17. Kapitel


Topsy

Eines Morgens, als Ophelia einer ihrer häuslichen Pflichten oblag, rief sie St. Clare unten von der Treppe herauf.

»Komm einmal herunter, Cousine, ich muß dir etwas zeigen.«

»Was gibt’s?« sagte Miß Ophelia, als sie mit der Näherei herunterkam.

»Ich habe dir etwas gekauft – sieh her«, sagte St. Clare, mit diesen Worten schob er ein kleines Negermädchen von acht oder neun Jahren vor. Die Kleine gehörte zu den Schwärzesten ihres Geschlechts; und ihre runden, hellen Augen, glänzend wie Glaskorallen, schweiften mit raschen und ruhigen Blicken über alle Einzelheiten der Umgebung. Den Mund halb geöffnet vor Erstaunen über die Wunder der Stube des neuen Herrn, zeigte sie zwei Reihen weißer glänzender Zähne. Das wollige Haar war in kleine Zöpfchen geflochten, die in jeder Richtung emporstanden. Der Ausdruck des Gesichts war ein seltsames Gemisch von Schlauheit und List, welches als eine Art von Schleier einen Ausdruck kläglichster Ernsthaftigkeit und Feierlichkeit drollig überdeckte. Die Kleine hatte nur ein einziges, schmutziges, zerrissenes Kleidungsstück von Sackleinwand an und stand da mit ehrbar gefalteten Händen. Im ganzen war etwas Seltsames und Koboldartiges in der ganzen Erscheinung – etwas, wie sich Miß Ophelia später ausdrückte, »so Heidnisches«, daß der guten Dame ganz bange dabei wurde; und zu St. Clare gewendet sagte sie:

»Aber Augustin, wozu in aller Welt hast du mir dieses Geschöpf gebracht?«

»Damit du es erziehst und ihm den Weg zeigst, den es gehen soll, natürlich. Die Kleine kam mir wie ein ziemlich drolliges Exemplar von dem Vogelscheuchengeschlecht vor. Na Topsy«, fügte er hinzu und pfiff wie jemand, der die Aufmerksamkeit eines Hundes erregen will, »singe uns ein Lied und zeige uns, wie du tanzen kannst.«

In den schwarzen hellen Augen glitzerte eine Art boshafter Humor, und die Kleine stimmte mit einer klaren, schrillen Stimme eine seltsame Negermelodie an, zu der sie mit Händen und Füßen Takt schlug, sich herumdrehte und in einem wilden phantastischen Takte mit den Händen klatschte und die Knie zusammenschlug und alle ihre Bewegungen mit den seltsamen Kehltönen begleitete, welche die dieser Rasse eigentümliche Musik auszeichnen; und zuletzt kam sie mit ein oder zwei Luftsprüngen und einer langen Schlußkadenz, die so wunderlich und unheimlich klang wie der Pfiff eines Dampfwagens, plötzlich auf den Teppich herab und stand da mit gefalteten Händen und einem höchst scheinheiligen Ausdruck von Demut und Feierlichkeit auf dem Gesicht, zu dem nur die schlauen schielenden Seitenblicke aus den Augenwinkeln nicht recht passen wollten.

Ganz stumm vor Staunen stand Ophelia da.

St. Clare schien mit boshaftem Behagen sich über ihr Erstaunen zu freuen und sagte zu dem Kinde gewendet:

»Topsy, das ist deine neue Herrin. Ich werde dich ihr übergeben; trag Sorge, daß du dich gut aufführst.«

»Ja, Master«, sagte Topsy mit scheinheiligem Ernste, während ihre boshaften Augen funkelten.

»Du mußt dich gut aufführen, Topsy, verstehst du«, sagte St. Clare.

»O ja, Master«, sagte Topsy mit einem anderen funkelnden Blick, während ihre Hände immer noch fromm gefaltet blieben.

»Aber Augustin, was in aller Welt soll das bedeuten?« sagte Ophelia. »Dein Haus ist bereits so voll von diesen kleinen Plagegeistern, daß kein Mensch seinen Fuß wohin setzen kann, ohne auf sie zu treten. Ich stehe früh auf und finde einen hinter der Tür schlafen, und sehe einen schwarzen Kopf unter dem Tisch hervorgucken und einen andern auf dem Strohteller vor der Tür liegen, und sie lungern auf allen Geländern herum und balgen sich auf dem Küchenflur! Wozu in aller Welt bringst du das eine noch her?«

»Du sollst es erziehen – habe ich es dir nicht gesagt? Du predigst immer vom Erziehen. Ich dachte, ich wollte dir ein frisch gefangenes Exemplar schenken, damit du dich an ihm üben und es im Guten und Rechten unterweisen könntest.«

»Ich mag die Kleine nicht, das weiß ich; ich habe ohnedies schon mehr mit ihnen zu tun, als ich wünsche.«

»So seid ihr Christen alle! Ihr stiftet eine Gesellschaft und mietet einen armen Missionar, daß er sein ganzes Leben unter solchen Heiden zubringen soll. Aber den möchte ich sehen von euch, der einen derselben in sein Haus aufnehmen und sich der Arbeit seiner Bekehrung selbst unterziehen möchte! Nein, wenn es dazu kommt, sind sie schmutzig und garstig, und es ist zuviel Plage usw.«

»Augustin, du weißt, daß ich die Sache nicht in diesem Licht ansehe«, sagte Miß Ophelia schon sanfter gestimmt. »Es könnte am Ende doch ein echtes Missionswerk sein«, sagte sie und sah das Kind bereits mit etwas günstigerem Auge an.

St. Clare hatte die rechte Seite berührt. Miß Ophelias Gewissenhaftigkeit stand immer auf der Hut. »Aber«, setzte sie hinzu, »ich sehe wahrhaftig nicht ein, wozu du das Kind noch gekauft hast – wir haben schon so viel im Hause, daß sie alle meine Zeit und Kraft in Anspruch nehmen.«

»Nun, komm nur, Cousine«, sagte St. Clare, indem er sie beiseite zog, »ich sollte dich wegen meiner nichtsnutzigen Reden eigentlich um Verzeihung bitten. Im Grunde bist du so gut, daß sie keinen Sinn haben. Die Wahrheit ist, das Kind gehörte einem ewig betrunkenen paar Leuten, die eine gemeine Schenke, an welcher ich jeden Tag vorbeigehe, besitzen; und ich war müde, das Kind schreien und seine Herrschaft es schlagen und ausschimpfen zu hören. Die Kleine sah außerdem munter und drollig aus, als ob sich etwas aus ihr machen ließe; deshalb kaufte ich sie, um sie dir zu schenken. Versuche es nun einmal und gib ihr eine gute orthodoxe, neuengländische Erziehung, und sieh zu, was du aus ihr machen kannst, du weißt, ich habe dazu keine Anlage, aber ich möchte gern, daß du es versuchtest.«

»Nun, ich will tun, was ich kann«, sagte Miß Ophelia, und sie näherte sich ihrem neuen Zögling ziemlich so, wie sich jemand einer schwarzen Spinne nähern würde, vorausgesetzt, daß er wohlwollende Absichten auf sie hätte.

»Sie ist schrecklich schmutzig und halbnackt«, sagte sie.

»Nun, so nimm sie mit hinunter und laß sie von den Leuten reinigen und kleiden.«

Miß Ophelia brachte sie in die Küche hinunter.

»Ich sehe nicht ein, wozu Master Clare noch Nigger braucht«, sagte Dinah, welche den neuen Ankömmling mit keineswegs freundlichen Blicken betrachtete. »Sie mag mir nicht unter die Hände kommen, das weiß ich!«

»Pfui!« sagten Rosa und Jane mit großartiger Verachtung. »Sie mag uns aus dem Wege gehn! Wozu in aller Welt Master noch mehr von diesen gemeinen Niggern braucht!«

»Seid still da! Nicht mehr Nigger als Ihr selber, Miß Rosa«, sagte Dinah, welche sich von dieser letzten Bemerkung beleidigt fühlte. »Ihr scheint Euch gar für Weiße zu halten. Ihr seid keins von beiden – weder weiß noch schwarz. Ich möchte entweder nur das eine oder das andere sein.«

Miß Ophelia mußte bald bemerken, daß sich unter der Dienerschaft niemand fand, der das Reinigen und Ankleiden des neuen Ankömmlings übernehmen wollte. So mußte sie es denn selber tun, wobei ihr Jane widerwilligen Beistand leistete.

Miß Ophelia hatte einen guten Teil praktischer Entschlossenheit, und sie unterzog sich allen den ekelhaften Einzelheiten mit heldenmütiger Gründlichkeit, obgleich, wir müssen es gestehen, mit keiner sehr freundlichen Miene – denn zu mehr als zum bloßen Dulden konnten sie ihre Prinzipien nicht bringen. Als sie auf dem Rücken und den Schultern der Kleinen große Striemen und Narben entdeckte, die unauslöschlichen Zeugen des Systems, unter dem sie bis jetzt aufgewachsen war, da begann ihr Herz Erbarmen mit der Kleinen zu fühlen.

»Sehen Sie nur!« sagte Jane und wies auf die Narben. »Zeigt das nicht, daß sie ein Höllenbraten ist? Sie wird uns schön zu schaffen machen, rechne ich. Ich kann diese Niggerkinder auf den Tod nicht leiden! Sie sind so ekelhaft! Ich möchte nur wissen, wozu es Master gekauft hätte.«

Das Niggerkind hörte alle diese Bemerkungen mit der demütigen und kläglichen Miene an, die ihr Gewohnheit zu sein schien, und betrachtete nur mit einem scharfen und verstohlenen Blick seiner glitzernden Augen den Schmuck, den Jane in den Ohren trug. Als die Kleine endlich dastand, in einen anständigen und nicht zerrissenen Anzug gekleidet und das Haar kurz geschoren, sagte Miß Ophelia mit einiger Befriedigung, daß sie nunmehr wie ein Christenkind aussehe, und fing schon innerlich einige Pläne zu ihrer Erziehung zu überlegen an.

Sie setzte sich vor sie hin und fing an, sie zu examinieren.

»Wie alt bist du, Topsy?«

»Weiß nicht, Missis«, sagte der Kobold mit einem Grinsen, das alle Zähne zeigte.

»Du weißt nicht, wie alt du bist? Hat dir es niemand gesagt? Wer war deine Mutter?«

»Hab‘ nie keine gehabt!« sagte das Kind abermals grinsend.

»Du hast keine Mutter gehabt? Was meinst du damit? Wo bist du geboren?«

»Bin nie nicht geboren!« beteuerte Topsy mit einem so koboldartigen Grinsen, daß Miß Ophelia, wenn sie nervenschwach gewesen wäre, hätte glauben können, sie hätte einen schwarzen Gnomen aus der Unterwelt erwischt; aber Miß Ophelia war nicht nervenschwach, sondern einfach und praktisch und sagte daher mit einiger Strenge:

»Du darfst mir nicht so antworten, Kind, ich spiele nicht mit dir. Sage mir, wo du geboren bist und wer dein Vater und deine Mutter waren.«

»Bin nie nicht geboren«, wiederholte der Kobold noch emphatischer, »hatte nie Vater oder Mutter oder sonst was. Ein Sklavenhändler hat mich aufgezogen mit vielen andern. Alte Tante Sue wartete uns ab.«

Das Kind sprach offenbar die Wahrheit, und Jane sagte mit einem gezierten Lachen:

»Ach Gott, Missis, solche gibt’s in Unmassen. Spekulanten kaufen sie billig, wenn sie ganz klein sind, und ziehen sie zum Verkauf auf.«

»Wie lange bist du bei deiner Herrschaft?«

»Weiß nicht, Missis.«

»Ein Jahr oder mehr oder weniger?«

»Weiß nicht, Missis.«

»Ach Missis, diese gemeinen Nigger können so was nicht sagen; sie wissen nichts von der Zeit«, sagte Jane. »Sie wissen nicht, was ein Jahr ist; sie wissen nicht, wie alt sie sind.«

»Hast du etwas von Gott gehört, Topsy?«

Das Kind machte bei dieser Frage ein ganz verblüfftes Gesicht, grinste aber wie gewöhnlich.

»Weißt du, wer dich erschaffen hat?«

»Niemand, soviel ich weiß«, sagte das Kind mit einem kurzen Lachen.

Der Gedanke schien ihm ganz vorzüglichen Spaß zu machen, denn seine Augen funkelten und es setzte hinzu:

»Ich glaube, ich bin gewachsen. Glaub‘ nicht, daß mich jemand geschaffen hat.«

»Kannst du nähen?« sagte Miß Ophelia, welche ihren Fragen eine mehr praktische Richtung zu geben gedachte.

»Nein, Missis.«

»Was kannst du? – Was hast du bei deiner Herrschaft gemacht?«

»Wasser geholt und Geschirr gewaschen und Messer geputzt und den Leuten aufgewartet.«

»Haben sie dich gut behandelt?«

»Vermute«, sagte das Kind, indem es Miß Ophelia schlau ansah.

Miß Ophelia erhob sich von dieser ermutigenden Prüfung; St. Clare stand hinter ihr auf die Stuhllehne gestützt.

»Du findest hier jungfräulichen Boden, Cousine; pflanze deine eigenen Begriffe hinein – du wirst nicht viel erst aufzuräumen haben.«

Miß Ophelias Begriffe von Erziehung waren, wie alle ihre anderen Begriffe, sehr abgeschlossen und bestimmt und von der Art, wie sie vor einem Jahrhundert in Neuengland vorherrschten und selbst noch in sehr abgelegenen und unverdorbenen Gegenden bestehen, wo keine Eisenbahnen hinkommen. Sie ließen sich so ziemlich in sehr wenige Worte zusammenfassen. Dem Kinde wurde gelehrt, zu gehorchen, wenn man ihm etwas hieß; es wurde ihm der Katechismus, Nähen und Lesen gelehrt; und es bekam Schläge, wenn es log, und obgleich diese Ansichten natürlich durch die über die Erziehungsfrage ausgegossene Flut von Licht weit überholt sind, so ist es doch unbestreitbar, daß unsere Großmütter einige recht verständige Männer und Frauen auf die Weise erzogen haben, wie viele von uns sich erinnern und bezeugen können. Jedenfalls wußte es Miß Ophelia nicht anders und widmete sich daher ihrem heidnischen Zöglinge mit dem möglichsten Fleiße.

Das Kind galt im ganzen Hause als Miß Ophelias Mädchen, und da es vor den Herrschaften in der Küche durchaus keine Gnade fand, so beschloß Miß Ophelia, seinen Wirkungskreis und seinen Unterricht hauptsächlich auf ihr Zimmer zu beschränken. Mit einer Opferbereitwilligkeit, welche einige unserer Leser werden würdigen können, faßte sie den Entschluß, anstatt sich selbst ihr Bett zu machen und selbst ihr Zimmer zu kehren und zu ordnen – was sie bisher getan hatte, alle Hilfsanerbietungen des Hausmädchens entschieden zurückweisend –, sich dem Märtyrertum zu unterwerfen, Topsy in diesen Verrichtungen Unterricht zu erteilen. Aber wehe über diesen Tag! Wenn jemals unser Leser so etwas versucht hat, so wird er die Größe ihres Opfers würdigen können.

Miß Ophelia fing damit an, am ersten Morgen Topsy mit auf ihr Zimmer zu nehmen und einen feierlichen Kursus in der Kunst und den Geheimnissen des Bettmachens zu beginnen.

Topsy, gewaschen und der kleinen geflochtenen Schwänzchen beraubt, die ihres Herzens Freude waren, in einer reinen Kutte und einer gut gestärkten Schürze, steht ehrerbietig vor Miß Ophelia und macht ein so feierliches Gesicht, daß es sich zu einem Leichenbegräbnisse geschickt haben würde.

»Nun, Topsy, werde ich dir zeigen, wie du mein Bett machen mußt. Ich bin sehr eigen mit meinem Bett. Du mußt ganz genau lernen, wie es gemacht werden muß.«

»Ja, Ma’am«, sagte Topsy mit einem tiefen Seufzer und einem Gesicht voll kläglichen Ernstes.

»Also sieh, Topsy, das ist der Saum des Bettuches – das ist die rechte Seite des Bettuchs, und das die linke: Wirst du das behalten?«

»Ja, Ma’am«, sagte Topsy wieder mit einem Seufzer.

»Nun, das Unterbettuch mußt du über das Polsterkissen legen – und es recht hübsch und glatt unter die Matratze stopfen – siehst du?«

»Ja, Ma’am«, sagte Topsy mit tiefer Aufmerksamkeit.

»Aber das obere Bettuch«, sagte Miß Ophelia, »muß so gelegt und fest und glatt unten zu Füßen untergestopft werden – so –, der schmale Saum zu Füßen.«

»Ja, Ma’am«, sagte Topsy wie vorhin; aber wir müssen hinzusetzen, was Miß Ophelia nicht sah, daß während der Zeit, wo ihr die gute Dame in ihrem Lehreifer den Rücken zugekehrt hatte, die junge Schülerin Gelegenheit fand, ein paar Handschuhe und ein Band zu stehlen, welches sie geschickt in ihre Ärmel gleiten ließ, worauf sie wieder mit gehorsam gefalteten Händen dastand wie vorher.

»Nun versuch du es einmal, Topsy«, sagte Miß Ophelia, indem sie die Bettücher wieder entfernte und sich setzte.

Topsy verrichtete das Befohlene mit großer Geschicklichkeit zu Miß Ophelias vollkommener Befriedigung; sie strich die Bettücher glatt, klopfte jede Falte heraus und zeigte bei der ganzen Arbeit einen Ernst und eine Würde, von der sich ihre Lehrerin höchlichst erbaut fühlte. Durch ein unglückliches Versehen guckte jedoch gerade, als sie fertig war, ein Endchen des Bandes aus dem Ärmel heraus, und Miß Ophelia sah es. Auf der Stelle ergriff sie es. »Was ist das? Du böses, schlechtes Kind – das hast du gestohlen!«

Obgleich Ophelia das Band aus Topsys eigenem Ärmel zog, so geriet das Kind doch nicht im mindesten außer Fassung; es sah den Fund nur mit einer Miene der überraschtesten und arglosesten Unschuld an.

»Ob das nicht Miß Feelys Band ist! Wie mag’s nur in meinen Ärmel gekommen sein!«

»Topsy, du böses Mädchen, lüge nicht! Du hast das Band gestohlen!«

»Misses, wahrhaftig, ich hab’s nicht gestohlen; sehe es diese Minute zum allerersten Mal.«

»Topsy«, sagte Miß Ophelia, »weißt du nicht, daß es schlecht ist zu lügen?«

»Ich lüge nie, Miß Feely«, sagte Topsy mit tugendhaftem Ernste. »Es ist die reine Wahrheit, was ich Ihnen gesagt habe, und weiter nichts.«

»Topsy, ich werde dir die Peitsche geben lassen, wenn du so lügst.«

»Ach, Missis, und wenn Sie mich den ganzen Tag peitschen lassen, kann ich nichts anderes sagen«, sagte Topsy und fing an zu flennen. »Ich habe das Band noch mit keinem Auge gesehen, und es muß sich in meinen Ärmel verkrochen haben. Miß Feely hat’s gewiß auf dem Bett liegenlassen, und es ist unter die Bettücher gekommen und so in meinen Ärmel geraten.«

Miß Ophelia war so empört über die freche Lüge, daß sie das Kind faßte und schüttelte. »Sage mir das nicht noch einmal.«

Durch dieses Schütteln fielen die Handschuhe aus dem anderen Ärmel in die Stube.

»Da siehst du?« sagte Miß Ophelia. »Wirst du jetzt noch leugnen, daß du das Band gestohlen hast?«

Topsy bekannte jetzt den Diebstahl der Handschuhe, aber leugnete immer noch hinsichtlich des Bandes.

»Topsy, wenn du alles gestehen willst, sollst du diesmal nicht die Peitsche bekommen«, sagte Miß Ophelia. Auf dieses Versprechen bekannte sich Topsy zum Diebstahle des Bandes und der Handschuhe mit den kläglichsten Bußbeteuerungen.

»Jetzt gestehe es mir nur. Ich weiß, du mußt auch andere Dinge gestohlen haben, seit du hier bist, denn ich habe dich gestern den ganzen Tag frei herumlaufen lassen. Gestehe jetzt, was du genommen hast, und ich will dich nicht schlagen.«

»Ach, Missis! Ich habe Miß Evas rotes Ding genommen, das sie um den Hals trägt.«

»Was? Du böses Kind! Nun, was sonst noch?«

»Rosas Ohrringe – die roten.«

»Geh und bring mir alle beide Sachen gleich die Minute her.«

»Ach Missis, das kann ich nicht – sie sind verbrannt.«

»Verbrannt – was für eine Lüge! Hole sie oder du bekommst die Peitsche.«

Mit lauten Beteuerungen und Tränen und Seufzern erklärte Topsy, daß es ihr unmöglich sei.

»Sie sind verbrannt – rein verbrannt!«

»Warum hast du sie verbrannt?« sagte Miß Ophelia.

»Weil ich ein böses Kind bin. Ich bin schrecklich böse, sagen die Leute. Ich kann nichts dafür.«

In diesem Augenblick kam Eva zufällig ins Zimmer, geschmückt mit dem Korallenhalsband, von dem die Rede war.

»Was, Eva, wo hast du dein Halsband herbekommen?« sagte Miß Ophelia.

»Herbekommen? Ich habe es ja den ganzen Tag umgehabt«, sagte Eva.

»Hattest du es auch gestern immer?«

»Jawohl, und was das Drolligste ist, Tantchen, ich hatte es die ganze Nacht um. Ich vergaß es abzunehmen, als ich zu Bett ging.«

Miß Ophelia wußte nicht, was sie denken sollte, um so mehr, als jetzt auch Rosa ins Zimmer trat, mit einem Körbchen frischgeplätteten Leinenzeugs auf dem Kopfe und den Korallengehängen in den Ohren.

»Ich weiß wahrhaftig nicht, was ich mit einem solchen Kinde machen soll! Wozu, in aller Welt, sagtest du mir, du hättest diese Sachen gestohlen, Topsy?«

»Ach, Missis sagte ja, ich sollte bekennen; und ich wußte nichts anderes«, sagte Topsy und wischte sich die Augen.

»Aber natürlich verlange ich nicht, du solltest mir Dinge bekennen, die du nicht getan hast«, sagte Miß Ophelia, »das ist so gut eine Lüge wie das andere.«

»Ach wirklich?« sagte Topsy mit einer Miene unschuldiger Verwunderung.

»Ja, ’s ist auch kein Funken Wahrheit in diesem Satanskind«, sagte Rosa und sah Topsy mit bösem Gesicht an. »Wenn ich Master St. Clare wäre, wollte ich sie peitschen, daß ihr das Blut vom Rücken liefe; sie sollte es schon kriegen!«

»Nein, nein, Rosa«, sagte Eva mit einer befehlenden Miene, welche das Kind manchmal anzunehmen verstand, »so darfst du nicht sprechen, Rosa. Ich kann das nicht mit anhören.«

»Herrjemine! Miß Eva, Sie sind so gut und verstehen es nicht, wie man mit Niggern umspringen muß. Es gibt kein anderes Mittel, als sie blutig zu schlagen. Darauf verlassen Sie sich.«

»Rosa«, sagte Eva, »still! Kein Wort wieder von dieser Art.« Und das Auge des Kindes flammte auf, und seine Wange rötete sich tiefer. Rosa war in einem Augenblick eingeschüchtert.

»Miß Eva hat das St.-Clare-Blut in ihren Adern, das ist klar. Sie kann wahrhaftig gerade so sprechen wie ihr Papa«, sagte sie, indem sie das Zimmer verließ.

Eva stand da und betrachtete Topsy.

Als Miß Ophelia über Topsys Schlechtigkeit schalt, machte das Kind ein verwundertes und betrübtes Gesicht, sagte aber sanft:

»Arme Topsy, warum stiehlst du? Du sollst es ja jetzt gut hier haben. Gewiß will ich dir lieber etwas von meinen Sachen geben, als daß du stiehlst.«

Es war das erste freundliche Wort, welches das Kind in seinem Leben gehört hatte; und der sanfte Ton und die sanfte Weise berührte seltsam das wilde rohe Herz, und es funkelte etwas wie eine Träne in dem lebhaften runden glitzernden Auge, aber es wurde bald von einem kurzen Lachen und dem gewöhnlichen Grinsen verdrängt. Nein! Das Ohr, das nie etwas anderes als Scheltworte gehört hat, ist merkwürdig ungläubig, wenn es etwas so Himmlisches wie Freundlichkeit vernimmt, und Topsy kam die Anrede nur wie etwas Spaßiges und Unerklärliches vor – sie glaubte nicht daran.

Aber was war mit Topsy anzufangen? Miß Ophelia wußte weder aus noch ein; ihre Erziehungsregeln schienen hier keine Anwendung zu finden. Sie wollte sich Zeit nehmen, darüber nachzudenken; und um Zeit zu gewinnen und im Vertrauen auf eine unbestimmte moralische Heilkraft, die in dunklen Kammern wohnen soll, sperrte Miß Ophelia ihren Zögling ein, bis sie ihre Gedanken über diesen Gegenstand besser geordnet hatte.

»Ich sehe noch nicht ein, wie ich mit dem Kinde auskommen kann ohne Schläge«, sagte Miß Ophelia zu St. Clare.

»Nun, so schlage sie, soviel es dir gefällt, ich gebe dir die unbeschränkteste Vollmacht.«

»Kinder müssen immer Schläge bekommen«, sagte Miß Ophelia. »Ich habe nie gehört, daß sie ohne Schläge erzogen würden.«

»Tu, was du für das Beste hältst«, sagte St. Clare. »Aber nur eins will ich bemerken: Ich habe gesehen, wie man dieses Kind mit dem Schüreisen, mit der Feuerzange oder mit der Kohlenschaufel, und was gerade bei der Hand war, geschlagen hat, daß es zu Boden stürzte; da es also an diese Behandlungsweise gewöhnt ist, so glaube ich, du wirst mit ziemlicher Energie prügeln müssen, um einigen Eindruck hervorzubringen.«

»Was soll ich denn mit dem Kinde beginnen?« sagte Ophelia.

»Du stellst da eine ernsthafte Frage auf«, sagte St. Clare. »Ich wollte, du könntest sie beantworten. Was man mit einem menschlichen Wesen, das nur mit der Peitsche regiert werden kann, anfangen soll, wenn diese nicht mehr anschlägt, das ist etwas, was wir hier unten uns sehr häufig fragen.«

»Ich weiß es nicht, mir ist noch nie ein Kind von dieser Art vorgekommen.«

»Solche Kinder sind bei uns sehr gewöhnlich und auch solche Männer und Weiber. Wie soll man sie in Zucht erhalten?« sagte St. Clare.

»Die Frage ist jedenfalls für mich zu schwer, um sie zu lösen«, sagte Miß Ophelia.

»Und auch für mich«, sagte St. Clare. »Die schrecklichen Grausamkeiten und Schandtaten, die dann und wann ihren Weg in die Zeitungen finden – solche Vorfälle, wie z. B. der mit Prue – woher rühren sie? In vielen Fällen ist es ein allmählicher Verhärtungsprozeß auf beiden Seiten – der Sklavenbesitzer wird allmählich grausamer und grausamer, und der Sklave wird immer verstockter. Schläge und Scheltworte sind wie Laudanum; man muß die Dosis in dem Maße verdoppeln, wie die Gefühle sich abstumpfen. Ich sah dies sehr frühzeitig ein, als ich Sklavenbesitzer geworden war, und ich nahm mir vor, nie anzufangen, weil ich nicht wußte, wo ich aufhören würde, und beschloß, wenigstens meinen eigenen sittlichen Charakter rein zu halten. Infolge davon sind meine Dienstboten wie verzogene Kinder; aber ich halte das für besser, als wenn wir beide zusammen ganz vertiert wären. Du hast viel von unserer großen Verantwortlichkeit für die Erziehung unserer Mitmenschen gesprochen. Ich möchte wirklich wünschen, du versuchtest es mit einem Kinde, welches eine Probe von Tausenden unter uns ist.«

»Euer System ist an solchen Kindern schuld«, sagte Miß Ophelia.

»Ich weiß es, aber sie sind einmal vorhanden – und die Frage ist, was soll mit ihnen geschehen?«

»Nun, ich kann eben nicht sagen, daß ich dir für das Experiment sehr dankbar bin. Aber da es sich als eine Art Pflicht herausstellt, so will ich nicht ermatten und den Versuch fortsetzen und mein Bestes tun«, sagte Miß Ophelia; und von nun an widmete sich Miß Ophelia mit lobenswertem Eifer und Energie ihrem Zögling. Sie richtete regelmäßige Stunden und Beschäftigungen für die Kleine ein und lehrte sie selbst lesen und nähen.

In ersterer Kunst machte das Kind ziemlich rasche Fortschritte. Sie lernte die Buchstaben wie durch Zauberei und war bald imstande, gewöhnliche Schrift zu lesen; aber mit dem Nähen ging es nicht so leicht vonstatten. Die Kleine war so geschmeidig wie eine Katze und so rührig wie ein Äffchen, und die sitzende Beschäftigung des Nähens war ihr ein Greuel; so zerbrach sie die Nadeln, warf sie verstohlen zum Fenster hinaus oder in Mauerritzen; sie verwirrte, zerriß oder beschmutzte ihren Zwirn oder warf wohl auch mit einer listigen Bewegung ein Knäuel ganz weg. Ihre Bewegungen waren fast so schnell wie die eines geübten Taschenspielers, und sie beherrschte ihr Gesicht ebenso vollkommen; und obgleich Miß Ophelia recht gut einsah, daß so viele widrigen Zufälle sich nicht hintereinander ereignen konnten, so konnte sie doch nicht ohne eine Wachsamkeit, welche ihr zu nichts anderem Zeit übrig gelassen hätte, die Arglistige ertappen.

Topsy hatte sich in St. Clares Haus bald einen Ruf erworben. Ihr Talent für jede Art drolliges Gebärdenspiel, Gesichterschneiden und Schauspielern – für Tanzen, Luftspringen, Klettern, Singen, Pfeifen und Nachahmen jeden Tones, der ihr auffiel – schien unerschöpflich zu sein. In ihren Spielstunden lief ihr unfehlbar jedes Kind des Haushalts nach, den Mund weit aufsperrend vor Bewunderung und Staunen – nicht einmal Miß Eva ausgenommen, welche von ihren Koboldstücken ganz entzückt zu sein schien, wie manchmal eine Taube von einer glänzenden Schlange bezaubert wird. Miß Ophelia befürchtete, Eva möchte an Topsys Gesellschaft zuviel Gefallen finden, und bat St. Clare, es ihr zu verbieten.

»Bah! Laß das Kind seinen eigenen Weg gehen«, sagte St. Clare. »Topsy kann ihr nur nützen.«

»Aber ein so verderbtes Kind – befürchtest du nicht, daß es sie etwas Schlechtes lehren könnte?«

»Sie kann ihr nichts Schlechtes lehren; sie könnte es anderen Kindern lehren, aber das Schlechte gleitet von Evas Seele ab wie der Tau von einem Kohlblatt; kein Tropfen dringt ins Innere.«

»Sei nicht zu sicher«, sagte Miß Ophelia. »So viel weiß ich, daß ich nie eins meiner Kinder mit Topsy spielen lassen würde.«

»Nun, deine Kinder brauchen es nicht zu tun«, sagte St. Clare, »aber meine können es; wenn Eva verderbt werden könnte, so wäre sie schon vor Jahren verdorben.«

Anfangs sah sich Topsy von den oberen Dienstboten verabscheut und verachtet; aber sie fanden sehr bald Ursache, ihre Meinung zu ändern. Man entdeckte sehr bald, daß, wer Topsy eine Schmach zufügte, ganz sicher binnen sehr kurzer Zeit von irgendeinem unangenehmen Zufall betroffen wurde; entweder fehlten ein Paar Ohrringe oder sonst ein Lieblingsschmuck, oder man fand ein Kleidungsstück plötzlich ganz und gar verdorben, oder der Schuldige stolperte zufällig in einen Eimer heißes Wasser, oder ein schmutziger Regen von Spülwasser goß ganz unerklärlich auf ihn herab, wenn er in vollem Staate war; und bei allen diesen Gelegenheiten konnte man bei näherer Untersuchung nie den Urheber dieser empfindlichen Neckereien entdecken. Man zitierte Topsy, und sie erschien zu wiederholten Malen vor der Herrschaft zu Gericht; aber immer bestand sie das Verhör mit der erbaulichsten Unschuld und der ernsthaftesten Miene. Kein Mensch in der ganzen Welt zweifelte, wer der Urheber sei; aber es ließ sich auch nicht ein Buchstabe direkten Beweises zur Bekräftigung des Verdachtes auffinden, und Miß Ophelia war zu gerecht, um ohne Beweise sich strengere Maßregeln zu erlauben.

Die Neckereien waren außerdem stets der Zeit so gut angepaßt, daß der Urheber nur noch sicherer der Strafe entging. So wählte derselbe die Zeiten der Rache an Rosa und Jane, den beiden Kammerzofen, regelmäßig, wo, wie es nicht selten geschah, sie bei ihrer Herrin in Ungnade gefallen waren und wo natürlich eine von ihnen erhobene Klage keinen Anklang fand. Kurz, Topsy prägte der Dienerschaft bald ein, es sei klug, sie in Ruhe zu lassen; und man ließ sie nun auch in Ruhe.

In allen Handarbeiten war Topsy gewandt und energisch und lernte alles, was man ihr lehrte, mit wunderbarer Schnelligkeit. Nach wenigen Stunden Unterricht verstand sie Miss Ophelias Zimmer in einer Weise in Ordnung zu bringen, welche selbst diese vielverlangende Dame befriedigte. Menschenhände konnten die Laken nicht glatter ausbreiten, die Kissen nicht sorgfältiger an ihre Stelle legen, das Zimmer nicht vollkommener kehren, abstäuben und ordnen als Topsy, wenn sie Lust hatte – aber sie hatte nicht sehr oft Lust. Wenn Miss Ophelia, nachdem sie drei oder vier Tage sorgfältig und geduldig die Oberaufsicht geführt hatte, sanguinisch genug war, zu glauben, dass Topsy endlich ausgelernt habe und alles ohne Aufsicht verrichten könne, und nun fortging, um sich mit etwas anderem zu beschäftigen, so stellte Topsy ein oder zwei Stunden lang ein wahres Karneval von Verwirrung an. Anstatt das Bett zu machen, zog sie die Kissenüberzüge herunter, fuhr mit ihrem wolligen Kopf unter die Kissen, bis er manchmal auf das Groteskeste mit nach allen Richtungen emporstarrenden Federn verziert war; kletterte die Säulen hinauf und baumelte sich mit den Füßen anhaltend von oben herunter; warf die Bettücher im ganzen Zimmer herum; zog dem Fußkissen Miß Ophelias Nachtkleider an und führte verschiedene theatralische Darstellungen mit dieser Puppe auf; sang und pfiff und schnitt sich Gesichter im Spiegel; mit einem Worte, sie führte eine wahre Teufelskomödie auf.

Einmal fand Miss Ophelia Topsy mit ihrem besten scharlachroten, chinesischen Kreppschal als Turban um den Kopf gebunden vor dem Spiegel stehen, wo sie im großen Staat ihre Rolle einstudierte; denn Miss Ophelia hatte mit einer bei ihr unerhörten Sorglosigkeit den Schlüssel zum Schranke stecken lassen.

»Topsy!« pflegte sie zu sagen, wenn ihre Geduld zu Ende ging. »Weshalb machst du das nur?«

»Weiß nicht, Missis – ich glaube, weil ich so schlecht bin.«

»Ich weiß nicht, was ich mit dir anfangen soll, Topsy.«

»Ach, Missis, Sie müssen mich schlagen; meine alte Missis schlug mich stets. Ich bin nicht gewohnt zu arbeiten, wenn ich keine Schläge kriege.«

»Aber ich will dich nicht schlagen, Topsy. Du kannst dich gut aufführen, wenn du Lust dazu hast. Warum tust du’s nicht?«

»Ach, Missis, ich bin an Schläge gewöhnt; ich glaube, es muß wohl gut für mich sein.«

Miss Ophelia versuchte das Rezept, und Topsy machte stets einen schrecklichen Lärm und schrie und stöhnte und flehte, obgleich sie eine halbe Stunde später auf einer Ecke des Balkons sitzend gegen eine um sie versammelte Schar von der jungen Brut sich höchst verächtlich über die ganze Sache aussprach.

»Ach Miss Feely und peitschen! – Die kann keine Fliege totschlagen. Sollte sehen, wie alter Master das Fleisch in Fetzen davonfliegen machte; alter Master wusste, wie!«

Topsy war stets sehr stolz auf ihre Sünden und Missetaten, die sie offenbar als etwas ganz besonders Auszeichnendes betrachtete.

»Nun, ihr Nigger«, sagte sie zu ihren Zuhörern, »wisst ihr nicht, dass ihr alle Sünder seid? Ja, ihr seid Sünder, ohne alle Ausnahme. Die Weißen sind auch Sünder – Miss Feely sagt’s; aber ich glaube, Nigger sind die größten aber ach, mit mir könnt ihr’s nicht aufnehmen. Ich bin so schrecklich schlecht, daß niemand mit mir was anfangen kann. Alte Missis mußte immer den halben Tag über mich fluchen. Ich glaube, ich bin das schlechteste Geschöpf der Welt«, und Topsy schlug ein Rad und hockte munter und glänzend auf einen noch höheren Sitz und war offenbar stolz auf die Auszeichnung.

Sonntags war Miss Ophelia sehr eifrig bemüht, Topsy den Katechismus zu lehren. Topsy hatte ein ungewöhnlich gutes Wortgedächtnis und lernte mit einer Schnelligkeit, welche ihre Lehrerin sehr ermutigte.

»Was soll das ihr nützen?« sagte St. Clare.

»Mein Gott, es hat Kindern immer genützt. Alle Kinder müssen das lernen, das weißt du ja selbst«, sagte Miss Ophelia.

»Mögen sie es verstehen oder nicht?« sagte St. Clare.

»Oh, Kinder verstehen es nie, wenn sie es lernen; aber später, wenn sie groß werden, sehen sie es schon ein.«

»Bei mir ist das Verständnis noch nicht gekommen, obgleich ich bezeugen kann, daß du mir es gründlich gelehrt hast.«

»Ach, du zeigtest immer einen guten Kopf, Augustin. Ich setzte damals große Hoffnungen auf dich«, sagte Miß Ophelia.

»Nun, und jetzt nicht mehr?« sagte St. Clare.

»Ich wollte, du wärst so gut, wie du als Knabe warst, Augustin.«

»Das wünsche ich auch, Kusine«, sagte St. Clare. »Nun fang nur an und katechisiere Topsy, vielleicht machst du noch etwas aus ihr.«

Topsy, die während dieses Gesprächs wie eine schwarze Statue mit frommgefalteten Händen dagestanden hatte, begann jetzt auf ein Zeichen Miß Ophelias: »Unsere ersten Eltern, da ihnen ihr freier Wille gelassen war, verloren das Paradies, für das sie geschaffen waren.« Topsys Augen funkelten und sahen ihre Lehrerin fragend an.

»Was gibt’s, Topsy?« sagte Miss Ophelia.

»Ach, Missis, war das Paradies Kentucky?«

»Was für ein Paradies, Topsy?«

»Das Paradies, das ihnen verlorenging. Ich hörte immer Master erzählen, wir wären von Kentucky gekommen.«

St. Clare lachte.

»Du wirst ihr eine Erklärung geben müssen, oder sie macht sich eine«, sagte er. »Sie scheint mir da eine Theorie der Auswanderungen aufzustellen.«

»Ach Augustin, sei still«, sagte Miss Ophelia. »Wie kann ich etwas machen, wenn du beständig lachst?«

»Na, ich will dich nicht weiter stören, auf Ehre«, und St. Clare nahm die Zeitung und setzte sich hin, bis Topsy mit ihrem Hersagen fertig war. Sie bestand recht gut, nur daß sie manchmal einige wichtige Worte ganz wunderlich versetzte und sich auch nicht eines besseren belehren ließ; und St. Clare hatte trotz aller seiner Versprechungen eine boshafte Freude über diese Irrtümer, rief Topsy stets zu sich, wenn er sich einen Spaß machen wollte, und ließ sich von ihr trotz Ophelias Abmahnungen die verdrehte Stelle wiederholen.

»Denkst du denn, ich kann etwas mit dem Kinde ausrichten, wenn du dich auf diese Weise benimmst, Augustin?« pflegte sie zu sagen.

»Du hast recht, es ist zu schlecht, und ich will es nicht wieder tun; aber es macht mir Spaß, die drollige Kleine über diese schweren langen Worte stolpern zu hören.«

»Aber du bestärkst sie nur auf dem falschen Wege!«

»Was schadet das? Ein Wort gilt ihr soviel wie das andere.«

»Du hast mir aufgetragen, ihr den rechten Weg zu zeigen; und du solltest nicht vergessen, daß sie ein vernünftiges Geschöpf ist, und Sorge tragen, daß du keinen schlimmen Einfluß auf sie ausübst.«

»Ja freilich sollte ich das, aber wie Topsy selbst sagt: Ich bin schlecht.«

Auf ziemlich gleiche Weise ging Topsys Erziehung ein oder zwei Jahre lang ihren Gang, und Miß Ophelia quälte sich mit ihr Tag für Tag ab, wie mit einer Art chronischer Krankheit, an deren Schmerzen sie sich mit der Zeit so gewöhnte wie manche Leute an nervösen Glieder- oder Kopfschmerz.

St. Clare machte die Kleine denselben Spaß, wie anderen die Spielereien eines Papageis oder eines Hündchens machen. Wenn Topsy durch ihre Sünden anderwärts in Ungnade fiel, flüchtete sie sich hinter seinen Stuhl, und St. Clare glich für sie stets in einer oder der anderen Weise die Sache aus. Von ihm bekam sie manchen Picayune, für den sie Nüsse oder Kandiszucker kaufte, welche sie mit sorgloser Freigebigkeit unter alle Kinder des Hauses verteilte, denn man mußte Topsy lassen, sie war gutmütig und freigebig und nur boshaft aus Notwehr.

18. Kapitel


Henrique

Um diese Zeit besuchte St. Clares Bruder, Alfred, mit seinem ältesten Sohne, einem Knaben von 12 Jahren, auf ein paar Tage die Familie, die sich während der Sommermonate in der Villa am See Pontchartrain aufhielt.

