Kapitel 4.

Kapitel 4.

Dann sprachen sie leise mit einander. Kim wollt unter einem Baume ausruhen, der Lama aber zupfte ihn ungeduldig am Ellbogen.

»Laß uns weiter gehen. Der Fluß ist nicht hier.«

»Ho! Ho! Sind wir nicht für eine Weile genug gegangen? Unser Fluß wird nicht fortlaufen. Geduld! Er wird uns ein Almosen geben.«

»Dieser,« sagte plötzlich der alte Soldat, ist der Freund der Sterne. Gestern brachte er mir die Nachricht. In einer Vision sah er Ihn selbst, den Mann, der die Befehle für den Krieg gab.«

»Hm!« brummte sein Sohn tief in seiner breiten Brust, »er hörte zufällig ein Bazar-Geschwätz und zog Nutzen daraus.«

Der Vater lachte. »Wenigstens kam er nicht zu mir hergeritten, um ein neues Schlachtroß und, die Götter wissen wie viel Rupien zu erbetteln. Sind die Regimenter Deiner Brüder auch beordert?«

»Ich weiß es nicht. Ich nahm Urlaub und Kam rasch zu Dir, für den Fall – –«

»Für den Fall, daß sie Dir zuvorkommen könnten mit Betteln. Oh, Spieler und Verschwender alle zusammen! Aber Du hast bis jetzt nach keine richtige Attaque geritten. Ein gutes Roß ist dazu natürlich notwendig: ein guter Bursche und ein gutes Pony für den Marsch ebenfalls. Laß uns sehen – laß uns sehen«. Er trommelte auf den Sattelknopf.

»Dies ist kein Ort um Berechnungen anzustellen, Vater. Laß uns nach Deinem Hause gehen.«

»Bezahl‘ den Knaben wenigstens zuvor; ich habe kein Kupfergeld bei mir, und er brachte günstige Nachricht. Ho! Freund der ganzen Welt, ein Krieg steht bevor, wie Du gesagt hast.«

»Nein, wie ich weiß, der Krieg,« erwiderte Kim fest.

»Eh?« machte der Lama, seine Perlen fingernd, begierig weiter zu gehen.

»Mein Meister befragt die Sterne nicht um Lohnes willen. Wir brachten die Nachricht – merkt wohl – wir brachten die Nachricht, und wir gehen nun.« Kim drehte an seiner Seite die Hand halb um.

Der Sohn schleuderte eine Silbermünze durch das Sonnenlicht, etwas von Bettlern und Gauklern brummend. Es war ein Vierannastück, genügend, sie für einige Tage zu erhalten. Der Lama, den Schein des Metalles gewahrend, summte einen Segen.

»Ziehe Deines Weges, Freund der ganzen Welt,« rief der alte Soldat, sein knochiges Reittier wendend. »Einmal in all meinen Tagen bin ich einem wahren Propheten begegnet – der nicht Soldat war.«

Vater und Sohn schwenkten zusammen um; der alte Mann ebenso stramm aufrecht wie der junge.

Ein punjabischer Konstabler in gelben Leinwandhosen schlenderte über den Weg. Er hatte das Geldstück fliegen sehen.

»Halt!« rief er in nachdrücklichem Englisch, »wißt Ihr nicht, daß ein Takkus von zwei Annas für den Kopf erhoben wird für jeden, der die Straße von dieser Seite betritt? Es ist Sirkar-Befehl, und das Geld wird für das Pflanzen von Bäumen und für Verschönerung der Straße verwendet –.«

»Und für den Bauch der Polizei,« rief Kim, aus Armesweite entschlüpfend. »Besinn Dich ein Weilchen, Dummkopf. Denkst Du, daß wir aus dem nächsten Sumpf kommen, wie der Frosch, Dein Schwiegervater? Hast Du jemals den Namen Deines Bruders gehört?«

»Und wie hieß der? Laß den Knaben in Ruhe,« rief ungemein belustigt ein älterer Konstabler, als er in der Veranda niederhockte, seine Pfeife zu rauchen.

»Der nahm die Etikette von einer Flasche Belaittee-Pani (Sodawasser), nagelte sie an eine Brücke, sammelte einen Monat lang Taxen von allen, die passierten und sagte, es wäre Sirkar-Befehl; dann kam ein Engländer, der schlug ihm den Kopf entzwei. He, Bruder, ich bin eine Stadtkrähe, keine Dorfkrähe.«

Der Polizist zog sich verlegen zurück und Kim verspottete ihn, so lange er ihn sehen konnte.

»Hat es jemals einen Schüler wie mich gegeben?« frug er lustig den Lama. »Nicht zehn Meilen von Lahore würde schon alle Welt Dir die Knochen im Leibe zerschlagen haben, wenn ich Dich nicht beschützt hätte.«

»Zuweilen, in meinen innersten Gedanken, scheinst Du mir ein guter Geist zu sein und zuweilen ein böser Kobold,« sprach schwach lächelnd der Lama.

»Ich bin Dein Chela.« Kim trat an seiner Seite in den angemessenen Schritt – der unbeschreiblichen Gangart der Wanderer, die große Landmärsche machen.

»Nun laß uns wandern,« murmelte der Lama; und zu dem Klick, Klick des Rosenkranzes gingen sie schweigend Meile nach Meile, der Lama, wie gewöhnlich tief in Meditation, Kim mit weit offenen Augen. Dieser breite, heitere Strom von Leben gefiel ihm besser als das Gewühl und Gedränge in den Straßen von Lahore. Bei jedem Schritt neue Vorgänge und neue Gesichter – Kasten, ihm bekannt und Kasten, die er nie geahnt.

Da begegnete ihnen ein Trupp langhaariger, scharf riechender Sansis, Körbe voll Eidechsen und andere unreine Nahrungsmittel auf dem Rücken magere Hunde an ihren Fersen schnüffelnd. Diese Leute blieben an der ihnen bestimmten Seite des Weges und bewegten sich scheu in raschem, leichtem Trott und alle Kasten gaben ihnen Raum, denn der Sansi ist unrein. Hinter ihnen im Schatten, noch im Nachgefühl seiner Fußeisen breit und steif ausschreitend, ein frisch aus dem Gefängnis Entlassener, der durch seinen dicken Bauch und glänzende Haut bewies, daß die Regierung ihre Gefangenen besser füttert, als viele ehrliche Leute sich selber zu füttern vermögen. Kim kannte den Schritt wohl und spottete darüber. Dann Kam ein Ukali, ein wildhaariger, wildäugiger, frommer Sickh, in der blau gewürfelten Gewandung seines Glaubens, mit glitzernden, polierten Stahlscheiben an der Spitze seines hohen blauen Turbans, der von dem Besuch eines der unabhängigen Sickh-Staaten zurückkehrte, wo er den zur Ausbildung im Gymnasium befindlichen kleinen Prinzen in Stulpenstiefeln und weißbetreßten Hosen von dem alten Ruhm Khalsas gesungen Halle. Kim hütete sich wohl, diesen Mann zu erzürnen, denn des Ukalis Temperament ist hitzig und seine Hand flink. Hier und da begegneten sie oder wurden überholt von ganzen Dörfern bunt gekleideter Leute, die von einem nahen Jahrmarkt herkamen, die Frauen mit ihren Babys auf den Hüften, hinter den Männern gehend, die älteren Knaben mit Spazierstöcken von Zuckerrohr einherstolzierend, rohes, messingenes Spielzeug von Lokomotiven, wie man sie für ein Halbpennystück kauft, hinter sich herziehend oder mit billigen, winzigen Spiegelchen, die in der Sonne blitzten, die Augen ihrer Väter blendend. Man konnte sofort sehen, was jeder gekauft hatte und war man zweifelhaft, so brauchte man nur die Frauen zu beobachten, wie sie braunen Arm neben braunen Arm hielten, um die neu gekauften plumpen Glas-Armbänder, wie sie vom Nordwesten importiert werden, zu vergleichen. Diese lustigen Leute gingen langsam, standen unter Zurufen still, um mit Zuckerwerk Verkäufern zu handeln, oder um rasch ein Gebet zu verrichten vor einem Heiligengrab an der Wegseite – zuweilen ein Hindu-Grab, zuweilen ein mohammedanisches – welche die niedere Kaste beider Konfessionen mit wundervoller Unparteilichkeit behandelt. Eine dichte, blaue Linie, bald sich hebend, bald senkend, wie der Rücken einer rasch kriechenden Raupe, schwang sich durch den aufgewirbelten Staub und trottele unter einem Durcheinander von lebhaftem Geschwätz vorüber. Das war ein Trupp »Changars«-Weiber, die alle nördlichen Eisenbahndämme unter ihre Obhut nehmen – eine plattfüßige, hochbusige, starkgliedrige, blau berockte Sippschaft von Erdträgerinnen, die in Aussicht auf neue Arbeit nordwärts eilten und keine Zeit auf dem Weg verloren. Sie gehören zu der Kaste, deren Männer nicht mitzählen, und sie marschierten mit gespreizten Ellbogen, schaukelnden Hüften und hoch gehaltenen Köpfen, wie Frauen, die schwere Lasten tragen. Etwas später erschien mit Musik und Freudengeschrei, mit Geruch von Ringelblumen und Yasmin, stärker als selbst der Dunst des Standes, eine Heirats-Prozession auf der Großen Straße. Man sah die Sänfte der Braut, glitzernd von Flittergold und Rot, durch den Dunst schwanken, indes des Bräutigams bekränztes Pony sich seitwärts drehte, um ein Maulvoll von einem vorbeifahrenden Futterkarren wegzuschnappen. Kim stimmte ein in den andauernden Lärm von guten Wünschen und schlechten Scherzen, dem Paare hundert Söhne und keine Tochter wünschend, wie der Brauch ist. Noch aufgeregter und mit noch mehr Geschrei begrüßt wurde ein strolchender Gaukler mit einigen halbgezähmten Affen und einem keuchenden, schwachen Bären, oder ein Weib, das, Ziegenhörner an die Füße gebunden, auf einem schlaffen Seil tanzte, die Pferde scheuen und die Frauen vor Staunen in lang gezogenes, vibrierendes Geschrei ausbrechen ließ.

Der Lama blickte nicht auf. Er beachtete nicht den Wucherer, der auf kurzschwänzigem Pony dahin eilte, unmenschliche Zinsen einzutreiben, nicht das Häuflein tiefstimmiger, lärmender, eingeborener Soldaten, die auf Urlaub noch in militärischer Ordnung marschierten, sich freuten, der Gewehre und des Putzens ledig zu sein und den anständigsten Frauen die unanständigsten Worte zuriefen. Selbst den Verkäufer von Ganges-Wasser sah er nicht und Kim erwartete, daß er von dem kostbaren Stoff wenigstens eine Flasche kaufen würde. Er blickte ununterbrochen zu Boden und ebenso ununterbrochen wanderte er vorwärts, Stunde auf Stunde; seine Seele war anderswo beschäftigt. Kim aber war vor Freude im siebenten Himmel. An dieser Stelle war die Große Straße über einen Damm geführt, der sie gegen die Winterfluten von den Vorbergen schützen sollte, so daß man über dem Lande ging, wie auf einem stattlichen Korridor und rechts und links ganz Indien ausgebreitet zu Füßen sah. Es war prächtig, die verschiedenartig bespannten Getreide- und Baumwoll-Wagen schwerfällig über die Landstraßen sich bewegen zu sehen; das Knirschen der Achsen hörte man schon eine Meile entfernt, es kam näher und näher, bis unter Rufen und Schreien und bösen Worten sie den abschüssigen Abhang herauf klommen und dann mit einem plötzlichen Ruck auf der harten Hauptstraße anlangten, Fuhrmann auf Fuhrmann schimpfend. Nicht minder hübsch war es, die Leute zu sehen, wie sie zu Zweien und Dreien, in kleinen Klumpen von Rot und Blau und Weiß und Gelb, in ihre Dörfer zurückkehrten, kleiner und kleiner wurden und allmählich auf der flachen Ebene verschwanden. Kim fühlte das alles, aber er konnte seinen Empfindungen keine Worte geben; er kaufte sich abgeschältes Zuckerrohr und spuckte das Mark freigiebig auf den Weg. Von Zeit zu Zeit nahm der Lama Schnupftabak, und endlich konnte Kim das Schweigen nicht mehr ertragen.

»Dies ist ein gutes Land – das Land des Südens,« sagte er. »Die Luft ist gut, das Wasser ist gut. Eh?«

»Und sie alle sind an das Rad gefesselt,« sprach der Lama. »Gebunden von Leben zu Leben. Keinem von diesen ist der Weg gewiesen.« Er zwang sich selbst zurück in diese Welt.

»Nun sind wir weit gegangen,« sagte Kim. »Sicher kommen wir bald zu einem Parao (Rastort). Sollen wir da bleiben? Sieh, die Sonne sinkt.«

»Wer wird uns diesen Abend aufnehmen?«

»Das ist gleich. Die Gegend ist voll von gutem Volk. Außerdem« – er flüsterte es – »wir haben Geld.«

Die Menge wurde dichter, als sie sich dem Rastplatz näherten, der das Ende ihrer Tagesreise bezeichnete. Eine Reihe von Verkaufsbuden mit sehr einfachen Nahrungsmitteln und Tabak, ein Stoß Brennholz, eine Polizei-Station, ein Brunnen, ein Trog für die Pferde, einige Bäume und unter diesen etwas zertretener Boden, mit schwarzer Asche von früheren Feuern bedeckt, ist alles, was einen Parao an der Großen Hauptstraße ausmacht, wenn man die immer hungrigen Krähen und Bettler nicht mitzählt.

Bald sandte die Sonne breite goldene Streifen durch die unteren Zweige der Mangobäume; die Sittiche und Tauben kehrten heim zu Hunderten, die plappernden, graurückigen Elstern erzählten sich die Ereignisse des Tages und liefen zu Zweien und Dreien, vorwärts und rückwärts, fast unter den Füßen der Reisenden, und Schieben und Stoßen in den Zweigen zeigte an, daß die Fledermäuse sich zur Nachtarbeit rüsteten. Schnell flossen die Lichtstrahlen zusammen und färbten für einen Moment die Gesichter, die Wagenräder und die Hörner der Ochsen rot wie Blut. Dann senkte sich die Nacht hernieder, kühlte die bewegte Luft, breitete einen leichten, ebenmäßigen Nebel, gleich einem ans Marienfäden gewebten, blauen Schleier über das Antlitz der Gegend und verbreitete den Geruch von Holzrauch und Rindern und den Duft von in der Asche gebackenen Weizenkuchen. Mit bedeutsamem Husten und wiederholten Befehlen trat die Abend-Patrouille vor die Polizei-Station. Kims Auge blickte mechanisch auf die rot erglühende Kohle im Gefäß und auf das letzte Glitzern der Sonne auf den Messing-Beschlägen der Wasserpfeife eines am Wege lagernden Fuhrmannes.

Das Treiben im Parao glich im Kleinen dem des Kashmir-Serai. Kim stürzte sich in die lustige, asiatische Unordnung, die, wenn ihr nur warten könnt, euch alles bringt, was ein einfacher Mensch bedarf. Seine Bedürfnisse waren gering und, da der Lama keine Kasten-Skrupel kannte, durch gekochtes Essen von der nächsten Bude zu befriedigen. Luxus halber kaufte Kim eine Handvoll Harzkugeln, um ein Feuer anzuzünden. Alles war in Bewegung, kommend und gehend, ringsum die kleinen Feuer. Hier rief man nach Öl oder Mais, dort nach Zuckerwerk oder Tabak: man stieß einander, um an den Brunnen zu gelangen, und zwischen den Männerstimmen ließ sich aus angebundenen, verhängten Wagen Gequiek und Gekicher von Weibern hören, deren Gesichter nicht gesehen werden durften.

Heutzutage pflegen gut erzogene Eingeborene ihre Frauen, wenn sie reisen – und sie sind oft auf Besuch unterwegs – in geziemend verwahrten Abteilungen, mit der Eisenbahn fahren zu lassen und diese Sitte breitet sich aus. Es bleiben aber noch genug vom alten Schlag, die an dem Brauch ihrer Vorfahren festhalten; und vor allem sind es die alten Frauen – konservativer als die Männer – die gegen die Neige ihrer Tage auf Pilgerfahrten ausziehen. Diese, verblüht und nicht begehrt, entschleiern sich, unter gewissen Umständen, ganz gern. Nach ihrer langen Abgeschlossenheit, während welcher sie mit der Außenwelt nur immer in geschäftliche Beziehung kamen, freuen sie sich des Lebens und Treibens der offenen Heerstraße, der Ansammlungen vor den Grabmälern und der nie mangelnden Gelegenheit, mit gleichgesinnten alten Damen zu schwatzen. Oft paßt es einer durch langes Dulden geprüften Familie, daß eine scharfzüngige, eigenwillige alte Dame auf diese Art Indien durchzieht, und eine Pilgerfahrt ist sicher den Göttern wohlgefällig. So kommt es, daß durch ganz Indien, an den entlegensten wie den besuchtesten Plätzen, ihr irgend einer Gruppe ergrauter Diener begegnet, die angeblich zur Aufsicht über eine alte vornehme Dame bestellt sind, welche mehr oder weniger hinter Vorhängen verborgen, in einem Ochsenwagen fährt. Diese Männer sind nüchtern und verschwiegen und wenn ein Europäer oder hochkastiger Eingeborener in der Nähe ist, verwahren sie ihre Schutzbefohlene mit sorgfältigster Vorsicht. Bei gewöhnlichen zufälligen Begegnungen auf der Pilgerfahrt werden diese Vorsichtsmaßregeln allerdings nicht angewendet, denn die alte Dame ist trotz allem leidenschaftlich weltlich und lebt, um Leben zu sehen.

Kim bemerkte eine bunt verzierte »Ruth« oder Familien-Ochsenkutsche mit einem gestickten Baldachin, auf dem zwei Kuppeln wie bei einem zweihöckerigen Kameel, hervorragten, der just in das Parao gezogen wurde. Acht Männer bildeten sein Gefolge, von denen zwei mit rostigen Säbeln bewaffnet waren – ein sicheres Zeichen, daß sie einer Person von Rang folgten, denn gewöhnliches Volk trägt keine Waffen. Ein außerordentlicher Redestrom von Befehlen, Klagen, Scherzen und, was ein Europäer Schimpfen genannt haben würde, kam hinter den Vorhängen hervor. Hier war zweifellos eine Frau, die zu befehlen gewohnt war.

Kim betrachtete das Gefolge mit kritischem Blick. Zur Hälfte waren es dünnbeinige, graubärtige Ooryas vom Flachland; die andere Hälfte in Düffelmänteln und Pelzhüten, Hügelleute vom Norden: und diese Mischung erzählte ihre eigene Geschichte, auch ohne daß man das unaufhörliche Gezänke zwischen beiden Abteilungen hörte. Die alte Dame war auf einer Besuchsreise nach dem Süden, vielleicht zu einem reichen Verwandten, wahrscheinlicher noch zu einem Schwiegersohn, der ihr als Zeichen der Achtung eine Eskorte gesandt. Die Hügelleute mochten von ihrem eigenen Volk sein – von Kulu oder Kangra. Offenbar führte sie keine zu verheiratende Tochter mit sich, sonst wären die Vorhänge fest zugeschnürt gewesen und die Wache hätte keinem erlaubt, sich dem Wagen zu nähern. – Eine lebhafte und kühne Dame, dachte Kim, den Harzklumpen in einer, die gekochte Speise in der andern Hand balanzierend und den Lama mit der Schulter vorwärts lotsend. Aus der Begegnung müßte etwas zu machen sein. Der Lama würde ihm nicht helfen, aber als gewissenhafter Chela würde er mit Entzücken für Zwei betteln.

Dem Wagen so nahe als möglich, legte Kim sein Feuer an, in Erwartung, daß einer von der Eskorte ihn fortweisen würde. Der Lama ließ sich schwerfällig auf die Erde nieder, gleich wie eine Fledermaus, die sich an Frucht schwer gefressen, sich niederläßt, und kehrte zu seinem Rosenkranz zurück.

»Geh weiter fort, Bettler!« Der Befehl in gebrochenem Hindostanisch, kam von einem Berginder.

»Hu! Es ist nur ein Pahari« (Gebirgler), sagte Kim über seine Schulter weg. »Seit wann haben die Bergesel ganz Hindostan in Besitz genommen?«

Die Entgegnung war eine schnell entworfene, brillante Skizze von Kims Stammbaum bis in die dritte Generation.

»Ah!« Kims Stimme war so süß wie möglich – und den Harzklumpen in Stücke brechend, sprach er: »In meinem Lande nennen wir das den Anfang eines Liebesgesprächs.«

Ein scharfes Gekicher hinter den Gardinen spornte den Gebirgler zu einem neuen Ausfall.

»Nicht so übel – nicht so übel,« sagte Kim mit Ruhe, »aber hüte Dich, Bruder! Wir – ich sage wir – könnten uns sonst veranlaßt sehen, Dir einen Fluch zurück zu geben. Und unsere Flüche haben das Geschick, in Erfüllung zu gehen.«

Die Ooryas lachten, der Gebirgler sprang drohend vorwärts: der Lama erhob den Kopf und brachte so plötzlich seine ungeheure runde Wollmütze in den Schein von Kims angezündetem Feuer.

»Was ist?« fragte er.

Der Mann hielt inne, wie zu Stein erstarrt. »Ich« – stammelte er – »ich bin vor einer großen Sünde bewahrt.«

»Der Fremde hat endlich gemerkt, daß es ein Heiliger ist,« flüsterte einer der Ooryas.

»He! Warum wird der Bettelbalg nicht gehörig durchgehauen?« rief die alte Dame.

Der Gebirgler ging zu dem Wagen hin und flüsterte etwas in die Gardine. Es folgte tiefes Schweigen, dann Geflüster.

»Das geht gut,« dachte Kim und tat, als ob er nichts sähe und hörte.

»Wenn – wenn – er gegessen hat,« – wisperte der Gebirgler demütig zu Kim, »bittet jemand den Heiligen um die Ehre, mit ihm sprechen zu dürfen.«

»Wenn er gegessen hat, wird er schlafen,« erwiderte Kim, von oben herab. Er wußte noch nicht recht, welche Wendung das Spiel nehmen würde, war aber entschlossen, den möglichst großen Nutzen daraus zu ziehen. »Jetzt muß ich gehen, ihm sein Essen holen.« Dies Letzte sprach er laut und endete mit einem Seufzer, wie von Erschöpfung.

»Ich – ich selbst und die andern von meiner Sippe werden das besorgen, wenn – es erlaubt ist.«

»Es ist erlaubt,« sagte Kim, mehr als je von oben herab. »Heiliger, diese Leute werden uns zu essen bringen.«

»Das Land ist gut. Alles Land im Süden ist gut – eine große und gewaltige Welt,« murmelte schläfrig der Lama.

»Laß ihn schlafen,« sagte Kim, »aber sorge dafür, daß wir gut gefuttert werden, wenn er aufwacht. Er ist ein sehr heiliger Mann.«

Wieder sagte einer der Ooryas etwas Geringschätziges.

»Er ist kein Fakir. Er ist kein bäuerischer Bettler,« sprach Kim feierlich, sich an die Sterne wendend. »Er ist der heiligste aller heiligen Männer.« »Er ist höher als alle Kasten. Ich bin sein Chela.«

»Komm hierher!« rief eine spitze Stimme hinter dem Vorhang; und Kim kam, sich wohl bewußt, daß Augen, die er nicht sehen konnte, ihn scharf beobachteten. Ein magerer brauner Finger, mit Ringen beschwert, lag auf der Wagenkante und die Rede ging so:

»Wer ist der dort?« »Ein außerordentlich heiliger Mann. Er kommt von fern her. Er kommt von Tibet.«

»Von wo in Tibet?«

»Von hinter den Schneegipfeln – von einem sehr fernen Platz. Er hat die Kenntnis der Sterne. Er stellt Horoskope; er weiß den Stand der Gestirne bei der Geburt. Aber er bemüht sich nicht für Geld. Er tut es aus Güte und Erbarmen. Ich bin sein Schüler. Ich werde auch Freund der Sterne genannt.«

»Du bist nicht von den Bergen?«

»Frage ihn. Er wird Dir sagen, daß ich von den Sternen ihm gesandt wurde, ihm das Ende seiner Pilgerfahrt zu zeigen.«

»Ach was! Bedenke, Schlingel, daß ich eine alte Frau und nicht ganz und gar eine Närrin bin. Lamas kenne ich wohl und ihnen erweise ich Ehrfurcht: aber Du bist eben so wenig ein gesetzmäßiger Schüler als mein Finger die Deichsel dieses Wagens ist. Du bist ein kastenloser Hindu, ein kecker, unverschämter Bettler, der sich dem Heiligen wohl um des Gewinnes willen angeschlossen hat.«

»Arbeiten wir nicht alle um Gewinn?« Kim änderte sofort seinen Ton und paßte sich der veränderten Stimme an. »Ich habe gehört« – dies wurde auf gut Glück gewagt – »ich hörte –«

»Was hast Du gehört?« schnauzte sie ihn an, mit dem Finger klopfend.

»Nichts, dessen ich mich so ganz genau entsinne, ein Bazar-Geschwätz, das sicher eine Lüge ist, daß selbst Rajahs – kleine Berg-Rajahs –«

»Aber dennoch von gutem Rajput-Blut.«

»Natürlich, von gutem Blut. Daß selbst diese die Hübscheren ihres Weibervolkes um Gewinn verkaufen. Nach dem Süden hinunter verkaufen sie sie – an Zemindars (erbliche Grundherren) und solche Art Leute in Oudh.«

Wenn es etwas in der Welt gibt, was die kleinen Rajahs ableugnen, so ist es just diese Beschuldigung: und just dieses glauben die Bazare, wenn von dem mysteriösen Sklavenhandel Indiens die Rede ist. Die alte Dame erklärte Kim in leidenschaftlichem Flüsterton und im raschesten Tempo, welch eine Art boshafter Lügner er wäre und wie, hätte er diese Andeutung gewagt, als sie noch ein Mädchen war, er noch am selbigen Abend von einem Elefanten zu Tode getreten worden wäre. Und dies war vollkommen wahr.

»Ahai! Ich bin nur eines Bettlers Balg, wie das Auge der Schönheit mich genannt,« jammerte er in großem Schreck.

»Auge der Schönheit, wahrhaftig! Wer bin ich, daß Du wagst, mir Bettler-Zärtlichkeiten an den Hals zu werfen?« Und doch lächelte sie bei dem lang vergessenen Wort. »Vor vierzig Jahren hätte man das von mir sagen können und nicht ohne Grund – nein, noch vor dreißig Jahren. Aber diese Landstreicherei auf und ab durch Hind ist schuld, daß eine Königswitwe mit dem Abschaum des Volkes zusammen stoßen und der Spott von Bettlern werden muß.«

»Große Königin,« sagte Kim schleunigst, denn er hörte sie sich schütteln vor Grimm, »ich bin eben das, was die Große Königin mich nannte: aber nichts destoweniger ist mein Meister heilig. Er hat noch nicht den Befehl der Großen Königin vernommen, daß er – –«

»Befehl? Ich einem Heiligen befehlen – einem Lehrer des Gesetzes – zu kommen, um mit einem Weibe zu sprechen? Niemals!«

»Erbarme Dich meiner Dummheit. Ich dachte, es wäre ein Befehl – –«

»Es war es nicht. Es war eine Bitte. Ist Dir nun alles klar?«

Eine Silbermünze prallte auf die Wagenkante. Kim nahm sie und salaamte tief. Die alte Dame begriff, daß man ihn, als das Auge und Ohr des Lama, günstig stimmen müßte.

»Ich bin nur der Schüler des Heiligen. Wenn er gegessen hat, wird er – vielleicht – kommen.«

»Du Taugenichts und schamloser Spitzbube!« Der juwelenbeschwerte Zeigefinger wurde drohend gegen ihn geschüttelt; aber er konnte die alte Dame kichern hören.

»Nun, was wünscht man denn?« fragte er in seinem zutraulichsten und liebenswürdigsten Ton, dem, er wußte es wohl, nur wenige widerstanden. »Wird in Deiner Familie ein Sohn begehrt? Sprich offen, denn wir Priester –« das Letzte war ein direktes Plagiat von einem Fakir am Taksali-Tor.

»Wir Priester! Du bist noch nicht alt genug, um – –« Sie unterbrach den Witz durch ein neues Gelächter. »Glaube mir ein für alle Mal, wir Frauen, Du Priester, haben auch an anderes als an Söhne zu denken. Außerdem, meine Tochter hat einen Knaben geboren.«

»Zwei Pfeile im Köcher sind besser als einer und drei sind noch besser.« Kim begleitete das Sprichwort mit nachdenklichem Husten und blickte diskret zur Erde.

»Wahr – o wahr. Aber vielleicht kommt das noch. Sicherlich aber sind diese Brahmanen auf dem Lande zu nichts nütze. Ich sandte Gaben und Geld und wieder Gaben, und sie prophezeihten –«

»Ah!« warf Kim mit unendlicher Verachtung hin, »sie prophezeihten!« Ein Prophet von Profession hätte es nicht besser machen Können.

»Und erst als ich mich meiner eigenen Götter erinnerte, wurde ich erhört. Ich wählte eine günstige Stunde; und – vielleicht hat Dein Heiliger von dem Abt der Lung – Cho-Lamasserie gehört. Ihm trug ich meine Angelegenheit vor, und siehe, zur bestimmten Zeit kam alles, wie ich es gewünscht. Der Brahmane im Hause des Vaters von meiner Tochter Sohn hat seitdem gesagt, durch seine Gebete wäre es geschehen, was ein kleiner Irrtum ist, wie ich ihm erklären werde, wenn ich das Ziel meiner Reise erreicht habe. Und dann später gehe ich nach Buddh Gaya, um die Totenfeier für den Vater meiner Kinder abzuhalten.«

»Dahin gehen auch wir.«

»Doppelt günstig,« frohlockte die alte Dame. »Bedeutet wenigstens einen zweiten Sohn.«

»O, Freund der ganzen Welt!« Der Lama war erwacht und einfach, wie ein Kind verwirrt, das sich in einem fremden Bette findet, rief er nach Kim.

»Ich komme! Ich komme, Heiliger!« Kim eilte an das Feuer, wo er den Lama schon umgeben von Schüsseln mit Speisen fand. Die Gebirgler beteten ihn sichtlich an und die vom Süden sahen mit sauren Gesichtern zu.

»Geht fort! Zieht Euch zurück!« rief Kim. »Essen wir öffentlich, gleich Kunden?« Sie beendeten schweigend ihr Mahl, Kim krönte es mit einer einheimischen Zigarette und sie rückten etwas von einander fort.

»Habe ich nicht hundert Mal gesagt, daß der Süden ein gutes Land ist? Hier befindet sich die tugendhafte und hochgeborene Witwe eines Rajah aus den Bergen auf einer Pilgerfahrt, sie sagt, nach Buddh Gaya. Sie ist es, die uns die Speisen schickte, und wenn Du ausgeruht hast, möchte sie Dich sprechen.«

»Ist das auch Dein Werk?«

»Wer sonst behütete Dich, seit unsere wundervolle Reise begann?« Die Augen tanzten Kim im Kopfe, wie er den Rauch kräftig durch die Nüstern blies, und er streckte sich auf den staubigen Boden. »Habe ich versäumt, Dein Wohlbefinden zu überwachen, Heiliger?«

»Ein Segen über Dich.« Der Lama neigte sein Ehrfurcht erweckendes Haupt. »Viele Menschen habe ich gekannt in meinem so langen Leben und der Schüler nicht wenige. Aber zu keinem Menschen, wenn auch Du von einem Weibe geboren bist, ist mein Herz hingegangen wie zu Dir – nachdenkend, weise und höflich – aber etwas von einem Kleinen Kobold.«

»Und ich sah noch niemals einen Priester, wie Du bist.« Kim betrachtete das wohlwollende gelbe Gesicht, Falte bei Falte. »Es sind noch Kaum drei Tage, daß wir zusammen unsere Reise antraten und mir ist, als wären es hundert Jahre.«

»Kann sein, in einem früheren Leben war es mir erlaubt. Dir einen Dienst zu erweisen. Kann sein,« – er lächelte – »ich befreite Dich aus einer Falle: oder ich hatte Dich an einem Angelhaken, in den Tagen, da ich nicht erleuchtet war, und warf Dich zurück in den Fluß.«

»Kann sein,« sagte Kim ruhig. Er hatte diese Art von Theorie wieder und wieder gehört aus dem Munde von Männern, die der Engländer nicht gerade für sehr geistreich gehalten hätte. »Nun, was diese Frau in dem Ochsenwagen betrifft, so denke ich, sie wünscht einen zweiten Sohn für ihre Tochter.«

»Das hat keine Beziehung zu dem Pfade,« seufzte der Lama. »Aber sie ist doch von den Bergen. Ach, die Berge! Und der Schnee der Berge!«

Er erhob sich und schritt zu dem Wagen. Kim würde seine Ohren darum gegeben haben, mitkommen zu dürfen, aber der Lama forderte ihn nicht auf, und die wenigen Worte, die er erlauschte, waren in ihm unbekannter Sprache. Sie redeten in einem in den Bergen gebräuchlichen Dialekt. Die Frau schien Fragen zu stellen, die der Lama erst nach Überlegung beantwortete. Zuweilen hörte er den Sing-Sang eines chinesischen Citates. Es war ein sonderbares Bild, das Kim durch halb geschlossene Wimpern sah: der Lama, gerade aufgerichtet, in seiner gelben, schwarzgeschlitzten Gewandung, im Schein der Parao-Feuer gleich einem knorrigen Baumstamm, den die Schattenlichter der scheidenden Sonne streifen, richtete sein Wort an eine goldgeschmückte, lackierte Ruth, die in demselben ungewissen Licht wie vielfarbiges Edelgestein glitzerte. Die Muster auf den golddurchwirkten Vorhängen tanzten auf und ab, verschwammen und bildeten sich wieder, wenn die Falten vom Nachtwind bewegt wurden; und als das Gespräch ernster wurde, blitzten Funken von dem juwelenbedeckten, lebhaft geschüttelten Zeigefinger über die Stickerei. Hinter dem Wagen war eine Wand von ungewisser, von kleinen Flammen unterbrochener Dunkelheit, belebt von halb sichtbaren Formen und Gesichtern und Schatten. Die Geräusche des frühen Abends hatten sich in ein sanftes Summen gewandelt, dessen tiefster Ton das gleichförmige Kauen der Ochsen an ihrem gehackten Stroh, und dessen höchster das Klingen der »Sitar« eines bengalischen Tanzmädchens war. Die Männer hatten meist gegessen und zogen tief an ihren gurgelnden, grunzenden Wasserpfeifen, die im vollen Blasen der Stimme des Ochsenfrosches ähneln.

Endlich kehrte der Lama Zurück. Ein Gebirgler trug ihm eine wattierte Decke nach und breitete sie sorgfältig am Feuer aus.

»Sie verdient zehntausend Großkinder,« dachte Kim. »Nichtsdestoweniger würden ohne mich solche Gaben nicht gekommen sein.«

»Eine tugendhafte Frau – und eine weise.« Der Lama ließ sich schlaff nieder, Glied bei Glied, wie ein schwerfälliges Kamel. »Die Welt ist voll von Barmherzigkeit für die, die den Weg wandeln.« Er warf die größere Hälfte der Decke über Kim.

»Und was sagte sie?« Kim wickelte sich in seinen Teil der Decke.

»Sie legte mir manche Frage vor und warf manches Problem auf – die meisten aber waren nichtige Märchen, welche sie von teufeldienerischen Priestern gehört, die vorgeben, dem Weg zu folgen. Einige beantwortete ich, von anderen sagte ich, daß sie töricht wären. Viele tragen das Kleid, aber wenige verharren auf dem Weg.«

»Wahr. Das ist wahr.« Kim sagte es gedankenvoll, um etwas anvertraut zu bekommen.

»Abgesehen von ihrem Mangel an Erkenntnis, ist sie sehr gut gesinnt. Sie wünscht sehr, daß wir mit ihr nach Buddh Gaya gehen, da, wie ich verstand, viele Tagereisen südwärts ihre Straße auch die unsrige ist.«

»Und?«

»Ein wenig Geduld! Auf dieses erwiderte ich, daß meine Suche allem vorginge. Sie hatte manche törichte Fabel vernommen, aber die große Wahrheit von meinem Strom hatte sie nie gehört. So sind die Priester von den Vorbergen! Sie kannte den Abt von Lung-Cho, aber sie wußte nichts von meinem Fluß, nicht die Geschichte des Pfeils.«

»Und?«

»Ich sprach deshalb von der Suche und von dem Weg und von verdienstvollen Dingen; sie aber begehrte nichts weiter, als daß ich mit ihr ginge und Gebete verrichte für einen zweiten Sohn.«

»Aha! Wir Frauen denken doch an nichts weiter als an Kinder,« sagte Kim schläfrig.

»Nun, da unsere Straße für eine Weile dieselbe ist, glaube ich nicht, daß wir irgendwie von unserer Suche abweichen, wenn wir sie begleiten, wenigstens so weit bis – ich habe den Namen der Stadt vergessen.«

»Ohe!« rief Kim, sich wendend und einen von den einige Meter entfernten Ooryas in scharfem Flüsterton anredend, »wo ist das Haus Eures Gebieters?«

»Etwas hinter Saharunpore, zwischen den Fruchtgärten.« Er nannte das Dorf.

»Das ist der Name,« sagte der Lama. »So weit wenigstens Können wir mit ihr gehen.«

»Fliegen gehen nach Aas,« sagte der Oorya mit unterdrückter Stimme.

»Für die kranke Kuh eine Krähe, für den Kranken Mann ein Brahmine.« Kim richtete das Sprichwort ganz harmlos an die Schattenwipfel der Bäume.

Der Oorya grunzte und war still.

»Also gehen wir mit ihr. Heiliger?«

»Gibt es einen Grund dagegen? Ich kann doch zur Seite treten und alle Flüsse prüfen, über welche die Straße führt. Sie wünscht, daß ich mitkomme. Sie wünscht es sehr.«

Kim erstickte ein Lachen unter der Decke. Wenn erst die mächtige Dame ihre natürliche Scheu vor einem Lama überwunden hatte, hielt er es für wahrscheinlich, daß man ihr gerne zuhören konnte.

Er schlief beinahe schon, als er den Lama plötzlich das Sprichwort zitieren hörte: »Den Gatten der Geschwätzigen wird eine große Belohnung in Zukunft.« Dann hörte Kim ihn dreimal schnupfen und schlummerte, noch lachend, ein.

Der diamantene Tagesanbruch erweckte Menschen, Krähen und Ochsen auf einmal. Kim saß aufrecht, gähnte, schüttelte sich und schauerte vor Entzücken. Dies hieß in Wahrheit die Welt sehen: das war Leben, wie es ihm gefiel – Hasten und Schreien, Geklingel von Glocken und Einfangen von Ochsen, und Knirschen von Rädern und Leuchten von Feuern und Kochen von Speisen – und neue Erscheinungen, wohin das neugierige Auge blickte. Der Morgennebel verschwand in einem Silberwirbel, die Papageien, in grünen, schreienden Schwärmen, schossen fort zu einem fernen Fluß, alle Schöpfräder in Hörweite fingen zu arbeiten an. Indien war wach, und Kim, in seiner Mitte, mehr wach und mehr rege als irgend einer, kaute an einem Zweiglein, das er zugleich als Zahnbürste benutzte, denn rechter und linker Hand profilierte er von den Bräuchen des Landes, das er kennen und lieben lernte. Er hatte nicht nötig, sich um Nahrung zu Kümmern, nicht nötig, auch nur ein Cowrie (Scheidemünze in Ostindien) an die gedrängt vollen Buden zu verschwenden. Er war der Schüler eines heiligen Mannes und angenommen von einer eigenwilligen alten Dame. Alles wurde für sie vorbereitet, und wenn sie ehrerbietig eingeladen würden, würden sie niedersitzen und essen. Im Übrigen – Kim kicherte hier beim Zähnebürsten – würde ihre Wirtin das Vergnügen der Reise nur erhöhen. Kritisch inspizierte er ihre Ochsen, als diese schnaufend und grunzend unter dem Joch herankamen. Wenn sie zu schnell gingen – es war nicht wahrscheinlich – würde er einen angenehmen Sitz auf der Deichsel finden? der Lama würde hinter dem Treiber sitzen. Die Eskorte natürlich würde gehen. Die alte Dame, ebenso natürlich, würde viel reden, und nach allem, was er gehört, würde es ihrer Rede nicht an Salz fehlen. Sie war schon jetzt dabei, zu befehlen, anzuordnen, bombastisch zu reden, zu schelten und es muß gesagt werden, ihre Diener wegen Saumseligkeit zu verfluchen.

»Bringt ihr ihre Pfeife. Im Namen der Götter bringt ihr ihre Pfeife und stopft ihren gotteslästerlichen Mund,« rief ein Oorya, ein ungefüges Bündel von Betten zusammenschnürend. »Sie und die Papageien sind sich gleich. Sie Kreischen in der Dämmerung.«

»Die Leit-Ochsen! He! Sieh nach den Leit-Ochsen!« Sie drängten rückwärts und schwenkten ab, als die Axe eines Getreide-Karrens sie bei den Hörnern faßte. »Sohn einer Eule, wohin fährst Du denn?« Dies zu dem grienenden Karrentreiber.

»Oho! Ahi! Ahi! Die da drinnen ist die Königin von Delhi, die auszieht, um einen Sohn zu erbeten. Raum für die Königin von Delhi und ihren Premierminister, den grauen Affen, der an seinem eigenen Schwert hinauf klettert,« rief der Treiber rückwärts über seine hohe Ladung hinweg. Ein anderer, mit Häuten für eine ländliche Gerberei beladener Wagen folgte dicht hinterher, und sein Lenker fügte einige Schmeicheleien hinzu, als die Ruth-Ochsen rückwärts und rückwärts drängten.

Hinter den bebenden Gardinen hervor kam ein Hagel von Schimpfreden. Er hielt nicht lange an, aber an Art und Beschaffenheit, an feurigem und beißendem Charakter überstieg er alles, was Kim bisher gehört. Er sah des Fuhrmanns nackte Brust vor Schreck zusammensinken; der Mann salaamte tief, sprang von der Deichsel und half der Eskorte ihren Vulkan auf die Hochstraße ziehen. Hier gab ihm die Stimme noch treulich zu wissen, welche Art Weib er gefreit hatte und was es in seiner Abwesenheit trieb.

»Oh, Shabash!« (Hoheit!) murmelte Kim, unfähig, sich zu fassen.

»Gut gemacht, nicht wahr? Es ist eine Schande und ein Skandal, daß eine arme Frau nicht reisen kann, um zu ihren Göttern zu beten, ohne von allem Auswurf Hindostans verspottet und beschimpft zu werden, daß sie Gali (Schmähungen) essen muß, wie Männer Ghi (Butter) essen! Aber noch kann ich meine Zunge rühren, noch finde ich ein oder zwei Worte, die für die Gelegenheit passen. Und noch bin ich ohne meinen Tabak! Wo ist der einäugige, gottverlassene Sohn der Schande, der meine Pfeife noch nicht fertig gemacht hat?« Die Pfeife wurde von einem Gebirgler hastig hineingereicht und Bäche von dickem Rauch, die aus jeder Spalte der Vorhänge drangen, zeigten, daß der Friede wieder hergestellt war.

War Kim den Tag zuvor stolz marschiert als Schüler eines heiligen Mannes, so schritt er heute mit zehnfach verdoppeltem Stolz einher, im Zuge einer halb königlichen Prozession, mit anerkanntem Platz und unter dem Schutz einer alten Dame von reizenden Manieren und enormen, geistigen Fähigkeiten. Die Eskorte, mit nach Landessitte beturbanten Köpfen, setzte sich zu beiden Seiten des Wagens in Schritt, furchtbare Massen von Staub aufwirbelnd.

Der Lama und Kim gingen in kleiner Entfernung an einer Seite, Kim, an seinem Zuckerrohr kauend und keinem unter dem Rang eines Priesters ausweichend. Sie hörten das Mundwerk der alten Dame klappern, so unermüdlich wie eine Reis-Schälmaschine. Sie befahl der Eskorte, zu berichten, was auf der Straße vorginge, und nicht sobald waren sie aus dem Parao, als sie die Gardinen zurückschlug und, den Schleier nur über ein Drittel des Gesichtes gezogen, heraus guckte. Ihre Leute sahen sie nicht direkt an, wenn sie zu ihnen redete, und so war der Anstand mehr oder weniger gewahrt.

Ein dunkelgelb-farbiger Distrikt-Oberaufseher der Polizei, tadellos uniformiert, ein Engländer, ritt auf müdem Roß heran, und an ihrem Gefolge erkennend, welche Art von Persönlichkeit sie war, neckte er sie.

»Oh, Mutter,« rief er, »ist das der Brauch in den Zenanas? (Harem) Denke nur, ein Engländer käme daher und sähe, daß Du keine Nase hättest!«

»Was?« schrillte es zurück – »Deine eigene Mutter hatte keine Nase? Warum sagst Du denn das auf der offenen Straße?«

Es war ein hübscher Gegenschlag. Der Engländer hob die Hand mit der Bewegung eines im Fechtspiel Getroffenen. Sie lachte und nickte.

»Ist dies ein Gesicht, um die Tugend in Versuchung zu führen?« Sie schlug den Schleier vollständig zurück und stierte ihn an.

Es war keinesfalls ein liebliches Gesicht; der Mann aber, seine Zügel anziehend, nannte es Mond des Paradieses, Verderber der Tugendhaftigkeit, und was dergleichen phantastische Schmeicheleien mehr waren, und ihre Heiterkeit verdoppelte sich.

»Das ist ein Nußknacker,« (Schelm) sagte sie. »Alle Polizei-Konstabler sind Schufte; aber die Polizei-Wallahs sind die schlimmsten. Hei, mein Sohn, das hast Du alles noch nicht gelernt, seitdem Du von Belait (Europa) gekommen bist. Wer säugte Dich?«

»Eine Pahareen – eine Bergfrau von Dalhousie, meine Mutter. Halte Deine Schönheit unter Schirm – o, Spenderin des Entzückens,« und fort war er.

»Das ist die rechte Art,« sie schlug einen feinen, kritischen Ton an und stopfte ihren Mund mit Betel, »das ist die Art, die die Gerechtigkeit überwachen sollte. Die kennen das Land und die Sitten des Landes. Die andern, die frisch von Europa kommen, von weißen Frauen gesäugt sind und unsere Sprache aus Büchern lernen, sind schlimmer als die Pestilenz. Die tun Königen unrecht.« Dann erzählte sie, der Welt im allgemeinen, eine lange, lange Geschichte von einem dummen, jungen Polizeibeamten, der einem kleinen Berg-Rajah, einem ihrer Vettern im neunten Grade, den Frieden gestört hatte, um einer gewöhnlichen Boden-Streitigkeit willen. Sie schloß mit einem Zitat, das keinesfalls aus einem Erbauungsbuch herrührte.

Dann wechselte ihre Laune, und sie befahl einem der Eskorte, den Lama zu bitten, dicht an ihrer Seite zu gehen, um Religionsfragen zu diskutieren. Kim trat also in den Staub zurück und nahm sein Zuckerrohr wieder vor. Länger als eine Stunde trat des Lama’s Tam-o’shanter (runde Wollmütze) wie ein Mond aus dem Staub hervor; und, nach allem, was er erlauschte, war es Kim, als wenn die alte Frau weinte. Einer der Ooryas entschuldigte sich halb und halb wegen seiner Grobheit am letzten Abend; sagte, er hätte seine Herrin noch niemals in so milder Stimmung gesehen und schrieb diese der Gegenwart des fremden Priesters zu. Er für seine Person glaubte an Brahminen, obgleich er, wie alle Eingeborenen, von ihrer Schlauheit und Habgier fest überzeugt war. Aber, wenn Brahminen die Mutter von seines Herrn Weib durch ihre Betteleien nur erzürnten, so, daß sie sie fortjagte, und sie dann so wütend wurden, daß sie das ganze Gefolge verfluchten, (woher es kam, daß der zweite Seiten-Ochse lahmte, und die Deichsel in der letzten Nacht zerbrach), dann war er bereit, sich mit irgend einem anderen Priester, von irgend einer anderen Partei, in oder außerhalb Indiens auszusöhnen.

Hierzu nickte Kim sehr weise und wies den Oorya darauf hin, daß der Lama kein Geld nähme, und daß die Kosten für seine und des Lama’s Unterhaltung hundertfach aufgewogen würden durch das gute Glück, das die Karawane fortan begleiten würde. Er erzählte darauf Geschichten aus Lahore und sang Lieder, welche die Eskorte lachen machten. Als eine Stadtmaus, wohlbekannt mit den neuesten Liedern der beliebtesten Komponisten – es sind meist Frauen – hatte Kim einen bedeutenden Vorteil über Leute aus einem kleinen Fruchtdorf hinter Scharunpore, aber er ließ sie diesen Vorteil nicht empfinden.

Am Nachmittag lenkten sie seitab, um zu essen. Das Mahl war gut, reichlich und auf Schüsseln von reinen Blättern serviert, anständig gesäubert vom Straßenstaub. Die Überreste gaben sie gewissen Bettlern, damit alle Vorschriften erfüllt würden, und setzten sich nieder zu langem, luxuriösem Rauchen. Die alte Dame hatte sich hinter ihre Vorhänge zurückgezogen, mischte sich aber sehr lebhaft ins Gespräch; sie diskutierte mit ihren Dienern, und diese widersprachen ihr, wie Diener es im ganzen Osten zu tun pflegen. Sie verglich die Kühle und die Kiefern der Kangra- und Kulu-Berge mit dem Staub und den Mangos des Südens; sie erzählte eine Geschichte von allen Orts-Gottheiten an der Grenze des Gebietes ihres Gatten; sie verwünschte rundweg den Tabak, den sie gerade rauchte, sie schalt auf alle Brahminen und spekulierte ohne Rückhalt auf das Kommen zahlreicher Enkel.

Kapitel 12.

