nicht wieder einfällt, loszubrechen!«

Gegen meinen Oheim sprach ich diesen Gedanken nicht aus; er hätte ihn nicht begriffen. Sein einziger Gedanke war: Vorwärtsdringen. Er ging, rutschte, purzelte mit einer Ueberzeugung, die man doch bewundern mußte.

Um sechs Uhr Abends waren wir, wenig ermüdet, 2 Meilen südlich vorwärts gekommen, aber in die Tiefe kaum eine Viertelmeile.

Mein Oheim gab das Zeichen zum Ausruhen. Wir aßen, ohne viel zu reden, und schliefen, ohne uns allzuviel Gedanken zu machen.

Unsere Einrichtung für die Nacht war sehr einfach; unser ganzes Bett bestand in einer Reisedecke, womit man sich umhüllte. Wir hatten weder Kälte, noch Belästigung durch einen Besuch zu fürchten. In den Wüsten Afrika’s, in den Waldungen der neuen Welt sind die Reisenden genöthigt, während des Schlafs sich einander Wache zu halten. Hier dagegen vollständige Einsamkeit, vollkommene Sicherheit. Weder Wilde, noch reißende Thiere waren zu fürchten.

Den andern Morgen setzten wir frisch und rüstig die Reise fort. Wir hatten denselben Lavagrund, wie Tags zuvor; die Beschaffenheit des Erdreichs, welches sie umgab, war unmöglich zu erkennen. Der Tunnel aber zog sich nicht mehr tiefer hinab, sondern ward allmälig ganz horizontal; ja ich glaubte zu bemerken, er führe wieder aufwärts, der Erdoberfläche zu. Gegen zehn Uhr Vormittags zeigte sich dies ganz offenbar; das Gehen wurde ermüdend, und ich mußte schon meinen Schritt mäßigen.

»Nun, Axel? sagte der Professor ungeduldig.

– Nun, ich kann nicht rascher, erwiderte ich.

– Wie? Nach drei Stunden auf einem so leichten Weg!

– Leicht, will ich nicht in Abrede stellen, aber doch ermüdend.

– Wie? Wir gehen ja nur abwärts!

– Aufwärts, erlauben Sie!

– Aufwärts! sagte mein Oheim, und zuckte die Achseln.

– Allerdings. Seit einer halben Stunde hat sich die Neigung des Weges geändert, und wenn’s so fortgeht, kommen wir sicherlich wieder auf die Oberfläche.«

Der Professor schüttelte den Kopf, da er sich nicht überzeugen lassen wollte. Ich brachte von Neuem die Rede darauf, er gab mir aber keine Antwort. Ich sah wohl, daß sein Schweigen nur von übler Laune herrührte.

Inzwischen hatte ich meinen Bündel wieder auf den Rücken genommen, und folgte eilig Hans nach, der vor meinem Oheim her ging. Es war mir darum zu thun, daß ich nicht zurück blieb; und meine Hauptsorge war, daß ich meine Gefährten nicht aus den Augen verlöre. Ich schauderte bei dem Gedanken, daß ich mich in den Tiefen dieses Labyrinths verirren könne.

Uebrigens, wenn der nun aufwärts führende Weg ermüdender war, so tröstete ich mich darüber mit dem Gedanken, daß uns derselbe der Erdoberfläche näher brachte. Darin lag eine Hoffnung. Jeder Schritt bestätigte es, und ich erquickte mich schon bei dem Gedanken, mein liebes Gretchen wieder zu sehen.

Zur Mittagszeit gewährten die Wände der Galerie einen andern Anblick. Ich merkte es an der schwächeren Rückstrahlung des elektrischen Lichts. An Stelle der Lavaverkleidung trat jetzt das lebendige Gestein. Der Grundstock bestand aus geneigten, oft vertical geordneten Schichten. Wir befanden uns mitten in der Uebergangsepoche, in der silurischen Periode.

»Es ist augenscheinlich klar, rief ich aus, der Schiefer, der Kalk- und der Sandstein entstanden in der zweiten Epoche der Erdbildung aus dem Niederschlag der Gewässer! Wir kehren jetzt dem Granitkern den Rücken! Wir machen’s jetzt wie die Hamburger, welche über Hannover nach Lübeck reisen wollen.«

Ich hätte meine Beobachtungen für mich behalten sollen. Aber meine Anlage zum Geologen überwog die Klugheit, und Onkel Lidenbrock hörte meine Ausrufungen.

»Was hast Du denn vor? sprach er.

– Sehen Sie! erwiderte ich, und zeigte ihm die abwechselnde Reihe des Sand- und Kalksteins, und der ersten Spuren des Schieferbodens.

– Nun?

– Wir sind in die Periode gekommen, in welcher die ersten Pflanzen und Thiere zum Vorschein kamen.

– So! meinst Du?

– Aber schauen Sie nur, untersuchen, beobachten Sie!«

Ich nöthigte den Professor, seine Lampe an die Wände der Galerie zu halten. Ich versah mich seinerseits eines Ausrufs. Aber er sagte kein Wort, ging schweigend seines Weges weiter.

Hatte er mich verstanden, oder nicht? Wollte er, aus Eigenliebe des Oheims und des Gelehrten, nicht zugeben, daß er sich geirrt habe, indem er den östlichen Tunnel wählte, oder hatte er sich vorgenommen, diesen Gang bis an sein Ende zu verfolgen? Es lag klar, daß wir aus dem durch die Laven ziehenden Weg heraus gekommen waren, und daß dieser Weg unmöglich zum Herd des Snäfields führen konnte.

Doch fragte ich mich, ob ich nicht dieser Aenderung des Bodens eine zu große Bedeutung beigelegt habe. Hab‘ ich mich nicht selbst geirrt? Wandern wir wirklich durch diese Schichten von Gestein, welches über dem Granitgerippe liegt?

»Habe ich Recht, dacht‘ ich, so muß ich einige Trümmer von Urpflanzen finden, und man hat sich wohl an den Augenschein zu wenden. So wollen wir suchen.«

Ehe ich hundert Schritte machte, boten sich meinen Augen unverwerfliche Beweise dar. Das mußte wohl der Fall sein, denn in der silurischen Epoche befanden sich in den Meeren über fünfzehnhundert Arten von Pflanzen oder Thieren. Meine Füße, die bisher harten Lavaboden unter sich gehabt, traten nun plötzlich auf einen Staub aus Pflanzenresten und Muscheln. An den Wänden sah man deutlich Abdrücke von Meergräsern und Lykopodien. Der Professor Lidenbrock konnte nun unmöglich mehr irren; aber er schloß die Augen, denk‘ ich, und schritt unabänderlich weiter.

Es war das ein Eigensinn über alle Grenzen. Jetzt hielt ich mich nicht länger zurück. Ich nahm eine vollkommen wohl erhaltene Muschel, die einem Thier angehört hatte, das ungefähr einer jetzigen Assel glich; darauf ging ich zu meinem Oheim und sagte zu ihm:

»Sehen Sie!

– Nun! erwiderte er ruhig, es ist die Muschel eines Thiers von der jetzt verschwundenen Gattung der Trilobiten. Weiter nichts.

– Aber folgern Sie nicht daraus? …

– Was Du folgerst? Ja wohl. Wir sind aus der Schichte des Granits und der Lava herausgekommen. Möglich, daß ich irre; aber ich bin nicht eher von meinem Irrthum überzeugt, als bis wir an’s Ende dieser Galerie gekommen sind.

– Sie verfahren mit Recht so, lieber Oheim, und ich würde Ihnen Beifall geben, hätten wir nicht eine immer mehr drohende Gefahr zu fürchten gehabt.

– Und welche?

– Wassermangel.

– Nun! Wir werden uns auf Rationen setzen, Axel.«

Erstes Capitel.


Erstes Capitel.

Professor Lidenbrock.

Am 24. Mai 1863, eines Sonntags, kam mein Oheim, der Professor Lidenbrock, in hastiger Eile heim in sein kleines Haus, Königsstraße 19, eine der ältesten Straßen des alten Stadtviertels zu Hamburg.

Die gute Martha mußte glauben sehr mit dem Mittagessen in Rückstand zu sein, denn es fing eben erst an auf dem Heerde zu sieden.

»Schön, sagte ich, aber wenn mein Oheim Hunger hat, wird der ungeduldige Mann Zeter schreien.

– Da ist ja schon Herr Lidenbrock! rief die gute Martha in Bestürzung, indem sie die Thür des Speisezimmers ein wenig öffnete.

– Ja, Martha, aber das Essen darf schon noch etwas kochen, denn es hat eben erst auf der Michaeliskirche halb zwei geschlagen.

– Warum kommt aber Herr Lidenbrock schon heim?

– Er wird’s uns vermuthlich sagen.

– Da ist er! Ich flüchte mich, Herr Axel, Sie werden ihn zur Einsicht bringen.«

Und die gute Martha eilte wieder in ihre Küche.

Ich blieb allein. Aber einen zornigen Professor zur Einsicht zu bringen, war doch für meinen etwas schwankenden Charakter nicht möglich. Daher war ich im Begriff mich klüglich wieder in mein Zimmerchen hinauf zu begeben, als die Angeln der Hausthür knarrten; des Hausherrn lange Beine schritten geräuschvoll über die hölzerne Treppe quer durch das Speisezimmer hastig in sein Arbeitscabinet.

Im Vorbeirennen warf er seinen Stock mit einem Nußknackerknopf in eine Ecke, seinen wider den Strich gebürsteten Hut auf einen Tisch, und rief laut seinem Neffen zu:

»Axel, komm‘ mir nach!«.

Ich hatte noch nicht Zeit, vom Fleck zu kommen, als der Professor mit lebhafter Ungeduld mir zurief:

»Nun! noch nicht hier?«

Ich eilte in’s Zimmer meines fürchterlichen Oheims. Otto Lidenbrock war kein bösartiger Mensch, ich geb’s gerne zu; aber wofern er nicht, was sehr unwahrscheinlich ist, sich ändert, so wird er als ein schrecklicher Sonderling sterben.

Er war Professor am Johanneum, und hielt Vorträge über Mineralogie, wobei er regelmäßig ein- oder auch zweimal in Zorn gerieth. Es kam ihm durchaus nicht darauf an, daß seine Schüler fleißig die Lectionen besuchten, noch daß sie aufmerksam zuhörten, noch daß sie Fortschritte machten: diese Kleinigkeiten machten ihm wenig Sorge. Sein Vortrag war, wie die deutsche Philosophie sich ausdrückt, »subjectiv« für ihn, und nicht für andere. Er war ein egoistischer Gelehrter, ein Wissensbrunnen, dessen Rolle knarrte, wenn man etwas herausziehen wollte: mit einem Wort, ein Geizhals.

Es giebt in Deutschland manche Professoren der Art. Mein Oheim hatte leider keine leichte Aussprache, wenigstens wann er öffentlich sprach, ein bedauerlicher Mangel bei einem Redner. Bei seinen Vorträgen im Johanneum blieb der Professor oft plötzlich stecken; er rang mit einem störrigen Ausdruck, der nicht von seinen Lippen wollte, einem Ausdruck, der sich sträubt und aufbläht, bis er endlich in der unwissenschaftlichen Form eines Fluchs heraus kommt. Darüber arge Erzürnung.

Nun giebt’s in der Mineralogie viele halb-griechische, halb-lateinische Benennungen, die schwer auszusprechen sind, so holperig rauh, daß sie für eines Dichters Lippen eine Pein sind. Ich will dieser Wissenschaft nichts Uebles nachsagen. Aber gegenüber von rhomboedrischen Krystallisationen, von retin-asphaltischen Harzen, von Gheleniden, Fangasiden, Molybdaten, Tungstaten, Titaniaten und Zirconen darf die geläufigste Zunge fehl sprechen.

In der Stadt nun kannte man diese verzeihliche Schwäche meines Oheims, und man machte sich über ihn lustig; man lauerte ihm auf, reizte ihn zum Zorn und lachte ihn aus, was auch in Deutschland durchaus nicht für anständig gilt. Und waren die Zuhörer Lidenbrock’s stets zahlreich, so kamen sie meist deshalb, um sich an dem ergötzlichen Zorn des Professors zu belustigen.

Wie dem auch sein mag, mein Oheim war, – das kann ich nicht genug betonen – ein echter Gelehrter. Obwohl er manchmal bei allzu barschen Versuchen seine Musterstücke zerschlug, verband er mit dem Genie des Geologen den Blick des Mineralogen. Mit seinem Hammer, seiner stählernen Spitzhaue, seiner Magnetnadel, seinem Löthrohr und Fläschchen Salpetersäure war der Mann sehr stark. Er verstand jedes beliebige Metall nach dem Bruch, Aussehen, der Härte, Schmelzbarkeit, dem Ton, Geruch oder Geschmack ohne viel Bedenken in die Classification der sechshundert jetzt bekannten Gattungen einzureihen.

