Kapitel 14.

Kapitel 14.

Beim Mondaufgang brachen die Kulis auf. Der Lama, durch Schlaf und den Alkohol erfrischt, bedurfte nur der leichten Stütze von Kims Schulter, um vorwärts zu kommen – ein schweigsamer, rasch ausschreitender Mann. Eine Stunde wohl gingen sie über schieferbestreuten Rasen, bogen um die Schulter einer gewaltigen Klippe und erreichten eine Gegend, wo jede Aussicht auf das Chini-Tal abgesperrt war. Ein ungeheurer Weidegrund stieg fächerförmig empor bis zu dem ewigen Schnee: an seinem Fuße lag ein Stück flachen Landes, auf dem einige schmutzige Holzhütten standen. Hinter diesen – nach Gebirgsart waren sie an der Kante aller Dinge angeklebt – fiel der Grund zweitausend Fuß steil ab nach Shamlegh-Mitte, wohin noch keines Menschen Fuß gelangte.

Die Leute machten keine Anstalt den Raub zu teilen, bis sie den Lama in dem besten Raum des Platzes gebettet sahen. Kim massierte ihm die Füße nach muselmännischer Manier.

»Wir werden Essen schicken,« sagte der Ao-chung-Mann, »und das rote Zelt. Nach der Dämmerung wird nichts mehr vorhanden sein, was gegen uns zeugen könnte. Wenn irgend etwas in dem Zelt nicht gebraucht wird, mach es so –«

Er zeigte nach dem Fenster, das sich öffnete nach dem Abgrund, der von dem vom Schnee zurückgestrahlten Mondlicht erfüllt war und warf eine leere Whiskyflasche hinaus.

»Unnütz auf den Fall zu horchen,« sagte er, »hier ist das Ende der Welt,« und fort war er. Der Lama blickte hinaus mit Augen, die wie gelbe Opale glänzten. Von dem mächtigen Horn vor ihm streckten sich weiße Spitzen sehnsüchtig nach dem Mondlicht empor. Das übrige war wie die Dunkelheit des zwischen den Sternen befindlichen Raumes.

»Dies,« sprach der Lama, »sind in Wahrheit meine Berge. Hier sollte ein Mensch verbleiben, festgehalten über der Welt, entfernt von Wünschen, unermeßliche Gedanken denkend.«

»Ja; wenn er einen Chela hat, der ihm Tee bereitet, der ihm die Decke unter dem Kopf faltet und kalbende Kühe hinausjagt.«

Eine rauchende Lampe brannte in einer Nische; ihr Licht ward vom Mondlicht niedergedämpft, und in dem gemischten Schein bewegte Kim sich wie ein schlanker Geist und beugte sich hier über den Beutel von Eßwaren, dort über das Teegeschirr.

»Ah! Nun habe ich mein Blut gekühlt und doch klopft und trommelt mein Kopf, und es liegt ein Reif um meinen Hinterkopf.«

»Kein Wunder. Es war ein starker Schlag. Möge der, der ihn austeilte –«

»Ohne meine eigene Leidenschaft würde nichts Böses geschehen sein.«

»Böses? Du hast die Sahibs vom Tode gerettet, den sie hundertfach verdient hatten.«

»Die Lektion hast Du nicht gut gelernt, Chela.« Der Lama ruhte jetzt auf einer zusammengelegten Decke, und Kim besorgte seine abendliche Arbeit. »Der Schlag war nur ein Schatten auf einem Schatten. Böses in sich selbst – meine Beine sind seit einigen Tagen etwas müde – es begegnete Bösem in mir – Verdruß, Zorn und eine Lust, Böses zu vergelten. Das rang in meinem Blut, weckte Unruhe im Magen und betäubte mein Ohr.« Er nahm den Becher aus Kims Hand und trank zeremoniös brühheißen Tee. Wäre ich frei von Leidenschaft gewesen, würde der Schlag nur körperliches Übel verursacht haben – eine Hautschürfung, eine Narbe – eine Täuschung. Aber mein Geist war nicht geläutert, und eine Lust drang plötzlich in ihn ein, die Spiti-Männer nicht vom Töten abzuhalten. In Bekämpfung dieser Lust ward meine Seele hin und her geworfen und gezerrt, schlimmer als tausend Schläge. Erst, nachdem ich den Segen wiederholt halte (er meinte die buddhistischen Segnungen), ward mir Ruhe. Aber das Böse, das mir durch die Sorglosigkeit eines Augenblicks eingepflanzt wurde, wirkt seinem Ende zu. Gerecht ist das Rad, weicht nicht um eines Haares Breite ab! Lerne die Lektion, Chela.«

»Sie ist zu hoch für mich,« murmelte Kim. »Ich bin noch immer ganz erschüttert. Es freut mich, daß ich den Mann verwundete.«

»Ich fühlte das, als ich auf Deinen Knien schlief, in dem Walde dort unten. Es beunruhigte mich in meinen Träumen – das Böse aus Deiner Seele war in meine übergegangen. Doch auf der andern Seite habe ich Verdienst erworben, indem ich zwei Leben rettete – das Leben derjenigen, die mir Unrecht taten. Nun will ich in die Ursache der Dinge sehen. Das Schiff meiner Seele schwankt.«

»Schlafe und werde wieder kräftig. Das ist das Weiseste.«

»Ich meditiere: es ist nötiger als Du weißt.«

Stunde auf Stunde, bis zum Morgendämmern, bis das Mondlicht auf den hohen Bergspitzen erbleichte, und das, was wie ein schwarzer Gürtel an den fernen Bergen erschienen, sich als ein Wald von zartem Grün erwies, starrte der Lama fest auf die Wand. Zuweilen stöhnte er. Außerhalb der verriegelten Tür, wo sich ausgetriebene Rinder vor ihrem früheren Stall sammelten, gaben sich die Leute von Shamlegh und die Kulis dem Raub in Saus und Braus hin. Der Ao-chung-Mann war ihr Anführer und nachdem sie die Konserven-Büchsen der Sahibs versucht und gut gefunden hatten, war kein Halten mehr. Die Kleider der Fremden endeten auf dem Kehrichthaufen von Shamlegh. –

Als Kim nach einer Nacht voll böser Träume in den Morgennebel hinaus trat, um seine Zähne zu bürsten, nahm eine Frau von heller Gesichtsfarbe, mit türkisenbesetztem Kopfschmuck, ihn beiseite und sprach:

»Die andern sind fort. Sie ließen Dir dies Zelt, wie sie versprochen. Ich habe nicht gern mit Sahibs zu tun, aber Du wirst uns zum Dank einen Zauber machen. Wir wollen nicht, daß Klein-Shamlegh einen schlechten Namen bekommt wegen des – Zufalls. Ich bin das Weib von Shamlegh.« Sie blickte ihn mit kühnen, glänzenden Augen an, nicht mit dem verstohlenen Blick einer Gebirglerin.

»Ganz sicher. Aber es muß im Geheimen geschehen.« Sie hob das schwere Zelt wie ein Spielzeug auf und warf es in ihre eigene Hütte.

»Hinaus und verriegele die Tür. Laß keinen nahe kommen, bis es getan ist.«

»Aber dann – werden wir miteinander reden?«

Kim kippte das Zelt auf dem Boden um; ein Wasserfall von Vermessungs-Instrumenten, Büchern, Tagebüchern, Briefen, Karten und sonderbar riechenden einheimischen Briefschaften schoß hervor. Zuletzt kam ein gestrickter Beutel, der ein versiegeltes, vergoldetes und bemaltes Dokument barg, wie ein König es dem ansendet. Kim hielt vor Freude den Atem an und betrachtete die Situation vom Standpunkt eines Sahibs.

»Die Bücher brauche ich nicht. Es sind Logarithmen, vermutlich Meßdienst betreffend.« Er legte sie zur Seite. »Die Briefe verstehe ich nicht, aber Oberst Creighton wird sie verstehen. Sie müssen alle aufbewahrt werden. Die Karten – sie zeichnen bessere Karten als ich – natürlich. Alle die einheimischen Briefe – oho! und besonders der Murasla.« Er schnüffelte an dem gestickten Beutel. »Der muß von Hilás oder Benár sein, und Hurree Babu hat wahr gesprochen. Donnerwetter! Das ist ein seiner Fund. Wollte, daß Hurree es wüßte … das übrige muß zum Fenster hinaus.« Er hielt einen prächtigen prismatischen Kompaß und die glänzende Spitze eines Theodolits in der Hand. Aber, immerhin, ein Sahib darf doch nicht stehlen, und die Sachen könnten später ein unangenehmer Beweis werden. Er suchte jedes Papierschnitzel, jede Karte und den Königsbrief zusammen und machte davon ein glattes Paket. Die drei Bücher mit Metallbeschlägen und fünf abgenutzte Taschenbücher legte er beiseite.

»Die Briefe und den Murasla muß ich unter meinem Rock und Gürtel tragen; die geschriebenen Bücher müssen in den Futterbeutel. Es wird sehr schwer werden. Hier ist nichts weiter; wenn noch etwas da war, so haben die Kulis es in das Khud (Chutu: Landschaft in Ost-Asien) geworfen. So wäre alles in Ordnung. Nun gehe Du hinterher.« Er packte alles, was er los sein wollte, wie ein Zelt zusammen und hob es auf die Fensterschwelle. Tausend Fuß tiefer lag eine lange, träge, rundschulterige Bank von Nebel, noch nicht von der Morgensonne berührt. Unter dieser ein Wald von hundertjährigen Föhren. Er konnte die grünen Baumspitzen, wenn ein Wirbelwind den Nebel teilte, wie ein Bett von Moos heraufschimmern sehen.

»Nein! Ich glaube nicht, daß jemand da hinterher steigt.« Der herumgewirbelte Korb spie seinen Inhalt aus. Der Theodolit schlug gegen eine vorstehende Klippe und zersplitterte wie Glas. Die Bücher, Tintenfässer, Tuschkasten, Kompasse und Lineale glichen einen Augenblick einem Bienenschwarm. Dann war alles verschwunden und ob auch Kim, halb aus dem Fenster gebogen, seine jungen Ohren anstrengte, kein Laut drang aus dem Abgrund herauf.

»Nicht für fünfhundert, nicht für tausend Rupien könnte man sie wieder kaufen,« dachte er betrübt. »Es ist sehr verschwenderisch, aber ich habe doch alles andere – alles, was sie gearbeitet haben – hoffe ich. Nun, wie zum Kuckuck, kann ich Hurree Babu benachrichtigen, und was zum Kuckuck soll ich tun? Und mein alter Mann ist krank. Die Briefe muß ich in Öltuch wickeln, sonst werden sie feucht. Das muß zuerst geschehen; und ich bin ganz allein!« Er machte ein neues Paket, preßte das steife Öltuch an den Ecken fest zusammen: sein Vagabundenleben hatte ihn so methodisch gemacht, wie einen alten Jäger – und packte mit besonderer Sorgfalt die Bücher in den Futtersack.

Die Frau rüttelte an der Tür.

»Du hast keinen Zauber gemacht?« fragte sie, umherblickend.

»Es ist nicht nötig.« Kim hatte die Notwendigkeit einer kleinen Plauderei vollständig vergessen. Die Frau lachte unehrerbietig über seine Verlegenheit.

»Nicht nötig – für Dich. Du kannst mit einem Wink Deines Auges einen Zauber machen. Aber denke an uns armes Volk, wenn Du fort bist. Sie waren in letzter Nacht alle zu betrunken, um auf eine Frau zu hören. Du bist nicht betrunken?«

»Ich bin ein Priester.« Kim hatte sich wieder gesammelt und die Frau, die nichts weniger als unschön war, verfolgte ihr Ziel weiter.

»Ich sagte es ihnen, die Sahibs würden wütend sein, würden dem Rajah Bericht geben und sie in Untersuchung bringen. Und der Babu ist auch bei ihnen, und Schreiber haben lange Zungen.«

»Ist das alles, was Dich beunruhigt?« Der Plan war schon fertig in Kims Kopf und er lächelte vergnügt.

»Nicht alles,« sagte die Frau, ihm die harte, braune Hand, die mit silbergefaßten Türkisen überladen war, entgegen streckend.

»Ich kann das in einem Augenblick ändern,« fuhr er rasch fort. »Der Babu ist derselbe Hakim (Du hast von ihm gehört?), der durch die Hügel bei Ziglaur wanderte. Ich kenne ihn.«

»Für Geld wird er alles verraten. Sahibs können nicht einen Gebirgler vom anderen unterscheiden, aber Babus haben Augen für Männer – und Weiber.«

»Bringe ihm ein Wort von mir.«

»Für Dich würde ich alles tun.«

Er nahm das Kompliment ruhig an, wie Männer es in einem Lande tun, wo Frauen den Hof machen, riß ein Blatt aus seinem Notizbuch und schrieb mit Bleistift in plumpem Shikast – der Schrift, die unartige, kleine Jungen brauchen, wenn sie Unsinn an die Wände schmieren: »Habe alles, was sie geschrieben, ihre Karten des Landes und viele Briefe. Besonders den Murasla. Sage mir, was ich tun soll. Ich bin zu Shamlegh unter dem Schnee. Der alle Mann ist krank.«

»Bringe ihm dies. Es wird ihm den Mund verschließen. Er Kann noch nicht weit fort sein.«

»Wahrlich, nein. Sie sind noch in dem Wald am Gebirgsvorsprung. Unsere Kinder haben sie dort bewacht, bis es hell wurde, und haben ihre Meldungen heraufgerufen, wenn sie weitergingen.« Kim war erstaunt. Von der Grenze der Weide her kam ein schriller, habichtähnlicher Triller. Ein Kind, das die Schafe hütete, hatte ihn von einem Bruder oder einer Schwester an der anderen Seite des Abhangs, der das Tal von Chini übersah, aufgenommen.

»Meine Gatten sind auch dort, um Holz zu sammeln.«

Sie zog eine Hand voll Wallnüsse aus ihrem Gewand, brach eine auf und begann zu essen. Kim heuchelte volle Unwissenheit.

»Kennst du nicht die Bedeutung der Wallnuß, Priester?« fragte sie schmeichelnd und reichte ihm die geteilten Schalen.

»Ein guter Gedanke!« Er schob das Stückchen Papier rasch zwischen beide. »Hast Du etwas Wachs, um sie über diesem Brief zusammen zu kleben?«

Die Frau seufzte laut und Kim lenkte ein.

»Es gibt erst einen Lohn, wenn der Dienst vollführt ist. Trage dies dem Babu hin und sage, der Sohn des Zaubers sende es.«

»Ai! wirklich, wirklich! Ein Zauberer, der aussieht wie ein Sahib.«

»Nein, Sohn des Zaubers! Und frage, ob Du eine Antwort bringen sollst.«

»Wenn er aber zudringlich wird? Ich – ich bin ängstlich.« Kim lachte. »Er ist, glaube ich, sehr müde und sehr hungrig. Die Berge machen kühle Bettgenossen. Hai, meine –« er halte es auf der Zunge, »Mutter» zu sagen, verwandelte es aber in »Schwester» – »Du bist eine Kluge und verständige Frau. Wissen jetzt wohl alle die Dörfer schon, was den Sahibs passiert ist – he?«

»Sicher. Um Mitternacht war die Neuigkeit in Ziglaur; morgen wird sie in Kotgarh sein. Beide Dörfer werden sich ärgern und fürchten.«

»Nicht nötig. Sage den Dörfern, sie sollen die Sahibs gut futtern und in Frieden ziehen lassen. Mir müssen sie möglichst still aus unseren Tälern fortschaffen. Stehlen ist eine Sache – morden eine andere. Der Babu wird mich verstehen, und es werden keine Klagen hinterher kommen. Sei flink. Ich muß meinen Meister pflegen, wenn er erwacht.«

»So sei es. Nach dem Dienst – sagtest Du? – kommt die Belohnung. Ich bin das Weib von Chamlegh, und ich werde von dem Rajah erhalten. Ich bin keine gewöhnliche Kinder-Gebärerin. Shamlegh ist Dein, Huf und Hörn und Haut, Milch und Butter. Wenn Du es nicht magst, laß es bleiben.«

Sie wandte sich entschlossen und begann, in den Morgen hineinzugehen, der fünfzehnhundert Fuß über ihnen aufglomm. Ihre silbernen Halsketten klirrten auf ihrer breiten Brust. Kim dachte nach, diesmal im Dialekt, wahrend er die Ecken des Öltuchs mit Wachs festklebte.

»Wie kann ein Mann dem Weg folgen oder dem Großen Spiel, wenn er immer von den Weibern verfolgt wird? Erst war es das Mädchen in Akrola bei der Furt, dann die Frau des Küchenjungen hinter dem Taubenschlag – die übrigen nicht zu zählen – und nun kommt diese hier! So lang ich ein Kind war, war das ganz gut, aber jetzt bin ich ein Mann, und sie wollen mich nicht als Mann betrachten. Wallnüsse, fürwahr! Ho! Ho! In den Ebenen sind es Mandeln!«

Er ging hinaus, um Almosen zu sammeln – nicht mit der Bettelschale, die war für dort unten gut – sondern wie ein Prinz. Shamleghs Sommer-Bevölkerung besteht aus drei Familien – vier Frauen und acht oder neun Männern. Sie waren sämtlich vollgestopft mit Büchsenfleisch und gemischten Getränken, vom Ammoniak-Chinin an bis zum weißen Wodka – denn sie hatten ihren vollen Anteil an dem Diebstahl gehabt. Die netten kontinentalen Zelte waren längst zerschnitten und geteilt, und Bratenpfannen aus Aluminium lagen umher.

Sie betrachteten die Gegenwart des Lamas als ein Schutzmittel gegen alle Konsequenzen und brachten, vollkommen unbußfertig, Kim von dem Besten, was sie noch hatten, bis hinab zu einem Trunk Chang, dem Gerstenbier, das von Ladakh kommt. Dann tauten sie im Sonnenschein auf und saßen, die Füße über unermeßliche Abgründe baumelnd, schwatzend und lachend und rauchend da. Sie beurteilten Indien und die Regierung nur nach dem, was sie von wandernden Sahibs, denen sie als Shikarris dienten, gehört hatten. Kim bekam Geschichten erzählt von angeschossenen Steinböcken, von Ringelhorn-Ziegen, von Sahibs (spätfliegende Fledermaus), die von Sahibs gejagt wurden, welche seit zwanzig Jahren in ihren Gräbern lagen – jede Geschichte gleichsam von rückwärts beleuchtet, wie Baumwipfel vom Blitz.

Sie erzählten ihm von ihren Krankheiten und, was wichtiger war, von den Krankheiten ihrer Kleinen, sicherfüßigen Rinder: von Kleinen Märschen bis Kotgarh, wo die fremden Missionare wohnen und selbst noch weiter bis nach dem wunderbaren Simla, wo die Straßen mit Silber gepflastert sind und jeder Dienst bekommen kann bei den Sahibs, die in zweirädrigen Wagen fahren und Geld mit Schaufeln austeilen. Bald gesellte der Lama, schwer und nachdenklich daher schreitend, sich zu den am Abhang schwatzenden Gruppen, die ihm breiten Raum gaben. Die dünne Luft erfrischte ihn. Er setzte sich zu ihnen, und sie warfen, wenn die Rede stockte, Steine in die Leere. Dreißig Meilen entfernt, wie der Adler fliegt, lag die nächste Bergkette, besäumt, durchzogen und punktiert mit kleinen Flecken von Gebüsch – die in der Tat Wälder waren von der Ausdehnung eines starken Tagesmarsches – und hinter dem Dorfe schnitt der Shamlegh selbst jede Aussicht südwärts ab. Man saß gleichsam in einem Schwalbennest unter dem Dachgiebel der Welt.

Von Zeit zu Zeit streckte der Lama seine Hand aus, und mit leise geflüsterten Sprüchen wies er auf den Weg nach Spiti und nordwärts über den Parungla.

»Dort wo die Hügel am dichtesten liegen, liegt Dech’en, (er meinte Han-lé) das große Kloster. s’Tag-stanras-ch’en erbaute es, und von ihm gibt es eine Sage.«

Und er erzählte sie, eine phantastische Geschichte, voll von Zauberei und Wundern, die Shamlegh in keuchendes Erstaunen setzte. Sich etwas westlich wendend, spähte er nach den grünen Hügeln von Kulu und suchte Kailung unter den Gletschern. »Denn von dort her kam ich in den alten, alten Tagen. Von Leh kam ich, über den Baralachi.«

»Ja, ja, wir kennen das,« rief das weit reisende Volk von Shamlegh.

»Und ich schlief zwei Nächte bei den Priestern von Kailung. Dies sind die Hügel meines Entzückens! Schatten, gesegnet über allen Schatten! Hier öffneten meine Augen sich für diese Welt. Dort fand ich Erleuchtung: und dort gürtete ich meine Lenden für die Suche. Aus den Hügeln kam ich – den hohen Hügeln und den starken Winden. Oh, gerecht ist das Rad!« Er segnete alle nach einander – die mächtigen Gletscher, die nackten Felsen, die gehäuften Moränen und Schieferberge. Er segnete trockenes Hochland und verborgenen Salzsee, uralte Bäume und fruchtbares, wasserdurchrieseltes Tal; und Kim staunte über seine Gemütserregung.

»Ja – ja. Unseren Hügeln gleicht nichts anderes,« rief das Volk von Shamlegh und fing an sich zu wundern, daß Menschen in den heißen, schrecklichen Ebenen lebten, wo die Rinder so groß wie Elefanten sind und nicht an den Bergkanten pflügen können; wo Dorf an Dorf stößt, hundert Meilen weit, wie sie gehört; wo die Leute gleich truppweise stehlen und was die Räuber übrig lassen, von der Polizei weggenommen wird.

So verstrich der stille Vormittag und als er endete, stieg Kims Botin von dem steilen Weidegrund herauf, so ruhigen Atems, wie beim Beginn des Marsches.

»Ich sandte dem Hakim eine Nachricht,« erklärte Kim, als sie ihre Verbeugung machte.

»Hat er sich den Götzendienern zugesellt? Nein – ich erinnere mich, er machte eine Heilung an einem von ihnen. Er hat Verdienst erworben, wenn auch der Geheilte seine Stärke auf Böses verwendete. Gerecht ist das Rad! Was von dem Hakim?«

»Ich fürchtete, daß Du Schaden genommen hättest, und – ich wußte, daß er weise ist.« Kim nahm die verklebten Wallnußschalen und las auf der Rückseite seines Briefes, englisch geschrieben, folgendes: »Geehrtes empfangen. Kann gegenwärtig nicht loskommen von gegenwärtiger Gesellschaft. Werde sie nach Simla bringen. Nachdem hoffe ich Dich einzuholen. Zwecklos, wütende Gentlemen weiter zu begleiten. Kehre auf demselben Wege zurück; werde Dich überholen. Hoch befriedigt über Korrespondenzen – meiner Voraussicht zu danken.« Er schreibt, Heiliger, er will den Götzendienern entwischen und zu uns zurückkehren. Sollen wir nun in Shamlegh ihn erwarten?«

Der Lama blickte lange und liebevoll auf die Berge und schüttelte sein Haupt.

»Das darf nicht sein, Chela. Ich wünsche es mit all meinen Knochen, aber es ist verboten. Ich habe das Wesen der Dinge geschaut.«

»Warum darf es nicht sein, da die Hügel Dir Tag auf Tag Deine Kräfte wieder geben? Bedenke, wir waren schwach und hinfällig dort unten in der Doon.«

»Ich bekam nur Kräfte, um Böses zu tun und zu vergessen. Ein Zänker und ein Renommist auf den Bergen war ich.« Kim verbiß ein Lächeln. »Gerecht und vollkommen ist das Rad und weicht nicht ein Haarbreit ab. Als ich ein Mann war – vor langer Zeit – pilgerte ich zu Guru Ch’wan unter den Pappeln, (er zeigte nach Bhotan zu) wo sie das Heilige Roß bewahren.«

»Stille, seid stille,« rief Shamlegh mit einer Stimme. »Er spricht von Jam-lin-nin-K’or, dem Roß, das in einem Tag rund um die Welt gehen kann.«

»Ich spreche nur zu meinem Chela,« sagte der Lama mit sanftem Vorwurf, und sie zerstreuten sich wie Reif auf südlichen Dachrinnen. »In jenen Tagen suchte ich nicht Wahrheit, sondern das Gerede des Dogmas. Alles Wahn! Ich trank das Bier und aß das Brot von Guru Ch’wan. Nächsten Tages sprach einer: »Wir ziehen aus zum Kampf gegen Sangor Gutok drunten im Tal, zu bestimmen, (siehe wieder, wie Begierde an Zorn gebunden ist!) welcher Abt im Tale herrschen und den Gewinn von den Gebetbüchern haben soll, die sie drucken in Sangor Gutok.« Ich ging – und wir fochten einen Tag.«

»Aber wie, Heiliger?«

»Mit unseren Federkasten, wie ich Dir zeigen könnte .. Ich sage, wir fochten unter den Pappeln, beide Aebte und alle Mönche, und einer spaltete mir die Stirn bis auf den Knochen. Sieh her!« Er schob den Hut zurück und zeigte eine zusammengeschrumpfte, silberige Narbe. »Gerecht und vollkommen ist das Rad! Gestern juckte die Narbe und nach fünfzig Jahren kam mir die Erinnerung, wie ich sie erhielt und an das Antlitz dessen, der mich verwundet hatte – ich verweilte ein wenig in Träumereien. Es folgte das, was Du sahest – Streit und Torheit. Gerecht ist das Rad! Des Götzendieners Schlag fiel auf die Narbe. Dann ward ich in meiner Seele erschüttert; meine Seele ward verdunkelt, und das Schiff meiner Seele schwankte auf den Wassern des Wahns. Nicht, bevor ich nach Shamlegh kam, konnte ich meditieren über den Grund der Dinge, oder erspüren die treibenden Graswurzeln des Bösen. Ich mühte mich die ganze lange Nacht.«

»Aber Heiliger, Du bist unschuldig an allem Bösen. Möge ich Dein Opfer sein!«

Kim war aufrichtig betrübt um des alten Mannes Kummer und unwillkürlich entschlüpfte ihm Mahbub Alis Phrase.

»Im Morgendämmern,« fuhr der Lama ernster fort und der Rosenkranz klapperte zwischen seinen Fingern, »kam mir Erleuchtung. Hier ist sie … ich bin ein alter Mann … in den Bergen geboren, in den Bergen aufgewachsen … soll ich nie wieder zwischen meinen Bergen niedersitzen. Drei Jahre wanderte ich durch Hind, aber – kann Erde stärker sein als Mutter Erde? Mein törichter Leib sehnte sich von drunten nach den Bergen oben und nach dem Schnee auf den Bergen. Ich sagte, und es ist wahr, meine Suche ist sicher. So wandte ich mich, durch mich selbst überredet, von dem Hause der Kulu-Frau bergwärts. Den Hakim trifft kein Tadel. Er – der Begierde folgend – sagte voraus, daß die Berge mich stark machen würden. Sie machten mich stark, um Böses zu tun und meiner zu vergessen. Ich ergötzte mich am Leben und an der Lust des Lebens. Ich begehrte steile Abhänge zu erklimmen, ich blickte umher, um solche zu finden. Ich maß die Stärke meines Körpers – welches Sünde ist – an den hohen Bergen. Ich spottete Deiner, als Dein Atem kurz wurde unter Jamnotri. Ich spöttelte, als Du das Gesicht abwandtest vom Schnee auf dem Paß.«

»Aber das war kein Unrecht. Ich fürchtete mich. Es war berechtigt. Ich bin kein Gebirgler; und ich liebte Dich noch mehr um Deiner neuen Stärke willen.«

»Mehr als einmal, ich erinnere mich,« er legte seine Wange kummervoll auf seine Hand, »haschte ich nach Deinem und des Hakims Lob für die bloße Kraft meiner Beine. So folgte Böses auf Böses, bis der Becher voll war. Gerecht ist das Rad. Drei Jahre hindurch erwies All-Hind mir alle Ehren – von dem Born der Weisheit in dem Wunderhause, bis« – er lächelte – »bis zu einem kleinen Kind, das bei der großen Kanone spielte. – Die Welt bereitete mir meine Straße. Und warum?«

»Weil wir Dich liebten. Es ist nur das Fieber von der Aufregung. Ich selbst bin noch krank und angegriffen.«

»Nein! Es ist, weil ich auf dem Weg war – gestimmt gleich einer Cymbel auf den Willen des Gesetzes – und abwich von der Satzung. Der Ton ward gebrochen: folgte die Strafe. In meinen eigenen Bergen, an der Grenze meines eigenen Landes, auf der Stelle selbst meiner bösen Begierde kommt der Schlag – hier!« (Er berührte seine Stirn.) »Wie ein Novize geschlagen wird, wenn er die Becher nicht richtig stellt, so bin ich geschlagen, der ich Abt von Such-zen war. Kein Wort, siehst Du, aber ein Schlag, Chela.«

»Aber die Sahibs wußten nicht, wer Du warst, Heiliger!«

»Wir paßten gut zusammen. Unwissenheit und Begierde eint sich mit Unwissenheit und Begierde und erzeugt wurde Zorn. Der Schlag war mir, der ich nicht besser bin als ein umherschweifender Yak, ein Zeichen, daß mein Platz nicht hier ist. Wer die Ursache einer Handlung lesen kann, ist halbwegs zur Freiheit!

»Zurück auf den Pfad,« sagt der Schlag. »Die Berge sind nicht für Dich. Du kannst nicht Freiheit wählen und in Knechtschaft der Begierde des Lebens liegen.«

»Hätten wir doch nie den dreimal verfluchten Russen getroffen!«

»Unser Herr selbst kann das Rad nicht rückwärts drehen. Und für das Verdienst, das ich erworben hatte, wird mir jetzt noch ein Zeichen.« Er griff mit der Hand unter sein Gewand auf der Brust und zog das Rad des Lebens hervor. »Sieh her! Ich betrachtete dieses, nachdem ich meditiert halte. Nicht mehr als meines Fingernagels Breite blieb unzerrissen durch den Götzendiener.«

»Ich sehe.«

»So groß denn ist die Spanne meines Lebens in diesem Körper. Ich habe dem Rad gedient in all meinen Tagen. Jetzt dient das Rad mir. Ohne das Verdienst, das ich erwarb, indem ich Dich auf den Weg leitete, würde mir jetzt noch ein anderes Leben auferlegt sein, bevor ich meinen Strom gefunden hätte. Ist es klar, Chela?«

Kim starrte auf die schmählich zerstörte Karte. Der Riß ging in der Diagonale von links nach rechts; ging vom Elften Hause, wo Wunsch dem Kind Entstehung gibt (so wird es von den Tibetanern gezeichnet) hinüber durch die Menschen- und die Tierwelt, bis zum Fünften Hause, dem leeren Haus der Sinne. Die Logik war unwiderlegbar.

»Bevor Unser Herr Erleuchtung gewann,« der Lama faltete mit Ehrfurcht alles wieder zusammen, »nahte Ihm die Versuchung. Auch mir nahte die Versuchung, aber es ist vorüber. Der Pfeil fiel in den Ebenen – nicht in den Bergen. Deshalb: was machen wir hier?«

»Sollen wir nicht wenigstens auf den Hakim warten?«

»Ich weiß, wie lange ich lebe in diesem Körper. Was kann ein Hakim tun?«

»Aber Du bist ganz krank und erschüttert. Du kannst nicht gehen.«

»Wie kann ich krank sein, wenn ich Freiheit sehe?« Er richtete sich unsicher auf die Füße.

»Erst muß ich Speise aus dem Dorfe holen. Oh, der mühselige Weg!« Kim fühlte, daß er auch der Ruhe bedurfte.

»Das ist nach dem Gesetz. Laß uns essen und gehen. Der Pfeil fiel in den Ebenen … aber ich gab der Begierde nach. Mach Dich bereit, Chela.«

Kim wandte sich zu der Frau mit dem Türkisenkopfschmuck, die müßig Steinchen über die Klippe warf. Sie lächelte ihm freundlich zu.

»Ich fand ihn, wie einen verirrten Büffel im Kornfeld – den Babu; niesend und schnaufend. Er war so hungrig, daß er seine Würde vergaß und mir schöne Worte machte. Die Sahibs haben nichts.« Sie streckte die leere Hand aus. »Einer hat arge Brustschmerzen. Dein Werk?«

Kim nickte mit strahlendem Auge.

»Zuerst sprach ich zu dem Bengalen, später zu den Leuten eines nahe liegenden Dorfes. Die Sahibs werden die Nahrung, die sie bedürfen, erhalten und die Leute werden kein Geld fordern. Der Raub ist schon verteilt. Der Babu lügt den Sahibs etwas vor. Warum bleibt er bei ihnen?«

»Weil er ein großmütiges Herz hat.«

»Nie hat ein Bengale ein Herz größer als eine getrocknete Wallnuß gehabt. Aber das ist nicht wichtig … nun, was die Wallnüsse anbetrifft – nach dem Dienst kommt die Belohnung. Ich sagte es, das Dorf ist Dein.«

»Schade für mich,« begann Kim. »Ich hatte es mir so schön gedacht – (wozu die Schmeicheleien, die für die Gelegenheit paßten, anführen?) Er seufzte tief … »Aber mein Meister, durch eine Vision geleitet –«

»Huh! Alle Augen sehen nur nach der gefüllten Bettelschale.«

»– wendet sich von diesem Dorfe wieder den Ebenen zu.«

»Befiehl ihm zu bleiben.«

Kim schüttelte den Kopf. »Ich kenne meinen Heiligen und seinen Zorn, wenn man ihm widersteht,« sprach Kim nachdrucksvoll. »Seine Flüche machen die Berge beben.«

»Schade, daß sie ihn nicht schützen konnten, als man ihm den Kopf zerschlug! Ich hörte, Du wärest der Tigerherzige, der den Sahib niederstreckte. Laß den alten Mann noch ein wenig weiter träumen. Bleibe!«

»Bergfrau,« sagte Kim mit Strenge, die jedoch das weiche Oval seines jungen Gesichts nicht härter machte, »diese Dinge sind zu hoch für Dich.«

»Die Götter mögen uns gnädig sein! Seit wann sind Männer und Weiber etwas anderes als Männer und Weiber?«

»Ein Priester ist ein Priester. Er sagt, er will in dieser Stunde gehen. Ich bin sein Chela und ich gehe mit ihm. Wir haben Speise für die Reise nötig. Er ist in allen Dörfern ein geehrter Gast, aber« – er lächelte kindlich – »das Essen hier ist gut. Gib mir etwas.«

»Und wenn ich Dir nichts gebe? Ich bin das Weib von Shamlegh.«

»Dann verwünsche ich Dich – ein wenig – nicht viel – aber genug, daß Du daran denkest.« Er mußte wieder lächeln.

