Im Lande des Mahdi

Der Reïs Effendina

Der Reïs Effendina

Murad Nassyr begleitete mich und die Kinder. Der Packträger ging voran. Als wir das Schiff erreichten, war die Bemannung desselben gerade mit dem Nachmittagsgebete zu Ende und machte sich nun daran, das große Segel zu entrollen. Ich drückte Nassyr die Hand, sagte ihm Dank und sprang, gefolgt von den Schwarzen, an Bord. Der Packträger stand, nachdem er meine Sachen da niedergelegt hatte, schon wieder am Ufer. Nach kurzer Zeit legte sich der Wind ins Segel, und die Dahabijeh wendete ihren Bug der Mitte des Stromes zu. Einige Abschiedswinke von seiten meines dicken Türken, welche ich erwiderte, dann wendete ich mich dem Decke zu, um den Reïs, zu begrüßen. Er kam mir entgegen, verbeugte sich sehr höflich, hieß mich willkommen und reichte mir sogar die Hand. Dann führte er selbst mich, während der Steuermann dem Schiffe Richtung gab, in die für mich bestimmte Kabine. Sie lag im Hinterteile des Schiffes unter einem Bretterverschlage und wurde anstatt einer Thüre durch eine herabhängende Strohmatte von dem offenen Deck getrennt. Ich sah eine Art Matratze daliegen; Decken hatte Nassyr mir mitgegeben, also konnte ich es mir mit meinen kleinen, schwarzen Begleitern bequem machen. Raum dazu war genug, wenn auch nicht überflüssig vorhanden. Zu meiner Verwunderung waren längs der Bordwand zwei Dutzend Flaschen aufgestellt. Der Reïs sagte mir, daß sie von dem Türken geschickt worden seien. Es war Bira nimsawiji, österreichisches Bier. Meine Sympathie für den Dicken wuchs mehr und mehr.

Eben hatte der Reïs mich verlassen, und ich war an die kleine, winzige Kajütenluke getreten, um einen kurzen

Blick hinaus auf den segelbelebten Strom zu werfen, da hörte ich hinter mir eine Stimme:

»Effendi, erlaubst du mir, deine Sachen zu bringen, welche noch vorn liegen, wo der Hammal sie hingelegt hat?«

Ich drehte mich nach dem Sprecher um. Er stand unter dem Eingange meiner Koje in so höflicher, ja demütiger Haltung, daß man ihm wohl eine freundliche Antwort hätte gönnen mögen; aber ich brachte es nicht dazu. Sein Auge blickte so scharf und spitz unter den buschigen Brauen hervor; seine schmalen Lippen waren an den Mundwinkeln breit niedergezogen, als ob er im Begriffe stehe, ein Hohngelächter aufzuschlagen, und seine Nase – – ja diese Nase! Sie war dick angeschwollen und gelb, rot, grün und blau gefärbt. Was hatte der Mann nur gemacht, sich sein Gesicht in dieser Weise zu verschimpfieren! Ich mußte ganz unwillkürlich an den Geist Nummer Drei denken, mit dessen Nase meine Faust heute nacht in so kräftige Berührung gekommen war. Es stieg ein Verdacht in meiner jetzt sehr zum Mißtrauen gestimmten Seele auf. Als man vorhin das Segel löste, war dies unter dem singenden Rufe der Matrosen »Ah ia sidi Abd el Kader« geschehen. Dies ist der beliebte Ausruf aller zur Kadirine gehörigen Moslemin. Sollte der Reïs dieses Schiffes und mit ihm die Bemannung desselben Mitglieder dieser Verbrüderung sein? Sollte Abd el Barak, der jawohl von Selim den Namen der Dahabijeh erfahren hatte, dem Reïs den Befehl erteilt haben, meinen Geist Nummer Drei an Bord zu nehmen? Das war höchst bedenklich! Es galt, vorsichtig und klug zu sein. Ich verriet meine Gedanken durch keine Miene und überraschte den Mann durch die schnelle Frage:

»Wie ist dein Name?«

Er hatte auf seine Erkundigung von meiner Seite gewiß nichts anderes als ein zustimmendes Ja erwartet; er zögerte mit der Antwort. Warum? Hatte er Veranlassung, seinen Namen zu verschweigen?

»Nun, antworte!« drängte ich ihn in scharfem Tone.

»Ich heiße Ben Schorak,« meinte er jetzt.

Er hatte das in einer Weise gesagt, als ob er den ersten besten Namen, der ihm einfiel, über die Lippen gehen lasse. Und Ben Schorak, also Schoraks Sohn. Das genügte nicht. Dieser Mann war gegen fünfzig Jahre alt und mußte also einen eigenen Namen haben, hinter welchen dann allerdings Ben Schorak zu setzen war. Ich hielt mich aber nicht lange bei meinem Bedenken auf und erkundigte mich weiter:

»Warum meldest du dich zu dieser Arbeit?«

»Weil ich die Kajütenpassagiere zu bedienen habe.«

»Ah so! Bist du ein Araber?«

»Ja, vom Stamme der Maazeh.«

»Wie lange dienst du schon auf diesem Schiffe?«

»Seit über einem Jahre.«

»Gut! Hole die Sachen! Bin ich mit dir zufrieden, so wird dich mein Bakschisch erfreuen.«

Jjetzt galt es, diesem Manne keine Zeit zu lassen, die mir gegebenen Antworten draußen mitzuteilen. Ich ging also hinaus. Der Reïs stand hinten beim Steuermann; ich trat zu ihnen und zog einige unverfängliche Erkundigungen ein, welche sich auf meine Rechte und Pflichten als Passagier bezogen. Dann fragte ich, ob mir nicht ein Mann zu kleinen Dienstleistungen angewiesen werden könne. Der Reïs antwortete ahnungslos:

»Dieser Mann ist bereits bestimmt. Er hat schon deine Sachen in die Kajüte getragen und befindet sich noch in derselben.«

»Wie heißt er?«

»Barik.«

»Ein Beduine?«

»Nein. Er stammt aus Minieh.«

»Ist er treu und zuverlässig? Wie lange befindet er sich auf dieser Dahabijeh?«

»Schon seit vier Monaten.«

Ich wußte genug; ich war von diesem Gespenst Nummer Drei belogen worden. Er hatte noch nicht die Vorsicht gehabt, mit der Bemannung des Schiffes die notwendigen Personalien zu verabreden. Er befand sich meinetwegen hier. Mir fiel es auf, daß er sich noch immer in meiner Kajüte aufhielt. Was hatte er in derselben zu suchen? Ich näherte mich in einer Weise, daß er mich nicht bemerken konnte, und trat dann schnell ein. Da saßen die beiden Kinder und knabberten an einigen Datteln, mit denen er ihre Aufmerksamkeit gefangen genommen hatte; er aber hatte seine Hand in der Innentasche meines Haïks, natürlich um den Inhalt derselben zu untersuchen. Ich that, als ob ich das nicht bemerkte, und erteilte ihm irgend einen kleinen Auftrag, infolgedessen er sich zu entfernen hatte.

Wie wohlbegründet waren meine Befürchtungen gewesen! Nun fragte es sich, welchen Auftrag dieser Mann von Abd el Barak empfangen hatte. Mich zu ermorden? Wohl möglich, aber ganz so Schlimmes wollte ich doch nicht vermuten. Wahrscheinlicher war es, daß seine Aufgabe darin bestand, mir die Unterschriften zu entwenden. Vielleicht hatte er soeben in der Haïktasche nach ihnen gesucht. Aber sei dem, wie ihm wolle, ich befand mich in keiner angenehmen Lage und hätte lieber, wenn dies möglich gewesen wäre, die Dahabijeh sofort verlassen. Dies konnte später leicht geschehen, denn diese Schiffe legen des Abends fast regelmäßig am Ufer an, und es stand wohl nicht zu befürchten, daß es mir schon heute an den Kragen gehen solle. Ich gab zunächst alles Grübeln auf und machte mich an die Einrichtung meiner kleinen, schwimmenden Häuslichkeit. Man reist mit dem Nilboote sehr langsam, und ich hatte mich also auf eine Reihe von Tagen einzurichten. Da galt es vor allen Dingen, mein Eigentum, besonders die mitgenommenen Lebensmittel, vor den Ratten zu schützen, welche eine wahre Plage auf diesen Booten sind. Dabei kam mir auch ein Paket Rauchtabak in die Hände. Ich öffnete dasselbe und fand ein zusammengelegtes Papier obenauf liegen, auf welchem geschrieben stand: Ihr Reisegeld bis Siut. Das Papier war schwer; als ich es auseinandergeschlagen hatte, blinkten mir zwanzig Sovereigns entgegen. Das waren nach türkischer Ausdrucksweise zwanzig Inglis liraszy, über vierhundert Mark nach deutschem Gelde. Mein dicker Murad Nassyr war gar kein übler Türke. Leider hatten wir in Beziehung auf den Glauben sehr verschiedene Meinung; aber in Hinsicht auf Geldangelegenheiten schien zwischen uns die erfreulichste Harmonie zu bestehen. Nur fragte es sich, zu welcher Art von Diensten er mich dadurch verpflichten wollte. Es bestand noch immer eine leise Ahnung in mir, daß seine Geschäfte doch nicht ganz von derjenigen Gattung seien, zu welcher ich mich bedenkenlos verstehen durfte. Über sein sonst so ehrliches Gesicht war zuweilen ein Zug gegangen, wie man ihn nur bei Personen bemerkt, denen jeder Weg recht ist, falls er sie nur zum Ziele führt. Sein Verhalten zu mir war ganz gewiß auch mit die Folge eines gewissen Wohlwollens; das gab ich gerne zu; der eigentliche Grund desselben lag aber sicher in einer selbstsüchtigen Berechnung, die ich ihm freilich nicht übelnehmen konnte, da wir Menschen ja alle mehr oder weniger Egoisten sind, wie jeder Aufrichtige gestehen wird.

Ich baute, um die Ratten abzuhalten, von den Flaschen eine Unterlage, auf welche sämtliche Effekten und Vorräte zu liegen kamen. Dabei halfen mir meine beiden Neger, und es stellte sich bei dieser Gelegenheit heraus, daß sie recht geschickt waren und ein gutes Fassungsvermögen besaßen. Freilich hätte ich mir diese Arbeit ersparen können, aber ich ahnte nicht, daß mein Aufenthalt auf der Dahabijeh nicht einmal einen Tag währen werde.

Wie in dieser Jahreszeit fast immer, herrschte Nordwind, und das Segelboot machte eine ziemlich schnelle Fahrt, bis die Sonne im Westen verschwand und das Moghreb, gebetet wurde. Dann aber ließ der Reïs halbe Luft nehmen; die Dahabijeh ging langsamer, und ich sah, daß das Steuer nach dem linken Ufer des Stromes gelegt wurde. Ich ging infolgedessen zum Reïs und fragte ihn nach der Ursache dieses Manövers.

»Wir legen in Giseh an,« antwortete er mir.

»Aber warum das? Unsere Fahrt hat ja eben erst begonnen. Aus welchem Grunde soll sie schon unterbrochen werden? Es ist ja noch nicht finster, und bald werden die Sterne erscheinen, bei deren Licht wir recht gut noch bis Atar en Nebi und Der et Tin oder gar bis Menil Schiba und Der Ibn Sufgan segeln können!«

»Woher kennst du diese Orte?« fragte er verwundert. »Wer hat dir von ihnen erzählt?«

Es lag in meinem Interesse, ihn wissen zu lassen, daß ich nicht so unerfahren sei, wie er vielleicht denken mochte; darum antwortete ich ihm:

»Hast du mich für einen Neuling gehalten? Ich bin nicht zum erstenmale hier und habe schon die Katarakte befahren.«

»Dann wirst du wissen, daß jedes Schiff bei hereinbrechender Dunkelheit ans Ufer gelegt wird.«

»Bei wirklicher Dunkelheit, ja. Aber es ist noch nicht Nacht und wird heute überhaupt nicht dunkel werden, da wir den schönsten Sternenschein zu erwarten haben. Auch das Wasser leuchtet. Wir können recht wohl die ganze Nacht durch segeln.«

»Das thut kein erfahrener und vorsichtiger Reïs.«

»O doch! Ich habe es selbst erlebt. Wir sind sehr oft im Mondschein oder wenn die Sterne am Himmel standen, während der Nacht unter Segel gewesen. Wenn du schon in Giseh anlegen willst, war es ganz überflüssig, die Fahrt heute überhaupt zu beginnen. Ich möchte nicht, daß du anlegst, und du weißt, daß jeder verständige Reïs sich nach den Wünschen der Passagiere richtet.«

»Es giebt darüber keine Vorschrift. Ich bin der Gebieter dieser Dahabijeh und handle ganz nach meinem Wohlgefallen.«

»So mußt du gewärtig sein, daß ich deine Ungefälligkeit bekannt gebe und dann von den Franken, welche die besten Passagiere und Zahler sind, kein einziger wieder mit dir fährt.«

»Sie mögen es bleiben lassen. Ich brauche sie nicht!«

Er drehte sich um und ging fort. Damit war die Sache abgemacht. Das zeitige Anlegen in Giseh mußte einen besonderen Grund haben, die Folge einer ganz bestimmten Absicht sein, welche jedenfalls mit der Anwesenheit meines Gespenstes Nummer Drei zusammenhing. Es sollte etwas vor sich gehen, was man nicht aufschieben, sondern noch in der Nähe von Kairo geschehen lassen wollte. Was aber konnte das sein? Rache an mir nehmen? Die beiden Neger entführen? Mir die Unterschriften Abd el Baraks entreißen? Wahrscheinlich waren die drei Vermutungen sämtlich richtig, da diese Punkte in innigem Zusammenhange miteinander standen.

Was Giseh betrifft, so ist es der Landungsplatz aller Reisenden, welche von Kairo aus die Pyramiden besuchen, welche in einer Entfernung von acht Kilometern liegen. Zur Zeit der Überschwemmung, während welcher man auf den sich aus dem Wasser erhebenden Dämmen einen bedeutenden Umweg zu machen hat, beträgt diese Entfernung fast das Doppelte. Der Ort ist wegen seiner künstlichen Brutöfen bekannt, und es führt da eine eiserne Drehbrücke über den Nil. Gegenüber der Insel Roda liegt der Haremsgarten und der Park des Selamlik. Sonst giebt es nur verfallene Bazars und Ruinen alter Landhäuser der Mameluken, auch einige Cafés, welche aber der Fuß des Europäers nur ungern betritt. Giseh konnte mir also gar nichts bieten, und darum nahm ich mir vor, nicht am Lande zu übernachten, sondern an Bord zu bleiben. Aber ich hatte Grund, mich zu verstellen und so zu thun, als ob ich das Segelboot verlassen wollte. Darum warf ich, als die Dahabijeh ans Ufer befestigt worden war, meinen Haïk. über, nahm die beiden Neger bei den Händen und gab mir den Anschein, als ob ich aufzubrechen beabsichtige. Da kam der Reïs schnell herbei und fragte:

»Was hast du vor? Willst du etwa aussteigen, Effendi, um während der Nacht in Giseh zu schlafen?«

»Ja.«

»Du wirst kein Nachtlager finden!«

»Warum nicht? Man wird mich, da ich gut bezahle, gern in jedem Hause aufnehmen.«

»Aber wir werden sehr zeitig absegeln, und wenn du das verschläfst, so bleibst du hier sitzen!«

»Das ist unmöglich, denn ich werde dich benachrichtigen lassen, wo ich mich befinde, so daß du mich holen lassen kannst.«

»Holen lassen kann ich dich nicht. Ich muß mich nach dem Morgenwinde richten und sofort absegeln, wenn er zu wehen beginnt.«

»Mir vorher einen Boten zu senden, das würde doch nur eine Versäumnis von wenigen Minuten nach sich ziehen!«

»Selbst diese wenigen darf ich nicht versäumen.«

»Warum bist du plötzlich so eilig, während du hier angelegt hast, obgleich du weitersegeln konntest?«

»Ich bin Reïs und brauche dir meine Gründe nicht mitzuteilen. Wenn du gehen willst, so gehe; aber ich werde dich nicht rufen lassen. Wenn ich sehe, daß die Sterne hell genug scheinen, werde ich sogar noch vor Mitternacht abfahren. Dann magst du zusehen, ob du uns einzuholen vermagst.«

»So muß ich mich in deinen Willen fügen und hier bleiben. Allah vergelte dir die Freundlichkeit, mit welcher du deine Passagiere behandelst!,

Ich sagte das in unwilligem Tone und zeigte dabei absichtlich ein mißvergnügtes Gesicht. Über das seinige aber glitt eine sichtbare Genugthuung, welche zu bemerken ich mir jedoch nicht den Anschein gab. ich hatte meinen Zweck erreicht und wußte nun, woran ich war. Ich sollte nicht von Bord gehen; man beabsichtigte also das, was man gegen mich vorhatte, in dieser Nacht auszuführen. Das war mir lieb. Wenn gleich hier der Handel zu Ende ging, hatte ich nicht für längere Zeit in Ungewißheit zu schweben.

Die Matrosen bekamen die Freiheit gewährt, welche mir versagt wurde; sie durften an das Land gehen. Ich beobachtete ihre Entfernung; sie gingen alle, und nur drei Personen blieben zurück, nämlich der Reïs, der Steuermann und der famose Kajütendiener mit der Karfunkelnase. Ich konnte mir sehr wohl denken, weshalb es den Leuten erlaubt worden war, von Bord zu gehen. Man wollte sich aller unnötigen Zeugen entledigen.

Bald kam der Diener zu mir in die Kajüte, um mich zu fragen, ob ich irgend einen Wunsch habe. Ich verlangte Wasser und eine Lampe, um immer Feuer für die Pfeife zu haben. Er brachte mir beides, und bei dieser Gelegenheit bemerkte ich ihm so nebenbei, daß ich mich unwohl fühle und infolgedessen die Kajüte nicht verlassen werde. Dabei zog ich meine Brieftasche aus der Jacke, öffnete sie so beiläufig und ließ sehen, daß sie Papiere enthielt. Das that ich, um die Sache abzukürzen und die guten Leute auf den Leim gehen zu lassen. Daß ich das Richtige gedacht und getroffen hatte, erfuhr ich sofort, denn der Mann antwortete mir in freundlich besorgtem Tone:

»Das machest du recht, Effendi. Bleibe in der Kajüte. Die Nachtluft ist für den Fremden äußerst schädlich, und schon mancher hat sich eine unheilbare Augenentzündung geholt, weil er abends im Freien geblieben ist. Schone also das Licht deiner Augen! Wirst du heute meiner noch einmal bedürfen?«

»Nein. Ich speise jetzt einige Datteln, rauche noch zwei Pfeifen und lege mich dann zur Ruhe.«

»So will ich gehen, um dich nicht zu stören. Deine Nacht sei glücklich!«

Er machte mir eine Verbeugung, wenn auch keinen so halsbrecherischen Katzenbuckel wie der lange Haushofmeister meines dicken Türken, und entfernte sich, wobei er die Strohmatte herabließ, um meine Koje gegen das Deck hin zu verschließen. Kaum hatte er das gethan, so blies ich die Thonlampe aus, um den Raum zu verdunkeln, damit ich nicht gesehen werden könne, hob die Matte ein wenig empor und blickte ihm nach. Ich ahnte nämlich, daß er die anderen Biedermänner sofort von dem, was ich gesagt hatte, benachrichtigen werde.

Es brannte auf dem ganzen Deck kein Licht. Das Heer der Sterne war noch nicht erschienen; nur einzelne Vorboten desselben standen am Himmel und vermochten nicht, das gegenwärtige Dunkel zu lichten. Meine geübten Augen waren wohl schärfer als diejenigen der Araber. Ich sah den Diener nach der Mitte des Schiffes gehen, kroch unter der Matte hinaus und folgte ihm nach. Zwar konnte ich nicht so weit sehen, aber ich hatte bemerkt, daß dort mehrere große, in Bastmatten gehüllte Tabaksballen standen, welche wohl nach dem Süden bestimmt waren. Dorthin kroch ich auf den Händen und Knieen so rasch wie möglich. Meine Voraussetzung bewährte sich, denn als ich in die Nähe kam, hörte ich sprechen. Rechts an die Ballen gelehnt, saß ein Mann; ein anderer stand neben ihm. Ich schob mich also nach links hinüber und legte mich lang und eng an die andere Seite der Tabakskolli. Dabei hörte ich, daß der eine zu dem andern sagte:

»Warte noch! Man soll eine Sache nicht zweimal erwähnen, wenn man sie nur einmal zu sagen braucht. Der Reïs wird gleich zurückkommen.

»Wo ist er?«

»Am Ufer, um dort die Laterne zu befestigen, damit der Muza’bir, sich zurechtfinden kann, wenn er kommt.«

Diese beiden Männer waren der Steuermann und mein Kajütendiener. Also es wurde am Lande eine Laterne als Zeichen angesteckt, und zwar für einen Gaukler. Wozu dieser Kerl? War er aus Giseh oder aus Kairo? Kam er meinetwegen oder um die Fahrt mitzumachen und das Schiffsvolk zu belustigen? Solchen Leuten pflegt man als Bezahlung ihrer Kunststücke das Passagiergeld zu schenken.

Da ich am Boden lag und der Rand des Deckes beinahe Brusthöhe hatte, konnte ich das Ufer und also auch die Laterne nicht sehen; dafür aber meinte der Diener, welcher aufrecht stand:

»Jetzt brennt sie. Er hat eine Stange in die Erde gesteckt und sie daran befestigt. Nun wird er zurückkehren.«

Ich lag nach der Fluß- und der Reïs mußte von der Landseite das Schiff betreten; darum durfte ich hoffen, von ihm nicht bemerkt zu werden. Ich befand mich ungefähr in der Lage eines Indianer beschleichenden Prairiejägers. Nun, darin hatte ich leidliche Übung, und so war ich überzeugt, irgend etwas Wichtiges zu erfahren.

Jetzt kam der Reïs an Bord und quer über das Deck gegangen. Er wurde mit einem »Pst!« herbeigerufen, sah die beiden und fragte, indem er bei ihnen stehen blieb:

»Nun, was thut dieser Giaur, den Allah ewig brennen lassen wird?«

Das war freilich etwas ganz anderes als die Höflichkeit, mit welcher er mich bei meiner Ankunft empfangen hatte!

»Er sitzt in seiner Kammer und raucht,« antwortete der Geist Nummer Drei.

»Wird er nicht herauskommen?«

»Nein. Er fühlt sich unwohl, will zwei Pfeifen rauchen und dann schlafen. Außerdem habe ich ihm gesagt, daß er die Augenentzündung bekommen werde, wenn er herausgeht.«

»Das ist sehr klug von dir gewesen. Möge dieser Hund an seinem Tabake ersticken! Wie kann so ein stinkender Kadaver es wagen, sich an unserm frommen Mokkadem zu vergreifen und ihm seine Sklaven zu stehlen! Die Hand, mit welcher er das gethan hat, soll verdorren und nie wieder gesund werden! Warum hat der Mokkadem, den Allah beschirmen möge, dir den Tod dieses Ungläubigen nicht anbefohlen?«

»Nur aus dem Grunde, dich nicht in Gefahr zu bringen, denn man weiß, daß er auf deine Dahabijeh gestiegen ist, und würde, wenn er verschwände, dich zur Rechenschaft ziehen.«

»Das ist wahr. Aber ich könnte sagen, daß er unterwegs ausgestiegen sei, und alle meine Leute würden es, wie ich hoffe, mir bezeugen.«

»Du hast einige dabei, denen nicht zu trauen ist, weil sie noch nicht lange bei dir sind. Darum habe ich dir geraten, sie jetzt vom Schiffe zu entfernen. Sie brauchen nicht zu wissen, daß der Muza’bir an Bord kommt.«

»Es war gar nicht nötig, mir ihn zu schicken. Ich habe seinetwegen hier anlegen müssen, was dem Christen aufgefallen ist. Glücklicherweise scheint er nichts zu ahnen. Ein gläubiger Diener des Propheten hätte sofort bemerkt, daß er sich in Gefahr befinde. Müßten wir nicht auf den Muza’bir warten, so hätten wir weiter fahren können, und du hättest an seiner Stelle die Papiere stehlen können, um sie dem Mokkadem zu bringen.«

»Allah, Wallah! Was traust du mir zu! Der Giaur ist ein starker Kerl; ich habe es fühlen müssen. Er hat den Mokkadem, der doch die Kraft eines Löwen besitzt, besiegt, seinen Diener niedergeschlagen und hätte auch bald noch mich ergriffen. Ich werde die Spuren seiner Faust noch einen Monat lang im Gesichte tragen. Daß er mir den Glanz meines Daseins in dieser Weise geschändet hat, dafür mag der Teufel seinen Leib in tausend Stücke zerreißen und seine Seele durch das stärkste Feuer verzehren lassen! Ich fürchte mich nicht, und mein Herz ist voller Kühnheit wie dasjenige des Panthers, aber des Nachts Papiere unbemerkt aus der Tasche eines solchen Totschlägers zu holen, das kann ich nicht, das habe ich nicht geübt; das kann nur der Muza’bir, welcher tausend Kunststücke kennt und zugleich der berühmteste Taschendieb ist. Darum ist er uns von dem Mokkadem nachgeschickt worden. Er wird kommen, die Papiere nehmen und dann verschwinden. Der Giaur mag, wenn er sie vermißt, thun, was ihm beliebt; auf der Dahabijeh sind sie nicht zu finden.«

»Weißt du denn, ob er sie auch wirklich bei sich hat?«

»Er hat sie ganz gewiß!«

»Du kannst dich irren. Ebenso gut kann Murad Nassyr, der Türke, sie in Aufbewahrung genommen haben.«

»Nein. Ich bin ganz der Ansicht, welche unser frommer Mokkadem ausgesprochen hat. Der Giaur ist klüger, vorsichtiger und stärker als der Türke und wird ihm also nicht so wichtige Dinge anvertrauen, sondern sie auf alle Fälle selbst behalten. Außerdem sah ich, als ich jetzt bei ihm war, eine Brieftasche in seiner Hand, in welcher sich Briefe und viele andere Papiere befinden. Die drei Unterschriften werden gewiß dabei sein.«

»Ich hoffe es! Aber es ist keine leichte Sache, sie ihm abzunehmen. Wenn er dabei erwacht, wird es mißlingen.«

»Der Muza’bir hat eine leichte Hand und noch weit Schwereres vollbracht. Du kannst dir doch denken, daß der Mokkadem nicht einen ungeschickten Mann senden wird, sondern einen, der den Streich gewiß vollbringt.«

»Mag sein; aber dennoch wäre es besser gewesen, den Ungläubigen zu töten! Da hätte auch nicht der leiseste Zweifel über das Gelingen vorhanden sein können.«

»Ein Zweifel ist ja auch jetzt nicht da.Der Mokkadem muß seine Papiere auf alle Fälle haben und hat dem Muza’bir jedenfalls die genaueste Unterweisung gegeben. Dieser ist natürlich mit einem Messer versehen. Erwacht der Christ nicht, nun gut, so bleibt er einstweilen noch am Leben, damit dir nichts geschehen kann; wacht er dabei auf, so stößt ihm der Muza’bir das Messer in das Herz.«

»Einstweilen noch am Leben? Also sterben soll er später doch?«

»Ja, aus Strafe für das, was er gegen den Mokkadem gesündigt hat.«

»Wann und wo?«

»Das ist noch unbestimmt. Wie ich dir schon sagte, wird er jetzt nur um deinetwillen geschont, weil du ein treues Mitglied der Kadirine und ein Schützling Abd el Baraks bist; aber auf Thaten, wie die seinigen sind, muß der Tod erfolgen. Für heute behält er sein Leben, aber es hängt an einem dünnen Haare, welches bei der nächsten Gelegenheit zerrissen wird.«

»Wohl in Siut, wo er aussteigen und auf den Türken warten will?«

»Das kann ich nicht sagen, denn man muß sich nach den Umständen richten, und wir wissen nicht, ob sie dort günstig für uns sein werden.«

»Dann entgeht er euch, da er euch dort aus den Augen ist.«

»O nein. Du weißt doch, daß es noch unbestimmt ist, wie weit du mich mitzunehmen hast. Ich will offen sein und dir sagen, daß ich den Befehl habe, bei dem Giaur zu bleiben.«

»Du sollst ihn beobachten?«

»Ja. Ich darf ihn nicht aus den Augen lassen. Ich muß so höflich und aufmerksam gegen ihn sein, daß ich sein Vertrauen erwerbe; dann wird es mir nicht schwer fallen, ihn so weit zu bringen, daß er mich als Diener bei sich behält.«

»Der Plan ist gut, und ich werde dich ihm sehr empfehlen. Aber sollst auch du es sein, der ihn dann tötet?«

»Nein. Der Mokkadem hat den Wunsch, ihn sterben zu sehen, um ihm in seinem letzten Augenblicke den Fluch eines gläubigen Moslem nachschleudern zu können.«

»Aber der Mokkadem befindet sich doch hier in Kahira!«

»Heute, ja; aber er wird auch nach dem Süden gehen, nach Chartum und noch weiter.«

»Wohl im Interesse der heiligen Kadirine?«

»Ja. Er hat einen Brief erhalten, welcher diese Reise zur Notwendigkeit macht. Es giebt dort einen außerordentlich frommen und gelehrten Fakih (muhammedanischer Mönch), welcher in die Kadirine getreten ist und einen großen Plan ausgedacht hat, den heiligen Islam über die ganze Welt zu verbreiten. Er heißt Schech Mohammed Achmed oder Achmed Suleimani; ich weiß es nicht mehr genau, und sein Plan soll von so großer Wichtigkeit sein und, wenn er zur Ausführung kommt, unsere Kadirine zu solchem Glanze bringen, daß der Mokkadem sich entschlossen hat, dem Ruf dieses Mannes zu folgen und ihn zu besuchen, um alles weitere mit ihm zu besprechen. Du siehst also, daß Abd el Barak nicht in Kahira bleiben, sondern auch nach Chartum gehen und dort diesen Christenhund treffen wird. Vielleicht begegnet er ihm schon früher. Ich werde dafür sorgen, daß es geschieht, denn ich weiß, mit welchem Schiffe der Mokkadem fahren wird.«

»Was ich da höre, ist von großer Wichtigkeit. ja, nun begreife ich, daß es nicht nötig ist, diesen Giaur hier auf meiner Dahabijeh umzubringen. Da oben im Süden haben die fremden Konsuls nicht die Macht wie hier, und es bekümmert sich kein Mensch um das Verschwinden eines ungläubigen Hundes. Der Mokkadem wird sicherlich in Siut anlegen und aussteigen. Wenn du den Giaur so lange festhalten kannst, so wird es dir leicht sein, ihn in die Hände Abd el Baraks zu liefern, und ich hoffe, daß es ihm nicht gelingen wird, der Rache desselben zu entkommen. Aber sage, darfst du davon sprechen? Die drei Schriften, welche ihm abgenommen werden sollen, müssen von großer Wichtigkeit sein. Kennst du ihren Inhalt?«

»Nein. Der Muza’bir wird ihn kennen, da er die Papiere zu lesen und zu prüfen hat, ob es die richtigen sind. Mir aber hat der Mokkadem nichts anvertraut, denn ––«

Er wurde unterbrochen. Es kam ein Mann, welcher eine Laterne in der Hand hielt, an Bord, jedenfalls der eben erwähnte Muza’bir, der erwartete Gaukler und Taschendieb. Er hatte die Laterne unten weg- und mit an Bord genommen. Mit derselben umherleuchtend, erblickte er die drei, kam auf sie zu und grüßte:

»Massik bilchair!«

»Ahla wa sahla wa marhaba!«, antwortete der Reïs.

»Marhaba!« fielen die beiden andern ein.

Man pflegt gewöhnlich nur das Wort Marhaba zu sagen, welches dann »Willkommen« bedeutet. Daß der Kapitän sich der ausführlichen Formel bediente, ließ erraten, welchen Respekt er vor diesem »größten Taschendieb« Ägyptens hatte. Ich mußte mir den Gaukler und Gauner betrachten und schob den Kopf ein wenig vor. Er setzte die Laterne auf den nächsten Tabakballen, und das Licht derselben fiel hell auf sein Gesicht und seine Gestalt. Er stand in dem Alter des Mokkadem, hatte dieselbe Farbe und denselben negerartigen Typus des Gesichts und war nicht ganz so hoch, aber weit breitschulteriger als er. Dieser Mensch war wenigstens ebenso stark, gewiß aber viel gewandter als Abd el Barak, sein ehrenwerter Auftraggeber. Gekleidet war er in ein langes, dunkles Hemde, um welches ein Strick geschlungen war, in dem ein Messer steckte. An den Füßen trug er Strohsandalen. Das war der Anzug eines armen Mannes; aber in den Ohren hingen schwere, dicke Goldringe, und an den dunklen Fingern glänzten wenigstens zehn wertvolle Reife mit funkelnden Steinen. Seine Stimme klang stolz und selbstbewußt, als er sich erkundigte:

»Meine Ankunft ist euch gemeldet?«

»Ja, Herr, wir erwarteten dich,« antwortete der Reïs.