Daher hatte auch Lidenbrock’s Name in den Gymnasien und Vereinen einen ehrenvollen Klang. Humphry Davy und von Humboldt, die Kapitäne Franklin und Sabine machten ihm auf der Reise durch Hamburg ihren Besuch. Becquerel, Ebelmen, Brewster, Dumas, Milne-Edwards, Sainte-Claire-Deville befragten ihn gerne über wichtige Punkte der Chemie. Diese Wissenschaft verdankte ihm hübsche Entdeckungen, und im Jahre 1853 war zu Leipzig von Otto Lidenbrock eine Abhandlung über Transcendentale Krystallographie in Großfolio mit Abbildungen erschienen, welche jedoch nicht die Kosten deckte.

Zudem war mein Oheim Conservator des mineralogischen Museums des russischen Gesandten Struve, welches europäischen Ruf hatte.

Dieser Mann war’s, der mich so ungeduldig anrief. Ein großer, magerer Mann mit eiserner Gesundheit und blondem jugendlichen Aussehen, das ihn um zehn Jahre jünger machte, als er wirklich war. Große unablässig rollende Augen hinter einer ansehnlichen Brille; eine lange feine Nase, gleich einer scharfen Klinge; böse Zungen behaupteten, sie sei mit einem Magnet bestrichen und ziehe den Eisenstaub an sich.

Pure Verleumdung: sie zog nur den Tabak in sich, und zwar, um der Wahrheit ihr Recht zu geben, in reichlichem Maße.

Wenn ich noch hinzufüge, daß mein Oheim mathematisch gemessen drei Fuß lange Schritte machte, und ferner bemerke, daß er mit festgeschlossenen Händen – was ein heftiges Temperament bezeichnet – einherging, so kennt man ihn hinlänglich, um auf seine Gesellschaft nicht sehr erpicht zu sein.

Er wohnte auf der Königsstraße in einem eigenen kleinen Hause, das halb aus Holz, halb aus Ziegelstein gebaut war, mit ausgezacktem Giebel; es lag an einem der Canäle, welche in Schlangenwindungen durch das älteste Quartier Hamburgs ziehen, das von dem großen Brand im Jahre 1842 glücklich verschont wurde; sein Dach saß ihm so schief, als einem Studenten des Tugendbundes die Mütze auf dem Ohr; das Senkblei durfte man an seine Seiten nicht anlegen; aber im Ganzen hielt es sich fest, Dank einer kräftigen in die Vorderseite eingefügten Ulme, die im Frühling ihre blühenden Zweige durch die Fensterscheiben trieb.

Mein Oheim war für einen deutschen Professor reich zu nennen. Das Haus war sammt Inhalt sein volles Eigenthum. Zu dem Inhalt gehörte seine Pathin, Gretchen, ein siebenzehnjähriges Mädchen aus den Vierlanden, die gute Martha und ich. In meiner doppelten Eigenschaft als Neffe und Waise ward ich sein Handlanger-Gehilfe bei seinen Experimenten.

Ich gestehe, daß ich an den geologischen Wissenschaften Lust hatte; es floß mineralogisches Blut in meinen Adern, und ich langweilte mich nie in Gesellschaft meiner kostbaren Steine.

Uebrigens konnte man doch in diesem kleinen Hause der Königsstraße glücklich leben trotz der ungeduldigen Weise seines Eigenthümers, denn obwohl er sich etwas brutal benahm, liebte er mich doch. Aber der Mann verstand nicht zu warten, und eilte sogar der Natur voran.

Wenn er im April in die Fayence-Töpfe seines Salons Stöckchen Reseda oder Winde pflanzte, zupfte er sie jeden Morgen an den Blättern, um ihr Wachsthum zu beschleunigen.

Bei einem solchen Original war nichts anderes möglich, als gehorchen. Ich stürzte daher hastig in sein Arbeitszimmer.

Zehntes Capitel.


Zehntes Capitel.

Professor Fridrickson.

Das Mittagessen war bereit. Der Professor Lidenbrock verschlang es mit großem Appetit, denn sein Magen war in Folge des Fastens an Bord zu einem Schlund geworden. Diese mehr dänische, wie isländische Mahlzeit hatte an sich nichts Merkwürdiges; aber unser Wirth, der mehr Isländer wie Däne war, erinnerte mich an die antike Gastfreundschaft, welche den Gast mehr gelten läßt.

In die Unterhaltung, welche in der Landessprache geführt wurde, mischte mein Oheim deutsche Brocken, und Herr Fridrickson lateinische, damit auch mir etwas verständlich sei. Sie betraf wissenschaftliche Fragen, wie es bei Gelehrten passend ist; aber der Professor Lidenbrock hielt sich äußerst rückhaltend, und seine Augen befahlen mir bei jedem Satze unbedingtes Schweigen über unsere Zwecke an.

Zuerst erkundigte sich Herr Fridrickson bei meinem Oheim über das Resultat seiner Untersuchungen auf der Bibliothek.

»Ihre Bibliothek, bemerkte Letzterer, besteht nur aus verstümmelten Werken, aus fast leeren Fächern.

– Wie? erwiderte Herr Fridrickson, wir besitzen achttausend Bände, worunter viele werthvolle und seltene Werke in alt-scandinavischer Sprache, und alle neueren Erscheinungen, womit wir von Kopenhagen aus jährlich versorgt werden.

– Wo sind denn diese achttausend Bände? Meiner Schätzung nach …

– Ei! Herr Lidenbrock, sie sind im Umlauf in Land. Man hat auf unserer alten Eisinsel Lust am Lesen! Es giebt keinen Bauer, keinen Fischer, der nicht lesen könnte und nicht liest. Wir meinen, Bücher seien bestimmt, anstatt hinter eisernen Gittern zu verschimmeln, unter den Augen der Leser nützlich zu sein. So sind denn auch diese Bände von Hand zu Hand in Umlauf, werden durchblättert, gelesen und wieder gelesen; und manchmal sind sie ein Jahr oder zwei abwesend, bis sie wieder in ihr Fach kommen.

– Doch, erwiderte mein Oheim etwas ärgerlich, die Fremden …

– Was meinen Sie! Die Ausländer haben in ihrer Heimat Bibliotheken, und vor Allem bedürfen unsere Landleute der geistigen Nahrung. Ich wiederhole, Freude an der Belehrung liegt dem Isländer im Blute. Auch haben wir 1816 eine literarische Gesellschaft gegründet, die in Blüthe ist; ausländische Gelehrte machen sich eine Ehre daraus, derselben anzugehören; sie veröffentlicht Schriften für Erziehung und Bildung unserer Landsleute, und leistet dem Land wirkliche Dienste. Wenn Sie, Herr Lidenbrock, uns als correspondirendes Mitglied angehören wollen, machen Sie uns damit ein großes Vergnügen.«

Mein Oheim, der bereits hundert wissenschaftlichen Gesellschaften angehörte, nahm es freundlich an zur dankbaren Befriedigung des Herrn Fridrickson.

»Jetzt, fuhr dieser fort, geben Sie mir gefälligst die Bücher an, welche Sie auf unserer Bibliothek zu finden hofften, und ich kann Ihnen vielleicht darüber Auskunft geben.«

Ich sah meinen Oheim an. Er zögerte mit der Antwort. Das berührte direct seine Pläne. Doch entschloß er sich, nach einiger Ueberlegung, zu reden.

»Herr Fridrickson, sagte er, ich möchte wissen, ob Sie unter Ihren alten Büchern auch die von Arne Saknussemm besitzen?

– Arne Saknussemm! erwiderte der Professor aus Reykjawik. Sie meinen den Gelehrten des sechzehnten Jahrhunderts, der ein großer Naturkundiger, Alchymist und Reisender war?

– Den eben meine ich.

– Eine der Zierden der Wissenschaft und Literatur Islands?

– Wie Sie sagen.

– Ein weltberühmter Mann?

– Ich geb’s zu.

– Von eben so großem Muth, als Genie?

– Ich sehe, daß Sie ihn genau kennen.«

Mein Oheim hörte mit Entzücken so von seinem Helden sprechen. Seine Blicke hingen unverwandt an Herrn Fridrickson.

»Nun! fragte er, seine Werke?

– Seine Werke haben wir nicht.

– Wie? Auf Island?

– Sie existiren weder auf Island, noch sonstwo.

– Und warum?

– Weil Arne Saknussemm als Ketzer verfolgt, und seine Werke im Jahre 1573 zu Kopenhagen durch Henkershand verbrannt wurden.

– Vortrefflich! rief mein Oheim, zum Aergerniß des Professors der Naturwissenschaften.

– Wie? fragte dieser.

– Ja! Alles erklärt sich, Alles verknüpft sich, Alles ist verständlich, und ich begreife, weshalb Saknussemm, nachdem seine Schriften verfolgt und er genöthigt worden, die Entdeckungen seines Geistes zu verbergen, sein Geheimniß in unverständliche Geheimschrift verhüllen mußte …

– Was für ein Geheimniß? fragte lebhaft Fridrickson.

– Ein Geheimniß … das … erwiderte stotternd mein Oheim.

– Haben Sie vielleicht ein besonderes Document?

– Nein … Es war bloße Vermuthung.

– Gut, versetzte Herr Fridrickson, der so freundlich war, als er seine Verlegenheit sah, nicht weiter in ihn zu dringen. Ich hoffe, fuhr er fort, Sie werden unsere Insel nicht verlassen, ohne aus ihren mineralogischen Schätzen zu schöpfen?

– Unfehlbar, erwiderte mein Oheim; aber ich komme etwas spät, es sind schon andere Gelehrte hier gewesen?

– Ja, Herr Lidenbrock; die auf königlichen Befehl ausgeführten Arbeiten der Herren Olafsen und Povelsen, die Studien Troil’s, die wissenschaftliche Mission der Herren Gaimard und Robert an Bord der französischen Corvette ‚La Recherche‘ [Fußnote], und letzthin die Beobachtungen der auf der Fregatte La Reine Hortense befindlichen Gelehrten haben zur Kenntniß Islands sehr viel beigetragen. Aber, glauben Sie mir, sie haben noch etwas zu thun übrig gelassen.

– Sie meinen? fragte mein Oheim mit gutmüthiger Miene, indem er das Feuer seiner Augen zu mildern bemüht war.

– Ja. Was sind da für Berge, Gletscher, Vulkane, die noch wenig gekannt sind, zu erforschen! Sehen Sie da, um nicht weiter zu gehen, diesen Berg am Horizont emporragen. Das ist der Snäfields.

– So! sagte mein Oheim, der Snäfields!

– Ja, einer der merkwürdigsten Vulkane, dessen Krater selten besucht wird.

– Ist er erloschen?

– O! Seit fünfhundert Jahren.

– Nun denn! erwiderte mein Oheim, der, um nicht aufzuspringen, krampfhaft die Beine über einander schlug, ich habe Lust, meine geologischen Studien mit diesem Sessel … Fessel … wie sagten Sie? zu beginnen.

– Snäfields!« fuhr der treffliche Herr Fridrickson fort.

Dieser Theil der Unterhaltung hatte in lateinischer Sprache stattgefunden; ich hatte Alles verstanden, und konnte kaum meine ernsthafte Miene bewahren, als mein Oheim seine freudige Befriedigung zu verbergen suchte, die aus ihm herausstrahlte. Indem er sich unschuldig stellen wollte, glich er einem alten Teufel.

»Ja, sagte er, Ihre Worte sollen mich bestimmen! Wir wollen den Snäfields zu ersteigen versuchen, vielleicht auch seinen Krater untersuchen!

– Ich bedauere sehr, erwiderte Herr Fridrickson, daß meine Geschäfte mir nicht gestatten, mich zu entfernen; ich würde Sie gerne dahin begleitet haben.

– O nein! nein! erwiderte lebhaft mein Oheim; wir wollen durchaus keine Störung machen, Herr Fridrickson; ich danke Ihnen herzlich. Die Betheiligung eines so gelehrten Mannes, wie Sie, wäre sehr nützlich, aber die Obliegenheiten Ihres Amtes …«

Ich denke mir wohl, daß unser Wirth in der Unbefangenheit seiner isländischen Seele von der großen Schalkheit meines Oheims keinen Begriff hatte.