»Du hast mich schon verwünscht durch Deinen Augenniederschlag und das emporgerichtete Kinn. Verwünschungen? Was kümmern mich Worte?« Sie preßte die Hände auf den Busen. »Aber ich will nicht, daß Du im Unwillen von mir gehst und schlecht von mir denkst, als wäre ich eine Gras- und Kuhdung-Sammlerin, und nicht eine Frau von Wert.«

»Ich denke nichts,« sagte Kim, »als daß ich traurig bin, weil ich fort muß und daß ich müde und hungrig bin. Hier ist der Beutel.«

Die Frau entriß ihm zornig den Beutel. »Ich war eine Närrin,« rief sie. »Wer ist Deine Frau in den Ebenen? Ist sie blond oder schwarz? Einst war ich schön. Lachst Du? Einst, vor langer Zeit, glaubst Du mir nicht? sah ein Sahib mich günstig an. Einst, vor langer Zeit, trug ich europäische Kleider in dem Missions-Haus dorten.« Sie wies nach Kotgarh hin. »Einst, vor langer Zeit, war ich Ker-lis-ti-an und sprach englisch wie die Sahibs sprechen. Ja. Mein Sahib sagte, er würde zurückkehren und mich freien – ja, freien. Er ging fort – ich hatte ihn gepflegt, als er krank war – aber er kehrte nie zurück. Da sah ich, daß die Götter der Kerlistis lügen und ich ging wieder zu meinem eignen Volk… Seitdem habe ich keinen Sahib wieder angesehen. (Lache nicht über mich. Der Anfall ist vorüber, kleines Priesterchen.) Dein Gesicht und Dein Gang und Deine Rede erinnerte mich an meinen Sahib, obwohl Du nur ein wandernder Bettler bist, dem ich ein Almosen reiche. Mich verfluchen? Du kannst weder verfluchen noch segnen!« Sie legte die Finger an die Lippen und lachte bitter. »Deine Götter sind Lügen: Deine Taten sind Lügen: Deine Worte sind Lügen. Es sind keine Götter in all den Himmeln. Ich weiß es. Einen Augenblick wähnte ich, mein Sahib wäre zurückgekommen, und er war mein Gott. Ja, einst spielte ich auf dem Piano in dem Missions-Haus zu Kotgarh. Jetzt gebe ich Almosen – Priestern, die Heiden sind.« Sie sprach nicht weiter englisch und band den übervollen Beutel zu.

»Ich warte auf Dich, Chela,« sprach der Lama, der an dem Türpfosten lehnte.

Die Frau überflog mit den Augen die hohe Gestalt. »Er gehen! Er kommt keine halbe Meile weit. Wohin sollen alle Knochen wandern?«

Kim, bestürzt durch das verfallene Aussehen des Lamas, und den gewichtigen Umfang des Beutels, verlor die Fassung.

»Was geht es Dich an, Weib von bösem Wunsch, wie weit er kommt?«

»Nichts – eher Dich etwas, Priester mit dem Sahib-Gesicht. Willst Du ihn auf Deinen Schultern tragen?«

»Ich gehe in die Ebenen. Niemand darf mich am Rückweg hindern. Ich habe gerungen mit meiner Seele, bis ich kraftlos war. Mein törichter Leib ist verbraucht, und wir sind noch fern von den Ebenen.«

»Schau hin!« sagte sie einfach und trat zurück, damit Kim seine gänzliche Hilflosigkeit erblicke. »Verfluche mich. Vielleicht gibt ihm das Kraft zurück. Mach einen Zauber! Ruf Deinen großen Gott an. Du bist ein Priester.«

So wandte sie sich ab.

Der Lama hatte sich schlaff niedergesetzt, seine Hände hielten sich an dem Türpfosten. Ein alter Mann erholt sich nicht so leicht wie ein Knabe von solcher Erschütterung. Die Schwäche beugte ihn zur Erde, aber die Augen, die auf Kim ruhten, blickten lebendig und flehend.

»Es wird alles gut werden,« fügte Kim. »Die dünne Luft greift Dich an. Bald gehen wir. Es ist die Bergkrankheit. Auch ich bin etwas Krank in der Brust» … er kniete nieder und tröstete ihn mit kindlichen Worten, wie sie ihm auf die Lippen kamen. Die Frau trat wieder ein und, straff aufgerichtet, sprach sie:

»Deine Götter können nicht helfen? Versuche meine! Ich bin das Weib von Shamlegh.« Sie ließ einen heiseren Ruf hören und herbei kamen aus einem Kuh-Gehege ihre beiden Gatten und zwei andere Männer, mit einer Dooli, der rohen einheimischen Tragbahre der Hügel, die gebraucht wird, um Kranke zu transportieren und um Staatsvisiten zu machen. »Dieses Rindvieh ist Dein,« sie ließ sich nicht einmal herab, die Männer anzusehen, »so lange Du ihrer bedarfst.«

»Mir wollen aber nicht den Simla-Weg gehen,« rief der Gatte Nr. 1. »Wir wollen den Sahibs nicht nahe kommen.«

»Sie werden nicht fortlaufen, wie die anderen taten, auch kein Gepäck stehlen. Zwei von ihnen sind Schwächlinge. Faßt die Deichselstangen an, Sonoo und Taree.« Sie gehorchten rasch. »Niedriger! Und hebt den alten Mann hinauf. Ich will auf das Dorf und auf Euere tugendhaften Weiber acht geben, bis Ihr wiederkommt.«

»Wann wird das sein?«

»Fragt die Priester. Belästigt mich nicht. Bindet den Futterbeutel unten an, er behält so besseres Gleichgewicht.«

»O, Heiliger!« rief Kim beruhigter, als der Lama nach der Tragbahre schwankte. »Deine Berge sind gütiger als unsere Ebenen. Es ist ein wahres Königsbett, ein Platz der Ehre und Ruhe. Und wir danken es der –«

»Frau vom bösen Wunsch. Ich brauche Deine Segnungen so wenig wie Deine Verwünschungen. Es ist mein Befehl, nicht Deiner. Hebt auf und fort! Bleibe! Hast Du Geld für die Reise?«

Sie winkte Kim nach ihrer Hütte und bückte sich nach einer abgenutzten englischen Schatulle unter ihrer Bettstatt.

»Ich brauche nichts,« sprach Kim, ärgerlich, wo er hätte dankbar sein sollen. »Ich bin schon überladen mit Deinen Gunstbezeigungen.«

Sie blickte mit sonderbarem Lächeln auf ihn und legte eine Hand auf seine Schulter. »Danke mir wenigstens. Ich bin häßlich und eine Bergfrau, aber, wie Deine Rede geht: ich habe Verdienst erworben. Soll ich Dir zeigen, wie die Sahibs danken?« Und ihre harten Augen wurden weicher.

»Ich bin nur ein wandernder Priester,« sagte Kim und seine Augen antworteten den ihrigen. »Du bedarfst weder meines Segens noch meines Fluches.«

»Nein. Aber warte einen Augenblick. – Du kannst die Dooli mit zehn Schritten überholen – wenn Du ein Sahib wärest – soll ich Dir zeigen, was Du dann tun würdest?«

»Wie, wenn ich es errate?« sagte Kim, und sie mit dem Arm umfassend. küßte er ihre Wange und fügte auf englisch hinzu: »Ich danke Dir sehr, meine Liebe.« Küssen ist den Asiaten tatsächlich unbekannt; das mag der Grund sein, daß sie sich mit weit offenen, erschreckten Augen rückwärts beugte.

»Das nächste Mal,« fuhr Kim fort, »mußt Du Deinen Heiden-Priestern gegenüber nicht so sicher sein. Nun muß ich Abschied nehmen.« Er hielt, nach europäischer Art, seine Hand hin. Sie ergriff sie mechanisch. »Leb wohl, meine Liebe.«

»Leb wohl, und – und –« Wort auf Wort kam ihr das Englisch wieder – »und wirst Du wiederkommen? Leb wohl, und – der Gott segne Dich.«

Eine halbe Stunde später, als die knarrende Bahre den Hügelpfad, der südöstlich von Shamlegh abweicht, aufwärts rüttelte, erblickte Kim vor der Hüttentür eine kleine Gestalt, die mit einem weißen Lappen wehte.

»Sie hat vor allen anderen Verdienst erworben,« sprach der Lama. »Denn einem Manne auf den Weg zur Freiheit zu helfen, ist fast so viel, als hätte sie selbst ihn gefunden.«

»Hm!« machte Kim, an das Geschehene denkend.

»Mag sein, daß auch ich Verdienst erworben habe … wenigstens hat sie mich nicht wie ein Kind behandelt.«

Er hakte sein Gewand fest, wo er die Karten und Dokumente bewahrte, schnallte den Futtersack fester, legte die Hand auf den Rand der Bahre und krümmte sich nieder zu dem langsamen Schritt der knurrenden Ehemänner.

»Diese auch erwerben Verdienst,« sprach der Lama, nach einigen Meilen.

»Mehr noch, sie werden in Silber bezahlt,« meinte Kim. Das Weib von Shamlegh hatte es ihm gegeben; und es war in der Ordnung, folgerte er, daß ihre Männer es zurückverdienten.

Kapitel 15.

Kapitel 15.

Zweihundert Meilen nördlich von Chini, an der blauen Schiefergrenze von Ladakh, finden wir Yankling Sahib, den lustigen Mann, wütend durch ein Fernglas in die Berge spähend nach einer Spur von seinem Lieblingsträger, einem Mann aus Aochung. Aber dieser Überläufer, mit einer neuen Mannlicher Flinte und zweihundert Patronen, treibt sich irgendwo herum und schießt Moschustiere für den Markt; und in nächster Saison wird Yankling Sahib hören, wie schwer krank er gelegen hat.

Über die Täler von Bushahr – die weitsichtigen Adler der Himalayas schwärmen ab vor seinem weiß und blau gestreiften Sonnenschirm – eilt ein Bengale, einst fett und wohl aussehend, jetzt mager und erschöpft. Er hat den Dank zweier distinguierten Fremden empfangen, die er nicht ungeschickt nach dem Tunnel von Mashobra, der zu der großen und heiteren Hauptstadt Indiens führt, gelotset hat. Es war nicht seine Schuld, daß, durch feuchte Nebel am Sehen verhindert, er sie an der Telegraphen-Station und der europäischen Kolonie von Kotgarh vorbei geführt hatte. Es war nicht seine Schuld, sondern die der Götter, von welchen er so fesselnd erzählte, daß er sie über die Grenze von Nahan befördert hatte und daß der Rajah dieses Staates sie für desertierte englische Soldateska hielt. Hurree Babu sprach so lange von der Größe und dem Ruhm seiner Begleiter in ihrem eigenen Lande, bis das einfältige Königlein gnädig lächelte. Er redete in gleicher Weise zu jedem der fragte – oftmals – laut – und mit Variationen. Er bat um Speise, sorgte für Unterkunft, erwies sich als geschickter Arzt bei einer Rippenverletzung, wie sie durch Hinabrollen an einer steinigen Hügelseite entstehen kann, kurz, machte sich in jeder Beziehung unentbehrlich. Der Beweggrund seiner edelmütigen Handlung gereichte ihm zur Ehre. Gleich Millionen von Mit-Sklaven betrachtete er Rußland als den großen Befreier im Norden. Er war ein furchtsamer Mann. Er hatte gefürchtet, seine erlauchten Dienstherren nicht schützen zu können vor dem Haß einer aufgeregten Landbevölkerung. Ihm selbst war es ziemlich gleichgültig, ob ein heiliger Mann geschlagen würde oder nicht, aber … er war sehr dankbar und aufrichtig erfreut, getan zu haben, was in seinen schwachen Kräften stand, um ihr Abenteuer – abgerechnet den Verlust ihrer Bagage – zu einem erfolgreichen Ende zu führen. Die Schläge hatte er vergessen, behauptete, es wären gar keine Schläge ausgeteilt in der unheilvollen ersten Nacht unter den Föhren. Er forderte weder rückständigen Lohn noch Kostgeld; aber wenn sie ihn dessen würdig hielten, würden sie ihm ein Zeugnis schreiben? Es könnte ihm später nützlich sein, wenn andere, ihre Freunde, über die Pässe kämen. Er bat sie, seiner in ihrer künftigen Größe zu gedenken, denn er »meinte untertänigst«, daß auch er, Mohendro Lal Dutt, M. A. (Mitglied der militärischen Akademie) von Calcutta, dem Staate einen kleinen Dienst erwiesen hatte.

Sie schrieben ihm ein Zeugnis, lobten seine Höflichkeit, Hilfsbereitschaft und seine nie fehlende Sicherheit als Führer. Er schob es in seinen Gürtel und schluchzte vor Rührung – sie hatten so manche Gefahr zusammen bestanden. – Zur heißen Nachmittagszeit führte er sie durch die überfüllte Hauptstraße Simlas zur Vereinsbank von Simla, wo sie sich identifizieren wollten, und verschwand dann, wie eine Dämmerungswolke über Jakko.

Seht ihn dort – zu dünn geworden, um zu schwitzen, zu eilig, um die Medikamente in seinem kleinen messingbeschlagenen Koffer anzubieten, den Abhang von Shamlegh erklimmen – ein rechtschaffener, fehlerloser Mann. Seht ihn, alles Babutum abgelegt, am Nachmittag auf einem Bett rauchend, während eine Frau mit türkisenbeschlagener Kopfzier südwärts zeigt über das schäbige Grasland. »Tragbahren,« sagt sie, »gehen nicht so schnell wie ein unbeladener Mann, aber seine Vögel könnten doch jetzt schon in der Ebene sein. Der heilige Mann hatte nicht bleiben wollen, obgleich Lispeth ihn gebeten.« Der Babu stöhnt tief, gürtet seine Lenden und geht wieder fort. Er liebt es nicht, nach Dunkelwerden zu wandern; seine Tagesmärsche aber – es ist niemand da, um sie in ein Buch einzutragen – würden Leute, die seine Rasse verspotten, in Erstaunen setzen. Freundliche Dorfleute, die sich des Arznei-Verkäufers von Dacca erinnern, geben ihm Schutz gegen die bösen Geister der Wälder. Er träumt von den Göttern Bengalens, von Universitäts-Lehrbüchern und der Akademie der Wissenschaften in London, England. In der Morgendämmerung geht der auf- und abhüpfende, blau und weiße Sonnenschirm weiter.

An der Grenze der Doon, Mussoovie weit hinten und die Ebene in goldenem Staub im Vordergrund, hält eine abgenutzte Tragbahre, auf der – alle Berge wissen es – ein kranker Lama ruht, der einen Fluß zu seiner Heilung sucht. Dörfer haben sich fast geschlagen um die Ehre, die Bahre zu tragen, denn nicht nur hat der Lama ihnen Segnungen gegeben, sondern sein Schüler auch gutes Geld – voll ein Drittel von Sahibs-Preisen. Zwölf Meilen täglich hat die Dooli gemacht, die fettigen, abgeriebenen Deichselstangen zeigen es, und auf von Sahibs selten benutzten Wegen.

Über den Nilang-Paß im Sturm, wo der treibende Schneestaub jede Falte im Gewande des unbewegten Lamas füllte; zwischen den schwarzen Hörnern des Raieng, wo sie das Pfeifen der wilden Ziegen durch die Wolken hörten, in ermüdendem Gleiten auf schiefrigem Grunde, eingeklemmt zwischen Schulter und Kiefer in den gefährlichen Windungen der gesprengten Straße unterhalb Bhagirati, schwankend und knarrend im langsamen Trott bergab in das Tal der Wasser – eilig hin über die dampfenden Ebenen dieses eingeschlossenen Tales – aufwärts wieder und hinaus, den brüllenden Sturzbächen von Kedarnath entgegen; um die Mittagszeit niedergestellt im schattigen Dunkel mitleidiger Eichenwälder, von Dorf zu Dorf in der Dämmerungskühle (wenn selbst Frommen es nicht zu verübeln ist, daß sie über ungeduldige, heilige Männer fluchen) oder bei Fackellicht, wo selbst die Furchtlosesten an Geister denken – so erreichte die Dooli endlich ihre letzte Station. Die kleinen Gebirgler schwitzen in der mäßigeren Hitze der niedrigeren Sewaliks und sammeln sich um die Priester, um ihren Segen und ihre Bezahlung zu erhalten.

»Ihr habt Verdienst erworben,« sprach der Lama. »Verdienst, größer als Ihr wißt, und, Ihr kehrt zurück zu den Bergen.« Er seufzte.

»Sicher. Nach den hohen Bergen, so bald als möglich.« Die Träger reiben sich die Schultern, trinken Wasser, speien es wieder aus und binden ihre Strohsandalen fest. Kim – sein Gesicht sieht müde und erschöpft aus – zahlt mit kleinem Silbergeld aus seinem Gürtel, hebt den schweren Futterkorb von der Bahre, zwängt ein Oeltuch-Paket – es sind heilige Schriften – unter sein Brustgewand und hilft dem Lama auf die Füße. Frieden ist wieder in den Augen des alten Mannes; er fürchtet nicht mehr, daß die Berge niederstürzen und ihn zerschmettern, wie in der schrecklichen Nacht, als der überflutete Strom sie zurückhielt.

Die Männer heben das Dooli auf und entschwinden dem Blick zwischen den Haufen von Gestrüpp.

Der Lama hebt die Hand gegen den Wall der Himalayas.

»Nicht unter euch, o Gesegnete unter allen Bergen, fiel der Pfeil Unseres Herrn! Und niemals wieder werde ich euere Luft atmen!«

»Aber Du bist zehnmal stärker in dieser guten Luft,« sagte Kim und seiner müden Seele tat der Anblick der ährenreichen, sanften Ebene wohl. »Hier, oder hier herum fiel der Pfeil, ja. Wir wollen sehr langsam gehen, vielleicht ein Kos den Tag, denn die Suche ist sicher. Aber der Sack wiegt schwer.«

»Ah! Unsere Suche ist sicher. Ich bin aus großer Versuchung hervorgegangen.«

Sie wanderten jetzt nur einige Meilen täglich und Kims Schultern trugen die ganze Last – das Gewicht eines alten Mannes, das Gewicht des schweren Speisekorbes mit den geschlossenen Büchern, die Last der Schriften aus seiner Brust und die der Tagebücher. Er bettelte, wenn die Dämmerung kam, legte die Decken für des Lamas Meditation, hielt das müde Haupt auf seinem Schoß während der Nachmittags-Hitze, wehrte ihm die Fliegen ab, bis ihn der Nacken schmerzte, bettelte wieder am Abend und rieb des Lamas Füße, der ihm lohnte mit Versprechung, von Freiheit – für heute – morgen – oder spätestens den folgenden Tag.

»Nie gab es solch einen Chela! Ich zweifle zuweilen, daß Ananda treuer sorgte für Unsern Herrn. Und Du bist ein Sahib? Als ich ein Mann war – vor langer Zeit – vergaß ich das. Jetzt blicke ich oft auf Dich und jedesmal erinnere ich mich, daß Du ein Sahib bist. Es ist sonderbar.«

»Du hast gesagt, es ist weder schwarz noch weiß. Was quälst Du mich mit solcher Rede, Heiliger? Laß mich den andern Fuß reiben. Es reizt mich. Ich bin kein Sahib. Ich bin Dein Chela und mein Kopf ist schwer auf meinen Schultern.«

»Noch ein wenig Geduld. Wir erreichen Freiheit zusammen. Dann werde ich und Du, auf dem fernen Ufer des Stromes, zurückblicken auf unser Leben, wie wir in den Bergen unseren Tagesmarsch hinter uns ausgebreitet erblickten. Vielleicht war auch ich einmal ein Sahib.«

»War nie ein Sahib gleich Dir, ich schwöre es.«

»Ich bin sicher, der Hüter der Bildnisse in dem Wunderhaus war in vergangenem Leben ein sehr weiser Abt. Aber selbst seine Brille macht meine Augen nicht sehend. Es fallen Schatten, wenn ich scharf sehen möchte. Tut nichts – wir kennen die Listen des armen törichten Leichnams – Schatten, die sich wieder in Schatten wandeln. Ich bin gefesselt durch die Täuschung von Zeit und Raum. Wie weit kamen wir heute im Fleisch?«

»Vielleicht ein halbes Kos.« (Dreiviertel Meile.) »Und es war ein mühseliger Marsch.«

»Eine halbe Meile? Ha! Ich wanderte zehntausend Tausend im Geiste. Wie wir alle eingebunden und eingewickelt und eingeschlossen sind in diesen sinnlosen Dingen.« Er sah auf seine abgezehrte, blaugeaderte Hand, die die Perlen so schwer fand.

»Chela, hast Du nie den Wunsch mich zu verlassen?«

Kim dachte an das Öltuch-Paket und die Bücher im Speisekorb. Wenn ein ordnungsmäßig Vorgesetzter ihn von diesen befreien könnte, möchte seinetwegen das Große Spiel sich selbst spielen, ihn würde es nicht kümmern. Sein Kopf war heiß und müde und ein Husten, der aus der Brust kam, quälte ihn.

»Nein,« antwortete er fast finster. »Ich bin weder ein Hund noch eine Schlange, daß ich beiße, wo ich gelernt habe zu lieben.«

»Du bist zu zart für mich.«

»Auch das nicht. Doch habe ich in einer Angelegenheit, ohne Dich zu fragen, gehandelt. Ich habe durch das Weib, das uns heute Morgen die Ziegenmilch gab, eine Botschaft an die Kulu-Frau gesendet, daß Du ein wenig schwach wärest und einer Tragbahre bedürftest. Ich machte mir Vorwürfe im Geist, daß ich es nicht gleich tat, als wir in die Ebene kamen. Wir wollen hier bleiben, bis die Tragbahre kommt.«

»Ich bin es zufrieden. Sie ist eine Frau mit einem Herzen von Gold, wie Du sagst, aber eine Schwätzerin – etwas von einer Schwätzerin.«

»Sie wird Dich nicht ermüden. Ich habe dafür gesorgt, Heiliger; mein Herz ist sehr schwer wegen so mancher Unachtsamkeit gegen Dich.« Ein hysterisches Zucken stieg in seine Kehle. »Ich habe Dich zu viel gehen lassen; ich habe nicht immer gute Nahrung für Dich gebracht. Ich habe die Hitze nicht beachtet; ich habe mit den Leuten auf der Straße geredet und Dich allein gelassen. Ich habe – ich habe … Hai mai! Aber ich liebe Dich … und es ist nun alles zu spät … ich war ein Kind. Oh, warum war ich nicht ein Mann!« …

Überwältigt von Anstrengung, Müdigkeit und der für seine Jugend zu schweren Last, brach Kim zu des Lamas Füßen schluchzend zusammen.

»Welche Torheit,« sprach sanft der alte Mann. »Nie bist Du eines Haares Breite abgewichen vom Wege des Gehorsams. Mich vernachlässigt? Kind, ich habe von Deiner Kraft gelebt, wie ein alter Baum von dem Kalk einer neuen Mauer. Tag, auf Tag, seit wir von Shamlegh niederstiegen, habe ich Starke von Dir gestohlen. Dadurch, nicht durch Deine Sünde, bist Du schwach geworden. Es ist der Körper – der dumme, törichte Körper – der jetzt spricht. Nicht die sichere Seele. Tröste Dich! Erkenne wenigstens die Teufel, gegen die Du kämpfest. Sie sind erdgeboren – Kinder des Wahns. Wir wollen zu der Frau von Kulu gehen. Sie mag Verdienst erwerben, indem sie uns Obdach gibt und besonders mich pflegt. Du sollst frei umhergehen, bis Deine Kräfte wiederkehren. Ich hatte den törichten Leib vergessen. Wenn einer zu tadeln ist, bin ich es. Aber wir sind zu nahe den Pforten der Erlösung, um Unrecht abzuwägen. Ich müßte Dich loben, aber wozu? In kurzer Zeit – in sehr kurzer Zeit – werden wir über allem ›Wozu‹ sein.«

Und er liebkoste und tröstete Kim mit weisen Sprüchen und Textstellen, mit Bezug auf das Kleine, wenig verstandene Tier, unseren Körper, der, nur eine Täuschung – dennoch sich aufspielen will als die Seele – uns so den Weg verdunkelnd, und eine Unzahl unnützer Teufel herauf beschwörend.

»Hai! Hai! Laß uns von der Kulu-Frau sprechen. Meinst Du, sie wird einen neuen Zauber für ihre Enkel verlangen? Als ich ein junger Mann war, vor sehr langer Zeit, war ich von solchen und anderen Künsten geplagt, und ich ging zu einem Abte – einem sehr weisen Mann, und einem Sucher nach Wahrheit: nur wußte ich das damals nicht. Richte Dich auf und höre, Kind meiner Seele! Ich erzählte meine Geschichte. Sprach er zu mir: »Chela, wisse dies! Es gibt viele Lügen in der Welt und nicht wenige Lügner; aber kein Lügner ist so schlimm wie unser Körper; nur in seinen Empfindungen ist er wahr.« Dies erwägend, fühlte ich mich beruhigt. Und in seiner großen Güte erlaubte er mir, Tee in seiner Gegenwart zu trinken. Erlaube Du mir jetzt Tee zu trinken, denn ich bin durstig.«

Mit Lachen unter Tränen küßte Kim dem Lama die Füße und bereitete den Tee.

»Du stützest Dich auf mich, Heiliger, mit dem Körper; ich aber stütze mich auf Dich mit etwas anderem. Weißt Du es?«

»Mag sein, ich habe es erraten,« sagte der Lama schelmisch. »Wir müssen das ändern.« –

Mit Stoßen und Knarren und sehr wichtig tuend, kam nichts Geringeres angewackelt als der Lieblings-Palankin der Sahiba, zwanzig Meilen weit dem Lama entgegengesandt, in Obhut des graubärtigen alten Oorya-Dieners; und als sie alle zusammen die unordentliche Ordnung des weißen, lärmvollen Hauses hinter Saharunpore endlich erreicht hatten, traf der Lama seine Maßregeln.

Sprach die Sahiba von einem oberen Fenster herab, nach vorausgeschickten Komplimenten, freundlich: »Was nützt es, daß eine alte Frau einem alten Manne Ratschläge gibt? Ich sagte Dir – ich sagte Dir, Heiliger, Du müßtest ein Auge auf Deinen Chela haben! Wie hast Du es getan? Verantworte Dich nicht! Ich weiß Bescheid. Er ist den Weibern nachgelaufen. Sieh seine Augen an – hohl und eingesunken – und die verräterische Linie von der Nase abwärts! Er ist ausgesogen! Pfui! Pfui! Und noch dazu ein Priester!«

Kim blickte auf, zu ermüdet um zu lächeln, und schüttelte verneinend den Kopf.

»Scherze nicht,« sprach der Lama, » die Zeit ist vorüber. Wir sind hier wegen großer Bedrängnis. Eine Krankheit der Seele ergriff mich in den Bergen und ihn eine Krankheit des Leibes. Seit der Zeit habe ich von seiner Kraft gelebt – ich habe ihn aufgegessen.«

»Kinder alle beide – jung wie alt,« schnappte sie, aber machte keinen Scherz weiter. »Möge die Gastfreundschaft hier Euch wieder herstellen. Warte ein wenig; ich will hinunter kommen, wir wollen von den Bergen sprechen.«

Um die Abendzeit – ihr Schwiegersohn war zu Hause und sie brauchte den Hof nicht zu inspizieren – kam sie auf den Grund der Sache, die der Lama ihr mit leiser Stimme erklärte. Die beiden alten Häupter nickten weise gegeneinander. Kim war nach einem Raum, der ein Bett enthielt, getaumelt und warf sich erschöpft nieder. Der Lama hatte verboten, ihm selbst Decken zu breiten oder Speise zu bringen.

»Ich weiß – ich weiß!« plapperte sie. »Wer wüßte es besser als ich? Wir, die wir niedersteigen zu den Feuer-ghats, wir klammern uns an die Hände derjenigen, die heraufsteigen von dem Flusse des Lebens mit vollen Wasserkrügen – ja, bis an den Rand vollen Wasserkrügen. Ich tat dem Knaben Unrecht. Er lieh Dir seine Stärke? Es ist wahr, wir Alten verzehren die Jungen täglich. Es geziemt uns, ihn wieder zu Kräften zu bringen.«

»Du hast schon oft Verdienst erworben –«

» Mein Verdienst? Was ist es? Alter Sack voll Knochen, der Curry-Fleisch kocht für Männer, die nicht fragen: Wer hat es gekocht? Wenn mein Verdienst für meinen Großsohn aufgespeichert werden könnte –« für den, der Leibschmerzen hatte?«

»Zu denken, daß der Heilige das noch weiß! Das muß ich seiner Mutter erzählen. Es ist eine ganz besondere Ehre! Sie wird stolz sein! Ja, der, der Leibschmerzen hatte – der Heilige erinnert sich.«

»Mein Chela ist mir, was ein Sohn den Unerleuchteten.«

»Sag lieber Großsohn. Mütter haben nicht die Weisheit unserer Jahre. Wenn ein Kind schreit, denken sie, der Himmel fällt ein. Eine Großmutter aber ist weit genug entfernt von dem Schmerz des Gebärens wie von dem Vergnügen die Brust zu geben, um genau zu wissen, ob ein Kind aus purer Bosheit schreit oder weil es Blähungen hat. Und da Du gerade wieder von Blähungen redest – es könnte sein, daß ich den Heiligen als er zuletzt hier war, beleidigte, weil ich zu sehr um Zauber quälte –«

»Schwester,« sprach der Lama, die Form der Anrede wählend, die ein buddhistischer Mönch zuweilen gegen eine Nonne anwendet, »wenn Zauber Dich beruhigen können –«

»Sie sind besser als zehntausend Arzte.«

»Ich sage, wenn Zauber Dich beruhigen, dann will ich, der ich Abt von Such-zen war, so viele machen, wie Du begehrst. Ich habe nie Dein Antlitz gesehen –«

»Das halten selbst die Affen, die unsere Mispeln stehlen, für einen Gewinn. Hi! Hi!«

»Aber Du hast, wie der, der dort schläft,« – er nickte nach der geschlossenen Tür des Gastzimmers hin – sagte: »ein Herz von Gold … und im Geist ist er mir ein wahrer Großsohn.«

»Gut! Ich bin des Heiligen Kuh!« Dies war purer Hinduismus, aber der Lama beachtete es nicht. »Ich bin alt, ich habe Söhne im Fleische geboren! Oh, einst konnte ich den Männern gefallen! Jetzt kuriere ich sie.« Er hörte ihre Armspangen klirren, als wenn sie die Arms entblößte um zuzugreifen. »Ich will den Knaben zu mir nehmen und ihn in Schlaf bringen und ihn füttern und ihn ganz gesund machen. Hai! Hai! Wir alten Leute wissen noch etwas.«

Daher fand Kim, als er mit schmerzenden Gliedern die Augen öffnete und nach der Küche gehen wollte, um seines Meisters Essen zu holen, heftigen Widerstand: und eine verschleierte Gestalt an der Tür, neben dem grauen Diener, zählte ihm genau vor, was er nicht tun sollte.

»Du mußt haben? – Du sollst nichts haben. Was? Ein verschlossener Koffer, in dem heilige Bücher verschlossen werden müssen? Oh, das ist etwas anderes. Der Himmel verhüte, daß ich zwischen einen Priester und seine Gebete trete! Er soll gebracht werden und Du sollst den Schlüssel behalten.«

Sie schoben den Koffer unter sein Bett, und mit einem Stöhnen der Erleichterung schloß er Mahbubs Pistole, das Öltuch-Brief-Paket und die Tagebücher ein. Sonderbarerweise hatte das Gewicht auf seinen Schultern ihn weniger gedrückt, als das auf seiner armen Seele. Sein Genick schmerzte nachts unter dieser Last.

»Deine Krankheit ist ungewöhnlich für die Jugend unserer Tage,« sprach die Sahiba, »denn die Jugend hat verlernt, die Alten zu pflegen. Schlaf ist das Heilmittel für Dich und gewisse Tränke.« Und Kim versank in die Leere, die ihn halb ängstigte, halb besänftigte.

Sie braute Tränke in einem mysteriösen asiatischen Ersatz von Destillations-Raum – Flüssigkeiten, die pestilenzialisch rochen und noch schlimmer schmeckten. Sie beugte sich über Kim, bis sie hinunter gewürgt waren und war unerschöpflich in Fragen, wenn sie wieder herauf kamen. Sie legte einen Tabu auf den Vorhof und erzwang seine Beachtung durch einen bewaffneten Mann. Zwar, die Wache war über siebzig Jahre und ihr in der Scheide steckendes Schwert hörte beim Griff auf; aber immerhin repräsentierte sie die Autorität der Sahiba, und Lastwagen, schwatzende Diener, Kälber, Hunde, Hennen und dergleichen hatten einen weiten Bogen zu machen. Dann suchte sie unter der Menge armer Verwandten (Haushalts-Hunde nennen wir sie), die sich in den Hintergebäuden zusammendrängten, die Witwe eines Vetters hervor, die geübt war in, was die Europäer, die nichts davon verstehen, Massage nennen. Diese, mit einer Assistentin, packten Kim, schoben ihn ostwärts und westwärts, damit die geheimnisvollen Erdströmungen, die den menschlichen Leib durchrieseln, helfen aber nicht hindern sollten, und nahmen ihn stückweise vor, Muskel für Muskel, Knochen für Knochen, Sehne für Sehne und schließlich Nerv für Nerv. Kim, zu einer unzurechnungsfähigen breiigen Masse geknetet, halb hypnotisiert durch das ewige Niederfallen und Zurückschlagen der unbequemen Kopftücher, die die Augen verhüllen, glitt zehntausend Meilen weit weg in Schlummer. Sechsunddreißig Stunden hielt der Schlaf an, der sich einsaugte wie Regen nach der Dürre.

Dann fütterte sie ihn und das Haus wirbelte von ihrem Lärm. Sie befahl, Hühner zu schlachten, Gemüse herbeizuschaffen (der schwerfällige Gärtner, fast so alt, wie sie selbst, schwitzte), nahm Gewürze und Milch und Zwiebeln und kleine Fische aus den Bächen, forderte Zitronen zu Sherbet, Wachteln aus der Erdgrube, briet Hühnerleber mit geschabtem Ingwer am Spieß.

»Ich habe etwas von dieser Welt gesehen,« sprach sie über dem Haufen von Schüsseln, »es gibt nur zwei Arten von Frauen darin; die, die dem Manne die Stärke nehmen und die, die sie ihm zurückgeben. Einst gehörte ich zu den Ersten, jetzt zu den Letzten. Nein – spiele nicht das Priesterlein gegen mich aus. Es war nur ein Scherz? aber wenn er Dir jetzt nicht gefällt, wird er Dir gefallen, wenn Du wieder auf der Heerstraße bist, Kusine« – dies zu der armen Verwandten, die nie aufhörte, die Mildtätigkeit ihrer Patronesse auszuposaunen – – »seine Haut blüht wie die eines frisch gestriegelten Pferdes. Wir arbeiten, um Juwelen zu polieren, die vielleicht einem Tanzmädchen hingeworfen werden – he?«

Kim saß aufrecht und lächelte. Die furchtbare Schwäche hatte er abgeschüttelt wie einen alten Schuh. Seine Zunge juckte wieder nach freier Rede, während vor einer Woche kaum noch ein kleines Wort, wie von Asche beschwert, hervorkam. Der Schmerz im Genick (er mußte von dem Lama angesteckt sein) war verschwunden mit dem Dengfieber und dem üblen Geschmack im Munde. Die beiden alten Frauen, wenig vorsichtig mit ihren Schleiern, kluckten so lustig wie die Hennen, die durch die offene Tür hereinkamen.

»Wo ist mein Heiliger?« fragte Kim.