Kapitel 12.

»Ich habe wieder Mut gefaßt,« sprach E. 23, unter dem Schutz des Treibens auf dem Bahnsteig. »Hunger und Angst verwirrten mich, sonst hätte ich an solche Rettung denken müssen. Ich hatte Recht. Sie sind auf der Jagd nach mir. Du hast mein Leben gerettet.«

Ein Trupp gelb behoster punjabischer Polizisten unter Führung eines schwitzenden, hastigen jungen Engländers, teilte die um die Wagen sich drängende Menge. Hinterher schritt bedächtig, unauffällig wie eine Katze, eine kleine, fette Person, die aussah, wie ein Advokaten-Schreiber.

»Schau, der junge Sahib liest von dem Papier ab. Meine Personal-Beschreibung ist in seiner Hand,« sagte E. 23. »Sie gehen von Wagen zu Wagen wie Fischer, die einen Teich mit dem Netz ausfischen.«

Als die Prozession ihre Abteilung erreichte, zählte E. 23. seine Perlen mit beständigem Schaukeln seines Oberkörpers, während Kim ihn verspottete, daß er in der Trunkenheil seine geringelte Feuerzange, das Abzeichen des Saddhu, verloren habe. Der Lama, tief in Betrachtung versunken, starrte vor sich hin und der Bauer, verstohlen blinzelnd, suchte seine Sachen zusammen.

»Nichts hier als ein Haufen heiliger Bagage,« sagte der Engländer mit lauter Stimme und schritt weiter unter einem unzufriedenen Gemurmel; denn eingeborene Polizei bedeutet für den Eingeborenen Erpressung.

»Die Schwierigkeit nun,« flüsterte E. 23, »liegt darin, eine Drahtung zu senden, um den Ort anzugeben, wo ich den Brief, den zu finden ich ausgeschickt wurde, verborgen habe. In dieser Verkleidung kann ich nicht auf das Telegraphenamt gehen.«

»Ist es nicht genug, daß ich Deinen Kopf gerettet habe?«

»Nicht wenn die Arbeit unvollendet bleibt. Hat der Arzt kranker Perlen Dir niemals so gesprochen? Da kommt ein anderer Sahib! Ah!«

Dies war ein ziemlich großer Distrikt-Polizei-Inspektor, von gelblicher Gesichtsfarbe – begürtet, behelmt, mit blanken Sporen und allem sonstigen Zubehör, der seinen dunklen Schnurrbart zwirbelte. »Was für Narren sind diese Sahibs von der Polizei!« sagte Kim belustigt.

E. 23. blickte flüchtig unter seinen Lidern hervor. »Gut bemerkt,« murmelte er mit gänzlich veränderter Stimme. »Ich will einmal Wasser trinken. Bewahre mir meinen Platz auf.«

Er stolperte hinaus, dem Engländer fast in die Arme und wurde in plumpem Urdu deshalb ausgescholten.

»Tum mut? Bist Du betrunken? Du mußt nicht um Dich stoßen, als gehörte die Delhi-Station Dir allein, mein Freund.«

E. 23., ohne eine Miene zu verziehen, antwortete mit einem Strom der schmutzigsten Schimpfwörter, was Kim natürlicher Weise sehr belustigte, es erinnerte ihn an die Trommlerjungen und Barackenfeger in Umballa in der schrecklichen Zeit seines ersten Schulunterrichts.

»Mein gutes Närrchen, Mickle – jao!« kauderwelschte der Engländer. »Geh zurück in Deinen Wagen.« Schritt für Schritt, ehrerbietig rückwärts gehend, kletterte der gelbe Saddhu in seinen Wagen und mit gedämpfter Stimme verfluchte er den Polizei-Inspektor bis in die fernste Nachkommenschaft, fluchte beim Stein der Königin – hier sprang Kim beinahe empor – fluchte bei dem Schreiben unter dem Königin-Stein und bei einer Sammlung von Göttern von ganz fremden Namen.

»Ich verstehe nicht, was Du sagst,« – der Engländer wurde rot vor Zorn – »aber es muß ein Stück der verdammtesten Frechheit sein. Marsch da, heraus mit Dir!«

E. 23. schien nicht zu verstehen und zeigte mit ernster Miene seine Fahrkarte vor, die der Engländer ihm ärgerlich aus der Hand riß.

»Oh, zoolum! Welche Gewalttätigkeit!« grollte der Jat aus seinem Winkel. »Noch dazu für so einen kleinen Spaß.« Er hatte bei des Saddhus Zungenfertigkeit gelächelt. »Deine Zaubermittel tun heute keine gute Wirkung, Heiliger.«

Der Saddhu folgte dem Mann von der Polizei, bittend und schmeichelnd. Der große Haufe der Reisenden, mit Bündeln und Kindern beschäftigt, hatte diesen Vorfall nicht beachtet. Kim schlüpfte hinter dem Saddhu hinaus, denn es war ihm durch den Kopf geschossen, daß er vor drei Jahren, nahe bei Umballa, Zeuge war, wie dieser selbe dumme jähzornige Sahib derbe Anzüglichkeiten gegen eine alte Dame vorbrachte.

»Nun ist’s gut,« flüsterte der Saddhu Kim zu, eingeklemmt in dem rufenden, schreienden Gedränge, einen persischen Windhund vor seinen Füßen und einen Käfig voll kreischender Falken, in Obhut eines Rajput-Falkoniers, im Rücken. »Jetzt ist er hin, um Nachricht über den Brief zu geben, den ich verbarg. Man sagte mir, er wäre in Peshawur. Ich hätte aber wissen können, daß er – wie das Krokodil – immer in einer anderen Furt ist, als wo man ihn sucht. Aus der augenblicklichen Gefahr hat er mich gerettet, aber mein Leben danke ich Dir.«

»Ist er denn auch einer von Uns?« Kim duckte sich durch unter der fettigen Armhöhle eines Kameltreibers von Mewar und prallte gegen einen Trupp schwatzender Sikh-Matronen.

»Nicht weniger als der Größte. Wir haben beide Glück. Ich werde ihm berichten, was Du getan hast. Ich bin sicher unter seinem Schutz.«

Er arbeitete sich durch das Gedränge, das die Wagen belagerte, hindurch und hockte sich nieder auf der Bank, nahe dem Telegraphen-Büro.

»Gehe zurück, damit Dein Platz Dir nicht genommen wird! Trage keine Sorge um das Werk, Bruder, oder um mein Leben. Du hast mir Zeit zum Aufatmen verschafft, und Strickland Sahib hat mich an Land gezogen. Wir werden noch zusammen in dem Spiel arbeiten. Fahrwohl!«

Kim eilte nach seinem Magen, verwirrt, wie trunken. Es wurmte ihn, daß ihm der Schlüssel zu den Geheimnissen um ihn her fehlte.

»Ich bin nur ein Anfänger in dem Spiel, das ist sicher,« flüsterte er, seinen Sitz in dem gedrängt vollen Abteil einnehmend. »Ich hätte mich nicht in Sicherheit bringen können, wie der Saddhu tat. Er wußte, daß es am dunkelsten unter der Lampe ist. Ich hätte nicht daran gedacht, unter Flüchen Enthüllungen zu machen … und wie geschickt war der Sahib! Aber dennoch … ich habe einem das Leben gerettet … wo ist der Kamboh geblieben, Heiliger?«

»Eine Furcht packte ihn,« erwiderte der Lama, mit einem Hauch von sanfter Malize. »Er sah Dich in einem Augenblinzeln den Mahratta zu einem Saddhu umwandeln, um ihn vor Unheil zu schützen. Das erschreckte ihn. Dann sah er den Saddhu geradezu in die Hände der Polizei fallen – alles Wirkung Deiner Kunst. Da raffte er seinen Sohn auf und floh, denn, sagte er, Du habest einen friedlichen Handelsmann in einen Schreihals verwandelt, der unflätige Reden den Sahibs gegenüber führte, und er fürchtete ein ähnliches Schicksal. Wo ist der Saddhu?«

»Bei der Polizei,« sagte Kim, «… aber ich rettete doch des Kambohs Kind.«

Der Lama schnupfte ruhig.

»Ach, Chela, sieh wie betört Du bist! Das Kind des Kamboh heiltest Du, um Verdienst zu erwerben. Bei dem Mahratta aber wandtest Du Zauberworte an, mit stolzem Tun – ich beobachtete Dich – und ließest Deine Blicke seitwärts schweifen, um einen alten Mann und einen törichten Bauer in Erstaunen zu setzen, daher Angst und Argwohn.«

Kim beherrschte sich mit einer Anstrengung über sein Alter hinaus. Wie jeden jungen Burschen, verdroß es ihn, gescholten oder falsch beurteilt zu werden; er befand sich aber jetzt in einer Klemme. Der Zug rollte aus Delhi in die Nacht hinein.

»Gewiß ist,« murmelte er, »daß ich Unrecht tat, wenn ich Dich gekränkt habe.«

»Es ist mehr, Chela. Du hast eine Tat in die Welt entsendet, und wie die Kreise eines in den Teich geworfenen Steines sich weiter und weiter verbreiten, so die Folgen Deiner Tat, Du kannst nicht wissen, wie weit.«

Dies nicht zu wissen war gut für Kims Eitelkeit wie für des Lamas Seelenfrieden, wenn wir bedenken, daß eben in Simla eine abgekürzte Drahtung die Ankunft von E. 23. zu Delhi meldete und was noch wichtiger: den Verbleib eines Briefes den zu – entwenden E. 23 beauftragt war. Zufällig hatte auch gerade ein übereifriger Polizist einen höchst ergrimmten Baumwoll-Makler aus Ajmir, unter Beschuldigung eines in einem fernen südlichen Staat begangenen Mordes, verhaftet, der sich auf dem Bahnsteig in Delhi vor einem Mr. Strickland verteidigte, indes E. 23. auf Seitenwegen dahintrollle, bis in das verschlossene Herz der Stadt Delhi. Innerhalb zweier Stunden erreichten mehrere Telegramme den zornigen Minister eines südlichen Staates, die meldeten, daß jede Spur eines verwundeten Mahratta verloren sei; und zur selben Zeit, als der gemächlich fahrende Zug bei Saharunpore hielt, schlug die letzte Bewegung des Steines, den Kim geworfen, gegen die Stufen einer Moschee im fernen Roum – wo sie einen frommen Mann im Gebet störte.

Der Lama verrichtete das seine in umständlicher Weise neben einem taufeuchten Obstspalier nahe dem Bahnsteig, beglückt durch den klaren Sonnenschein und die Gegenwart seines Schülers. »Wir wollen diese Dinge hinter uns lassen,« sprach er, auf die eherne Maschine und die glitzernden Schienen weisend. »Das Rütteln des Zuges, obwohl er ein wundervolles Ding ist, hat meine Knochen zu Wasser gemacht. Von jetzt an wollen wir freie Luft versuchen.«

»Laß uns nach dem Haufe der Kulu-Frau gehen.«

Kim schritt heiter aus unter seinen Bündeln. Am frühen Morgen ist der Weg nach Saharunpore rein und duftig. Er gedachte der Morgen zu St. Xavier, und dies verdoppelte sein schon dreifach verdoppeltes Vergnügen.

»Woher denn diese frische Hast? Verständige Menschen laufen nicht wie junge Hühnchen in der Sonne herum. Wir haben Hunderte und Hunderte von Kos gemacht, und bis jetzt war ich kaum einen Augenblick mit Dir allein. Wie kannst Du Belehrung empfangen im wüsten Gedränge? Wie ich, überschwemmt von Flut von Worten, über den Weg meditieren?«

»Ihre Zunge ist also nicht kürzer geworden mit den Jahren?« Der Schüler lächelte.

»So wenig wie ihre Begier nach Zaubermitteln. Ich entsinne mich, als ich einst von dem Rad des Lebens redete« – der Lama tappte auf seiner Brust herum nach der letzten Kopie – »da fragte sie nur nach den Teufeln, die Kinder belagern. Sie soll Verdienst erwerben, indem sie für unsern Unterhalt sorgt – in einer kurzen Weile – bei späterer Gelegenheit – langsam, langsam. Jetzt wollen wir gemächlich wandern und achten auf die Kette der Dinge. Die Suche ist sicher.«

So wanderten sie mit Muße unter und zwischen den blütevollen Fruchtgärten – auf der Straße von Aminabad, Sahaigunge, Akrola bei der Furt und Klein-Phulesa – die Linie der Sewaliks im Norden und hinter ihnen wieder die Schneegipfel.

Nach langem, süßem Schlaf unter den glänzenden Sternen folgte die herrliche, ruhige Wanderung durch erwachende Dörfer; die Bettelschale wurde schweigend vorgehalten, die Blicke aber schweiften, trotz des Gesetzes, nach dem Himmelsgewölbe oben.

Dann wieder fand Kim seinen Meister unter einem Mango oder im leichteren Schatten eines weißen Doon (Gummibaum, Siris), und sie aßen und tranken in Ruhe. Am die Mittagsmahlzeit, nach kurzen Wanderungen und Gesprächen, schliefen sie und traten erfrischt, bei kühleren Lüften, wieder in die Welt. Die Nacht fand sie auf dem Wege in neues Gebiet, auf ein Dorf zugehend, das in der flachen Marsch weit hinaus sichtbar wurde.

Da erzählten sie ihre Geschichten – eine neue jeden Abend, soweit es Kim betraf – und da wurden sie willkommen geheißen von dem Priester oder dem Dorfältesten, nach dem Brauch des gastfreundlichen Ostens. Wenn die Schatten kürzer wurden und der Lama sich schwerer auf Kim stützte, wurde das Rad des Lebens hervorgeholt, unter rein abgewischten Steinen glatt gelegt und Kreis auf Kreis mit einem Strohhalm nachgewiesen. Zier saßen die Götter in der Höhe – und sie waren Träume von Träumen. Hier war unser Himmel und die Welt der Halbgötter – Reiter, die zwischen den Bergen kämpften. Hier waren die Torturen, den Tieren zugefügt – Seelen, welche die Leiter emporsteigen und niedersteigen, deren Wege man nicht durchkreuzen soll. Hier waren die Höllen, die heißen und die Kalten, der Aufenthalt der gequälten Geister. Möge der Chela studieren die Leiden, die aus Unmäßigkeit entstehen – geschwollener Magen und brennende Eingeweide. Gehorsam, mit gebeugtem Haupt und flinkem, braunem Finger dem Zeigenden folgend, studierte der Chela. Als sie aber an die Menschenwelt kamen, die geschäftig und nutzlos gerade über den Höllen ist, wurde seine Aufmerksamkeit abgelenkt, denn draußen am Wege drehte sich das Rad selbst, warm, lebendig, essend, trinkend, feilschend, heiratend, zankend. Oft nahm der Lama die lebenden Bilder zum Gegenstand seines Textes und forderte Kim auf, zu beachten, wie das Fleisch tausend und tausend Gestalten annimmt, begehrenswerte und verabscheuenswerte, nach Menschenschätzung, aber in Wahrheit nach beiden Richtungen nichts bedeutend? und wie der dumme Geist, sklavisch gebunden an Eber, Taube und Schlange, lüstern nach Betelnuß, einem neuen Joch Ochsen, nach Weibern und der Gunst der Könige, verurteilt ist, dem Körper zu folgen durch alle die Himmel und alle die Höllen und den Weg immer von neuem wieder zu machen. Zuweilen lauschte ein Mann oder eine Frau dem Ritual – es war nichts anderes – und warf, wenn die große, gelbe Karte ausgebreitet lag, eine Blume oder eine Hand voll Kouris (Zahlmuscheln) auf den Rand derselben. Es befriedigte diese Demütigen, einem Heiligen begegnet zu sein, der bewegt werden könnte, sie in sein Gebet einzuschließen.

»Heile sie, wenn sie krank find,« sprach der Lama, als Kims Tatendrang wieder erwachte. »Heile sie, wenn sie Fieber haben, aber niemals wende Zaubermittel an. Gedenke dessen, was den Mahratta befiel.«

»So wäre alles Tun vom Übel?« erwiderte Kim, unter einem großen Baum an der Kreuzung der Straße nach Doon liegend und den kleinen Ameisen zuschauend, die ihm über die Hand liefen.

»Sich der Tat zu enthalten, ist wohlgetan – ausgenommen, sie werde getan, um Verdienst zu erwerben.«

»Hinter den Toren des Wissens lehrte man uns, sich der Tat Zu enthalten, sei eines Sahib unwürdig.«

»Freund der ganzen Welt,« der Lama blickte Kim gerade ins Gesicht – »ich bin ein alter Mann, der sich an Bildern erfreut, wie Kinder tun. Für die, die dem Wege folgen, gibt es weder Schwarz noch Weiß, weder Hind noch Bhotiyal. Wir alle sind Seelen, die Erlösung suchen. Welche Weisheit Du auch bei den Sahibs erlernt haben magst – wenn wir meinen Strom erreichen, wirst Du von allem Wahn befreit werden – an meiner Seite. Hai! meine Knochen ächzen nach dem Strome, wie sie ächzten in dem Eisenbahnzug; aber mein Geist sitzt über den Knochen und wartet. Die Suche ist sicher.«

»Ich habe verstanden. Darf ich eine Frage stellen?«

Der Lama neigte sein stattliches Haupt.

»Drei Jahre lang habe ich Dein Brot gegessen – Du weißt es – Heiliger, woher kam –?«

»Es ist viel Reichtum, wie Menschen es nennen, in Bhotiyal,« erwiderte gelassen der Lama. »Daheim an meinem eigenen Platz genieße ich das Wahnbild der Ehre. Ich fordere, was ich brauche. Mit den Rechnungen habe ich nichts zu tun. Das ist Sache des Klosters – Ai! die schwarzen, hohen Sitze in dem Kloster und die Novizen, alle in Reihe und Glied.«

Und er erzählte, mit dem Finger im Staube zeichnend, von dem großartigen, prachtvollen Ritual in den mit Schutzdächern gegen Lawinen versehenen Kathedralen; von Prozessionen und Teufelstänzen, von der Verwandlung von Mönchen und Nonnen in Schweine, von heiligen Städten, die fünfzehnlausend Fuß hoch in der Luft schweben, von Intriguen zwischen Kloster und Kloster, von Stimmen zwischen den Hügeln und von der geheimnisvollen Fata morgana, die auf dem weißen Schnee tanzt. Er sprach selbst von Lhassa und von dem Talai Lama, den er gesehen und angebetet hatte.

Jeder lange Tag, der dahinschwand, ward zu einer Barrière, die Kim von seiner Rasse und seiner Muttersprache absonderte. Allmählich fing er an, wieder im Dialekt zu denken und zu träumen. Mechanisch folgte er den vorgeschriebenen Formen beim Essen und Trinken, wie der Lama sie beobachtete. Die Gedanken des allen Mannes wandten sich mehr und mehr seinem Kloster zu, wie seine Blicke dem ewigen Schnee. Sein Fluß machte ihm nur wenig Sorge noch. Ab und zu nur blickte er lange, lange Zeit nach einem Gebüsch oder einem Zweig, erwartend, wie er sagte, daß die Erde sich spalte und die Segnung offenbare; aber er war befriedigt durch die Nähe seines Schülers und erfreut durch den warmen Wind, der von der Doon (Ebene oder Hochebene) her weht. Hier waren nicht Ceylon, nicht Buddh Gaya oder Bombay, auch nicht grasüberwachsene Ruinen, über welche er vor zwei Jahren, so schien es, gestolpert war. Er sprach von diesen Plätzen wie ein Gelehrter, ohne Ruhmsucht, wie ein Sucher, der in Demut wandelt, wie ein alter Mann, weise und maßvoll, das Wissen beleuchtend durch hellen, inneren Einblick. Nach und nach, in unzusammenhängender Weise, jede Geschichte durch einen Vorgang am Wege hervorgerufen, erzählte er von seinen Wanderungen aufwärts und abwärts in Indien, und Kim, der ihn geliebt hatte, ohne zu wissen warum, wußte jetzt, warum er ihn liebte. So waren sie glückselig beieinander, enthielten sich, wie vorgeschrieben, böser Worte und begieriger Wünsche, aßen mäßig, lagen nicht auf weichen Betten und trugen keine reichen Gewänder. Ihr Magen zeigte ihnen die Zeit an, und das Volk gab ihnen zu essen. Sie waren Herren in den Dörfern Aminabao, Sahaigunge, Akrola an der Furt und Phulesa, wo Kim seelenlosen Weibern einen Segen erteilte.

Neuigkeiten reisen schnell in Indien, und nur zu bald schlürfte durch das Ährengelände ein weißbärtiger Diener, ein magerer, trockener Oorya, der einen Korb mit Früchten – Kabul-Trauben und goldene Orangen – trug und sie bat, seiner Herrin, die traurig in ihrem Gemüt sei, weil der Lama sie so lange vernachlässigte, die Ehre ihrer Gegenwart zu schenken.

»Nun entsinne ich mich« – der Lama sprach, als sei ihm die ganze Sache fremd gewesen. – »Sie ist tugendhaft – aber eine ungeordnete Schwätzerin.«

Kim saß auf der Kante eines Futtertroges und erzählte den Kindern des Dorfschmiedes Märchen.

»Sie will nur wieder um einen Sohn mehr für ihre Tochter betteln,« sagte er. »Ich kenne sie. Lasse sie Verdienst erwerben. Sage ihr, wir würden kommen.«

Sie wanderten durch die Felder, elf Meilen in zwei Tagen, und wurden am Ziele mit Aufmerksamkeiten überschüttet.

Die alte Dame hielt auf Gastfreundschaft nach altem Brauch und zwang ihren Schwiegersohn, der unter dem Pantoffel stand, die Mittel dafür herzugeben. Und um Frieden zu haben, borgte er das Geld. Das Alter hatte weder ihre Junge noch ihr Gedächtnis geschwächt, und von einem diskret vergitterten oberen Fenster, in Hörweite von einem Dutzend Dienern, rief sie Kim Schmeicheleien entgegen, die ein europäisches Auditorium in reines Entsetzen gestürzt haben würden.

»Ja, Du bist noch immer der schamlose Bettelbube vom Parao,« schrillte sie. »Ich habe Dich nicht vergessen. Wasche Dich und iß. Der Vater von meiner Tochter Sohn ist ein wenig ausgegangen, und wir armen Frauen gelten nichts und sind stumm.«

Dies zu beweisen, überschüttete sie den ganzen Haushalt mit einem schonungslosen Wortschwall, bis Speise und Trank zur Stelle war, und am Abend, dem dampfdurchräucherten Abend, der sich kupfer- und türkisfarbig über die Felder breitete, beliebte es ihr, ihren Palankin bei rauchigem Fackellicht in den unsauberen Hof tragen zu lassen, und da, hinter nicht zu fest geschlossenen Vorhängen, schwatzte sie.

»Wäre der Heilige allein gekommen, würde ich ihn ganz anders empfangen haben; aber mit diesem Schelm – wer kann da vorsichtig genug sein?«

»Maharanee,« sagte Kim, wie immer den pomphaftesten Titel anwendend, »ist es meine Schuld, daß kein anderer als ein Sahib – ein Sahib von der Polizei – die Maharanee, deren Gesicht er sah, nannte–«

»Chitt! Das war auf der Pilgerfahrt. Wenn wir reisen – Du kennst das Sprichwort –«

»Nannte die Maharanee eine Herzbrecherin, eine Spenderin des Entzückens?«

»Das noch zu wissen! Wahrhaftig. Das tat er. Das war zur Zeit der Blüte meiner Schönheit.« Sie schüttelte sich, wie ein Papagei sich behaglich schüttelt über einem Zuckerstückchen. »Nun erzähle mir von Deinem Gehen und Kommen – so viel, als man ohne sich zu schämen anhören kann. Wieviele Mädchen und wessen Weiber hangen an Deinen Augenwimpern? Du kommst von Benares? Ich wollte dieses Jahr wieder dorthin, aber meine Tochter – wir haben nur zwei Söhne. Phaïï! Das ist die Wirkung dieser niedrigen Ebene. In Kulu sind die Männer Elefanten. Aber ich wollte Deinen Heiligen bitten – tritt beiseile, Schelm – wollte bitten um einen Zauber gegen beklagenswerte Kolik mit Blähungen, die meiner Tochter Ältesten in Mango-Zeilen befallt. Vor zwei Jahren gab er mir ein mächtiges Zaubermittel.«

»Oh, Heiliger!« rief Kim, unendlich belustigt durch des Lamas klägliches Gesicht.

»Es ist wahr. Ich gab ihr eins für Blähungen.«

»Für Zähne – Zähne – Zähne,« fuhr die alte Dame dazwischen.

»Heile sie, wenn sie krank sind,« wiederholte Kim mit Wohlbehagen, »aber niemals brauche Zaubermittel. Gedenke, was den Mahratta befiel.«

»Vor zwei Jahren war es; sie ermüdete mich mit unaufhörlichen Bitten.« Der Lama stöhnte, wie der ungerechte Richter vor ihm gestöhnt haben mag. »So geschieht es – merke es Dir, mein Chela – daß selbst diejenigen, die dem Weg folgen wollen, beiseile geschleudert werden durch müßige Frauen. Drei volle Tage, als das Kind krank war, redete sie auf mich ein.«

»Arre! und zu wem sonst sollte ich reden? Des Knaben Mutter wußte nichts; und der Vater – in den Nächten des kalten Wetters war es – »Betet zu den Göttern,« sprach der und, fürwahr, drehte sich um und schnarchte.«

»Ich gab ihr den Zauber. Was soll ein aller Mann tun?«

»Sich der Tat zu enthalten, ist wohlgetan – nur wenn wir Verdienst erwerben wollen –«

»Oh, Chela, wenn Du mich verlassest, bin ich ganz allein.«

»Die Milchzähne bekam er jedenfalls leicht«, sagte die alte Dame. »Aber ein Priester ist wie der andere.«

Kim hustete strenge. So jung er war, verdroß ihn ihr unhöfliches Geschwätz. »Den Weisen unnütz zu belästigen, heißt Unheil heraufbeschwören.«

»Ein sprechender ›Mynah‹ ist in den Ställen, der genau den Ton des Familienpriesters nachahmt,« – der Stoß kam mit dem wohlbekannten Schütteln des juwelenbedeckten Zeigefingers. »Möglich, daß ich nicht ehrerbietig gegen meine Gäste war, aber wenn Ihr ihn gesehen hättet, wie er die Fäuste in den Leib drückte, der wie ein halb ausgewachsener Kürbis war, und schrie: »Hier sitzt der Schmerz!« so würdet Ihr mir verzeihen. Ich bin schon halb Willens, die Arzenei von dem Hakim (gelehrter Arzt) zu nehmen. Er verkauft sie billig, und sicherlich, ihn macht sie so fett wie Shivs eigenen Ochsen. Er versagt keine Heilmittel, aber ich war ängstlich für das Kind wegen der ungünstigen Farbe der Flaschen.«

Der Lama war unter Schutz dieses Monologs verschwunden in der Richtung nach dem für ihn bereiteten Raum.

»Du hast ihn geängstigt, so scheint es,« sagte Kim.

»O nein. Er ist ermüdet, und ich vergaß, daß ich eine Großmutter bin. (Nur eine Großmutter sollte ein Kind überwachen. Mütter sind zum Gebären gut.) Morgen, wenn er sieht, wie meiner Tochter Sohn gewachsen ist, wird er mir den Zauber schreiben. Dann mag er auch die Medikamente des neuen Hakim beurteilen.«

»Wer ist der Hakim, Maharanee?«

»Ein Wanderer, wie Du bist, aber ein sehr anständiger Bengale von Dacca – ein Meister der Medizin. Er befreite mich von einer Beklemmung nach Fleischgenuß durch eine kleine Pille, die wie ein losgelassener Teufel wühlte. Er reist jetzt umher und verkauft Präparate von großem Wert. Er hat selbst Papiere, in Angrezi (Englisch) gedruckt, die bezeugen, was er bewirkt hat bei schwachrückigen Männern und schlaffen Weibern. Vier Tage ist er hier, aber da er hörte, daß Ihr kommen würdet, (Hakims und Priester sind Schlangen und Tiger in der ganzen Welt), hat er sich, glaube ich, versteckt.«

Während sie Atem schöpfte nach diesem Ausbruch, murmelte der alte Diener, der gerade ungescholten an der Grenze des Fackellichtes saß: »Dieses Haus ist ein Stall für Charlatans und – Priester. Laß den Knaben aufhören, Mangoes zu essen … aber wer kann eine Großmutter zur Vernunft bringen?« Er erhob die Stimme und meldete respektvoll: »Sahiba, der Hakim schläft nach seinem Mahl. Er ist in dem Raum hinter dem Taubenschlag.« Kim fuhr auf wie ein Terrier auf dem Anstand. Einen Bengalen, der in Calcutta studiert hatte und ein Verkäufer wertvoller Medikamente war, aus der Fassung zu bringen und an Unverschämtheit zu überbieten, schien ihm ein köstlicher Spaß. Es ziemte sich nicht, daß der Lama und zufällig auch er selbst zurückgesetzt würde wegen so eines. Er kannte die sonderbaren Inserate in Misch-Masch-Englisch auf den hinteren Seiten der einheimischen Blätter. Die Jungen in St. Xavier brachten sie verstohlener Weise mit, um sich mit ihren Kameraden darüber lustig zu machen. Die Sprache der dankbaren Patienten, die ihre Krankheitssymptome aufzählten, ist höchst einfach und ergötzlich. Der Oorya, nicht unwillig, einen Schmarotzer gegen den anderen auszutauschen, schlich sich fort nach dem Taubenschlag.

»Ja,« sagte Kim ziemlich verächtlich, »ihr Warenvorrat ist ein wenig gefärbtes Wasser und viel Unverschämtheit. Ihre Beute sind heruntergekommene Könige und überfutterte Bengalen. Ihren Hauptnutzen beziehen sie von Kindern, die nicht geboren werden.«

Die alte Dame schüttelte sich vor Lachen. »Sei nicht neidisch. Zauber ist besser, he? Ich habe dem nie widersprochen. Sieh, daß der Heilige mir am Morgen einen guten Zauber schreibt.«

»Nur Unwissende widersprechen,« brummte eine schwerfällige, fette Stimme in der Dunkelheit, und eine Gestalt kam herbei und hockte nieder. »Nur Unwissende leugnen den Wert von Arzeneimitteln.«

»Eine Ratte fand ein Stück Turmeric. Sprach sie: Ich will einen Spezereiladen eröffnen,« gab Kim zurück.

Die Schlacht war nun hübsch eingeleitet, und die alte Dame richtete sich steif auf, um zuzuhören.

»Des Priesters Sohn weiß den Namen seiner Amme und den dreier Gottheiten. Sprach er: Hört mich, oder ich verfluche Euch bei drei Millionen Göttern.« Zweifellos, dieser Unsichtbare hatte einige Pfeile in seinem Köcher. Er fuhr fort: »Ich bin nur ein Lehrer des Alphabet. Ich habe alle Weisheit von den Sahibs gelernt.«

»Die Sahibs werden nie alt. Sie tanzen und spielen wie Kinder, wenn sie Großväter sind. Eine starkrückige Brut,« piepste die Stimme im Innern des Palankins.

»Ich habe auch unsere Medikamente für Kopfhautausschlag bei hitzigen, heftigen Männern; Siná, wohl gemischt, wenn der Mond in dem rechten Haus steht: gelbe Erde habe ich – Arplan von China, die einem Manne seine Jugend wiedergibt, zur Verwunderung seines Hauswesens; Safran von Kashmir und den besten Salep von Kabul. Viele Menschen starben, bevor –«

»Das glaube ich sicher,« sagte Kim.

»Sie kannten den Wert meiner Heilmittel. Ich gebe meinen Kranken nicht nur die Tinte, mit der ein Zauber geschrieben ist, sondern heiße und reinigende Arzeneien, die über das Übel herfallen und mit ihm ringen.«

»Sehr mächtig tun sie das,« seufzte die alte Dame.

Die Stimme ließ eine endlose Geschichte vom Stapel laufen von Schiffbruch und Unglück, verziert mit vielen Protesten gegen die Regierung. »Nur mein Schicksal, das alles übersteigt, ist schuld, daß ich nicht im Dienst der Regierung angestellt bin. Ich habe einen akademischen Grad von der großen Schule zu Kalkutta – wohin vielleicht der Sohn dieses Hauses gehen wird.«

»Gewiß soll er das. Wenn unseres Nachbars Balg in wenigen Jahren ein F. A. werden konnte, (Magister der philosophischen Fakultät),« – sie brauchte die englische Bezeichnung, die sie oft gehört – »wie viel leichter werden so kluge Kinder, wie ich kenne, Preise davontragen im reichen Kalkutta.«

»Noch niemals,« sprach die Stimme, »habe ich solche Kinder gesehen, die in günstiger Stunde geboren, für ein langes Leben ausersehen, zu beneiden wären – wäre nur nicht die Kolik, die, wenn sie zu schwarzer Cholera wird – sie – ach! fortraffen kann, wie Tauben.«

»Hai mai!« rief die alte Dame, »Kinder zu loben, ist gefährlich, sonst würde ich gern zuhören. Das Haus da hinten ist aber jetzt unbehütet, und bei dieser weichen Luft merken die Menschen leicht, daß sie Männer und Frauen sind, man weiß das … Der Kinder Vater ist fort und ich muß Chowkedar (Wächter) sein in meinen alten Tagen. Up! Up! Hebt den Palankin

auf. Der Hakim und der junge Priester müssen es unter sich ausmachen, ob Zauber oder Medizin besser wirkt. Ho! faules Volk, schafft Tabak her für die Gäste und – tragt mich rund herum um die Heimstätte!«

Der Palankin rollte fort, von zerstreuten Fackeln und einer Herde von Hunden begleitet. Zwanzig Dörfer umher kannten die Sahiba – ihre Schwächen, ihre Zunge und ihre große Mildtätigkeit. Zwanzig Dörfer betrogen sie, nach unsterblichem Brauch, aber keiner würde unter ihrer Gerichtsbarkeit gestohlen oder geraubt haben, gelte es, was es wolle. Nichtsdestoweniger tat sie sich auf ihre peinlich genaue Aufsicht viel zu gut; den Lärm, der daher gemacht wurde, konnte man halbwegs nach Mussoorie hören.

Kim war zurückhaltend, wie ein Prophet, der einem andern begegnet. Der Hakim, noch am Boden hockend, schob mit wohlwollendem Fuß ihm seine Pfeife hin, und Kim zog an dem guten Kraut. Die herumbummelnden Zuschauer erwarteten eine ernsthafte, fachgemäße Debatte und vielleicht Freimedizin.

»Vor Unwissenden von Medizin zu reden, ist ebenso verlorene Mühe, als einem Pfau das Singen beizubringen,« sagte der Hakim.

»Zu viel Höflichkeit ist oft Unhöflichkeit,« erwiderte Kim.

»Hu! Ich habe ein Geschwür am Bein,« rief ein Küchenjunge. »Sieh es Dir an.«

»Geht! Macht Euch fort!« sagte der Hakim. »Ist das hier Sitte, geehrte Gäste zu belästigen? Ihr drängt Euch zusammen wie Büffel.«

»Wenn die Sahiba das wüßte,« – begann Kim.

»Ahi! Ahi! Kommt fort. Die sind Fleisch für unsere Herrin. Wenn die Kolik ihres jungen Shaitans (Teufel) kuriert ist, dürfen wir armes Volk vielleicht –«

»Die Herrin futterte Dein Weib, als Du dem Geldverleiher den Kopf zerschmettert hattest und im Gefängnis saßest. Wer sagt etwas gegen die Herrin?« Der alte Diener drehte heftig den weißen Schnurrbart unter dem jungen Mondlicht. »Ich bin verantwortlich für die Ehre dieses Hauses. Geht!« Und er trieb die Leute vor sich her.

Sagte der Hakim, kaum die Lippen bewegend: »Wie befinden Sie sich, Mr. O’Hara? Es freut mich höchlichst, Sie wiederzusehen.«

Kims Hand preßte den Pfeifenstiel. Irgendwo auf der freien Heerstraße würde ihn diese Begegnung nicht so in Erstaunen gesetzt haben, aber hier, in diesem ruhigen Stauwasser des Lebens, war er nicht auf Hurree Babu gefaßt. Es verdroß ihn auch, daß er übertölpelt war.

»Aha! Ich sagte es Euch in Lucknow – resurgam – ich werde wieder erscheinen, und Ihr werdet mich nicht erkennen. Wie viel wettetet Ihr doch – he?«

Er kaute nachlässig Cardamom-Samen, atmete aber unruhig.

»Aber, Babuji, was führte Euch her?«

»Ah! Das ist die Frage, wie Shakespeare sagt. Ich kam, um Euch zu gratulieren zu Eurer außerordentlich wirksamen Leistung in Delhi. Oah! Ich sage Euch, wir alle sind stolz auf Euch. Es war sehr flott und geschickt. Unser gemeinschaftlicher Freund – er ist mein alter Freund. Er ist in einigen verdammt kritischen Lagen gewesen. Jetzt ist er wohl wieder in ähnlichen. Er erzählte es mir; ich erzählte es Mr. Lurgan, und der ist erfreut, daß Ihr so flott graduiert. Das ganze Departement ist erfreut.«

Zum ersten Male durchschauerte Kim die stolze Freude an einem Lob der Obrigkeit, (es konnte aber auch eine bestrickende Falle sein) einem bestrickenden Lob von seinesgleichen, einer Würdigung von seinen Kollegen. Die Welt bietet nichts, was sich mit dieser Freude messen könnte. Aber, rief der Orientale in ihm: Babus reisen nicht, um Komplimente auszurichten.

»Erzähle Deine Geschichte, Babu,« sprach er ernsthaft.

»Oah, es ist nichts. Nur, daß ich in Simla war, als die Drahtung eintraf, bezüglich dessen, was unser gemeinschaftlicher Freund verborgen hatte, und der alte Creighton –« er sah Kim an, um zu beobachten, welchen Eindruck dieses Stück Dreistigkeit machen würde.

»Der Oberst Sahib,« korrigierte der Schüler aus St. Xavier.

»Natürlich. Er fand mich gerade nicht stark beschäftigt, und ich mußte nach Chitor, um den abscheulichen Brief zu holen. Ich liebe den Süden nicht – zu viel Eisenbahnfahrt; aber ich bezog gute Reisevergütung. Ha! Ha! Ich treffe auf dem Rückweg unseren gemeinschaftlichen Freund in Delhi. Er liegt jetzt still und sagt, Saddhu-Verkleidung gefällt ihm besonders. Nun, da höre ich, was Ihr getan, so gut, so geschickt in der dringenden Gefahr des Augenblicks. Ich sage unserem gemeinschaftlichen Freund: Er trägt die Butter von der Semmel davon, beim Zeus! Es war großartig. Ich komme, um Euch das zu sagen.«

»Hm!«

Die Frösche waren laut in den Gräben und der Mond am Untergehen. Irgend ein müßiger Diener war herausgekommen, um sich mit der Nacht zu unterhalten und eine Trommel zu schlagen. Kims nächste Frage war im Dialekt.

»Wie konntest Du uns folgen?«

»Oah! Das war nichts. Ich weiß von unserem gemeinschaftlichen Freund, Ihr geht nach Saharunpore. So komme ich her. Rote Lamas sind keine gefährlichen Personen. Ich kaufe mir meinen Arzneikasten, und ich bin sehr guter Arzt, wirklich. Ich gehe nach Akrola an der Furt, und ich höre alles über Euch, und ich rede hier, und ich rede dort. Alles gemeine Volk weiß, was Ihr tut. Ich weiß, wie die gastfreundliche, alte Dame die Dooli (Tragsessel) sendet. Sie haben hier viele Erinnerungen an die Besuche des alten Lama. Ich weiß, alle Damen können ihre Hände nicht fern halten von Arzneien. So bin ich Doktor und – Ihr hört mir zu? Ich denke, es ist sehr gut. Mein Wort darauf, Mr. O’Hara, sie wissen alles von Euch und dem Lama auf fünfzig Meilen weit – das gemeine Volk. So komme ich. Habt Ihr etwas dagegen?«

»Babuji,« sagte Kim, in das breite, grienende Gesicht aufblickend, »ich bin ein Sahib.«

»Mein lieber Mister O’Hara –«

»Und ich hoffe, das große Spiel zu spielen.«

»Departementsmäßig seid Ihr jetzt mein Unterbeamter.«

»Warum also sprichst Du, wie ein Affe auf dem Baum? Männer laufen einem nicht nach von Simla her und verkleiden sich, um ein paar süße Worte zu reden. Ich bin kein Kind. Sprich, Hindi, und laß uns an den Dotter des Eies kommen. Du bist hier – und von zehn Worten, die Du sprichst, ist nicht eines wahr. Warum bist Du hier? Gib eine gerade Antwort.«

»Das ist so sehr störend bei den Europäern, Mister O’Hara. Ihr solltet das in Eurem Alter doch wissen.«

»Aber ich will es wissen,« sagte Kim lachend. »Wenn es das Spiel ist, kann ich vielleicht etwas helfen. Wie kann ich etwas tun, wenn Du wie die Katze um den heißen Brei herumgehst?«

Hurree Babu langte nach der Pfeife und zog, bis sie wieder gurgelte.

»Nun will ich Dialekt sprechen. Ihr sitzt in der Klemme, Mister O’Hara … es betrifft den Stammbaum eines weißen Hengstes.«

»Noch? Das ist ja längst zu Ende.«

»Wenn jedermann tot ist, ist das große Spiel zu Ende. Nicht früher. Hört mich an bis zu Ende. Es waren fünf Könige, die bereiteten einen plötzlichen Krieg vor. Drei Jahre sind es her, als Dir Mahbub Ali den Stammbaum des weißen Hengstes gab. Infolge der Nachricht und ehe sie bereit waren, überfiel sie unsere Armee.«

»Aha – achttausend Mann mit Kanonen. Ich erinnere mich der Nacht.«

»Aber der Krieg ging nicht vorwärts. Das ist so Gewohnheit der Regierung. Die Truppen wurden zurückgezogen, weil man die fünf Könige für eingeschüchtert hielt, und es nicht billig ist, Soldaten zu futtern da oben zwischen den hohen Pässen. Hilás und Benár – Rajahs mit Flinten übernahmen es für einen gewissen Preis, die Pässe gegen alles vom Norden Kommende zu bewachen. Beide beteuerten Freundschaft und Furcht.« Kichernd brach er ab und fuhr auf Englisch fort: »Selbstverständlich erzähle ich Euch dies nicht offiziell; nur, um die politische Situation klar zu stellen, Mister O’Hara. Offiziell bin ich weit entfernt, eine Handlung meiner Vorgesetzten zu kritisieren. Nun fahre ich fort. – Der Regierung gefiel das; sie sucht stets Ausgaben zu vermeiden; und es wurde ein Kontrakt geschlossen, daß Hilás und Benár für so und so viel Rupien monatlich die Pässe bewachen sollten, sobald die Truppen der Regierung entfernt wären. Um diese Zeit – es war, als wir beide uns zuerst trafen – ward ich, der Teehändler in Leh war, Zahlmeister bei der Armee. Ich wurde zurück gelassen, um die Kulis zu bezahlen, die neue Wege zwischen den Bergen machen sollten. Dieses Wegegraben war ein Teil des Kontraktes zwischen Benár, Hilás und der Regierung.«

»So – und dann?«

»Ich sage Euch, es war abscheulich kalt da oben, noch dazu nach der Sommerzeit,« sagte Hurree Babu zutraulich.

»Jede Nacht war ich in Angst, daß diese Benár-Leute mir die Kehle abschnitten um des Geldkastens wegen. Meine eingeborene Sepoy-Garde, die lachte mich aus! Donnerwetter! Ich bin ein so furchtsamer Mann. Das ist nicht wichtig. Der Unterhaltung wegen fahre ich fort … Ich meldete öfter, daß diese zwei Könige sich dem Norden verkauft hätten, und Mahbub Ali, der noch weiter nordwärts war, bestätigte dies. Es geschah nichts; nur meine Füße erfroren, und eine Zehe fror ab. Ich meldete, daß die Wege, für die ich die Arbeiter bezahlte, für die Füße von Fremden und Feinden gegraben würden.«

»Für?«

»Für die Russen. Die Sache war offenes Geheimnis unter den Kulis, und sie hatten ihren Spaß daran. Da wurde ich zurückberufen, um mit der Zunge zu melden, was ich wußte. Mahbub kam auch südwärts. Sehet das Ende! Dieses Jahr nach der Schneeschmelze« – er schauderte wieder – »kommen zwei Fremde unter dem Vorwand, wilde Ziegen schießen zu wollen. Sie führen Flinten mit sich, aber auch Ketten und Richtscheite und Kompasse.«

»Oho! Die Sache wird klarer.«

»Sie werden von Hilás und Benár wohl aufgenommen. Sie machen große Versprechungen. Sie reden, wie das Mundstück eines Kaisers, von Schenkungen. Die Täler hinauf, die Täler hinab gehen sie und sprechen: »Hier ist ein Platz, um eine Feldschanze aufzurichten; hier könnt Ihr eine Festung erbauen. Hier könnt Ihr die Straße gegen eine Armee behaupten,« – dieselbe Straße, für die ich monatlich die Rupien auszahlte. Die Regierung weiß es, tut aber nichts. Die drei anderen Könige, die nicht für Bewachung der Pässe bezahlt sind, berichten durch einen Eilboten über den Treubruch von Benár und Hilás. Als alles Böse geschehen ist, seht Ihr? – Als diese beiden Fremden, mit Richtscheit und Kompaß, die fünf Könige glauben machen, daß eine große Armee morgen oder übermorgen die Pässe überschwemmen wird – Gebirgler sind alle Narren – da kommt Befehl an Hurree Babu: »Gehe nordwärts und siehe, was jene Fremden tun.« Ich sage zu Creighton Sahib: »Dies ist doch kein Prozeß, daß wir umherlaufen, um Beweise aufzutreiben …« Mit einem Ruck kehrte er wieder zum Englischen zurück: »Donnerwetter!« sagte ich, »warum, in Teufels Namen, gebt Ihr nicht irgend einem braven Manne unoffiziellen Befehl, sie zu vergiften, um ein Beispiel zu statuieren? Es ist, wenn Ihr die Bemerkung gestattet, sehr tadelnswerte Schlappheit von Eurer Seite.« Und Oberst Creighton – lachte mich aus. Das kommt von Eurem abscheulichen englischen Hochmut. Ihr denkt, es wagt niemand zu konspirieren. Das ist alles Blödsinn.«

Kim rauchte langsam und überlegte die Sache mit seiner raschen Auffassung.

»So gehst Du also vorwärts, um den Fremden zu folgen?«

»Nein – um ihnen zu begegnen. Sie kommen nach Simla, um die Köpfe und Hörner zum Präparieren nach Calcutta abzusenden. Die Herren sind sehr jagdlustig und die Regierung gewährt ihnen gefällige Erlaubnis. Natürlich, das tun wir immer. Das ist unser britischer Stolz.«

»Was ist denn aber von ihnen zu fürchten?«

»Donnerwetter, Schwarze sind sie nicht. Mit schwarzem Volk kann ich natürlich alles Mögliche anfangen. Sie sind Russen und sehr vorurteilslos. Ich – ich möchte nichts mit ihnen zu tun haben ohne einen Zeugen.«

»Würden sie Dich denn töten?«

»Oah, das tut nichts. Ich bin Herbert Spencerianer genug, um einer Kleinigkeit wie dem Tod, der doch einmal mein Los ist, entgegen zu gehen, wißt Ihr. Aber – aber sie könnten mich prügeln.«

»Warum?«

Hurree Babu schnappte ungeduldig mit den Fingern. »Natürlich werde ich mich ihrem Lager zugesellen in untergeordneter Eigenschaft, vielleicht als Dolmetscher, oder als Blödsinniger, oder Hungriger oder so etwas. Und dann muß ich, denke ich, aufschnappen, was ich kann. Das ist so leicht für mich, als vor der alten Dame den Doktor spielen. Nur – nur – Ihr seht, Mister O’Hara, ich bin unglücklicherweise Asiate, was in mancher Beziehung nachteilig ist, und bin ebenfalls Bengale – ein furchtsamer Mann.«

»Gott schuf den Hasen und den Bengalen. Ist das schimpflich?« sagte Kim, das Sprichwort anführend.