Es konnte keinen eigentümlicheren und schöneren Anblick geben als diese beiden Zwillingsbrüder. Anstatt Ähnlichkeiten zwischen ihnen zu erschaffen, hatte die Natur sie in jeder Hinsicht zu Gegensätzen gemacht; und doch schien ein geheimnisvolles Band sie zu einer ungewöhnlich innigen Freundschaft zu vereinigen. Sie pflegten Arm in Arm in den Alleen und Gängen des Gartens spazierenzugehen: Augustin mit den blauen Augen und dem goldenen Haar, der ätherisch geschmeidigen Gestalt und lebendigen Zügen und Alfred mit den schwarzen Augen, mit stolzem römischen Profil, den kräftigen Gliedern und dem entschiedenen Wesen. Jeder schimpfte stets über des andern Meinungen und Treiben und konnte sich doch nicht von seiner Gesellschaft losmachen; gerade die Gegensätze in ihrem Charakter schienen sie zu vereinigen.

Henrique, der älteste Sohn Alfreds, war ein herrlicher Knabe mit schwarzen Augen voll Feuer und Leben und schien von dem ersten Augenblick an von der durchgeistigten Anmut seiner Cousine Evangeline ganz bezaubert zu sein.

Eva besaß ein kleines Lieblingspony von schneeweißer Farbe. Es ging so leicht wie eine Wiege und war so sanft wie seine kleine Herrin; und dieses Pony führte jetzt Tom an der Veranda der Rückseite vor, während ein kleiner Mulattenknabe von ungefähr 13 Jahren einen kleinen, schwarzen Araber brachte, den Alfred eben erst mit großen Kosten für Henrique hatte aus Europa kommen lassen.

Henrique hing mit dem Stolz eines Knaben an seinem neuen Eigentum; und wie er an das Pferd trat und dem kleinen Reitknecht die Zügel aus der Hand nahm, musterte er es sorgfältig, und seine Stirn verfinsterte sich.

»Was ist das, Dodo, du fauler Schelm! Du hast heute früh mein Pferd nicht rein gemacht.«

»Ja, Master«, sagte Dodo unterwürfig, »den Staub hat es von selber bekommen.«

»Schlingel, halt’s Maul«, sagte Henrique und erhob heftig die Reitpeitsche. »Wie kannst du zu sprechen wagen?«

Der Knabe war ein hübscher Mulatte mit hellen Augen, gerade so groß wie Henrique, und sein Lockenhaar beschattete eine hohe, kühne Stirn. Er hatte weißes Blut in den Adern, wie man an dem raschen Erröten seiner Wange und dem Funkeln seines Auges, wie er dringend zu sprechen verlangte, sehen konnte.

»Master Henrique! –« fing er an.

Henrique schlug ihn mit der Reitpeitsche über das Gesicht, packte ihn bei dem einen Arme, drückte ihn auf die Knie nieder und prügelte ihn, bis er außer Atem war.

»So, du unverschämter Schlingel! Wirst du nun lernen, mir nicht zu widersprechen, wenn ich mit dir rede? Führe das Pferd zurück in den Stall und mache es ordentlich rein. Ich will dir zeigen, wohin du gehörst!«

»Junger Herr«, sagte Tom, »ich glaube, er wollte sagen, daß das Pferd sich gewälzt hat, wie er es aus dem Stalle brachte; es ist so feurig – und so ist es schmutzig geworden; ich habe selber das Reinemachen besorgt.«

»Schweig, bis man dich fragt!« sagte Henrique, kehrte ihm den Rücken und ging die Stufen hinauf, um mit Eva zu sprechen, die in ihrem Reitkleide auf ihn wartete.

»Liebe Cousine, es tut mir leid, daß du durch dieses dummen Kerls Schuld hast warten müssen«, sagte er. »Wir wollen uns hier auf die Bank setzen, bis sie wiederkommen. Was hast du denn, Cousine? – Du machst ein so ernstes Gesicht.«

»Wie konntest du gegen den armen Dodo so grausam und schlecht sein?« sagte Eva.

»Grausam – schlecht?« sagte der Knabe mit unverstelltem Erstaunen. »Was meinst du damit, liebe Eva?«

»Ich leide nicht, daß du mich liebe Eva nennst, wenn du es so machst«, sagte Eva.

»Liebe Cousine, du kennst Dodo nicht; man kann bloß auf diese Weise mit ihm auskommen, er ist so voller Lügen und Entschuldigungen. Das einzige Mittel ist, ihn gleich niederzuschmettern – ihn nicht den Mund auftun zu lassen, so macht es Papa.«

»Aber Onkel Tom sagt, es sei ein Zufall, und er sagt nie, was nicht wahr ist.«

»Dann ist er ein rarer, alter Nigger!« sagte Henrique. »Dodo lügt mit jedem Worte, das aus seinem Munde kommt.«

»Du schüchterst ihn so ein, daß er lügt, wenn du ihn so behandelst.«

»Was, Eva, du nimmst ja an Dodo ein solches Interesse, daß ich fast eifersüchtig werden könnte.«

»Aber du hast ihn geschlagen, und er verdiente es nicht.«

»Na, dann hält es vor, bis er es verdient und keine Schläge bekommt. Ein paar Hiebe sind bei Dodo nie umsonst – er ist ein wahrer Teufel, sage ich dir; aber ich will ihn nicht wieder in deiner Anwesenheit schlagen, wenn du es nicht gern siehst.«

Eva war noch nicht befriedigt, aber versuchte es vergeblich, ihrem schönen Cousin ihre Empfindungen begreiflich zu machen.

Dodo kehrte bald mit dem Pferde zurück.

»Nun, diesmal hast du es ziemlich gut gemacht, Dodo«, sagte sein Herr mit einer gnädigen Miene. »Komm und halte Miß Evas Pferd, während ich sie in den Sattel hebe.«

Dodo kam und hielt Evas Pony. Sein Gesicht sah bewegt aus; an den Augen bemerkte man, daß er geweint hatte.

Henrique, der sich auf seine Gewandtheit in allen Sachen der Galanterie viel einbildete, hatte bald seine schöne Cousine in den Sattel gehoben und gab ihr nun die Zügel in die Hand.

Aber Eva neigte sich auf die andere Seite des Pferdes, wo Dodo stand, und sagte zu ihm, als er die Zügel losließ: – »Gut gemacht, Dodo! – Ich danke dir!«

Dodo blickte ganz erstaunt zu dem lieblichen jungen Gesicht empor; das Blut schoß ihm in die Wangen und die Tränen in die Augen.

»Hier, Dodo!« sagte sein Herr gebieterisch.

Dodo sprang hinzu und hielt das Pferd, während sein Herr aufstieg.

»Hier hast du eine Picayune, Dodo, kauf dir Kandis dafür«, sagte Henrique.

Und Henrique galoppierte den Gang hinab, hinter Eva her. Dodo blieb stehen und sah den beiden Kindern nach. Das eine hatte ihm Geld gegeben; und das andere etwas, wonach er viel mehr verlangte – ein freundliches Wort in freundlichem Tone gesprochen. Dodo war erst seit wenigen Monaten von seiner Mutter getrennt. Sein Herr hatte ihn in einer Sklavenauktion wegen seines schönen Gesichts als Zugabe zu dem schönen Pony gekauft; und er erhielt jetzt seine Erziehung von den Händen seines jungen Herrn.

Die beiden Brüder St. Clare hatten von einem anderen Teile des Gartens aus das Prügeln mit angesehen.

Augustins Wange rötete sich, aber er bemerkte nur mit seinem gewöhnlich ruhig sarkastischen Tone: »Das könnten wir wohl republikanische Erziehung nennen, Alfred.«

»Henrique ist ein Teufelskerl, wenn sein Blut warm wird«, sagte Alfred leichthin.

»Ich vermute, du betrachtest das als eine ihn belehrende Übung«, sagte Augustin trocken.

»Ich könnte nichts dagegen tun, wenn ich’s nicht täte. Henrique hat ein stürmisches Temperament, das sich gar nicht beherrschen läßt – seine Mutter und ich haben das längst aufgegeben. Aber dieser Dodo ist auch ein wahrer Kobold – und wenn man ihn noch soviel prügelt, es tut ihm nichts.«

»Und damit lernt Henrique den ersten Vers des Republikanerkatechismus: ›Alle Menschen sind frei und gleich geboren!‹«

»Bah!« sagte Alfred. »Das ist so ein Stück von Tom Jeffersons französischer Sentimentalität und Phrasenhaftigkeit. Es ist geradezu lächerlich, das jeden Tag von Mund zu Mund gehen zu hören.«

»Das glaube ich auch«, sagte St. Clare bedeutungsvoll.

»Weil wir deutlich sehen können«, sagte Alfred, »daß nicht alle Menschen frei und gleich geboren sind; sie sind eher alles andere geboren. Ich für meinen Teil halte die Hälfte von dieser republikanischen Rederei für reinen Schwindel. Bloß die Erzogenen, die Intelligenten, die Reichen, die Gebildeten sollten gleiche Rechte haben, nicht die Kanaille.«

»Wenn du die Kanaille bei dieser Meinung erhalten kannst«, sagte Augustin. »In Frankreich kam einmal die Reihe an sie.«

»Natürlich muß man sie unten halten, konsequent und fest, wie ich’s tun würde«, sagte Alfred und setzte den Fuß fest auf den Boden, als ob er auf etwas stände.

»Es gibt einen schrecklichen Sturz, wenn sie sich erheben«, sagte Augustin, »– zum Beispiel in St. Domingo.«

»Bah!« sagte Alfred. »Das wollen wir schon hierzulande verhüten. Wir müssen uns nur gegen dieses Geschwätz von Erziehen und Erheben wahren, das man jetzt im Lande herumträgt; die untere Klasse darf nicht erzogen werden.«

»Das läßt sich nicht mehr hindern«, sagte Augustin. »Erziehung wollen sie haben, und es fragt sich nur noch wie. Unser System erzieht sie in Barbarei und Roheit. Wir zerreißen alle humanisierenden Bande und machen sie zu rohen Bestien; und wenn sie die Oberhand bekommen, werden sie sich als solche zeigen.«

Alfred sagte:

»Sie sollen nie die Oberhand bekommen.«

»Das ist recht«, sagte St. Clare. »Nimm doppelte Dampfkraft, nagele das Sicherheitsventil zu und setze dich drauf und sieh zu, wo du landen wirst.«

»Nun, wir werden ja sehen«, sagte Alfred. »Ich fürchte mich nicht, mich auf das Sicherheitsventil zu setzen, solange der Dampfkessel stark und die Maschinerie in Ordnung ist.«

»Der Adel unter Ludwig XVI. dachte geradeso; und Österreich und Pius IX. denken heute noch so; und an einem schönen Morgen könnt ihr alle in die Höhe fliegen, um euch in der Luft zu begegnen, wenn die Kessel springen.«

»Dies declarabit«, sagte Alfred lachend.

»Ich sage dir«, sagte Augustin, »wenn sich etwas mit der Macht eines göttlichen Gesetzes in unserer Zeit offenbart, so ist es die Prophezeiung, daß sich die Massen erheben und die unteren Klassen die oberen werden sollen.«

»Das ist eine von deinen republikanischen Redereien, Augustin! Warum bist du nie als Agitator aufgetreten? Du müßtest einen vortrefflichen Volksversammlungsredner abgeben! Nun, ich hoffe, ich bin tot, ehe das tausendjährige Reich deiner schmierigen Massen anfängt.«

»Schmierig oder nicht schmierig, sie werden euch beherrschen, wenn ihre Zeit kommt«, sagte Augustin; »und sie werden gerade solche Herrscher sein, wie ihr aus ihnen macht. Der französische Adel wollte das Volk sansculottes haben, und sie hatten ihre Sanscülottherrscher nach Herzensgründen. Die Haytier –«

»Ach laß, Augustin, als ob wir von diesem abscheulichen, verächtlichen Hayti nicht schon gehört hätten! Die Haytier waren keine Angelsachsen; wenn sie das gewesen wären, würde die Geschichte wohl anders lauten. Die angelsächsische Rasse ist der herrschende Stamm der Welt und ist bestimmt, es zu bleiben.«

»Nun, bei unseren Sklaven findet sich eine ziemlich starke Beimischung des angelsächsischen Blutes«, sagte Augustin. »Viele von ihnen haben nur noch so viel vom Afrikaner, daß unsere berechnete Festigkeit und Voraussicht eine Art tropischer Wärme und Leidenschaft bekommt. Wenn je die San-Domingo-Stunde schlägt, so wird angelsächsisches Blut in erster Reihe stehen. Söhne weißer Väter, in deren Adern unser ganzer Stolz brennt, werden sich nicht immer kaufen und verkaufen lassen. Sie werden aufstehen und den Stamm ihrer Mutter mit sich zum Aufstand bewegen.«

»Dummes Zeug! – Unsinn!«

»Nun, wir haben ein altes Wort, welches sagt: Wie es in den Tagen Noah war, so soll es wieder sein; sie aßen, sie tranken, sie pflanzten, sie bauten und ahnten nichts, bis die Flut kam und sie hinwegriß.«

»Im ganzen, Augustin, glaube ich, du hast das rechte Talent für einen Wanderprediger. Mach dir keine Sorge um uns! Der Besitz ist unser Recht. Wir haben die Macht. Diese Sklavenrasse«, sagte er und trat fest auf den Boden, »ist unten und soll unten bleiben! Wir haben Energie genug, selbst unser Pulver zu hüten.«

»Söhne, die wie dein Henrique erzogen sind, werden prächtige Wächter über eure Pulvermagazine abgeben«, sagte Augustin, »so voll Ruhe und Selbstbeherrschung! Das Sprichwort sagt: Wer sich nicht selbst beherrschen kann, kann auch nicht über andere herrschen.«

»Es ist da ein wunder Fleck«, sagte Alfred gedankenvoll, »leugnen läßt sich nicht, daß bei unserem System die Kinder sehr schwer zu erziehen sind. Es gibt den Leidenschaften, die in unserem Klima ohnedies schon heftig genug sind, viel zu viel Spielraum. Was macht mir der Henrique für Sorge! Der Knabe hat ein edles und warmes Herz, aber er ist ein wahrer Sprühteufel, wenn er in Aufregung kommt. Ich glaube, ich werde ihn nach dem Norden auf die Schule schicken, wo der Gehorsam mehr Mode ist und wo er sich mehr mit seinesgleichen und weniger mit Dienstboten abgibt.«

»Da das Kindererziehen die Hauptarbeit des Menschengeschlechts ist«, sagte Augustin, »so sollte ich meinen, es wäre von Wichtigkeit, wenn unser System einen nachteiligen Einfluß darauf hat.«

»Nun, auf der einen Seite«, sagte Alfred, »auf der anderen Vorteil. Die Knaben werden dadurch mannhaft und mutvoll; und selbst die Laster einer niederen Rasse tragen dazu bei, die entgegengesetzten Tugenden in ihnen zu kräftigen. Ich glaube zum Beispiel, daß Henrique ein feineres Gefühl für die Schönheit der Wahrheit hat, weil er im Lügen und Betrügen das allgemeine Merkmal der Sklaverei sieht.«

»Allerdings eine sehr christliche Ansicht von der Sache!« sagte Augustin.

»Sie ist wahr, mag sie christlich sein oder nicht; und sie ist ziemlich christlich, wie die meisten andern Sachen in der Welt«, sagte Alfred.

»Das mag sein«, sagte St. Clare.

»Na, was hilft das Reden, Augustin. Ich glaube, wir haben dieselbe Sache schon fünfhundertmal besprochen. Was meinst du zu einer Partie Trictrac?«

Die beiden Brüder gingen die Verandastufen hinauf und saßen bald an einem leichten Bambustisch vor einem Brettspiel. Wie sie ihre Steine aufsetzten, sagte Alfred:

»Das muß ich gestehen, Augustin, wenn ich so wie du dächte, würde ich etwas tun.«

»Das glaube ich wohl – du bist einer von den Leuten, die was tun! Aber was?«

»Nun, deinen Dienstboten eine höhere Stellung geben, als Beispiel«, sagte Alfred mit einem halbspöttischen Lächeln.

»Du könntest ebensogut den Berg Ätna über sie setzen und ihnen heißen, darunter aufzustehen, als mir zu heißen, ich soll meinen Dienstboten unter der ganzen auf ihnen lastenden Masse der Gesellschaft eine höhere Stellung geben. Ein einzelner kann nichts gegen die Gesamttätigkeit der Allgemeinheit ausrichten. Wenn Erziehung etwas bewirken soll, so muß sie eine Staatseinrichtung sein, oder es müssen genug darüber einig sein, um die andern mit fortzureißen.«

»Du wirfst an«, sagte Alfred, und die Brüder waren bald ganz vom Spiele in Anspruch genommen und hörten nichts mehr, bis man die Pferde unter der Veranda trampeln hörte.

»Da kommen die Kinder«, sagte Augustin und stand auf. »Sieh einmal her, Alfred! Hast du jemals etwas so Schönes gesehen?« Und es war in der Tat ein schöner Anblick. Henrique mit seiner kühnen Stirn und den dunklen glänzenden Locken und glühenden Wangen lachte fröhlich, wie er sich zu seiner schönen Cousine hinüberbeugte, während sie angeritten kamen. Sie trug ein blaues Reitkleid mit einer Mütze von derselben Farbe. Die Bewegung hatte ihre Wangen lebhafter gefärbt und hob die Wirkungen ihrer merkwürdig durchsichtigen Haut und ihres goldenen Haares noch mehr hervor.

»O Himmel! Welch blendende Schönheit«, sagte Alfred. »Meinst du nicht auch, Augustin, daß sie mit der Zeit viel Herzweh verursachen wird?«

»Gewiß, nur zu wahr – Gott weiß es, ich fürchte es!« sagte St. Clare mit einem Tone plötzlicher Bitterkeit, wie er hinuntereilte, um sie vom Pferde zu heben.

»Liebste Eva! Bist du erschöpft?« fragte er, da sie seit einiger Zeit an Husten und Schwäche litt.

»Nein, Papa«, sagte das Kind, aber ihr kurzes keuchendes Atmen beunruhigte den Vater.

»Wie konntest du so schnell reiten, liebstes Kind? Du weißt, es taugt dir nichts.«

»Ich fühlte mich so wohl, Papa, und es gefiel mir so sehr, daß ich gar nicht daran dachte.«

St. Clare trug sie in seinen Armen in die Stube und legte sie aufs Sofa.

»Henrique, du mußt Eva in acht nehmen«, sagte er. »Du darfst nicht so schnell mit ihr reiten.«

»Ich will sie unter meine Obhut nehmen«, sagte Henrique mit einem fürsorglichen Ton in seiner Stimme, nahm neben dem Sofa Platz und ergriff Evas Hand.

Eva hatte sich bald erholt. Ihr Vater und Onkel begannen wieder ihr Spiel, und die Kinder waren sich allein überlassen.

»Weißt du, Eva, daß es mir sehr leid tut, daß Papa nur zwei Tage hierbleiben will – und dann soll ich dich so lange Zeit gar nicht sehen! Wenn ich bei dir bliebe, würde ich versuchen gut zu sein und freundlich gegen Dodo. Ich habe gar nicht die Absicht, Dodo schlecht zu behandeln; aber du weißt, ich bin so hitzig von Natur. Übrigens behandle ich ihn eigentlich nicht so schlecht. Ich gebe ihm dann und wann eine Picayune, und er ist immer gut gekleidet, wie du siehst. Im ganzen glaube ich doch, daß sich Dodo ziemlich wohl befindet.«

»Was würdest du von deinem Befinden halten, wenn du niemand um dich hättest, der dich liebte?«

»Natürlich würde ich sagen, es ist schlecht.«

»Und du hast Dodo von allen Freunden, die er hatte, getrennt, und er hat nun kein Geschöpf, das ihn liebhat. Niemand kann unter solchen Verhältnissen gut sein.«

»Nun, ich kann nicht dafür, soviel ich’s verstehe. Ich kann ihm seine Mutter nicht schaffen, und ich selber kann ihn nicht lieben und ein anderer auch nicht, soviel ich weiß.«

»Warum kannst du ihn nicht lieben?« sagte Eva.

»Dodo lieben? Das wirst du doch nicht von mir verlangen! Gern haben mag ich ihn wohl, aber man hat doch seine Dienstboten nicht lieb.«

»Ich aber habe sie lieb.«

»Wie seltsam!«

»Sagt nicht die Bibel, daß wir alle Menschen lieben müssen!«

»Ach die Bibel! Gewiß steht vieles von der Art drin, aber niemand denkt daran, es zu tun, das weißt du ja Eva – niemand tut danach.«

Eva sprach nicht, sie schaute eine Weile gedankenvoll vor sich hin.

»Jedenfalls, lieber Cousin«, sagte sie, »habe den armen Dodo lieb. Und sei freundlich mit ihm um meinetwillen.«

»Um deinetwillen, liebe Cousine, könnte ich alles liebhaben, denn ich glaube wirklich, du bist das liebenswürdigste Wesen auf der Welt!« Und Henrique sprach mit einer Innigkeit, welche sein schönes Gesicht erröten machte. Eva nahm das Kompliment mit vollkommener Einfachheit auf, ohne eine Miene zu verziehen, und sagte bloß: »Es freut mich, daß du so denkst, lieber Henrique! Ich hoffe, du wirst es nicht vergessen.«

19. Kapitel


Vorboten

Zwei Tage später schieden Alfred St. Clare und Augustin voneinander; und Eva, welche sich durch die Gesellschaft ihres jungen Vetters zu Anstrengungen hatte fortreißen lassen, die über ihre Kräfte waren, wurde mit jedem Tage merklich kränker. St. Clare entschloß sich endlich, ärztliche Hilfe herbeizurufen, was er bisher immer vermieden hatte, weil es das Eingeständnis einer unwillkommenen Wahrheit war. Aber ein oder zwei Tage lang war Eva so unwohl, daß sie nicht ausgehen durfte, und der Arzt wurde gerufen.

Marie St. Clare hatte auf die allmählich abnehmende Gesundheit und Kraft des Kindes nicht acht gehabt, weil sie gerade ganz in das Studium von zwei oder drei neuen Krankheitsformen, deren Opfer sie zu sein glaubte, vertieft war. Es war Mariens erster Glaubenssatz, daß niemand so sehr als sie selbst leiden könnte; und deshalb wies sie stets mit wahrer Entrüstung jede Andeutung zurück, daß eine Person ihrer Umgebung krank sei. In einem solchen Falle war sie stets überzeugt, daß es nichts als Trägheit oder Mangel an Energie sei und daß die Leute bald den Unterschied sehen würden, wenn sie so viel gelitten hätten wie sie.

Miß Ophelia hatte mehrere Male versucht, ihre mütterlichen Besorgnisse über Eva zu erregen, aber vergebens.

»Ich sehe nicht, daß dem Kinde etwas fehlte«, sagte sie dann wohl, »sie springt herum und spielt.«

»Aber sie hat den Husten.«

»Den Husten! Sie brauchen mir nicht von einem Husten zu sprechen. Ich habe von Jugend auf den Husten gehabt. Als ich so alt wie Eva war. glaubten sie, ich hätte die Auszehrung. Eine Nacht nach der andern mußte Mammy bei mir wachen. Ach, Evas Husten hat nichts zu bedeuten!«

»Aber sie wird schwach und hat einen kurzen Atem.«

»Mein Gott, den habe ich schon seit Jahren, es ist nur ein Nervenleiden.«

»Aber sie schwitzt so des Nachts!«

»Das tue ich schon seit zehn Jahren. Sehr oft sind des Nachts meine Sachen zum Auswringen naß. An meinem Nachtanzug ist kein trockner Faden, und die Bettücher muß Mammy zum Trocknen aufhängen! So arg schwitzt doch Eva gewiß nicht!«

Miß Ophelia schwieg für jetzt. Aber nun, wo Eva wirklich und sichtbar krank war und ein Arzt gerufen wurde, machte Marie plötzlich eine neue Wendung.

Sie wisse es, sagte sie, sie habe es immer gefühlt, daß sie bestimmt sei, die unglücklichste aller Mütter zu sein. Hier liege sie in ihrem Siechtum und müsse ihr einziges, geliebtes Kind vor ihren Augen ins Grab sinken sehen! Und Marie hielt auf dieses neue Unglück gestützt, Mammy jede Nacht wach und lärmte und schalt den ganzen Tag lang mit mehr Energie als je.

»Liebe Marie, sprich doch nicht so!« sagte St. Clare. »Du mußt nicht gleich so ganz und gar verzweifeln.«

»Du kennst ein Mutterherz nicht, St. Clare! Du hast mich nie verstehen können! – Und verstehst mich auch jetzt nicht.«

»Aber sprich nur nicht, als ob gar keine Hoffnung mehr vorhanden wäre!«

»Ich kann dabei nicht so gleichgültig bleiben wie du, St. Clare. Wenn du nichts fühlst, wenn dein einziges Kind in einem so beunruhigenden Zustande ist, so ist es bei mir freilich anders. Der Schlag ist zu schwer für mich, da ich ohnehin schon zu viel zu tragen habe.«

»Es ist wahr«, sagte St. Clare, »daß Eva sehr angegriffen ist, das wußte ich immer, und daß sie über ihre Kräfte gewachsen und daß ihr Zustand kritisch ist. Aber jetzt gerade ist sie nur ermattet von dem warmen Wetter und der Aufregung des Besuchs und den Anstrengungen, die sie während der Zeit gemacht hat. Der Arzt sagt, wir könnten noch hoffen.«

»Wenn du dich freilich an der Lichtseite erfreuen kannst, so will ich dir das gern lassen; es ist eine wahre Gnade des Himmels, wenn Leute auf dieser Welt nicht zu empfindlich sind. Ich wenigstens wünschte, ich wäre es nicht – man wird dadurch so gänzlich unglücklich! Ich wollte, ich könnte so ruhig sein wie ihr übrigen.«

Und »die übrigen« hatten guten Grund, denselben Wunsch zu hegen, denn Marie machte ihr neues Leiden als Ursache und Entschuldigungsgrund aller möglichen Quälereien geltend, die sie ihrer Umgebung zufügte. Jedes einzelne Wort, das gesprochen, und jedes Ding, was getan und unterlassen wurde, war nur ein neuer Beweis, daß nur hartherzige, gefühllose Wesen sie umgaben, welche ihre besonderen Leiden nicht beachteten. Die arme Eva hörte einige von diesen Äußerungen und weinte sich ihre kleinen Äuglein fast aus vor Mitleid mit ihrer Mama und aus Schmerz, daß sie ihr soviel Beschwerde verursachte.

Nach Verlauf von ein oder zwei Wochen zeigte sich eine große Besserung in den Symptomen, und es trat eine von den verräterischen Pausen ein, mit welchen diese unerbittliche Krankheit noch am Rande des Grabes das besorgte Herz täuscht. Eva lief wieder im Garten und auf dem Balkon herum; sie spielte und lachte von neuem, und ihr Vater erklärte in seinem Entzücken, daß sie bald wieder so kräftig sein würde wie früher. Bloß Miß Ophelia und dem Arzt flößte dieser scheinbare Waffenstillstand keine Ermutigung ein. Auch noch ein anderes Herz fühlte dieselbe Gewißheit, und das war das kleine Herz Evas. Was ist das, was manchmal in der Seele so ruhig und klar spricht, daß ihre Frist auf Erden nur noch kurz sein wird? Ist es der geheime Instinkt hinsiechender Natur oder das ahnende Erzittern der Seele, wie die Unsterblichkeit nähertritt? Mag es dieses oder jenes sein, im Herzen Evas blieb das Gefühl als eine ruhige, wohltuende, prophetische Gewißheit, daß der Himmel nahe sei; so ruhig wie das Licht des Sonnenuntergangs, so wohltuend wie die glänzende Stille des Herbstes schlummerte ihr kleines Herz, nur gequält von Schmerz um diejenigen, die sie so zärtlich liebten.

Denn obgleich sie zärtlich gepflegt wurde und obgleich das Leben sich vor ihr mit jedem Reize entfaltete, den Liebe und Reichtum verschaffen können, tat es dem Kinde doch nicht leid zu sterben.

In dem Buch, welches sie und ihr einfacher alter Freund so viel zusammen lasen, hatte sie das Bild dessen, der die Kindlein zu sich kommen ließ, gesehen und in ihr junges Herz geschlossen, und wie sie es anblickte und darüber nachsann, hatte es aufgehört, ein Bild der fernen Vergangenheit zu sein und wurde zu einer lebendigen, alles umgebenden Wirklichkeit. Seine Liebe umfing ihr kindliches Herz mit mehr als sterblicher Zärtlichkeit; und zu ihm, sagte sie, ginge sie in seine neue Heimat.

Aber ihr Herz schlug mit liebender Treue für alle, welche sie zurücklassen mußte – für ihren Vater am meisten, denn Eva, obgleich sie es nie klar gedacht hatte, fühlte doch heraus, daß er mehr an ihr hing als alle anderen. Sie liebte ihre Mutter, weil sie ein so liebebedürftiges Herz hatte, und all die Sehnsucht, die sie an ihr bemerkte, hatte sie nur betrübt und in Verwunderung gesetzt, denn sie hatte das unbedingte Vertrauen eines Kindes, daß ihre Mutter nicht unrecht tun könne. Sie hatte etwas, was Eva sich nie erklären konnte, und sie glitt immer darüber auf dem Gedanken hinweg, daß sie am Ende doch Mama sei, und liebte sie auf das zärtlichste.

Sie fühlte auch für die armen getreuen Dienstboten, denen sie wie Tageslicht und Sonnenschein war. Kinder abstrahieren in der Regel nicht; aber Eva war ein ungewöhnlich frühreifes Kind, und alles, was sie von den Übeln des Systems, unter dem sie lebte, gesehen hatte, war nach und nach tief in ihr gedankenvolles, grübelndes Herz gesunken. Sie fühlte eine unbestimmte Sehnsucht, etwas für sie zu tun – nicht nur sie zu segnen und zu retten, sondern auch alle, die mit ihnen in gleicher Lage waren – eine Sehnsucht, die in einem trauervollen Gegensatz zu der Schwäche der kindlichen Hülle stand.

»Onkel Tom«, sagte sie eines Tages, als sie mit ihrem Freunde las, »ich verstehe jetzt, warum Jesus für uns sterben wollte.«

»Warum, Miß Eva?«

»Weil ich auch den Wunsch gefühlt habe.«

»Wie ist das, Miß Eva? – Ich verstehe es nicht.«

»Ich kann es dir nicht sagen; aber als ich die armen Geschöpfe auf dem Boote sah, du weißt ja, wie wir hierher fuhren, von denen einige ihre Mütter und andere ihre Gatten verloren hatten und andere um ihre Kinder weinten und als ich die Geschichte von der armen Prue hörte – ach war das nicht schrecklich? – und viele andere zu anderen Zeiten, da fühlte ich, daß ich gern sterben würde, wenn ich durch meinen Tod all diesem Elend ein Ende machen könnte. Ich würde für sie sterben, Tom, wenn ich könnte«, sagte das Kind mit innigem Ernste, indem sie ihre kleine, schmale Hand auf die seine legte.

Tom betrachtete das Kind mit Ehrfurcht, und als sie auf den Ruf ihres Vaters hinausglitt, wischte er sich die Augen viele Male, wie er ihr nachsah.

»Es nutzt nichts, wenn wir uns Mühe geben, Miß Eva hier zu behalten«, sagte er zu Mammy, der er eine Weile darauf begegnete. »Sie hat das Zeichen des Herrn auf der Stirn.«

»Ach ja, ja«, sagte Mammy und erhob die Hände, »ich habe es immer gesagt. Sie war nie wie ein Kind, das leben soll – es war immer was Tiefes in ihren Augen. Ich habe es Missis viele, viele Male gesagt; jetzt wird es wahr – wir sehen es alle – das liebe, kleine gesegnete Lamm!«

Eva kam die Verandastufen herauf zu ihrem Vater gesprungen. Es war spätnachmittags, und die Strahlen der Sonne bildeten eine Art Glorie hinter ihr, wie sie in dem weißen Kleide, mit dem goldenen Haar und den glühenden Wangen und den von der Glut des schleichenden Fiebers unnatürlich glänzenden Augen näher kam.

St. Clare hatte sie gerufen, um ihr eine Statuette zu zeigen, die er für sie gekauft hatte; aber ihre Erscheinung, wie sie ihm entgegenkam, machte auf ihn einen plötzlichen und schmerzlichen Eindruck. Es gibt eine Art Schönheit, die groß, aber zugleich so hinfällig ist, daß wir nicht einmal den Anblick derselben ertragen können. Ihr Vater schloß sie plötzlich in die Arme und vergaß fast, was er ihr hatte sagen wollen.

»Liebe Eva, du befindest dich heute besser, nicht wahr?«

»Papa«, sagte Eva mit plötzlicher Festigkeit, »ich habe seit langer Zeit dir manches zu sagen. Ich will es dir jetzt sagen, ehe ich schwächer werde.«

St. Clare zitterte, als Eva sich ihm auf den Schoß setzte, sie legte den Kopf an seine Brust und sagte:

»Es nützt nichts, Papa, es noch länger für mich behalten zu wollen. Die Zeit ist nahe, wo ich dich verlassen muß. Ich muß dich verlassen und kann nie wiederkommen!« und Eva schluchzte.

»Ach, ich bitte dich, liebes Evchen«, sagte St. Clare mit zitternder, obgleich gezwungen heiterer Stimme. »Deine Nerven sind angegriffen, und du bist in gedrückter Stimmung; du mußt dich nicht solchen düsteren Gedanken hingeben. Sieh her, ich habe dir eine Statuette gekauft!«

»Nein, Papa«, sagte Eva und schob sie sanft weg, »ich täusche dich nicht! Ich befinde mich nicht besser – ich weiß das recht gut, und ich muß euch bald verlassen. Meine Nerven sind nicht angegriffen – meine Stimmung ist nicht gedrückt. Wenn es nicht deinetwegen wäre, Papa, und wegen meiner Freunde, so würde ich mich vollkommen glücklich fühlen. Ich wünsche zu scheiden – ich sehne mich danach!«

»Aber liebes Kind, was hat dein armes Herzchen so traurig gemacht. Hat man dir nicht alles gegeben, was dich glücklich machen konnte?«

»Ich wäre aber doch lieber im Himmel – nur um meiner Freunde willen möchte ich leben. Es geschehen so viele, viele Dinge, die mich traurig machen und die mir schrecklich erscheinen. Ich möchte lieber dort sein! Aber dich möchte ich nicht verlassen, es bricht mir fast das Herz!«

»Was macht dich so traurig und was scheint dir so schrecklich, Eva?«

»Ach, Dinge, welche geschehen und beständig geschehen. Unsere armen Leute tun mir leid, sie lieben mich sehr, und sie sind alle gut und freundlich gegen mich. Ich wollte, Papa, sie wären alle frei!«

»Meinst du denn nicht, Kind, daß sie sich alle ziemlich wohl befinden?«

»Aber ach, Papa, wenn dir etwas zustoßen sollte, was würde dann aus ihnen werden? Nur sehr wenige Leute sind wie du, Papa. Onkel Alfred ist nicht wie du und Mama auch nicht; und dann denke dir nur, der Eigentümer der armen Prue! Was für gräßliche Dinge die Leute tun und tun könnten!« Und Eva schauderte.

»Liebes Kind, du bist zu gefühlvoll. Ich bedauere, daß ich dich jemals habe solche Geschichten anhören lassen.«

»Ach, das macht mir eben Unruhe, Papa. Ich soll immer ganz glücklich leben und nie einen Schmerz haben oder etwas leiden, nicht einmal eine traurige Geschichte hören, während manche arme Geschöpfe ihr ganzes Leben in Schmerz und Kummer verbringen. Das kommt mir selbstsüchtig vor. Ich sollte diese Dinge kennen – ich sollte für sie empfinden. Diese Sachen sinken mir immer tief ins Herz, und ich habe immer wieder darüber nachgedacht. Papa, läßt es sich gar nicht machen, alle Sklaven freizugeben?«

»Das ist eine verwickelte Frage, liebstes Kind. Es läßt sich gar nicht bezweifeln, daß das gegenwärtige Verhältnis ein sehr schlimmes ist, und viele Leute denken so; ich bin selbst der Meinung. Ich wünsche aufrichtig, daß kein einziger Sklave im ganzen Lande wäre, aber ich weiß nicht, wie sich das bewerkstelligen ließe.«

»Papa, du bist ein so guter Mensch und so edel und liebreich, und du hast immer eine Art, die Sachen vorzustellen, die so gut klingt; könntest du nicht bei den Leuten herumgehen und den Versuch machen, sie zu überreden, hierin zu tun, was recht ist? Wenn ich tot bin, Papa, wirst du an mich denken und es meinetwillen tun. Ich täte es, wenn ich könnte.«

»Wenn du tot bist, Eva!« sagte St. Clare leidenschaftlich. »O Kind, sprich nicht so! Du bist mein alles auf Erden.«

»Der armen, alten Prue Kind war auch ihr alles; und doch mußte sie es weinen hören und konnte ihm nicht helfen! Papa, diese armen Geschöpfe lieben ihre Kinder ebenso, wie du mich liebst. Ach, tue etwas für sie! Die arme Mammy liebt ihre Kinder; ich habe sie weinen sehen, wenn sie von ihnen sprach. Und Tom liebt seine Kinder; und es ist schrecklich, daß solche Dinge beständig geschehen!«

»Mein liebes, liebes Kind«, sagte St. Clare besänftigend, »weine nur nicht und sprich nicht vom Sterben, und ich will alles tun, was du wünschest.«

»Und versprich mir, lieber Vater, daß du Tom freilassen willst, sobald ich –« und sie hielt inne, und setzte dann zögernd hinzu – »nicht mehr bin.«

»Ja, liebes Kind, ich will alles tun – alles, was du nur von mir verlangen kannst.«

»Lieber Papa«, sagte das Kind und legte seine brennende Wange an die seine, »wie sehr ich wünsche, wir könnten zusammen gehen.«

»Wohin, liebes Kind?«

»Zu unserem Erlöser; es ist so selig und friedlich bei ihm – alles voller Liebe!« Das Kind sprach nachdenklich, wie von einem Orte, wo es schon oft gewesen. »Willst du nicht mit, Papa?« sagte Eva.

St. Clare zog sie näher an sich, aber schwieg.

»Du wirst zu mir kommen«, sagte das Kind mit einem Tone ruhiger Gewißheit, den es oft unbewußt anwendete.

»Ich werde dir folgen. Ich werde dich nicht vergessen.«

Der feierliche Abend umhüllte sie tiefer und tiefer, während St. Clare schweigend dasaß und die kleine hinfällige Gestalt an seine Brust drückte. Er sah nicht mehr die tiefen Augen, aber die Stimme tönte ihm, wie eine Geisterstimme; und wie in einer Vision des Jüngsten Gerichts stieg sein ganzes vergangenes Leben in einem Augenblick vor ihm empor – die Gebete und Hymnen seiner Mutter – sein eigenes früheres Sehnen und Streben nach dem Guten; und zwischen diesem und der gegenwärtigen Stunde Jahre von Weltsinn und Zweifelsucht und was die Leute anständiges Leben nennen.

St. Clare sah und fühlte vielerlei, aber sprach nichts aus; und wie es dunkler wurde, trug er Eva in ihr Schlafzimmer; und als sie ausgekleidet war, schickte er die Dienstboten fort und wiegte sie in seinen Armen und sang sie in den Schlaf.

12. Kapitel


Evangeline

Die trüben Wogen des Mississippi, die schäumend vorüberstürzen, sind ein passendes Bild für die Sturmesschnelle der Geschäftsflut, welche ein Volk, das heftiger und energischer ist, als jedes andere auf der Welt, auf seinen Wogen dahinströmen läßt. Ach, wenn sie nur nicht auch eine schrecklichere Fracht trügen, die Tränen der Bedrückten, die Seufzer der Hilflosen, die angstvollen Gebete der armen unwissenden Herzen zu einem unbekannten Gott – ungekannt, ungesehen und schweigend, der aber dereinst aus seiner Stelle herniederkommen wird, um alle Armen auf Erden zu erlösen!

Die schrägen Strahlen der untergehenden Sonne zittern auf der meeresgleichen Ausdehnung des Stromes; das schwankende Rohr und die schlanke dunkle Zypresse mit Girlanden von dunklem trauerndem Moos behängt, glühen in dem goldenen Strahl, wie das schwer beladene Dampfboot vorüberfährt.

Mit Baumwollballen von mancher Plantage auf dem Deck und an den Seiten belastet, bis es in der Ferne wie ein viereckiger, massenhafter grauer Block erscheint, bewegt es sich schwerfällig vorwärts nach dem näherkommenden Weltmarkt. Wir müssen uns einige Zeitlang auf den gedrängt vollen Verdecken umsehen, ehe wir unseren niederen Freund Tom finden. Hoch auf dem oberen Verdeck in einer Ecke unter den überall vorwaltenden Baumwollballen treffen wir ihn endlich. Teils infolge des von Mr. Shelbys Vorstellungen geweckten Vertrauens, teils durch den merkwürdig harmlosen und stillen Charakter des Mannes, hatte sich Tom allmählich unmerklich selbst bei einem solchen Manne wie Haley nicht geringes Vertrauen erworben.

Anfangs hatte er ihn während des Tages argwöhnisch bewacht und hatte ihn nie nachts ungefesselt schlafen lassen; aber die nie klagende Geduld und die Fügsamkeit, mit der sich Tom in seine Lage schickte, bewog ihn, es allmählich weniger streng zu nehmen, und jetzt war Tom seit einiger Zeit gewissermaßen Gefangener auf Ehrenwort, indem ihm erlaubt war, frei im Boot herumzugehen.

Immer ruhig und gefällig und mehr als bereit, bei jeder Gelegenheit die Arbeiter unten mit seinen Kräften zu unterstützen, wurde er von der ganzen Mannschaft gern gesehen und arbeitete mit ihnen viele Stunden ebenso bereitwillig, als ob er auf einer Kentuckyfarm gewesen wäre.

Wenn sich keine Arbeit für ihn fand, kletterte er hinauf in eine Ecke zwischen den Baumwollballen auf dem oberen Verdeck und studierte die Bibel – womit er sich gegenwärtig auch beschäftigt.

Auf eine Strecke von hundert oder mehr englischen Meilen oberhalb New Orleans ist der Strom höher als das umliegende Land und wälzt seine gewaltigen Fluten zwischen massiven zwanzig Fuß hohen Dämmen dahin. Der Reisende sieht von dem Verdeck des Dampfers wie von dem Turm eines schwimmenden Schlosses auf das ganze Land auf Meilen im Umkreis herab. Tom hatte daher in einer Plantage nach der andern eine Karte seines zukünftigen Landes vor sich ausgebreitet.