»Hör ihn! Dein Heiliger ist wohl,« schnappte sie maliziös, »obwohl das nicht seine Schuld ist. Wüßte ich einen Zauber, um ihn weise zu machen, würde ich meine Juwelen dafür hingeben. Das gute Futter, das ich selbst gekocht, nicht zu essen – zwei Nächte in den Feldern herum zu rennen mit leerem Bauch – und zuletzt in einen Graben zu fallen – nennst Du das Heiligkeit? Und dann, wenn er das Stückchen von meinem Herzen, das von der Angst um Dich übrig geblieben, vor Sorge fast gebrochen hat, spricht er, er habe Verdienst erworben. Oh, alle Männer sind sich gleich! Aber das ist noch nicht genug – er sagt mir, daß er befreit von jeder Sünde ist. Ich hätte ihm das sagen können, ohne daß er sich über und über naß machte! Nun ist er wohl – dies passierte vor einer Woche – aber solche Heiligkeit kann mir gestohlen werden! Ein Baby von drei Jahren würde es nicht so machen. Beunruhige Dich nicht um den Heiligen. Wenn er nicht in unsern Wassergräben herumwatet, bewacht er Dich mit beiden Augen.«

»Ich erinnere mich nicht, ihn gesehen zu haben. Ich erinnere mich nur, daß die Nächte und die Tage sich öffneten und schlossen wie schwarze und weiße Bretter. Ich war nicht krank: ich war nur müde.«

»Eine Lethargie, die von rechtswegen ein Schock Jahre später kommt. Aber jetzt ist alles vorüber.«

»Maharanee,« begann Kim, aber nach einem Blick in ihr Auge wandelte er diesen Titel in das Wort der tiefsten Liebe – »Mutter, ich schulde Dir mein Leben. Wie soll ich Dir danken? Zehntausend Segnungen über Dein Haus, und –«

»Das Haus kann ohne Segen fertig werden.« (Es ist unmöglich, die Worte der alten Dame genau wieder zu geben.) »Danke den Göttern als Priester, wenn Du willst, mir aber danke, wenn Du danken willst, wie ein Sohn. Habe ich Dich geschoben und gehoben und gehackt und Deine zehn Zehen gedreht, um mir Textsprüche an den Kopf werfen zu lassen? Irgendwo muß Dich ja eine Mutter zu ihrem Herzeleid geboren haben! Was warst Du ihr nütze – Sohn?«

»Ich hatte keine Mutter, meine Mutter,« sprach Kim. »Sie starb, so sagte man mir, als ich noch klein war.«

»Hai mal! Dann kann also niemand sagen, daß ich sie beraubt habe – wenn Du weiter wanderst und dieses Haus nur eins unter vielen ist, die Dir Obdach gewährten und vergessen wurden nach einem leicht hingeworfenen Segen –« sie stampfte mit dem Fuß gegen die arme Verwandte: »Trage die Schüsseln ins Haus. Was sollen die abgestandenen Speisen hier, o Weib von bösem Geist?«

»Ich ha–habe auch einen Sohn geboren zu meiner Zeit, aber er starb,« wimmerte die gebeugte Gestalt hinter dem Kopftuch, Du weißt, daß er starb! Ich wartete nur auf Deinen Befehl, die Platte fortzunehmen.«

»Ich bin das Weib vom bösen Geist,« rief die alte Dame reuevoll. »Wir, die wir niedersteigen zu der Chattris, klammern uns hart an die Träger der Chattris. Wenn man nicht mit tanzen kann beim Feste, muß man eben aus dem Fenster schauen und Großmutterspielen nimmt alle Zeit in Anspruch. Dein Meister gibt mir jetzt alle Zauber, die ich wünsche für den Ältesten meiner Tochter, aus dem Grunde – nicht wahr? daß er jetzt ganz frei von Sünde ist. Der Hakim ist sehr herunter gekommen. Er geht herum und vergiftet meine Diener, da er nichts Besseres hat.«

»Welcher Hakim, Mutter?«

»Derselbe Dacca-Mann, der mir die Pille gab, die mich in drei Stücke riß. Vor einer Woche tauchte er auf, wie ein verlaufenes Kamel und versicherte, daß Du und er wie Blutbrüder gewesen seid auf der Kulu-Straße, und tat so, als trüge er große Sorge um Deine Gesundheit. Er war sehr mager und hungrig; ich gab Befehl, ihn zu füttern – ihn und seine Sorge!«

»Ich möchte ihn sehen, wenn er hier ist.«

»Er kommt fünfmal am Tage und hext meinen Knechten Geschwüre an, um sich selber vor Apoplexie zu schützen. Er ist so voll Sorge um Deine Gesundheit, daß er den ganzen Tag nicht von der Küchentür weicht und sich mit kleinen Brocken hinhält. Er wird kleben bleiben. Wir werden ihn nicht wieder los.«

»Schicke ihn mir, Mutter« – der Schelm kehrte in Kims Auge zurück – »ich will es versuchen.«

»Ich will ihn schicken, aber ihn abzuschütteln, ist vergebliche Mühe. Wenigstens war er so vernünftig, den Heiligen aus dem Wassergraben zu fischen; und dadurch, wie der Heilige nicht sagte, Verdienst zu erwerben.«

»Er ist ein sehr weiser Hakim. Schicke ihn zu mir, Mutter.«

»Priester, der einen Priester lobt? Ein Wunder! Wenn er aber Dein Freund ist (Ihr zanktet Euch bei Eurem letzten Zusammensein!), dann will ich ihn hier mit Pferdestricken anbinden und – ihm hinterher ein Kasten-Essen geben, mein Sohn … Stehe auf und sieh Dir die Welt an! Dies im Bett liegen ist die Mutter von siebzig Teufeln … mein Sohn! Mein Sohn!«

Sie trottete fort und beschwor einen Sturm im Kochhaus herauf und beinahe noch in ihrem Schatten rollte der Babu herein, bis an die Schultern wie ein römischer Imperator gekleidet, frisiert wie Titus, barhaupt, mit neuen Patent-Lederschuhen, im höchsten Stand von Fett, Freude und Begrüßungen ausschwitzend.

»Donnerwetter, Mister O’Hara, es ist eine flotte Freude, Euch wieder zu sehen. Ich will so höflich sein, die Tür zu schließen. Schade, daß Ihr krank seid. Seid Ihr sehr krank?«

»Die Papiere – die Papiere aus dem Zelt. Die Karten und der Murasla!« Er reichte ungeduldig den Schlüssel hin: seine Seele verlangte danach, den Raub los zu werden.

»Ihr habt recht. Es ist korrekt departementsmäßig, wie Ihr die Sache anfaßt. Habt Ihr auch alles?«

»Alles Geschriebene aus dem Zelt habe ich genommen. Das Übrige habe ich den Berg hinunter geworfen.« Er hörte den Schlüssel im Schloß sich drehen, das Schieben des schwer zu bewegenden Öltuchballens, das Rascheln von Papieren. Das Bewußtsein, daß all dieses während der Krankheit unter ihm lag, hatte ihn gequält – eine Last, die er nicht los werden konnte. Er fühlte sein Blut wieder leichter fließen, als Hurree, sich wie ein Elefant aufrichtend, ihm jetzt die Hand schüttelte.

»Das ist sein! Das ist vortrefflich, Mr. O’Hara! Ihr habt – ha! ha! den ganzen Sack voll diplomatischer Kniffe mit Stumpf und Stiel stibitzt. Sie sagten mir, die Arbeit von acht Monaten wäre zu Wasser geworden! Zum Teufel! wie sie mich geprügelt haben! … sieh da, der Brief von Hilás!« Er las eine oder zwei Zeilen höfisches Persisch, welches die Sprache autorisierter und nicht autorisierter Diplomatie ist. »Mister Rasch Sahib hat eben seinen Fuß in die Höhle gesetzt. Er wird offiziell zu erklären haben, wie, zum Kuckuck, er dazu kam, dem Zaren Liebesbriefe zu schreiben. Und da sind sehr künstlerische Karten … und da sind drei oder vier Premierminister dieser Gegenden in die Korrespondenz verwickelt. Bei Gott, Sar! Die britische Regierung wird die Thronfolge in Hilás und Benár ändern und neue Regenten einsetzen. Verrat – niedrigster … aber Ihr versteht nicht – he?« »Ist alles in Deinen Händen?« fragte Kim. Er wollte nur dieses wissen. »Ihr könnt darauf wetten, daß ich alles habe.« Er stopfte den ganzen Fund an seinem Körper herum, wie nur Orientalen es können. »Soll alles an das Departements-Bureau gehen! Die alte Dame meint, ich wäre nun ein bleibendes Inventarstück geworden, aber ich werde nun mit allem geradewegs abmarschieren. Mr. Lurgan wird ein stolzer Mann werden. Offiziell seid Ihr mit untergeben, aber meinem mündlichen Rapport werde ich Euren Namen einverleiben. Schade, daß wir keine schriftlichen Rapporte geben dürfen! Wir Bengalen excellieren gerade in der Kunst.« Er warf den Schlüssel zurück und zeigte den leeren Koffer. »Gut. Es ist gut. Ich war sehr müde. Auch mein Heiliger war krank. Und fiel er in –« »Och, ja. Ich bin sein guter Freund, sage ich Euch. Er benahm sich höchst sonderbar, als ich Euch nachkam. und ich dachte, er hätte vielleicht die Papiere. Ich folgte ihm deshalb in seinen Meditationen und verhandelte auch ethnologische Fragen mit ihm. Ihr müßt wissen, ich bin jetzt hier nur eine sehr unbedeutende Persönlichkeit im Vergleich zu seinen Zaubermitteln. Donnerwetter, O’Hara! wißt Ihr, daß er mit Krämpfen behaftet ist? Katalepsie – wenn nicht Epilepsie! Ich fand ihn in solchem Zustand unter einem Baum, in articulo mortem, und er sprang auf und lief in einen Graben, und ohne mich wäre er ertrunken. Ich zog ihn heraus.

»Weil ich nicht da war!« sagte Kim. »Er hätte sterben können.«

»Ja, er hätte sterben können. Aber nun ist er trocken und er behauptet, Transfiguration erlebt zu haben.« Der Babu tickte bezeichnend an seine Stirn. »Ich machte Notizen über seine Behauptungen für die Akademie der Wissenschaften –. Ihr müßt bald gesund werden und nach Simla kommen. Bei Lurgan will ich Euch meine Geschichte erzählen. Es war köstlich. Der Rand ihrer Hosen war ganz zerfetzt, und der alte Rahan Rajah hielt sie für europäische desertierte Soldateska.«

»Oh, die Russen? Wie lange waren sie mit Dir zusammen?«

»Einer war ein Franzose. Oh, Tage und Tage und Tage! Jetzt meint alles Bergvolk, daß alle Nüssen Bettler sind. Verflucht! Nicht einen verdammten Lappen hatten sie, wenn ich ihnen nicht dazu half. Und ich erzählte dem gemeinen Volk – oah! solche Geschichten und Anekdoten. Bei Lurgan will ich Euch alles erzählen. Wir wollen – ah! eine lustige Nacht haben. Es ist Wasser auf Euer beider Mühle! Ja, und sie schrieben mir ein Zeugnis. Das war ein köstlicher Spaß. Ihr hättet sie auf der Vereinsbank sehen sollen, wie sie sich identifizierten! Dank dem allmächtigen Gott, daß Ihr ihre Papiere so gut verwahrtet! Ihr lacht jetzt nicht; aber wenn Ihr wieder gesund seid, werdet Ihr lachen. Nun will ich direkt nach der Eisenbahn und fort. Ihr werdet alle Anerkennung für Euer Spiel finden. Wann kommt Ihr mir nach? Wir sind sehr stolz auf Euch, wenn Ihr uns auch viel Sorge machtet. Und besonders Mahbub.«

»Ah, Mahbub! Und wo ist er?«

»Verkauft Pferde – hier in der Nachbarschaft natürlich.«

»Hier! Warum? Sprich langsam. Es ist mir noch immer dumpf im Kopf.«

Der Babu schielte scheu an seiner Nase herab. »Wohl, Ihr wißt, ich bin furchtsamer Mann und Verantwortlichkeiten vermeide ich. Ihr waret krank, seht Ihr, und ich wußte nicht, wo. Zum Kuckuck, alle die Papiere steckten und wie viele da waren. Als ich nun hier ankam, schickte ich heimlich eine Drahtung an Mahbub – er war in Meerut bei den Rennen – und meldete ihm, wie die Dinge hier standen. Er kommt an mit seinen Leuten; er berät mit dem Lama, und dann schimpft er mich einen Narren und ist sehr grob. –«

»Aber warum? Warum?«

»Das frage ich auch. Ich regte nur an, daß, wenn jemand die Papiere gestohlen hätte, ich irgend einen guten, starken, braven Mann haben möchte, um sie wieder zu stehlen. Ihr wißt, wie wichtig die Papiere sind und Mahbub Ali wußte nicht, wo Ihr waret.«

»Mahbub Ali sollte stehlen im Hause der Sahiba? Du bist toll, Babu!« sagte Kim mit Entrüstung.

»Ich mußte die Papiere haben. Nimm an, sie hätten sie gestohlen? Es war nur praktische Suggestion, denke ich. Es gefällt Euch nicht, he?«

Ein einheimisches – nicht zu wiederholendes – Sprichwort zeigte Kims Mißbilligung.

»Nun wohl,« – Hurree zuckte mit den Schultern – »über den Geschmack läßt sich nicht streiten. Mahbub war auch ärgerlich. Er hat hier herum Pferde verkauft, und er sagt, die alte Dame ist durchaus »pukka« (tadellos) und würde solche unnoble Dinge nicht tun. Es geht mich nichts mehr an. Ich habe die Papiere und die moralische Stütze durch Mahbub hat mich erfreut. Ich sage Euch, ich bin ein furchtsamer Mann, aber, wie es auch zugehen mag, je furchtsamer ich bin, je mehr gerate ich in verdammt kritische Situationen. Ich war froh, daß Ihr mit mir nach Chini ginget und bin froh, daß Mahbub hier in der Nähe war. Die alte Dame ist zuweilen sehr ungehalten auf mich und meine wundervollen Pillen«

»Allah, Hab Erbarmen!« rief Kim belustigt, »welch ein Wunder von Tier ist ein Babu! Und der Mann ging allein – wenn er gehen konnte – mit beraubten, wütenden, fremden Leuten!«

»Och, das war nichts, als sie erst mit Prügeln fertig waren: wenn aber die Papiere verloren gegangen wären, hätte es flotter Ernst werden können. Mahbub hat mich ja beinahe auch geprügelt und ohne Ende mit dem Lama zusammengesteckt. In Zukunft werde ich fest bei ethnologischen Untersuchungen bleiben. Nun lebt wohl, Mister O’Hara. Wenn ich eile, Kann ich noch den 4.25 Zug nach Umballa erreichen. Es wird hübsch, wenn wir bei Mister Lurgan unsere Geschichten erzählen. Ich werde offiziell berichten, daß es Euch besser geht. Adieu, mein lieber Kerl, und wenn Ihr einmal wieder aufgeregt seid, bitte, dann braucht nicht mohammedanische Schimpfworte in tibetanischem Kleide.«

Er schüttelte zweimal Kim die Hände – ein Babu bis zur Fußsohle – und öffnete die Tür. Sobald das Sonnenlicht auf sein noch triumphierendes Gesicht fiel, war er wieder der unterwürfige Quacksalber von Dacca.

»Er beraubte sie,« dachte Kim, seinen eigenen Anteil an dem Spiel vergessend, »er überlistete sie, er belog sie, wie – ein Bengale. Sie geben ihm ein Zeugnis. Er macht sie zum Gespött, mit Gefahr seines Lebens – ich würde nicht zu ihnen hinunter gegangen sein nach den Pistolenschüssen – und dann nennt er sich einen furchtsamen Mann … ja, ein furchtbarer Mann ist er. Ich muß wieder in die Welt hinaus.«

Anfangs schwankten seine Beine wie abgenutzte Pfeifenrohre, und die Flut des Sonnenlichtes betäubte ihn. Er hockte bei der weißen Mauer nieder, und seine Gedanken wanderten zwischen den Vorfällen auf der langen Dooli-Reise und den Schwächeanfällen des Lama hin und her, und jetzt, wo der Antrieb zum Gespräch fehlte, überkam ihn das Mitleid mit sich selbst, von dem er, wie so viele Kranke, großen Vorrat hatte. Das geschwächte Gehirn scheute vor der Berührung mit der Außenwelt zurück, wie ein junges, zum erstenmal wund geriebenes Pferd vor dem Sporn. Es war genug, voll genug, daß der Raub aus dem Zelt aus seinen Händen, aus seinem Besitz fort war. Er versuchte, an den Lama zu denken, wie der wohl in den Graben geraten war – aber die ungeheure Größe der Welt, wie sie ihm durch das Hofgitter erschien, zerriß wieder die Gedankenkelle. Dann blickte er auf die Bäume, die weiten Felder, die Hütten, die zwischen den Aehren sich bargen – blickte mit Augen, die unfähig waren, die Gestalt und den Umfang der Dinge zu begreifen, starrte wohl eine halbe Stunde lang. Ihm war, als wäre seine Seele außer Verbindung mit seiner Umgebung, wie ein müßiges, bei Seite geworfenes Zahnrad, außer Verbindung mit der Maschinerie. Die Lüfte wehten über ihm, die Papageien schrieen über ihm, der Lärm des übervollen Hauses hinter ihm – Gezanke, Befehle, Schelle – schlug an taube Ohren.

»Ich bin Kim. Ich bin Kim. Und was ist Kim?« Seine Seele wiederholte es wieder und wieder.

Er wollte nicht weinen – war niemals weniger zum Weinen aufgelegt – aber plötzlich tropften dumme Tränen über seine Wange – und mit einem fast vernehmbaren Ticken fühlte er die Schleusen seines Wesens sich neu eröffnen auf die Welt außerhalb. Gegenstände, die einen Augenblick zuvor dem Auge unklar erschienen, nahmen bestimmte Gestalt an. Die Straße war zum Gehen da, die Häuser zum Bewohnen, die Rinder, um getrieben zu werden, Felder zum Pflügen, Männer und Frauen, um mit ihnen zu reden. Alles war wahr und real – fest auf die Füße gestellt, vollkommen verständlich – Art von seiner Art – nicht mehr, nicht weniger. Er schüttelte sich wie ein Hund, dem eine Fliege im Ohr sitzt, und schlenderte aus dem Tor. Sprach die Sahiba, der wachsame Augen diese Neuigkeit überbrachten: »Laßt ihn gehen. Mein Teil habe ich getan. Mutter Erde muß das Übrige tun. Wenn der Heilige zurückkehrt aus Meditationen, meldet es ihm.« Eine halbe Meile entfernt stand vor einem jungen Feigenbaum, auf einem Kleinen Hügel, der einen Aussichtspunkt auf frischgepflügte Flächen bildete, ein leerer Ochsenwagen. Kims Augenlider, in der weichen Luft gebadet, wurden schwer, als er ihm nahe kam. Der Boden war reiner, guter Staub – nicht neues Grün, das lebend schon halb gestorben ist – nein, hoffnungsreicher Staub, der den Samen alles Lebens in sich trägt. Kim fühlte ihn zwischen den Zehen, liebkoste ihn mit den Händen, und Glied für Glied, wollüstig seufzend, streckte er sich in voller Länge aus im Schatten des aus Holz genagelten Karrens. Und Mutter Erde war so treu wie die Sahiba. Die durchhauchte ihn und gab wieder, was er verloren durch langes Liegen im Bett, abgeschlossen von ihren segensreichen Strömungen. Sein Kopf lag hingegeben an ihrer Brust, und seine Hände waren ihren stärkenden Kräften überlassen. Der vielwurzelige Baum über ihm und auch das tote, von Menschenhand zusammengefügte Holz wußte, was er suchte: nur er selbst wußte es nicht. Stunde auf Stunde lag er in tiefstem Schlaf.

Gegen den Abend, als der Staub heimkehrender Viehherden den Horizont trübte, kam der Lama und Mahbub Ali, vorsichtig auftretend; man hatte ihnen im Hause gesagt, wohin Kim gegangen.

»Allah! Welcher Narrenstreich, hier im offenen Felde zu liegen,« murmelte der Pferdehändler. »Er hätte hundertmal totgeschossen werden können – aber dies ist allerdings nicht die Grenze.«

»Und,« sprach der Lama, immer dasselbe wiederholend, »solchen Chela gab es noch nie. Milde, höflich, klug, von verträglichem Gemüt, ein frohes Herz auf der Wanderschaft, nichts vergessend, gelehrt, wahrhaftig und gefällig. Groß ist sein Lohn!«

»Ich kenne den Knaben – wie ich sagte.«

»Und besaß er immer alle die Vorzüge?«

»Einige davon – aber einen Rot-Hut-Zauber, um ihn übermäßig wahrheitsliebend zu machen, habe ich bis jetzt nicht gefunden. Sicher aber ist er hier gut gepflegt worden.«

»Die Sahiba hat ein Herz von Gold,« sprach ernsthaft der Lama. »Sie betrachtet ihn wie ihren Sohn.«

»Hmpf! Halb Kind scheint das zu tun. Ich wollte nur nachsehen, ob der Knabe nicht zu Schaden gekommen und sich wieder frei bewegen könnte. Wie Du weißt, waren er und ich alte Freunde in den ersten Tagen unserer gemeinschaftlichen Pilgerfahrt.«

»Dies ist ein Band zwischen uns.« Der Lama setzte sich nieder. »Wir sind nun am Ende der Pilgerfahrt.«

»Du hast es Dir nicht zu danken, daß die nicht vor einer Woche kurz und gut zu Ende ging. Ich hörte, was die Sahiba sagte, als wir Dich auf das Lager trugen.« Mahbub lachte und zupfte seinen frisch gefärbten Bart.

»Ich meditierte über andere Dinge in jener Zeitwelle. Der Hakim von Dacca störte meine Meditationen.«

»Sonst,« – dies wurde anstandshalber in Pashtu gesagt – »würdest Du Deine Meditationen auf der schwülen Seite der Hölle zu Ende gefühlt haben – denn ein Ungläubiger und ein Götzendiener bist Du, trotz Deiner kindlichen Einfältigkeit. Aber, Rothut, was soll jetzt geschehen?«

»In dieser selben Nacht,« die Worte kamen langsam, zitternd im Triumph, »in dieser selben Nacht wird er frei werden wie ich es bin, von jeder Spur von Sünde – friedvoll wie ich es bin, wenn er diesen vom Rad der Dinge befreiten Körper verläßt. Ich habe ein Zeichen,« er legte die Sand auf die Zerrissene Karte auf seiner Brust, »daß meine Zeit kurz ist; ihn aber werde ich erlöst haben für alle Zeiten. Erinnere Dich, ich habe Erkenntnis erreicht, wie ich Dir vor nur drei Nächten gesagt.«

»Es muß wahr sein, was der Tirah-Priester sagte, als ich seines Vetters Weib gestohlen hatte, daß ich ein Sufi (Freidenker) bin, denn hier sitze ich und hege mich in lästerlicher Blasphemie,« sprach Mahbub zu sich selbst … »Ja, ich erinnere mich der Geschichte. Daraufhin geht er dann ein in Jannatu l’Adu (Garten von Eden). Aber wie? Willst Du ihn totschlagen oder ersäufen in dem wunderbaren Fluß, aus dem der Babu Dich herauszog?

»Ich wurde aus keinem Fluß herausgezogen,« sprach der Lama einfach. »Du vergißt, was geschah. Ich fand den Fluß durch Erkenntnis.«

»O, ah, wahr!« stotterte Mahbub, halb ärgerlich, halb belustigt, »ich hatte den genauen Hergang vergessen. Du fandest ihn durch Erkenntnis.«

»Und zu sagen, daß ich Leben nehmen wollte, ist – nicht eine Sünde, sondern einfach Wahnsinn. Mein Chela half mir zu dem Fluß. Es ist sein Recht, von Sünde gereinigt zu werden – mit mir.«

»Ah, er hat es nötig! Aber nachher, alter Mann – nachher?«

»Wie, unter allen Himmeln, kommt das in Frage? Nirwana ist ihm sicher – erleuchtet – wie ich es bin.«

»Gut gesprochen. Ich fürchtete, er würde Mohammeds Roß besteigen und davonfliegen.«

»Nein – als ein Lehrer muß er gehen.«

»Aha! Nun sehe ich. Das ist der richtige Gang für das Füllen. Gewiß, er muß als ein Lehrer gehen. Er ist aber zufällig ein bißchen nötig als Schreiber im Staatsdienst.«

»Auch dazu ist er vorbereitet. Ich erwarb Verdienst durch Almosen-Geben für sein Bestes. Gute Tat stirbt nicht. Er half mir in meiner Suche. Ich half ihm in der seinen. Gerecht ist das Rad, oh, Roßhändler vom Norden. Laß ihn ein Lehrer sein; laß ihn ein Schreiber sein – was tut’s? Er wird Freiheit erreicht haben. Das Übrige ist Wahn.«

»Was tuts? Wo ich ihn in sechs Monaten bei mir jenseit Balkh haben muß? Ich komme, dank diesem Hühnchen von Babu, hier an mit zehn lahmen Kracken und drei starkrückigen Männern, um einen Kranken Jungen mit Gewalt aus dem Hause einer alten Schwätzerin zu entführen – und nun scheint’s, ich sehe zu, wie ein junger Sahib in, Allah weiß, welchen götzendienerischen Himmel aufgewunden wird, durch Vermittelung eines alten Rothutes! Und ich zähle doch auch etwas mit als Spieler im Spiel! Aber der verrückte Alte hat den Jungen lieb; und so muß ich auch etwas vernünftig verrückt sein.«

»Für wen betest Du?« fragte der Lama, als das rauhe Pashtu in den roten Bart hineinrollte.

»Einerlei! Aber, da ich nun verstehe, daß der Junge, des Paradieses sicher, doch in Regierungs-Dienst treten kann, bin ich beruhigt. Ich muß zu meinen Pferden. Es wird dunkel. Weck ihn nicht auf. Mich gelüstet’s nicht. Dich von ihm Meister nennen zu hören.«

»Aber er ist mein Schüler. Was sonst?«

»Er sagte so.« Mahbub schluckte seinen Anfall von Hypochondrie hinunter und erhob sich lachend. »Ich bin nicht vollständig Deines Glaubens, Rothut – wenn solche Kleinigkeit Dich kümmert.«

»Das tut nichts,« sagte der Lama.

»Ich dachte es mir. Deshalb wird es Dir nicht schaden, sündenfrei, frisch gewaschen und dreiviertel untergetaucht bis auf die Sohlen wie Du bist, wenn ich Dir sage: Du bist ein guter Mann, – ein sehr guter Mann. Wir haben vier oder fünf Abende miteinander geredet, und wenn ich auch ein Roßtäuscher bin, kann ich doch, wie man zu sagen pflegt, Heiligkeit über den Beinen eines Pferdes hinweg sehen. Ja, könnte auch sehen, wie unser Freund aller Welt seine Hand zuerst in Deine legt. Behandle ihn gut und dulde, daß er als ein Lehrer in die Welt zurückkehrt, wenn Du – seine Beine gebadet hast – wenn das die richtige Medizin für das Füllen ist.«

»Warum nicht selbst dem Weg folgen und so den Knaben begleiten?«

Mahbub starrte verblüfft bei der erhabenen Unverschämtheit dieser Frage, auf die er jenseits der Grenze mit Schlägen geantwortet haben würde. Bald aber gewann der Humor der Sache wieder Macht über seine weltliche Seele.

»Sachte – sachte – ein Fuß zur Zeit, wie der lahme Wallach über die Umballa-Hindernisse (beim Rennen) setzte. Ich komme vielleicht später ins Paradies – ich habe da herum zu tun – große Geschäfte – und ich danke sie Deiner Einfalt. Du hast niemals gelogen?«

»Wozu?«

»Oh, Allah, höre ihn! ›Wozu‹ in dieser, Deiner Welt! Noch je einem Menschen wehe getan?«

»Einmal – mit einem Federkasten – bevor ich weise war.«

»So? Ich denke um so besser von Dir. Deine Lehren sind gut. Du hast einen Mann, den ich kenne, vom Pfad des Unrechts abgewendet.« Er lachte unbändig. »Er kam hierher in bester Absicht, ein Dacoity (Hauseinbruch mit Gewalttat) zu verüben. Ja, zu schneiden, rauben, töten und fortzuschleppen, was er haben wollte.«

»Eine große Torheit!«

»Oh, schwarze Schande dazu! So dachte er, nachdem er Dich gesehen, Dich – und einige andere, Männlein und Weiblein. So ließ er davon ab; und jetzt geht er, um einen großen, fetten Babu-Menschen durchzuprügeln.«

»Ich verstehe nicht –«

»Allah möge das auch verhüten! Es gibt Männer, die stark im Wissen sind, Rothut; aber Deine Stärke ist noch stärker. Bewahre sie – ich denke, Du wirst es tun. Wenn der Junge Dir nicht ein guter Diener ist, reiße ihm die Ohren ab.«

Mit einem Zuschnappen seines breiten Bokhariot-Gürtels stampfte der Pathan in die Dämmerung hinein, und der Lama kam soweit aus den Wolken herab, um dem breiten Rücken nachzuschauen.

»Diese Person ermangelt der Höflichkeit und wird getäuscht durch den Schatten des Scheines. Aber er sprach gut von meinem Chela, der jetzt in seine Belohnung eintritt. Ich will das Gebet beten! … Erwache, o Glücklicher, vor allen vom Weibe Geborenen. Erwache! Er ist gefunden!«

Kim kam hervor aus diesen tiefen Fluten: der Lama bewachte sein behagliches Gähnen und schnappte mit den Fingern, um böse Geister abzuwehren.

»Ich habe hundert Jahre geschlafen. Wo –? Heiliger, bist Du schon lange hier? Ich ging fort um Dich zu suchen, aber« – er lachte schläfrig – »ich schlief auf dem Wege ein. Ich bin jetzt ganz wohl. Hast Du gegessen? Laß uns ins Haus gehen. Seit vielen Tagen habe ich nicht für Dich gesorgt. Und die Sahiba hat Dich wohl gepflegt? Wer rieb Deine Beine? Wie ist’s mit der Mattigkeit, dem Magen und dem Nacken und dem Hämmern in den Ohren?«

»Vorüber – alles fort. Weißt Du nicht –?«

»Ich weiß nichts: nur, daß ich Dich eine Ewigkeit nicht gesehen habe. Was soll ich wissen?«

»Wunderbar, daß die Erkenntnis nicht Dich erreichte, da doch alle meine Gedanken zu Dir gingen.«

»Dein Gesicht kann ich nicht sehen. Deine Stimme aber tönt wie ein Gong. Hat die Sahiba Dich durch ihre Kost wieder jung gemacht?«

Er spähte scharf nach der mit gekreuzten Beinen ruhenden Gestalt, die sich dunkel gegen die zitronenfarbene Lichtströmung abhob. So sitzt der Budhisat von Stein da, der niederblickt auf die Drehkreuze des Lahore-Museums.

Der Lama schwieg. Die sanfte, rauchgeschwängerte Stille des indischen Abends hüllte sie ein, unterbrochen nur von dem Klick des Rosenkranzes und dem schwachen Klack-Klack von Mahbubs verhallenden Schritten.

»Höre mich! Ich bringe neue Botschaft.«

»Aber laß uns –«

Die lange, gelbe Hand schoß vorwärts, Schweigen gebietend. Gehorsam zog Kim die Füße unter den Rand seines Gewandes.

»Höre mich! Ich bringe neue Kunde! Die Suche ist beendet. Jetzt kommt die Vergeltung … Also … Da wir zwischen den Bergen waren, lebte ich von Deiner Kraft, bis der junge Zweig sich beugte und nahezu brach. Als wir aus den Bergen hervor kamen, war ich unruhig um Dich und um anderes, das ich in meinem Herzen barg. Dem Schiff meiner Seele mangelte Lenkung. Die Ursache der Dinge konnte ich nicht schauen. So übergab ich Dich der tugendhaften Frau ganz und gar. Ich nahm keine Speise. Ich trank kein Wasser. Doch sah ich nicht den Weg. Sie wollten mir Nahrung aufdrängen und riefen vor meiner verschlossenen Tür. Da begab ich mich weg, nach einer Höhle unter einem Baum. Ich nahm nicht Speise. Ich nahm nicht Wasser. Ich saß in Meditationen zwei Tage und zwei Nächte, meinen Geist läuternd, einatmend und ausatmend in der vorgeschriebenen Weise … In der zweiten Nacht – so groß war mein Lohn – löste die weise Seele sich von dem törichten Leib und erging sich frei. Dies habe ich nie zuvor erreicht, obwohl ich oft auf der Schwelle davor stand. Beachte wohl, denn es ist ein Wunder!«

»Ein Wunder in Wahrheit! Zwei Tage und zwei Nächte ohne Essen! Wo war die Sahiba?« sagte Kim leise zu sich selbst.

»Ja, meine Seele erging sich frei, und wie ein Adler kreisend, sah sie in Wahrheit, da war kein Teshoo Lama, noch eine andere Seele. Wie ein Tropfen sich zum Wasser hinzieht, so zog meine Seele sich hin zu der Großen Seele, die über allen Dingen ist. In dem Augenblick, geläutert durch Betrachtung, sah ich all Kind, von Ceylon in der See bis zu den Bergen, meinen eigenen bunten Bergen zu Such-zen. Ich sah jedes Dorf, jedes Feld bis ins Kleinste, wo wir jemals gerastet. Ich sah sie zu gleicher Zeit, an derselben Stelle, denn sie waren im Innern der Seele. Da wußte ich, daß ich frei war. Ich sah Dich in Deinem Bette liegen, ich sah Dich den Berg hinabfallen unter dem Götzendiener – zu gleicher Zeit, an derselben Stelle, in meiner Seele, welche, wie ich sage, die Große Seele berührt halte. Auch sah ich den einfältigen Körper des Teshoo Lama unten liegen und der Hakim von Dacca kniete daneben und schrie ihm ins Ohr. Dann war meine Seele ganz allein und ich sah nichts, denn ich war selbst in allem, da ich die große Seele erreicht hatte. Und ich meditierte tausend, tausend Jahre, ohne Leidenschaft, wohl bewußt der Ursache aller Dinge. Dann rief eine Stimme: »Was soll aus dem Knaben werden, wenn Du tot bist?« Und ich ward in mir selbst hin und her geworfen in Mitleid für Dich: und ich sprach: »Ich will zurückkehren zu meinem Chela, aus Furcht, daß er den Weg verfehle.« Darauf riß diese meine Seele, welche die Seele von Teshoo Lama ist, mit Sträuben und Trauern, mit Schmerzen und Todespein sich los von der Großen Seele. Wie das Ei von dem Fisch, wie der Fisch von dem Wasser, wie das Wasser von der Wolke, wie die Wolke von der schweren Luft, so löste sich, so schoß hervor, so stürzte fort, so dampfte auf die Seele von Teshoo Lama von der Großen Seele. Dann rief eine Stimme: »Der Strom! Gib acht auf den Strom!« Und ich blickte niederwärts auf die ganze Welt, die war, wie ich sie zuvor gesehen – eins in der Zeit, eins im Raum – und ich sah deutlich den Strom des Pfeils zu meinen Füßen. Zu der Stunde ward meine Seele gehemmt durch ein oder anderes Böses, von dem ich nicht voll gereinigt war, und es lastete auf meinen Armen und wand sich um meine Brust: aber ich schüttelte es ab und trieb fort wie ein Adler in meinem Flug zu dem Ort des Flusses. Um Deinetwillen schob ich Welt auf Welt beiseite. Ich sah den Strom unter mir – den Strom des Pfeils – und hinabsteigend schlossen seine Wasser sich über mir,– und siehe da! Ich war wieder in dem Körper von Teshoo Lama, aber frei von Sünde; und der Hakim von Dacca hielt meinen Kopf hoch in den Wassern des Stromes. Hier ist der Strom! Er ist hinter dem Mango-Tope (Hain) – gerade hier!«

»Allah Kerim! Wie gut, daß der Babu zur Stelle war! Bist Du sehr naß geworden?«

»Ich beachtete es nicht. Ich entsinne mich, der Hakim trug Sorge für den Körper von Teshoo Lama; er zog ihn aus dem heiligen Wasser mit seinen Händen und dann kam Dein Roßhändler vom Norden mit Männern und einem Tragbett, und sie hoben den Körper auf das Bett und trugen ihn zu dem Haus der Sahiba.«

»Was sagte die Sahiba?«

»Ich meditierte in jenem Körper und hörte es nicht. So ist die Suche denn beendet. Für das Verdienst, das ich erwarb, ist der Strom des Pfeiles hier. Zu unsern Füßen brach er hervor, wie ich es fügte. Ich habe ihn gefunden. Sohn meiner Seele, ich habe meine Seele zurückgezogen von der Schwelle der Freiheit, um Dich frei zu machen von aller Sünde, wie ich frei und ohne Sünde bin. Gerecht ist das Rad! Gewiß ist unsere Erlösung. Komm!«

Er kreuzte die Hände auf seinem Schoß und lächelte, wie ein Mensch lächeln mag, der Erlösung gewonnen hat für sich und die, die er liebt.