»Das ist Descendenz-Theorie, Naturnotwendigkeit, denke ich, aber das Faktum bleibt in seinem cui bono . Ich bin, o! furchtbar furchtsam! – Ich erinnere mich, einmal auf dem Wege nach Lhassa wollten sie mir den Kopf abschneiden. (Nein, ich bin niemals nach Lhassa gekommen.) Ich setzte mich nieder und weinte, Mister O’Hara, ich hatte Vorempfindung von chinesischer Folter. Ich vermute nicht, daß diese Gentlemen mich foltern werden, aber es ist besser, für mögliche Fälle europäischen Beistand in Bereitschaft zu haben.« Er hustete und spuckte das Cardamon aus. »Es ist ein vollständig unoffizieller Vorschlag, auf den Ihr »Nein, Babu« antworten könnt. Wenn Ihr nicht gerade dringende Geschäfte mit Eurem alten Mann vorhabt. Könnt Ihr ihn vielleicht – etwas vom Wege ablenken; vielleicht kann ich seine Phantasie beschäftigen – ich möchte mit Euch in amtlicher Berührung bleiben, bis ich diese jagdlustigen Burschen finde. Ich habe eine große Meinung von Euch, seitdem ich meinen Freund in Delhi traf. Euren Namen werde ich meinem offiziellen Bericht einverleiben, sobald die Angelegenheit endgültig erledigt ist. Das wird eine nette Feder auf Euren Hut. Dies ist es, warum ich wirklich gekommen bin.«

»Humpf! Das Ende der Geschichte mag wahr sein, aber wie steht es mit der Einleitung?«

»Von den fünf Königen? Oah, die steckt voller Wahrheit, haufenweise, mehr, als Ihr ahnt,« sagte Hurree ernsthaft. »Ihr kommt mit – he? Ich gehe von hier gerade in die Doon, sie ist grün, mit blumigen Wiesen. Ich werde nach Mussoovie gehen – gutes, altes Mussoovie Pahar, wie die Damen und Herren sagen. Dann bei Rampur nach China hinein. Das ist der einzige Weg, den sie kommen können. Ich warte nicht gern in der Kälte, oder warten muß ich auf sie. Ich will mit ihnen nach Simla. Der eine Russe, wißt Ihr, ist ein Franzose, und ich verstehe Französisch ganz flott. Ich habe Freunde in Chandernagore.«

» Er würde sich jedenfalls freuen, die Berge wieder zu sehen,« sagte Kim nachdenklich. »Diese letzten zehn Tage hat er von nichts anderem gesprochen. Wenn wir zusammen gehen –«

»Oah! Auf dem Wege können wir uns ganz fremd bleiben, wenn Euer Lama das will. Ich werde vier oder fünf Meilen voraus gehen. Eile hat Hurree nicht; Ihr folgt mir. Zeit genug bleibt uns. Sie werden komplottieren und vermessen, und topographische Aufnahmen machen, natürlich. Ich werde morgen fortgehen und Ihr den folgenden Tag, wenn es Euch beliebt. Überlegt es Euch bis morgen. Verflucht! Es ist beinahe Morgen.« Er gähnte laut und ohne weiteres Wort stolperte er nach seiner Schlafstelle. Kim schlief wenig: er dachte nach in Hindostanisch:

»Mit Recht nennt man das Spiel groß! Vier Tage war ich Küchenjunge bei der Frau des Mannes in Quetta, dem ich das Buch stahl. Und das war ein Teil des Großen Spiels! Vom Süden her, Gott weiß wie weit – kam der Mahratta, der das Große Spiel um Gefahr seines Lebens spielte. Jetzt soll ich fern und fern in den Norden hinein und das Große Spiel spielen. Wahrlich, es geht wie ein Schauer durch ganz Hind. Und meinen Anteil und meine Freude daran« – er lächelte der Dunkelheit zu – »danke ich dem Lama. Auch Mahbub Ali – auch Creighton Sahib – aber am meisten dem Heiligen. Er hat Recht – eine große und eine wundervolle Welt – und ich bin Kim – Kim – Kim – allein – einer – in der Mitte von allem. Aber diese Fremden mit Kette und Richtscheit will ich sehen …«

»Was war das Resultat der Unterhaltung gestern Abend?« fragte der Lama nach beendetem Gebet.

»Es kam ein umherstreifender Verkäufer von Medikamenten – ein Schmarotzer der Sahiba – ich bewies ihm durch Argumente und Gebete, daß unser Zauber seine gefärbten Wasser übertreffe.«

»Alas! Mein Zauber! Wünscht die tugendhafte Frau noch immer, einen zu bekommen?«

»Sehr dringend wünscht sie es.«

»Dann muß er geschrieben werden oder sie macht mich taub mit ihrem Lärm.« Er tastete nach seinem Federkasten.

»In den Ebenen ist immer zu viel Volk,« sagte Kim. »In den Bergen, so höre ich, soll es ruhiger sein.«

»Oh! Die Berge, und der Schnee auf den Bergen!«

Der Lama riß ein kleines Stück Papier ab, wie es in ein Amulett paßt.

»Aber was weißt Du von den Bergen?«

»Sie sind sehr nahe.« Kim öffnete die Tür und blickte auf die lange, ruhevolle Linie der Himalayas, die im Morgengold erglühte. »Nur einmal, im Kleide eines Sahib, setzte ich einen Fuß hinein.«

Der Lama sog die Luft sehnsüchtig ein.

»Wenn wir nordwärts wandern« – Kim richtete die Frage an die aufgehende Sonne – »könnte dann nicht viel Mittagshitze vermieden werden, wenn man wenigstens zwischen den niedrigeren Bergen wandelte? … Ist der Zauber geschrieben, Heiliger?«

»Ich habe die Namen von sieben albernen Teufeln geschrieben; keiner von ihnen ist ein Körnchen Staub auf der Straße wert. So ziehen törichte Frauen uns ab von dem Weg.«

Hurree Babu kam hinter dem Taubenschlag hervor. Er wusch seine Zähne mit ostentativem Ritual. Vollfleischig, schwerhüftig, stiernackig und mit tiefer Stimme, glich er nicht gerade einem furchtsamen Mann. Kim gab ihm ein unmerkliches Zeichen, daß alles in bestem Zuge sei, und als die Morgentoilette beendet war, kam Hurree Babu herbei, um dem Lama in blumenreicher Sprache Ehrfurcht zu erweisen. Sie aßen jeder für sich, und nachdem erschien die alte Dame, mehr oder weniger verschleiert, an einem Fenster und nahm die Kapitelfrage der Kolik, von grünen Mangofrüchten verursacht, wieder auf. Des Lamas ärztliche Kenntnisse beschränkten sich auf Sympathie. Er glaubte, daß der Dung von einem schwarzen Pferde, mit Schwefel gemischt und in eine Schlangenhaut gewickelt, ein bedeutendes Mittel gegen Cholera sei; aber der Symbolismus interessierte ihn weit mehr als die Wissenschaft. Hurree Babu erwiderte, daß er nur ein unerfahrener Stümper in den Mysterien wäre, aber er wisse – und dafür danke er den Göttern – daß er sich in Gegenwart eines Meisters befinde. Er selbst hatte seinen Unterricht bei den Sahibs, die keine Rücksicht auf die Unkosten nehmen, in dem vornehmen Kollegium von Calculta erhalten; aber er war immer der erste, anzuerkennen, daß eine Weisheit hinter der Weisheit dieser Erde bestehe – die hohe und einsame Erleuchtung der Meditation. Kim hörte mit Neid zu. Der Hurree Babu seiner Bekanntschaft, der schmutzige, demonstrative, furchtsame, war verschwunden – verschwunden der unverschämte Medizin-Verkäufer der letzten Nacht. Hier war ein höflicher, glatter, aufmerksamer – ein bescheidener Sohn der Erfahrung und des Mißgeschicks. Die alte Dame vertraute Kim an, daß diese Auseinandersetzungen über ihren Horizont gingen. Sie war für Zaubermittel, mit viel Tinte geschrieben, die man abwusch, verschickte und fertig war. Was wäre sonst der Nutzen der Gottheiten? Sie fand Gefallen an Männern und Frauen, sie hatte kleine Könige gekannt und sprach von ihnen und von ihrer eignen Jugend und Schönheit – sprach von Verheerungen durch Leoparden, von exzentrischer asiatischer Liebesglut; von Verteilung der Steuern, Pachtzins, von Begräbnis-Zeremonien, von ihrem Schwiegersohn (dies mit nicht mißzuverstehenden Anspielungen), von der Sorge für die Jugend und dem Mangel an Bescheidenheit bei den Alten. Und Kim, so voll Interesse an dem Leben dieser Welt wie sie, die es bald verlassen mußte, saß, die Füße unter sein Gewand gezogen, und lauschte begierig. Der Lama aber verwarf, eine nach der andern, jede Art von Heiltheorie, die Hurree Babu anführte.

Am Nachmittag verschnürte der Babu seinen messingbeschlagenen Medizinkasten, nahm seine Patent-Leder-Schuhe für feierliche Gelegenheiten in eine, seinen blau und weißen Sonnenschirm in die andere Hand und zog ab, nordwärts, nach der Doon zu, wo, wie er sagte, von den kleineren Königen jener Gegend nach ihm verlangt wurde.

»Wir wollen in der Kühle des Abends fortgehen, Chela,« sagte der Lama. »Dieser Doktor, bewandert in Physik und Höflichkeit, bestätigt, daß das Volk zwischen diesen Bergen fromm und großmütig ist und sehr eines Lehrers bedarf. In kurzer Zeit – so sagt der Hakim – finden wir kühle Luft und den Geruch der Pinien.«

»Ihr geht nach den Bergen, und auf der Kulu-Straße? Oh, dreifach Glückliche!« schrillte die alte Dame. »Wäre ich nicht so überladen mit der Sorge für die Heimstätte, ich würde den Palankin … aber das wäre unschicklich und würde meine Reputation untergraben. Ho! Ho! Ich kenne den Weg – jeden Schritt auf dem Wege kenne ich. Gastfreundschaft findet Ihr überall – hübschen Leuten versagt man sie nicht. Mundvorrat herrichten lassen. Ein Diener, der Euch auf den Weg bringt? Nein? Dann will ich Euch wenigstens noch gutes Essen kochen.«

»Welch eine Frau ist die Sahiba!« rief der alte Diener, als ein Lärm in den Küchenräumen losbrach. »Nie, in allen ihren Jahren hat sie nie einen Freund vergessen, nie einen Feind vergessen. Und ihre Kocherei – uah!« Er rieb sich den Magen.

Da waren Kuchen, da war Zuckerwerk, da gab es kaltes Huhn, mit Reis und Pflaumen zu Brei gekocht – genug, um Kim wie ein Maultier zu beladen.

»Ich bin alt und überflüssig. Niemand liebt mich noch und niemand respektiert mich – aber wenige können es mir gleich tun, wenn ich die Götter anrufe und über meine Kochtöpfe stürze. Kommt wieder, oh, brave Leute. Heiliger und Schüler, kommt wieder. Das Zimmer ist stets bereit; der Willkommen ist stets bereit … Paß auf, daß die Weiber Deinen Chela nicht zu sehr verfolgen … ich kenne die Frauen von Kulu. Gib acht, Chela, daß er Dir nicht davonläuft, wenn er seine Berge wieder riecht … Hai! Kippe den Reisbeutel nicht um, das Unterste zu oberst … Segne den Haushalt, Heiliger, und vergib den Dienern ihre Dummheiten.«

Sie wischte sich die alten roten Augen mit einem Zipfel des Schleiers und gluckste tiefkehlig.

»Frauen schwatzen,« sagte der Lama. »Aber das ist eine Frauenschwäche. Ich gab ihr einen Zauber. Sie ist auf dem Rad und ganz in dem Schein dieses Lebens befangen, aber nichtsdestoweniger, Chela, ist sie tugendhaft, freundlich, gastfrei – mit vollem und eifrigen Herzen. Wer darf sagen, daß sie nicht Verdienst erwirbt?«

»Nicht ich, Heiliger,« sagte Kim, den reichlichen Proviant fester auf die Schulter bindend. »In meinem Kopf – hinter meinen Augen – habe ich ein Bild zu entwerfen versucht von so einer, befreit von dem Rad – nichts begehrend, nicht schwätzend – eine Nonne, sozusagen.«

»Und, o Schelm?«

»Ich kann das Bild nicht machen.«

»Noch ich. Aber vor ihr liegen noch viele, viele Millionen von Leben. Sie wird in jedem vielleicht ein wenig Weisheit erlangen.«

»Und wird sie auf diesem Wege vergessen, wie Gerichte mit Safran gekocht werden?«

»Deine Gedanken sind auf wertlose Dinge gerichtet. Aber geschickt ist sie. Ich fühle mich ganz gestärkt. Wenn wir die Vorberge erreichen, werde ich mich noch kräftiger fühlen. Der Hakim sprach wahr, da er mir diesen Morgen sagte: ein Hauch von den Schneegipfeln verjüngt einen Mann um zwanzig Jahre des Lebens. Wir wollen für kurze Zeit aufwärts steigen, zu den Bergen – den hohen Bergen – aufwärts zu dem Rauschen des Schneewassers und der Bäume. Der Hakim sagte, wir könnten jederzeit wieder in die Ebenen zurückkehren, denn wir werden ja die herrlichen Plätze nur streifen. Der Hakim ist voller Gelehrsamkeit, aber keineswegs stolz. Ich sprach zu ihm – während Du mit der Sahiba redetest – von einem gewissen Schwindel im Hinterkopf, der mich in der Nacht befällt, und er sagte, der käme von außerordentlicher Hitze und würde durch kühle Luft geheilt. Beim Nachsinnen wunderte ich mich, daß ich nicht an so ein einfaches Heilmittel gedacht hatte.«

»Sprachst Du ihm auch von Deiner Suche?« fragte Kim, ein wenig eifersüchtig. Er wollte den Lama durch seine eigenen Worte lenken – nicht durch die Kniffe von Hurree Babu.

»Natürlich. Ich erzählte ihm meinen Traum, und wie ich Verdienst erwarb, indem ich veranlaßte, daß Du Missen erlangtest.«

»Du sagtest nicht, daß ich ein Sahib bin?«

»Wozu? Ich sagte Dir oft, wir sind nur zwei Seelen, die Rettung suchen. Er sagte – und er hat Recht – daß der Strom des Heiles hervorbrechen wird, wie ich träumte – vor meinen Füßen, wenn die Zeit gekommen. Fand ich den Weg, siehst Du, der mich befreien soll von dem Rad, soll ich dann sorgen, den Weg zu finden durch die Felder der Erde, die Illusion sind? Das wäre töricht. Ich habe meine Träume, die Nacht auf Nacht sich wiederholen; ich habe die Jâtaka; und ich habe Dich, Freund der ganzen Welt. Es war geschrieben in Deinem Horoskop, daß ein Roter Stier auf grünem Feld – ich habe es nicht vergessen – Dich zu Ehren bringen sollte. Wer als ich sah die Prophezeiung erfüllt? Wahrlich, ich war das Werkzeug. Du wirst meinen Strom finden und dafür das Werkzeug sein. Die Suche ist sicher!«

Er wandte sein elfenbeingelbes Antlitz den winkenden Zügeln zu; sein Schalten schritt ihm voraus im Staube. –

Kapitel 13.

Kapitel 13.

»Wer in die Berge geht, geht zu seiner Mutter.«

Sie hatten die Sewaliks und die halb tropische Doon durchquert, Mussoovie hinter sich gelassen und gingen nordwärts auf schmalen Bergpfaden. Tag auf Tag führte sie weiter in die zusammengedrängten Berge und Tag auf Tag sah Kim des Lamas Kräfte sich verjüngen. Zwischen den Terrassen der Doon hatte er auf des Knaben Schulter gelehnt und die Halteplätze am Wege benutzt. Bei dem hohen Aufstieg nach Mussoovie rüttelte er sich zusammen wie ein alter Jäger, der ein wohlbekanntes Jagdgebiet wieder erblickt; und statt erschöpft hinzusinken, schlang er seine langen Gewänder um sich, tat einen tiefen Atemzug in der diamantklaren Luft und schritt aus wie nur ein Bergbewohner kann. Kim, in der Ebene geboren und aufgezogen, schwitzte und keuchte. »Das ist mein Land,« sagte der Lama. »Mit Such-zen verglichen, ist dies flacher als ein Reisfeld.« Und fest, mit kräftig aushebenden Lenden, schritt er aufwärts. Aber bei dem steilen Abstieg (dreitausend Fuß in drei Stunden) lief er Kim geradezu weg, und Kim ächzte, denn sein Rücken schmerzte ihn von der Anstrengung und seine große Zehe wurde fast abgeschnitten von der hanfenen Sandalenschnur. Unermüdet, mit langen Schritten, streifte der Lama durch schattenübersprenkelte Deodar-Haine, durch farren-geschmückte Wälder von Eichen, Birken, Stechpalmen, Rhododendren und Kiefern; hinaus auf Bergrücken, die sonnenverbranntes schlüpfriges Gras bedeckte, und wieder zurück in des Waldlands Kühle, bis die Eiche dem Bambus und der Palme des Tales Platz machte. Im Zwielicht, rückwärts blickend auf die ungeheuren Grate hinter ihm und auf die feine schwache Linie des Weges, den sie gekommen, plante der Lama, mit dem unternehmenden Ausblick des Gebirglers, kräftige Märsche für den Morgen. Und in der Mitte eines emporsteigenden Engpasses, der auf Spiti und Kulu führte, blieb er stehen und streckte sehnsuchtsvoll die Hände aus gegen die hohen Schneegipfel am Horizont. In der Morgendämmerung schimmerten sie in der Höhe metallisch rot, unten tiefblau, wenn die Könige dieser Wildnis – Kedarnath und Badrinath – den ersten Kuß der Sonne empfingen. Den Tag über lagen sie wie geschmolzenes Silber in der Sonne, und abends legten sie ihre Juwelen an. Anfangs sandten sie den Wanderern mildere Winde zu, willkommen zum Klettern über gigantische Bergrücken; aber nach wenigen Tagen, in der Höhe von neun- oder zehntausend Fuß, wurden die Winde schneidend, und Kim gab den Gebirglern eines Dorfes gnädig Erlaubnis, Verdienst zu erwerben, indem sie ihm einen Rock von grobem Düffel schenkten. Der Lama sprach milde sein Erstaunen aus, daß man die messerscharfen Winde tadelte, die die Jahre von seinen Schultern nahmen.

»Dies sind nur die niedrigen Hügel, Chela. Es gibt erst Kälte, wenn wir in die wahren Berge kommen.«

»Luft und Wasser sind gut und das Volk ist fromm, aber das Essen ist sehr schlecht,« murrte Kim, »und wir gehen, als wären wir verrückt oder – Engländer. Es friert auch in der Nacht.«

»Ein wenig, kann sein; aber nur gerade so viel, daß alte Knochen sich des Sonnenscheins mehr erfreuen. Wir müssen nicht immer weiche Betten und reichliches Essen haben.«

»Wir könnten wenigstens auf der Straße bleiben.«

Kim, als Mann der Ebene, zog den gut gehaltenen, wenn auch nur sechs Fuß breiten Weg vor, der sich durch die Berge schlängelte; der Lama, als Tibetaner, konnte der Versuchung nicht widerstehen, abkürzende Wege über Bergvorsprünge und kiesbedeckte Abhänge zu machen. Er erklärte seinem lahmenden Schüler, daß ein in den Bergen Aufgewachsener die Richtung eines Bergpfades voraus wisse und wenn niedrig hängende Wolken dem kurz ausschreitenden Fremden dies unmöglich machten, so wäre das nicht der Fall für den Eingeweihten. Nach langen Stunden anstrengenden Bergsteigens – in zivilisierten Gegenden hätte man es eine starke Leistung genannt – keuchten sie über Bergrücken, gingen seitwärts über Erdrutsche und kamen durch einen Wald mit einem Abstieg von 45 Grad wieder auf die Straße herab. Der Straße entlang befanden sich Dörfer der Bergbewohner, Erd- und Lehmhütten, Holzhäuschen, roh mit der Axt gezimmert, gleich an den Abhängen klebenden Schwalbennestern, auf kleinen Flecken zusammengedrängt, halbwegs abwärts an, einem, dreitausend Fuß niederfallenden Sturz, in Winkel zwischen Klippen, die jeden wandernden Windstoß wie in einem Schornstein fingen, eingeklemmt, oder, für die Sommerweide bestimmt, auf einem Rücken kauernd, der im Winter unter zehn Fuß hohem Schnee begraben lag. Und das Volk, das blaßgelbe, schmutzige, in Düffel gekleidete Volk mit nackten Beinen und Gesichtern fast wie Eskimos, drängte herbei und betete an. Die Ebenen, sanft und höflich, hatten den Lama behandelt wie einen heiligen Mann unter heiligen Männern. Die Berge aber beteten ihn an als den Vertrauten aller Teufel. Sie haben einen halbverwischten Buddhismus, durchsetzt mit einer Naturanbetung von so phantastischer Art, wie ihre eigene, terrassenförmig abgestufte Landschaft. Sie erkannten den großen Hut, den klappernden Rosenkranz und die seltenen chinesischen Textsprüche als eine hohe Macht an und sie verehrten den Mann unter dem Hut.

»Wir sahen Dich herunterkommen, über die schwarzen Brüste von Eua,« sagte ein Betah, der ihnen eines Abends Käse, sauere Milch und steinhartes Brot gab.

»Wir kommen nicht oft dahin, ausgenommen wenn kalbende Kühe sich im Sommer verirren. Es lebt ein scharfer Wind dort zwischen den Steinen, der Menschen niederwirft an den stillsten Tagen. Aber was fragen Männer wie Ihr nach dem Teufel von Eua!«

Trotz wunder Füße, trotz Schwindels vom Niederschauen und trotz bebender Fibern fand Kim Freude an den Tagesmärschen, wie ein Knabe in St. Xavier an dem Lobe seiner Kameraden, wenn er den Preis gewann beim Viertelmeilen-Rennen auf der Ebene. Der Schweiß auf diesen Bergen trieb Butter- und Zuckersäfte aus seinem Blut. Die trockene Luft, die er in der Höhe mächtiger Pässe stoßweise einatmete, stärkte und wölbte seinen Brustkorb, und die gewellten Hochebenen bildeten und formten die Muskeln von Arm und Schenkel.

Oft sannen sie nach über das Rad des Lebens, um so mehr, als der Lama sagte, daß sie jetzt frei waren von seinen sichtbaren Versuchungen. Wenn sie nicht gerade einen grauen Adler sahen oder auch einen grabenden, wühlenden Bären, oder einen gefleckten Leoparden, der eine Ziege verschlang in der Dämmerung, in einem stillen Tale trafen und hier und da einen Vogel mit glänzendem Gefieder, so waren sie allein mit den Winden und dem Gras, das unter den Winden sang. Die Frauen in den rauchigen Hütten, über deren Dächer die beiden hingingen, wenn sie von den Bergen herunterstiegen, waren unsauber und unliebenswürdig, Frauen, die vielen Männern gehörten und einen Kropf hatten. Die Männer waren Holzschläger, wenn sie nicht Ackerbauer waren, sanftmütig und unglaublich einfältig. Und damit angenehme Unterhaltung nicht fehle, sandte ihnen das Schicksal den höflichen Doktor aus Dacca, der sie auf dem Wege einholte, und der für sein Essen Salben gegen Kröpfe gab, wie auch Ratschläge, um den Frieden zwischen Weibern und Männern wieder herzustellen. Er schien diese Berge so gut zu kennen wie den Dialekt der Berge und wies dem Lama die Richtung nach Ladakh und Tibet. Er sagte, sie könnten jeden Augenblick in die Ebenen zurückgelangen; indes wäre für die, die Berge liebten, dieser Weg ergötzlich. Das wurde nicht alles aus einmal gesagt, aber gelegentlich, bei abendlichem Zusammentreffen auf den Dreschtennen, wenn die Patienten besorgt waren, wenn der Doktor rauchte und der Lama schnupfte. Kim aber schaute nach den winzigen Kühen, die auf den Dächern grasten, und seine Seele folgte den Augen über tiefblaue Abgründe zwischen Bergkette und Bergkette. Und heimliche Gespräche gab es in den dunklen Gehölzen, wenn der Doktor Kräuter suchte und Kim als aufknospender Arzt ihn begleitete.

»Ihr seht, Mister O’Hara, ich weiß beim Kuckuck nicht, was ich tun werde, wenn ich unsere jagdlustigen Freunde treffe, aber wenn Ihr gütigst in Sicht meines Sonnenschirmes bleiben wollt, der ein hübsch fester Punkt ist für Kataster-Arbeiten, so wird mir das angenehm sein.«

Kim sah hinaus in die Wildnis von Bergspitzen. »Dies ist nicht mein Gebiet, Hakim. Leichter fände ich eine Laus in einem Bärenfell.«

»Oah, das ist gerade meine Stärke. Eile gibt es für Hurree nicht. Vor kurzem waren sie in Leh. Sie sagten, sie wären mit ihren Hörnern und Köpfen und allem von dem Kara Korum herunter gekommen. Ich fürchte nur, sie haben alle ihre Briefe und kompromittierenden Dinge zurückgeschickt in russisches Territorium. Natürlich werden sie so weit wie möglich nach dem Osten gehen – just um zu zeigen, daß sie niemals in westlichen Staaten gewesen. Ihr kennt die Berge nicht?« Er kratzte mit einem Zweig auf der Erde. »Seht her! Sie sollten über Srinagar oder Abbottabad hereingekommen sein. Das wäre ihr kürzester Weg – am Fluß herunter, bei Bunji und Astor. Aber sie haben im Westen Unfug getrieben. So« – er zog eine Linie von links nach rechts – »so marschieren sie und marschieren sie fort, ostwärts, nach Leh (ah! es ist kalt hier) und den Indus hinab nach Han-lé (ich kenne den Weg) und dann hinunter, seht Ihr, nach Bushahr und in das Tal von Chini. Das habe ich festgestellt, indem ich die Leute, die ich so flott kuriere, ausfragte. Unsere Freunde haben lange genug umhergestreift, um Eindruck zu hinterlassen; so sind sie weithin bekannt. Ihr werdet sehen, ich fange sie irgendwo im Chini-Tal. Bitte, haltet ein Auge auf meinen Sonnenschirm.«

Der Sonnenschirm nickte wie eine vom Wind bewegte Glockenblume in den Tälern und an den Berghängen, und zur gehörigen Zeit trafen ihn der Lama und Kim, die nach dem Kompaß marschierten, wenn er zur Abendzeit Salben und Pulver verkaufte. »Wir kamen auf dem oder dem Wege,« sagte der Lama, mit dem Finger rückwärts nach den Bergketten deutend, und der Sonnenschirm erging sich in Komplimenten.

In einer kalten Mondnacht kreuzten sie einen verschneiten Paß. Der Lama watete bis an die Knie im Schnee, wie eines der langhaarigen, backtrischen Kamele, die man in Kaschmir-Serai trifft, und neckte Kim, wenn er zurückblieb. Sie überschritten Lager von leichtem Schnee und schneebedecktem Schiefer und suchten Zuflucht vor einem Sturm in einem Lager von Tibetanern, die ihre kleinen Schafe, jedes mit einem Säckchen Borax auf dem Rücken, hinunter trieben. Sie kamen über grasige, noch mit Schnee besprenkelte Hügelrücken in einen Wald und aus diesem wieder auf Weidegrund. Aber all ihr Wandern machte auf Kedarnath und Badrinath keinen Eindruck; und erst nach tagelangen Märschen sah Kim, hoch auf einem Hügelchen von nur zehntausend Fuß Höhe stehend, daß ein Horn der beiden großen Herren seine Umrißlinie, wenn auch noch so wenig, verändert hatte.

Endlich betraten sie eine Welt für sich, ein Tal von Schichtungen, wo die hohen Hügelzüge von dem bloßen Geröll und Abfall nur der Kniee der Berge gebildet waren. Hier brachte ein Tagesmarsch sie scheinbar nicht weiter als der gehemmte Fuß einen Träumenden in seinem Angsttraum trägt. Sie erklommen mühevoll eine Bergschulter, und siehe da, sie erwies sich als ein nur vorgeschobener Buckel eines Hauptstockes. Ein Wiesenrund enthüllte sich, wenn sie es erreichten, als ein weites Tafelland, das sich weit hinab ins Tal dehnte. Drei Tage später schien es nur eine unbedeutende Erdfalte südwärts zu sein.

»Sicherlich, die Götter leben hier,« sagte Kim, überwältigt von dem Schweigen und dem großartigen Anblick der ziehenden und sich verteilenden Wolkenschatten nach dem Regensturm.

»Vor langer, langer Zeit,« sprach der Lama, wie zu sich selbst, »ward der Herr gefragt, ob die Welt ewig bestehen würde. Hierauf erteilte der höchst Vortreffliche keine Antwort .. Als ich in Ceylon war, bestätigte ein weiser Sucher dies aus der Lehre, die in Pali geschrieben ist. Sicherlich, seit wir den Weg zur Freiheit kennen, wäre diese Frage ohne Nutzen, aber – siehe und erkenne den Wahn, Chela! Dieses sind die wahren Berge. Sie sind wie meine Berge, bei Such-zen. Niemals gab es solche Berge.«

Über ihnen, noch unendlich hoch über ihnen, türmte sich die Erde aufwärts bis zur Schneegrenze, wo von Ost nach West, Hunderte von Meilen weit, wie mit einem Lineal abgeschnitten, die kühnen Horste endeten. Über diesen, in aufgetürmten Klippen und Blöcken, streben die Felsen, mit ihren Häuptern den weißen Qualm zu durchdringen. Über diesen wieder, ohne Wechsel seit Beginn der Welt, aber wechselnd bei jeder Laune von Wind oder Sonne, lag der ewige Schnee. Sie konnten dunkle Flecken auf seinem Antlitz sehen, wo der Sturm mit wanderndem Getriebe einen Tanz aufführte. Unter ihnen glitt der Wald hinein in eine blaugrüne Fläche, die sich Meilen und Meilen weit dehnte. Unter dem Wald war ein Dorf, von umhergestreuten terrassirten Feldern und absteigenden Weideplätzen umgeben; und unter dem Dorf, sie wußten es, wenn auch ein tobender, grollender Gewittersturm ihn augenblicklich unsichtbar machte, war ein Abhang, der zwölf- bis fünfzehnhundert Fuß tief hinunter stieg in das feuchte Tal, wo die Ströme sich sammeln, die die Mütter des jungen Sutluj sind.

Wie gewöhnlich hatte der Lama Kim auf Viehpfaden und Nebenwegen weit von der Hauptstraße weggeleitet, auf welcher Hurree Babu, »der furchtsame Mann,« drei Tage vorher hingezogen war, in einem Sturm, dem neun unter zehn Männern mit vollstem Recht aus dem Wege gegangen wären. Hurree war kein Schütze; der Schlag eines Gewehrdrückers ließ ihn die Farbe wechseln, aber er war, wie er selbst sagte – »ein flotter Ausschreiter« – und mittels eines billigen Krimstechers hatte er das ausgedehnte Tal mit einigem Erfolg durchstöbert. Überdies sind Zelte von hellem Segeltuch im Grünen weithin sichtbar. Auf einer Dreschtenne zu Ziglaur sitzend, in einer Entfernung von zwanzig Meilen für den Adlerflug und vierzig auf dem Wege, hatte Hurree Babu alles, was er sehen wollte, gesehen, nämlich zwei kleine Punkte, heute gerade unterhalb der Schneelinie, und morgen vielleicht sechs Zoll abwärts an der Hügelkante. – Erst einmal eingearbeitet und in Bewegung gesetzt, machten seine nackten, fetten Beine erstaunliche Märsche; und während noch der Lama und Kim in einer feuchten Hütte zu Ziglaur das Ende des Sturmes abwarteten, führte ein nasser, fettiger, aber lächelnder Bengale sich bei zwei durchweichten, verschnupften Fremden ein und sprach sein feinstes Englisch, durchsetzt mit den abscheulichsten Phrasen. Er war, wilde Pläne in einem Kopf herum wälzend, angekommen auf den Flügeln eines Wettersturmes, der eine Tanne zersplittert über ihr Lager hingeschleudert hatte. Dies hatte einigen Dutzend sehr eindrucksfähiger Gepäck-Kulis die Überzeugung beigebracht, daß der Tag für weitere Reise ungünstig wäre, und wie auf Verabredung warfen sie alle gleichzeitig ihre Last zur Erde, wie störrische Pferde.

Sie waren Untertanen eines Berg-Rajahs, der ihre Dienste, wie es der Brauch ist, zugunsten seiner Privatkasse vermietete, und ihre Not zu vermehren, hatten die fremden Sahibs sie schon mit ihren Flinten bedroht. Die meisten kannten Flinten und Sahibs von altersher; sie waren Spürhunde und Shikkarris (Jäger) aus den nördlichen Ebenen, kühn hinter Bären und wilden Ziegen her, aber so hatte man sie noch nie behandelt. Jetzt nahm der Wald sie an seinen Busen, und trotz Lärm und Flüchen lieferte er sie nicht wieder aus. Der Babu hatte nicht nötig, sich blödsinnig zu stellen oder er hatte eine andere List ersonnen, um aufgenommen zu werden. Er rang seine nassen Kleider aus, zog die Patent-Lederschuhe an, öffnete seinen blau und weißen Sonnenschirm, und mit gezierter Haltung, während ihm das Herz gegen die Rippen klopfte, stellte er sich vor als: »Agent seiner Königlichen Hoheit, des Rajahs von Rampur, meine Herren. Was Kann ich für Sie tun?«

Die Herren waren entzückt. Der eine war augenscheinlich ein Franzose, der andere ein Russe; sie sprachen nicht viel schlechter englisch als der Babu. Seine höflichen Dienste waren ihnen erwünscht. Ihre eingeborenen Diener hatten sie in Leh krank zurückgelassen, sie waren weiter geeilt, um ihre Jagdbeute nach Simla zu schaffen, ehe die Felle von Motten zerfressen würden. Sie hatten ein Empfehlungsschreiben – der Babu salaamte orientalisch bei dessen Vorzeigung – an alle Beamte der Regierung. Nein, sie hatten keine andere Jagdpartie auf ihrem Wege getroffen. Sie brauchten niemand. Sie hatten alles bei sich. Sie wünschten nur baldmöglichst weiterzukommen. Darauf erspähte der Babu einen niedergekauerten Bergbewohner zwischen den Bäumen, und mit wenigen Worten und ein wenig Silber (im Staatsdienst kann man nicht ökonomisch sein, wenn auch das Herz ob solcher Verschwendung blutet) brachte er die elf Kulis nebst drei Rachzüglern zum Vorschein: der Babu, meinten sie. könne wenigstens Zeuge sein, wie sie behandelt würden.

»Mein Königlicher Herr – er wird sehr erzürnt sein; diese Leute sind eben nur gemeines Volk und grob unwissend. Wenn Ew. Gnaden diesen unglücklichen Zwischenfall gütigst übersehen wollten, würde es mich freuen. Der Regen wird bald aufhören, dann können wir aufbrechen. Sie haben gejagt, wie? Das ist ein nobler Sport!«

Er hüpfte behende von einem Zelte zum anderen, als ob er jeden kegelförmigen Zipfel in Ordnung bringen wollte. Der Engländer ist gewöhnlich nicht vertraut mit dem Asiaten, aber er würde einen dienstfertigen Babu nicht zurückstoßen, wenn er zufällig ein Zelt mit einer Decke von rotem geölten Leinen umgekippt hätte. Er würde den Babu aber auch nicht zum Trinken oder Fleischessen nötigen. Die Fremden taten dies alles und stellten viele Fragen – besonders wegen Frauen – und Hurree antwortete heiter und natürlich. Sie gaben ihm ein Glas von einer weißlichen Flüssigkeit, ähnlich Branntwein, zu trinken und dann noch eins, und alsbald verließ ihn sein abgemessenes Wesen. Er wurde geschwätzig und sprach indiskret und unanständig von der Regierung, die ihm die Erziehung eines weißen Mannes aufgezwungen und den Gehalt eines weißen Mannes versagt hatte. Er plapperte Geschichten her von Unterdrückung und Unrecht, bis ihm die Tränen über die Backen flössen um das Elend seines Landes. Dann stolperte er davon, sang bengalische Liebeslieder und sank auf einen nassen Baumstumpf hin. Nie wohl ward ein unglücklicheres Produkt der englischen Herrschaft in Indien Ausländern aufgedrängt.

»Sie sind alle so,« sagte der eine Sportsmann zum anderen auf französisch. »Wenn wir in das richtige Indien kommen, wirst Du es selbst finden. Seinen Rahjah möchte ich wohl besuchen. Man könnte da ein höfliches Wort sprechen. Möglich, daß er von uns gehört hat und uns gefällig sein möchte.«

»Wir haben keine Zeit. Wir müssen so rasch es geht nach Simla kommen,« erwiderte der andere. »Ich wünsche, wir hätten unsere Berichte von Hilás oder selbst von Leh zurückgesendet.«

»Die englische Post ist besser und sicherer. Bedenke nur, wie leicht sie uns alles gemacht haben, und beim Himmel, sie machen es uns noch leichter. Ist es unglaubliche Dummheit?«

»Es ist Stolz – Stolz, der bestraft zu werden verdient und bestraft werden wird.«

»Ja, einen Bruder vom Kontinent in solchem Spiel zu hindern, wäre etwas. Ein Risiko ist dabei; aber dieses Volk – bah! Es ist zu sorglos.«

»Stolz – nichts als Stolz, Freund.«

»Was, zum Teufel, nutzt es nun, daß Chandernagore so nahe bei Kalkutta liegt,« dachte Hurree Babu, mit offenem Munde schnarchend, »wenn ich ihr Französisch nicht verstehen kann. Sie sprechen so furchtbar schnell. Da wäre es noch besser gewesen, ihnen die Gurgel flott abzuschneiden.«

Als er sich wieder zeigte, klagte er über Kopfschmerz, war niedergeschlagen und fürchtete, in seiner Trunkenheit indiskret geredet zu haben. Er liebte die englische Negierung: sie war die Quelle aller Wohlfahrt und Ehre, und sein Zerr in Rampur war derselben Meinung. Hierauf verspotteten ihn die beiden und wiederholten seine früheren Reden, bis der arme Babu, aus seiner Verschanzung herausgetrieben, mit geziertem Lächeln und schlauem Blinzeln sich gezwungen sah – die Wahrheit zu sprechen. Als er später Lurgan diese Geschichte erzählte, bedauerte dieser lebhaft, nicht an Stelle der stumpfsinnigen Kulis gewesen zu sein, die, mit Strohmatten über den Köpfen, im Wasser platschend auf gutes Wetter warteten. Alle ihre Sahibs, rauh gekleidete Männer, die jedes Jahr freudig wieder in ihre auserwählten Nester hier oben kamen, hatten Diener und Köche, die oft Bergleute waren. Diese Sahibs reisten ohne jedes Gefolge. Deshalb waren sie arme Sahibs, die nicht wissen, was sich gehört: denn Kein Sahib, der seine fünf Sinne hat, würde sich von einem Bengalen beraten lassen. Aber der Bengale wußte mit ihrer Sprache umzuspringen und hatte ihnen Geld gegeben. An selbstverständliche schlechte Behandlung durch Leute ihrer eigenen Farbe gewöhnt, vermuteten sie irgendwo eine Falle und hielten sich bereit, fortzulaufen, sobald die Gelegenheit sich bot.

Durch die reine, köstlich nach frischer Erde riechende Luft leitete der Babu den Weg abwärts, stolz an der Spitze der Kulis und in Demut hinter den Fremden gehend. Seine Gedanken waren viele und verschiedene und würden seine Gefährten ungemein interessiert haben. Er war ein angenehmer Führer, stets beflissen, auf die Schönheiten des Gebietes seines königlichen Herrn aufmerksam zu machen. Er bevölkerte die Berge mit allem, was seine Gefährten zu morden wünschten – mit Thär, Steinbock, Schraubenhornziege und – Bären, so viel es ihnen beliebte. Er redete über Botanik und Ethnologie mit unschuldigster Verkehrtheit, und sein Schatz von einheimischen Legenden – er war fünfzehn Jahre hindurch Vertrauens-Agent des Staates, mußte man bedenken – war unerschöpflich.

»Dieser Kerl ist wahrhaftig ein Original,« sagte der Größere der beiden Fremden.

»Er repräsentiert im Kleinen das Indien des Übergangs,« sagte der Russe, »das monströse Zwittertum von Ost und West. Wir verstehen mit Orientalen umzugehen.«

»Er hat sein eigenes Vaterland verloren und kein neues gewonnen. Er haßt seine Eroberer gründlich. Höre, er vertraute mir in letzter Nacht« – usw.

Unter dem gestreiften Sonnenschirm strengte Hurree Babu Kopf und Ohr an, dem rasch gesprochenen Französisch zu folgen, und hatte daneben beide Augen auf ein Zelt voll von Karten und Dokumenten gerichtet – extra groß und doppelt bedeckt mit geöltem roten Leinen. Er wollte nicht gerade stehlen. Er wollte nur wissen, was zu stehlen wäre, und – wenn es gestohlen wäre – wie damit fortzukommen. Er dankte allen Göttern von Hindostan und Herbert Spencer, daß einige Wertsachen zu stehlen vorhanden waren.

Am zweiten Tage stieg der Weg steil aufwärts zu einem grasbedeckten Gebirgsvorsprung, und hier, ungefähr am Sonnenuntergang, trafen sie einen alten Lama – die Fremden nannten ihn einen Bonzen – der mit gekreuzten Beinen vor einer geheimnisvollen, mit Steinen niedergehaltenen Karte saß, die er einem jungen Manne, augenscheinlich ein Neophit von besonderer, wenn auch ungewaschener Schönheit, erklärte. Der gestreifte Sonnenschirm war schon weithin in Sicht gewesen, und Kim hatte vorgeschlagen, auszuruhen, bis – er sie erreichte.

Hurree Babu, erfinderisch wie der gestiefelte Kater, rief, auf die Gruppe weisend: »Ah! Da ist eminent heiliger Mann dieser Gegend. Vermutlich Untertan meines königlichen Herrn.«

»Was macht er da? Es ist höchst sonderbar.«

»Er erklärt ein heiliges Bild – ganz Handarbeit.« Die Nachmittags-Sonne, die schon niedrig stehend, das Gras goldrot färbte, floß auch über die unbedeckten Köpfe der beiden Männer. Die verdrossenen Kulis, froh der Unterbrechung, standen still und warfen ihre Ladung ab.

»Schau,« sagte der Franzose, »es ist wie ein Bild bei dem Ursprung einer neuen Religion – der erste Lehrer und der erste Schüler. Ist er ein Buddhist?«

»Von irgend einer untergeordneten Art,« meinte der andere. »In den Bergen leben keine wahren Buddhisten. Aber betrachte die Falten seines Gewandes. Und seine Augen – wie unverschämt! Es ist, als wollten sie uns fühlen lassen, wie unreif wir noch sind!« Der Sprecher schlug ungeduldig gegen ein hohes Gestrüpp.

»Bis jetzt haben wir noch nirgendwo unsere Spur hinterlassen; das , siehst Du, quält mich.« Er blickte finster auf des Lamas friedliches Gesicht und die monumentale Ruhe seiner Haltung.

»Habe Geduld. Wir werden beide unsere Spur noch hinterlassen – wir – unreifes Volk. Zeichne doch inzwischen sein Bild ab.«

Der Babu trat würdevoll heran. Seine Haltung und ehrerbietige Sprache stand wenig im Einklang mit seinem Blinzeln gegen Kim.

»Heiliger, dies sind Sahibs. Meine Medizin half ihnen gegen Rheumatismus, und ich gehe mit nach Simla, um ihre Genesung zu überwachen. Sie wünschen, Dein Bild Zu betrachten.«

»Die Kranken zu heilen, ist wohlgetan,« sprach der Lama. »Dies ist das Rad des Lebens, dasselbe Bild, das ich Dir in der Hütte zu Ziglaur zeigte, als der Regen fiel.«

»Und Dich es erklären zu hören.« –

Des Lamas Augen leuchteten auf bei der Aussicht auf neue Zuhörer. »Es ist gut, den höchst Vortrefflichen Weg zu demonstrieren. Haben sie Kenntnis des Hindi, so wie der Hüter der Bildnisse?«

»Ein wenig, vielleicht.«

Der Lama bog den Kopf zurück und, einfach wie ein Kind, das sich in ein neues Spiel vertieft, begann er mit voller Stimme die Anrufung, die der Doktor der Theologie der Lehre voraus gehen läßt. Die Fremden lauschten, auf ihre Alpenstöcke gelehnt. Kim, demütig am Boden hockend, sah nach dem roten Sonnenlicht auf ihren Gesichtern und dem Ineinanderfließen und Schwinden ihrer langen Schatten. Sie trugen unenglische Leder-Gamaschen und sonderbare Gürtelriemen, die ihn dunkel an die Bilder in einem Buch der Bibliothek von St. Xavier erinnerten: »Abenteuer eines jungen Naturforschers in Mexiko,« war der Titel. Ja, sie sahen ähnlich aus wie der köstliche M. Sumichrast der Erzählung und durchaus nicht wie so »hoch gewissenloses Volk« laut Hurree Babus Einbildungskraft. Die erdfarbenen Kulis hockten stumm und ehrerbietig in angemessener Entfernung, und der Babu, dessen leichtes Gewand wie eine Feldfahne im feuchten Winde flatterte, stand da mit der Miene des glücklichen Besitzers.

»Das sind die Leute,« flüsterte Hurree Kim zu, als das Ritual fortschritt und die beiden Weißen dem Strohhalm folgten, der von der Hölle zum Himmel und wieder rückwärts wies. »Alle ihre Bücher sind in dem großen Zelt mit der rötlichen Decke – Bücher, Berichte und Karten – und ich sah einen Königsbrief, den entweder Hilás oder Benár geschrieben hat. Sie bewahren ihn sehr sorgsam. Sie haben nichts zurückgesendet von Leh oder Hilás; das ist sicher.«

»Wer ist bei ihnen?«

»Nur die Bettel-Kulis. Sie haben keine Diener. Sie sind so verschlossen. Sie kochen ihr Essen selbst.«

»Aber was habe ich zu tun?«

»Warte ab und sieh. Nur, wenn mir etwas Menschliches begegnet, so weißt Du, wo die Papiere sind.«

»Diese Sache läge besser in Mahbub Alis Hand, als in eines Bengalen,« meinte Kim verächtlich.

»Es gibt mehr Wege zum Liebchen hinaufzugelangen, als an der Wand hinaufzuklettern.«

»Seht hier die Hölle, für Habsucht und Geiz bestimmt. Auf der einen Seite die Begierde, auf der anderen Seite die Ungeduld.« Der Lama wurde warm bei seinem Vortrag, und einer der Fremden zeichnete ihn in dem rasch schwindenden Licht.

»Jetzt ist’s genug,« sagte der Mann plötzlich in brüsker Weise. »Ich kann ihn nicht verstehen, aber ich will das Bild haben. Er ist ein größerer Künstler als ich. Frage ihn, ob er es verkaufen will.«

»Er sagt »Nein, Sar,« berichtete der Babu. Der Lama würde eben so wenig seine Karte einem zufällig getroffenen Fußwanderer überlassen haben, als ein Erzbischof die heiligen Gefäße seiner Kathedrale verpfänden würde. Tibet ist voll von billigen Darstellungen des Rades; der Lama aber war nicht nur ein Künstler, sondern auch ein reicher Abt in seiner Heimat.

»Vielleicht in drei Tagen oder in vier oder in zehn Tagen, wenn ich sehe, daß der Sahib ein Sucher ist und von gutem Verständnis – werde ich selbst ihm ein anderes malen. Dieses aber ist für die Unterweisung eines Novizen bestimmt. Sage ihm das, Babu.«

»Er wünscht es aber gleich zu haben – für Geld.«

Der Lama schüttelte langsam sein Haupt und faltete die Karte zusammen. Der Russe sah nur einen schmutzigen alten Mann wegen eines schmutzigen Stückes Papier schachern. Er zog eine Handvoll Rupien aus der Tasche und griff, halb scherzend, nach der Karte, die beim Festhalten des Lamas zerriß. Ein leises Murmeln des Entsetzens kam von den Kulis her. Sie waren aus Spiti und dem Anschein nach gute Buddhisten. Der Lama erhob sich bei der Kränkung; seine Hand faßte nach dem eisernen Federkasten, der die Waffe des Priesters ist; und der Babu tanzte vor Aufregung.

»Nun siehst Du es – siehst Du es, warum ich Zeugen haben wollte. Sie sind höchst vorurteilsfreie Leute. O, Sar! Sar! Ihr dürft keinen heiligen Mann beleidigen?«

»Chela, er hat das Geschriebene Wort entweiht.«

Und ehe Kim ihn abwehren konnte, hatte der Russe den alten Mann ins Gesicht geschlagen. Im nächsten Augenblick aber rollte er kopfüber den Berg hinab, Kims Hand an seiner Kehle. Der Schlag hatte alle bisher unbekannten irischen Teufel wach gerufen in des Knaben Blut und der plötzliche Fall seines Feindes tat das Übrige. Der Lama, halb betäubt, sank auf die Kniee. Die Kulis flohen mit ihrer Last so rasch bergan, wie es Talbewohner nur in der Ebene können. Sie hatten eine ungeheuere Gotteslästerung gesehen, und sie mußten fliehen, ehe die Götter und Teufel der Hügel Rache nahmen. Der Franzose stürzte, nach seinem Revolver tappend, auf den Lama zu, mit der unklaren Idee, ihn zum Geisel für seinen Gefährten zu machen. Ein Schauer von scharfen Steinen – Gebirgler sind gute Zieler – trieb ihn fort und ein Kuli von Ao-chung riß den Lama mit in die Flucht hinein. Das Alles hatte sich so schnell abgespielt wie die Abenddämmerung im Hochgebirge.

»Sie haben die Bagage mitgenommen und alle Flinten,« brüllte der Franzose und feuerte blindlings in das Halbdunkel hinaus.

»Wohl wahr, Sar! Wohl wahr! Aber schießt nicht! Ich muß zur Hilfe eilen.« Und Hurree, den Abhang hinunter stampfend, purzelte buchstäblich über den erstaunten, aber entzückten Kim, der gerade den Kopf seines atemlosen Feindes gegen einen Felsen bumste.

»Geh zurück zu den Kulis,« flüsterte der Babu ihm ins Ohr. »Sie haben das Gepäck. Die Papiere sind in dem Zelt mit der roten Decke; aber sieh sie alle durch. Nimm ihre Papiere und besonders den Murasla (Königsbrief). Geh! Der andere kommt!«

Kim kletterte aufwärts. Eine Revolverkugel schlug ihm zur Seite gegen den Felsen an; er kauerte, wie ein Rebhuhn, nieder.

»Wenn Ihr schießt,« schrie Hurree nach oben, »werden die Kulis herunterkommen und uns vernichten. Den andern Herrn habe ich gerettet, Sar. Dies ist eine ganz besonders gefährliche Geschichte.«

»Donnerwetter!« Kim dachte englisch. »Dies ist eine verdammt kritische Lage; aber es ist Selbstverteidigung.« Er faßte nach Mahbubs Geschenk auf seiner Brust, und unsicher – er hatte die Waffe noch nie gebraucht, abgesehen von einigen Versuchsschüssen in der Wüste von Bikaner – drückte er den Revolver ab.

»Was habe ich gesagt, Sar!« Der Babu schien zu weinen.

»Kommt herunter und helft mir, ihn wieder ins Leben zu rufen. Unser aller Leben hängt an einem Haar, sag ich Euch.«

Das Schießen hörte auf. Man hörte polternde Schritte, und Kim eilte aufwärts durch die Dunkelheit, fluchend wie ein Eingeborener und fauchend wie eine Katze.

»Haben sie Dich verwundet, Chela?« erklang des Lamas Stimme über ihm.