Er sah in der Ferne Sklaven an ihrer Arbeit; er sah ihre Hüttendörfer in langen Reihen auf mancher Plantage, weit entlegen von den stolzen Wohnsitzen und Gärten der Herren, und wie das bewegliche Bild an ihm vorüberging, wendete sich sein armes törichtes Herz zurück nach der Kentuckyfarm mit ihren alten schattigen Buchen – nach dem Herrenhaus mit seinen geräumigen kühlen Hallen und nicht weit davon seine kleine Hütte mit Multiflora und Bignonia überzogen. Dort sah er vertraute Gesichter von Kameraden, die mit ihm von Kindheit an aufgewachsen waren; er sah sein geschäftiges Weib eifrig die Bereitung seines Abendbrots beeilen, er hörte das lustige Lachen seiner Knaben beim Spiel und das Krähen des Kleinen auf seinem Knie, und dann war auf einmal alles verschwunden, und er sah wieder die Rohrsümpfe und die Zypressen vorübergleitender Plantagen und hörte wieder das Knarren und Stöhnen der Maschinerie – für ihn nur zu deutliche Stimmen, daß diese Phase seines Lebens nun für immer vorüber sei.

Ist es daher zu verwundern, daß einige Tränen auf die Blätter seiner Bibel fielen, wie er sie auf den Baumwollballen legt und mit geduldigem Finger seinen Weg von Wort zu Wort suchend, ihre Verheißungen herausbuchstabiert? Da Tom das Lesen erst spät gelernt hatte, las er langsam und las mühsam einen Vers nach dem andern. Zum Glück für ihn war das Buch, mit dem er so eifrig beschäftigt war, eins, das langsames Lesen nicht verdirbt – nein, gerade ein Buch, dessen Worte gleich Goldbarren oft besonders gewogen werden müssen, damit der Geist ihren unbezahlbaren Wert ganz begreifen kann. Wir wollen ihm einen Augenblick folgen, wie er auf jedem Worte mit dem Finger verweilend und jedes halblaut aussprechend liest: »Euer – Herz – erschrecke – nicht. In – meines – Vaters – Hause – sind – viel – Wohnungen. Ich – gehe – hin – euch – die – Stätte – zu – bereiten.«

Tom hatte sich angewöhnt, sich die Bibel von den Kindern und vorzüglich vom jungen Master George vorlesen zu lassen, und wie sie lasen, bezeichnete er mit starken Strichen mit Feder und Tinte die Stellen, welche seinem Ohr und seinem Herzen besonders wohltaten. So war seine Bibel von einem Ende bis zum andern auf die verschiedenartigste Weise gezeichnet und unterstrichen und er konnte in einem Augenblick seine Lieblingsstellen finden, und während seine Bibel vor ihm lag und jede Stelle derselben ihn an eine alte Szene in der Heimat oder an einen früheren Genuß erinnerte, erschien sie ihm als das einzige, was ihm von diesem Leben noch übrig war, und als die Verheißung eines zukünftigen.

Unter den Passagieren an Bord des Dampfers befand sich ein junger Mann von Vermögen und Familie aus New Orleans, names St. Clare. Er hatte eine Tochter von 5 oder 6 Jahren bei sich, sowie eine Dame, die mit beiden verwandt zu sein und die Kleine speziell unter ihrer Obhut zu haben schien.

Tom hatte das kleine Mädchen schon oft bemerkt – denn es war eines von den beweglichen Wesen, die ebensowenig an einem Orte festzuhalten sind, als ein Sonnenstrahl oder ein Sommerlüftchen, und auch seine Gestalt war von der Art, daß man sie, einmal gesehen, nicht wieder vergessen konnte.

Sie war die Vollkommenheit kindlicher Schönheit ohne ihre gewöhnliche zu große Fülle in den Umrissen. Sie hatte eine schwellende und ätherische Anmut, wie man sie von mythischen und allegorischen Wesen träumt. Das Gesicht war weniger bemerkenswert wegen seiner vollkommenen Schönheit der Linien, als wegen einer eigentümlichen und träumerischen Innigkeit des Ausdruckes, welche poetischen Gemütern bei dem ersten Anblick auffiel, und welche selbst auf die prosaischsten einen Eindruck machte, ohne daß sie wußten warum. Die Formen ihres Kopfes und Hals und Brust waren besonders edel, und das lange goldigbraune Haar, das sie wie eine Wolke umwallte, der tiefe, geistvolle Ernst ihrer dunkelblauen Augen, welche schwere goldigbraune Wimpern überschatteten – alles zeichnete sie vor anderen Kindern aus und veranlaßte jeden, sich nach ihr umzusehen, wie sie im Boote hin und her schwebte. Dennoch war die Kleine weder ein ernstes noch ein trauriges Kind. Im Gegenteil schien eine ätherische und unschuldige Heiterkeit wie der Schatten von Sommerblättern über ihr kindliches Gesicht und um ihre zarte Gestalt zu schweben. Sie war immer in Bewegung, immer umschwebte ein halbes Lächeln ihren rosigen Mund, und immer flog sie hier und dorthin mit leichtem schwebendem Fuß und sang dabei halblaut vor sich hin, wie in einem glücklichen Traum. Ihr Vater und ihre weibliche Beschützerin waren beständig mit ihrer Verfolgung beschäftigt, aber wenn sie sich hatte haschen lassen, entschwand sie ihnen wieder wie eine Sommerwolke; und da sie nie ein scheltendes oder tadelndes Wort zu hören bekam, mochte sie tun, was sie wollte, so war sie auf dem Boote ganz ihre eigene Herrin. Stets weiß gekleidet, schien sie wie die Schatten aller Orten zu erscheinen, ohne einen Flecken davonzutragen, und es gab keinen Winkel und keine Ecke oben oder unten, wo diese Elfenschritte und dieses wie von einer Glorie umwallte zarte Haupt mit seinen tiefblauen Augen nicht vorübergeglitten waren.

Der Heizer, wenn er von seiner heißen Arbeit aufblickte, sah manchmal diese Augen verwundert in die grausende Tiefe des Ofens oder ängstlich und bemitleidend in sein Gesicht schauen, als glaube sie, es drohe ihm eine schreckliche Gefahr. Dann ruhte der steuernde Matrose am Rade aus und lächelte, wie der einem Bilde ähnliche Kopf durch das Fenster des Nachthäuschens sah und in einem Augenblick wieder verschwunden war. Tausendmal des Tages segneten sie rauhe Stimmen, und manches Lächeln von ungewohnter Sanftheit erhellte verhärtete Gesichter, wie sie vorüberging, und wenn sie furchtlos über gefährliche Stellen hüpfte, streckten sich unwillkürlich rauhe, rußige Hände empor, um sie vorm Fallen zu schützen und ihren Pfad zu ebnen.

Tom, welcher das weiche eindrucksfähige Gemüt des gutherzigen Negervolks besaß, das sich immer zu dem Einfachen und Kindlichen hingezogen fühlt, beobachtete die Kleine mit täglich wachsendem Interesse. Ihm erschien sie fast als etwas Göttliches, und wenn ihr goldiges Köpfchen und ihre tiefblauen Augen ihn hinter einem grauen Baumwollballen hervor oder von einer Reihe Kisten herab anblickten, glaubte er fast einen der Engel aus seinem Neuen Testamente zu sehen.

Gar oftmals umkreiste sie traurig den Ort, wo Haleys Sklaven und Sklavinnen in ihren Ketten saßen. Sie mischte sich unter sie und sah sie mit einer Miene verwirrten und bekümmerten Ernstes an, und manchmal nahm sie ihre Fesseln in ihren zarten Händchen in die Höhe und seufzte dann schmerzlich, während sie hinwegglitt. Manchmal erschien sie plötzlich unter ihnen, die Hände voll Kandiszucker, Nüsse oder Orangen, die sie freudig unter sie verteilte, und dann war sie wieder fort.

Tom beobachtete die Kleine sehr genau, ehe er Schritte wagte, um näher mit ihr bekannt zu werden. Er konnte eine Menge einfacher Künste, um kleinen Leuten zu gefallen und sie an sich zu locken, und er beschloß seine Rolle recht geschickt zu spielen. Er konnte feine Körbchen aus Kirschkernen schnitzen, Grimassengesichter aus Hickorynüssen oder seltsame Purzelmännchen aus Fliedermark verfertigen, und er war ein wahrer Pan im Schnitzen von Pfeifen jeder Art und jeder Größe. Er hatte die Taschen voll von den verschiedenartigsten Lockungen, welche er in den alten guten Tagen für die Kinder seines Herrn aufbewahrt hatte und die er jetzt mit lobenswerter Klugheit und Sparsamkeit einzeln als Einleitung zu näherer Bekanntschaft und Freundschaft hervorbrachte.

Die Kleine war trotz ihrer geschäftigen Teilnahme für alles rundum schüchtern, und es war nicht leicht, sie zu zähmen. Eine Weile saß sie wie ein Kanarienvogel auf einer Kiste oder einem Ballen nicht weit von Tom, der sich mit oben erwähnten kleinen Künsten beschäftigte, und nahm mit einer Art ernster Verschämtheit seine kleinen Geschenke an. Aber zuletzt wurden sie ganz vertraulich miteinander.

»Wie heißt kleine Missy?« sagte Tom endlich, als er die Sache für reif genug hielt, um eine solche Frage zu wagen.

»Evangeline St. Clare«, sagte die Kleine, »obgleich Papa und alle Leute mich Eva nennen. Und wie heißt du?«

»Ich heiße Tom; die kleinen Kinder nannten mich immer Onkel Tom, weit unten in Kentucky.«

»Dann will ich dich auch Onkel Tom nennen, weil ich dich liebhabe«, sagte Eva. »Also, Onkel Tom, wo gehst du hin?«

»Das weiß ich nicht, Miß Eva.«

»Das weißt du nicht?« sagte Eva.

»Nein, ich soll verkauft werden. Ich weiß nicht, an wen.«

»Mein Papa kann dich kaufen«, sagte Eva rasch, »und wenn er dich kauft, wirst du es gut haben. Ich will ihn heute noch bitten.«

»Ich danke, meine kleine Lady«, sagte Tom.

Das Boot legte hier an einem Anhalteplatze an, um Holz einzunehmen, und Eva sprang hurtig fort, als sie ihres Vaters Stimme vernahm. Tom stand auf und ging nach vorn, um seine Dienste beim Holzeinladen anzubieten, und war bald mitten unter der Mannschaft beschäftigt.

Eva und ihr Vater standen nebeneinander am Geländer, um das Boot wieder vom Anhalteplatze abstoßen zu sehen, und das Rad hatte sich zwei- oder dreimal umgedreht, als die Kleine durch eine plötzliche Bewegung auf einmal das Gleichgewicht verlor und über den Rand des Bootes gerade hinunter ins Wasser stürzte. Halb von Sinnen wollte der Vater sich ihr nachstürzen, aber die hinter ihm Stehenden hielten ihn zurück, denn sie sahen, daß wirksamere Hilfe bereits dem Kinde gefolgt war.

Tom stand gerade unter ihr auf dem unteren Verdeck, als sie fiel. Er sah sie ins Wasser stürzen und sinken und war in einem Augenblick darauf ihr nach in den Strom gesprungen. Bei seiner breiten Brust und seinen starken Armen war es ihm ein Nichts, sich im Wasser schwimmend zu erhalten, bis nach einigen Augenblicken die Kleine wieder auf die Oberfläche kam, wo er sie in seine Arme nahm, mit ihr an das Boot schwamm, sie triefend von Wasser den Hunderten von Händen entgegenreichte, die sich, als ob sie einem einzigen Menschen angehörten, alle eifrig ausstreckten, um sie in Empfang zu nehmen. Noch ein paar Augenblicke, und ihr Vater trug sie immer noch triefend und bewußtlos in die Damenkajüte, wo nun, wie gewöhnlich in solchen Fällen, ein sehr gut gemeinter und gutmütiger Streit unter den Bewohnerinnen derselben entstand, wer am meisten Lärm machen und die Erholung der fast Verunglückten am besten verhindern könne.

Es war schwül und trübe am nächsten Nachmittage, als der Dampfer sich New Orleans näherte.

Das Boot war von einem Ende zum andern lebendig von lauter Erwartungen und Vorbereitungen; in der Kajüte packten einer und der andere ihre Sachen zusammen und machten sich zum Lande fertig. Der Steward und das Stubenmädchen und alle waren eifrig beschäftigt mit Reinemachen und Polieren, um das Boot zur Einfahrt in den Hafen herauszuputzen.

Auf dem unteren Verdeck saß unser Freund Tom mit übereinandergeschlagenen Armen und blickte von Zeit zu Zeit angstvoll nach einer Gruppe auf der anderen Seite des Bootes.

Dort stand die schöne Evangeline, ein wenig blasser als den Tag vorher, obgleich sonst keine anderen Spuren des Unfalls, der sie betroffen hatte, sichtbar waren. Ein schöner junger Mann von eleganter Gestalt stand neben ihr, den Arm achtlos auf einen Baumwollballen gestützt, während eine große Brieftasche offen vor ihm lag. Der erste Blick sagte, daß dieser Herr Evas Vater sei. Es waren dieselben edlen Umrisse des Kopfes, dieselben großen blauen Augen, dasselbe goldenbraune Haar, aber der Ausdruck der Physiognomie war ein anderer. In den großen klaren blauen Augen fehlte, obgleich sie in Form und Farbe denen der Tochter vollkommen gleich waren, die nebelhafte träumerische Tiefe des Ausdrucks, alles war klar, kühn und hell, aber erfüllt von einem Lichte, das ganz von dieser Welt war; der schöngeschnittene Mund hatte einen stolzen und etwas sarkastischen Ausdruck, während ein Anstrich ungenierter Überlegenheit sich nicht anmutlos jeder Bewegung seiner schönen Gestalt mitteilte. Er hörte mit einer gutmütigen nachlässigen Miene, die halb komisch und halb verächtlich war, Haley zu, der mit höchst geläufiger Zunge die Eigenschaften der Ware anpries, um welche sie handelten.

»Alle menschlichen und christlichen Tugenden, in schwarzen Saffian gebunden, komplett!« sagte er, als Haley ausgeredet hatte. »Nun, mein guter Mann, was ist der Schaden, wie sie in Kentucky sagen? Mit einem Worte, was ist bei dem Geschäft zu zahlen? Um wieviel wollt Ihr mich jetzt über das Ohr hauen? Heraus damit!«

»Na«, sagte Haley, »wenn ich für den Burschen 1300 Dollar verlangte, so würde ich mich nur eben vor Schaden bewahren – wahrhaftig, ich versichere es Euch.«

»Der arme Mann«, sagte der junge Mann und haftete sein scharfes spöttisches blaues Auge auf ihn; »aber ich vermute, Ihr laßt mir den Burschen dafür, aus bloßer persönlicher Rücksicht für mich.«

»Na, die junge Miß hier scheint so auf ihn erpicht zu sein, und ganz natürlich.«

»O gewiß, das appelliert an Euer Wohlwollen, Freund. Nun im Namen christlicher Liebe, wie billig könntet Ihr ihn lassen, um eine junge Dame zu verpflichten, die ganz besonders auf ihn erpicht ist?«

»Überlegt es Euch nur recht«, sagte der Handelsmann, »seht ihn nur an – breitbrüstig und stark wie ein Pferd. Seht seinen Kopf; diese hohen Stirnen sind immer ein Zeichen von kalkulierenden Negern, die alles verrichten können. Das weiß ich aus Erfahrung. Nun sage ich, ein Nigger von dieser Gestalt und diesem Bau ist schon was Ordentliches wert, schon wegen seines Körpers, auch wenn er dumm wäre; aber zieht seine kalkulierende Fähigkeit mit in Rechnung – und ich kann beweisen, daß er sie in ungewöhnlichem Grade hat –, so steigert das natürlich seinen Preis. Ich sage Euch, der Bursche hat seines Herrn ganze Farm verwaltet. Er hat ein ungewöhnliches Talent für Geschäfte.«

»Schlimm, schlimm, sehr schlimm; weiß viel zuviel!« sagte der junge Mann, während das alte spöttische Lächeln um seinen Mund spielte. »Paßt nicht gut für die Welt. Diese gescheiten Kerle denken immer ans Fortlaufen, Pferdestehlen und allerlei Teufeleien. Ich denke, Ihr solltet wegen seiner Gescheitheit ein paar hundert Dollar herunterlassen.«

»Es könnte was Wahres daran sein, wenn nicht sein Charakter wäre; aber ich kann Empfehlungen von seinem Herrn und andern zeigen zum Beweis, daß er einer von den echten Frommen ist – das bescheidenste, frömmste Geschöpf, das man sich nur denken kann. Dort in seiner Heimat haben sie ihn den Prediger genannt.«

»Und ich könnte ihn vielleicht als Familienkaplan benutzen«, setzte der junge Mann hinzu. »Das ist ein vortrefflicher Einfall. Religion ist bei uns zu Hause ein merkwürdig seltener Artikel.«

»Ihr scherzt jetzt.«

»Woher wißt Ihr das? Habt Ihr ihn nicht eben als einen Prediger empfohlen? Ist er von Synode oder Konzil examiniert? Gebt nur die Zeugnisse her.«

Hätte den Handelsmann nicht ein gewisses gutmütiges Funkeln in dem großen blauen Auge überzeugt, daß all dieses Necken zuletzt doch mit einem Bargeschäft endigen werde, so wäre er vielleicht ungeduldig geworden; aber so legte er vor sich auf die Baumwollballen eine schmierige Brieftasche und fing an, mit großer Angelegentlichkeit gewisse darin befindliche Papiere zu studieren, während der junge Mann neben ihm stand und mit einer Miene überlegenen Humors auf ihn herabsah.

»Papa, kauf ihn! Es kommt ja gar nicht darauf an, was du bezahlst«, sagte ihm Eva leise ins Ohr, als sie auf einen Ballen geklettert war und ihren Arm um den Hals des Vaters schlang. »Ich weiß, du hast Geld genug. Ich brauche ihn.«

»Wozu, Mäuschen? Willst du ihn zum Schaukelpferd oder zu sonst etwas haben?«

»Ich will ihn selig machen.«

»Gewiß ein origineller Grund.«

Hier überreichte ihm der Sklavenhändler ein von Mr. Shelby unterschriebenes Zeugnis, welches der junge Mann mit den Spitzen seiner schlanken Finger anfaßte und gleichgültig überflog.

»Die Hand eines gebildeten Mannes«, sagte er, »und auch orthographisch geschrieben. Nun, ich bin eigentlich nicht so recht sicher wegen der Religion«, sagte er, und der alte spöttische Ausdruck zeigte sich wieder in dem Auge. »Das Land wird fast von frommen weißen Leuten zugrunde gerichtet; wir haben gerade vor den Wahlen soviel fromme Politiker, und es geht so fromm zu in allen Departements von Kirche und Staat, daß kein Mensch weiß, wer ihn das nächstemal übers Ohr hauen wird. Ich weiß auch nicht, was die Religion jetzt für einen Marktpreis hat. Ich habe in der letzten Zeit nicht in den Zeitungen nachgesehen, wieviel sie gilt. Wieviel hundert Dollar schlagt Ihr für diese Religion drauf?«

»Ihr spaßt gern«, sagte der Sklavenhändler, »aber es ist doch Verstand darin. Ich weiß, daß es Unterschiede in der Religion gibt. Manche sind melancholisch: Das sind die Meetingsfrommen; dann haben wir die singenden und plärrenden Frommen, die sind nichts wert, mögen sie schwarz oder weiß sein – aber diese Art hier ist wirklich was wert, und ich habe sie bei den Niggern so oft gefunden, wie jede andere Religion, die echte, sanfte, ruhige, gesetzte, ehrliche Frömmigkeit, welche die ganze Welt nicht vermögen würde, etwas zu tun, was sie für unrecht hält, und Sie sehen in diesem Briefe, was Toms alter Herr von ihm sagt.«

»Ja«, sagte der junge Mann und beugte sich mit ernstem Gesicht über sein Banknotenbuch, »wenn Ihr mir versichern könnt, daß ich diese Art Frömmigkeit wirklich kaufen kann und daß sie mir in dem Buche droben zugute gerechnet wird, wie etwas, was mir gehört, so machte ich mir nichts daraus, etwas extra dafür zuzulegen. Was meint Ihr?«

»Das kann ich nun freilich nicht versichern«, sagte der Sklavenhändler.

»Ich meine, dort oben wird wohl jedermann seine eigene Rechnung zu besorgen haben.«

»’s ist doch hart für einen Menschen, der extra für Religion bezahlt, daß er damit kein Geschäft in dem Staate machen kann, wo er sie am notwendigsten braucht, nicht wahr?« sagte der junge Mann, der während dieser Rede ein Paket Banknoten durchgezählt hatte. »Hier zählt Euer Geld, alter Bursche!« fügte er hinzu, wie er dem Händler das Paket hinreichte.

»Alles in Ordnung«, sagte Haley mit freudestrahlendem Gesicht, und nachdem er einen alten Tintenstecher aus der Tasche geholt, füllte er einen Kaufkontrakt aus, den er nach geringem Verzug dem jungen Manne übergab.

»Ich möchte wissen, was ich wert wäre, wenn man mich im einzelnen abschätzte«, sagte letzterer, als er das Papier flüchtig überlas. »Wir wollen sagen, soviel für Gestalt meines Kopfes, soviel für eine hohe Stirn, soviel für Arme und Hände und Beine, und dann soviel für Erziehung, Gelehrsamkeit, Talent, Ehrlichkeit und Religion! Wahrhaftig, ich glaube, für letztere würde man ziemlich wenig ansetzen. Aber komm, Eva«, sagte er, und die Tochter an der Hand ging er nach der andern Seite des Bootes hinüber, faßte gleichgültig Tom ans Kinn und sagte gut gelaunt zu ihm: »Nun, Tom, sieh einmal zu, wie dir dein neuer Herr gefällt.«

Tom blickte auf. Es wäre wider die Natur gewesen, dieses heitere jugendliche und schöne Gesicht ohne ein angenehmes Gefühl anzusehen, und Tom fühlte, wie ihm die Tränen in die Augen stiegen, als er herzlich erwiderte: »Gott segne Sie, Master!«

»Na, ich hoffe, er wird’s tun. Wie heißt du? Tom? Es ist jedenfalls ebenso wahrscheinlich, daß er’s auf deinen Wunsch tut, wie auf meinen. Weißt du mit Pferden umzugehen, Tom?«

»Ich bin immer mit Pferden umgegangen«, sagte Tom, »Master Shelby züchtete viel auf seiner Besitzung.«

»Nun, dann glaube ich, ich werde dich als Kutscher anstellen unter der Bedingung, daß du dich nicht mehr als einmal die Woche betrinkst, außer in ungewöhnlichen Fällen, Tom.«

Tom sah überrascht und fast verletzt aus und sagte: »Ich trinke nie, Master.«

»Wir haben das schon früher gehört, Tom, aber wir wollen erst sehen. Es wird eine besondere Bequemlichkeit für alle Beteiligten sein, wenn du nicht trinkst. Na, sei nur ruhig, mein Bursche«, setzte er gutmütig hinzu, als er Toms ernstes Gesicht bemerkte, »ich bezweifle nicht, daß du dich gut aufzuführen gedenkst.«

»Gewiß, Master«, sagte Tom.

»Und du sollst gute Zeit haben«, sagte Eva, »Papa ist gut gegen jedermann, nur lacht er immer gern über die Leute.«

»Papa ist dir sehr verbunden für diese Empfehlung«, sagte St. Clare lachend, während er sich umdrehte und fortging.

13. Kapitel


Toms neuer Herr

Seit der Lebensfaden unseres bescheidenen Helden sich mit dem von Helden einer höheren Klasse verwoben hat, wird es notwendig, letztere bei dem Leser in Kürze einzuführen.

Augustin St. Clare war der Sohn eines reichen Pflanzers in Louisiana. Die Familie stammte aus Kanada. Von zwei in Temperament und Charakter sehr ähnlichen Brüdern hatte sich der eine auf einer gedeihenden Farm in Vermont niedergelassen, und der andere war ein reicher Pflanzer in Louisiana geworden. Die Mutter Augustins war eine französische Hugenottin, deren Familie in den Tagen der ersten Kolonisierung in Louisiana eingewandert war. Augustin und noch ein Bruder waren die einzigen Kinder ihrer Eltern. Der erstere hatte von seiner Mutter eine außerordentlich zarte Konstitution geerbt, und man hatte ihn deshalb auf den Rat der Ärzte in seiner Jugend mehrere Jahre bei seinem Onkel in Vermont verleben lassen, damit der kräftigende Einfluß eines kälteren Klimas auf seine Konstitution wirke.

Während seiner Kindheit zeichnete er sich durch eine ausnehmende und auffällige Weichheit des Gefühls aus, wie man sie eher bei Frauen, als bei dem härteren Mannescharakter zu finden erwartet. Die Zeit überzog jedoch diese Weichheit mit der rauhen Rinde der Männlichkeit, und nur wenige wußten, wie lebendig und frisch sie noch im Kern fortbestand. Er besaß Talente erster Klasse, obgleich sich sein Geist stets mit Vorliebe zu dem Idealen und Ästhetischen hingezogen fühlte, und er konnte sich nie von der Abneigung gegen die praktischen Geschäfte des Lebens befreien, welche stets die Folge eines so im Gleichgewicht der Eigenschaften gehaltenen Charakters ist. Bald nach der Vollendung seiner akademischen Studien fühlte sich sein ganzes Wesen von einer innigen und heißen Glut romantischer Leidenschaft fortgerissen. Seine Stunde war gekommen – die Stunde, die nur einmal kommt; sein Stern stieg am Horizont empor – der Stern, der so oft vergebens emporsteigt, so daß man an ihn nur zurückdenkt, wie an etwas im Traume Geschehenes; und er stieg für ihn vergeblich empor. Um nicht mehr im Bilde zu sprechen: Er lernte ein begabtes und schönes Mädchen in einem der nördlichen Staaten kennen, gewann seine Liebe und sie wurden verlobt. Er kehrte nach dem Süden zurück, um Anordnungen für die bevorstehende Hochzeit zu treffen, als er höchst unerwartet seine Briefe mit der Post zurückerhielt, begleitet von einem kurzen Schreiben des Vormunds seiner Braut, welcher ihn benachrichtigte, daß die Dame vor Empfang des Briefes die Gattin eines andern sein werde. In seinem wahnwitzigen Schmerze hoffte er vergebens, wie schon so viele gehofft haben, das geliebte Bild mit einer verzweifelten Anstrengung sich aus dem Herzen zu reißen. Zu stolz, um Erklärungen sich zu erbitten oder zu suchen, stürzte er sich ohne Besinnen in den Wirbel des fashionablen Lebens, und war 14 Tage nach Empfang des verhängnisvollen Briefes der erklärte Bräutigam der herrschenden Schönheit der Saison; und sobald die Vorbereitungen zu Ende gebracht werden konnten, wurde er der Gatte einer schönen Gestalt, eines Paares feuriger, dunkler Augen und eines Vermögens von 100000 Dollar; und natürlich hielt ihn jedermann für einen höchst glücklichen Burschen.

Das junge Ehepaar verlebte seine Flitterwochen mit einem glänzenden Kreise von Freunden auf seiner schönen Villa am See Pontchartrain, als Augustin eines Tages einen Brief von der ihm wohlbekannten Hand empfing. Er erhielt ihn, als er eben eine ganze Gesellschaft durch den Zauber seiner witzigen Unterhaltung an seine Lippen gefesselt hielt. Er wurde leichenblaß, als er die Handschrift erkannte, aber wußte doch seine Fassung zu behalten und beendigte das scherzhafte Wortgefecht, welches er eben mit einer ihm gegenübersitzenden Dame bestand, und kurze Zeit darauf vermißte man ihn im Kreise. Allein in seinem Zimmer öffnete und las er den Brief, den zu lesen jetzt schlimmer, als vergeblich und nutzlos war. Der Brief war von ihr und enthielt einen langen Bericht über die Verfolgungen, die sie von seiten ihres Vormundes hatte erleiden müssen, um sie zu bewegen, dessen Sohn zu heiraten; und sie erzählte, wie sie eine lange Zeit hindurch keinen Brief mehr von ihm erhalten; wie sie wieder und immer wieder geschrieben, bis sie zu zweifeln begann und müde wurde; wie ihre Gesundheit von ihren Bekümmernissen zu wanken anfing, und wie sie endlich das ganze Trugspiel entdeckte. Der Brief schloß mit Empfindungen der Hoffnung und Dankbarkeit und Beteuerungen ewiger Liebe, welche dem unglücklichen Jüngling bitterer als der Tod waren.

Er schrieb an sie sofort: – »Ich habe Deinen Brief erhalten – aber zu spät. Ich glaubte alles, was ich hörte. Ich war in Verzweiflung. Ich bin verheiratet und alles ist vorbei. Vergessen ist das einzige, was uns beiden übrig bleibt.«

Und so endigte die ganze Romantik und Poesie des Lebens für Augustin St. Clare. Aber das Wirkliche, die Prosa, blieb – die grobe Wirklichkeit, dem flachen, kahlen, schleimigen Flutschlamm gleich, wenn die blaue funkelnde Welle mit ihrer Begleitung von schaukelnden Booten und weiß beschwingten Schiffen, ihrer Musik von Rudern und plätschernden Gewässern zurückgeströmt ist, und der Überrest dort liegt, flach, schleimig, kahl – entsetzlich wirklich.

In einer Novelle bricht natürlich den Leuten das Herz, und sie sterben, und damit ist es aus; und in einer Geschichte hat das sein Angenehmes. Aber im wirklichen Leben sterben wir nicht, wenn alles, was das Leben schön macht, uns abstirbt. Es ist noch ein höchst geschäftiger und wichtiger Kreislauf von Essen, Trinken, Ankleiden, Spazierengehen, Besuchen, Kaufen, Verkaufen, Sprechen, Lesen und allem, was sonst das, was man gewöhnlich Leben nennt, ausmacht, zu überstehen; und das blieb Augustin noch übrig. Wäre seine Frau ein ganzes Weib gewesen, so hätte sie noch etwas tun können – wie es Frauen können – um die zerrissenen Fäden seines Lebens wieder zu verbinden, und sie wieder zu einem festen und glänzenden Gewebe zu verarbeiten. Aber Marie St. Clare war nicht einmal imstande, zu sehen, daß sie zerrissen waren. Wie schon vorher erwähnt, bestand sie aus einer schönen Gestalt, ein paar glänzenden Augen und hunderttausend Dollar; und keiner von diesen Vorzügen war besonders geeignet einem kranken Gemüte beizustehen.

Als man Augustin totenbleich auf dem Sofa liegen fand und er ein plötzliches Kopfweh als die Ursache seiner Leiden angab, empfahl sie ihm Hirschhorngeist; und als die Totenblässe und das Kopfweh Woche nach Woche wiederkehrten, sagte sie nur, sie habe nie geglaubt, daß Mr. St. Clare kränklich sei; aber er scheine sehr an Kopfweh zu leiden, und es sei ein wahres Unglück für sie, daß er nicht mit ihr in Gesellschaft gehen könne, und es sei so seltsam, so kurz nach der Heirat allein Besuche zu machen. Augustin war innerlich froh, daß er eine so wenig scharfblickende Frau geheiratet hatte; aber wie der erste Glanz der Flitterwochen verschwunden war, entdeckte er, daß seine schöne junge Frau, die ihr ganzes Leben lang gehätschelt und bedient worden war, sich im häuslichen Leben als eine sehr harte Herrin herausstellen könne. Marie hatte nie viel Gemüt oder Gefühl besessen, und das wenige, was sie besaß, hatte sich zu einer sehr intensiven und unbewußten Selbstsucht verhärtet, eine Selbstsucht, die durch ihre ruhige Gefühllosigkeit, ihr gänzliches Blindsein gegen alle anderen Ansprüche, als ihre eigenen, nur um so unheilbarer war. Von ihrer Kindheit an war sie von Dienstboten umgeben gewesen, deren einziger Lebenszweck war, ihre Launen zu studieren; der Gedanke, daß sie Gefühle oder Rechte hätten, war ihr nie im mindesten aufgedämmert, selbst nicht in der Ferne. Ihr Vater, dessen einziges Kind sie gewesen, hatte ihr nie etwas versagt, was Menschenhänden erreichbar war; und als sie als schöne hochgebildete Erbin in das Leben eintrat, seufzten natürlich alle wünschenswerten und nicht wünschenswerten Bewerber zu ihren Füßen, und sie zweifelte gar nicht, daß Augustin ein höchst glückliches Los gezogen habe, indem sie ihm ihre Hand reichte. Es ist ein großer, obgleich sehr gewöhnlicher Irrtum, daß eine herzlose Frau eine gutmütige Gläubigerin im Austausche der Neigungen sei. Niemand auf Erden fordert unbarmherziger Liebe von andern, als ein durch und durch selbstisches Weib, und je unliebenswürdiger sie wird, desto eifersüchtiger und geiziger fordert sie Liebe bis auf den letzten Pfennig. Als daher St. Clare anfing, die Galanterien und kleinen Aufmerksamkeiten zu unterlassen, die durch die Gewohnheit der Liebeswerbung anfangs wie natürlich von ihm kamen, fand er seine Sultana durchaus nicht bereit, ihren Sklaven freizugeben; es fehlte nicht an Tränen, Schmollen und kleinen Stürmen; es kam zu Auftritten, Klagen und Beschwerden. St. Clare war gutmütig und indolent und suchte die Sache mit Geschenken und Schmeicheleien wieder ins Gleis zu bringen; und als Marie ihm eine liebliche Tochter gebar, fühlte er wirklich eine Zeitlang etwas wie Liebe für sie.

St. Clares Mutter war eine Frau von ungewöhnlicher Hoheit und Reinheit des Charakters gewesen, und er gab dieser Tochter den Namen seiner Mutter in der zärtlichen Hoffnung, daß sie ein Ebenbild von ihr werden möge. Seine Frau hatte es mit launischer Eifersucht bemerkt, und sie betrachtete ihres Gatten hingebende Liebe zu dem Kinde mit Mißtrauen und Widerwillen; alles, was die Tochter an Liebe erhielt, schien ihr ein an ihr begangener Raub zu sein. Von der Geburt dieses Kindes an fing sie an, leidend zu werden. Ein Leben beständiger körperlicher und geistiger Untätigkeit – die Reibung unaufhörlicher Langeweile und Unzufriedenheit, verbunden mit der gewöhnlichen Schwäche infolge ihrer Entbindung – machten im Verlauf weniger Jahre die blühende junge Schöne zu einer gelben verwelkten, kränklichen Frau, die ihre Zeit mit einer Mannigfaltigkeit phantastischer Krankheiten verbrachte, und die sich in jeder Hinsicht als die unglücklichste und am schlimmsten behandelte Person auf der ganzen Welt betrachtete.

Ihre verschiedenen Beschwerden wollten kein Ende nehmen; aber ihr Hauptleiden war ein nervöses Kopfweh, welches sie manchmal drei Tage von sechsen in ihrem Zimmer festhielt. Da natürlich die ganze häusliche Einrichtung in die Hände von Dienstboten fiel, so fand St. Clare seine Häuslichkeit nichts weniger als gemütlich. Die Gesundheit seiner Tochter war außerordentlich zart, und er fürchtete, daß sie ohne sorgliche Pflege und Aufsicht der Unfähigkeit der Mutter ganz zum Opfer fallen könne. Er war deshalb mit ihr nach Vermont gereist und hatte seine Cousine Miß Ophelia St. Clare bewogen, mit ihnen nach seinem Wohnsitze im Süden zurückzukehren; und sie befanden sich jetzt auf dem Boote, wo wir sie unseren Lesern vorgestellt haben, auf der Heimreise.

Und nun, während in der Ferne die Dome und Türme von New Orleans sich unseren Blicken zeigen, ist’s gerade noch Zeit, Miß Ophelia einzuführen.

Wer einmal in den neuenglischen Staaten gereist ist, wird sich in einem kühlgelegenen Dorfe an das große Farmhaus erinnern mit dem reingefegten, grasbewachsenen Hofe, überschattet von dem dichten und schweren Laube des Zuckerahorns, und an den Eindruck von Ordnung und Stille, von Dauer und unveränderlicher Ruhe, der von dem Ganzen unzertrennlich ist. Nichts ist verloren oder außer Ordnung, kein Pfahl in der Ferne ist locker, kein Hälmchen Stroh liegt auf dem rasenbedeckten Hofe, dessen Holunderbüsche sich dicht an die Fenster drängen. Drinnen wird er nicht die geräumigen, reinlichen Zimmer vergessen, wo niemals, weder jetzt noch zukünftig, gearbeitet zu werden scheint, wo jegliche Sache gleich und für immer unbedingt auf ihrem Platze steht, und wo alle häuslichen Verrichtungen mit der pünktlichen Genauigkeit der alten Wanduhr in der Ecke vor sich gehen. In dem Familienzimmer wird er sich an den gesetzten, ehrwürdigen alten Bücherschrank mit Glasfenstern erinnern, wo Rollins Geschichte, Miltons verlorenes Paradies, Bunyans Pilgers Wanderfahrt und Scotts Familienbibel nebeneinander und in Gesellschaft mit einer Menge anderer, ebenso feierlicher und Achtung gebietender Bücher in höchst anständiger Ordnung stehen. Dienstboten sind nicht im Hause, aber die Dame in der schneeweißen Mütze mit der Brille, die jeden Nachmittag mit Näherei beschäftigt unter ihren Töchtern sitzt, als ob nie etwas gearbeitet würde oder gearbeitet werden sollte – sie und ihre Töchter haben in einer längst vergessenen Frühstunde des Tages alles in Ordnung gebracht, und für den Rest des Tages und wahrscheinlich in jeder Stunde, wo man hinkommen würde, ist alles in Ordnung. Die alte Küchenuhr scheint nie einen Fleck zu kennen; die Tische, Stühle und das verschiedene Küchengerät scheinen nie außer Ordnung zu sein, obgleich 3 und manchmal 4 Mahlzeiten des Tages hier bereitet werden, obgleich das Waschen und Plätten der Familie hier verrichtet wird, und obgleich viele Pfunde Butter und Käse hier in einer stillen und geheimnisvollen Weise bereitet werden.

Auf einer solchen Farm, in einem solchen Hause und in einer solchen Familie hat Miß Ophelia ein stilles Dasein von ungefähr 45 Jahren verlebt, als ihr Vetter sie einlud, seinen Wohnsitz im Süden zu besuchen. Obgleich die Älteste einer zahlreichen Familie, betrachtete sie doch Vater und Mutter noch wie eines von den Kindern, und der Vorschlag einer Reise nach New Orleans war für den Familienkreis eine Sache von der größten Wichtigkeit. Der alte grauköpfige Vater holte Morses Atlas aus dem Bücherschrank und sah sich genau Länge und Breite an; und las Flints Reisen im Süden und Westen, um sich einen kleinen Begriff von der wahren Beschaffenheit des Landes zu machen.

Die gute Mutter erkundigte sich ängstlich, ob Orleans nicht ein sehr gottloser Ort sei, und sagte, es käme ihr fast vor, wie eine Reise nach den Sandwichinseln oder anderswohin unter die Heiden.

Es wurde bei dem Geistlichen und bei dem Doktor und in Miß Peabodys Putzladen bekannt, daß davon die Rede sei, Ophelia St. Clare mit ihrem Vetter nach Orleans hinunterreisen zu lassen; und natürlich konnte das ganze Dorf nicht weniger tun, als ihr in diesem sehr wichtigen Prozeß des davon Redens zu helfen. Der Geistliche, der sich sehr zu Abolitionisten-Ansichten neigte, war stark im Zweifel, ob ein solcher Schritt nicht einigermaßen beitragen könnte, die Bewohner des Südens im Behalten ihrer Sklaverei zu bestärken; während der Doktor, ein entschiedener Kolonisationist, mehr der Meinung war, daß Miß Ophelia gehen müsse, um den Leuten in Orleans zu zeigen, daß wir gar nicht so schlecht von ihnen dächten. Er war in der Tat überzeugt, daß die Bewohner des Südens der Ermutigung bedürften. Als jedoch dem Publikum die Tatsache vollkommen klar war, daß sie zu gehen entschlossen sei, luden alle ihre Freunde und Nachbarn sie alle vierzehn Tage lang feierlich zum Tee ein, um ihre Aussichten und Pläne gründlich durchzusprechen. Miß Moseley, die in das Haus kam, um bei dem Schneidern zu helfen, erlangte täglich größere Wichtigkeit durch die Enthüllungen, welche sie über Miß Ophelias Garderobe zu machen imstande war. Man erfuhr durch glaubwürdige Zeugen, daß Squire Sinclare, wie man seinen Namen in dieser Gegend gewöhnlich zusammenzog, 50 Dollar hingezählt und sie Miß Ophelia gegeben hatte, um alle für notwendig erachteten Kleidungsstücke anzukaufen, und daß zwei neue seidene Kleider und ein Hut von Boston angekommen waren. Hinsichtlich der Schicklichkeit dieser außerordentlichen Ausgabe war die öffentliche Meinung geteilt; einige meinten, es sei wohl, wenn man alles in Betracht ziehe, einmal im Leben erlaubt, während andere mit Entschiedenheit behaupteten, daß man besser getan hätte, das Geld an die Missionare zu schicken; aber alle stimmten darin überein, daß man in diesen Gegenden noch keinen solchen Sonnenschirm gesehen, als der von New York eingetroffen, und daß sie ein seidenes Kleid habe, welches recht gut allein aufrecht stehen könne, was man immer von dessen Herrin sagen möge. Es gingen auch glaubwürdige Gerüchte von einem Taschentuch mit einem Steppsaum um; ja das Gerücht ging sogar so weit zu behaupten, Miß Ophelia habe ein Taschentuch ganz mit Spitzen besetzt – einige wollten sogar wissen, es sei in den Zipfeln gestickt; aber dieser letztere Punkt konnte nie genügend festgestellt werden und ist in Wahrheit heute noch dunkel.

Wie der Leser gegenwärtig Miß Ophelia sieht, steht sie vor ihm in einem sehr glänzenden Reiseanzug von ungebleichtem Leinen, eine lange, starkknochige und eckige Gestalt. Ihr Gesicht war hager und etwas spitz in seinen Umrissen; die Lippen fest geschlossen, wie bei einer Person, die gewohnt ist, sich über alle Gegenstände gleich bestimmt zu entschließen; während die lebhaften dunklen Augen einen eigentümlich forschenden und überlegenden Ausdruck hatten und über alles hinwegschweiften, als ob sie etwas, was unter ihre Obhut zu nehmen sei, suchten.

Alle diese Bewegungen waren scharf bestimmt und energisch; und obgleich sie niemals viel sprach, gingen doch ihre Worte merkwürdig gerade auf ihr Ziel los, wenn sie einmal anfing.

In ihren Gewohnheiten war sie eine lebendige Personifikation von Ordnung, Methode und Genauigkeit. Ihre Pünktlichkeit war so zuverlässig, wie die einer Uhr, und unerbittlich, wie eine Eisenbahnmaschine; und sie hatte vor allem von einem entgegengesetzten Charakter eine höchst entschiedene Verachtung und Abscheu.