 

Ende.

Ein Roman aus dem gegenwärtigen [1901] Indien

Ein Roman aus dem gegenwärtigen [1901] Indien

Kim

Am 12. Juli 1899 übertrug Rudyard Kipling der Firma Vita, Deutsches Verlagshaus, G. m. b. H., Berlin-Charlottenburg, das ausschließliche Veröffentlichungsrecht seiner künftigen Werke für die deutsche Sprache

Kapitel 1.

Kapitel 1.

Er saß, in trotziger Mißachtung der behördlichen Vorschriften, rittlings auf der Kanone Zam-Zammah, die auf ihrem Ziegel-Unterbau gegenüber dem alten Ajaib-Gher stand – dem Wunderhaus – wie die Eingeborenen das Museum von Lahore nennen. Wer Zam-Zammah, »den feuerspeienden Drachen«, im Besitz hat, besitzt das Punjab; denn das mächtige, grünbronzene Geschütz ist immer des Siegers erste Beute.

Eine Rechtfertigung gab es für Kim – er hatte Lala Dinanaths Sohn von den Kurbellagern heruntergetreten – da den Engländern das Punjab gehörte – und Kim war Engländer. Obgleich so schwarz gebrannt, wie ein Eingeborener, obgleich mit Vorliebe die Landessprache gebrauchend und seine Muttersprache in einem undeutlichen Singsang radebrechend; obschon auf völligem Gleichheitsfuße mit den kleinen Bazar-Buben verkehrend, war Kim doch ein Weißer – ein armer Weißer – von den Allerärmsten einer. Die Halbblut-Frau, die ihm Quartier gab (sie rauchte Opium und behauptete, einen Möbelhandel aus zweiter Hand an dem Platz, wo die billigen Mietwagen stehen, zu betreiben), sagte den Missionären, sie sei Kims Mutterschwester. Seine Mutter aber war Kindermädchen in der Familie eines Obersten gewesen und hatte Kimball O’Hara geheiratet, einen jungen Fahnen-Unteroffizier von den Mavericks, einem irischen Regiment. Dieser nahm später Dienst bei der Sind-Punjab-Delhi-Eisenbahn, und sein Regiment ging ohne ihn heimwärts. O’Haras Weib starb in Ferozepore an der Cholera; er ergab sich dem Trunk und trieb sich mit dem dreijährigen, blitzäugigen Kinde an der Bahnlinie herum. Vereine und Geistliche, um den Knaben besorgt, suchten ihn einzufangen. Aber O’Hara machte sich stets aus dem Staube, bis er endlich auf das Weib traf, das Opium rauchte, von ihr diese Liebhaberei lernte und starb, so wie arme Weiße in Indien sterben. Seine Hinterlassenschaft bestand aus drei Schriftstücken; das eine nannte er sein » ne varietur « weil dies Wort unter seinem Namenszug geschrieben stand, das andere seinen Entlassungsschein; das dritte war Kims Geburtsschein. »Diese Dinger«, so pflegte er in seinen glorreichen Opiumstunden zu sagen, »würden den kleinen Kimbali noch zu einem Manne machen.« Auf keinen Fall dürfte Kim sich von den Papieren trennen, denn sie wirkten durch Magie – eine Magie, wie sie die Männer drüben hinter dem Museum übten, in dem großen blau und weißen Jadoo-Gher – dem magischen Hause – was wir Freimaurer-Loge nennen). Es würde, sprach O’Hara, eines Tages alles zum Rechten kommen und Kims Horn würde hoch erhoben zwischen Säulen hängen – ungeheuren Säulen – starken und schönen. Der Oberst selbst, an der Spitze des stolzesten Regimentes der Welt reitend, würde Kim aufwarten – dem kleinen Kim – der es besser haben sollte, als sein Vater. Neunhundert Teufel erster Klasse, deren Gott ein Roter Ochse auf grünem Felde war, würden Kim dienen, wenn sie nicht O’Hara vergessen hätten – den armen O’Hara, den Vorarbeiter auf der Strecke von Ferozepore. Dabei pflegte er in seinem zerbrochenen Binsenstuhl auf der Veranda bitterlich zu weinen. So geschah es, daß nach seinem Tode das Weib Pergament, Papier und Geburtsschein in ein ledernes Amulett-Etui einnähte und es Kim um den Hals hängte.

»Und eines Tages,« sprach sie, sich der Prophezeihung O’Hara’s verworren erinnernd, »wird ein großer roter Ochse auf grünem Felde zu Dir kommen und ein Oberst, auf hohem Pferde reitend, ja, und« – in’s Englische fallend – »neunhundert Teufel.«

»O,« rief Kim, »ich werde daran denken. Ein roter Ochse wird kommen und ein Oberst zu Pferde. Aber vorher, sagte mein Vater, kommen die zwei Männer, die den Grund klar machen für die Ereignisse. So machen sie’s immer, sagte mein Vater, wenn Männer Magie treiben.«

Hätte die Frau Kim mit seinen Papieren nach dem Orts-»Jadoo-Gher« gesandt, so würde er sicher von der Provinzial-Loge übernommen und in das Freimaurer-Waisenhaus im Gebirge geschickt worden sein; aber was sie von Magie gehört, machte sie mißtrauisch. Auch Kim hatte seine eigenen Ansichten. Als er in die Flegeljahre kam, ging er Missionaren und weißen Leuten von ernstem Aussehen, die zu fragen pflegten, wer er sei und was er treibe, geflissentlich aus dem Wege. Denn Kim trieb, mit großartigem Erfolge, gar nichts. Zwar die wundervolle, wallumgürtete Stadt Lahore kannte er durch und durch, vom Delhi-Tor bis zum äußersten Festungsgraben; zwar stand er auf Du und Du mit Leuten, die ein so seltsames Leben führten, wie selbst Harun al Raschid es sich nicht hätte träumen lassen; zwar lebte er selbst ein so seltsames Leben, wie in »Tausend und eine Nacht« – aber die Missionare und Beamten von wohltätigen Anstalten hätten dies alles ja nicht zu würdigen gewußt. Im Stadtbezirk war sein Spitzname »Kleiner Allerweltsfreund«. Da er klein und unauffällig war, hatte er sehr oft nächtliche Botschaften auf den belebten Hausdächern von fashionablen, geschniegelten jungen Herren auszurichten. Es waren Intriguen, natürlich – er wußte das nur zu genau, hatte er doch, seit er sprechen konnte, alles Böse kennen gelernt. Er lieble solche Streiche um ihrer selbst willen; dies heimliche Umherstreifen durch dunkle Winkel und Gäßchen, das verstohlene Hinaufschleichen durch ein Wasserrohr, den Anblick und die Laute der Frauenwelt auf den flachen Dächern und die ungestüme Flucht von Dach zu Dach im Schutze der schwülen Dunkelheit. Dann gab es heilige Männer, mit Asche beschmierte Fakire, unter ihren steinernen Schreinen bei den Bäumen am Flußufer, mit denen er ganz familiär stand. Er begrüßte sie, wenn sie von ihren Bettelreisen zurückkehrten, und, wenn es niemand sah, aß er auch mit ihnen aus derselben Schüssel.

Die Frau, die ihn in Obhut hatte, flehte unter Tränen, er solle europäische Kleider tragen: Hosen, ein Hemd und einen Schlapphut. Kim zog es vor, in ein Hindu- oder Mohammedaner-Gewand zu schlüpfen, wenn er in gewissen Geschäften unterwegs war. Einer der jungen, fashionablen Männer – es war derselbe, der in der Nacht des Erdbebens auf dem Grunde eines Brunnens tot aufgefunden wurde – hatte ihm einst einen vollständigen Anzug aus Hindu-Stoff, das Kostüm eines Straßenjungen niederer Kaste, gegeben. Kim verbarg es heimlich zwischen einigen Balken auf Nila Rams Zimmerplatz, hinter dem Punjab-Gerichtshof, dort, wo die wohlriechenden Deodar-Klötze zum Austrocknen lagerten, nachdem sie den Ravi herabgetrieben. Wenn Aussicht auf Geschäfte oder Schelmenstreiche bevorstand, holte Kim seinen verborgenen Besitz hervor und kehrte erst beim Morgengrauen zurück in die Veranda, erschöpft vom Jubilieren hinter einer Heiratsprozession her oder vom Schreien bei einer Hindu-Festlichkeit. Zuweilen fand er einen Happen im Hause, öfter aber nicht; dann ging er wieder fort und aß mit seinen eingeborenen Freunden.

Er trommelte mit den Hacken gegen Zam-Zammah und unterbrach bisweilen sein »König vom Schloß«-Spiel mit dem kleinen Chota Lal und Abdullah, des Kuchenbäckers Sohn, um dem eingeborenen Polizisten, der die Reihe von Schuhen vor dem Museum zu bewachen hatte, Grobheiten zuzurufen. Der dicke Punjabmann lächelte nachsichtig. Er kannte Kim schon lange – ebenso der Wasserträger, der die trockene Straße aus seinem ziegenledernen Sack besprengte. Auch der Jawahir Singh, der Museums-Tischler, der über neuen Packkisten gebückt dastand, war ein alter Bekannter Kims, wie überhaupt jedermann rundherum, ausgenommen die Bauern vom Lande, die nach dem Wunderhause kamen, um die Dinge anzustaunen, die in ihrer eignen Provinz ebenso wie auch anderswo angefertigt wurden. Das Museum war bestimmt für die Erzeugnisse indischer Kunst und Industrie. Wer etwas erklärt haben wollte, konnte den Direktor fragen.

»Herunter! Herunter mit Dir! Ich will hinauf,« schrie Abdullah, auf Zam-Zammah’s Rad kletternd.

»Dein Vater war Pastetenkoch. Deine Mutter stahl das »Ghi«, . sang Kim. »Alle Muselmänner sind längst von Zam-Zammah heruntergefallen.«

»Laß mich hinauf!« kreischte der kleine Chota Lal, unter seiner goldgestickten Mütze. Sein Vater war vielleicht eine halbe Million Sterling wert; aber Indien ist das einzige demokratische Land der Welt.

»Die Hindu sind auch von Zam-Zammah herabgefallen. Die Muselmänner stießen sie herunter. Dein Vater war Pastetenkoch« – Er hielt inne, denn um die Ecke, vom geräuschvollen Moti-Bazar her, kam schwerfälligen Ganges ein Mann, wie ihn Kim, der alle Kasten zu kennen glaubte, nie zuvor gesehen. Er war nahezu sechs Fuß hoch und gekleidet in dunkelbraunen Stoff, der, einer Pferdedecke ähnlich, Falte auf Falte schlug; und nicht eine Falte konnte Kim in Zusammenhang bringen mit irgendeinem ihm bekannten Geschäft oder Handwerk. An seinem Gürtel hing ein eiserner Federbehälter von durchbrochener Arbeit und ein hölzerner Rosenkranz, wie ihn heilige Männer tragen. Auf dem Haupte hatte er eine Art riesiger spitzer Deckelmütze mit einem Knopf in der Mitte. Sein Gesicht war gelb und runzelig wie das von Fook Shing, dem chinesischen Schuhmacher im Bazar. Seine Augen zogen sich nach den Winkeln aufwärts und sahen aus wie kleine Spalten aus Onyx.

»Wer ist das?« fragte Kim seine Kameraden.

»Vielleicht ist es ein Mann,« sprach Abdullah hinstarrend, den Finger im Munde.

»Ohne Zweifel,« erwiderte Kim; »aber es ist ein Inder, wie ich ihn noch nie sah.«

»Ein Priester vielleicht,« meinte Chota Lal, den Rosenkranz erspähend. »Sieh, er geht in das Wunder-Haus.«

»Nein, nein,« sagte der Polizist kopfschüttelnd. »Ich verstehe Deine Rede nicht.« Der Konstabler sprach Punjabi. »He, Du! Allerweltsfreund! was sagst Du?«

»Schicke ihn hierher,« rief Kim, von Zam-Zammah herab kletternd und seine nackten Füße schwenkend. »Er ist ein Fremder und Du bist ein Büffel.«

Der Mann drehte sich hilflos um und schob sich zu dem Knaben hin. Er war alt, und sein wollenes Obergewand dunstete noch von dem übelriechenden Wermut der Gebirgspässe.

»O, Kinder, was ist dies große Haus?« fragte er in sehr klarer Urdusprache.

»Das Ajaib-Gher, das Wunder-Haus.« Kim gab ihm keinen Titel, wie Lala oder Mian, denn er konnte des Mannes Glaubensbekenntnis nicht erraten. »Ah! Das Wunder-Haus! Kann da ein jeder eintreten?«

»Es steht über der Pforte geschrieben – jeder kann eintreten.«

»Ohne Bezahlung?«

»Ich gehe ein und aus. Und ich bin kein Bankier,« lachte Kim.

»Ach! Ich bin ein alter Mann, ich wußte es nicht.« Dann, seinen Rosenkranz fingernd, wandte er sich halb dem Museum zu.

»Welcher Kaste gehörst Du an? Wo ist Dein Haus? Kommst Du von ferne her?« fragte Kim.

»Ich kam über Kulu, von jenseits der Kailas – aber was wißt Ihr von den Bergen, wo« – er seufzte – »Luft und Wasser frisch und kühl sind.«

»Aha! Khitai« (ein Chinese), sagte Abdullah stolz. Fook Shing hatte ihn einmal aus seinem Laden gejagt, weil er nach dem Joß (chinesischer Götze) gespieen, der über den Stiefeln thronte.

»Pahari« (ein Bergbewohner), meinte der kleine Chota Lal.

»Ach Kind! Ein Bergbewohner, von Bergen, die Du niemals sehen wirst. Hörtest Du schon von Bhotiyal (Tibet)? Ich bin kein Khitai, aber ein Bhotiya (Tibetaner), wenn Du es wissen mußt – ein Lama – oder sage in Deiner Sprache: ein Guru.«

»Ein Guru von Tibet,« rief Kim. »So einen Mann sah ich noch nie. Sind sie Hindus in Tibet?«

»Wir sind Pilger des ›mittleren Pfades‹ und leben in Frieden in unseren Land-Klöstern; ich aber zog aus, um die Vier Heiligen Plätze zu sehen, bevor ich sterbe. Nun wißt Ihr, die Ihr Kinder seid, so viel als ich, der ich alt bin.« Er lächelte wohlwollend auf die Knaben hernieder.

»Hast Du gegessen?«

Er tappte auf seiner Brust herum und zog eine abgenutzte, hölzerne Bettelschale hervor. Die Knaben nickten. Alle Priester ihrer Bekanntschaft bettelten.

»Ich mag noch nicht essen.« Er bewegte seinen Kopf wie eine alte Schildkröte im Sonnenschein. »Ist es wahr, daß so viele Bildnisse im Wunder-Hause von Lahore stehen?« Er wiederholte die letzten Worte, wie jemand, der sich eine Adresse einprägt.

»Das ist wahr,« sagte Abdullah. »Es ist voll von heidnischen ›Buts‹. Du bist wohl auch ein Götzendiener?«

»Höre nicht auf ihn ,« sprach Kim. »Das Haus gehört der Regierung und Götzendienerei gibt es nicht darin; nur einen Sahib mit einem weißen Bart. Komm mit mir, ich will Dich führen.«

»Fremde Priester fressen Knaben,« wisperte Chota Lal.

»Und er ist ein Fremder und ein But-parast (ein Götzendiener)« sagte Abdullah, der Mohammedaner.

Kim lachte. »Er ist fremd. Lauft, versteckt Euch in Eurer Mutter Schoß, dann seid Ihr sicher. Komm!«

Kim schob sich durch das Drehkreuz am Eingang, der alte Mann folgte, blieb aber bald vor Erstaunen stehen. In der Eintrittshalle standen die größeren Figuren hellenistisch-buddhistischer Skulptur, die – Gelehrte mögen wissen vor wie langer Zeit – von vergessenen Künstlern gefertigt waren, deren Hände nicht ohne Geschick nach dem rätselhaft überkommenen griechischen Stil getastet hatten. Da waren vereinigt Hunderte von Figurenfriesen in Relief, Fragmente von Statuen und Steinplatten mit Figuren, welche die steinernen Wände der buddhistischen Stupas (bienenkorbförmige Baudenkmäler) und Viharas (Klöster) der nördlichen Gegenden bedeckt hatten, um nun, ausgegraben und etikettiert, den Stolz des Museums auszumachen. Mit staunender Bewunderung wandte der Lama sich von einem zum anderen, bis er endlich in verzückter Spannung still stand vor einem Hoch-Relief, das die Krönung oder Apotheose des Buddha wiedergab. Der »Herr« war dargestellt auf einer Lotusblume sitzend, deren Blätter so tief unterhöhlt waren, daß sie fast losgelöst erschienen. Eine anbetende Korona von Königen, Tempelältesten und Buddhas aus den Vorzeiten umgab ihn. Darunter lotusbedeckte Wasser mit Fischen und Wasservögeln. Zwei Dewas mit Schmetterlingsflügeln hielten einen Kranz über seinem Haupte; zwei andere trugen den Sonnenschirm, überragt von der juwelenstrahlenden Hauptbedeckung des Bodhisat.

»Der Herr! Der Herr! Es ist Sakya Muni selbst,« sprach der Lama mit unterdrücktem Schluchzen, und er begann mit halber Stimme die wundervolle buddhistische Anrufung:

»Zu Ihm der Weg – die Lehre groß –
Den Maya trug in ihrem Schoß
Des Segens Herr – der Bhodisat!«

»Und ›Er‹ ist hier! Das höchst vortreffliche Gesetz ist auch hier. Meine Pilgerfahrt hat günstig begonnen. Und welch‘ ein Werk! Welch‘ ein Werk!«

»Dort ist der Sahib,« sagte Kim und hüpfte zwischen den Kasten der Kunstgewerbe und Industrie-Abteilung hindurch zur Seite.

Ein weißbärtiger Engländer blickte auf den Lama hin, der ihn feierlich grüßte und nach einigem Herumtasten ein Notizbuch und einen Streifen Papier zum Vorschein brachte.

»Ja, das ist mein Name,« sprach er, lächelnd auf die plumpe, kindliche Druckschrift deutend.

»Einer von uns, der die Pilgerfahrt nach den Heiligen Plätzen gemacht – er ist jetzt Abt des Lung-Cho-Klosters – gab mir dies,« stammelte der Lama. »Er sprach zu mir von ›Diesen‹.« Seine magere Hand wies zitternd rund umher.

»Willkommen denn, Lama von Tibet. Hier sind die Götterbilder; und hier bin ich,« – er blickte in des Lamas Gesicht – »um Wissen zu sammeln. Komm mit in mein Arbeitszimmer.« Der alte Mann zitterte vor Erregung.

Das Bureau war nur ein kleiner hölzerner, von der mit Skulpturen gefüllten Galerie abgeteilter Verschlag. Kim legte sich nieder, mit dem Ohr gegen einen Riß in der von der Hitze gespaltenen Tür von Zedernholz, um, seinem angeborenen Instinkte gemäß, zu horchen und zu beobachten.

Das Hauptsächlichste des Gesprächs ging über sein Verständnis. Anfangs zögernd sprach der Lama zu dem Direktor von seinem Lama-Kloster »Suchzen«, gegenüber dem Farbigen Felsen und wohl einen viermonatlichen Marsch entfernt. Der Direktor holte ein großes Buch mit Photographien herbei und zeigte ihm das genannte, auf hoher Felsspitze thronende Kloster, das auf das Riesenthal mit den vielfach getönten Felsstufen herniederschaute.

»Ei! Ei!« Der Lama setzte eine in Horn gefaßte Brille von chinesischer Arbeit auf. »Hier ist die kleine Tür, durch die wir das Holz für den Winter tragen. Und Du – der Engländer, kennst das? Der jetzt Abt von Lung-Cho ist, sagte mir, daß Ihr es wisset, aber ich glaubte es nicht. Der Herr, der Erhabene – man ehrt ihn auch hier? Und man kennt sein Leben?«

»Es ist alles in Stein gemeißelt. Komm und schaue, wenn Du ausgeruht hast.«

Der Lama schlürfte hinaus in die Haupthalle; der Direktor schritt ihm zur Seite durch die Sammlungen mit der Andacht des Verehrers und der Hochschätzung des Kunstkenners.

Ereignis auf Ereignis in der wundervollen Geschichte bezeichnete er auf den nachgedunkelten Steinen, zuweilen selbst etwas in Verlegenheit gebracht durch die ungewohnte griechische Stilart, aber entzückt wie ein Kind bei jedem neuen Fund.

Wo die Reihenfolge unterbrochen war, wie bei der Verkündigung, ergänzte der Direktor sie mit Hilfe seiner aufgestapelten französischen und deutschen Bücher, durch Photographien und Abbildungen.

Hier war der fromme Asita, Pendant des Simeon in der christlichen Geschichte, das heilige Kind auf den Knien haltend, während die Eltern andächtig lauschten; und hier waren Vorgänge aus der Legende des Vetters Devadatta. Hier war das böse Weib, das mit schändlicher Lüge den »Herrn« der Unlautbarkeit beschuldigte – hier die Predigt im Wildpark – das Wunder, von dem die Feueranbeter überwältigt wurden – und hier der Bodhisat als Prinz im Königlichen Schmuck; die wunderbare Geburt; der Tod zu Kusinara, wo der schwache Jünger in Ohnmacht sank. Fast unzählige Wiederholungen der Meditation unter dem Bodhisat-Baum fanden sich und die Anbetung der Almosen-Schale war überall zu sehen. Nach wenigen Minuten schon wußte der Direktor, daß sein Gast kein gewöhnlicher, Rosenkranzkugeln zählender Bettler, nein, ein ganzer Gelehrter war. Und sie gingen alles noch einmal durch; der Lama schnupfend, seine Brillengläser putzend und mit Eisenbahnschnelligkeit ein wunderbares Gemisch von Urdu und Tibetanisch redend. Er hatte von den Reisen der chinesischen Pilger Fo-Hian und Hwen-Thiang gehört und war begierig zu erfahren, ob Übersetzungen ihrer Berichte existierten. Mit angehaltenem Atem wendete er hilflos die Blätter von Beal und Stanislas Julien um. »Es ist alles hier – aber für mich ein verschlossener Schatz.« Dann suchte er sich zu beruhigen, um ehrfurchtsvoll den Bruchstücken zu lauschen, die ihm rasch in Urdu wiedergegeben wurden. Zum ersten Male hörte er von den Arbeiten europäischer Gelehrten, die mit Hilfe dieser und hundert anderer Dokumente die heiligen Plätze des Buddhismus festgestellt haben. Dann wurde ihm eine mächtige Karte gezeigt, fleckig, voll gelblicher Linien. Der braune Finger folgte des Direktors Stift von Punkt zu Punkt. Da war Kapilavastu, da das Königreich der Mitte und hier Mahabodhi, das Mekka des Buddhismus; und hier war Kusiganagara, der traurige Platz von des Heiligen Tod. Der alte Mann beugte für eine Weile schweigend das Haupt über die Blätter; der Direktor zündete sich eine neue Pfeife an. Kim war eingeschlafen. Als er erwachte, war die Unterhaltung noch im Flusse, aber ihm besser verständlich.

»Und so geschah es, o Brunnen der Weisheit, daß ich beschloß, nach den Heiligen Plätzen zu pilgern, die »sein« Fuß betreten. Nach dem Geburtsplatz, selbst nach Kapila; dann nach Maha Bodhi, was Buddh Gana ist – nach dem Kloster – dem Wildpark – nach dem Platz Seines Todes.«

Der Lama senkte die Stimme. »Und ich komme allein hierher. Seit fünf, sieben, achtzehn – vierzig Jahren trage ich es in meinen Gedanken, daß das Alte Gesetz nicht wohl befolgt wird. Es ist, Du weißt es, überladen mit Teufelei, Zauberei und Götzendienst. Gerade wie das Kind da draußen eben sagten ja, wie selbst das Kind sagte, mit »But parasti«.

»So ergeht es jeder Glaubenslehre.«

»Meinst Du? Die Bücher meines Klosters habe ich gelesen, und sie waren vertrocknetes Mark: und das späte Ritual, mit dem wir vom Reformierten Gesetz uns beladen haben – auch das hatte keinen Wert in diesen alten Augen. Selbst die Jünger des »Vollkommenen« leben in beständiger Fehde miteinander. Es ist alles Wahn! Ja, Maya, Wahn! Aber ich trage ein anderes Verlangen« – das gefurchte gelbe Gesicht näherte sich ganz dicht dem des Direktors und der lange Nagel des Zeigefingers tippte auf den Tisch – »Eure Gelehrten sind in diesen Büchern den Heiligen Füßen auf allen Wanderungen gefolgt; aber es gibt Dinge, denen sie nicht nachgeforscht haben. Ich weiß nichts – nichts weiß ich – aber ich gehe mich frei zu machen von dem Rad der Dinge, auf einem offenen, breiten Wege.« – (Rad der Dinge ist ein buddhistischer Begriff der Wiederkehr alles Seienden bis zur Erlösung.) Er lächelte mit naivem Triumph. »Als Pilger nach den Heiligen Plätzen erwerbe ich Verdienst. Aber es bleibt mehr zu tun. Höre auf ein wahres Wort. Da unser gnadenreicher Herr noch ein Jüngling war und eine Lebensgefährtin suchte, meinten die Männer an Seines Vaters Hof, daß Er zu zart zur Heirat wäre. Du weißt dies?«

Der Direktor nickte, neugierig, was nun folgen sollte.

»So wurde eine dreifache Kraftprobe mit allen herankommenden Bewerbern angeordnet. Bei der Prüfung des Bogens forderte unser »Herr«, nachdem Er den ihm überreichten Bogen durchgebrochen, einen Bogen, den keiner spannen könnte. Du weißt?«

»Es steht geschrieben. Ich habe es gelesen.«

»Und alle anderen Zeichen überschießend, flog der Pfeil fern und ferner, außer Sicht. Zuletzt fiel er; und wo er die Erde berührte, da brach ein Wasserstrahl hervor, der sogleich zum Strome wurde. Und durch unseres Herrn Gnade und das Verdienst, das Er erwarb, bevor Er Sich selbst frei machte, erhielt der Strom die Eigenschaft, jede Spur und jeden Flecken von Sünde abzuwaschen von dem, der in ihm badet.«

»So steht es geschrieben«, sagte traurig der Direktor.

Der Lama tat einen liefen Atemzug. »Wo ist der Strom, o Brunnen der Weisheit? Wo fiel der Pfeil?«

»O, mein Bruder, ich weiß es nicht.«

»O nein. Du hast es wohl vergessen – das Eine nur, was Du mir nicht gesagt. Sicher, Du mußt es wissen. Sieh, ich bin ein alter Mann! Ich frage Dich – mein Haupt zwischen Deinen Füßen – o, Brunnen der Weisheit! Wir wissen, der Wasserstrahl sprang hervor! Wo denn ist der Fluß? Ein Traum hieß mich ihn finden. So kam ich. Ich bin hier. Aber wo ist der Strom?«

»Wenn ich es wüßte, denkst Du, ich würde es nicht laut hinausrufen?«

»Durch ihn,« fuhr der Lama, ohne ihn zu beachten fort, »erlangt man Befreiung vom Rad der Dinge. Der Strom des Pfeiles! Denk‘ noch einmal nach! Ein kleines Flüßchen, – mag sein – vielleicht in der Hitze vertrocknet? – Aber der Heilige würde einen alten Mann nicht so täuschen.«

»Ich weiß es nicht. Ich weiß es nicht.«

Der Lama brachte sein tausendfach durchfurchtes Gesicht auf eine Handbreite dem des Engländers nahe.

»Ich sehe. Du weißt es nicht. Da Du der Lehre nicht angehörst, blieb Dir dieses verborgen.«

»Ach! Verborgen – verborgen.«

»Wir sind bald in Banden, Du und ich, mein Bruder. Aber ich« – er erhob sich mit einem Schwung seiner weichen, schweren Umhüllung – »ich gehe, um mich frei zu machen. Komm‘ mit!«

»Ich bin gebunden,« sagte der Kurator … Aber wohin gehst Du?«

»Erst nach Kashi (Benares), wohin sonst? Dort in dem Jaina-Tempel dieser Stadt werde ich einen von der reinen Lehre treffen. Auch er ist im Geheimen ein Sucher, und von ihm kann ich möglicherweise lernen. Kann sein, daß er mit mir nach Buddha-Gaya geht. Von da nördlich und westlich nach Kapilavastu, und da will ich nach dem Flusse suchen. Nein, überall, wohin ich gehe, will ich suchen – denn der Platz, wo der Pfeil fiel, ist nicht bekannt.«

»Und wie willst Du gehen? Es ist ein weiter Ruf bis Delhi, und weiter noch bis Benares.«

»Auf der Heerstraße und mit den Zügen. Von Pathankot, nachdem ich die Hügel verlassen, kam ich hieher in einem Zug. Er fährt schnell. Anfangs wunderte ich mich sehr über die hohen Stangen an der Seite des Weges, die die Fäden aufschnappen und aufschnappen,« er erläuterte pantomimisch das scheinbare Neigen und Wirbeln der Telegraphenstangen, wenn der Zug vorbeisaust. »Aber später, ich saß so zusammengepfercht, ich wünschte, ich hätte gehen können, wie ich es gewohnt bin.«

»Und kennst Du Deinen Weg denn sicher?« fragte der Direktor.

»O, was das betrifft, ich brauche nur zu fragen und Geld zu zahlen; die angestellten Personen befördern jeden nach dem bestimmten Platz. Das wußte ich schon in der Lamaserai aus sicherer Quelle,« sagte mit Stolz der Lama.

»Und wann willst Du fort?« Der Direktor lächelte über diese Mischung von altweltlicher Frömmigkeit und modernem Fortschritt, wie sie jetzt für Indien so bezeichnend ist.

»Sobald als möglich. Ich folge den Spuren Seines Lebens, bis ich zu dem Strom des Pfeiles komme. Es gibt indes ein geschriebenes Papier von den Stunden der Züge, die südwärts gehen.«

»Und Deine Nahrung?« Lamas führen in der Regel einen guten Vorrat an Geld irgendwo bei sich, aber der Direktor wünschte sich davon zu überzeugen.

»Auf der Reise trage ich die Bettelschale wie unser Meister. Ja. So wie Er ging, so gehe ich, mit Verzicht auf meines Klosters Versorgung. Da ich die Hügel verließ, hatte ich einen Chela (Schüler) bei mir, der, wie es die Regel erfordert, für mich bettelte; aber in Kulu, wo wir eine Weile hielten, ergriff ihn ein Fieber und er starb. Ich habe nun keinen Chela, aber ich will die Almosenschale tragen und den Mildtätigen Gelegenheit bieten, Verdienst zu erwerben.« Er nickte tapfer mit dem Kopf. Gelehrte Doktoren einer Lamaserai betteln nicht; aber der Lama war in diesem Punkte Idealist.

»Sei es so,« sagte lächelnd der Direktor. »Gönne mir nun, Dir einen Dienst zu erweisen. Wir beide sind Kollegen, Du und ich. Hier ist ein neues Buch, von weißem, englischem Papier, hier sind gespitzte Bleistifte, zwei und drei, dicke und dünne – alle gut für einen Schreiber. Nun erlaube mir noch Deine Brille.«

Der Direktor sah durch die Gläser. Sie waren arg zerschrammt, aber die Stärke fast genau wie die seiner eigenen Brille, welche er in des Lamas Hand gleiten ließ mit den Worten: »Versuche diese.«

»Eine Feder! Wahrhaftig, so leicht wie eine Feder auf dem Gesicht!« Der alte Mann bewegte entzückt den Kopf und runzelte die Nase aufwärts. »Kaum fühle ich sie. Wie klar ich sehe!«

»Die Gläser sind Bilaur (Krystall) und werden niemals schrammig. Mögen sie Dir zu Deinem Flusse helfen, sie sind Dein!«

»Ich will sie nehmen, und die Stifte auch und das weiße Buch, als Zeichen der Freundschaft zwischen Priester und Priester – und nun« – er tappte an seinem Gürtel herum, löste den eisernen Federbehälter von durchbrochener Arbeit los und legte ihn auf des Direktors Tisch. »Das soll ein Zeichen der Erinnerung sein zwischen Dir und mir – mein Federbehälter. Es ist etwas Altes – so wie ich bin.«

Es war eine Arbeit von altem Muster, chinesisch, von einem Eisen, wie es jetzt nicht mehr gegossen wird; und das Sammlerherz in des Direktors Brust hatte sie vom ersten Augenblick an ersehnt. Um keinen Preis wollte der Lama seine Gabe zurücknehmen.

»Wenn ich zurückkehre und den Fluß gefunden habe, will ich Dir ein geschriebenes Bild von der ›Padma Samthora‹ (heilige Lotosblume) bringen – so wie ich es in der Lamaserai auf Seide zu machen pflegte. Ja – und von dem Rad des Lebens,« sprach er mit halb unterdrücktem Lachen, »denn wir beide sind Kunstkenner, Du und ich.«

Der Kurator hätte ihn gern noch zurückgehalten; denn es gibt nur wenige in der Welt, die noch das Geheimnis der althergebrachten buddhistischen Pinselfederdarstellungen besitzen, die halb geschrieben, halb gezeichnet sind. Aber der Lama schritt bereits weitausgreifend und das Haupt hoch in der Luft, hinaus, stand einen Augenblick noch still vor der großen Statue eines Bodhisat in Meditation und schob sich sodann durch das Drehkreuz.