»Nein. Und Du?« Er verschwand in einer Gruppe verkrüppelter Föhren.

»Nicht verwundet. Komm hinweg. Wir gehen mit diesen Leuten nach Shamlegh – unter – dem – Schnee.«

»Aber nicht ehe wir Gerechtigkeit geübt haben,« rief eine Stimme. »Ich habe die Flinten der Sahibs, alle vier. Laßt uns hinunter gehen.«

»Er schlug den Heiligen – wir sahen es! Unser Vieh wird unfruchtbar werden – unsere Weiber werden aufhören zu gebären! Der Schnee wird auf uns niederfallen, wenn wir heimwärts gehen …«

Die aufgeregten Kulis drängten sich in den Föhren zusammen, in ihrer Furcht und Panik waren sie zu allem fähig. Der Mann aus Ao-chung ruckte ungeduldig am Schlußhahn seines Gewehres und wollte hinuntersteigen.

»Warte ein wenig. Heiliger; sie sind noch nicht weit fort; warte, bis ich wiederkomme.«

»Ich bin es, der Unrecht erlitten hat,« sprach der Lama, die Hand an die Stirn legend.

»Darum eben,« war die Antwort.

»Wenn ich es übersehe, sind Euere Hände rein, überdies, Ihr erwerbt Verdienst durch Gehorsam.«

»Warte,« beharrte der Mann, »wir wollen nachher zusammen nach Shamlegh gehen.«

Einen Augenblick, kaum so lange wie man eine Patrone in den Verschluß des Gewehrs schiebt, zögerte der Lama. Dann stand er auf und legte einen Finger auf des Mannes Schulter.

»Hast Du gehört? Ich sage, es soll nicht getötet werden – ich – der Abt von Such-zen war. Trägst Du Verlangen, als Ratte wiedergeboren zu werden oder als Schnecke unter dem Efeu – als Wurm im Leib des niedrigsten Tieres – Ist es Dein Wunsch, zu –«

Der Ao-chunge fiel auf seine Knie, denn die Stimme dröhnte wie ein tibetanischer Teufels-Gong.

»Ai! Ai!« schrien die Spiti-Männer, »verwünsche uns nicht – verwünsche ihn nicht. Es war nur sein Eifer, Heiliger! … Wirf das Gewehr von Dir, Narr!«

»Unwille auf Unwille! Übel auf Übel! Es soll nicht getötet werden. Laßt die Priester-Schläger in die Sklaverei ihrer eigenen Taten gehen. Gerecht und untrüglich ist das Rad und weicht nicht ein Haarbreit ab! Sie werden noch viele Male wiedergeboren werden – in Qual.« Sein Kopf sank nieder und er stützte sich schwer auf Kims Schulter.

»Ich kam nahe an großes Unrecht, Chela,« sprach er leise in dem Schweigen unter den Föhren. »Ich war in Versuchung, die Kugel abzuschießen; und wahr ist es, in Tibet würde ein schwerer und ein langsamer Tod ihr Los gewesen sein … Er schlug mich ins Gesicht… auf das Fleisch …« Er glitt schwer atmend auf den Boden nieder und Kim hörte das überanstrengte Herz klopfen und aussetzen.

»Haben sie ihn zu Tode getroffen?« fragte der Ao-chunge und die andern standen stumm dabei.

Kim kniete in tödlicher Angst neben dem Körper. »Nein,« rief er endlich leidenschaftlich, »es ist nur Schwäche.« Er besann sich, daß er ein weißer Mann war und daß weißer Männer Hilfsmittel in seiner Hand waren.

»Öffnet die Zelte!« rief er. »Die Sahibs werden Arznei haben.«

»Oho! Die kenne ich,« lachte der Mann. »Nicht umsonst war ich fünf Jahre Pankling Sahibs Shikarri. Ich habe sie auch geschmeckt. Schaut her!«

Er zog aus seiner Brust eine Flasche billigen Whiskys, wie er in Leh Pfadfindern verkauft wird, und goß geschickt ein wenig zwischen des Lamas Zähne.

»So machte ich es, als Pankling Sahib sich jenseits Astor den Fuß verstauchte. Oho! Ich habe schon in ihre Körbe geschaut – in Shamlegh wollen wir redlich teilen. Gebt ihm etwas mehr. Es ist gute Medizin. Fühlt, sein Herz geht schon besser. Legt seinen Kopf nieder und reibt ihm die Brust ein wenig. Wenn er etwas gewartet hätte, bis ich die Sahibs zur Rechenschaft gezogen, würde dies nicht passiert sein. Aber vielleicht werden die Sahibs uns nun verfolgen. Dann wäre es doch keine Sünde, sie mit ihren eigenen Flinten totzuschießen, he?«

»Einer hat bereits seine Bezahlung,« murmelte Kim. »Ich trat ihm in die Rippen, als wir bergab rollten. Wollte, ich hätte ihn getötet.«

»Man kann wohl kühn sein, wenn man nicht in Rampur lebt,« sagte einer, dessen Hütte nur wenige Meilen von des Rajahs baufälligem Palaste lag. »Wenn wir uns einen schlechten Namen bei den Sahibs machen, braucht man uns nicht mehr als Shikarris.«

»Oh, aber dies sind keine Angrezi-Sahibs (Engländer), nicht freundliche Männer wie Fostum Sahib oder Yankling Sahib. Dies sind Fremde – die können nicht Angrezi sprechen, wie Sahibs tun.«

Der Lama hustete, richtete sich auf und griff nach seinem Rosenkranz.

»Es soll nicht getötet werden,« murmelte er. »Gerecht ist das Rad! Übel auf Übel –«

»Nein, Heiliger. Wir sind alle hier,« sagte der Ao-chung-Mann, schüchtern des Lamas Füße streichelnd. »Keiner soll getötet werden, wenn Du es nicht befiehlst. Ruhe ein wenig. Wir wollen hier ein kleines Lager machen und später, wenn der Mond aufgeht, gehen wir nach Shamlegh–unter–dem–Schnee.«

»Nach einem Schlag,« sprach bedeutungsvoll ein Spiti-Mann, »ist es geraten zu schlafen.«

»Es ist gleichsam ein Schwindel in meinem Hinterkopf und ein Schmerz darin. Laß mich den Kopf auf Deinen Schoß legen, Chela. Ich bin ein alter Mann, aber nicht frei von Leidenschaft … Wir müssen an die Ursache der Dinge denken.«

»Gebt ihm eine Decke. Ein Feuer dürfen wir nicht anzünden, sonst würden die Sahibs es sehen.«

»Besser ist es, nach Shamlegh zu gehen, nach Shamlegh wird uns niemand folgen,« sagte der ängstliche Rampur-Mann.

»Ich war Fostum Sahibs Shikarri, und ich bin Yankling Sahibs Shikarri. Ohne diesen verfluchten Kerl wäre ich jetzt bei Yankling Sahib. Zwei Männer sollen unten mit Gewehren aufpassen, daß die Sahibs nicht neue Torheiten machen. Ich will diesen Heiligen nicht verlassen.«

Sie setzten sich etwas entfernt vom Lama nieder und ließen eine Wasserpfeife rund gehen, deren Gefäß eine alte Whiskyflasche war. Das Glimmen der roten Kohle, als die Pfeife von Hand zu Hand ging, warf einen Schein auf die blinzenden Augen, die hohen chinesischen Backenknochen und die ochsenartigen Gurgeln, die halb in den dunklen Düffelfalten um ihre Schultern verschwanden. Sie sahen aus wie Kobolde aus einer verzauberten Grube, wie eine feierliche Versammlung von Berggeistern. Und während sie sprachen, wurden die Stimmen der Schneewasser rund umher schwächer, denn der Nachtfrost hemmte die Flüßchen und hielt sie gefangen.

»Wie er aufstand gegen uns!« sagte voll Bewunderung ein Spiti-Mann. »Ich erinnere mich, wie ein alter Steinbock am Ladakh-Wege, den Dupont Sahib in die Schulter geschossen hatte, genau so gegen uns aufstand. Dupont Sahib war ein guter Jäger.«

»Nicht so gut wie Pankling Sahib.« Der Ao-chung-Mann nahm einen Schluck aus der Whisky-Flasche und ließ sie rund gehen. »Nun hört mich – wenn Kein anderer denkt, es besser zu wissen –«

Die Herausforderung wurde nicht angenommen.

»Wenn der Mond aufgeht, gehen wir nach Shamlegh. Dort wollen wir das Gepäck ehrlich teilen. Ich bin zufrieden mit dieser kleinen neuen Flinte und allen Patronen.«

»Sind die Bären nur gefährlich, wenn sie Dich treffen?« fragte einer, der an der Pfeife sog.

»Nein; aber Moschus-Felle sind jetzt sechs Rupien das Stück wert, und Deine Weiber können das Segeltuch von den Zelten und etwas Kochgeschirr bekommen. Wir wollen das alles in Shamlegh ordnen, vor Morgengrauen. Dann gehen wir alle unserer Wege und vergessen, daß wir jemals diese Sahibs gesehen oder Dienste bei ihnen genommen haben. Wer kann dann noch sagen, daß wir ihr Gepäck gestohlen haben?«

»Das ist gut für Dich! Aber was wird unser Rajah sagen?«

»Wer soll es ihm berichten? Diese Sahibs, die unsere Sprache nicht sprechen, oder der Babu, der aus eignem Antrieb uns Geld gegeben hat? Wird der eine Armee gegen uns führen? Welcher Beweis liegt vor? Was wir nicht brauchen, werfen wir nach Shamlegh-Mitte, wo bis jetzt kein Mensch hingekommen ist.«

»Wer ist diesen Sommer auf Shamlegh? Es ist nur ein Weideplatz, mit drei oder vier Hütten.«

»Die Frau von Shamlegh. Sie liebt die Sahibs nicht. Die andern können durch kleine Geschenke gewonnen werden; und hier ist genug für uns alle.« Er klopfte auf den nächsten wohlgefüllten Korb.

»Aber – aber« –

»Ich sage Euch, sie sind keine wahren Sahibs. Alle ihre Felle und Köpfe sind im Basar von Leh gekauft. Ich kenne die Zeichen. Ich zeigte sie Euch schon auf dem letzten Marsch.«

»Wahr. Es sind alles gekaufte Felle und Köpfe. Einige hatten schon Motten.«

Das war ein schlaues Argument, und der Ao-chung-Mann kannte seine Leute.

»Im schlimmsten Fall werde ich es Yankling Sahib erzählen. Er ist ein lustiger Mann und wird lachen. Wir tun keinem Sahib, den wir kennen, Unrecht. Diese aber sind Priester-Schläger. Sie jagten uns in Furcht. Wir flohen! Wer weiß, wo wir das Gepäck fallen ließen? Meint Ihr, Yankling Sahib würde der Polizei von da unten erlauben, über seine Hügel zu laufen und sein Wild aufzustören? Es ist ein weiter Schrei von Simla nach Chini und weiter noch von Shamlegh nach Shamlegh-Mitte.«

»So mag es sein: aber ich trage das große Zelt. Den Korb mit dem roten Überzug, den die Sahibs jeden Morgen selbst packten.«

»Das ist ein Beweis, daß sie keine wahren Sahibs sind,« sagte der verschlagene Shamlegh-Mann. »Wer hat jemals gehört, daß Fostum Sahib oder Yankling Sahib oder selbst der kleine Peel Sahib, der in der Nacht aufsitzt, um Serus zu schießen, – ich sage, wer hat je gehört, daß diese Sahibs in die Zügel gekommen wären ohne einen Koch von da unten und einen Träger und – und alle Arten von wohlbezahltem, hochfahrendem und tyrannischem Volk in ihrem Gefolge? Was können diese Sahibs uns anhaben? Was ist’s mit dem Zelt?«

»Nichts. Nur, daß es voll ist von dem Geschriebenen Wort – Bücher und Papiere, in die sie selbst geschrieben haben, und sonderbare Werkzeuge, wie zum Gottesdienst.«

»Shamlegh-Mitte wird sie alle aufnehmen.«

»Wahr! Aber wenn wir dadurch die Götter der Sahibs beleidigen? Ich gehe nicht so mit dem Geschriebenen Wort um. Und ihre metallenen Götzenbilder kenne ich erst recht nicht. Sie sind keine Hausgeräte für einfältige Bergleute.«

»Der alte Mann schläft noch. Hst! Wir wollen seinen Chela fragen.« Der Ao-chung-Mann erfrischte sich wieder und blähte sich als Wortführer.

»Wir haben hier,« flüsterte er, »ein Zelt, dessen Eigenschaften wir nicht kennen.«

»Aber ich kenne sie,« sagte Kim leise. Der Lama atmete in leichtem, natürlichem Schlaf und Kim hatte über Hurrees letzte Worte nachgedacht. Als ein Spieler des Großen Spiels war er gerade jetzt geneigt, dem Babu alle Hochachtung zu zollen. »Es ist ein Zelt mit rotem Überzug, voll von wunderbaren Dingen, die Toren nicht in Händen haben sollten.‘

»Sagte ich es nicht?« Sagte ich es nicht?« rief der Träger des Ballens. »Glaubst Du, es wird uns verraten?«

»Nicht, wenn man es mir gibt. Ich will den Zauber austreiben. Sonst aber kann es großes Unheil bringen.«

»Ein Priester nimmt immer seinen Anteil.« Der Whisky demoralisierte den Ao-chung-Mann.

»Mir liegt nichts daran,« antwortete Kim, mit der Schlauheit seines Mutterlandes. »Teilt es unter Euch und sehet, was kommt.«

»Nicht ich. Ich scherzte nur. Gib den Befehl. Es ist mehr als genug für uns alle da. Wir gehen unseres Weges gegen Shamlegh im Morgendämmern.«

Sie verabredeten immer von neuem ihre harmlosen kleinen Pläne und Kim erschauerte vor Kälte und Stolz. Der Humor der Situation kitzelte das Irische und das Orientalische in seiner Seele. Die Emissäre gefürchteter nordischer Mächte, vielleicht so hochstehend in ihrem eigenen Lande wie Mahbub oder Oberst Creighton hier, lagen plötzlich hilflos niedergeworfen. Einer von ihnen, das wußte er allein, würde für einige Zeit lahm sein. Sie hatten Königen Versprechungen gemacht. Diese Nacht lagen sie irgendwo da unten, ohne Wagen, ohne Nahrung, ohne Zelt, ohne Gewehre – und wäre Hurree Babu nicht bei ihnen, auch ohne Führer. Und dieser Zusammenbruch ihres Großen Spiels (Kim fragte sich, wem sie es wohl berichten würden), diese kopflose Flucht durch die Nacht war weder durch eine List Hurree Babus noch durch einen Anschlag Kims herbeigeführt; nur einfach, hübsch und unvermeidlich: wie die Gefangennahme von Mahbubs Fakir-Freunden durch einen eifrigen jungen Polizeibeamten zu Umballa.

»Da liegen sie – und haben nichts; und beim Zeus! es ist kalt. Und hier bin ich mit all ihren Sachen. Wie wütend sie sein werden! Um Hurree tut es mir leid.«

Das Mitleid für den Bengalen hätte er sparen können, denn wenn Hurree auch körperlich litt, so war er doch aufgebläht vor Stolz. Eine Meile bergabwärts, an der Grenze des Kiefernwaldes traktierten zwei halb erfrorene Männer (der eine von ihnen von heftigen Schmerzen geplagt) sich gegenseitig mit heftigen Beschuldigungen und schimpften nebenbei auf den Babu, der vor Schrecken erstarrt schien. Sie forderten von ihm einen Operationsplan. Er erklärte: Sie könnten zufrieden sein, daß sie überhaupt noch lebten; daß ihre Kulis, wenn sie nicht heimlich hinterher schlichen, jetzt nicht mehr zu erreichen wären; daß der Rajah, sein Herr, neunzig Meilen weit weg wäre und ebenso weil entfernt, ihnen Geld zu borgen, als ihnen ein Gefolge nach Simla zu geben; daß er vielmehr sie ins Gefängnis sperren würde, wenn er erführe, daß sie einen Priester geschlagen hätten. Er verbreitete sich weitläufig über diese Sünde und deren mögliche Folgen, bis sie ihm befahlen, von etwas anderem zu sprechen. Ihre einzige Hoffnung, sagte er darauf, wäre eine bescheidene Flucht von Dorf zu Dorf, bis sie zivilisierte Gegenden erreichten, und zum hundertsten Mal, mit strömenden Tränen, richtete er an die hohen Sterne die Frage: »Warum die Sahibs einen heiligen Mann geschlagen.«

Zehn Schritte in die Dunkelheit hinein hätten genügt, Hurree aus ihrem Bereich und in ein Dorf zu bringen, wo er Obdach und Speise gefunden hätte und wo glattzüngige Doktoren seltene Gäste waren. Aber er zog es vor, trotz Kälte, Magenknurren, Schimpfreden und gelegentlicher Schläge, in der Gesellschaft seiner geehrten Dienstherren zu bleiben. Gegen einen Baumstumpf zusammengedrückt, schnuffelte er kummervoll »Und hast Du bedacht,« fragte der Nichtverwundete heftig, »welche Art Schauspiel wir geben würden, wenn wir durch diese Berge kriechen, zwischen diesen Ureinwohnern herum?«

Hurree Babu hatte die letzten Stunden an nichts anderes gedacht: aber die Frage war nicht an seine Adresse gerichtet.

»Wir können nicht weit kommen! Ich kann kaum gehen,« stöhnte Kims Opfer.

»Vielleicht wird der heilige Mann barmherzig sein in versöhnlicher Liebe, Sar – sonst –«

»Ich verspreche mir ein besonderes Vergnügen davon, meinen Revolver in den jungen Bonzen zu entleeren, sobald ich ihn wieder treffe,« war die unchristliche Antwort.

»Revolver! Rache! Bonze!« Hurree kroch in sich zusammen. Der Krieg schien von neuem auszubrechen.

»Denkst Du nicht an unsern Verlust? Das Gepäck! Unsere Sachen!« Er hörte den Sprecher buchstäblich tanzen vor Wut. »Alles was wir trugen! Alles was wir gespart! Unser Gewinn! Die Arbeit von acht Monaten! Begreifst Du, was das sagen will? »Sicher, wir verstehen mit Orientalen umzugehen!« Oh, Du hast es gut gemacht!«

Sie zankten sich in verschiedenen Sprachen. Hurree lächelte. Kim war bei den Zelten, und in den Zelten lagen acht Monate guter Diplomatie. Es war nicht möglich, sich mit dem Knaben in Verbindung zu setzen, aber er war zuverlässig. Im übrigen würde er die Regie der Reise durch die Berge so führen, daß Hilas, Bunar und noch vierhundert Meilen Hügelstraße die Geschichte genau behalten würden mindestens für eine Generation. Leute, die nicht einmal ihre eigenen Kulis beaufsichtigen können, werden in den Bergen nicht respektiert und der Gebirgler hat sehr viel Sinn für Humor.

»Wenn ich es selbst getan hätte,« dachte Hurree, »hätte es nicht besser gehen können; und nun wo ich es überlege, verflucht! habe ich es selbst arrangiert. Wie geschickt ich es gemacht habe! Ich dachte es aus, als ich eben den Hügel hinabrannte. Die Beleidigung war ein Zufall, aber ich allein – habe sie ausgenutzt – ha! Sie war es verdammt wert! Bedenke den moralischen Effekt auf dieses unwissende Volk! Keine Verträge – keine Papiere – keine geschriebenen Dokumente – und ich als Vermittler für sie! Wie ich mit dem Oberst lachen will! Ich möchte ihre Papiere auch haben, aber man kann nicht zu gleicher Zeit auf zwei Plätzen im Räume sein – das ist leider klar!«

Ein Roman aus dem gegenwärtigen [1901] Indien

Ein Roman aus dem gegenwärtigen [1901] Indien

Kim

Am 12. Juli 1899 übertrug Rudyard Kipling der Firma Vita, Deutsches Verlagshaus, G. m. b. H., Berlin-Charlottenburg, das ausschließliche Veröffentlichungsrecht seiner künftigen Werke für die deutsche Sprache

Kapitel 1.

Kapitel 1.

Er saß, in trotziger Mißachtung der behördlichen Vorschriften, rittlings auf der Kanone Zam-Zammah, die auf ihrem Ziegel-Unterbau gegenüber dem alten Ajaib-Gher stand – dem Wunderhaus – wie die Eingeborenen das Museum von Lahore nennen. Wer Zam-Zammah, »den feuerspeienden Drachen«, im Besitz hat, besitzt das Punjab; denn das mächtige, grünbronzene Geschütz ist immer des Siegers erste Beute.

Eine Rechtfertigung gab es für Kim – er hatte Lala Dinanaths Sohn von den Kurbellagern heruntergetreten – da den Engländern das Punjab gehörte – und Kim war Engländer. Obgleich so schwarz gebrannt, wie ein Eingeborener, obgleich mit Vorliebe die Landessprache gebrauchend und seine Muttersprache in einem undeutlichen Singsang radebrechend; obschon auf völligem Gleichheitsfuße mit den kleinen Bazar-Buben verkehrend, war Kim doch ein Weißer – ein armer Weißer – von den Allerärmsten einer. Die Halbblut-Frau, die ihm Quartier gab (sie rauchte Opium und behauptete, einen Möbelhandel aus zweiter Hand an dem Platz, wo die billigen Mietwagen stehen, zu betreiben), sagte den Missionären, sie sei Kims Mutterschwester. Seine Mutter aber war Kindermädchen in der Familie eines Obersten gewesen und hatte Kimball O’Hara geheiratet, einen jungen Fahnen-Unteroffizier von den Mavericks, einem irischen Regiment. Dieser nahm später Dienst bei der Sind-Punjab-Delhi-Eisenbahn, und sein Regiment ging ohne ihn heimwärts. O’Haras Weib starb in Ferozepore an der Cholera; er ergab sich dem Trunk und trieb sich mit dem dreijährigen, blitzäugigen Kinde an der Bahnlinie herum. Vereine und Geistliche, um den Knaben besorgt, suchten ihn einzufangen. Aber O’Hara machte sich stets aus dem Staube, bis er endlich auf das Weib traf, das Opium rauchte, von ihr diese Liebhaberei lernte und starb, so wie arme Weiße in Indien sterben. Seine Hinterlassenschaft bestand aus drei Schriftstücken; das eine nannte er sein » ne varietur « weil dies Wort unter seinem Namenszug geschrieben stand, das andere seinen Entlassungsschein; das dritte war Kims Geburtsschein. »Diese Dinger«, so pflegte er in seinen glorreichen Opiumstunden zu sagen, »würden den kleinen Kimbali noch zu einem Manne machen.« Auf keinen Fall dürfte Kim sich von den Papieren trennen, denn sie wirkten durch Magie – eine Magie, wie sie die Männer drüben hinter dem Museum übten, in dem großen blau und weißen Jadoo-Gher – dem magischen Hause – was wir Freimaurer-Loge nennen). Es würde, sprach O’Hara, eines Tages alles zum Rechten kommen und Kims Horn würde hoch erhoben zwischen Säulen hängen – ungeheuren Säulen – starken und schönen. Der Oberst selbst, an der Spitze des stolzesten Regimentes der Welt reitend, würde Kim aufwarten – dem kleinen Kim – der es besser haben sollte, als sein Vater. Neunhundert Teufel erster Klasse, deren Gott ein Roter Ochse auf grünem Felde war, würden Kim dienen, wenn sie nicht O’Hara vergessen hätten – den armen O’Hara, den Vorarbeiter auf der Strecke von Ferozepore. Dabei pflegte er in seinem zerbrochenen Binsenstuhl auf der Veranda bitterlich zu weinen. So geschah es, daß nach seinem Tode das Weib Pergament, Papier und Geburtsschein in ein ledernes Amulett-Etui einnähte und es Kim um den Hals hängte.

»Und eines Tages,« sprach sie, sich der Prophezeihung O’Hara’s verworren erinnernd, »wird ein großer roter Ochse auf grünem Felde zu Dir kommen und ein Oberst, auf hohem Pferde reitend, ja, und« – in’s Englische fallend – »neunhundert Teufel.«

»O,« rief Kim, »ich werde daran denken. Ein roter Ochse wird kommen und ein Oberst zu Pferde. Aber vorher, sagte mein Vater, kommen die zwei Männer, die den Grund klar machen für die Ereignisse. So machen sie’s immer, sagte mein Vater, wenn Männer Magie treiben.«

Hätte die Frau Kim mit seinen Papieren nach dem Orts-»Jadoo-Gher« gesandt, so würde er sicher von der Provinzial-Loge übernommen und in das Freimaurer-Waisenhaus im Gebirge geschickt worden sein; aber was sie von Magie gehört, machte sie mißtrauisch. Auch Kim hatte seine eigenen Ansichten. Als er in die Flegeljahre kam, ging er Missionaren und weißen Leuten von ernstem Aussehen, die zu fragen pflegten, wer er sei und was er treibe, geflissentlich aus dem Wege. Denn Kim trieb, mit großartigem Erfolge, gar nichts. Zwar die wundervolle, wallumgürtete Stadt Lahore kannte er durch und durch, vom Delhi-Tor bis zum äußersten Festungsgraben; zwar stand er auf Du und Du mit Leuten, die ein so seltsames Leben führten, wie selbst Harun al Raschid es sich nicht hätte träumen lassen; zwar lebte er selbst ein so seltsames Leben, wie in »Tausend und eine Nacht« – aber die Missionare und Beamten von wohltätigen Anstalten hätten dies alles ja nicht zu würdigen gewußt. Im Stadtbezirk war sein Spitzname »Kleiner Allerweltsfreund«. Da er klein und unauffällig war, hatte er sehr oft nächtliche Botschaften auf den belebten Hausdächern von fashionablen, geschniegelten jungen Herren auszurichten. Es waren Intriguen, natürlich – er wußte das nur zu genau, hatte er doch, seit er sprechen konnte, alles Böse kennen gelernt. Er lieble solche Streiche um ihrer selbst willen; dies heimliche Umherstreifen durch dunkle Winkel und Gäßchen, das verstohlene Hinaufschleichen durch ein Wasserrohr, den Anblick und die Laute der Frauenwelt auf den flachen Dächern und die ungestüme Flucht von Dach zu Dach im Schutze der schwülen Dunkelheit. Dann gab es heilige Männer, mit Asche beschmierte Fakire, unter ihren steinernen Schreinen bei den Bäumen am Flußufer, mit denen er ganz familiär stand. Er begrüßte sie, wenn sie von ihren Bettelreisen zurückkehrten, und, wenn es niemand sah, aß er auch mit ihnen aus derselben Schüssel.

Die Frau, die ihn in Obhut hatte, flehte unter Tränen, er solle europäische Kleider tragen: Hosen, ein Hemd und einen Schlapphut. Kim zog es vor, in ein Hindu- oder Mohammedaner-Gewand zu schlüpfen, wenn er in gewissen Geschäften unterwegs war. Einer der jungen, fashionablen Männer – es war derselbe, der in der Nacht des Erdbebens auf dem Grunde eines Brunnens tot aufgefunden wurde – hatte ihm einst einen vollständigen Anzug aus Hindu-Stoff, das Kostüm eines Straßenjungen niederer Kaste, gegeben. Kim verbarg es heimlich zwischen einigen Balken auf Nila Rams Zimmerplatz, hinter dem Punjab-Gerichtshof, dort, wo die wohlriechenden Deodar-Klötze zum Austrocknen lagerten, nachdem sie den Ravi herabgetrieben. Wenn Aussicht auf Geschäfte oder Schelmenstreiche bevorstand, holte Kim seinen verborgenen Besitz hervor und kehrte erst beim Morgengrauen zurück in die Veranda, erschöpft vom Jubilieren hinter einer Heiratsprozession her oder vom Schreien bei einer Hindu-Festlichkeit. Zuweilen fand er einen Happen im Hause, öfter aber nicht; dann ging er wieder fort und aß mit seinen eingeborenen Freunden.

Er trommelte mit den Hacken gegen Zam-Zammah und unterbrach bisweilen sein »König vom Schloß«-Spiel mit dem kleinen Chota Lal und Abdullah, des Kuchenbäckers Sohn, um dem eingeborenen Polizisten, der die Reihe von Schuhen vor dem Museum zu bewachen hatte, Grobheiten zuzurufen. Der dicke Punjabmann lächelte nachsichtig. Er kannte Kim schon lange – ebenso der Wasserträger, der die trockene Straße aus seinem ziegenledernen Sack besprengte. Auch der Jawahir Singh, der Museums-Tischler, der über neuen Packkisten gebückt dastand, war ein alter Bekannter Kims, wie überhaupt jedermann rundherum, ausgenommen die Bauern vom Lande, die nach dem Wunderhause kamen, um die Dinge anzustaunen, die in ihrer eignen Provinz ebenso wie auch anderswo angefertigt wurden. Das Museum war bestimmt für die Erzeugnisse indischer Kunst und Industrie. Wer etwas erklärt haben wollte, konnte den Direktor fragen.

»Herunter! Herunter mit Dir! Ich will hinauf,« schrie Abdullah, auf Zam-Zammah’s Rad kletternd.

»Dein Vater war Pastetenkoch. Deine Mutter stahl das »Ghi«, . sang Kim. »Alle Muselmänner sind längst von Zam-Zammah heruntergefallen.«

»Laß mich hinauf!« kreischte der kleine Chota Lal, unter seiner goldgestickten Mütze. Sein Vater war vielleicht eine halbe Million Sterling wert; aber Indien ist das einzige demokratische Land der Welt.

»Die Hindu sind auch von Zam-Zammah herabgefallen. Die Muselmänner stießen sie herunter. Dein Vater war Pastetenkoch« – Er hielt inne, denn um die Ecke, vom geräuschvollen Moti-Bazar her, kam schwerfälligen Ganges ein Mann, wie ihn Kim, der alle Kasten zu kennen glaubte, nie zuvor gesehen. Er war nahezu sechs Fuß hoch und gekleidet in dunkelbraunen Stoff, der, einer Pferdedecke ähnlich, Falte auf Falte schlug; und nicht eine Falte konnte Kim in Zusammenhang bringen mit irgendeinem ihm bekannten Geschäft oder Handwerk. An seinem Gürtel hing ein eiserner Federbehälter von durchbrochener Arbeit und ein hölzerner Rosenkranz, wie ihn heilige Männer tragen. Auf dem Haupte hatte er eine Art riesiger spitzer Deckelmütze mit einem Knopf in der Mitte. Sein Gesicht war gelb und runzelig wie das von Fook Shing, dem chinesischen Schuhmacher im Bazar. Seine Augen zogen sich nach den Winkeln aufwärts und sahen aus wie kleine Spalten aus Onyx.

»Wer ist das?« fragte Kim seine Kameraden.

»Vielleicht ist es ein Mann,« sprach Abdullah hinstarrend, den Finger im Munde.

»Ohne Zweifel,« erwiderte Kim; »aber es ist ein Inder, wie ich ihn noch nie sah.«

»Ein Priester vielleicht,« meinte Chota Lal, den Rosenkranz erspähend. »Sieh, er geht in das Wunder-Haus.«

»Nein, nein,« sagte der Polizist kopfschüttelnd. »Ich verstehe Deine Rede nicht.« Der Konstabler sprach Punjabi. »He, Du! Allerweltsfreund! was sagst Du?«

»Schicke ihn hierher,« rief Kim, von Zam-Zammah herab kletternd und seine nackten Füße schwenkend. »Er ist ein Fremder und Du bist ein Büffel.«

Der Mann drehte sich hilflos um und schob sich zu dem Knaben hin. Er war alt, und sein wollenes Obergewand dunstete noch von dem übelriechenden Wermut der Gebirgspässe.

»O, Kinder, was ist dies große Haus?« fragte er in sehr klarer Urdusprache.

»Das Ajaib-Gher, das Wunder-Haus.« Kim gab ihm keinen Titel, wie Lala oder Mian, denn er konnte des Mannes Glaubensbekenntnis nicht erraten. »Ah! Das Wunder-Haus! Kann da ein jeder eintreten?«

»Es steht über der Pforte geschrieben – jeder kann eintreten.«

»Ohne Bezahlung?«

»Ich gehe ein und aus. Und ich bin kein Bankier,« lachte Kim.

»Ach! Ich bin ein alter Mann, ich wußte es nicht.« Dann, seinen Rosenkranz fingernd, wandte er sich halb dem Museum zu.

»Welcher Kaste gehörst Du an? Wo ist Dein Haus? Kommst Du von ferne her?« fragte Kim.

»Ich kam über Kulu, von jenseits der Kailas – aber was wißt Ihr von den Bergen, wo« – er seufzte – »Luft und Wasser frisch und kühl sind.«

»Aha! Khitai« (ein Chinese), sagte Abdullah stolz. Fook Shing hatte ihn einmal aus seinem Laden gejagt, weil er nach dem Joß (chinesischer Götze) gespieen, der über den Stiefeln thronte.

»Pahari« (ein Bergbewohner), meinte der kleine Chota Lal.

»Ach Kind! Ein Bergbewohner, von Bergen, die Du niemals sehen wirst. Hörtest Du schon von Bhotiyal (Tibet)? Ich bin kein Khitai, aber ein Bhotiya (Tibetaner), wenn Du es wissen mußt – ein Lama – oder sage in Deiner Sprache: ein Guru.«

»Ein Guru von Tibet,« rief Kim. »So einen Mann sah ich noch nie. Sind sie Hindus in Tibet?«

»Wir sind Pilger des ›mittleren Pfades‹ und leben in Frieden in unseren Land-Klöstern; ich aber zog aus, um die Vier Heiligen Plätze zu sehen, bevor ich sterbe. Nun wißt Ihr, die Ihr Kinder seid, so viel als ich, der ich alt bin.« Er lächelte wohlwollend auf die Knaben hernieder.

»Hast Du gegessen?«

Er tappte auf seiner Brust herum und zog eine abgenutzte, hölzerne Bettelschale hervor. Die Knaben nickten. Alle Priester ihrer Bekanntschaft bettelten.

»Ich mag noch nicht essen.« Er bewegte seinen Kopf wie eine alte Schildkröte im Sonnenschein. »Ist es wahr, daß so viele Bildnisse im Wunder-Hause von Lahore stehen?« Er wiederholte die letzten Worte, wie jemand, der sich eine Adresse einprägt.

»Das ist wahr,« sagte Abdullah. »Es ist voll von heidnischen ›Buts‹. Du bist wohl auch ein Götzendiener?«

»Höre nicht auf ihn ,« sprach Kim. »Das Haus gehört der Regierung und Götzendienerei gibt es nicht darin; nur einen Sahib mit einem weißen Bart. Komm mit mir, ich will Dich führen.«

»Fremde Priester fressen Knaben,« wisperte Chota Lal.

»Und er ist ein Fremder und ein But-parast (ein Götzendiener)« sagte Abdullah, der Mohammedaner.

Kim lachte. »Er ist fremd. Lauft, versteckt Euch in Eurer Mutter Schoß, dann seid Ihr sicher. Komm!«

Kim schob sich durch das Drehkreuz am Eingang, der alte Mann folgte, blieb aber bald vor Erstaunen stehen. In der Eintrittshalle standen die größeren Figuren hellenistisch-buddhistischer Skulptur, die – Gelehrte mögen wissen vor wie langer Zeit – von vergessenen Künstlern gefertigt waren, deren Hände nicht ohne Geschick nach dem rätselhaft überkommenen griechischen Stil getastet hatten. Da waren vereinigt Hunderte von Figurenfriesen in Relief, Fragmente von Statuen und Steinplatten mit Figuren, welche die steinernen Wände der buddhistischen Stupas (bienenkorbförmige Baudenkmäler) und Viharas (Klöster) der nördlichen Gegenden bedeckt hatten, um nun, ausgegraben und etikettiert, den Stolz des Museums auszumachen. Mit staunender Bewunderung wandte der Lama sich von einem zum anderen, bis er endlich in verzückter Spannung still stand vor einem Hoch-Relief, das die Krönung oder Apotheose des Buddha wiedergab. Der »Herr« war dargestellt auf einer Lotusblume sitzend, deren Blätter so tief unterhöhlt waren, daß sie fast losgelöst erschienen. Eine anbetende Korona von Königen, Tempelältesten und Buddhas aus den Vorzeiten umgab ihn. Darunter lotusbedeckte Wasser mit Fischen und Wasservögeln. Zwei Dewas mit Schmetterlingsflügeln hielten einen Kranz über seinem Haupte; zwei andere trugen den Sonnenschirm, überragt von der juwelenstrahlenden Hauptbedeckung des Bodhisat.

»Der Herr! Der Herr! Es ist Sakya Muni selbst,« sprach der Lama mit unterdrücktem Schluchzen, und er begann mit halber Stimme die wundervolle buddhistische Anrufung:

»Zu Ihm der Weg – die Lehre groß –
Den Maya trug in ihrem Schoß
Des Segens Herr – der Bhodisat!«

»Und ›Er‹ ist hier! Das höchst vortreffliche Gesetz ist auch hier. Meine Pilgerfahrt hat günstig begonnen. Und welch‘ ein Werk! Welch‘ ein Werk!«

»Dort ist der Sahib,« sagte Kim und hüpfte zwischen den Kasten der Kunstgewerbe und Industrie-Abteilung hindurch zur Seite.

Ein weißbärtiger Engländer blickte auf den Lama hin, der ihn feierlich grüßte und nach einigem Herumtasten ein Notizbuch und einen Streifen Papier zum Vorschein brachte.

»Ja, das ist mein Name,« sprach er, lächelnd auf die plumpe, kindliche Druckschrift deutend.

»Einer von uns, der die Pilgerfahrt nach den Heiligen Plätzen gemacht – er ist jetzt Abt des Lung-Cho-Klosters – gab mir dies,« stammelte der Lama. »Er sprach zu mir von ›Diesen‹.« Seine magere Hand wies zitternd rund umher.

»Willkommen denn, Lama von Tibet. Hier sind die Götterbilder; und hier bin ich,« – er blickte in des Lamas Gesicht – »um Wissen zu sammeln. Komm mit in mein Arbeitszimmer.« Der alte Mann zitterte vor Erregung.

Das Bureau war nur ein kleiner hölzerner, von der mit Skulpturen gefüllten Galerie abgeteilter Verschlag. Kim legte sich nieder, mit dem Ohr gegen einen Riß in der von der Hitze gespaltenen Tür von Zedernholz, um, seinem angeborenen Instinkte gemäß, zu horchen und zu beobachten.

Das Hauptsächlichste des Gesprächs ging über sein Verständnis. Anfangs zögernd sprach der Lama zu dem Direktor von seinem Lama-Kloster »Suchzen«, gegenüber dem Farbigen Felsen und wohl einen viermonatlichen Marsch entfernt. Der Direktor holte ein großes Buch mit Photographien herbei und zeigte ihm das genannte, auf hoher Felsspitze thronende Kloster, das auf das Riesenthal mit den vielfach getönten Felsstufen herniederschaute.

»Ei! Ei!« Der Lama setzte eine in Horn gefaßte Brille von chinesischer Arbeit auf. »Hier ist die kleine Tür, durch die wir das Holz für den Winter tragen. Und Du – der Engländer, kennst das? Der jetzt Abt von Lung-Cho ist, sagte mir, daß Ihr es wisset, aber ich glaubte es nicht. Der Herr, der Erhabene – man ehrt ihn auch hier? Und man kennt sein Leben?«

»Es ist alles in Stein gemeißelt. Komm und schaue, wenn Du ausgeruht hast.«

Der Lama schlürfte hinaus in die Haupthalle; der Direktor schritt ihm zur Seite durch die Sammlungen mit der Andacht des Verehrers und der Hochschätzung des Kunstkenners.

Ereignis auf Ereignis in der wundervollen Geschichte bezeichnete er auf den nachgedunkelten Steinen, zuweilen selbst etwas in Verlegenheit gebracht durch die ungewohnte griechische Stilart, aber entzückt wie ein Kind bei jedem neuen Fund.

Wo die Reihenfolge unterbrochen war, wie bei der Verkündigung, ergänzte der Direktor sie mit Hilfe seiner aufgestapelten französischen und deutschen Bücher, durch Photographien und Abbildungen.

Hier war der fromme Asita, Pendant des Simeon in der christlichen Geschichte, das heilige Kind auf den Knien haltend, während die Eltern andächtig lauschten; und hier waren Vorgänge aus der Legende des Vetters Devadatta. Hier war das böse Weib, das mit schändlicher Lüge den »Herrn« der Unlautbarkeit beschuldigte – hier die Predigt im Wildpark – das Wunder, von dem die Feueranbeter überwältigt wurden – und hier der Bodhisat als Prinz im Königlichen Schmuck; die wunderbare Geburt; der Tod zu Kusinara, wo der schwache Jünger in Ohnmacht sank. Fast unzählige Wiederholungen der Meditation unter dem Bodhisat-Baum fanden sich und die Anbetung der Almosen-Schale war überall zu sehen. Nach wenigen Minuten schon wußte der Direktor, daß sein Gast kein gewöhnlicher, Rosenkranzkugeln zählender Bettler, nein, ein ganzer Gelehrter war. Und sie gingen alles noch einmal durch; der Lama schnupfend, seine Brillengläser putzend und mit Eisenbahnschnelligkeit ein wunderbares Gemisch von Urdu und Tibetanisch redend. Er hatte von den Reisen der chinesischen Pilger Fo-Hian und Hwen-Thiang gehört und war begierig zu erfahren, ob Übersetzungen ihrer Berichte existierten. Mit angehaltenem Atem wendete er hilflos die Blätter von Beal und Stanislas Julien um. »Es ist alles hier – aber für mich ein verschlossener Schatz.« Dann suchte er sich zu beruhigen, um ehrfurchtsvoll den Bruchstücken zu lauschen, die ihm rasch in Urdu wiedergegeben wurden. Zum ersten Male hörte er von den Arbeiten europäischer Gelehrten, die mit Hilfe dieser und hundert anderer Dokumente die heiligen Plätze des Buddhismus festgestellt haben. Dann wurde ihm eine mächtige Karte gezeigt, fleckig, voll gelblicher Linien. Der braune Finger folgte des Direktors Stift von Punkt zu Punkt. Da war Kapilavastu, da das Königreich der Mitte und hier Mahabodhi, das Mekka des Buddhismus; und hier war Kusiganagara, der traurige Platz von des Heiligen Tod. Der alte Mann beugte für eine Weile schweigend das Haupt über die Blätter; der Direktor zündete sich eine neue Pfeife an. Kim war eingeschlafen. Als er erwachte, war die Unterhaltung noch im Flusse, aber ihm besser verständlich.

»Und so geschah es, o Brunnen der Weisheit, daß ich beschloß, nach den Heiligen Plätzen zu pilgern, die »sein« Fuß betreten. Nach dem Geburtsplatz, selbst nach Kapila; dann nach Maha Bodhi, was Buddh Gana ist – nach dem Kloster – dem Wildpark – nach dem Platz Seines Todes.«

Der Lama senkte die Stimme. »Und ich komme allein hierher. Seit fünf, sieben, achtzehn – vierzig Jahren trage ich es in meinen Gedanken, daß das Alte Gesetz nicht wohl befolgt wird. Es ist, Du weißt es, überladen mit Teufelei, Zauberei und Götzendienst. Gerade wie das Kind da draußen eben sagten ja, wie selbst das Kind sagte, mit »But parasti«.

»So ergeht es jeder Glaubenslehre.«

»Meinst Du? Die Bücher meines Klosters habe ich gelesen, und sie waren vertrocknetes Mark: und das späte Ritual, mit dem wir vom Reformierten Gesetz uns beladen haben – auch das hatte keinen Wert in diesen alten Augen. Selbst die Jünger des »Vollkommenen« leben in beständiger Fehde miteinander. Es ist alles Wahn! Ja, Maya, Wahn! Aber ich trage ein anderes Verlangen« – das gefurchte gelbe Gesicht näherte sich ganz dicht dem des Direktors und der lange Nagel des Zeigefingers tippte auf den Tisch – »Eure Gelehrten sind in diesen Büchern den Heiligen Füßen auf allen Wanderungen gefolgt; aber es gibt Dinge, denen sie nicht nachgeforscht haben. Ich weiß nichts – nichts weiß ich – aber ich gehe mich frei zu machen von dem Rad der Dinge, auf einem offenen, breiten Wege.« – (Rad der Dinge ist ein buddhistischer Begriff der Wiederkehr alles Seienden bis zur Erlösung.) Er lächelte mit naivem Triumph. »Als Pilger nach den Heiligen Plätzen erwerbe ich Verdienst. Aber es bleibt mehr zu tun. Höre auf ein wahres Wort. Da unser gnadenreicher Herr noch ein Jüngling war und eine Lebensgefährtin suchte, meinten die Männer an Seines Vaters Hof, daß Er zu zart zur Heirat wäre. Du weißt dies?«

Der Direktor nickte, neugierig, was nun folgen sollte.

»So wurde eine dreifache Kraftprobe mit allen herankommenden Bewerbern angeordnet. Bei der Prüfung des Bogens forderte unser »Herr«, nachdem Er den ihm überreichten Bogen durchgebrochen, einen Bogen, den keiner spannen könnte. Du weißt?«

»Es steht geschrieben. Ich habe es gelesen.«

»Und alle anderen Zeichen überschießend, flog der Pfeil fern und ferner, außer Sicht. Zuletzt fiel er; und wo er die Erde berührte, da brach ein Wasserstrahl hervor, der sogleich zum Strome wurde. Und durch unseres Herrn Gnade und das Verdienst, das Er erwarb, bevor Er Sich selbst frei machte, erhielt der Strom die Eigenschaft, jede Spur und jeden Flecken von Sünde abzuwaschen von dem, der in ihm badet.«

»So steht es geschrieben«, sagte traurig der Direktor.

Der Lama tat einen liefen Atemzug. »Wo ist der Strom, o Brunnen der Weisheit? Wo fiel der Pfeil?«

»O, mein Bruder, ich weiß es nicht.«

»O nein. Du hast es wohl vergessen – das Eine nur, was Du mir nicht gesagt. Sicher, Du mußt es wissen. Sieh, ich bin ein alter Mann! Ich frage Dich – mein Haupt zwischen Deinen Füßen – o, Brunnen der Weisheit! Wir wissen, der Wasserstrahl sprang hervor! Wo denn ist der Fluß? Ein Traum hieß mich ihn finden. So kam ich. Ich bin hier. Aber wo ist der Strom?«

»Wenn ich es wüßte, denkst Du, ich würde es nicht laut hinausrufen?«

»Durch ihn,« fuhr der Lama, ohne ihn zu beachten fort, »erlangt man Befreiung vom Rad der Dinge. Der Strom des Pfeiles! Denk‘ noch einmal nach! Ein kleines Flüßchen, – mag sein – vielleicht in der Hitze vertrocknet? – Aber der Heilige würde einen alten Mann nicht so täuschen.«

»Ich weiß es nicht. Ich weiß es nicht.«

Der Lama brachte sein tausendfach durchfurchtes Gesicht auf eine Handbreite dem des Engländers nahe.

»Ich sehe. Du weißt es nicht. Da Du der Lehre nicht angehörst, blieb Dir dieses verborgen.«

»Ach! Verborgen – verborgen.«

»Wir sind bald in Banden, Du und ich, mein Bruder. Aber ich« – er erhob sich mit einem Schwung seiner weichen, schweren Umhüllung – »ich gehe, um mich frei zu machen. Komm‘ mit!«

»Ich bin gebunden,« sagte der Kurator … Aber wohin gehst Du?«

»Erst nach Kashi (Benares), wohin sonst? Dort in dem Jaina-Tempel dieser Stadt werde ich einen von der reinen Lehre treffen. Auch er ist im Geheimen ein Sucher, und von ihm kann ich möglicherweise lernen. Kann sein, daß er mit mir nach Buddha-Gaya geht. Von da nördlich und westlich nach Kapilavastu, und da will ich nach dem Flusse suchen. Nein, überall, wohin ich gehe, will ich suchen – denn der Platz, wo der Pfeil fiel, ist nicht bekannt.«

»Und wie willst Du gehen? Es ist ein weiter Ruf bis Delhi, und weiter noch bis Benares.«

»Auf der Heerstraße und mit den Zügen. Von Pathankot, nachdem ich die Hügel verlassen, kam ich hieher in einem Zug. Er fährt schnell. Anfangs wunderte ich mich sehr über die hohen Stangen an der Seite des Weges, die die Fäden aufschnappen und aufschnappen,« er erläuterte pantomimisch das scheinbare Neigen und Wirbeln der Telegraphenstangen, wenn der Zug vorbeisaust. »Aber später, ich saß so zusammengepfercht, ich wünschte, ich hätte gehen können, wie ich es gewohnt bin.«

»Und kennst Du Deinen Weg denn sicher?« fragte der Direktor.

»O, was das betrifft, ich brauche nur zu fragen und Geld zu zahlen; die angestellten Personen befördern jeden nach dem bestimmten Platz. Das wußte ich schon in der Lamaserai aus sicherer Quelle,« sagte mit Stolz der Lama.

»Und wann willst Du fort?« Der Direktor lächelte über diese Mischung von altweltlicher Frömmigkeit und modernem Fortschritt, wie sie jetzt für Indien so bezeichnend ist.

»Sobald als möglich. Ich folge den Spuren Seines Lebens, bis ich zu dem Strom des Pfeiles komme. Es gibt indes ein geschriebenes Papier von den Stunden der Züge, die südwärts gehen.«

»Und Deine Nahrung?« Lamas führen in der Regel einen guten Vorrat an Geld irgendwo bei sich, aber der Direktor wünschte sich davon zu überzeugen.

»Auf der Reise trage ich die Bettelschale wie unser Meister. Ja. So wie Er ging, so gehe ich, mit Verzicht auf meines Klosters Versorgung. Da ich die Hügel verließ, hatte ich einen Chela (Schüler) bei mir, der, wie es die Regel erfordert, für mich bettelte; aber in Kulu, wo wir eine Weile hielten, ergriff ihn ein Fieber und er starb. Ich habe nun keinen Chela, aber ich will die Almosenschale tragen und den Mildtätigen Gelegenheit bieten, Verdienst zu erwerben.« Er nickte tapfer mit dem Kopf. Gelehrte Doktoren einer Lamaserai betteln nicht; aber der Lama war in diesem Punkte Idealist.