»Ich billige sehr, Herr Lidenbrock, sagte er, daß Sie mit diesem Vulkan anfangen. Sie werden da an merkwürdigen Beobachtungen eine reiche Ernte bekommen. Aber sagen Sie mir, wie denken Sie auf die Halbinsel des Snäfields zu kommen?

– Zur See, über die Bai. So geht’s am schnellsten.

– Allerdings; aber das ist jetzt unmöglich.

– Weshalb?

– Weil wir nicht ein einziges Boot zu Reykjawik haben.

– Teufel!

– Sie müssen längs der Küste zu Land reisen. Das ist zwar ein Umweg, aber er ist interessant.

– Gut. Ich werde einen Führer zu bekommen suchen.

– Ich kann Ihnen gerade einen anbieten.

– Ist’s ein zuverlässiger, verständiger Mann?

– Ja, ein Bewohner der Halbinsel. Es ist ein sehr geschickter Eiderjäger, mit dem Sie zufrieden sein werden. Er spricht geläufig dänisch.

– Und wann kann ich ihn sehen?

– Morgen, wenn’s Ihnen beliebt.

– Warum nicht heute?

– Weil er erst morgen ankommt.

– Morgen also,« erwiderte mein Oheim seufzend.

Kurz darauf endigte diese bedeutsame Unterhaltung, und der deutsche Professor dankte dem isländischen auf’s Wärmste.

Mein Oheim hatte bei der Mahlzeit wichtige Dinge erfahren, unter anderem die Geschichte Saknussemm’s und den Grund seines geheimnißvollen Documents, sowie die Aussicht, morgen einen Führer zur Verfügung zu haben.

Elftes Capitel.


Elftes Capitel.

Hans Bjelke.

Abends machte ich einen kleinen Spaziergang am Gestade von Reykjawik, kam frühzeitig zurück, und legte mich zu Bette, wo ich in tiefem Schlaf ausruhte.

Beim Erwachen hörte ich meinen Oheim im Nebenzimmer in lebhaftem Gespräch. Ich stand sogleich auf und beeilte mich zu ihm zu kommen.

Er sprach dänisch mit einem Manne von hohem, kräftigem Wuchs. Der große Bursche schien ungemein stark zu sein. Seine Augen in einem starken Kopf mit treuherzigen Zügen schienen verständig. Sie waren blau und tiefsinnig. Lange Haare, die selbst in England für roth gelten konnten, wallten über seine athletischen Schultern. Seine Bewegungen waren zwar geschmeidig, aber er regte wenig die Arme; die Sprache der Gesticulation war ihm unbekannt. In Allem sprach sich bei ihm das vollkommen ruhige, aber doch nicht gleichgiltige Temperament aus. Man fühlte, daß er von keinem Menschen etwas begehrte, daß er nach eigenem Ermessen arbeitete, und daß nichts in der Welt ihn in seiner Lebensphilosophie störte.

Die Schattirungen dieses Charakters nahm ich an der Art und Weise ab, wie der Isländer den leidenschaftlichen Wortschwall des Professors aufnahm.

Mit gekreuzten Armen blieb er inmitten der fortwährenden Gesticulation meines Oheims unbeweglich; zum Verneinen wandte er seinen Kopf von der Linken zur Rechten, zum Bejahen neigte er sich, aber so wenig, daß seine langen Haare sich kaum bewegten. Die Sparsamkeit an Bewegungen trieb er bis zum Geiz.

Beim Anblick dieses Mannes hätte ich sicher nicht geahnt, daß er seines Zeichens ein Jäger sei; dieser scheuchte gewiß sein Wild nicht auf, aber wie konnte er ihm nahe kommen?

Dies ward mir begreiflich, als ich von Herrn Fridrickson vernahm, dieser ruhige Mann sei nur ein »Eiderjäger«. Um das Gefieder der Eidergans, »Eiderdaunen« genannt, worin ein großer Reichthum der Insel besteht, zu sammeln, bedarf’s in der That keines großen Aufwandes von Bewegung.

In den ersten Sommertagen baut das Weibchen sein Nest zwischen die Felsen der Fjords, womit das Land ausgezackt ist und füttert sodann dasselbe mit den zarten Flaumfedern seines Leibes aus. Alsbald kommt nun der Jäger, oder vielmehr der Daunenhändler, nimmt das Nest weg, und das Weibchen beginnt seine Arbeit von Neuem. Dies dauert so lange, als sein Gefieder ausreicht. Ist es dessen entblößt, so kommt an das Männchen die Reihe. Da aber dessen rauhe und grobe Federn keinen Handelswerth haben, so nimmt nun der Jäger nicht mehr das Nest weg, worin dann das Weibchen seine Eier legt und ausbrütet. Im folgenden Jahre wird das Eiderdaunensammeln in gleicher Weise erneuert.

Da nun die Eidergans für ihr Nest nicht die steilen Felsen auswählt, sondern die leicht zugänglichen horizontalen, welche sich in’s Meer verlaufen, so kann der Eiderjäger sein Geschäft ohne große Anstrengung seiner Glieder verrichten. Es ist also ein Bauer, der weder zu säen, noch die Ernte zu schneiden, sondern lediglich sie einzusammeln hat.

Dieser ernste, phlegmatische und schweigsame Mann hieß Hans Bjelke; er kam auf Herrn Fridrickson’s Empfehlung und ward unser Führer. Sein Benehmen war eigenthümlich verschieden von dem meines Oheims.

Doch verständigten sie sich leicht. Keiner von beiden brachte den Preis in Anschlag; der eine bereit, zu nehmen, was man ihm bot, der andere zu geben, was verlangt wurde. Nie kam ein Handel leichter zu Stande.

Hans machte sich also verbindlich, uns bis zum Dorfe Stapi zu führen, das an der Südküste der Halbinsel des Snäfields, dicht am Fuße des Vulkans liegt. Dieser Weg wurde auf zweiundzwanzig Meilen berechnet, welche mein Oheim in zwei Tagen zurückzulegen meinte. Als er aber vernahm, daß es dänische Meilen von vierundzwanzigtausend Fuß seien, mußte er seinen Anschlag ändern und sich, in Betracht der mangelhaften Wege, auf sieben bis acht Tage gefaßt machen.

Vier Pferde mußten zur Verfügung sein, zwei zum Reiten für ihn und mich, die beiden anderen für das Gepäck zu tragen. Hans sollte nach seiner Gewohnheit zu Fuß gehen. Er kannte diese Gegend genau und versprach, den kürzesten Weg einzuschlagen.

Zur Zeit unserer Ankunft in Stapi trat derselbe nicht aus meines Oheims Dienst, sondern ließ sich von demselben für die ganze Dauer seiner wissenschaftlichen Unternehmung zum Preise von drei Reichsthalern anwerben. Nur wurde ausdrücklich ausbedungen, daß diese Summe ihm wöchentlich, am Samstag Abend, ausbezahlt würde.

Die Abreise wurde auf den 16. Juni festgesetzt. Mein Oheim wollte ihm ein Draufgeld geben, aber er lehnte es mit einem Wort ab.

»Efter, sagte er.

– Nachher«, übersetzte mir’s der Professor.

Als der Vertrag gemacht war, zog sich Hans zurück.

»Ein famoser Mensch, rief mein Oheim aus, aber er ahnt gar nicht, was für eine Rolle zu spielen ihm vorbehalten ist.

– Er wird uns also begleiten bis …

– Ja, Axel, bis nach dem Mittelpunkt der Erde.«

Achtundvierzig Stunden blieben uns noch bis zur Abreise; zu meinem großen Bedauern mußte ich sie auf die Vorbereitungen verwenden; unsere gesammten Geisteskräfte wurden in Anspruch genommen, jeden Gegenstand auf die angemessenste Weise zu ordnen, die Instrumente hierhin, die Waffen dorthin, die Werkzeuge in dies Packet, die Lebensmittel in jenes. Im Ganzen waren’s vier Gruppen.

Die Instrumente bestanden aus:

1. Einem hunderttheiligen Thermometer von Eigel, mit einer Scala von hundertundfünfzig Grad, welches mir zu hoch oder zu niedrig vorkam. Zu hoch, wenn die Hitze unserer Umgebung diesen Grad erreicht, denn dann würden wir gebraten. Zu niedrig, wenn sich’s darum handelte, die Temperatur der Quellen oder jedes anderen geschmolzenen Stoffs zu messen.

2. Ein Manometer für den Luftdruck, um die höheren Grade anzugeben, welche den der Atmosphäre auf dem Niveau des Meeres überstiegen. In der That würde das gewöhnliche Barometer nicht tauglich gewesen sein, da der Druck der Atmosphäre im Verhältniß unseres Hinabsteigens unter die Oberfläche der Erde zunehmen mußte.

3. Ein Chronometer vom jüngeren Boissonnas zu Genf, das nach dem Meridian Hamburgs genau gerichtet war.

4. Zwei Compasse für senkrechte und wagerechte Verwendung.

5. Ein Nachtfernrohr.

6. Zwei Rühmkorff’sche Apparate, welche vermittelst eines elektrischen Stroms ein leicht tragbares Licht gewähren, das sicher ist und wenig Raum einnimmt [Fußnote].

Die Waffen bestanden in zwei Karabinern von Purdley More & Co. und zwei Revolvern von Colt. Wofür denn Waffen? Wir hatten doch, denk‘ ich, weder Wilde noch Gewild zu fürchten. Aber mein Oheim schien an seinem Arsenal zu hängen, wie an seinen Instrumenten, besonders an einem gehörigen Vorrath von Schießbaumwolle, die von Feuchtigkeit nicht leidet, und deren Treibkraft weit stärker ist, als die des gewöhnlichen Pulvers.

Die Werkzeuge bestanden aus zwei Spitzhauen, zwei Hacken, einer Strickleiter von Seide, drei mit Eisen beschlagenen Stöcken, einem Beil, einem Hammer, einem Dutzend eiserner Keile und Ringschrauben, nebst langen Stricken mit Knoten. Das mußte wohl ein starkes Packet ausmachen, denn die Leiter war dreihundert Fuß lang.

Endlich waren auch Lebensmittel darin. Das nicht sehr große Packet enthielt an concentrirtem Fleisch mit Zwieback Vorrath für sechs Monat. Wachholderbranntwein war die einzige Flüssigkeit, an Wasser mangelte es gänzlich; aber wir hatten Kürbisflaschen, und mein Oheim rechnete auf Quellen, um sie damit zu füllen; die Einwendungen, welche ich über ihre Beschaffenheit, Temperatur, selbst ihr Vorhandensein zu machen hatte, waren fruchtlos geblieben.

Um die Liste unserer Reiseartikel vollständig zu geben, nenne ich noch eine Reiseapotheke mit stumpfen Scheeren, Schienen für einen Bruch, ein Stück Band von ungebleichtem Garn, Binden und Kompressen, Heftpflaster, ein Aderlaßbecken, ganz erschreckliche Dinge; ferner eine Anzahl Fläschchen mit Dextrin, Wundspiritus, Bleiessig, Aether, Essig und Salmiak, lauter Arzneimittel, die wenig beruhigen konnten; endlich den nöthigen Stoff für einen Rühmkorff’schen Apparat.

Mein Oheim vergaß auch nicht Tabak, Schießpulver und Zunder, desgleichen einen ledernen Gurt, welchen er um die Hüften trug, mit hinreichendem Vorrath an Gold-, Silber- und Papiergeld. Tüchtige Schuhe, die durch einen Ueberzug von Theer und elastischem Gummi wasserdicht gemacht waren, befanden sich, und zwar sechs Paare, unter dem Geräthe.

»Also ausgestattet und versehen, sagte mein Oheim, hat man keinen Grund, eine weite Reise zu scheuen.«

Der 14. wurde ganz dazu verwendet, diese verschiedenen Gegenstände zu ordnen. Am Abend speisten wir bei dem Baron Trampe in Gesellschaft des Bürgermeisters von Reykjawik und des Doctors Hyallalin, dem obersten Arzt des Landes. Herr Fridrickson befand sich nicht unter den Gästen; später hörte ich, er sei mit dem Statthalter über einen Punkt der Verwaltung gespannt, und sie besuchten sich daher nicht. Es ging mir also die Gelegenheit ab, ein Wort von dem, was bei dieser halb-officiellen Mahlzeit gesprochen wurde, zu verstehen. Ich bemerkte nur, daß mein Oheim fortwährend sprach.