Kim folgte ihm wie sein Schatten. Was er erlauscht, hatte ihn wild erregt. Dieser Mann war ihm, trotz aller Erfahrung, vollständig neu und er wollte ihn weiter ergründen, genau so wie er ein neues Gebäude oder eine unbekannte Festlichkeit in Lahore ausspionierte. Der Lama war sein Fund und er wollte Besitz von ihm ergreifen. Kims Mutter war nicht umsonst eine Irländerin.

Der alte Mann hielt inne bei Zam-Zammah und schaute sich um, bis sein Auge auf Kim fiel. Der Enthusiasmus seiner Pilgerfahrt war für den Augenblick gedämpft; er fühlte sich verlassen, alt und sehr hungrig.

»Nicht unter der Kanone sitzen!« fuhr ihn der Polizist grob an.

»Hu! Du Eule!« war Kims Erwiderung an des Lamas Stelle. »Setze Dich nur unter die Kanone, wenn es Dir so gefällt. Wann hast Du der Milchfrau die Pantoffeln gestohlen, Dunnoo?«

Das war eine ganz grundlose, der Eingebung des Augenblickes entsprungene Beschuldigung; aber sie machte Dunnoo verstummen, der wußte, daß Kims gellende Stimme Legionen von bösen Bazar-Buben herbeirufen Konnte, wenn’s Not tat.

»Und wen hast Du angebetet da drinnen?« frug Kim leutselig, indem er sich im Schalten neben dem Lama niederkauerte.

»Ich betete keinen an, Kind. Ich verneigte mich vor dem Vortrefflichen Gesetz.«

Kim akzeptierte diese neue Gottheit ohne Gemütsbewegung. Er kannte schon eine gehörige Anzahl.

»Und was willst Du nun tun?«

»Ich bettle. Ich entsinne mich nun, es ist lange her, daß ich aß und trank. Wie ist der Brauch in dieser Stadt, wenn man Mildtätigkeit sucht? Tut man es schweigend, wie in Tibet, oder mit Worten?«

»Die mit Schweigen betteln, verhungern im Schweigen,« antwortete Kim, ein landesübliches Sprichwort anführend. Der Lama versuchte sich zu erheben, sank aber zurück und klagte um seinen Schüler, der in weiter Ferne, in Kulu, gestorben war. Den Kopf zur Seite, beobachtete Kim überlegend und interessiert.

»Gib mir die Schale. Ich kenne die Leute in dieser Stadt, alle, die barmherzig sind. Gib mir die Schale, ich bringe sie Dir gefüllt zurück.« Einfach wie ein Kind, reichte der alte Mann ihm die Schale.

»Ruhe Du. Ich kenne meine Leute.«

Er trottete fort zu der offenen Bude einer Kunjri-Gemüsehändlerin niederer Kaste, die gegenüber der Straßenbahnlinie am Motti-Bazar stand. Die Frau kannte Kim lange genug.

»Oho« rief sie, »bist Du ein Pogi geworden, mit Deiner Bettlerschale?«

»Nein,« sagte Kim stolz. »Es ist ein fremder Priester in der Stadt – ein Mann, wie ich noch nie einen sah.«

»Alter Priester – junger Tiger,« sprach das Weib ärgerlich. »Ich hab‘ die fremden Priester satt! Die fallen wie Fliegen über unsere Ware her. Ist der Vater meines Sohnes ein Brunnen der Barmherzigkeit, um allen zu geben, die betteln?«

»Nein,« antwortete Kim: »Dein Mann ist mehr ein Pagi (Brummbär) als ein Pogi (heiliger Mann). Aber dieser Priester ist neu. Der Sahib in dem Wunderhaus sprach zu ihm wie ein Bruder. O, meine Mutter, fülle mir die Schale! Er wartet!«

»Diese Schale? Meinst Du? Die hat ja einen Bauch wie eine Kuh. Du bist nicht besser als der heilige Stier des Shiwa; der hat mir heute früh schon das Beste von einem Korb voll Zwiebeln aufgefressen, und dann soll ich noch Deine Schale füllen? Da kommt er schon wieder.«

Der ungeheure, mausgraue Brahmini-Stier schob sich mit auf- und niederschaukelnden Schultern durch die vielfarbige Menge, ein gestohlenes Bananenbüschel im Maule. Er hielt gerade auf die Bude zu, sich seiner Privilegien als geheiligtes Tier wohl bewußt, senkte den Kopf und schnüffelte heftig an der Reihe von Körben herum, ehe er seine Wahl traf. Da flog Kims holzbeschuhter kleiner Fuß in die Luft und traf ihn auf die feuchte blaue Schnauze. Er grunzte ärgerlich und stapfte über die Bahnschienen zurück; sein Widerrist zitterte vor Wut.

»Sieh, ich habe Dir mehr gespart, als es kostet, wenn Du die Schale dreimal füllst. Nun, Mutter, ein wenig Reis und getrockneter Fisch obenauf – ja, und etwas Curry-Gemüse.«

Ein Knurren kam aus dem Hintergrund der Bude, wo der Mann lag.

»Er hat den Stier vertrieben,« sagte die Frau halblaut. »Es ist gut, den Armen zu geben.« Sie nahm die Schale und gab sie, mit heißem Reiß gefüllt, zurück.

»Aber mein Pogi ist keine Kuh,« sagte Kim ernsthaft, mit seinen Fingern ein Loch in den Reisberg machend. »Ein wenig Curry ist gut, und ein gebackener Kuchen und etwas eingemachte Frucht würden ihm behagen.«

»Das Loch ist so groß wie Dein Kopf,« sprach murrend das Weib. Aber sie füllte es trotzdem mit gutem, heißem Currygemüse, klappte einen getrockneten Kuchen oben darauf mit einem Stückchen geklärter Butter, legte ein Häufchen Tamarinden-Konserve an die Seite – und Kim betrachtete wohlgefällig die Ladung.

»So ist’s gut, wenn ich im Bazar bin, soll der Ochs nicht wieder an diese Bude kommen. Er ist ein frecher Bettelmann.«

»Und Du?« lachte die Frau. »Aber sprich nicht schlecht von Ochsen. Hast Du mir nicht gesagt, daß eines Tages ein Roter Ochse aus einem Felde kommen wird, um Dir zu helfen? Nun halte alles gerade und fordere des heiligen Mannes Segen für mich. Vielleicht weiß er auch ein Mittel, die kranken Augen meiner Tochter zu heilen? Fordere auch dies, Du kleiner Allerweltsfreund.«

Doch Kim war fortgetanzt vor dem Ende dieser Rede, herrenlosen Hunden und hungrigen Bekanntschaften aus dem Wege gehend.

»So betteln wir, die wir die Sache verstehen, sprach er stolz zu dem Lama, der die gefüllte Schale erstaunt betrachtete. »Iß nun und – ich will mit Dir essen. Heda! Bhisti!« er rief dem Wasserträger, der die Erotons (Krebsblumen) bei dem Museum begoß, »bring‘ Wasser. Wir Männer sind durstig.«

»Wir Männer!« lachte der Bhisti. »Ist ein voller Schlauch genug für so ein Paar? Trinkt denn, im Namen des Erbarmers.«

Er goß einen dünnen Strahl in Kim’s Hände, der nach Landessitte trank. Der Lama aber zog einen Becher aus seinem unerschöpflichen Obergewand und trank mit Feierlichkeit.

»Pardesi (ein Fremdling),« erklärte Kim, als der alte Mann in unbekannter Sprache etwas sagte, was offenbar ein Segen war.

Sie schmausten zufrieden zusammen, bis die Bettelschale geleert war. Dann schnupfte der Lama aus einem schwerfälligen, kürbisförmigen Holzgefäß, ließ seinen Rosenkranz eine Weile durch die Finger gleiten und fiel, als der Schatten von Zam-Zammah länger wurde, in den leisen Schlaf des Alters.

Kim bummelte zu der nächsten Tabakhändlerin, einer jungen, lebhaften Mohammedanerin hinüber und erbettelte sich eine ordinäre Zigarre, von der Sorte, wie sie den Studenten der Punjabi-Universitat, die englischen Brauch kopieren, verkauft werden. Dann rauchte er und, mit hochgezogenen Knieen unter dem Bauch der Kanone sitzend, dachte er nach. Das Resultat dieses Nachdenkens war ein rasches verstohlenes Hinhuschen nach der Richtung von Nila Rams Zimmerplatz.

Der Lama erwachte erst, als das abendliche Leben der Stadt begann mit Lampenanzünden und Rückkehr der weißgekleideten Ober- und Unterbeamten aus dem Gouvernement-Bureau. Verwirrt blickte er nach allen Seiten: niemand aber beachtete ihn, außer einem Hinduknirps in isabellfarbenem Gewand und schmutzigem Turban. Wehklagend beugte der Lama den Kopf auf die Kniee.

»Was ist los?« fragte der Knabe, vor ihm stehen bleibend. »Bist Du beraubt worden?«

»Ach, mein neuer Chela, er ist von mir gegangen: ich weiß nicht, wo er ist.«

»Und welch‘ eine Art Mensch war Dein Schüler?«

»Er war ein Knabe, der zu mir kam an Stelle dessen, der mir gestorben. Wohl weil ich Verdienst erworben, indem ich mich vor dem Gesetz verbeugte da drinnen.« Er wies nach dem Museum hin. »Er kam zu mir und zeigte mir den Weg, den ich verloren. Er leitete mich in das Wunderhaus und ermutigte mich durch seinen Zuspruch, mit dem Wächter der Götterbilder zu reden: das machte mich heiter und stark. Und als ich matt vor Hunger war, da bettelte er für mich, wie ein Chela für seinen Lehrer. Plötzlich ward er mir gesendet. Plötzlich ist er verschwunden. Und ich gedachte, ihn in dem Gesetz zu unterrichten, auf dem Wege nach Benares!«

Kim stand verwundert da. Er halte das Gespräch im Museum belauscht und wußte, daß der alte Mann nur Wahrheit redete. Und Wahrheit ist etwas, das ein Eingeborener selten einem Fremden darbietet.

»Aber ich sehe nun, er war mir nur zu bestimmtem Zweck gesendet; und ich weiß dadurch, daß ich einen gewissen Fluß, den ich suche, finden werde.«

»Den Fluß des Pfeiles,« sprach Kim mit überlegenem Lächeln.

»Ist dies abermals eine Sendung?« rief der Lama. Zu niemand sprach ich von dem, was ich suche, außer zu dem Priester der Götterbilder. Wer bist Du?«

»Dein Chela,« sagte Kim einfach auf den Hacken kauernd. »Niemals in meinem ganzen Leben habe ich einen Mann, wie Du es bist, gesehen. Ich gehe mit Dir nach Benares. Und, außerdem denke ich, daß ein so alter Mann, der zu jedem, der ihm zufällig begegnet, die Wahrheit spricht, stets eines Chela benötigt.«

»Aber der Strom – der Strom des Pfeiles?«

»O, das hörte ich, als Du mit dem Engländer redetest. Ich lehnte an der Türe.«

Der Lama seufzte. »Ich dachte, Du wärest ein Führer, mir geschenkt. Solches geschieht zuweilen – aber ich bin wohl nicht würdig. Du also kennst den Fluß nicht? –«

»Nicht ich.« Kim lachte etwas verlegen. »Ich gehe mit, um auszuschauen nach – nach einem Roten Ochsen auf einem Grünen Feld, der mir helfen soll.« Nach Knabenart hatte Kim, wenn ein Bekannter einen Plan hatte, gleich einen für sich selbst zur Stelle; und wirklich hatte er auch ein Viertelstündchen lang ernsthaft in seinem Knabensinn über seines Vaters Prophezeiung nachgedacht.

»Helfen zu was, Kind?«

»Gott weiß, aber mein Vater sagte mir so. Ich hörte Deine Rede in dem Wunderhaus von all den neuen fremden Orten in den Bergen; und wenn einer, der so alt und so wenig … so gewohnt ist, die Wahrheit zu sprechen – auszieht, um eine solche Kleinigkeit wie einen Fluß zu suchen, so schien es mir, daß auch ich auf die Reise gehen müßte. Wenn es unser Schicksal ist, die Dinge zu finden, so werden wir sie finden – Du Deinen Fluß und ich meinen Ochsen – und die hohen Säulen und noch andere Dinge; die ich vergessen habe.«

»Es sind keine Säulen, aber ein Rad, von dem ich frei werden wollte.«

»Das ist alles einerlei. Vielleicht machen sie mich zum König,« sagte Kim, in heiterer Bereitschaft für alles.

»Ich will Dich andere und bessere Wünsche lehren auf unserem Wege,« sprach würdevoll der Lama. »Laß uns nach Benares gehen.«

»Nicht bei Nacht. Es streifen Diebe umher, warte bis es Tag ist.«

»Aber ich habe keinen Platz zum Schlafen.« Der alle Mann, an die Ordnung seines Klosters gewöhnt, wenn er auch auf der Erde schlief, wie es die Regel war, begehrte doch in solchen Sachen etwas Wohlanständigkeil.

»Wir werden in der Kashmir-Herberge gutes Quartier finden,« meinte Kim, über die Verlegenheit des Lama lachend. »Ich habe dort einen Freund. Komm!«

Die heißen, vollen Bazare waren grell erleuchtet, als sie sich ihren Weg durch das Gedränge aller Rassen Ober-Indiens bahnten, und der Lama wandelte hindurch wie im Traum. Es war seine erste Erfahrung von einer großen, gewerbetreibenden Stadt. Die überfüllten Tramwagen mit den ewig kreischenden Bremsen erschreckten ihn. Halb geschoben, halb gezogen gelangte er an das hohe Gitter der Kashmir-Herberge, den ungeheuren quadratischen Platz gegenüber der Eisenbahnstation, umgeben vom gewölbten Kreuzgange, wo die Kamel- und Pferde-Karawanen bei der Rückkehr von Zentral-Asien einkehren. Hier waren Vertreter aller Stämme, angebundene Ponies und knieende Kamele versorgend, Ballen und Bündel auf- und abladend, Wasser zur Abendmahlzeit mit kreischenden Brunnenwinden heraufholend; vor den schreienden, wildäugigen Hengsten Gras aufhäufend, die knurrenden Karawanenhunde prügelnd, Kameltreiber bezahlend, neue Knechte anwerbend, schreiend, fluchend, streitend, feilschend auf dem vollgedrängten Platze. Die Kreuzgänge, durch drei oder vier gemauerte Stufen erhöht, bildeten den Zufluchtshafen in diesem stürmischen Meer. Die meisten der Gänge waren an Händler vermietet, so wie wir die Bogen eines Viaduktes vermieten. Die Plätze zwischen Säule und Säule waren mit Planken zu Kammern abgeteilt und diese durch schwere Holztüren mit plumpen Vorlegeschlössern von einheimischer Arbeit geschützt. Verschlossene Türen zeigten an, daß der Besitzer abwesend und einige roh – zuweilen sehr roh – gemalte oder mit Kalk geschmierte Striche sagten, wohin er gegangen. Ungefähr so:

»Lutuf Ullah ist nach Kurdistan gereist.« Darunter vielleicht in groben Versen: »O, Allah, der Du leidest, daß Läuse auf dem Rock eines Kabuli leben, warum erlaubst Du, daß diese Laus Lutuf so lange lebt?«

Kim, der den Lama zwischen aufgeregten Menschen und aufgeregten Tieren hindurch gängelte, hielt sich bis ans äußerste Ende seitwärts der Bogengänge nächst der Eisenbahnstation, wo Mahbub Ali, der Pferdehändler hauste, wenn er hereinkam von jenem geheimnisvollen Land, jenseits der Pässe des Nordens.

Kim hatte während seines jungen Lebens mit Mahbub schon mancherlei zu tun gehabt – hauptsächlich zwischen seinem zehnten und dreizehnten Jahre; und der große stämmige Afghane, der seinen Bart scharlachrot färbte (denn er war ältlich und wollte seine grauen Haare nicht zeigen). Kannte des Knaben Wert, was das Stadtgeschwätz betraf. Zuweilen gab er Kim den Auftrag, einen Mann, der durchaus nichts mit Pferden zu tun hatte, zu beobachten, ihm den ganzen Tag zu folgen und von jedem Menschen, mit dem er sprach, zu berichten. Kim machte am Abend seinen Bericht und Mahbub lauschte ohne Wort und Bewegung. Es handelte sich um irgend eine Intrigue. Kim wußte das, aber er wußte auch, daß ihr Wert darauf beruhte, daß er zu keinem Menschen außer Mahbub davon redete. Mahbub gab ihm dafür wundervolle Mahlzeiten, ganz heiß aus der Garküche in der Ecke der Herberge, und einmal sogar acht Anna in Gold.

»Er ist da,« sprach Kim, ein bösartiges Kamel auf die Nase knuffend. »Heda, Mahbub Ali!« Er hielt vor einem dunklen Bogen und schlüpfte hinter den erschrockenen Lama.

Der Pferdehändler, der seinen hohen gestickten Bokhaiiot-Gürtel gelöst hatte, lag, träge an einer immensen silbernen Hookah (Wasserpfeife) ziehend, auf einem Paar Satteltaschen aus Seidenteppichen. Er wendete bei dem Ruf ein wenig den Kopf, und da er nur die hohe schweigende Gestalt sah, lachte er halblaut in seinen Bart.

»Allah! Ein Lama! Ein Roter Lama! Es ist weit von Lahore zu den Pässen, was willst Du hier?«

Der Lama hielt mechanisch die Bettelschale hin.

»Gottes Verdammnis über alle Ungläubigen!« rief Mahbub. »Ich gebe keinem lausigen Tibetaner etwas. Bettle bei meinen Baltis da drüben hinter den Kamelen; die wissen vielleicht Deinen Segen zu würdigen. He! Pferdejungen, hier ist ein Landsmann von Euch, fragt, ob er hungrig ist.«

Ein glattköpfiger, gebeugter Balti, der mit den Pferden herunter gekommen und angeblich eine Art degradierter Buddhist war, grinste dem Priester entgegen und bat in tiefen Kehllauten den Heiligen, sich an das Feuer der Pferdejungen zu setzen.

»Gehe,« sagte Kim, ihn leicht fortschiebend, und der Lama schritt dahin und ließ Kim an der Kante des Kreuzganges zurück.

»Geh,« sagte auch Mahbub Ali, zu seiner Hookah zurückkehrend. »Kleiner Hindu, mach‘ Dich fort, Verdammnis auf alle Ungläubigen! Bettle bei den Leuten meiner Gefolgschaft, die Deines Glaubens sind.«

»Maharaj,« jammerte Kim, sich der Hindu Anrede bedienend und sich höchlich amüsierend, »mein Vater ist tot, meine Mutter ist tot, mein Magen ist leer.«

»Bettle bei meinen Pferdejungen, sage ich. Es müssen auch Kinder unter meinen Leuten sein.«

»O, Mahbub Ali, bin ich denn ein Hindu?« sagte Kim auf englisch.

Der Händler gab kein Zeichen des Erstaunens. Er blinzelte nur unter seinen zottigen Brauen.

»Kleiner Allerweltsfreund,« sagte er, »was soll das bedeuten?«

»Nichts. Ich bin jetzt der Schüler dieses heiligen Mannes, und wir pilgern zusammen nach Benares, sagte er. Er ist ganz verrückt und ich habe die Stadt Lahore satt. Ich sehne mich nach anderer Luft und Wasser.«

»Aber für wen arbeitest Du? Warum kommst Du zu mir?« Die Stimme war rauh vor Argwohn. »Zu wem sonst sollte ich gehen? Ich habe kein Geld. Ohne Geld ist schlecht reisen. Du wirst den Offizieren viele Pferde verkaufen. Es sind sehr feine Pferde diese neuen, ich sah sie mir an. Gib mir eine Rupie, Mabbub Ali, ich will Dir einen Schuldschein geben und bezahlen, wenn ich zu meinem Reichtum komme.

»Hm,« machte Mahbub Ali, nach kurzem Bedenken. »Du hast mich noch nie belogen. Rufe den Lama – und ziehe Dich zurück in die Dunkelheit.«

»O, wir reden eine Sprache,« lachte Kim.

»Wir gehen nach Benares,« sprach der Lama, sobald er verstand, wo hinaus Mahbub Alis Fragen zielten. »Ich und der Knabe. Ich, um einen gewissen Fluß zu suchen.«

»Mag sein – aber der Knabe?«

»Er ist mein Schüler. Er ward mir gesendet, so glaube ich, um mich zu dem Strom zu leiten. Unter einer Kanone saß ich, als er plötzlich zu mir trat. So etwas ist wohl Glücklichen, denen Führung gewährt wurde, zuteil geworden. Aber ich besinne mich jetzt, er sagte: er wäre von dieser Welt – ein Hindu.«

»Und sein Name?«

»Nach dem fragte ich nicht. Ist er nicht mein Schüler?«

»Sein Heimatland, seine Rasse, sein Dorf, – Muselmann – Sikh – Jaina – niedere Kaste oder hohe?«

»Warum sollte ich fragen? Auf dem mittleren Pfade gibt es weder hoch noch niedrig. Da er mein Chela ist. Kann jemand ihn mir nehmen? Denn siehe! Ohne ihn werde ich meinen Fluß nicht finden.« Er wiegte feierlich sein Haupt.

»Niemand soll ihn Dir nehmen. Gehe, setze Dich zu meinen Baltis,« sprach Mahbub Ali, und der Lama, beruhigt durch dies Versprechen, trottete fort.

»Ist er nicht ganz verrückt?« fragte Kim, wieder vorwärts ins Licht tretend. »Warum sollte ich Dich belügen, Hadje?«

Mahbub paffte schweigend an seiner Hookah. Dann begann er, fast flüsternd: »Umballa liegt auf dem Wege nach Benares – wenn wirklich Ihr beiden dahin geht –«

»Tck! Tck! Ich sage Dir, er versteht nicht zu lügen, wie wir beide es verstehen.«

»Und wenn Du eine Botschaft bis Umballa für mich befolgen willst, werde ich Dir Geld geben. Es betrifft ein Pferd – einen weißen Hengst – den ich einem Offizier auf meiner letzten Rückkehr von den Pässen verkaufte. Aber damals – tritt näher und halte Deine Hände empor, als ob Du betteltest – damals war das Pedigree des weißen Hengstes noch nicht vollständig festgestellt: und der Offizier, der jetzt in Umballa ist, forderte von mir, daß das klargestellt würde.« (Mahbub beschrieb nun das Pferd und das Äußere des Offiziers.) »Also, die Botschaft an den Offizier lautet: »Das Pedigree des weißen Hengstes ist vollständig festgestellt.« Dann wird er wissen, daß Du von mir kommst. Er wird dann fragen: »Welchen Beweis hast Du? Und Du wirst antworten: »Mahbub Ali hat mir den Beweis gegeben.«

»Und das alles um einen weißen Hengst,« kicherte Kim, aber mit flammenden Augen.

»Den Stammbaum will ich Dir jetzt geben in meiner eigenen Weise und etwas Schelten dazu.« Ein Schalten huschte hinter Kim vorbei und ein käuendes Kamel. Mahbub Ali hob die Stimme:

»Allah! Bist Du der einzige Bettler in der Stadt? Deine Mutter ist tot. Dein Vater ist tot. So sprechen sie alle. Na, na« – Er drehte sich um, als fühle er nach etwas auf dem Fußboden neben sich, und warf dem Knaben ein Stück weiches, fettiges, muselmännisches Brot zu. »Gehe nun und lege Dich für diese Nacht zu meinen Pferdejungen, Du und der Lama. Morgen vielleicht werde ich Dich in Dienst nehmen.« Kim schlich sich fort, die Zähne in dem Brot, und wie er erwartet, fand er ein kleines Päckchen zusammengefalteten Papieres, eingewickelt in Wachstafft, nebst 3 Silber-Rupien – eine enorme Großmut!

Er lächelte und schob Geld und Papier in sein ledernes Amulett-Etui. Der Lama, von Mahbubs Baltis reichlich bewirtet, schlief schon in einem Winkel der Ställe. Kim legte sich neben ihn und lachte. Er wußte, daß er Mahbub Ali einen Dienst erwies, und nicht einen Augenblick glaubte er an das Märchen von des Hengstes Stammbaum.

Aber Kim ahnte nicht, daß Mahbub Ali, bekannt als einer der besten Pferdehändler im Punjab, als reicher und unternehmender Handelsmann, dessen Karawanen tief ins Innere weltferner Länder eindrangen, eingeschrieben war in eins der Geheimbücher des indischen Überwachungs-Departements, als C. 25 I. B. Zwei oder dreimal jährlich pflegte C. 25 eine kleine Geschichte einzusenden, trocken erzählt, aber sehr interessant, und in den meisten Fällen erwies sich diese – durch Bestätigung von R. L. 7 und M. 4 – als ganz wahr. Die Geschichten betrafen alle möglichen abgelegenen Gebirgs-Fürstentümer, Forschungsreisende von nicht englischer Nationalität, den Handel mit Waffen – davon handelte, kurz gesagt, ein Teil jener großen Masse von übermittelten Informationen, nach denen das indische Gouvernement seine Maßregeln trifft. Aber kürzlich waren fünf verbündete Könige, höchst überflüssiger Weise verbündet, durch eine freundliche Macht des Nordens unterrichtet worden, daß Neuigkeiten aus ihren Territorien nach Britisch Indien durchsickerten. Die Premierminister dieser Könige waren ernstlich erzürnt und taten ihre Schritte nach orientalischer Weise. Unter vielen anderen hatten sie den unverschämten, rotbärtigen Roßhändler in Verdacht, dessen Karawanen, bis zum Bauch im Schnee, ihre Bergvesten durchfurchten. Wenigstens war seine Karawane vor kurzer Zeit auf dem Wege niederwärts zweimal überfallen und beschossen worden, wie Mahbubs Leute angaben, von drei fremden Strolchen, die zu dieser Leistung gedungen oder auch nicht gedungen sein konnten. Deshalb hatte Mahbub vermieden, sich in der ungesunden Stadt Peshawur aufzuhalten, und war ohne Zeitverlust durchmarschiert nach Lahore, wo er, der seine Landsleute kannte, auf merkwürdige Ereignisse vorbereitet war.

Und Mahbub Ali barg etwas bei sich, das er nicht eine Stunde länger als nötig zu behalten wünschte, ein Päckchen dicht zusammen gefaltetes Faserpapier, in Wachstaffet eingewickelt, einen unpersönlichen, nicht adressierten Bericht mit fünf mikroskopisch kleinen Löchern in einer Ecke, der die fünf verbündeten Könige, die freundlich gesinnte nordische Macht, einen Hindu-Bankier in Peshwaur, die Firma einer Waffenfabrik in Belgien und einen halb unabhängigen, wichtigen, mohammedanischen Regenten des Südens aufs Schmählichste verriet. Dieses letzte war das Werk von R. 17, welches Mahbub jenseits des Dora-Passes an sich nahm und für R. 17 weiter trug, da dieser, Umstände halber, über die er keine Macht hatte, seinen Beobachtungsposten nicht verlassen konnte. Dynamit war mild und harmlos neben diesem Rapport von C. 25, und selbst ein Orientale mit eines Orientalen Ansichten über den Wert der Zeit mußte sich sagen, daß der Bericht je früher je besser in den richtigen Händen sein mußte. Mahbub hatte keinen besonderen Wunsch, auf gewaltsame Weise zu sterben, weil zwei oder drei Familien-Blutfehden jenseits der Grenze noch unerledigt an seinen Händen hingen. Er beabsichtigte, sobald diese Schuld beglichen, sich als mehr oder weniger tugendhafter Bürger zur Ruhe zu setzen. Seit seiner Ankunft vor zwei Tagen hatte er das Gitter der Karawanen-Herberge noch nicht durchschritten, wohl aber ostentativ Telegramme versendet nach Bombay, wo er etwas Geld auf der Bank hatte, nach Delhi, wo ein untergeordneter Geschäftsteilhaber von einem Clan Pferde verkaufte an den Agenten eines Rajputana Staates, und nach Umballa, wo ein Engländer dringend den Stammbaum eines weißen Hengstes forderte. Der öffentliche Briefschreiber, der englisch verstand, verfaßte ausgezeichnete Telegramme, wie: – »Creighton, Laurel-Bank, Umballa-Pferd ist Araber wie bereits gemeldet. Bedaure Stammbaum Verzögerung, welchen übersetze.« Und später an dieselbe Adresse: »Bedauere sehr Verzögerung. Sende Stammbaum ab.« Seinem Unterpartner in Delhi drahtete er: »Lutuf Ullah. Drahtete 2000 Rupien Eurem Conto, Luchmann Narains Bank.« Das war alles ganz kaufmännisch, aber jedes dieser Telegramme wurde besprochen und wieder besprochen von Leuten, die sich für berechtigt hielten, die Telegramme zu lesen, bevor sie aus den Händen eines einfältigen Balti, der sie unterwegs alle möglichen Leute lesen ließ, zur Station gelangten.

Als Mahbub in seiner eigenen bilderreichen Sprache so den Brunnen der Nachforschung mit dem Stab der Vorsicht getrübt hatte, kam ihm Kim wie vom Himmel gesendet in den Weg, und gewöhnt, die geringsten Chancen zu nutzen, nahm er diesen, ebenso rasch entschlossen wie gewissenlos, in Dienst.

Ein wandernder Lama mit einem knabenhaften Diener niederer Kaste konnte wohl ein augenblickliches Interesse erregen auf der Pilgerfahrt nach Indien, dem Land der Pilger, aber verdächtigen würde man sie nicht, noch, was wichtiger war, berauben.

Er rief nach frischem Feuer für seine Hookah und überlegte noch einmal. Wenn im schlimmsten Falle der Knabe zu Schaden käme, konnte das Papier niemanden ernstlich kompromittieren, er würde zu passender Zeit nach Umballa gehen und mit geringem Risiko, daß neuer Verdacht entstünde, seine Geschichte mündlich den betreffenden Personen übermitteln. Aber der Rapport von R. L. 7 war der Kernpunkt der ganzen Sache, und käme er nicht in die rechten Hände, konnte das außerordentlich störend werden. Immerhin, Gott war groß, und Mahbub Ali war sich bewußt, alles, was möglich war, getan zu haben. Kim war das einzige Wesen in der Welt, das ihm niemals eine Lüge vorgebracht hatte. Das wäre nun ein fataler Fleck auf Kims Charakter gewesen, hätte Mahbub nicht gewußt, daß er in seinen eigenen Angelegenheiten andere Leute anlog wie nur irgendein Orientale.

So machte sich denn Mahbub Ali auf, quer durch die Herberge bis zu der Pforte der Harpyen, die ihre Augen malen und die Fremdlinge in ihren Netzen fangen. Nicht ohne Mühe fand er das Mädchen, das, wie er vermutete, die spezielle Freundin eines bartlosen Pundit von Kashmir war, der seinem dummen Balti mit den Telegrammen aufgelauert hatte. Es war ein ganz törichtes Unternehmen: denn alsbald fingen sie an, gegen des Propheten Gesetz, parfümierten Branntwein zu trinken, und Mahbub war bald glänzend betrunken. Die Gitter seines Mundes waren gelöst, er verfolgte die Blume des Entzückens mit den Füßen des Rausches, bis er platt auf die Polster fiel, wo dann die Blume des Entzückens mit Hilfe eines bartlosen Pundit von Kashmir ihn vom Kopf bis zu den Füßen gründlich durchsuchte.

Um dieselbe Stunde ungefähr hörte Kim in Mahbubs verlassener Abteilung leise Tritte schallen. Der Roßhändler hatte, sonderbar genug, seine Tür nicht verschlossen, und seine Leute waren vollauf beschäftigt, das ganze Schaf, das Mahbub großmütig zur Feier der Rückkehr gespendet, zu verzehren. Ein geschmeidiger junger Gentleman aus Delhi untersuchte mit Hilfe eines Schlüsselbundes, welche die Blume von des sinnlos Betrunkenen Gürtel losgehakt hatte, jeden Koffer und Ballen, Bündel und Satteltaschen in Mahbubs Besitz noch systematischer, als die Blume und der Pundit den Besitzer selbst.

»Und mir scheint,« sagte die Blume eine Stunde später verächtlich, den runden Ellbogen auf den schnarchenden Körper gestützt, »er ist nichts weiter als ein Schwein von Afghanischem Roßhändler, das nur an Weiber und Pferde denkt. Übrigens – er mag es fortgeschickt haben – wenn es überhaupt da war.«

»Nein – ein Ding, das fünf Könige betrifft, würde er nächst seinem schwarzen Herzen aufbewahren,« sprach der Pundit. »Hast Du nichts gefunden?« fragte er den Delhi-Mann, der lachend den Turban zurechtrückte, als er eintrat. »Ich durchsuchte die Sohlen seiner Pantoffeln, wie die Blume seine Kleider. Dies ist nicht der Mann. Es muß ein anderer sein. Ich lasse nichts unbesehen.«

»Sie sagten nicht, er ist der rechte Mann,« sprach nachdenklich der Pundit. »Sie sagten, sehet zu, ob es der Mann ist, da unsere Nachrichten nicht klar sind.«

»Der Norden ist so voll von Pferdehändlern wie ein alter Rock von Läusen. Da ist Sikhandar-Khan, Nur Ali Beg und Farrukh Shah – alle Führer von Karawanen – die dort Geschäfte machen,« sagte die Blume.

»Die sind noch nicht zurück gekommen,« meinte der Pundit. »Die mußt Du später in Deine Schlinge locken.«

»Pah!« meinte die Blume mit tiefer Verachtung, Mahbubs Kopf von ihrem Schoß rollend. »Ich verdiene mein Geld. Farrukh Shah ist ein Bär, Ali Beg ist ein Prahlhans, und der alte Eikandar Khan – pfui! Geh! Ich will nun schlafen. Dieses Schwein wird vor Tagesgrauen sich nicht rühren.«

Als Mahbub erwachte, hielt die Blume ihm strenge die Sünde der Trunkenheit vor. Asiaten zucken nicht mit der Wimper, wenn sie den Feind überlistet haben; Mahbub Ali aber war nahe daran, als er sich die Kehle reinigte, den Gürtel festschnallte und unter den frühen Morgensternen dahintaumelte, sich zu ärgern.

»Welch ein plumper Streich!« sprach er zu sich selbst. »Als ob nicht jedes Mädchen in Peshawur es so anstellen würde. Aber sie hat es hübsch gemacht. Nun, Gott weiß, wie viele andere noch auf dem Weg sind mit Befehl mich zu untersuchen – vielleicht mit dem Messer. Es steht fest, der Knabe muß nach Umballa, aber mit dem Zuge, denn das Schreiben ist dringend. Ich bleibe hier, folge der Blume nach und trinke Wein, wie es einem afghanischen Roßkamm zukommt.«

Er hielt bei dem zweiten Abteil nächst dem seinen still. Seine Leute lagen in tiefem Schlaf. Von Kim oder vom Lama keine Spur.

»Auf!« Er rüttelte einen Schläfer. »Wohin sind sie gegangen, die hier letzten Abend lagen – der Lama und der Knabe? Ist etwas nicht in Ordnung?«

»Nein,« murrte der Mann, »der alte verrückte Kerl erhob sich beim zweiten Hahnkrähen und sagte, er müßte nach Benares, und der Junge leitete ihn fort.«

»Allahs Fluch über alle Ungläubigen!« rief Mahbub und kletterte, in den Bart brummend, in seine eigene Abteilung.