»Sei es so,« sagte lächelnd der Direktor. »Gönne mir nun, Dir einen Dienst zu erweisen. Wir beide sind Kollegen, Du und ich. Hier ist ein neues Buch, von weißem, englischem Papier, hier sind gespitzte Bleistifte, zwei und drei, dicke und dünne – alle gut für einen Schreiber. Nun erlaube mir noch Deine Brille.«

Der Direktor sah durch die Gläser. Sie waren arg zerschrammt, aber die Stärke fast genau wie die seiner eigenen Brille, welche er in des Lamas Hand gleiten ließ mit den Worten: »Versuche diese.«

»Eine Feder! Wahrhaftig, so leicht wie eine Feder auf dem Gesicht!« Der alte Mann bewegte entzückt den Kopf und runzelte die Nase aufwärts. »Kaum fühle ich sie. Wie klar ich sehe!«

»Die Gläser sind Bilaur (Krystall) und werden niemals schrammig. Mögen sie Dir zu Deinem Flusse helfen, sie sind Dein!«

»Ich will sie nehmen, und die Stifte auch und das weiße Buch, als Zeichen der Freundschaft zwischen Priester und Priester – und nun« – er tappte an seinem Gürtel herum, löste den eisernen Federbehälter von durchbrochener Arbeit los und legte ihn auf des Direktors Tisch. »Das soll ein Zeichen der Erinnerung sein zwischen Dir und mir – mein Federbehälter. Es ist etwas Altes – so wie ich bin.«

Es war eine Arbeit von altem Muster, chinesisch, von einem Eisen, wie es jetzt nicht mehr gegossen wird; und das Sammlerherz in des Direktors Brust hatte sie vom ersten Augenblick an ersehnt. Um keinen Preis wollte der Lama seine Gabe zurücknehmen.

»Wenn ich zurückkehre und den Fluß gefunden habe, will ich Dir ein geschriebenes Bild von der ›Padma Samthora‹ (heilige Lotosblume) bringen – so wie ich es in der Lamaserai auf Seide zu machen pflegte. Ja – und von dem Rad des Lebens,« sprach er mit halb unterdrücktem Lachen, »denn wir beide sind Kunstkenner, Du und ich.«

Der Kurator hätte ihn gern noch zurückgehalten; denn es gibt nur wenige in der Welt, die noch das Geheimnis der althergebrachten buddhistischen Pinselfederdarstellungen besitzen, die halb geschrieben, halb gezeichnet sind. Aber der Lama schritt bereits weitausgreifend und das Haupt hoch in der Luft, hinaus, stand einen Augenblick noch still vor der großen Statue eines Bodhisat in Meditation und schob sich sodann durch das Drehkreuz.

Kim folgte ihm wie sein Schatten. Was er erlauscht, hatte ihn wild erregt. Dieser Mann war ihm, trotz aller Erfahrung, vollständig neu und er wollte ihn weiter ergründen, genau so wie er ein neues Gebäude oder eine unbekannte Festlichkeit in Lahore ausspionierte. Der Lama war sein Fund und er wollte Besitz von ihm ergreifen. Kims Mutter war nicht umsonst eine Irländerin.

Der alte Mann hielt inne bei Zam-Zammah und schaute sich um, bis sein Auge auf Kim fiel. Der Enthusiasmus seiner Pilgerfahrt war für den Augenblick gedämpft; er fühlte sich verlassen, alt und sehr hungrig.

»Nicht unter der Kanone sitzen!« fuhr ihn der Polizist grob an.

»Hu! Du Eule!« war Kims Erwiderung an des Lamas Stelle. »Setze Dich nur unter die Kanone, wenn es Dir so gefällt. Wann hast Du der Milchfrau die Pantoffeln gestohlen, Dunnoo?«

Das war eine ganz grundlose, der Eingebung des Augenblickes entsprungene Beschuldigung; aber sie machte Dunnoo verstummen, der wußte, daß Kims gellende Stimme Legionen von bösen Bazar-Buben herbeirufen Konnte, wenn’s Not tat.

»Und wen hast Du angebetet da drinnen?« frug Kim leutselig, indem er sich im Schalten neben dem Lama niederkauerte.

»Ich betete keinen an, Kind. Ich verneigte mich vor dem Vortrefflichen Gesetz.«

Kim akzeptierte diese neue Gottheit ohne Gemütsbewegung. Er kannte schon eine gehörige Anzahl.

»Und was willst Du nun tun?«

»Ich bettle. Ich entsinne mich nun, es ist lange her, daß ich aß und trank. Wie ist der Brauch in dieser Stadt, wenn man Mildtätigkeit sucht? Tut man es schweigend, wie in Tibet, oder mit Worten?«

»Die mit Schweigen betteln, verhungern im Schweigen,« antwortete Kim, ein landesübliches Sprichwort anführend. Der Lama versuchte sich zu erheben, sank aber zurück und klagte um seinen Schüler, der in weiter Ferne, in Kulu, gestorben war. Den Kopf zur Seite, beobachtete Kim überlegend und interessiert.

»Gib mir die Schale. Ich kenne die Leute in dieser Stadt, alle, die barmherzig sind. Gib mir die Schale, ich bringe sie Dir gefüllt zurück.« Einfach wie ein Kind, reichte der alte Mann ihm die Schale.

»Ruhe Du. Ich kenne meine Leute.«

Er trottete fort zu der offenen Bude einer Kunjri-Gemüsehändlerin niederer Kaste, die gegenüber der Straßenbahnlinie am Motti-Bazar stand. Die Frau kannte Kim lange genug.

»Oho« rief sie, »bist Du ein Pogi geworden, mit Deiner Bettlerschale?«

»Nein,« sagte Kim stolz. »Es ist ein fremder Priester in der Stadt – ein Mann, wie ich noch nie einen sah.«

»Alter Priester – junger Tiger,« sprach das Weib ärgerlich. »Ich hab‘ die fremden Priester satt! Die fallen wie Fliegen über unsere Ware her. Ist der Vater meines Sohnes ein Brunnen der Barmherzigkeit, um allen zu geben, die betteln?«

»Nein,« antwortete Kim: »Dein Mann ist mehr ein Pagi (Brummbär) als ein Pogi (heiliger Mann). Aber dieser Priester ist neu. Der Sahib in dem Wunderhaus sprach zu ihm wie ein Bruder. O, meine Mutter, fülle mir die Schale! Er wartet!«

»Diese Schale? Meinst Du? Die hat ja einen Bauch wie eine Kuh. Du bist nicht besser als der heilige Stier des Shiwa; der hat mir heute früh schon das Beste von einem Korb voll Zwiebeln aufgefressen, und dann soll ich noch Deine Schale füllen? Da kommt er schon wieder.«

Der ungeheure, mausgraue Brahmini-Stier schob sich mit auf- und niederschaukelnden Schultern durch die vielfarbige Menge, ein gestohlenes Bananenbüschel im Maule. Er hielt gerade auf die Bude zu, sich seiner Privilegien als geheiligtes Tier wohl bewußt, senkte den Kopf und schnüffelte heftig an der Reihe von Körben herum, ehe er seine Wahl traf. Da flog Kims holzbeschuhter kleiner Fuß in die Luft und traf ihn auf die feuchte blaue Schnauze. Er grunzte ärgerlich und stapfte über die Bahnschienen zurück; sein Widerrist zitterte vor Wut.

»Sieh, ich habe Dir mehr gespart, als es kostet, wenn Du die Schale dreimal füllst. Nun, Mutter, ein wenig Reis und getrockneter Fisch obenauf – ja, und etwas Curry-Gemüse.«

Ein Knurren kam aus dem Hintergrund der Bude, wo der Mann lag.

»Er hat den Stier vertrieben,« sagte die Frau halblaut. »Es ist gut, den Armen zu geben.« Sie nahm die Schale und gab sie, mit heißem Reiß gefüllt, zurück.

»Aber mein Pogi ist keine Kuh,« sagte Kim ernsthaft, mit seinen Fingern ein Loch in den Reisberg machend. »Ein wenig Curry ist gut, und ein gebackener Kuchen und etwas eingemachte Frucht würden ihm behagen.«

»Das Loch ist so groß wie Dein Kopf,« sprach murrend das Weib. Aber sie füllte es trotzdem mit gutem, heißem Currygemüse, klappte einen getrockneten Kuchen oben darauf mit einem Stückchen geklärter Butter, legte ein Häufchen Tamarinden-Konserve an die Seite – und Kim betrachtete wohlgefällig die Ladung.

»So ist’s gut, wenn ich im Bazar bin, soll der Ochs nicht wieder an diese Bude kommen. Er ist ein frecher Bettelmann.«

»Und Du?« lachte die Frau. »Aber sprich nicht schlecht von Ochsen. Hast Du mir nicht gesagt, daß eines Tages ein Roter Ochse aus einem Felde kommen wird, um Dir zu helfen? Nun halte alles gerade und fordere des heiligen Mannes Segen für mich. Vielleicht weiß er auch ein Mittel, die kranken Augen meiner Tochter zu heilen? Fordere auch dies, Du kleiner Allerweltsfreund.«

Doch Kim war fortgetanzt vor dem Ende dieser Rede, herrenlosen Hunden und hungrigen Bekanntschaften aus dem Wege gehend.

»So betteln wir, die wir die Sache verstehen, sprach er stolz zu dem Lama, der die gefüllte Schale erstaunt betrachtete. »Iß nun und – ich will mit Dir essen. Heda! Bhisti!« er rief dem Wasserträger, der die Erotons (Krebsblumen) bei dem Museum begoß, »bring‘ Wasser. Wir Männer sind durstig.«

»Wir Männer!« lachte der Bhisti. »Ist ein voller Schlauch genug für so ein Paar? Trinkt denn, im Namen des Erbarmers.«

Er goß einen dünnen Strahl in Kim’s Hände, der nach Landessitte trank. Der Lama aber zog einen Becher aus seinem unerschöpflichen Obergewand und trank mit Feierlichkeit.

»Pardesi (ein Fremdling),« erklärte Kim, als der alte Mann in unbekannter Sprache etwas sagte, was offenbar ein Segen war.

Sie schmausten zufrieden zusammen, bis die Bettelschale geleert war. Dann schnupfte der Lama aus einem schwerfälligen, kürbisförmigen Holzgefäß, ließ seinen Rosenkranz eine Weile durch die Finger gleiten und fiel, als der Schatten von Zam-Zammah länger wurde, in den leisen Schlaf des Alters.

Kim bummelte zu der nächsten Tabakhändlerin, einer jungen, lebhaften Mohammedanerin hinüber und erbettelte sich eine ordinäre Zigarre, von der Sorte, wie sie den Studenten der Punjabi-Universitat, die englischen Brauch kopieren, verkauft werden. Dann rauchte er und, mit hochgezogenen Knieen unter dem Bauch der Kanone sitzend, dachte er nach. Das Resultat dieses Nachdenkens war ein rasches verstohlenes Hinhuschen nach der Richtung von Nila Rams Zimmerplatz.

Der Lama erwachte erst, als das abendliche Leben der Stadt begann mit Lampenanzünden und Rückkehr der weißgekleideten Ober- und Unterbeamten aus dem Gouvernement-Bureau. Verwirrt blickte er nach allen Seiten: niemand aber beachtete ihn, außer einem Hinduknirps in isabellfarbenem Gewand und schmutzigem Turban. Wehklagend beugte der Lama den Kopf auf die Kniee.

»Was ist los?« fragte der Knabe, vor ihm stehen bleibend. »Bist Du beraubt worden?«

»Ach, mein neuer Chela, er ist von mir gegangen: ich weiß nicht, wo er ist.«

»Und welch‘ eine Art Mensch war Dein Schüler?«

»Er war ein Knabe, der zu mir kam an Stelle dessen, der mir gestorben. Wohl weil ich Verdienst erworben, indem ich mich vor dem Gesetz verbeugte da drinnen.« Er wies nach dem Museum hin. »Er kam zu mir und zeigte mir den Weg, den ich verloren. Er leitete mich in das Wunderhaus und ermutigte mich durch seinen Zuspruch, mit dem Wächter der Götterbilder zu reden: das machte mich heiter und stark. Und als ich matt vor Hunger war, da bettelte er für mich, wie ein Chela für seinen Lehrer. Plötzlich ward er mir gesendet. Plötzlich ist er verschwunden. Und ich gedachte, ihn in dem Gesetz zu unterrichten, auf dem Wege nach Benares!«

Kim stand verwundert da. Er halte das Gespräch im Museum belauscht und wußte, daß der alte Mann nur Wahrheit redete. Und Wahrheit ist etwas, das ein Eingeborener selten einem Fremden darbietet.

»Aber ich sehe nun, er war mir nur zu bestimmtem Zweck gesendet; und ich weiß dadurch, daß ich einen gewissen Fluß, den ich suche, finden werde.«

»Den Fluß des Pfeiles,« sprach Kim mit überlegenem Lächeln.

»Ist dies abermals eine Sendung?« rief der Lama. Zu niemand sprach ich von dem, was ich suche, außer zu dem Priester der Götterbilder. Wer bist Du?«

»Dein Chela,« sagte Kim einfach auf den Hacken kauernd. »Niemals in meinem ganzen Leben habe ich einen Mann, wie Du es bist, gesehen. Ich gehe mit Dir nach Benares. Und, außerdem denke ich, daß ein so alter Mann, der zu jedem, der ihm zufällig begegnet, die Wahrheit spricht, stets eines Chela benötigt.«

»Aber der Strom – der Strom des Pfeiles?«

»O, das hörte ich, als Du mit dem Engländer redetest. Ich lehnte an der Türe.«

Der Lama seufzte. »Ich dachte, Du wärest ein Führer, mir geschenkt. Solches geschieht zuweilen – aber ich bin wohl nicht würdig. Du also kennst den Fluß nicht? –«

»Nicht ich.« Kim lachte etwas verlegen. »Ich gehe mit, um auszuschauen nach – nach einem Roten Ochsen auf einem Grünen Feld, der mir helfen soll.« Nach Knabenart hatte Kim, wenn ein Bekannter einen Plan hatte, gleich einen für sich selbst zur Stelle; und wirklich hatte er auch ein Viertelstündchen lang ernsthaft in seinem Knabensinn über seines Vaters Prophezeiung nachgedacht.

»Helfen zu was, Kind?«

»Gott weiß, aber mein Vater sagte mir so. Ich hörte Deine Rede in dem Wunderhaus von all den neuen fremden Orten in den Bergen; und wenn einer, der so alt und so wenig … so gewohnt ist, die Wahrheit zu sprechen – auszieht, um eine solche Kleinigkeit wie einen Fluß zu suchen, so schien es mir, daß auch ich auf die Reise gehen müßte. Wenn es unser Schicksal ist, die Dinge zu finden, so werden wir sie finden – Du Deinen Fluß und ich meinen Ochsen – und die hohen Säulen und noch andere Dinge; die ich vergessen habe.«

»Es sind keine Säulen, aber ein Rad, von dem ich frei werden wollte.«

»Das ist alles einerlei. Vielleicht machen sie mich zum König,« sagte Kim, in heiterer Bereitschaft für alles.

»Ich will Dich andere und bessere Wünsche lehren auf unserem Wege,« sprach würdevoll der Lama. »Laß uns nach Benares gehen.«

»Nicht bei Nacht. Es streifen Diebe umher, warte bis es Tag ist.«

»Aber ich habe keinen Platz zum Schlafen.« Der alle Mann, an die Ordnung seines Klosters gewöhnt, wenn er auch auf der Erde schlief, wie es die Regel war, begehrte doch in solchen Sachen etwas Wohlanständigkeil.

»Wir werden in der Kashmir-Herberge gutes Quartier finden,« meinte Kim, über die Verlegenheit des Lama lachend. »Ich habe dort einen Freund. Komm!«

Die heißen, vollen Bazare waren grell erleuchtet, als sie sich ihren Weg durch das Gedränge aller Rassen Ober-Indiens bahnten, und der Lama wandelte hindurch wie im Traum. Es war seine erste Erfahrung von einer großen, gewerbetreibenden Stadt. Die überfüllten Tramwagen mit den ewig kreischenden Bremsen erschreckten ihn. Halb geschoben, halb gezogen gelangte er an das hohe Gitter der Kashmir-Herberge, den ungeheuren quadratischen Platz gegenüber der Eisenbahnstation, umgeben vom gewölbten Kreuzgange, wo die Kamel- und Pferde-Karawanen bei der Rückkehr von Zentral-Asien einkehren. Hier waren Vertreter aller Stämme, angebundene Ponies und knieende Kamele versorgend, Ballen und Bündel auf- und abladend, Wasser zur Abendmahlzeit mit kreischenden Brunnenwinden heraufholend; vor den schreienden, wildäugigen Hengsten Gras aufhäufend, die knurrenden Karawanenhunde prügelnd, Kameltreiber bezahlend, neue Knechte anwerbend, schreiend, fluchend, streitend, feilschend auf dem vollgedrängten Platze. Die Kreuzgänge, durch drei oder vier gemauerte Stufen erhöht, bildeten den Zufluchtshafen in diesem stürmischen Meer. Die meisten der Gänge waren an Händler vermietet, so wie wir die Bogen eines Viaduktes vermieten. Die Plätze zwischen Säule und Säule waren mit Planken zu Kammern abgeteilt und diese durch schwere Holztüren mit plumpen Vorlegeschlössern von einheimischer Arbeit geschützt. Verschlossene Türen zeigten an, daß der Besitzer abwesend und einige roh – zuweilen sehr roh – gemalte oder mit Kalk geschmierte Striche sagten, wohin er gegangen. Ungefähr so:

»Lutuf Ullah ist nach Kurdistan gereist.« Darunter vielleicht in groben Versen: »O, Allah, der Du leidest, daß Läuse auf dem Rock eines Kabuli leben, warum erlaubst Du, daß diese Laus Lutuf so lange lebt?«

Kim, der den Lama zwischen aufgeregten Menschen und aufgeregten Tieren hindurch gängelte, hielt sich bis ans äußerste Ende seitwärts der Bogengänge nächst der Eisenbahnstation, wo Mahbub Ali, der Pferdehändler hauste, wenn er hereinkam von jenem geheimnisvollen Land, jenseits der Pässe des Nordens.

Kim hatte während seines jungen Lebens mit Mahbub schon mancherlei zu tun gehabt – hauptsächlich zwischen seinem zehnten und dreizehnten Jahre; und der große stämmige Afghane, der seinen Bart scharlachrot färbte (denn er war ältlich und wollte seine grauen Haare nicht zeigen). Kannte des Knaben Wert, was das Stadtgeschwätz betraf. Zuweilen gab er Kim den Auftrag, einen Mann, der durchaus nichts mit Pferden zu tun hatte, zu beobachten, ihm den ganzen Tag zu folgen und von jedem Menschen, mit dem er sprach, zu berichten. Kim machte am Abend seinen Bericht und Mahbub lauschte ohne Wort und Bewegung. Es handelte sich um irgend eine Intrigue. Kim wußte das, aber er wußte auch, daß ihr Wert darauf beruhte, daß er zu keinem Menschen außer Mahbub davon redete. Mahbub gab ihm dafür wundervolle Mahlzeiten, ganz heiß aus der Garküche in der Ecke der Herberge, und einmal sogar acht Anna in Gold.

»Er ist da,« sprach Kim, ein bösartiges Kamel auf die Nase knuffend. »Heda, Mahbub Ali!« Er hielt vor einem dunklen Bogen und schlüpfte hinter den erschrockenen Lama.

Der Pferdehändler, der seinen hohen gestickten Bokhaiiot-Gürtel gelöst hatte, lag, träge an einer immensen silbernen Hookah (Wasserpfeife) ziehend, auf einem Paar Satteltaschen aus Seidenteppichen. Er wendete bei dem Ruf ein wenig den Kopf, und da er nur die hohe schweigende Gestalt sah, lachte er halblaut in seinen Bart.

»Allah! Ein Lama! Ein Roter Lama! Es ist weit von Lahore zu den Pässen, was willst Du hier?«

Der Lama hielt mechanisch die Bettelschale hin.

»Gottes Verdammnis über alle Ungläubigen!« rief Mahbub. »Ich gebe keinem lausigen Tibetaner etwas. Bettle bei meinen Baltis da drüben hinter den Kamelen; die wissen vielleicht Deinen Segen zu würdigen. He! Pferdejungen, hier ist ein Landsmann von Euch, fragt, ob er hungrig ist.«

Ein glattköpfiger, gebeugter Balti, der mit den Pferden herunter gekommen und angeblich eine Art degradierter Buddhist war, grinste dem Priester entgegen und bat in tiefen Kehllauten den Heiligen, sich an das Feuer der Pferdejungen zu setzen.

»Gehe,« sagte Kim, ihn leicht fortschiebend, und der Lama schritt dahin und ließ Kim an der Kante des Kreuzganges zurück.

»Geh,« sagte auch Mahbub Ali, zu seiner Hookah zurückkehrend. »Kleiner Hindu, mach‘ Dich fort, Verdammnis auf alle Ungläubigen! Bettle bei den Leuten meiner Gefolgschaft, die Deines Glaubens sind.«

»Maharaj,« jammerte Kim, sich der Hindu Anrede bedienend und sich höchlich amüsierend, »mein Vater ist tot, meine Mutter ist tot, mein Magen ist leer.«

»Bettle bei meinen Pferdejungen, sage ich. Es müssen auch Kinder unter meinen Leuten sein.«

»O, Mahbub Ali, bin ich denn ein Hindu?« sagte Kim auf englisch.

Der Händler gab kein Zeichen des Erstaunens. Er blinzelte nur unter seinen zottigen Brauen.

»Kleiner Allerweltsfreund,« sagte er, »was soll das bedeuten?«

»Nichts. Ich bin jetzt der Schüler dieses heiligen Mannes, und wir pilgern zusammen nach Benares, sagte er. Er ist ganz verrückt und ich habe die Stadt Lahore satt. Ich sehne mich nach anderer Luft und Wasser.«

»Aber für wen arbeitest Du? Warum kommst Du zu mir?« Die Stimme war rauh vor Argwohn. »Zu wem sonst sollte ich gehen? Ich habe kein Geld. Ohne Geld ist schlecht reisen. Du wirst den Offizieren viele Pferde verkaufen. Es sind sehr feine Pferde diese neuen, ich sah sie mir an. Gib mir eine Rupie, Mabbub Ali, ich will Dir einen Schuldschein geben und bezahlen, wenn ich zu meinem Reichtum komme.

»Hm,« machte Mahbub Ali, nach kurzem Bedenken. »Du hast mich noch nie belogen. Rufe den Lama – und ziehe Dich zurück in die Dunkelheit.«

»O, wir reden eine Sprache,« lachte Kim.

»Wir gehen nach Benares,« sprach der Lama, sobald er verstand, wo hinaus Mahbub Alis Fragen zielten. »Ich und der Knabe. Ich, um einen gewissen Fluß zu suchen.«

»Mag sein – aber der Knabe?«

»Er ist mein Schüler. Er ward mir gesendet, so glaube ich, um mich zu dem Strom zu leiten. Unter einer Kanone saß ich, als er plötzlich zu mir trat. So etwas ist wohl Glücklichen, denen Führung gewährt wurde, zuteil geworden. Aber ich besinne mich jetzt, er sagte: er wäre von dieser Welt – ein Hindu.«

»Und sein Name?«

»Nach dem fragte ich nicht. Ist er nicht mein Schüler?«

»Sein Heimatland, seine Rasse, sein Dorf, – Muselmann – Sikh – Jaina – niedere Kaste oder hohe?«

»Warum sollte ich fragen? Auf dem mittleren Pfade gibt es weder hoch noch niedrig. Da er mein Chela ist. Kann jemand ihn mir nehmen? Denn siehe! Ohne ihn werde ich meinen Fluß nicht finden.« Er wiegte feierlich sein Haupt.

»Niemand soll ihn Dir nehmen. Gehe, setze Dich zu meinen Baltis,« sprach Mahbub Ali, und der Lama, beruhigt durch dies Versprechen, trottete fort.

»Ist er nicht ganz verrückt?« fragte Kim, wieder vorwärts ins Licht tretend. »Warum sollte ich Dich belügen, Hadje?«

Mahbub paffte schweigend an seiner Hookah. Dann begann er, fast flüsternd: »Umballa liegt auf dem Wege nach Benares – wenn wirklich Ihr beiden dahin geht –«

»Tck! Tck! Ich sage Dir, er versteht nicht zu lügen, wie wir beide es verstehen.«

»Und wenn Du eine Botschaft bis Umballa für mich befolgen willst, werde ich Dir Geld geben. Es betrifft ein Pferd – einen weißen Hengst – den ich einem Offizier auf meiner letzten Rückkehr von den Pässen verkaufte. Aber damals – tritt näher und halte Deine Hände empor, als ob Du betteltest – damals war das Pedigree des weißen Hengstes noch nicht vollständig festgestellt: und der Offizier, der jetzt in Umballa ist, forderte von mir, daß das klargestellt würde.« (Mahbub beschrieb nun das Pferd und das Äußere des Offiziers.) »Also, die Botschaft an den Offizier lautet: »Das Pedigree des weißen Hengstes ist vollständig festgestellt.« Dann wird er wissen, daß Du von mir kommst. Er wird dann fragen: »Welchen Beweis hast Du? Und Du wirst antworten: »Mahbub Ali hat mir den Beweis gegeben.«

»Und das alles um einen weißen Hengst,« kicherte Kim, aber mit flammenden Augen.

»Den Stammbaum will ich Dir jetzt geben in meiner eigenen Weise und etwas Schelten dazu.« Ein Schalten huschte hinter Kim vorbei und ein käuendes Kamel. Mahbub Ali hob die Stimme:

»Allah! Bist Du der einzige Bettler in der Stadt? Deine Mutter ist tot. Dein Vater ist tot. So sprechen sie alle. Na, na« – Er drehte sich um, als fühle er nach etwas auf dem Fußboden neben sich, und warf dem Knaben ein Stück weiches, fettiges, muselmännisches Brot zu. »Gehe nun und lege Dich für diese Nacht zu meinen Pferdejungen, Du und der Lama. Morgen vielleicht werde ich Dich in Dienst nehmen.« Kim schlich sich fort, die Zähne in dem Brot, und wie er erwartet, fand er ein kleines Päckchen zusammengefalteten Papieres, eingewickelt in Wachstafft, nebst 3 Silber-Rupien – eine enorme Großmut!

Er lächelte und schob Geld und Papier in sein ledernes Amulett-Etui. Der Lama, von Mahbubs Baltis reichlich bewirtet, schlief schon in einem Winkel der Ställe. Kim legte sich neben ihn und lachte. Er wußte, daß er Mahbub Ali einen Dienst erwies, und nicht einen Augenblick glaubte er an das Märchen von des Hengstes Stammbaum.

Aber Kim ahnte nicht, daß Mahbub Ali, bekannt als einer der besten Pferdehändler im Punjab, als reicher und unternehmender Handelsmann, dessen Karawanen tief ins Innere weltferner Länder eindrangen, eingeschrieben war in eins der Geheimbücher des indischen Überwachungs-Departements, als C. 25 I. B. Zwei oder dreimal jährlich pflegte C. 25 eine kleine Geschichte einzusenden, trocken erzählt, aber sehr interessant, und in den meisten Fällen erwies sich diese – durch Bestätigung von R. L. 7 und M. 4 – als ganz wahr. Die Geschichten betrafen alle möglichen abgelegenen Gebirgs-Fürstentümer, Forschungsreisende von nicht englischer Nationalität, den Handel mit Waffen – davon handelte, kurz gesagt, ein Teil jener großen Masse von übermittelten Informationen, nach denen das indische Gouvernement seine Maßregeln trifft. Aber kürzlich waren fünf verbündete Könige, höchst überflüssiger Weise verbündet, durch eine freundliche Macht des Nordens unterrichtet worden, daß Neuigkeiten aus ihren Territorien nach Britisch Indien durchsickerten. Die Premierminister dieser Könige waren ernstlich erzürnt und taten ihre Schritte nach orientalischer Weise. Unter vielen anderen hatten sie den unverschämten, rotbärtigen Roßhändler in Verdacht, dessen Karawanen, bis zum Bauch im Schnee, ihre Bergvesten durchfurchten. Wenigstens war seine Karawane vor kurzer Zeit auf dem Wege niederwärts zweimal überfallen und beschossen worden, wie Mahbubs Leute angaben, von drei fremden Strolchen, die zu dieser Leistung gedungen oder auch nicht gedungen sein konnten. Deshalb hatte Mahbub vermieden, sich in der ungesunden Stadt Peshawur aufzuhalten, und war ohne Zeitverlust durchmarschiert nach Lahore, wo er, der seine Landsleute kannte, auf merkwürdige Ereignisse vorbereitet war.

Und Mahbub Ali barg etwas bei sich, das er nicht eine Stunde länger als nötig zu behalten wünschte, ein Päckchen dicht zusammen gefaltetes Faserpapier, in Wachstaffet eingewickelt, einen unpersönlichen, nicht adressierten Bericht mit fünf mikroskopisch kleinen Löchern in einer Ecke, der die fünf verbündeten Könige, die freundlich gesinnte nordische Macht, einen Hindu-Bankier in Peshwaur, die Firma einer Waffenfabrik in Belgien und einen halb unabhängigen, wichtigen, mohammedanischen Regenten des Südens aufs Schmählichste verriet. Dieses letzte war das Werk von R. 17, welches Mahbub jenseits des Dora-Passes an sich nahm und für R. 17 weiter trug, da dieser, Umstände halber, über die er keine Macht hatte, seinen Beobachtungsposten nicht verlassen konnte. Dynamit war mild und harmlos neben diesem Rapport von C. 25, und selbst ein Orientale mit eines Orientalen Ansichten über den Wert der Zeit mußte sich sagen, daß der Bericht je früher je besser in den richtigen Händen sein mußte. Mahbub hatte keinen besonderen Wunsch, auf gewaltsame Weise zu sterben, weil zwei oder drei Familien-Blutfehden jenseits der Grenze noch unerledigt an seinen Händen hingen. Er beabsichtigte, sobald diese Schuld beglichen, sich als mehr oder weniger tugendhafter Bürger zur Ruhe zu setzen. Seit seiner Ankunft vor zwei Tagen hatte er das Gitter der Karawanen-Herberge noch nicht durchschritten, wohl aber ostentativ Telegramme versendet nach Bombay, wo er etwas Geld auf der Bank hatte, nach Delhi, wo ein untergeordneter Geschäftsteilhaber von einem Clan Pferde verkaufte an den Agenten eines Rajputana Staates, und nach Umballa, wo ein Engländer dringend den Stammbaum eines weißen Hengstes forderte. Der öffentliche Briefschreiber, der englisch verstand, verfaßte ausgezeichnete Telegramme, wie: – »Creighton, Laurel-Bank, Umballa-Pferd ist Araber wie bereits gemeldet. Bedaure Stammbaum Verzögerung, welchen übersetze.« Und später an dieselbe Adresse: »Bedauere sehr Verzögerung. Sende Stammbaum ab.« Seinem Unterpartner in Delhi drahtete er: »Lutuf Ullah. Drahtete 2000 Rupien Eurem Conto, Luchmann Narains Bank.« Das war alles ganz kaufmännisch, aber jedes dieser Telegramme wurde besprochen und wieder besprochen von Leuten, die sich für berechtigt hielten, die Telegramme zu lesen, bevor sie aus den Händen eines einfältigen Balti, der sie unterwegs alle möglichen Leute lesen ließ, zur Station gelangten.

Als Mahbub in seiner eigenen bilderreichen Sprache so den Brunnen der Nachforschung mit dem Stab der Vorsicht getrübt hatte, kam ihm Kim wie vom Himmel gesendet in den Weg, und gewöhnt, die geringsten Chancen zu nutzen, nahm er diesen, ebenso rasch entschlossen wie gewissenlos, in Dienst.

Ein wandernder Lama mit einem knabenhaften Diener niederer Kaste konnte wohl ein augenblickliches Interesse erregen auf der Pilgerfahrt nach Indien, dem Land der Pilger, aber verdächtigen würde man sie nicht, noch, was wichtiger war, berauben.

Er rief nach frischem Feuer für seine Hookah und überlegte noch einmal. Wenn im schlimmsten Falle der Knabe zu Schaden käme, konnte das Papier niemanden ernstlich kompromittieren, er würde zu passender Zeit nach Umballa gehen und mit geringem Risiko, daß neuer Verdacht entstünde, seine Geschichte mündlich den betreffenden Personen übermitteln. Aber der Rapport von R. L. 7 war der Kernpunkt der ganzen Sache, und käme er nicht in die rechten Hände, konnte das außerordentlich störend werden. Immerhin, Gott war groß, und Mahbub Ali war sich bewußt, alles, was möglich war, getan zu haben. Kim war das einzige Wesen in der Welt, das ihm niemals eine Lüge vorgebracht hatte. Das wäre nun ein fataler Fleck auf Kims Charakter gewesen, hätte Mahbub nicht gewußt, daß er in seinen eigenen Angelegenheiten andere Leute anlog wie nur irgendein Orientale.

So machte sich denn Mahbub Ali auf, quer durch die Herberge bis zu der Pforte der Harpyen, die ihre Augen malen und die Fremdlinge in ihren Netzen fangen. Nicht ohne Mühe fand er das Mädchen, das, wie er vermutete, die spezielle Freundin eines bartlosen Pundit von Kashmir war, der seinem dummen Balti mit den Telegrammen aufgelauert hatte. Es war ein ganz törichtes Unternehmen: denn alsbald fingen sie an, gegen des Propheten Gesetz, parfümierten Branntwein zu trinken, und Mahbub war bald glänzend betrunken. Die Gitter seines Mundes waren gelöst, er verfolgte die Blume des Entzückens mit den Füßen des Rausches, bis er platt auf die Polster fiel, wo dann die Blume des Entzückens mit Hilfe eines bartlosen Pundit von Kashmir ihn vom Kopf bis zu den Füßen gründlich durchsuchte.

Um dieselbe Stunde ungefähr hörte Kim in Mahbubs verlassener Abteilung leise Tritte schallen. Der Roßhändler hatte, sonderbar genug, seine Tür nicht verschlossen, und seine Leute waren vollauf beschäftigt, das ganze Schaf, das Mahbub großmütig zur Feier der Rückkehr gespendet, zu verzehren. Ein geschmeidiger junger Gentleman aus Delhi untersuchte mit Hilfe eines Schlüsselbundes, welche die Blume von des sinnlos Betrunkenen Gürtel losgehakt hatte, jeden Koffer und Ballen, Bündel und Satteltaschen in Mahbubs Besitz noch systematischer, als die Blume und der Pundit den Besitzer selbst.

»Und mir scheint,« sagte die Blume eine Stunde später verächtlich, den runden Ellbogen auf den schnarchenden Körper gestützt, »er ist nichts weiter als ein Schwein von Afghanischem Roßhändler, das nur an Weiber und Pferde denkt. Übrigens – er mag es fortgeschickt haben – wenn es überhaupt da war.«

»Nein – ein Ding, das fünf Könige betrifft, würde er nächst seinem schwarzen Herzen aufbewahren,« sprach der Pundit. »Hast Du nichts gefunden?« fragte er den Delhi-Mann, der lachend den Turban zurechtrückte, als er eintrat. »Ich durchsuchte die Sohlen seiner Pantoffeln, wie die Blume seine Kleider. Dies ist nicht der Mann. Es muß ein anderer sein. Ich lasse nichts unbesehen.«

»Sie sagten nicht, er ist der rechte Mann,« sprach nachdenklich der Pundit. »Sie sagten, sehet zu, ob es der Mann ist, da unsere Nachrichten nicht klar sind.«

»Der Norden ist so voll von Pferdehändlern wie ein alter Rock von Läusen. Da ist Sikhandar-Khan, Nur Ali Beg und Farrukh Shah – alle Führer von Karawanen – die dort Geschäfte machen,« sagte die Blume.

»Die sind noch nicht zurück gekommen,« meinte der Pundit. »Die mußt Du später in Deine Schlinge locken.«

»Pah!« meinte die Blume mit tiefer Verachtung, Mahbubs Kopf von ihrem Schoß rollend. »Ich verdiene mein Geld. Farrukh Shah ist ein Bär, Ali Beg ist ein Prahlhans, und der alte Eikandar Khan – pfui! Geh! Ich will nun schlafen. Dieses Schwein wird vor Tagesgrauen sich nicht rühren.«

Als Mahbub erwachte, hielt die Blume ihm strenge die Sünde der Trunkenheit vor. Asiaten zucken nicht mit der Wimper, wenn sie den Feind überlistet haben; Mahbub Ali aber war nahe daran, als er sich die Kehle reinigte, den Gürtel festschnallte und unter den frühen Morgensternen dahintaumelte, sich zu ärgern.

»Welch ein plumper Streich!« sprach er zu sich selbst. »Als ob nicht jedes Mädchen in Peshawur es so anstellen würde. Aber sie hat es hübsch gemacht. Nun, Gott weiß, wie viele andere noch auf dem Weg sind mit Befehl mich zu untersuchen – vielleicht mit dem Messer. Es steht fest, der Knabe muß nach Umballa, aber mit dem Zuge, denn das Schreiben ist dringend. Ich bleibe hier, folge der Blume nach und trinke Wein, wie es einem afghanischen Roßkamm zukommt.«

Er hielt bei dem zweiten Abteil nächst dem seinen still. Seine Leute lagen in tiefem Schlaf. Von Kim oder vom Lama keine Spur.

»Auf!« Er rüttelte einen Schläfer. »Wohin sind sie gegangen, die hier letzten Abend lagen – der Lama und der Knabe? Ist etwas nicht in Ordnung?«

»Nein,« murrte der Mann, »der alte verrückte Kerl erhob sich beim zweiten Hahnkrähen und sagte, er müßte nach Benares, und der Junge leitete ihn fort.«

»Allahs Fluch über alle Ungläubigen!« rief Mahbub und kletterte, in den Bart brummend, in seine eigene Abteilung.

Es war aber Kim, der den Lama geweckt – Kim, der, mit dem Auge an einem Astloch in der Bretterwand, des Delhi-Mannes Untersuchung der Koffer wahrgenommen halte. Das war kein gewöhnlicher Dieb, der Briefe, Rechnungen und Sättel durchsuchte, auch kein gewöhnlicher Einbrecher, der ein kleines Messer seitwärts zwischen die Sohlen von Mahbubs Pantoffeln schob und die Nähte der Satteltaschen so geschickt durchstach. Zuerst wollte Kim den Alarmruf geben – das langgedehnte »Cho-or cho-or!« (Diebe! Diebe), der nachts das Serai sofort auf die Beine bringt; aber er bedachte sich und zog, die Hand auf dem Amulett, seine eigenen Schlüsse.

»Es muß sich um den Stammbaum handeln, um diese faustdicke Pferdelüge,« dachte er, »das Ding, das ich nach Umballa trage. Besser wir gehen gleich. Die mit dem Messer Taschen untersuchen, könnten mit dem Messer auch bald Bäuche untersuchen. Höre! Höre!« flüsterte er dem leicht schlafenden, alten Manne ins Ohr. »Erhebe Dich. Es ist Zeit – Zeit nach Benares aufzubrechen.«

Gehorsam erhob sich der Lama, und wie Schatten schwanden sie aus dem Serai.

  1. Das Fünfstromland.
  2. Geschmolzene Butter

Kapitel 10.

Kapitel 10.

Lurgan Sahib sprach sich nicht so entschieden aus, aber sein Rat schloß sich dem Mahbubs an, und das Resultat war günstig für Kim. Er wußte nun etwas Besseres zu tun, als Lucknow in Verkleidung zu verlassen, und war Mahbub irgendwie durch eine Nachricht erreichbar, so suchte er ihn in seinem Lager auf und nahm seine Verwandlung unter des Pathans Auge vor. Hätte der kleine Tuschkasten, den er in der Schulzeit beim Kartenzeichnen brauchte, von seiner Verwendung in den Ferien reden können, so wäre Kim wohl relegiert worden. – Einmal zog er mit Mahbub und drei Wagen voll Pferden bis nach dem prächtigen Bombay, und Mahbub schmolz fast vor Zärtlichkeit: als Kim eine Reise durch den Indischen Ozean auf einem Kauffahrteischiff vorschlug, um Golf-Araber zu kaufen, die, wie er von einem Untergebenen des Händlers Abdul Rahman erfahren halte, bessere Preise erzielten, als die Kabuli-Pferde. Mit diesem bedeutenden Kaufmann wußte er anzuknüpfen, als Mahbub mit einigen Gleichgläubigen bei einem großen Haj-Schmaus war.

Bei dem Rückwege über Karachi, zur See, machte Kim die erste Bekanntschaft mit der Seekrankheit. Er saß an dem vorderen Gatter über der Luke, fest überzeugt, daß er vergiftet sei. Des Babus famose Medizin-Schachtel erwies sich nutzlos, obgleich sie in Bombay frisch gefüllt war. Mahbub hatte Geschäfte in Quetta, und dort verdiente Kim, mit Mahbubs Erlaubnis, sein Brot und etwas mehr als Küchenjunge im Hause eines fetten Kommissariats-Sergeanten. In einem unbewachten Augenblick nahm er aus dessen Bureau-Schrank ein kleines, in Pergament gebundenes Hauptbuch, das anscheinend nur Verkäufe von Rindvieh und Kamelen betraf, und im Mondenschein, hinter einem Hintergebäude liegend, kopierte er daraus. Dann legte er das Buch wieder an seinen Platz, verließ auf Mahbubs Rat seinen Dienst ohne Lohn und traf sechs Meilen weiter unten mit Mahbub wieder zusammen, die saubere Kopie auf der Brust tragend.

»Dieser Sergeant ist ein kleiner Fisch,« erklärte Mahbub, »mit der Zeit werden wir größere fangen. Dieser verkauft nur Ochsen zu zwei verschiedenen Preisen – zu einem Preise für sich selbst, zu einem anderen für die Regierung – was, glaube ich, keine Sünde ist.«

»Warum durfte ich das kleine Buch nicht mitnehmen und vollständig kopieren?«

»Das hätte ihn erschreckt, und er würde seine Vorgesetzten benachrichtigt haben. Dadurch hätten wir vielleicht eine große Zahl neuer Flinten verloren, die ihren Weg, von Quetta nach dem Norden suchen. Das Spiel ist zu weit ausgedehnt, man sieht nur wenig davon zurzeit.«

»Oho!« machte Kim und hielt den Mund. Das war in den Monsoon-Ferien, nachdem er den Preis in Mathematik erhalten. Die Weihnachts-Ferien – abgerechnet einige Tage für Privat-Amusements – brachte er bei Lurgan Sahib zu. Dort saß er meist vor einem lodernden Holzfeuer – auf dem Wege nach Jakko lag in dem Jahre vier Fuß tief Schnee – der kleine Hindu war fort, um verheiratet zu werden – und half Lurgan Perlen aufreihen. Nebenbei hatte er ganze Kapitel aus dem Koran auswendig zu lernen und zu wiederholen, bis er sie mit dem Hin- und Herwiegen und dem genauen Tonfall eines Mullah vortragen konnte. Ferner lernte er die Namen und Eigenschaften einheimischer Heilmittel kennen, wie die dunklen Sprüche, die beim Verordnen derselben hergesagt werden müssen. Am Abend schrieb er Zauberformeln auf Pergamente, kunstvoll ausgearbeitete Pentagramme mit den Namen von Teufeln Murra und Awan, dem Begleiter von Königen, gekrönt. In praktischer Weise unterwies Lurgan ihn in seiner eigenen Gesundheitspflege, im Heilen von Fieberanfällen und Anwendung einfacher Arzneimittel auf der Wanderung. Eine Woche vor der Abreise sandte Oberst Creighton – und das war nicht hübsch – eine Reihe von Prüfungs-Fragen, die sich nur mit Ruten und Ketten und Winkeln befaßten.

In den nächsten Ferien zog er mit Mahbub aus und auf einem Kamel, im tiefen Sand fast versinkend, war er dem Verdursten nahe. Sie kamen nach der geheimnisvollen Stadt Bikaneer, wo die Brunnen vierhundert Fuß tief und fast durchaus mit Kamelknochen bekleidet sind. Es war nicht erheiternd für Kim, daß der Oberst – in Nichtachtung des Kontraktes – ihm befahl, eine Karte von der wilden, ummauerten Stadt anzufertigen. Und da es auffallend wäre, wenn mohammedanische Pferdejungen oder Pfeifenreiniger Vermessungsketten um die Hauptstadt eines unabhängigen einheimischen Staates zögen, so war Kim gezwungen, seine Distanzen mit Hilfe der Perlen eines Rosenkranzes abzuschreiten. Zu Teilungen benutzte er gelegentlich den Kompaß, hauptsächlich nach Dunkelwerden, wenn die Kamele gefuttert halten, und mit Hilfe seines kleinen Tuschkastens mit sechs Farbentäfelchen und drei Pinseln brachte er etwas zu Stande, das nicht ungleich der Stadt Jeysalmir war. Mahbub lachte und riet ihm, auch einen geschriebenen Bericht zu machen, und auf den letzten Seiten eines großen Rechnungsbuches, das unter der Klappe von Mahbubs Lieblingssattel lag, fertigte Kim ihn aus.

»Er muß alles enthalten, was Du gesehen, berührt und beobachtet hast. Schreibe, als wenn der Jung-i-Lat (Oberbefehlshaber) selbst im Geheimen mit einer großen Armee, um in den Krieg zu ziehen, gekommen wäre.«

»Wie groß die Armee?«

»Oh, ein halbes Lakh (Ostindisch: Hälfte von 100 000) Männern.«

»Torheit! Bedenke doch, wie selten und wie schlecht die Brunnen in dem Sande sind. Nicht tausend Männer könnten ihren Durst löschen.«

»Dann schreibe das nieder – auch die alten Brüche in den Mauern – und wo das Brennholz geschnitten wird – und wie das Temperament und die Gesinnung des Königs ist. Ich bleibe hier bis alle meine Pferde verkauft sind. Ich will einen Raum beim Torvorbau mieten und Du bist mein Buchhalter. Es soll ein gutes Schloß an der Tür sein.«

Der Bericht, in der fließenden, deutlichen St. Xaviers-Handschrift und die braun und gelbe, mit Lack überzogene Karte war noch vor einigen Jahren vorhanden. (Ein nachlässiger Schreiber verdarb sie mit Notizen über die zweite Dienstreise nach Leistan von E. 23., jetzt aber werden die Bleistift-Bemerkungen ziemlich verwischt sein.) Am zweiten Tage der Rückreise übersetzte Kim, bei der Flamme einer Öllampe schwitzend, Mahbub einen Bericht. Der Pathan erhob sich und beugte sich über die bunten Satteltaschen.

»Ich wußte, er würde eines Ehrenkleides würdig werden und hielt es bereit,« sagte er lächelnd. »Wäre ich Emir von Afghanistan (und wir werden ihn eines Tages sehen) so würde ich Deinen Mund mit Gold füllen.« Er breitete die Gewänder feierlich zu Kims Füßen aus. Da war eine goldgestickte, zu einem Kegel aufsteigende Turban-Mütze von Peshawur, mit einem Turban-Tuch, das in einer breiten Goldfranze endete. Da war eine gestickte Weste von Delhi, die über einem milchweißen, an der rechten Seite schließenden, prächtig niederwallenden Hemde getragen wurde: grüne Pyjamas mit geflochtener, seidener Taillenschnur, und damit nichts fehle, Pantoffeln von russischem Leder, himmlisch riechend, mit kokett aufgebogenen Spitzen.

»An einem Mittwoch und in der Morgenfrühe neue Kleider anzulegen, ist gefährlich,« sprach Mahbub feierlich. »Und wir dürfen nicht vergessen, daß es böses Volk in der Welt gibt. Also!«

Er krönte die Herrlichkeiten, die Kim vor Entzücken den Atem benahmen, durch einen mit Perlmutter und Nickel beschlagenen 9 mm-Revolver mit Selbstentladung.

»Ich wollte erst eine kleinere Bohrung nehmen, besann mich aber, daß diese hier Gouvernements-Kugeln faßt. Mit diesen kann ein Mann überall hin- und hergehen – besonders über die Grenze. Steh auf und laß Dich betrachten.« Er klopfte Kim auf die Schulter. »Mögest Du nimmer ermüden zu schauen, Pathan! Oh, die Herzen, die da brechen, die Augen, die sich abwenden werden unter halb geöffneten Lidern!«

Kim drehte sich rundum, streckte die Zehe und fühlte mechanisch nach dem Schnurrbart, der just zu sprossen begann; dann bückte er sich auf Mahbubs Füße nieder, um diese, da sein Herz zu voll für Worte war, mit seinen bebenden Händen zu streicheln. Mahbub kam ihm zuvor und umarmte ihn.

»Mein Sohn,« sprach er, »bedarf es der Worte zwischen uns? Aber ist nicht die kleine Waffe zum Entzücken? Alle sechs Kartuschen kommen mit einer Drehung heraus. Man soll sie auf der Brust nächst der Haut tragen, damit sie immer wie geölt bleibt. Trage sie sonst nirgends und so es Gott gefällt, wirst Du eines Tages einen Mann damit töten.«

»Oha!« rief Kim kläglich, »wenn ein Sahib einen Menschen tötet, wird er im Gefängnis gehängt.«

»Wahr: aber einen Schritt jenseit der Grenze sind die Leute vernünftiger. Tue sie weg, aber füttere sie zuvor. Was nützt eine ungespeiste Flinte?«

»Wenn ich in die Madrissah zurückgehe, muß ich sie Dir wiedergeben. Sie gestatten keine Waffe. Du wirst sie mir aufbewahren?«

»Sohn, ich bin der Madrissah müde, wo sie einem Manne die besten Jahre nehmen, um ihn zu lehren, was er nur auf der Heerstraße lernen kann. Die Torheit der Sahibs hat weder Kopf noch Fuß. Schadet nichts. Kann sein, dieser geschriebene Bericht erspart die fernere Sklaverei; und Gott weiß, wir brauchen Männer, mehr und mehr, für das Spiel.«

Mit verbundenem Mund, um sich vor dem wehenden Sand zu schützen, wanderten sie durch die Salzwüste nach Jodhpore, wo Mahbub und sein schöner Neffe Habib-Ullah viel Geschäfte machten, und dann – traurig, in europäischen Kleidern, aus denen er fast herausgewachsen war – fuhr Kim in zweiter Klasse nach St. Xavier zurück. Drei Wochen später traf Oberst Creighton, der in Lurgans Laden nach dem Preise von Thibetanischen Geisterdolchen fragte, Mahbub Ali als offenbaren Meuterer an. Lurgan Sahib operierte als Reserve.