Die große Sünde der Sünder in ihrem Auge – die Summe aller Übel bezeichnete sie durch einen in ihrem Munde sehr häufigen und wichtigen Ausdruck – »Ratlosigkeit«. Ihr letzter und entschiedenster Ausdruck der Verachtung war ein sehr emphatisches Aussprechen des Wortes ratlos; und damit bezeichnete sie jede Handlungsweise, welche keinen geraden und unvermeidlichen Bezug auf die Erreichung eines vorgesetzten Zieles hatten. Leute, die nichts taten oder die nicht recht wußten, was sie tun wollten, oder die nicht den geradesten Weg zur Erreichung des Unternommenen wählten, waren der Gegenstand ihrer tiefsten Verachtung; eine Verachtung, die sich weniger häufig durch Worte, als durch einen starren Ernst in ihrem Gesichte zeigte, als ob sie verschmähe, ein Wort darüber zu verlieren.

Was ihre geistige Bildung betrifft, so hatte sie einen klaren, starken, tätigen Geist, war gut und gründlich in der Geschichte von den älteren, englischen Klassikern belesen und dachte innerhalb gewisser Grenzen mit großer Entschiedenheit. Ihre theologischen Glaubenssätze waren alle fertig in der bestimmtesten und deutlichsten Weise bezettelt und wie die Bündel in ihrem Musterkoffer eingepackt; sie hatte genau so viele, und es sollten nie mehr werden. Ebenso waren ihre Begriffe über die meisten Fragen des praktischen Lebens, z. B. über die Wirtschaft in allen ihren Zweigen und die verschiedenen politischen Beziehungen ihres Heimatdorfes. Und unter allem tiefer als alles andere und höher und breiter lag das kräftigste Prinzip ihrer Individualität – die Gewissenhaftigkeit. Nirgends ist das Gewissen so allbeherrschend und alles andere verzehrend, als bei den Frauen von Neu-England. Es ist die Granitformation, welche am tiefsten liegt, aber hervorbricht, um die Spitzen der höchsten Berge zu bilden.

Miß Ophelia war die unbedingte Sklavin der Pflicht. Hatte man sie einmal überzeugt, daß der Pfad der Pflicht, wie sie es nannte, nach einer bestimmten Richtung hin ging, so konnten Feuer und Wasser sie nicht vom Ziele abhalten. Sie wäre geradewegs in einen Brunnen hinunter oder bis vor die Mündung einer geladenen Kanone gegangen, wenn sie einmal bestimmt wußte, daß der Weg dorthin führte. Ihr Pflichtbegriff war so hoch, so allumfassend, so ins einzelne gehend und hatte so wenig Nachsicht mit menschlicher Schwäche, daß sie, obgleich mit heldenmütiger Begeisterung nach seiner Verwirklichung strebend, sich doch nie genug tat und sich deshalb von einem beständigen und oft quälenden Gefühle der Mangelhaftigkeit bedrückt fühlte. Dies gab ihrem religiösen Charakter eine strenge und etwas düstere Färbung.

Aber wie in aller Welt konnte Miß Ophelia mit Augustin St. Clare auskommen – mit dem fröhlichen, alles leichtnehmenden, unpünktlichen, unpraktischen, skeptischen Jüngling, der mit frecher und unbekümmerter Freiheit ihre liebsten Meinungen und Neigungen ohne Ausnahme mit Füßen trat?

Um die Wahrheit zu sagen, Miß Ophelia liebte ihn. Als er noch ein Knabe war, hatte sie ihn den Katechismus gelehrt, seine Kleider geflickt, ihm das Haar gekämmt und ihm im allgemeinen den Weg gezeigt, den er gehen sollte; da nun ihr Herz auch eine warme Seite hatte, so war es Augustin, wie bei den meisten Leuten, auch hier gelungen, einen großen Teil davon für sich zu monopolisieren, und deshalb wurde es ihm nicht schwer, sie zu überreden, daß der Weg der Pflicht in der Richtung von New Orleans liege, und daß sie mit ihm reisen müsse, um Eva unter ihre Obhut zu nehmen und seine Häuslichkeit während der häufigen Krankheiten seiner Frau vor gänzlicher Zerrüttung zu bewahren. Der Gedanke an ein Haus, das niemand unter seine Obhut nahm, ging ihr zu Herzen; dann liebte sie das liebliche kleine Mädchen, was überhaupt wenige umhin konnten zu tun; und obgleich sie in Augustin nicht viel mehr als einen Heiden sah, so liebte sie ihn doch, lachte über seine Witze und duldete seine Schwächen in einer Ausdehnung, welche denjenigen, welche sie näher kannten, ganz unglaublich erschien. Aber was noch weiter von Miß Ophelia bekannt zu werden verdient, muß der Leser durch persönliche Bekanntschaft entdecken.

Dort sitzt sie in ihrer Staatskajüte, umgeben von einer bunten Menge von großen und kleinen Reisesäcken, Schachteln und Körben, von denen jedes eine besondere Verantwortlichkeit enthält, die sie jetzt mit sehr ernstem Gesicht einpackt, zusammenbindet oder einschließt.

»Nun, Eva, hast du deine Sachen gezählt? Natürlich nicht – Kinder tun das nie. Der gefleckte Reisesack und die kleine blaue Schachtel mit deinem besten Hut sind zwei; die Gummitasche sind drei; mein Band- und Nadelkästchen vier; meine Hutschachtel fünf; meine Kragenschachtel sechs; und der kleine Roßhaarkoffer sieben. Wo hast du deinen Knicker? Gib ihn her, ich will ihn in Papier wickeln und ihn mit meinem Knicker an meinen Regenschirm binden; so!«

»Aber Tantchen, wir gehen ja nur nach unserem Hause – wozu nützt denn das?«

»Damit alles hübsch bleibt, Kind; wer im Leben zu etwas kommen will, muß seine Sachen in acht nehmen. Hast du deinen Fingerhut weggetan, Eva?«

»Wirklich, Tantchen, das weiß ich nicht.«

»Nun, schadet nichts; ich will dein Arbeitskästchen nachsehen; Fingerhut, Wachs, zwei Löffel, Schere, Messer, Bandnadel; alles richtig – tue es hier herein. Wie bist du nur durchgekommen, Kind, wie du nur mit deinem Papa heraufreistest? Ich sollte meinen, du hättest alle deine Sachen verlieren müssen.«

»O ja, Tantchen, es ging mir viel verloren; und wenn wir dann wo anhielten, kaufte mir Papa wieder, was ich verloren hatte.«

»Aber Kind, was ist das für eine Art!«

»Es war eine sehr bequeme Art, Tantchen«, sagte Eva.

»Es ist eine schrecklich liederliche Art«, sagte Tantchen.

»Aber Tantchen, was willst du jetzt machen?« sagte Eva. »Der Koffer ist zu voll und geht nicht zu.«

»Er muß zugehen«, sagte Tantchen mit der Miene eines Generals, als sie die Sachen hineinpreßte und sich auf den Deckel stellte; aber immer noch blieb ein kleiner Zwischenraum an der Vorderseite offen.

»Stell dich hier herauf, Evchen«, sagte Miß Ophelia ermutigend; »was man einmal zuwege gebracht hat, muß auch zum zweiten Male geschehen können. Dieser Koffer muß zugemacht und verschlossen werden – das läßt sich nur auf einerlei Weise machen.«

Und der jedenfalls durch diese entschlossene Äußerung eingeschüchterte Koffer gab nach. Der Haspen schnappte in den Riegel ein und Miß Ophelia drehte den Schlüssel um und steckte ihn triumphierend in die Tasche.

»Nun sind wir fertig. Wo ist dein Papa? Es ist Zeit, daß wir das Gepäck hinaufbringen. Sieh dich einmal um, Eva, ob du ihn finden kannst.«

»O ja, er steht am unteren Ende der Herrenkajüte und ißt eine Orange.«

»Er kann gar nicht wissen, daß wir gleich anlegen«, sagte Tantchen. »Wäre es nicht besser, du liefst hin und sagtest es ihm?«

»Papa hat nie Eile«, sagte Eva, »und wir sind noch nicht am Landungsplatze. Tantchen, komm auf die Galerie. Sieh nur, das ist unser Haus, die Straße hinauf!«

Das Boot machte sich jetzt bereit, sich mit schwerem Stöhnen wie ein riesiges müdes Ungeheuer durch die zahlreichen Dampfer am Levee zu drängen. Voll Freude zeigte Eva die verschiedenen Türme, Dome und Wegzeichen, an welchen sie ihre Geburtsstadt erkannte.

»Ja, ja, liebes Kind, sehr schön«, sagte Miß Ophelia. »Aber gnädiger Himmel! Das Boot hält an! Wo ist dein Vater?«

Und jetzt folgte die gewöhnliche Verwirrung beim Landen – Kellner, die auf einmal Zwanzigerlei Wege rannten –, Männer, die Koffer, Reisesäcke, Schachteln schleppten – Frauen, die angstvoll ihre Kinder riefen, und alles das wälzte sich in einer dichtgedrängten Masse nach der zum Landungsplatze führenden Planke.

Miß Ophelia setzte sich mit entschlossener Miene auf den vorhin besiegten Koffer, stellte alle ihre Mobilien in schöner militärischer Ordnung auf und schien gewillt zu sein, sie aufs äußerste zu verteidigen.

»Soll ich Ihren Koffer nehmen, Ma’m?« – »Soll ich Ihr Gepäck nehmen?« – »Lassen Sie mich Ihr Gepäck besorgen, Missis.« – »Soll ich das für Sie ans Land tragen, Missis?« schallte unbeachtet an ihr Ohr. Mit dräuender Entschlossenheit, aufrecht, wie eine in ein Brett gesteckte Stopfnadel saß sie da, ihr Bündel von Regenschirmen und Sonnenschirmen festhaltend, und antwortete mit einer Entschiedenheit, die selbst einem Fiakerkutscher Furcht einflößen konnte, und äußerte in jeder Pause gegen Eva ihre Verwunderung »woran nur Papa denken könne; er könne doch nicht über Bord gefallen sein – aber etwas müsse geschehen sein«. Und gerade als sie sich in wirkliche Besorgnisse hineinräsoniert hatte, kam er in seiner gewöhnlichen, sorglosen Weise an, reichte Eva ein Viertel von seiner Orange und sagte: »Nun, Cousine Vermont, du bist wohl fertig?«

»Ich bin fertig und warte fast schon eine Stunde«, sagte Miß Ophelia; »Ich wurde wirklich besorgt um dich.«

»Das ist wirklich hübsch«, sagte er. »Der Wagen wartet, und das Gedränge ist jetzt vorbei, so daß man wie ein anständiger Mensch und guter Christ ans Land gehen kann, ohne geschoben und gestoßen zu werden. Hier«, sagte er zu dem hinter ihm stehenden Kutscher, »nimm diese Sachen.«

»Ich werde mitgehn und auf das Einpacken achten«, sagte Miß Ophelia.

»Ich bitte dich, Cousine, wozu das?« sagte St. Clare.

»Nun, jedenfalls will ich das und das und das tragen«, sagte Miß Ophelia und nahm drei Schachteln und einen kleinen Reisesack.

»Meine liebe Miß Vermont, das geht hier durchaus nicht in der Weise. Jedenfalls, liebe Cousine, mußt du dir etwas von südländischen Sitten angewöhnen und darfst nicht mit dieser ganzen Last ans Land gehen. Sie halten dich ja für eine Kammerzofe; gib die Sachen dem Burschen da; er wird sie so zärtlich behandeln, als wären es rohe Eier.«

Miß Ophelia machte ein verzweifeltes Gesicht, als der Vetter ihr alle ihre Schätze abnahm, und frohlockte erst wieder, als sie dieselben sicher im Wagen vorfand.

»Wo ist Tom?« sagte Eva.

»Oh, er sitzt auf dem Bock draußen, Mäuschen. Ich will Tom der Mutter als Versöhnungsgeschenk bringen, zum Ersatz für den betrunkenen Kerl, der den Wagen umgeworfen hat.«

»Oh, Tom wird einen vortrefflichen Kutscher abgeben, das weiß ich schon«, sagte Eva. »Er wird sich nie betrinken.«

Der Wagen hielt vor einem alten palastartigen Hause, erbaut in der seltsamen Mischung von spanischem und französischem Stil, von welcher man Beispiele in einigen Teilen von New Orleans findet. Es war nach maurischer Art gebaut – ein einen Hof einschließendes Viereck, in welches der Wagen durch einen gewölbten Torweg einfuhr. Inwendig war der Hof offenbar zur Befriedigung eines malerischen und üppigen Idealismus eingerichtet. Breite Galerien liefen um alle vier Seiten, deren maurische Bogen, schlanke Pfeiler und Arabeskenverzierungen die Phantasie wie in einem Traume unter die Herrschaft orientalischer Romantik in Spanien zurücktrugen. In der Mitte des Hofes sandte ein Springbrunnen seinen Silberstrahl hoch empor und ließ ihn in einem nie versiegenden Regen in ein marmornes Becken, umgeben von einem breiten Rand duftender Veilchen, fallen. Das Wasser im Brunnen, hell wie Kristall, schwärmte von Tausenden von Gold- und Silberfischen, die darin herumfunkelten und -schossen, wie lauter lebendige Edelsteine. Um den Brunnen ging ein mit einem Mosaik von Kieselsteinen in phantastischer Weise gepflasterter Weg; und diesen wieder faßte ein Rasenplatz, weich und sanft wie grüner Sammet, ein, während das Ganze der Fahrweg umschloß. Zwei große Orangenbäume, jetzt von Blüten duftend, gaben köstlichen Schatten; und in einem Kreise auf dem Rasen standen marmorne Vasen im arabischen Geschmack mit den auserlesensten Blumen der tropischen Gegenden. Große Granatbäume mit ihren glänzenden Blättern und flammenfarbigen Blüten, dunkelbelaubte arabische Jasmine mit ihren Silbersternen, Geranien, üppige Rosenbüsche, deren Zweige sich unter der reichen Last ihrer Blumen bogen, Gold-Jasmine, zitronenduftendes Verbenum vereinigten alle ihre Blütenpracht und ihren Blütenduft, während hier und da eine mystische alte Aloe mit ihren seltsamen massigen Blättern wie ein alter grauer Zauberer herniederblickte und in düsterer Größe unter dem vergänglichen Glanze und Dufte ringsumher schaute.

Die den Hof umgebenden Galerien hatten Vorhänge von einem maurischen Stoff, die nach Belieben heruntergelassen werden konnten, um die Sonnenstrahlen auszuschließen. Im ganzen war die Erscheinung des Hauses üppig und romantisch.

Wie der Wagen durch den Torweg fuhr, erschien Eva in der aufgeregten Leidenschaft ihrer Freude wie ein Vogel, bereit, aus seinem Käfig herauszubrechen.

»Oh, ist es nicht schön, herrlich, mein liebes, liebes Haus! Ist es nicht schön?« sagte sie zu Ophelia. »Es ist sehr hübsch«, sagte Miß Ophelia, als sie ausstieg, »obgleich es mir etwas alt und heidnisch vorkommt.«

St. Clare, der in seinem Herzen ein poetischer Genußmensch war, lächelte, als Miß Ophelia ihre Bemerkungen über die Umgebung machte, und sagte zu Tom, der sich mit einem vor Bewunderung strahlenden Gesicht umsah: »Nun, Tom, hier scheint dir’s zu gefallen?«

»Ja, Master, das sieht aus wie was Rechtes«, sagte Tom.

Alles dies geschah in einem Augenblicke, während Koffer ins Haus geschleppt wurden, der Fiaker Bezahlung empfing, und eine Menschenmenge von jedem Alter und jeder Größe – Männer, Frauen und Kinder unten und oben durch die Galerien rannten, um Master ankommen zu sehen. In erster Reihe stand ein bedeutend aufgeputzter junger Mulatte, offenbar eine sehr distinguierte Person, nach der allerneuesten Mode gekleidet, und graziös mit einem wohlriechenden Taschentuche wedelnd.

Dieser junge Mann hatte sich mit großer Lebhaftigkeit bemüht, die ganze Schar der übrigen Dienerschaft nach dem anderen Ende der Veranda zu treiben.

»Zurück, ihr alle. Ich schäme mich über euch!« sagte er in befehlendem Tone. »Wollt ihr euch in der ersten Stunde von Masters Rückkehr in seine häuslichen Verhältnisse eindrängen?«

Alle fühlten sich beschämt von dieser eleganten Rede, die mit sehr wichtiger Miene vorgetragen wurde, und drängten sich in einer achtungsvollen Entfernung zusammen, mit Ausnahme von zwei kräftigen Trägern, welche das Gepäck hineinschafften.

Infolge von Mr. Adolfs systematischen Anordnungen war, als St. Clare, nachdem er den Kutscher bezahlt hatte, sich umdrehte, niemand zu sehen, als Mr. Adolf selbst, in der Atlasweste, der goldenen Uhrkette und weißen Beinkleidern, sich mit unaussprechlicher Anmut freundlich verbeugend.

»Ach, Adolf, bist du’s?« sagte sein Herr und bot ihm die Hand. »Wie geht dir’s, mein Junge?« während Adolf mit großer Geläufigkeit eine Stegreifrede hielt, die er mit Sorgfalt seit 14 Tagen auswendig gelernt hatte.

»Schon gut, schon gut«, sagte St. Clare, der mit seiner gewöhnlichen Gleichgültigkeit und spöttischen Miene weiterging, »recht hübsch gemacht, Adolf. Sieh zu, daß das Gepäck gut untergebracht wird. Ich werde gleich zu den Leuten kommen.« – Und mit diesen Worten führte er Miß Ophelia in ein großes neben der Veranda liegendes Zimmer.

Während dies alles vor sich ging, war Eva wie ein Vogel durch die Vorhalle und das Zimmer in ein kleines Boudoir geflogen, dessen Tür ebenfalls auf die Veranda hinausging.

Eine hohe bleiche Dame mit dunklen Augen erhob sich halb von einem Sofa, auf welchem sie ruhte.

»Mama«, sagte Eva und fiel ihr voll Leidenschaft um den Hals und umarmte sie immer und immer wieder.

»Schon gut – nimm dich in acht, Kind, – damit ich kein Kopfweh bekomme!« sagte die Mutter, nachdem sie das Kind matt geküßt hatte.

St. Clare trat ein, umarmte seine Gattin im echten Ehemannsstile und stellte ihr dann seine Cousine vor.

Marie heftete ihre großen Augen mit einer Art Neugier auf ihre Cousine und empfing sie mit schläfriger Höflichkeit. Ein Gedränge von Dienstboten sperrte jetzt die Eingangstür und unter ihnen eine Mulattin in mittlerem Alter von sehr respektablem Aussehen, die vor Erwartung und Freude zitternd in erster Reihe an der Tür stand.

»Ach, da ist Mammy«, sagte Eva, als sie nach der Tür flog, sich in ihre Arme warf und sie wiederholt küßte.

Diese Frau sagte ihr nicht, daß sie Kopfschmerzen bekomme, sondern drückte sie im Gegenteil an sich und lachte und weinte, bis man an ihrem Verstande zweifeln mußte; und als sie Eva losgelassen hatte, flog diese von einem zum andern und schüttelte Hände und teilte Küsse aus auf eine Weise, daß es, wie Miß Ophelia später erklärte, dieser übel wurde.

»Das muß ich sagen«, sagte Miß Ophelia, »ihr südländischen Kinder könnt etwas tun, was ich nicht tun könnte.«

»Was gibt’s?« sagte St. Clare.

»Nun, ich will gern mit jedermann freundlich sein und niemand weh tun; aber küssen –«

»Nigger zu küssen, könntet ihr nicht übers Herz bringen, eh?« sagte St. Clare.

»Ja, das ist’s. Wie ist’s ihr nur möglich!« St. Clare lachte, wie er auf den Gang hinaustrat.

»Heda, hier, was gibt’s? Nun ihr alle – Mammy, Jimmy, Polly, Sukey – freut euch, Master wiederzusehen?« sagte er, als er allen die Hände schüttelnd im Kreise herumging. »Halt da, nehmt die Kleinen in acht!« setzte er hinzu, wie er über einen kleinen schwarzen Bengel stolperte, der auf allen vieren herkroch. »Wenn ich jemanden trete, so mag er sich nur melden.«

Vielfaches Lachen und Segnen begrüßte Master, als St. Clare kleine Münzen unter sie verteilte.

»Nun, jetzt macht, daß ihr fortkommt, wie folgsame Leutchen«, und die ganze Schar, die Dunklen und die Hellen, verschwand durch eine Tür, die auf eine große Veranda führte. Ihnen folgte Eva mit einer großen Tasche, die sie während der ganzen Heimreise mit Äpfeln, Nüssen, Kandiszucker, Bändern, Spitzen und Tändeleien aller Art gefüllt hatte.

Als St. Clare sich umdrehte, um zu gehen, fiel sein Auge auf Tom, der in großer Befangenheit und von einem Fuß auf den andern wechselnd dastand; während Adolf sich nachlässig an das Geländer lehnte und mit einer Miene, die jedem Dandy Ehre gemacht hätte, den andern durch ein Opernglas musterte.

»Da, Laffe!« sagte sein Herr und schlug ihm das Opernglas herunter. »Behandelst du so deine Kameraden? Es kommt mir vor, Dolf«, setzte er hinzu und legte den Finger auf die elegant gemusterte Atlasweste, in der Adolf herumstolzierte, »es kommt mir vor, als war das meine Weste!«

»O! Master, die Weste war voller Weinflecken! – Natürlich kann ein Herr, wie Sie, Master, so eine Weste nicht tragen. Ich dachte, ich sollte sie nehmen. Für einen armen Nigger, wie ich bin, geht sie noch.«

Und Adolf warf den Kopf in die Höhe und fuhr mit Grazie mit den Fingern durch das parfümierte Haar.

»So, das ist’s also?« sagte St. Clare gleichgültig. »Ich will jetzt Tom seiner Herrin vorstellen, und dann nimmst du ihn mit in die Küche; und daß du mir nicht gegen ihn den Vornehmen spielst. Er ist zwei solche Laffen wert, wie du einer bist.«

»Master will immer seinen Spaß haben«, sagte Adolf lachend. »Es freut mich, Master in so guter Laune zu sehen.«

»Komm, Tom«, sagte St. Clare und winkte ihm.

Tom trat ins Zimmer. Er sah verlegen auf die Samt-Teppiche und die vorher nie geträumte Pracht von Spiegeln, Gemälden, Statuen und Vorhängen und fühlte wie die Königin von Saba vor Salomo keinen Geist mehr in sich. Er getraute sich kaum, seinen Fuß wohin zu setzen. »Sieh her, Marie«, sagte St. Clare zu seiner Gattin, »ich habe dir endlich einen Kutscher nach Wunsch gekauft. Ich sage dir, er ist ein wahrer Leichenwagen an Schwärze und Gesetztheit und fährt dich wie zu einem Grabgeleite, wenn du es verlangst. Mach deine Augen auf und besieh dir ihn. Nun sage mir nicht, daß ich in der Abwesenheit niemals an dich denke.« Marie schlug die Augen auf und heftete sie auf Tom, ohne sich aufzurichten.

»Ich weiß schon, er wird sich betrinken«, sagte sie.

»Nein, er ist mir als frommer und nüchterner Artikel garantiert.«

»Nun, ich will hoffen, er macht sich gut«, sagte die Dame, »doch ist das mehr, als ich erwarte.«

»Dolf«, sagte St. Clare, »bring Tom in die Küche hinunter und vergiß nicht, was ich dir gesagt habe«, setzte er hinzu.

Adolf hüpfte graziös voraus, während Tom ihm mit schwerem Schritte folgte.

»Das ist ja ein wahrer Behemot!« sagte Marie.

»Nun, Marie, sei gnädig und sage deinem Mann ein freundliches Wort«, sagte St. Clare und nahm auf einem Stuhl neben dem Sofa Platz.

»Du bist 14 Tage über die Zeit weggeblieben«, schmollte die Dame.

»Aber du weißt ja, ich habe dir geschrieben, warum.«

»Einen so kurzen, kalten Brief«, sagte die Dame.

»Mein Gott! Es war unmittelbar vor Abgang der Post, und ich konnte nur kurz oder gar nicht schreiben.«

»So ist’s immer«, sagte die Dame, »es geschieht stets etwas, um deine Reisen lang und deine Briefe kurz zu machen.«

»Sieh!« sagte er jetzt, indem er ein elegantes sammetüberzogenes Etui aus der Tasche zog und es aufmachte. »Hier habe ich dir von New York etwas mitgebracht.« Es war ein Daguerreotyp, klar und weich, wie ein Kupferstich und stellte Eva und ihren Vater Hand in Hand nebeneinander sitzend dar.

Marie betrachtete es mit einer unbefriedigten Miene.

»Warum hast du in einer so linkischen Stellung gesessen?« sagte sie.

»Nun, die Stellung mag Geschmackssache sein; aber was sagst du von der Ähnlichkeit!«

»Wenn du in dem einen Falle nichts auf meinen Geschmack gibst, so kann er dir auch in dem andern gleichgültig sein«, sagte die Dame und machte das Daguerreotyp zu.

»Hol der Henker die Frau!« sagte St. Clare innerlich; laut aber setzte er hinzu: »Aber sag doch, Marie, was meinst du von der Ähnlichkeit? Sei doch vernünftig.«

»Es ist rücksichtslos von dir, St. Clare«, sagte die Dame, »durchaus auf dies Reden und Ansehen von Sachen zu bestehen. Du weißt, ich habe den ganzen Tag an Kopfweh krank gelegen; und seit deiner Ankunft war beständig ein solcher Lärm, daß ich halb tot bin.«

»Sie leiden an nervösem Kopfweh, Madame?« sagte Miß Ophelia, indem sie sich plötzlich aus den Tiefen eines großen Lehnstuhles erhob, wo sie ruhig dagesessen, ein Inventar über die Möbel aufgenommen und ihre Kosten berechnet hatte.

»Ja, ich leide schrecklich daran«, sagte die Dame.

»Wacholderbeerentee ist gut für nervöses Kopfweh«, sagte Miß Ophelia, »wenigstens sagte es Auguste, Dekan Abraham Perrys Frau; und sie verstand sich vortrefflich auf solche Sachen.«

»Ich werde die ersten Wacholderbeeren, die in unserem Garten am See reif werden, besonders zu diesem Zwecke herschicken lassen«, sagte St. Clare und zog mit ernsthaftem Gesicht an der Klingel. »Unterdessen, Cousine, wirst du wünschen, dich nach deiner Reise auf dein Zimmer zurückzuziehen und dich ein wenig zu erholen. Dolf«, befahl er diesem, »laß Mammy heraufkommen.«

Die Mulattin, die Eva mit so großer Lebhaftigkeit liebkost hatte, trat bald ein; sie war sauber gekleidet und hatte einen hohen, rot und gelben Turban auf dem Kopfe, ein eben erst von Eva erhaltenes Geschenk, welches das Kind ihr selbst aufgesetzt hatte.

»Mammy«, sagte St. Clare, »ich stelle diese Dame unter deine Obhut; sie ist müde und der Ruhe bedürftig. Führe sie in ihr Zimmer und trag Sorge, daß sie alle Bequemlichkeiten findet.«

14. Kapitel


Toms Herrin und ihre Ansichten

»Jetzt wird nun deine goldene Zeit anfangen, Marie«, sagte St. Clare.

»Hier ist unsere praktische, geschäftskundige, neuenglische Cousine, welche die ganze Last deiner Sorgen dir von der Schulter nehmen und dir Zeit geben wird, dich zu erholen und jung und schön zu werden. Es wäre wohl das beste, die feierliche Übergabe der Schlüssel gleich jetzt vorzunehmen.«

Diese Äußerung tat St. Clare am Frühstückstisch einige Tage nach der Ankunft Miß Ophelias.

»Ich bin gern bereit dazu«, sagte Marie und stützte den Kopf schmachtend auf die Hand. »Ich glaube, etwas wird sie alsdann entdecken, und zwar, daß wir Herrinnen hier unten die Sklavinnen sind.«

»O gewiß, das wird sie entdecken und noch eine Unzahl anderer gesunder Wahrheiten«, sagte St. Clare.

»Man sagt, wir hielten Sklaven zu unserer Bequemlichkeit«, sagte Marie. »Ich sollte meinen, wenn wir die zu Rate zögen, würden wir sie auf der Stelle alle gehen lassen.«

Evangeline heftete ihre großen ernsten Augen mit einem forschenden und betroffenen Ausdruck auf das Gesicht der Mutter und sagte einfach: »Wozu behältst du sie dann, Mama!«

»Ich weiß wahrhaftig nicht, warum, außer etwa zur Plage; sie sind die Plage meines Lebens. Ich glaube, daß sie mehr an meiner Krankheit schuld sind, als alles andere; und unsere, glaube ich, sind die schlimmsten, die jemals einen Besitzer geplagt haben.«

»Ach geh, Marie, du bist übler Laune«, sagte St. Clare, »du weißt, daß das nicht so ist. Nimm nur Mammy, das beste Geschöpf auf der Welt, was könntest du ohne die tun!«

»Mammy ist die beste, die mir jemals vorgekommen ist«, sagte Marie. »Und doch ist auch Mammy selbstisch – schrecklich selbstisch; es ist der Fehler der ganzen Rasse.«

»Selbstsucht ist ein schrecklicher Fehler«, sagte St. Clare ernsthaft.

»Nimm nur einmal Mammy an«, sagte Marie. »Es ist meiner Ansicht nach Selbstsucht von ihr, des Nachts so fest zu schlafen; sie weiß, daß ich fast jede Stunde einiger kleinen Dienste bedarf, wenn meine schlimmsten Anfälle kommen, und dennoch ist sie so schwer zu wecken. Ich befinde mich heute morgen unbedingt schlechter infolge meiner Anstrengungen, sie vorige Nacht zu wecken.«

»Hat sie nicht neuerdings viele Nächte bei dir gewacht?« sagte Eva.

»Wie kannst du das wissen?« sagte Marie mit Schärfe. »Sie hat sich wahrscheinlich beklagt?«

»Sie hat sich nicht beklagt, sie sagte mir nur, was du für schlimme Nächte gehabt hättest – so viele hintereinander.«

»Warum läßt du nicht Jane oder Rose an ihrer Stelle ein paar Nächte wachen, um ihr einige Ruhe zu geben?« sagte St. Clare.

»Wie kannst so etwas vorschlagen?« sagte Marie. »St. Clare, wie kannst du so rücksichtslos sein! Meine Nerven sind so angegriffen, daß der leiseste Atemzug mich stört; und eine fremde Hand in meiner Nähe würde mich unbedingt wahnsinnig machen. Wenn Mammy die Teilnahme für mich fühlte, wie es ihre Schuldigkeit ist, so würde sie leichter aufwachen – natürlich. Ich habe von Leuten gehört, die so ergebene Diener hatten, aber ich habe nie das Glück gehabt«, und Marie seufzte.

Miß Ophelia hatte diesem Gespräche mit einer Miene scharfsichtigen beobachtenden Ernstes zugehört; und sie hielt ihre Lippen immer noch fest geschlossen, als sei sie entschieden gewillt, sich erst ihrer Stellung vollständig zu vergewissern, ehe sie sich einzumischen wagte.

»Ich gebe zu, daß Mammy ihre guten Seiten hat«, sagte Marie; »sie ist sanft und ehrerbietig, aber im Herzen selbstisch. So hört sie z. B. nie auf, sich um ihren Mann zu grämen. Sie müssen wissen, als ich nach meiner Heirat hierherzog, mußte ich sie natürlich mit mir hierher nehmen, und ihren Mann konnte mein Vater nicht entbehren. Er war ein Schmied und natürlich sehr notwendig; und ich dachte und sagte damals, daß Mammy und er sich lieber trennen sollten, da es wahrscheinlich nicht passen würde, daß sie je wieder miteinander leben. Ich wollte jetzt, ich hätte darauf bestanden und hätte Mammy an einen andern verheiratet; aber ich war törichterweise nachsichtig und wollte nicht darauf dringen. Ich sagte damals Mammy, sie dürfe nicht erwarten, ihn mehr als ein- oder zweimal in ihrem Leben wiederzusehen; denn die Luft auf meines Vaters Besitzung bekommt meiner Gesundheit nicht gut, und ich kann nicht hin; und ich riet ihr, sich mit einem andern Mann zusammenzutun; nein, sie wollte nicht. Mammy hat in manchen Sachen eine Hartnäckigkeit, die nicht jedermann so kennt wie ich.«

»Hat sie Kinder?« fragte Miß Ophelia.

»Ja, sie hat zwei.«

»Ich vermute, die Trennung von denselben schmerzt sie.«

»Natürlich konnte ich sie nicht mit hierhernehmen. Es waren kleine schmutzige Geschöpfe – ich konnte sie nicht um mich haben; und außerdem nahmen sie zuviel von ihrer Zeit in Anspruch; aber ich glaube, Mammy hat deshalb immer eine Art Groll behalten. Einen andern will sie nicht heiraten; und ich glaube wahrhaftig, obgleich sie weiß, wie notwendig sie mir ist und wie schwach meine Gesundheit ist, sie würde morgen zu ihrem Mann zurückkehren, wenn sie könnte. Ich bin davon überzeugt«, sagte Marie. »Sie sind so entsetzlich selbstsüchtig – selbst die besten.«

»Es ist traurig, darüber nachzudenken«, sagte St. Clare trocken.

Miß Ophelia warf einen scharfen Blick auf ihn und sah, wie sich seine Wange von unterdrücktem Ärger und Verdruß rötete und seine Lippe bei diesen Worten sarkastisch zuckte.

»Und ich habe Mammy immer gehätschelt«, sagte Marie. »Ich wollte, ein paar von Ihren Dienern im Norden könnten ihre Kleiderschränke sehen – seidene und Musselinkleider und ein echtes leinenes Cambrichemd hat sie darin hängen. Ich habe manchmal ganze Nachmittage gearbeitet und ihre Mützen aufgeputzt und ihr beim Anziehen geholfen, um in eine Gesellschaft zu gehen. Was Auszanken heißt, weiß sie gar nicht. Die Peitsche hat sie nur ein oder zweimal in ihrem ganzen Leben gekostet. Sie bekommt täglich ihren starken Kaffee oder Tee mit weißem Zucker. Es ist gewiß abscheulich, aber St. Clare will Wohlleben in der Dienstbotenstube haben, und jedes von ihnen lebt, wie es ihnen gefällt. Die Wahrheit ist, unsere Dienerschaft wird zu nachsichtig behandelt. Ich vermute, es ist zum Teil unser Fehler, daß sie selbstsüchtig sind und sich wie verzogene Kinder benehmen; aber ich habe in St. Clare hineingesprochen, bis ich’s satt hatte.«

»Und ich auch«, sagte St. Clare und nahm die Morgenzeitung.

Eva, die schöne Eva, hatte ihre Mutter mit dem ihr eigenen Ausdrucke tiefen und mystischen Ernstes angesehen. Jetzt ging sie leise um den Tisch herum an den Stuhl ihrer Mutter und umschlang mit den Armen ihren Hals.

»Was ist, Eva?« sagte Marie.

»Mama, könnte ich nicht eine Nacht bei dir wachen – nur eine einzige? Ich weiß, ich würde dich nicht unruhig machen und nicht schlafen. Ich liege oft die ganze Nacht wach im Bette und denke nach –«

»Ach, Unsinn, Kind – Unsinn!« sagte Marie. »Du bist ein so seltsames Kind.«

»Aber darf ich, Mama? Ich glaube«, sagte sie schüchtern, »Mammy ist nicht wohl. Sie sagte mir, neulich hätte ihr der Kopf den ganzen Tag weh getan.«

»Oh, das ist so recht eine von Mammys Grillen! Mammy ist genauso wie alle andern – macht einen solchen Spektakel, wenn ihr nur ein Finger weh tut; ich werde sie nie darin bestärken – nie! Ich habe meine sehr bestimmten Grundsätze über diese Sache«, sagte sie zu Miß Ophelia gewendet.

»Sie werden die Notwendigkeit davon späterhin einsehen. Bestärken Sie die Dienstboten, jeder unbedeutenden unangenehmen Empfindung nachzugeben und sich über jede Kleinigkeit zu beklagen, so werden Sie alle Hände voll zu tun haben. Ich selbst klage nie – und niemand weiß, was ich leide. Ich halte es für meine Pflicht, in Ruhe zu dulden, und ich tue es.«

Miß Ophelias runde Augen sprachen unverhülltes Staunen über diese Äußerung aus, welche St. Clare so komisch vorkam, daß er in ein lautes Lachen ausbrach.

»St. Clare lacht stets, wenn ich nur im mindesten auf meine Kränklichkeit anspiele«, sagte Marie mit der Miene eines duldenden Märtyrers. »Ich hoffe nur, daß nicht der Tag kommen wird, wo er daran denken muß!« Und Marie hielt das Taschentuch an die Augen.

Natürlich trat hier ein etwas verlegenes Schweigen ein. Endlich stand St. Clare auf, sah nach der Uhr und sagte, er habe ein Geschäft nebenan in der Straße abzumachen. Eva hüpfte ihm nach, und Miß Ophelia und Marie blieben allein am Tische sitzen.

»Das sieht St. Clare ganz ähnlich!« sagte letztere und entfernte ihr Taschentuch mit einer etwas lebhaften Gebärde von den Augen, als der dadurch zu rührende Verbrecher sich entfernt hatte. »Er kann und wird und will nun einmal nicht einsehen, was ich leide, und seit Jahren gelitten habe. Wenn Klagen meine Sache wäre oder ich über meine Leiden viel Lärm machte, so hätte er einigen Grund dazu. Die Männer bekommen natürlich eine Frau satt, die immer klagt. Aber ich habe im stillen geduldet und fortgeduldet, bis St. Clare sich an den Gedanken gewöhnt hat, ich könnte alles ertragen.

Miß Ophelia wußte nicht recht, was man für eine Antwort auf diese Rede erwartete.

Während sie darüber nachdachte, was sie sagen sollte, wischte Marie allmählich ihre Tränen weg und glättete ihr Gefieder, wie eine Taube nach einem Regenschauer Toilette macht, und fing nun mit Miß Ophelia ein wirtschaftliches Gespräch über Schränke, Kammern, Wäschekisten und Vorratskammer und andere Sachen an, welche letztere auf gemeinschaftliches Übereinkommen unter ihre Leitung nehmen sollte – und erteilte ihr dabei so viele vorsichtige Winke und Aufträge, daß ein weniger systematischer und geschäftskundiger Kopf, als Miß Ophelia war, ganz verwirrt davon geworden wäre.

»Und jetzt, glaube ich, habe ich Ihnen alles gesagt«, sagte Marie, »so daß, wenn meine Anfälle wiederkehren, Sie imstande sein werden, ohne meinen Beirat auszukommen; nur noch wegen Evas – sie bedarf der Aufsicht.«

»Sie scheint ein sehr gutes Kind zu sein«, sagte Miß Ophelia. »Ich habe nie ein besseres Kind gesehen.«

»Eva ist sehr, sehr eigen«, sagte ihre Mutter. »Sie hat so sonderbare Seiten; sie ist mir auch nicht im mindesten ähnlich«, und Marie seufzte, als wäre darin wirklicher Stoff zum trauervollsten Nachdenken.

Miß Ophelia sagte bei sich: »Das hoffe ich auch«, war aber klug genug, es für sich zu behalten.

»Eva ging von je gerne mit den Dienstboten um; und ich glaube, das läßt sich bei manchen Kindern schon dulden. Ich habe immer mit meines Vaters kleinen Negern gespielt – es hat mir nie etwas geschadet. Aber Eva scheint sich, ich weiß nicht wie, auf gleichen Fuß mit jedem Geschöpfe zu stellen, mit dem sie in Berührung kommt. Es ist merkwürdig mit diesem Kinde. Ich habe es ihr nie abgewöhnen können. Ich glaube, St. Clare bestärkt sie darin. Die Wahrheit ist, St. Clare hat mit jedermann im Hause die größte Nachsicht, nur nicht mit seiner Frau.«

Abermals saß Miß Ophelia in starrem Schweigen da.

»Aber man kommt mit Dienstboten nicht aus, wenn man sie nicht unterzubringen und unten zu halten versteht«, sagte Marie. »Von Kind auf ist mir das natürlich gewesen. Eva kann aber ein ganzes Haus voll verderben; wie sie es anfangen wird, wenn sie einmal selbst einem Hause vorzustehen hat, das weiß der Himmel. Ich meine allerdings, man soll freundlich gegen die Dienstboten sein – ich bin es stets; aber man muß sie ihre Stellung fühlen lassen. Das tut Eva nie; es läßt sich diesem Kinde auch nicht der erste Keim eines Gedankens, wohin ein Dienstbote eigentlich gehört, beibringen. Sie hörten, wie sie sich erbot, des Nachts bei mir zu wachen, um Mammy schlafen zu lassen! Das ist so ein Pröbchen von dem, was das Kind tun würde, wenn man es sich selbst überließe.«

»Nun, ich glaube doch«, sagte Miß Ophelia geradeheraus, »Sie halten Ihre Dienstboten für Menschen, die ihre Ruhe haben müssen, wenn sie müde sind?«

»Gewiß, natürlich. Ich sehe sehr darauf, daß sie alles bekommen, was sich paßt – alles, was einem keine Unannehmlichkeiten macht, wissen Sie. Mammy kann ihren Schlaf bei Gelegenheit schon wieder einbringen, das hält nicht schwer. Sie ist das verschlafenste Geschöpf, das mir je vorgekommen ist; mag sie nähen, stehen oder sitzen, gewiß schläft sie ein, und schläft überall und sonstwo. Mammy büßt keinen Schlaf ein, das ist nicht zu befürchten. Aber es ist ja zu lächerlich, Dienstboten zu behandeln, als wären sie exotische Blumen oder Porzellanvasen«, sagte Marie, wie sie sich in die Tiefen eines umfänglichen weichen Divans versenkte und eine elegante Kristallvinaigrette zu sich heranzog.

»Sie sehen, daß ich nicht oft von mir spreche, Cousine Ophelia«, fuhr sie mit schwachem Lispeln wie der letzte sterbende Hauch des arabischen Jasmins oder etwas ebenso Ätherisches fort. »Ich bin es nicht gewohnt, und ich habe es nicht gerne. Wahrhaftig, ich habe nicht die Kraft dazu. Aber es gibt Punkte, worüber ich und St. Clare nicht einig sind. St. Clare hat mich nie verstanden, nie gewürdigt. Ich glaube, das ist die Wurzel aller meiner Leiden. St. Clare meint es gut, das zu glauben ist meine Pflicht; aber die Männer sind von Natur selbstsüchtig und rücksichtslos gegen Frauen. Das ist wenigstens meine Meinung.«

Miß Ophelia, die in nicht geringem Grade die echte neuenglische Vorsicht besaß und einen ganz besonderen Widerwillen hatte, sich in Familienstreitigkeiten zu verwickeln, fing jetzt an, so etwas vorauszusehen; deshalb legte sie ihr Gesicht in so entschieden neutrale Falten, als möglich, zog aus ihrer Tasche einen etwa 5/4 Ellen langen Strumpf, den sie als Hausmittel gegen die Versuchungen, welche nach Doktor Watts der Teufel immer gegen unbeschäftigte Hände anwendet, stets bei sich hatte, schloß die Lippen in einer Weise, welche deutlicher als Worte sagte: Sie brauchen nicht zu versuchen, ein Wort aus mir herauszubringen – ich mag nichts mit Ihren Angelegenheiten zu tun haben –, kurz, sie sah etwa so teilnehmend aus, wie ein steinerner Löwe. Aber Marie kümmerte sich nicht darum. Sie hatte jemanden, dem sie etwas vorreden konnte, und sie hielt es für ihre Pflicht zu reden, und das war genug; und sie fuhr fort, nachdem sie sich wieder an ihrem Riechfläschchen gestärkt hatte.