Es war aber Kim, der den Lama geweckt – Kim, der, mit dem Auge an einem Astloch in der Bretterwand, des Delhi-Mannes Untersuchung der Koffer wahrgenommen halte. Das war kein gewöhnlicher Dieb, der Briefe, Rechnungen und Sättel durchsuchte, auch kein gewöhnlicher Einbrecher, der ein kleines Messer seitwärts zwischen die Sohlen von Mahbubs Pantoffeln schob und die Nähte der Satteltaschen so geschickt durchstach. Zuerst wollte Kim den Alarmruf geben – das langgedehnte »Cho-or cho-or!« (Diebe! Diebe), der nachts das Serai sofort auf die Beine bringt; aber er bedachte sich und zog, die Hand auf dem Amulett, seine eigenen Schlüsse.

»Es muß sich um den Stammbaum handeln, um diese faustdicke Pferdelüge,« dachte er, »das Ding, das ich nach Umballa trage. Besser wir gehen gleich. Die mit dem Messer Taschen untersuchen, könnten mit dem Messer auch bald Bäuche untersuchen. Höre! Höre!« flüsterte er dem leicht schlafenden, alten Manne ins Ohr. »Erhebe Dich. Es ist Zeit – Zeit nach Benares aufzubrechen.«

Gehorsam erhob sich der Lama, und wie Schatten schwanden sie aus dem Serai.

  1. Das Fünfstromland.
  2. Geschmolzene Butter

Kapitel 10.

Kapitel 10.

Lurgan Sahib sprach sich nicht so entschieden aus, aber sein Rat schloß sich dem Mahbubs an, und das Resultat war günstig für Kim. Er wußte nun etwas Besseres zu tun, als Lucknow in Verkleidung zu verlassen, und war Mahbub irgendwie durch eine Nachricht erreichbar, so suchte er ihn in seinem Lager auf und nahm seine Verwandlung unter des Pathans Auge vor. Hätte der kleine Tuschkasten, den er in der Schulzeit beim Kartenzeichnen brauchte, von seiner Verwendung in den Ferien reden können, so wäre Kim wohl relegiert worden. – Einmal zog er mit Mahbub und drei Wagen voll Pferden bis nach dem prächtigen Bombay, und Mahbub schmolz fast vor Zärtlichkeit: als Kim eine Reise durch den Indischen Ozean auf einem Kauffahrteischiff vorschlug, um Golf-Araber zu kaufen, die, wie er von einem Untergebenen des Händlers Abdul Rahman erfahren halte, bessere Preise erzielten, als die Kabuli-Pferde. Mit diesem bedeutenden Kaufmann wußte er anzuknüpfen, als Mahbub mit einigen Gleichgläubigen bei einem großen Haj-Schmaus war.

Bei dem Rückwege über Karachi, zur See, machte Kim die erste Bekanntschaft mit der Seekrankheit. Er saß an dem vorderen Gatter über der Luke, fest überzeugt, daß er vergiftet sei. Des Babus famose Medizin-Schachtel erwies sich nutzlos, obgleich sie in Bombay frisch gefüllt war. Mahbub hatte Geschäfte in Quetta, und dort verdiente Kim, mit Mahbubs Erlaubnis, sein Brot und etwas mehr als Küchenjunge im Hause eines fetten Kommissariats-Sergeanten. In einem unbewachten Augenblick nahm er aus dessen Bureau-Schrank ein kleines, in Pergament gebundenes Hauptbuch, das anscheinend nur Verkäufe von Rindvieh und Kamelen betraf, und im Mondenschein, hinter einem Hintergebäude liegend, kopierte er daraus. Dann legte er das Buch wieder an seinen Platz, verließ auf Mahbubs Rat seinen Dienst ohne Lohn und traf sechs Meilen weiter unten mit Mahbub wieder zusammen, die saubere Kopie auf der Brust tragend.

»Dieser Sergeant ist ein kleiner Fisch,« erklärte Mahbub, »mit der Zeit werden wir größere fangen. Dieser verkauft nur Ochsen zu zwei verschiedenen Preisen – zu einem Preise für sich selbst, zu einem anderen für die Regierung – was, glaube ich, keine Sünde ist.«

»Warum durfte ich das kleine Buch nicht mitnehmen und vollständig kopieren?«

»Das hätte ihn erschreckt, und er würde seine Vorgesetzten benachrichtigt haben. Dadurch hätten wir vielleicht eine große Zahl neuer Flinten verloren, die ihren Weg, von Quetta nach dem Norden suchen. Das Spiel ist zu weit ausgedehnt, man sieht nur wenig davon zurzeit.«

»Oho!« machte Kim und hielt den Mund. Das war in den Monsoon-Ferien, nachdem er den Preis in Mathematik erhalten. Die Weihnachts-Ferien – abgerechnet einige Tage für Privat-Amusements – brachte er bei Lurgan Sahib zu. Dort saß er meist vor einem lodernden Holzfeuer – auf dem Wege nach Jakko lag in dem Jahre vier Fuß tief Schnee – der kleine Hindu war fort, um verheiratet zu werden – und half Lurgan Perlen aufreihen. Nebenbei hatte er ganze Kapitel aus dem Koran auswendig zu lernen und zu wiederholen, bis er sie mit dem Hin- und Herwiegen und dem genauen Tonfall eines Mullah vortragen konnte. Ferner lernte er die Namen und Eigenschaften einheimischer Heilmittel kennen, wie die dunklen Sprüche, die beim Verordnen derselben hergesagt werden müssen. Am Abend schrieb er Zauberformeln auf Pergamente, kunstvoll ausgearbeitete Pentagramme mit den Namen von Teufeln Murra und Awan, dem Begleiter von Königen, gekrönt. In praktischer Weise unterwies Lurgan ihn in seiner eigenen Gesundheitspflege, im Heilen von Fieberanfällen und Anwendung einfacher Arzneimittel auf der Wanderung. Eine Woche vor der Abreise sandte Oberst Creighton – und das war nicht hübsch – eine Reihe von Prüfungs-Fragen, die sich nur mit Ruten und Ketten und Winkeln befaßten.

In den nächsten Ferien zog er mit Mahbub aus und auf einem Kamel, im tiefen Sand fast versinkend, war er dem Verdursten nahe. Sie kamen nach der geheimnisvollen Stadt Bikaneer, wo die Brunnen vierhundert Fuß tief und fast durchaus mit Kamelknochen bekleidet sind. Es war nicht erheiternd für Kim, daß der Oberst – in Nichtachtung des Kontraktes – ihm befahl, eine Karte von der wilden, ummauerten Stadt anzufertigen. Und da es auffallend wäre, wenn mohammedanische Pferdejungen oder Pfeifenreiniger Vermessungsketten um die Hauptstadt eines unabhängigen einheimischen Staates zögen, so war Kim gezwungen, seine Distanzen mit Hilfe der Perlen eines Rosenkranzes abzuschreiten. Zu Teilungen benutzte er gelegentlich den Kompaß, hauptsächlich nach Dunkelwerden, wenn die Kamele gefuttert halten, und mit Hilfe seines kleinen Tuschkastens mit sechs Farbentäfelchen und drei Pinseln brachte er etwas zu Stande, das nicht ungleich der Stadt Jeysalmir war. Mahbub lachte und riet ihm, auch einen geschriebenen Bericht zu machen, und auf den letzten Seiten eines großen Rechnungsbuches, das unter der Klappe von Mahbubs Lieblingssattel lag, fertigte Kim ihn aus.

»Er muß alles enthalten, was Du gesehen, berührt und beobachtet hast. Schreibe, als wenn der Jung-i-Lat (Oberbefehlshaber) selbst im Geheimen mit einer großen Armee, um in den Krieg zu ziehen, gekommen wäre.«

»Wie groß die Armee?«

»Oh, ein halbes Lakh (Ostindisch: Hälfte von 100 000) Männern.«

»Torheit! Bedenke doch, wie selten und wie schlecht die Brunnen in dem Sande sind. Nicht tausend Männer könnten ihren Durst löschen.«

»Dann schreibe das nieder – auch die alten Brüche in den Mauern – und wo das Brennholz geschnitten wird – und wie das Temperament und die Gesinnung des Königs ist. Ich bleibe hier bis alle meine Pferde verkauft sind. Ich will einen Raum beim Torvorbau mieten und Du bist mein Buchhalter. Es soll ein gutes Schloß an der Tür sein.«

Der Bericht, in der fließenden, deutlichen St. Xaviers-Handschrift und die braun und gelbe, mit Lack überzogene Karte war noch vor einigen Jahren vorhanden. (Ein nachlässiger Schreiber verdarb sie mit Notizen über die zweite Dienstreise nach Leistan von E. 23., jetzt aber werden die Bleistift-Bemerkungen ziemlich verwischt sein.) Am zweiten Tage der Rückreise übersetzte Kim, bei der Flamme einer Öllampe schwitzend, Mahbub einen Bericht. Der Pathan erhob sich und beugte sich über die bunten Satteltaschen.

»Ich wußte, er würde eines Ehrenkleides würdig werden und hielt es bereit,« sagte er lächelnd. »Wäre ich Emir von Afghanistan (und wir werden ihn eines Tages sehen) so würde ich Deinen Mund mit Gold füllen.« Er breitete die Gewänder feierlich zu Kims Füßen aus. Da war eine goldgestickte, zu einem Kegel aufsteigende Turban-Mütze von Peshawur, mit einem Turban-Tuch, das in einer breiten Goldfranze endete. Da war eine gestickte Weste von Delhi, die über einem milchweißen, an der rechten Seite schließenden, prächtig niederwallenden Hemde getragen wurde: grüne Pyjamas mit geflochtener, seidener Taillenschnur, und damit nichts fehle, Pantoffeln von russischem Leder, himmlisch riechend, mit kokett aufgebogenen Spitzen.

»An einem Mittwoch und in der Morgenfrühe neue Kleider anzulegen, ist gefährlich,« sprach Mahbub feierlich. »Und wir dürfen nicht vergessen, daß es böses Volk in der Welt gibt. Also!«

Er krönte die Herrlichkeiten, die Kim vor Entzücken den Atem benahmen, durch einen mit Perlmutter und Nickel beschlagenen 9 mm-Revolver mit Selbstentladung.

»Ich wollte erst eine kleinere Bohrung nehmen, besann mich aber, daß diese hier Gouvernements-Kugeln faßt. Mit diesen kann ein Mann überall hin- und hergehen – besonders über die Grenze. Steh auf und laß Dich betrachten.« Er klopfte Kim auf die Schulter. »Mögest Du nimmer ermüden zu schauen, Pathan! Oh, die Herzen, die da brechen, die Augen, die sich abwenden werden unter halb geöffneten Lidern!«

Kim drehte sich rundum, streckte die Zehe und fühlte mechanisch nach dem Schnurrbart, der just zu sprossen begann; dann bückte er sich auf Mahbubs Füße nieder, um diese, da sein Herz zu voll für Worte war, mit seinen bebenden Händen zu streicheln. Mahbub kam ihm zuvor und umarmte ihn.

»Mein Sohn,« sprach er, »bedarf es der Worte zwischen uns? Aber ist nicht die kleine Waffe zum Entzücken? Alle sechs Kartuschen kommen mit einer Drehung heraus. Man soll sie auf der Brust nächst der Haut tragen, damit sie immer wie geölt bleibt. Trage sie sonst nirgends und so es Gott gefällt, wirst Du eines Tages einen Mann damit töten.«

»Oha!« rief Kim kläglich, »wenn ein Sahib einen Menschen tötet, wird er im Gefängnis gehängt.«

»Wahr: aber einen Schritt jenseit der Grenze sind die Leute vernünftiger. Tue sie weg, aber füttere sie zuvor. Was nützt eine ungespeiste Flinte?«

»Wenn ich in die Madrissah zurückgehe, muß ich sie Dir wiedergeben. Sie gestatten keine Waffe. Du wirst sie mir aufbewahren?«

»Sohn, ich bin der Madrissah müde, wo sie einem Manne die besten Jahre nehmen, um ihn zu lehren, was er nur auf der Heerstraße lernen kann. Die Torheit der Sahibs hat weder Kopf noch Fuß. Schadet nichts. Kann sein, dieser geschriebene Bericht erspart die fernere Sklaverei; und Gott weiß, wir brauchen Männer, mehr und mehr, für das Spiel.«

Mit verbundenem Mund, um sich vor dem wehenden Sand zu schützen, wanderten sie durch die Salzwüste nach Jodhpore, wo Mahbub und sein schöner Neffe Habib-Ullah viel Geschäfte machten, und dann – traurig, in europäischen Kleidern, aus denen er fast herausgewachsen war – fuhr Kim in zweiter Klasse nach St. Xavier zurück. Drei Wochen später traf Oberst Creighton, der in Lurgans Laden nach dem Preise von Thibetanischen Geisterdolchen fragte, Mahbub Ali als offenbaren Meuterer an. Lurgan Sahib operierte als Reserve.

»Das Pony ist fertig – vollendet – mit Maul und Schritt – Sahib. Von nun an, wenn es zum Spaß festgehalten wird, wird es von Tag zu Tag seine guten Manieren verlieren. Nehmt ihm den Zügel vom Nacken und laßt ihn los,« sprach der Pferdehändler. »Wir haben ihn nötig.«

»Aber er ist noch so jung, Mahbub – kaum sechzehn – nicht so?«

»Als ich fünfzehn alt war, Sahib, hatte ich meinen Mann geschossen und meinen Mann gezeugt.«

»Du verstockter, alter Heide.« Creighton wandte sich zu Lurgan. Der schwarze Bart nickte dem scharlachgefärbten des Afghanen Beifall zu.

»Ich würde ihn längst verwandt haben,« sagte Lurgan. »Je jünger je besser. Deshalb lasse ich meine Kostbaren Juwelen von einem Kinde hüten. Ihr habt ihn mir gesendet, ihn auf die Probe zu stellen. Ich prüfte ihn in jeder Weise: er ist der einzige Knabe, den ich nicht dahin bringen Konnte, Dinge zu sehen –«

»Im Krystall – im Tintentopf?« fragte Mahbub.

»Nein. Unter meiner Hand. Das ist mir noch nicht vorgekommen. Das zeigt, daß er stark genug ist – aber Ihr meint, Oberst Creighton, das ist nicht so leicht, wie es aussieht – jeden nach seinem Willen tun zu lassen? Und das war vor drei Jahren. Seit der Zeit habe ich ihn vieles gelehrt, Oberst Creighton. Ich glaube, Ihr verwertet ihn jetzt nicht richtig.«

»Hm! Kann sein, Ihr habt Recht. Aber, wie Ihr wißt, ist augenblicklich keine offizielle Arbeit für ihn da.«

»Laßt ihn aus – laßt ihn rennen,« unterbrach Mahbub. »Wer erwartet von einem Füllen, daß es gleich schwere Lasten trägt? Laßt ihn auf gut Glück mit den Karawanen laufen wie unsere weißen Kamel-Füllen. Ich würde ihn zu mir nehmen, aber –«

»Da ist im Süden eine Kleinigkeit zu tun, wobei er sehr nützlich sein könnte,« meinte Lurgan, mit besonders sanftem Ton, seine schweren, blau getuschten Augenlider senkend.

»E. 23. hat das in Händen,« sagte Creighton, rasch einfallend.

»Er darf nicht dorthin. Außerdem versteht er nicht Türkisch.«

»Beschreibt ihm nur das Format und den Geruch der Briefe, die wir brauchen,« beharrte Lurgan, »und er wird sie uns bringen.«

»Nein. Das ist Arbeit für einen Mann,« sagte Creighton. Es betraf eine halsbrecherische Angelegenheit, eine ungehörige, aufwieglerische Korrespondenz zwischen einer Person, die sich als allein maßgebende Autorität in allen Dingen der mohammedanischen Religion durch alle Welt betrachtete, und einem jüngeren Mitglied eines königlichen Hauses, das wegen Frauenraubes auf britischem Territorium in den Geheimakten geführt wurde. Der muselmännische Erzbischof war emphatisch und überarrogant, der junge Prinz nur aufgebracht wegen sogenannter Verkürzung seiner Privilegien gewesen; aber er mußte verhindert werden, eine Korrespondenz weiter zu führen, die ihn schließlich kompromittieren konnte. Einer der Briefe war schon abgefaßt, aber der Finder wurde später, als arabischer Handelsmann gekleidet, tot am Wege gefunden; dies berichtete E. 23. (der die Arbeit übernommen) pflichtgemäß.

Diese Fakten und einige andere, nicht zu veröffentlichende, ließen Mahbub und Lurgan die Köpfe schütteln.

»Laßt ihn denn mit dem Roten Lama gehen,« sagte, mit sichtlicher Überwindung, der Roßkamm. »Er hat den alten Mann lieb. Er kann wenigstens bei dem Rosenkranz seine Schritte abzählen lernen.«

»Ich hatte mich ein paarmal mit dem alten Mann zu beschäftigen – brieflich,« sprach Creighton lächelnd. »Wohin geht er?«

»Er ist diese drei Jahre auf- und abgewandert im Lande. Er sucht einen Strom des Heils. Gottes Fluch über alle –« Mahbub verstummte plötzlich. »Er hat Quartier im Tempel der Tirthankeers oder zu Buddh Gaya, wenn er von der Wanderschaft kommt. Alsdann geht er nach der Madrissah, um den Knaben zu sehen: wir wissen es, denn der Knabe wurde zwei- oder dreimal deswegen bestraft. Er ist ganz verrückt, aber ein friedlicher Mann. Ich habe ihn getroffen. Auch der Babu hat mit ihm zu tun gehabt. Wir beobachteten ihn diese drei Jahre. Rote Lamas sind nicht so häufig in Indien, daß man die Spur verlieren könnte.«

»Babus sind zuweilen sonderbar,« sprach Lurgan nachdenklich. »Wißt Ihr, was Hurree Babu wirklich will? Er will Mitglied der Königlichen Akademie der Wissenschaften werden durch seine ethnologischen Berichte. Ich teilte ihm alles mit, was Mahbub und der Knabe mir über den Lama gesagt. Hurree Babu geht nach Benares – auf seine eigenen Kosten, denke ich.«

»Ich nicht,« sagte Creighton kurz. Er hatte, aus lebhafter Neugier zu erfahren, was der Lama eigentlich war, Hurrees Reisekosten bezahlt.

»Und er wandte sich an den Lama, wegen Unterweisung über Lamaismus und Teufelstänze und Zauberformeln, verschiedene Male in diesen drei Jahren. Heilige Jungfrau! All das hätte er von mir schon vor Jahren erfahren können. Ich glaube, Hurree Babu wird zu alt für das Umherstreifen. Er sammelt lieber Erfahrungen über Sitten und Lebensweise. Ja, er strebt danach, ein F. R. S. zu werden.« (Fellow of the Royal Society, Mitglied der Akademie der Wissenschaften.)

»Hurree denkt gut von dem Knaben, wie?«

»Oh, sehr! Wir hatten einige heitere Abende zusammen hier in meiner kleinen Behausung. Aber es wäre schade, den Knaben mit Hurree in den ethnologischen Dienst übergehen zu lassen.«

»Nicht für einen ersten Versuch. Was sagt Ihr, Mahbub? Lassen wir den Jungen sechs Monate mit dem Lama gehen! Später wollen wir sehen. Er kann wenigstens Erfahrungen sammeln.«

»Die hat er schon, Sahib – er kennt seinen Weg wie ein Fisch das Wasser, in dem er schwimmt. Aber jedenfalls wäre es richtig, ihn aus der Schule zu nehmen.«

»Gut also,« sprach Creighton halb zu sich selbst. »Er soll mit dem Lama gehen, und will Hurree Babu ein Auge auf sie haben, um so besser. Der Lama wird den Knaben nicht in Verlegenheit bringen, wie Mahbub. Sonderbar – dieser Wunsch ein F. R. S. zu werden! Und doch wie menschlich! Er paßt auch am besten für Ethnologie, Hurree –«

Weder Geld noch Bevorzugung würde Creighton bewogen haben, den Indischen Geheim-Dienst zu verlassen, aber tief in der Seele trug er den Ehrgeiz, F. R. S. hinter seinen Namen zu setzen. Gewisse Ehren waren durch Findigkeit und Hilfe von Freunden zu erzielen; aber, nach seinem besten Ermessen, konnte nur ein Leben voll wertvoller Arbeit einen Mann in die Gesellschaft erheben, die er seit Jahren mit Berichten über fremde asiatische Kulturen und unbekannte Sitten bombardierte. Neun von zehn Männern würden die Langeweile eines Abends in der Akademie fliehen, Creighton aber würde dieser Zehnte sein. Zuweilen sehnte er sich lebhaft nach dem behaglichen London, in die überfüllten Räume, wo silberhaarige und kahlköpfige Herren, die nichts von militärischen Angelegenheiten verstehen, spektroskopische Untersuchungen niedriger Pflanzenarten der eisigen Tundras oder elektrische Flugmaschinen vornehmen oder Apparate handhaben, um das linke Auge eines weiblichen Moskitos in millimetrische Teile zu schneiden. Nach Recht und Billigkeit hätte die Geographische Gesellschaft ihn berufen sollen; aber Männer sind so launisch wie Kinder bei der Wahl ihres Spielzeugs. – Creighton lächelte und dachte um so besser über Hurree Babu, da er mit ihm gleichen Ehrgeiz teilte.

Er legte den Geisterdolch aus der Hand und blickte zu Mahbub auf.

»Wann können wir das Füllen aus dem Stall holen?« fragte der Pferdehändler, in seinem Auge lesend.

»Hm! Wenn ich jetzt seine Entlassung anordne, was wird er, denkt Ihr, tun? Ich habe noch niemals die Erziehung von so einem geleitet.«

»Zu mir wird er kommen,« sagte Mahbub rasch. »Lurgan und ich werden ihn für die Reise vorbereiten.«

»So sei es denn. Sechs Monate mag er gehen wohin er will. Wer aber bürgt für ihn?«

Lurgan neigte leicht den Kopf. »Er wird nicht plaudern, wenn Ihr das fürchtet, Oberst Creighton.«

»Er ist immerhin noch ein Knabe.«

»J – ja; aber erstens, hat er nichts zu erzählen und zweitens, weiß er, was die Folge sein würde. Auch hat er Mahbub sehr lieb und mich ein wenig.«

»Wird er Gehalt beziehen?« fragte der praktische Pferdehändler.

»So viel als zu Nahrung und Wasser notwendig ist. Zwanzig Rupien im Monat.«

Ein Vorzug des Geheim-Dienstes ist, daß keine ermüdende Revision stattfindet. Der Dienst wird lächerlich knapp gehalten, aber die Fonds werden von Männern verwaltet, die weder die Aufführung der einzelnen Posten in den Rechnungen noch Quittungen verlangen. Mahbubs Auge leuchtete auf mit einer fast eines Sikhs würdigen Freude am Gelde und selbst Lurgans unbewegliches Gesicht belebte sich. Er dachte der Zeit, da Kim in das Große Spiel eingefügt würde, das, über ganz Indien verbreitet, weder Tag noch Nacht ruht; und der Ehre und des Ansehens, das ihm, als Lehrer dieses Schülers zu Teil werden würde von den wenigen Auserwählten. Lurgan Sahib hatte E. 23. aus einem verwilderten, frechen, verlogenen kleinen Kerl aus den nordwestlichen Provinzen zu dem gemacht, was E. 23. jetzt war.

Die Freude seiner Lehrer war aber nur schwach und bleich neben Kims Freude, als der Direktor von St. Xavier ihm ankündigte, daß Oberst Creighton ihn rufen lasse.

»Ich vermute, O’Hara,« sprach der Direktor, »daß der Oberst Ihnen eine Stelle als Meß-Assistent im Kanal-Departement ausgewirkt hat. Das ist der Lohn für Fleiß in Mathematik. Es ist ein großes Glück für Sie, denn Sie sind erst siebzehn Jahre alt; aber Sie begreifen, daß Sie nicht dauernd angestellt werden, bevor Sie Ihre Examen im Herbst bestanden haben. Sie müssen also nicht wähnen, daß Sie zum Vergnügen in die Welt hinaus gehen oder daß Ihr Glück nun ein für allemal gemacht ist. Es bleibt noch viel schwere Arbeit für Sie zu tun. Nur wenn es Ihnen gelingt ›pukka‹ zu werden, können Sie es bis zu vierhundert und fünfzig monatlich bringen.« Hierauf gab der Direktor ihm noch gute Lehren betreffs Führung, Sitten und Moral. – Ältere Schüler, die noch keine Aussicht auf Stellung hatten, sprachen wie nur Anglo-Indische Burschen sprechen können, von Begünstigung und Bestechung. Der junge Cazalet, dessen Vater seine Pension in Chunar verzehrte, sprach es unverblümt aus, daß Oberst Creightons Interesse für Kim direkt väterlich sei; und Kim, statt ihm zu vergelten, fluchte nicht einmal. Er dachte nur an das in Aussicht stehende Vergnügen, an Mahbubs gestrigen, in nettem Englisch geschriebenen Brief, der ihn für Nachmittag nach einem Hause hinbestellte, dessen Erwähnung allein des Direktors Haar vor Entsetzen gesträubt haben würde.

Am selben Abend sprach Kim zu Mahbub, bei dem Gepäckwagen auf der Lucknow-Station stehend: »Ich fürchtete, daß, bevor ich heraus wäre, mir das Dach noch auf den Kopf fallen könnte. Oh, mein Vater, ist es denn wirklich wahr?«

Mahbub schnappte mit den Fingern als Zeichen, daß alles wahr sei, und seine Augen funkelten wie rote Kohlen.

»Wo ist dann meine Pistole, daß ich sie trage?«

»Sachte! Ein halbes Jahr magst Du noch ohne Fersenstrick laufen. Das erbat ich für Dich von Oberst Creighton Sahib, mit zwanzig Rupien monatlich. Der alte Rot-Hut weiß, daß Du kommst.«

»Ich will Dir Dustoorie (Kommission) zahlen, drei Monate lang,« sprach Kim ernsthaft. »I – ja, zwei Rupien von meinem Gehalt jeden Monat. Vor allem aber muß ich dies los werden.« Er zupfte an seinen dünnen Leinwandhosen und zerrte an seinem Kragen. »Ich habe alles, was ich auf der Landstraße brauche, bei mir. Meinen Koffer habe ich Lurgan Sahib gesendet.«

»Der Dir seine Salaams sendet – Sahib.«

»Lurgan Sahib ist ein sehr kluger Mann. Und was wirst Du jetzt tun, Mahbub?«

»Ich gehe wieder nordwärts in dem Großen Spiel. Was sonst? Bist Du noch immer gewillt, dem alten Rot-Hut zu folgen?«

»Vergiß nicht, er macht mich zu dem, was ich bin – obwohl er es nicht wußte. Jahr auf Jahr sendet er das Geld für meine Erziehung.«

»Das hätte ich auch tun können,« brummte Mahbub, »wäre es mir nur in meinen Dickkopf gekommen. Laß uns gehen. Die Lampen sind schon angezündet; es wird Dich niemand im Basar bemerken. Wir gehen nach Huneefas Haus.«

Auf dem Wege dahin gab Mahbub Kim fast dieselben Ratschläge, die Lemuel (arabischer König) von seiner Mutter empfing, und, sonderbar genug, er war sehr darauf bedacht, hervorzuheben, wie Huneefa und ihresgleichen Könige zugrunde gerichtet hätten.

»Und dabei erinnere ich mich,« sprach er schelmisch, »eines, der da sagte: Trau einer Schlange mehr als einer Dirne und einer Dirne mehr als einem Pathan. Nun, ausgenommen das von den Pathans, da ich selbst einer bin, ist alles Übrige wahr. Besonders wahr ist es in dem Großen Spiel, denn nur die Weiber sind schuld, wenn Pläne mißlingen, nur Weiber sind schuld, wenn wir im Morgengrauen mit durchschnittener Kehle am Wege liegen. So geschah es dem und dem –,« er gab die grausigsten Details.

»Warum denn aber –?« Kim stockte vor einer schmutzigen Treppe, die in die warme Dunkelheit eines oberen Raumes im Hofe hinter Azim Ullahs Tabakladen führte. Die den Raum kennen, nennen ihn das Vogelbauer – so voll ist er von Wispern und Pfeifen und Flüstern. Das Zimmer, mit seinen unsauberen Kissen und halb ausgerauchten Pfeifen, roch abscheulich nach kaltem Tabak. In einer Ecke lag eine große, unförmliche, in grünliche Gaze gehüllte Frau, Stirn, Nase, Ohr, Nacken, Brust, Arme und Fußknöchel mit plumpen, einheimischen Schmucksachen beschwert. Bewegte sie sich, so war es, als ob kupfernes Geschirr aneinander klirrte. Eine magere Katze miaute hungrig draußen vor dem Fenster. Kim blieb verwirrt neben dem Türvorhang stehen.

»Ist das die Remonte, Mahbub?« frug Huneefa mit träger Stimme, kaum die Pfeifenspitze von den Lippen nehmend. »Oh, Buktanoos!« – wie meist alle von ihrer Art schwor sie bei den Djinns – »Oh, Buktanoos! Er ist hübsch anzuschauen.«

»Das bezieht sich auf den Pferdehandel,« erklärte Mahbub. Kim lachte.

»Solche Rede hörte ich seit meinem sechsten Tag,« erwiderte er, sich im Hellen niederlegend, »wohin soll sie führen?«

»Zu einer Beschützung. Heute Abend ändern wir Deine Farbe. Der Schlaf unter den Dächern hat Dich weiß gemacht wie eine Mandel. Huneefa kennt das Geheimnis einer Farbe, die haftet – kein Anmalen, das zwei oder drei Tage hält. Auch gegen Zufälle auf der Reise stärken wir Dich. Das ist mein Geschenk für Dich, mein Sohn. Lege alles Metallische, was Du an Dir trägst, ab und hierher. Mach‘ Dich bereit, Huneefa.«

Kim zog seinen Kompaß hervor, seinen Tuschkasten und den frisch gefüllten Arznei-Kasten. Diese Dinge hatten ihn auf allen Wegen begleitet, und er schätzte sie in kindlicher Weise sehr hoch.

Das Weib erhob sich langsam und bewegte sich mit vorgestreckten Händen vorwärts. Kim sah, daß sie blind war. »Nein, nein,« murmelte sie, »der Pathan spricht wahr, meine Farbe schwindet nicht in einer Woche oder einem Monat, und die, die ich beschütze, sind in starker Hut.«

»Wenn fern und allein, ist es bös, plötzlich fleckig und aussätzig zu werden,« sprach Mahbub. »So lange Du bei mir warst, konnte ich Dich behüten, und ein Pathan hat gesunde Haut. Entkleide Dich bis zu den Hüften und schau, wie Du gebleicht bist.« Huneefa tastete sich aus einem hinteren Raum zurück. »Es schadet nicht, daß sie nicht sehen kann.« Er nahm eine Zinnschale aus ihrer mit Ringen überladenen Hand. Der Farbstoff schien blau und klebrig. Kim probierte ihn auf seinem Rücken mit einem Klümpchen Baumwolle; Huneefa hörte es. »Nein, nein,« rief sie, »so nutzt es nichts, nur mit den richtigen Zeremonien. Die Farbe ist das Wenigste. Ich verleihe Dir den vollen Schutz des Weges.«

»Jadoo?« (Magie) rief Kim halb erschrocken. Die weisen, blicklosen Augen waren ihm unheimlich. Mahbubs Hand legte sich auf seinen Nacken und drückte ihn nieder, bis er mit der Nase fast den Boden berührte.

»Sei ruhig. Nichts Übles geschieht Dir, mein Sohn. Ich opfere mich für Dich.«

Kim konnte nicht sehen, was die Frau tat, er hörte nur einige Minuten das Klick-Klack ihrer Schmucksachen. Ein Zündholz leuchtete in der Dunkelheit auf, er hörte das wohlbekannte knisternde Geräusch von angezündeten Weihrauchkörnern. Der Raum füllte sich mit Rauch, schwer, aromatisch, betäubend. In wachsender Bewußtlosigkeit vernahm er die Namen von Teufeln – von Zulbazan, dem Sohn des Ebis, der in Bazaren und Paraos sein Wesen treibt und gottlose Bosheiten auf den Halteplätzen an der Wegseite verübt – von Dulhan, der unsichtbar über Moscheen schwebt, sich in die Pantoffeln der Gläubigen schleicht und sie am Beten hindert – von Musboot, dem Dämon der Lüge und der Panik. Bald flüsterte Huneefa ihm ins Ohr, bald hörte er sie wie aus weiter Entfernung reden. Sie berührte ihn mit schauderhaft weichen Fingern, und Mahbubs Griff lastete auf seinem Nacken,– bis der Knabe, endlich losgelassen, völlig bewußtlos lag.

»Allah! Wie er kämpfte! Es wäre uns nie gelungen, ohne daß wir ihn betäubten. Das macht, nehme ich an, sein weißes Blut,« erklärte Mahbub. »Fahre fort mit Dawut (Beschwörung). Gib ihm vollen Schutz.«

»Oh, Hörer! Du, der hört mit Ohren, sei gegenwärtig! Höre, o Hörer!« Huneefa wehklagte, ihre toten Augen wandten sich nach Westen. Der dunkle Raum war voller Wehklagen und Schnaufen.

Auf dem äußeren Balkon richtete eine plumpe Gestalt ihren runden Kugelkopf empor und hustete nervös.

»Unterbrich nicht diese bauchrednerische Zauberei, meine Freundin,« sprach sie auf Englisch, »ich bin der Meinung, daß es Dich wohl verdrießen mag, aber ein erleuchteter Beobachter ist nicht so leicht aus der Fassung zu bringen.«

»Ich will auf ihr Verderben sinnen! Oh, Prophet, habe Nachsicht mit den Ungläubigen! Laß sie eine Weile in Frieden!« Huneefas Antlitz, nun nordwärts gedreht, verzerrte sich schrecklich, und es war, als ob Stimmen von der Decke herab ihr antworteten.

Hurree Babu nahm sein Notizbuch wieder vor und bewegte sich auf der Schwelle des Balkons hin und her, aber seine Hände zitterten. Huneefa, in einer Art trunkener Extase, wiegte sich, mit gekreuzten Beinen neben Kims stillem Haupte sitzend, hin und her, und rief in der alten Ordnung des Rituals Teufel nach Teufel an und befahl ihnen, dem Knaben fern zu bleiben, möge er unternehmen, was es auch sei.

»Mit ihm sind die Schlüssel der geheimen Dinge. Keiner kennt sie neben ihm. Er weiß, was auf dem trockenen Lande ist, und er weiß, was in dem Meere ist!« Wieder brachen die unheimlichen, wispernden Antworten hervor.