»Das Pony ist fertig – vollendet – mit Maul und Schritt – Sahib. Von nun an, wenn es zum Spaß festgehalten wird, wird es von Tag zu Tag seine guten Manieren verlieren. Nehmt ihm den Zügel vom Nacken und laßt ihn los,« sprach der Pferdehändler. »Wir haben ihn nötig.«

»Aber er ist noch so jung, Mahbub – kaum sechzehn – nicht so?«

»Als ich fünfzehn alt war, Sahib, hatte ich meinen Mann geschossen und meinen Mann gezeugt.«

»Du verstockter, alter Heide.« Creighton wandte sich zu Lurgan. Der schwarze Bart nickte dem scharlachgefärbten des Afghanen Beifall zu.

»Ich würde ihn längst verwandt haben,« sagte Lurgan. »Je jünger je besser. Deshalb lasse ich meine Kostbaren Juwelen von einem Kinde hüten. Ihr habt ihn mir gesendet, ihn auf die Probe zu stellen. Ich prüfte ihn in jeder Weise: er ist der einzige Knabe, den ich nicht dahin bringen Konnte, Dinge zu sehen –«

»Im Krystall – im Tintentopf?« fragte Mahbub.

»Nein. Unter meiner Hand. Das ist mir noch nicht vorgekommen. Das zeigt, daß er stark genug ist – aber Ihr meint, Oberst Creighton, das ist nicht so leicht, wie es aussieht – jeden nach seinem Willen tun zu lassen? Und das war vor drei Jahren. Seit der Zeit habe ich ihn vieles gelehrt, Oberst Creighton. Ich glaube, Ihr verwertet ihn jetzt nicht richtig.«

»Hm! Kann sein, Ihr habt Recht. Aber, wie Ihr wißt, ist augenblicklich keine offizielle Arbeit für ihn da.«

»Laßt ihn aus – laßt ihn rennen,« unterbrach Mahbub. »Wer erwartet von einem Füllen, daß es gleich schwere Lasten trägt? Laßt ihn auf gut Glück mit den Karawanen laufen wie unsere weißen Kamel-Füllen. Ich würde ihn zu mir nehmen, aber –«

»Da ist im Süden eine Kleinigkeit zu tun, wobei er sehr nützlich sein könnte,« meinte Lurgan, mit besonders sanftem Ton, seine schweren, blau getuschten Augenlider senkend.

»E. 23. hat das in Händen,« sagte Creighton, rasch einfallend.

»Er darf nicht dorthin. Außerdem versteht er nicht Türkisch.«

»Beschreibt ihm nur das Format und den Geruch der Briefe, die wir brauchen,« beharrte Lurgan, »und er wird sie uns bringen.«

»Nein. Das ist Arbeit für einen Mann,« sagte Creighton. Es betraf eine halsbrecherische Angelegenheit, eine ungehörige, aufwieglerische Korrespondenz zwischen einer Person, die sich als allein maßgebende Autorität in allen Dingen der mohammedanischen Religion durch alle Welt betrachtete, und einem jüngeren Mitglied eines königlichen Hauses, das wegen Frauenraubes auf britischem Territorium in den Geheimakten geführt wurde. Der muselmännische Erzbischof war emphatisch und überarrogant, der junge Prinz nur aufgebracht wegen sogenannter Verkürzung seiner Privilegien gewesen; aber er mußte verhindert werden, eine Korrespondenz weiter zu führen, die ihn schließlich kompromittieren konnte. Einer der Briefe war schon abgefaßt, aber der Finder wurde später, als arabischer Handelsmann gekleidet, tot am Wege gefunden; dies berichtete E. 23. (der die Arbeit übernommen) pflichtgemäß.

Diese Fakten und einige andere, nicht zu veröffentlichende, ließen Mahbub und Lurgan die Köpfe schütteln.

»Laßt ihn denn mit dem Roten Lama gehen,« sagte, mit sichtlicher Überwindung, der Roßkamm. »Er hat den alten Mann lieb. Er kann wenigstens bei dem Rosenkranz seine Schritte abzählen lernen.«

»Ich hatte mich ein paarmal mit dem alten Mann zu beschäftigen – brieflich,« sprach Creighton lächelnd. »Wohin geht er?«

»Er ist diese drei Jahre auf- und abgewandert im Lande. Er sucht einen Strom des Heils. Gottes Fluch über alle –« Mahbub verstummte plötzlich. »Er hat Quartier im Tempel der Tirthankeers oder zu Buddh Gaya, wenn er von der Wanderschaft kommt. Alsdann geht er nach der Madrissah, um den Knaben zu sehen: wir wissen es, denn der Knabe wurde zwei- oder dreimal deswegen bestraft. Er ist ganz verrückt, aber ein friedlicher Mann. Ich habe ihn getroffen. Auch der Babu hat mit ihm zu tun gehabt. Wir beobachteten ihn diese drei Jahre. Rote Lamas sind nicht so häufig in Indien, daß man die Spur verlieren könnte.«

»Babus sind zuweilen sonderbar,« sprach Lurgan nachdenklich. »Wißt Ihr, was Hurree Babu wirklich will? Er will Mitglied der Königlichen Akademie der Wissenschaften werden durch seine ethnologischen Berichte. Ich teilte ihm alles mit, was Mahbub und der Knabe mir über den Lama gesagt. Hurree Babu geht nach Benares – auf seine eigenen Kosten, denke ich.«

»Ich nicht,« sagte Creighton kurz. Er hatte, aus lebhafter Neugier zu erfahren, was der Lama eigentlich war, Hurrees Reisekosten bezahlt.

»Und er wandte sich an den Lama, wegen Unterweisung über Lamaismus und Teufelstänze und Zauberformeln, verschiedene Male in diesen drei Jahren. Heilige Jungfrau! All das hätte er von mir schon vor Jahren erfahren können. Ich glaube, Hurree Babu wird zu alt für das Umherstreifen. Er sammelt lieber Erfahrungen über Sitten und Lebensweise. Ja, er strebt danach, ein F. R. S. zu werden.« (Fellow of the Royal Society, Mitglied der Akademie der Wissenschaften.)

»Hurree denkt gut von dem Knaben, wie?«

»Oh, sehr! Wir hatten einige heitere Abende zusammen hier in meiner kleinen Behausung. Aber es wäre schade, den Knaben mit Hurree in den ethnologischen Dienst übergehen zu lassen.«

»Nicht für einen ersten Versuch. Was sagt Ihr, Mahbub? Lassen wir den Jungen sechs Monate mit dem Lama gehen! Später wollen wir sehen. Er kann wenigstens Erfahrungen sammeln.«

»Die hat er schon, Sahib – er kennt seinen Weg wie ein Fisch das Wasser, in dem er schwimmt. Aber jedenfalls wäre es richtig, ihn aus der Schule zu nehmen.«

»Gut also,« sprach Creighton halb zu sich selbst. »Er soll mit dem Lama gehen, und will Hurree Babu ein Auge auf sie haben, um so besser. Der Lama wird den Knaben nicht in Verlegenheit bringen, wie Mahbub. Sonderbar – dieser Wunsch ein F. R. S. zu werden! Und doch wie menschlich! Er paßt auch am besten für Ethnologie, Hurree –«

Weder Geld noch Bevorzugung würde Creighton bewogen haben, den Indischen Geheim-Dienst zu verlassen, aber tief in der Seele trug er den Ehrgeiz, F. R. S. hinter seinen Namen zu setzen. Gewisse Ehren waren durch Findigkeit und Hilfe von Freunden zu erzielen; aber, nach seinem besten Ermessen, konnte nur ein Leben voll wertvoller Arbeit einen Mann in die Gesellschaft erheben, die er seit Jahren mit Berichten über fremde asiatische Kulturen und unbekannte Sitten bombardierte. Neun von zehn Männern würden die Langeweile eines Abends in der Akademie fliehen, Creighton aber würde dieser Zehnte sein. Zuweilen sehnte er sich lebhaft nach dem behaglichen London, in die überfüllten Räume, wo silberhaarige und kahlköpfige Herren, die nichts von militärischen Angelegenheiten verstehen, spektroskopische Untersuchungen niedriger Pflanzenarten der eisigen Tundras oder elektrische Flugmaschinen vornehmen oder Apparate handhaben, um das linke Auge eines weiblichen Moskitos in millimetrische Teile zu schneiden. Nach Recht und Billigkeit hätte die Geographische Gesellschaft ihn berufen sollen; aber Männer sind so launisch wie Kinder bei der Wahl ihres Spielzeugs. – Creighton lächelte und dachte um so besser über Hurree Babu, da er mit ihm gleichen Ehrgeiz teilte.

Er legte den Geisterdolch aus der Hand und blickte zu Mahbub auf.

»Wann können wir das Füllen aus dem Stall holen?« fragte der Pferdehändler, in seinem Auge lesend.

»Hm! Wenn ich jetzt seine Entlassung anordne, was wird er, denkt Ihr, tun? Ich habe noch niemals die Erziehung von so einem geleitet.«

»Zu mir wird er kommen,« sagte Mahbub rasch. »Lurgan und ich werden ihn für die Reise vorbereiten.«

»So sei es denn. Sechs Monate mag er gehen wohin er will. Wer aber bürgt für ihn?«

Lurgan neigte leicht den Kopf. »Er wird nicht plaudern, wenn Ihr das fürchtet, Oberst Creighton.«

»Er ist immerhin noch ein Knabe.«

»J – ja; aber erstens, hat er nichts zu erzählen und zweitens, weiß er, was die Folge sein würde. Auch hat er Mahbub sehr lieb und mich ein wenig.«

»Wird er Gehalt beziehen?« fragte der praktische Pferdehändler.

»So viel als zu Nahrung und Wasser notwendig ist. Zwanzig Rupien im Monat.«

Ein Vorzug des Geheim-Dienstes ist, daß keine ermüdende Revision stattfindet. Der Dienst wird lächerlich knapp gehalten, aber die Fonds werden von Männern verwaltet, die weder die Aufführung der einzelnen Posten in den Rechnungen noch Quittungen verlangen. Mahbubs Auge leuchtete auf mit einer fast eines Sikhs würdigen Freude am Gelde und selbst Lurgans unbewegliches Gesicht belebte sich. Er dachte der Zeit, da Kim in das Große Spiel eingefügt würde, das, über ganz Indien verbreitet, weder Tag noch Nacht ruht; und der Ehre und des Ansehens, das ihm, als Lehrer dieses Schülers zu Teil werden würde von den wenigen Auserwählten. Lurgan Sahib hatte E. 23. aus einem verwilderten, frechen, verlogenen kleinen Kerl aus den nordwestlichen Provinzen zu dem gemacht, was E. 23. jetzt war.

Die Freude seiner Lehrer war aber nur schwach und bleich neben Kims Freude, als der Direktor von St. Xavier ihm ankündigte, daß Oberst Creighton ihn rufen lasse.

»Ich vermute, O’Hara,« sprach der Direktor, »daß der Oberst Ihnen eine Stelle als Meß-Assistent im Kanal-Departement ausgewirkt hat. Das ist der Lohn für Fleiß in Mathematik. Es ist ein großes Glück für Sie, denn Sie sind erst siebzehn Jahre alt; aber Sie begreifen, daß Sie nicht dauernd angestellt werden, bevor Sie Ihre Examen im Herbst bestanden haben. Sie müssen also nicht wähnen, daß Sie zum Vergnügen in die Welt hinaus gehen oder daß Ihr Glück nun ein für allemal gemacht ist. Es bleibt noch viel schwere Arbeit für Sie zu tun. Nur wenn es Ihnen gelingt ›pukka‹ zu werden, können Sie es bis zu vierhundert und fünfzig monatlich bringen.« Hierauf gab der Direktor ihm noch gute Lehren betreffs Führung, Sitten und Moral. – Ältere Schüler, die noch keine Aussicht auf Stellung hatten, sprachen wie nur Anglo-Indische Burschen sprechen können, von Begünstigung und Bestechung. Der junge Cazalet, dessen Vater seine Pension in Chunar verzehrte, sprach es unverblümt aus, daß Oberst Creightons Interesse für Kim direkt väterlich sei; und Kim, statt ihm zu vergelten, fluchte nicht einmal. Er dachte nur an das in Aussicht stehende Vergnügen, an Mahbubs gestrigen, in nettem Englisch geschriebenen Brief, der ihn für Nachmittag nach einem Hause hinbestellte, dessen Erwähnung allein des Direktors Haar vor Entsetzen gesträubt haben würde.

Am selben Abend sprach Kim zu Mahbub, bei dem Gepäckwagen auf der Lucknow-Station stehend: »Ich fürchtete, daß, bevor ich heraus wäre, mir das Dach noch auf den Kopf fallen könnte. Oh, mein Vater, ist es denn wirklich wahr?«

Mahbub schnappte mit den Fingern als Zeichen, daß alles wahr sei, und seine Augen funkelten wie rote Kohlen.

»Wo ist dann meine Pistole, daß ich sie trage?«

»Sachte! Ein halbes Jahr magst Du noch ohne Fersenstrick laufen. Das erbat ich für Dich von Oberst Creighton Sahib, mit zwanzig Rupien monatlich. Der alte Rot-Hut weiß, daß Du kommst.«

»Ich will Dir Dustoorie (Kommission) zahlen, drei Monate lang,« sprach Kim ernsthaft. »I – ja, zwei Rupien von meinem Gehalt jeden Monat. Vor allem aber muß ich dies los werden.« Er zupfte an seinen dünnen Leinwandhosen und zerrte an seinem Kragen. »Ich habe alles, was ich auf der Landstraße brauche, bei mir. Meinen Koffer habe ich Lurgan Sahib gesendet.«

»Der Dir seine Salaams sendet – Sahib.«

»Lurgan Sahib ist ein sehr kluger Mann. Und was wirst Du jetzt tun, Mahbub?«

»Ich gehe wieder nordwärts in dem Großen Spiel. Was sonst? Bist Du noch immer gewillt, dem alten Rot-Hut zu folgen?«

»Vergiß nicht, er macht mich zu dem, was ich bin – obwohl er es nicht wußte. Jahr auf Jahr sendet er das Geld für meine Erziehung.«

»Das hätte ich auch tun können,« brummte Mahbub, »wäre es mir nur in meinen Dickkopf gekommen. Laß uns gehen. Die Lampen sind schon angezündet; es wird Dich niemand im Basar bemerken. Wir gehen nach Huneefas Haus.«

Auf dem Wege dahin gab Mahbub Kim fast dieselben Ratschläge, die Lemuel (arabischer König) von seiner Mutter empfing, und, sonderbar genug, er war sehr darauf bedacht, hervorzuheben, wie Huneefa und ihresgleichen Könige zugrunde gerichtet hätten.

»Und dabei erinnere ich mich,« sprach er schelmisch, »eines, der da sagte: Trau einer Schlange mehr als einer Dirne und einer Dirne mehr als einem Pathan. Nun, ausgenommen das von den Pathans, da ich selbst einer bin, ist alles Übrige wahr. Besonders wahr ist es in dem Großen Spiel, denn nur die Weiber sind schuld, wenn Pläne mißlingen, nur Weiber sind schuld, wenn wir im Morgengrauen mit durchschnittener Kehle am Wege liegen. So geschah es dem und dem –,« er gab die grausigsten Details.

»Warum denn aber –?« Kim stockte vor einer schmutzigen Treppe, die in die warme Dunkelheit eines oberen Raumes im Hofe hinter Azim Ullahs Tabakladen führte. Die den Raum kennen, nennen ihn das Vogelbauer – so voll ist er von Wispern und Pfeifen und Flüstern. Das Zimmer, mit seinen unsauberen Kissen und halb ausgerauchten Pfeifen, roch abscheulich nach kaltem Tabak. In einer Ecke lag eine große, unförmliche, in grünliche Gaze gehüllte Frau, Stirn, Nase, Ohr, Nacken, Brust, Arme und Fußknöchel mit plumpen, einheimischen Schmucksachen beschwert. Bewegte sie sich, so war es, als ob kupfernes Geschirr aneinander klirrte. Eine magere Katze miaute hungrig draußen vor dem Fenster. Kim blieb verwirrt neben dem Türvorhang stehen.

»Ist das die Remonte, Mahbub?« frug Huneefa mit träger Stimme, kaum die Pfeifenspitze von den Lippen nehmend. »Oh, Buktanoos!« – wie meist alle von ihrer Art schwor sie bei den Djinns – »Oh, Buktanoos! Er ist hübsch anzuschauen.«

»Das bezieht sich auf den Pferdehandel,« erklärte Mahbub. Kim lachte.

»Solche Rede hörte ich seit meinem sechsten Tag,« erwiderte er, sich im Hellen niederlegend, »wohin soll sie führen?«

»Zu einer Beschützung. Heute Abend ändern wir Deine Farbe. Der Schlaf unter den Dächern hat Dich weiß gemacht wie eine Mandel. Huneefa kennt das Geheimnis einer Farbe, die haftet – kein Anmalen, das zwei oder drei Tage hält. Auch gegen Zufälle auf der Reise stärken wir Dich. Das ist mein Geschenk für Dich, mein Sohn. Lege alles Metallische, was Du an Dir trägst, ab und hierher. Mach‘ Dich bereit, Huneefa.«

Kim zog seinen Kompaß hervor, seinen Tuschkasten und den frisch gefüllten Arznei-Kasten. Diese Dinge hatten ihn auf allen Wegen begleitet, und er schätzte sie in kindlicher Weise sehr hoch.

Das Weib erhob sich langsam und bewegte sich mit vorgestreckten Händen vorwärts. Kim sah, daß sie blind war. »Nein, nein,« murmelte sie, »der Pathan spricht wahr, meine Farbe schwindet nicht in einer Woche oder einem Monat, und die, die ich beschütze, sind in starker Hut.«

»Wenn fern und allein, ist es bös, plötzlich fleckig und aussätzig zu werden,« sprach Mahbub. »So lange Du bei mir warst, konnte ich Dich behüten, und ein Pathan hat gesunde Haut. Entkleide Dich bis zu den Hüften und schau, wie Du gebleicht bist.« Huneefa tastete sich aus einem hinteren Raum zurück. »Es schadet nicht, daß sie nicht sehen kann.« Er nahm eine Zinnschale aus ihrer mit Ringen überladenen Hand. Der Farbstoff schien blau und klebrig. Kim probierte ihn auf seinem Rücken mit einem Klümpchen Baumwolle; Huneefa hörte es. »Nein, nein,« rief sie, »so nutzt es nichts, nur mit den richtigen Zeremonien. Die Farbe ist das Wenigste. Ich verleihe Dir den vollen Schutz des Weges.«

»Jadoo?« (Magie) rief Kim halb erschrocken. Die weisen, blicklosen Augen waren ihm unheimlich. Mahbubs Hand legte sich auf seinen Nacken und drückte ihn nieder, bis er mit der Nase fast den Boden berührte.

»Sei ruhig. Nichts Übles geschieht Dir, mein Sohn. Ich opfere mich für Dich.«

Kim konnte nicht sehen, was die Frau tat, er hörte nur einige Minuten das Klick-Klack ihrer Schmucksachen. Ein Zündholz leuchtete in der Dunkelheit auf, er hörte das wohlbekannte knisternde Geräusch von angezündeten Weihrauchkörnern. Der Raum füllte sich mit Rauch, schwer, aromatisch, betäubend. In wachsender Bewußtlosigkeit vernahm er die Namen von Teufeln – von Zulbazan, dem Sohn des Ebis, der in Bazaren und Paraos sein Wesen treibt und gottlose Bosheiten auf den Halteplätzen an der Wegseite verübt – von Dulhan, der unsichtbar über Moscheen schwebt, sich in die Pantoffeln der Gläubigen schleicht und sie am Beten hindert – von Musboot, dem Dämon der Lüge und der Panik. Bald flüsterte Huneefa ihm ins Ohr, bald hörte er sie wie aus weiter Entfernung reden. Sie berührte ihn mit schauderhaft weichen Fingern, und Mahbubs Griff lastete auf seinem Nacken,– bis der Knabe, endlich losgelassen, völlig bewußtlos lag.

»Allah! Wie er kämpfte! Es wäre uns nie gelungen, ohne daß wir ihn betäubten. Das macht, nehme ich an, sein weißes Blut,« erklärte Mahbub. »Fahre fort mit Dawut (Beschwörung). Gib ihm vollen Schutz.«

»Oh, Hörer! Du, der hört mit Ohren, sei gegenwärtig! Höre, o Hörer!« Huneefa wehklagte, ihre toten Augen wandten sich nach Westen. Der dunkle Raum war voller Wehklagen und Schnaufen.

Auf dem äußeren Balkon richtete eine plumpe Gestalt ihren runden Kugelkopf empor und hustete nervös.

»Unterbrich nicht diese bauchrednerische Zauberei, meine Freundin,« sprach sie auf Englisch, »ich bin der Meinung, daß es Dich wohl verdrießen mag, aber ein erleuchteter Beobachter ist nicht so leicht aus der Fassung zu bringen.«

»Ich will auf ihr Verderben sinnen! Oh, Prophet, habe Nachsicht mit den Ungläubigen! Laß sie eine Weile in Frieden!« Huneefas Antlitz, nun nordwärts gedreht, verzerrte sich schrecklich, und es war, als ob Stimmen von der Decke herab ihr antworteten.

Hurree Babu nahm sein Notizbuch wieder vor und bewegte sich auf der Schwelle des Balkons hin und her, aber seine Hände zitterten. Huneefa, in einer Art trunkener Extase, wiegte sich, mit gekreuzten Beinen neben Kims stillem Haupte sitzend, hin und her, und rief in der alten Ordnung des Rituals Teufel nach Teufel an und befahl ihnen, dem Knaben fern zu bleiben, möge er unternehmen, was es auch sei.

»Mit ihm sind die Schlüssel der geheimen Dinge. Keiner kennt sie neben ihm. Er weiß, was auf dem trockenen Lande ist, und er weiß, was in dem Meere ist!« Wieder brachen die unheimlichen, wispernden Antworten hervor.

»Ich – ich nehme an, daß nichts Verderbliches bei dieser Operation ist,« sagte der Babu, die bebenden und zuckenden Halsmuskeln Huneefas, die jetzt mit Zungen sprach, anstarrend. »Es – es ist doch wohl nicht wahrscheinlich, daß sie den Knaben umgebracht hat? Wenn ja – verweigere ich mein Zeugnis beim Verhör … Welchen hypothetischen Teufel nannte sie zuletzt?«

»Babuchen,« sagte Mahbub im Dialekt, »ich habe keinen Respekt vor den Teufeln von Hind, aber mit den Söhnen von Eblis ist das eine andere Sache; und ob sie nun jumalee (wohlwollend) oder jullalee (bösartig) sind, jedenfalls lieben sie die Kafirs (Ungläubigen) nicht.«

»Dann, meinst Du, wäre es besser, ich ginge?« sagte Hurree Babu, sich halb erhebend. »Sie sind natürlich entkörperte Phänomene. Spencer sagt –«

Huneefa’s Krisis endete wie gewöhnlich nach solchem Vorgang in einem Paroxismus von Heulen. Schaum auf den Lippen, lag sie erschöpft und bewegungslos neben Kim, und die wahnsinnigen Stimmen schwiegen.

»Uah! Das Werk wäre vollbracht. Dem Knaben wird wohl sein, und Huneefa ist sicherlich Meisterin in Zauberkünsten. Hilf sie bei Seite schleppen, Babu. Fürchte Dich nicht.«

»Wie könnte ich fürchten, was nicht existiert?« sagte Hurree Babu, Englisch sprechend, um sich zu beruhigen. – »Es ist ein eigen Ding, die Magie zu scheuen und zu verachten – und ihr doch heimlich nachzuspüren; Folklore-Berichte für die Akademie zu sammeln und an alle Mächte der Finsternis zu glauben.«

Mahbub schüttelte sich vor Lachen. Er kannte Hurree von der Wanderschaft her. »Laß uns die Malerei fertig machen,« sprach er. »Der Knabe ist gut beschützt, wenn – wenn die Herren der Lüfte Ohren haben zu hören. Ich bin ein Sufi (Freidenker); aber wenn man einer Frau, einem Hengst oder einem Teufel die schwache Seite abgewinnen kann, warum denn auf eine andere Seite gehen und sich einen Tritt holen? Bringe Du den Knaben auf den Weg, Babu, und paß auf, daß der alte Rot-Hut den nicht aus unserem Bereich leitet. Ich muß zu meinen Pferden zurück.«

»Sehr wohl,« sagte Hurree Babu. »Für den Augenblick sieht der Knabe sonderbar aus.«

Um den dritten Hahnenschrei erwachte Kim, mit dem Gefühl, als habe er tausend Jahre geschlafen. Huneefa, in ihrer Ecke, schnarchte laut. Mahbub war fort.

»Ich hoffe, man hat Euch nicht erschreckt,« sprach eine fettige Stimme an seiner Seite. »Ich überwachte die ganze Operation, welche sehr interessant, vom ethnologischen Standpunkt aus, war. Es war höchstklassige Dawut.«

»Huh!« machte Kim, Hurree Babu erkennend, der verbindlich lächelte.

»Ich hatte auch die Ehre, Euer gegenwärtiges Kostüm von Lurgan Sahib zu überbringen. Es ist nicht meine offizielle Obliegenheit, solchen Flittertand an Untergebene abzuliefern, aber« – er kicherte – »Euer Fall ist als eine Ausnahme in den Büchern vermerkt. Ich hoffe, Mr. Lurgan wird meine Tat notieren.«

Kim gähnte und reckte sich. Es war angenehm, sich wieder in losen Kleidern zu bewegen. »Was ist dies?« Er betrachtete neugierig den schweren, von nordischen Gerüchen durchzogenen Düffelstoff.

»Oho! Das ist das unverdächtige Kleid eines Chela, der dem Dienst eines lamaistischen Lamas zugewiesen ist. Vollständig in jeder Beziehung,« sprach Hurree Babu und ging schwerfällig auf den Balkon, um seine Zähne aus einem Wasserkühler zu reinigen. »Ich bin der Meinung, es ist nicht genau die Religion des alten Herrn, sondern eher abweichend von ihr. Ich habe über diese Dinge der Asiatischen Vierteljahrsschrift Berichte erstattet, die man aber ablehnte. Sonderbar, daß der alte Herr selbst aller Religiosität bar ist. Er nimmt es nicht im Geringsten genau.«

»Kennt Ihr ihn denn?«

Hurree Babu hielt die Hand in die Höhe, um anzudeuten, daß er mit dem vorgeschriebenen Zeremoniell beschäftigt sei, das ein wohlerzogener Bengale beim Zähneputzen und solchen Dingen beobachtet. Dann rezitierte er in englischer Sprache ein Arya-Somey-Gebet theistischer Natur und stopfte sich den Mund mit Pan und Betel.

»O-a! Ja. Ich traf ihn einige Mal zu Benares und Buddh Gay und befragte ihn über religiöse Punkte und Teufel-Anbetung. Er ist rein agnostisch gesinnt – eben so wie ich.«

Huneefa regte sich im Schlaf und Hurree Babu stürzte nervös nach der kupfernen Weihrauchschale, die farblos schwarz im Morgenlicht erschien, tauchte einen Finger in den angesammelten Ruß und fuhr damit diagonal über sein Gesicht.

»Wer starb in Deinem Hause?« fragte Kim im Dialekt.

»Niemand. Aber sie könnte den bösen Blick haben – die Zauberin,« entgegnete der Babu.

»Was wirst Du jetzt unternehmen?«

»Ich will Dich auf den Weg nach Benares bringen, wenn Du dahin gehst und Dir mitteilen, was Du von »Uns» wissen mußt.«

»Ich komme. Um wie viel Uhr geht der Zug?«

Er erhob sich, blickte sich in dem öden Zimmer um und in das wachsgelbe Gesicht Huneefas, beim Schimmer der tief stehenden Sonne. »Muß ich der Hexe was bezahlen?«

»Nein. Sie hat Dich durch Zauber geschützt gegen alle Gefahren und alle Teufel – im Namen ihrer Teufel. Es war Mahbubs Wunsch.« Auf Englisch: »Er ist sehr in der Bildung zurück, an solchem Aberglauben zu hängen. Es ist ja nur Bauchredekunst. Bauchsprache –«

Kim schnappte mechanisch mit den Fingern, um jedes Übel abzuwenden – Mahbub, wußte er, sann auf keins – das aus den Manipulationen Huneefas ihn befallen könnte und Hurlee kicherte wieder, vermied aber sehr vorsichtig beim Durchschreiten des Zimmers in Huneefas über den Boden gestreckten Schatten zu treten. Hexen, wenn ihre Zeit über ihnen ist, können eines Mannes Seele an den Fersen festhalten, wenn er in ihren Schatten tritt.

»Nun, hört wohl zu,« sprach der Babu, als sie draußen waren. »Zum Teil werden die Zeremonien, denen wir hier beiwohnten, auch bei der Lieferung von wirkungsvollem Zauberschutz für Die von unserm Departement angewendet. Fühlt an Euern Hals, Ihr findet da ein kleines silbernes, sehr billiges Amulett. Das ist Unseres . Versteht Ihr?«

»O–a, ja – hawa–dilli,« sagte Kim, an seinen Hals fühlend.

»Huneefa macht sie für zwei Rupien, zwölf Annas, eingeschlossen – o, alle Arten von Exorcismus. Sie sind ganz allgemein, ausgenommen, daß sie meist von schwarzer Email sind und inwendig ein Zettel liegt mit Namen von einheimischen Heiligen und solchem Zeug. Das ist Huneefas Werk, seht Ihr? Huneefa liefert sie nur für uns und tut sie es einmal nicht, so legen wir, bevor wir sie ausgeben, ein kleines Stück von einem Türkis hinein. Mr. Lurgan liefert das; eine andere Hilfsquelle gibt es nicht. Ich aber habe dies alles erdacht. Es ist geradezu unoffiziell, natürlich, aber paßt gut für Untergeordnete. Oberst Creighton weiß nichts davon. Er ist Europäer. Der Türkis ist in Papier gewickelt… ja, dies ist der Weg zur Station … Nun, vermutlich geht Ihr mit dem Lama, später, hoffe ich, mit mir oder mit Mahbub. Nehmt an, wir gerieten in eine verdammt kritische Lage. Ich bin ein ängstlicher Mann – sehr ängstlich – aber ich sage Euch, ich bin öfter in verdammt kritischen Lagen gewesen als ich Haare auf dem Kopf habe. Dann sprecht Ihr: ›Ich bin Sohn des Zaubers‹ – Sehr gut.«

»Ich verstehe nicht ganz. Man darf auch hier nicht hören, daß wir Englisch sprechen.«

»Sehr wohl. Ich bin nur ein Babu, der mit seinem Englisch prahlt. Wir Babus sprechen alle Englisch, um damit zu prahlen,« sagte Hurree, sein Schultertuch flott schwenkend. »Was ich sagen wollte: ›Sohn des Zaubers‹ bedeutet, daß Ihr Mitglied der Sat Bhai – der Sieben Brüder sein könntet – was Hindi und Tantric (Lehre der Tantras) ist. Es wird allgemein angenommen, daß es eine erloschene Genossenschaft ist, ich aber habe Berichte geschrieben, um zu beweisen, daß sie noch existiert. Ihr seht, es ist alles mein Gedanke. Sehr wohl! Sat Bhai hat viele Mitglieder und vielleicht – ehe sie Euch flott die Gurgel abschneiden – geben sie Euch eine Chance zum Leben. Das ist jedenfalls nützlich. Und überdies, diese närrischen Eingeborenen – wenn sie nicht gar zu exaltiert sind – besinnen sich, ehe sie einen Mann töten, wenn er sagt, daß er irgend einer spezifischen Organisation angehört, seht Ihr? Ihr sprecht also, wenn Ihr in kritischer Lage seid: ›Ich bin Sohn des Zaubers‹ und Ihr gewinnt – vielleicht – ah – günstigen Wind. Das ist nur für außergewöhnliche Gelegenheiten oder wenn Ihr Unterhandlungen mit einem Unbekannten anknüpfen wollt. Versteht Ihr ganz genau? Seht wohl! Nehmt nun an, ich, oder ein anderer von unserm Departement, träte in ganz fremder Kleidung zu Euch. Mich würdet Ihr nicht erkennen, wenn ich wollte, was wettet Ihr? Ich werde es Euch eines Tages beweisen. Ich komme also als Ladakhi-Händler – o, als irgend etwas – und ich spreche zu Euch: »Ihr wollt kostbare Steine kaufen?« Ihr antwortet: »Sehe ich aus, wie einer, der kostbare Steine kauft?« Und ich spreche: »Selbst ein sehr armer Mann kann Türkisen oder Tarkeean kaufen.«

»Das ist Kichree» (Kedjeree, ind. Gericht aus Reis, Erbsen, Zwiebeln usw. Mischmasch) sagte Kim – »Pflanzen-Curry.«

»Natürlich ist es das. Ihr sprecht: »Laß mich das Tarkeean sehen.« Ich sage: »Es ward von einem Weibe gekocht und ist vielleicht nicht gut für Deine Kaste.« Dann sprecht Ihr: »Es gibt keine Kaste, wenn Männer Tarkeean sehen – wollen.« Ihr pausiert ein wenig zwischen den Worten »sehen – wollen.« Das ist das ganze Geheimnis. Die kleine Pause zwischen den Worten.« Kim wiederholte versuchsweise diese Worte.

»Sehr wohl! Dann, wenn Zeit dazu ist, zeige ich Euch meinen Türkis und Ihr wißt wer ich bin, und dann tauschen wir Ansichten und Dokumente und solche Dinge aus. Und so ist es mit jedem von uns. Zuweilen reden wir von Türkisen, zuweilen von Tarkeean, aber stets mit der kleinen Pause zwischen den Worten. Es ist ganz leicht. Zuerst: »Sohn des Zaubers«, wenn Ihr in kritischer Lage seid. Vielleicht hilft Euch das – vielleicht nicht. Dann: Das, was ich Euch von Tarkeean sagte, wenn Ihr offizielle Geschäfte mit einem Fremden verhandeln wollt. Jetzt, natürlich, habt Ihr keine offiziellen Geschäfte, Ihr seid – ah – ah! Supernumerar auf Probe. Ganz einziges Specimen. Wäret Ihr Asiate von Geburt, könntet Ihr frischweg verwendet werden; dies halbe Jahr Urlaub soll Euch entenglischen, seht Ihr? Der Lama erwartet Euch, denn ich habe ihn halb offiziell unterrichtet, daß Ihr alle Euere Examina bestanden und bald Regierungs-Anstellung zu gewärtigen habt. Oh, ho! Ihr seid jetzt auf Vergünstigungsration gesetzt, seht Ihr? Wenn Ihr aber angerufen werdet, um Söhnen des Zaubers beizustehen, so versucht es flottweg. Nun sage ich Euch Lebewohl, mein lieber Kerl, und ich hoffe, Ihr werdet Euch – ha – das Oberste zu unterst – gut herausziehen.«

Hurree Babu trat einige Schritte in das Gedränge am Eingang der Station zurück und – war verschwunden. Kim tat einen tiefen Atemzug und schüttelte sich. Er fühlte den nickelbeschlagenen Revolver auf seiner Brust, das Amulett an seinem Hals; Bettelschale, Rosenkranz, Geisterdolch (Mr. Lurgan hatte nichts vergessen) waren zur Hand, nebst Medikamenten, Tuschkasten und Kompaß; und in einem alten, abgenutzten, mit Schildkrötenschalen-Muster gestickten Geldgürtel lag der Sold für einen Monat. Könige konnten nicht reicher sein. Er kaufte von einem Hindu Zuckerwerk in einer Blattdüte und aß voller Entzücken, bis ein Polizist ihn von den Stufen verwies.

Kapitel 11.

Kapitel 11.

Es folgte eine plötzliche, natürliche Reaktion.

»Nun bin ich allein – ganz allein,« dachte Kim. »In ganz Indien ist keiner so allein wie ich. Stürbe ich heute, wer würde davon sprechen – und zu wem? Lebe ich aber, und Gott ist gütig – dann wird ein Preis auf meinen Kopf gesetzt, denn ich bin ein Sohn des Zaubers – ich, Kim.«

Sehr wenige Weiße, aber viele Asiaten können sich in Verzückung versetzen durch fortgesetztes Wiederholen ihres eigenen Namens und indem sie den Geist ungestört sich versenken lassen in das, was persönliche Identität genannt wird. Wird man älter, so schwindet diese Gabe gewöhnlich, aber so lange sie vorhanden, kann sie in jedem Augenblick herbeigerufen werden.

»Wer ist Kim – Kim – Kim?«

Er hockte, die Hände im Schoß gefaltet, die Pupillen zu Stecknadelspitzen zusammengezogen, entfernt von jedem anderen Gedanken, in einem Winkel des geräuschvollen Warteraumes. In einer Minute, in einer halben Sekunde, das fühlte er, würde er an der Lösung des gewaltigen Rätsels sein; hier aber, wie es immer geschieht, fiel sein Geist herab von jenen Höhen mit der Schnelligkeit eines verwundeten Vogels und, die Augen mit der Hand bedeckend, schüttelte er den Kopf.

Ein Hindu mit langem Haar, ein Bairagi (heiliger Mann), der eben ein Billett gelöst hatte, hielt vor ihm still in dem Moment und starrte ihn aufmerksam an.

»Ich auch habe es verloren,« sprach er betrübt. »Es ist eines der Tore zu dem Weg, für mich aber hat es sich seit vielen Jahren geschlossen.«

»Was soll die Rede?« fragte Kim verlegen.

»Du wolltest da mit Deinem Geist ergründen, was für ein Ding Deine Seele sein möchte. Der Anfall kam plötzlich. Ich weiß. Wer sollte wissen, wenn nicht ich? Wohin gehst Du?«

»Nach Kashi« (Benares).

»Dort sind keine Götter. Ich habe sie geprüft. Ich gehe nach Prayag (Allahabad) zum fünften Male – den Pfad zur Erleuchtung suchend. Von welchem Glauben bist Du?«

»Ich auch bin ein Sucher,« sagte Kim, eines von des Lamas Lieblingsworten brauchend. »Obwohl,« er vergaß für den Augenblick seine nordische Kleidung – »obwohl Allah allein weiß, was ich suche.«

Der alte Mann schob die Bairagi-Krücke in seine Armhöhle und setzte sich auf ein Stück rötliches Leopardenfell nieder, als Kim beim Ausrufen des Zuges nach Benares gerade aufstehen mußte.

»Gehe in Hoffnung, kleiner Bruder,« sprach er. »Es ist ein langer Weg zu den Füßen des Einen; aber dahin wandern wir alle.«

Kim fühlte sich nicht mehr so verlassen nach diesen Worten, und ehe er zwanzig Meilen in dem gedrängt vollen Wagen hinter sich hatte, erheiterte er seine Reisegefährten mit einer Reihe der wunderbarsten Geschichten von seinen und seines Meisters magischen Kräften.

Benares zeigte sich als eine besonders schmutzige Stadt, aber es gefiel ihm, daß sein Kleid respektiert wurde. Wenigstens ein Drittel der Bevölkerung betet beständig zu einer oder der anderen Gruppe der vielen Millionen Gottheiten, und so wird jede Art heiliger Männer verehrt. Kim wurde nach dem ungefähr eine Meile außerhalb der Stadt gelegenen Tempel der Tirthanker von einem ihm zufällig begegnenden Farmer aus dem Punjab geleitet, einem Kamboh von der Jullundur-Straße, der vergeblich jeden Gott seiner Heimatstätte um Genesung seines kleinen Sohnes angefleht hatte und nun, als letzte Hilfe, Benares versuchte.

»Du kommst vom Norden?« fragte er, sich schwerfällig durch die engen, übelriechenden Straßen schleppend, ähnlich seinem Lieblingsochsen zu Hause.

»Oh, ich kenne das Punjab. Meine Mutter war eine Pahareen, mein Vater aber kam von Amritzar, bei Jandiala,« sagte Kim, seine geläufige Zunge für die Reise vorbereitend.

»Jandiala–Jullundur? Oho! Dann sind wir so etwas wie Nachbarn.« Er nickte zärtlich dem wimmernden Kinde in seinen Armen zu. »Wem dienest Du?«

»Einem sehr heiligen Mann in dem Tempel der Tirthanker.«

»Alle sind sie heilige Männer und alle sehr geldgierig,« sagte der Jat mit Bitterkeit. »Ich bin um die Säulen gewandert, durch die Tempel gegangen, bis meine Füße geschunden waren, aber das Kind ist nicht die Spur besser. Und die Mutter ist ebenfalls krank … still, still, mein Kleiner … gaben ihm einen anderen Namen, als das Fieber kam. Wir steckten ihn in Mädchenkleider. Es gibt nichts, was wir nicht taten. Da sagte ich zu seiner Mutter, als sie mein Bündel nach Benares packte – sie hatte mit mir gehen wollen – ich sagte: Sakhi Sarwal Sultan wird uns am besten helfen. Seine Güte kennen wir, aber die Götter da unten sind uns fremd.« Das Kind bewegte sich auf dem Lager der es fest umschließenden Arme und blickte nach Kim unter seinen schweren Augenlidern hervor.

»Und war alles umsonst?« fragte Kim mit halbem Interesse.

»Alles umsonst – alles umsonst«, sagte das Kind mit vor Fieber zuckenden Lippen.

»Die Götter gaben ihm wenigstens einen guten Verstand,« sprach der Vater mit Stolz. »Zu denken, daß er so klug zugehört hat! Dort ist Dein Tempel. Nun, ich bin ein armer Mann – ich habe mit vielen Priestern zu tun gehabt – aber mein Sohn ist mein Sohn, und wenn ein Geschenk für Deinen Meister ihn heilen kann – ich bin zu Ende mit meinem Verstand.«

Kim bedachte sich eine Weile mit stolzem Gefühl. Vor drei Jahren würde er rasch Vorteil aus der Lage gezogen haben, ohne weiter nachzudenken; jetzt aber zeigte die Achtung, die der Jat ihm zollte, daß er ein Mann war. Überdies hatte er selbst schon einige Male Fieber gehabt und war klug genug zu erkennen, daß hier Hunger die Ursache war.

»Ruf ihn heraus und ich will ihm eine Schuldverschreibung auf mein bestes Joch Ochsen geben, wenn er mein Kind kuriert.«

Kim hielt vor der geschnitzten Außentür des Tempels. Ein weißgekleideter oswalischer Geldwechsler aus Ajmir, der seine Wuchersünden eben wieder frisch getilgt hatte, fragte ihn, was er wollte.

»Ich bin Chela des Teshoo Lama, eines Heiligen von Bhotiyal – da drinnen. Er befahl mir zu kommen. Ich warte. Willst Du ihm das sagen?«

»Vergiß nicht das Kind,« rief der ungeduldige Jat, und brüllte darauf in Punjabisch: »Oh, Heiliger – oh, Schüler des Heiligen – oh, Götter über allen Welten – sehet die Trauer an Eurer Pforte sitzen.« Der Ruf ist so gewöhnlich in Benares, daß die Vorübergehenden nicht einmal den Kopf wandten.

Der Oswale, in Frieden mit der Menschheit, brachte die Botschaft in die Dunkelheit hinter sich und die ungezählten, östlichen Minuten verstrichen, denn der Lama schlief in seiner Zelle und kein Priester wollte ihn wecken. Als das Klick-Klack seines Rosenkranzes endlich die Stille des inneren Hofes, wo die ruhevollen Bildnisse der Arhats stehen, unterbrach, flüsterte ein Novize ihm zu: »Dein Chela ist hier,« und der alle Mann vergaß das Ende seines Gebets und schritt vorwärts.

Kaum erschien die hohe Gestalt in der Pforte, als der Jat herbei eilte und, das Kind emporhaltend, rief: »Blicke auf dieses, Heiliger; und so die Götter wollen, wird er leben – leben!«

Er tastete in seinen Gürtel und zog eine kleine Silbermünze hervor.

»Was bedeutet dies?« Der Lama sah Kim an. Auffällig war, daß er weit besser Urdu sprach als damals, unter Zam-Zammah; aber der Jat wollte kein Privat-Gespräch aufkommen lassen.

»Es ist nur ein Fieber,« sagte Kim. »Das Kind ist nicht gut ernährt.«

»Er wird von jeder Kleinigkeit krank und seine Mutter ist nicht hier.«

»Erlaubst Du, Heiliger, daß ich helfe?«

»Wie! Sie haben Dich zu einem Heiler gemacht?« rief der Lama. »Warte hier,« und er setzte sich zu dem Jat auf die unterste Tempelstufe, indes Kim die kleine Betelschachtel behutsam öffnete. In der Schule hatte er geplant, wie er als ein Sahib zurückkommen und den alten Mann necken wollte, bevor er sich zu erkennen gab – Knabenträume. Er war ernst in diesem Auswählen der Medikamente, nur zuweilen von einer Pause zum Nachdenken und einer gemurmelten Anrufung unterbrochen. Chinin hatte er in Pastillen und dunkelbraune Fleischtäfelchen – vermutlich von Rindfleisch – doch das war nicht seine Sache.

»Nimm also diese sechs,« sprach Kim, sie dem Vater reichend. »Preise die Götter und koche drei davon in Milch, die anderen drei in Wasser. Wenn er die Milch getrunken hat, gib ihm dieses (es war die Hälfte einer Chinin-Pastille) und hülle ihn warm ein. Wenn er erwacht, gib ihm die in Wasser gekochten drei und die zweite Hälfte dieser weißen Pille. Ferner ist hier eine andere braune Medizin, die er auf dem Wege heimwärts nehmen mag.«

»Götter! Welche Weisheit!« rief der Kamboh, starr vor Staunen.

Es war alles, dessen Kim sich entsann aus seiner eigenen Behandlung bei einem Fall von herbstlicher Malaria – nur, daß er noch etwas Geplapper hinzufügte, um dem Lama ein wenig zu imponieren.

»Gehe nun! Am Morgen komme wieder.«

»Aber der Preis – der Preis,« rief der Jat, sich in die Brust werfend. »Mein Sohn ist mein Sohn. Wie kann ich nun, da er wieder gesund werden soll, zu seiner Mutter zurückkommen und sprechen: ich fand Hilfe am Wege und gab nicht einmal eine Schale Milch dafür?«

»Sie sind alle gleich, diese Jats,« sprach Kim ruhig. »Der Jat stand auf seinem Misthaufen, als die Elefanten des Königs vorbei kamen. ›Oh, Treiber,‹ rief er, ›wie teuer verkaufst Du diese kleinen Esel?‹«

Der Jat brach in ein schallendes Gelächter aus, entschuldigte sich aber sofort bei dem Lama. »So pflegt man bei uns zu sagen – ja, es ist die Redekunst meines Landes. So sind wir alle, wir Jats. Morgen werde ich mit dem Kinde kommen und der Segen der Götter meiner Heimstätte – welches gute kleine Götter sind – sei mit Euch beiden. Nun, Sohn, werden wir wieder stark. Speie es nicht aus, kleines Prinzlein! König meines Herzens, speie es nicht aus, und am Morgen werden wir wieder starke Männer sein, Wettkämpfer und Keulenschwinger.«

Er ging, leise singend und summend fort. Der Lama wandte sich zu Kim und seine ganze liebevolle alte Seele strahlte aus seinen schmalen Augen.

»Die Kranken heilen, ist Verdienst sammeln; zuvor aber muß man Weisheit erwerben. Das war weise gehandelt, oh, Freund aller Welt.«

»Durch Dich, Heiliger, bin ich weise gemacht,« sprach Kim, das eben gespielte kleine Spiel vergessend, St. Xavier vergessend, vergessend sein weißes Blut, ja selbst das Große Spiel, und nach Mohammedaner-Art sich niederwerfend in den Staub des Jain-Tempels, um seines Meisters Füße zu berühren. »Meine Kenntnisse danke ich Dir. Drei Jahre habe ich Dein Brot gegessen. Meine Zeit ist um. Von der Schule bin ich entlassen. Ich komme zu Dir.«

»Das ist meine Belohnung. Tritt ein! Tritt ein! Und alles ist wohl beendet?« Sie traten in den inneren von der Nachmittagssonne goldig überstrahlten Hof. »Stehe still, daß ich Dich anschaue. So!« Er betrachtete ihn kritisch. »Er ist nicht länger ein Kind; er ist ein Mann, reif an Weisheit, ein wandernder Arzt. Ich tat wohl – ich tat wohl, als ich Dich den Männern in Waffen überließ in jener dunklen Nacht. Erinnerst Du Dich unseres ersten Tages, unter Zam-Zammah?«

»Oho,« sagte Kim, »erinnerst Du Dich, wie ich vom Wagen sprang, den ersten Tag, als ich –«

»Als Du eintratest in die Pforte des Wissens. Ja. Und des Tages, wo wir die Kuchen zusammen aßen, hinter dem Fluß bei Nucklao. Aha! Oft hast Du für mich gebettelt, aber an dem Tage bettelte ich für Dich.«

»Mit gutem Grund. Ich war ein Schüler hinter den Toren des Wissens und wie ein Sahib gekleidet. Vergiß nicht, Heiliger,« fuhr Kim scherzend fort, »ich bin noch heute ein Sahib – durch Deine Gunst.«

»Wahr. Und ein Sahib in hoher Achtung. Komme mit in meine Zelle, Chela.«

»Wie kannst Du das wissen?«

Der Lama lächelte. »Zuerst durch Briefe des guten Priesters, den wir in dem Lager der bewaffneten Männer trafen; jetzt ist er nach seinem eignen Lande zurückgekehrt und ich sende das Geld seinem Bruder.« Oberst Creighton, der das Vertrauensamt übernommen hatte, als Vater Victor mit den Mavericks nach England ging, war allerdings nicht des Kaplans Bruder. »Aber ich verstehe nicht wohl Sahib-Briefe. Sie müssen mir übersetzt werden. Ich wählte einen sicheren Weg. Oft, wenn ich von meiner Suche zurückkam zu diesem Tempel, der mir stets ein Nest war, traf ich hier einen, der Erleuchtung suchte – einen Mann von Leh – der, wie er sagte, ein Hindu gewesen war – aber müde all der Götter.« Der Lama zeigte auf die Arhats hin.