»Befindet sich der Hund hier oder ist er ausgestiegen?«

»Er liegt in der Kajüte.«

»Mit Licht?«

»Ja; aber vielleicht löscht er es vor dein Einschlafen aus. Die Negerkinder sind bei ihm.«

»Mag er es auslöschen oder brennen lassen, mir ist es gleich. Mein Werk wird vollbracht, selbst wenn er sich in die Finsternis des Grabes hüllen öder hundert Flammen brennen sollte. Ich habe nicht Lust, lange zu warten, und werde bald beginnen. Da ich aber die Örtlichkeit nicht kenne, werdet Ihr sie mir beschreiben und mir auch die Lage jedes Gegenstandes, welcher sich bei ihm befindet, sagen.«

Da der Geist Nummer Drei bei mir gewesen war, so übernahm er die geforderte Beschreibung. Ich hielt es für geboten, diese nicht mit anzuhören, sondern mich zu entfernen. Der Taschendieb hatte es eilig, und auch mir lag daran, die Spannung, in welcher ich mich ganz natürlich befand, möglichst abzukürzen. Darum kroch ich fort, der Kajüte zu.

Der erste Teil dieses wenn auch kurzen Weges, war nicht leicht zurückzulegen, da die Laterne brannte. Glücklicherweise standen der Reïs und der Muza’bir so, daß ihre Schatten zusammenfielen und einen langen, dunklen Strich auf das Deck warfen. Es gelang mir, denselben zu erreichen, und indem ich mich in diesem Dunkel hielt und nicht vor-, sondern rückwärts kroch, um die vier Männer fest im Auge zu behalten, gelangte ich glücklich an die Strohmatte und unter derselben durch in meine Koje.

Noch mit dem letzten Blicke, den ich nach vorn warf, sah ich, daß der Gaukler die Laterne auslöschte. Wäre er so vorsichtig gewesen, dies eher zu thun, so hätte ich mir sein Äußeres nicht einprägen können, was, wie ich später erfuhr, von den schlimmsten Folgen für mich geworden wäre. Man sieht, selbst der berühmteste Taschendieb Ägyptens macht Fehler. Zunächst brannte ich meine Lampe wieder an, was nicht schwer war, da ich mit einem guten Vorrat von Schwefelhölzern, welche im Süden selten und teuer sind, versehen war. Ich wollte mich nämlich nicht im Dunkeln, was für mich gefährlicher war, sondern bei Licht bestehlen lassen.

Sodann nahm ich die drei Unterschriften und einige mir wichtige andere Papiere aus der Brieftasche und versteckte sie, während ich das Portefeuille wieder in die Brusttasche meiner Jacke steckte. Der Diener hatte vorhin gesehen, daß ich es dort aufhob, und es war als sicher anzunehmen, daß er dies dem Gauner sagen werde. Warum wollte ich die Spitzbüberei zur Ausführung kommen lassen? Nur des Beweises halber? Wenn ich aufrichtig sein will, so geschah es wohl auch ein wenig mit, um diesen Menschen zu beweisen, daß sich in dem Kopfe eines Christenhundes auch Gehirn befindet, und daß ich weder blind noch taub war. Mein Vorhaben war gar nicht so ungefährlich für mich. Es konnte dem Muza’bir doch aus irgend einem Grunde belieben, mir das Messer zu geben; aber ich glaubte, mich auf meine Augen und meine Schnelligkeit verlassen zu können.

Die Kinder hatten schon vorher zu essen bekommen. Sie lagen bei einander, schliefen aber noch nicht. Ich teilte ihnen mit, daß ein Mann kommen und mir in die Tasche greifen werde, bat sie aber, keine Angst zu haben und sich nicht zu bewegen, sondern so zu thun, als ob sie schliefen. Sie versprachen es mir, und ich war überzeugt, daß sie das Versprechen halten würden. Dann legte ich beide so, daß sie dem Eingange den Rücken zukehrten.

Ich selbst legte mich auf die rechte Seite, so, daß die Lampe mein Gesicht beschien. Eigentlich hätte ich dasselbe im Dunkel lassen sollen; aber der Spitzbube sollte gleich im ersten Augenblicke überzeugt sein, daß ich schlafe. Die Jacke öffnete ich, so daß er, da ich mit der linken Seite nach oben lag, auf das leichteste mit der Hand in meine Brusttasche greifen konnte. Je weniger schwer ich ihm die Sache machte, desto mehr verringerte ich die Gefahr, in welcher ich mich dabei befand. Um aber auf alles vorbereitet zu sein, schob ich mir einen meiner beiden Revolver so unter den Nacken, daß ich ihn mit der rechten Hand, auf welcher ich den Kopf liegen hatte, schnell ergreifen und spannen konnte. Nun war ich bereit und wünschte sonst nichts, als daß ich nicht allzu lange zu warten haben möge.

Dieser Wunsch ging in Erfüllung. Ich hielt die Augen so weit geschlossen, daß ich durch die Wimpern die Strohmatte sehen konnte. Sie wurde bewegt, ganz unten in der einen Ecke, leise, ganz leise, einen Zoll hoch, zwei, drei, vier, sechs Zoll hoch. Der Kerl sah herein. Nach einiger Zeit räusperte er sich. Ich atmete ruhig wie ein tief Schlafender fort. Nun hustete er, nicht laut, aber doch so, daß ich es hören und davon erwachen Mußte, falls mein Schlaf ein leichter war. Ich regte mich auch jetzt nicht. Es wurde mir doch angst, nicht um mich, sondern um die Kinder, denn wenn eins derselben im kritischen Augenblicke die Mahnung vergaß, so konnte es um mich und dann natürlich auch um sie, wenigstens um ihre Freiheit geschehen sein. Ich begann einzusehen, daß ich die Sache denn doch ein wenig zu leicht genommen hatte.

Wie ich später erfuhr, hatten die Kinder das Räuspern und Husten zwar gehört, aber geglaubt, daß es von mir ausgehe. Sehen konnten sie den Muza’bir nicht, und was er that, geschah vollständig geräuschlos, daß sie es nicht hörten und, als er sich entfernt hatte, gar nicht wußten, daß der betreffende Mann schon dagewesen sei.

Er hatte jetzt die Überzeugung gewonnen, daß ich in festem Schlafe liege, und kam herein, indem er erst den Kopf, die Schulter, dann den Leib unter der Matte vorschob und endlich die Beine nachzog. In der Rechten hielt er das Messer. Seine Augen wichen nicht von meinem Gesichte; sie glichen den Augen eines wilden Tieres vor dem tödlichen Sprunge auf die Beute. Als er den ganzen Körper diesseits der Matte hatte, richtete er sich knieend auf und räusperte sich noch einmal. Ich rührte mich nicht. Der Kerl ging sehr sicher. Wie vorsichtig und gefährlich er war, ging daraus hervor, daß er sein Gewand vollständig abgelegt und den dunklen Körper mit Öl eingerieben hatte. Die Hände des stärksten und gewandtesten Gegners hätten ihn nicht zu ergreifen vermocht, da sie von ihm abgeglitten wären.

Jetzt rutschte er heran zu mir, setzte mir die Spitze des Messers auf die Brust und legte zugleich die Finger seiner linken Hand auf die Stelle, an welcher er die Brieftasche vermutete. Er fühlte sie, hob die Jacke empor und zog den begehrten Gegenstand aus der Brusttasche, nicht schnell, sondern langsam, so langsam, daß es mir schien, er brauche Viertelstunden dazu. Endlich befand er sich in dem Besitze des Portefeuilles. Er nahm das Messer von meiner Brust und befühlte mit beiden Händen seine Beute. Es war noch genug Papier darin, und über sein Gesicht zuckte es wie Befriedigung.

Nun sah er sich im Raume um, jedenfalls, um noch etwas mitgehen zu heißen. Er schien aber doch zu glauben, daß dies nicht ohne Geräusch abgehen werde, und begnügte sich mit der bisherigen Beute. Sein Rückzug ging ebenso langsam und vorsichtig von statten, wie seine Annäherung gewesen war; ja, als er sich schon draußen befand, hob er die Matte nochmals auf, um herein zu blicken und sich zu überzeugen, daß ich wirklich geschlafen habe.

Ich wartete höchstens eine Minute, länger nicht; dann blies ich die Lampe aus, nahm den Revolver in die Linke und sprang auf. Die Matte ein wenig zurückschlagend, sah ich drei von den vier Halunken dort bei den Tabaksballen stehen, nämlich den Reïs, mein liebes Gespenst Nummer Drei und den Muza’bir. Letzterer hatte sein langes Hemd schon wieder angelegt, drehte mir den Rücken zu, so daß ich sein Gesicht nicht sehen konnte, und schien mit der Untersuchung meiner Brieftasche eben fertig zu sein, denn er schwenkte dieselbe vor den Gesichtern der beiden andern hin und her und teilte ihnen, wie ich aus diesen ärgerlichen Bewegungen erriet, mit, daß sie die gesuchten Papiere nicht enthielt.

Wo war der vierte, der Steuermann? Sein jetziger Aufenthaltsort schien mir, freilich irrtümlicherweise, wie ich sofort erkennen sollte, gleichgültig sein zu können, denn ich hatte es mit dem Muza’bir zu thun. Ich schob also die Matte vollends zurück und trat auf das Deck, um mich den drei Männern zu nähern. Da aber ertönte neben mir der laute Warnungsruf.

»Der Effendi, der Effendi!«

Es war der Steuermann, welcher diese Worte rief. Er war oben am Steuer gewesen, aus irgend einem Grunde, den ich nicht kannte, kam eben die schmalen Stufen herab, welche neben meiner Kajüte hinaufführten, und hatte mich gesehen. Jetzt hatte ich Gelegenheit, die bewundernswerte Geistesgegenwart des Taschendiebes zu beobachten. Der Ruf des Steuermannes sagte ihm, daß ich auf dem Deck sei. Ich mußte also erwacht sein und vielleicht gar meinen Verlust schon bemerkt haben. Jetzt gab es für ihn nur zweierlei, entweder mich zu ermorden und die Papiere dann doch noch zu finden, oder zu fliehen. Es schien ihm geraten, auf das erstere zu verzichten. Jedenfalls hatte er von dem Mokkadem genug über mich gehört, um anzunehmen, daß ein Angriff auf mich nicht ungefährlich sei. Also gab es nur das zweite, die Flucht; aber wegen etwaiger späterer Vorkommnisse mußte er vermeiden, mir hierbei sein Gesicht zu zeigen, damit ich ihn gegebenen Falls nicht wieder erkenne. Das mußten die Gedanken sein, welche in einem einzigen Augenblicke durch seinen Kopf gingen. Jeder andere hätte sich infolge des Warnungsrufes nach mir umgesehen; auch der Reïs und der Diener blickten erschrocken nach hinten; der Gaukler aber drehte sich nicht um; ich hörte seine schnelle, halb unterdrückte, mir aber dennoch vernehmliche Frage:

»Ist’s der Hund wirklich?«

»Jedenfalls!« antwortete der Reïs.

»So war’s für dieses Mal umsonst!«

Er warf meine Brieftasche weg, so daß die Papiere zerstreut umherflogen, schnellte sich wie eine Schlange nach dem Landungsbrette und verschwand im Dunkel des Abends, dessen Sterne jetzt allerdings schon zu leuchten begannen, doch nicht so sehr, daß ich dem Flüchtigen mit dem Auge zu folgen vermocht hätte.

Da er sich meiner Brieftasche entledigt hatte und ich dieselbe also wieder in meinen Besitz bringen konnte, so war mir sein Entkommen gar nicht unlieb. Was hätte ich, falls ich ihn ergriffen hätte, wie es in meiner Absicht lag, mit ihm thun sollen? Ihn dem Mudir von Gisehl der hiesigen Polizei ausliefern? Welche Scherereien wären für mich dadurch entstanden! Oder ihn laufen lassen, nachdem ich ihm meine Meinung gesagt hatte? Nun, er war selber gegangen, und so war ich der Mühe, ihm meine Ansicht über ihn mitzuteilen, enthoben. Ich fragte also den Steuermann gar nicht etwa zornig, sondern im ruhigsten Tone:

»Warum schreiest du so? Soll man es in Kahira hören, daß ich hier bin!«

»Verzeihe, Effendi!« antwortete er. »Ich war so über dich erschrocken.«

»Habe ich ein so entsetzliches Aussehen?«

»Nein, nein; aber – aber – ich glaubte, ich dachte – –« stotterte er.

»Nun, was denn? Was dachtest du?«

»Ich glaubte dich schlafend, und da – erschrak ich so!«

»Gerade als ob ich ein Gespenst sei, welches unerwartet erscheint?«

»Ja, gerade so!« meinte er, froh, eine Ausrede, wenn auch eine noch so schlechte, souffliert erhalten zu haben.

»Das thut mir leid,« tröstete ich. »Ich hoffe aber, daß der Schreck, welchen ich dir verursacht habe, dir nicht schaden wird. Komm nach vorn zum Reïs!«

Er ging mit. Während dieses kurzen Gespräches hatte ich die beiden andern nicht aus dem Auge gelassen. Sie hatten sich gebückt, schnell meine Papiere zusammengelesen, dieselben in die Brieftasche gelegt, und dann war die letztere unter dem Gewande des Reïs verschwunden. Auch ich hatte etwas eingesteckt, nämlich den Revolver, der mir nun nicht mehr nötig zu sein schien, wenigstens in diesen ersten Augenblicken. Es war recht gut möglich, daß dem Taschendieb der Gedanke kam, unbemerkt, was gar nicht schwer war, zurückzukehren und dann über mich herzufallen. Er hatte vielleicht nur in der ersten Überraschung das Spiel für heute aufgegeben. Er sollte die Papiere bringen; ich mußte sie bei mir haben, wenn nicht in der Brief- dann jedenfalls in einer anderen Tasche. Hatte er mich erstechen wollen, falls ich mich während des Diebstahles bewegte, nun, so schreckte er jedenfalls auch nicht davor zurück, mich, um zu seinem Ziele zu gelangen, nachträglich noch kalt zu machen. Es galt also, aufzupassen, ob er wiederkomme. Das war aber nur bei guter Beleuchtung möglich, und diese mußte sofort geschafft werden, ohne langes Gerede, ohne Zeitversäumnis. Darum fragte ich den Reïs in ganz freundlichem Tone.

»Hast du Fackeln an Bord?«

»Nein. Wozu diese Frage?« antwortete er in erstauntem Tone.

»Weil ich meine, daß du so etwas haben mußt, für den Fall, daß es einmal nötig ist, des Nachts das Schiff und das Wasser sehr hell zu erleuchten.«

»Dann stellen wir vorn und hinten eine Pechpfanne auf.«

»Wo befinden sich diese Schüsseln?«

»Da vorn in dem Verschlage.«

Er deutete nach dem Schnabel des Schiffes, an dessen Innenseite aus Brettern ein schrankartiges Behältnis angebracht worden war. Ich nahm ohne weiteres die Laterne, ging hin, öffnete und sah zwei eiserne Gefäße und einen Vorrat von Pech, Ich füllte das eine und hatte mit Hilfe der Laterne schnell ein Pechstück angebrannt, welches seine Flamme den anderen Stücken mitteilte.

»Was ist das? Was fällt dir ein?« fragte der Reïs, welcher mir mit den beiden andern gefolgt war.

»Frage lieber, was diesem dort einfällt!« antwortete ich, indem ich nach dem Landebrette zeigte, auf welchem soeben eine Gestalt schnell nach dem Ufer huschte. Der Gaukler hatte sich also doch besonnen und zurückkehren wollen. Er stand schon auf dem Brette, welches den Schiffsbord mit dem Ufer verband, und floh nun vor der Helle, welche die Pechflamme verbreitete.

»Wer ist es? Wen meinst du? Ich sehe ja nichts!« meinte der Reïs, obgleich er die Gestalt ebenso gut wie ich gesehen haben mußte.

»Wenn du es wirklich nicht weißt, werde ich es dir sagen,« versprach ich ihm, indem ich auch die zweite Schüssel anbrannte und dann hinauf an das Steuer trug. Auf diese Weise hatte ich die gewünschte Beleuchtung innerhalb zweier Minuten hergestellt, während dies, wenn ich mit dem Reïs hätte darüber verhandeln wollen, kaum binnen einer Stunde oder auch wohl gar nicht zu erreichen gewesen wäre. Dann stieg ich die schmalen Stufen hinab und zog das Landungsbrett an Bord, eine Arbeit, zu welcher eigentlich zwei Männer gehörten.

»Aber, Effendi, welcher Geist ist in dich gefahren!« rief der Reïs. »Allah schütze uns! Wir wissen nicht, was wir aus dir machen und von dir denken sollen!«

Er stand mit den beiden andern am Maste. Ich ging zu ihnen und antwortete: »Welcher Geist in mich gefahren ist? Ja, es scheint freilich hier Geister zu geben. Soeben wollte einer auf das Schiff, aber das Pechfeuer hat ihn vertrieben. Glaubte doch vorhin dieser gute Diener der Kajüte, ich selbst sei ein Gespenst! Welch eine Verwechslung, da er das eigentliche, leibhafte Gespenst ist!«

»Ich?« fragte der Genannte.

»Ja, du! Ich hoffe, daß du das nicht bestreiten wirst.«

»O Allah! Ich ein Gespenst! Effendi, deine Seele ist abwesend. Komm zu dir!«

Ich hatte mich an den Mast gelehnt. Die beiden Feuer beleuchteten das Ufer und die ganze Umgebung des Fahrzeuges, auch die Gesichter der drei Biedermänner, welche nicht wußten, ob sie höflich oder grob mit mir sein sollten. Am liebsten wären sie wohl das letztere gewesen; aber das böse Gewissen veranlaßte sie, sich noch zuwartend zu verhalten.

»Ja, ein Gespenst bist du!« nickte ich dem Kerl in gemütlicher Weise zu. »Ich bin bei mir und brauche also nicht zu mir zu kommen; aber du scheinst dich selbst verloren, du scheinst vergessen zu haben, wer und was du bist, nämlich das Gespenst Nummer Drei.«

Es war ergötzlich, das Gesicht zu sehen, welches er machte, als er, zwei Schritte zurücktretend, mich ganz betroffen und stockend fragte:

»Gespenst – – Nummer – – Drei? Ich verstehe dich nicht.«

»So will ich dir den Gefallen thun, deinem Gedächtnisse zu Hilfe zu kommen. Den Geist Nummer Eins band ich in meinem Zimmer fest; Nummer Zwei schlug ich im Hofe mit der Flinte nieder, und Nummer Drei verfolgte ich bis in den Garten, wo er mir entkam, weil er mit dem Messer nach mir stach. Begreifst du mich nun?«

»Noch – immer nicht!« stotterte er.

»Nicht? Und doch hast du vorhin den beiden Männern, welche da neben dir stehen, gesagt, ich hätte dir den Glanz deines Daseins geschändet und du würdest die Spuren meiner Faust noch einen Monat lang im Gesichte tragen!«

Er antwortete nicht und sah die beiden anderen an, welche auf ihn, auf mich, dann wieder auf ihn blickten und schwiegen.

»Dafür,« fuhr ich fort, »hast du gewünscht, daß der Scheitan meinen Leib in tausend Stücke zerreißen und meine Seele durch das stärkste Feuer der Hölle verzehren lassen möge.«

Der Mann starrte mich wie abwesend an, und brachte kein Wort hervor. Der alte Reïs aber war ein noch härter gesottener Sünder und frech genug, mir zu sagen:

»Effendi, ich weiß nicht, was dich veranlassen kann, diesem frommen und treuen Manne so harte Worte zu sagen. Ich will –«

»Ihn mir empfehlen, nicht wahr ?« fiel ich ihm in die Rede. »Das wolltest du doch. Du hast es ihm versprochen. Er soll mein Diener werden und mich dem Mokkadem in die Hände liefern.«

Der Steuermann war kein so starker Kopf; es wurde ihm himmelangst, als er die Worte hörte, welche vorhin gesprochen worden waren, konnte es nicht länger aushalten und rief, indem er beide Arme erhob und die Hände über dem Kopfe zusammenschlug:

»Ia Allah, ia faza, ia hijarahn – o Gott, o Schreck, o Entsetzen! Er ist allwissend; er weiß jedes Wort! Ich gehe; ich laufe; ich verschwinde!«

Er wollte fort; ich hielt ihn am Arme zurück und gebot:

»Bleib‘! Hast du gehört, was diese beiden vorhin miteinander gesprochen haben, so magst du auch vernehmen, was ich ihnen sagen werde.«

Er ergab sich in sein Schicksal und blieb stehen. Der Reïs hielt es für geraten, nichts zu wissen, denn er fuhr mich nun in zornigem Tone an:

»Effendi, du bist mein Passagier, und ich bin gewohnt, höflich mit diesen Leuten zu sein; aber wenn du – –«

»Höflich?« schnitt ich ihm die Rede ab. »Ist es höflich,wenn du mich einen Christenhund nennst, wenn du sagst, ich habe einen Kopf aber keinen Verstand, ich besitze wohl Augen und Ohren, sei aber trotzdem blind und taub? Ist es höflich, daß du es für geraten hieltest, mich lieber hier ermorden – –«

»Ermorden?« unterbrach er mich im Tone beleidigter Unschuld.

»Als mir nur die Brieftasche abnehmen zu lassen?« fuhr ich fort.

»Brieftasche?« wiederholte er erstaunt. »Was geht mich denn deine Brieftasche an!«

»Nichts, gar nichts; das ist wahr. Und dennoch hast du sie bei dir! Gieb sie heraus!«

Da richtete sich seine Gestalt möglichst hoch auf, und er fuhr mich an:

»Effendi, ich bin ein Moslem, und du bist ein Christ. Weißt du, was das hier in diesem Lande zu bedeuten hat? Ferner, ich bin der Reïs, und du bist mein Passagier. Weißt du, was auch das zu bedeuten hat, hier an Bord?«

»Und endlich,« ergänzte ich seine Rede, »bin ich ein ehrlicher Mann; du aber bist ein Schurke. Weißt du, was daraus folgt? Wir befinden uns nicht im Sudan, sondern hier in Giseh, wo es einen Mudir giebt und wo nach deinen eigenen Worten unsere Konsuls eine Macht besitzen, welche du zu fürchten hast. Der Muza’bir ist entkommen und – –«

»Der Muza’bir!« schrie der Steuermann auf. »Er weiß alles, alles, sogar das!«

»Ja, ich weiß freilich alles. Dieser Reïs hat sich über mich lustig gemacht, indem er meinte, ich sei zu dumm, um etwas zu merken. Er sagte, ein wahrer Gläubiger hätte sofort geahnt, daß eine Gefahr für ihn im Anzuge sei. Nun, ihr wahren Moslemin, wer ist denn klüger gewesen, ihr oder ich? Hundert Kerle von eurer Sorte bringen zwar genug Verschlagenheit und Bosheit, aber nicht so viel Weisheit und wahre Klugheit zusammen, wie ein einziger guter Christ besitzt. Ihr frommen Anhänger der heiligen Kadirine wollt mich bestehlen, verderben, töten. Ich aber verlache euch. Ich habe gewußt, daß der Muza’bir kommen werde; ich habe mir die Brieftasche nehmen lassen, aber die drei Unterschriften vorher versteckt. Hier sind sie!«

Ich zog die Papiere hervor, hielt sie ihnen hin, steckte sie wieder ein und fuhr dann fort:

»Dort bei den Tabaksballen stand der Dieb; er fand die Papiere nicht und warf die Brieftasche fort, um zu entfliehen, als ich kam. Du, Reïs, hast sie eingesteckt; ich habe es gesehen. Gieb sie heraus!«

»Ich habe sie nicht!« knirschte der Mann.

»Nicht? Siehe dir einmal die Nase dieses Gespenstes Nummer Drei an! Willst du auch eine solche haben? Willst du meine Hand kennen lernen? Heraus, oder ich nehme sie dir!«

Ich trat drohend auf ihn zu. Er wich zurück, griff unter sein Gewand und rief höhnisch:

»Ich habe eine Brieftasche, ja; aber sie gehört nicht dir, sondern dem Nile. Da, schau!«

Er zog die Brieftasche hervor und wollte sie in das Wasser schleudern. Ich war darauf gefaßt gewesen – ein rascher Sprung auf den Kerl zu, ein Griff, und ich hatte sie in meiner Hand. Er stand einen Augenblick wie starr; dann ballte er die Fäuste und fuhr auf mich los. Ich hob den Fuß und stieß ihm denselben gegen den Unterleib, so daß er seitwärts taumelte und hinstürzte.

»O Allah, o Reïs, o Jammer, o Unglückseligkeit, o Niederlage!« wehklagte der Steuermann, indem er zu seinem Vorgesetzten eilte, um demselben beim Aufstehen behilflich zu sein, während der liebenswürdige Kajütendiener wie ein Schulknabe dastand und sich nicht rührte.

»Wie konntest du es wagen, die Hände gegen mich zu erheben!« zürnte ich dem Kapitän. »Du, ein bejahrter, elender Schiffer gegen einen jungen Franken! Du hast es nur deinem Alter zu verdanken, daß ich dich nicht anders strafte, und deiner Bosheit, daß ich dich nicht der Berührung meiner Hand für wert hielt, sondern dich mit dem Fuße empfing. Führt ihn hin zu dem Tabak! Er mag sich auf einen Ballen setzen und dort vernehmen, was ich von ihm fordere.«

Dieses Gebot war an die beiden anderen gerichtet, welche demselben gleich gehorchten. Der Reïs war übel angekommen, und mein Fußtritt hatte ihn zur Erkenntnis seiner Schwäche gebracht. Rechts und links geführt und beide Hände an den Leib haltend, hinkte er ächzend und nach Luft schnappend nach dem nächsten Ballen, auf welchen er sich wie halb tot niederließ. Ich ging ihm nach. Der Greis dauerte mich doch. Man soll den Menschen nicht nach dem beurteilen, was er ist, sondern darnach, wie er es geworden ist, dann wird manche Härte sich in Milde verwandeln, aber auch leider ebenso oft die Hochachtung sich in ihr Gegenteil verkehren. Er war wie gebrochen. Was keins meiner Worte, was alle meine vorgebrachten Beweise nicht vermocht hatten, das war meinem Stiefel gelungen. Der Mann saß jetzt in sich zusammengesunken da und wagte nicht, mich anzusehen. Darum klang es unwillkürlich fast teilnehmend, als ich ihm nun sagte:

»Du wirst einsehen, daß ich jetzt nichts mehr mit dir zu thun haben mag. Ich fahre nicht weiter mit dir.«

»Fahr‘ mit dem Teufel und zur Hölle!« fauchte er mich katzenartig an.

»Wie viel hat Murad Nassyr Passage für mich bezahlt?«

»Nur hundert Piaster,« antwortete er, das Folgende ahnend.

»Lüge nicht! Zweihundert für mich und hundert für die beiden Schwarzen. Er hat es mif gesagt, bevor ich an Bord ging, und ihm glaube ich mehr als dir.«

»Hundert!« behauptete er starr.

»Dreihundert! Die wirst du mir wiedergeben, denn ich verlasse deine Dahabijeh.«

»Er hat nur hundert gegeben. Es soll mir eine Wonne sein, dich nicht mehr zu sehen. Mache dich also fort! Aber du bist mit mir von Bulak nach Giseh gefahren; das macht fünfzig Piaster; also werde ich dir nur die übrigen fünfzig zahlen.«

»Für diese kurze Strecke fünfzig Piaster ? Nun, meinetwegen; rechne, wie du willst; ich habe nichts dagegen. Ich werde also nicht gehen, sondern bleiben, bis die hiesige Polizei über den Fall entschieden hat.«

»Das kann mehrere Wochen dauern!«

»Ich weiß es; aber ich habe Zeit.«

»Ich auch!«

»Und dabei wird natürlich auch zur Sprache kommen, warum ich nicht weiter mit dir fahre. Ich werde den Bescheid in der Freiheit erwarten, während ihr indessen im Gefängnis darüber nachdenken könnt, ob es geraten ist, einen Christen nicht nur für einen Giaur, sondern auch noch für einen Dummkopf zu halten.«

Ich trat von der unglückseligen Gruppe weg und schritt an dem nach dem Ufer zu gelegenen Borde auf und ab. Nach demselben hinüberblickend, sah ich drei Männer stehen, deren Gestalten von dem Scheine unserer Pechfeuer hell beleuchtet wurden. Der Muza’bir war nicht bei ihnen. Um uns her lag die Stille des Abends, und wir hatten laut gesprochen; ja, es war sogar geschrieen worden. Man hatte uns also vom nahen Ufer aus hören können. Die Stelle, an welcher wir lagen, schien freilich eine einsame zu sein.

Als ich stehen blieb, um die drei Personen zu betrachten, trat die eine näher heran und fragte:

»Ist das nicht die Dahabijeh es Semek?«

»Ja,« antwortete ich.

»Und du bist Passagier?«

»So ist es.«

»Woher?«

»Ich bin ein Franke aus Almanja.«

»Aus Almanja!« rief der Mann in einem Tone, welchem man es anhörte, daß es ihn freute, einen Deutschen vor sich zu haben. »Nimm es mir nicht übel, wenn ich dich frage, wohin du willst!«

»Nach Siut.«

»Mit diesem Schiffe? Nimm dich in acht!«

»Vor wem?«

»Vor allen, mit denen du an Bord bist. Als wir hier vorüber wollten, sahen wir einen Menschen schleichen, den ich sehr wohl kenne. Er schien hören zu wollen, was bei euch gesprochen wurde. Es war ein Muza’bir.«

»Der war an Bord, um mich zu bestehlen; es ist ihm aber nicht gelungen.«

»Danke Allah, daß es so gekommen ist! Es hätte leicht schlimmer, viel schlimmer werden können.«

»Habt ihr Zeit?«

»Ja.«

»Ich bitte euch, einen Augenblick an Bord zu kommen!«

Ich gab dem Landungsbrette einen Schwung, daß es drüben aufzuliegen kam, fühlte mich aber hinten gepackt und zurückgezogen. Der Reïs war es. Er raunte mir, als ob es am Ufer nicht gehört werden solle, in unterdrücktem Tone zu:

»Was fällt dir ein! Wer hat hier Leute einzuladen, du oder ich?«

»Wir beide.«

»Nein, nur ich. Und gerade diesen Menschen, den ich an der Stimme erkenne ––«

Er hielt inne und wagte nicht, weiter zu sprechen, denn das Brett hatte feste Lage erhalten und die drei kamen nun eben an Bord. Als der Steuermann sie erblickte, sah ich, daß er schleunigst in einer Luke verschwand; der famose Kajütendiener folgte ihm ebenso schnell. Dem Reïs wäre es vielleicht auch lieber gewesen, wenn er sich in der Ferne befunden hätte; jedenfalls kamen ihm diese Leute höchst ungelegen; aber er konnte weder verschwinden noch sie fortweisen, und so blieb er stehen, legte beide Hände auf der Brust übereinander, berührte mit der Rechten Stirn, Mund und Herz und verneigte sich fast so tief, wie ich es von dem Haushofmeister meines Türken gesehen hatte. Aus dieser Begrüßung war mit Sicherheit zu schließen, daß die drei Ankömmlinge, wenigstens der vorderste von ihnen, keine gewöhnlichen Leute waren.

Dieser war ein Mann in den besten Jahren, kräftig gebaut und, so viel ich sehen konnte, fein gekleidet. Er trug weite, weiße Hosen mit dunklen Halbstiefeln und eine goldverbrämte blaue Jacke, um die Hüften einen rotseidenen Shawl, an welchem ein krummer Säbel hing, während die mit Gold und Elfenbein ausgelegten Griffe zweier Pistolen vorn hervorblickten. Darüber hing ein weißseidener Mantel. Der Turban auf seinem Haupte war von demselben Stoffe und derselben Farbe. Sein Gesicht, dessen dunkle Augen mit forschendem Wohlwollen auf mir ruhten, wurde von einem schwarzen Vollbarte eingerahmt, wie ich gleich schön noch selten einen gesehen hatte. Ohne auf den Reïs einen Blick zu werfen, grüßte er mich:

»Allah schenke dir einen glücklichen Abend!«

»Heil sei dir!« antwortete ich ebenso kurz wie höflich.