Den folgenden Tag, am 15., wurden die Vorbereitungen fertig. Unser Wirth machte dem Professor eine große Freude, indem er ihm eine Karte von Island zustellte, die ohne Vergleichung vollständiger war, als die Henderson’sche, nämlich die von Olaf Nicolas Olsen, im Maßstabe von 1:480,000, welche von der isländischen literarischen Gesellschaft nach den geodätischen Arbeiten Scheel Frisac’s und der topographischen Aufnahme von Bjorn Gumlaugsonn herausgegeben worden war. Es war für einen Mineralogen ein kostbares Document.

Der letzte Abend wurde in vertraulichem Gespräch mit Herrn Fridrickson verbracht, zu dem ich mich mit lebhaftem Freundschaftsgefühl hingezogen fühlte; auf diese Unterhaltung folgte ein ziemlich unruhiger Schlaf, meinerseits wenigstens.

Um fünf Uhr weckte mich das Wiehern der vier Pferde, welche unter meinem Fenster stampften. Ich kleidete mich hastig an und kam herab auf die Straße. Hier war Hans beschäftigt unser Gepäck völlig aufzuladen, ohne dabei ein Wort hören zu lassen. Doch verfuhr er dabei mit ungewöhnlichem Geschick. Mein Oheim machte mehr Geräusch, als förderliche Arbeit, und der Führer schien sich wenig an seine Anweisungen zu kehren.

Um sechs Uhr war Alles fertig. Herr Fridrickson drückte uns die Hände. Mein Oheim dankte ihm in isländischer Sprache recht herzlich für seine wohlwollende Gastlichkeit. Ich ließ in meinem besten Latein einen herzlichen Gruß vernehmen; dann saßen wir auf und Herr Fridrickson rief uns zum Lebewohl den Vers Vergil’s nach:

»Fahren wir denn getrost, wohin Fortuna uns führet!«

Zwölftes Capitel.


Zwölftes Capitel.

Nach Snäfieldsnäß.

Wir hatten bei der Abreise bedeckten Himmel, doch beständige Witterung, weder erschöpfende Hitze zu fürchten, noch verderblichen Regen.

Das Vergnügen, zu Pferd einen Ausflug durch’s Land zu machen, erleichterte mir’s, mich in die Unternehmung zu schicken. Ich fühlte so recht das Glück, in Freiheit seinen Wünschen zu leben, und fing an, der Sache die freundliche Seite abzugewinnen.

»Was ist übrigens, sagte ich mir, zu riskiren? Mitten in einem merkwürdigen Lande zu reisen! einen berühmten Berg zu erklimmen! im schlimmsten Fall in den erloschenen Krater desselben hinabzusteigen! Offenbar hat Saknussemm nichts anderes gethan. Daß ein verborgener Gang von da in’s Centrum des Erdballs führe, pure Einbildung! rein unmöglich! So nehmen wir denn das Gute der Unternehmung hin, ohne zu handeln.«

Unter solchen Gedanken waren wir aus Reykjawik herausgekommen.

Hans ging voran, mit raschem, gleichmäßigem, ausdauerndem Schritt. Hinter ihm die zwei Pferde mit unserm Gepäck, ohne daß man sie zu treiben brauchte. Mein Oheim und ich nahmen uns wirklich nicht übel aus auf unseren kleinen, aber kräftigen Thieren.

Island gehört zu den großen Inseln Europa’s. Bei einem Flächeninhalt von vierzehnhundert Quadratmeilen zählt es nur sechzigtausend Bewohner. Die Geographen haben sie in vier Viertel getheilt, und wir mußten quer durch den Theil wandern, welcher Südwest-Viertel, »Sudvestr Fjordungr« heißt.

Hans hatte gleich von Reykjawik aus die Richtung längs des Meeresufers eingeschlagen. Wir ritten über mageres Weideland, das mehr gelb als grün aussah. Die runzeligen Gipfel der trachytischen Massen verwischten sich am Horizont im östlichen Nebel; mitunter sah man Schneestriche, welche das zerstreute Licht concentrirten, dieses schimmernd auf den Abhang fernerer Höhen zurückstrahlen; einzelne kühner empor strebende Spitzen durchbohrten das graue Gewölk und kamen über diesen beweglichen Dunstmassen gleich ragenden Klippen am klaren Himmel wieder zum Vorschein.

Oft liefen diese dürren Felsenketten in einer Spitze dem Meere zu und schnitten in das Weideland ein; aber es blieb dann noch hinreichender Raum für den Weg. Unsere Pferde suchten sich übrigens instinctmäßig die geeigneten Stellen, ohne dabei je langsamer vorwärts zu kommen. Mein Oheim hatte nicht einmal die Befriedigung, sein Reitthier durch Zuruf oder Peitsche anzutreiben; seine Ungeduld konnte sich nicht geltend machen. Ich wußte mich des Lächelns nicht zu enthalten, als ich ihn so groß auf so einem kleinen Pferde sah, daß seine langen Beine auf dem Boden strichen und er wie ein sechsfüßiger Centaur aussah.

»Braves Thier! Braves Thier! sagte er. Du wirst sehen, Axel, daß kein Thier das isländische Pferd an Verstand übertrifft. Schnee, Stürme, schlechte Wege, Felsen, Gletscher, nichts hält es auf; es ist wacker, behutsam, zuverlässig. Nie ein Fehltritt, nie ein Widerstreben. Ist ein Fluß, ein Fjord zu passiren, so stürzt es sich ohne Zaudern gleich einem Amphibium in’s Wasser, um an das gegenüberliegende Ufer zu gelangen! Aber man darf es nicht hart anfahren, muß es gewähren lassen, und man wird eins in’s andere gerechnet, täglich zehn Meilen mit ihm zurücklegen.

– Wir, allerdings, erwiderte, ich, aber der Führer?

– O! der kümmert mich nicht. Diese Leute kommen voran, ohne es zu merken. Dieser da rührt sich so wenig, daß er gar nicht müde wird. Uebrigens werd‘ ich nöthigenfalls ihm mein Thier abtreten. Ich würde bald Krämpfe bekommen, wenn ich nicht mehr Bewegung hätte.«

Inzwischen kamen wir raschen Schrittes vorwärts. Das Land war bereits etwas öde. Hier und da ein vereinzelter Pachthof, ein einzeln stehendes Bauernhaus von Holz, Erde, Lavastücken zeigte sich gleich einem Bettler am Rand eines Hohlwegs. Diese verfallenen Hütten sahen aus, als sprächen sie die Barmherzigkeit der Vorübergehenden an, und man fühlte sich versucht, ihnen ein Almosen zu geben. Es fehlte in diesem Land gänzlich an Straßen, selbst an Fußpfaden, und so langsam die Vegetation war, so vertilgte sie doch bald die seltenen Fußtritte der Reisenden.

Und doch gehörte dieser in aller Nähe der Hauptstadt gelegene Theil der Provinz zu den bewohnten und angebauten Strecken der Insel. Wie stand es demnach mit den Gegenden, welche noch öder waren, als diese Oede? Wir hatten erst eine halbe Meile zurückgelegt, und waren noch nicht auf einen Bauer an der Thüre seiner Hütte, noch auf einen wilden Schäfer gestoßen, der eine nicht so wilde Heerde hütete; nur einige sich selbst überlassene Kühe und Hämmel kamen uns zu Gesicht. Wie sollte es erst mit den von vulkanischen Ausbrüchen und Erdbeben heimgesuchten Gegenden stehen?

Wir sollten sie später kennen lernen; aber die Olsen’sche Karte belehrte mich, daß man ihnen auswich, indem man sich an das buchtige Gestade hielt. Die große plutonische Bewegung hatte sich besonders auf das Innere der Insel beschränkt; da finden sich denn auch die horizontal über einander geschichteten Felsen, in skandinavischer Sprache Trapps genannt, die trachytischen Ausbrüche von Basalt, Tuff und allen vulkanischen Conglomeraten, die Ergießungen von Lava und geschmolzenem Porphyr, welche dem Land ein übernatürlich schauderhaftes Aussehen geben. Ich hatte damals noch keine Ahnung von dem Anblick, den wir auf der Halbinsel des Snäfields haben sollten, wo diese Verheerungen einer wilden Natur ein furchtbares Chaos bilden.

Zwei Stunden nach unserer Abreise aus Reykjawik gelangten wir zu dem Flecken Gufunns, genannt »Aoalkirkja«, oder Hauptkirche. Es findet sich da nichts Merkwürdiges; die wenigen Häuser würden in Deutschland kaum einen Weiler bilden.

Hier machte Hans eine halbe Stunde Halt; er theilte unser frugales Frühstück mit uns, antwortete auf die Fragen meines Oheims über die Beschaffenheit des Weges mit Ja und Nein, und als man ihn fragte, wo er zu übernachten gedenke, sagte er nur:

»Gardar.«

Ich sah auf der Karte nach, und fand am Ufer des Hvalfjord, vier Meilen von Reykjawik, einen kleinen Flecken dieses Namens. Als ich ihn meinem Oheim zeigte, sprach er:

»Vier Meilen nur! vier Meilen von zweiundzwanzig! Das ist ein hübscher Spaziergang.«

Er wollte dem Führer eine Bemerkung machen, der gab ihm aber keine Antwort und machte sich an die Spitze seiner Pferde wieder auf den Weg.

Drei Stunden später, indem wir stets den farblosen Rasen des Weidelandes durchzogen, mußten wir um den Kollafjord herum reiten, ein Umweg, der kürzer und leichter war, als eine Fahrt über den Busen. Darauf kamen wir in ein »Pingstaor«, d.h. eine Bezirks-Gerichtsstelle, mit Namen Ejulberg, zur Mittagszeit, als die Glocke zwölf geschlagen haben würde, wenn überhaupt die isländischen Kirchen bemittelt genug wären, um eine Thurmuhr anzukaufen; so wie auch die Pfarrkinder keine Uhren tragen, weil sie keine besitzen.

Hier wurden die Pferde gefüttert; darauf ritten wir auf einem schmalen Uferweg zwischen einer Hügelreihe und dem Meer ununterbrochen weiter bis zu der »Aoalkirkja« Brantär, und eine Meile weiter nach Saurböer, einer Filialkirche, »Annexia«, am südlichen Ufer des Hvalfjord.

Es war vier Uhr Abends, und wir hatten acht Meilen zurückgelegt.

Der Fjord war an dieser Stelle mindestens eine halbe Meile breit; die Meereswellen schlugen tosend wider die scharf gespitzten Felsen; der Golf erweiterte sich zwischen Felswänden, die dreitausend Fuß hoch senkrecht aufstiegen und durch braune Schichten zwischen röthlichen Tufflagern merkwürdig waren. So verständig unsere Pferde sein mochten, so ahnte ich nichts Gutes dabei, wenn wir es unternahmen auf dem Rücken eines Vierfüßlers über einen wirklichen Meeresarm zu setzen.

»Wenn sie verständig sind, sagte ich, so werden sie keinen Versuch machen überzusetzen. Jedenfalls übernehme ich’s, an ihrer Statt verständig zu sein.«

Aber mein Oheim wollte nicht warten. Er galopirte dem Ufer zu. Sein Reitthier witterte die Meereswellen und hielt an. Jener aber hatte seinen eigenen Instinct, und setzte ihm noch mehr zu. Das Pferd schüttelte den Kopf und weigerte sich abermals. Nun fluchte und peitschte er, aber das Thier schlug hinten aus und machte Miene seinen Reiter abzuwerfen. Schließlich beugte es seine Kniekehlen und schlüpfte unter den langen Beinen des Professors weg, so daß er aufrecht auf zwei Felsstücken stehen blieb, wie der Koloß auf Rhodus.

»Du verdammtes Thier! rief der Reiter, als er sich plötzlich zu Fuß sah, und schämte sich wie ein Reiterofficier, der zum Infanteristen gemacht werden soll.

– Farja, sagte der Führer, und klopfte ihm auf die Schulter.

– Wie? eine Fähre.

– Dort, erwiderte Hans und deutete auf ein Fahrzeug.

– Ja wohl, rief ich, da ist eine Fähre.

– Das hätte man sagen sollen! Nun, weiter!

– Tidvatten, fuhr der Führer fort.

– Was sagt er?

– Er meint die Ebbe, übersetzte mein Oheim das dänische Wort.

– Allerdings, wir müssen die Ebbe abwarten.

– Forbida? fragte jener.

– Ja.«

Mein Oheim stampfte mit dem Fuß, während die Pferde auf die Fähre zu gingen.

Es war mir wohl begreiflich, daß man, um überzusetzen, noch eine Weile warten müsse, bis das Wasser auf seinem Höhestand weder steigt noch fällt, weil dann die Strömung in keiner Richtung wirksam ist, so daß die Fähre nicht Gefahr läuft fortgerissen zu werden.