»Ich – ich nehme an, daß nichts Verderbliches bei dieser Operation ist,« sagte der Babu, die bebenden und zuckenden Halsmuskeln Huneefas, die jetzt mit Zungen sprach, anstarrend. »Es – es ist doch wohl nicht wahrscheinlich, daß sie den Knaben umgebracht hat? Wenn ja – verweigere ich mein Zeugnis beim Verhör … Welchen hypothetischen Teufel nannte sie zuletzt?«

»Babuchen,« sagte Mahbub im Dialekt, »ich habe keinen Respekt vor den Teufeln von Hind, aber mit den Söhnen von Eblis ist das eine andere Sache; und ob sie nun jumalee (wohlwollend) oder jullalee (bösartig) sind, jedenfalls lieben sie die Kafirs (Ungläubigen) nicht.«

»Dann, meinst Du, wäre es besser, ich ginge?« sagte Hurree Babu, sich halb erhebend. »Sie sind natürlich entkörperte Phänomene. Spencer sagt –«

Huneefa’s Krisis endete wie gewöhnlich nach solchem Vorgang in einem Paroxismus von Heulen. Schaum auf den Lippen, lag sie erschöpft und bewegungslos neben Kim, und die wahnsinnigen Stimmen schwiegen.

»Uah! Das Werk wäre vollbracht. Dem Knaben wird wohl sein, und Huneefa ist sicherlich Meisterin in Zauberkünsten. Hilf sie bei Seite schleppen, Babu. Fürchte Dich nicht.«

»Wie könnte ich fürchten, was nicht existiert?« sagte Hurree Babu, Englisch sprechend, um sich zu beruhigen. – »Es ist ein eigen Ding, die Magie zu scheuen und zu verachten – und ihr doch heimlich nachzuspüren; Folklore-Berichte für die Akademie zu sammeln und an alle Mächte der Finsternis zu glauben.«

Mahbub schüttelte sich vor Lachen. Er kannte Hurree von der Wanderschaft her. »Laß uns die Malerei fertig machen,« sprach er. »Der Knabe ist gut beschützt, wenn – wenn die Herren der Lüfte Ohren haben zu hören. Ich bin ein Sufi (Freidenker); aber wenn man einer Frau, einem Hengst oder einem Teufel die schwache Seite abgewinnen kann, warum denn auf eine andere Seite gehen und sich einen Tritt holen? Bringe Du den Knaben auf den Weg, Babu, und paß auf, daß der alte Rot-Hut den nicht aus unserem Bereich leitet. Ich muß zu meinen Pferden zurück.«

»Sehr wohl,« sagte Hurree Babu. »Für den Augenblick sieht der Knabe sonderbar aus.«

Um den dritten Hahnenschrei erwachte Kim, mit dem Gefühl, als habe er tausend Jahre geschlafen. Huneefa, in ihrer Ecke, schnarchte laut. Mahbub war fort.

»Ich hoffe, man hat Euch nicht erschreckt,« sprach eine fettige Stimme an seiner Seite. »Ich überwachte die ganze Operation, welche sehr interessant, vom ethnologischen Standpunkt aus, war. Es war höchstklassige Dawut.«

»Huh!« machte Kim, Hurree Babu erkennend, der verbindlich lächelte.

»Ich hatte auch die Ehre, Euer gegenwärtiges Kostüm von Lurgan Sahib zu überbringen. Es ist nicht meine offizielle Obliegenheit, solchen Flittertand an Untergebene abzuliefern, aber« – er kicherte – »Euer Fall ist als eine Ausnahme in den Büchern vermerkt. Ich hoffe, Mr. Lurgan wird meine Tat notieren.«

Kim gähnte und reckte sich. Es war angenehm, sich wieder in losen Kleidern zu bewegen. »Was ist dies?« Er betrachtete neugierig den schweren, von nordischen Gerüchen durchzogenen Düffelstoff.

»Oho! Das ist das unverdächtige Kleid eines Chela, der dem Dienst eines lamaistischen Lamas zugewiesen ist. Vollständig in jeder Beziehung,« sprach Hurree Babu und ging schwerfällig auf den Balkon, um seine Zähne aus einem Wasserkühler zu reinigen. »Ich bin der Meinung, es ist nicht genau die Religion des alten Herrn, sondern eher abweichend von ihr. Ich habe über diese Dinge der Asiatischen Vierteljahrsschrift Berichte erstattet, die man aber ablehnte. Sonderbar, daß der alte Herr selbst aller Religiosität bar ist. Er nimmt es nicht im Geringsten genau.«

»Kennt Ihr ihn denn?«

Hurree Babu hielt die Hand in die Höhe, um anzudeuten, daß er mit dem vorgeschriebenen Zeremoniell beschäftigt sei, das ein wohlerzogener Bengale beim Zähneputzen und solchen Dingen beobachtet. Dann rezitierte er in englischer Sprache ein Arya-Somey-Gebet theistischer Natur und stopfte sich den Mund mit Pan und Betel.

»O-a! Ja. Ich traf ihn einige Mal zu Benares und Buddh Gay und befragte ihn über religiöse Punkte und Teufel-Anbetung. Er ist rein agnostisch gesinnt – eben so wie ich.«

Huneefa regte sich im Schlaf und Hurree Babu stürzte nervös nach der kupfernen Weihrauchschale, die farblos schwarz im Morgenlicht erschien, tauchte einen Finger in den angesammelten Ruß und fuhr damit diagonal über sein Gesicht.

»Wer starb in Deinem Hause?« fragte Kim im Dialekt.

»Niemand. Aber sie könnte den bösen Blick haben – die Zauberin,« entgegnete der Babu.

»Was wirst Du jetzt unternehmen?«

»Ich will Dich auf den Weg nach Benares bringen, wenn Du dahin gehst und Dir mitteilen, was Du von »Uns» wissen mußt.«

»Ich komme. Um wie viel Uhr geht der Zug?«

Er erhob sich, blickte sich in dem öden Zimmer um und in das wachsgelbe Gesicht Huneefas, beim Schimmer der tief stehenden Sonne. »Muß ich der Hexe was bezahlen?«

»Nein. Sie hat Dich durch Zauber geschützt gegen alle Gefahren und alle Teufel – im Namen ihrer Teufel. Es war Mahbubs Wunsch.« Auf Englisch: »Er ist sehr in der Bildung zurück, an solchem Aberglauben zu hängen. Es ist ja nur Bauchredekunst. Bauchsprache –«

Kim schnappte mechanisch mit den Fingern, um jedes Übel abzuwenden – Mahbub, wußte er, sann auf keins – das aus den Manipulationen Huneefas ihn befallen könnte und Hurlee kicherte wieder, vermied aber sehr vorsichtig beim Durchschreiten des Zimmers in Huneefas über den Boden gestreckten Schatten zu treten. Hexen, wenn ihre Zeit über ihnen ist, können eines Mannes Seele an den Fersen festhalten, wenn er in ihren Schatten tritt.

»Nun, hört wohl zu,« sprach der Babu, als sie draußen waren. »Zum Teil werden die Zeremonien, denen wir hier beiwohnten, auch bei der Lieferung von wirkungsvollem Zauberschutz für Die von unserm Departement angewendet. Fühlt an Euern Hals, Ihr findet da ein kleines silbernes, sehr billiges Amulett. Das ist Unseres . Versteht Ihr?«

»O–a, ja – hawa–dilli,« sagte Kim, an seinen Hals fühlend.

»Huneefa macht sie für zwei Rupien, zwölf Annas, eingeschlossen – o, alle Arten von Exorcismus. Sie sind ganz allgemein, ausgenommen, daß sie meist von schwarzer Email sind und inwendig ein Zettel liegt mit Namen von einheimischen Heiligen und solchem Zeug. Das ist Huneefas Werk, seht Ihr? Huneefa liefert sie nur für uns und tut sie es einmal nicht, so legen wir, bevor wir sie ausgeben, ein kleines Stück von einem Türkis hinein. Mr. Lurgan liefert das; eine andere Hilfsquelle gibt es nicht. Ich aber habe dies alles erdacht. Es ist geradezu unoffiziell, natürlich, aber paßt gut für Untergeordnete. Oberst Creighton weiß nichts davon. Er ist Europäer. Der Türkis ist in Papier gewickelt… ja, dies ist der Weg zur Station … Nun, vermutlich geht Ihr mit dem Lama, später, hoffe ich, mit mir oder mit Mahbub. Nehmt an, wir gerieten in eine verdammt kritische Lage. Ich bin ein ängstlicher Mann – sehr ängstlich – aber ich sage Euch, ich bin öfter in verdammt kritischen Lagen gewesen als ich Haare auf dem Kopf habe. Dann sprecht Ihr: ›Ich bin Sohn des Zaubers‹ – Sehr gut.«

»Ich verstehe nicht ganz. Man darf auch hier nicht hören, daß wir Englisch sprechen.«

»Sehr wohl. Ich bin nur ein Babu, der mit seinem Englisch prahlt. Wir Babus sprechen alle Englisch, um damit zu prahlen,« sagte Hurree, sein Schultertuch flott schwenkend. »Was ich sagen wollte: ›Sohn des Zaubers‹ bedeutet, daß Ihr Mitglied der Sat Bhai – der Sieben Brüder sein könntet – was Hindi und Tantric (Lehre der Tantras) ist. Es wird allgemein angenommen, daß es eine erloschene Genossenschaft ist, ich aber habe Berichte geschrieben, um zu beweisen, daß sie noch existiert. Ihr seht, es ist alles mein Gedanke. Sehr wohl! Sat Bhai hat viele Mitglieder und vielleicht – ehe sie Euch flott die Gurgel abschneiden – geben sie Euch eine Chance zum Leben. Das ist jedenfalls nützlich. Und überdies, diese närrischen Eingeborenen – wenn sie nicht gar zu exaltiert sind – besinnen sich, ehe sie einen Mann töten, wenn er sagt, daß er irgend einer spezifischen Organisation angehört, seht Ihr? Ihr sprecht also, wenn Ihr in kritischer Lage seid: ›Ich bin Sohn des Zaubers‹ und Ihr gewinnt – vielleicht – ah – günstigen Wind. Das ist nur für außergewöhnliche Gelegenheiten oder wenn Ihr Unterhandlungen mit einem Unbekannten anknüpfen wollt. Versteht Ihr ganz genau? Seht wohl! Nehmt nun an, ich, oder ein anderer von unserm Departement, träte in ganz fremder Kleidung zu Euch. Mich würdet Ihr nicht erkennen, wenn ich wollte, was wettet Ihr? Ich werde es Euch eines Tages beweisen. Ich komme also als Ladakhi-Händler – o, als irgend etwas – und ich spreche zu Euch: »Ihr wollt kostbare Steine kaufen?« Ihr antwortet: »Sehe ich aus, wie einer, der kostbare Steine kauft?« Und ich spreche: »Selbst ein sehr armer Mann kann Türkisen oder Tarkeean kaufen.«

»Das ist Kichree» (Kedjeree, ind. Gericht aus Reis, Erbsen, Zwiebeln usw. Mischmasch) sagte Kim – »Pflanzen-Curry.«

»Natürlich ist es das. Ihr sprecht: »Laß mich das Tarkeean sehen.« Ich sage: »Es ward von einem Weibe gekocht und ist vielleicht nicht gut für Deine Kaste.« Dann sprecht Ihr: »Es gibt keine Kaste, wenn Männer Tarkeean sehen – wollen.« Ihr pausiert ein wenig zwischen den Worten »sehen – wollen.« Das ist das ganze Geheimnis. Die kleine Pause zwischen den Worten.« Kim wiederholte versuchsweise diese Worte.

»Sehr wohl! Dann, wenn Zeit dazu ist, zeige ich Euch meinen Türkis und Ihr wißt wer ich bin, und dann tauschen wir Ansichten und Dokumente und solche Dinge aus. Und so ist es mit jedem von uns. Zuweilen reden wir von Türkisen, zuweilen von Tarkeean, aber stets mit der kleinen Pause zwischen den Worten. Es ist ganz leicht. Zuerst: »Sohn des Zaubers«, wenn Ihr in kritischer Lage seid. Vielleicht hilft Euch das – vielleicht nicht. Dann: Das, was ich Euch von Tarkeean sagte, wenn Ihr offizielle Geschäfte mit einem Fremden verhandeln wollt. Jetzt, natürlich, habt Ihr keine offiziellen Geschäfte, Ihr seid – ah – ah! Supernumerar auf Probe. Ganz einziges Specimen. Wäret Ihr Asiate von Geburt, könntet Ihr frischweg verwendet werden; dies halbe Jahr Urlaub soll Euch entenglischen, seht Ihr? Der Lama erwartet Euch, denn ich habe ihn halb offiziell unterrichtet, daß Ihr alle Euere Examina bestanden und bald Regierungs-Anstellung zu gewärtigen habt. Oh, ho! Ihr seid jetzt auf Vergünstigungsration gesetzt, seht Ihr? Wenn Ihr aber angerufen werdet, um Söhnen des Zaubers beizustehen, so versucht es flottweg. Nun sage ich Euch Lebewohl, mein lieber Kerl, und ich hoffe, Ihr werdet Euch – ha – das Oberste zu unterst – gut herausziehen.«

Hurree Babu trat einige Schritte in das Gedränge am Eingang der Station zurück und – war verschwunden. Kim tat einen tiefen Atemzug und schüttelte sich. Er fühlte den nickelbeschlagenen Revolver auf seiner Brust, das Amulett an seinem Hals; Bettelschale, Rosenkranz, Geisterdolch (Mr. Lurgan hatte nichts vergessen) waren zur Hand, nebst Medikamenten, Tuschkasten und Kompaß; und in einem alten, abgenutzten, mit Schildkrötenschalen-Muster gestickten Geldgürtel lag der Sold für einen Monat. Könige konnten nicht reicher sein. Er kaufte von einem Hindu Zuckerwerk in einer Blattdüte und aß voller Entzücken, bis ein Polizist ihn von den Stufen verwies.

Kapitel 11.

Kapitel 11.

Es folgte eine plötzliche, natürliche Reaktion.

»Nun bin ich allein – ganz allein,« dachte Kim. »In ganz Indien ist keiner so allein wie ich. Stürbe ich heute, wer würde davon sprechen – und zu wem? Lebe ich aber, und Gott ist gütig – dann wird ein Preis auf meinen Kopf gesetzt, denn ich bin ein Sohn des Zaubers – ich, Kim.«

Sehr wenige Weiße, aber viele Asiaten können sich in Verzückung versetzen durch fortgesetztes Wiederholen ihres eigenen Namens und indem sie den Geist ungestört sich versenken lassen in das, was persönliche Identität genannt wird. Wird man älter, so schwindet diese Gabe gewöhnlich, aber so lange sie vorhanden, kann sie in jedem Augenblick herbeigerufen werden.

»Wer ist Kim – Kim – Kim?«

Er hockte, die Hände im Schoß gefaltet, die Pupillen zu Stecknadelspitzen zusammengezogen, entfernt von jedem anderen Gedanken, in einem Winkel des geräuschvollen Warteraumes. In einer Minute, in einer halben Sekunde, das fühlte er, würde er an der Lösung des gewaltigen Rätsels sein; hier aber, wie es immer geschieht, fiel sein Geist herab von jenen Höhen mit der Schnelligkeit eines verwundeten Vogels und, die Augen mit der Hand bedeckend, schüttelte er den Kopf.

Ein Hindu mit langem Haar, ein Bairagi (heiliger Mann), der eben ein Billett gelöst hatte, hielt vor ihm still in dem Moment und starrte ihn aufmerksam an.

»Ich auch habe es verloren,« sprach er betrübt. »Es ist eines der Tore zu dem Weg, für mich aber hat es sich seit vielen Jahren geschlossen.«

»Was soll die Rede?« fragte Kim verlegen.

»Du wolltest da mit Deinem Geist ergründen, was für ein Ding Deine Seele sein möchte. Der Anfall kam plötzlich. Ich weiß. Wer sollte wissen, wenn nicht ich? Wohin gehst Du?«

»Nach Kashi« (Benares).

»Dort sind keine Götter. Ich habe sie geprüft. Ich gehe nach Prayag (Allahabad) zum fünften Male – den Pfad zur Erleuchtung suchend. Von welchem Glauben bist Du?«

»Ich auch bin ein Sucher,« sagte Kim, eines von des Lamas Lieblingsworten brauchend. »Obwohl,« er vergaß für den Augenblick seine nordische Kleidung – »obwohl Allah allein weiß, was ich suche.«

Der alte Mann schob die Bairagi-Krücke in seine Armhöhle und setzte sich auf ein Stück rötliches Leopardenfell nieder, als Kim beim Ausrufen des Zuges nach Benares gerade aufstehen mußte.

»Gehe in Hoffnung, kleiner Bruder,« sprach er. »Es ist ein langer Weg zu den Füßen des Einen; aber dahin wandern wir alle.«

Kim fühlte sich nicht mehr so verlassen nach diesen Worten, und ehe er zwanzig Meilen in dem gedrängt vollen Wagen hinter sich hatte, erheiterte er seine Reisegefährten mit einer Reihe der wunderbarsten Geschichten von seinen und seines Meisters magischen Kräften.

Benares zeigte sich als eine besonders schmutzige Stadt, aber es gefiel ihm, daß sein Kleid respektiert wurde. Wenigstens ein Drittel der Bevölkerung betet beständig zu einer oder der anderen Gruppe der vielen Millionen Gottheiten, und so wird jede Art heiliger Männer verehrt. Kim wurde nach dem ungefähr eine Meile außerhalb der Stadt gelegenen Tempel der Tirthanker von einem ihm zufällig begegnenden Farmer aus dem Punjab geleitet, einem Kamboh von der Jullundur-Straße, der vergeblich jeden Gott seiner Heimatstätte um Genesung seines kleinen Sohnes angefleht hatte und nun, als letzte Hilfe, Benares versuchte.

»Du kommst vom Norden?« fragte er, sich schwerfällig durch die engen, übelriechenden Straßen schleppend, ähnlich seinem Lieblingsochsen zu Hause.

»Oh, ich kenne das Punjab. Meine Mutter war eine Pahareen, mein Vater aber kam von Amritzar, bei Jandiala,« sagte Kim, seine geläufige Zunge für die Reise vorbereitend.

»Jandiala–Jullundur? Oho! Dann sind wir so etwas wie Nachbarn.« Er nickte zärtlich dem wimmernden Kinde in seinen Armen zu. »Wem dienest Du?«

»Einem sehr heiligen Mann in dem Tempel der Tirthanker.«

»Alle sind sie heilige Männer und alle sehr geldgierig,« sagte der Jat mit Bitterkeit. »Ich bin um die Säulen gewandert, durch die Tempel gegangen, bis meine Füße geschunden waren, aber das Kind ist nicht die Spur besser. Und die Mutter ist ebenfalls krank … still, still, mein Kleiner … gaben ihm einen anderen Namen, als das Fieber kam. Wir steckten ihn in Mädchenkleider. Es gibt nichts, was wir nicht taten. Da sagte ich zu seiner Mutter, als sie mein Bündel nach Benares packte – sie hatte mit mir gehen wollen – ich sagte: Sakhi Sarwal Sultan wird uns am besten helfen. Seine Güte kennen wir, aber die Götter da unten sind uns fremd.« Das Kind bewegte sich auf dem Lager der es fest umschließenden Arme und blickte nach Kim unter seinen schweren Augenlidern hervor.

»Und war alles umsonst?« fragte Kim mit halbem Interesse.

»Alles umsonst – alles umsonst«, sagte das Kind mit vor Fieber zuckenden Lippen.

»Die Götter gaben ihm wenigstens einen guten Verstand,« sprach der Vater mit Stolz. »Zu denken, daß er so klug zugehört hat! Dort ist Dein Tempel. Nun, ich bin ein armer Mann – ich habe mit vielen Priestern zu tun gehabt – aber mein Sohn ist mein Sohn, und wenn ein Geschenk für Deinen Meister ihn heilen kann – ich bin zu Ende mit meinem Verstand.«

Kim bedachte sich eine Weile mit stolzem Gefühl. Vor drei Jahren würde er rasch Vorteil aus der Lage gezogen haben, ohne weiter nachzudenken; jetzt aber zeigte die Achtung, die der Jat ihm zollte, daß er ein Mann war. Überdies hatte er selbst schon einige Male Fieber gehabt und war klug genug zu erkennen, daß hier Hunger die Ursache war.

»Ruf ihn heraus und ich will ihm eine Schuldverschreibung auf mein bestes Joch Ochsen geben, wenn er mein Kind kuriert.«

Kim hielt vor der geschnitzten Außentür des Tempels. Ein weißgekleideter oswalischer Geldwechsler aus Ajmir, der seine Wuchersünden eben wieder frisch getilgt hatte, fragte ihn, was er wollte.

»Ich bin Chela des Teshoo Lama, eines Heiligen von Bhotiyal – da drinnen. Er befahl mir zu kommen. Ich warte. Willst Du ihm das sagen?«

»Vergiß nicht das Kind,« rief der ungeduldige Jat, und brüllte darauf in Punjabisch: »Oh, Heiliger – oh, Schüler des Heiligen – oh, Götter über allen Welten – sehet die Trauer an Eurer Pforte sitzen.« Der Ruf ist so gewöhnlich in Benares, daß die Vorübergehenden nicht einmal den Kopf wandten.

Der Oswale, in Frieden mit der Menschheit, brachte die Botschaft in die Dunkelheit hinter sich und die ungezählten, östlichen Minuten verstrichen, denn der Lama schlief in seiner Zelle und kein Priester wollte ihn wecken. Als das Klick-Klack seines Rosenkranzes endlich die Stille des inneren Hofes, wo die ruhevollen Bildnisse der Arhats stehen, unterbrach, flüsterte ein Novize ihm zu: »Dein Chela ist hier,« und der alle Mann vergaß das Ende seines Gebets und schritt vorwärts.

Kaum erschien die hohe Gestalt in der Pforte, als der Jat herbei eilte und, das Kind emporhaltend, rief: »Blicke auf dieses, Heiliger; und so die Götter wollen, wird er leben – leben!«

Er tastete in seinen Gürtel und zog eine kleine Silbermünze hervor.

»Was bedeutet dies?« Der Lama sah Kim an. Auffällig war, daß er weit besser Urdu sprach als damals, unter Zam-Zammah; aber der Jat wollte kein Privat-Gespräch aufkommen lassen.

»Es ist nur ein Fieber,« sagte Kim. »Das Kind ist nicht gut ernährt.«

»Er wird von jeder Kleinigkeit krank und seine Mutter ist nicht hier.«

»Erlaubst Du, Heiliger, daß ich helfe?«

»Wie! Sie haben Dich zu einem Heiler gemacht?« rief der Lama. »Warte hier,« und er setzte sich zu dem Jat auf die unterste Tempelstufe, indes Kim die kleine Betelschachtel behutsam öffnete. In der Schule hatte er geplant, wie er als ein Sahib zurückkommen und den alten Mann necken wollte, bevor er sich zu erkennen gab – Knabenträume. Er war ernst in diesem Auswählen der Medikamente, nur zuweilen von einer Pause zum Nachdenken und einer gemurmelten Anrufung unterbrochen. Chinin hatte er in Pastillen und dunkelbraune Fleischtäfelchen – vermutlich von Rindfleisch – doch das war nicht seine Sache.

»Nimm also diese sechs,« sprach Kim, sie dem Vater reichend. »Preise die Götter und koche drei davon in Milch, die anderen drei in Wasser. Wenn er die Milch getrunken hat, gib ihm dieses (es war die Hälfte einer Chinin-Pastille) und hülle ihn warm ein. Wenn er erwacht, gib ihm die in Wasser gekochten drei und die zweite Hälfte dieser weißen Pille. Ferner ist hier eine andere braune Medizin, die er auf dem Wege heimwärts nehmen mag.«

»Götter! Welche Weisheit!« rief der Kamboh, starr vor Staunen.

Es war alles, dessen Kim sich entsann aus seiner eigenen Behandlung bei einem Fall von herbstlicher Malaria – nur, daß er noch etwas Geplapper hinzufügte, um dem Lama ein wenig zu imponieren.

»Gehe nun! Am Morgen komme wieder.«

»Aber der Preis – der Preis,« rief der Jat, sich in die Brust werfend. »Mein Sohn ist mein Sohn. Wie kann ich nun, da er wieder gesund werden soll, zu seiner Mutter zurückkommen und sprechen: ich fand Hilfe am Wege und gab nicht einmal eine Schale Milch dafür?«

»Sie sind alle gleich, diese Jats,« sprach Kim ruhig. »Der Jat stand auf seinem Misthaufen, als die Elefanten des Königs vorbei kamen. ›Oh, Treiber,‹ rief er, ›wie teuer verkaufst Du diese kleinen Esel?‹«

Der Jat brach in ein schallendes Gelächter aus, entschuldigte sich aber sofort bei dem Lama. »So pflegt man bei uns zu sagen – ja, es ist die Redekunst meines Landes. So sind wir alle, wir Jats. Morgen werde ich mit dem Kinde kommen und der Segen der Götter meiner Heimstätte – welches gute kleine Götter sind – sei mit Euch beiden. Nun, Sohn, werden wir wieder stark. Speie es nicht aus, kleines Prinzlein! König meines Herzens, speie es nicht aus, und am Morgen werden wir wieder starke Männer sein, Wettkämpfer und Keulenschwinger.«

Er ging, leise singend und summend fort. Der Lama wandte sich zu Kim und seine ganze liebevolle alte Seele strahlte aus seinen schmalen Augen.

»Die Kranken heilen, ist Verdienst sammeln; zuvor aber muß man Weisheit erwerben. Das war weise gehandelt, oh, Freund aller Welt.«

»Durch Dich, Heiliger, bin ich weise gemacht,« sprach Kim, das eben gespielte kleine Spiel vergessend, St. Xavier vergessend, vergessend sein weißes Blut, ja selbst das Große Spiel, und nach Mohammedaner-Art sich niederwerfend in den Staub des Jain-Tempels, um seines Meisters Füße zu berühren. »Meine Kenntnisse danke ich Dir. Drei Jahre habe ich Dein Brot gegessen. Meine Zeit ist um. Von der Schule bin ich entlassen. Ich komme zu Dir.«

»Das ist meine Belohnung. Tritt ein! Tritt ein! Und alles ist wohl beendet?« Sie traten in den inneren von der Nachmittagssonne goldig überstrahlten Hof. »Stehe still, daß ich Dich anschaue. So!« Er betrachtete ihn kritisch. »Er ist nicht länger ein Kind; er ist ein Mann, reif an Weisheit, ein wandernder Arzt. Ich tat wohl – ich tat wohl, als ich Dich den Männern in Waffen überließ in jener dunklen Nacht. Erinnerst Du Dich unseres ersten Tages, unter Zam-Zammah?«

»Oho,« sagte Kim, »erinnerst Du Dich, wie ich vom Wagen sprang, den ersten Tag, als ich –«

»Als Du eintratest in die Pforte des Wissens. Ja. Und des Tages, wo wir die Kuchen zusammen aßen, hinter dem Fluß bei Nucklao. Aha! Oft hast Du für mich gebettelt, aber an dem Tage bettelte ich für Dich.«

»Mit gutem Grund. Ich war ein Schüler hinter den Toren des Wissens und wie ein Sahib gekleidet. Vergiß nicht, Heiliger,« fuhr Kim scherzend fort, »ich bin noch heute ein Sahib – durch Deine Gunst.«

»Wahr. Und ein Sahib in hoher Achtung. Komme mit in meine Zelle, Chela.«

»Wie kannst Du das wissen?«

Der Lama lächelte. »Zuerst durch Briefe des guten Priesters, den wir in dem Lager der bewaffneten Männer trafen; jetzt ist er nach seinem eignen Lande zurückgekehrt und ich sende das Geld seinem Bruder.« Oberst Creighton, der das Vertrauensamt übernommen hatte, als Vater Victor mit den Mavericks nach England ging, war allerdings nicht des Kaplans Bruder. »Aber ich verstehe nicht wohl Sahib-Briefe. Sie müssen mir übersetzt werden. Ich wählte einen sicheren Weg. Oft, wenn ich von meiner Suche zurückkam zu diesem Tempel, der mir stets ein Nest war, traf ich hier einen, der Erleuchtung suchte – einen Mann von Leh – der, wie er sagte, ein Hindu gewesen war – aber müde all der Götter.« Der Lama zeigte auf die Arhats hin.

»Ein fetter Mann?« fragte Kim, mit den Augen zwinkernd.

»Sehr fett. Ich bemerkte aber bald, daß sein Geist sich ganz und gar mit wertlosen Dingen beschäftigte – wie mit Dämonen und Zauberformeln und der Art und Gewohnheit unseres Teetrinkens in den Klöstern und auf welche Weise wir unsere Novizen einführten. Ein Mann, überschwänglich in Fragen; aber er war Dein Freund, Chela. Er erzählte mir, daß Du auf dem Wege zu großen Ehren als ein Schriftgelehrter wärest. Und ich sehe. Du bist ein Arzt.«

»Ein Schreiber bin ich, wenn ich ein Sahib bin und die Jahre, die ein Sahib darauf verwenden muß, habe ich hinter mir. Aber all das ist Nebensache, wenn ich zu Dir als Dein Schüler komme.«

»Eine Novize bist Du gewesen. Bist Du von der Schule gänzlich entlassen? Ich möchte Dich nicht unreif haben.«

»Ich bin ganz frei. Zur rechten Zeit erhalte ich Dienst als Schreiber unter der Regierung –«

»Nicht als ein Krieger. Das ist gut.«

»Aber jetzt bin ich hier, um mit Dir zu wandern. Deshalb kam ich her. Wer hat diese ganze Zeit für Dich gebettelt?« fuhr Kim rasch fort, um seine Rührung zu verbergen.

»Sehr oft bettelte ich selbst; aber, wie Du weißt, bin ich selten hier, nur wenn ich komme, um meinen Schüler wieder zu sehen. Von einem Ende zum andern von Hind bin ich gewandert zu Fuß und in dem Zug. Ein großes und ein wundervolles Land! Aber, wenn ich hier einkehre, ist es, als wäre ich in meinem eigenen Bhotiyal.«

Er schaute sich mit Wohlgefallen in der kleinen, reinlichen Zelle um. Ein niedriges Polster war sein Sitz, auf dem er sich niederließ, mit gekreuzten Beinen in der Stellung des Bodhisat, der aus Betrachtungen erwacht. Ein schwarzer, kaum zwanzig Zoll hoher Tisch von Eichenholz, kupferne Teelassen tragend, stand vor ihm. In einer Ecke befand sich ein kleiner Altar, ebenfalls aus schwerem, geschnitztem Eichenholz mit einer Statue des sitzenden Buddha aus vergoldetem Kupfer, einer Lampe, einer Zündholzbüchse und einigen kupfernen Blumentöpfen.

»Der Hüter der Bildnisse in dem Wunder-Haus erwarb Verdienst, indem er mir dies alles schenkte,« sprach der Lama, Kims Auge folgend. »Wenn man fern ist von seinem eigenen Lande, wecken solche Dinge die Erinnerung, und wir müssen den Herrn verehren, denn Er zeigte den Weg. Sieh!« Er wies auf einen sonderbar aufgerichteten Hügel von gefärbtem Reis, der von einem phantastischen Ornament aus Metall gekrönt war, »als ich noch Abt war in meinem eignen Platz – bevor ich besseres Wissen erlangte – brachte ich täglich diese Gabe dar. Es ist das Opfer des Universums für den Herrn. So bieten wir zu Bhotiyal jeden Tag die Welt dem Höchst Vortrefflichen Gesetz als Opfer dar. Und ich tue es selbst jetzt noch, obwohl ich weiß, daß der Vortreffliche erhaben ist über Habsucht und Geiz.« Er schnupfte aus seiner Dose.

»Es ist wohlgetan, Heiliger,« sagte Kim, sich in die Kissen lehnend, sehr glücklich, aber auch sehr schläfrig.

»Und,« der alte Mann lachte in sich hinein, »ich male auch Bilder von dem Rad des Lebens. Alle drei Tage ein Bild. Ich war damit beschäftigt, oder, kann auch sein, ich halte gerade meine Augen ein wenig geschlossen, als sie mir Deine Botschaft brachten. Es ist gut, daß Du da bist. Ich will Dich meine Kunst lehren – nicht aus Stolz – aber weil Du lernen mußt. Die Sahibs besitzen nicht alle Weisheit dieser Welt.«

Unter dem Tisch hervor zog er ein Blatt sonderbar riechendes, gelbes, chinesisches Papier, Pinsel und ein Täfelchen chinesischer Tusche. Mit klarsten, schärfsten Linien hatte er darauf das große Rad mit seinen sechs Speichen gezeichnet, dessen Achse die in einer Gestalt vereinten Tiere Schwein, Schlange und Taube bilden (Unwissenheit, Zorn, Wollust), und dessen Felder den ganzen Himmel und die ganze Hölle und allen Wechsel menschlichen Lebens bedeuten. Man erzählt, daß der Bodhisat selbst es zuerst mit Reiskörnern in Staub zeichnete, um seinen Schülern den Zusammenhang der Dinge zu erklären. Wie es so von Generation zu Generation kam, kristallisierte es sich zu einer wunderbaren, gewissermaßen verabredeten Figur, die von Hunderten kleiner Zeichen wimmelte, deren jedes eine besondere Bedeutung hatte. Es gibt nur wenige, die dieses gezeichnete Gleichnis zu deuten vermögen, und vielleicht nicht zwanzig auf der ganzen Welt, die es ohne Vorlagen genau wiederzugeben vermöchten. Und von diesen zwanzig wiederum bleiben nur drei übrig, die es sowohl zu zeichnen wie auszulegen wissen.

»Ich habe ein wenig zeichnen gelernt«, sagte Kim. »Aber dies ist ein Wunder über Wunder.«

»Vor vielen Jahren habe ich es gemalt,« sprach der Lama. »Es gab eine Zeit, wo ich ein Bild fertig malte zwischen einer und der nächsten Nacht. Ich will Dich die Kunst lehren, nach gehöriger Vorbereitung; und ich will Dir die Bedeutung des Rades klar machen.«

»Wir nehmen also unsere Wanderschaft wieder auf?«

»Unsere Wanderschaft und unsere Suche. Ich wartete nur auf Dich. In hundert Träumen ward es mir verkündet – besonders aber in dem, den ich träumte in der Nacht nach dem Tage, wo die Pforte des Wissens zum erstenmal hinter Dir sich schloß – daß ohne Dich ich meinen Strom nicht finden würde. Wieder und immer wieder, Du weißt es, suchte ich den Gedanken zu bannen, weil ich ein Blendwerk fürchtete. Deshalb wollte ich Dich nicht mit mir nehmen an dem Tage zu Lucknow, wo wir die Kuchen miteinander aßen. Ich wollte Dich nicht mit mir nehmen, bis die Zeit reif und günstig war. Von den Hügeln bis zur See und von der See bis zu den Hügeln bin ich gewandert, aber es war vergebens. Da gedachte ich der Jataka.«

Er erzählte Kim die Geschichte von dem Elefanten mit der Beinfessel, die er den Jan-Priestern so oft erzählt.