Seine Begleiter verneigten sich stumm gegen mich, was mich veranlaßte, ihnen eine ebensolche Verbeugung zu machen. Jetzt wendete er sich zu dem Reïs und fragte in strengem Tone:

»Du kennst mich?«

»Das Glück, dein Angesicht zu sehen, ist mir wiederholt zu teil geworden,« antwortete der Gefragte in orientalischer Weise.

»Es ist kein Glück für dich gewesen. Waren nicht noch zwei Männer hier?«

»Mein Steuermann und der Fremdendiener.«

»Weiter niemand?«

»Nein, Sijadetak; meine Matrosen sind nach dem Kaffeehause gegangen.«

»Nun, warum sind die beiden verschwunden? Wo sind sie hin? Etwa hinunter in den Raum zu den Ratten?«

Der Reïs wagte nicht, zu antworten; er ließ den Kopf sinken.

»Also doch! Ich weiß gar wohl, was sie wollen. Rufe sie sofort, wenn du nicht die Kurbatsche haben willst!«

Er deutete bei diesen Worten auf den einen seiner Begleiter, an dessen Gürtel eine sehr verheißungsvolle Peitsche hing. Der Mann verstand es, gebietend aufzutreten! Der Reïs hatte ihn Sijadetak genannt, ein Wort, welches »Deine Herrlichkeit« bedeutet und in dieser Form nur Respektspersonen gegenüber angewendet wird. Der Alte eilte zur Luke und rief hinab. Nach einiger Zeit erschienen die Verschwundenen und ließen sich in gedrückter Haltung und wohl ebenso gedrückter Stimmung am Maste nieder. Unterdessen hatte der Fremde mir gewinkt, ihm zu folgen. Er stieg hinauf zum Steuer, wo ein Teppich lag, winkte gegen denselben und sagte:

»Setze dich zu mir, denn mir ahnt, daß wir eine Beratung halten werden müssen! Und nimm eine europäische Cigarre von mir an!«

Ich mußte mich an seine rechte Seite setzen, während sein erster Begleiter an seiner Linken Platz nahm. Derselbe war ähnlich, nur aus einfacherem Stoffe gekleidet und trug auch einen Degen. Der Träger der Peitsche blieb seitwärts stehen. Auf einen Wink des Herrn zog er ein Etui aus dem Gürtel und reichte es ihm, nachdem er es geöffnet hatte. Der Gebieter zog zwei Cigarren heraus und reichte mir eine, um die andere für sich zu behalten. Der erste Begleiter bekam keine, und der zweite mußte Feuer geben. Ich kann sagen, daß es ungefähr eine Hundertmarkcigarre, also das Stück zu zehn Pfennigen war. Wie viel aber mochte dieser Ägypter dafür bezahlt haben! Da er mein Gesicht beobachtete, so gab ich demselben den befriedigtsten Ausdruck und ließ mit möglichster Behaglichkeit den Rauch sich mit dem Qualme der Pechpfanne, welche in unserer Nähe stand, vereinigen. Das schien ihn zu erfreuen, denn er fragte im Tone eines Knaben, der einem andern ein Stück Lakritzen oder eine Zuckermandel geschenkt hat.

»Nicht wahr, sie schmeckt?«

»Ausgezeichnet!« erklärte ich.

»Man sagt, der Kuran verbiete die Cigarren. Was sagst du dazu?«

»Er kann sie nicht verboten haben, weil es zur Zeit des Kuran noch keine gegeben hat.«

Er sah mir wunderlich betroffen in das Gesicht und meinte dann:

»Allah! Das ist ja ganz richtig! Nun soll mir wieder einmal einer kommen! Aber der Tabak ist verboten, wie einige Ausleger des Kuran sagen?«

Da er sich in dieser Weise gab, so antwortete ich ganz gemütlich:

»Laß dir nichts weiß machen! Als man drüben in Amerika die Menschen zum erstenmale rauchen sah, waren seit der Hedschra achthundertsiebzig Jahre vergangen.«

»Was du sagst! Du weißt das so genau aufs Jahr! Auch die Hedschra kennst du? Ja, ihr Deutschen wißt alles. Ich habe Deutsche gesehen und gesprochen, welche den Kuran und alle Erklärungen besser, viel besser kannten, als ich selbst. Allah ist groß, und ihr Deutschen seid klug. Hast du den Kaiser von Deutschland gesehen?«

»Oft.«

»Und seinen großen Wessir?«

»Bismarck? Auch.«

»Vielleicht auch seinen berühmten Obergeneral, welcher alle Schlachten gewinnt?«

»Mit diesem habe ich an einem Tische gespeist.«

»Allah! Welch ein glücklich Mensch bist du! So bist du wohl auch ein deutscher Offizier?«

»Nein. Ich schlage keine Schlachten, sondern ich verbrauche möglichst viel Tinte und verderbe jährlich einige hundert Stahlfedern.«

»Ich errate! Du bist ein Gelehrter, vielleicht gar ein Musannif, welcher sich hier befindet, um über uns ein Buch zu schreiben?«

»Erraten!« nickte ich.

»Das ist schön! Das ist gut! Das freut mich ungemein! Ich habe auch ein Buch schreiben wollen.«

»Worüber?«

»Über die Sklaverei.«

»Das ist ein hochinteressantes Thema. Hoffentlich wirst du diesen guten Vorsatz zur Ausführung bringen?«

»Ganz gewiß! Es fehlt mir eins, nur eins. Der Titel! Denn schau, der Titel ist der Kopf eines Buches, und wenn der Kopf nichts taugt, so ist der ganze Körper dumm. Aber wo nehme ich einen klugen Titel her! Du bist Fachmann. Vielleicht kannst du mir einen guten Rat erteilen.«

»Nun, es giebt Schriftsteller, welche sehr gute Bücher schreiben, ohne dazu gute Titel zu finden, und umgekehrt giebt es andere, deren Kopf voller vortrefflicher Titel steckt, ohne daß sie eine gescheite Seite fertig bringen.«

»Das mag sein. Wie ist’s denn bei dir?«

»Wir haben in Deutschland eine Redensart, welche lautet: Rede, wie dir der Schnabel gewachsen ist! Verstehst du das?«

»Ja. Man soll offen und natürlich sprechen.«

»Gerade so schreibe ich.«

»Welchen Titel würdest du mir da raten?«

»Nun zum Beispiel: ›Die Sklavenpest des Sudan‹ oder ›Sklavenmarkt und Menschlichkeit‹.«

Ein anderer wäre über diese Ausdrucksweise wohl stutzig geworden; er aber schlug sich mit der Hand aufs Knie und rief ganz entzückt:

»Ich hab’s, ich hab’s! Zwei Titel auf einmal! Und gerade die beiden, die ich auch hatte, die mir nur nicht einfallen wollten. Nun fehlt mir aber noch die Vorrede.«

»Sollte dir nicht auch die Einleitung noch fehlen?«

»Allerdings, denn man kann doch nicht sofort nach der Vorrede beginnen. Und dann die Sklaverei selbst. Was und wie soll ich über sie schreiben?«

»Und dann der Schluß!« bemerkte ich mit großem Ernste.

»Ja. der Schluß ist die Hauptsache, denn wenn der nicht gut ist, so sieht das Buch aus wie ein Pferd ohne Schwanz. Und endlich, wenn ich fertig bin, wer wird es drucken? Weißt du das?«

»Jetzt noch nicht. Wenn wir öfters darüber sprechen könnten, so wäre es möglich, daß mir das Richtige einfiele.«

Wie sonderbar! Vor kurzem noch in Lebensgefahr, saß ich jetzt an derselben Stelle in einer Unterhaltung, welche gar nicht komischer sein konnte. Als dieser Mann bei seiner Ankunft an Bord den Reïs förmlich niederschmetterte, erschien er mir wie ein Pascha mit der höchsten Zahl von Roßschweifen, und nun hörte ich, daß er ein Buch schreiben wolle, zu welchem ihm nicht weniger und nicht mehr als alles fehlte. Sein Auftreten gegen den Reïs hatte mich eine Katastrophe erwarten lassen, und jetzt plauderte er mit mir, als ob es gar keinen Kapitän hier gäbe. Und wie kam dieser Moslem dazu, sich mit der Sklavenfrage beschäftigen zu wollen? Ich hatte nur Scherz getrieben und meine letzten Worte auch nicht im Ernst gemeint; er aber ging sofort auf dieselben ein, indem er ausrief:

»Wer sagt dir denn, daß wir nicht darüber sprechen werden? Du willst nach Siut, und ich muß auch dorthin.«

»Ja, das ist etwas anderes!« meinte ich.

»Wir werden zusammen fahren. Du bleibst nicht auf dieser Dahabijeh.«

»Ich will auch nicht, aber der Reïs weigert sich, mir mein Geld herauszugeben. Ich habe nämlich schon bis Siut bezahlt.«

»Du hast es zurückverlangt? Weshalb? Hast du einen Grund gehabt, dieses Schiff zu verlassen?«

»Hm! Die Rücksicht auf mich verbietet mir, davon zu sprechen!,«

»Warum?«

»Weil ich sonst gezwungen sein würde, hier in Giseh lange zu bleiben, und dazu habe ich keine Zeit.«

»Aber die Rücksicht auf mich gebietet dir, es mir mitzuteilen. Ich habe dich vor dieser Dahabijeh gewarnt, ohne noch zu wissen, daß du schon entschlossen warst, von Bord zu gehen. Ich bin so unhöflich gewesen, dich auszufragen, ohne dir zu sagen, wer und was ich bin. Das muß ich jetzt nachholen. Oder hast du es vielleicht schon selbst erraten?«

Er sah mich von der Seite so gutmütig pfiffig an, daß ich fühlte, ich müsse ihn rasch lieb haben können. Er war kein bigotter Moslem; er besaß Lebhaftigkeit, Energie und Wohlwollen, wie ich beobachtet hatte. Das war kein träger, stumpfsinniger Orientale, der sein Nichts für etwas hält und nichts von Etwas wissen will. Ich wünschte wohl, die Reise mit ihm machen zu können.

»Du bist ein Offizier,« antwortete ich.

»Hm!« brummte er lächelnd. »Nicht eigentlich, und doch hast du nicht übel geraten. Mein Name ist Achmed Abd el Insaf.«

Das heißt: Achmed, Diener der Gerechtigkeit. Hatte er diesen Namen stets getragen oder ihn infolge seines jetzigen Berufes erhalten? Ich nannte ihm den meinigen, und darauf erklärte er mir:

»Ich bin nämlich auch Reïs, und du sollst zu mir auf mein Schiff kommen.«

Ich konnte nicht anders, ich mußte ihn ungläubig anblikken. Dieser Mann, der Kapitän einer Dahabijeh, welche Sennesblätter und Gummi vom obern Nile holt? Nein!

»Du bezweifelst es?« fragte er. »So will ich dir sagen, das ich den Titel Reïs Effendina führe und der einzige bin, dem es gestattet ist, denselben zu tragen.«

»Der Kapitän des Vizekönigs? Das muß eine ganz besondere Bewandtnis haben!«

»Allerdings. Und diese Bewandtnis hängt sehr eng mit dem Buche, welches ich schreiben will, zusammen. Ich will es dir erklären. Ich liebe die Deutschen, und du gefällst mir ganz besonders. Der Sklavenhandel ist verboten, wird aber noch immer betrieben. Du hast gar keine Ahnung, wie viel Menschen jährlich an demselben zu Grunde gehen!«

»Ob ich es weiß, das sollst du sogleich erfahren. Sprechen wir nur von Ägypten, wo doch der Sklavenhandel aufgehoben ist. Vom obern Nil werden jährlich 40 000 Sklaven über das rote Meer geführt. Davon gehen 16 000 in andere Gegenden, 24 000 aber nach Ägypten. Dazu kommen 46 000, welche auf dem Nile und auf Landwegen nach Nubien und Ägypten geführt werden. Dieses Land erhält also über 4 Hafenplätze und auf 14 Landrouten jährlich 70 000 Sklaven. Nun muß man rechnen, daß auf einen verkauften Sklaven vier andere kommen, welche während der Sklavenjagd getötet werden oder während des Transportes umkommen. Das ergiebt den fürchterlichen Schluß, daß die Sudanländer allein für Ägypten jährlich 350 000 Menschen einbüßen. Soll ich weiter sprechen, nicht bloß von Ägypten allein?«

Er sah mich mit weit geöffneten Augen an und antwortete nicht.

»Soll ich dir sagen, daß die Harems von Konstantinopel von zehn- bis vierzehnjährigen tscherkessischen Sklavinnen wimmeln, für welche man pro Stück zwanzig Thaler zahlt, während sie noch vor kurzem achtmal teurer waren? Wie viele Neger und Negerinnen wird es da erst geben? Und dabei versichern uns die Gesandtschaften der hohen Pforte, daß der Sklavenhandel nicht mehr existiere!«

»Effendi, du weißt es, du weißt es sogar noch viel, viel besser und genauer als ich!« gestand er. »Ihr Deutschen wißt wirklich alles!«

»Nun, wenigstens wissen wir, daß es noch viel zu niedrig gegriffen ist, wenn man annimmt, daß in den Sudanländern jährlich über eine Million Menschen an den Sklavenjagden zu Grunde gehen. Solche Zahlen mußt du in deinem Buche bringen!«

»Ich bringe sie; bei Allah, ich bringe sie! Vergiß diese Ziffern nicht, denn du sollst sie mir bei Gelegenheit diktieren. Aber ich habe mich vorhin selbst unterbrochen, als ich sagte, daß der Sklavenhandel noch fortbestehe. Es kommen viele Schiffe mit Sklaven den Nil herab. Wir haben Polizeischiffe, welche aufpassen sollen; aber die Kapitäne sind nicht ehrlich; die Hunde machen mit den Sklavenjägern gemeinschaftliche Sache. Nun muß es also einen gerechten und ehrlichen Mann geben, der da Achtung giebt, und der bin ich. Abd, el Insaf, Diener der Gerechtigkeit, heiße ich, verstanden? Und Reïs Effendina bin ich, der Kapitän unsers Herrn, des Khedive. Ich bin es noch nicht lange; aber alle Schurken kennen mich bereits, weil ich keinen durchlasse, keinen einzigen, und wenn er mir noch so viel Gold bietet. Mein Schiff heißt Esch Schahin; es ist so schnell wie ein Falke und stößt auch wie ein Falke. Es fliegt wirklich wie ein Falke, und keine Dahabijeh, kein Sandal, kein Noqer kann ihm entgehen. Willst du es sehen?«

»Ich bin sogar sehr begierig darauf.«

»Es liegt gar nicht weit von hier am Ufer. Ich mußte heute in Giseh anlegen, weil ich mit dem Mudir zu sprechen hatte. Als es Abend war, suchte ich das Ufer ab, weil solche Gänge oft zu einem guten Fange führen. Und ich habe ihn gemacht, diesen Fang.«

»Wo?«

»Hier, diese Dahabijeh.«

»Ist’s möglich? Sie ist doch heute erst in Bulak ausgelaufen!«

»Ja, Sklaven hat sie nicht an Bord; aber ich bin schon seit langer Zeit hinter ihr und ihrem Reïs her. Ihr Inneres ist zur Aufnahme von Sklaven eingerichtet. Ich habe es gesehen.«

»Du warst ja noch nicht unten im Raume!«

»Das nicht. Aber warum erschrak der Reïs so, als ich kam? Warum verschwand der Steuermann sofort durch die Luke? Doch nur, um unten irgend etwas zu verändern oder zu verbergen. Du wirst bald sehen, daß ich mich nicht irre. Aber das Pech wird alle. Der Reïs soll die Schüsseln wieder füllen, und wenn er sich nicht beeilt, giebst du ihm die Peitsche.«

Dieser Befehl war an seinen zweiten Begleiter gerichtet, welcher sich entfernte, um ihn auszuführen.

Welch ein Zusammentreffen! Mein neuer Bekannter war also, so zu sagen, Marineoffizier; er jagte Sklavenjäger. Das versprach etwas; ja, das versprach sogar viel, sehr viel!

Der alte Reïs brachte Pech geschleppt; er wagte nicht, aufzublicken. Als er wieder fort war, knüpfte der Reïs Effendina die unterbrochene Unterhaltung wieder an:

»Nun weißt du, wer ich bin und welchen Beruf ich habe. Meinst du noch immer, daß es geraten ist, mir zu verschweigen, warum du diese Dahabijeh verlassen willst?«

»Nun vielleicht erst recht. Ich würde hier festgehalten werden und muß doch nach Siut, um dort meinen Freund zu erwarten.«

»So verspreche ich dir hiermit, daß deine Reise keine Verzögerung erleiden wird. Ich gehe nach dem oberen Nil, nach Chartum und noch weiter hinauf, und lege in Siut an. Übermorgen segle ich ab, und da kommst du zu mir an Bord, natürlich als mein Gast, denn zahlende Passagiere giebt es bei mir nicht. Willst du?«

Als ich nur einige Augenblicke mit der Zusage zögerte, hielt er mir die Hand hin und rief.

»Schlag‘ ein; ich bitte dich! Nicht ich thue dir einen Gefallen, sondern du sollst ihn mir thun.«

»Dann gut; hier meine Hand. Ich fahre mit dir nach Siut.«

»Wie gern würde ich dich weiter mitnehmen; aber wenn du jemanden erwartest, so mußt du dein Wort halten. Und nun erzähle, was hier geschehen ist!«

»Das reicht nicht aus; ich muß noch mehr erzählen, auch das, was vorher geschehen ist. Und du wirst keine Zeit haben, mich anzuhören.«

»Ich habe genug Zeit, denn ich muß warten, bis die Matrosen kommen. Ich möchte wissen, warum dieser Kerl alle seine Leute von Bord geschickt hat.«

»Nur meinetwegen.«

»So? Wirklich? Das macht mich doppelt neugierig. Also, zum Beginn! Du brauchst dich nicht zu genieren. Mein Nachbar hier ist mein Steuermann, und der Mann da mit der Peitsche mein Liebling, meine rechte Hand, welche alles thut, was ich befehle. Schon mancher Sklavenhändler und Sklavenbesitzer hat es auf seinem Rücken gefühlt, daß diese meine Hand schnell, willig und stark genug ist, meinen Wahlspruch auszuführen: Wehe dem, der wehe thut!«

Nun konnte ich nicht anders; ich mußte erzählen, und ich begann meinen Bericht von dem Augenblicke an, in welchem der Türke mich in das Kaffeehaus gewinkt hatte. Es war interessant, zu beobachten, wie das Gesicht des Reïs Effendina zeigte, daß seine Aufmerksamkeit von Minute zu Minute immer gespannter wurde. Er unterbrach mich mit keinem Worte, mit keinem noch so kurzen Ausrufe; aber als ich bis dahin gekommen war, daß ich den Reïs, den Steuermann und den Kajütendiener belauschte und nun berichtete, was sie gesprochen und beschlossen hatten, da legte er mir die Hand auf den Arm und bat:

»Entschuldige einen Augenblick!« Und sich zu seiner »rechten Hand« wendend, gebot er: »Eile rasch auf unsern Falken, und hole zehn Mann herbei, um die Dahabijeh zu besetzen! Ich werde die Bande zwingen, an Allah und alle seine neunundneunzig erhabenen Eigenschaften zu denken. – Und nun, Effendi, fahre fort!«

»So bist du nicht auch Mitglied der frommen Kadirine?« fragte ich ihn.

»Nein. Ich bin überhaupt nicht Mitglied einer Bruderschaft. Muhammed war ein Prophet, und Johannes war ein Prophet. Allah ist die Liebe und die Gerechtigkeit, und dein Gott ist Allah. Wir Menschen sind alle Gottes Kinder; wir sollen einander lieben und gerecht gegen einander sein. Ich preise meinen Glauben nicht und schände keinen andern; ich mag nicht bekehren und lasse mich nicht bekehren. Meine Augen können nur das Irdische sehen und werden erst, wenn ich gestorben bin, das Himmlische erblicken. Warum soll ich darüber streiten, wer Gott in der rechten Weise anbetet? Wir sind eine einzige große Familie und haben einen einzigen Vater. Jedes Kind hat seine besonderen Gaben und Eigenschaften und spricht in seiner besonderen Art und Weise mit dem Vater. Gieb mir die Hand, Effendi! Du bist ein Christ, und ich bin ein Moslem; aber wir sind Brüder und gehorchen unserm Vater, weil wir ihn lieben!«

Er reichte mir seine Hand, und ich legte die meinige in dieselbe. Hätte ich das nicht thun, hätte ich ihm sagen sollen, daß ich ihm als Christ nicht beistimmen könne? Nein; ein solches Wort sagt man nicht in solchem Augenblicke. Indem ich schwieg, wurde ich nicht Muhammedaner; aber indem ich ihn reden ließ, gab ich ihm Gelegenheit, fast wie ein Christ zu sprechen. Indem er sich von der Aggressivität des Islam lossagte, hörte er auf, ein Muhammedaner zu sein. Er that einen großen Schritt zum Christentume herüber, und durch eine Gegenrede hätte ich ihn nur veranlaßt, diesen Schritt zurück zu thun. Man ist nicht Lehrer, nicht Missionar durch Worte allein; man lehrt auch durch die That; ja die That wirkt oft mächtiger als das Wort, und zuweilen ist auch das Schweigen eine That, wenn auch nur eine That, welche Ärgernis verhindert.

Ich erzählte weiter. Gerade als ich geendet hatte, kehrte die »rechte Hand«, der »Liebling« zurück. Er postierte seine zehn bewaffneten Männer auf verschiedene Stellen des Deckes, wo sie, um vom Ufer aus nicht bemerkt zu werden, sich hinter den hohen Bord niedersetzten. Dann kam er zu uns herauf und meldete:

»Emir, das Schiff ist besetzt; aber als wir jetzt kamen, stand da drüben unter dem Baume ein Mensch, welcher scharf nach der Dahabijeh blickte. Das kam mir verdächtig vor; ich befahl, ihn zu ergreifen, doch er floh noch zur rechten Zeit. Wenn Allah mir gute Augen verliehen hat, so kann ich darauf schwören, daß es derselbe Mensch war, welchen wir schon vorhin sahen, bevor wir das Schiff betraten.«

»Also der Taschendieb? Wie schade, daß er euch entgangen ist! Er weiß nun, in welcher Hand sich die Dahabijeh befindet, und wird sich aus dem Staube machen. Aber morgen bin ich in Kahira und werde ihn festnehmen lassen.«

»Wenn du ihn findest!« warf ich ein.

»O, ich finde ihn. Ich bringe die ganze Polizei in Alarm, und wo dieser Kerl sich herumzutreiben pflegt, das weiß man ziemlich genau. Also, Effendi, du bist nun fertig. Ich weiß, was geschehen ist; aber ich weiß auch noch etwas, nämlich, daß du ein Mann bist, den ich auf meinem ›Falken‹ haben möchte. Willst du mein Lieutenant sein?«

»Leider ist mir das unmöglich.«

»Ich weiß, warum. Lieutenant, das ist nichts. Aber ich kann doch unmöglich sagen, daß du meinen ›Falken‹ kommandieren sollst, und daß ich dein Untergebener sein will!«

»Es ist wohl beides unnötig, denn ich denke, daß du bereits einen Lieutenant haben wirst.«

»Den habe ich allerdings. Aber so will ich dich wenigstens fragen, ob du nicht Lust hast, meine jetzige Fahrt nach dem Obernil mitzumachen.«

»Lust wohl, aber ich darf nicht.«

»Wegen dieses Türken? Weil du ihm dein Wort gegeben hast? ja, du mußt es halten, da er die Neger bei sich aufgenommen hat. Wie war doch sein Name?«

»Murad Nassyr.«

»Und woher ist er?«

»Aus Nif bei Ismir.«

Er blickte schweigend vor sich nieder. Das Gesicht, welches er mir jetzt zeigte, gefiel mir nicht. Darum fragte ich:

»Kennst du ihn vielleicht?«

»Es ist mir, als ob ich diesen Namen schon einmal gehört hätte.«

»Auf gute Weise oder nicht?«

»Nicht! Ich kann das nicht genau sagen, aber es liegt so in mir. Wenn ich länger nachdenke, werde ich wohl auf das Richtige kommen. Wir haben Zeit dazu, da wir ja mit einander fahren. Lassen wir das jetzt also fallen, und beschäftigen wir uns mit der Gegenwart. Wenn deine Angelegenheit den vorgeschriebenen Gang einschlagen sollte, so müßtest du trotz deines Konsuls mehrere Wochen hier bleiben. Da ich dir aber versprochen habe, daß dies vermieden werden soll, so werde ich der Sache diejenige Wendung geben, welche ich für die allerbeste halte. Wir brauchen dich gar nicht; wir bedürfen nur das Geständnis dieser Schurken und einige Zeugen, welche es hören und später wiedergeben. Zeugen habe ich da, nämlich meine Leute.«

»Also werden die Thäter bestraft werden?« »Natürlich! Wehe dem, der wehe thut!« »Auch Barak, der Mokkadem?«

»Hm! Gerade weil dieser Abd el Barak Mokkadem der Kadirine ist, wird ihm schwer beizukommen sein, da niemand, selbst der Höchste nicht, sich mit einer so mächtigen Bruderschaft verfeinden mag; aber ich werde dennoch Mittel und Wege finden, mit meiner ›rechten Hand‹ an ihn zu kommen. Jetzt folgt mir hinab auf das Deck! Ich werde die drei Kerle vornehmen.«

Wir stiegen die mehrmals erwähnten schmalen Stufen hinab, wobei die »rechte Hand«, der »Liebling«, die Karbatsche von seinem Gürtel löste. Dieser brave Diener seines energischen Herrn schien die inquisitorischen Schwächen oder Stärken des letzteren sehr gut zu kennen. Als wir uns dem Maste näherten, an welchem die drei saßen, standen sie auf. Ihre Haltung war gar nicht selbstbewußt, und ihre Gesichter sahen schon jetzt erbärmlich aus. Der Emir – denn so will ich den Reïs Effendina nennen, weil sein »Liebling« ihm vorhin diesen Titel gegeben hatte, erhob die Hand, und augenblicklich kamen die zehn Männer herbei, um einen Kreis um uns zu bilden. Der Untersuchungsrichter wendete sich zunächst an den Kajütendiener:

»Wie heißest du?«

»Barik,« antwortete der Gefragte.

»Also fast wie dein lieber Mokkadem! Woher bist du?«

»Aus Minieh.«

»Und doch hast du zu diesem Effendi gesagt, du seiest ein Beni Maazeh namens Ben Schorak! Wie darfst du wagen, einen Mann belügen zu wollen, der in jeder einzelnen Spitze seines Haares mehr Klugheit besitzt als du mit all deinen Vorfahren und Nachkommen gehabt hast und noch haben wirst! Ich rate dir, die Wahrheit zu sagen, da ich nicht so langmütig wie dieser Effendi bin. Hast du gestern den Geist gemacht?«

»Nein.«

»Gut! Besinne dich! Den Takt wollen wir dir dazu angeben.«

Ein Wink von ihm, vier Leute legten den Leugnenden auf den Boden, hielten ihn dort fest, und der »Liebling« schlug den Takt in einer solchen Weise, daß der gefühlvolle Mann schon beim fünften Hiebe schrie:

»Halt! Ich will gestehen!«

»Dachte es mir! Also warst du eines der Gespenster?«

»Ja,« antwortete der Gefragte, welcher noch liegend festgehalten wurde.

»Wer waren die beiden andern?«

»Der Mokkadem und sein Diener, welcher zugleich sein Schreiber ist.«

»Wie oft habt ihr schon gespukt?«

»Von kurz nach dem Tode des Hausbesitzers an.«

»So sind wir jetzt mit dir fertig. Stehe auf, und stelle dich hier an den Mast.«

Die vier ließen ihn los, und der »Liebling« zog ihm noch einen solchen Hieb über den Rücken, daß er so schnell wie wohl noch nie in seinem Leben emporflog. Der Emir richtete nun den Blick auf den Reïs und sagte:

»Du kennst mich und weißt genau, wie lieb ich dich habe und welche Macht mir über dich gegeben ist. Du wirst mir genaue und wahre Antwort geben, sonst bekommst du auch die Peitsche!«

Das war dem Alten wohl noch nicht geboten worden; er fuhr daher zornig auf:

»Emir, ich bin ein gläubiger Moslem und kein Sklave oder Diener, sondern der Kommandant dieser Dahabijeh!«

Der »Liebling« wußte schon, was er in einem solchen Falle zu thun hatte; er fragte nicht, nicht einmal durch einen Blick, sondern strich ihm im Gefühle seiner Majestät, oder kürzer deutsch gesagt, seiner Peitschenoberlehensherrlichkeit die Karbatsche zweimal in solcher Weise über den Rücken, daß der Alte gewiß nicht wieder aufzubegehren wagte.

»So!« nickte der Emir, sehr befriedigt über den Amtseifer seines Untergebenen. »Ob einer Sklave, Diener, Kommandant, Moslem oder Heide ist, das bleibt sich vor Allah, mir und meiner Peitsche vollständig gleich. Wer widerspricht oder lügt, hat es auf seinen Rücken zu nehmen. Jetzt rede, du berühmter Kommandant: Seit wann dient dieser Barik aus Minieh auf deinem Schiffe?«

»Seit heute,« erklang es in unterdrücktem Grimme.

»Wer brachte ihn?«

»Der Mokkadem.«

»Welche Aufgabe war ihm hier geworden?«

»Er sollte den fremden Effendi bedienen.«

»Sich bei demselben einschmeicheln, um in seine Dienste zu treten und ihn später dem Mokkadem, das heißt, dem Tode zu überliefern?«

»Davon weiß ich nichts.«

»So hast du es vergessen, und wir werden dir den Dienst erweisen, dein Gedächtnis zu stärken.«

Der Reïs wurde niedergezogen und empfing die Peitsche, aber nur dreimal, dann gestand er das Gefragte ein.

»Sieh, wie schnell die Peitsche die Vergeßlichkeit beseitigt!« meinte der Emir. »Ja, die Haut des Nilpferdes öffnet gleich beim ersten Hiebe das Fleisch des Leibes und die Verstocktheit des Herzens. Du wirst so liegen bleiben und ferner antworten. Hast du gewußt, daß die Brieftasche gestohlen werden sollte?«

»Ja – ja,« gestand der Alte zögernd.

»Und die Hand dazu geboten?«

»Nein – – ja, o ja!« schrie er überlaut, als er sofort wieder die Peitsche fühlte.

»Hast du gewußt, daß der Effendi später getötet werden sollte?«

Das Eingeständnis erfolgte erst nach dem zweiten Hiebe.

»Hast du den Rat gegeben, daß er besser gleich heute ermordet werden sollte?«

Der Reïs schwieg. Ja wollte er nicht sagen, und doch fürchtete er sich vor dem Zwangsmittel, welches von dem echten Türken Kyr-, von dem Araber aber Karbatsch genannt wird. Die Thätigkeit des »Lieblings« aber brachte ihn schnell zum Geständnisse.

»Ich könnte noch weiter fragen,« fuhr der Emir fort; »aber du ekelst mich an. Du bist ein feiger Hund, der wohl den Mut zur Sünde, aber nicht auch zum Geständnisse hat. Du wirst in deinem eigenen Schlamm ersticken. Lehnt ihn an den Mast! Und nun zum Steuermann!«

Dieser hatte schon vom Zusehen allein gezittert. Als er hörte, daß die peinliche Frage jetzt an ihn gerichtet werden Solle, fiel er gleich in die Kniee und zeterte:

»Ö Allah, o Himmel, o ihr Mächte! Nicht schlagen! Ich bekenne alles, alles!«

»Emir,« bat ich den Reïs Effendina, »habe Nachsicht mit ihm! Er scheint nicht so schlimm zu sein. Er mußte dem Reïs gehorchen, hat, während ich lauschte, kein einziges Wort gesagt und dann, als ich ihnen ihre Schlechtigkeit vorwarf, die Wahrheit meiner Anklage durch seine Angst, sein Entsetzen über meine vermeintliche Allwissenheit zugegeben. Er ist in schlechte Gesellschaft geraten; das ist sein Vergehen.«

»Er hat recht, der Effendi; er hat recht. Allah wird ihn für diese Worte segnen!« jammerte der Furchtsame.