Dieser günstige Zeitpunkt trat erst um sechs Uhr Abends ein; mein Oheim, ich, der Führer, zwei Fährmänner und die vier Pferde hatten bereits in der etwas gebrechlichen flachen Barke Platz genommen. Da ich an die Dampffähren der Elbe gewöhnt war, so kamen mir die Ruder der Schiffer als ein armseliger Behelf vor. Wir brauchten über eine Stunde Zeit, um über den Fjord zu setzen; aber endlich kamen wir doch glücklich hinüber.

Nach einer halben Stunde erreichten wir Gardar.

Fünftes Capitel

Fünftes Capitel

Träume Kennedy’s. – Artikel und Pronomina in der Mehrzahl. – Dick’s Insinuationen. – Spaziergang auf der Karte von Afrika. – Was zwischen den beiden Spitzen des Zirkels bleibt. – Gegenwärtige Expeditionen. – Speke und Grant. – Krapf, von Decken, von Heuglin.

Doctor Fergusson betrieb die Vorbereitungen zur Abreise äußerst rührig, und leitete selbst, gewissen Angaben gemäß, über die er das absoluteste Schweigen beobachtete, den Bau seines Luftschiffes. Er hatte sich schon seit geraumer Zeit mit dem Studium der arabischen Sprache und verschiedener Mundarten der Mandingos beschäftigt und machte, in Folge seiner vortrefflichen Anlagen zu einem Polyglotten, reißende Fortschritte.

Inzwischen verließ ihn sein Freund, der Jäger, nicht; er blieb ihm so ängstlich zur Seite, als fürchte er, daß der Doctor sich einmal, ohne vorher etwas davon zu sagen, in die Lüfte schwingen könne. Er hielt ihm, um ihn von seinem gefährlichen Vorhaben abzubringen, die überzeugendsten Reden, aber sie überzeugten Samuel Fergusson nicht; er erging sich in den gefühlvollsten, inständigsten, flehentlichsten Bitten, aber den Doctor vermochten sie nicht zu rühren. Dick merkte, wie ihm sein Freund förmlich zwischen den Fingern durchschlüpfte.

Der arme Schotte war wirklich zu beklagen; er konnte nicht mehr ohne düstere Schreckensregungen zum azurblauen Himmelsgewölbe aufschauen; er hatte im Schlaf das Gefühl eines schwindelerregenden Wiegens und Schaukelns, und jede Nacht kam es ihm vor, als stürze er jäh von unermeßlichen Höhen herab.

Wir müssen noch hinzufügen, daß er unter diesen schrecklichen Anfällen von Beklemmungen und Alpdrücken ein oder zwei Mal aus dem Bette fiel, worauf es dann andern Morgens seine erste Sorge war, Fergusson eine starke Quetschung zu zeigen, die er sich am Kopfe dabei zugezogen hatte.

»Und doch,« fügte er hinzu, »bedenke – nur drei Fuß hoch, und schon eine solche Beule! Nun bitte ich Dich zu erwägen – –!« Diese schwermuthsvolle Andeutung machte auf unsern Doctor indessen keinen Eindruck.

»Wir werden nicht fallen«, erwiderte er kurz.

»Es wäre aber doch möglich …«

»Ich sage Dir, wir werden nicht fallen!«

Auf eine so entschiedene Meinungsäußerung blieb dann Kennedy nichts übrig, als zu verstummen. –

Was den guten Dick besonders beunruhigte und reizte, war der Umstand, daß Fergusson seit einiger Zeit einen unerträglichen Mißbrauch mit der ersten Person Pluralis der Pronomina trieb:

»Wir werden an dem und dem bereit sein …, wir werden dann und dann abreisen« …, »wir werden da und da vorgehen« …, hieß es bei jeder Gelegenheit.

Und ebenso machte er es mit dem Possessiv-Pronomen in der Einzahl wie in der Mehrzahl:

›Unser‹ Ballon …, ›unser‹ Schiff …, ›unsere‹ Entdeckungsreise …, ›unsere‹ Vorbereitungen …, ›unsere‹ Entdeckungen …, ›unsere‹ Steigungen … und dem armen Schotten schauderte dabei die Haut, obgleich er fest entschlossen war, nicht zu reisen.

Aber er mochte seinem Freunde auch nicht zu sehr widersprechen, und wir wollen sogar gestehen, daß er sich ganz in der Stille aus Edinburg zur Reise geeignete Kleider hatte nachschicken lassen.

Eines Tages, als er sich herbeigelassen hatte, zuzugestehen, daß bei einem unverschämten Glück die Chancen für ein Gelingen des Unternehmens etwa wie eins zu tausend ständen, that er so, als füge er sich den Wünschen des Doctors; begann aber, um die Reise weiter in die Ferne zu rücken, eine lange Reihe der mannigfachsten Ausflüchte.

Er verbreitete sich darüber, ob die Expedition wirklich nützlich und zeitgemäß, ob diese Entdeckung der Nilquellen in der That nothwendig sei? … ob man sich würde sagen können, daß man für das Glück der Menschheit gearbeitet habe? … und ob die Völkerstämme Afrika’s sich, wenn sie der Civilisation zugänglich gemacht wären, dadurch glücklicher fühlen würden? …

Ob man übrigens darüber ganz sicher sei, daß die Civilisation nicht vielmehr dort, als in Europa angetroffen werde? … Vielleicht ja. – Und ob man nicht noch mit der Expedition warten wolle? … Man würde einst gewiß auf mehr praktische und weniger lebensgefährliche Weise Afrika durchreisen … Wer weiß, ob das nicht schon in einem Monat, in einem halben Jahr der Fall sein könne; vor Ablauf eines Jahres würde ohne allen Zweifel irgend ein Entdeckungsreisender dahin kommen …

Diese Andeutungen brachten eine Wirkung hervor, die durchaus nicht beabsichtigt war; der Doctor gerieth vor Ungeduld außer sich.

»Möchtest Du unglücklicher Dick, Du falscher Freund denn wirklich, daß solcher Ruhm einem Andern zu Gute käme? Soll ich meine ganze Vergangenheit Lügen strafen? vor Hemmnissen, die keine wirklichen Hindernisse sind, zurückbeben? mit feigem Zögern vergelten, was die englische Regierung und die Königlich Geographische Gesellschaft zu London für mich gethan haben?«

»Aber …«, begann von Neuem Kennedy; er schien eine ganz besondere Vorliebe für diese Conjunction zu haben.

»Aber«, fuhr der Doctor fort, »weißt Du denn nicht, daß meine Reise mit den gegenwärtig in der Ausführung begriffenen Unternehmungen in Concurrenz treten soll? Daß schon wieder neue Entdecker sich rüsten, um nach Central-Afrika zu gehen?«

»Aber …«

»Höre mich genau an. Dick, und wirf einen Blick auf diese Karte.«

Dick ergab sich in sein Schicksal und that, wie ihm geheißen.

»Verfolge den Lauf des Nil«, sagte Fergusson, »und reise nach Gondokoro.«

Kennedy dachte, wie leicht doch solche Reise sei … auf der Karte.

»Nimm eine der Spitzen dieses Zirkels«, versetzte der Doctor, »und setze sie auf diese Stadt, über welche die Kühnsten kaum hinaus gekommen sind. Und jetzt suche an der Küste die Insel Zanzibar, unter dem 6.° südl. Breite. Folge sodann diesem Parallelkreise bis Kaseh, gehe an dem 33. Längengrade entlang bis zum Beginn des Ukerewe-Sees, der Stelle, bis zu welcher der Lieutenant Speke kam.«

»Ich bin glücklich am Ziel! Noch etwas weiter, und ich wäre in den See gefallen.«

»Nun, weißt Du wohl, was man nach den von den Ufervölkern gegebenen Belehrungen mit Recht voraussetzen darf?«

»Ich habe keine Ahnung.«

»Daß dieser See, dessen unteres Ende unter 2° 30′ Breite liegt, sich gleichfalls zwei und ein halb Grad über den Aequator erstrecken muß.«

»Wirklich?«

»Nun geht aber von diesem nördlichen Ende ein Wasser aus, das sich nothwendig mit dem Nil vereinigen muß, wenn es nicht der Nil selbst ist.«

»Das wäre merkwürdig.«

»Setze nun die andere Spitze Deines Zirkels auf dieses Ende des Ukerewe-Sees. Wie viel Grade zählst Du zwischen den beiden Spitzen?«

»Kaum zwei Grade.«

»Und weißt Du, wie viel Meilen das sind. Dick?«

»Das kann ich nicht sagen.«

»Kaum hundertundzwanzig Meilen, also so gut wie gar nichts.«

»So gut wie gar nichts, Samuel?«

»Weißt Du denn vielleicht, was in diesem Augenblick vorgeht?«

»Nein, auf mein Wort!«

»Nun, so höre. Die Geographische Gesellschaft hat die Erforschung dieses von Speke entdeckten Sees als sehr wichtig erkannt. Unter ihren Auspicien hat sich der Lieutenant, jetzt Kapitän Speke, mit dem Hauptmann im indischen Heere, Herrn Grant, vereinigt; sie haben sich an die Spitze einer zahlreichen, trefflich ausgerüsteten Expedition gestellt und sollen jetzt den Auftrag ausführen, über den See zu setzen und dann nach Gondokoro zurückkehren; man hat ihnen Subsidien im Betrage von über fünftausend Pfund gewährt, und der Gouverneur des Caplandes stellt ihnen hottentottische Soldaten zur Verfügung. Ende October 1860 sind sie von Zanzibar aufgebrochen. Unterdessen hat der Engländer John Petherick, Ihrer Majestät Consul in Chartum, von dem Foreign-Office etwa siebenhundert Pfund bekommen, um ein Dampfboot in Chartum auszurüsten, es mit genügenden Vorräthen zu versehen und sich nach Gondokoro zu begeben; dort wird er die Karawane des Kapitän Speke erwarten und im Stande sein, sie neu zu verproviantiren.«

»Fein ausgedacht«, sagte Kennedy.

»Du siehst also, daß es Eile hat, wenn wir uns an diesen Forschungsarbeiten betheiligen wollen. Und das, was ich Dir eben mitgetheilt habe, ist noch nicht Alles; wahrend man sichern Schrittes auf die Entdeckung der Nilquellen losgeht, dringen andere Reisende kühn in das Herz von Afrika vor.«

»Zu Fuß«, warf Kennedy ein.

»Ja wohl, zu Fuß«, antwortete der Doctor, ohne die Andeutung verstehen zu wollen. »Der Doctor Krapf beabsichtigt, im Westen auf dem Dschobflusse unter dem Aequator vorzugehen; und Baron von Decken hat Monbas verlassen, die Kenian- und Kilimandscharo-Berge recognoscirt und rückt gegen Central-Afrika vor.«

»Immer zu Fuß?«

»Immer zu Fuß oder auf Maulthieren.«

»Das ist in meinen Augen genau dasselbe«, meinte Kennedy.

»Endlich«, fuhr der Doctor fort, »hat Herr von Heuglin, österreichischer Vice-Consul in Chartum, eine sehr bedeutende Expedition organisirt, deren erster Zweck der ist, den Reisenden Vogel aufzusuchen, der im Jahre 1853 nach Sudan geschickt wurde, um an den Arbeiten des Doctor Barth Theil zu nehmen. Im Jahre 18S6 verließ er Bornu mit dem Entschluß, das unbekannte Land zwischen dem Tschad-See und Darfur zu erforschen; seit dieser Zeit ist er aber nicht wieder erschienen. Briefe, die im Juni 1860 nach Alexandrien gelangten, haben berichtet, daß er auf Befehl des Königs von Wadai ermordet worden sei; aber andere Nachrichten, von Doctor Hartmann an den Vater des Reisenden gesandt, theilen uns mit, daß Vogel nach den Erzählungen eines Fellatahs von Bornu nur in Wara gefangen gehalten werde; alle Hoffnung ihn wiederzufinden ist also noch nicht verloren. Unter dem Vorsitz des regierenden Herzogs von Sachsen-Coburg-Gotha hat sich ein Comité gebildet (mein Freund Petermann ist Secretär desselben); und eine nationale Subscription hat die Kosten dieser Expedition, der sich zahlreiche Gelehrte angeschlossen haben, bestritten. Herr von Heuglin hat sich im Monat Juni von Massauah aus auf den Weg gemacht, und während er den Spuren Vogel’s nachgeht, ist es zugleich seine Aufgabe, alles zwischen dem Nil und dem Tschad-See liegende Land zu erforschen, d. h. die Reisen des Kapitän Speke mit denen des Doctor Barth zu verknüpfen. Und wenn dies geschehen ist; wird Afrika von Osten bis nach Westen durchwandert sein!« [Fußnote]

»Das ist ja prächtig«, versetzte der Schotte, »wenn sich das Alles so gut einfädelt, haben wir dort unten doch eigentlich nichts mehr zu suchen.«

Doctor Fergusson antwortete nicht; er zuckte nur verächtlich mit den Achseln.