»Sie müssen wissen, ich brachte mein Eigentum und meine Dienstboten mit, als ich St. Clare heiratete, und ich bin gesetzlich befugt, ganz nach Belieben über sie zu verfügen. St. Clare hat sein eigenes Vermögen und seine Dienstboten, und ich bin es ganz zufrieden, daß er mit ihnen schaltet und waltet, wie er will; aber St. Clare erlaubt sich Übergriffe. Er hat merkwürdig ausschweifende Ideen, vorzüglich über die Behandlung der Dienstboten. Er benimmt sich wirklich, als ob ihm seine Dienstboten mehr wären als ich und auch als er selber, denn er duldet von ihnen alle Arten Ungelegenheiten und rührt nie einen Finger. Über manche Sachen ist St. Clare wirklich schrecklich – er erschreckt mich –, so gutmütig er im allgemeinen aussieht. So besteht er z. B. darauf, daß um keinen Preis in diesem Hause ein Schlag fallen soll, außer von ihm oder von mir; und er besteht in einer Weise darauf, der ich mich wirklich nicht zu widersetzen wage. Nun, Sie können sehen, wozu das führt, denn St. Clare würde nicht die Hand erheben, und wenn jeder einzelne ihn mit Füßen träte; und ich – Sie sehen ein, es wäre grausam, wollte man von mir eine solche Anstrengung fordern. Sie wissen ja, diese Dienstboten sind nichts als erwachsene Kinder.«

»Ich weiß nichts von der Sache und danke Gott, daß ich nichts weiß«, sagte Miß Ophelia kurz.

»Nun, Sie werden es schon kennenlernen müssen und zu Ihrem Schaden kennenlernen, wenn Sie hierbleiben. Sie wissen gar nicht, was für eine ärgerliche, dumme, leichtsinnige, unverständige, kindische, undankbare Art von Menschen sie sind.«

Marie schien sich stets wunderbar gestärkt zu fühlen, wenn sie auf dieses Thema kam; und sie öffnete jetzt ihre Augen und schien ihre Mattigkeit ganz zu vergessen.

»Sie wissen gar nicht und können es gar nicht wissen, was für tägliche und stündliche Prüfungen eine Hausfrau von ihnen in jeder Art und von jeder Weise zu erdulden hat. Sich gegen St. Clare zu beklagen nützt gar nichts. Er redet das seltsamste Zeug. Er sagt, wir hätten sie zu dem gemacht, was sie sind, und müßten es nun über uns ergehen lassen. Er sagt, ihre Fehler verdankten sie alle uns, und es wäre grausam, erst den Fehler zu verursachen und ihre dann zu bestrafen. Er sagt, wir würden es an ihrer Stelle auch nicht besser machen; als ob man von ihnen auf uns schließen könnte, denken Sie nur.«

»Glauben Sie nicht, daß der Herr sie von einem Blute mit uns gemacht hat?« sagte Miß Ophelia kurz.

»Ich! Nein wahrhaftig nicht! Ein schöner Gedanke, wirklich! Sie sind eine entartete Rasse.«

»Glauben Sie nicht, daß sie unsterbliche Seelen haben?« fragte Miß Ophelia mit wachsender Entrüstung.

»Nun ja«, sagte Marie gähnend, »das versteht sich wohl von selbst daran zweifelt niemand. Aber sie irgend mit uns auf gleichen Fuß stellen, als ob wir mit ihnen verglichen werden könnten, das ist ja rein unmöglich! Aber St. Clare hat sich wirklich gegen mich geäußert, als wäre es ganz dasselbe, ob Mammy oder ich von ihrem Gatten getrennt würde. Das läßt sich doch in dieser Weise nicht zusammenstellen. Mammy könnte ja gar nicht meine Gefühle haben. Es ist eine ganz andere Sache – das versteht sich ja von selbst; und dennoch stellt sich St. Clare, als sähe er es nicht ein. Und ganz so, als ob Mammy ihre schmutzigen Kleinen so lieb haben könnte, wie ich Eva! Aber St. Clare bemühte sich einmal wirklich und in vollem Ernste, mich zu überreden, daß es meine Pflicht sei, trotz meiner schwachen Gesundheit und meiner schweren Leiden, Mammy nach Hause gehen zu lassen und anstatt ihrer eine andere Person anzunehmen. Das war doch sogar mir etwas zuviel. Ich gebe nicht oft meinen Empfindungen Ausdruck. Es ist mein Grundsatz, alles stillschweigend zu ertragen; es ist des Weibes hartes Geschick, und ich ertrage es. Aber diesmal brach ich los, so daß er das Thema nie wieder berührt hat. Aber ich sehe es an seinem Gesicht und an kleinen Äußerungen, die er gelegentlich tut, daß er darüber noch so denkt wie früher, und das ist ärgerlich und unangenehm!«

Miß Ophelia machte ein Gesicht, als fürchte sie gar sehr, zu einer Äußerung fortgerissen zu werden, aber sie klapperte mit ihren Stricknadeln auf eine Weise, die sehr viel sagte, wenn Marie es nur hätte verstehen können.

»Sie sehen alles, was Sie zu tun bekommen werden«, fuhr sie fort. »Eine Wirtschaft ohne alle Regeln, wo die Dienstboten ganz nach eigenem Willen handeln, tun, was ihnen beliebt, und haben, was ihnen gefällt, außer soweit ich bei meiner schwachen Gesundheit die Ordnung aufrechterhalte. Ich habe meinen Riemen und wende ihn auch manchmal an; aber die Anstrengung ist immer zu groß für mich. Wenn St. Clare es nur machte wie andere Leute –«

»Und wie ist das?«

»Nun, sie schicken sie nach der Calaboose oder an einen anderen solchen Ort und lassen sie dort auspeitschen. Das ist der einzige richtige Weg. Wenn ich nicht ein so armes schwaches Geschöpf wäre, glaub‘ ich, könnte ich doppelt soviel Energie als St. Clare darin zeigen.«

»Und wie kommt St. Clare durch?« sagte Miß Ophelia. »Sie sagen, er schlägt nie?«

»Ja, sehen Sie, die Männer haben schon eher ein gebieterisches Wesen; es wird ihnen leichter, außerdem wenn sie ihm einmal recht ordentlich ins Auge geblickt haben – es ist eigentümlich dieses Auge –, es blitzt ordentlich, wenn er entschieden spricht. Ich fürchte mich selbst davor, und die Dienstboten wissen, daß sie gehorchen müssen. Ich könnte mit einem richtigen Unwetter von Schimpfen und Schelten nicht soviel ausrichten, als St. Clare mit einem einzigen Blicke seines Auges, wenn er einmal Ernst macht. St. Clare kostet es keine Mühe, deswegen fühlt er so wenig für mich. Aber Sie werden schon finden, daß Sie ohne Strenge nicht auskommen können – sie sind so schlecht, so lügnerisch, so faul.«

»Das alte Lied«, sagte St. Clare, der jetzt hereingeschlendert kam. »Was für eine schreckliche Rechnung diese bösen Kreaturen zuletzt werden abzumachen haben, vorzüglich wegen dieses Faulenzens! Du siehst, Cousine«, sagte er, während er sich der Länge lang auf einem Divan Marien gegenüber streckte, »diese Faulenzerei ist bei ihnen gar nicht zu entschuldigen, wenn man bedenkt, welches Beispiel Marie und ich ihnen geben.«

»Nein, das ist doch aber auch zu schlecht!« sagte Marie.

»Wirklich? Mein Gott, ich denke, ich spreche ganz merkwürdig gut für mich. Ich bemühe mich stets, deinen Bemerkungen Nachdruck zu geben.«

»Du weißt, daß du so etwas nicht beabsichtigt hast, St. Clare«, sagte Marie.

»Oh, dann muß ich mich geirrt haben. Danke dir, meine Liebe, daß du mich eines Besseren belehrt hast.«

»Du bemühst dich wirklich, mich zu ärgern«, sagte Marie.

»Ach laß doch, Marie, der Tag wird schon warm, und ich habe einen langen Zank mit Dolf gehabt, der mich schrecklich müde gemacht hat; also sei jetzt ein gutes Kind und laß einen armen Burschen in dem Lichte deines Lächelns ruhen.«

»Was ist mit Dolf?« sagte Marie. »Dieses Kerls Unverschämtheit hat eine Höhe erreicht, die mir ganz unerträglich ist. Ich wünsche nur, ich hätte eine Zeitlang unbeschränkt über ihn zu verfügen. Ich wollte seinen Trotz schon brechen.«

»Was du da sagst, meine Liebe, trägt den Stempel deiner gewöhnlichen Schärfe und Verständigkeit«, sagte St. Clare. »Was Dolf betrifft, so ist die Sache die: Er ist solange beschäftigt gewesen, meine Vorzüge und Vollkommenheiten nachzuahmen, daß er sich zuletzt wirklich mit seinem Herrn verwechselt hat, und ich habe mich genötigt gesehen, ihm über dieses Mißverständnis einige Aufklärung zu geben.«

»Wieso?« sagte Marie.

»Nun, ich sah mich genötigt, ihm zu verstehen zu geben, daß ich einige von meinen Kleidern zu meinem persönlichen Gebrauche zu behalten wünsche; ich setzte auch seine Magnifizenz auf eine bestimmte Ration von Eau de Cologne und war wirklich so grausam, ihn auf ein einziges Dutzend meiner Batisttaschentücher zu beschränken. Dolf verdroß das gar sehr, und ich mußte zu ihm sprechen wie ein Vater, daß er wieder ein freundliches Gesicht machte.«

»O St. Clare, wann wirst du deine Dienstboten behandeln lernen? Deine Nachsicht gegen sie ist ganz abscheulich«, sagte Marie.

»Mein Gott, was schadet es denn am Ende, daß der arme Bursche so sein will, wie sein Herr, und wenn ich ihn so schlecht erzogen habe, daß er Eau de Cologne und Batisttaschentücher für das höchste Gut auf Erden hält, warum soll ich sie ihm da nicht gönnen?«

»Und warum hast du ihn nicht besser erzogen?« sagte Miß Ophelia mit gerader Entschiedenheit.

»Zuviel Mühe. Trägheit, Cousine, Trägheit, die mehr Seelen zugrunde richtet, als du ausschelten kannst. Wenn die Trägheit nicht wäre, so wäre ich selbst ein vollkommner Engel geworden. Ich bin geneigt zu glauben, daß Trägheit das ist, was der alte Doktor Botherem oben in Vermont immer das ›Wesen alles Bösen‹ nannte; gewiß ein schrecklicher Gedanke.«

»Mir scheint, ihr Sklavenbesitzer hättet eine schreckliche Verantwortlichkeit auf euch«, sagte Miß Ophelia. »Ich möchte sie nicht für tausend Welten auf mich nehmen. Du solltest deine Sklaven erziehen und sie wie vernunftbegabte Wesen behandeln, wie unsterbliche Geschöpfe, mit denen du dereinst vor Gottes Gericht erscheinen mußt. Das ist meine Meinung«, sagte das gute Mädchen, nachdem sie plötzlich mit einem Eifer hervorgebrochen war, der sich in seiner vollen Kraft allmählich während des ganzen Morgens angesammelt hatte.

»Ach, ich bitte dich«, sagte St. Clare und stand rasch auf, »was verstehst du von unseren Sachen?« Und er setzte sich ans Piano und spielte ein lebhaftes Musikstück. St. Clare hatte ein entschiedenes Talent für Musik. Sein Anschlag war fest und brillant, und seine Finger flogen mit einer schwebenden und doch bestimmten Bewegung über die Tasten. Er spielte ein Stück nach dem andern, wie ein Mann, der durch das Spielen in gute Laune geraten will. Nachdem er die Noten beiseite geschoben hatte, stand er auf und sagte heiter: »Cousine, du hast uns eine schöne Rede gehalten und deine Pflicht getan; im ganzen denke ich deshalb nur besser von dir. Ich bezweifle nicht im mindesten, daß du einen wahren Diamant von Wahrheit nach mir geworfen hast; obgleich er mich so gerade ins Gesicht getroffen hat, daß ich nicht gleich seinen rechten Wert erkennen konnte.«

»Ich meinesteils sehe den Nutzen solcher Gespräche nicht ein«, sagte Marie. »Ich möchte wahrhaftig wissen, wer mehr für seine Dienstboten täte als wir; und sie werden dadurch auch nicht im geringsten besser – durchaus nicht; sie werden schlimmer, nur schlimmer. Was das Zureden betrifft, so bin ich überzeugt, ich habe mich heiser mit ihnen geredet und habe ihnen ihre Pflichten vorgehalten und Ähnliches; und sie können ja in die Kirche gehen, wenn sie wollen, obgleich sie kein Wort von der Predigt verstehen, so wenig wie ein Schwein; ich sehe also gar keinen großen Nutzen von dem Kirchengehen; aber sie gehen, und so ist ihnen jede Gelegenheit geboten; jedoch wie ich vorhin sagte, sie sind eine entartete Rasse und werden es stets sein, und es läßt sich ihnen nicht helfen; es ist nichts aus ihnen zu machen, wenn man es auch versucht. Sie sehen, Cousine Ophelia, ich habe es versucht; und Sie haben es nicht versucht; ich bin unter ihnen geboren und aufgewachsen und kenne es.«

Miß Ophelia dachte, sie habe genug gesagt, und schwieg daher. St. Clare pfiff etwas vor sich hin.

»St. Clare, ich wollte, du pfiffst nicht«, sagte Marie, »es verschlimmert meinen Kopfschmerz.«

»So will ich es nicht tun«, sagte St. Clare. »Ist sonst noch etwas, was ich nicht tun soll?«

»Ich wollte, du zeigtest einige Teilnahme für meine Leiden; du legst nie das mindeste Gefühl für mich an den Tag.«

»Mein lieber, anklagender Engel!« sagte St. Clare.

»Es ist doch zu arg, solche Anreden zu hören.«

»Nun, was soll ich sonst zu dir sagen? Ich will ganz nach Befehl sprechen – wie du es haben willst, nur um dich zu befriedigen.«

Ein heiteres Lachen vom Hofe schallte durch die seidenen Vorhänge der Veranda. St. Clare trat hinaus, hob den Vorhang empor und lachte ebenfalls.

»Was gibt’s?« sagte Miß Ophelia, die an das Geländer kam.

Tom saß im Hofe auf einer kleinen Rasenbank, jedes seiner Knopflöcher mit einem Strauß von Cap-Jasmin geschmückt, und Eva hing ihm lustig lachend einen Rosenkranz um den Hals; und dann setzte sie sich auf seine Knie wie ein kleiner Vogel und lachte immer noch.

»Ach Tom, du siehst so drollig aus!« Um Toms Mund schwebte ein stilles wohlwollendes Lächeln, und er schien in seiner ruhigen Weise den Spaß ebenso innig zu genießen wie seine kleine Herrin. Als er seinen Herrn sah, blickte er diesen mit einer halbabbittenden entschuldigenden Miene an.

»Wie kannst du das dulden?« sagte Miß Ophelia.

»Warum nicht?« sagte St. Clare.

»Nun, ich weiß nicht, es kommt mir so abscheulich vor.«

»Du sähest nichts Böses darin, wenn das Kind einen großen Hund liebkoste, selbst wenn er schwarz wäre, nicht wahr? Aber ein Geschöpf liebkosen, das denken und fühlen kann und unsterblich ist, das macht dich schaudern? Gestehe es nur, Cousine. Ich weiß recht gut, wie manche von euch Nordländern darüber empfinden. Ich will nicht etwa sagen, daß es eine besondere Tugend von uns ist, nicht so zu empfinden; aber Gewohnheit bewirkt bei uns, was das Christentum tun sollte – verwischt das Gefühl persönlichen Vorurteils. Ich habe während meiner Reise im Norden oft bemerkt, wieviel stärker dies bei euch als bei uns ist. Ihr ekelt euch vor ihnen wie vor einer Schlange oder einer Kröte, und doch erfüllen euch ihre Leiden mit Empörung. Ihr wollt sie nicht mißhandelt wissen, aber ihr wollt auch selbst nichts mit ihnen zu tun haben. Ihr möchtet sie nach Afrika schicken, um sie weder zu sehen noch zu riechen, um die ganze Selbstverleugnung, sie kompendiös zu erziehen, auf sich zu nehmen. Ist es nicht so?«

»Hm, Cousin, es mag wohl einiges Wahre darin sein«, sagte Miß Ophelia nachdenklich.

»Was würden die Armen und Niedrigen ohne die Kinder sein?« sagte St. Clare, an das Gitter gelehnt und Eva ansehend, welche, Tom an der Hand, forthüpfte. »Die kleinen Kinder sind die einzigen echten Demokraten. Dieser Tom ist für Eva ein Held, seine Geschichten sind Wunder in ihren Augen, seine Lieder und Methodistenhymnen besser als die Oper, und die Spielereien und Kleinigkeiten in seiner Tasche sind für sie eine Diamantengrube, und er ist der wunderbarste Tom, der jemals in einer schwarzen Haut steckte. Das ist eine der Rosen aus Eden, die der Herr besonders für die Armen und Niedrigen, die wenig andere bekommen, hat herniederfallen lassen.«

»Es ist seltsam, Cousin«, sagte Miß Ophelia, »man möchte fast glauben, du wärst ein Bekenner, wenn man dich reden hört.

»Ein Bekenner?« sagte St. Clare.

»Jawohl, ein christlicher Bekenner.«

»Durchaus nicht, kein Bekenner, wie ihr Stadtleute sagt, und ich fürchte, was noch schlimmer ist, meine Praxis entspricht auch meiner Theorie nicht.«

»Nun, warum sprichst du denn so?«

»Nichts ist leichter als Sprechen«, sagte St. Clare. »Ich glaube, Shakespeare läßt jemanden sagen: ›Ich könnte eher zwanzig zeigen, was Gutes zu tun ist, als einer von den zwanzig sein, die meine eigene Lehre ausführten.‹ Es geht nichts über Teilung der Arbeit. Meine Stärke liegt im Sprechen und deine, Cousine, im Tun.«

Tom hatte sich bei seinem jetzigen Herrn über seine äußere Stellung, wie die Welt sich ausdrückt, über nichts zu beklagen. Der kleinen Eva Vorliebe für ihn – die instinktmäßige Dankbarkeit und Liebesbedürftigkeit eines edlen Herzens – hatte sie veranlaßt, sich ihn von ihrem Vater als ihren persönlichen Begleiter, wenn sie auf ihren Spaziergängen oder Fahrten das Geleit eines Bedienten brauchte, auszubitten; und Tom erhielt die allgemeine Instruktion, alles liegenzulassen und Miß Eva aufzuwarten, sooft sie ihn brauche – eine Instruktion, welche, wie sich unsere Leser leicht denken werden, ihm durchaus nicht unangenehm war. Er war stets sehr gut angezogen, denn St. Clare war in diesem Punkte bis zur Empfindlichkeit eigen. Sein Stalldienst war eine bloße Sinekure und bestand bloß in einem täglichen Nachsehen und Unterweisen eines Untergebenen in seinen Pflichten, denn Marie St. Clare erklärte, daß er nicht nach Pferden riechen dürfe, wenn er in ihre Nähe komme, und daß er unbedingt nichts verrichten dürfe, was ihn ihr unangenehm machen könne, indem ihr Nervensystem eine Prüfung der Art in keinem Falle auszuhalten imstande sei; denn eine einzige Nase voll eines unangenehmen Geruchs genügte ihrer Behauptung nach vollkommen, den Vorhang fallen zu lassen und allen ihren irdischen Prüfungen auf einmal ein Ende zu machen. Tom sah deshalb in seinem wohlgebürsteten Rocke von feinem Tuch, dem glatten Biberhute, den glänzenden Stiefeln, tadellosen Manschetten und Halskragen und dem ernsten gutmütigen schwarzen Gesicht respektabel genug aus, um Bischof von Karthago zu sein, was in anderen Jahrhunderten Leute seiner Farbe waren.

Außerdem lebte er in einem schönen Hause, ein Vorzug, gegen den dieses lebhaft fühlende Volk nie gleichgültig ist; und er freute sich mit stillem Genuß an den Vögeln, den Blumen, den Springbrunnen, den Wohlgerüchen und dem Sonnenschein und der Schönheit des Hofes und an den Gemälden und Kronleuchtern und Statuetten und Vergoldungen, welche die Gemächer drinnen für ihn zu einer Art Aladinspalast machten.

Marie machte es sich stets zum Gesetz, sonntags sehr fromm zu sein. Da stand sie, so zart, so elegant, so ätherisch und anmutig in allen ihren Bewegungen, während ihr Spitzenschal sie umhüllte wie ein Nebel. Sie sah so anmutvoll aus, und sie fühlte, daß sie sehr gut und sehr elegant sei. Miß Ophelia stand neben ihr als vollkommener Gegensatz. Nicht daß ihr seidenes Kleid und ihr Schal und ihr Taschentuch nicht ebenso schön gewesen wären; aber ihr steifes und eckiges, lineal-gerades Wesen prägten ihr einen ebenso unbegreiflichen, aber doch erkennbaren Stempel auf, wie die Anmut ihrer eleganten Nachbarin, aber nicht die himmlische Anmut – das ist ganz was anderes!

»Wo ist Eva?« sagte Marie.

»Sie blieb auf der Treppe stehen, um Mammy etwas zu sagen.«

Und was sagt Eva auf der Treppe zu Mammy? Du kannst es hören, Leser, Marie aber nicht.

»Liebe Mammy, ich weiß, daß du fürchterliches Kopfweh hast.«

»Gott behüte Sie, Miß Eva! Mein Kopf tut mir jetzt immer weh. Sie brauchen sich darüber keinen Kummer zu machen.«

»Nun, es freut mich, daß du an die frische Luft kommst; und hier« – und die Kleine umschlang sie mit den Armen – »hier, Mammy, nimm meine Vinaigrette.«

»Was? Das schöne goldene Ding da mit den Diamanten! Nein, Miß, das schickte sich nicht, gar nicht.«

»Warum nicht? Du brauchst es, und ich nicht. Mama braucht es immer, wenn sie Kopfweh hat, und es wird dir besser davon werden. Nein, du mußt es nehmen, nur mir zur Liebe.«

»Nein, das liebe Kind nur sprechen zu hören!« sagte Mammy, als Eva ihr das Riechfläschchen in den Busen schob, sie küßte und die Treppe hinunter ihrer Mutter nachsprang.

»Wo bleibst du so lange?«

»Ich hielt mich nur einen Augenblick bei Mammy auf, um ihr meine Vinaigrette zu geben; sie soll sie mit in die Kirche nehmen.«

»Eva!« sagte Marie und stampfte ungeduldig mit dem Fuße. »Deine goldene Vinaigrette Mammy gegeben! Wann wirst du lernen, was sich schickt! Du gehst den Augenblick hin und läßt sie dir wiedergeben.«

Eva machte ein betrübtes Gesicht und kehrte langsam um.

»Marie, laß das Kind nur, es mag tun, was ihm gefällt«, sagte St. Clare.

»St. Clare, wie soll sie einmal in der Welt durchkommen«, sagte Marie.

»Das weiß der Himmel«, sagte St. Clare, »aber jedenfalls wird sie besser im Himmel durchkommen als du und ich.«

»Ach, Papa, bitte«, sagte Eva und berührte leise seine Ellenbogen, »es tut Mama weh.«

»Nun, Vetter, gehst du auch mit in die Kirche?« sagte Miß Ophelia zu St. Clare.

»Nein, ich gehe nicht.«

»Ich wollte, St. Clare ginge einmal in die Kirche«, sagte Marie, »aber er hat nicht ein bißchen Religion. Es ist wirklich nicht wohlanständig.«

»Ich weiß es«, sagte St. Clare. »Ihr Damen geht in die Kirche, um zu lernen, wie man in der Welt durchkommt, vermute ich, und eure Frömmigkeit macht uns auch mit wohlanständig. Wenn ich einmal in die Kirche gehe, würde ich mit Mammy gehen; da findet man wenigstens etwas, was einen wach erhält.«

»Was? Zu diesen plärrenden Methodisten? Schrecklich!« sagte Marie.

»Alles ist besser als das tote Meer eurer wohlanständigen Kirchen, Marie. Es ist unbedingt zuviel verlangt von einem Menschen. Eva, gehst du gern? Komm, bleib zu Hause und spiele mit mir.«

»Ich danke dir, Papa, aber ich will lieber in die Kirche gehen.«

»Ist es nicht schrecklich langweilig?« sagte St. Clare.

»Es kommt mir manchmal langweilig vor«, sagte Eva, »und ich werde auch schläfrig, aber ich bemühe mich, wach zu bleiben.«

»Warum gehst du denn dann hin?«

»Du mußt wissen, Papa«, flüsterte sie ihm zu, »Cousine Ophelia sagte mir, Gott wolle es so haben, und er gibt uns alles, weißt du ja; und es ist keine große Mühe, wenn er es von uns verlangt. Es ist am Ende nicht so sehr langweilig.«

»Du liebes, gefälliges Herz!« sagte St. Clare und küßte sie. »Geh, du bist ein gutes Mädchen, und bete für mich!«

»Das tue ich ja immer«, sagte das Kind, als sie ihrer Mutter nach in den schönen Wagen sprang.

St. Clare blieb auf der Treppe stehen und warf ihr eine Kußhand zu, wie der Wagen fortfuhr; große Tränen standen in seinen Augen.

»O Evangeline! Mit Recht führst du deinen Namen; hat dich Gott nicht mir als fröhliche Botschaft geschickt?«

So empfand er einen Augenblick lang, und dann rauchte er eine Zigarre und las den Picayune und vergaß sein kleines Evangelium. War er viel anderes als andere Leute?

15. Kapitel


Des freien Mannes Verteidigung

Wie sich der Abend nahte, war im Quäkerhause alles in sanfter Aufregung. Rachel Halliday bewegte sich ruhig hin und her, um aus ihren Wirtschaftsvorräten für die Wanderer, die sich heute nacht auf den Weg machen sollten, solche Bedürfnisse zu sammeln, wie sich leicht in einen kleinen Raum bringen ließen. Die Nachmittagschatten waren ostwärts gerichtet, und die runde rote Sonne stand gedankenvoll am Horizont und ihre Strahlen schienen gelb und Ruhe bringend in das kleine Schlafzimmer, wo sich George und seine Frau befanden. Er saß da, sein Kind auf dem Knie und die Hand seiner Frau in der seinigen. Beide sahen nachdenklich und ernst aus, und Spuren von Tränen waren auf ihren Wangen.

»Ja, Elisa«, sagte George, »ich weiß, daß alles, was du sagst, wahr ist. Du bist ein gutes Kind – viel besser, als ich bin; und ich will versuchen, so zu handeln, wie du sagst. Ich will versuchen zu handeln, wie es sich für einen freien Mann ziemt. Ich will versuchen zu fühlen, wie ein Christ. Gott der Allmächtige weiß, daß ich stets den Willen hatte, gut zu sein – daß ich mein Möglichstes getan habe, gut zu sein –, als alles gegen mich war; und jetzt will ich alles vergessen, was vorüber ist, und jede böse und bittere Empfindung unterdrücken und meine Bibel lesen, und lernen, ein guter Mensch zu werden.«

»Und wenn wir nach Kanada kommen«, sagte Elisa, »so kann ich dir helfen. Ich kann recht gut Putz machen; und ich verstehe mich aufs Feinwaschen und Plätten; und mit vereinten Kräften werden wir schon leben können.«

»Ja, Elisa, solange wir uns einander und den Knaben haben. Ach, Elisa, wenn diese Leute nur wüßten, was es für ein Segen für einen Mann ist, zu fühlen, daß seine Frau und sein Kind ihm angehören. Ich habe mich oft gewundert, einen Mann, der seine Frau und seine Kinder sein nennen konnte, wegen etwas anderem klagen oder sorgen zu sehen. Ich komme mir reich und mächtig vor, obgleich wir nichts haben als unsere leeren Hände. Es ist mir, als ob ich kaum Gott um mehr bitten könnte. Ja, obgleich ich jeden Tag angestrengt gearbeitet habe, bis ich 25 Jahre alt bin, und keinen Cent Geld und kein Dach über dem Kopf und keinen Fleck Land mein eigen nennen kann, so will ich jetzt doch zufrieden, ja dankbar sein, wenn sie mich nur ungeschoren lassen; ich will arbeiten und das Geld für dich und unseren Knaben zurückschicken. Was meinen alten Herrn betrifft, so hat er schon fünfmal mehr, als er für mich verwendet hat, durch mich verdient. Ich bin ihm gar nichts schuldig.«

»Aber wir sind noch nicht ganz außer Gefahr«, sagte Elisa. »Wir sind noch nicht in Kanada.«

»Das ist wahr«, sagte George, »aber es ist mir, als atmete ich die Luft der Freiheit schon ein, und das macht mich stark.«

In diesem Augenblick hörte man im äußeren Zimmer Stimmen in angelegentlichem Gespräch, und bald vernahm man ein Klopfen an der Tür. Elisa schrak auf und öffnete.

Simeon Halliday war da, und mit ihm ein Quäkerbruder, den er als Phineas Fletcher vorstellte. Phineas war dürr, hatte rotes Haar und sein Gesicht trug einen Ausdruck großer Schlauheit. Er hatte nichts von dem ruhigen, unweltlich gesinnten Wesen Simeon Hallidays; im Gegenteil etwas ganz besonders Pfiffiges und praktisch Gewandtes, wie ein Mann, der eher stolz darauf ist, stets zu wissen, was er will, und ein scharfes Auge zu haben, auf alles zu sehen; Eigentümlichkeiten, welche etwas seltsam zu dem breitkrempigen Hute und der förmlichen Quäkersprache paßten.

»Unser Freund Phineas hat etwas von Wichtigkeit für dich und deine Frau entdeckt, George«, sagte Simeon. »Es würde dir von Nutzen sein, es zu hören.«

»Ja, ich habe etwas entdeckt«, sagte Phineas, »und es zeigt, wie nützlich es ist, wenn ein Mann an gewissen Orten immer mit einem offenen Ohre schläft, wie ich immer gesagt habe. Gestern nacht kehrte ich in einer kleinen einsamen Schenke unten an der Straße ein. Du erinnerst dich an den Ort, Simeon – wir verkauften voriges Jahr dort Äpfel an die dicke Frau mit den großen Ohrringen. Ich war müde vom langen Fahren, und nach dem Abendessen legte ich mich auf einen Haufen Säcke in der Ecke und zog eine Büffelhaut über mich, um zu warten, bis mein Bett fertig sei; und was passiert mir? Ich schlafe fest ein.«

»Mit einem Ohr offen, Phineas«, sagte Simeon ruhig.

»Nein, ich schlief samt den Ohren ein, über zwei Stunden lang, denn ich war ziemlich müde; aber als ich wieder ein wenig zu mir kam, fand ich, daß noch ein paar Gäste im Zimmer waren, die trinkend und sprechend um einen Tisch saßen; und ich dachte, ehe ich aufstände, wollte ich sehen, was sie im Werke hätten, vorzüglich, da ich hörte, daß sie etwas von Quäkern sagten. ›Sie sind also jedenfalls in der Quäkerniederlassung‹, sagte der eine. Nun horchte ich mit beiden Ohren und fand, daß sie von diesen Leuten hier sprachen. So blieb ich denn still liegen und hörte sie alle ihre Pläne entwickeln. Dieser junge Mann, sagten sie, soll nach Kentucky zu seinem Herrn zurückgeschickt werden, der ein Beispiel an ihm geben wolle, um andere Nigger vom Davonlaufen abzuschrecken; und seine Frau wollten zwei von ihnen auf eigene Rechnung nach New Orleans zum Verkauf bringen, und sie rechneten, 1600 oder 1800 Dollar für sie zu bekommen; und den Knaben, sagten sie, bekommt ein Händler, der ihn gekauft hat; und dann der Bursche Jim und seine Mutter sollten ihrem Herrn nach Kentucky zurückgeschickt werden. Sie sagten, sie hätten in einer Stadt nicht weit von dort zwei Konstabler, die sie auf der Verfolgung begleiten würden, und die junge Frau wollten sie vor einen Friedensrichter führen; und einer von den Kerlen, der klein ist und zu reden weiß, wollte schwören, sie sei sein Eigentum, und sie sich übergeben lassen, um sie nach dem Süden zu schaffen. Sie haben auch den Weg, den wir diese Nacht nehmen wollen, richtig erraten; und sie werden uns 6 oder 8 Mann stark verfolgen. – Was ist nun zu tun?«

Die Gruppe, die nach dieser Mitteilung in verschiedenen Stellungen dastand, war eines Malers würdig. Rachel Halliday, die um die Nachricht zu hören, ihre Biskuits hatte liegenlassen, stand mit gen Himmel erhobenen und mehligen Händen und einem Gesicht voll der tiefsten Teilnahme da.

Simeon war in tiefes Sinnen verloren; Elisa hatte die Arme um ihren Gatten geschlungen und blickte zu ihm hinauf. George stand mit geballten Fäusten und flammenden Augen da und sah aus, wie jeder andere Mensch aussehen würde, dessen Weib in einer Auktion versteigert und dessen Sohn einem Sklavenhändler übergeben werden soll, natürlich unter dem Schutz der Gesetze eines christlichen Staates.

»Was sollen wir beginnen, George?« sagte Elisa mit schwacher Stimme.

»Ich weiß, was ich tun werde«, sagte George, indem er in das kleine Zimmer trat und seine Pistolen untersuchte.

»Ja, ja«, sagte Phineas und nickte Simeon zu, »du siehst, Simeon, was es für eine Wirkung macht.«

»Ich sehe wohl«, sagte Simeon mit einem Seufzer, »ich bitte zu Gott, daß es nicht dazu kommt.«

»Ich will niemanden mit mir oder für mich in Ungelegenheit bringen«, sagte George. »Wenn Ihr mir Euren Wagen leihen und mir den Weg zeigen wollt, so fahre ich allein nach der nächsten Station. Jim hat die Stärke eines Riesen und ist so brav, wie Tod und Verzweiflung nur sein können, und ich bin’s auch.«

»Das ist schon gut, Freund«, sagte Phineas, »aber du brauchst doch einen Kutscher. Das Fechten wollen wir dir ganz allein überlassen, weißt du; aber ich kenne ein paar Winkel der Straße, die du nicht kennst.«

»Aber ich mag Euch nicht mit hineinverwickeln«, sagte George.

»Verwickeln?« sagte Phineas mit einem seltsamen und schlauen Ausdruck des Gesichts. »Wenn du mich verwickelt hast, so laß mich’s ja wissen.«

»Phineas ist ein kluger und geschickter Mann«, sagte Simeon. »Ich rate dir, George, dich nach seinem Urteil zu richten, und«, setzte er hinzu, indem er die Hand gütig auf Georges Schulter legte und auf die Pistolen wies, »sei nicht so rasch mit diesen Dingern – junges Blut ist hitzig.«

»Ich werde keinen Menschen angreifen«, sagte George. »Ich verlange von diesem Lande nur, daß man mich gehen läßt, und ich werde in Frieden gehen; aber« – er hielt inne, und seine Stirn verfinsterte sich, und in seinem Gesichte zuckte es krampfhaft – »man hat mir eine Schwester auf diesem New-Orleans-Markt verkauft. Ich weiß, wozu sie verkauft werden; und soll ich es mir ruhig gefallen lassen, daß sie mir meine Frau nehmen und sie mir verkaufen, wenn Gott mir ein Paar starke Arme gegeben hat, sie zu verteidigen? Nein, Gott helfe mir! Ich wehre mich bis zum letzten Atemzuge, ehe sie mein Weib und meinen Sohn gefangennehmen wollen. Könnt Ihr mich tadeln?«

»Sterbliche Menschen können dich nicht tadeln, George. Fleisch und Blut können nicht anders«, sagte Simeon. »Wehe der Welt wegen des Ärgernisses, aber wehe denen, so das Ärgernis geben.«

»Würdet Ihr nicht auch dasselbe an meiner Stelle tun?«

»Ich bitte Gott, daß er mich nicht in Versuchung führt«, sagte Simeon, »das Fleisch ist schwach!«

»Ich glaube, mein Fleisch würde in einem solchen Falle leidlich stark sein«, sagte Phineas und reckte ein Paar Arme, groß wie die Flügel einer Windmühle. »Ich weiß nicht, Freund George, ob ich nicht einen Kerl für dich festhielte, wenn du eine Rechnung mit ihm abzumachen hättest.«

»Wenn überhaupt der Mensch sich gegen das Unrecht wehren darf«, sagte Simeon, »so hat George jetzt ein Recht dazu; jedoch die Führer unseres Volkes haben einen vortrefflicheren Weg gezeigt, denn der Zorn des Menschen bringt nicht die Gerechtigkeit Gottes; aber es geht dem verderbten Willen des Menschen hart an, und niemand kann es vollbringen als die, denen es gegeben ist. Laßt uns den Herrn bitten, daß er uns nicht in Versuchung führt.«

»Und das will ich auch tun«, sagte Phineas, »aber wenn wir zu stark versucht werden – na, ich sage bloß, sie sollen sich in acht nehmen.«

»Es ist doch gleich sichtbar, daß du nicht als Freund geboren bist«, sagte Simeon lächelnd. »Der alte Adam ist noch ziemlich stark in dir.« Die Wahrheit zu gestehen, Phineas war ein derber, kräftiger Hinterwäldler gewesen, ein gewaltiger Jäger und der Tod jedes Rehbocks; aber die Reize einer hübschen Quäkerin, um die er geworben, hatten ihn bewogen, der Gemeinde beizutreten; und obgleich er ein ehrliches, nüchternes und brauchbares Mitglied war und niemand etwas Besonderes gegen ihn zu sagen wußte, so gewahrten doch die mehr von dem Geiste durchdrungenen Brüder einen großen Mangel an der rechten Salbung an ihm.

»Freund Phineas wird immer seine eigene Weise haben«, sagte Rachel Halliday lächelnd, »aber wir sind alle überzeugt, daß er trotzdem das Herz auf dem rechten Flecke hat.«

»Wäre es nicht besser, wir beschleunigten unsere Flucht?« sagte jetzt George.

»Ich bin um vier Uhr aufgestanden und in aller Eile hierher geritten, volle zwei oder drei Stunden ihnen voraus, wenn sie zu der Zeit, die sie im Sinne hatten, aufgebrochen sind. Es ist jedenfalls nicht sicher, vor Dunkelwerden abzufahren, denn in den Dörfern vor uns sind einige Übelgesinnte, die uns vielleicht in den Weg treten könnten, wenn sie unseren Wagen sehen, und das wäre mehr Aufenthalt als das Warten; aber in zwei Stunden, glaube ich, können wir’s wagen. Ich gehe zu Michael Croß hinüber, der uns mit seinem schnellen Pferde nachkommen und auf der Landstraße gute Wacht halten soll, um uns Nachricht zu geben, wenn sich ein Trupp Menschen zeigt. Michael überholt die meisten andern Pferde sehr bald, und er kann uns nachjagen und uns warnen, wenn Gefahr ist. Ich sage jetzt auch Jim und der Alten, sich bereitzuhalten, und sehe nach den Pferden. Wir haben einen ziemlichen Vorsprung und die beste Aussicht, die Station zu erreichen, ehe sie uns einholen. Also nur guten Mut, Freund George, das ist nicht der erste schlimme Handel, den ich mit deinen Leuten gehabt habe«, sagte Phineas, indem er die Tür zumachte.

»Phineas ist ein kluger Mann«, sagte Simeon. »Er wird das Beste tun, was für dich zu tun ist, George.«

»Es tut mir nur das eine leid, daß Ihr Euch so großer Gefahr aussetzt«, sagte George.

»Du würdest uns sehr verpflichten, Freund George, davon nicht weiter zu reden. Was wir tun, ist unsere Gewissenspflicht; wir können nicht anders handeln. Und nun, Mutter«, sagte er zu Rachel gewendet, »beende deine Zubereitungen für diese Freunde, denn wir dürfen sie nicht fastend gehen lassen.«

Und während Rachel und ihre Kinder geschäftig Maiskuchen bereiteten und Schinken und Huhn kochten und die mancherlei Bestandteile des Abendessens fertigmachten, saßen George und seine Frau in ihrem kleinen Zimmer nebeneinander und hielten sich umschlungen und vertieften sich in solche Gespräche, wie Gatte und Gattin miteinander haben, wenn sie wissen, daß sie in ein paar Stunden auf immer voneinander getrennt werden können.

»Elisa«, sagte George, »Menschen, die Häuser und Freunde und Ländereien und Geld haben, können nicht so lieben wie wir, die wir weiter nichts haben als uns selbst. Bis ich dich kennenlernte, Elisa, hatte mich kein Wesen geliebt als meine arme Mutter und meine Schwester. Ich sah die arme Emily an dem Morgen, wo der Sklavenhändler sie fortschleppte. Sie trat in die Ecke, wo ich noch im Schlafe lag, und sagte: ›Armer George, deine letzte Freundin geht jetzt. Was wird aus dir werden, armer Knabe?‹ Und ich stand auf und umarmte sie und weinte und schluchzte, und auch sie weinte; und das sind die letzten freundlichen Worte, die ich zehn lange Jahre hindurch hörte, und mein Herz vertrocknete und war so dürr wie Asche, bis ich dich kennenlernte. Und daß du mich liebtest – ach, es war mir fast, als ob ich aus dem Grabe erstünde. Ich bin seitdem wie ein neuer Mensch gewesen! Und jetzt, Elisa, will ich meinen letzten Blutstropfen hingeben, aber entreißen sollen sie dich mir nicht. Wer dich haben will, muß erst über meine Leiche hinweg.«

»O Herr, habe Erbarmen mit uns«, schluchzte Elisa. »Wenn er uns nur vereint aus diesem Lande entkommen läßt, weiter verlange ich nichts.«

Als sie sich später alle noch einmal zum Abendessen an den Tisch setzten, hörte man ein leises Klopfen an der Tür, und Ruth trat herein.