»Gut, ich will es glauben,« entschied der Emir, »und dir nur eine einzige Frage vorlegen. Giebst du zu, daß alles, was der Effendi uns erzählt hat, wahr ist?«

»Ja, es ist wahr, alles, alles!«

»So steh‘ auf! Man wird Erbarmen mit dir haben. Aber ich setze da voraus, daß du nachher auf eine andere Frage ebenso aufrichtig antworten wirst!«

»Welche Frage? Ich sage alles!«

»Du wirst es erfahren. Du sollst nicht bei diesen beiden verstockten Bösewichtern bleiben. Setze dich hin an die Kajüte; aber rühre dich nicht!«

Ich verstand die Absicht des Emirs. Der Steuermann sollte fern von dem Reïs gehalten werden, damit dieser ihn nicht durch Drohungen oder Versprechungen bewegen könne, das von ihm noch erwartete Geständnis zu verweigern. Jetzt ließ der Reïs Effendina nach drei Lampen suchen, und als diese gebracht und angebrannt worden waren, stieg er mit seinem »Liebling« und dem Muhamel, jeder eine Lampe tragend, in die schon erwähnte Luke hinab.

Ich sah, daß der Reïs die Lippen zusammenpreßte, wohl nicht allein infolge des Schmerzes, welchen die aufgesprungenen Peitschenschwielen ihm verursachten; es war auch die Angst vor der Entdeckung, welche jetzt zu erwarten stand. Ich mochte diesen Menschen nicht mehr ansehen. Ein jugendlicher Verbrecher erweckt sicher unser Mitleid; aber ist ein alter Mann, welcher aus wirklicher Freude am Bösen sündigt, obgleich er mit einem Fuße bereits im Grabe steht, dieser Teilnahme auch noch wert? Der Christ mag auch hier mild urteilen, der Bürger aber kann das nicht und der Psycholog wohl auch nicht. Ich ging nach hinten zu dem Steuermanne. Er streckte mir die Hand entgegen und sagte:

»Effendi, ich danke dir, daß du für mich gesprochen hast! Ich bin ein Verwandter des Reïs und kann nicht von ihm fort. Ich habe dir nichts Böses thun wollen und darum zu allem geschwiegen.«

»Aber du mußt doch einsehen, daß dein Schweigen eine Sünde, ein Verbrechen war!«

»Ich hätte nichts ändern können. Sollte ich den Reïs gegen dich verraten?«

»Ja, und dann wäre es nicht so schlimm für euch geworden, denn der Emir hätte die Dahabijeh nicht bestiegen, da wir ihn erst durch unsere lauten Reden herbeigezogen haben, und würde nun auch nicht entdecken, daß dieses Segelboot eine Sklavenschiff ist.«

»Ein – Skla – ven – schiff!« stammelte er entsetzt. »Wer -wer – behauptet – das?«

»Der Emir, und der ist ein Kenner.«

»O Unheil, o Verwirrung meiner Gedanken! Allah, Allah, Allah! Mein Körper wankt, meine Gebeine beben, und meine Seele zittert. Ich tauche unter im Meere der Trübsal, und die Wirbel des Entsetzens mahlen mich hinab in die Tiefe der Verzweiflung! Welche Seele erbarmt sich meiner, und welche Hand streckt sich aus, mich zu retten?«

»Schweige! Schrei nicht so! Man soll uns nicht beachten. Giebst du zu, daß diese Dahabijeh zum Sklavenraube bestimmt ist?«

»Zum Raube nicht, aber zum Transport.«

»Du bist schon fast sechzig Jahre alt. Hast du Familie?«

»Einen Sohn und mehrere Enkel und Enkelinnen, droben in Gubatar, bei denen sich auch mein Weib befindet.«

»Das ist in der Nähe der freien Uled-Ali-Beduinen, die ich kenne. Fliehe zu ihnen, und bleibe dort, bis diese Sache vergessen ist. Hast du Geld?«

»Nur wenige Piaster, und die hat der Reïs.«

Ich suchte zusammen, was ich entbehren konnte, gab es ihm und sagte:

»Ich habe bemerkt, daß das kleine Boot hinten am Steuer befestigt ist. Laß dich an dem Tau, an welchem es hängt, hinab, und mach‘ dich schnell davon!«

»Recht gern, o wie gern! In einem Jahre wird alles vergessen sein, und dann darf ich mich wieder sehen lassen. Aber wie komme ich hinauf zum Steuer? Man wird mich sehen!«

»Nein, denn ich gehe jetzt vor und werde die Leute so beschäftigen, daß sie ihre Aufmerksamkeit nur auf mich richten. Also paß auf! Sobald du bemerkst, daß niemand hersieht, springst du die Stufen hinauf.«

»Ja, ja, Effendi! O, welchen Dank bin ich – –«

»Rede nicht, und handle lieber! Allah beschirme deine Flucht und lasse dich nicht wieder auf solche Abwege geraten!«

»Nie wieder werde ich Böses thun! Effendi, kein Moslem hätte sich meiner erbarmt; du aber, der du ein Christ bist, hast mich – –«

Mehr hörte ich nicht, denn ich war schon von ihm fort, um zum Mast zu gehen, wo ich die Leute des Emir nach ihrem »Falken« fragte. Sie waren so voller Bewunderung über die Vorzüge dieses ihres Fahrzeuges, daß sie alle zugleich auf mich einsprachen. Und als ich ihnen mitteilte, daß ich mit ihnen fahren würde, drängten sie sich so um mich, daß dem Steuermanne die beabsichtigte Gelegenheit geboten wurde. Ich sah ihn die Stufen emporeilen und hinter dem Qualme der Pechpfanne verschwinden. Wer mir jetzt gesagt hätte, daß ich ihn bald wiedertreffen werde, nicht bei den Uled-Ali-Beduinen, sondern droben im Sudan, dem hätte ich es wohl kaum geglaubt.

Jetzt kehrte der Emir mit seinen beiden Begleitern zurück. Schon befürchtete ich, daß er zunächst den Steuermann aufsuchen und also dessen Flucht vorzeitig entdecken werde; aber glücklicherweise kam er direkt zu uns an den Mast und wendete sich an den Reïs:

»Zunächst will ich noch eine Nebensache beenden. Wie viel hat dieser Emir für Passage bezahlt?«

»Hundert Piaster,« behauptete der alte, freche Sünder selbst noch jetzt.

»Der Effendi aber spricht von dreihundert. Du giebst also zweihundert weniger an. Einer von euch will mich täuschen. Dir glaube ich nicht. Lieber nehme ich an, daß der Effendi sich um zweihundert geirrt hat. Das sind also fünfhundert, welche du ihm sofort auszahlen wirst.«

»Das ist Betrug, der offenbarste Betrug!« schrie der Alte, fühlte aber sofort die Peitsche des »Lieblings« auf seinem Rücken, wodurch er zu der Erklärung bewegt wurde, daß er mit der Zahlung einverstanden sei.

»Gut! Wo hast du dein Geld?« fragte der Emir.

Der Reïs zögerte mit der Antwort, wurde aber durch die drohend erhobene Peitsche gezwungen, zu sagen, daß er seine Kassa unten im Raume verborgen habe.

»So wirst du uns hinab begleiten,« meinte der unerbittliche Inquisitor. »Wohin ist denn deine Dahabijeh bestimmt?«

»Nur bis Chartum.«

»Nicht weiter? Das ist Lüge. Du giebst mir diese Antwort, damit ich nicht erraten möge, welche Art von Handel du da oben treiben willst. Welche Waren hast du geladen?«

»Solche, welche dort gesucht werden, Zeugstoffe, Werkzeuge, billige Schmucksachen für die Neger und ähnliche Dinge; dafür will ich die Produkte des Landes eintauschen.«

»Das klingt recht unverfänglich, doch glaube ich dir nicht. Die Kisten und Ballen, welche ich unten liegen sah, haben eine Gestalt, welche erraten läßt, daß sie ganz andere Dinge enthalten. Ich werde sie also öffnen lassen, und wehe dir, wenn ich dich auf verbotenen Wegen ertappe!«

»Emir, ich wandle auf den Wegen des Gesetzes,« versicherte der Alte, »und du kannst dir die Mühe des Öffnens getrost ersparen.«

»Wirklich? Ich habe glauben müssen, daß du mit Brettern, Pfosten und anderen Hölzern handelst, denn ich habe eine Menge derselben unten liegen sehen. Wozu sind dieselben denn bestimmt?«

»Auch zum Verkaufe. Im Süden giebt es keine zugeschnittenen Hölzer, weshalb sie von wohlhabenden Leuten, welche sie zum Baue ihrer Wohnungen brauchen, sehr gut bezahlt werden.«

»Einem andern dürftest du das sagen, mir aber nicht. Wie kommt es dann, daß diese Stützen, Balken und Latten so zugeschnitten und abgepaßt sind, daß du mit ihnen zwei oder gar drei Unterböden herzustellen vermagst?«

»Das ist Zufall, Emir!«

»Wenn du ein gläubiger Sohn des Propheten wärst, würdest du wissen, daß es keinen Zufall giebt. Handelst du etwa auch mit eisernen Ketten? Ich habe einen ganzen Haufen im Raume liegen sehen. Die Bretter und Ketten verraten dein eigentliches Gewerbe, und dein Leugnen ist erfolglos. Ich brauche dein Geständnis nicht und werde dir den Beweis, daß du ein Sklavenhändler bist, durch die Aussage deines eigenen Steuermannes liefern. Man hole ihn her! Er fürchtet sich vor der Peitsche und wird uns sofort die Wahrheit sagen.«

Infolge dieser Worte richteten sich aller Augen nach der Stelle, an welcher sich der Steuermann befunden hatte. Er war nicht mehr dort; man suchte, doch ohne ihn zu finden. Der Reïs Effendina nahm die Sache weit leichter, als ich vermutet hatte. Er gebot schon nach kurzer Zeit seinen eifrig forschenden Leuten:

»Gebt euch keine Mühe! Ich sehe, daß er fort ist. Ihr habt nicht aufgepaßt, und es ist ihm gelungen, sich unbemerkt über das Landungsbrett nach dem Ufer zu schleichen. Ich sollte euch eigentlich bestrafen; da er aber kein so verstockter Halunke wie hier dieser sein Reïs war, so mag er immerhin entkommen sein, und ich will euch verzeihen. Jetzt wollen wir wieder hinab, um uns das Fahrgeld zurückzahlen zu lassen.«

Er lud mich ein, ihm zu folgen. Zwei seiner Leute ergriffen den Reïs, um ihn zur Luke zu führen. Die anderen blieben oben. Unten angekommen, war es mit Hilfe der Laternen leicht, sich zurecht zu finden. Das Innere der Dahabijeh bildete einen großen Raum, von welchem hinten und vorn ein kleiner Verschlag abgeschnitten war. In diesem Raume sah ich nur etwa zwanzig Kisten und Ballen liegen. Das war allerdings auffällig, da diese Schiffe gewöhnlich Kairo nicht eher verlassen, als bis sie volle Ladung haben. In dem hinteren, unverschlossenen Verschlage stand ein Werkzeugkasten; dort lagen auch die erwähnten Ketten, die von verschiedener Länge, Stärke und Konstruktion, aber ohne Ausnahme zur Fesselung der Sklaven bestimmt waren. In dem großen Raume waren zu beiden Seiten desselben hohe Lagen von Brettern und Balken aufgeschichtet. Dazu bemerkte ich drei übereinander liegende, horizontale Reihen von Pfosten, welche an die Schiffsrippen festgeschraubt waren. Diese sollten offenbar die Seitenstützen der drei Unterdecks bilden, welche man aus den vorhandenen Brettern herzustellen beabsichtigte. Diese Unterdecks oder Böden waren natürlich zur Aufnahme von Negern bestimmt. Die Entfernung der Rippenpfosten ließ erkennen, daß jedes dieser Decks nur eine Höhe von noch nicht einmal vier Fuß besaß und die armen Schwarzen also während des langen Transportes nicht stehen, ja, kaum sitzen konnten. Übrigens gestand der Reïs später, daß es ihnen nur ausnahmsweise erlaubt werde, sich zu setzen, sie vielmehr gewöhnlich in liegender Stellung festgekettet seien. Da ich mich lebhaft dafür interessierte, forschte ich ihn aus und erfuhr näheres über die Einteilung dieser Räume und die Unterbringung der Schwarzen. Infolge der beiden Bretterverschläge am Vorder- und Hinterteile des Schiffes, welche die Rundung wegnahmen, hatte jeder zwischen ihnen liegende Sklavenraurn die Gestalt eines regelmäßigen Rechteckes, in welchem die Schwarzen in folgender Weise unterzubringen waren:

Jeder Raum war in die Abteilungen geschieden, welche, wie die Striche andeuten sollen, je fünfzig Schwarze enthielten, die so plaziert wurden, daß sie mit den Füßen gegen einander lagen. In der Mitte dieser Abteilungen, da, wo auf dem Risse das L steht, befand sich eine Luke, durch welche die übereinander liegenden Räume mittels einer Treppe miteinander verbunden waren. Denkt man sich die geringe Höhe dieser Zwischendecks, welche nicht die Spur einer Ventilation besaßen, die Hitze Ägyptens, die jedenfalls armselige Verpflegung und die schlechte, ja grausame Behandlung, so ist es nicht schwer, sich die schreckliche Lage dieser 450 in der Dahabijeh untergebrachten Schwarzen auszumalen.

Der Reïs wurde nach dem vorderen Verschlage geführt, welcher verschlossen war. Er mußte öffnen, und nun sahen wir ein kleines Gelaß, dessen Bretterwände mit Negerpeitschen behangen waren. Eine bedeutende Anzahl von Raki-Flaschen, wohl nur für den Kapitän bestimmt, war aufgestapelt, und in einer Ecke stand ein Blechkasten, an welchem zwei Vorlegeschlösser hingen. Der Reïs hatte die dazu gehörigen Schlüssel bei sich. Als er geöffnet hatte, zeigte es sich, daß dieser Kasten einige tausend Maria-Theresien-Thaler enthielt. Der Emir griff ohne Umstände zu und zählte eine Anzahl davon ab, welche er mir mit den Worten hinhielt:

»Da, nimm, Effendi! Es sind deine fünfhundert Piaster.«

»Es ist ja viel mehr!« antwortete ich, ohne zuzulangen. »Der Thaler gilt hier ja – –«

»Schweig!« unterbrach er mich. »Das verstehe ich besser als du. Dieser sklavenhandelnde Reïs hat das Geld für den Sudan bestimmt, wo der Thaler zehn Piaster gilt. Darum rechne ich nach dem dortigen Werte und gebe dir fünfzig Thaler, was genau fünfhundert Piaster beträgt.«

»Aber mein Passagegeld betrug nicht fünfhundert Piaster, sondern – –«

»Still!« unterbrach er mich abermals. »Ich weiß sehr wohl, was ich thue. Wehe dem, der wehe thut! Das ist der Grundsatz, nach welchem ich zu handeln pflege.«

Ich mußte schweigen, konnte mir aber seine Art der Berechnung nicht gefallen lassen. Seine Behauptung in Beziehung auf den Wert des Maria-Theresienthalers sagte das gerade Gegenteil der Wahrheit, denn diese Münze hat im Sudan einen weit höheren Wert als in Kairo. Ich hätte also viel weniger erhalten sollen, selbst wenn von Murad Nassyr fünfhundert Piaster für mich bezahlt worden wären, Als ich die fünfzig harten Thaler in meine Tasche gleiten ließ, faltete der alte Reïs die Hände, hob das Auge nach oben und seufzte:

»O Allah! Die Geschicke, welche du deinen Gläubigen sendest, sind zuweilen hart, sehr hart; aber du wirst mir diese Grausamkeit dereinst mit den ewigen Wonnen des Paradieses vergelten.«

»Die Karbatsche wirst du dort erhalten, so wie du sie hier bekommen hast und jedenfalls noch öfter fühlen wirst!« fuhr ihn der Emir an. »Du wirst Qualen leiden wie ein umgestülpter Igel, dessen Stacheln ihm in das eigene Fleisch fahren. Wer Menschen raubt und mit Sklaven handelt, der hat nach dem Tode nur die Hölle zu erwarten.«

»Ich begreife nicht, was du sagest, Emir! Es kann mir nicht einfallen, etwas zu treiben, was verboten ist. Ich gehe den Weg der Gerechten, und meine Pfade sind die Pfade der Tugendhaften, welche Allah lieb hat.«

»Schweig‘, Hund!« donnerte ihn der Reïs Effendina an, »Wenn du nichts begreifst, so werde ich dafür sorgen, daß du wenigstens etwas fühlst, nämlich meine Peitsche. Deine Bosheit ist groß; aber deine Frechheit geht noch über dieselbe hinaus. Meinst du, ich sei blind? Ich, der Reïs Effendina, werde wohl aus der Einrichtung eines Schiffes erraten können, wozu es gebraucht werden soll! Komm her, ich will dir beweisen, daß ich alles errate und verstehe!«

Er zog ihn hinaus in die Hauptabteilung und gab dort eine so genaue Erklärung des Zweckes und der Konstruktion der später herzustellenden Einrichtung, als ob er selbst die Zeichnung dazu entworfen hätte. Die wiederholte Drohung mit der Peitsche that das übrige; der Reïs sah sich gezwungen, ein umfassendes Geständnis abzulegen, worauf Achmed Abd el Insaf das Schiff und dessen Inhalt, also auch das Geld für beschlagnahmt erklärte. Infolgedessen wurde der Kasten aus dem Verschlage genommen und der Reïs in dem letzteren eingesperrt. Der Verlust der schönen Maria-Theresien-Thaler schien ihm mehr zu Herzen zu gehen als das Schicksal, welches ihn außerdem erwartete.

Wir stiegen wieder an Deck, wobei die zwei Leute, welche uns begleitet hatten, den Geldkasten tragen mußten. Oben angekommen, gab der Emir den Befehl, auch den Geist Nummer Drei einzusperren. Während dies geschah, kamen die Matrosen an Bord. Sie ahnten nichts von dem, was hier vorgegangen war, und zeigten sich nicht wenig erstaunt, die Dahabijeh in andern und und zwar in solchen Besitz übergegangen zu sehen. Der Emir stellte ein Verhör mit ihnen an, wobei sich herausstellte, daß sie zwar nicht mit Sicherheit gewußt, aber doch geahnt hatten, wozu das Schiff bestimmt gewesen war. Der Reïs Effendina stellte ihnen mehrmalige Bastonnade in Aussicht und ließ sie in den Raum bringen, dessen Zugänge verschlossen und dann unter Bewachung gestellt wurden.

Nun forderte er mich auf, ihm mit meinen beiden Pflegbefohlenen nach dem »Falken«, seinem Schiffe, zu folgen. Meine Effekten sollten später geholt werden. »Esch Schahin«, der Falke, lag eine Strecke aufwärts am Ufer. Da es dunkel war, so konnte ich seine Gestalt, seine äußeren Umrisse, nicht genau erkennen, doch sah ich beim Scheine der Decklaterne, daß er sehr lang und schmal gebaut war und zwei Masten mit ganz eigenartiger Takelung trug. Hinten befand sich eine doppelte Kajüte. Die eine lag an Deck und die andere eine Treppe tiefer. Diese letztere wurde mir und den Kindern angewiesen. Sie war mit Fenstern versehen und mehr als geräumig genug für uns drei Personen. Die Einrichtung war zwar eine orientalische, aber es gab doch verschiedene Vorrichtungen und Gegenstände, welche auch einem Abendländer erlaubten, es sich nach seiner Art und Weise bequem zu machen.

Der Emir sandte noch fünf Männer zur Bewachung der Dahabijeh ab; mit diesen gingen zwei andere, welche meine Sachen holen sollten. Als ich ihn fragte, wie hoch sich die Besatzung des »Falken« belaufe, erfuhr ich, daß sie aus vierzig kriegstüchtigen Männern bestand, deren Vorleben ein solches war, daß sie sich für das Leben im Sudan und die Jagd auf Sklavenjäger ganz vorzüglich eigneten.

Da es für mich nichts zu thun gab, so legte ich mich nieder. Die Polster waren eines Pascha würdig, und ich schlief, ohne einmal aufzuwachen, weit in den lichten Morgen hinein. Als ich dann auf das Deck kam, wurde ich von dem Oberlieutenant sehr höflich begrüßt und nach meinen Befehlen gefragt. Er teilte mir mit, daß man meinen Wünschen ebenso nachzukommen habe, als ob sie diejenigen des Befehlshabers selbst seien. Ich bestellte Kaffee für mich und die Kinder und fragte nach dem Reïs Effendina. Er war nicht da, sondern befand sich mit der Dahabijeh bereits nach Kairo unterwegs, um dieselbe und den Reïs mit seinen Leuten der Behörde zu übergeben; zugleich hatte er die Absicht, nach dem Gaukler zu fahnden. Es war nur aus Höflichkeit geschehen, daß er mich vor seinem Abgange nicht geweckt hatte.

Es wurden für mich und die Kinder Kissen auf das Hinterdeck gebracht, von welchem aus wir die ganze Breite des Stromes überblicken konnten. Zunächst beschäftigte mich nur das Schiff, auf welchem ich mich befand. Seine Linien waren scharf aber doch graziös, und ein Blick auf die Masten, das Takelwerk und die jetzt allerdings beschlagenen Segel sagte mir, daß es ein ausgezeichneter Segler sein müsse.

Noch saßen wir beim Kaffee und dem noch warmen Gebäck, welches der Schiffskoch für uns zubereitet hatte, als wir einen Sandal erblickten, welcher drüben auf der Mitte des Stromes langsam herangeglitten kam. Er wollte vorüber. Ich konnte seinen Namen »Abu ‚l adschal«, lesen und schickte meinen schwarzen Knaben nach der Kajüte, um mir mein Fernrohr zu bringen. Dies that ich ohne alle Ahnung; doch sollte ich sehen, daß dieser Gedanke sehr am Platze gewesen war, denn als ich das Rohr auf den Sandal richtete, welcher sich jetzt in gleicher Höhe mit uns befand, sah ich auf dem Decke desselben bei anderen Leuten einen Mann stehen, welcher scharf nach uns herüberblickte. Ich erkannte sofort den Muza’bir, den Gaukler, den der Emir fangen wollte. Der Kerl hatte sich wohlweislich mit dem ersten aufwärtsgehenden Schiffe aus dem Staube gemacht.

Natürlich teilte ich dem Jüz baschi meine Entdeckung mit und fragte ihn, ob er diesen Menschen nicht vom Sandal holen könne; leider aber sagte er mir, daß er ohne den besonderen Befehl des Emirs weder selbst den »Falken« verlassen, noch Leute von Bord schicken dürfe. Wir mußten also den Gaukler einstweilen laufen oder vielmehr fahren lassen. – – –

In Siut

In Siut

Eine Segelfahrt auf dem Nile, welche inhaltsreichen Worte! Man hat el Kahira, die Pforte des Orientes hinter sich und strebt dem Süden zu. Dem Süden! Man glaube nicht, daß das Wort Sudan gleichbedeutend mit unserm deutschen »Süden« ist. Sudan (gesprochen Sudahn) ist der gebrochene Plural von aswad, schwarz; Beled heißt Land, und Beled es Sudan bedeutet also das Land der Schwarzen. Der Süden heißt sowohl im Türkischen als auch im Arabischen Kyble oder Dschenub.

Nach dem Süden! Das ist so viel wie eine Fahrt ins Unbekannte, ins Geheimnisvolle. Und wer diese Fahrt schon zehn- oder zwanzigmal gemacht hat, dem bleibt der Süden doch immer noch die Gegend des Dunkels, in welcher täglich neue Entdeckungen zu machen sind.

Jetzt kann man mit der Bahn von Kairo nach Siut fahren; aber eine pfeifende Lokomotive am Nil, eine dunkle, häßliche Rauchwolke in der herrlichen Luft des heiligen Stromes, das will wie eine Entweihung erscheinen. Und wie fährt man auf der ägyptischen Bahn! Es ist vor einigen Jahren in Ungarn vorgekommen, daß der Zug an einer kleinen Station zwei Minuten zu halten hatte; die Beamten stiegen aus, um Wein zu trinken; der Maschinist that natürlich dasselbe. Da kam den Passagieren der Gedanke, auf einer nahen Kegelbahn ein Spielchen zu machen. Als die erste Partie zu Ende war, wurde noch eine zweite geschoben; dann stieg man gemächlich ein, und der Zug trollte sich mit Beamten und Passagieren von dannen. Wenn das an der schönen, blauen Donau geschieht, was kann man dann am Nile erwarten?

Ich ziehe das Deck eines Schiffes dem engen Bahncoupée vor. Da sitzt man auf seiner Matte oder auf seinem Polster, die Pfeife in der Hand und den duftenden Kaffee vor sich. Der über zweitausend Fuß breite Strom dehnt sich wie ein See vor dem Blicke aus, scheinbar grenzenlos. Das erregt die Phantasie, welche vorauseilt, dem Süden entgegen, um sich denselben mit riesigen Pflanzen und Tierbildern zu bevölkern. Der Nordwind liegt in den Segeln; die Matrosen hocken allerorts und vertreiben sich die Zeit, indem sie schlafen, gedankenlos vor sich hinstarren oder sich mit kindlichen Spielen beschäftigen. Die Augen des Reisenden werden müde; sie schließen sich nicht, und doch beginnt er zu träumen, und er träumt, bis der Ruf erschallt: »Auf zum Gebete, ihr Gläubigen!« Dann knieen alle nieder, verneigen sich nach der Kibblah und rufen: »Ich bezeuge, daß es keinen Gott giebt außer Gott; ich bezeuge, daß Muhammed der Gesandte Gottes ist!« Dann schläft oder spielt man wieder, bis der Reïs ein Kommando erschallen läßt oder ein begegnendes Schiff oder Floß die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Die Flöße sind dem Fremden deshalb interessant, weil sie nicht aus Bäumen, Stämmen oder sonstigen Hölzern, sonder aus – – Wasserkrügen bestehen. Der Ägypter trinkt nur das Wasser des Niles. Die Krüge, in denen man es schöpft, sind porös. – Die Unreinigkeit schlägt sich nieder; durch die Poren dringt die Feuchtigkeit, und indem dieselbe verdunstet, wird das im Gefäße befindliche Wasser kühler, als es im Flusse ist. Es hat einen äußerst angenehmen Geschmack, und wer sich einmal daran gewöhnt hat, der zieht es selbst dem Quellwasser der Oasen vor. Diese Wasserkrüge werden in Ballas, einem Orte am linken Nilufer, fabriziert und darum Ballasi genannt. Man flicht aus Stricken lange, rechteckige Netze, deren Zwischenräume vom Durchmesser der Krüge sind, welche in die Maschen dieses Netzes gehängt werden. Da die Gefäße leer sind, so schwimmen sie auf dem Wasser. Man stellt eine zweite Schicht darauf; dann ist das Floß fertig und kann stromabwärts gehen.

Die Fruchtbarkeit des Landes beruht nur auf den Überschwemmungen des Niles, welcher zu gewissen Zeiten steigt und ebenso regelmäßig wieder fällt. Je höher die Überschwemmung, auf eine desto reichere Ernte ist zu rechnen. Um das Wasser so weit wie möglich zu leiten, sind Kanäle gezogen. Auf den Dämmen dieser Kanäle wie auf den hohen Flußufern sind Sakkias angebracht, Schöpfwerke, mit deren Hilfe die Besitzer das Wasser heben, um es auf ihre Felder zu leiten. Sie bestehen meist aus Rädern, an denen Gefäße hängen, welche das Wasser unten fassen und oben in einen Graben gießen, welcher es weiter leitet. Sie werden durch Kamele, Esel, selbst auch durch Rinder oder gar von Menschenhand bewegt, und ihr monotones Knarren ist weithin zu hören. Oft auch sieht man einen Armen am Kanale stehen, welcher das Wasser für sein winziges Feld mit eigenen Händen schöpft. Er besitzt nicht so viel, um sich eine Sakkia anzuschaffen und sie zu versteuern. Denn in Ägypten muß alles versteuert werden, selbst der Baum, wenn er nur einige Früchte trägt. Es ist vorgekommen, daß ganze Ortschaften ihre Palmwälder vernichteten, um der Steuer zu entgehen. Wer wohlhabend ist, der hütet sich sehr, dies zu zeigen, und der Arme braucht sich nicht zu verstellen. Darum macht die menschliche Staffage der Nillandschaft den Eindruck einer Dürftigkeit, welche zwar nicht zu den sozialen Verhältnissen des Landes, aber desto mehr zu seiner Fruchtbarkeit in grassem Widerspruche steht. –

Wir näherten uns Siut, meinem einstweiligen Ziele. Zwei volle Tage hatte »Esch Schahin« noch am Ufer von Giseh gelegen, bevor wir die Anker lichten konnten. So lange war der Emir durch seine Pflichten dort aufgehalten worden. Seine Nachforschungen nach dem Muza’bir waren in Kairo natürlich vergeblich gewesen, und als er bei seiner Rückkehr von mir erfuhr, daß derselbe auf dem Sandal »Abu’l adschal« flußaufwärts entkommen sei, wurde sein Ärger darüber nur durch die Hoffnung gemildert, daß wir bei der Schnelligkeit unseres »Falken« dieses Fahrzeug bald einholen würden.

Wir hatten in allen Häfen angelegt oder wenigstens das Boot entsendet, um uns nach dem Sandal zu erkundigen, vergebens; er hatte die Ufer vermieden. Nun hofften wir, ihn in Siut zu sehen und dann Näheres über den Muza’bir zu erfahren. Lange, bevor wir den Hafen erreichten, sahen wir die Stadt vor uns liegen. Sie heißt koptisch Saûd und ist das

Lykonpolis (Wolfsstadt) der Alten. Sie steht wenig entfernt vom Ufer in einer sehr fruchtbaren und ungemein reizenden Gegend. Bei einer Einwohnerzahl von über dreißigtausend Köpfen ist sie der Sitz eines Paschas und eines koptischen Bischofes; in neuerer Zeit giebt es einen deutschen Konsularagenten hier. Ihr Handel erstreckt sich bis in das Innere von Afrika, denn sie ist die Hauptstation der nubischen und ostsudanesischen Karawanen. Die Stadt war schon im Altertume von Bedeutung, doch besitzt sie keine Monumente, wenn man nicht die alte Nekropole und die in den westlichen libyschen Bergen gelegenen Mumiengräber des früher hier verehrten Wolfes dazu rechnen will. Unweit des nicht sehr entfernten Dorfes Maabdah befindet sich eine leider wenig besuchte Höhle mit Krokodilsmumien.

Wir ließen am Dorfe EI Hamra, welches den Hafen von Siut bildet, den Anker fallen. Der Emir hatte als Reïs Effendina keine hafenpolizeilichen Obliegenheiten zu erfüllen und konnte also mit mir sofort ans Land gehen. Wir suchten nach dem Sandal; er war nicht da. Von dem Hafenkapitän erfuhren wir, daß dieses Schiff zwar gesehen worden, aber ohne anzulegen vorübergesegelt sei. Wir mußten also annehmen, daß der Muza’bir sich nicht in Siut befinde. Achmed Abd el Insaf, der darauf brannte, den Menschen in seine Hand zu bekommen, beschloß, sofort wieder abzusegeln, um den Sandal einzuholen. Er hätte ohnedies nicht lange vor Siut liegen bleiben können, da seine Pflicht ihn nach Chartum rief. Er hatte noch am letzten Tage in Kairo durch einen seiner Agenten, deren er in jeder Nilstadt einen besaß, erfahren, daß sich da oben etwas vorbereite, wobei ein guter Fang zu machen sei. Was das war, konnte ich trotz seiner sonstigen Offenheit und des Vertrauens, welches er mir schenkte, nicht erfahren. Ich hatte bemerkt, daß er meine Eigenheiten studierte, und mich besonders über seine Wißbegierde gefreut. Tausend und noch mehr Fragen mußte ich ihm beantworten; er war ein sowohl körperlich wie auch geistig reich begabter Mensch und begriff sehr leicht. Am leichtesten aber hatte er eingesehen, daß seine Kenntnisse sehr mangelhaft seien, natürlich dem Wissen eines Europäers gegenüber. Bei dieser Armut an realem Wissen war es freilich kein Wunder, daß ich jede seiner Fragen zu beantworten vermochte, und so kam es, daß er mich, was ich leider nicht verdiente, für einen Ausbund von Klugheit und Gelehrsamkeit hielt. Bei all dieser Hochachtung und den freundschaftlichen Gefühlen, welche er sichtlich für mich hegte, bewahrte er jene Zurückhaltung, welche dem Orientalen eigen ist, und die er seinem Range schuldig zu sein glaubte. Ich erkannte, daß es seine Ansicht sei, er stehe als Reïs Effendina über mir, der ich keinen militärischen oder sonstigen Rang bekleidete. Er hatte auch gar nicht unrecht, und ich bemerkte mit Vergnügen die Genugthuung, mit welcher er die höfliche Bescheidenheit, deren ich mich befleißigte, beobachtete. Er vergalt dieselbe mit einer Zu- und Vertraulichkeit, welche nur dann sich in das Gegenteil verwandelte, wenn ich auf Chartum und seine dort zu verfolgenden Pläne zu sprechen kam. Doch konnte ich, da es sich hierbei um Amts- oder Dienstgeheimnisse handelte, ihm das nicht übel nehmen. Dennoch schien es mir, als ob diese seine Verschwiegenheit ihm weniger durch seine Pflicht als vielmehr aus persönlichen Gründen geboten erscheine, und das war es, was mich zu verstimmen vermochte, wenn ich es mir auch nicht merken ließ.