Sechstes Capitel

Sechstes Capitel

Ein undenklicher Bedienter. – Er bemerkt die Trabanten des Jupiter. – Dick und Joe im Streit. – Zweifel und Glaube. – Das Wiegen. – Joe. – Wellington. – Er erhält eine halbe Krone.

Doctor Fergusson hatte einen ganz unglaublich eifrigen Bedienten, der auf den Namen Joe hörte: eine vortreffliche Natur, und seinem Herrn mit Leib und Seele ergeben. Er pflegte sogar seine Befehle schon mit richtigem Verständniß auszuführen, noch ehe jener sie ausgesprochen hatte, und war niemals mürrisch oder verdrießlich, sondern ein stets gutgelaunter Caleb; man hätte sich einen vorzüglicheren Diener überhaupt nicht denken können.

Fergusson konnte sich, was die Einzelheiten seiner Existenz betraf, vollständig auf ihn verlassen. – Ja, es war ein ausgezeichneter, ein braver Joe! ein Diener, der das Mittagessen anordnet, der den Geschmack seines Herrn zu dem seinigen gemacht hat, der den Koffer packt und weder Strümpfe noch Hemden vergißt, und der die Schlüssel und Geheimnisse des Herrn unter seinen Händen hat, ohne jemals irgend welchen Mißbrauch damit zu treiben.

Aber was war auch der Doctor für ein Mann in den Augen unseres würdigen Joe! mit welcher Achtung und welchem Vertrauen nahm er seines Herrn Rathschläge an! Wenn Fergusson einmal gesprochen hatte, konnte nur ein Thor etwas dagegen einwenden! Alles, was er dachte, war richtig, Alles, was er sagte, vernünftig, Alles, was er unternahm, möglich, und Alles, was er vollendete, bewundernswerth. Man hätte Joe in Stücke zerhauen können, eine Procedur, die jedenfalls nur mit dem größesten Widerstreben vollzogen worden wäre – nie würde er seine Meinung rücksichtlich des Doctors, seines Herrn, geändert haben.

Wenn demnach Fergusson den Plan aussprach, Afrika durch die Lüfte zu bereisen, so war dies für Joe eine abgemachte Sache; Hindernisse gab es von dem Augenblick, in welchem der Doctor die Unternehmung beschlossen hatte, nicht mehr, und daß er, der treue Diener, seinen Herrn begleiten würde, unterlag für ihn nicht dem geringsten Zweifel, obgleich noch nie die Rede davon gewesen war.

Es sollte ihm übrigens vorbehalten sein, durch seine Einsicht und erstaunliche Gewandtheit seinem Herrn die größten Dienste zu leisten. Wenn man für die Affen im Zoologischen Garten einen Turnlehrer gesucht hätte, so wäre er der richtige Mann dafür gewesen; denn springen, klettern, fliegen und tausend unmögliche Kunststücke ausführen, war für ihn eine Kleinigkeit.

Wenn Fergusson der Kopf und Kennedy der Arm bei der Expedition war, so sollte Joe die Hand sein. Er hatte seinen Herrn schon auf mehreren Reisen begleitet und war im Besitz einiger oberflächlicher Kenntnisse, die er sich auf seine Weise nach und nach angeeignet hatte; aber seine Hauptstärke bestand in einer herrlichen Lebensweisheit, einem angenehmen Optimismus; er fand Alles leicht, logisch, natürlich, und kannte demzufolge das Bedürfniß zu fluchen oder sich zu beklagen kaum dem Namen nach.

Unter anderen, schätzenswerthen Eigenschaften besaß er auch ein vortreffliches Auge, eine fast wunderbare Fernsichtigkeit; er theilte mit Moestlin, dem Lehrer Kepler’s, die seltene Fähigkeit, mit unbewaffnetem Auge die Trabanten des Jupiter zu unterscheiden, und in der Gruppe der Plejaden vierzehn Sterne zu zählen, von denen die Letzten neunter Größe sind. Er war deshalb nicht etwa stolzer oder hochmüthiger; im Gegentheil! er grüßte schon aus weiter Ferne, und wußte sich bei geeigneten Gelegenheiten seiner Augen sehr gut zu bedienen.

Bei dem Vertrauen, das Joe auf den Doctor setzte, darf man nicht über die Streitigkeiten erstaunen, die sich unaufhörlich, natürlich mit Beachtung des schuldigen Respects, zwischen Kennedy und dem würdigen Diener abspannen. Der Eine zweifelte, der Andere glaubte; der Eine repräsentirte die hellsehende Klugheit, der Andere das blinde Vertrauen; der Doctor aber hielt die Mitte zwischen Zweifel und Glauben, womit ich sagen will, daß er sich weder von dem Einen noch von dem Andern beeinflussen ließ.

»Nun, Herr Kennedy?« begann eines Tages Joe.

»Was willst Du, mein guter Junge?«

»Jetzt kommt derAugenblick bald heran; es scheint, als wenn wir nächstens nach dem Monde abfahren würden.«

»Du meinst damit wahrscheinlich das Mondland; es liegt zwar nicht ganz so weit ab, aber beruhige Dich; die Gefahr ist noch immer groß genug.«

»Gefahr? von Gefahr ist keine Rede bei einem Mann wie Doctor Fergusson.«

»Ich will Dir Deine glückliche Täuschung nicht rauben, mein lieber Joe, aber was er da zu unternehmen gedenkt, ist ganz einfach das Beginnen eines Verrückten. Es wird übrigens keinenfalls zu dieser Reise kommen.«

»Keinenfalls zur Reise kommen? Dann haben Sie also nicht den Ballon gesehen, der in der Werkstatt der Herren Mitchell in Borough gearbeitet wird?«

»Ich werde mich wohl hüten, ihn mir anzusehen.«

»Da büßen Sie wirklich einen schönen Anblick ein, Herr Kennedy; es ist ein herrliches Gebäude! und die hübsche Form, die reizende Gondel! Wie wohl werden wir uns darin fühlen!«

»Du denkst also im Ernst daran, Deinen Herrn zu begleiten?«

»Das versteht sich! ohne allen Zweifel! versetzte Joe. Ich begleite ihn, wohin er will. Das fehlte noch! – Ich soll ihn wohl allein reisen lassen, nachdem ich bis jetzt mit ihm zusammen die Welt durcheilt habe! Wer würde ihm denn helfen, wenn er ermüdet ist, wer ihm eine starke Hand reichen, wenn er über einen Abgrund springen will? Wer sollte ihn pflegen, wenn er etwa gar krank würde? Nein, Herr Dick, Joe wird immer auf seinem Posten sein.«

»Wackerer Junge«, rief der Schotte.

»Übrigens kommen Sie mit uns, Herr Kennedy«, fügte Joe hinzu.

»Natürlich, sagte Kennedy, ich begleite Euch, um Samuel noch bis zum letzten Augenblick von der Ausführung einer solchen Thorheit abzurathen. Ich werde ihm sogar nach Zanzibar folgen, um das Meinige zu thun, damit dieser unsinnige Plan nicht zur Ausführung gelange.«

»Allen Respect vor Ihnen, Herr Kennedy, aber Sie werden ihn auch nicht um ein Haar breit von seinem Vorhaben abbringen. Mein Herr ist nicht so hirnverbrannt, wie Sie meinen. Wenn er etwas unternehmen will, sinnt er lange zuvor darüber nach, und wenn dann sein Entschluß gefaßt ist, kann kein Teufel ihn darin irre machen.«

»Das werden wir sehen!«

»Schmeicheln Sie sich nicht mit dieser Hoffnung. Übrigens liegt sehr viel daran, daß Sie mitkommen. Für einen so ausgezeichneten Jäger wie Sie ist Afrika ein herrliches Land. Sie würden keine Ursache haben, Ihre Reise zu bereuen.«

»Ich werde sie auch nicht bereuen, besonders wenn dieser Starrkopf sich überzeugen läßt und zurückbleibt.«

»Beiläufig, äußerte Joe, Sie wissen doch, daß heute das Wiegen vorgenommen wird.«

»Wovon sprichst Du?«

»Nun, der Herr Doctor, Sie und ich, wir sollen alle drei gewogen werden.«

»Wie Jockeys!«

»Ja wohl; aber haben Sie keine Bange: Abmagerungsversuche werden nicht an Ihnen gemacht, wenn Sie zu schwer sind. Man wird Sie so nehmen, wie Sie sind.«

»Ich werde mich unter keiner Bedingung dazu hergeben, darauf verlaß Dich!« sagte der Schotte sehr entschieden.

»Aber, Herr Kennedy, ich glaube, es ist für seine Maschine nothwendig.«

»Er kann sehen, wie er seine Maschine ohne das fertig bekommt.«

»Wenn mir nun aber aus Mangel an genauen Berechnungen nicht aufsteigen können?«

»Das wäre mir gerade recht!«

»Machen Sie sich darauf gefaßt, Herr Kennedy; mein Herr wird uns gleich abholen.«

»Ich werde nicht mitkommen.«

»Sie werden ihm doch das nicht anthun.«

»Allerdings.«

»Ich weiß schon«, meinte Joe lachend, »Sie sprechen nur so, weil mein Herr noch nicht hier ist; aber wenn er Ihnen erst von Angesicht zu Angesicht gegenübersteht und zu Ihnen sagen wird: ›Dick‹ – verzeihen Sie die Freiheit, Herr Kennedy – ›Dick, ich muß genau wissen, wie viel Du wiegst,‹ so werden Sie mitkommen, ich wette darauf.«

»Ich werde nicht mitkommen.«

In diesem Augenblick betrat der Doctor sein Arbeitszimmer, in welchem diese Unterredung stattgefunden hatte; er sah Kennedy, der sich nicht ganz behaglich zu fühlen schien, fest an, und sagte dann:

»Dick, komm mit, und Du auch, Joe; ich muß wissen, wie schwer Ihr seid.«

»Aber …«

»Du kannst Deinen Hut aufbehalten. Komm.«

Und Kennedy ging mit. – Sie begaben sich miteinander in die Werkstatt der Herren Mitchell, wo bereits eine Schnellwage mit Laufgewicht aufgestellt worden war. Der Doctor mußte wirklich die Schwere seiner Begleiter kennen, um das Gleichgewicht seines Luftschiffes herzustellen. Er hieß Dick auf die Brücke der Wage treten, was dieser auch, ohne Widerstand zu leisten, that; aber er murmelte vor sich hin:

»Schon gut! schon gut! das verpflichtet noch zu nichts.«

»Hundertdreiundfünfzig Pfund«, sagte der Doctor und notirte sich die Zahl in seinem Notizbuch.

»Bin ich zu schwer?«

»Bewahre, Herr Kennedy«, erwiderte Joe, »übrigens bin ich leicht – das wird sich heben.«

Und mit diesen Worten nahm Joe voller Begeisterung für die Sache, der er diente, die Stelle des Jägers ein; fast hätte er beim Hinaufsteigen in seiner Hitze die Wage umgeworfen. Jetzt nahm er eine imponirende Haltung an, etwa wie der Wellington, welcher am Eingange von Hyde-Park den Achilles nachäfft, und gab auch ohne Schild eine prächtige Figur ab.

»Hundertundzwanzig Pfund«, notirte der Doctor.

»Heh, heh!« schmunzelte Joe mit Genugthuung.

Warum lächelte er? Wahrscheinlich hätte er selbst den Grund nicht anzugeben gewußt.

»Jetzt ist die Reihe an mir«, bemerkte der Doctor und schrieb gleich darauf hundertundfünfunddreißig Pfund als Gewicht seiner eigenen Person auf. »Wir drei wiegen zusammen nicht mehr als vierhundert Pfund.«

»Wenn es für Ihre Expedition erforderlich wäre, Herr Doctor, so könnte ich wohl um zwanzig Pfund abmagern, indem ich mich etwas knapper hielte.«

»Das ist unnöthig, mein Junge«, antwortete Fergusson. »Du kannst essen, so viel Du willst; und hier hast Du eine halbe Krone, um Dich nach Herzenslust zu delectiren.« –

Siebentes Capitel

Siebentes Capitel

Geometrische Einzelheiten. – Berechnung der Tragfähigkeit des Ballons. – Das doppelte Luftschiff. – Die Hülle. – Die Gondel. – Der geheimnißvolle Apparat. – Lebensmittel. – Noch eine Zugabe.