»Weiterer Offenbarungen bedarf es nicht,« fuhr er heiter fort, »Du warst mir als Hilfe gesendet. Ohne diese Hilfe konnte meine Suche nicht gelingen. Deshalb wollen wir wieder zusammen ausziehen und unsere Suche ist sicher.«

»Und wohin gehen wir?«

»Was liegt daran, Freund der ganzen Welt? Die Suche, sage ich, ist sicher. Wenn die Not es erfordert, wird der Strom zu unseren Füßen aus der Erde hervorbrechen. Ich erwarb Verdienst, da ich Dich zu den Toren des Wissens sandte, ich gab Dir das Juwel, das Weisheit heißt. Du kehrtest zurück, ich sah es eben – ein Nachfolger Sakyamunis, des Arztes, dessen Altäre viele in Bhotiyal sind. Es genügt. Wir sind zusammen und alles ist, wie vordem – Freund der ganzen Welt – Freund der Sterne – mein Chela!«

Dann sprachen sie von weltlichen Dingen; bemerkenswert war, daß der Lama nie nach Einzelheiten des Lebens in St. Xavier frug, noch den geringsten Wunsch äußerte, von den Sitten und Gebräuchen der Sahibs zu hören. Er lebte nur in der Vergangenheit und erinnerte sich jedes Schrittes ihrer ersten wundervollen gemeinschaftlichen Reise; er lächelte dabei und rieb sich die Hände, bis er, sich zusammenrollend, in den plötzlichen Schlaf des hohen Alters sank.

Kim sah den letzten staubigen Sonnenschein aus dem Hofe schwinden und spielte mit seinem Geisterdolch und Rosenkranz. Das Getöse von Benares, der ältesten aller Städte der Erde, die Tag und Nacht wach ist vor den Göttern, schallte rund um die Mauern, wie die Wogen der See gegen einen Wellenbrecher. Hin und wieder schritt ein Jain-Priester mit einer kleinen Opfergabe für die Götterbilder durch den Hof, seinen Weg vorher fegend, um kein lebendes Wesen zu zerstören. Eine Lampe schimmerte und der Laut eines Gebetes folgte. Kim sah nach den Sternen, die einer nach dem andern hervortraten in dem feuchtwarmen Dunkel, bis er in Schlaf fiel am Fuße des kleinen Altars. In dieser Nacht träumte er nur Hindostianisch, nicht ein Wort Englisch…

»Heiliger, denke an das Kind, dem wir die Medizin gaben,« sprach Kim, als der Lama gegen drei Uhr morgens aus Träumen erwachend, die Pilgerfahrt antreten wollte, »der Jat wird mit dem Tageslicht hier sein.«

»Du hast wohl gesprochen. In meiner Eile würde ich ein Unrecht begangen haben.« Er setzte sich wieder auf die Kissen und nahm seinen Rosenkranz vor. »In Wahrheit, alte Menschen sind wie Kinder,« sagte er betrübt. »Sie wünschen etwas – siehe da! – es muß sogleich erfüllt werden, sonst werden sie zornig und weinen. Oft auf meiner Wanderschaft war ich bereit, mit dem Fuß zu stampfen, wenn ein Ochsenkarren mir den Weg versperrte, ja selbst wenn es nur eine Staubwolke war. Das war nicht so, als ich noch ein Mann war – vor langer Zeit. Trotzdem ist es sündhaft –«

»Aber, Heiliger, Du bist doch wirklich alt.«

»Das Ding ist geschehen. Eine Ursache ist in die Welt gegangen und wer, krank oder gesund, wissend oder unwissend, alt oder jung, könnte die Wirkung dieser Ursache zügeln? Steht das Rad still, wenn ein Kind es dreht – oder ein Trunkener? Chela, dies ist eine große und eine schreckliche Welt.«

»Ich finde sie gut.« Kim gähnte. »Ist etwas zu essen da? Seit gestern Abend habe ich nicht gegessen.«

»Ich hatte vergessen, was Du brauchst. Dort ist kalter Reis und guter Tee von Bhotiyal.«

»Weit können wir nicht gehen mit solchem Stoff.« Kim sehnte sich, wie ein Europäer, nach Fleischnahrung, die in einem Jain-Tempel nicht zu erlangen ist. Doch statt mit der Bettelschale hinaus zu gehen, beruhigte er seinen Magen mit Klümpchen von kaltem Reis. Die Morgendämmerung brachte den Farmer, redselig stotternd vor Dankbarkeit.

»In der Nacht brach sich das Fieber und der Schweiß kam,« rief er. »Fühlt ihn an. Seine Haut ist frisch. Ihm schmeckten die gesalzenen Täfelchen und die Milch trank er mit Gier.« Er zog das Tuch vom Gesicht des Kindes, das Kim schläfrig anlächelte. Eine Gruppe von Jain-Priestern, schweigend, aber ganz Aufmerksamkeil, hatte sich bei der Tempeltür gesammelt. Sie wußten und Kim sah, daß sie wußten, wie der alte Lama seinen Schüler gefunden hatte. Höflich, wie sie sind, hatten sie sich während der Nacht weder durch Gegenwart, noch Wort, noch Bewegung aufgedrängt, wofür Kim ihnen, bei Sonnenaufgang, sich dankbar erwies.

»Danke den Göttern der Jains, Bruder,« sprach er zu dem Jat, den Namen der Götter nicht wissend. »Das Fieber ist wirklich gebrochen.«

»Schauet! Sehet!« rief der Lama, vor Freude strahlend, seinen Gastgebern zu. »Gab es jemals solchen Chela? Er folgt unserm Herrn, dem Heiler.«

Die Jains erkennen offiziell alle Götter des Hindu-Glaubens an, ebensowohl den Lingam, wie die Schlange. Sie tragen die Schnur der Brahmahnen und sind Anhänger jedes Rechtes der Kasten-Vorschrift der Hindu. Aber, weil sie den Lama kannten und liebten, weil er ein alter Mann war, weil er den Weg suchte, weil er ihr Gast war und endlich – weil er nachts oft lange Gespräche mit dem Oberpriester führte, der ein so freidenkender Metaphysiker, als je einer ein Haar siebzig Mal gespalten – deshalb nickten sie dem Lama Beifall zu.

»Vergiß aber nicht,« – Kim beugte sich über das Kind – »dieses Übel kann wiederkehren.«

»Nicht, wenn Du das richtige Zaubermittel hast,« erwiderte der Vater.

»Aber wir gehen bald fort.«

»Wahr,« sprach der Lama, sich an alle Jains wendend. »Wir gehen jetzt zusammen auf die Suche, von der ich oft geredet. Ich wartete, bis mein Chela reif wäre. Schauet ihn an! Wir gehen nach dem Norden. Niemals wieder werde ich auf diesen Ort meiner Ruhe blicken, o Männer des guten Willens.«

»Ich aber bin kein Bettler.« Der Landmann sprang auf, das Kind an sich pressend.

»Schweige. Störe den Heiligen nicht,« rief ihm ein Priester zu.

»Geh,« flüsterte Kim. »Triff uns wieder unter der großen Eisenbahnbrücke, und um aller Götter unseres Punjab willen, bringe Futter mit – Curry, Hülsenfrucht, in Fett gebacken« Kuchen und Zuckerwerk. Besonders Zuckerwerk. Beeile Dich.« Die Blässe des Hungers kleidete Kim gut, als er dastand, schlank und schmächtig, in seinen dunkelfarbigen, wallenden Gewändern, eine Hand auf dem Rosenkranz, die andere wie zum Segnen ausgestreckt, eine Stellung, die er dem Lama getreu nachahmte. Ein europäischer Zuschauer hätte sagen können, er gliche einem auf einem Kirchenfenster gemalten jungen Heiligen mehr, als einem Jungen im Wachsen, der bleich vor Hunger ist.

Lang und förmlich wurde der Abschied, dreimal beendet und dreimal von vorn angefangen. Der Sucher, er – der den Lama vom fernen Tibet her nach diesem Hafen geladen hatte, ein haarloser Asket, mit silberweißem Antlitz – nahm nicht teil daran: er weilte, wie immer, in Betrachtungen unter den Götterbildern. Die anderen waren menschlicher, nötigten dem alten Manne kleine Gaben auf, eine Betelschachtel, einen neuen, eisernen Federkasten, einen Beutel für Eßwaren und dergleichen mehr, warnten ihn vor den Gefahren der Welt draußen und prophezeiten ein glückliches Ende der Suche.

Kim indessen, einsamer denn je, hockte auf den Stufen und fluchte in St. Xaviers Art.

»Aber es ist mein eigener Fehler,« dachte er. »Mit Mahbub oder Lurgan Sahib aß ich ihr Brod; in St. Xavier drei Mahlzeiten am Tage. Hier kann ich zusehen, wo ich etwas bekomme. Ich fühle mich nicht wohl. Wie würde mir ein Teller mit Fleisch behagen … Heiliger, bist Du zu Ende?«

Der Lama, beide Hände erhoben, begann eine letzte Segenspendung in zierlichem Chinesisch. »Ich muß mich auf Deine Schultern lehnen,« sprach er, als die Tempelpforte sich hinter ihnen schloß. »Wir werden steif, glaube ich.«

Das Gewicht eines sechs Fuß hohen Mannes ist nicht leicht zu stützen durch Meilen von gedrängt vollen Straßen, und Kim, außerdem mit Bündeln und Päckchen für die Reise beladen, war froh, den Schatten der Eisenbahnbrücke zu erreichen.

»Hier essen wir,« sagte er entschlossen, als der Kamboh, blau gekleidet und lächelnd, in Sicht kam, einen Korb in einer Hand, das Kind an der anderen.

»Greift zu, Heilige,« rief er aus fünfzig Fuß Entfernung. (Auf einer flachen Stelle unter dem ersten Brückenbogen waren sie sicher vor den Blicken hungriger Priester.) »Reis und Curry, Kuchen, noch warm und gut gewürzt mit Hing (Asafötida), Käse und Zucker. König meiner Felder« – dies zu seinem kleinen Sohn – »laß uns diesen heiligen Männern zeigen, daß wir Jats von Jullundur einen Dienst vergelten können… ich hatte gehört, daß die Jains nur essen, was sie selbst gekocht haben, aber wahrlich,« – er blickte höflich weg nach dem breiten Strom – »wo kein Auge ist, ist keine Kaste.«

»Und wir,« sagte Kim, sich umdrehend und eine Blattschüssel für den Lama füllend, »sind erhaben über alle Kasten.«

Schweigend sättigten sie sich an der guten Speise. Erst, als er das Letzte von dem klebrig süßen Stoff von seinem Finger abgeleckt, bemerkte Kim, daß auch der Kamboh reisefertig dastand.

»Wenn wir denselben Weg haben,« sagte er hastig, »gehe ich mit Dir. Man findet nicht oft einen Wundertäter, und das Kind ist noch schwach. Aber ich bin auch kein schwaches Rohr.« Er hob seinen Lathi empor, einen fünf Fuß langen Bambusstock, mit polierten Eisenringen umgeben, und schwang ihn durch die Luft. »Man sagt, die Jats wären streitsüchtig, doch das ist nicht wahr. Nur wenn man uns in die Quere kommt, dann sind wir wie unsere Büffel.«

»So ist es,« sagte Kim. »Und ein guter Stock ist ein guter Beweis.«

Der Lama blickte in ruhiger Stimmung stromaufwärts, wo in grauer Perspektive unaufhörlich die Rauchsäulen von den Verbrennungs-Plätzen aufstiegen. Hin und wieder, ungeachtet aller behördlichen Verordnungen, trieben Überreste von halb verbrannten Leichen auf dem rasch fließenden Strom abwärts.

»Ohne Dich,« sprach der Kamboh, das Kind an seine rauhe Brust pressend, »wäre ich vielleicht heute dorthin gegangen – mit diesem hier. Die Priester lehren uns, daß Benares heilig ist – was niemand bezweifelt – und daß es begehrenswert ist, dort zu sterben. Ihre Götter aber kenne ich nicht, und Geld fordern sie auch; und hat man sein Gebet verrichtet, so behauptet irgend ein geschorener Kopf, es sei wertlos, wenn man nicht aufs neue betet. Wasch Dich hier! Wasch Dich dort! Begieße, bade, trinke und sammle Blumen – aber jedes Mal bezahle die Priester. Nein, das Punjab für mich und die Erde des Jullundur-Landes für die beste Scholle darauf.«

»Ich habe oft gesagt – in dem Tempel, glaube ich – daß, wenn die Not es erheischt, der Fluß zu unseren Füßen sich auftun wird. Deshalb wollen wir jetzt nordwärts wandern,« sprach der Lama, sich erhebend. »Ich erinnere mich eines angenehmen, von Fruchtbäumen umgebenen Platzes, wo man in Betrachtungen sich ergehen kann – und wo die Luft kühler ist. Sie kommt dort von den Bergen und von dem Schnee der Berge.«

»Wie ist der Name des Ortes?« fragte Kim.

»Wie sollte ich das wissen? Warst Du nicht – nein, das war, nachdem die Armee aus der Erde herauswuchs und Dich fortführte. Dort weilte ich im Nachsinnen in einem Raume unter dem Taubenschlag – hätte sie nur nicht immerwährend geredet.«

»Oho! die Frau von Kulu. Das ist bei Saharunpore.«

»Wie führt der Geist Deinen Meister? Wandert er zu Fuß wegen früherer Sünden?« fragte leise der Jat. »Es ist ein weiter Weg bis Delhi.«

»Nein,« antwortete Kim. »Ich will um ein Billet für den Zug betteln.« In Indien bekennt man sich nicht zum Besitz von Geld.

»Dann im Namen der Götter, laßt uns den Feuerwagen nehmen. Mein Sohn ist am besten in den Armen seiner Mutter aufgehoben. Die Regierung legt uns viele Steuern auf, aber ein Gutes gibt sie uns, den Zug, der Freunde verbindet, und die Sehnsucht haben, zusammenführt. Ein wundervolles Ding ist der Zug.«

Einige Stunden später drängten sie sich in den Zug hinein und schliefen wahrend der Tageshitze. Der Kamboh quälte Kim mit Fragen nach des Lamas Leben und Tun und erhielt merkwürdige Antworten. Kim sah behaglich in die ebene, nordwestliche Landschaft hinaus und plauderte mit den ein- und aussteigenden Passagieren. Noch heute halten die indischen Landleute die Fahrkarten und das Abknipsen der Fahrkarten für eine unerklärliche Unterdrückung. Sie begreifen nicht, warum, wenn sie für ein Zauberpapier bezahlt haben, Fremde große Stücke von dem Zauber abreißen. So gibt es immer noch lange und heftige Debatten zwischen den Reisenden und Billettabnehmern. Kim half dabei einige Male mit ernstem Rat und zeigte seine Klugheit vor dem Lama und dem bewundernden Kamboh. Bei Somna sandte das Schicksal ihm etwas zum nachdenken. Da polterte, als der Zug schon in Bewegung war, ein armer, magerer, kleiner Mann in den Wagen – ein Mahratta – wie Kim aus der Form des fest anliegenden Turbans schloß. Sein Gesicht war zerschnitten, sein Obergewand, von Musselin, zerrissen und ein Bein verbunden. Er erzählte ihnen, daß ein Bauernwagen umgestürzt und er beinahe getötet worden wäre; er wollte jetzt nach Delhi, wo sein Sohn lebte. Kim betrachtete ihn genauer. Wenn er, wie er erzählte, auf der Erde hin und her gerollt wäre, so hätte seine Haut geschrammt sein müssen. Aber alle seine Wunden schienen Schnitte zu sein, und durch einen einfachen Fall vom Wagen konnte ein Mann nicht so in Schrecken gesetzt sein. Als er mit zitternden Fingern das zerrissene Tuch um seinen Hals festknüpfen wollte, legte er ein Amulett blos, von der Art, die man Herzstärker nennt. Amulette sind gewöhnlich genug, aber nicht solche, die an plattiertem Kupferdraht hängen, noch weniger solche von schwarzer Emaille auf Silber. Außer dem Lama und dem Kamboh war niemand in dem Abteil, das glücklicherweise ein altmodisches, abgeschlossenes war. Kim tat, als ob er sich die Brust kratzen wollte und legte dabei sein eigenes Amulett blos. Des Mahrattas Gesicht veränderte sich sofort, und er legte sein Amulett frei auf die Brust.

»Ja,« wandte er sich an den Kamboh, »ich war in Eile, und der Wagen, von einem Mischling geführt, prallte mit einem Rad an einen Brückenpfeiler und außer dem Schaden, den ich nahm, ging eine volle Schüssel von »Tarkeean« verloren. Ich war kein Sohn des Zaubers (glücklicher Mann) an dem Tage.«

»Das war ein großer Verlust,« sagte der Kamboh, so gleichgültig wie möglich. Seine Erfahrungen in Benares hatten ihn mißtrauisch gemacht.

»Wer kochte es?« fragte Kim.

»Ein Weib.« Der Mahratta hob die Augen.

»Aber jedes Weib kann Tarkeean kochen,« sagte der Kamboh. »Es ist ein gutes Currygericht.«

»O ja,« sagte der Mahratta, »es ist ein gutes Currygericht.«

»Und billig,« sagte Kim. »Aber, was meint die Kaste?«

»O, es gibt keine Kaste, wo Männer Tarkeean sehen – – wollen,« erwiderte der Mahratta in dem vorgeschriebenen Tonfall. »In wessen Dienst bist Du?«

»In dem Dienst dieses Heiligen.« Kim zeigte auf den glücklichen, schläfrigen Lama, der mit einem Ruck bei dem vielgeliebten Wort erwachte.

»Ah, er ward vom Himmel gesendet, um mir zu helfen. Freund aller Welt ist er genannt. Auch Freund der Sterne nennt man ihn. Er wandelt als ein Heiliger – seine Zeit ist reif. Groß ist seine Weisheit.«

»Und ein Sohn des Zaubers,« flüsterte Kim. Der Kamboh zündete eilig seine Pfeife an, aus Furcht, daß der Mahratta ihn anbettelte.

»Und wer ist das?« fragte der Mahratta, nervös seitwärts schielend.

»Einer, dessen Kind ich – wir heilen, der uns sehr verpflichtet ist. – Setze Dich ans Fenster, Mann von Jullundur. Hier ist ein Kranker.«

»Humpf! Ich habe gar kein Verlangen, mit herumgelaufenen Landstreichern zusammen zu sitzen. Meine Ohren sind nicht lang, und ich bin kein neugieriges Weib.« Der Jat ließ sich schwer in eine entfernte Ecke fallen.

»Bist Du etwas wie ein Heiler? Ich bin zehn Klafter tief in Not,« flüsterte, an das letzte Wort Kims anknüpfend, der Mahratta.

»Der Mann ist über und über voll Wunden,« wandte Kim sich an den Kamboh. »Ich will versuchen, ihn zu heilen. Niemand störte mich, als ich Dein Kind behandelte.«

»Ich verdiene Tadel,« sagte demütig der Kamboh. »Ich schulde Dir das Leben meines Sohnes. Du bist ein Wundertäter – ich weiß es.«

»Zeige mir die Schnitte.« Kim neigte sich über des Mahrattas Brust, vom Klopfen seines Herzens fast erstickend, denn dies war das Große Spiel aus dem ff. »Nun erzähle mir Deine Geschichte, Bruder, schnell, indem ich Zaubersprüche murmele.«

»Ich komme vom Süden, wo ich mein Werk zu tun hatte. Einen von uns haben sie auf der Landstraße erschlagen. Hast Du es gehört?« Kim schüttelte den Kopf. Er wußte natürlich nichts über den Vorgänger des E. 23., der unten im Süden, im Anzug eines arabischen Händlers, tot gefunden war. »Nachdem ich einen gewissen Brief gefunden, den ich suchen sollte, eilte ich davon. Ich entkam aus der Stadt und kam nach Mhow. So sicher fühlte ich mich, daß ich nicht einmal mein Äußeres änderte. In Mhow erhob ein Weib Klage gegen mich wegen Juwelen-Diebstahls in der Stadt, die ich eben verlassen. Da merkte ich, daß die Meute hinter mir war. Aus Mhow entrann ich bei Nacht mittels Bestechung der Polizei, die ohne Zweifel ebenfalls bestochen war, um mich in die Hände meiner Feinde zu liefern. Darauf verbarg ich mich eine Woche als Büßer in einem Tempel in der allen Stadt Chitor; aber ich wußte nicht, wohin mit dem Brief, den ich bei mir hatte. Endlich begrub ich ihn unter dem Stein der Königin zu Chitor, an dem Platz, der uns allen bekannt ist.«

Kim wußte nichts davon, aber nicht um die Welt hätte er die Erzählung unterbrochen.

»Zu Chitor, siehst Du, war ich ganz in des Königs Macht; denn Kotah ostwärts ist außer dem Gesetz der Königin (von England, Viktoria), und Jeypur und Gwalior liegen ebenfalls ostwärts. Spione liebt man nicht, und Gerechtigkeit gibt es nicht. Ich wurde gejagt wie ein nasser Schakal, aber ich schlug mich durch bis Bandakui. Da hörte ich, daß ich eines Mordes angeklagt war in der Stadt, aus der ich eben kam – des Mordes an einem Knaben. Sie hatten beides zur Stelle, die Leiche und den Zeugen.«

»Aber gibt es keinen Schutz bei der Regierung?«

»Für uns von dem Spiel gibt es keinen Schutz. Wenn wir sterben, sterben wir. Unser Name wird in dem Buch ausgelöscht – das ist alles. In Bandakui, wo einer von uns lebt, suchte ich die Spur zu verwischen, indem ich mein Gesicht änderte und mich zum Mahratten machte. So kam ich nach Agra und wollte nun nach Chitor zurück, um den Brief zu holen. So sicher dachte ich ihnen entwischt zu sein. Deshalb sandte ich niemandem ein Telegramm, um anzugeben, wo der Brief sich befinde. Ich wünschte alle Ehre für mich zu haben.«

Kim nickte. Diese Empfindung verstand er gut.

»Aber in Agra, als ich durch die Straßen ging, hielt mich ein Mann wegen Schulden an, brachte Zeugen vor, und man schleppte mich vor Gericht hierhin und dahin. O, sie sind schlau dort im Süden! Er gab mich als seinen Baumwoll-Agenten an. Möge er in der Hölle dafür braten.«

»Und warst Du das?«

»O Tor! Der Mann, den man wegen des Briefes suchte, war ich! Ich flüchtete mich durch den Schlachthof und kam bei dem Hause des Juden heraus, der, einen Auflauf befürchtend, mich weiter beförderte. Zu Fuß kam ich bis Somna, ich hatte nur noch Geld zu einem Billett nach Delhi – und dort, als ich mit Fieber in einem Graben lag, sprang einer aus dem Gebüsch und stach mich und zerschlug mich und durchsuchte mich von Kopf bis Fuß – im Angesicht des Zuges!«

»Wie kam es, daß er Dich nicht vollständig tötete?«

»So dumm sind sie nicht. Wenn ich in Delhi, auf Veranlassung von Advokaten, wegen erwiesener Mordtat, verhaftet werde, so verfällt mein Leib dem Staat, der ihn fordert. Dann werde ich unter Bewachung zurück befördert und dann – sterbe ich langsam – als ein Beispiel für uns übrige. Der Süden ist nicht mein Geschmack! Im Kreise, wie – eine Ziege mit einem Auge – irrte ich umher. Seit zwei Tagen habe ich nichts gegessen. Ich bin gezeichnet,« – er berührte die schmutzige Bandage seines Beines – »so daß sie mich zu Delhi erkennen müssen.«

»So lange Du im Zuge bleibst, bist Du wenigstens sicher.«

»Sei ein Jahr in dem Großen Spiel und sage mir das dann wieder! In Delhi werden die Drähte gegen mich in Bewegung sein, jeder Schnitt, jeder Lumpen auf meinem Leibe wird beschrieben. Zwanzig – hundert – wenn nötig – werden bezeugen, daß ich den Knaben erschlug. Da ist nichts zu machen!«

Kim kannte genug von dem Charakter der Eingeborenen, um zu wissen, daß es so war, daß selbst der Leichnam des Knaben zur Stelle sein würde. – Des Mahratten Finger Zuckten vor Schmerz. Der Kamboh stierte verdrossen aus seiner Ecke heraus; der Lama war bei seinem Rosenkranz. Kim machte sich an des Mannes Brust zu schaffen, als ob er ärztlich untersuchte und dachte sich – Zaubersprüche murmelnd – einen Plan aus.

»Hast Du auch einen Zauber, meine Gestalt zu verändern? Sonst bin ich ein toter Mann. Hätte ich nur zehn – nur fünf Minuten Zeit gehabt, wäre ich nicht so gehetzt worden, so hätte ich – –«

»Ist er jetzt geheilt, Wundertäter?« fragte neidisch der Kamboh. »Gesungen hast Du lang genug.«

»Nein. Für seine Wunden gibt es, sehe ich, keine Heilung, wenn er nicht drei Tage im Gewande eines Bairagi sitzt.«

Diese Art Buße wird fetten Handelsleuten gewöhnlich von ihren geistlichen Beratern vorgeschrieben.

»Ein Priester sucht immer wieder einen Priester zu machen,« war die Erwiderung. Wie meist rohe und vorurteilsvolle Leute, Konnte er seine Junge nicht vor Verhöhnung der Kirche hüten.

»Also muß Dein Sohn ein Priester werden! Mir scheint, er muß wieder von meinem Chinin nehmen.«

»Wir Jats sind alle Büffel,« sagte der Jat, wieder Kleinlaut werdend.

Kim strich eine Fingerspitze voll bitteren Zeuges auf des Kindes bebende schmale Lippen. »Ich habe von Dir nichts verlangt als Speise. Mißgönnst Tu mir die? Ich will diesen Mann heilen. Habe ich Deine Erlaubnis – Fürst?«

Des Mannes große Fäuste flogen flehend in die Höhe. »Nein – nein. Verspotte mich nicht.«

»Es beliebt mir, diesen Kranken zu heilen. Du sollst Verdienst erwerben, indem Du mir beistehst. Welche Farbe hat die Asche in Deinem Pfeifenkopf? Weiß? Das ist günstig. Ist rohes Turmevic (Gelbwurz) unter Deinen Speiseresten?«

»Ich – ich –«

Öffne Dein Bündel!«

Es enthielt die gewöhnliche Sammlung kleiner Abfälle: Flicken von Zeug, quacksalberische Medikamente, billige Jahrmarkts-Geschenke, ein Tuch voll Atta (graues, grob gemahlenes Mehl), Röllchen von Bauern-Tabak, wohlfeile Pfeifenrohre und ein Pack Curry, in eine Decke gewickelt. Kim durchsuchte alles mit der Miene eines weisen Zauberers, mohammedanische Beschwörungen murmelnd.

»Dies ist Weisheit, die ich von den Sahibs lernte,« flüsterte er dem Lama zu: und wenn man an seine Erziehung bei Lurgan denkt, war das Wahrheit. »Die Sterne künden ein großes Unheil im Schicksal dieses Mannes, das – das setzt ihn in Schrecken. Soll ich es verhindern?«

»Freund der Sterne, Du hast stets das Rechte erwählt. Handle nach Deinem Belieben. Ist es eine neue Heilung?«

»Rasch! Mach rasch! Ehe der Zug hält.«

»Eine Heilung von dem Schatten des Todes,« flüsterte Kim. Er mischte das Mehl mit Kohlen- und Tabaksasche in dem Pfeifenkopf von rotem Ton. E. 23. nahm schweigend seinen Turban ab und schüttelte sein langes schwarzes Haar herunter.

»Das ist mein Essen, Priester,« grollte der Jat.

»Ein Büffel in dem Tempel! Hast Du gewagt, herzusehen? Narren muß man etwas vormachen. Aber hüte Deine Augen. Bemerkst Du schon einen Nebel vor ihnen? Ich rettete das Kind und als Dank – oh. Du Schamloser!«

Der Mann wich vor Kims scharfem, ernsten Blick zurück.

»Soll ich Dich verfluchen, oder soll ich –« Er riß das äußere Tuch vom Bündel und warf es über den gesenkten Kopf. »Wage nur den Wunsch, herzublicken und – und selbst ich kann Dich nicht retten. Sitz still! Sei stumm!«

»Ich bin blind – stumm. Nur verfluche mich nicht! Ko – Komm her, Kind! Wir wollen Blindekuh spielen. Um meinetwillen, piep nicht unter dem Tuch hervor.«

»Ich sehe Hoffnung,« flüsterte E. 23. »Was für einen Plan hast Du?«

»Das kommt später,« sagte Kim, ihm das leichte Hemd herabziehend. E. 23. wich zurück mit der Scheu des Nordwestlers vor Entblößung seines Körpers.

»Was heißt Kaste, wenn es uns an den Hals geht?« meinte Kim, das Hemd bis auf die Hüften niederstreifend.

»Wir müssen Dich zu einem gelben Saddhu machen. Entkleide Dich – entkleide Dich rasch und schüttele das Haar über die Augen, während ich die Asche streue. Nun ein Kasten-Abzeichen auf Deine Stirn.« Er nahm aus dem Kleinen Tuschkasten unter seinem Gewand ein Täfelchen Karminlack.

»Bist Du nur ein Anfänger?« fragte E. 23., buchstäblich um sein Leben ringend, indem er seine Körperhüllen abstreifte und nackt, nur mit dem Hüftentuch, dastand, indeß Kim ihm ein vornehmes Kastenzeichen auf die mit Asche beschmierte Stirn kleckste.

»Seit zwei Tagen erst in das Spiel eingetreten, Bruder,« antwortete Kim. »Schmiere mehr Asche auf Deine Brust.«

»Hast Du wohl einen Arzt – für kranke Perlen getroffen?«

Er faßte sein langes, fest verschlungenes Turbantuch, und mit flinker Hand rollte er es um und über seine Stiften, nach dem verwickelten Muster eines Saddhu-Gurtes.

»Hah! Erkennst Du seine Hand? Eine Weile war er mein Lehrer. Wir müssen Deine Beine verbinden. Asche heilt Wunden. Beschmiere sie nochmals.«

»Einst war ich sein Stolz. Du aber bist fast geschickter als ich. Die Götter sind uns gnädig! Gib mir das

Es war eine Zinnbüchse mit Opiumpillen zwischen dem Kehricht des Bündels. E. 23. verschluckte eine halbe Handvoll. »Sie sind gut gegen Hunger, Angst und Kälte. Und sie machen die Augen rot,« erklärte er. »Nun habe ich wieder Mut zum Spiel. Es fehlt mir nur die Zunge eines Saddhu. Was machen wir mit den alten Kleidern?«

Kim rollte sie fest zusammen und stopfte sie in die lockeren Falten seines Unterkleides. Mit gelber Ockerfarbe schmierte er breite Streifen auf Brust und Beine, auf den Hintergrund von Mehl, Asche und Turmeric.

»Das Blut auf Deinem Leib, Bruder, genügt um Dich zu hängen.«

»Kann sein; aber nicht Grund genug, ihn aus dem Fenster zu werfen … Es ist getan.« Seine Stimme klang hell vor Entzücken über die Verkleidung. »Wende Dich um, o Jat! Und schau!«

»Die Götter mögen uns schützen!« rief der Kamboh unter seiner Kopfdecke heraus springend wie ein Büffel aus dem Schilf. »Wo aber ist der Mahratta geblieben? Was hast Du mit ihm angefangen?«

Kim war von Lurgan Sahib erzogen; und E. 23. durch die Art seiner Tätigkeit kein schlechter Schauspieler. Statt des verängstigten zitternden Hausierers lehnte da in der Ecke mit auf dem Sitz gekreuzten Beinen ein mit Asche beschmierter, gelbstreifig bemalter Saddhu, aus dessen geschwollenen Augen (Opium wirkt schnell auf leeren Magen) List und Frechheit leuchtete. Kims braunen Rosenkranz trug er am Halse und ein ärmliches Stück geblümten Kattuns um die Schultern. Das Kind versteckte sein Gesicht an des erstaunten Vaters Brust.

»Schau auf, Prinzlein! Wir reisen mit Zauberern, aber Dir werden sie nichts tun. O, weine nicht … Wozu heilt man heute ein Kind, wenn man es morgen durch Furcht töten will?«

»Das Kind wird Glück haben in seinem ganzen Leben, denn es hat einer wunderbaren Heilung beigewohnt. Als ich noch ein Kind war, machte ich schon Menschen und Pferde aus Ton.«

»Das tat ich auch schon,« piepte das Kind. »Und Sir Banas kommt in der Nacht hinten in unsere Küche und macht sie lebendig.«

»Du also fürchtest Dich vor nichts, he, Prinzlein?«

»Ich fürchte mich, weil mein Vater sich fürchtete. Ich fühlte seine Arme beben.«

»Oh, furchtsames Hühnchen!« sagte Kim, und der beschämte Jat lachte. »Ich habe den armen Hausierer geheilt. Er muß nun seinen Verdienst und seine Rechnungsbücher im Stich lassen und drei Nächte an der Wegseite sitzen, um der Bosheit seiner Feinde Herr zu werden. Die Sterne sind gegen ihn.«

»Je weniger Wucherer, desto besser, sage ich. Aber Saddhu oder nicht Saddhu, er soll mir den Stoff um seine Schultern bezahlen.«

»So? Aber das da auf Deiner Schulter ist Dein Kind, das vor noch nicht zwei Tagen dem Scheiterhaufen verfallen war. Noch eins muß ich Dir sagen. Ich machte diese Wunderheilung in Deiner Gegenwart, weil die Not groß war. Ich änderte des Kranken Leib und Seele. Aber, o Mann von Jullundur, wenn Du jemals bei irgendeiner Gelegenheit Dich dessen entsinnst, was Du hier gesehen, sei es bei den Ältesten unter dem Dorfbaum oder in Deinem eigenen Hause oder in Gegenwart Deines Priesters, wenn er Dein Vieh segnet, so soll eine Seuche unter Deine Büffel kommen, und eine Flamme auf Dein Dach, und Ratten in Deine Korntenne und der Fluch der Götter über Deine Felder, daß sie verdorren vor Deinen Füßen und hinter Deiner Pflugschar.« Diesen Teil einer Verwünschung hatte Kim in den Tagen seiner Unschuld von einem Fakir am Taksali-Tor aufgeschnappt.

»Höre auf, Heiliger! Aus Barmherzigkeit, höre auf!« rief der Jat. »Verfluche meinen Haushalt nicht. Ich sah nichts. Ich hörte nichts. Ich bin Deine Kuh.« Und er streichelte Kims nackten Fuß, der rhythmisch den Boden klopfte.

»Aber da es Dir erlaubt wurde, mir beizustehen mit ein bißchen Mehl und ein bißchen Opium und solchen Kleinigkeiten, die anzunehmen ich Dir die Ehre erwies, so werden die Götter Dir dies vergelten durch einen Segen –« den Kim endlich, zu des Mannes unendlicher Erleichterung erteilte, und den er von Lurgan Sahib gelernt hatte.

Der Lama starrte hierbei aufmerksamer durch seine Brillengläser als er es bei der Verkleidung getan.

»Freund der Sterne,« sprach er, »Du hast große Weisheit erworben. Hüte Dich, daß sie nicht Stolz gebiert. Kein Mann, der das Gesetz vor Augen hat, wird übereilt von etwas reden, das er gesehen, oder das ihm begegnet ist.«

»Nein – nein – wahrlich nicht,« rief der Bauer, voller Angst, daß der Meister es noch schlimmer machen könnte als der Schüler.

E. 23. mit offenem Munde, lag im Banne des Opiums, der für einen erschöpften Asiaten Fleisch, Tabak und Medizin zugleich ist.

So, schweigend in Mißverständnis und Angst, erreichten sie Delhi zur Zeit, als die Lampen angezündet wurden.