Da ich Murad Nassyr, meinem dicken Türken, das ihm gegebene Wort, ihn in Siut zu erwarten, halten wollte, so mußte ich mich hier von dem Emir trennen. Die Dinkakinder behielt er auf dem »Falken« in seiner Obhut, da es ihm leichter war als mir, sie in ihre Heimat zurückzubringen. Für mich wäre das vielleicht, ja sehr wahrscheinlich, unmöglich gewesen. Als ich mich von ihnen verabschiedete, hingen sie sich an mich und wollten nicht an Bord bleiben. Ich konnte ihre Thränen nur mit dem Versprechen stillen, daß ich ihnen bald nachkommen wolle. Dann mußten zwei Matrosen meine wenigen Effekten nehmen, und der Emir führte mich nach der Stadt. Als ich ihn fragte, wo er mich da unterbringen wollte, antwortete er mir:

»Wo anders als beim Pascha? Ein Mann wie du darf nur beim vornehmsten Herrn wohnen.«

»Und du meinst, daß ich ihm willkommen sein werde?«

»Natürlich! Zumal wenn ich dich bringe und dich ihm empfehle. Er wird dich wie einen Freund und Bekannten aufnehmen.«

Das beruhigte mich. Dennoch hätte ich lieber in einem gewöhnlichen Hause, wo ich sie bezahlen konnte, um Unterkunft gebeten.

Der Weg führte vom Hafen auf einem Damme nach der Stadt. Zu beiden Seiten desselben breitete sich saftiges Grün aus, und goldenes Sonnenlicht flutete darüber hin. Der Damm war belebt von Menschen, welche, wie wir, vom Hafen kamen oder dorthin gingen. Wir gelangten durch eine saracenische Pforte, welche zugleich den Haupteingang der Stadt bildete, in einen Hof, welcher zu dem Palaste des Paschas gehörte. Die Wände ringsum waren weiß getüncht und die wenigen Fensteröffnungen mit dunklen Blenden versehen. An den Mauern zogen sich niedrige Bänke hin, auf denen, rauchend und kaffeeschlürfend, langbärtige Gestalten saßen, welche ich Lust hatte, für Angehörige der Schloßwache zu halten. Keiner dieser Männer bekümmerte sich um uns.

Man sah, daß der Emir sich nicht zum erstenmale hier befand. Er schritt auf eine Thüre zu, gebot den Matrosen, hier zu warten, und trat mit mir ein. Im Innern stand eine Wache, welche er nach dem Haushofmeister fragte. Der Soldat lehnte sein Gewehr an die Wand und entfernte sich. Nach einiger Zeit kehrte er zurück, hielt dem Emir die hohle Hand hin und sagte:

»Ich soll euch führen, wenn du mir ein Bakschisch giebst.«

Der Reïs Effendina verabreichte ihm eine derbe Ohrfeige und antwortete:

»Hier dein Bakschisch, und nun beeile dich, wenn du nicht die Bastonnade haben willst!«

Der Gezüchtigte betrachtete nun erst den Emir genauer. Er sah ein, daß er es mit keinem gewöhnlichen Manne zu thun hatte; die Ohrfeige war ja der beste Beweis dafür, und schritt, sich eifrig die Wange reibend, uns voran.

Wir gelangten in einen Innenhof, in welchem es rundum Thüren gab. Unter einer derselben stand ein in seidene Gewänder gehüllter dicker, unförmlicher Schwarzer, welcher uns mit finsteren Blicken entgegensah. Sobald aber sein Auge auf den Emir fiel, veränderte sich der Ausdruck seines Gesichtes; er krümmte den breiten Rücken, kreuzte die Arme auf der Brust und rief:

»Verzeihe, daß du mich hier stehen siehst! Hätte ich deine hohe Gegenwart vermutet, so wäre ich dir entgegen gekommen.«

Grobheit erregt Respekt; das schien der Reïs Effendina zu wissen, denn er antwortete in barschem Tone:

»Dessen bedarf es nicht. Aber wie kannst du dem Wächter befehlen, von mir ein Bakschisch zu verlangen?«

»Hat er das gethan?« fragte der Schwarze erschrocken. »Herr, ich habe es ihm nicht geheißen. Allah ist mein Zeuge!«

»Schweig‘! Ich weiß, daß du diesen Leuten gebietest, Trinkgelder zu verlangen, die du dann mit ihnen teilst.«

»Man hat dich falsch berichtet. Zum Beweise, daß ich dir die Wahrheit sage, werde ich dem FrevIer die Bastonnade geben lassen!«

»Dessen bedarf es nicht, denn ich habe ihn schon selbst gezüchtigt. Und wenn du mit ihm teilen willst, so laß dir von ihm das geben, was er von mir erhalten hat. Melde mich dem Pascha, deinem Herrn!«

»Verzeihe, daß ich das nicht thun kann, da der hohe Gebieter mit viel Gefolge nach der Oase Dachel gereist ist.«

»Wann kehrt er zurück?«

»Es kann über eine Woche vergehen, ehe die Augen seiner Diener das Glück haben werden, sein Angesicht wiederzusehen.«

Ich hielt diesen unförmlichen Schwarzen für einen Diener, und zwar, weil er in Seide gekleidet war, für einen bevorzugten, vielleicht einen Haremsdiener, mußte aber meinen Irrtum erkennen, als der Ernir jetzt zu ihm sagte:

»So will ich dir die Befehle geben, welche er dir als seinem Haushofmeister erteilen würde. Dieser Herr hier ist ein sehr gelehrter und vornehmer Effendi aus Germanistan und will einige Tage in Siut bleiben. Ich hatte die Absicht, ihn dem Pascha als Gast zu empfehlen, da dieser aber nicht anwesend ist, so beauftrage ich dich, ihn so aufzunehmen und so für ihn zu sorgen, als ob er ein Verwandter deines Herrn sei.«

Der Neger bekleidete also die nicht geringe Stelle eines Haushofmeisters! Er musterte mich mit nicht eben den freundlichsten Blicken und antwortete dann dem Emir:

»Dein Wille soll geschehen, Herr! Ich werde dem Fremden ein Zimmer anweisen, welches seinem Range angemessen ist. Tretet näher, und erlaubt, daß ich euch mit Pfeifen und Kaffee erquicke!«

»Ich habe nicht Zeit, mich niederzusetzen, da ich schleunigst absegeln muß; ich werde nur solange bleiben, als nötig ist, zu sehen, daß der Effendi eine würdige Wohnung bekommt. Du wirst uns also in dieselbe führen. Beeile dich!«

Es war mir gar nicht lieb, daß der Emir den Mann in dieser Weise behandelte, denn es stand zu erwarten, daß ich später die Folgen zu tragen haben würde. Der Schwarze runzelte die Stirn, verbeugte sich aber höflich und forderte uns auf, ihm zu folgen. Er führte uns in ein großes Gemach, dessen blaue Wände mit goldenen Kuransprüchen geschmückt waren, und bedeutete uns, daß dasselbe meine Wohnung sein werde. Der Emir zeigte sich zufrieden und sagte, daß er sich genau nach meiner Zufriedenheit erkundigen werde, und daß der Haushofmeister jetzt meine Sachen bringen lassen solle. Der letztere entfernte sich. Nach kurzer Zeit kam ein anderer Schwarzer, welcher den Matrosen die Effekten abgenommen hatte. Diesem folgte ein zweiter Neger, welcher mir einen Tschibuk nebst Kaffee brachte und sich, um mich zu bedienen, vor mir niedersetzte. In jedem besseren Hause des Orientes ist heißes Wasser für den Kaffee zu jeder Zeit zu haben. Diese schnelle Bedienung schien dem Emir Bürgschaft genug zu sein, daß man seiner Empfehlung vollständig nachkommen werde. Er gab mir eine Adresse, durch welche ich in Chartum über ihn Auskunft erlangen könne, reichte mir dann die Hand und meinte:

»Und nun zum Abschiede. Du bist hier gut aufgehoben und kannst gehen und kommen, wie es dir beliebt. Sollte man aber deine Wünsche nicht erfüllen, so berufe dich auf mich und werde grob. Allah segne dich und geleite dich glücklich zu mir!«

Er ging. Ich gestehe, daß ich mich gar nicht sehr behaglich fühlte. Es war mir, als ob ich recht bald Veranlassung haben würde, die mir empfohlene Grobheit in Anwendung zu bringen; doch konnte es mir nicht einfallen, diesem Rate zu folgen. Ich mußte mich als einen unwillkommenen Eindringling betrachten. Die Art und Weise, mit welcher der Emir mich eingeführt hatte, war nicht geeignet, mir die Sympathie des schwarzen Haushofmeisters zu erwecken. Ich nahm mir vor, den Palast, falls man mich unfreundlich behandeln sollte, sofort zu verlassen und mir eine andere Wohnung zu suchen.

Wohl eine Stunde lang hatte ich rauchend auf meinem Polster gesessen. Ich glaubte, man werde kommen, um sich nach meinen Wünschen zu erkundigen. Der Emir hatte den Hafen gewiß schon verlassen. Ja, man kam, doch nicht, um auf meine Wünsche zu lauschen. Der Haushofmeister trat ein, und der Diener, welcher so lange Zeit wortlos vor mir gekauert hatte, entfernte sich mit ehrerbietiger Schnelligkeit. Der Schwarze setzte sich nicht etwa, wie die Höflichkeit es erfordert hätte, zu mir nieder, sondern er stellte sich vor mich hin, ließ einen gehässigen Blick über mich gleiten und sagte:

»Also der Reïs Effendina ist dein Freund. Wer ihn hört, sollte glauben, er sei der Vizekönig. Seit wann kennst du ihn?«

»Seit kurzem,« antwortete ich bereitwillig und der Wahrheit gemäß.

»Und da bringt er dich hierher, in den Palast des Pascha? Du stammst aus Germanistan. Bist du ein Moslem?«

»Nein. Ich bin ein Christ.«

»Allah, Allah! Ein Christ bist du, und ich habe dir das Zimmer gegeben, an dessen Wänden die goldenen Sprüche des Kuran prangen! Welch eine Sünde habe ich begangen! Du wirst diesen Raum sofort verlassen und mir nach einem andern folgen, wo deine Gegenwart nicht die Heiligkeit unsers Glaubens beleidigen kann.«

»Ja, ich werde dieses Zimmer verlassen, aber nicht, um von dir ein anderes angewiesen zu bekommen. Du selbst bist es, der den Islam schändet, denn dieser gebietet, den Gast zu ehren, und du handelst gegen diesen Befehl. Ich werde einen Diener senden, um meine Sachen hier abzuholen. Für den Kaffee und den Tabak, welchen ich bei dir genossen habe, magst du dieses Bakschisch nehmen.«

Ich legte die Pfeife weg, stand auf, gab ihm ein nach dortigen Verhältnissen sehr reichliches Trinkgeld und verließ, ohne daß er mich daran zu hindern suchte, die Stube. Als ich auf den Hof trat, hörte ich jammernde Töne. Es wurde links eine Thüre geöffnet, aus welcher zwei Diener einen jungen Mann getragen brachten, welcher aus einer Stirnwunde blutete. Einige andere Personen folgten, unter ihnen eine verschleierte Frau, welche rief, daß man schnell einen Hekim, einen Arzt, holen solle. Als die Gruppe an mir vorüber wollte, fragte ich, was mit dem Verwundeten geschehen sei. Ein vielleicht sechzig Jahre alter Mann, welcher sehr gut gekleidet war, antwortete mir:

»Das Pferd hat ihn gegen die Mauer geworfen. Nun flieht ihm das Leben aus der Stirn. Lauft, lauft, und holt einen Haggahm, herbei! Vielleicht ist noch Rettung möglich.«

Aber in der Verwirrung kam es keinem bei, diesem Gebote Folge zu leisten. Der Mann wollte den Trägern nach, welche weiter geschritten waren. Ich ergriff seinen Arm und sagte:

»Vielleicht ist es nicht nötig, einen Wundarzt zu holen. Ich will den Verwundeten untersuchen.«

Da ergriff der Alte meine beiden Hände und fragte schnell:

»So bist du selbst ein Wundarzt? Komm‘, komm‘, beeile dich! Wenn du meinen Sohn rettest, werde ich dir zehnmal mehr zahlen, als du verlangst.«

Er zog mich mit sich fort, nach rechts, wo die Träger inzwischen in einer anderen Thüre verschwunden waren. Er war der Vater des Verunglückten. Die Thüre führte in ein Gemach, welches jedenfalls als Besuchszimmer benutzt wurde. Von hier aus führte mich der Mann in eine Nebenstube, in welcher man den Verletzten auf einen Diwan gelegt hatte. Die Frau kniete jammernd vor ihm. Der Vater zog sie empor und teilte ihr mit:

»Hier ist ein Wundarzt. Sei still, Weib, und laß ihn zu unserem Sohne! Vielleicht ist Allah gnädig und giebt der Freude und Stütze unseres Alters das schon entflohene Leben zurück.«

Die Frau war also die Mutter des Verunglückten.

»Vielleicht giebt’s Allah zurück,« wiederholten die Träger, indem sie die Hände zusammenschlugen.

Ich kniete zu dem jungen Manne nieder und untersuchte seine Wunde. Sie war nicht gefährlich, und wenn keine andere Verletzung vorlag, so war die Sache gar nicht des Jammerns wert. Er war besinnungslos. Ich hatte ein Fläschchen mit Salmiakgeist bei mir, das gewöhnliche Mittel gegen Insektenstiche, denen man im Süden stets ausgesetzt ist; ich öffnete es und hielt es ihm an die Nase. Die Wirkung ließ sich bald sehen und auch hören; er bewegte sich, nieste und öffnete die Augen. Sofort hatte seine Mutter ihn beim Kopfe; sie weinte laut auf vor Entzücken. Sein Vater aber faltete die Hände und rief:

»Allah sei Dank! Der Tod ist entflohen, und das Leben kehrt zurück.«

»Es kehrt zurück. Allah l‘ Allah!« wiederholten die andern.

Ich bat den Alten, sein Weib wegzunehmen, da sie mich hinderte, und untersuchte nun den Körper des Sohnes. Er hatte nichts gebrochen; aber der Kopf brummte ihm noch gewaltig. Ich forderte Stoff zum Verbinden, welcher schnell gebracht wurde. Die kleine Schmarre wurde gewaschen, die Stirne mit einem Tache umwunden, und dann erklärte ich, daß der Kranke nichts als der Ruhe bedürfe und morgen vollständig wohl sein werde. Die Freude der Eltern war groß; sie hatten die Verletzung für gefährlich, ja die Ohnmacht wohl gar für Tod gehalten.

»Wie soll ich es dir vergelten, Effendi!« rief der Alte. »Ohne dich hätte die Seele meines Kindes den Weg in den Körper nicht wieder zurückgefunden.«

»Du irrst. Dein Sohn wäre fünf Minuten später erwacht; das ist alles.«

»Nein, nein! Ich kenne dich nicht; ich habe dich noch nie gesehen. Du kannst noch nicht lange hier wohnen. Sage mir das Haus, in welchem wir dich zu suchen haben, wenn der Zustand meines Sohnes sich vielleicht verschlimmern sollte!«

»Ich bin erst heute hier angekommen und weiß noch nicht, wo ich wohnen werde. Auch beabsichtige ich, nur wenige Tage hier zu bleiben.«

»So bleibe bei uns, Effendi! Sei unser Gast! Wir haben Raum genug für dich.«

»Dieses Anerbieten darf ich nicht annehmen. Ihr wißt nicht, wer und was ich bin. Ich bin nämlich ein Christ.«

»Ein Christ, ein Christ!« meinte der Alte, indem er mich mit ehrfuchtsvoller Neugierde betrachtete.

»Ein Christ!« wiederholten die andern.

»Ja, ein Christ,« bekräftigte ich. »Nun wird es dir wohl nicht einfallen, deine Einladung zu wiederholen.«

»Warum nicht ? Bist du nicht der Retter meines Sohnes!«

»Nein, der bin ich nicht. Er hätte sich auch ohne mich schnell wieder erholt.«

»Gewißlich nicht! Ich habe gehört, daß die Ärzte der Christen große Zauberer sind, vor denen der Tod oft fliehen muß.«

»Sie sind nicht Zauberer, sondern nur gelehrter und klüger als die eurigen.«

»Das sagst du nur, um es nicht eingestehen zu müssen. Das Fläschchen des Lebens in deiner Hand hat meinen Sohn gerettet. Du verstehst es, das Leben in ein Glas zu bannen, aus welchem du es den Toten mitzuteilen vermagst. Nein, nein, sage nichts dagegen! Ich weiß doch, woran ich bin. Aber meine Einladung werde ich allerdings nicht wiederholen.«

»Das wußte ich. Ein Christ würde dir nicht willkommen sein.«

»Effendi, denke das nicht. Ich verachte den Christen nicht, denn er glaubt auch an Gott und ist also kein Heide; ich würde ihn jederzeit bei mir aufnehmen. Und du bist gar noch der Retter meines Sohnes. Aber wir sind zu gering, als daß ich meine Bitte wiederholen dürfte. Wenn du noch keine Wohnung hast, so erlaube, daß ich dir eine empfehle. Ich werde mit dem Haushofmeister sprechen, welcher dir, da der Pascha nicht da ist, das schönste Zimmer des Palastes anweisen wird. Er ist auch krank, und wenn du ihn heilst, wird er dir unendlich dankbar sein.«

»An welcher Krankheit leidet er?«

»An verdorbenem Magen. Er ißt so viel wie fünf oder sechs andere Menschen; darum ist sein Magen immer krank.«

»So bedarf er meines Rates und meiner Hilfe nicht. Er braucht, um gesund zu werden, nur mäßiger als bisher zu sein. Übrigens liegt ihm gar nichts daran, mich zu sehen und durch mich gesund zu werden. Er hat mich soeben aus dem Hause geworfen.«

»Dich? Unmöglich!«

»Es ist nicht nur möglich, sondern sogar wirklich. Er hat mir die mir gebührende Gastfreundschaft verweigert, obgleich ich ihm von dem Reïs Effendina Achmed Abd el Insaf empfohlen worden bin.«

»Von diesem! O, den haßt der Haushofmeister, weil er von ihm stets grob behandelt wird. Käme die Empfehlung von einem anderen, so hätte der Haushofmeister sich nicht so schlimm an dir vergangen. Nun, da er dich so sehr beleidigt hat, darf ich freilich nicht zu ihm gehen. Ich bin dir so großen Dank schuldig und möchte dich nicht weitergehen lassen. Verzeihe mir, wenn ich zu kühn bin; aber ich bitte dich, dir meine Wohnung anzusehen, und wenn sie dir gefällt, so wird es mir zur größten Freude und Ehre gereichen, dich als meinen Gast bei mir zu sehen.«

Er sagte das in einem solchen Tone, daß ich fühlte, es sei eine Beleidigung für ihn, ihn mit seiner Bitte abzuweisen. Seine Frau hob die zusammengelegten Hände bittend gegen mich empor, und sein Sohn meinte:

»Herr, bleib‘ da! Mein Kopf schmerzt so gar sehr, und du kannst mir dann gleich helfen, wenn es schlimmer wird.«

»Nun gut, ich bleibe,« antwortete ich. »Der Haushofmeister wird euch meine Sachen, welche noch bei ihm liegen, ausliefern. Doch erwarte ich, daß es euch nicht schwer fällt, einen Gast bei euch zu haben.«

»Schwer? O nein!« beruhigte mich der Mann. »Ich bin nicht arm; ich bin der Emir achor, des Pascha und kann dir ganz dasselbe bieten, was du von dem Haushofmeister erhalten hättest. Erlaube, daß ich dir deine Wohnung zeige, und ihr eilt jetzt zum Haushofmeister und holt die Gegenstände, welche dem Effendi gehören!«

Dieser Befehl wurde den Trägern erteilt, welche sich entfernten, um denselben auszuführen. Der Stallmeister geleitete mich durch mehrere Thüren in ein großes, schönes Eckzimmer, dessen eine Thüre in den Hof führte, durch welchen ich gekommen war. Er freute sich herzlich darüber, daß mir dieser Raum gefiel, und bat mich um Verzeihung, daß er sich für einige Augenblicke entfernen müsse, um für seinen Sohn zu sorgen.

So hatte ich also doch im Palaste ein Unterkommen gefunden, und zwar bei einem Manne, welcher mir hundertmal sympathischer als der unförmliche Haushofmeister war. Hätte ich diesen letzteren nur kurze Zeit früher oder später verlassen, so wäre ich nicht dem vom Pferde Gestürzten begegnet und hätte mir in der Stadt eine Wohnung suchen müssen.

Mein Wirt kehrte sehr bald zurück. Er brachte, um mich zu ehren, mir die Pfeife und brannte sie mir auch selbst an. Dann kamen die Träger und brachten mir meine beiden Gewehre und mein anderes Eigentum. Der eine von ihnen berichtete mir:

»Effendi, wir mußten dem Haushofmeister sagen, wo du dich befindest. Als er hörte, daß du ein berühmter Arzt bist, der eine Flasche des Lebens hat, bereute er, unaufmerksam gegen dich gewesen zu sein, und läßt dich ersuchen, ihn bei dir zu empfangen. Er ist sehr krank; unsere Ärzte haben ihm gesagt, daß er zerplatzen werde, und so meinte er, Allah habe dich gesandt als den einzigen, der ihm Hilfe bringen kann.«

»Gut, sagt ihm, daß er kommen darf.«

Es fiel mir nicht ein, dem dicken Schwarzen sein Verhalten nachzutragen und ihn jetzt abzuweisen; ich sagte mir vielmehr, daß seine entsetzliche Krankheit den Stoff zu einer keineswegs tragischen Unterhaltung liefern werde. Er ließ nicht lange auf sich warten. Fast fühlte ich Mitleid, als ich die zerknirschte Miene sah, mit welcher er sich mir näherte.

»Effendi, verzeihe!« bat er. »Hätte ich geahnt, daß du ein so–«

»Sprich nicht weiter!« unterbrach ich ihn. »Ich habe dir nichts zu verzeihen. Der Reïs Effendina ließ es an der schuldigen Höflichkeit mangeln; er war es, der den Fehler begangen hat.«

»Du bist sehr gütig. Darf ich mich zu dir setzen?«

»Ich bitte dich sogar, es zu thun.«

Er nahm mir und dem Stallmeister gegenüber Platz. In dieser sitzenden Stellung sah man weit deutlicher als vorher, welch einen ungeheuern Umfang sein Körper hatte. Er war noch viel, viel beleibter als Murad Nassyr, mein dicker, türkischer Freund. Sein Atem ging beinahe röchelnd; seine Wangen glichen gefüllten Backentaschen, und sein Gesicht war – das sah man trotz der schwarzen Hautfarbe – so blutreich, daß anzunehmen war, ein Schlagfluß müsse seinem Leben ein Ende machen, wenn er nicht noch vorher an einer Verdauungsstörung sterben werde. Als er bemerkte, daß ich ihn so aufmerksam betrachtete, sagte er seufzend:

»Du irrst dich, Effendi. Ich bin nicht so gesund, wie du denkst. Man hält leider die Fetten stets für gesund.«

»Ich nicht. Die Ärzte in Germanistan wissen recht wohl, daß der Mensch dem Tode desto näher steht, je fetter er ist.«

»Allah schütze mich! Sage mir schnell, wie lange ich noch zu leben habe!«

»Wann hast du zum letztenmal gegessen?«

»Heute früh.«

»Und wann wirst du wieder essen?«

»Heute mittag, also in einer halben Stunde.«

»Und was hast du heute früh genossen?«

»Sehr wenig, nur ein Huhn und einen halben Hammelrücken.«

»Was wirst du zum Mittag essen?«

»Auch sehr wenig, nämlich die andere Hälfte des Hammelrückens, abermals ein gebratenes Huhn mit einem Häuflein Reis, nicht größer als ein Turban ist; dazu nur noch einen Fisch, vier Hände lang, und einen Teller mit Negerhirsen, in Milch gekocht.«

»So befürchte ich, daß du den heutigen Abend nicht erleben wirst!«

»O Himmel, o Erde! Ist das dein Ernst?«

»Ja, es ist mein vollständiger Ernst. Wenn ich nur den vierten Teil dessen, was du jetzt genannt hast, essen wollte, so würde ich fürchten, auseinander zu platzen.«

»Ja, du! Dein Leib und mein Leib! In den meinigen geht ja sechsmal mehr als in den deinigen!«

»O nein! Oder meinst du, daß unsere Leiber hohle Fässer sind? Du hast dich nicht nur dick, sondern auch krank gegessen. Ich höre, daß du an Magenschmerzen leidest?«

»Man hat dich recht berichtet. Diese Schmerzen sind nicht auszuhalten.«

»Kannst du sie mir beschreiben? Wo thut es weh?«

»Hier,« antwortete er, indem er die Hand auf die Magengegend legte.

»Welcher Art sind die Schmerzen? Sticht es?«

»Nein. Das ist eben der Schmerz, daß ich gar nichts fühle, daß es ist, als ob ich gar nichts im Leibe hätte.«

»Ach so, ich verstehe! Wann kommen diese Schmerzen? Regelmäßig oder unregelmäßig?«

»Sehr regelmäßig, stets ganz kurz vor der Mahlzeit, so daß ich sofort essen muß.«

Ich gab mir Mühe, das Lachen zu unterdrücken, und sagte, indem ich ein sehr ernstes Gesicht zeigte:

»Das ist freilich eine schlimme, eine sehr schlimme Krankheit!«

»Ist sie zum Tode?« fragte er ängstlich.

»Unbedingt, wenn nicht Hilfe geschafft wird.«

»So sag‘ schnell, kannst du helfen? Ich werde dich mit Gold belohnen!«

»Ich kuriere dich umsonst. Wenn man nur erst den Namen der Krankheit weiß und das betreffende Mittel kennt, so ist sehr leicht zu helfen.«

»Wie heißt meine Krankheit?«

»Bei den Franzosen wird sie faim und bei den Engländern hunger oder appetite genannt; den hiesigen Namen brauchst du nicht zu wissen.«

»Ich mag ihn gar nicht kennen, wenn du mir nur das richtige Mittel nennen kannst.«

»Ich kenne es.«

»So sage es; sage es schnell! Ich bin der Haushofmeister des Pascha und habe Geld in Hülle und Fülle. Ich wiederhole, daß ich dich mit Gold bezahlen werde!«

»Und ich wiederhole, daß ich keine Bezahlung annehmen werde. Dennoch wirst du nicht, ohne in den Beutel zu greifen, davonkommen. Was haben dir die hiesigen Ärzte geraten?«

»Ich soll hungern. Sie sagen, mein Magen sei schwach.«

»Die Thoren! Es findet gerade das Gegenteil statt. Du hast einen starken Magen. Wir Ärzte nennen diese Krankheit einen Rhinozeros- oder Nilpferdmagen. Darum darfst du nicht hungern, sondern du mußt essen, viel essen.«

Sein Gesicht glänzte vor Entzücken. Er schlug die fetten Hände auf die breiten Kniee und rief aus:

»Essen soll ich; essen darf ich; es wird mir sogar befohlen zu essen! O Muhammed, o ihr Kalifen alle! Das ist eine Medizin, gegen welche weder mein Herz noch mein Verstand etwas einzuwenden hat.«

»Es ist die einzige Medizin, welche dir zu helfen vermag, nur muß sie in der richtigen Weise genommen werden.«

»In welcher Weise?«

»Sobald du die große Leere im Magen fühlst, verbeugest du dich siebenmal in der Richtung gegen Mekka; dann setzest du dich nieder, um so viel und so lange zu essen, bis das Gefühl der Leere verschwunden ist.«

»Was denn? Was soll ich essen?«

»Alles, was dir schmeckt. Wenn du dich dann wohler fühlst, so erhebst du dich, um dich nun neunmal gegen Mekka zu verbeugen, und zwar so tief, daß dein Haupt den Boden berührt.«

»Werde ich das fertig bringen?«

»Du mußt es!«

»Aber wenn es doch nicht geht?«

»Es muß gehen, sonst hilft das Mittel nichts. Nimm die Hände zu Hilfe, Wenn du sie auf den Boden stemmst, wirst du den Kopf auch hinunter bringen. Versuche es einmal!«

Er stand gehorsam auf und machte den Versuch. Es war wunderbar anzusehen, wie er auf allen vieren stand und sich bestrebte, mit dem Kopfe den Teppich zu berühren. Noch größer aber war das Wunder des Ernstes, den zu behaupten mir gelang. Es wurde ihm schwer; er wollte es erzwingen, verlor die Balance und schlug einen Purzelbaum. Doch raffte er sich rasch auf und erneuerte den Versuch, welcher ihm nun gelang.

»Es geht, es geht!« rief er froh. »Aber ich werde es heimlich machen müssen, da es, wenn andere sich dabei befänden, um den Ruhm meiner Würde geschehen wäre. Was soll ich noch weiter thun?«

»Dankbare Wohlthat üben.«

»An wem?«

»Ich sah auf dem Wege hierher so viele, viele Augenkranke; meist waren es Kinder. Sie sind an der Entzündung erblindet, und die geschwollenen Augen sind mit Fliegen bedeckt, welche den Eiter fressen.«

»Ja,« nickte er, »es giebt hunderte von solchen Kindern; sie sitzen an den Wegen, um die Vorübergehenden um eine Gabe zu bitten.«

»Nun, du bist reich, und der Prophet gebietet, Almosen zu geben. Willst du von meinem Mittel gesunden, so laß fünfzig solche blinde Kinder kommen, um jedem derselben zwei Piaster zu schenken und zwar alle drei Monate einmal.«

»Effendi, ich werde es thun, denn ich bin überzeugt, daß dein Mittel vortrefflich ist. Du bist ein großer Arzt und in kurzer Zeit wird dein Ruhm in allen Ländern des Niles und weit darüber hinaus erschallen. Soeben fühle ich die Leere in der Magengegend. Darf ich gehen, um zu essen?«

»Ja, beeile dich! Aber vergiß die Verbeugungen und dann auch die blinden Kinder nicht!«

»Ich werde gleich nach dem Essen das Geld selbst unter sie verteilen. Hoffentlich hast du die Güte, mich zu besuchen, um dich von meinem guten Befinden zu überzeugen. Du bist ein Christ; dennoch wünsche ich, daß dir die Pforten des Paradieses offen stehen mögen, da du nicht die Grausamkeit besitzest, einen kranken Magen durch Hunger heilen zu wollen.«

Er reichte mir die Hand und entfernte sich. Der Stallmeister hatte sich sehr ernst und schweigsam verhalten. Jetzt zuckte ein leises Lächeln um , seinen Bart, und er meinte.