»Ein fetter Mann?« fragte Kim, mit den Augen zwinkernd.

»Sehr fett. Ich bemerkte aber bald, daß sein Geist sich ganz und gar mit wertlosen Dingen beschäftigte – wie mit Dämonen und Zauberformeln und der Art und Gewohnheit unseres Teetrinkens in den Klöstern und auf welche Weise wir unsere Novizen einführten. Ein Mann, überschwänglich in Fragen; aber er war Dein Freund, Chela. Er erzählte mir, daß Du auf dem Wege zu großen Ehren als ein Schriftgelehrter wärest. Und ich sehe. Du bist ein Arzt.«

»Ein Schreiber bin ich, wenn ich ein Sahib bin und die Jahre, die ein Sahib darauf verwenden muß, habe ich hinter mir. Aber all das ist Nebensache, wenn ich zu Dir als Dein Schüler komme.«

»Eine Novize bist Du gewesen. Bist Du von der Schule gänzlich entlassen? Ich möchte Dich nicht unreif haben.«

»Ich bin ganz frei. Zur rechten Zeit erhalte ich Dienst als Schreiber unter der Regierung –«

»Nicht als ein Krieger. Das ist gut.«

»Aber jetzt bin ich hier, um mit Dir zu wandern. Deshalb kam ich her. Wer hat diese ganze Zeit für Dich gebettelt?« fuhr Kim rasch fort, um seine Rührung zu verbergen.

»Sehr oft bettelte ich selbst; aber, wie Du weißt, bin ich selten hier, nur wenn ich komme, um meinen Schüler wieder zu sehen. Von einem Ende zum andern von Hind bin ich gewandert zu Fuß und in dem Zug. Ein großes und ein wundervolles Land! Aber, wenn ich hier einkehre, ist es, als wäre ich in meinem eigenen Bhotiyal.«

Er schaute sich mit Wohlgefallen in der kleinen, reinlichen Zelle um. Ein niedriges Polster war sein Sitz, auf dem er sich niederließ, mit gekreuzten Beinen in der Stellung des Bodhisat, der aus Betrachtungen erwacht. Ein schwarzer, kaum zwanzig Zoll hoher Tisch von Eichenholz, kupferne Teelassen tragend, stand vor ihm. In einer Ecke befand sich ein kleiner Altar, ebenfalls aus schwerem, geschnitztem Eichenholz mit einer Statue des sitzenden Buddha aus vergoldetem Kupfer, einer Lampe, einer Zündholzbüchse und einigen kupfernen Blumentöpfen.

»Der Hüter der Bildnisse in dem Wunder-Haus erwarb Verdienst, indem er mir dies alles schenkte,« sprach der Lama, Kims Auge folgend. »Wenn man fern ist von seinem eigenen Lande, wecken solche Dinge die Erinnerung, und wir müssen den Herrn verehren, denn Er zeigte den Weg. Sieh!« Er wies auf einen sonderbar aufgerichteten Hügel von gefärbtem Reis, der von einem phantastischen Ornament aus Metall gekrönt war, »als ich noch Abt war in meinem eignen Platz – bevor ich besseres Wissen erlangte – brachte ich täglich diese Gabe dar. Es ist das Opfer des Universums für den Herrn. So bieten wir zu Bhotiyal jeden Tag die Welt dem Höchst Vortrefflichen Gesetz als Opfer dar. Und ich tue es selbst jetzt noch, obwohl ich weiß, daß der Vortreffliche erhaben ist über Habsucht und Geiz.« Er schnupfte aus seiner Dose.

»Es ist wohlgetan, Heiliger,« sagte Kim, sich in die Kissen lehnend, sehr glücklich, aber auch sehr schläfrig.

»Und,« der alte Mann lachte in sich hinein, »ich male auch Bilder von dem Rad des Lebens. Alle drei Tage ein Bild. Ich war damit beschäftigt, oder, kann auch sein, ich halte gerade meine Augen ein wenig geschlossen, als sie mir Deine Botschaft brachten. Es ist gut, daß Du da bist. Ich will Dich meine Kunst lehren – nicht aus Stolz – aber weil Du lernen mußt. Die Sahibs besitzen nicht alle Weisheit dieser Welt.«

Unter dem Tisch hervor zog er ein Blatt sonderbar riechendes, gelbes, chinesisches Papier, Pinsel und ein Täfelchen chinesischer Tusche. Mit klarsten, schärfsten Linien hatte er darauf das große Rad mit seinen sechs Speichen gezeichnet, dessen Achse die in einer Gestalt vereinten Tiere Schwein, Schlange und Taube bilden (Unwissenheit, Zorn, Wollust), und dessen Felder den ganzen Himmel und die ganze Hölle und allen Wechsel menschlichen Lebens bedeuten. Man erzählt, daß der Bodhisat selbst es zuerst mit Reiskörnern in Staub zeichnete, um seinen Schülern den Zusammenhang der Dinge zu erklären. Wie es so von Generation zu Generation kam, kristallisierte es sich zu einer wunderbaren, gewissermaßen verabredeten Figur, die von Hunderten kleiner Zeichen wimmelte, deren jedes eine besondere Bedeutung hatte. Es gibt nur wenige, die dieses gezeichnete Gleichnis zu deuten vermögen, und vielleicht nicht zwanzig auf der ganzen Welt, die es ohne Vorlagen genau wiederzugeben vermöchten. Und von diesen zwanzig wiederum bleiben nur drei übrig, die es sowohl zu zeichnen wie auszulegen wissen.

»Ich habe ein wenig zeichnen gelernt«, sagte Kim. »Aber dies ist ein Wunder über Wunder.«

»Vor vielen Jahren habe ich es gemalt,« sprach der Lama. »Es gab eine Zeit, wo ich ein Bild fertig malte zwischen einer und der nächsten Nacht. Ich will Dich die Kunst lehren, nach gehöriger Vorbereitung; und ich will Dir die Bedeutung des Rades klar machen.«

»Wir nehmen also unsere Wanderschaft wieder auf?«

»Unsere Wanderschaft und unsere Suche. Ich wartete nur auf Dich. In hundert Träumen ward es mir verkündet – besonders aber in dem, den ich träumte in der Nacht nach dem Tage, wo die Pforte des Wissens zum erstenmal hinter Dir sich schloß – daß ohne Dich ich meinen Strom nicht finden würde. Wieder und immer wieder, Du weißt es, suchte ich den Gedanken zu bannen, weil ich ein Blendwerk fürchtete. Deshalb wollte ich Dich nicht mit mir nehmen an dem Tage zu Lucknow, wo wir die Kuchen miteinander aßen. Ich wollte Dich nicht mit mir nehmen, bis die Zeit reif und günstig war. Von den Hügeln bis zur See und von der See bis zu den Hügeln bin ich gewandert, aber es war vergebens. Da gedachte ich der Jataka.«

Er erzählte Kim die Geschichte von dem Elefanten mit der Beinfessel, die er den Jan-Priestern so oft erzählt.

»Weiterer Offenbarungen bedarf es nicht,« fuhr er heiter fort, »Du warst mir als Hilfe gesendet. Ohne diese Hilfe konnte meine Suche nicht gelingen. Deshalb wollen wir wieder zusammen ausziehen und unsere Suche ist sicher.«

»Und wohin gehen wir?«

»Was liegt daran, Freund der ganzen Welt? Die Suche, sage ich, ist sicher. Wenn die Not es erfordert, wird der Strom zu unseren Füßen aus der Erde hervorbrechen. Ich erwarb Verdienst, da ich Dich zu den Toren des Wissens sandte, ich gab Dir das Juwel, das Weisheit heißt. Du kehrtest zurück, ich sah es eben – ein Nachfolger Sakyamunis, des Arztes, dessen Altäre viele in Bhotiyal sind. Es genügt. Wir sind zusammen und alles ist, wie vordem – Freund der ganzen Welt – Freund der Sterne – mein Chela!«

Dann sprachen sie von weltlichen Dingen; bemerkenswert war, daß der Lama nie nach Einzelheiten des Lebens in St. Xavier frug, noch den geringsten Wunsch äußerte, von den Sitten und Gebräuchen der Sahibs zu hören. Er lebte nur in der Vergangenheit und erinnerte sich jedes Schrittes ihrer ersten wundervollen gemeinschaftlichen Reise; er lächelte dabei und rieb sich die Hände, bis er, sich zusammenrollend, in den plötzlichen Schlaf des hohen Alters sank.

Kim sah den letzten staubigen Sonnenschein aus dem Hofe schwinden und spielte mit seinem Geisterdolch und Rosenkranz. Das Getöse von Benares, der ältesten aller Städte der Erde, die Tag und Nacht wach ist vor den Göttern, schallte rund um die Mauern, wie die Wogen der See gegen einen Wellenbrecher. Hin und wieder schritt ein Jain-Priester mit einer kleinen Opfergabe für die Götterbilder durch den Hof, seinen Weg vorher fegend, um kein lebendes Wesen zu zerstören. Eine Lampe schimmerte und der Laut eines Gebetes folgte. Kim sah nach den Sternen, die einer nach dem andern hervortraten in dem feuchtwarmen Dunkel, bis er in Schlaf fiel am Fuße des kleinen Altars. In dieser Nacht träumte er nur Hindostianisch, nicht ein Wort Englisch…

»Heiliger, denke an das Kind, dem wir die Medizin gaben,« sprach Kim, als der Lama gegen drei Uhr morgens aus Träumen erwachend, die Pilgerfahrt antreten wollte, »der Jat wird mit dem Tageslicht hier sein.«

»Du hast wohl gesprochen. In meiner Eile würde ich ein Unrecht begangen haben.« Er setzte sich wieder auf die Kissen und nahm seinen Rosenkranz vor. »In Wahrheit, alte Menschen sind wie Kinder,« sagte er betrübt. »Sie wünschen etwas – siehe da! – es muß sogleich erfüllt werden, sonst werden sie zornig und weinen. Oft auf meiner Wanderschaft war ich bereit, mit dem Fuß zu stampfen, wenn ein Ochsenkarren mir den Weg versperrte, ja selbst wenn es nur eine Staubwolke war. Das war nicht so, als ich noch ein Mann war – vor langer Zeit. Trotzdem ist es sündhaft –«

»Aber, Heiliger, Du bist doch wirklich alt.«

»Das Ding ist geschehen. Eine Ursache ist in die Welt gegangen und wer, krank oder gesund, wissend oder unwissend, alt oder jung, könnte die Wirkung dieser Ursache zügeln? Steht das Rad still, wenn ein Kind es dreht – oder ein Trunkener? Chela, dies ist eine große und eine schreckliche Welt.«

»Ich finde sie gut.« Kim gähnte. »Ist etwas zu essen da? Seit gestern Abend habe ich nicht gegessen.«

»Ich hatte vergessen, was Du brauchst. Dort ist kalter Reis und guter Tee von Bhotiyal.«

»Weit können wir nicht gehen mit solchem Stoff.« Kim sehnte sich, wie ein Europäer, nach Fleischnahrung, die in einem Jain-Tempel nicht zu erlangen ist. Doch statt mit der Bettelschale hinaus zu gehen, beruhigte er seinen Magen mit Klümpchen von kaltem Reis. Die Morgendämmerung brachte den Farmer, redselig stotternd vor Dankbarkeit.

»In der Nacht brach sich das Fieber und der Schweiß kam,« rief er. »Fühlt ihn an. Seine Haut ist frisch. Ihm schmeckten die gesalzenen Täfelchen und die Milch trank er mit Gier.« Er zog das Tuch vom Gesicht des Kindes, das Kim schläfrig anlächelte. Eine Gruppe von Jain-Priestern, schweigend, aber ganz Aufmerksamkeil, hatte sich bei der Tempeltür gesammelt. Sie wußten und Kim sah, daß sie wußten, wie der alte Lama seinen Schüler gefunden hatte. Höflich, wie sie sind, hatten sie sich während der Nacht weder durch Gegenwart, noch Wort, noch Bewegung aufgedrängt, wofür Kim ihnen, bei Sonnenaufgang, sich dankbar erwies.

»Danke den Göttern der Jains, Bruder,« sprach er zu dem Jat, den Namen der Götter nicht wissend. »Das Fieber ist wirklich gebrochen.«

»Schauet! Sehet!« rief der Lama, vor Freude strahlend, seinen Gastgebern zu. »Gab es jemals solchen Chela? Er folgt unserm Herrn, dem Heiler.«

Die Jains erkennen offiziell alle Götter des Hindu-Glaubens an, ebensowohl den Lingam, wie die Schlange. Sie tragen die Schnur der Brahmahnen und sind Anhänger jedes Rechtes der Kasten-Vorschrift der Hindu. Aber, weil sie den Lama kannten und liebten, weil er ein alter Mann war, weil er den Weg suchte, weil er ihr Gast war und endlich – weil er nachts oft lange Gespräche mit dem Oberpriester führte, der ein so freidenkender Metaphysiker, als je einer ein Haar siebzig Mal gespalten – deshalb nickten sie dem Lama Beifall zu.

»Vergiß aber nicht,« – Kim beugte sich über das Kind – »dieses Übel kann wiederkehren.«

»Nicht, wenn Du das richtige Zaubermittel hast,« erwiderte der Vater.

»Aber wir gehen bald fort.«

»Wahr,« sprach der Lama, sich an alle Jains wendend. »Wir gehen jetzt zusammen auf die Suche, von der ich oft geredet. Ich wartete, bis mein Chela reif wäre. Schauet ihn an! Wir gehen nach dem Norden. Niemals wieder werde ich auf diesen Ort meiner Ruhe blicken, o Männer des guten Willens.«

»Ich aber bin kein Bettler.« Der Landmann sprang auf, das Kind an sich pressend.

»Schweige. Störe den Heiligen nicht,« rief ihm ein Priester zu.

»Geh,« flüsterte Kim. »Triff uns wieder unter der großen Eisenbahnbrücke, und um aller Götter unseres Punjab willen, bringe Futter mit – Curry, Hülsenfrucht, in Fett gebacken« Kuchen und Zuckerwerk. Besonders Zuckerwerk. Beeile Dich.« Die Blässe des Hungers kleidete Kim gut, als er dastand, schlank und schmächtig, in seinen dunkelfarbigen, wallenden Gewändern, eine Hand auf dem Rosenkranz, die andere wie zum Segnen ausgestreckt, eine Stellung, die er dem Lama getreu nachahmte. Ein europäischer Zuschauer hätte sagen können, er gliche einem auf einem Kirchenfenster gemalten jungen Heiligen mehr, als einem Jungen im Wachsen, der bleich vor Hunger ist.

Lang und förmlich wurde der Abschied, dreimal beendet und dreimal von vorn angefangen. Der Sucher, er – der den Lama vom fernen Tibet her nach diesem Hafen geladen hatte, ein haarloser Asket, mit silberweißem Antlitz – nahm nicht teil daran: er weilte, wie immer, in Betrachtungen unter den Götterbildern. Die anderen waren menschlicher, nötigten dem alten Manne kleine Gaben auf, eine Betelschachtel, einen neuen, eisernen Federkasten, einen Beutel für Eßwaren und dergleichen mehr, warnten ihn vor den Gefahren der Welt draußen und prophezeiten ein glückliches Ende der Suche.

Kim indessen, einsamer denn je, hockte auf den Stufen und fluchte in St. Xaviers Art.

»Aber es ist mein eigener Fehler,« dachte er. »Mit Mahbub oder Lurgan Sahib aß ich ihr Brod; in St. Xavier drei Mahlzeiten am Tage. Hier kann ich zusehen, wo ich etwas bekomme. Ich fühle mich nicht wohl. Wie würde mir ein Teller mit Fleisch behagen … Heiliger, bist Du zu Ende?«

Der Lama, beide Hände erhoben, begann eine letzte Segenspendung in zierlichem Chinesisch. »Ich muß mich auf Deine Schultern lehnen,« sprach er, als die Tempelpforte sich hinter ihnen schloß. »Wir werden steif, glaube ich.«

Das Gewicht eines sechs Fuß hohen Mannes ist nicht leicht zu stützen durch Meilen von gedrängt vollen Straßen, und Kim, außerdem mit Bündeln und Päckchen für die Reise beladen, war froh, den Schatten der Eisenbahnbrücke zu erreichen.

»Hier essen wir,« sagte er entschlossen, als der Kamboh, blau gekleidet und lächelnd, in Sicht kam, einen Korb in einer Hand, das Kind an der anderen.

»Greift zu, Heilige,« rief er aus fünfzig Fuß Entfernung. (Auf einer flachen Stelle unter dem ersten Brückenbogen waren sie sicher vor den Blicken hungriger Priester.) »Reis und Curry, Kuchen, noch warm und gut gewürzt mit Hing (Asafötida), Käse und Zucker. König meiner Felder« – dies zu seinem kleinen Sohn – »laß uns diesen heiligen Männern zeigen, daß wir Jats von Jullundur einen Dienst vergelten können… ich hatte gehört, daß die Jains nur essen, was sie selbst gekocht haben, aber wahrlich,« – er blickte höflich weg nach dem breiten Strom – »wo kein Auge ist, ist keine Kaste.«

»Und wir,« sagte Kim, sich umdrehend und eine Blattschüssel für den Lama füllend, »sind erhaben über alle Kasten.«

Schweigend sättigten sie sich an der guten Speise. Erst, als er das Letzte von dem klebrig süßen Stoff von seinem Finger abgeleckt, bemerkte Kim, daß auch der Kamboh reisefertig dastand.

»Wenn wir denselben Weg haben,« sagte er hastig, »gehe ich mit Dir. Man findet nicht oft einen Wundertäter, und das Kind ist noch schwach. Aber ich bin auch kein schwaches Rohr.« Er hob seinen Lathi empor, einen fünf Fuß langen Bambusstock, mit polierten Eisenringen umgeben, und schwang ihn durch die Luft. »Man sagt, die Jats wären streitsüchtig, doch das ist nicht wahr. Nur wenn man uns in die Quere kommt, dann sind wir wie unsere Büffel.«

»So ist es,« sagte Kim. »Und ein guter Stock ist ein guter Beweis.«

Der Lama blickte in ruhiger Stimmung stromaufwärts, wo in grauer Perspektive unaufhörlich die Rauchsäulen von den Verbrennungs-Plätzen aufstiegen. Hin und wieder, ungeachtet aller behördlichen Verordnungen, trieben Überreste von halb verbrannten Leichen auf dem rasch fließenden Strom abwärts.

»Ohne Dich,« sprach der Kamboh, das Kind an seine rauhe Brust pressend, »wäre ich vielleicht heute dorthin gegangen – mit diesem hier. Die Priester lehren uns, daß Benares heilig ist – was niemand bezweifelt – und daß es begehrenswert ist, dort zu sterben. Ihre Götter aber kenne ich nicht, und Geld fordern sie auch; und hat man sein Gebet verrichtet, so behauptet irgend ein geschorener Kopf, es sei wertlos, wenn man nicht aufs neue betet. Wasch Dich hier! Wasch Dich dort! Begieße, bade, trinke und sammle Blumen – aber jedes Mal bezahle die Priester. Nein, das Punjab für mich und die Erde des Jullundur-Landes für die beste Scholle darauf.«

»Ich habe oft gesagt – in dem Tempel, glaube ich – daß, wenn die Not es erheischt, der Fluß zu unseren Füßen sich auftun wird. Deshalb wollen wir jetzt nordwärts wandern,« sprach der Lama, sich erhebend. »Ich erinnere mich eines angenehmen, von Fruchtbäumen umgebenen Platzes, wo man in Betrachtungen sich ergehen kann – und wo die Luft kühler ist. Sie kommt dort von den Bergen und von dem Schnee der Berge.«

»Wie ist der Name des Ortes?« fragte Kim.

»Wie sollte ich das wissen? Warst Du nicht – nein, das war, nachdem die Armee aus der Erde herauswuchs und Dich fortführte. Dort weilte ich im Nachsinnen in einem Raume unter dem Taubenschlag – hätte sie nur nicht immerwährend geredet.«

»Oho! die Frau von Kulu. Das ist bei Saharunpore.«

»Wie führt der Geist Deinen Meister? Wandert er zu Fuß wegen früherer Sünden?« fragte leise der Jat. »Es ist ein weiter Weg bis Delhi.«

»Nein,« antwortete Kim. »Ich will um ein Billet für den Zug betteln.« In Indien bekennt man sich nicht zum Besitz von Geld.

»Dann im Namen der Götter, laßt uns den Feuerwagen nehmen. Mein Sohn ist am besten in den Armen seiner Mutter aufgehoben. Die Regierung legt uns viele Steuern auf, aber ein Gutes gibt sie uns, den Zug, der Freunde verbindet, und die Sehnsucht haben, zusammenführt. Ein wundervolles Ding ist der Zug.«

Einige Stunden später drängten sie sich in den Zug hinein und schliefen wahrend der Tageshitze. Der Kamboh quälte Kim mit Fragen nach des Lamas Leben und Tun und erhielt merkwürdige Antworten. Kim sah behaglich in die ebene, nordwestliche Landschaft hinaus und plauderte mit den ein- und aussteigenden Passagieren. Noch heute halten die indischen Landleute die Fahrkarten und das Abknipsen der Fahrkarten für eine unerklärliche Unterdrückung. Sie begreifen nicht, warum, wenn sie für ein Zauberpapier bezahlt haben, Fremde große Stücke von dem Zauber abreißen. So gibt es immer noch lange und heftige Debatten zwischen den Reisenden und Billettabnehmern. Kim half dabei einige Male mit ernstem Rat und zeigte seine Klugheit vor dem Lama und dem bewundernden Kamboh. Bei Somna sandte das Schicksal ihm etwas zum nachdenken. Da polterte, als der Zug schon in Bewegung war, ein armer, magerer, kleiner Mann in den Wagen – ein Mahratta – wie Kim aus der Form des fest anliegenden Turbans schloß. Sein Gesicht war zerschnitten, sein Obergewand, von Musselin, zerrissen und ein Bein verbunden. Er erzählte ihnen, daß ein Bauernwagen umgestürzt und er beinahe getötet worden wäre; er wollte jetzt nach Delhi, wo sein Sohn lebte. Kim betrachtete ihn genauer. Wenn er, wie er erzählte, auf der Erde hin und her gerollt wäre, so hätte seine Haut geschrammt sein müssen. Aber alle seine Wunden schienen Schnitte zu sein, und durch einen einfachen Fall vom Wagen konnte ein Mann nicht so in Schrecken gesetzt sein. Als er mit zitternden Fingern das zerrissene Tuch um seinen Hals festknüpfen wollte, legte er ein Amulett blos, von der Art, die man Herzstärker nennt. Amulette sind gewöhnlich genug, aber nicht solche, die an plattiertem Kupferdraht hängen, noch weniger solche von schwarzer Emaille auf Silber. Außer dem Lama und dem Kamboh war niemand in dem Abteil, das glücklicherweise ein altmodisches, abgeschlossenes war. Kim tat, als ob er sich die Brust kratzen wollte und legte dabei sein eigenes Amulett blos. Des Mahrattas Gesicht veränderte sich sofort, und er legte sein Amulett frei auf die Brust.

»Ja,« wandte er sich an den Kamboh, »ich war in Eile, und der Wagen, von einem Mischling geführt, prallte mit einem Rad an einen Brückenpfeiler und außer dem Schaden, den ich nahm, ging eine volle Schüssel von »Tarkeean« verloren. Ich war kein Sohn des Zaubers (glücklicher Mann) an dem Tage.«

»Das war ein großer Verlust,« sagte der Kamboh, so gleichgültig wie möglich. Seine Erfahrungen in Benares hatten ihn mißtrauisch gemacht.

»Wer kochte es?« fragte Kim.

»Ein Weib.« Der Mahratta hob die Augen.

»Aber jedes Weib kann Tarkeean kochen,« sagte der Kamboh. »Es ist ein gutes Currygericht.«

»O ja,« sagte der Mahratta, »es ist ein gutes Currygericht.«

»Und billig,« sagte Kim. »Aber, was meint die Kaste?«

»O, es gibt keine Kaste, wo Männer Tarkeean sehen – – wollen,« erwiderte der Mahratta in dem vorgeschriebenen Tonfall. »In wessen Dienst bist Du?«

»In dem Dienst dieses Heiligen.« Kim zeigte auf den glücklichen, schläfrigen Lama, der mit einem Ruck bei dem vielgeliebten Wort erwachte.

»Ah, er ward vom Himmel gesendet, um mir zu helfen. Freund aller Welt ist er genannt. Auch Freund der Sterne nennt man ihn. Er wandelt als ein Heiliger – seine Zeit ist reif. Groß ist seine Weisheit.«

»Und ein Sohn des Zaubers,« flüsterte Kim. Der Kamboh zündete eilig seine Pfeife an, aus Furcht, daß der Mahratta ihn anbettelte.

»Und wer ist das?« fragte der Mahratta, nervös seitwärts schielend.

»Einer, dessen Kind ich – wir heilen, der uns sehr verpflichtet ist. – Setze Dich ans Fenster, Mann von Jullundur. Hier ist ein Kranker.«

»Humpf! Ich habe gar kein Verlangen, mit herumgelaufenen Landstreichern zusammen zu sitzen. Meine Ohren sind nicht lang, und ich bin kein neugieriges Weib.« Der Jat ließ sich schwer in eine entfernte Ecke fallen.

»Bist Du etwas wie ein Heiler? Ich bin zehn Klafter tief in Not,« flüsterte, an das letzte Wort Kims anknüpfend, der Mahratta.

»Der Mann ist über und über voll Wunden,« wandte Kim sich an den Kamboh. »Ich will versuchen, ihn zu heilen. Niemand störte mich, als ich Dein Kind behandelte.«

»Ich verdiene Tadel,« sagte demütig der Kamboh. »Ich schulde Dir das Leben meines Sohnes. Du bist ein Wundertäter – ich weiß es.«

»Zeige mir die Schnitte.« Kim neigte sich über des Mahrattas Brust, vom Klopfen seines Herzens fast erstickend, denn dies war das Große Spiel aus dem ff. »Nun erzähle mir Deine Geschichte, Bruder, schnell, indem ich Zaubersprüche murmele.«

»Ich komme vom Süden, wo ich mein Werk zu tun hatte. Einen von uns haben sie auf der Landstraße erschlagen. Hast Du es gehört?« Kim schüttelte den Kopf. Er wußte natürlich nichts über den Vorgänger des E. 23., der unten im Süden, im Anzug eines arabischen Händlers, tot gefunden war. »Nachdem ich einen gewissen Brief gefunden, den ich suchen sollte, eilte ich davon. Ich entkam aus der Stadt und kam nach Mhow. So sicher fühlte ich mich, daß ich nicht einmal mein Äußeres änderte. In Mhow erhob ein Weib Klage gegen mich wegen Juwelen-Diebstahls in der Stadt, die ich eben verlassen. Da merkte ich, daß die Meute hinter mir war. Aus Mhow entrann ich bei Nacht mittels Bestechung der Polizei, die ohne Zweifel ebenfalls bestochen war, um mich in die Hände meiner Feinde zu liefern. Darauf verbarg ich mich eine Woche als Büßer in einem Tempel in der allen Stadt Chitor; aber ich wußte nicht, wohin mit dem Brief, den ich bei mir hatte. Endlich begrub ich ihn unter dem Stein der Königin zu Chitor, an dem Platz, der uns allen bekannt ist.«

Kim wußte nichts davon, aber nicht um die Welt hätte er die Erzählung unterbrochen.

»Zu Chitor, siehst Du, war ich ganz in des Königs Macht; denn Kotah ostwärts ist außer dem Gesetz der Königin (von England, Viktoria), und Jeypur und Gwalior liegen ebenfalls ostwärts. Spione liebt man nicht, und Gerechtigkeit gibt es nicht. Ich wurde gejagt wie ein nasser Schakal, aber ich schlug mich durch bis Bandakui. Da hörte ich, daß ich eines Mordes angeklagt war in der Stadt, aus der ich eben kam – des Mordes an einem Knaben. Sie hatten beides zur Stelle, die Leiche und den Zeugen.«

»Aber gibt es keinen Schutz bei der Regierung?«

»Für uns von dem Spiel gibt es keinen Schutz. Wenn wir sterben, sterben wir. Unser Name wird in dem Buch ausgelöscht – das ist alles. In Bandakui, wo einer von uns lebt, suchte ich die Spur zu verwischen, indem ich mein Gesicht änderte und mich zum Mahratten machte. So kam ich nach Agra und wollte nun nach Chitor zurück, um den Brief zu holen. So sicher dachte ich ihnen entwischt zu sein. Deshalb sandte ich niemandem ein Telegramm, um anzugeben, wo der Brief sich befinde. Ich wünschte alle Ehre für mich zu haben.«

Kim nickte. Diese Empfindung verstand er gut.

»Aber in Agra, als ich durch die Straßen ging, hielt mich ein Mann wegen Schulden an, brachte Zeugen vor, und man schleppte mich vor Gericht hierhin und dahin. O, sie sind schlau dort im Süden! Er gab mich als seinen Baumwoll-Agenten an. Möge er in der Hölle dafür braten.«

»Und warst Du das?«

»O Tor! Der Mann, den man wegen des Briefes suchte, war ich! Ich flüchtete mich durch den Schlachthof und kam bei dem Hause des Juden heraus, der, einen Auflauf befürchtend, mich weiter beförderte. Zu Fuß kam ich bis Somna, ich hatte nur noch Geld zu einem Billett nach Delhi – und dort, als ich mit Fieber in einem Graben lag, sprang einer aus dem Gebüsch und stach mich und zerschlug mich und durchsuchte mich von Kopf bis Fuß – im Angesicht des Zuges!«

»Wie kam es, daß er Dich nicht vollständig tötete?«

»So dumm sind sie nicht. Wenn ich in Delhi, auf Veranlassung von Advokaten, wegen erwiesener Mordtat, verhaftet werde, so verfällt mein Leib dem Staat, der ihn fordert. Dann werde ich unter Bewachung zurück befördert und dann – sterbe ich langsam – als ein Beispiel für uns übrige. Der Süden ist nicht mein Geschmack! Im Kreise, wie – eine Ziege mit einem Auge – irrte ich umher. Seit zwei Tagen habe ich nichts gegessen. Ich bin gezeichnet,« – er berührte die schmutzige Bandage seines Beines – »so daß sie mich zu Delhi erkennen müssen.«

»So lange Du im Zuge bleibst, bist Du wenigstens sicher.«

»Sei ein Jahr in dem Großen Spiel und sage mir das dann wieder! In Delhi werden die Drähte gegen mich in Bewegung sein, jeder Schnitt, jeder Lumpen auf meinem Leibe wird beschrieben. Zwanzig – hundert – wenn nötig – werden bezeugen, daß ich den Knaben erschlug. Da ist nichts zu machen!«

Kim kannte genug von dem Charakter der Eingeborenen, um zu wissen, daß es so war, daß selbst der Leichnam des Knaben zur Stelle sein würde. – Des Mahratten Finger Zuckten vor Schmerz. Der Kamboh stierte verdrossen aus seiner Ecke heraus; der Lama war bei seinem Rosenkranz. Kim machte sich an des Mannes Brust zu schaffen, als ob er ärztlich untersuchte und dachte sich – Zaubersprüche murmelnd – einen Plan aus.

»Hast Du auch einen Zauber, meine Gestalt zu verändern? Sonst bin ich ein toter Mann. Hätte ich nur zehn – nur fünf Minuten Zeit gehabt, wäre ich nicht so gehetzt worden, so hätte ich – –«

»Ist er jetzt geheilt, Wundertäter?« fragte neidisch der Kamboh. »Gesungen hast Du lang genug.«

»Nein. Für seine Wunden gibt es, sehe ich, keine Heilung, wenn er nicht drei Tage im Gewande eines Bairagi sitzt.«

Diese Art Buße wird fetten Handelsleuten gewöhnlich von ihren geistlichen Beratern vorgeschrieben.

»Ein Priester sucht immer wieder einen Priester zu machen,« war die Erwiderung. Wie meist rohe und vorurteilsvolle Leute, Konnte er seine Junge nicht vor Verhöhnung der Kirche hüten.

»Also muß Dein Sohn ein Priester werden! Mir scheint, er muß wieder von meinem Chinin nehmen.«

»Wir Jats sind alle Büffel,« sagte der Jat, wieder Kleinlaut werdend.

Kim strich eine Fingerspitze voll bitteren Zeuges auf des Kindes bebende schmale Lippen. »Ich habe von Dir nichts verlangt als Speise. Mißgönnst Tu mir die? Ich will diesen Mann heilen. Habe ich Deine Erlaubnis – Fürst?«

Des Mannes große Fäuste flogen flehend in die Höhe. »Nein – nein. Verspotte mich nicht.«

»Es beliebt mir, diesen Kranken zu heilen. Du sollst Verdienst erwerben, indem Du mir beistehst. Welche Farbe hat die Asche in Deinem Pfeifenkopf? Weiß? Das ist günstig. Ist rohes Turmevic (Gelbwurz) unter Deinen Speiseresten?«

»Ich – ich –«

Öffne Dein Bündel!«

Es enthielt die gewöhnliche Sammlung kleiner Abfälle: Flicken von Zeug, quacksalberische Medikamente, billige Jahrmarkts-Geschenke, ein Tuch voll Atta (graues, grob gemahlenes Mehl), Röllchen von Bauern-Tabak, wohlfeile Pfeifenrohre und ein Pack Curry, in eine Decke gewickelt. Kim durchsuchte alles mit der Miene eines weisen Zauberers, mohammedanische Beschwörungen murmelnd.

»Dies ist Weisheit, die ich von den Sahibs lernte,« flüsterte er dem Lama zu: und wenn man an seine Erziehung bei Lurgan denkt, war das Wahrheit. »Die Sterne künden ein großes Unheil im Schicksal dieses Mannes, das – das setzt ihn in Schrecken. Soll ich es verhindern?«

»Freund der Sterne, Du hast stets das Rechte erwählt. Handle nach Deinem Belieben. Ist es eine neue Heilung?«

»Rasch! Mach rasch! Ehe der Zug hält.«

»Eine Heilung von dem Schatten des Todes,« flüsterte Kim. Er mischte das Mehl mit Kohlen- und Tabaksasche in dem Pfeifenkopf von rotem Ton. E. 23. nahm schweigend seinen Turban ab und schüttelte sein langes schwarzes Haar herunter.

»Das ist mein Essen, Priester,« grollte der Jat.

»Ein Büffel in dem Tempel! Hast Du gewagt, herzusehen? Narren muß man etwas vormachen. Aber hüte Deine Augen. Bemerkst Du schon einen Nebel vor ihnen? Ich rettete das Kind und als Dank – oh. Du Schamloser!«

Der Mann wich vor Kims scharfem, ernsten Blick zurück.

»Soll ich Dich verfluchen, oder soll ich –« Er riß das äußere Tuch vom Bündel und warf es über den gesenkten Kopf. »Wage nur den Wunsch, herzublicken und – und selbst ich kann Dich nicht retten. Sitz still! Sei stumm!«

»Ich bin blind – stumm. Nur verfluche mich nicht! Ko – Komm her, Kind! Wir wollen Blindekuh spielen. Um meinetwillen, piep nicht unter dem Tuch hervor.«

»Ich sehe Hoffnung,« flüsterte E. 23. »Was für einen Plan hast Du?«

»Das kommt später,« sagte Kim, ihm das leichte Hemd herabziehend. E. 23. wich zurück mit der Scheu des Nordwestlers vor Entblößung seines Körpers.

»Was heißt Kaste, wenn es uns an den Hals geht?« meinte Kim, das Hemd bis auf die Hüften niederstreifend.

»Wir müssen Dich zu einem gelben Saddhu machen. Entkleide Dich – entkleide Dich rasch und schüttele das Haar über die Augen, während ich die Asche streue. Nun ein Kasten-Abzeichen auf Deine Stirn.« Er nahm aus dem Kleinen Tuschkasten unter seinem Gewand ein Täfelchen Karminlack.

»Bist Du nur ein Anfänger?« fragte E. 23., buchstäblich um sein Leben ringend, indem er seine Körperhüllen abstreifte und nackt, nur mit dem Hüftentuch, dastand, indeß Kim ihm ein vornehmes Kastenzeichen auf die mit Asche beschmierte Stirn kleckste.

»Seit zwei Tagen erst in das Spiel eingetreten, Bruder,« antwortete Kim. »Schmiere mehr Asche auf Deine Brust.«

»Hast Du wohl einen Arzt – für kranke Perlen getroffen?«

Er faßte sein langes, fest verschlungenes Turbantuch, und mit flinker Hand rollte er es um und über seine Stiften, nach dem verwickelten Muster eines Saddhu-Gurtes.

»Hah! Erkennst Du seine Hand? Eine Weile war er mein Lehrer. Wir müssen Deine Beine verbinden. Asche heilt Wunden. Beschmiere sie nochmals.«

»Einst war ich sein Stolz. Du aber bist fast geschickter als ich. Die Götter sind uns gnädig! Gib mir das

Es war eine Zinnbüchse mit Opiumpillen zwischen dem Kehricht des Bündels. E. 23. verschluckte eine halbe Handvoll. »Sie sind gut gegen Hunger, Angst und Kälte. Und sie machen die Augen rot,« erklärte er. »Nun habe ich wieder Mut zum Spiel. Es fehlt mir nur die Zunge eines Saddhu. Was machen wir mit den alten Kleidern?«

Kim rollte sie fest zusammen und stopfte sie in die lockeren Falten seines Unterkleides. Mit gelber Ockerfarbe schmierte er breite Streifen auf Brust und Beine, auf den Hintergrund von Mehl, Asche und Turmeric.

»Das Blut auf Deinem Leib, Bruder, genügt um Dich zu hängen.«

»Kann sein; aber nicht Grund genug, ihn aus dem Fenster zu werfen … Es ist getan.« Seine Stimme klang hell vor Entzücken über die Verkleidung. »Wende Dich um, o Jat! Und schau!«

»Die Götter mögen uns schützen!« rief der Kamboh unter seiner Kopfdecke heraus springend wie ein Büffel aus dem Schilf. »Wo aber ist der Mahratta geblieben? Was hast Du mit ihm angefangen?«

Kim war von Lurgan Sahib erzogen; und E. 23. durch die Art seiner Tätigkeit kein schlechter Schauspieler. Statt des verängstigten zitternden Hausierers lehnte da in der Ecke mit auf dem Sitz gekreuzten Beinen ein mit Asche beschmierter, gelbstreifig bemalter Saddhu, aus dessen geschwollenen Augen (Opium wirkt schnell auf leeren Magen) List und Frechheit leuchtete. Kims braunen Rosenkranz trug er am Halse und ein ärmliches Stück geblümten Kattuns um die Schultern. Das Kind versteckte sein Gesicht an des erstaunten Vaters Brust.

»Schau auf, Prinzlein! Wir reisen mit Zauberern, aber Dir werden sie nichts tun. O, weine nicht … Wozu heilt man heute ein Kind, wenn man es morgen durch Furcht töten will?«

»Das Kind wird Glück haben in seinem ganzen Leben, denn es hat einer wunderbaren Heilung beigewohnt. Als ich noch ein Kind war, machte ich schon Menschen und Pferde aus Ton.«

»Das tat ich auch schon,« piepte das Kind. »Und Sir Banas kommt in der Nacht hinten in unsere Küche und macht sie lebendig.«

»Du also fürchtest Dich vor nichts, he, Prinzlein?«

»Ich fürchte mich, weil mein Vater sich fürchtete. Ich fühlte seine Arme beben.«

»Oh, furchtsames Hühnchen!« sagte Kim, und der beschämte Jat lachte. »Ich habe den armen Hausierer geheilt. Er muß nun seinen Verdienst und seine Rechnungsbücher im Stich lassen und drei Nächte an der Wegseite sitzen, um der Bosheit seiner Feinde Herr zu werden. Die Sterne sind gegen ihn.«

»Je weniger Wucherer, desto besser, sage ich. Aber Saddhu oder nicht Saddhu, er soll mir den Stoff um seine Schultern bezahlen.«

»So? Aber das da auf Deiner Schulter ist Dein Kind, das vor noch nicht zwei Tagen dem Scheiterhaufen verfallen war. Noch eins muß ich Dir sagen. Ich machte diese Wunderheilung in Deiner Gegenwart, weil die Not groß war. Ich änderte des Kranken Leib und Seele. Aber, o Mann von Jullundur, wenn Du jemals bei irgendeiner Gelegenheit Dich dessen entsinnst, was Du hier gesehen, sei es bei den Ältesten unter dem Dorfbaum oder in Deinem eigenen Hause oder in Gegenwart Deines Priesters, wenn er Dein Vieh segnet, so soll eine Seuche unter Deine Büffel kommen, und eine Flamme auf Dein Dach, und Ratten in Deine Korntenne und der Fluch der Götter über Deine Felder, daß sie verdorren vor Deinen Füßen und hinter Deiner Pflugschar.« Diesen Teil einer Verwünschung hatte Kim in den Tagen seiner Unschuld von einem Fakir am Taksali-Tor aufgeschnappt.

»Höre auf, Heiliger! Aus Barmherzigkeit, höre auf!« rief der Jat. »Verfluche meinen Haushalt nicht. Ich sah nichts. Ich hörte nichts. Ich bin Deine Kuh.« Und er streichelte Kims nackten Fuß, der rhythmisch den Boden klopfte.

»Aber da es Dir erlaubt wurde, mir beizustehen mit ein bißchen Mehl und ein bißchen Opium und solchen Kleinigkeiten, die anzunehmen ich Dir die Ehre erwies, so werden die Götter Dir dies vergelten durch einen Segen –« den Kim endlich, zu des Mannes unendlicher Erleichterung erteilte, und den er von Lurgan Sahib gelernt hatte.

Der Lama starrte hierbei aufmerksamer durch seine Brillengläser als er es bei der Verkleidung getan.

»Freund der Sterne,« sprach er, »Du hast große Weisheit erworben. Hüte Dich, daß sie nicht Stolz gebiert. Kein Mann, der das Gesetz vor Augen hat, wird übereilt von etwas reden, das er gesehen, oder das ihm begegnet ist.«

»Nein – nein – wahrlich nicht,« rief der Bauer, voller Angst, daß der Meister es noch schlimmer machen könnte als der Schüler.

E. 23. mit offenem Munde, lag im Banne des Opiums, der für einen erschöpften Asiaten Fleisch, Tabak und Medizin zugleich ist.

So, schweigend in Mißverständnis und Angst, erreichten sie Delhi zur Zeit, als die Lampen angezündet wurden.

Viertes Kapitel.

Viertes Kapitel.

»Nun, wie schmeckt der Erfolg?« fragte Torpenhow, etwa drei Monate später. Er war gerade von einem Ferienaufenthalte auf dem Lande zurückgekehrt. »Gut,« erwiderte Dick, der vor der Staffelei in dem Atelier saß und seine Lippen leckte. »Ich brauche mehr, ich hoffe auf mehr. Die mageren Jahre sind vorüber, ich heiße die fetten willkommen.«

»Seien Sie vorsichtig, Freundchen. Auf diesem Wege liegt viel Böses.« Torpenhow lag in einem großen Sessel und hatte einen kleinen, schlafenden Dachshund auf seiner Brust liegen, während Dick eine neue Leinwand aufspannte und auf derselben zu zeichnen begann. Eine Estrade im Hintergrund und eine Gliederpuppe waren die einzigen Gegenstände im Zimmer. Dieselben erhoben sich von einem wackeligen Podium, auf dem mit Filz überzogene Wasserflaschen, Gürtel, Fahnen, ein Ballen getragener Uniformstücke und eine Trophäe von verschiedenen Waffen sich befanden. Die Spuren von schmutzigen Füßen auf der Estrade zeigten, daß ein militärisches Modell soeben fortgegangen war. Der wässerige Sonnenschein eines Herbsttages verschwand allmälich, während die Ecken des Ateliers im Schatten lagen.

»Ja,« sagte Dick offenherzig, »ich liebe die Macht, einen Spaß, den Lärm, doch vor allem das Geld; am meisten jedoch liebe ich die Leute, die Lärm machen und das Geld bezahlen. Am meisten! Doch es ist eine sonderbare Bande, eine erstaunlich sonderbare Bande!«

»Wenigstens sind die Leute gut genug gegen Sie gewesen. Diese kleine armselige Ausstellung Ihrer Skizzen muß gut bezahlt worden sein. Haben Sie gesehen, daß die Zeitungen dieselbe eine ›wilde Arbeitausstellung‹ genannt haben?«

»Das thut nichts! Ich verkaufte jeden Faden Leinwand, den ich dazu gebraucht; ich glaube, auf mein Wort, sie hielten mich für einen Künstler, der alles aus sich selbst gelernt hat. Ich hätte gewiß noch bessere Preise erzielt, wenn ich meine Sachen auf Wolle gearbeitet oder auf Kamelknochen eingekratzt hätte, anstatt nur Schwarz und Weiß und Farbe zu gebrauchen. Wahrhaftig, diese Leute sind eine sonderbare Bande. Beschränkt ist nicht das richtige Wort, um sie zu beschreiben. Neulich traf ich einen Burschen, der mir sagte, es sei unmöglich, daß die Schatten auf weißem Sande blau – ultramarin – sein könnten, wie sie wirklich waren. Später erfuhr ich, daß dieser Mensch nicht weiter als bis zur Bucht von Brighton gekommen war, trotzdem wußte er alles, was Kunst betraf; hol ihn der Henker! Er hielt mir eine Vorlesung über dieselbe und empfahl mir, eine Schule zu besuchen, um die Technik zu lernen. Ich möchte wohl wissen, was der alte Kami dazu gesagt haben würde?«

»Wann waren Sie unter Kamis Leitung, Sie Mann von außergewöhnlichen Anfängen?«

»Ich studirte zwei Jahre bei ihm in Paris. Er lehrte vermittelst persönlichem Magnetismus. Das einzige, was er beständig sagte, war: ›continuez, mes enfants‹, während man daraus das beste entnehmen mußte, was man konnte. Er hatte einen göttlichen Strich und wußte auch manches über Farbe. Kami pflegte Farben zu träumen; ich möchte schwören, daß er nie den wirklichen, natürlichen Gegenstand gesehen; aber er entwickelte denselben, und es war gut.«

»Entsinnen Sie sich einer jener Ansichten im Sudan?« fragte Torpenhow mit herausforderndem Dehnen.

Dick erbebte ans seinem Platze. »Nichts davon! Es erweckt in mir das Verlangen, wieder dorthin zu gehen. Was waren das für Farben! Opal und Ambra, Bernstein und Weinrot, Ziegelrot und Schwefel – Kakaduschopfschwefel – gegen Braun, mit einem negerschwarzen Felsen, inmitten von dem Ganzen aufsteigend, und einem dekorativen Fries von Kamelen vor einem reinen, hell türkisfarbigen Himmel.« Er fing an auf und ab zu gehen. »Und dennoch, Sie wissen es ja, wenn man versuchte, diesen Leuten hier die Dinge wiederzugeben, wie Gott sie geschaffen, ihrer Fassungskraft angemessen abgeschwächt, und nach den Fähigkeiten, die er uns verliehen –«

»Bescheidener Mann! Fahren Sie fort.«

»Ein halbes Dutzend junger Heiden, die nicht einmal in Algier gewesen sind, wird Ihnen sagen, erstens, daß Ihre Idee entlehnt und zweitens, daß das nicht Kunst sei.«

»Das kommt davon, daß ich die Stadt einen Monat lang verlassen habe, Dickie. Sie sind zwischen den Spielzeugläden spazieren gegangen und haben die Leute schwatzen hören.«

»Ich konnte es nicht ändern,« entgegnete Dick reuevoll. »Sie waren nicht hier und diese langen Abende kamen mir so einsam vor. Ein Mann kann nicht immer arbeiten.«

»Ein Mann hätte in eine Schenke gehen und sich anständig betrinken können.«

»Ich wollte, ich hätte es gethan; aber ich kam mit allerlei Leuten zusammen. Sie sagten, sie wären Künstler, auch wußte ich, daß einige von ihnen zeichnen konnten, doch sie wollten nicht zeichnen, Sie gaben mir Thee – um fünf Uhr nachmittags Thee! – und sprachen über Kunst und den Zustand ihrer Seelen; als ob ich mich um ihre Seelen bekümmerte. Ich habe in den letzten sechs Monaten mehr über Kunst gehört und weniger davon gesehen, als während meines ganzen Lebens. Entsinnen Sie sich Cassavattis, der für irgend ein festländisches Syndikat arbeitete, da draußen bei einer Wüstenkolonne? Er war ein förmlicher Weihnachtsbaum, als er ins Feld zog mit seiner Wasserflasche, Tragbändern, Revolver, Schreibmappe, Haushälterin, Wagenlaternen und der Himmel weiß, was alles. Gewöhnlich tändelte er mit all den Dingen einher und zeigte uns ihren Gebrauch; aber niemals schien er besonders viel zu thun, außer die Berichte von Nilghai zu kopiren.«

»Der liebe alte Nilghai! Er ist in der Stadt und fetter als je. Er muß heute abend herkommen. Ich verstehe vollkommen den Vergleich. Sie hätten sich von all diesen männlichen Narren fern halten sollen; es geschieht Ihnen ganz recht, auch hoffe ich, daß es Ihren Verstand geklärt hat.«

»Es hat mich gelehrt, was die Kunst – die heilige, erhabene Kunst – bedeutet.«

»Geben Sie ihnen, was sie verstehen, und wenn Sie es einmal gethan, thun Sie es wieder.«

Dick holte eine Leinwand hervor, die an der Wand lehnte.