Doctor Fergusson hatte sich schon seit geraumer Zeit mit den näheren Details seiner Expedition beschäftigt, und selbstverständlich war der Ballon, dies wunderbare Fahrzeug, das ihn durch die Luft führen sollte, der Hauptgegenstand seiner Sorge.

Zunächst beschloß er, das Luftschiff mit Wasserstoffgas zu füllen, damit er ihm keine zu großen Dimensionen zu geben brauche. Die Erzeugung dieses Gases macht keine Schwierigkeit, es ist vierzehn und ein halb mal leichter als die Luft, und hat bei aerostatischen Versuchen die befriedigendsten Ergebnisse geliefert.

Nach sehr genauen Berechnungen fand der Doctor, daß die zur Reise und Ausrüstung unentbehrlichen Gegenstände ein Gewicht von viertausend Pfund haben würden; man mußte also erforschen, wie groß die emportreibende Kraft sei, welche dies Gewicht zu heben vermochte, und wie hoch sich demgemäß ihre Tragfähigkeit belaufe.

Ein Gewicht von viertausend Pfund wird repräsentirt durch eine Luftverdrängung von vierundvierzigtausend achthundert siebenundvierzig Cubikfuß, was darauf hinausläuft, daß vierundvierzigtausend achthundert siebenundvierzig Cubikfuß Luft etwa viertausend Pfund wiegen.

Wenn man dem Ballon einen Inhalt von vierundvierzigtausend achthundert siebenundvierzig Cubikfuß giebt, und ihn statt mit Luft mit Wasserstoffgas füllt, das vierzehn und ein halb mal leichter, nur zweihundert sechsundsiebzig Pfund wiegt, so bleibt eine Gleichgewichtsdifferenz über, welche einem Gewicht von dreitausend siebenhundert und vierundzwanzig Pfund gleichzusetzen ist. Diese Differenz zwischen dem Gewicht des in dem Ballon enthaltenen Gases und dem Gewicht der atmosphärischen Luft macht die emportreibende Kraft des Luftschiffes aus.

Wenn man jedoch in den Ballon die erwähnten vierundvierzigtausend achthundert siebenundvierzig Cubikfuß Gas einführte, so würde er ganz gefüllt sein; nun darf dies aber nicht geschehen, denn in dem Maße, wie der Ballon in die weniger dichten Luftschichten steigt, strebt das eingeschlossene Gas danach, sich auszudehnen, und würde alsbald die Hülle sprengen. Man füllt also die Ballons gewöhnlich nur zu zwei Dritteln an.

Aber der Doctor beschloß, in Folge eines gewissen, ihm allein bekannten Projektes, sein Luftschiff nur zur Hälfte zu füllen, und da er ja vierundvierzigtausend achthundert siebenundvierzig Cubikfuß Wasserstoff mit sich nehmen mußte, seinem Ballon eine etwa doppelte Tragfähigkeit zu geben.

Er ließ ihn in der länglichen Form anfertigen, der man, wie bekannt, den Vorzug giebt; der horizontale Durchmesser betrug fünfzig, der verticale fünfundsiebenzig Fuß [Fußnote]; er erhielt demgemäß ein Sphäroid, dessen Inhalt sich in runden Zahlen auf neunzigtausend Cubikfuß belief.

Wenn Doctor Fergusson zwei Ballons hätte verwenden können, so würden die Chancen des Gelingens für ihn gestiegen sein; man kann sich thatsächlich, im Fall ein Ballon in der Luft zerplatzen sollte, mittelst des andern durch Auswerfen von Ballast obenhalten. Aber die Handhabung zweier Luftschiffe wird sehr schwierig, wenn es darauf ankommt, ihnen eine gleiche Steigungskraft zu bewahren.

Nach reiflicher Ueberlegung vereinigte Fergusson in Folge eines sinnreichen Gedankens die Vortheile zweier Ballons, ohne deren Nachtheile mit in den Kauf zu nehmen; er construirte zwei von ungleicher Größe und schloß sie in einander ein. Sein äußerer Ballon, dem er die oben angeführten Dimensionen gab, enthielt einen kleineren von gleicher Gestalt, der nur fünfundvierzig Fuß im horizontalen, und achtundsechzig Fuß im verticalen Durchmesser hatte. Der Inhalt dieses inneren Ballons betrug also nur siebenundsechzigtaufend Cubikfuß; er sollte in dem ihn umgebenden Fluidum schwimmen; eine Klappe öffnete sich von einem Ballon nach dem andern, und man konnte dadurch nach Bedürfniß eine Verbindung unter ihnen herstellen.

Diese Einrichtung bot den Vortheil, daß, wenn man, um zu fallen. Gas entweichen lassen wollte, zuerst dasjenige des großen Ballons preisgegeben wurde; selbst wenn man ihn ganz geleert hätte, wäre der kleine unangetastet geblieben; man konnte sich dann der äußern Hülle wie eines lästigen Gewichts entledigen, und das zweite Luftschiff, nunmehr allein, diente dem Winde nicht in gleicher Weise zum Spielball, wie die halbentleerten Ballons.

Sodann hatte beim Eintreten eines etwaigen Unfalls, z. B. eines in den äußern Ballon gekommenen Risses, der andere den Vorzug, unversehrt geblieben zu sein.

Die beiden Luftschiffe wurden aus Lyoner Köperseide, die mit Guttapercha überzogen war, construirt. Diese gummi-harzige Substanz erfreut sich einer absoluten Undurchdringlichkeit; sie wird von den Säuren und Gasen durchaus nicht angegriffen. Der Taffet wurde am obern Pol des Globus, wo die stärkste Spannung ist, doppelt aufgelegt.

Diese Hülle war im Stande, das Fluidum eine unbeschränkte Zeit hindurch zurückzuhalten. Sie wog ein halb Pfund auf neun Quadratfuß. Da jedoch die Oberfläche des äußeren Ballons ungefähr elftausendsechshundert Quadratfuß betrug, wog seine Hülle sechshundertundfünfzig Pfund. Die Hülle des zweiten Ballons, welche neuntausendzweihundert Quadratfuß Oberfläche hatte, wog nur fünfhundertundzehn Pfund: also im Ganzen gleich elfhundertundsechzig Pfund.

Die Stricke, welche die Gondel tragen sollten, waren aus Hanf von größtmöglicher Festigkeit gedreht, und die beiden Ventile bildeten, gerade wie das Steuer eines Schiffes, den Gegenstand der minutiösesten Sorgfalt.

Die Gondel, welche kreisförmig war und fünfzehn Fuß im Durchmesser hatte, wurde aus Korbweide gefertigt, mit einem leichten Eisenbeschlag verstärkt und am untern Theile mit elastischen Sprungfedern versehen, welche die Bestimmung hatten, etwaige Stöße abzuschwächen. Ihr Gewicht betrug, mit Einschluß der Stricke, nicht über zweihundertundachtzig Pfund.

Außerdem ließ der Doctor vier Kasten von zwei Linien dickem Blech construiren, und diese untereinander mit Röhren verbinden, welche wiederum mit Hähnen versehen waren. Er setzte damit ein Schlangenrohr von ungefähr zwei Zoll Durchmesser in Verbindung, welches Letztere in zwei ungleich lange, gerade Enden auslief, deren größtes fünfundzwanzig Fuß maß, während das kürzere nur eine Höhe von fünfzehn Fuß hatte.

Die Blechkasten wurden dergestalt in die Gondel eingepaßt, daß sie einen möglichst geringen Raum einnahmen; das Schlangenrohr, welches erst später eingefügt werden sollte, wurde besonders verpackt, und ebenso eine sehr starke Bunsen’sche elektrische Batterie. Dieser Apparat war so sinnreich zusammengestellt, daß er nicht mehr als siebenhundert Pfund wog, sogar fünfundzwanzig Gallonen Wasser, die in einem besondern Kasten waren, mit inbegriffen.

Die für die Reise bestimmten Instrumente bestanden in zwei Barometern, zwei Bussolen, einem Sextanten, zwei Chronometern, einem künstlichen Horizont und einem Altazimuth, um entfernte und unzugängliche Gegenstände mehr hervortreten zu lassen. Die Sternwarte in Greenwich hatte sich dem Doctor zur Verfügung gestellt. Dieser hatte übrigens nicht die Absicht, physikalische Experimente zu machen; er wollte nur über die Direction im Klaren sein und die Lage der hauptsächlichsten Flüsse, Berge und Städte bestimmen können.

Er versah sich mit drei eisernen, genau erprobten Ankern, so wie mit einer leichten, widerstandsfähigen, etwa fünfzig Fuß langen, seidenen Leiter.

Fergusson berechnete auch das genaue Gewicht seiner Lebensmittel; diese bestanden in Thee, Kaffee, Zwieback, gesalzenem Fleisch und Pemmican, einer Zubereitung von getrocknetem Fleisch, welche bei sehr geringem Umfange viele nährende Bestandtheile enthält. Als Getränk stellte er, außer einem genügenden Vorrath Branntwein, zwei Wasserkisten auf, die jede zweiundzwanzig Gallonen faßten. Der Verbrauch dieser verschiedenen Nahrungsmittel sollte allmälig das von dem Luftschiff getragene Gewicht verringern; denn das Gleichgewicht eines Ballons in der Atmosphäre ist bekanntlich äußerst empfindlich. Der Verlust eines ganz unbedeutenden Gewichts genügt, um eine sehr merkliche Aenderung der Stellung hervorzubringen.

Der Doctor vergaß weder ein Zelt, das einen Theil der Gondel schützen sollte, noch die Decken, welche das ganze Reisebettzeug ausmachten, noch auch die Flinten oder den Kugel- und Pulvervorrath des Jägers.

Hier eine Uebersicht seiner verschiedenen Berechnungen:

Fergusson 135 Pfund
Kennedy 153 Pfund
Joe 120 Pfund
Gewicht des ersten Ballons 650 Pfund
Gewicht des zweiten Ballons 510 Pfund
Gondel nebst Stricken 280 Pfund
Anker, Instrumente, Flinten, Decken, Zelt, verschiedene Utensilien 196 Pfund
Fleisch, Pemmican, Zwieback, Thee, Kaffee, Branntwein 380 Pfund
Wasser 400 Pfund
Apparat 700 Pfund
Gewicht des Wasserstoffs 276 Pfund
Ballast 200 Pfund
Summa 4000 Pfund

Diese Bestimmung gab der Doctor im Einzelnen den viertausend Pfund, welche er mitzunehmen beabsichtigte; er nahm nur zweihundert Pfund Ballast ein, »nur für unvorhergesehene Fälle«, wie er sagte, denn, Dank seinem Apparat, hoffte er stark darauf, keinen Gebrauch davon machen zu dürfen.

Achtes Capitel

Achtes Capitel

Joe’s Selbstgefühl. – Der Befehlshaber des Resolute. – Kennedy’s Arsenal. – Einrichtungen. – Das Abschiedsessen. – Die Abreise am 21. Februar. – Wissenschaftliche Sitzungen des Doctors. – Duveyrier, Livingstone. – Einzelheiten der Luftreise. – Kennedy wird zum Schweigen gebracht.

Am 10. Februar waren die Vorbereitungen ihrem Ende nahe, und die in einander gefügten Ballons vollständig fertig; sie hatten einen starken Luftdruck, der hineingetrieben worden war, ausgehalten, und diese Probe legte ein gutes Zeugniß für ihre Solidität, so wie für die bei ihrem Bau angewandte Sorgfalt ab.

Joe wußte sich vor Freude nicht zu lassen: er war beständig auf dem Wege von Greek Street nach der Werkstatt der Herren Mitchell, immer geschäftig, aber immer aufgeräumt; jedem, der es hören wollte, von der betreffenden Angelegenheit erzählend, und vor Allem stolz darauf, daß er seinen Herrn begleiten durfte. Ich vermuthe sogar, daß der gute Junge sich einige halbe Kronen damit verdiente, das Luftschiff zu zeigen, die Gedanken und Pläne des Doctors zu entwickeln, und die Leute auf dessen jetzt vielbesprochene Persönlichkeit aufmerksam zu machen, wenn er an einem halbgeöffneten Fenster lehnte oder bei Gelegenheit durch die Straßen ging. Wir dürfen Joe deshalb nicht zürnen; er hatte wohl das Recht, etwas auf die Bewunderung und Neugier seiner Zeitgenossen zu speculiren.