»Ich bin eben nur herübergesprungen, um dem Knaben die Strümpfchen zu bringen«, sagte sie. »Es sind drei Paar, hübsch warme, wollene. Du weißt, es ist kalt in Kanada. Hast du noch frischen Mut, Elisa?« setzte sie hinzu, indem sie zu Elisa sprang und ihr mit Wärme die Hand schüttelte und Harry einen Kuchen in die Hand schlüpfen ließ. »Ich habe ein kleines Päckchen davon für ihn mitgebracht«, sagte sie und zerrte an ihrer Tasche, um das Päckchen herauszuholen. »Du weißt ja, Kinder wollen immer essen.«

»O, ich danke Euch; Ihr seid zu gütig«, sagte Elisa.

»Komm, Ruth, iß mit uns«, sagte Rachel.

»Ich kann nicht, durchaus nicht. Ich habe John mit dem Kleinen zu Hause gelassen und mit ein paar Biskuits im Ofen; und ich kann keinen Augenblick bleiben, sonst läßt John die Biskuits verbrennen und gibt dem Kleinen allen Zucker aus der Dose. So macht er’s«, sagte die kleine Quäkerin lachend. »So leb wohl, Elisa; leb wohl, George; der Herr schenke dir eine sichere Reise«, und mit ein paar hüpfenden Schritten war Ruth zur Tür hinaus. Kurze Zeit nach dem Abendessen fuhr ein großer, bedeckter Wagen vor der Tür vor; die Nacht war sternenhell, und Phineas sprang munter von seinem Sitz herunter, um seine Passagiere unterzubringen. George trat aus der Tür, den Knaben auf einem Arm und seine Frau an dem andern. Sein Gang war fest, sein Gesicht gefaßt und entschlossen. Rachel und Simeon kamen hinter ihm her.

»Steigt einen Augenblick aus«, sagte Phineas zu den Drinsitzenden, »daß ich die Rückseite für die Frauen und den Knaben zurechtmache.«

»Hier sind die zwei Büffelhäute«, sagte Rachel. »Macht die Sitze nur recht bequem; es strengt an, die ganze Nacht hindurch zu fahren.«

Jim stieg zuerst aus und half sorglich seiner alten Mutter heraus, die sich an seinen Arm anklammerte und ängstlich um sich schaute, als erwartete sie den Verfolger jeden Augenblick ankommen zu sehen.

»Jim, sind deine Pistolen in Ordnung?« sagte George mit gedämpfter, fester Stimme.

»Jawohl«, sagte Jim.

»Und du weißt, was du mit ihnen zu tun hast, wenn sie kommen?«

»Ich sollte wohl meinen«, sagte Jim und warf sich in die breite Brust und holte tief Atem. »Meinst du wohl, ich würde die Mutter wieder fangen lassen?«

Während dieses kurzen Zwiegesprächs hatte Elisa von ihrer guten Freundin Rachel Abschied genommen, und Simeon half ihr in den Wagen. Sie nahm in dem hinteren Teile desselben mit ihrem Knaben auf den Büffelfellen Platz. Die Alte stieg nach ihr ein. George und Jim setzten sich auf ein Brett vor ihnen, und Phineas bestieg den Kutschersitz.

»Lebt wohl, Freunde«, sagte Simeon von draußen.

»Gott segne euch!« antworteten alle aus dem Wagen.

Und der Wagen fuhr fort über den gefrorenen Weg dahinrasselnd.

Wegen der Unebenheit der Straße und des Lärms der Räder war keine Gelegenheit zur Unterhaltung vorhanden. Sie rumpelten daher eine Stunde nach der anderen durch lange dunkle Strecken Wald, über weite öde Ebenen, bergauf und bergab, und immer weiter. Das Kind lag bald in tiefem Schlummer auf dem Schoß der Mutter. Die arme von Angst erfüllte Alte vergaß endlich ihre Furcht; und selbst Elisa fand, wie der Morgen näher kam, daß alle ihre Sorgen nicht hinreichten, um den Schlaf von ihren Augen fernzuhalten. Phineas schien im ganzen der Munterste von der ganzen Gesellschaft zu sein und vertrieb sich die lange Fahrt damit, daß er verschiedene sehr unquäkermäßig klingende Lieder pfiff.

Aber gegen drei Uhr vernahm Georges Ohr eiligen und deutlichen Hufschlag, der in einiger Entfernung hinter ihm her kam, und er stieß Phineas an den Ellenbogen. Phineas hielt die Pferde an und horchte.

»Das muß Michael sein«, sagte er, »ich glaube, ich erkenne seinen Galopp«, und er stand auf und streckte den Kopf voll gespannter Aufmerksamkeit in das Dunkel hinaus.

Man erkannte jetzt undeutlich auf dem Gipfel eines fernen Hügels einen mit verhängtem Zügel dahersprengenden Reiter.

»Ich glaube, das ist er«, sagte Phineas. George und Jim sprangen beide aus dem Wagen, ehe sie wußten, was sie eigentlich taten. Alle standen schweigend in aufs höchste gespannter Erwartung da, und ihre Gesichter wendeten sich dem erwarteten Boten zu. Immer näher kam er. Jetzt ritt er hinunter in eine Tiefe, wo sie ihn nicht sehen konnten; aber sie hörten den scharfen hastigen Hufschlag, der immer näher und näher kam; endlich sahen sie ihn auf dem Rande einer Höhe im Bereich ihrer Stimme erscheinen.

»Ja, das ist Michael!« sagte Phineas und rief jetzt hinüber: »Hallo, he! Michael!«

»Phineas! Bist du’s?«

»Ja, was gibt’s? – Kommen sie?«

»Gerade hinter uns, acht oder zehn, von Branntwein berauscht und fluchend und schäumend wie die Wölfe!«

Und während er noch sprach, trug der Wind den schwachen Schall herangaloppierender Reiter herüber.

»Herein, herein – rasch, Kameraden, herein!« sagte Phineas. »Wenn ihr fechten müßt, so wartet, bis ihr noch ein Stück weiter kommt!« Und auf das Geheiß sprangen beide hinein, und Phineas peitschte auf die Pferde, daß sie galoppierten, während der Reiter dicht neben ihnen blieb. Der Wagen rasselte und flog fast über den gefrorenen Erdboden; aber deutlicher und immer deutlicher vernahm man den Hufschlag der verfolgenden Reiter. Die Frauen hörten es, blickten angstvoll hinaus und sahen weit hinten auf dem Rand eines fernen Hügels einen Trupp Reiter sich in unbestimmten Umrissen von dem rotstreifigen Himmel des grauenden Morgens abheben. Noch ein Hügel, und die Verfolger hatten offenbar den Wagen erblickt, dessen weiße Plane durch das Dämmergrau in die Ferne leuchtete, und der Wind trug ein lautes Gebrüll brutalen Frohlockens herüber. Elisa wurde es dunkel vor den Augen und sie drückte das Kind fester an die Brust, die Alte betete und stöhnte, und George und Jim packten ihre Pistolen mit verzweifelter Faust. Die Verfolger kamen ihnen rasch näher, der Wagen machte plötzlich eine Wendung, und sie kamen an eine steile überragende Felsklippe, ein alleinstehender Ausläufer einer größeren Gruppe, die rundum glatt abfiel. Diese einzeln stehende Felsengruppe ragte gegen den heller werdenden Himmel empor und schien Schutz und ein Versteck zu versprechen. Phineas kannte den Platz recht gut noch von seinen Jägerzeiten her, und um ihn zu erreichen, hatte er die Pferde so angetrieben.

»Nun gilt’s!« sagte er, indem er plötzlich die Pferde anhielt und von seinem Sitze heruntersprang. »Nur rasch ausgestiegen und hinauf mit mir auf den Felsen! Michael, binde du dein Pferd an den Wagen und fahre voraus zu Amariah, daß er und sein Bursche herreiten und mit diesen Kerlen reden.«

In einem Nu waren sie alle aus dem Wagen gestiegen.

»So«, sagte Phineas und nahm Harry, »jeder von euch nimmt eine von den Frauen, und nun lauft, wenn ihr jemals gelaufen seid.«

Es bedurfte der Ermahnung nicht. Schneller, als wir es erzählen können, waren alle unsere Freunde über die Fence geklettert und eilten mit möglichster Schnelle die Felsen hinauf, während Michael sich vom Pferde warf, es mit dem Zaume an den Wagen band und nun rasch weiterfuhr.

»Nun vorwärts!« sagte Phineas, als sie die Felsen erreichten und in dem Zwitterlichte der Sterne und des grauenden Morgens die Spuren eines hinaufführenden Fußpfades bemerkten. »Das ist einer unserer alten Jagdverstecke. Kommt nur!«

Phineas ging voraus und sprang mit dem Knaben auf seinem Arme wie eine Ziege über die Klippen. Ihm folgte Jim, der seine zitternde alte Mutter auf dem Rücken trug, und George und Elisa schlossen den Zug. Die verfolgenden Reiter erreichten jetzt die Fence und stiegen schreiend und fluchend von den Pferden und machten sich bereit, jenen zu folgen. Nach einem kurzen Klettern erreichten sie den Gipfel des Ausläufers, aber nun ging der Pfad durch eine schmale Kluft, in der nur einer auf einmal Platz hatte, bis sie plötzlich vor einem neuen Querspalt standen, der den Boden auf ein Yard breit auseinanderriß. Jenseits desselben erhob sich eine Gruppe Klippen, von dem übrigen Felsen getrennt, wohl dreißig Fuß hoch und steil abfallend, wie die Wälle einer Burg. Mit Leichtigkeit sprang Phineas über den Spalt und setzte den Knaben auf eine glatte mit krausem weißen Moos bedeckte Fläche, welche den Gipfel des Felsens krönte.

»Springt rasch herüber!« rief er. »Es gilt jetzt euer Leben!« sagte er, als einer nach dem andern hinübersprang. Mehrere lose Felsstücke bildeten eine Art Brustwehr, welche den unten Stehenden die Einsicht in ihren Zufluchtsort verwehrte.

»Nun, da wären wir ja alle«, sagte Phineas und warf nun über die Brustwehr einen vorsichtigen Blick auf die Verfolger, die sich jetzt unten am Felsen den Pfad heraufdrängten. »Nun mögen sie kommen, wenn sie heran können. Wer hier heran will, muß einzeln durch diese Kluft gehen, in bester Schußweite eurer Pistolen, seht ihr, Kameraden?«

»Ich sehe es«, sagte George, »und jetzt, da es unsre Sache ist, so laßt uns die Gefahr übernehmen und das Fechten allein besorgen.«

»Das Fechten soll dir gern überlassen sein«, sagte Phineas, der ein paar Checkerbeerblätter zerkaute; »aber ich darf doch das Zusehen haben, vermute ich. Aber seht, die Burschen streiten sich unten und gucken herauf, wie Hühner, wenn sie auf die Steige fliegen wollen. Wäre es nicht besser, du sagtest ihnen offen und ehrlich, ehe sie sich heranwagen, daß man auf sie schießen wird?«

Die Verfolger, die man jetzt bei dem helleren Morgenschimmer besser erkennen konnte, waren unsere alten Bekannten Tom Loker und Marks und ein Gefolge von so viel Lungerern, als sich in der letzten Schenke durch ein paar Glas Branntwein hatten bewegen lassen, des Spaßes wegen mit auf die Niggerjagd zu gehen.

»Nun, Tom, dein Wild hat sich gestellt«, sagte einer.

»Ja, ich habe sie da hinauflaufen sehen«, sagte Tom, »und hier ist ein Pfad. Ich gebe den Rat, geradenwegs hinaufzugehen. Sie können nicht gleich wieder runterspringen, und es wird nicht viel Zeit kosten, sie herauszutreiben.«

»Aber Tom, sie können hinter den Felsen hervor auf uns schießen«, sagte Marks. »Das wäre doch garstig.«

»Pfui!« sagte Tom mit höhnischem Lächeln. »Bist immer bange um deine Haut, Marks! Das ist nicht zu besorgen! Nigger sind viel zu feig‘ dazu!«

»Ich weiß nicht, warum mir nicht um meine Haut bange sein sollte«, sagte Marks, »’s ist die beste, die ich habe, und Nigger wehren sich manchmal wie die leibhaften Teufel.«

In diesem Augenblick zeigte sich George auf der Spitze eines Felsens über ihnen und rief ihnen mit einer festen klaren Stimme zu:

»Ihr Herren dort unten, wer seid Ihr und was wollt Ihr?«

»Wir suchen entlaufene Nigger«, sagte Tom Loker. »Einen gewissen George Harris und Elisa Harris und ihren Knaben, und Jim Seiden und eine alte Frau. Wir haben die Konstabler mitgebracht und einen Verhaftsbefehl gegen sie; und wir werden sie auch kriegen. Hört Ihr da oben? Seid Ihr nicht George Harris, der Mr. Harris von Shelby-County in Kentucky gehört?«

»Ich bin George Harris. Ein Mr. Harris von Kentucky nannte mich sein Eigentum. Aber jetzt bin ich ein freier Mann und stehe auf Gottes freier Erde; und mein Weib und mein Kind nehme ich als die meinigen in Anspruch. Wir haben Waffen, uns zu verteidigen, und werden davon Gebrauch machen. Ihr könnt heraufkommen, wenn Ihr Lust habt, aber der erste, der in den Bereich unserer Kugeln kommt, ist eine Leiche, und der nächste auch, und so fort, bis zum letzten.«

»Ah, laßt doch das Gerede«, sagte ein dicker kurzer Mann, der jetzt vortrat und sich dabei die Nase schneuzte. »Junger Mann, so dürft Ihr durchaus nicht sprechen. Ihr seht, wir sind Gerichtsbeamte. Wir haben das Gesetz auf unserer Seite und die Macht und alles; Ihr tut also am besten, Euch ohne Widerstand zu ergeben, denn ergeben müßt Ihr Euch doch zuletzt.«

»Ich weiß recht gut, daß Ihr das Gesetz auf Eurer Seite habt und die Macht«, sagte George bitter. »Ihr wollt meine Frau nach New Orleans verkaufen und meinen Knaben wie ein Kalb bei einem Händler in die Fütterung geben, und Jims alte Mutter wieder dem Wüterich zuschicken, der sie auspeitschte und mißhandelte, weil er ihren Sohn nicht mißhandeln konnte. Und Jim und mich wollt Ihr zurückschicken, daß die, welche Ihr unsere Herren nennt, uns auspeitschen und foltern lassen und mit ihrem Fuße zertreten; und Eure Gesetze geben Euch das Recht dazu – desto größer die Schande für Euch und sie! Aber Ihr habt uns noch nicht. Wir erkennen Eure Gesetze nicht an; wir erkennen Euren Staat nicht an; wir stehen hier unter Gottes Himmel so frei wie Ihr; und bei dem großen Gotte, der uns erschaffen hat, wir wollen für unsere Freiheit kämpfen bis zum Tode.«

George stand frei und offen auf dem Gipfel des Felsens da, wie er seine Unabhängigkeitserklärung verkündigte; das Morgenrot färbte seine gebräunte Wange, und bittere Entrüstung und Verzweiflung flammten in seinem dunklen Auge; und als ob er von den Menschen an die Gerechtigkeit Gottes appellierte, erhob er seine Hand gen Himmel, während er sprach.

Blick, Stimme und Benehmen des Sprechers brachte für einen Augenblick die Verfolger unten zum Schweigen. In Kühnheit und Entschlossenheit liegt etwas, was selbst der rohsten Natur eine Zeitlang Achtung einflößt. Marks war der einzige, der ganz ungerührt blieb. Er spannte ganz ruhig den Hahn seiner Pistole und schoß nach George in der augenblicklichen Pause, die auf seine Rede folgte.

»Man kriegt ja für ihn in Kentucky ebensoviel tot als lebendig«, sagte er gleichgültig, während er die Pistole an seinem Rockärmel abwischte. George sprang zurück – Elisa stieß einen Schrei aus – die Kugel war ihm dicht am Kopfe vorbeigefahren, hatte fast die Wange seiner Frau gestreift und schlug in einen Baum hinter ihnen.

»Es ist nichts, Elisa«, sagte George rasch.

»’s ist besser, du bleibst versteckt und läßt das Reden sein«, sagte Phineas, »es sind gemeine Schlingel.«

»Nun, Jim«, sagte George, »sieh nach, ob deine Pistolen in Ordnung sind, und gib acht auf diesen Paß dort. Auf den ersten, der sich zeigt, schieße ich; du nimmst den zweiten aufs Korn und so fort. Wir dürfen nicht zwei Kugeln an einen verschwenden.«

»Aber wenn du nicht triffst?«

»Ich werde treffen«, sagte George ruhig.

»Gut! Der Bursche ist von gutem Zeuge«, brummte Phineas zwischen den Zähnen.

Die unten standen, nachdem Marks geschossen hatte, eine Weile lang ziemlich unentschlossen da.

»Ich glaube, du hast einen getroffen«, sagte einer. »Ich hörte ein Gequiek!«

»Ich gehe geradenwegs hinauf«, sagte Tom. »Ich habe mich noch nie vor Niggern gefürchtet und werde jetzt nicht anfangen. Wer folgt mir?« sagte er und sprang die Felsen hinauf.

George hörte die Worte deutlich. Er zog die Pistole heraus, untersuchte sie und zielte nach der Stelle im Passe, wo der erste erscheinen mußte. Einer der mutigsten von den untenstehenden folgte Tom, und da jetzt der Anfang einmal gemacht war, so drängte sich die ganze Gesellschaft den Felsen hinauf – und die hintersten drängten die vordersten rascher vor, als sie sonst hinaufgegangen wären. Sie kamen immer näher, und einen Augenblick später erschien Toms ungeschlachte Gestalt fast an dem Rande des Spaltes.

George feuerte seine Pistole ab – die Kugel fuhr dem Gegner in die Seite; aber obgleich verwundet, wollte er doch nicht zurück, sondern sprang brüllend wie ein wütender Stier gerade über den Spalt mitten unter die Flüchtlinge.

»Freund«, sagte Phineas, indem er plötzlich vortrat und ihm seine langen Arme entgegenstieß, »dich brauchen wir hier nicht.«

Und er stürzte unter dem Knicken und Brechen von Zweigen und Gebüschen und dem Poltern von Klötzen und losen Steinen in die Schlucht hinunter, bis er wund und ächzend dreißig Fuß tiefer unten liegen blieb. Der Fall hätte ihm den Tod bringen können, wenn seine Gewalt nicht dadurch gebrochen worden wäre, daß seine Kleider in den Zweigen eines großen Baumes hängenblieben; aber er stürzte doch mit ziemlicher Heftigkeit auf den Boden – viel heftiger, als angenehm und passend war.

»Der Herr schütze uns! Die sind ja ganz des Teufels!« sagte Marks, der den Rückzug mit viel größerer Bereitwilligkeit anführte, als er bei dem Heraufsteigen gezeigt hatte, während die übrigen ihm tumultartig nachstürzten, wobei vorzüglich der dicke Konstabler auf sehr energische Weise blies und pustete.

»Hört, Leute«, sagte Marks, »Ihr geht unten herum und hebt Tom auf, während ich mich aufs Pferd setze und Hilfe hole – das ist das beste«, und ohne auf das Pfeifen und Spotten der Gesellschaft zu achten, sah man ihn bald fortgaloppieren.

»Habt Ihr je einen so feigen Schlingel gesehen!« sagte einer von den Leuten. »Uns in seiner Sache hierher zu bringen und uns dann auf diese Weise im Stich zu lassen!«

»Nun, wir müssen den Kerl doch mitnehmen«, sagte ein anderer. »Ich will verflucht sein, wenn es mir nicht ziemlich gleich ist, ob er tot oder lebendig ist.«

Von dem Stöhnen Toms geleitet, arbeiteten sich die Leute über Baumstämme, Klötze und durch dichtes Gebüsch, wo unser Held lag, mit Heftigkeit abwechselnd stöhnend und fluchend.

»Ihr macht ja greulichen Lärm, Tom«, sagte einer. »Seid Ihr stark verletzt?«

»Weiß nicht. Könnt Ihr mich nicht auf die Beine bringen, he? Hol der Teufel diesen höllischen Quäker. War der nicht gewesen, so hätte ich ein paar von ihnen hier runtergeschmissen, um zu sehen, wie es ihnen gefiel.«

Nicht ohne große Anstrengung und vieles Stöhnen brachte man den gefallenen Helden auf die Beine; und indem einer ihn unter jeder Schulter faßte, erreichten sie endlich die Stelle, wo die Pferde standen.

»Wenn Ihr mich nur eine Meile weiter zurück bis in die Schenke bringen könntet. Gebt mir ein Taschentuch oder so etwas, um die Wunde zu verbinden, damit die verwünschte Blutung aufhört.«

George schaute über die Klippen hinunter und sah sie den Versuch machen, die ungeschlachte Gestalt Toms in den Sattel zu heben. Nach zwei oder drei vergeblichen Versuchen taumelte er und stürzte zu Boden.

»O ich hoffe, er ist nicht tot«, sagte Elisa, die mit den übrigen Verfolgten den Vorgang unten beobachtete.

»Warum nicht!« sagte Phineas. »Geschieht ihm recht.«

»Weil nach dem Tode das Gericht kommt«, sagte Elisa.

»Ja«, sagte die Alte, die während des ganzen Auftritts in ihrer Methodistenweise gestöhnt und gebetet hatte, »es ist ein schrecklich Ding für die Seele des Armen.«

»Wahrhaftig, ich glaube, sie lassen ihn im Stich«, sagte Phineas. Es war richtig, denn nach einigem Zaudern und Beraten bestiegen die anderen ihre Pferde und ritten davon. Als sie ganz aus dem Gesicht waren, fing Phineas wieder an, sich zu rühren.

»Wir müssen jetzt hinunter und ein Stück zu Fuß gehen«, sagte er. »Ich sagte Michael, er solle vorausfahren und Hilfe holen und den Wagen wieder hierherbringen; aber ich rechne, wir werden ihm ein Stück entgegengehen müssen, um ihn zu treffen. Gott gebe, daß er bald kommt! Es ist noch früh am Tage; es werden noch ein Weilchen nicht viel Leute auf der Landstraße sein; wir sind nicht viel weiter als zwei Meilen von unserem Ziele entfernt. Wäre der Weg nicht gestern nacht gar so schlecht gewesen, so hätten sie uns gewiß nicht eingeholt.«

Als unsere Flüchtlinge bald die Fence erreicht hatten, sahen sie in der Ferne auf der Straße ihren eigenen Wagen zurückkommen, begleitet von einigen Reitern.

»Ah, da ist Michael und Stephen und Amariah«, rief Phineas aus. »Jetzt sind wir sicher – so sicher, als ob wir schon dort wären.«

»Oh, so wollen wir erst versuchen, etwas für diesen Armen zu tun«, sagte Elisa. »Er stöhnt erschrecklich.«

»Das wäre bloß Christenpflicht«, sagte George. »Wir wollen ihn aufheben und mitnehmen.«

»Und ihn bei den Quäkern kurieren«, sagte Phineas. »Ganz hübsch! Na, mir ist’s gleich. Wir wollen einmal sehen, wie’s mit ihm steht.« Und Phineas, der im Verlaufe seines Jäger- und Hinterwäldlerlebens praktisch die ersten Anfangsgründe der Chirurgie kennengelernt hatte, kniete neben dem Verwundeten nieder und fing an, ihn aufmerksam zu untersuchen.

»Marks«, sagte Tom mit schwacher Stimme, »bist du’s, Marks?«

»Nein, ich rechne, ich bin’s nicht, Freund«, sagte Phineas. »Marks kümmert sich viel um dich, wenn er seine Haut in Sicherheit gebracht hat. Er ist schon lange, lange fort.«

»Ich glaube, es ist aus mit mir«, sagte Tom. »Der verdammte feige Hund! Mich hier allein sterben zu lassen! Meine arme Mutter sagte mir immer, es würde so kommen.«

»Ah, hört nur den armen Mann! Er hat eine Mutter«, sagte die Negerin. »Ich kann nicht dafür, er jammert mich!«

»Ruhig, ruhig, du darfst nicht zufahren und brummen, Freund«, sagte Phineas, als Tom zuckte und seine Hand wegstieß. »Es ist aus mit dir, wenn wir das Blut nicht stillen.« Und Phineas war eifrig beschäftigt, mit Hilfe seines Taschentuchs und denen der Gesellschaft den vorläufigen Verband anzulegen.

»Ihr habt mich hinuntergestoßen«, sagte Tom mit schwacher Stimme.

»Jawohl, aber hätte ich’s nicht getan, so hättest du uns hinuntergestoßen«, sagte Phineas, indem er sich über ihn beugte, um den Verband anzulegen. »So, so – laß mich den Verband festmachen. Wir meinen es gut mit dir, wir tragen nicht nach. Wir wollen dich nach einem Hause bringen, wo du ausgezeichnete Pflege finden sollst – so gut wie bei deiner Mutter.«

Tom stöhnte und schloß die Augen. Bei Leuten seiner Klasse sind Kraft und Entschlossenheit eine rein physische Sache und verflüchtigen sich mit dem fließenden Blute; und der riesige Mann sah in seiner Hilflosigkeit wirklich bemitleidenswert aus.

Die anderen kamen jetzt heran. Man nahm die Sitze aus dem Wagen. Die doppelt zusammengefalteten Büffelhäute wurden alle auf eine Seite gelegt, und vier Männer hoben mit großer Anstrengung den schweren Körper Toms in den Wagen. Ehe sie ihn untergebracht hatten, wurde er bewußtlos. In überströmendem Mitleid setzte sich die alte Negerin auf den Boden und nahm seinen Kopf auf ihren Schoß. Elisa, George und Jim teilten sich in den noch übrigen Platz, so gut es ging, und die ganze Gesellschaft brach auf.

»Was sagt Ihr von seinem Zustande?« fragte George, der vorn neben Phineas saß.

»’s ist bloß eine ziemlich tiefe Fleischwunde; aber das Hinunterfallen von der Klippe hat ihm nicht viel geholfen. Er hat stark geblutet – ’s ist ziemlich alles rausgeblutet – Courage und alles; aber er wird sich wieder aufhelfen und bei der Gelegenheit etwas lernen.«

»Es freut mich, das zu hören«, sagte George. »Es würde mir immer schwer auf dem Herzen liegen, wenn ich seinen Tod verschuldet hätte, selbst in gerechter Sache.«

»Ja«, sagte Phineas, »Totschlagen ist eine schlimme Sache, mag’s Mensch oder Vieh sein. Ich war zu meiner Zeit ein großer Jäger und ich sage dir, ich habe gesehen, wie mich ein totgeschossener Rehbock mit einem Blick anschaute, daß es mir wirklich schlecht vorkam, ihn totgeschossen zu haben; und mit Menschen ist es eine noch schlimmere Sache, weil, wie deine Frau sagt, nach dem Tode das Gericht über sie kommt. So weiß ich nicht, ob die Ansichten unserer Leute über diese Sachen zu streng sind; und wenn man bedenkt, wie ich meine Jugend verlebt habe, so schließe ich mich ihnen ziemlich entschieden an.«

»Was machen wir nun mit dem armen Manne?« fragte George.

»Oh, wir nehmen ihn mit zu Amariah. Dort ist die alte Großmutter Stephens – Doreas heißt sie – eine ganz erstaunliche Krankenwärterin. Das Krankenwarten kommt ihr ganz natürlich, und sie nimmt sich nie besser aus, als wenn sie einen zu pflegen hat. Wir können drauf rechnen, daß er so eine 14 Tage bei ihr bleiben wird.«

Eine Fahrt von etwa einer Stunde brachte die Gesellschaft nach einer schmucken Farm, wo die müden Reisenden ein reichliches Frühstück vorfanden. Tom Loker war bald sorglich in einem viel reineren und weicheren Bett untergebracht, als er jemals früher kennengelernt hatte. Man wusch und verband seine Wunde aufs sorgfältigste, und er lag ruhig da und blickte mit matten Augen, die ihm oft zusanken, wie bei einem müden Kind, die weißen Fenstervorhänge und die sanft dahingleitenden Gestalten in seinem Krankenzimmer an.

16. Kapitel


Miß Ophelias Erfahrungen und Meinungen

Unser Freund Tom verglich oft in seinen einfachen Gedanken sein glücklicheres Los in der Sklaverei mit dem Josephs in Ägypten; und in der Tat wurde im Verlauf der Zeit, wie er sich immer mehr unter dem Auge seines Herrn entwickelte, die Ähnlichkeit noch größer.

St. Clare war indolent und leichtsinnig in Geldsachen. Die Einkäufe für das Haus hatte bis jetzt hauptsächlich Adolf besorgt, der mindestens ebenso leichtsinnig und verschwenderisch wie sein Herr war; und diese beiden hatten den Verzettlungsprozeß mit großer Schnelligkeit betrieben. Tom, seit vielen Jahren gewöhnt, das Eigentum seines Herrn als einen seiner Obhut anvertrauten Gegenstand zu betrachten, sah mit einer Besorgnis, die er kaum verbergen konnte, die in dem Hause St. Clares herrschende grenzenlose Vergeudung und gab von Zeit zu Zeit in der ruhigen und indirekten Weise, welche seine Klasse sich oft angewöhnt, seine Winke.

St. Clare verwendete ihn anfangs nur gelegentlich; aber wie er allmählich seine Verständigkeit und seine große Anlage für Geschäfte kennenlernte, vertraute er ihm mehr und mehr, bis er allmählich die Einkäufe für die Wirtschaft alle zu besorgen hatte.

»Nein, nein, Adolf«, sagte St. Clare eines Tages, als Adolf sich bei ihm über die Verminderung seiner Machtvollkommenheit beklagte, »laß Tom nur machen. Du weißt nur, was du brauchst – Tom weiß, was es kostet und zu stehen kommt; und das Geld kann doch einmal mit der Zeit alle werden, wenn nicht jemand dafür sorgt.«

Mit dem unbedingten Vertrauen eines sorglosen Herrn beehrt, der ihm eine Rechnung gab, ohne sie anzusehen, und das Geld, das er zurückbrachte, ungezählt einsteckte, war Tom jeder Versuchung, unehrlich zu sein, ausgesetzt; und nichts als seine unerschütterliche Herzenseinfalt, aufrecht erhalten und gestärkt durch christlichen Glauben, konnte ihn rein erhalten. Aber bei diesem Charakter war das ihm geschenkte, ganz schrankenlose Vertrauen eine Gewähr für die gewissenhafteste Genauigkeit.

Mit Adolf war die Sache anders gewesen. Gedankenlos und genußsüchtig, und nicht im Zaum gehalten von einem Herrn, der die Nachsicht leichter fand als die Zucht, war er hinsichtlich seiner und seines Herrn über das Mein und Dein in eine vollständige Gedankenverwirrung geraten, die manchmal sogar St. Clare unruhig machte. Sein eigner, gesunder Sinn sagte ihm, daß eine solche Erziehung seiner Dienerschaft unrecht und gefährlich sei. Eine Art fortwährende Reue begleitete ihn überallhin, obgleich sie nicht stark genug war, um ihn zu einer entschiedenen Änderung seines Verfahrens zu bewegen; im Gegenteil trug diese Reue gerade dazu bei, seine Nachsicht noch größer zu machen. Er ging leicht über die schlimmsten Fehler hin, weil er sich sagte, daß seine Dienstboten sich derselben nicht schuldig gemacht hätten, wenn er seine Pflicht getan hätte.

Tom betrachtete seinen leichtsinnigen, heiteren und schönen jungen Herrn mit einer seltsamen Mischung von Untertänigkeit, Ehrerbietung und väterlicher Besorgnis. Daß er nie die Bibel las, nie in die Kirche ging; daß er über alles und jedes scherzte, was seinem Witze Nahrung gab; daß er seine Sonntagabende in der Oper oder im Schauspiel verlebte; daß er öfter als gut war zu Weingelagen und Clubs und Abendessen ging – das waren alles Sachen, die Tom so deutlich sehen konnte wie jeder andere und die ihn zu der Überzeugung brachten, daß Master kein Christ sei; eine Überzeugung, die er jedoch kaum gegen jemand auszusprechen gewagt hätte, die ihn aber zu vielen Gebeten in seiner eigenen einfachen Weise veranlaßten, wenn er allein in seiner Schlafkammer war. Bei alledem hatte Tom seine Art, mit dem seiner Klasse oft eigenen Takt gelegentlich seine Meinung zu sagen; so z. B. als an dem Tage nach dem eben beschriebenen Sonntag St. Clare zu einem fidelen Gelage gegangen war und zwischen ein und zwei Uhr nachts in einem Zustande nach Hause gebracht wurde, wo das Physische im Menschen entschieden das Übergewicht über das Geistige hatte. Tom und Adolf halfen ihm ins Bett, letzterer in bester Laune und offenbar in der Überzeugung, daß die ganze Geschichte ein recht guter Witz sei, und herzlich lachend über Toms einfältiges Entsetzen. Dieser aber war in der Tat einfältig genug, fast die ganze Nacht wach zu bleiben und für seinen jungen Herrn zu beten.

»Nun, Tom, auf was wartest du noch?« sagte St. Clare am nächsten Morgen, als er im Schlafrock und Pantoffeln in seinem Arbeitszimmer saß. St. Clare hatte Tom soeben Geld und verschiedene Aufträge übergeben.

»Ist etwas nicht in Ordnung, Tom?« setzte er hinzu, als Tom immer noch stehenblieb.

»Ich fürchte, nicht, Master«, sagte Tom mit ernstem Gesicht.

St. Clare legte die Zeitung aus der Hand, setzte die Kaffeetasse hin und sah Tom an.

»Was gibt’s denn, Tom? Du siehst ja so feierlich aus, wie ein Sarg.«

»Es ist mir sehr schlecht, Master. Ich habe immer geglaubt, Master wäre gut gegen jedermann.«

»Nun, bin ich das nicht gewesen, Tom? Sage, was willst du? Du hast gewiß etwas nicht bekommen, und das ist die Einleitung dazu?«

»Master ist immer gut gegen mich gewesen. Ich habe mich in der Hinsicht über nichts zu beklagen. Aber gegen einen ist Master nicht gut.«

»Aber, Tom, was hast du dir in den Kopf gesetzt? Nur heraus mit der Sprache; was meinst du?«

»Vorige Nacht zwischen ein und zwei Uhr habe ich es gedacht, dann habe ich mir die Sache überlegt: Master ist gegen sich selbst nicht gut.«

Als Tom dies sagte, hatte er seinem Herrn den Rücken zugekehrt und die Hand an den Türgriff gelegt. St. Clare fühlte, daß sein Gesicht feuerrot wurde, aber er lachte.

»Oh, das ist alles?« sagte er leichthin.

»Alles!« sagte Tom, der jetzt plötzlich umkehrte und auf die Knie fiel.

»Oh, mein lieber junger Herr! Ich fürchte, es ist der Verlust von allem – von allem – von Leib und Seele. Das gute Buch sagt: ›Es beißt wie eine Schlange und sticht wie eine Otter‹, guter Master!« Toms Stimme erstickte, und Tränen rannen an seinen Wangen herunter.

»Armer, törichter Mensch!« sagte St. Clare, dem selbst Tränen in den Augen standen. »Steh auf, Tom. Ich bin die Tränen nicht wert.«

Aber Tom wollte nicht aufstehen und sah ihn flehend an.

»Gut, ich werde diesen verwünschten Unsinn nicht mehr mitmachen, Tom«, sagte St. Clare, »auf meine Ehre, ich tue es nicht wieder. Ich weiß nicht, warum ich es nicht schon längst unterlassen habe. Ich habe es immer verabscheut und mich dazu; also wisch dir jetzt die Tränen aus den Augen, Tom, und geh deine Sachen zu besorgen. Nein, nein«, setzte er hinzu, »keinen Segen. Ich bin jetzt nicht so wunderbar gut«, während er Tom sanft nach der Tür schob. »Ich gebe dir mein Ehrenwort, Tom, du sollst mich nicht wieder in diesem Zustande sehen«, sprach er; und Tom trocknete sich die Augen und verließ ihn mit großer Befriedigung.

»Und ich will ihm Wort halten«, sagte St. Clare, als er die Tür zumachte.

Es gilt jetzt, die vielfachen Bedrängnisse unserer Freundin Miß Ophelia zu beschreiben, die nun das Amt einer Hausfrau im Süden übernommen hatte.

Am Morgen ihres Regierungsantritts war Miß Ophelia schon um vier Uhr aus dem Bett; und nachdem sie in ihrem eigenen Zimmer alles in Ordnung gebracht, wie sie es zum großen Staunen des Kammermädchens seit ihrer Ankunft jeden Tag getan, bereitete sie einen energischen Angriff auf die Schränke und Kammern der Wirtschaft, zu der sie die Schlüssel hatte, vor. Die Vorratskammer, die Wäscheschränke, der Porzellanschrank, die Küche und der Keller hatten an diesem Tag alle eine feierliche Revue zu bestehen. Verborgene Nachtstücke kamen in einer Ausdehnung an den Tag, welche alle Mächte der Küche und der Kammer in Schrecken setzte und in dem Dienstboten-Kabinett viele verwunderte Ausrufungen über »die Ladies aus dem Norden« veranlaßte.

Die alte Dinah, die erste Köchin und oberste Herrscherin in dem Küchendepartement, war von Zorn über Maßregeln erfüllt, die sie als eine Verletzung ihrer Privilegien betrachtete. Kein Lehnsbaron in den Zeiten der Magna Charta hätte durch einen Übergriff der Krone tiefer verletzt werden können.

Dinah war auch ein Charakter nach ihrer Art, und wir würden gegen ihr Gedächtnis ungerecht sein, wollten wir dem Leser nicht einen kleinen Begriff von ihr geben. Sie war eine geborene Köchin und gewiß eine so gute Köchin wie Tante Chloe – wie überhaupt die Neger ein angeborenes Talent für die Kochkunst haben; – aber Chloe war eine geschulte und methodische Köchin, die in einem geordneten häuslichen Geschirr zog, während Dinah ein selbstgebildetes Genie und wie alle Genies fast immer hartnäckig, eigensinnig und exzentrisch im höchsten Grade war.

Wie eine gewisse Klasse von modernen Philosophen sprach Dinah der Logik und dem Verstande entschieden hohn und nahm stets ihre Zuflucht zu intuitiver Gewißheit; und hier war sie ganz unbesiegbar. Und wenn man noch soviel Talent oder Autorität oder Auseinandersetzung bei ihr anwendete, nichts konnte sie glauben machen, daß ein anderer Weg besser sein könnte als der ihrige oder daß die Verfahrensart, die sie in der unbedeutendsten Sache befolgt hatte, sich im mindesten abändern lasse. Das war ihr schon von ihrer alten Herrin, Mariens Mutter, gestattet worden; und »Miß Marie«, wie Dinah ihre junge Herrin selbst nach der Heirat stets nannte, fand es leichter, sich zu fügen, als durchzudringen, und so hatte Dinah unumschränkt fortgeherrscht. Dies war um so leichter, als sie eine vollkommene Meisterin in jeder diplomatischen Kunst war, welche die größte Demut des Benehmens mit der größten Unbeugsamkeit des Prinzips vereinigt.

Dinah war Meisterin in der großen Kunst des Erfindens von Entschuldigungen in allen ihren Zweigen. Es war bei ihr Axiom geworden, daß eine Köchin nicht unrecht tun könne; und eine Köchin in der Küche des Südens findet immer Köpfe und Schultern genug, denen sie jede vollkommene Sünde und Schwäche aufbürden kann, so daß sie immer in fleckenloser Reinheit dasteht. Wenn irgendein Teil des Essens verpfuscht war, so waren fünfzig unbestreitbar gute Gründe dafür da, und es war der unleugbare Fehler von fünfzig anderen Leuten, die Dinah mit schonungslosem Eifer ausschimpfte.

Aber sehr selten war etwas Verpfuschtes in Dinahs letzten Resultaten. Obgleich ihre Art, etwas zu tun, merkwürdig weitläufig und voller Umschweife war und ohne alle Berücksichtigung von Zeit und Ort – obgleich ihre Küche meistens aussah, als hätte ein hindurchfegender Orkan sie in Ordnung gebracht, und obgleich sie fast so viel Plätze für jedes Küchengerät hatte, als das Jahr Tage zählt, so kam doch, wenn man genug Geduld hatte, ihr die von ihr beliebte Zeit zu lassen, ihr Mittagessen in der besten Ordnung und von einer Zubereitung, die selbst einen Epikuräer befriedigen mußte, auf den Tisch.

Es war jetzt die Stunde der ersten Vorbereitungen zum Mittagessen. Dinah, welche große Zwischenpausen des Nachdenkens und der Ruhe bedurfte und es sich in allen ihren Anordnungen gern bequem machte, saß auf dem Flur der Küche und rauchte einen kurzen Pfeifenstummel, an dem sie sehr hing und den sie stets als eine Art Opferfeuer anbrannte, wenn sie das Bedürfnis der Inspiration zu ihren Maßnahmen fühlte. Das war Dinahs Weise, die häuslichen Musen anzurufen.

Rund um sie saßen verschiedene Mitglieder des aufwachsenden Geschlechts, an denen die Haushaltungen im Süden stets so reich sind, beschäftigt mit dem Aushülsen von Schoten, dem Schälen von Kartoffeln, dem Rupfen von Geflügel und anderen vorbereitenden Arbeiten; und in regelmäßigen Zwischenräumen unterbrach Dinah ihre Meditationen damit, daß sie einem der jungen Gehilfen mit einem neben ihr liegenden Puddingholz etwas auf den Kopf gab. In der Tat herrschte Dinah über die Wollköpfe der jüngeren Mitglieder mit einer Rute von Eisen, und sie schienen ihr für keinen anderen Zweck geboren zu sein, als um Gänge zu ersparen, wie sie es nannte. Es war der Geist des Systems, unter dem sie aufgewachsen war, und sie führte es in seiner ganzen Ausdehnung durch.

Nachdem Miß Ophelia ihren reformierenden Umgang durch alle anderen Teile des Hauses vollendet hatte, trat sie auch in die Küche. Dinah hatte aus verschiedenen Quellen gehört, was im Werke war, und hatte sich vorgenommen, eine defensive und konservative Stellung zu behaupten mit dem stillen Entschluß, jeder neuen Maßregel sich zu widersetzen oder sie zu ignorieren, ohne sichtbar dagegen anzukämpfen.

Die Küche war ein großer Raum, mit einem Flur von Ziegelsteinen und einem großen altmodischen Herd längs der einen Seite, eine Einrichtung, welche mit einem modernen Kochofen zu vertauschen St. Clare vergeblich versucht hatte, Dinah zu überreden. Sie gewiß nicht. Kein Puseyit oder Konservativer von irgendeiner Schule konnte hartnäckiger an altersgrauen Unbequemlichkeiten hängen als Dinah.

Als St. Clare zuerst aus dem Norden zurückgekehrt war, noch beherrscht von dem Eindrucke von System und Ordnung, den die Kücheneinrichtung seines Onkels auf ihn gemacht hatte, hatte er einen reichlichen Vorrat von Schränken, Kästen und anderen Apparaten angeschafft, um zu einem geordneten System zu reizen, und hatte sich mit der sanguinischen Hoffnung geschmeichelt, daß sie Dinah bei ihren Einrichtungen von einigem Nutzen sein könnten. Er hätte sie ebensogut für ein Eichhörnchen oder eine Elster kaufen können. Je mehr Kästen und Schränke da waren, desto mehr Verstecke besaß Dinah für die Unterbringung von alten Lumpen, Kämmen, alten Schuhen, Bändern, künstlichen Blumen und anderen Putzsachen, an denen sich ihre Seele erfreute.