»Effendi, du bist nicht nur ein kluger Arzt, sondern auch ein lustiger und guter Mensch.«

»Wieso gut?«

»Weil du für die Blinden sorgst.«

»Und wieso lustig?«

»Oder wäre es wirklich dein Ernst gewesen?«

»Was?«

»Daß du ihm – – hm! Verzeihe! Wie könnte mein Blick deine Kenntnisse und Mittel durchdringen! Mekka ist die heilige Stadt, und so werden die sieben und neun Verbeugungen gewiß höchst notwendig sein; ich glaube es. Ein Arzt, welcher das Leben aus einer Flasche spendet, muß auch wissen, welche Wirkung eine Verbeugung nach Mekka hat. Ein anderer als du hätte mir den Sohn nicht retten können. Verständest du doch auch, mich von der Sorge zu befreien, welche noch auf meiner Seele lastet!«

»Hast du noch eine Sorge? Darf ich erfahren, welche? Wir Franken können viel, was euch unmöglich erscheint.«

»Das nicht. Hier könnte nur ein Beduine helfen, und zwar einer, welcher den Mut hat, sein Leben zu wagen. Die Franken besitzen zwar auch Pferde, aber sie sind keine Reiter.«

»So handelt es sich also ums Reiten, um ein Pferd?«

»Ja, um ein Pferd, welches schlimmer als der Teufel ist. Ich muß dir sagen, daß unser Pascha jenseits Mekka einen Blutsbruder hat, der ihm vor mehreren Wochen einen echten EI Bakarra-Hengst, einen Grauschimmel schickte. Hast du schon einmal von den Pferden der Bakarra gehört?«

»Ja. Sie sollen die feurigsten Arabiens sein.«

»Und weißt du, daß von allen Pferden die Grauschimmel am ungehorsamsten sind?«

»Man sagt es zwar; einem guten Reiter aber muß jedes Pferd gehorchen und eine Farbe wie die andere sein.«

»Sprich nicht so, Effendi! Du bist ein vortrefflicher Arzt, aber ein Reiter kannst du unmöglich sein, erstens als Gelehrter und zweitens als Europäer überhaupt. Ich bin Stallmeister des Pascha und habe noch jedes Pferd bezwungen. Ich bin bei allen Stämmen der Nilländer gewesen, um mit ihnen um die Wette zu reiten, und noch nie besiegt worden. Dieser Grauschimmel aber hat mich abgeworfen, kaum nachdem es mir mit wahrer Lebensgefahr gelungen war, in den Sattel zu kommen. Wenn der Pascha zurückkehrt, soll das Tier wenigstens so weit gezähmt sein, daß er es besteigen kann; das hat er befohlen. Aber um es satteln zu können, muß man es fesseln, und dann, wenn man es besteigen will, schlägt und beißt es so toll um sich, daß man sich unmöglich nähern kann. Es hat mir schon mehrere Reitknechte zu schanden geschlagen, und vorhin hast du ja gesehen, wie es meinen Sohn zugerichtet hat.«

»Er ist abgeworfen worden; folglich hat er im Sattel gesessen. Wie ist er denn hinaufgekommen, da du sagst, daß es sich nicht besteigen läßt?«

»Es wurde mit Stricken gefesselt, so daß es auf der Erde lag. Dann legte man ihm den Sattel auf, und als mein Sohn aufgestiegen war, wurden die Fesseln schnell entfernt. Die Reitknechte, welche dies thaten, mußten augenblicklich fliehen, und ebenso rasch flog mein Sohn aus dem Sattel gegen die Wand.«

»Wo befindet sich das Pferd?«

»Draußen im Hofe der Ställe. Niemand hat den Mut, es jetzt zu berühren. Wir warten, bis es von selbst in den Stall zurückgekehrt ist.«

»Darf ich es einmal sehen?«

»Ja; aber du mußt mir versprechen, dich fern zu halten!«

»Ich verspreche es.«

»So komm! Du wirst ein Pferd erblicken, wie es in deinem Vaterlande noch keins gegeben hat und auch nie eins geben wird.«

Er hatte mich sehr neugierig gemacht. Ein echter EI Bakarra-Hengst! Mein Rih, der mich so weit herumgetragen hatte, war von demselben edlen Blute gewesen. Der gute Stallmeister ahnte nicht, daß ich noch ganz andere Pferde als er zwischen den Schenkeln gehabt hatte. Ich war schon jetzt, noch ehe ich den Grauschimmel sah, vollständig überzeugt, daß man ihn nicht richtig zu behandeln verstand. Selbst der feurigste Araberhengst ist, wenn man ihn zu nehmen weiß, fromm wie ein Kind. Warum sollte gerade dieser hier eine Ausnahme machen!

Der Stallmeister führte mich durch das Nebengemach in einen Gang, welcher durch eine Thüre, die jetzt verriegelt war, in einen größeren Hof mündete. Als er den Riegel zurückgeschoben und die Thüre leise und vorsichtig ein wenig geöffnet hatte, konnte ich den Hof überblicken. Er war mit Sand bestreut, und zahlreiche Hufspuren bewiesen, daß hier Pferde zugeritten wurden oder sich da im Freien tummeln durften. jetzt war nur ein einziges zu sehen, der Grauschim melhengst. Er stand im Schatten der Mauer, an welcher er sich behaglich rieb. Mein Herz wollte bei seinem Anblicke höher schlagen.Ja, das war ein echter, ein vollblütiger Araber! Der kurze, feine, aber sehnige und elastische Bau, der kleine, schöne Kopf mit den großen, feurigen Augen, die zierlichen und doch kräftigen Glieder, der schlanke, in die Höhe strebende Hals, der hoch angesetzte und prächtig getragene Schweif, die weiten, rötlichen Nüstern und eine leichte Mähne mit jenen zwei Wirbeln, welche bei den Beduinen als Zeichen des Mutes und der Ausdauer gelten – es war für den Kenner ein Anblick, welcher das Verlangen erregte, sofort aufzusteigen und hinaus in die unendliche Wüste zu jagen.

Der Hengst trug den Sattel, aber er rieb sich nicht an der Mauer, um denselben abzuscheuern; er war also gewöhnt, unter dem Sattel zu gehen. Seine Haltung war so ruhig, so fromm, daß man der Erzählung des Stallmeisters keinen Glauben hätte schenken mögen.

»Nun?« fragte dieser. »Wie gefällt er dir? Du bist zwar kein Kenner, aber dennoch wirst du zugeben, daß du noch kein solches Tier gesehen hast.«

»Es ist Radschi pack,« antwortete ich kurz.

Diesen Ausdruck hatte er wohl nicht erwartet, denn er blickte mich verwundert an und meinte:

»Was kannst du vom Stammbaum wissen! Du wirst dies Wort einmal gehört und es dir gemerkt haben. Ich sage dir, daß meine Augen noch nie ein solches Pferd erblickten.«

»Ich habe schon schönere gesehen. Übrigens bin ich auch der Ansicht, daß dieser Schimmel ein sehr frommes Pferd ist.«

»Das eben ist grundfalsch. Sieh nur das Feuer seiner Augen! Er dünkt sich allein und unbeachtet. Ich will einmal hinaustreten; dann wirst du gleich sehen, wie sehr du dich irrtest.«

Er öffnete die Thüre vollends und trat in den Hof hinaus. Der Hengst erblickte ihn, stieg sofort vorn in die Höhe, kam herbeigaloppiert und drehte sich um, um mit den Hinterhufen nach ihm auszuschlagen. Der Stallmeister wäre getroffen worden, wenn er sich nicht schnell in den Gang zurückgezogen und die Thüre zugemacht hätte.

»Siehst du den Teufel!« sagte er. »Jedes andere Pferd wäre scheu im Hofe herumgerannt; dieser Sohn der Hölle aber kommt direkt auf mich zu, um mich zu schlagen.«

»Das ist ein Beweis seines echten Blutes. Er hat Verständnis und Gedächtnis. Ihr habt ihn jedenfalls wiederholt beleidigt, und nun ist er widerspenstig und halsstarrig geworden. Es kommt vor, daß ein gewöhnlicher Karrengaul seinen Herrn, der ihn fortgesetzt hart behandelt hat, mit den Hufen und Zähnen tötet. Bei einem so edlen Rosse, wie dieser Schimmel ist, bedarf es gar keines so bedeutenden Anlasses, um es unversöhnlich zu erzürnen. Ihr habt es falsch, grundfalsch behandelt.«

Der Blick, welchen der Stallmeister jetzt auf mich warf, war wirklich köstlich. So mag ein Professor seine Quartaner ansehen, wenn es diesen einfallen sollte, ihn über die Art und Weise, wie man Kometen entdeckt, zu belehren. Er brach in ein helles Gelächter aus und rief:

»Falsch behandelt? Wie meinst denn du, daß Pferde behandelt werden müssen?«

»Als Freunde, aber nicht als Sklaven ihrer Reiter. Das Roß ist das edelste Tier; es hat mehr Charakter als der Hund und der Elephant. Läßt es sich zwingen, so taugt es nichts, denn es hat auf seinen Adel verzichtet und ist eine gemeine, ehrlose Kreatur geworden. Ein edles Pferd opfert sich auf; es sieht den sichern Tod vor Augen und sprengt ihm doch entgegen, um seinen Reiter zu retten. Es hungert und dürstet mit seinem Herrn; es freut sich und grämt sich mit ihm, könnte man fast sagen, wenn das Tier menschlicher Regungen fähig wäre. Es wacht für ihn, und wenn es eine Gefahr wittert, so zeigt es ihm dieselbe an. Bete einem edlen Rosse seine Sure in das Ohr; rufe das Wort des ›Zeichens‹ aus, und es wird mit dir wie ein Wind davonfliegen und nicht innehalten, bis es tot zusammenbricht!«

»Effendi, was weißt du von einem Worte des ›Zeichens‹ und von dem allabendlichen in-das-Ohr-Beten der Sure? Das sind Geheimnisse, welche der Besitzer keinem andern, nicht einmal seinem erstgebornen Sohne verrät.«

»Das weiß ich. Ich habe einen echten Schammarhengst besessen, welcher sein Geheimnis und seine Sure hatte, welche ich ihm täglich vor dem Schlafengehen in das Ohr betete. Er war ein so kostbares Tier, daß ich ihn gegen drei Pferde, wie dieser Grauschimmel ist, nicht hingegeben hätte.«

»Wie? Du hättest einen Schammarhengst besessen?«

»Ja. Ich befand mich damals bei den Haddedihn vom Stamme der Schammar. Wollen kurz sein! Du befürchtest, dir den Zorn des Pascha zuzuziehen, und glaubtest vorhin, daß ich nicht imstande sei, dich von dieser Sorge zu befreien. Du hegest die Ansicht, ein Franke könne nicht reiten und auch kein Pferdekenner sein. Ich will dir das Gegenteil beweisen. Ich besteige das Pferd und reite es. Willst du wetten?«

»Um Allahs willen, was fällt dir ein! Du würdest den Hals brechen!«

»Fällt mir nicht ein! Es wird mir ein Vergnügen sein, dir zu beweisen, daß ihr dieses edle Pferd schlecht behandelt habt. Rufe deinen Sohn und die Reitknechte herbei, damit sie lernen, wie man es machen soll!«

Er hielt mich für einen Laien, welcher sich mutwillig in eine Gefahr begiebt, deren Größe er gar nicht zu beurteilen weiß, und gab sich alle Mühe, mich von meinem Vorhaben abzubringen. Endlich gab er nach. Ich wollte ihm beweisen, daß ein Beduine vor einem Europäer nichts voraus haben müsse. Ich ging in mein Zimmer, um – infolge einer ganz gewissen Absicht – meinen hellen Haïk zu holen, und er suchte indessen seine Leute zusammen. Sie versammelten sich in einem Raume, welcher an das niedrige Stallgebäude stieß und von dem aus man leicht auf das platte Dach desselben steigen konnte. Es fanden sich auch noch andere ein. Zuletzt kam der dicke Haushofmeister zur Thüre hereingekeucht und rief mir außer Atem zu: des leibhaftigen Teufels besteigen willst. Hüte dich vor ihm! Fiele ich von seinem Rücken, so käme ich vielleicht mit dem Leben davon, weil meine Knochen von den weichen Kissen des Fleisches umbettet sind. Wirft er aber dich ab, so fahren deine Gebeine auseinander wie ein Rattennest, in welches eine Katze springt.«

»Sorge dich nicht um mich. Hast du gegessen?«

»Ja.«

»Fühlst du noch Schmerzen?«

»Nein.«

»So steige hinaus auf das Dach des Stalles, und siehe zu, wie schnell der Grimm des Teufels sich in Freundlichkeit verwandeln wird! Er hat niemals in einem Stalle gesteckt; daß er hier eingesperrt worden ist, hat seine Wut erregt. Auch befremdet ihn die Kleidung der Leute. Er hat in seiner Heimat nur Männer getragen, welche in den Haïk gehüllt waren. Das mußtet ihr bedenken. Und anstatt diese Fehler in Liebe gut zu machen, habt ihr ihn mit Strenge behandelt. Sagt, wie heißt der Grauschimmel?«

»Er hat noch kein Geheimnis und noch keinen Namen, da er ein Geschenk werden sollte. Beides soll ihm erst noch vom Pascha gegeben werden.«

»Das ist es, was ich wissen will. Der Beduine pflegt sein Pferd beim Namen oder bei der Farbe zu rufen, und zwar mit sehr schriller Stimme. Ich bin fest überzeugt, daß der Schimmel, falls ich das bei ihm thue, mir gehorchen wird. Also steigt auf das Dach, damit ihr sicher seid! Ich werde erst so, wie ich dastehe, auf den Hof treten und dann im Haïk, und ihr sollt den Unterschied sehen.«

Die Leute folgten meiner Aufforderung. Als sie mit untergeschlagenen Beinen oben nebeneinander saßen, machte ich die Thüre auf und stellte mich vor dieselbe. Kaum hatte der Hengst mich erblickt, so kam er schnaubend herbeigeflogen, und ich mußte mich durch einen schnellen Sprungvor seinen Hufen in das Innere retten. Er blieb draußen stehen, und es dauerte eine geraume Zeit, ehe er sich beruhigte und sich entfernte. Jetzt fuhr ich in den Haïk und zog die Kapuze desselben über den Kopf; dies gab mir das Aussehen eines Beduinen. Der Raum, in welchem ich mich befand, war eine Vorkammer zum Stalle und enthielt nur Gegenstände, welche zu demselben und den Pferden in Beziehung standen. In der Ecke sah ich ein Gefäß mit jener geringsten Sorte von Datteln, welche Bla Halef genannt und mit welchen die Pferde gefüttert werden. Ich steckte einige Hände voll davon ein.

Der Hengst stand jetzt, von mir aus gerechnet, am entferntesten Punkte des Hofes, mit dem Kopfe von mir abgewendet. Ich öffnete die Thüre so leise, daß er es nicht hörte. Die Augen der oben Sitzenden waren mit größter Spannung auf mich und das Pferd gerichtet.

»Ia Hsan azrak!« rief ich so schrill wie möglich. Das Tier fuhr mit dem Kopfe herum. Jetzt mußte sich zeigen, ob ich richtig oder falsch vermutet hatte. Hatte ich mich verrechnet, so befand ich mich in keiner geringen Gefahr, welche ich aber auch zu überstehen hoffte. Das Pferd stutzte; es blieb stehen, mit hoch erhobenem Kopfe nach mir blickend. Es öffnete die Nüstern; es spielte mit den kleinen Ohren, und es wehte mit dem Schwanze; es war ein Bild der Überraschung. jetzt kam das Wagnis. Ich entfernte mich von der Thüre, nahm einige Datteln in die Hand, streckte dieselbe aus und ging auf den Schimmel zu. Vom Dache herunter erschollen Warnungs- und Schreckensrufe.

»Ia Hsan azrak!« lockte ich abermals, indem ich langsam weiterschritt, den Blick fest aber freundlich auf den Hengst gerichtet. Er wieherte leise auf, drehte sich vollends herum und kam in einem kurzen, eleganten Bogen auf mich zugetänzelt. Kurz vor mir blieb er stehen, die Vorderhufe fest eingestemmt und mich mit weit offenen Augen und Nüstern taxierend.

»Grauschimmel, mein Liebling, mein Guter, nimm, friß!« forderte ich ihn in sanftem, zutraulichem Tone auf, indem ich vollends zu ihm herantrat und ihm die Datteln an die halbgeöffneten Lippen hielt. Natürlich mußte ich mich des Arabischen bedienen, da diese Klänge ihm bekannt waren. Er beschnoberte meine Hand, dann den Arm bis herauf zur Achsel und nahm dann eine Dattel, noch eine und noch eine, bis sie alle waren. Ich hatte gesiegt.

Ich nahm noch mehr aus der Tasche, hielt sie ihm mit der Linken hin und liebkosete mit der Rechten seinen schönen Hals. Dann zog ich seinen Kopf nieder und flüsterte ihm diejenige Kuransure, welche mir gerade einfiel, in das Ohr. Das thut der Araber allabendlich mit seinem Lieblingspferde. Er hat dabei stets eine und dieselbe Sure. Ist dieselbe gebetet, so schlafen beide, Pferd und Reiter ein. Das erstere wird dieses Flüstern so gewohnt, daß es einen etwaigen Käufer oder überhaupt späteren Besitzer, welcher dies unterlassen wollte, nicht als Herrn anerkennen und ihm nur mit Widerstreben gehorchen würde.

Der Hengst stutzte. Ob ich die ihm gewohnte Sure traf, was jedenfalls nicht der Fall war, das war natürlich gleichgültig. Die Hauptsache lag in dem Vorgang überhaupt und in dem Flüstertone. Das Tier ließ einen leisen Laut, fast wie ein fröhliches, nach innen gerichtetes Wiehern hören; dann hob es den Kopf und wieherte so schmetternd, daß nicht wenig fehlte, und ich wäre erschrocken zur Seite gesprungen. Nun rieb es seinen Kopf an meiner Schulter und strich mir mit den Lippen wie küssend über das Gesicht. Ich legte ihm beide Arme um den Hals, drückte den Kopf an mich und hielt ihm den Mund an das Ohr, um leise weiter zu flüstern. Das war das Zeichen zum Ruhen, zum Schlafen, und ich erreichte meine Absicht glänzend, denn noch hatte ich nur wenige Verse gesprochen, so legte das Pferd sich nieder, und ich streckte mich zwischen seine Beine hin, indem ich seinen Leib als Kopfkissen benutzte. Vom Dache herab waren laute Rufe der Bewunderung zu hören.

So lagen wir einige Zeit; dann sprang ich plötzlich auf und rief:

»Dir balak, ‚l a’adi – paß auf, die Feinde!«

Im Nu stand das Pferd neben mir, und ich stieg in den Sattel, ohne daß es auch nur die geringste Bewegung des Sträubens machte. Wohl eine halbe Stunde lang ritt ich die arabische Schule durch und fand bei dem Tiere ein solches Verständnis, ein solches Zartgefühl selbst für den leisesten Druck, daß ich hätte glauben können, es verstehe mich vollkommen und unser beiderseitiger Wille sei ein einziges Wollen. Nachdem ich abgestiegen war, belohnte ich es durch Streicheln und die noch übrigen Datteln. Dann führte ich es in die dafür bestimmte Abteilung des Stalles, welche noch offen stand, und brachte es durch sanfte Worte so weit, daß es sich dort willig niederlegte. Als ich mich entfernte, folgte es mir mit den Augen und wieherte mir leise nach.

Als ich mich wieder in dem Hofe befand, wurde ich von den Zuschauern gefragt, ob sie es wagen dürften, zu mir herabzukommen, und ich antwortete getrost bejahend. Dennoch traten sie aus Angst vor dem Pferde sehr zaghaft auf, und als ich sie ersuchte, mit mir in den Stall zu kommen, folgten sie mir nur, indem sie sich hinter meinen Rücken versteckten. Kaum war der Blick des Hengstes auf sie gefallen, so sprang er auf und begann, mit allen vieren um sich zu schlagen. Ich trat zu ihm und brachte es durch Streicheln und Zureden so weit, daß er sich beruhigte und sich sogar von ihnen berühren ließ. Er hielt mich für seinen Herrn und duldete sie, wenn auch nicht gern.

Ich riet, ihn wieder in den Hof zu lassen. Als dies geschehen war, ritt ich einige Male die Runde, stieg dann ab und forderte den Stallmeister auf, den Sattel einzunehmen. Er zögerte. Die Sache mußte ihm allerdings bedenklich vorkommen, doch auf mein wiederholtes Zureden that er es doch. Der Hengst sträubte sich ein wenig und ging einige Male in die Höhe, ließ sich aber doch durch freundliches Zureden zum Gehorsam bringen, so daß der Reiter wiederholt um den Hof galoppieren konnte. Als er abgestiegen war, wurde der Grauschimmel im Freien gelassen, und wir, nämlich der Stallmeister, der Haushofmeister und ich, begaben uns in das Speisezimmer, in welchem das Mittagsmahl eingenommen werden sollte.

Da den Frauen und Töchtern nicht gestattet ist, mit den Männern zu essen, und der einzige Sohn des Hauses, über Kopfweh klagend, sich wieder zurückgezogen hatte, so waren eigentlich nur der Stallmeister und ich diejenigen, für welche das Essen aufgetragen wurde. Der Haushofmeister hatte schon gegessen und setzte sich in einiger Entfernung von uns nieder. Da aber wurde ein wahrer Berg fetten Pillaws und Rosinen gebracht, und dazu kam eine große Platte, auf welcher ein ganzer, gebratener Hammelleib, ohne den Kopf und die Vorderbeine, lag. Das duftete so schön und einladend, daß der Haushofmeister ein leises Räuspern hören ließ. Als dies den gewünschten Erfolg nicht hatte, begann er nachdrücklich zu husten, und zwar in einer so vielsagenden Art und Weise, daß der Stallmeister ein vollständiger Barbar gewesen wäre, wenn er ihn nicht verstanden hätte. Er fragte ihn also, ob er mitessen wolle.

»Nein,« antwortete der Unförmliche, indem er sich mit der Hand den Mund wischte. »Ich habe schon gegessen.«

Damit wäre die Sache abgemacht gewesen; aber da schnitt ich mir ein Stück Keule ab und zog, als ich den ersten Bissen im Munde hatte, mit Absicht ein so verklärtes Gesicht, daß der Dicke nicht zu widerstehen vermochte. Freilich hatte er schon abgesagt; aber es gab ein Mittel, diesen Fehler ungeschehen zu machen. Er griff zu demselben, indem er sich an mich wendete:

»Effendi, mein Magen beginnt schon wieder zu schmerzen. Es ist abermals die schreckliche Leere.«

»So mußt du essen.«

»Dann erlaube, daß ich mich entferne!«

»Nein, das wird er dir nicht erlauben.« fiel der Stallmeister ein. »Dafür aber wird er dir gestatten, mit uns zu speisen.«

»Wenn das der Fall ist, so nehme ich bei euch Platz. Ich habe schon daheim gegessen und werde hier nur ein wenig nippen.«

Er bediente sich des arabischen Wortes dahk, welches so viel wie kosten, versuchen, nippen bedeutet, und ich gestehe, daß ich auf dieses Nippen neugierig war. Nachdem er sein Kissen herübergebracht und sich zu uns gesetzt hatte, riß er sich, ohne ein Messer in Gebrauch zu nehmen, die andere Keule ab und wollte sie zum Munde führen, um sie direkt mit den Zähnen zu bearbeiten; da aber hielt ich seinen Arm und sagte:

»Halt! Willst du sterben?«

»Sterben? Allah verhüte es! Warum fragst du mich so?«

»Vor dem Essen dich siebenmal gegen Mekka verneigen! Verstanden?«

»Ich will ja nicht essen, sondern bloß ein wenig nippen!«

»Es ist ganz gleich, ob du viel oder wenig genießest. Was der Arzt verordnet hat, das muß streng befolgt werden.«

»Du hast recht, Effendi. Es handelt sich um mein Leben, und so muß und werde ich gehorchen.«

Er erhob sich, nahm die Richtung gegen Mekka und machte, die tropfende Keule in der Hand, sieben tiefe Verbeugungen. Dann setzte er sich nieder und begann zu ›nippen‹. Nun, wenn das genippt oder gekostet war, so möchte ich einmal wissen, was essen ist! Es ging mir hier gerade so wie mit Murad Nassyr, meinem dicken türkischen Freunde in Kairo. Ehe ich nur die Hälfte meines kleinen Stückes verzehrt hatte, war die Keule verschwunden. Dann kam die eine Brust daran, welche mit wahrhaft virtuosem Geschicke von den Knochen losgezogen wurde. Während meine Hand nur niedliche Vertiefungen in dem Pillawberge zurückließ, riß der Haushofmeister ganze Gletscher, denen riesige Bergstürze folgten, los. Weißglänzende Reis-Firnen und großblockige Fleischmoränen verschwanden hinter seinem mächtigen Gebisse. Ich konnte nicht weiter essen, denn das Zusehen und Bewundern nahm meine ganze Thätigkeit in Anspruch. Der Stallmeister kannte seinen Mann; er beachtete ihn gar nicht und bemühte sich nur, seinem Beispiele zu folgen. So kam es, daß der Reis-Chimborasso immer niedriger und der Hammel immer magerer wurde, bis nur noch die Knochen übrig waren. Da wischte der große Esser sich die Hände an die Hose ab und sagte, indem er tief aufatmete:

»Meine Schmerzen sind verschwunden. Dem Propheten sei Lob und Dank gebracht!«

»So empfindest du die Leere des Magens nicht mehr?« fragte ich.

»Nein. Ich hatte ja zu Hause gegessen.«

»So wird es unserm guten Stallmeister erwünscht sein, daß du ein anderes Mal zu Hause nippst und hier issest. Aber, bist du wirklich fertig?«

»Ja. Oder giebt es denn noch etwas?«

»Zu essen wohl nicht, denn wir sind vollständig gesättigt. Wo aber bleiben die neun Verbeugungen?«

»Helft, ihr Kalifen! Die hätte ich fast vergessen. Doch, Effendi, warum hast du mir vor dem Essen nur sieben gewöhnliche Verneigungen befohlen, nach demselben aber neun, und diese mit dem Kopfe bis zum Boden nieder?«

»Weil dies die Vorschrift Hischams, des Kalifen ist, in dessen Palaste diese Verbeugungen vor und nach dem Essen gemacht werden mußten.«

»So stehe dieser heilige Hischam mir jetzt bei, daß der Glanz meines Ruhmes nicht das Übergewicht bekommt und auf die Nase fällt!«

Er stand schwer auf, stellte sich mit dem Gesicht gegen Osten, wo Mekka liegt, und gab sich alle mögliche Mühe, der grausamen Vorschrift Folge zu leisten. Er brachte es unter lautem Ächzen und Stöhnen nur dadurch fertig, daß er, durch die Schwere seines Leibes niedergezogen, allemal auf die Knie zu liegen kam. Das waren so unbeschreibliche Anstrengungen und Bewegungen, daß mir, obgleich ich mich hütete, laut zu lachen, die Thränen über die Wangen liefen, natürlich nicht diejenigen des Schmerzes und der Traurigkeit. Das war die Strafe dafür, daß er mir in das Gesicht gesagt hatte, ich als Christ verschimpfiere das Zimmer mit den Kuransprüchen. Aber, aufrichtig gestanden, hatte die Rachsucht weniger Teil daran als der angebotene Schabernack.

Der Dicke fühlte sich infolge der Anstrengung so ermüdet, daß er erklärte, er müsse unverweilt nach Hause gehen, um zu schlafen. Es stand zu erwarten, daß der Schlaf seinen kranken Magen wieder in den schmerzhaften, leeren Zustand versetzen werde, worauf mit Sicherheit ein reichliches Abendmahl folgen mußte. Vielleicht war dann einmal im Wad el Nil (einer arabischen Zeitung) zu lesen, daß er seinen Herrn, den Pascha, arm gegessen und bankerott geschlafen habe. Wir beiden andern blieben noch eine Weile sitzen, um uns über den vortrefflichen Grauschimmel zu unterhalten. Der Stallmeister fühlte sich ganz glücklich darüber, daß es mir gelungen war, denselben zur Raison zu bringen. Nun war ja alle Hoffnung vorhanden, daß das Pferd auch andere außer mir im Sattel dulden werde. Er gab mir zu, daß ein Christ und Europäer denn doch ein besserer Pferdekenner sein könne als ein Ägypter, und nahm mit Aufmerksamkeit die Lehren entgegen, welche ich ihm in Beziehung auf die Behandlung des Hengstes gab. Da er mich nur im engen Hofe in den Bügeln gesehen hatte und ich ihn merken ließ, daß ich ihm nicht nur im Kennen, sondern auch im Können wohl überlegen sei, was er zu bezweifeln schien, so schlug er mir vor, morgen am Vormittage einen Ritt nach der Wüste hinaus zu machen, und ich erklärte mich selbstverständlich bereit dazu. Es mußte ja ein Gaudium sein, mit einem solchen Tiere nicht durch, sondern über den Sand zu fliegen und die Geschwindigkeit eines Schnellzugs zu erreichen.

Die erste Hälfte des Nachmittages war vergangen; die zweite gedachte ich zu einem Spaziergange durch die Stadt zu verwenden, und zwar wollte ich dabei allein sein. Daher lud ich den Stallmeister, welcher wohl gern mitgegangen wäre, nicht zur Begleitung ein. Es war mir bestimmt, dabei eine wichtige Begegnung zu haben, die ich nicht im Traume für möglich gehalten hätte.

Draußen im vordern Hofe angekommen, wendete ich mich nämlich nicht dem Hafen, sondern der Stadt zu und kam an das weißgetünchte Grab eines Scheiks, bei welchem eine Brücke über den Kanal führte. Eben wollte ich dieselbe betreten, als ich voller Überraschung stehen blieb. Ich erblickte eine sehr lange und sehr schmale, weiß gekleidete Gestalt, welche einen riesigen Turban auf dem Haupte trug und in einem höchst charakteristischen schlingernden, schaukelnden Gange mir über die Brücke entgegen kam. Sah ich recht, oder irrte ich mich? Das war auch ein Haushofmeister, aber nicht der unförmliche des Pascha, sondern der spindeldürre meines türkischen Freundes Murad Nassyr in Kairo! jetzt sah auch er mich und blieb, so wie ich, stehen.

»Selim, bist du es denn wirklich?« rief ich ihm zu.

»Richtig, sehr richtig!« antwortete er mir mit seiner schnarrenden Stimme, indem er mir von weitem eine seiner halsbrecherischen Verbeugungen machte. »Und, Effendi, ist es denn auch richtig, daß du es bist? Dann sei Allah Dank, denn ich suche dich.«

»Du suchst mich? Ich glaubte dich bei Murad Nassyr in Kairo. Es müssen wichtige Gründe sein, welche euch veranlaßt haben, die Stadt eher zu verlassen, als berechnet war.«

»So meinst du, daß Murad Nassyr sich mit hier in Siut befindet?«

»Selbstverständlich!«

»Dann irrst du dich. Ich bin allein gekommen, um dich aufzusuchen.«

»Warum das? Doch warte! Hier auf der Brücke können wir uns unmöglich von solchen Sachen unterhalten. Laß uns ein Kaffeehaus aufsuchen; das wird das beste sein.«

»Das ist das allerbeste,« stimmte er bei, indem er eine Verbeugung machte und sich dann umdrehte, um mir weiter in die Stadt hinein zu folgen. Bald erblickten wir ein Kaffeehaus und traten ein. Wir fanden einen stillen Winkel und ließen uns Limonade geben. Dann erkundigte ich mich:

»Also, warum bist du allein gekommen, um hier nach mir zu suchen?«

»Weil mein Herr es mir befahl,« lautete die nicht eben geistreiche Antwort.

»Und welche Absicht hat er dabei?«

»Du sollst nicht allein hier sein.«

»Ah! Glaubt Murad Nassyr etwa, daß ich mich fürchte?«

»Das nicht; aber es ist auf jeden Fall besser, wenn ich bei dir bin. Ich war der berühmteste Krieger meines Stammes und nehme es, wie du weißt, mit allen Helden des Weltalls auf – –«

»Aber nur mit keinem Gespenste,« unterbrach ich ihn.