Am 16. Februar legte sich der Resolute auf der Höhe von Greenwich vor Anker. Es war ein Schraubendampfer von achthundert Tonnen Last und ein guter Segler, der zuletzt den Auftrag gehabt hatte, die Expedition von Sir James Roß nach den Polargegenden von Neuem mit Proviant zu versorgen. Der Befehlshaber Pennet stand in dem Rufe eines liebenswürdigen Mannes und nahm an der Reise des Doctors, den er schon von früher her kannte, einen ganz besondern Antheil. Pennet hätte eher für einen Gelehrten, als für einen Soldaten gelten können; trotzdem führte sein Fahrzeug vier Karronaden, die jedoch nie Jemandem etwas zu Leide gethan und nur den Zweck hatten, bei den allerfriedlichsten Gelegenheiten Spectakel zu machen.

Der Schiffsraum des Resolute wurde für die Aufnahme des Ballons eingerichtet, und dieser mit der größten Vorsicht am 18. Februar hinübergeschafft. Man lagerte ihn auf dem Boden des Schiffes ab, um jedem Unfall vorzubeugen; die Gondel nebst Zubehör, die Anker, Stricke, Lebensmittel so wie die Wasserkisten, welche nach der Ankunft gefüllt werden sollten. Alles wurde unter Fergusson’s Augen gestaut.

Zur Erzeugung des Wasserstoffgases verlud man zehn Tonnen Schwefelsäure und zehn Tonnen altes Eisen. Diese Quantität war mehr als hinreichend, doch mußte man sich gegen mögliche Verluste decken. Der Gasentwickelungs-Apparat, welcher aus etwa dreißig Fässern bestand, wurde in den untern Schiffsraum gebracht.

All‘ diese verschiedenen Vorbereitungen waren am Abend des 18. Februar beendet, und zwei bequem eingerichtete Kajüten erwarteten den Doctor Fergusson und seinen Freund Kennedy. Soviel dieser Letztere auch schwur, daß er nicht mitreisen würde, begab er sich doch mit einem Jagdarsenal an Bord, das aus zwei vorzüglichen, doppelläufigen Hinterladern und einem vielfach erprobten Karabiner aus der Fabrik der Herren Purdey Moore und Dickson in Edinburg bestand. Mit solchen Waffen konnte der Jäger mit Sicherheit aus einer Entfernung von zweitausend Schritt einer Gemse das Auge ausschießen. Zu diesen Gewehren fügte er für unvorhergesehene Fälle zwei sechsläufige Colt-Revolver; Pulverhorn, Patrontasche, Blei und Kugeln in hinreichender Menge überstiegen nicht das von dem Doctor angegebene Gewicht.

Die drei Reisenden gingen am 19. Februar an Bord, und wurden vom Kapitän und seinen Officieren mit großer Auszeichnung aufgenommen. Der Doctor erschien ziemlich kalt und einzig mit seiner Expedition beschäftigt; Dick war in außerordentlicher Erregung, aber doch bemüht, dieselbe zu verbergen, und Joe endlich sprang außer sich vor Vergnügen hin und her, indem er sich in den schnurrigsten Reden erging. Er wurde bald der Bruder Lustig auf dem Schiffe und bei Jedermann beliebt.

Am zwanzigsten lud die Königlich Geographische Gesellschaft den Doctor Fergusson und Herrn Kennedy zu einem großen Abschiedsessen ein. Der Befehlshaber des Resolute und seine Officiere wohnten gleichfalls diesem Mahle bei, das unter allseitiger, fröhlicher Laune verlief, und bei dem es an einer Masse schmeichelhafter Trinksprüche für unsere Freunde nicht fehlte. Gesundheiten wurden in einer so reichen Zahl ausgebracht, daß sie genügend gewesen wären, um den Gästen ein hundertjähriges Leben zu sichern. Sir Francis M… führte mit mäßiger aber würdevoller Rührung den Vorsitz.

Zu Herrn Dick’s großem Mißfallen erhielt auch er sein reichliches Theil von diesen Glückwünschen. Nachdem man auf den unerschrockenen Fergusson, den Ruhm Englands, getrunken hatte, durfte man nicht verabsäumen, auf den nicht minder heldenmüthigen Kennedy, seinen kühnen Begleiter, zu trinken.

Dick erröthete über und über, was ihm jedoch als Bescheidenheit ausgelegt wurde, und nur zur Folge hatte, daß man die Beifallsbezeugungen verdoppelte. Dick Kennedy erröthete noch tiefer. –

Beim Dessert langte eine Botschaft der Königin an; sie sandte den beiden Reisenden ihre Grüße und ließ ihnen Glück zu ihrem Unternehmen wünschen. Dies erforderte natürlich wiederum Toaste »auf Ihre allergnädigste Majestät«.

Endlich, um Mitternacht, trennten sich die Gäste nach einem rührenden Abschied und manch‘ warmem Händedruck.

Die Boote des Resolute warteten an der Westminster-Brücke; der Commandant nahm in Gesellschaft seiner Passagiere und Mannschaften darin Platz, und der Strom der Themse brachte die Gesellschaft schnell nach Greenwich.

Um ein Uhr lag Alles an Bord im tiefsten Schlafe.

Am Morgen des 21. Februar, um drei Uhr früh, waren die Kessel geheizt, um fünf Uhr lichtete man die Anker, und unter dem Druck der Schraube steuerte der Resolute der Mündung der Themse zu.

Wir brauchen nicht erst zu sagen, daß die Unterhaltung an Bord sich einzig und allein um die Expedition des Doctors Fergusson drehte. Wenn man ihn sah oder über die Unternehmung sprechen hörte, so flößte er ein solches Vertrauen ein, daß bald Niemand, der Schotte ausgenommen, den Erfolg seiner Expedition in Frage stellte.

Während der langen unbeschäftigten Stunden der Reise ging der Doctor mit den Officieren einen förmlichen geographischen Cursus durch. Die jungen Leute interessirten sich lebhaft für die seit vierzig Jahren in Afrika gemachten Entdeckungen; er erzählte ihnen von den Forschungsreisen Barth’s, Burton’s, Speke’s, Grant’s, und schilderte ihnen dies geheimnißvolle Land, das gegenwärtig so rege von der Wissenschaft in Angriff genommen war. Im Norden erforschte der junge Duveyrier die Sahara und brachte die Häuptlinge der Tuaregs nach Paris. Unter Oberaufsicht der französischen Regierung wurden zwei Expeditionen ausgerüstet, die vom Norden herab nach Westen gehend, sich in Timbuctu kreuzen sollten. Im Süden rückte der unermüdliche Livingstone immer gegen den Aequator vor, und vom Mai des Jahres 1862 ab ging er in Gesellschaft Mackensie’s an dem Novoonia-Flusse aufwärts. Das neunzehnte Jahrhundert würde gewiß nicht zu Ende gehen, ohne daß Afrika die in seinem Schooß seit sechstausend Jahren vergrabenen Geheimnisse enthüllt hätte.

Das Interesse der Zuhörer Fergusson’s wurde besonders geweckt, als er ihnen im Einzelnen von den Vorbereitungen zu seiner Reise erzählte; sie wollten die Probe seiner Berechnungen machen, und begannen eine Erörterung, in welche der Doctor sich ohne alle Umschweife einließ.

Im Allgemeinen staunte man über die verhältnißmäßig geringe Menge von Lebensmitteln, welche er mit sich führte, und eines Tages befragte Jemand den Doctor in Bezug hierauf.

»Das ist Ihnen erstaunlich?« antwortete Fergusson. »Aber wie lange glauben Sie denn, daß ich unterwegs sein werde? Doch nicht etwa Monate? Da irren Sie sehr; wenn meine Reise sich in die Länge ziehen sollte, würden wir verloren sein, und gar nicht an’s Ziel gelangen. So wissen Sie denn, daß von Zanzibar nach der Küste von Senegal nicht mehr als dreitausendfünfhundert, nehmen Sie an viertausend Meilen sind. Wenn man nun in zwölf Stunden zweihundertundvierzig Meilen zurücklegt, was der Schnelligkeit unserer Eisenbahnen nicht nahe kommt, und wenn man Tag und Nacht reist, so würden sieben Tage genügen, um Afrika zu durchfahren.«

»Aber dann könnten Sie nichts sehen, keine geographischen Aufnahmen machen, noch das Land gehörig kennen lernen.«

»Ich werde mich deshalb auch«, antwortete der Doctor, »überall aufhalten, wo ich es für gut befinde, besonders auch dann, wenn zu heftige Luftströmungen mich fortzureißen drohen.«

»Und das wird nicht ausbleiben«, sagte Pennet; »es wüthen bisweilen Orkane, welche über zweihundertundvierzig Meilen in der Stunde zurücklegen.«

»Sie sehen«, versetzte der Doctor, »bei einer solchen Schnelligkeit könnte man Afrika in zwölf Stunden durchfahren. Man würde in Zanzibar aufstehen, um in Saint-Louis zu Bett zu gehen.«

»Aber«, äußerte ein Officier, »könnte denn ein Ballon in solcher Schnelligkeit mit fortgerissen werden?«

»Man hat das schon erlebt«, erwiderte Fergusson.

»Und der Ballon hat Stand gehalten?«

»Vollkommen. Zur Zeit der Krönung Napoleon’s im Jahre 1804 ließ der Luftschiffer Garnerin um elf Uhr Abends von Paris einen Ballon ab, der in goldenen Lettern die folgende Inschrift trug: ›Paris, 25 frimaire an XIII, couronnement de l’empereur Napoléon par S. S. Pie VII.‹ [Fußnote] Am folgenden Morgen, um fünf Uhr, sahen die Einwohner von Rom denselben Ballon über dem Vatikan schweben, die römische Campagna durchfliegen und sich in den See von Bracciano versenken. Dies der Beweis, meine Herren, daß ein Ballon gegen solche Schnelligkeit Stand halten kann.«

»Ein Ballon, mag sein! – aber ein Mensch?« wagte Kennedy einzuwerfen.

»Auch ein Mensch! Denn ein Ballon ist immer unbeweglich im Verhältniß zu der ihn umgebenden Luft: er selber geht nicht, sondern die Luftmasse; zündet z. B. ein Licht in einer Gondel an, und die Flamme wird nicht hin- und herflackern. Ein Luftschiffer auf dem Ballon Garnerin’s hätte von dieser Schnelligkeit keineswegs gelitten. Uebrigens liegt mir durchaus nicht daran, mit einer solchen Geschwindigkeit zu experimentiren, und wenn ich mein Luftschiff während der Nacht an einen Baum oder irgend eine Unebenheit des Bodens ketten kann, werde ich mir das nicht entgehen lassen. Wir führen indessen für zwei Monate Lebensmittel mit uns, und nichts wird unsern geschickten Jäger daran hindern, Wildpret im Überfluß zu erbeuten, wenn wir uns einmal auf der Erde niederlassen.«

»Ah, Herr Kennedy, Sie werden Gelegenheit haben, Meisterschüsse zu thun«, sagte ein junger Midshipman, den Schotten mit neidischen Augen betrachend.

»Ganz abgesehen davon«, fügte ein anderer hinzu, »daß Ihr Vergnügen mit großem Ruhm Hand in Hand gehen wird.«

»Meine Herren«, antwortete der Jäger … »ich weiß Ihre Complimente sehr wohl zu würdigen. … aber ich kann dieselben nicht annehmen …«

»Wie? rief man von allen Seiten, Sie werden nicht mitreisen?«

»Ich werde nicht reisen.«

»Sie wollen den Doctor Fergusson nicht begleiten?«

»Nicht nur das, sondern meine Anwesenheit hat keinen andern Grund, als ihn im letzten Augenblick noch zurückzuhalten.«

Aller Blicke richteten sich auf den Doctor.

»Hören Sie nicht auf ihn«, antwortete dieser mit ruhiger Miene. »Das ist eine Frage, die man nicht mit ihm erörtern darf; er weiß im Grunde recht gut, daß er mitreisen wird.«

»Beim Heiligen Patrick! rief Kennedy aus, ich betheuere …«

»Betheuere nichts, Freund Dick; Du bist ausgemessen. Du bist gewogen. Du bist mitsammt Deinem Pulver, Deinen Flinten und Kugeln in unser Luftschiff eingepaßt; so laß uns nicht mehr davon sprechen.«

Und wirklich öffnete Dick von diesem Tage bis zur Ankunft in Zanzibar nicht mehr den Mund; er sprach ebenso wenig von der Reise wie von etwas Anderem. Er schwieg.