Als Miß Ophelia in die Küche trat, stand Dinah nicht auf, sondern rauchte in erhabener Ruhe fort und folgte ihren Bewegungen mit einem schielenden Blick aus dem Augenwinkel, obgleich sie allem Anscheine nach sich nur um die rund um sie sitzenden Untergebenen kümmerte. Miß Ophelia fing an, einige Kästen aufzuziehen.

»Wozu ist dieser Kasten, Dinah?« sagte sie.

»Er ist für fast alles mögliche bei der Hand, Missis«, sagte Dinah. So schien es auch. Aus dem bunten Haufen, der darin lag, zog Ophelia zuerst ein feines Damasttischtuch heraus, mit Blut befleckt und offenbar gebraucht, rohes Fleisch hineinzuwickeln.

»Was ist das, Dinah? Du wickelst doch nicht Fleisch in die besten Tischtücher deiner Herrin?«

»O Gott nein, Missis; es war kein Handtuch bei der Hand – und so nahm ich das. Ich wollte es mitwaschen lassen – deshalb habe ich es dort hineingelegt.«

»Wie liederlich!« sagte Miß Ophelia zu sich selbst, indem sie fortfuhr, den Kasten zu durchsuchen, wo sie ein Muskatreibeisen und zwei oder drei Muskatnüsse, ein Methodistengesangbuch, ein paar schmutzige bunte Taschentücher, etwas Garn und Strickarbeit, ein Papier mit Tabak und eine Pfeife, ein paar Zwiebäcke, ein oder zwei vergoldete Porzellanuntertassen mit Pomade, ein paar abgelaufene alte Schuhe, einen sorgfältig zugesteckten Fetzen Flanell mit Perlzwiebeln darin, verschiedene Damastservietten, einige grobe Handtücher, Bindfaden und Stopfnadeln und mehrere zerrissene Papiere, aus denen verschiedene Würzkräuter sich zerpulvert im Kasten zerstreuten, vorfand.

»Wo tust du deine Muskatnüsse hin, Dinah?« sagte Miß Ophelia mit einer Miene, als ob sie um Geduld betete.

»Fast überallhin, Missis; es sind welche in der zersprungenen Teetasse dort oben und welche in dem Schranke da drüben.«

»Hier liegen ein paar im Reibeisen«, sagte Miß Ophelia und hielt sie in die Höhe.

»Gott ja, ich hab‘ sie heut‘ morgen hineingetan – ich habe meine Sachen gerne bei der Hand«, sagte Dinah. »Was sperrst du das Maul auf, Jake! Du wirst’s gleich kriegen! Still da!« setzte sie hinzu und schlug mit dem Puddingholz nach dem Verbrecher.

»Was ist das?« sagte Miß Ophelia und hielt die Untertasse mit Pomade hin.

»Ach Gott, das ist mein Haarfett; ich habe es hineingetan, um es bei der Hand zu haben.«

»Nimmst du deiner Herrin beste Tassen dazu?«

»Mein Gott, ich hatte soviel zu tun und war so in Eile; ich wollte es gerad heute herausnehmen.«

»Hier sind zwei Damastservietten.«

»Die Servietten habe ich hineingetan, um sie waschen zu lassen.«

»Hast du denn keinen bestimmten Platz für schmutzige Wäsche?«

»Jawohl, Master St. Clare hat die Kiste dazu dort angeschafft, wie er sagte; aber ich mache manchmal gerne meine Biskuits und setze meine Sachen darauf, und dann ist’s nicht bequem, sie aufzumachen.«

»Warum machst du deine Biskuits nicht auf dem Pastetentisch dort?«

»Mein Gott, Missis, der steht immer so voll von Schüsseln und anderen Sachen, daß gar kein Platz darauf ist.«

»Aber du solltest deine Schüsseln waschen und sie wegräumen.«

»Meine Schüsseln waschen!« sagte Dinah in lautem Tone, da jetzt ihr Zorn die Herrschaft über ihr gewöhnliches ehrerbietiges Benehmen zu gewinnen begann; »was verstehen denn Ladies von Küchensachen, möchte ich wissen, wann sollte Master sein Essen bekommen, wenn ich meine ganze Zeit auf das Waschen und Wegräumen von Schüsseln verwenden wollte? Miß Marie hat mir so was nie zugemutet.«

»Und hier die Zwiebeln!«

»Herrjeh!« sagte Dinah. »Dahin hab ich sie also gesteckt. Konnte ich mich doch nicht besinnen. Die Zwiebeln hatte ich mir für das Ragout hier aufgehoben. Ich hatte ganz vergessen, daß ich sie in den alten Flanell gewickelt hatte.«

Miß Ophelia hielt jetzt das zerrissene Papier mit den Würzkräutern in die Höhe.

»Ach, Mistreß, rühren Sie das ja nicht an. Ich habe gerne meine Sachen, wo ich weiß, daß ich sie finde«, sagte Dinah mit einiger Entschiedenheit.

»Aber wozu sind diese Löcher im Papiere?«

»Oh, die sind bequem, um die Kräuter durchzusieben«, sagte Dinah.

»Aber du siehst ja, sie werden im ganzen Kasten zerstreut.«

»Ja freilich! Wenn Missis so alles durcheinander wirft, kann’s nicht anders kommen. Missis hat schon viel auf die Art verdorben«, sagte Dinah und trat mit unruhig besorgter Miene an den Schrank. »Wenn Missis nur hinaufgehen wollte, bis meine Aufräumezeit kommt, so wollte ich schon alles in Ordnung haben; aber ich kann nichts machen, wenn Ladies herumstehen. Willst du den Kleinen die Zuckerdose nicht geben, Sam! Ich gebe dir eins auf den Kopf, wenn du nicht hörst!«

»Ich besichtige die Küche und werde einmal alles in Ordnung bringen, Dinah; und dann erwarte ich, daß du es darin erhältst.«

»Mein Gott, Miß Phelia, das ist keine Art für Ladies. So was habe ich Ladies niemals tun sehen; meine alte Missis und Miß Marie haben es nie getan, und ich sehe die Notwendigkeit nicht ein«, und Dinah schritt entrüstet in der Küche herum, während Miß Ophelia Schüsseln sortierte und übereinandersetzte, ganze Dutzende von Zuckerdosen in ein gemeinsames Behältnis ausleerte, Servietten, Tischtücher und Handtücher zum Waschen sortierte und mit ihrer eigenen Hand wusch, abwischte und alles mit einer Geschicklichkeit und Schnelligkeit verrichtete, die bei Dinah geradezu Staunen erregte.

»Gott! Wenn das die Art von Ladies aus dem Norden ist, so sind sie keine Ladies, gar nicht«, sagte sie zu einer ihrer Gehilfinnen, als sie außer dem Bereich des Gehöres war. »Ich bringe meine Sachen so gut in Ordnung wie andere Leute, wenn meine Aufräumezeit kommt; aber ich mag nicht leiden, daß sich Ladies hineinmischen und meine Sachen hintun, wo ich sie nicht finden kann.«

Man muß Dinah die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß sie in regelmäßiger Wiederkehr Anfälle von Umgestaltungs- und Ordnungseifer hatte, welches sie Aufräumezeiten nannte, wo sie mit großer Tätigkeit jeden Kasten und jedes Schränkchen auf den Fußboden oder die Tische ausschüttete und die gewöhnliche Verwirrung nur noch zehnfach verwirrter machte. Dann brannte sie sich eine Pfeife an, ging unter ihren neuen Anordnungen herum und sprach darüber; dabei ließ sie von dem ganzen jungen Geschmeiße alle Zinnsachen abscheuern und mehrere Stunden lang eine höchst energische Verwirrung aufrechterhalten, die sie zur Befriedigung aller danach Fragenden mit der Bemerkung erklärte, daß sie aufräume. »Sie könne die Sachen nicht so fortgehen lassen und sie wolle den jungen Leuten lehren, besser Ordnung zu halten«, sagte sie, denn Dinah schmeichelte sich merkwürdigerweise mit der Einbildung, daß sie selbst ein Muster von Ordnung sei und daß nur die jungen Leute und alle übrigen im Hause an allem schuld wären, was hierin nicht den Standpunkt der Vollkommenheit erreichte. War alles Zinngerät gescheuert und die Tische schneeweiß abgerieben und alles, was das Auge verletzen konnte, in Ecken und Winkeln versteckt, so zog Dinah ein schmuckes Kleid an, band eine weiße Schürze vor, setzte einen hohen grellbunten Madrasturban auf und räumte mit vielem Schelten die Küche von dem kleinen Volke, denn sie wollte alles hübsch ordentlich erhalten. Diese periodischen Anfälle hatten sogar ihre unangehme Seite für die ganze Wirtschaft, denn Dinah faßte eine so unmäßige Zuneigung zu ihrem gescheuerten Zinngeräte, daß sie es gar nicht wieder durch Gebrauch verunreinigen wollte, wenigstens solange der Eifer der Aufräumezeit nicht nachließ.

In wenigen Tagen hatte Miß Ophelia jedes Departement des Hauses nach einem systematischen Muster umgestaltet; aber ihre Bemühungen in allen Zweigen, welche der Mitwirkung der Dienstboten bedurften, glichen denen des Sysiphus oder der Danaiden. In ihrer Verzweiflung wendete sie sich eines Tages an St. Clare.

»Es ist gar nicht daran zu denken, etwas wie System in diese Familie zu bringen.«

»Allerdings nicht«, sagte St. Clare.

»Eine so liederliche Wirtschaft, solche Vergeudung und Verwirrung habe ich nie gesehen!«

»Das glaube ich dir recht gern.«

»Du würdest das nicht so gleichgültig hinnehmen, wenn du selbst die Wirtschaft führtest.«

»Meine liebe Cousine, ich muß dir ein für allemal sagen, daß wir Herrschaften uns in zwei Klassen teilen: in Tyrannen und in Tyrannisierte. Wir, die wir gutmütig und der Strenge abgeneigt sind, müssen uns mancherlei Unannehmlichkeiten gefallen lassen. Wenn wir zu unserer Bequemlichkeit eine untätige, unordentliche, gänzlich ungebildete Klasse unter uns behalten wollen, so müssen wir natürlich auch die Folgen tragen. Es sind mir einige seltene Fälle von Personen vorgekommen, die mit Hilfe eines besonderen Taktes Ordnung und System ohne Strenge hervorbringen können; aber ich gehöre nicht zu ihnen; und so habe ich mich schon vor langer Zeit entschlossen, die Sachen so gehen zu lassen, wie sie gehen. Ich mag die armen Teufel nicht schlagen und zerpeitschen lassen, und sie wissen es; und natürlich wissen sie, daß sie das Heft in den Händen haben.«

Unser bescheidener Freund Tom läuft Gefahr, über den Erlebnissen der Höhergeborenen vergessen zu werden; aber wenn uns unsere Leser in eine kleine Kammer über den Stall begleiten wollen, so können sie vielleicht etwas von seinen Angelegenheiten erfahren. Es war ein anständiges Gemach mit einem Bette, einem Stuhl und einem kleinen grob zugehauenen Tisch, auf dem Toms Bibel und Hymnenbuch lagen; und wo er gegenwärtig mit der Schiefertafel vor sich sitzt, mit etwas, was ihm sehr viel Sorgen macht, beschäftigt.

Toms Heimweh war so stark geworden, daß er sich von Eva einen Bogen Schreibpapier gebettelt hatte; und nun bot er seinen ganzen kleinen Vorrat von literarischem Wissen, das er George verdankte, auf und kam auf den kühnen Gedanken, einen Brief zu schreiben: Und er war jetzt beschäftigt, auf seiner Schiefertafel den ersten Entwurf anzufertigen. Tom war in großer Verlegenheit, denn die Form einiger Buchstaben hatte er ganz und gar vergessen, und von denen, die er noch kannte, wußte er nicht, welche er anwenden sollte. Und während er sich abmühte und in seinem Eifer sehr angestrengt atmete, ließ sich Eva wie ein Vogel auf die Rücklehne seines Stuhls nieder und blickte ihm über die Schulter.

»Ach, Onkel Tom! Was für drollige Zeichen du da machst!«

»Ich versuche, an meine arme Alte zu schreiben, Miß Eva, und an meine Kleinen«, sagte Tom und fuhr mit dem Rücken seiner Hand über die Augen; »aber ich weiß nicht – ich fürchte, ich werde es nicht herausbringen.«

»Ich wollte, ich könnte dir helfen, Tom! Ich habe ein wenig schreiben gelernt. Voriges Jahr konnte ich alle Buchstaben machen, aber ich fürchte, ich habe sie vergessen.«

So steckte Eva ihr kleines goldenes Lockenköpfchen mit dem schwarzen des Negers zusammen, und die beiden begannen eine feierliche und angelegentliche Beratung, zu welcher beide gleichviel Ernst und ziemlich gleichviel Unwissenheit mitbrachten; und nach weitläufigen Besprechungen über jedes Wort fing die Komposition ihren sanguinischen Augen ganz wie etwas Geschriebenes auszusehen an.

»Ja, Onkel Tom, es fängt wirklich an, schön auszusehen«, sagte Eva und betrachtete es voller Freude. »Wie sehr sich deine Frau freuen wird und die armen Kleinen! Oh, es ist eine Schande, daß du sie überhaupt hast verlassen müssen! Ich denke, Papa nächster Tage zu bitten, dich wieder hingehen zu lassen.«

»Missis sagte, sie wollte Geld für mich herschicken, sobald sie es zusammenhätte«, sagte Tom. »Ich vermute, sie wird’s tun. Der junge Master George versprach mich abzuholen; und er gab mir diesen Dollar hier als Zeichen«, und Tom zog unter den Kleidern den kostbaren Dollar hervor.

»O dann kommt er ganz gewiß«, sagte Eva. »Wie mich das freut!«

»Und ich wollte einen Brief hinschicken, damit sie wissen, wo ich bin, und um der armen Chloe zu sagen, daß ich mich wohl befinde, weil es ihr so schrecklich zu Herzen ging, der Armen!«

»Heda, Tom!« rief jetzt St. Clare, der in diesem Augenblicke in die Tür trat.

Tom und Eva fuhren beide auf.

»Was gibt’s da?« sagte St. Clare, indem er an den Tisch trat und die Schiefertafel betrachtete.

»Oh, es ist Toms Brief. Ich helfe ihm beim Schreiben«, sagte Eva. »Ist es nicht hübsch?«

»Ich möchte keinen von euch beiden entmutigen«, sagte St. Clare, »aber ich glaube doch, es wäre besser, du ließest mich den Brief für dich schreiben. Ich will es tun, wenn ich von meinem Spazierritt zurückkomme.«

»Es ist von großer Wichtigkeit, daß er schreibt«, sagte Eva, »weil seine Herrin ihm versprochen hat, Geld zu schicken, um ihn wieder zurückzukaufen; er hat es mir eben erzählt.«

St. Clare dachte in seinem Herzen, daß dies wahrscheinlich nur eine von den Tröstungen sei, welche gutmütige Sklavenbesitzer anwenden, um die Angst der Sklaven vor dem Verkauftwerden zu lindern, ohne irgend zu beabsichtigen, diese Hoffnungen zu erfüllen. Aber er ließ keine Bemerkung darüber laut werden, sondern befahl nur Tom, die Pferde zu einem Spazierritt vorzuführen.

Toms Brief wurde noch an diesem Abend in bester Form für ihn abgefaßt und sicher der Post übergeben.

Miß Ophelia setzte immer noch ihre Bemühungen in der Wirtschaft mit Ausdauer fort. Der ganze Haushalt von Dinah bis zum jüngsten Bengel waren darin einig, daß Miß Ophelia entschieden sonderbar sei – ein Wort, durch welches ein Dienstbote im Süden andeutet, daß seine Herrschaft ihm nicht recht ansteht.

Der höhere Kreis in der Familie – nämlich Adolf, Jane und Rosa – stimmten darin überein, daß sie keine Lady sei; Ladies schufteten nie so herum wie sie; sie habe gar kein Air; und sie waren nur darüber verwundert, daß sie eine Verwandte der St. Clare sein sollte. Selbst Marie erklärte, daß es geradezu ermüdend sei, Cousine Ophelia stets so fleißig zu sehen. Und in der Tat war Miß Ophelias Fleiß so unermüdlich, daß einiger Grund zu dieser Klage vorhanden war. Sie nähte und steppte von Tagesanbruch bis Dunkelwerden mit der Energie einer Person, die unter dem unmittelbaren Einfluß einer sie drängenden Macht steht; und wenn der Abend kam und die Näherei eingepackt war, fuhr auf der Stelle der stets bereite Strickstrumpf aus der Tasche, und sie war so eifrig beschäftigt wie immer. Es war wirklich eine Arbeit, es mit anzusehen.

1. Kapitel


Ein Menschenfreund

Spät nachmittags an einem kalten Februartage saßen zwei Gentlemen in einem gut ausmöblierten Speisesaal in der Stadt P. in Kentucky bei ihrem Weine. Bediente waren nicht anwesend, und die beiden Herren schienen mit dicht aneinander gerückten Stühlen etwas mit großem Interesse zu besprechen.

Wir haben bisher, um nicht umständlich zu sein, gesagt, zwei Gentlemen. Eine der beiden Personen schien jedoch bei genauerer Prüfung strenggenommen nicht unter diese Kategorie zu gehören. Es war ein kleiner, untersetzter Mann mit groben, nichtssagenden Zügen und dem prahlerischen und anspruchsvollen Wesen, das einem Niedrigstehenden eigen ist, der sich in der Welt emporzuarbeiten versucht. Er war sehr herausgeputzt und trug eine grell bunte Weste, ein blaues Halstuch mit großen gelben Tupfen und zu einer renommistischen Schleife geschlungen, die zu dem ganzen Aussehen des Mannes vortrefflich paßte. Die großen und gemeinen Hände waren reichlich mit Ringen besteckt, und mit einer schweren, goldenen Uhrkette mit einem ganzen Bündel großer Petschafte von allen möglichen Farben pflegte er im Eifer der Unterhaltung mit offenbarem Behagen zu spielen und zu klappern. In seiner Rede bot er ungeniert und mutvoll der Grammatik Trotz und verbrämte sie in geeigneten Zwischenräumen mit passenden Flüchen, welche niederzuschreiben uns selbst nicht der Wunsch, graphisch zu sein, vermögen wird.

Der andere, Mr. Shelby, hatte das Äußere eines Gentlemans, und die Anordnungen des Hauses und seine wirtschaftliche Einrichtung machten den Eindruck von Wohlhabenheit und sogar Reichtum. Wie wir schon vorhin sagten, beide waren in ein ernstes Gespräch vertieft.

»So würde ich die Sache abmachen«, sagte Mr. Shelby.

»Auf diese Weise kann ich das Geschäft nicht abschließen – es ist rein unmöglich, Mr. Shelby«, sagte der andere und hielt ein Glas Wein gegen das Licht.

»Ich sage Ihnen, Haley, Tom ist ein ganz ungewöhnlicher Kerl; er ist gewiß diese Summe überall wert – er ist ordentlich, ehrlich, geschickt und verwaltet meine Farm wie eine Uhr.«

»Sie meinen so ehrlich, wie Nigger sind«, sagte Haley und schenkte sich ein Glas Branntwein ein.

»Nein, ich meine wirklich, Tom ist ein guter, ordentlicher, verständiger, frommer Bursche. Er lernte seine Religion vor vier Jahren bei einem Camp-Meeting; und ich glaube, er hat sie wirklich gelernt. Ich habe ihm seitdem alles, was ich habe, anvertraut – Geld, Haus, Pferde, und habe ihn frei im Lande herumgehen lassen und habe ihn stets treu und ordentlich gefunden.«

»Manche Leute glauben nicht, daß es fromme Nigger gibt, Shelby«, sagte Haley, »aber ich glaube es. Ich hatte einen Burschen in der letzten Partie, die ich nach Orleans brachte, den beten zu hören, war wahrhaftig so gut, als ob man in einem Meeting wäre; und er war ganz ruhig und sanft. Er brachte mir auch ein gut Stück Geld ein; denn ich kaufte ihn billig von einem Manne, der losschlagen mußte, und ich kriegte 600 für ihn. Ja, ich betrachte Religion für eine wertvolle Sache bei einem Nigger, wenn sie wirklich echt ist.«

»Nun, bei Tom ist sie echt, wenn sie jemals echt war«, war die Antwort. »Letzten Herbst ließ ich ihn allein nach Cincinnati gehen, um für mich Geschäfte abzumachen und 500 Dollar zurückzubringen. ›Tom‹, sagte ich zu ihm, ›ich traue dir, weil ich glaube, du bist ein Christ – ich weiß, du wirst mich nicht hintergehen.‹ Und Tom kommt auch wirklich zurück – ich wußte, daß er das tun würde. Einige schlechte Kerle, hörte ich, sagten zu ihm: ›Tom, warum machst du dich nicht nach Kanada auf die Beine?‹ – ›Ach, Master hat mir Vertrauen geschenkt, und ich könnte es nicht!‹ Man hat mir alles erzählt. Es tut mir leid, Tom zu verkaufen, das gestehe ich. Sie sollten mit ihm den ganzen Rest der Schuld getilgt sein lassen; und Sie würden es, Haley, wenn Sie nur einen Funken Gewissen hätten.«

»Nun, ich habe genausoviel Gewissen, als ein Geschäftsmann vertragen kann – ein klein wenig, um darauf zu schwören, wissen Sie«, sagte der Handelsmann scherzend, »und dann bin ich bereit, alles, was man verständigerweise erlangen kann, zu tun, um Freunden gefällig zu sein; aber das hier ist ein bißchen zu viel verlangt – ein bißchen zu viel.«

Der Handelsmann seufzte nachdenklich und schenkte sich noch ein Glas Branntwein ein.

»Nun, Haley, was machen Sie denn für einen Vorschlag?« sagte Mr. Shelby nach einer gelegenen Pause im Gespräch.

»Können Sie denn nicht noch einen Jungen oder ein Mädchen zu Tom zugeben?«

»Hm! – Ich könnte keinen gut entbehren, um Ihnen die Wahrheit zu sagen, nur die äußerste Not bringt mich dazu, überhaupt zu verkaufen. Ich gebe ungern einen meiner Leute hin, das ist die Sache.«

Hier ging die Tür auf, und ein kleiner Quadroonknabe, zwischen 4 und 5 Jahre alt, trat ins Zimmer. Es lag in seiner Erscheinung etwas merkwürdig Schönes und Gewinnendes. Das schwarze, seidenweiche Haar wallte in glänzenden Locken um das runde Gesicht mit Grübchen in Kinn und Wangen, während ein paar große dunkle Augen voll Feuer und Sanftheit unter den vollen, langen Wimpern hervorsahen, wie er neugierig in das Zimmer lugte. Eine bunte, rot und gelb karierte Kutte, sorgfältig gearbeitet und hübsch gemacht, hob den dunklen und reichen Stil seiner Schönheit noch mehr hervor, und eine gewisse komische Miene von Sicherheit mit Verschämtheit verbunden zeigte, daß es ihm nicht ungewohnt war, von seinem Herrn gehätschelt und beachtet zu werden.

»Heda! Jim Crow!« sagte Mr. Shelby, indem er dem Knaben pfiff und ihm eine Weintraube zuwarf. »Hier nimm das!«

Mit aller Kraft seiner kleinen Beine lief das Kind nach der Traube, während sein Herr lachte.

»Komm zu mir, Jim Crow«, sagte er.

Das Kind kam zu ihm, und der Herr streichelte den Lockenkopf und griff ihm unter das Kinn.

»Nun, Jim, zeige diesem Herrn, wie du tanzen und singen kannst.«

Der Knabe fing an, eines der unter Negern üblichen wilden und grotesken Lieder mit einer vollen klaren Stimme zu singen und begleitete den Gesang mit vielen komischen Bewegungen der Hände, der Füße und des ganzen Körpers, wobei er mit der Musik auf das strengste Takt hielt.

»Bravo!« sagte Haley und warf ihm das Viertel einer Orange zu.

»Nun, Jim, zeige uns einmal, wie der alte Onkel Cudjoe geht, wenn er die Gicht hat«, sagte sein Herr.

Auf der Stelle nahmen die biegsamen Glieder des Kindes den Anschein von Gebrechlichkeit und Verkrüppelung an, wie es mit gekrümmtem Rücken und den Stock des Herrn mit der Hand im Zimmer herumhumpelte, das kindische Gesicht in kläglichem Jammer verzogen, und bald rechts, bald links spuckend, ganz wie ein alter Mann.

Beide Herren lachten hell auf.

»Nun, Jim«, sagte sein Herr, »zeige uns, wie der alte Älteste Robbins den Psalm vorsingt.«

Der Knabe zog sein rundes Gesichtchen zu einer schrecklichen Länge und fing an, eine Psalmenmelodie mit unzerstörbarem Ernst durch die Nase zu singen.

»Hurra! Bravo! Was für ein Blitzkerlchen!« sagte Haley. »Das Bürschchen ist ja prächtig. Ich will Ihnen was sagen«, sagte er und schlug Mr. Shelby auf die Schulter, »geben Sie das Kerlchen zu, und das Geschäft soll abgemacht sein. Das ist doch gewiß anständig, nicht wahr?«

In diesem Augenblick wurde die Tür leise geöffnet, und ein junges Quadroonweib, dem Anschein nach ungefähr 25 Jahre alt, trat ins Zimmer.

Man brauchte bloß das Kind und sie anzusehen, um in ihr sogleich die Mutter zu erkennen. Dasselbe große, volle, schwarze Auge mit den langen Wimpern, dasselbe seidenweiche, schwarze, lockige Haar. Ihre braunen Wangen röteten sich merklich, und die Glut wurde noch tiefer, als sie den Blick des Fremden in kecker und unverhohlener Bewunderung auf sich ruhen sah. Ihr Kleid saß wie angegossen und hob die schönen Verhältnisse ihrer Gestalt vortrefflich hervor. Eine kleine, schön geformte Hand und ein zierlicher Fuß waren Einzelheiten, welche dem raschen Auge des Handelsmannes, der gewöhnt war, mit einem Blick die Schönheiten einer vortrefflichen weiblichen Ware abzuschätzen, nicht entgingen.

»Nun, Elisa?« sagte ihr Herr, als sie stehen blieb und ihn zögernd anblickte.

»Ich suchte Harry, Sir, wenn Sie erlauben«, und der Knabe sprang auf sie zu und zeigte ihr die geschenkten Früchte, die er im Schoß seiner Kutte trug.

»Nun, so nimm ihn mit«, sagte Mr. Shelby, und sie entfernte sich rasch, das Kind auf dem Arm tragend.

»Beim Jupiter!« sagte der Handelsmann und wendete sich voll Bewunderung gegen ihn. »Das ist ein Stück Ware! Mit dem Mädchen können Sie jeden Tag in Orleans zum reichen Mann werden. Ich habe zu meiner Zeit mehr als tausend Dollar für Mädchen zahlen sehen, die nicht ein bißchen hübscher waren.«

»Ich mag an ihr nicht zum reichen Mann werden«, sagte Mr. Shelby trocken und entkorkte eine frische Flasche Wein, indem er den andern frug, wie das Getränk ihm schmecke, um dem Gespräch eine andere Richtung zu geben.

»Vortrefflich, Sir – prima Ware!« sagte der Handelsmann; dann schlug er wieder Shelby vertraulich auf die Schulter und setzte hinzu: »Wollen wir ein Geschäft mit dem Mädchen machen? Was soll ich dafür bieten? Was wollen Sie haben?«

»Mr. Haley, sie ist nicht zu verkaufen«, sagte Shelby, »meine Frau würde sie nicht für ihr Gewicht in Gold hingeben.«

»Ja, ja, das sagen die Weiber immer, weil sie nichts vom Rechnen verstehen. Man zeige ihnen nur, wieviel Uhren, Federn und Schmucksachen man für jemandes Gewicht in Gold kaufen kann, und das würde die Sache gleich anders machen, rechne ich.«

»Ich sage Ihnen, Haley, es kann nicht davon die Rede sein. Ich sage nein, und ich meine nein«, sagte Shelby mit Entschiedenheit.

»Nun, dann bekomme ich aber den Knaben, nicht wahr?« sagte der Handelsmann. »Sie müssen gestehen, daß ich ziemlich anständig für ihn geboten habe.«

»Aber was wollen Sie denn mit dem Kinde machen?« sagte Shelby.

»Nun, ich habe einen Freund, der sein Geschäft beginnen will und hübsche Knaben kaufen möchte, um sie für den Markt aufzuziehen. Ganz und gar ein Modeartikel – man verkauft sie als Bediente usw. an reiche Kerle, die hübsche Kerle bezahlen können. Es putzt ein großes vornehmes Haus, wenn so ein wirklich schöner Bursche die Tür öffnet und aufwartet. Sie werden gut bezahlt; und der kleine Teufel ist ein so komisches, musikalisches Kerlchen, daß er vortrefflich passen würde.«

»Ich möchte ihn lieber nicht verkaufen«, sagte Mr. Shelby gedankenvoll. »Die Sache ist, Sir, ich bin ein menschlicher Mann und kann es nicht über mich bringen, den Knaben seiner Mutter zu nehmen.«

»O wirklich – hm! Ja – das ist so eine Sache. Ich verstehe vollkommen. Es ist manchmal verwünscht eklig, mit Weibern durchzukommen. Wenn sie erst zu schreien und zu heulen anfangen, kann ich es nicht ausstehen. Das ist verwünscht eklig; aber wie ich die Sache einrichte, vermeide ich das gewöhnlich, Sir. Wenn Sie nun das Mädchen auf einen Tag oder eine Woche fortschickten? Da läßt sich die Sache ganz ruhig abmachen – und alles ist vorbei, wenn sie wiederkommt. Ihre Frau schenkt ihr dann noch ein Paar Ohrringe oder ein neues Kleid oder so was zur Entschädigung.«

»Ich fürchte, das geht nicht.«

»Ich sage Ihnen, es geht! Diese Leute sind nicht wie die Weißen, müssen Sie wissen; sie halten es aus, wenn man es nur recht anfängt. Sehen Sie«, sagte Haley und nahm eine aufrichtige und vertrauliche Miene an, »die Leute sagen, diese Art Handel mache die Menschen hartherzig; aber ich habe das nie gefunden. Die Sache ist, daß ich mich nie dazu bringen konnte, das Ding anzugreifen, wie es manche Burschen tun. Ich habe gesehen, wie einer Frau das Kind aus den Armen gerissen und verauktioniert wurde, während sie die ganze Zeit über jammerte und schrie wie verrückt; – sehr schlechte Politik – macht sie manchmal ganz untauglich zum Verkauf. Ich weiß von einem wirklich schönen Mädchen in Orleans, das durch so ein Verfahren ganz und gar ruiniert wurde. Der Mann, der das Weib kaufen wollte, wollte ihr Kind nicht haben, und sie war eine von der rechten, stürmischen Art, wenn ihr Blut einmal in der Hitze war. Ich sage Ihnen, sie drückte das Kind an ihre Brust und schwatzte und machte einen grauenhaften Lärm. Die Haut schauert mir noch, wenn ich daran denke; und als sie das Kind wegnahmen und sie einsperrten, wurde sie verrückt und starb in acht Tagen. Ein reiner Verlust von 1000 Dollar, Sir, bloß durch solche Behandlung. – Das ist die Sache. Es ist immer das beste, die Sache menschlich zu machen, so ist meine Erfahrung.«

Und der Handelsmann lehnte sich mit einer Miene tugendhafter Entschiedenheit in den Stuhl zurück und schlug die Arme über der Brust zusammen. Offenbar hielt er sich für einen zweiten Wilberforce.

Der Gegenstand schien den Herrn besonders zu interessieren, denn während Mr. Shelby nachdenklich eine Orange schälte, fing Haley mit schicklicher Bescheidenheit, aber als zwänge ihn die Macht der Wahrheit, noch ein paar Worte zu sagen, von neuem an:

»Es nimmt sich nicht gut aus, wenn sich ein Mann selber lobt; aber ich sage es nur, weil es die Wahrheit ist. Ich glaube, ich stehe in dem Ruf, die schönsten Herden Neger auf den Markt zu bringen – wenigstens hat man mir es gesagt, und gibt man es mir einmal zu, so muß es für alle hundertmal gelten –, und stets in gutem Zustand – dick und ansehnlich –, und es gehen mir so wenig zugrunde, als jedem andern Kaufmann in dem Geschäft, und ich schreibe das alles meiner Behandlung zu, Sir, und Menschlichkeit, Sir, möchte ich sagen, ist der große Pfeiler meiner Behandlung.«

Mr. Shelby wußte nicht, was er sagen sollte, und warf daher bloß ein »So?« ein.

»Man hatte mich wegen meiner Ideen ausgelacht und deshalb beredet. Sie sind nicht populär, und sie sind nicht gewöhnlich; aber ich habe an ihnen festgehalten, Sir, ich habe an ihnen festgehalten und habe mich wohl dabei befunden; ja, Sir, sie haben ihre Fahrt bezahlt, kann ich wohl sagen.« Und der Handelsmann lachte über seinen Witz.

Diese Beispiele von Menschlichkeit hatten etwas so Pikantes und Originelles, daß Mr. Shelby nicht umhin konnte, zur Gesellschaft mitzulachen. Vielleicht lachst Du auch, lieber Leser, aber Du weißt, daß heutzutage die Menschlichkeit in einer großen Verschiedenartigkeit seltsamer Gestalten erscheint, und daß menschliche Leute nie müde werden, Sonderbares zu sagen und zu tun.

Mr. Shelbys Lachen ermutigte den Handelsmann, fortzufahren.

»Es ist merkwürdig, aber ich könnte es niemals andern Leuten begreiflich machen. Da war der Tom Loker, mein alter Kompagnon in Natchez unten; der war ein gescheiter Kerl, der Tom, aber ein wahrer Teufel mit den Negern – aus Prinzip müssen Sie wissen, denn ein gutherzigerer Bursche ist nie geboren worden; es war sein System, Sir. Ich habe oft Tom Vorstellungen darüber gemacht. ›Aber, Tom‹, habe ich zu ihm gesagt, ›wenn deine Mädchen schreien und heulen, was nutzt es denn, wenn du ihnen eins über den Kopf gibst und mit der Peitsche unter ihnen herumfährst? ’s ist lächerlich‹, sage ich, ›und nützt zu nichts. Ich sehe nicht ein, was ihr Heulen schaden soll?‹ sage ich. ›Es ist Natur, und wenn die Natur sich nicht auf die eine Weise Luft machen kann, so tut sie es auf eine andere; außerdem, Tom‹, sage ich, ›verdirbst du deine Mädchen damit; sie werden kränklich und melancholisch, und manchmal werden sie häßlich, vorzüglich gelbe Mädchen. Warum heiterst du sie nicht lieber auf und sprichst freundlich mit ihnen? Verlaß dich darauf, Tom, ein wenig Menschlichkeit bei passender Gelegenheit reicht viel weiter, als all dein Schimpfen und Prügeln, und es lohnt sich besser‹, sage ich, ›verlaß dich drauf.‹ Aber Tom konnte sich nicht daran gewöhnen, und er verdarb mir so viele Mädchen, daß ich mich von ihm trennen mußte, obgleich er ein gutherziger Kerl und ein tüchtiger Geschäftsmann war.«

»Und finden Sie, daß Ihre Art und Weise, das Geschäft zu machen, bessern Erfolg hat als die Toms?« fragte Mr. Shelby.

»Gewiß, Sir. Sehen Sie, wenn ich irgend kann, nehme ich mich mit den unangenehmen Auftritten, wie mit dem Verkaufen von Kindern und so, ein bißchen in acht, schicke die Mädchen aus dem Wege – aus den Augen, aus dem Sinn, wissen Sie ja –, und wenn es geschehen ist und nicht mehr rückgängig gemacht werden kann, gewöhnen sie sich natürlich daran. Es ist nicht wie bei den weißen Leuten, die von Haus aus gewöhnt sind, zu erwarten, daß sie ihre Kinder und ihre Weiber behalten werden. Nigger, wissen Sie ja, die ordentlich erzogen sind, erwarten so etwas ganz und gar nicht; darum vertragen sie so etwas leichter.«

»Ich fürchte dann, die meinigen sind nicht ordentlich erzogen«, sagte Mr. Shelby.

»Wohl möglich. Hier in Kentucky verzieht man die Nigger. Sie meinen es gut mit ihnen, aber es ist im Grunde keine wirkliche Güte. Sehen Sie, gegen einen Nigger, der in der Welt herumgestoßen und an Tom und Dick und Gott weiß wen verkauft wird, ist es keine Güte, ihm Ideen und große Erwartungen beizubringen und ihn gut zu erziehen; denn er fühlt das Herumstoßen hernach nur um so tiefer. Ich will darauf wetten, Ihre Nigger würden ganz melancholisch sein an einem Ort, wo ein echter Neger aus den Plantagen singen und jauchzen würde, als wäre er besessen. Natürlich hält jedermann seine Verfahrensweise für die beste, Mr. Shelby, und ich glaube, ich behandle die Neger genausogut, als es der Mühe wert ist, sie zu behandeln.«

»Wohl dem, der mit sich zufrieden ist«, sagte Mr. Shelby mit einem leichten Achselzucken und einigen Empfindungen unangenehmer Art.

»Nun, was meinen Sie?« sagte Haley, nachdem sie beide eine Weile lang schweigend Nüsse gegessen hatten.

»Ich will mir die Sache überlegen und mit meiner Frau sprechen«, sagte Mr. Shelby. »Unterdessen, Haley, wenn Sie die Sache ruhig abgemacht wissen wollen, so ist es das beste, Sie lassen hier herum nicht bekannt werden, weshalb Sie da sind. Es wird sonst unter meinen Burschen ruchbar, und es wird dann nicht besonders leicht sein, einen meiner Kerle fortzuschaffen, das versichere ich Ihnen.«

»O gewiß werde ich mir nichts merken lassen. Aber ich sage Ihnen, ich habe verwünscht wenig Zeit und möchte so bald als möglich wissen, worauf ich mich verlassen kann«, sagte er, indem er aufstand und den Überrock anzog.

»Nun, so kommen Sie diesen Abend zwischen 6 und 7 wieder her, und Sie sollen Antwort haben«, sagte Mr. Shelby, und der Handelsmann entfernte sich grüßend.

»Ich wollte, ich hätte den Kerl die Treppe hinunterwerfen können mit seiner unverschämten Zuversicht«, sagte Mr. Shelby zu sich, als die Tür ordentlich zu war, »aber er weiß, wie sehr er mich in der Hand hat. Wenn mir jemand jemals gesagt hätte, daß ich Tom unten nach dem Süden an einen dieser Kerle verkaufen würde, so hätte ich gesagt: ›Ist dein Diener ein Hund, daß er das tun sollte?‹ Und jetzt muß es geschehn, soweit ich sehen kann. Und auch Elisas Kind! Ich weiß, ich werde darüber einigen Trödel mit meiner Frau haben, und auch wegen Tom. Das kommt von den Schulden – o weh! Der Kerl kennt seinen Vorteil und benutzt ihn aufs äußerste.«

Das Sklavenwesen in seiner mildesten Form ist wahrscheinlich im Staat Kentucky zu finden. Das allgemeine Vorherrschen von Kultursystemen von ruhiger und allmählicher Art, ohne das periodisch eintretende Bedürfnis, die Leute übermäßig zu beschäftigen, welches der landwirtschaftlichen Industrie der südlichen Distrikte eigen ist, macht die Arbeit des Negers zu einer gesunderen oder vernünftigeren, während der Herr, mit einem allmählicheren Erwerb zufrieden, nicht der Versuchung zur Hartherzigkeit ausgesetzt ist, welcher die schwache Menschennatur oft unterliegt, wo der Aussicht auf plötzlichen und raschen Gewinn kein schwereres Gewicht die Waage hält, als die Interessen der Hilflosen und Unbeschützten.

Mr. Shelby war ein Mann, wie man sie oft und stets gern findet, gutherzig und liebevoll und geneigt, seine ganze Umgebung mit freundlicher Nachsicht zu behandeln, und er hatte es nie an etwas fehlen lassen, was zum physischen Wohlsein der Neger auf seiner Besitzung beitragen konnte. Er hatte jedoch stark und unüberlegt spekuliert, war tief verschuldet, und auf ihn laufende Wechsel auf bedeutende Summen waren Haley in die Hände gekommen. Dies wird genügen, um das eben erzählte Gespräch zu erklären. Elisa hatte, während sie sich der Tür näherte, genug von der Unterhaltung gehört, um zu wissen, daß ein Handelsmann ihrem Herrn für jemanden ein Gebot mache.

Sie wäre gern an der Tür stehengeblieben, um zu horchen, als sie draußen war; aber ihre Herrin rief sie gerade, und sie mußte forteilen. Dennoch glaubte sie, den Handelsmann auf ihr Kind bieten gehört zu haben, konnte sie sich geirrt haben? Ihr Herz schwoll und bebte, und sie drückte den Kleinen unwillkürlich so fest an sich, daß er sie erstaunt ansah.

»Elisa, was fehlt dir heute?« sagte ihre Herrin, als sie den Wasserkrug und den Stickrahmen umgeworfen und ihrer Herrin zerstreut einen langen Nachtmantel anstatt des seidenen Kleides, das sie hatte holen sollen, dargereicht hatte.

Elisa schrak auf. »Ach, Missis!« sagte sie und erhob die Augen; dann stürzten ihre Tränen hervor und sie setzte sich auf einen Stuhl und fing an zu schluchzen.

»Aber Elisa, Kind! Was hast du?« sagte ihre Herrin.

»Ach, Missis, Missis!« sagte Elisa. »Ein Handelsmann spricht mit dem Herrn im Speisezimmer! Ich habe es gehört.«

»Nun, was schadet das, Närrchen?«

»Ach, Missis, glauben Sie wohl, daß der Herr meinen Harry verkaufen würde?« Und das arme Mädchen warf sich in einen Stuhl und schluchzte krampfhaft.

»Ihn verkaufen! Nein, du törichtes Mädchen! Du weißt, daß dein Herr niemals mit diesen Handelsleuten aus dem Süden Geschäfte macht und keinen seiner Leute verkauft, solange sie sich gut aufführen. Und wer soll denn deinen Harry kaufen? Meinst du denn, alle Welt ist so vernarrt in ihn wie du? Komm, beruhige dich und hake mir das Kleid zu. So, nun flechte mir das Haar in den hübschen Zopf, den du neulich gelernt hast, und horche nicht mehr an den Türen.«

»Also, Missis, Sie würden niemals Ihre Einwilligung geben, daß . . .«

»Unsinn, Kind! Natürlich würde ich es nicht. Warum sprichst du so? Ebensogut würde ich eins meiner Kinder verkaufen lassen. Aber wahrhaftig, Elisa, du wirst viel zu stolz auf den kleinen Burschen. Es darf nur einer die Nase zur Tür hereinstecken, so glaubst du gleich, er müsse ihn kaufen wollen.«

Wieder beruhigt durch den zuversichtlichen Ton ihrer Herrin setzte Elisa rasch und geschickt ihre Toilettendienste fort und lachte sich selbst aus wegen ihrer Furcht.