»Scherze nicht, Effendi! Gegen Geister kann man sich nicht mit Flinte und Messer verteidigen; da helfen nur Stoßgebete.«

»Aber es waren ja keine Geister!«

»Der reine Zufall! Es konnten auch wirkliche Seelen von wirklich Abgeschiedenen sein, und die kann man nicht erschießen, weil sie schon tot sind. Ich habe meine Pflicht gethan und an der Thüre auf der Lauer gelegen. Sende mir nur einmal leibhaftige, lebendige Feinde, etwa fünfzig oder hundert oder meinetwegen auch tausend! Du sollst sehen, wie mein Heldenarm unter ihnen aufräumt! Mein Mut ist wie der Sturm der Wüste, der alles niederreißt, und vor meiner Tapferkeit erbeben selbst die Felsen. Wenn ich im Kampfe meine Stimme und meinen Arm erhebe, so rennen selbst die Tapfersten davon, und vor dem Brüllen meines Gewehres hält kein Verwegener stand. Darum sendet mich Murad Nassyr zu dir, damit du sicher wohnen solltest unter dem Schilde meines Schutzes und dem Dache meiner Gönnerschaft.«

»Ich meine aber, es muß noch eine andere Absicht vorliegen.«

»Da irrst du dich. Ich weiß nur, daß ich dich beschützen soll, und alles andere ist mir unbekannt.«

Ich sah dem alten, feigen und doch so gutmütigen Schlagotodro an, daß er die Wahrheit sprach. Aber Murad Nassyr hatte jedenfalls einen ganz anderen Grund als den höchst lächerlichen, seinen »Richtig, sehr richtig« mir zum Schutze zu senden. Welcher Grund konnte das sein? Ich sann hin und her und fand nur einen einzigen Gedanken, welcher sich als stichhaltig erwies: Der Türke traute mir nicht. Glaubte er vielleicht, daß ich ihm, nachdem er für mich bezahlt und mir außerdem noch eine kleine Summe gegeben hatte, durchbrennen werde? Das wäre ein schändliches Mißtrauen gewesen, zu welchem ich ihm nicht die geringste Veranlassung gegeben hatte. Oder lag es wohl in den gegebenen Verhältnissen, daß ich, wenn ich mich allein in Siut befand, ihm ganz ohne alle Absicht einen Strich durch seine geschäftlichen Absichten machen könnte? Nun, dann hätte er nur aufrichtig sein und mir sagen sollen, welche Art von Plänen er im Auge hatte. War eins von beiden, oder auch beides der Fall, so schien mir Selim, so weit ich ihn kannte, nicht der Mann zu sein, mich von der Ausführung eines Entschlusses, von einer That zurückzubringen, die ich für gut und richtig und also für geboten halten würde. Mit einem Worte, ich hatte das aufrichtige Gesicht meines dicken Türken nicht mehr vor Augen; ich betrachtete ihn jetzt aus der Ferne, und da wollte mein Vertrauen wankend werden. Er erschien mir berechnender und egoistischer als vorher, und es stieg eine Ahnung in mir auf, daß es geraten sei, vorsichtiger als früher mit ihm zu verfahren. Dabei dachte ich an den Reïs Effendina. Dieser hatte sich mir in jeder Beziehung so offen gegeben. Warum hatte er sich verschlossen, sich zurückgezogen, warum war er still geworden, sobald der Name Murad Nassyrs erwähnt worden war? Das mußte doch einen Grund haben, einen Grund, welcher nicht in dem einen und nicht stichhaltigen Umstande lag, daß der Emir glaubte, den Namen des Türken schon einmal gehört zu haben. Nun, die Ankunft des letzteren war in einigen Tagen zu erwarten, und dann hoffte ich, Gelegenheit zu finden, mir über seine Verhältnisse und Absichten klar zu werden. Bis dahin mußte ich mir die Anwesenheit und den Schutz des »Helden« Selim gefallen lassen. Dieser mochte, während ich diese Gedanken in mir erwog, Langweile fühlen, denn er unterbrach das Schweigen durch die Frage:

»Warum. bist du so still geworden? Ist es dir nicht recht, daß ich gekommen bin?«

»Es ist mir gleich, ob du dich in Kahira oder hier befindest,« antwortete ich. »Nur befürchte ich, daß du dich in Siut, wo du doch keine Beschäftigung hast, langweilen wirst.«

»Keine Beschäftigung? Langweilen? Das denke ja nicht! Ich habe ja dich hier, und die Aufgabe, dein Beschützer zu sein, wird mir genug Beschäftigung bringen. Ich darf dich nicht verlassen; Murad Nassyr, mein Herr, hat es befohlen.«

»Ah! So willst du wohl auch bei mir wohnen?«

»Natürlich! Wo hast du ein Unterkommen gefunden?«

»Im Palaste des Paschas. Ich weiß nicht, ob man dich dort gern aufnehmen wird.«

»Zweifelst du etwa daran? Ja, du bist leider ein Ungläubiger und weißt also nicht, daß der Islam jedem seiner Anhänger die größte Gastfreundlichkeit gebietet. Außerdem bin ich, als der größte Held meines Stammes, ein berühmter Mann, den selbst der Vizekönig willkommen heißen würde. Ich werde meinem Wirte sagen, daß ich ihn und meinen Freund verlassen muß, um in den Palast zu ziehen.«

»Ah, einen Freund hast du bei dir?«

»Ja. Ich lernte ihn auf dem Schiffe kennen, und er stieg mit mir hier aus, um mit mir zusammen zu wohnen. Nun aber werde ich ihn verlassen.«

»Was ist er?«

»Ein Händler, welcher in Siut Einkäufe machen will. Bleibe eine kleine Weile hier sitzen! Ich werde sofort zu ihm gehen, um ihn zu benachrichtigen.«

»Warte damit noch, bis wir erfahren, ob man bereit ist, dich im Palaste aufzunehmen.«

»Das brauchen wir gar nicht erst zu erfahren und zu versuchen, denn es kann gar kein Zweifel darüber herrschen.«

»Möglich. Aber dennoch will ich sicher gehen. Ich denke, du hast nichts dagegen, daß wir uns zunächst nach dem Palaste begeben.«

»Richtig, sehr richtig! Ich folge den Stapfen deiner Füße. Laß uns aufbrechen!«

Es war mir gar nicht lieb, für ihn um Aufnahme bitten zu müssen; aber ich war gezwungen, mich darein zu finden, denn dieser »größte Held seines Stammes« wich gewiß keinen Augenblick von mir. Ich bezahlte also, und dann brachen wir nach dem Palaste auf. Dort angekommen, sah ich den dicken Haushofmeister unter derselben Thüre stehen, an welcher er mich und den Reïs Effendina bei meiner Ankunft empfangen hatte. Er machte mir eine sehr tiefe Verneigung und warf einen fragenden Blick auf meinen Begleiter. Als ich ihm dessen Namen genannt und ihm gesagt hatte, daß derselbe bei mir zu bleiben wünsche, meinte er schnell und im gefälligsten Tone:

»Effendi, laß ihn zu mir! Ich habe dich verkannt, und darum bist du zum Stallmeister gegangen. Ich erkenne, daß deine Anwesenheit die Ehre unseres Hauses ist, und bitte dich, mir zu erlauben, meinen Fehler an diesem Manne gut machen zu dürfen.«

Das Anerbieten kam mir sehr gelegen, und ich sagte also zu. Wenn Selim von dem dicken Schwarzen beherbergt wurde, so wohnte er nicht direkt bei mir und konnte mich weniger belästigen. Er war auch selbst einverstanden und machte mir dies durch die Worte bemerklich:

»Siehst du, daß ich recht hatte, Effendi! Der Vorzug meiner Eigenschaften wird überall bewundert, und wo ich erscheine, finde ich die Thüren aller Häuser und Zelte offen. Bevor ich aber in diese gesegnete Wohnung trete, muß ich mich für kurze Zeit entfernen, um mich von meinem Wirte und meinem Gefährten zu verabschieden. Bald werdet ihr mein Angesicht wieder bei euch erscheinen sehen. Allah verlängere eure Tage und lasse euch die Freude meiner Anwesenheit mit dankbarer Aufmerksamkeit genießen.«

Er ging. Was sollte ich thun? Daheim bleiben und auf ihn warten? Ich hatte einen Spaziergang durch die Stadt machen wollen und konnte dies nun doch ausführen. Eben stand ich im Begriff, den Hof zu verlassen, als mein Stallmeister erschien und, was er vorher unterlassen hatte, mich bat, mich begleiten zu dürfen. Als das der Schwarze hörte, erklärte er, daß er, falls er sich uns nicht beigeselle, den Zorn Allahs und aller Kalifen auf sich laden werde. Er ersuchte mich also, einige Augenblicke zu verziehen, bis er dafür gesorgt habe, daß Selim während unserer Abwesenheit gut empfangen werde. Auch der Stallmeister zog sich für einige Minuten zurück, um sich vorzubereiten. Als beide wieder zum Vorscheine kamen, hatten sie sich mir zu Ehren in die besten Feierkleider geworfen. Der Haushofmeister brachte zwei Läufer und zwei Neger mit. Die ersteren sollten mit ihren weißen Stäben vor uns herschreiten, um uns nötigenfalls den Weg zu bahnen, und die letzteren hatten die Aufgabe, den Zug zu schließen und dabei kostbare Pfeifen und Tabaksbeutel zur Schau zu tragen. Wie ich später erfuhr, hatte der Haushofmeister sogar die Absicht gehabt, uns drei Reitpferde nachführen zu lassen, um zu zeigen, daß wir nicht etwa aus Armut und Mangel an Tieren durch die Stadt wanderten. Nur die Rücksicht auf mich, der ich allerdings kein Pferd besaß, hatte ihn bewogen, von diesem Vorhaben abzustehen.

So wanderten wir denn langsam und gravitätisch durch die Straßen der Stadt, deren Häuser meist aus dunklem Schlammsteine gebaut sind. Was soll ich über sie sagen! Siut ist nicht Kahira. Es ist hier ganz dasselbe wie dort, nur in verkleinertem Maßstabe und mit einigen topographischen und Terrain-Abwechslungen. Es gab hier Wasser-, Obst- und Brothändler, Eselsjungen, Lastträger, Türken, Kopten und Fellata, gerade so wie dort. Diese orientalischen Städte gleichen einander außerordentlich. In den Bazars gab es ein großes Gedränge; aber unsere Läufer schoben, stießen und schlugen mit ihren Stäben so kräftig um sich, daß wir stets freie Bahn hatten. Die Ehrfurcht, mit welcher mein schwarzer Haushofmeister gegrüßt wurde, galt mir als ein Beweis dafür, daß seine Stellung eine wichtige und einflußreiche sei. Der kurze, langsame Spaziergang griff ihn so an, daß er bei jedem Schritte stöhnte, und schließlich erklärte er, daß er vor Müdigkeit und Hunger nicht weiter könne und unbedingt in einem Sufra einkehren müsse.

Sufra heißt eigentlich Speisetisch und wurde von dem Dicken mit der Bedeutung als Speisehaus gebraucht. Das hatte ich noch nicht gehört, und darum war ich neugierig, in was für ein Lokal er uns führen werde. Er gab den voranschreitenden Läufern einen Befehl; sie bogen in eine Seitengasse ein und blieben dann wie Schildwachen zu beiden Seiten einer Hausthüre stehen. Als wir eingetreten waren, kamen wir in einen kleinen, offenen Hof, auf welchem mehrere Reihen von Polstern lagen. Da saßen die Gäste dieses Speisehauses. Jeder hatte eine thönerne Schüssel vor sich, aus welcher er mit beiden Händen zulangte. Sauberkeit schien hier nicht gefordert zu werden; das sah man bei dem ersten Blicke. Dazu gab es einen solchen Geruch nach ranzigem Öle, daß mir, selbst wenn ich Hunger gehabt hätte, der Appetit sofort vergangen wäre.

Der Haushofmeister steuerte auf eine leere Ecke zu und ließ sich dort auf ein Kissen nieder. Da der Stallmeister seinem Beispiele folgte, so that ich dasselbe. Die beiden Neger kauerten sich vor uns nieder, um unsere Pfeifen zu besorgen. Einer der schmutzigen Wärter kam herbei, um nach unsern Befehlen zu fragen; der dicke Schwarze antwortete stumm dadurch, daß er drei Finger emporhielt.

»Nein, für mich nicht!« meinte der Stallmeister. »Ich esse nicht.«

Nun wußte ich, was die drei Finger zu bedeuten hatten, nämlich drei Portionen, und beeilte mich, zu erklären, daß auch ich nichts zu genießen beabsichtige.

»Dennoch drei!« befahl der Dicke, indem er die Finger abermals emporstreckte. Nach kurzer Zeit wurde das Verlangte gebracht. Es hatte ein braungrünes, schlammiges Aussehen. Ich betrachtete es, sog den durchdringenden Duft ein -vergebens; ich konnte nicht erraten, was es war.

»Nimm das, aus Liebe zu mir!« forderte mich der Haushofmeister auf, indem er mir eine der drei Schüsseln hinschob.

»Ich danke dir! Mein Körper bedarf jetzt keiner Speise. Möge sie dem deinigen wohl bekommen!«

»Dieses Essen bekommt jedermann; es ist die Quelle der Lieblichkeit. Linsenmehl in Öl gekocht. Es erhebt die Seele zum reinsten der Gefühle und stärkt das Herz für alle Leiden dieser Welt.«

Dabei fuhr er mit seiner fetten, schwarzen Rechten in den Brei, ballte einen Teil zu einer Kugel und hielt ihn mir mit den Worten an den Mund:

»Nimm, und versuche es einmal!«

»Behalte nur!« antwortete ich, indem ich seinen Arm von mir schob. »Ich gönne dir diese Reinigung der Gefühle und diese Stärkung des Herzens sehr gern.«

Er schob nun die Kugel in seinen Mund und schmunzelte dabei:

»Ihr Christen wißt doch nie, was ihr thut. Hat doch Esau seine Erstgeburt für ein Linsengericht in Öl an den Erzvater Jakob verkauft. Davon aber weißt du natürlich nichts.«

»Oho! Diese Geschichte von dem Linsengerichte wird in unserer Bibel erzählt, und Muhammed hat sie aus derselben abgeschrieben. Aber in unserer heiligen Schrift wird nichts davon gesagt, daß die Linsen in Öl gesotten gewesen seien.«

»Steht es wirklich nicht darin? Nun, so ist der Prophet sehr klug gewesen, als er es für uns herausschrieb. Du kennst also auch den Kuran? ja, du bist ein gelehrter Mann. Du hast das Leben in der Flasche und kennst alle Heilungen des Magens, aber was gut schmeckt, das weißt du doch noch nicht.«

Er schob eine Handvoll Brei nach der andern in den Mund; er leerte den ersten, den zweiten und dann auch den dritten Teller, wie die Schüssel auch genannt werden konnte, und reinigte dann alle drei, wie es unerzogene Kinder zu machen pflegen, mit dem gebogenen Zeigefinger, welchen er ableckte. Dabei nahm er auch fleißig an der Unterhaltung teil, welche ich mit dem Stallmeister führte, der ein leidlich wißbegieriger Mann war. Da ich verstanden hatte, das Pferd zu zähmen, so traute er mir auch alle andern Geschicklichkeiten und Kenntnisse zu und legte mir eine Frage nach der andern vor, die ich ihm beantworten mußte. Als wir endlich nach Hause zurückkehrten und in den Hof traten, sahen wir die herbeigeholten blinden Kinder vor der Thüre hocken. Ihr Anblick war ebenso herzbrechend wie Ekel erregend. Die erblindeten Augen schwellen zu eiternden Halbkugeln an, auf denen Fliegen und andere kleine Insekten ihr Wesen treiben. Die schlimme Krankheit ist ansteckend; sie geht von Auge zu Auge, von Individuum zu Individuum über. Die Kinder erhielten ihr Geld und wurden dann fortgeführt. Der kleine Scherz, welchen ich mir mit dem Dicken gemacht hatte, belastete mein Gewissen nicht im geringsten. Er war in Beziehung auf sein Einkommen so gestellt, daß er die kleine Summe an die armen, bedauernswerten Blinden recht wohl entrichten konnte.

Kurze Zeit später brach die Dämmerung herein, und dann dunkelte es schnell. Ich wurde zum Abendessen gerufen, welches der Stallmeister mit mir allein einnahm. Er fragte mich zwar, ob er meinen Gefährten einladen solle, ich aber erklärte ihm, daß Selim nicht eigentlich so genannt werden könne, sondern nur der Diener eines späteren Gefährten von mir sei. Es lag mir nichts daran, den langen Menschen immer bei mir zu haben, und der Stallmeister fühlte seinerseits auch keine Lust, eine so untergeordnete Persönlichkeit bei sich sitzen zu sehen.

Nach dem Essen forderte mein Wirt mich zum Schachspiele auf. Eben hatten wir die Figuren aufgestellt, als sich draußen ein ungewöhnlicher Lärm erhob. Mehrere Stimmen riefen durcheinander, doch konnten wir die Worte nicht verstehen. Wir glaubten, es sei ein Unglück geschehen, und eilten in den Stallhof hinaus. Da standen die Reitknechte und andere Bedienstete, starrten gen Himmel und riefen:

»Eine Mondfinsternis, eine Mondfinsternis!«

Es war so; der Mond verfinsterte sich. Ich hatte gar nicht gewußt, daß eine Mondfinsternis zu erwarten sei. Wir standen im Vollmonde. Der Erdschatten legte sich nicht kupferrot, sondern dunkelgrau nach und nach über die Scheibe unsers Trabanten; daraus war zu schließen, daß die Verfinsterung nicht eine totale sein werde; doch ging er nach und nach so weit herüber, daß nur eine sehr schmale Sichel des Mondes unbedeckt blieb. Die Himmelserscheinung war mir interessant; den andern aber flößte sie Angst ein. Der dicke Haushofmeister kam gekeucht, hinter ihm mein langer Selim.

»Effendi,« rief der erstere, als er mich erblickte, »siehst du auch, daß der Mond verschwindet? Sage mir, was das zu bedeuten hat!«

»Das hat zu bedeuten, daß die Erde zwischen der Sonne und dem Monde steht und nun ihren Schatten auf ihn wirft; dadurch wird er verdunkelt.«

»Zwischen Sonne und Mond? Ihren Schatten? Hast du ihn schon einmal gesehen?«

»Schon wiederholt, und jetzt abermals.«

»Effendi, du bist der Quell der Weisheit und der Brunnen der Wissenschaft; aber von der Sonne und dem Monde und den Sternen darfst du nicht sprechen. Von ihnen verstehest du nichts, gar nichts. Weißt du denn nicht, daß es der Teufel ist, der den Mond verhüllt?«

»Ah! Zu welchem Zwecke sollte er das thun?«

»Um uns ein Unglück anzudeuten. Dieses Zeichen ist ein Zeichen des Unheiles für alle Welt und außerdem eine ganz besondere Drohung für mich.«

»Für dich? Was hättest du mit dieser Mondfinsternis zu thun?«

»Viel, sehr viel! Siehst du dieses Amulett an meinem Halse? Ich trage es zum Schutze gegen die Mondfinsternisse.«

»Eine Mondfinsternis ist eine ganz natürliche Erscheinung. Und selbst wenn sie gefährlich wäre, könnte ein Amulett dich nicht beschützen.«

»Das sagst du, weil du ein Christ und nicht ein Moslem bist. Was kann ein Christ von dem Monde wissen! Welches ist das Zeichen des Christentumes? Ist es nicht das Kreuz?«

»Allerdings.«

»Und das Zeichen des Islam ist der Halbmond. Also müssen wir von dem Monde mehr verstehen als ihr. Das ist doch klar. Oder siehst du das nicht ein?«

Dieses Argument war von seinem Standpunkte aus gar nicht übel; ich konnte ihn nur von diesem Punkte aus schlagen; darum antwortete ich:

»Nein, das sehe ich ganz und gar nicht ein. Ist etwa der Neumond oder Vollmond euer Zeichen?«

»Nein, nur der Halbmond.«

»So sprich meinetwegen von diesem, also von dem ersten oder letzten Viertel; von dem Neumonde aber und von dem Vollmonde versteht ihr nichts. Und heute ist Vollmond! Na, was sagst du nun?«

Er sah mir betroffen und offenen Mundes in das Gesicht und antwortete dann:

»Effendi, da kann ich dir freilich nicht widersprechen. Den Neumond habe ich überhaupt noch nicht gesehen.«

»So behaupte ja nicht, daß du dich auf den Mond verstehst! Wer noch nicht einmal den Neumond gesehen hat, wie will der über eine Mondfinsternis urteilen? Übrigens ist auch nicht einmal der Halbmond das wirkliche, ursprüngliche Zeichen des Islam.«

»Was denn?«

»Der Säbel, der krumme Säbel Muhammeds. Als euer Prophet im Monate Ramadhan des zweiten Jahres der Hedschra den Mekkanern das erste große Treffen lieferte, steckte er seinen Säbel auf eine Stange und ließ dieselbe als Fahne vorantragen; sie führte zum Siege und wurde von da an als Feldzeichen benutzt. In einem späteren Kampfe wurde der Griff des Säbels abgeschlagen, und es blieb nur die krumme Klinge, welche die Gestalt eines Halbmondes darstellte. Dies veranlaßte dann den Kalifen Osman, den Halbmond zum Symbol des Osmanischen Reiches und des Islam zu machen.«

»Allah, Allah! Effendi, du kennst alle Tiefen der Geschichte und alle Geheimnisse der Religionen!« rief er aus.

»Und auch alle Breiten, Höhen und Tiefen des Mondes!« fügte ich hinzu. »Er ist 380,000 Kilometer von der Erde entfernt; sein Durchmesser beträgt 3480. Kilometer, und er ist also fünfzigmal kleiner als die Erde. Sein größter Berg ist 7200Meter hoch.«

Da verstummten alle, welche ringsum standen. Da man in Ägypten ebenso wie in der Türkei nach Metern rechnet, so begriffen die Leute die angegebenen Maße; aber daß man diese letzteren überhaupt anzugeben vermag, das glaubten sie nicht. Ihre Blicke richteten sich von dem Monde auf mich. Ein allgemeines Murmeln ließ sich hören; dann rief der Dicke aus.

»Allah lasse dich lange leben und erleuchte deinen Verstand! Beim Leben deines Vaters und bei den Bärten aller deiner Ahnen, sage mir, ob du im Ernste redest!«

»Ich scherze nicht.«

Er schüttelte den Kopf und sah mich bedenklich an, Was sollte ich machen? Meine Erklärung zu verstehen, dazu besaßen sie die erforderlichen Vorkenntnisse nicht; ich mußte also den Schwarzen und die andern bei ihrer Meinung lassen. Sie beteten, um sich vor der bösen Wirkung der Finsternis zu bewahren, eine Menge Kuransprüche und wehklagten dazwischen so lange, bis dieselbe vorüber war. Dann äußerten sie sich aber nicht etwa froh darüber, sondern sie waren der Meinung, daß die Folgen von jetzt an erst zu sehen sein würden. Der lange Selim wollte sich an mich machen, wohl in der Meinung, daß ich ihn auffordern würde, mich in das Haus zu begleiten; ich sagte ihm aber, daß ich jetzt schlafen gehen werde, und so kehrte er mit dem Dicken in dessen Wohnung zurück. –

Am andern Morgen wurden nach dem Frühstücke die Pferde vorgeführt. Der verabredete Ritt wurde in größerer Gesellschaft gemacht, als ich vermutet hatte. Der Haushofmeister ließ es sich nicht nehmen, sich uns anzuschließen, und Selim behauptete, daß auch er mitreiten müsse, da er mein Beschützer sei und mich vor einem Sturze vom Pferde zu bewahren habe. Ich versicherte ihm zwar, daß er gar keine Besorgnis zu haben brauche, doch er antwortete:

»Effendi, ich bin der größte Held und Reiter meines Stammes; du aber bist ein Franke, und ich habe dich noch nicht auf einem Pferde sitzen sehen. Wenn du den Hals brichst, so habe ich es zu verantworten; darum werde ich stets an deiner Seite bleiben und kein Auge von dir lassen.«

»Das bezweifle ich. Oder wärest du wirklich ein so ausgezeichneter Reiter?«

»Mir hat es noch niemals einer gleichgethan,« antwortete er mit einer tiefen, tiefen Verbeugung.

»So erwarte ich von dir, daß du Wort hältst. Falls du nur einen Augenblick von mir weichst, werde ich mich bei deinem Herrn beschweren und ihm sagen, daß du ein schlechter Beschützer bist, auf den man sich nicht verlassen kann.«

»Thue das; thue das! Meine Macht und Sorgfalt würde dich umschweben, selbst wenn der Sturm der Wüste dich mit deinem Pferde davonführte. Ich würde mit den bösen Geistern des Samum um die Wette reiten.«

Er sagte das in einem so zuversichtlichen Tone, als ob er schon mit allen Stürmen um die Wette geritten sei, und ich freute mich schon im voraus auf die Blamage, welche ihn erwartete.

Wir waren also sechs: der Haushofmeister, der Stallmeister, Selim, ich und zwei Reitknechte, welche uns begleiteten. Wir ritten langsam durch die Stadt und die Höhe nach den Felsengräbern hinan. Auf den Höhen angelangt, welche das Nilthal gegen die libysche Wüste hin begrenzen und beschützen, erblickten wir die weite Sandebene, die im Sonnenstrahle rötlich glänzend vor uns lag. Es ging die Höhe hinab, noch immer langsam; als wir aber unten angekommen waren, meinte der Stallmeister:

»Jetzt Galopp, Effendi! Wir haben Raum genug hier in der Wüste.«

Er gab seinem Pferde die Sporen und flog davon; wir folgten ihm. Ich muß Selim das Zeugnis erteilen, daß er bisher sein Wort gehalten hatte und nicht von meiner Seite gewichen war. In seinen Blicken und auf seinem Gesichte lag der Ausdruck stolzer Genugthuung; er glaubte, besser, viel besser reiten zu können als ich. Und das hatte seinen guten Grund. Mein Pferd hatte, sobald es die Straße betrat, mit mir davonstürmen wollen; ich aber hatte es so streng in die Zügel und so fest zwischen die Schenkel genommen, daß es seine Ungeduld bezähmen mußte. Diese meine Bemühung war von den andern nicht bemerkt worden; außerdem saß ich nach der Weise der Prairiejäger im Sattel, nämlich die Beine nach hinten, den Oberkörper zusammengesunken nach vorn gebeugt. Das ergiebt keineswegs einen schönen, ritterlichen Anblick, ist aber für den Reiter bequem und entlastet die Hinterhand, welche dann später, wenn es gilt, um so mehr zu leisten und zu tragen vermag. Die andern saßen nach arabischer Weise gerade und stolz zu Rosse, wovon nur der dicke Haushofmeister eine Ausnahme machte, und so hatte es den Anschein, als ob sie bessere Reiter seien als ich. Selim ritt nicht schlecht, auch hatte er kein übles Pferd, und darum war es ihm nicht zu verargen, daß er mich ein wenig von oben her betrachtete. Jetzt, wo wir zu galoppieren begannen, wollte mein Bakarra-Hengst seine Schnelligkeit entfalten; ich hielt ihn aber zurück, und so kam es, daß ich mit Selim, welcher nicht von mir weichen wollte, zurückblieb. Die beiden Reitknechte mußten uns eigentlich vor sich behalten; aber sie wurden schließlich ungeduldig und schossen an uns vorüber und über uns hinaus.

»Schneller, schneller, Effendi!« rief mir Selim zu. »Wir müssen sie einholen, sonst werden wir ausgelacht.«

»Es geht nicht,« antwortete ich. »Ich falle sonst herunter.«

»Allah, Allah! Wie kann man herabfallen wollen! Du blamierst mich auf das schrecklichste. Diese Männer werden denken, ich könne nicht reiten, und doch bin ich der kühnste Reiter aller Stämme der Wüste. Leider bin ich gezwungen, bei dir zu bleiben. Aber nun siehst du doch wohl ein, daß du ohne meinen Schutz hier zu Schanden würdest?«

»Ja, leider muß ich das zugeben.«

»Richtig, sehr richtig. Sage das meinem Herrn, wenn er hier angekommen ist! Dieses dein Zeugnis wird ihm aufs neue beweisen, daß ich ein Mann bin, der durch keinen andern zu ersetzen ist. Aber reite doch schneller, schneller! Ich lasse dich nicht fallen. Ich greife sofort zu, wenn du das Gleichgewicht verlierst.«

Um ihn noch mehr in seiner Meinung zu bestärken, nahm ich die allerdümmste Haltung an, rutschte bald herüber, bald hinüber und gab mir den Anschein, als ob es meinerseits der größten Anstrengung bedürfe, mich oben zu halten. Er erging sich in allerhand Ausrufungen, welche mir im Stillen herzlichen Spaß bereiteten, und schimpfte fort und fort darüber, daß wir weiter und immer weiter zurückblieben. Die andern hatten allerdings einen bedeutenden Vorsprung, der von Sekunde zu Sekunde größer wurde. Nur der dicke Haushofmeister kam nicht mit den andern fort; er befand sich zwischen ihnen und uns. Ich hatte schon manchen unfertigen Reiter gesehen, so eine Figur aber wie die, die er bildete, noch nicht. Zunächst ritt er sehr schlecht, und sodann paßte seine unförmliche Gestalt nicht in einen Pferdesattel. Seiner Schwere wegen hatte er sich einen äußerst gewichtigen Gaul ausgesucht, dessen Bemühung, mit den andern Pferden Schritt zu halten, zum Lachen reizte. Auf dem Rücken dieses Tieres saß das schwarze Monstrum mit weitgespreizten Beinen und zusammengezogenem Oberkörper. Der Gaul »schukkerte« gewaltig, was dem Reiter eine Bewegung gab, welche der reitgewandte Gaucho Südamerikas »el mohnillarse ä la silla«, das Sich-Quirlen im Sattel nennt. Er machte die größte Anstrengung, fest zu sitzen, und sein Pferd gab sich alle Mühe, schnell fortzukommen, doch vergeblich. Es war wirklich zum Lachen.

Der Stallmeister war uns nun mit den Reitknechten so weit voraus, daß er sich zum Anhalten gezwungen sah, um auf uns zu warten. Der Dicke langte kurz vor uns bei ihm an. Er stöhnte, und sein Pferd keuchte, als ob sie stundenlang im Galoppe über die Wüste gerast seien.

»Was ist denn das, Effendi?« fragte der Stallmeister erstaunt. »Du bleibst zurück!«

»Er kann nicht reiten,« antwortete Selim an meiner Stelle.

»O, er kann es gar wohl. Wir haben es gesehen, als er gestern den Grauschimmel zum Gehorsam zwang.«

»Das war eine Folge der Datteln, welche er ihm gab. Ja, kirre machen kann er ein Pferd; das versteht er wohl; aber reiten, nein, das kann er nicht. Hätte ich ihn nicht in meinen Schutz genommen, so hätte er zehnmal Hals und Beine gebrochen. Es ist ein Elend, an seiner Seite bleiben zu müssen!«

»Das ist sehr richtig,« fiel ich ein. »Es ist ein Elend, bei mir aushalten zu sollen, und du bringst es darum nicht fertig.«

»Was sagst du!« rief er aus. »Habe ich etwa nicht bei dir ausgehalten? Oder bist du mir zuliebe zurückgeblieben, so thue mir nun doch auch den Gefallen, mir zuliebe schneller zu reiten!«

»Du würdest mir nicht nachkommen.«

»O Allah! Es hat noch niemals einen Reiter gegeben, den ich nicht überholt hätte. Wollen wir wetten?«

»Ja. Um was?«

»Du hast Goldstücke aus England; ich habe es gesehen. Man nennt sie Pfund, und sie sind über hundert Piaster wert. Willst du ein solches Goldstück gegen mich setzen?«

Er sah mich gespannt an. Es lag ihm daran, daß ich ja sagte, denn er zweifelte nicht im mindesten daran, daß ich die Wette verlieren würde.

»Hast du denn auch solche Goldstücke?« erkundigte ich mich.

»Nein; aber ich habe genug Piaster, um das Gleiche setzen zu können. Machst du mit?«

»Ja. Heraus mit dem Gelde! Hundert Piaster gegen ein englisches Pfund. Wir geben es dem Stallmeister, und wer dann siegt, bekommt es von ihm. ist dir das recht?«

»Recht, sehr recht!« stimmte er schmunzelnd ein. »Schon in wenigen Augenblicken wird der Glanz deines Goldes in meiner Tasche sein. Ich bin der Schnelle, der Unbesiegbare; mich holt niemand ein, und du am allerwenigsten.«

Der Stallmeister bekam das Geld, und dann begann der Ritt. Zunächst hielt ich meinen Grauschimmel so zurück, daß Selim eine Strecke weit sich mir zur Seite halten konnte.

»Siehst du, daß ich gewinnen werde?« fragte er triumphierend.

»So sollst du gleich auch das Gegenteil zu sehen bekommen. Lebe wohl, Selim! In zwei Minuten siehst du gar nichts mehr, nämlich von mir.«

Jetzt ließ ich dem Hengste die Zügel schießen. Darauf hatte dieser mit Begierde gewartet. Er wieherte laut auf, ging vor Freude mit allen vieren in die Luft und flog dann davon, so daß es einem nicht ganz guten Reiter sicher schwindelig geworden wäre. Ich hütete mich, die Sporen in Anwendung zu bringen; ein so edles Tier nimmt das übel. Ich rief dem Pferde aufmunternde Worte zu, und es verstand mich vortrefflich. Meine Gefährten kamen mir schreiend nachgesprengt; ihre Stimmen wurden schnell schwächer, denn die Wüste schien förmlich unter den Hufen meines Grauschimmels zu verschwinden. Als ich mich nach ungefähr einer Minute umschaute, sah ich die Reiter in der Größe von Kindern, welche auf Schaukelpferden sitzen, hinter mir. Nach einer zweiten Minute erblickte ich sie nur noch als kleine Punkte; dann verschwanden sie. Nun hätte ich anhalten sollen; das fiel mir aber gar nicht ein. Ich wollte die Freude, ein solches Pferd reiten zu dürfen, auskosten und jagte weiter. Das Tier freute sich ebenso sehr wie ich. Es wieherte von Zeit zu Zeit hell auf vor Lust, und wenn ich ihm dann den Hals streichelte, ließ es einen tiefen Brustton hören, den man nicht beschreiben kann, den ich aber kannte. Es ist ein Laut des Entzückens.

So ging es wohl drei Viertelstunden in gerader Richtung in die Wüste hinein, welche vor mir immer neu auftauchte und hinter mir wieder verschwand; dann schlug ich nach rechts einen weiten, weiten Bogen. Es stand zu erwarten, daß die andern meiner Fährte folgen würden, und ich wollte sie äffen. Nach einer weitern halben Stunde war aus dem Bogen ein Kreis geworden, welcher mich auf meine eigene Spur zurückbrachte. Meine Gefährten waren schon vorüber; ich sah es an den Hufspuren und ritt ihnen nach. Bald sah ich sie vor mir, während sie glaubten, sich weit, weit hinter mir zu befinden. Je mehr ich mich ihnen näherte, desto deutlicher sah ich, daß sie bemüht waren, die größte Schnelligkeit zu entwickeln. Dennoch blieben sie beisammen, denn die bessern Reiter hielten ihre Pferde zurück, um nicht den andern voraus zu kommen. Da sie ihre ganze Aufmerksamkeit nach vorn gerichtet hatten, so gewahrten sie mich auch nicht eher, als bis ich ihnen auf zwanzig Pferdelängen nahe gekommen war und nun laut rief:

»Wo wollt ihr denn hin!«

Sie hörten meine Stimme, drehten sich um und waren nicht wenig erstaunt, mich hinter sich zu sehen. Noch ehe sie ihre Pferde zum Stehen gebracht hatten, befand ich mich mitten unter ihnen. Der dicke Haushofmeister schwitzte wie eine Fensterscheibe im Winter und stöhnte wie eine Dampfmaschine.

»Wo kommst du her, Effendi?« fragte er mich, indem er ein so dummes Gesicht zeigte, daß ich lachen mußte.

»Von da her,« antwortete ich, indem ich nach rückwärts zeigte. »Ich mache es wie die Sonne: ich gehe im Westen unter und im Osten wieder auf.«

»Wer soll das begreifen! Wir wären fortgeritten, um dich einzuholen, immer weiter und weiter, bis ans Ende der Welt.«

»So weit nun wohl nicht. Ihr seid meiner Fährte gefolgt und diese würde euch in einem Kreise zurückgeführt haben. Daraus magst du ersehen, welch ein herrlicher Renner dieser echte Bakarra-Hengst ist. Der Stallmeister ist sehr unvorsichtig gewesen.«

»Das soll eine Unvorsichtigkeit sein? Im Gegenteile! Dadurch, daß du ihn zureitest, machst du ihn gutwillig, auch mich und seinen Herrn, den Pascha, zu tragen.«

»Ganz recht. Aber wie nun, wenn ich ihn gestohlen hätte?«

»Gestohlen!« rief er aus, indem er vor Schreck erbleichte. Es kam ihm erst jetzt die Erkenntnis dessen, was hätte geschehen können, wenn ich nicht ein ehrlicher Mann gewesen wäre.

»Ja, gestohlen. Nimm einmal an, ich wäre nicht wiedergekommen. Was hättest du da gethan? Hättest du mich etwa einzuholen vermocht?«

»Nein, nein. Allah, Allah! In welcher Gefahr bin ich gewesen!«

»Du warst in gar keiner Gefahr, denn ich bin kein Dieb. Aber dieser Hengst ist hunderttausend Piaster wert, und das könnte unter Umständen für einen sonst ganz ehrlichen Mann eine Versuchung sein.«

»Du hast recht, ja, du hast recht, Effendi! O Allahl o ihr heiligen Kalifen, was wäre aus mir geworden, wenn du das Pferd gestohlen hättest! Ich wäre nicht im stande gewesen, es zu ersetzen, und der Pascha, dessen Leben ewig leuchten möge, hätte mich totpeitschen lassen. Ich bleibe neben dir.«

»Das würdest du nicht fertig bringen, wenn ich mich für dein Mißtrauen rächen wollte. Aber wie steht es denn mit unserer Wette? Du hast das Geld erhalten. Wer hat es gewonnen?«

»Natürlich du.«

»So gieb es her. Dieser Selim, welcher sich den kühnsten Reiter aller Stämme der Wüste genannt hat, mag jetzt noch einmal behaupten, daß ich nicht reiten kann und ohne seinen Schutz den Hals brechen müsse.«

Der Stallmeister reichte mir das Geld, und ich steckte es ein. Der lange Selim machte ein Gesicht, als ob er von dem größten Unglücke der Erde betroffen worden sei, und meinte.

»Effendi, du bist der Ausfluß der Güte und der Bronnen der Barmherzigkeit. Du wirst mir das Zeugnis geben, daß ich dich unmöglich beschützen kann, wenn du nicht bei mir bleibst und daß ich ein armer Diener bin, ein erbarmenswerter Sklave meines Herrn Murad Nassyr!«

»Ich denke, du bist sein Beschützer und der meinige auch!«

»O nein!« beeilte er sich zu beteuern. »Ich bin sogar der ärmste Mann aller Stämme und Dörfer. Ich bin wie die Luft, welche niemand sieht, und wie das dürre Reiskorn in der Wüste. Ich bin ein reines Nichts, und wenn Allah in meine Taschen leuchtet, so ist darinnen nichts als der Inbegriff aller Armut zu finden. Ein Piaster ist für mich ein Vermögen, dessen Verlust mir das Leben verkürzt und meine Seele mit den Schauern der Trostlosigkeit umhüllt.«

Ich hatte gleich bei seinem ersten Worte gewußt, worauf es abgesehen war, that aber nicht so, als ob ich ihn begriff, sondern antwortete:

»Dann will ich dir einen guten Rat erteilen, durch dessen Befolgung du dir große Reichtümer sammeln kannst. Wette so oft und so viel wie möglich! Wette besonders mit Reitern! Da du der kühnste Reiter deines Stammes bist und sogar den Samum der Wüste einholst, so wirst du jede Wette leicht gewinnen und in kurzer Zeit ein steinreicher Mann sein.«

»Effendi, scherze nicht!« bat er mich im kläglichsten Tone. »Ich habe nicht geglaubt, daß deine Seele von solcher Bosheit zu überfließen vermag. Ich bin der beste Reiter der Wüste, das ist wahr; aber gerade im Wetten habe ich kein Glück; es ist mein Fatum, mein Kismet, daß ich stets verliere.«

»So wette nicht!«

»Ich will auch nicht; aber zuweilen wird man förmlich gezwungen. So war es auch vorhin. Nur die Höflichkeit, die Ehrerbietung und Liebe, die ich für dich empfinde, veranlaßte mich, hundert Piaster gegen dein goldenes Pfund zu setzen. Ich wollte dich nicht beleidigen; ich wollte dir meine Hingebung beweisen. Willst du nun weniger großmütig sein, als ich es gewesen bin? Willst du von dem Blute der Armut leben und das Elend des Bedürftigen verzehren? Wer den Piaster des Bettlers verschlingt, dem wird einst die Hölle doppelt geheizt! Bedenke das!«

»Nun, du kannst leicht wieder in den Besitz deiner hundert Piaster gelangen, wenn du mir der Wahrheit nach das aufrichtige Zugeständnis machst, daß du nicht im stande bist, mein Beschützer zu sein.«

Das war schlimm für ihn. Er wollte sich nicht blamieren, hatte aber auch keine Lust, auf das Geld zu verzichten, weiches ich ja überhaupt nicht behalten hätte. Darum fragte er:

»Wenn du mir keine andere Bedingung machen kannst, Effendi, so gebe ich zu, daß du meines Schutzes nicht bedarfst.«

»Halt, das ist eine Finte! Du sollst eingestehen, daß du nicht der Mann bist, mich in Schutz zu nehmen.«

»Effendi, du bist hart; aber ich will dir die Freundlichkeit erweisen, deinen Wunsch zu erfüllen. Ja, ich kann dich nicht beschützen. Bist du nun zufrieden?«

»Ja, Hier hast du die hundert Piaster zurück, und ich denke, daß es dir wohl nicht wieder beikommen wird, mich zu einer Wette aufzufordern.«

Er steckte das Geld rasch ein, zog dann ein ganz anderes Gesicht auf, eine seiner bisherigen Gönner- und Protektormienen, und antwortete:

»Im Reiten vielleicht nicht wieder, nämlich unter diesen Umständen; aber im übrigen darfst du, wenn du gerecht sein willst, getrost zugeben, daß die Eigenschaften meiner Persönlichkeit die große Macht besitzen, die Herzen aller Gläubigen und Ungläubigen zu erfreuen.«

Der Kerl war unverbesserlich; aber es war unmöglich, ihm gram zu sein. Seine Aufschneidereien schadeten niemanden; sie standen mit seinem ganzen Wesen in so inniger Verbindung, daß er ohne dieselben gar nicht genießbar gewesen wäre.

Wir kehrten nach der Stadt zurück, aber nicht in der Richtung, aus der wir gekommen waren, sondern der Stallmeister schlug eine südlichere ein, um mich nach dem Tell es sirr, zu bringen, einem Orte, von welchem er behauptete, daß sich da der Eingang zur Hölle befinde.

Die libyschen Berge zogen sich in langer, aber niedriger Reihe quer über unsere Gesichtslinie. Etwas von diesem Höhenzuge entfernt, ein wenig in die Wüste gerückt, befand sich eine kleine Kuppe, welche nichts als ein Sandhaufen zu sein schien. Das war der Hügel des Geheimnisses.

»Wie ist man denn hinter das Geheimnis, daß da die Pforte der Hölle sei, gelangt?« fragte ich den Stallmeister.

»Das weiß ich nicht. Ich habe es von andern erfahren, die es wieder von andern hörten.«

»Ist der Name Tell es sirr bekannt?«

»Nicht allgemein, denn man spricht nicht gern von diesern bösen Orte. Wer es weiß, der meidet ihn. Aber du bist ein Sohn der Wissenschaft, und da du meinen Sohn mit der Flasche des Lebens gerettet hast und gern alles Merkwürdige in Augenschein nimmst, so habe ich dich auf diese Stelle der Wüste aufmerksam gemacht.«

»Ich sage dir Dank und werde einmal nach der Kuppe des Hügels reiten.«

»Thue das nicht, Effendi! Wenn der Scheitan, sich gerade in der Nähe befindet, so streckt er die Kralle aus der Erde hervor und zieht dich in die Hölle hinab. Es ist hier schon mancher verschwunden, den kein Auge wieder erblickt hat.«

»Das ist möglich; aber dann hat nicht der Teufel es gethan, sondern es giebt Höhlungen, in welche die Betreffenden eingebrochen sind.«

»Man hat nie eine Höhlung gesehen.«

»Weil dieselben durch den Sand der Wüste verschüttet worden sind. Der Wind der Wüste weht von West nach Ost und treibt den Sand unaufhörlich in dieser Richtung fort; dadurch wird jede Vertiefung des Bodens bald ausgefüllt.«

»Du erklärst dir das nach deinem Glauben; wir aber sind Anhänger des Propheten und hüten uns vor dem Rachen der Hölle. Willst du den Hügel wirklich besteigen, so bitte ich dich, auf unsere Begleitung zu verzichten. Wir werden unten bleiben und auf dich warten.«

Jetzt stand dieser Tell es sirr vor uns, ein kleiner Sandkegel von höchstens fünfzig Ellen Höhe. Wir stiegen ab, und ich machte mich daran, ihn zu besteigen. Das hatte keine Schwierigkeit, da er nicht sehr steil war; aber der Sand, aus welchem er zu bestehen schien, war sehr fein und locker, so daß man ein Gefühl hatte, als ob man durch Mehl wate. Ich stieg, um ihn von allen Seiten in Augenschein zu nehmen, nicht in gerader Richtung, sondern in einer Schneckenlinie empor, konnte aber nichts entdecken, was auch nur den geringsten Schein einer Merkwürdigkeit hatte. Ich stand, als ich oben angekommen war, im nackten Sande. Sand, nichts als Sand unter mir und um mich her. Wer weiß, auf welche Weise das dumme Gerücht, daß sich hier der Eingang zur Hölle befinde, entstanden war. Bei Siut gab es Grabgewölbe.Vielleicht waren hier in der Nähe des Hügels auch Gräberhöhlen. Da war nun einmal einer eingebrochen, und sofort hatte man die dadurch entstandene Vertiefung mit der Hölle in Verbindung gebracht. Unter mir sah ich die Gefährten; sie befanden sich nicht weit vom Fuße des Hügels. Es schien, als ob mein langer Selim die Schlappe, welche ihm durch mich geworden war, vergessen machen wolle, denn er hatte sein Pferd wieder bestiegen und ließ es allerlei Sprünge und Wendungen machen. Dann stieg er ab, und nun kroch der dicke Haushofmeister auf seinen schweren Gaul, um ihm dieselben Kunststücke nachzumachen. Wie ich dann hörte, war zwischen diesen beiden ein Streit entstanden, wer von ihnen der beste Reiter sei. Das vermutete ich gleich jetzt und blieb oben stehen, um zu sehen, wie der Dicke seine Sache machen werde.

Er ließ sein Pferd einige Schritte gehen und wollte es dann zwingen, sich vorn aufzurichten; der Gaul sollte sich auf den Hinterfüßen um sich selbst drehen. Aber er war zu schwerfällig dazu und hatte auch keine Lust zu einer so überflüssigen Anstrengung; darum wehrte er sich, schlug aus, stampfte mit den Hufen und – – sank plötzlich mit den Hinterfüßen ein. Noch zur rechten Zeit that er einen mächtigen Satz, arbeitete sich empor und stieg nun vor Schreck vorn in die Luft; der Dicke verlor das Gleichgewicht, fiel hinten herab und – – war verschwunden.

So viel hatte ich von meinem entfernten Standpunkte aus sehen können. Die andern vier brüllten vor Entsetzen wie die Löwen und sprangen von der gefährlichen Stelle fort. Ich rannte den Hügel hinab, dieses Mal nicht in einer Schnecken-, sondern in gerader Linie. Als ich unten angekommen war, rief mir der Stallmeister entgegen:

»Siehst du, daß ich recht hatte, Effendi! Hier ist der Eingang zur Hölle; sie hat den Haushofmeister verschlungen. Das ist die Mondfinsternis von gestern; die hat es ihm verkündet!«

»Richtig, sehr richtig!« stimmte Selim bei. »Nun ist er in die Hölle gestürzt und wird dort braten in alle Ewigkeit.«

»Unsinn!« antwortete ich. »Es hat hier eine Höhlung gegeben, deren Decke unter den Hufen des stampfenden Pferdes eingestürzt ist. Nun kommt es darauf an, welche Tiefe dieselbe hat. Ist es ein Schacht, welcher senkrecht niederfährt, dann steht es freilich schlimm; ist es aber ein wagrechter Stollen oder Gang, so holen wir den Mann gewiß heraus.«

»Es ist kein Stollen, sondern ein Schacht, ein Loch, welches gerade hinab in das Feuer der Hölle führt,« behauptete der Stallmeister. »Der Haushofmeister ist verloren. Wir werden weder seinen Leib noch seinen Geist jemals wiedersehen.«

»Sein Geist wird dir wohl überhaupt noch nicht erschienen sein. Kommt mit zu dem Loche! Wir müssen es untersuchen!«

»Allah behüte mich! Ich bin ein gläubiger Sohn des Propheten und werde mich hüten, dem Eingange zur Hölle nahe zu kommen.«

»Richtig, sehr richtig!« stimmte Selim in seinem schnarrenden Tone bei. »Allah schütze mich vor dem neunzigmal geschwänzten Teufel und der Hölle, deren Flammen die Haut keines frommen Menschen widerstehen kann!«

»Schweig‘!« zürnte ich. »Ihr sprecht vom Eingange und vom Feuer der Hölle. Habt ihr jemals ein Feuer gesehen, welches keinen Rauch hat? Wenn dort unten die Hölle wäre, dann müßte das Loch rauchen. Siehst du das nicht ein?«

Dies Argument hatte die gewünschte Wirkung, welche sich noch steigerte, als ich hinzufügte:

»Du willst der größte Held aller Stämme der Wüste sein und fürchtest dich vor einem kleinen Loche im Erdboden. Schäme dich! Wenn sich hier die Hölle wirklich öffnete, so müßte es nicht nur Rauch, sondern eine fürchterliche Hitze geben; da nun weder das eine noch das andere zu bemerken ist, so ist eure Angst nicht bloß lächerlich, sondern sie kann dem Haushofmeister sogar verhängnisvoll werden. Wir können ihn wahrscheinlich heraufholen; wenn wir aber damit zögern, müssen wir befürchten, die Schuld von seinem Tode auf unser Gewissen zu laden. Seid also keine Feiglinge, und kommt mit heran!«

Während ich das sprach, näherte ich mich der Unglücksstelle. Die andern hatten Mut gewonnen und kamen langsam herbei. Ich blieb ungefähr zwei Ellen von dem Rande des Loches stehen und bog mich vor, um hinabzublicken. Die Seiten der Öffnung bestanden aus Sand. Mein Auge reichte nicht tief genug hinab. ich trat also noch einen Schritt weiter vor; da gab der Boden unter meinen Füßen nach, und ich fand kaum Zeit, mich zurückzuwerfen, so war die Stelle, an welcher ich gestanden hatte, auch in die Tiefe geglitten.

Die andern retirierten schleunigst und Selim rief mir zu:

»Zurück, zurück, Effendi! Bald hätte es dich auch gepackt. Es ist wirklich die Hölle, vielleicht diejenige Abteilung von ihr, in welcher die Seelen der Ungläubigen im ewigen Froste zittern müssen. Da giebt es keinen Rauch. Laß uns die heilige Fatha beten und dann heimkehren, um Allah zu preisen, daß wir nicht auch versunken sind!«

Sie gingen zu den Pferden; ich kam ihnen aber zuvor, zog den Revolver heraus und drohte:

»Bei eurem Propheten und allen Kalifen, ich schieße den, welcher aufsteigt, gleich wieder herunter! Laßt doch nur mit euch reden!«

Das schüchterte sie wohl ebenso sehr ein wie der Gedanke an die Hölle; sie traten zurück, und der Stallmeister antwortete:

»Effendi, du willst der Mörder deines Gastfreundes werden? Das ist nicht recht von dir! Doch wollen wir hören, was du uns noch zu sagen hast.«

Höchst wahrscheinlich mußte dieses lange Verhandeln und Zögern dem Verunglückten verhängnisvoll werden; aber ich allein konnte ihm keine Hilfe bringen; ich brauchte den Beistand der andern und mußte sie zu meinen Absichten bereden. Endlich hatte ich sie so weit.

»Nehmt den Pferden die Zügel,« sagte ich, »und alle Riemen ab. Wenn wir dieselben aneinander schnallen oder binden, werden wir das bekommen, was mir nötig ist.«

Sie machten sich sofort an die Arbeit, bei welcher keine Gefahr vorhanden war. Bald war das Riemenzeug zu einem genügend langen Streifen vereinigt, dessen eines Ende ich mir auf dem Rücken an den Gürtel schnallte; das andere sollten sie festhalten, um mich zurückzuziehen, sobald ich Gefahr lief, einzubrechen. Nun gingen wir wieder zu dem Loche. Sie blieben in der gebotenen Entfernung von demselben stehen; ich legte mich nieder und kroch weiter, ganz so, wie man es thun muß, wenn man einen auf dem Eise Verunglückten aus dem Wasser ziehen will. Je näher ich dem Loche kam, desto langsamer und vorsichtiger schob ich mich vor. Die andern ließen den Riemen so durch ihre Hände gleiten, daß er stets gespannt blieb. Noch war mein Kopf nur einen Fuß von dem Rande entfernt, da gab die entgegengesetzte Kante nach und schoß in die Vertiefung hinab; auf meiner Seite aber hielt der Boden. Es war mir, als ob aus der Tiefe, in welche ich noch nicht sehen konnte, ein Röcheln oder Grunzen ertöne. Ich schob mich also das noch fehlende Stückchen weiter vor und blickte hinab. Was ich jetzt sah, das war überraschend.

Das Loch hatte eine Tiefe von ungefähr vier Ellen. Die Wände desselben bestanden in dem unteren Teile aus schwarzen Nilziegeln und in dem oberen aus Sand. Der erstere Teil hatte ungefähr zwei Ellen ins Geviert; der Durchmesser des letzteren war bedeutender. Die unteren dunklen Ziegelwände glichen dem Innern eines großen, viereckigen Schornsteines, welcher oben durch eine Decke aus ebensolchen Ziegeln verschlossen gewesen war. Darüber hatte sich der Sand der Wüste gebreitet. Die Ziegeldecke war morsch geworden oder hatte sich gelockert; der Sand drückte auf sie, und vorhin hatte sie unter dem Stampfen des schweren Pferdes nachgegeben; sie war ein- und der auf ihr lastende Sand nachgestürzt. Aus diesem Sande ragte – – der Oberkörper des Dicken hervor. Der gute Haushofmeister war bis an den Gürtel hinab zu sehen; er hatte die Hände gefaltet und hielt die Augen geschlossen. Tot war er nicht, denn seinen wulstigen Lippen entfuhr jenes ächzende Seufzen, welches schon mehr ein Grunzen zu nennen war.Jetzt kam es vor allen Dingen darauf an, wie weit der schwarze Ziegelschacht in die Tiefe führte. Ich lag da jedenfalls über einem altägyptischen Bauwerke, über welches sich im Laufe der Jahrhunderte oder Jahrtausende der Sand der Wüste angehäuft hatte, so daß es unter demselben vollständig verschwunden war. Jedenfalls war der Hügel, welchen ich vorhin bestiegen hatte, auch ein Teil, und vielleicht der wesentliche dieses Bauwerkes. Es war möglich, daß der Schacht eine nur geringe Höhe oder vielmehr Tiefe besaß. Es konnte aber auch sein, daß dieselbe sehr bedeutend war. In diesem letzteren Falle war er durch den niederbrechenden Sand so verstopft worden, daß der Dicke hatte stecken bleiben können. Verlor aber diese Verstopfung den Halt, so mußte der Haushofmeister mit in die Tiefe stürzen. Auf alle Fälle war die Rettung dieses Mannes eine nicht ungefährliche Aufgabe. Da er nur stöhnte, sich aber nicht bewegte, hielt ich ihn für verletzt und besinnungslos. Ich rief ihn an. Ein lautes Grunzen war die Antwort. Ich wiederholte meinen Ruf, und nun antwortete er in dumpfem, gebrochenem Tone:

»Hier bin ich, Asrael!«

Er hielt mich also für den Engel des Todes.

»Kapu kiahaja!« brüllte ich nun hinab. »Öffne doch die Augen, und siehe dich um!«

»Ich kann nicht,« antwortete er jetzt vernehmlicher. »Ich bin ja tot.«

»Auch die Toten werden, wenn sie erwachen, die Augen öffnen. Versuche es nur!«

Da schlug er die Augen auf und blickte geradeaus. Er sah die schwarze Mauer vor sich.

»Schau in die Höhe!« gebot ich ihm.

Er gehorchte und erblickte meinen Kopf, mein Gesicht.

»Du bist es, Effendi?« fragte er matt. »So bin ich also in der Hölle! O Allah, Allah, Allah!«

»Warum in der Hölle?«

»Weil ein Christ nicht in den Himmel, sondern nur in die Hölle kommen kann. Da du bei mir bist, sind wir also in der Hölle.«

Wie konnte ich den Mann von seiner Einbildung, welche seine Rettung verzögerte, befreien? Es gab ein vielleicht sicheres Mittel, nämlich seinen Heißhunger, und ich wendete dasselbe an, indem ich ihm zurief.

»Ja, wir sind in der Hölle; aber du bist nur in ein kleines Loch gestürzt. Wenn wir dich herausgeholt haben, reiten wir nach Siut heim, um das Mittagsmahl einzunehmen. Ich habe Hunger.«

»Ich auch!« antwortete er wie elektrisiert. Sein Gesicht bekam einen ganz anderen Ausdruck. Seine Augen öffneten sich weiter als vorher, und der Blick, den er jetzt nach oben sandte, war klar und forschend auf mich gerichtet.

»So wollen wir uns beeilen!« fuhr ich fort. »Du bist also nicht verwundet oder sonst irgendwie verletzt?«

»Nein – – wenn ich ja nicht gestorben bin.«

»Laß dich nicht auslachen. Du lebst. Wo hast du die Beine? Stehest oder sitzest du im Sande?«

Auf die Lage seiner Beine kam viel an. Saß er, so war der Schacht wahrscheinlich nicht tief-, hatte er sie aber in senkrechter Richtung, so steckte er im Sande über einem gähnenden Schlunde.

»Ich sitze,« antwortete er zu meiner Freude, »auf einem Fußboden von Ziegeln.«

Das erleichterte mir das Herz. Es war kein tiefer Schacht vorhanden, sondern mein Dicker saß in einem wagerechten, unterirdischen Gange, und das senkrechte, viereckige Loch, durch welches er gebrochen war, hatte diesem Gange zur Ventilation gedient.

»Stehe einmal auf!« gebot ich ihm. »Es wird dir nicht schwer fallen, da der Sand dich nicht tief bedeckt.«

Er gehorchte; aber es wurde ihm doch nicht so leicht, wie ich gedacht hatte. Die Enge des Raumes und die Schwere seines Körpers hinderten ihn. Endlich brachte er es doch fertig. Er stand, und ich konnte mit meinem hinabgestreckten Arme beinahe seinen Kopf erreichen. Dabei bemerkte ich, daß meine Sandunterlage hinreichende Festigkeit besaß; der lockere Teil derselben war hinabgestürzt. Der Dicke seufzte tief, tief auf und rief:

»O Allah, o Himmel, o Muhammed, ich bin also wirklich nicht tot; ich lebe; ich werde heimreiten und einen Hammel essen! Effendi, ich sehe nur dich allein. Wo sind die andern?«

»Sie stehen hinter mir, und du wirst sie bald zu sehen bekommen. Kannst du klettern?«

»Nein. Meinst du, daß ich eine Katze bin?«

»So komme ich hinab, um dich zu heben.«

»Dann bin ich oben, und du bist unten. Wie bringen wir dann dich hinauf?«

»Ich klettere an dem Riemen empor. Warte einen Augenblick!«

Ich stand auf und ging zu den andern. Als ich ihnen das Nötige mitgeteilt hatte, wuchs ihr Mut, und sie folgten mir an das Loch. Dort wurden die Riemen doppelt genommen und, während sie dieselben oben festhielten, hinuntergelassen. An diesem Strange kletterte ich hinab. Als ich nun neben dem Dicken stand, füllten wir den Raum, so weit derselbe die Ziegelwände hatte, vollständig aus. Wir konnten uns kaum bewegen, und darum hatte ich große Mühe, dem Dicken die Riemen um die Brust und unter den Armen hindurch auf den Rücken festzuschnallen.

Nun sollte er nach oben geschafft werden. Den schweren Mann bloß zu ziehen, das ging nicht; der Sand hätte nachgegeben und uns verschüttet; ich mußte heben. Aber wie das bewerkstelligen, da ich mich kaum zu bewegen vermochte? Es gab nur eine einzige Art der Ausführung. Ich stand hinter dem Schwarzen; er machte seine Beine so weit wie möglich auseinander, und ich ließ mich langsam niedergleiten, um mich zwischen denselben in den Sand zu setzen, so wie er vorhin gesessen hatte. Dies gelang. Dann mußte er auf meine Schultern steigen, und während die vier Männer oben zogen, erhob ich mich in dem gleichen Tempo unten, indem ich mich mit den Händen und Ellbogen an den Mauern stützte. Das war ein schweres, saures Stück Arbeit. Die oben stehenden Männer durften ihre volle Kraft nicht anwenden, da sonst der Sandboden nachgegeben hätte, und darum hatte ich den größten Teil der Last des schweren Mannes zu tragen. Aber es mußte gehen, und als ich endlich aufrecht stand, ragte sein Oberleib vollständig aus dem Loche empor, so daß sie ihn durch einen letzten, kräftigen Ruck vollends hinausbefördern konnten. Sie hatten so stark gezogen, daß er sich einige Male überkugelte und dann stöhnend liegen blieb. Dies war auf meine Weisung in ganz guter und wohlbedachter Absicht geschehen, da bei einem langsamen Hinaussteigen des unförmlichen Menschen ich der Gefahr des Verschüttens ausgesetzt gewesen wäre. Dann wurden mir die Riemen herabgelassen, und ich turnte mich an denselben ins Freie, ganz unbekümmert darum, ob die Ränder und Wände des Loches unter meinem Gewichte nun einstürzten oder nicht. Als ich oben ankam, hatte der Dicke sich eben von dem gewaltigen Rucke erholt, mit welchem man ihn aus dem Loche geschleudert hatte. Er richtete sich in sitzende Stellung auf, betastete seinen Leib und seine Beine, um zu erfahren, ob vielleicht etwas an ihnen entzwei gegangen sei, und als er sich von dem Wohlbefinden seines Körpers überzeugt hatte, richtete er sich in die Kniee auf, blickte mit dem Gesichte nach Mekka und betete die heilige Fathha, die erste Sure des Kuran. Dann erst stand er vollends auf, trat zu mir, ergriff meine Hände und sagte:

»Effendi, ich war in der Hölle und sehe den Himmel wieder; ich war tot und bin wieder lebendig geworden. Das habe ich dir zu verdanken.«

»Effendi, hast du bemerkt, wie fest ich gehalten habe, als du an den Riemen hingst?« fiel Selim plötzlich ein. »Die andern wollten loslassen, und dann wärest du in das Loch zurückgestürzt und nie wieder herausgekommen. Ich aber hielt fest, und so hast du es nur mir zu verdanken, daß du das Licht des Tages wieder zu sehen bekommst. Da bist du nun hoffentlich überzeugt, daß ich ein starker Beschützer und ein kräftiger Beschirmer bin!«

»Überzeugt bin ich allerdings,« lachte ich und wandte mich ab.

Jetzt stiegen wir auf und ritten nach der Stadt. Der Haushofmeister ersuchte uns, über das Vorgefallene zu schweigen; er befürchtete, sich an seiner Ehre gekränkt zu sehen, falls unser Abenteuer in die Öffentlichkeit dringen sollte. In Beziehung auf das Mittagsmahl waren wir zufrieden. Der Stallmeister und ich mußten als Gäste bei ihm und Selim speisen, und ich muß sagen, daß wir vier so viel vorgesetzt bekamen, daß sich dreißig Personen hätten satt essen können; aber auch nur in dieser Massenhaftigkeit allein bestand der Vorzug dieses Fest- und Freudenessens.

Es war mir ein Spaß, Selim dabei zu beobachten. Bei Murad Nassyr hätte er es nicht wagen dürfen, sich mit an den Tisch zu setzen; hier aber war er Gast, also ein Herr, welcher bedient wird. Sein Gesicht strahlte vor Wonne und Hammelfett, und er floß über von Höflichkeiten und Verheißungen. Er erzählte seine Abenteuer und rechnete uns alle seine Vorzüge an den Fingern her. Kurz und gut, er befand sich so in seinem Fahrwasser und unterhielt uns infolgedessen in einer so prächtigen Weise, daß wir sitzen blieben, bis der Abend dämmerte. Wir konnten also aufstehen, um uns sofort wieder zum Nachtmahle niederzulassen. Der. Dicke hatte während dieser Zeit so viel gegessen, daß ihm die von mir vorgeschriebenen Verbeugungen beinahe unmöglich wurden.

Ich hatte eigentlich vorgehabt, am Nachmittage die Krokodilshöhle von Maabdah zu besuchen, mußte dies aber nun auf den nächsten Morgen verschieben. Der Haushofmeister versprach mir, die dazu nötigen Vorbereitungen anzuordnen. Ich war höchst begierig, diesen Begräbnisplatz von Krokodilen, welche vor zwei- oder dreitausend Jahren einbalsamiert wurden, kennen zu lernen –——————