Mrs. Shelby war eine Frau von hoher geistiger und sittlicher Bildung. Neben der natürlichen Großmut und dem Edelsinn, welche oft die Frauen von Kentucky auszeichnen, besaß sie ein lebhaftes, sittliches, ein religiöses Gefühl und Grundsätze, die sie mit großer Energie und Geschicklichkeit in praktische Ausübung brachte. Ihr Gatte, der keine besondere Religiosität beanspruchte, hatte doch große Ehrfurcht vor der Konsequenz ihrer religiösen Überzeugung und hatte vielleicht ein wenig Scheu vor ihrer Meinung. Jedenfalls ließ er ihr ganz freie Hand in ihren wohlwollenden Bemühungen um das Wohlbehagen, den Unterricht und die Erziehung ihrer Leute, obgleich er selbst keinen tätigen Anteil daran nahm. Obgleich er nicht gerade an die Lehre von den überflüssigen guten Werken der Heiligen glaubte, so schien er doch im Grunde auf eine oder die andere Weise zu denken, daß seine Frau Frömmigkeit und Wohlwollen genug für zwei habe, und sich mit einer dunklen Hoffnung zu schmeicheln, durch ihren Einfluß an Eigenschaften, auf die er keinen besonderen Anspruch machte, in den Himmel zu gelangen.

Die schwerste Last auf seiner Seele nach seiner Unterredung mit dem Handelsmann war die unvermeidliche Notwendigkeit, seiner Gattin das besprochene Arrangement mitzuteilen und den Vorstellungen und dem Widerstand die Spitze zu bieten, die er schon voraussetzen konnte.

Mrs. Shelby, die von ihres Gatten Geldverlegenheit nicht das mindeste wußte und die nur die allgemeine Gutherzigkeit seines Charakters kannte, war in der vollständigen Ungläubigkeit, mit der sie Elisas Befürchtung aufnahm, ganz aufrichtig gewesen. Wirklich schenkte sie der ganzen Frage keinen einzigen Gedanken mehr; und da sie mit den Vorbereitungen zu einem Abendbesuch beschäftigt war, hatte sie die Sache bald vergessen.

10. Kapitel


Ungehörige Aufregung

An einem regnerischen Nachmittag spät stieg ein Reisender an der Tür eines kleinen Wirtshauses in dem Dorf N. in Kentucky ab. In der Schenkstube fand er eine ziemlich bunte Gesellschaft versammelt, welche das schlechte Wetter in diesen Hafen getrieben hatte, und der Ort bot den gewöhnlichen Anblick solcher Versammlungen dar. Große, lange, starkknochige Kentuckier in Jagdhemden, mit dem diesem Schlage eigenen bequemen Lungern, die langen Glieder über eine ziemliche Strecke der Stube rekelnd – Büchsen, die in der Stubenecke standen, Schrotbeutel, Jagdtaschen, Jagdhunde und kleine Neger in bunten Haufen in den Winkeln – waren die charakteristischen Züge des Bildes. An jedem Ende des Herdes saß ein langbeiniger Herr mit zurückgelehntem Stuhl, den Hut auf dem Kopf, während die Absätze der schmutzigen Stiefel auf dem Kaminsims ruhten – eine Lage, welche, wie wir unseren Lesern mitteilen, der in den Schenken des Westens üblichen Gedankenrichtung entschieden günstig ist, indem dort die Reisenden eine entschiedene Vorliebe für diese besondere Art, den Geist zu erheben, zeigen.

Der Wirt, der hinter der Bar stand, war, wie die meisten seiner Landsleute, groß von Wuchs, gutmütig und langbeinig und langarmig. Ein dichter Pelz von Haaren bedeckte seinen Kopf, den ein großer, hoher Hut krönte.

In der Tat trug jedermann im Zimmer auf dem Kopf dieses charakteristische Symbol männlicher Selbstherrlichkeit; mochte es ein Filzhut, ein Palmblatthut, ein schmieriger Biber oder ein schöner neuer Chapeau sein, überall sah man ihn mit echter republikanischer Unabhängigkeit auf den Köpfen sitzen. Er schien in Wahrheit das charakteristische Kennzeichen jedes einzelnen zu sein. Einige trugen ihn keck auf ein Ohr gesetzt – das waren die Leute von Humor, fidele, gemütliche Kerle; andere hatten ihn unabhängig auf die Nase heruntergedrückt – das waren die entschiedenen Charaktere –, die ganzen Männer, die, wenn sie ihren Hut trugen, ihn ordentlich tragen wollten und genauso, wie sie Lust hatten; dann die, welche ihn weit zurückgeschoben hatten – das waren die Umsichtigen und Schlauen, die eine freie Aussicht haben wollten, während er bei sorglosen Leuten, die nicht wußten, wie ihr Hut saß, und denen es auch ganz gleich war, in allen Richtungen auf dem Kopfe herumwackelte. Die verschiedenen Hüte waren in der Tat ein wahrhaft Shakespearesches Studium.

Verschiedene Neger mit sehr bequemen und weiten Beinkleidern, nur mit keinem Überfluß von Hemdenwäsche, liefen hin und her, ohne besonders sichtbare Resultate, außer daß sie eine allgemeine Bereitwilligkeit an den Tag legten, zum besten des Wirts und der Gäste jegliches Ding auf der Welt umzukehren. Vervollständigen wir dieses Bild noch mit einem lustig prasselnden und lachenden Feuer, das eine große weite Esse hinaufflackerte – wobei die Tür und jedes Fenster weit offen stand und der kattunene Fenstervorhang in einer guten steifen Brise von feuchter kalter Luft fackelte –, und man wird sich einen Begriff von den Herrlichkeiten einer Kentuckierschenke machen können.

Der Kentuckier der Gegenwart ist eine gute Erläuterung der Lehre von fortgeerbten Instinkten und Eigentümlichkeiten. Seine Väter waren gewaltige Jäger – Männer, die in den Wäldern lebten und unter dem freien offenen Himmel schliefen und sich von den Sternen das Licht halten ließen, und ihr Nachkömmling benimmt sich noch heutigen Tags, als ob das Haus sein Feldlager wäre – hat den Hut zu allen Zeiten auf dem Kopfe, rekelt sich herum und legt die Absätze auf Stuhllehnen und Kaminsimse, gerade wie sich sein Vater auf dem grünen Rasen herumwälzte und seine Beine auf Baumstämme und Klötze legte, läßt alle Fenster und Türen Winter und Sommer offen stehen, um genügend Luft für seine große Lunge zu haben, – nennt mit ungeniertem Benehmen jeden »Fremder« und ist mit einem Worte das offenste, fidelste Geschöpf auf Erden.

In eine Gesellschaft solcher Leute trat unser Reisender. Er war ein kleiner untersetzter Mann, sorgfältig gekleidet, mit einem runden gutmütigen Gesichter und etwas Fahrigem und Eigenem in seinem Wesen. Er war sehr besorgt um seinen Mantelsack und seinen Schirm, die er selbst hereingetragen brachte, und wies hartnäckig alle Anerbietungen der Dienerschaft zurück, sie ihm abzunehmen. Er sah sich in der Schenkstube mit etwas unruhigen Blicken um, zog sich dann mit seinen Sachen in die wärmste Ecke zurück, legte sie unter seinen Stuhl, setzte sich nieder und sah etwas ängstlich den würdigen Mann an, dessen Absätze die Ecke des Kaminsimses schmückten und der nach rechts und nach links mit einem Mut und einer Ausdauer spuckte, die für Personen von schwachen Nerven und reinlichen Manieren etwas Beunruhigendes hatten.

»Heda, Fremder, wie geht’s?« sagte der eben erwähnte Herr, indem er eine Ehrensalve von Tabakssaft in der Richtung des neuen Ankömmlings abschoß.

»Gut, rechne ich«, war die Antwort des andern, als er nicht ohne Unruhe sich vor der drohenden Ehre zur Seite bog.

»Was Neues?« fragte der andere weiter und holte eine Schnur Tabak und ein großes Jagdmesser aus der Tasche.

»Nichts, das ich wüßte«, sagte der Fremde.

»Kaut Ihr?« sagte der erste Sprecher, indem er dem alten Herrn mit einer entschieden brüderlichen Miene ein Stück Tabak anbot.

»Nein, ich danke Ihnen, es bekommt mir nicht«, sagte der kleine Mann und rückte weg.

»Nicht?« sagte der andere leichthin und schob sich das Priemchen in den Mund, um die Erzeugung von Tabakssaft zum allgemeinen Besten der Gesellschaft im Gange zu erhalten.

Der alte Herr fuhr regelmäßig erschrocken auf, wenn sein langbeiniger Bruder sein Feuer auf diese Seite richtete, und da letzterer dies bemerkte, so gab er gutmütig seiner Artillerie eine andere Richtung und fing an, eines der Schüreisen mit einem militärischen Talent zu stürmen, das zur Einnahme einer Stadt genügt hätte.

»Was ist das?« sagte der alte Herr, als einige um einen großen Zettel zusammentraten.

»Nigger davongelaufen!« sagte einer von der Gesellschaft kurz.

Mr. Wilson, denn so hieß der Herr, stand auf, rückte sorgfältig seinen Mantelsack und Schirm zurecht, zog langsam seine Brille heraus und setzte sie auf die Nase, und nun las er folgendes:

»Unterzeichnetem fortgelaufen sein Mulattenbursche George. Besagter George ist sechs Fuß lang, ein sehr heller Mulatte mit braunem lockigem Haar; ist sehr gescheit, spricht gut, kann lesen und schreiben; wird wahrscheinlich versuchen, für einen Weißen zu gelten, hat tiefe Narben auf Rücken und Schultern und ist in der rechten Handfläche mit einem H gebrannt. Ich gebe für ihn 400 Dollar lebendig und dieselbe Summe für genügenden Nachweis, daß er tot ist.«

Der alte Herr las diese Anzeige von Anfang bis zum Ende halblaut, als ob er sie studierte.

Der langbeinige Veteran, der das Schüreisen belagert hatte, wie wir vorhin erzählten, wälzte jetzt seine Absätze vom Kaminsims herunter, richtete seinen langen Körper auf, ging zu dem Zettel hin und spuckte mit voller Überlegung eine volle Ladung Tabakssaft darauf.

»Das ist meine Meinung von der Sache«, sagte er kurz und setzte sich wieder hin.

»Nun, Fremder, was soll das heißen?« sagte der Wirt.

»Ich würde es ebenso machen mit dem Schreiber dieses Zettels, wenn er hier wäre«, sagte der Lange und schnitt sich ganz ruhig seinen Tabak zurecht. »Ein Mann, der einen solchen Burschen hat und ihn nicht besser zu behandeln weiß, verdient, daß er ihm fortläuft. Solche Zettel, wie der da, sind eine Schande für Kentucky, das ist meine Meinung von der Sache, wenn sie jemand zu wissen wünscht.«

»Na, das ist ein Faktum«, sagte der Wirt, während er einen Posten ins Buch schrieb.

»Ich habe auch meine Leute, Sir«, sagte der Lange und fing seinen Angriff auf das Schüreisen wieder an, »und ich sage zu ihnen ganz einfach: ›Jungens‹, sage ich, ›lauft jetzt! Reißt aus! Macht, was Ihr wollt! Ich werde mich niemals nach Euch umsehen!‹ So behalte ich meine Leute. Sagt ihnen nur, sie könnten laufen, wenn sie wollen, und sie verlieren alle Lust dazu! Außerdem habe ich für alle Freischeine eintragen lassen, im Fall es einmal mit mir zu Ende geht, und sie wissen das, und ich sage Euch, Fremder, kein Kerl in unserer ganzen Gegend kriegt mehr Arbeit von seinen Niggern als ich. Ja, meine Jungens sind in Cincinnati mit Pferden 500 Dollar wert gewesen und haben mir das Geld richtig gezählt heimgebracht, mehr als einmal, ’s ist auch ganz natürlich. Behandelt sie wie Hunde, und sie werden wie Hunde arbeiten und sich wie Hunde benehmen. Behandelt sie wie Menschen, und sie werden wie Menschen arbeiten.« Und der ehrliche Pferdezüchter bekräftigte in seinem Eifer die Sentenz mit dem Abfeuern einer vollständigen Freudensalve in den Kamin.

»Ich glaube, Ihr habt im ganzen recht, Freund«, sagte Mr. Wilson, »und der hier beschriebene Bursche ist ein Prachtkerl – das steht fest. Er hat für mich wohl ein halb Dutzend Jahre in meiner Packleinwand-Fabrik gearbeitet, und er war mein bester Arbeiter, Sir. ’s ist auch ein gescheiter Bursche, Sir – hatte eine Maschine zum Reinigen des Hanfes erfunden – eine ganz vortreffliche Maschine, sie ist in mehreren Fabriken in Gebrauch. Sein Herr hat ein Patent darauf.«

»Ich will wetten«, sagte der Pferdezüchter, »er hat das Patent und verdient Geld damit, und dann nimmt er den Burschen her und brandmarkt ihn in die rechte Hand. Wenn er mir in die Hände kommt, will ich ihn zeichnen, rechne ich, so daß man’s eine Weile sieht.«

»Die gescheiten Nigger sind immer böse Ware und vorlaut«, sagte ein gemein aussehender Kerl von der anderen Seite des Zimmers herüber, »deswegen werden sie auch immer gepeitscht und gebrandmarkt. Wenn sie sich besser benähmen, so geschähe es ihnen nicht.«

»Das heißt, der Herr hat sie zu Menschen gemacht, und ’s kostet harte Arbeit, sie bis zum Vieh hinunter zu bringen«, sagte der Pferdezüchter trocken.

»Gescheite Nigger sind kein Vorteil nicht für ihre Herren«, fuhr der andere fort, den die Beschränktheit einer gemeinen Seele die Verachtung seines Widerparts nicht fühlen ließ. »Was nutzen Talente und solche Sachen, wenn man sie nicht für sich benutzen kann? Aber sie benutzen sie nur, um Euch zu hintergehen. Ich habe einen oder zwei solche Burschen gehabt und habe sie flußabwärts verkauft. Ich wußte, sie würden mir davonlaufen, früher oder später, wenn ich’s unterließ.«

»Lieber schickt hinauf zum lieben Gott und laßt Euch eine Partie machen und gleich die Seelen weglassen«, sagte der Pferdezüchter. Hier unterbrach die Ankunft eines kleinen einspännigen Wagens vor der Schenke das Gespräch. Die Equipage sah vornehm aus, und ein wohlgekleideter gentlemanischer Herr saß darin, während ein farbiger Bedienter fuhr.

Die versammelte Gesellschaft betrachtete den neuen Ankömmling mit der Teilnahme, mit welcher eine Versammlung von Lungerern an einem Regentag gewöhnlich jeden neuen Ankömmling mustert. Der Fremde war hochgewachsen, hatte einen dunklen spanischen Teint, ausdrucksvolle schwarze Augen und dichtes krauses Haar, ebenfalls von glänzender Schwärze. Seine schöngeformte Adlernase, die geraden schmalen Lippen und die herrlichen Umrisse seiner schön geformten Glieder machten auf die ganze Gesellschaft auf der Stelle den Eindruck von etwas Ungewöhnlichem. Er trat unbefangen mitten unter die Gäste, wies mit einem Kopfnicken seinem Bedienten den Fleck, wohin er die Koffer setzen sollte, verbeugte sich gegen die Versammelten und schritt mit dem Hute in der Hand ruhig nach der Bar, wo er seinen Namen als Harry Butler von Oaklands, Shelby County, angab. Darauf wendete er sich gleichgültig wieder ab und trat vor die Anzeige, die er durchlas.

»Jim«, sagte er zu seinem Bedienten, »sind wir nicht einem solchen Burschen droben bei Bernans begegnet? Meinst du nicht?«

»Ja, Master«, sagte Jim, »nur weiß ich nicht ganz gewiß, wie es mit der Hand war.«

»Natürlich, ich hab‘ auch nicht hineingesehen«, sagte der Fremde mit gleichgültigem Gähnen. Dann verlangte er von dem Wirt ein besonderes Zimmer, da er sofort einige Briefe zu schreiben habe.

Der Wirt war über die Maßen dienstwillig, und eine Herde von ungefähr sieben Negern, alten und jungen, männlichen und weiblichen, kleinen und großen, fuhr bald im Zimmer herum, wie ein Flug Rebhühner, schäfterte und lärmte und trat sich auf die Zehen und purzelte übereinander in ihrem Eifer, das Zimmer für den Herrn zurechtzumachen, der unterdessen unbefangen auf einem Stuhl in der Mitte der Schankstube Platz genommen und ein Gespräch mit seinem Nachbar angeknüpft hatte.

Der Fabrikant Mr. Wilson hatte den Fremden vom Augenblick seines Eintretens an mit einer Miene ängstlicher und unruhiger Neugier angeblickt. Es war ihm, als sei er schon irgendwo mit ihm zusammengekommen und mit ihm bekannt gewesen, aber er konnte sich nicht besinnen, wo.

Fast alle Minuten, wenn der Fremde sprach oder sich bewegte oder lächelte, fuhr er empor, heftete den Blick auf ihn und wendete ihn dann rasch wieder ab, wie ihn die glänzenden dunklen Augen des andern mit unbefangener Kälte ansahen. Endlich schien eine plötzliche Erinnerung in ihm zu erwachen, denn er starrte den Fremden mit einer solchen Miene sprachloser Verblüfftheit und Unruhe an, daß dieser sich ihm näherte.

»Mr. Wilson, glaube ich«, sagte er, als ob er ihn jetzt erst erkenne, und bot ihm die Hand dar. »Ich bitte um Verzeihung, ich erkannte Sie nicht gleich. Ich sehe, Sie kennen mich noch – Mr. Butler von Oaklands, Shelby County.«

»Ja – ja, Sir«, stotterte Mr. Wilson, wie einer, der im Traum redet. In diesem Augenblick erschien ein Negerknabe mit der Meldung, daß Masters Zimmer fertig sei.

»Jim, sieh nach den Koffern«, sagte der Fremde nachlässig; dann zu Mr. Wilson gewendet, setzte er hinzu: »Ich möchte mit Ihnen auf meinem Zimmer ein paar Worte über Geschäftssachen sprechen, wenn es Ihnen gefällig ist.«

Mr. Wilson folgte ihm wie einer, der im Traum wandelt; und sie begaben sich in ein großes Zimmer oben, wo ein frisch angezündetes Feuer prasselte und verschiedene Diener herumflogen, um die letzte Hand an die getroffenen Anordnungen zu legen.

Als alles fertig war und die Dienstboten sich entfernt hatten, verschloß der junge Fremde sorgfältig die Tür, steckte den Schlüssel in die Tasche, drehte sich um, schlug die Arme über der Brust zusammen und sah Mr. Wilson gerade ins Gesicht.

»George!« sagte Mr. Wilson.

»Ja, George«, sagte der junge Mann.

»Wer hätte das denken sollen!«

»Ich bin ziemlich gut verkleidet, glaube ich«, sagte der Jüngling mit einem Lächeln. »Ein wenig Walnußschale hat meiner gelben Haut eine vornehme braune Farbe gegeben, und das Haar habe ich mir schwarz gefärbt; so paßt also der Steckbrief gar nicht mehr auf mich, wie Sie sehen.«

»Aber George, Ihr spielt da ein gar gefährliches Spiel. Ich möchte Euch nicht dazu geraten haben.«

»Ich kann es auf meine eigene Verantwortlichkeit aufführen«, sagte George mit demselben stolzen Lächeln.

Wir bemerken beiläufig, daß George von Vaters Seite von weißem Blute war. Seine Mutter war eine jener unglücklichen Sklavinnen, die ihre persönliche Schönheit von vornherein zum Opfer der Wollust ihres Besitzers und zur Mutter von Kindern, die nie einen Vater anerkennen dürfen, bestimmt. Von einer der stolzesten Familien Kentuckys hatte er eine Physiognomie von schönster europäischer Regelmäßigkeit und einen stolzen, unbezähmbaren Geist geerbt. Von seiner Mutter hatte er nur eine leichte Mulattenfarbe, die das von ihr ererbte feurige schwarze Auge reichlich wiedergutmachte. Eine kleine Veränderung in der Farbe seiner Haut und seines Haares hatte ihm jetzt ganz das Aussehen eines Spaniers gegeben; und da Anmut der Bewegungen und anständige Manieren ihm von Natur angeboren waren, so wurde es ihm nicht schwer, die kühne Rolle, die er übernommen hatte, durchzuführen – die eines mit seinem Bedienten reisenden Gentlemans.

Mr. Wilson, ein gutmütiger, aber sehr fahriger und ängstlicher alter Herr, ging unruhig im Zimmer auf und ab, geteilt zwischen dem Wunsche, George zu helfen, und einer gewissen verworrenen Überzeugung von der Notwendigkeit, Gesetz und Ordnung aufrechtzuerhalten. So äußerte er sich denn, wie er auf und ab ging, in folgenden Worten:

»Na, George, ich glaube, Ihr lauft fort – verlaßt Euren gesetzlichen Herrn, George – (es wundert mich nicht) – aber es tut mir auch zugleich leid, George – ja entschieden – das, glaube ich, muß ich Euch sagen, George, – ’s ist meine Pflicht, es Euch zu sagen.«

»Warum tut es Ihnen leid, Sir?« sagte George ruhig.

»Nun, daß Ihr Euch, sozusagen, einer Verletzung der Gesetze Eurer Heimat schuldig macht.«

»Meiner Heimat!« sagte George mit starkem und bitterem Nachdruck. »Welche Heimat habe ich, als das Grab? – und ich wünsche zu Gott, ich läge drinnen!«

»Aber George, nein – nein – das geht nicht, so zu reden ist gottlos – unchristlich. George, Ihr habt einen harten Herrn – das ist wahr – er führt sich ganz unverantwortlich auf – es kann mir nicht einfallen, ihn zu verteidigen; aber Ihr wißt, wie der Engel Hagar gebot, zu ihrer Herrin zurückzukehren und sich ihrer Hand zu unterwerfen; und der Apostel schickte Onesimus zu seinem Herrn zurück.«

»Führen Sie mir nicht die Bibel auf diese Weise an, Mr. Wilson«, sagte George mit funkelndem Auge. »Tun Sie es nicht! Denn meine Frau ist eine Christin, und ich will auch Christ werden, wenn ich erst gerettet bin; aber einem Menschen in meinen Verhältnissen die Bibel anzuführen, genügt, um einen davon abzubringen. Ich appelliere an Gott den Allmächtigen, ich bin bereit, meine Sache seiner Entscheidung zu unterwerfen, und frage ihn, ob ich unrecht tue, meine Freiheit zu suchen.«

»Diese Empfindungen sind ganz natürlich, George«, sagte der gutmütige Fabrikant und schneuzte sich die Nase. »Ja, sie sind natürlich, aber es ist meine Pflicht, Euch nicht in denselben zu bestärken. Ja, mein Bursche, Ihr tut mir wahrhaftig leid; es ist ein schlimmer Fall, ein sehr schlimmer; aber der Apostel sagt: ›Bleibe jeglicher in seinem Stande, zu dem er berufen ist.‹ – Wir müssen uns alle den Fingerzeigen der Vorsehung fügen, George – seht Ihr’s nicht ein?«

George stand da, den Kopf zurückgeworfen und die Arme fest über der breiten Brust übereinandergeschlagen, während ein bitteres Lächeln um seinen Mund zuckte.

»Ich möchte doch wissen, Mr. Wilson, wenn die Indianer kämen und Sie als Gefangenen von Weib und Kind wegschleppten und Sie Ihr ganzes Leben lang zur Arbeit in den Maisfeldern behalten wollten, ob Sie es da für Ihre Pflicht halten würden, in dem Stande zu bleiben, zu dem Sie berufen worden! Ich sollte eher meinen, Sie würden das erste verlaufene Pferd, das Ihnen in die Hand fiele, für einen Fingerzeig der Vorsehung halten – nicht wahr?«

Der kleine alte Herr riß beide Augen weit auf, als er die Frage so stellen hörte, denn obgleich er nicht stark in der Logik war, war er doch verständig genug, – worin ihm die meisten Redner über diesen Gegenstand nachahmen könnten – nichts zu sagen, wo nichts zu sagen war. So stand er denn da und streichelte nachdenklich seinen Regenschirm, dessen kleinste Falten er sorgfältig glättete, und fuhr dann mit seinen allgemein gehaltenen Ermahnungen fort.

»Ihr wißt ja, George, ich bin immer Euer Freund gewesen, und was ich gesagt habe, habe ich immer zu Eurem Besten gesagt. Jetzt kommt es mir wirklich vor, als ob Ihr Euch einer schrecklichen Gefahr aussetztet. Ihr könnt nicht hoffen durchzukommen. Werdet Ihr ertappt, so habt Ihr es noch viel schlimmer als früher; man wird Euch mißhandeln und halb totschlagen und flußabwärts verkaufen.«

»Ich weiß das alles, Mr. Wilson«, sagte George. »Ich setze mich einer großen Gefahr aus, aber« – er schlug den Oberrock auseinander und zeigte zwei Pistolen und ein Baummesser. »Da!« sagte er. »Ich bin für sie gerüstet! Nach dem Süden bringen sie mich nicht lebendig. Nein! Wenn es erst so weit kommt, kann ich mir wenigstens sechs Fuß freie Erde verdienen. – Die erste und letzte, die ich jemals in Kentucky mein nennen werde.«

»Aber George, ein solcher Gemütszustand ist ja wahrhaft schrecklich! Das ist ja reine Verzweiflung, George! Das ist ja schlimm. Ihr wollt die Gesetze Eures Vaterlandes verletzen?«

»Meines Vaterlandes! Mr. Wilson, Sie haben ein Vaterland; aber welches Vaterland habe ich oder meinesgleichen, die wir von Sklavenmüttern geboren sind? Was für Gesetze gibt’s für uns? Wir machen sie nicht – wir geben ihnen nicht unsere Zustimmung – wir haben nichts mit ihnen zu tun, sie tun weiter nichts für uns, als uns zu drücken und zu knechten. Habe ich nicht Eure Reden am 4. Juli gehört? Sagt Ihr uns nicht alle Jahre einmal, daß Regierungen ihre wahre Kraft von der Zustimmung der Regierten herleiten? Glauben Sie, man denkt nicht nach, wenn man solche Reden hört? Kann man nicht dies und das zusammenhalten und sehen, was draus wird?«

Mr. Wilsons Seele war von jener Art, die man nicht unpassend mit einem Ballen Baumwolle verglichen hat – weich, sanft und gutmütig verworren. Er bedauerte George wirklich von ganzem Herzen und hatte eine Art dunkler und unbestimmter Ahnung von der Beschaffenheit der Empfindungen, die seine Brust erfüllten; aber er hielt es für seine Schuldigkeit, ihm mit unermüdlicher Ausdauer von seinen Pflichten vorzureden.

»George, das ist nicht recht. Ich muß Euch sagen, natürlich als Freund, daß es besser ist, Ihr gebt Euch mit solchen Gedanken nicht ab; sie sind schlecht, George, – sehr schlecht für Burschen in Eurer Lage, – sehr schlecht«, und Mr. Wilson setzte sich an einen Tisch und fing an, in großer Aufregung auf dem Griffe seines Regenschirmes herumzubeißen.

»Sehen Sie mich einmal an, Mr. Wilson«, sagte George, der jetzt herantrat und sich entschlossen vor ihn hinsetzte; »sehen Sie mich einmal an. Sitze ich hier nicht vor Ihnen, in jeder Hinsicht ganz so ein Mann, wie Sie selbst sind? Sehen Sie mein Gesicht an – sehen Sie meine Hände an – sehen Sie meinen Körper an« – und der junge Mann richtet sich stolz in die Höhe – »bin ich nicht so gut ein Mensch wie jeder andere? Nun hören Sie mich an, Mr. Wilson, was ich Ihnen zu sagen habe. Ich hatte einen Vater, einen von Ihren vornehmen Kentuckiern – der nicht genug an mich dachte, um mich vor dem Schicksal zu bewahren, mit seinen Hunden und Pferden zur Deckung der Schulden nach seinem Tode verkauft zu werden. Ich sah meine Mutter mit ihren sieben Kindern zur gerichtlichen Auktion ausgestellt. Sie wurden alle vor ihren Augen verkauft, eins nach dem andern und alle an verschiedene Herren; und ich war das jüngste. Sie kniete vor meinem vorigen Herrn nieder und bat ihn, mich mit ihr zu verkaufen, damit sie wenigstens eins ihrer Kinder bei sich habe; und er stieß sie mit seinem schweren Stiefel von sich. Das sah ich mit an; und das letzte, was ich von ihr hörte, war ihr Gestöhn und ihr Gejammer, als er mich auf sein Pferd band, um mich mit auf sein Gut zu nehmen.«

»Und weiter?«

»Mein Herr machte mit einem der Leute Geschäfte und kaufte meine älteste Schwester. Sie war ein frommes, gutes Mädchen – hielt sich zu den Wiedertäufern – und war so schön, wie meine arme Mutter früher. Sie war gut erzogen und hatte gute Manieren. Anfangs war ich froh, daß sie gekauft war, denn ich hatte nun wenigstens eine befreundete Seele in meiner Nähe. Bald mußte ich andern Sinnes werden. Sir, ich habe an der Tür gestanden und habe sie drinnen auspeitschen hören, während es mir war, als ob mir jeder Hieb das nackte Herz zerschnitt, und ich konnte nichts tun, ihr zu helfen; und sie wurde ausgepeitscht, Sir, weil sie ein sittsames christliches Leben führen wollte, wozu Ihre Gesetze keinem Sklavenmädchen ein Recht geben; und zuletzt sah ich sie gefesselt in einer Sklavenkette nach Orleans zum Verkauf geschickt werden – bloß aus diesem einen Grunde wurde sie hingeschickt – und das ist das letzte, was ich von ihr gehört habe. Nun, ich wuchs zum Jüngling empor – Jahre auf Jahre vergingen – ohne Vater oder Mutter oder Schwester, oder sonst eine einzige lebendige Seele, die sich um mich soviel kümmerte, wie um einen Hund; nichts als Peitschen, Schelten, Darben. Ja, Sir, ich bin so hungrig gewesen, daß ich froh war, die Knochen zusammenlesen zu können, die man den Hunden hinwarf; und doch, als ich noch ein ganz kleiner Kerl war und ganze Nächte hindurch weinte, so weinte ich nicht wegen des Hungers oder wegen des Peitschens. Nein, Sir, ich weinte um meine Mutter und meine Schwestern, ich weinte, weil ich niemand auf Erden hatte, der mich liebte. Ich habe nie gewußt, was Ruhe oder Friede war. Man hat nie ein freundliches Wort mit mir gesprochen, bis ich Arbeit in Ihrer Fabrik erhielt. Mr. Wilson, Sie haben mich immer gut behandelt; Sie haben mich aufgemuntert, mich gut aufzuführen, und Lesen und Schreiben zu lernen, und zu versuchen, etwas aus mir zu machen; und Gott weiß, wie dankbar ich Ihnen dafür bin. Dann lernte ich meine Frau kennen; Sie haben sie gesehen, Sie wissen, wie schön sie ist. Als ich entdeckte, daß sie mich liebte, als ich sie heiratete, konnte ich kaum glauben, es sei kein Traum, so glücklich war ich; und Sir, sie ist ebenso gut, als sie schön ist. Aber wie wird es nun? Mein Herr nimmt mich von meiner Arbeit und meinen Freunden und allem, was ich lieb habe, weg, und drückt mich bis in den tiefsten Schmutz hinab! Und warum? Weil, sagte er, ich vergessen hätte, wer ich sei; er wolle mir zeigen, daß ich nur ein Nigger sei, sagte er! Um das Maß voll zu machen, trennte er mich noch zuletzt von meiner Frau und sagte, ich sollte ein anderes Weib nehmen. Und zu dem allen geben ihm Eure Gesetze die Macht trotz Gott und Menschen. Sehen Sie das, Mr. Wilson! Ihre Gesetze in Kentucky hier erlauben jede einzelne von den Sachen, welche die Herzen meiner Mutter und meiner Frau und mein Herz gebrochen haben, erlauben und geben jeglichem Manne die Macht dazu, und niemand darf nein dazu sagen! Nennen Sie das die Gesetze meines Vaterlandes? Sir, ich habe so wenig ein Vaterland, als ich einen Vater habe. Aber ich will mir eins verschaffen. Ich verlange nichts von Ihrem Vaterlande, als daß es mich ungeschoren läßt – daß es mich ruhig fort läßt; und wenn ich nach Kanada komme, wo mich die Gesetze anerkennen und beschützen, so soll dort mein Vaterland sein, und seinen Gesetzen will ich gehorchen. Aber wenn ein Mann versucht, hier mich aufzuhalten, so möge er sich in acht nehmen, denn ich bin ein verzweifelter Mann. Ich will für meine Freiheit streiten, bis zu meinem letzten Atemzug. Sie sagen, Ihre Väter hätten das getan; wenn die ein Recht dazu hatten, so habe ich auch ein Recht dazu!«

Diese Rede, die George teils am Tische sitzend, teils im Zimmer auf- und abschreitend, begleitet von Tränen, flammenden Blicken und verzweiflungsvollen Gebärden gehalten hatte, war zu viel für das weiche Herz des gutmütigen Alten, der ein großes seidenes Taschentuch herausgezogen hatte und sich jetzt das Gesicht mit großer Energie abrieb.

»Der Teufel hol sie alle!« brach er plötzlich heraus. »Habe ich es nicht immer gesagt – die verwünschten alten Lumpenkerle! Ich fluche doch nicht etwa! Nun macht, daß Ihr fortkommt, George, macht, daß Ihr fortkommt; aber seid vorsichtig, mein Junge; schießt niemanden, George, wenn nicht – nun – besser ist’s, Ihr schießt nicht, rechne ich; wenigstens möchte ich niemanden treffen, wißt Ihr. Wo ist Eure Frau, George?« setzte er hinzu, als er in großer Aufregung aufstand und im Zimmer auf und ab zu gehen anfing.

»Fort, Sir – fort mit dem Kinde auf ihrem Arm, Gott weiß wohin. Sie ist dem Polarstern nachgegangen; und wenn wir uns wiedersehen, oder ob wir uns jemals auf dieser Welt wiedersehen, kann kein sterbliches Geschöpf wissen.«

»Ist’s möglich! ’s ist doch zum Erstaunen! Von einer so guten Familie?«

»Gute Familien geraten in Schulden, und die Gesetze unseres Landes gestatten, das Kind von der Mutter Brust weg zu verkaufen, um seines Herrn Schulden zu bezahlen«, sagte George mit Bitterkeit.

»Hm, hm«, sagte der ehrliche Alte und suchte in seinen Taschen herum. »Ich vermute, ich folge nicht ganz meiner bessern Einsicht. – Hols‘ der Henker, ich mag meiner bessern Einsicht nicht folgen!« setzte er plötzlich hinzu. »Hier, nehmt, George«, und er zog ein Päckchen Banknoten aus seiner Brieftasche und bot sie George an.

»Nein, mein lieber guter Herr!« sagte George. »Sie haben viel für mich getan, und das könnte Ihnen Unannehmlichkeiten machen. Ich habe Geld genug, um mich bis an den Ort zu bringen, den ich erreichen muß, hoffe ich.«

»Aber Ihr wißt, George, Geld ist eine große Hilfe überall; Ihr könnt nicht zu viel haben, wenn Ihr es auf ehrliche Weise erlangt. Hier – hier nehmt es nur, mein Bursche.«

»Unter der Bedingung, daß ich es Ihnen zu einer späteren Zeit wiederbezahle, will ich es annehmen«, sagte George und steckte das Geld ein.

»Und nun, George, wie lange gedenkt Ihr auf diese Weise zu reisen? – Nicht lange oder nicht weit, hoffe ich. Es ist gut durchgeführt, aber zu kühn. Und wer ist der schwarze Bursche?«

»Ein treuer Bursche, der vor länger als einem Jahre nach Kanada entfloh. Dort angekommen hört er, sein Herr sei so erzürnt über seine Flucht gewesen, daß er seine arme alte Mutter haben auspeitschen lassen; und er hat die ganze, weite Reise zurückgemacht, um ihr Trost zuzusprechen, und auch ihre Flucht vorzubereiten.«

»Hat er sie schon befreit?«

»Noch nicht; er hat sich in der Nähe der Besitzung, wo sie ist, herumgetrieben, aber noch keine Gelegenheit gefunden. Unterdessen fährt er mit mir bis nach Ohio, um mich bei Freunden einzuführen, die ihm geholfen haben, und dann will er die Mutter nachholen.«

»Gefährlich, sehr gefährlich!« sagte der Alte.

George richtete sich empor und lächelte verächtlich.

Der alte Herr sah ihn mit einer Art unschuldigen Staunens vom Kopf bis zu den Füßen an. »George, etwas hat eine wunderbare Veränderung in Euch hervorgebracht. Ihr tragt den Kopf hoch und benehmt Euch wie ein anderer Mensch«, sagte Mr. Wilson.

»Weil ich ein freier Mann bin!« sagte George mit Stolz. »Ja, Sir, ich habe zum letzten Male zu einem Menschen Master gesagt. Ich bin frei!«

»Nehmt Euch in acht! Ihr seid noch nicht sicher – man kann Euch noch fangen.«

»Alle Menschen sind frei und gleich im Grabe, wenn es dazu kommt, Mr. Wilson«, sagte George.

»Ich bin ganz stumm vor Staunen über Eure Kühnheit«, sagte Mr. Wilson, »hier keck in dem nächsten Wirtshause abzusteigen!«

»Mr. Wilson, es ist so kühn, und dieses Wirtshaus ist so nahe, daß sie keinen Verdacht schöpfen werden; sie suchen mich weit voraus, und Sie selbst würden mich nicht kennen. Jims Master wohnt nicht in dieser Grafschaft; man kennt ihn in hiesiger Gegend nicht. Außerdem hat man ihn aufgegeben; niemand sucht ihn, und mich wird niemand nach dem Steckbrief kennen, sollte ich meinen.«

»Aber das Brandmal in Eurer Hand.« George zog den Handschuh aus und zeigte eine kaum geheilte Narbe auf der Handfläche.

»Das ist ein Abschiedsgeschenk von Mr. Harris«, sagte er bitter. »Vor ungefähr 14 Tagen fiel es ihm ein, es mir zu geben, weil er mich in Verdacht hatte, daß ich nur auf eine Gelegenheit zur Flucht paßte, ’s sieht sehr hübsch aus, nicht wahr?« sagte er und zog den Handschuh wieder an.

»Ich gestehe, mir erstarrt das Blut in den Adern, wenn ich daran denke – an Eure Lage und die Gefahren, denen Ihr Euch aussetzt!« sagte Mr. Wilson.

»Meines ist mir viele Jahre lang erstarrt, Mr. Wilson, jetzt aber ist es fast Siedhitze«, sagte George.

»Ja, ich sah gleich, daß Sie mich erkannten, guter Mr. Wilson«, fuhr George nach einigen Minuten des Schweigens fort; »ich hielt es deshalb fürs Beste, Sie beiseite zu nehmen und mit Ihnen zu sprechen, damit Ihr erstauntes Gesicht mich nicht verrate. Ich reise morgen früh, bevor es Tag wird, weiter; morgen nacht gedenke ich sicher in Ohio zu schlafen. Ich reise bei Tage, steige in den besten Gasthäusern ab, und setze mich mit den Herren des Landes zu Tische. So leben Sie wohl, Sir; wenn Sie hören, daß man mich eingeholt hat, so wissen Sie, daß ich tot bin!«

George stand aufrecht wie ein Fels und reichte ihm die Hand mit der Miene eines Prinzen. Der gutmütige Alte schüttelte sie ihm herzlich, und nach einigen weiteren Ermahnungen zur Vorsicht nahm er seinen Regenschirm und verließ das Zimmer.

Georges Blick haftete noch gedankenvoll auf der Tür, als der Alte sie hinter sich geschlossen hatte. Plötzlich schien ihm ein Gedanke durch den Kopf zu fahren. Er ging rasch nach der Tür, öffnete sie und sagte:

»Mr. Wilson, noch ein Wort!«

Der alte Herr kehrte wieder um, und George verschloß, wie vorhin, die Tür und blieb ein paar Sekunden lang stehen, unentschlossen den Fußboden anblickend. Endlich hob er, wie mit rascher Anstrengung, den Kopf und sagte: »Nun, George?«

»Was Sie vorhin sagten, ist wohl wahr, Sir. Ich setze mich in der Tat schrecklichen Gefahren aus. Es kümmert keine lebendige Seele auf Erden, wenn ich sterbe«, setzte er hinzu, indem er tief Atem holte und die Worte mit einiger Anstrengung hervorstieß. »Man wird mich mit dem Fuße fortstoßen und einscharren wie einen Hund, und niemand wird den Tag darauf an mich denken – niemand, außer meiner armen Frau! Die Beklagenswerte! Sie wird jammern und sich grämen; und wenn Sie’s nur verrichten könnten, Mr. Wilson, ihr diese kleine Nadel zu überschicken! Sie hat sie mir als Weihnachtsgeschenk gegeben, die Arme! Geben Sie ihr die Nadel und sagen Sie ihr, daß ich sie bis zum letzten Augenblick geliebt habe. Wollen Sie das tun? Wollen Sie das wirklich tun?« sagte er mit innigem Ernst.

»Ja, gewiß, mein armer George!« sagte der alte Herr, indem er die Nadel mit feuchten Augen und einem melancholischen Zittern der Stimme nahm.

»Sagen Sie ihr noch eines«, sagte George, »es ist mein letzter Wunsch: Wenn sie nach Kanada gelangen kann, so soll sie hingehen. Mag ihre Herrin noch so gütig sein – mag es ihr in der Heimat auch noch so wohl gehen; bitten Sie sie, nicht wieder zurückzukehren – denn Sklaverei endet immer in Elend und Jammer. Sagen Sie ihr, sie solle unseren Knaben zum freien Mann erziehen, und dann wird er nicht so leiden, wie ich gelitten habe. Wollen Sie ihr das sagen, Mr. Wilson?«

»Ja, George, ich will es ihr sagen; aber ich bin überzeugt, Ihr werdet nicht sterben; faßt ein Herz, Ihr seid ein wackrer Bursche. Vertraut auf den Herrn, George. Ich wünschte von ganzem Herzen, Ihr wärt glücklich, ich wünsche es wahrhaftig.«