»Hier ist eine Probe von wirklicher Kunst; es soll eine Kopie für ein Wochenblatt werden. Ich nannte es ›Sein letzter Schuß‹. Es ist nach dem kleinen Aquarell gearbeitet, das ich vor den Thoren von El Maghaib anfertigte. Ich köderte mein Modell, einen schönen Schützen, mit einem guten Trunk; ließ ihn dann dursten und wieder dursten, und machte schließlich aus ihm einen wilden, verteufelten Burschen mit dem Helm auf dem Hinterkopfe und der größten Todesfurcht in den Augen, während das Blut aus einem Hiebe über seinen Knöchel tröpfelte. Er war nicht schön, aber ganz ein Soldat und ein Mann.«

»Noch einmal, bescheidenes Kind!«

Dick lachte. »Nun ja, ich spreche ja nur zu Ihnen. Ich malte ihn so gut ich konnte, indem ich Rücksicht auf die Weichheit der Oelfarben nahm. Der Kunstleiter jenes Blattes sagte mir, daß seinen Abonnenten das Bild nicht gefallen würde. Es sei grob, roh und gewaltsam, da ein Mann, wenn er um sein Leben kämpfe, natürlich sanft wäre; man wollte etwas Ruhigeres, mit ein wenig mehr Farbe haben. Ich hätte ihm manches darauf erwidern können, aber man kann eben so gut zu einem Schaf sprechen, als zu einem Kunstleiter. Ich zog meinen ›Letzten Schuß‹ zurück. Betrachten Sie das Resultat! Ich kleidete ihn in einen hübschen roten Rock, ohne einen einzigen Flecken. Das ist Kunst. Ich wichste seine Stiefel, – bemerken Sie das schöne Licht auf der Zehe. Das ist Kunst. Ich putzte auch seine Büchse – im Dienste sind die Büchsen stets geputzt – weil das Kunst ist. Seinen Helm machte ich mit Schlemmkreide blank, – Schlemmkreide wird immer im aktiven Dienste gebraucht und ist für die Kunst unentbehrlich. Dann rasirte ich sein Kinn, wusch seine Hände und gab ihm das Aussehen fetter Ruhe. Resultat: Musterbild für Militärschneider. Preis, dem Himmel sei Dank, doppelt so viel als für die erste Skizze, der ziemlich bescheiden gewesen.«

»Haben Sie die Absicht, das Ding als Ihre Arbeit auszugeben?«

»Weshalb nicht? Ich that es, nur im Interesse der geheiligten, einheimischen Kunst und ›Dickensons Wochenblatt‹.«

Torpenhow rauchte eine Zeit lang schweigend weiter, dann erfolgte der Urteilsspruch, begleitet von rollenden Tabakswolken: »Wenn Sie nur eine Masse von aufgeblähter Eitelkeit wären, Dick, so würde ich nichts sagen, ich würde Sie zum Henker gehen lassen mit Ihrem Malstock; wenn ich jedoch bedenke, was Sie mir sind, und sehe, daß Sie zu der Eitelkeit noch den kindischen Groll eines zwölfjährigen Mädchens hinzufügen, dann rühre ich mich Ihretwegen. Also!«

Die Leinwand riß auseinander, als Torpenhows gestiefelter Fuß hindurch fuhr, während der Teckel hinuntersprang, weil er glaubte, es seien Ratten da.

»Wenn Sie irgend etwas darauf zu erwidern haben, so thun Sie es. Sie können es nicht. Ich fahre also fort. Sie sind ein Idiot, weil kein vom Weibe geborener Mensch stark genug ist, sich mit seinem Publikum solche Freiheiten herauszunehmen, obschon es ist – alles, was Sie eben gesagt, daß es sei.«

»Aber die Leute verstehen nichts Besseres. Was kann man von Geschöpfen erwarten, die in diesem Lichte geboren und erzogen sind?« Dabei deutete Dick auf den gelben Nebel. »Wenn sie Möbelpolitur haben wollen, so laßt sie doch dieselbe haben, so lange sie dafür bezahlen. Sie sind nur Männer und Weiber; Sie sprechen, als ob es Götter wären.«

»Das klingt sehr schön, hat aber mit diesem Falle nichts zu schaffen. So sind die Leute, für die Sie arbeiten müssen, möge es Ihnen nun gefallen oder nicht. Sie sind Ihre Herren. Täuschen Sie sich nicht, Dickie, Sie sind nicht kräftig genug, um mit ihnen spielen zu können; oder mit sich selbst, was viel wichtiger ist. Außerdem, – kommen Sie her, Dickie; diese rote Sudelei hier findet nirgends Beifall; – wenn Sie sich nicht in acht nehmen, so werden Sie unter den Fluch des Checkbuches geraten, und das ist schlimmer als der Tod. Sie werden sich berauschen an leicht erworbenem Gelde, – halb berauscht sind Sie bereits. Für Geld und Ihre eigene höllische Eitelkeit sind Sie willens, leichtsinnig schlechte Arbeit in die Welt zu schicken. Sie werden, ohne es zu wissen, noch genug schlechte Arbeit liefern. Und, Dickie, da ich Sie liebe und weiß, daß auch Sie mich lieb haben, so werde ich nicht zugeben, daß Sie sich die Nase abschneiden, um Ihr Gesicht zu ärgern, nicht für alles Gold in England, So, das ist abgemacht. Nun fluchen Sie.«

»Ich kann nicht,« sagte Dick. »Ich habe versucht, zornig zu werden, aber ich kann nicht; Sie sind so abscheulich vernünftig. Ich denke, es wird viel Lärm bei ›Dickensons Wochenblatt‹ geben.«

»Weshalb gebraucht der Dickenson Sie, um für ein Wochenblatt zu arbeiten? Das heißt, seine Kraft langsam verbluten lassen.«

»Es bringt aber den höchst wünschenswerten Dollar ein,« erwiderte Dick, die Hände in den Taschen.

Torpenhow betrachtete ihn mit großer Verachtung. »Wirklich, ich glaubte, er wäre ein Mann,« sagte er. »Er ist ein Kind!«

»Nein, das ist er nicht,« entgegnete Dick, sich rasch umdrehend, »Sie haben gar keine Idee davon, was die Gewißheit, Geld einzukassiren für einen Mann bedeutet, der dasselbe stets schmerzlich entbehrt hat. Nichts kann mich bezahlen für einige Freuden meines Lebens; so zum Beispiel, als wir auf jenem chinesischen Schweineschiff zu jeder Mahlzeit Brot und Schinken aßen, weil Ho-Wang uns nichts Besseres erlauben wollte, und alles nach Schweinefleisch – chinesischem Schweinefleisch – schmeckte. Ich habe hierfür gearbeitet, geschwitzt und gehungert, Linie auf Linie und Monat nach Monat. Und nun ich es erreicht habe, will ich soviel als möglich daraus machen, so lang es dauert. Laß sie bezahlen – sie verstehen nichts davon.«

»Was beliebt Euer Majestät zu wünschen. Sie können nicht mehr rauchen, wie Sie jetzt thun; Sie wollen nicht trinken; Sie sind kein Feinschmecker und Sie kleiden sich in Schwarz, wie der Augenschein zeigt. Sie wollten sich neulich kein Pferd anschaffen, als ich es vorschlug, weil dasselbe, wie Sie sagten, lahm werden könnte, und wenn Sie über die Straße müssen, nehmen Sie ein Kabriolet. Sie sind auch nicht thöricht genug, zu glauben, daß Theater und alle lebenden Dinge, welche man da herum laufen kann, das Leben bedeuten. Was für irdische Bedürfnisse haben Sie für Geld?«

»Es ist da, gesegnet sei sein goldenes Herz,« sagte Dick, »es ist die ganze Zeit über da. Die Vorsehung hat mir Nüsse geschickt, da ich Zähne habe, sie aufzuknacken. Noch habe ich die Nuß nicht gefunden, die ich aufknacken möchte, aber ich erhalte inzwischen meine Zähne geschärft. Vielleicht gehen wir, Sie und ich, eines Tages auf eine Wanderung rund um die weite Welt.«

»Mit nichts zu arbeiten für uns, mit niemand, der uns quält, und niemand, mit dem wir wetteifern könnten? In einer Woche würden Sie unfähig zum Sprechen sein. Außerdem würde ich nicht mitgehen. Ich verlange nicht darnach, etwas zu profitiren, um den Preis einer Menschenseele; denn das würde es bedeuten. Dick, es verlohnt nicht der Mühe, darüber zu sprechen. Sie sind ein Narr!«

»Das sehe ich nicht ein. Als ich mich auf jenem chinesischen Schweineboote befand, erwarb unser Kapitän dadurch ganz gewaltigen Kredit, daß er etwa fünfundzwanzigtausend sehr seekranke Ferkel rettete, als unser alter Kasten von einem Dampfer mit einer Holz-Dschunk unklar wurde. Nehmen Sie nun diese Ferkel als eine Parallele …«

»O, hol der Teufel Ihre Parallele! Wenn ich mich bemühe, Ihre Seele zu retten, zu bessern, ziehen Sie immer eine von den unbedeutenden Anekdoten aus ihrer dunklen Vergangenheit herbei. Schweine sind nicht das britische Publikum; Kredit auf hoher See ist nicht Kredit hier, und Selbstachtung bleibt Selbstachtung in der ganzen Welt. Gehen Sie, aus, machen Sie einen Spaziergang und versuchen Sie, etwas Selbstachtung zu erlangen. Wenn Nilghai heute abend herauf kommt, kann ich ihm dann Ihre Sachen zeigen?«

»Gewiß. Nächstens werden Sie noch fragen, ob Sie an meiner Thür anklopfen müssen.« Darauf ging Dick fort, um in dein rasch dichter werdenden Londoner Nebel mit sich selbst Rat zu pflegen.

Eine halbe Stunde nachdem Dick sein Atelier verlassen, arbeitete sich Nilghai die Treppen hinauf. Er war sowohl der oberste als auch der ungeheuerlichste aller Kriegskorrespondenten; seine Erfahrungen datirten aus der Zeit, als das Zündnadelgewehr aufkam. Mit Ausnahme seines Verbündeten, Keneu, des »Großen Kriegsadlers«, gab es keinen mächtigeren Mann in der Zunft als ihn; er begann seine Gespräche stets mit der Neuigkeit, daß es im Frühjahre im Balkan Unruhen geben würde. Torpenhow lachte, als er eintrat.

»Machen Sie sich nichts aus den Unruhen im Balkan; diese kleine Staaten sind immer am Schreien. Haben Sie von Dicks Glück gehört?«

»Ja; er ist zu öffentlicher Anerkennung gelangt, nicht wahr? Ich hoffe, Sie halten ihn hübsch demütig. Er bedarf von Zeit zu Zeit einiges Niederdrücken.«

»Das ist richtig. Er fängt an, sich Freiheiten herauszunehmen mit dem, was er für seinen Ruf hält.«

»Schon! Beim Zeus, er besitzt Unverschämtheit! Ich weiß nichts von seinem Ruf, aber er wird eine Lerche schießen, wenn er derartiges versucht.«

»So sagte ich ihm; doch denke ich nicht, daß er es glaubt.«

»Das thut man nie, wenn man zuerst beginnt. Was ist das zerrissene Ding da auf dem Boden?«

»Eine Probe seiner letzten Unverschämtheit.«

Torpenhow legte die zerrissenen Stücke der Leinwand aneinander und zeigte Nilghai das Bild, der dasselbe einen Augenblick ansah und pfiff.

»Es ist ein Chromo,« sagte er, – »ein Chromo – Citholeo-Margarino-Ding! Was hat ihn dazu veranlaßt? Und dennoch, wie durch und durch hat er dasjenige erfaßt, was ein Publikum fesseln kann, das mit seinen Stiefeln denkt und mit den Ellenbogen liest! Die kaltblütige Unverschämtheit dieser Arbeit rettet sie fast; aber er darf so nicht fortfahren. Ist er nicht vielleicht zu viel gelobt und aufgemuntert worden? Sie wissen, die Leute hier haben gar keinen Begriff von richtigem Maß und Ziel. Sie nennen ihn einen zweiten Detaille und einen künftigen Meissonier, so lange seine Manier in der Mode ist. Es ist lustige Kost für ein Füllen.«

»Ich glaube wohl, daß es Dick viel berührt. Man könnte ebenso gut einen jungen Wolf einen Löwen nennen und von ihm erwarten, das Kompliment gegen einen Knochen auszutauschen. Dicks Seele ist in der Bank; er arbeitet für seine Kasse.«

»Nun er die Kriegsarbeit aufgegeben, sieht er, wie ich vermute, nicht ein, daß die Verpflichtungen des Dienstes genau dieselben sind; nur die Eigentümer haben gewechselt.«

»Wie sollte er das wissen? Er glaubt, er sei sein eigener Herr.«

»So? Ich könnte ihn zu seinem eignen Besten enttäuschen, wenn noch etwas Macht in Druckerschwärze liegt. Er bedarf der Peitsche.«

»Dann thun Sie es gründlich mit Wissenschaft. Ich würde selbst ihn vornehmen, aber ich habe ihn zu lieb.«

»Ich habe keine Skrupeln. Er hatte die Keckheit, zu versuchen, mich einmal in Kairo bei einer Frau auszustechen. Ich vergaß das, aber nun erinnere ich mich daran.«

»Stach er Sie wirtlich aus?«

»Sie werden es sehen, wenn ich mit ihm fertig bin. Aber wozu ist es gut allem nach? Lassen Sie ihn allein; er wird schon wieder kommen, wenn er irgend wie das Zeug dazu hat, den Schwanz hinter sich herschleppend und wedelnd. In einer Woche liegt mehr Leben als in einem lebendigen Wochenblatte. Nichsdestoweniger will ich ihn zudecken, und zwar ganz gehörig in dem ›Kataklysmus‹.«

»Viel Glück dazu; doch ich bilde mir ein, nichts geringeres als eine Brechstange würde Dick zum Stutzen bringen. Seine Seele scheint durch irgend etwas entstammt gewesen zu sein, bevor wir mit ihm zusammen trafen. Er ist außerordentlich mißtrauisch und gänzlich subordinations-, gesetzwidrig.«

»Sache des Temperaments,« sagte Nilghai. »Dasselbe ist bei den Pferden der Fall. Wenn man einige durchprügelt, so arbeiten sie; andere schlagen aus, wenn man sie prügelt, während einige ausgehen, nachdem man sie geprügelt hat, um, mit den Händen in den Taschen, einen Spaziergang zu machen.«

»Genau das, was Dick gethan hat,« bemerkte Torpenhow. »Warten Sie, bis er zurückkommt; inzwischen können Sie anfangen, ihn hier gehörig vorzunehmen. Ich will Ihnen in seinem Atelier etwas von seiner letzten und schlechtesten Arbeit zeigen.«

Dick hatte instinktmäßig fließendes Wasser aufgesucht, um seine Gemütsstimmung zu beruhigen. Er lehnte über die Brüstung und beachtete die Strömung der Themse durch die Bogen der Westminsterbrücke. Er hatte angefangen, über Torpenhows Rat nachzudenken, sich indes sehr bald, seiner Gewohnheit gemäß, in das Studium der Gesichter der vorüberflutenden Menge verloren. Einige trugen den Tod auf ihren Gesichtern geschrieben, und Dick wunderte sich darüber, daß sie lachen konnten; andere, zum größten Teil plump und roh gebaut, strahlten vor Liebe, während viele die Spuren der Arbeit zeigten; doch aus allen war etwas zu entnehmen, wie Dick wußte. Der Arme wenigstens würde leiden, um zu lernen, und der Reiche bezahlen für die Ausnutzung dessen, was er gelernt hat. Sein Ruf in der Welt und seine Bilanz bei der Bank würden zunehmen; um so besser für ihn, Er hatte gelitten; jetzt wollte er von dem Bösen anderer Zoll erheben.

Der Nebel wurde einen Augenblick auseinandergetrieben, die Sonne schien wie eine blutigrote Scheibe auf dem Wasser. Dick betrachtete den Fleck, bis das Geräusch der Ebbe zwischen den Pfeilern dahin starb, wie das Waschen der See zur Zeit derselben. Ein von seinem Liebhaber hart bedrängtes Mädchen rief schamlos: »O, geh fort, du Bestie!«, während der Luftzug, welcher den Nebel auseinandergejagt, den schwarzen Rauch eines Flußdampfers, der unten an der Mauer lag, in Dicks Gesicht trieb. Er wurde einen Augenblick geblendet, drehte sich um und fand sich dem Gesichte von – Maisie gegenüber.

Es war kein Irrtum. Die Jahre hatten das Kind in eine Frau umgewandelt, aber nicht die dunkelgrauen Augen, die dünnen roten Lippen, den festgeschnittenen Mund und das Kinn verändert, und damit alles so wäre wie früher, so trug sie auch noch einen eng anschließenden grauen Anzug. Dick machte einen Schritt vorwärts und rief »Hallo!« nach Art der Schulknaben, worauf Maisie erwiderte: »O, Dick, sind Sie das?« Dann klopfte – unwillkürlich und bevor sein Gehirn Zeit gefunden hatte, von dem Gedanken an seine Bilanz in der Bank sich loszureißen und den Nerven zu gebieten – jeder Puls in Dicks Körper mächtig und der Gaumen wurde ihm trocken im Munde. Der Nebel schloß sich wieder; Maisies Gesicht erschien perlenweiß in demselben. Sie sprachen kein Wort, doch Dick ging neben ihr über das Trottoir der Brücke, vollkommen Schritt mit ihr haltend, gerade wie bei ihren nachmittäglichen Spaziergängen nach den Schlammbänken, Dann fragte Dick etwas heiser:

»Was ist aus Amomma geworden?«

»Sie ist gestorben, Dick. Nicht an den Patronen. Sie hatte zu viel gefressen. Sie war immer so gefräßig. Ist es nicht komisch?«

»Ja. Nein. Meinen Sie Amomma?«

»Ja. Nein. Dieses hier. Woher sind Sie gekommen?«

»Von dort her,« Er zeigte durch die Nebel nach Osten. »Und Sie?«

»O, ich wohne im Norden – dem schwarzen Norden, durch den ganzen Park hin. Ich bin sehr beschäftigt!«

»Was thun Sie?«

»Ich male sehr viel. Das ist alles, was ich zu thun habe.«

»Was, wie ist denn das gekommen? Sie hatten dreihundert jährlich.«

»Ich habe sie noch. Ich male; das ist alles.«

»Sind Sie denn allein?«

»Ein Mädchen lebt bei mir. Gehen Sie nicht so schnell, Dick; Sie sind aus dem Tritt gekommen.«

»Bemerkten Sie das denn?«

»Natürlich. Sie kamen immer aus dem Tritt.«

»Das ist wahr; thut mir leid. Sie malen immer noch?«

»Gewiß. Ich sagte ja, ich müßte. Ich war bei Slade, dann bei Merton in St. Johns-Word, dem großen Atelier, dann kam ich in die Nationalgalerie, und jetzt arbeite ich unter Kami.«

»Aber Kami befindet sich doch gewiß in Paris?«

»Nein; er hat sein Lehratelier in Vitry-sur-Marne. Ich arbeite bei ihm im Sommer, während des Winters lebe ich in London. Ich bin eine gute Haushälterin.«

»Verkaufen Sie viel?«

»Hin und wieder, aber nicht häufig. Da ist mein Omnibus; ich muß ihn nehmen, oder ich verliere eine halbe Stunde. Leben Sie wohl. Dick.«

»Adieu, Maisie. Wollen Sie mir nicht sagen, wo Sie wohnen? Ich muß Sie wieder sehen; vielleicht kann ich Ihnen helfen. Ich – ich male selbst ein wenig.«

»Ich werde vielleicht morgen im Park sein, wenn es kein gutes Licht zum Malen ist. Ich gehe gewöhnlich vom Marmorbogen herunter und wieder zurück; das ist mein kleiner Spaziergang, Natürlich werde ich Sie wieder sehen,« Sie stieg in den Omnibus und war bald im Nebel verschwunden.

»Nun – ich – bin – verdammt!« rief Dick aus, und kehrte nach Hause zurück.

Torpenhow und Nilghai fanden ihn auf den Stufen zur Atelierthüre sitzend und jene Worte mit furchtbarem Ernste wiederholend.

»Sie werden noch mehr verdammt sein, wenn ich mit Ihnen fertig bin,« sagte Nilghai, seinen kolossalen Umfang hinter Torpenhows Schulter aufrichtend und ein Blatt von einem Halbtrocknen Manuskripte hin und her wehend. »Dick, es ist allgemein bekannt, daß Sie an einem angeschwollenen Kopfe leiden.«

»Hallo, Nilghai! Wieder zurück? Wie steht es mit dem Balkan und all den kleinen Balkanen? Die eine Seite Ihres Gesichts ist, wie gewöhnlich, darauf aus, etwas zu entwerfen.«

»Kümmern Sie sich nicht darum. Ich bin beauftragt, Sie gedruckt zu züchtigen. Torpenhow weigert sich aus falschem Schamgefühl. Ich habe mir den Schund in Ihrem Atelier ungesehen; derselbe ist einfach schmachvoll.«

»Oho! Ist es das? Wenn Sie glauben, Sie können mich heruntermachen, so irren Sie sich. Sie können nur beschreiben, und brauchen auf dem Papier so viel Raum sich umzuwenden, wie ein P. und O. Frachtschiff. Aber fahren Sie fort und fassen Sie sich kurz; ich will zu Bett gehen.«

»Hm, hm! Der erste Teil beschäftigt sich nur mit Ihren Bildern. Hier ist der Schluß: ›Für eine ohne Ueberzeugung ausgeführte Arbeit, für ein an Trivialitäten verschwendetes Talent, für leichtfertig verwendete Mühe in der Absicht, den Beifall eines von der Mode beherrschten Publikums zu gewinnen –‹«

»Das ist ›Sein letzter Schuß‹, zweite Ausgabe. Jahren Sie fort,«

»›– zu gewinnen, da gibt es nur ein Ende, – die Vergessenheit, welcher Duldung vorausgeht und die Verachtung folgt. Mr. Heldar muß noch beweisen, daß er dieser Gefahr nicht ausgesetzt ist.‹«

»Wau–wau–wau–wau!« rief Dick aus. »Es ist ein ungeschickter Schluß und gemeine Journalistik, aber es ist ganz wahr. Und dennoch,« dabei sprang er auf und griff nach dem Manuskripte, »Sie benarbter, liederlicher, abgenutzter alter Gladiator! Sie werden, wenn ein Krieg ausbricht, fortgeschickt, um den bestialischen Blutdurst des blinden, rohen britischen Publikums zu befriedigen. Man hat jetzt keine Arenas mehr, aber man muß Spezialkorrespondenten haben. Sie sind ein fetter Gladiator, der durch eine Fallthür heraufkommt und über das spricht, was er gesehen hat. Sie stehen genau auf demselben Niveau wie ein energischer Bischof, eine liebenswürdige Schauspielerin, ein verwüstender Cyklon, oder – mein eignes süßes Selbst. Und Sie nehmen sich heraus, mir über meine Arbeit eine Vorlesung zu halten! Nilghai, wenn es sich der Mühe verlohnte, würde ich Sie in vier Zeitschriften karikiren!«

Nilghai zuckte zusammen; daran hatte er nicht gedacht.

»Ich will dieses Zeug, wie es da ist, nehmen und es in kleine Stückchen zerreißen. – So!« Das Manuskript flog in Fetzen hinunter in das dunkle Treppenhaus. »Gehen Sie nach Hause, Nilghai,« fuhr Dick fort, »gehen Sie heim, in Ihr einsames kleines Bett und lassen Sie mich in Ruhe. Ich will mich bis morgen schlafen legen.«

»Wie, es ist noch nicht sieben!« rief Torpenhow erstaunt aus.

»Es soll zwei Uhr morgens sein, wenn es mir so beliebt,« erwiderte Dick, sich mit dem Rücken an die Atelierthür lehnend. »Ich habe mit einer ernsten Krisis zu ringen und bedarf keines Mittagessens.«

Die Thür flog zu und wurde abgeschlossen.

»Was kann man mit einem solchen Menschen anfangen?« bemerkte Nilghai.

»Ihn allein lassen. Er ist verrückt, wie ein Hutmacher.«

Um elf Uhr wurde an die Thüre des Ateliers geklopft.

»Ist der Nilghai noch bei Ihnen?« fragte eine Stimme im Zimmer, »Dann sagen Sie ihm, er hatte seinen ganzen langweiligen Unsinn in ein Epigramm zusammenfassen können: ›Nur der Freie ist gebunden, und nur der Gebundene ist frei.‹ Sagen Sie ihm, er wäre ein Idiot, Torp, und ich ein zweiter.«

»Sehr richtig. Kommen Sie heraus und verzehren Sie Ihr Nachtessen. Sie rauchen bei einem leeren Magen.«

Es erfolgte keine Antwort.

Fünftes Kapitel.

Fünftes Kapitel.

Mm nächsten Morgen fand Torpenhow Dick in die tiefste Ruhe des Tabakrauchens versunken.

»Nun, Sie Wahnsinniger, wie fühlen Sie sich?«

»Ich weiß es nicht, ich bin dabei, es herauszufinden«

»Sie thäten viel besser daran, etwas zu arbeiten.«

»Mag sein, aber ich habe keine Eile. Ich habe eine Entdeckung gemacht Torp, in meinem Kosmos ist zu viel » ego« vorhanden.«

»Wahrhaftig! Verdanken Sie diese Entdeckung meinen oder Nilghais Vorlesungen?«

»Sie kam plötzlich über mich, ganz von selbst Viel zu viel ego, und nun will ich mich an die Arbeit machen.«

Er drehte einige halb vollendete Skizzen um, zog eine neue Leinwand auf, reinigte drei Pinsel, ließ Binkie in die Zehen der Gliederpuppe beißen, rasselte durch seine Sammlung von Waffen und Ausrüstungsgegenständen und ging dann plötzlich aus, indem er erklärte, er hatte für den Tag genug gethan. »Das ist entschieden unanständig,« sagte Torpenhow, »und das erstemal, daß Dick jemals an einem hellen Morgen fortgegangen ist. Vielleicht hat er entdeckt, daß er eine Seele besitzt oder ein Künstlertemperament oder irgend etwas ebenso Wertvolles. Das kommt davon, wenn man ihn einen Monat lang sich selbst überläßt. Vielleicht ist er in Abendgesellschaften gewesen. Ich muß doch das herausbringen.« Er läutete dem kahlköpfigen, alten Haushälter, den nichts in Erstaunen versetzen oder beunruhigen konnte.

»Hat Mr. Heldar außer dem Hause gespeist, so lange ich fort war, Benton?«

»Niemals hat er in der ganzen Zeit seinen Gesellschaftsanzug herausgelegt, Herr. Meistens dinirte er hier, aber, zuweilen brachte er einige sehr elegant aussehende junge Herren nach dem Theater mit herauf. Auffallend elegant waren sie. Die Herren hier im obersten Stockwerk thun meistens, was ihnen beliebt, aber es scheint mir, Herr, daß, einen Spazierstock fünf Treppen hinunterfallen lassen und dann zu vieren neben einander hinuntergehen, um ihn wieder zu holen und um halb zwei Uhr morgens dabei zu singen: ›Bring den Whiskey zurück, Willie, mein Liebling!‹ – nicht ein- oder zweimal, sondern sehr häufig – gerade nicht viel Mitleid für die übrigen Mitbewohner zeigt. Was ich sagen wollte, ist: ›Was du nicht willst, das dir geschieht, das füg auch keinem andern zu.‹ Das ist mein Wahlspruch.«

»Natürlich, natürlich! Ich fürchte, das oberste Stockwerk ist nicht das ruhigste im Hause.«

»Ich beklage mich nicht, Herr. Ich habe freundlich mit Mr. Heldar gesprochen, doch er lachte und machte mir ein Bild von meiner Frau, das ebenso gut ist wie ein kolorirtes Gemälde. Es hat nicht den hellen Glanz einer Photographie, aber ich sage ›Einem geschenkten Gaul steht man nicht ins Maul‹ Mr. Heldar hat seit Wochen seine Gesellschaftskleider nicht angehabt.«

»Dann ist alles gut,« sagte sich Torpenhow »Orgien sind gesund, und Dick hat einen Kopf für sich, doch wenn es sich träfe, daß Weiber mit ihm liebäugeln, so bin ich meiner Sache doch nicht so gewiß.«

Dick hatte sich nördlich durch den Park gewendet aber im Gerste wanderte er mit Maisie auf den Schlammbänken. Er lachte laut auf, als er sich des Tages entsann, an dem er Amommas Hörner mit Papierkrausen geschmückt und Maisie, ganz blaß vor Zorn, ihn geknufft hatte. Wie lang erschienen diese Jahre, wenn er darauf zurückblickte, und wie eng war Maisie mit jeder Stunde derselben verknüpft! Sturm auf dem Meere und Maisie in einem grauen Kleide am Strande, sich ihr nasses Haar aus den Augen streichend und lachend über den Wettkampf der heimwärts fahrenden Fischersmaks; heißer Sonnenschein auf den Schlammbänken und Maisie ärgerlich schnüffelnd mit erhobenem Kinn; Maisie vor dem Winde fliegend, der über den Strand fegte und ihr den Sand wie Schrotkörner um die Ohren jagte; Maisie, sehr ernsthaft und sicher, Mrs. Jennet Lügen erzählend, während Dick sie mit gröberen Unwahrheiten unterstützte; Maisie, sorgfältig ihren Weg von Stein zu Stein suchend, mit einem Revolver in der Hand und zusammengebissenen Zähnen; und Maisie in einem grauen Kleide auf dem Grase zwischen der Mündung einer Kanone und einem nickenden Seemohn sitzend. Diese Bilder zogen eins nach dem andern bei ihm vorüber, doch das letzte verweilte am längsten. Dick war vollkommen glücklich in diesem ruhigen Frieden, der für sein Gemüt ebenso neu war wie fremd für seine Erfahrung. Es fiel ihm gar nicht ein, daß es auch noch andere Ansprüche an seine Zeit geben könnte, als vormittags durch den Park zu bummeln.

»Das ist wirklich gutes Licht zum Arbeiten,« sagte er, gemütlich seinen Schatten betrachtend. »Mancher arme Teufel müßte dankbar dafür sein. Doch da ist Maisie.«

Sie kam vom Marmorbogen aufs ihn zu, während er bemerkte, daß die Zierlichkeit ihres Ganges sich nicht geändert. Es war gut, sie noch als Maisie und gleichsam als seine nächste Nachbarin zu finden. Es fand keine Begrüßung zwischen ihnen statt, weil es in früheren Tagen auch nie geschehen war.

»Was thun Sie zu dieser Stunde außerhalb Ihres Ateliers?« fragte Dick wie jemand, der das Recht dazu hatte.

»Faulenzen. Geradezu faulenzen. Ich wurde ärgerlich über ein Kinn und kratzte es aus. Dann ließ ich es zwischen einem kleinen Haufen von gemalten Schnitzeln und ging fort.«

»Ich weiß, was mit dem Palettemesser arbeiten bedeutet. Was war es für ein Stück?«

»Ein Studienkopf, der nicht gelingen wollte – abscheuliches Ding!«

»Ich arbeite nicht gerne über eine ausgekratzte Malerei, wenn ich Fleisch male. Die Striche kommen wollig heraus, wenn die Farbe trocknet.«

»Nicht, wenn man sorgfältig auskratzt.« Maisie schwenkte mit der Hand, um ihre Methode deutlich zu machen. Auf der weißen Manschette befand sich ein Klex von Farbe.

Dick lachte.

»Sie sind noch ebenso unordentlich wie früher.«

»Das kommt wohl von Ihnen. Sehen Sie nur auf Ihre eigene Manschette!«

»Beim Himmel, ja! Es ist noch schlimmer als bei Ihnen. Ich glaube, wir haben uns in nichts viel geändert. Lassen Sie uns doch einmal sehen.« Er blickte prüfend auf Maisie. Der blasse blaue Nebel eines Herbsttages hing zwischen den Baumstämmen des Parkes und bildete einen Hintergrund für das graue Kleid, die Toque aus blauem Sammet auf dem schwarzen Haar und dem entschlossenen Profile.

»Nein, nichts hat sich geändert. Wie gut das ist! Entsinnen Sie sich noch, wie ich Ihr Haar in dem Bügel eines kleinen Handkoffers einklemmte?«

Maisie nickte, zwinkerte mit den Augen und wandte ihr Gesicht voll Dick zu.

»Warten Sie eine Minute,« sagte er. »Der Mund hat sich in den Ecken ein wenig heruntergezogen. Wer hat Ihnen Kummer bereitet, Maisie?«

»Niemand als wie ich selbst. Ich schien mit meiner Arbeit niemals vorwärts zu kommen, obschon ich es hart genug versuchte; auch sagte Kami –«

»› Continuez, mesdemoiselles! Continuez tou-jours, mes enfants!‹ Kami ist entmutigend. Ich bitte um Entschuldigung.«

»Ja, das sagt er immer. Er erzählte mir im letzten Sommer, daß es besser mit mir ginge und ließ mich in diesem Jahre etwas ausstellen.«

»Nicht hier, nicht wahr?«

»Natürlich nicht. Im Salon.«

»Sie fliegen hoch.«

»Ich habe lange genug mit meinen Flügeln angestoßen. Wo stellen Sie aus, Dick?«

»Ich stelle nicht aus, ich verkaufe.«

»Was ist denn Ihr Genre?«

»Haben Sie nicht davon gehört?« Dick riß die Augen auf. War das möglich? Er sann auf ein Mittel, sie zu überzeugen. Sie befanden sich nicht weit vom Marmorbogen. »Kommen Sie ein Stückchen die Oxfordstreet hinauf, so werde ich es Ihnen zeigen.« Ein kleiner Haufe von Leuten stand vor einem Bilderladen, den Dick gut kannte. »Da drinnen befindet sich eine Reproduktion von einer meiner Arbeiten,« sagte er mit verhaltenem Triumph. Niemals zuvor hatte ihm der Erfolg so süß geschmeckt. »Sie sehen die Art von Dingen, welche ich male. Gefällt es Ihnen?«

Maisie erblickte den wilden Wirbel einer Feldbatterie, die im Feuer in Aktion trat. Zwei Artilleristen standen hinter ihr in der Menge.

»Sie haben das eine Vorderpferd verloren,« sagte der eine zum andern. »Es ist schrecklich zerrissen, aber sie kommen mit den übrigen gut vorwärts. Der Vorderfahrer fährt besser als Du, Tom. Sieh, wie verständig er sein Pferd leitet!«

»Nummer drei wird beim nächsten Stoß vom Vorderwagen fallen,« lautete die Antwort.

»Nein, er wird es nicht. Sieh nur, wie er seine Füße gegen das Eisen anstemmt. Es ist alles in Ordnung.«

Dick beobachtete Maisies Gesicht; sein Herz schwoll vor Freude – ein schöner, allgemeiner Triumph. Sie interessirte sich mehr für die kleine Menge als für das Gemälde. Das war etwas, was sie verstehen konnte.

»Und ich brauchte es so nötig! O, ich brauchte es so sehr!« sagte sie schließlich leise.

»Ich – alles ich!« sagte Dick gelassen. »Sehen Sie ihre Gesichter an. Es packt sie; sie wissen nicht, was sie veranlaßt, Augen und Mund aufzusperren, aber ich weiß es. Und ich weiß, meine Arbeit ist gut.«

»Ja, ich sehe es. O, was ist es doch für eine schöne Sache, es zu etwas gebracht zu haben!«

»Es zu etwas gebracht zu haben, in der That! Ich mußte dafür hinausgehen und mich darnach umschauen. Was denken Sie davon?«

»Ich nenne es einen Erfolg. Erzählen Sie mir, wie Sie hinausgingen!«

Sie kehrten in den Park zurück, wo Dick, mit der ganzen Anmaßung eines jungen Mannes einer Frau gegenüber, von seinen Thaten erzählte, wobei anfänglich seine Ich – Ich – Ich durch seinen Bericht blitzten, wie die Telegraphenstangen bei einem Reisenden vorüberblitzen. Maisie hörte zu und nickte mit dem Kopfe. Die Geschichten von Kampf und Entbehrung bewegten sie nicht um eine Haaresbreite. Bei dem Ende einer jeden Episode schloß er: »Und das gab mir die Kenntnis von der Behandlung der Farbe,« oder des Lichtes, oder was immer es sonst gewesen sein mochte, was ihn veranlaßt hatte, seine Zwecke zu verfolgen und zu verstehen. Er führte sie atemlos durch die halbe Welt, zu ihr sprechend, wie er noch niemals in seinem ganzen Leben gesprochen hatte. In der Flut seiner Begeisterung kam das große Verlangen über ihn, dieses Mädchen zu gewinnen, das mit dem Kopf nickte und sagte: »Ich verstehe. Fahren Sie fort!« – es zu gewinnen und mit fortzunehmen, weil es Maisie war, weil es ihn verstand, weil es sein Recht und eine Frau war, nach welcher er vor allen Frauen verlangte.

Dann hörte er plötzlich auf zu erzählen und sagte: »So nahm ich alles, was ich brauchte, und mußte dafür kämpfen. Jetzt erzählen Sie.«

Maisies Bericht war beinahe so grau wie ihr Anzug. Er umfaßte Jahre voll geduldiger, mühsamer Arbeit, unterstützt durch einen rasenden Stolz, der durch nichts gebrochen werden konnte, weder durch das Lachen der Kunsthändler noch durch die ihre Arbeit verzögernden Nebel, während Kami sich unfreundlich und spöttisch zeigte und die Mädchen in anderen Ateliers nur gezwungen höflich waren. Es gab nur wenige lichte Punkte, wenn Gemälde von ihr in Provinzausstellungen angenommen worden; doch sie schloß mit der oft wiederholten Klage: »Sie sehen, Dick, daß ich keinen Erfolg hatte, obgleich ich so hart arbeitete.«

Da wurde Dick von Mitleid ergriffen. Ebenso hatte Maisie gesprochen, als sie den Wellenbrecher nicht treffen konnte, eine halbe Stunde, bevor er sie geküßt. Das war wie gestern geschehen. »Machen Sie sich nichts daraus,« sagte er. »Ich will Ihnen etwas sagen, wenn Sie es glauben wollen.« Die Worte hatten Bezug auf jenen Vorfall. »Das ganze Ding, Schloß, Schaft und Lauf, ist nicht so viel wert, als ein großer, gelber Seemohn unter dem Fort Kerling.«

Maisie errötete ein wenig. »Sie haben gut reden, denn Sie hatten Erfolg und ich nicht.«

»Lassen Sie mich sprechen; ich weiß, Sie werden mich verstehen. Teure Maisie, es klingt thöricht, aber diese zehn Jahre haben niemals existirt, und ich bin zurückgekehrt. Es ist wirklich genau dasselbe. Sehen Sie das ein? Sie sind nun allein, ebenso wie ich. Weshalb soll man sich quälen, was nützt das? Kommen Sie anstatt dessen zu mir, mein Liebling!«

Maisie stocherte mit ihrem Sonnenschirm in dem Kies. Sie saßen auf einer Bank. »Ich verstehe,« sagte sie leise. »Doch ich habe meine Arbeit zu verrichten, und ich muß es thun.«

»Dann thun Sie es mit mir, Teuerste. Ich will Sie nicht hindern.«

»Nein, ich könnte es nicht. Es ist meine Arbeit – meine – meine! Ich bin mein ganzes Leben hindurch für mich allein gewesen und will niemand angehören, außer mir selbst. Ich erinnere mich an alles ebenso gut wie Sie, aber das zählt nicht mit. Wir waren damals Kinder und wußten nicht, was vor uns lag. Seien Sie nicht selbstsüchtig, Dick. Ich glaube, ich sehe meinen Weg zu einem kleinen Erfolge im nächsten Jahre vor mir. Nehmen Sie mir denselben nicht!«

»Ich bitte um Verzeihung, mein Liebling. Es ist meine Schuld, daß ich so thöricht gesprochen habe. Ich kann nicht erwarten, daß Sie meinetwegen Ihr ganzes Leben hingeben. Ich will auf meinen Platz zurückkehren und noch ein wenig warten.«

»Aber, Dick, ich möchte Sie nicht gern aus meinem Leben entfernen, nun Sie gerade zurückgekommen sind.«

»Ich stehe ganz zu Ihrem Befehle, verzeihen Sie mir!« Dick verschlang das beunruhigte kleine Gesicht mit seinen Augen. Es lag in denselben ein Triumph, weil er nicht begreifen konnte, daß Maisie sich weigern würde, ihn früher oder später zu lieben, da er sie doch liebte.

»Es ist schlecht von mir,« sagte Maisie, noch langsamer als vorher, »es ist schlecht und selbstsüchtig, aber ach, ich bin immer so einsam gewesen! Nein, Sie mißverstehen mich! Nun ich Sie wiedergesehen habe – es ist thöricht, aber ich möchte Sie gern in meinem Leben haben.«

»Natürlich. Wir gehören zu einander.«

»O nein, aber Sie verstanden mich stets, und in meiner Arbeit gibt es so vieles, wobei Sie mir helfen könnten. Sie verstehen die Sachen und kennen die Mittel und Wege, sie auszuführen. Sie müssen.«

»Ich thue es, denke ich, oder ich kenne mich selbst nicht. Dann nehme ich also an, Sie wünschen, daß wir uns nicht wieder ans den Augen verlieren und ich Ihnen bei Ihrer Arbeit helfen möchte.«

»Ja, aber denken Sie daran, Dick, daß nichts weiter daraus folgen wird. Das ist es, weshalb ich mich für selbstsüchtig halte. Lassen Sie die Dinge bleiben, wie sie sind. Ich bedarf Ihrer Hilfe.«

»Sie sollen dieselbe haben. Doch lassen Sie uns darüber nachdenken. Ich muß zuerst Ihre Bilder sehen und Ihre Skizzen durchblättern, um Ihre Richtung herauszufinden. Sie sollten nur sehen, was die Blätter über meine Richtung sagen! Dann will ich Ihnen guten Rat erteilen und Sie werden dementsprechend malen. Ist es nicht das, Maisie?«

Schon wieder lag ein unheiliger Triumph in Dicks Augen.

»Es ist wirklich gut von Ihnen – viel zu gut. Weil Sie sich selbst über das trösten, was niemals geschehen wird, ich weiß es, und dennoch wünsche ich, Sie festzuhalten. Tadeln Sie mich später nicht deswegen, bitte.«

»Ich trete mit offenen Augen in die Sache ein. Ueberdies, die Königin kann niemals unrecht thun. Es ist nicht Ihre Selbstsucht, die mich berührt; es ist Ihre Kühnheit, mir vorzuschlagen, mich benützen zu wollen.«

»Puh! Sie sind nur Dick – und ein Bilderladen.«

»Sehr gut: das ist alles, was ich bin. Aber, Maisie, glauben Sie denn nicht, daß ich Sie liebe? Ich möchte nicht, daß Sie irgendwie falsche Begriffe über Brüder und Schwestern haben.«

Maisie blickte einen Moment auf und schlug dann ihre Augen nieder.

»Es ist Unsinn, aber – ich glaube es. Ich wollte, ich könnte Sie fortschicken, bevor Sie böse auf mich werden. Aber – aber das Mädchen, welches bei mir wohnt, ist rothaarig und sehr empfindlich, und alle unsere Ansichten sind verschieden.«

»Die unsrigen ebenfalls, denke ich. Das thut nichts. In drei Monaten, von heute an, werden wir zusammen über alles das lachen.«

Maisie schüttelte traurig den Kopf. »Ich wußte ja, Sie würden mich nicht verstehen; es wird Sie um so stärker treffen, wenn Sie es einsehen. Blicken Sie mir ins Gesicht, Dick, und sagen Sie mir, was Sie dort sehen!«

Sie standen auf und blickten einander einen Augenblick an. Der Nebel wurde dichter und dämpfte den Lärm von London jenseits der Einfriedung. Dick wandte seine ganze, so mühsam erlangte Kenntnis von Physiognomien an, um jene Augen, den Mund und das Kinn unter der schwarzsammetnen Toque zu betrachten.

»Es ist dieselbe Maisie, und ich bin ebenfalls derselbe,« sagte er. »Wir haben beide genau ebenso viel eigenen Willen, und bei einem oder dem andern von uns muß derselbe gebrochen werden. Jetzt aber wollen wir über die Zukunft sprechen. Ich muß dieser Tage zu Ihnen kommen und mir Ihre Bilder ansehen; ich setze voraus, wenn das rothaarige Mädchen zugegen ist.«

»Sonntags habe ich am besten Zeit, Sie müssen an den Sonntagen kommen. Es gibt so sehr viele Dinge, über die ich mit Ihnen sprechen und Sie um Rat fragen mochte. Jetzt muß ich aber nach Hause gehen und arbeiten.«

»Versuchen Sie, bis zum nächsten Sonntag herauszufinden, was ich bin,« sagte Dick. »Begnügen Sie sich nicht mit meinem Worte für irgend etwas, was ich Ihnen erzählt habe. Adieu, mein Liebling, gesegnet mögen Sie sein.«

Maisie eilte davon wie eine kleine graue Maus. Dick blickte ihr nach, bis sie ihm aus den Augen gekommen; aber er hörte nicht, wie sie ganz nüchtern zu sich sagte: »Ich bin eine Elende – eine abscheuliche, selbstsüchtige Elende. Aber es ist Dick, und Dick wird es verstehen.«

Noch niemand hat erklärt, was wirklich geschieht, wenn eine unwiderstehliche Gewalt mit einem unbeweglichen Pfosten zusammentrifft, obgleich manche tief darüber nachgedacht haben, gerade wie Dick. Er versuchte sich selbst die Versicherung zu geben, daß Maisie in wenigen Wochen, allein durch seine Anwesenheit, sich würde leiten und auf bessere Gedanken bringen lassen. Dann erinnerte er sich wieder viel zu deutlich an ihr Gesicht und alles, was auf demselben geschrieben stand.

»Wenn ich irgend etwas von Physiognomien verstehe,« sagte er, »so steht alles andere auf diesem Gesichte als Liebe. Ich werde das selbst hineinlegen müssen; und dieses Kinn und dieser Mund werden nicht umsonst gewonnen werden. Aber sie hat recht. Sie weiß, was sie braucht, und will es erreichen. Was für eine Unverschämtheit! Mich! Von allen Leuten auf der weiten Welt mich zu benützen! Aber es ist Maisie. Darüber ist nicht hinauszukommen, und es ist so gut, sie wiederzusehen. Diese Sache muß seit Jahren in meinem Kopfe geschlummert haben … Sie will mich benützen, wie ich Binal in Port Saïd benutzt habe. Sie hat ganz recht. Es ist etwas verletzend. Ich soll sie jeden Sonntag sehen wie ein junger Mensch, der einem Dienstmädchen den Hof macht. Sie ist ihrer Sache sicher; und dennoch – dieser Mund ist kein Mund, der sich ergibt. Ich werde sie jedesmal küssen wollen und muß dabei auf ihre Bilder sehen – und dabei weiß ich nicht einmal, was für ein Genre sie malt und soll über Kunst sprechen – Frauenkunst! Deshalb, im einzelnen und ewiglich, verdammt seien alle Arten von Kunst! Einmal brachte sie mich gut vorwärts, und nun ist sie mir im Wege Ich will nach Hause gehen und etwas Kunst machen.«

Auf halbem Wege nach seinem Atelier überkam ihn ein schrecklicher Gedanke. Die Gestalt einer allein lebenden Frau erhob sich vor ihm im Nebel.

»Sie ist ganz allein in London mit einem rothaarigen, empfänglichen Mädchen, das wahrscheinlich die Verdauung eines Straußes besitzt. Die meisten rothaarigen Leute haben eine solche. Maisie ist ein galliges kleines Ding. Sie werden essen wie einsame Frauen – Mahlzeiten zu allen Stunden und Thee bei allen Mahlzeiten. Ich entsinne mich, wie die Studenten in Paris sich gewöhnlich durchfütterten. Sie kann jede Minute krank werden, und ich würde nicht im stande sein, ihr zu helfen. Pfui! Das ist zehnmal schlimmer, als eine Frau haben!«

Als es schummerig wurde kam Torpenhow in Dicks Atelier und blickte ihn mit Augen voll strenger Liebe an, die zwischen Männern entsteht, welche zusammen an demselben Ruder gezogen haben und durch Gewohnheit, Gebrauch und die Vertraulichkeiten der Arbeit an einander gefesselt sind. Das ist eine wahre Liebe, die nicht stirbt, obschon sie Streit, Tadel und die größte Aufrichtigkeit gestattet und ermutigt, sondern zunimmt und probehaltig ist gegen Abwesenheit und schlechte Ausführung.

Dick verhielt sich schweigsam, nachdem er Torpenhow die gestopfte Beratungspfeife überreicht hatte. Er dachte an Maisie und deren wahrscheinliche Entbehrungen. Es war für ihn etwas Neues, an jemand anders als Torpenhow zu denken, der für sich selbst denken konnte. Hier war endlich ein Ausgang für jene Kassenbilanz. Er konnte Maisie reichlich mit Juwelen schmücken, – ein dickes goldnes Halsband um den kleinen Nacken, Armbänder um die gerundeten Arme und wertvolle Ringe an den Fingern dieser kühlen, ringlosen Hände, die er zwischen den seinigen gehalten hatte. Es war ein alberner Gedanke, denn Maisie würde ihm nicht einmal erlauben, ihr auch nur einen einzigen Ring an einen Finger zu stecken und über goldne Schmucksachen lachen. Es würde besser sein, mit ihr ruhig in der Dämmerung zu sitzen, mit seinem Arme um ihren Nacken und ihr Gesicht an seiner Schulter, wie es sich für Mann und Frau schickte. Torpenhows Stiefeln knarrten an jenem Abende, während seine starke Stimme schnarrte. Dicks Augenbrauen zogen sich zusammen und er murmelte ein böses Wort, weil er allen seinen Erfolg als ein Recht und eine Abschlagszahlung für frühere Entbehrungen in Empfang genommen hatte und nun im Kampfe von einer Frau aufgehalten wurde, die diesen Erfolg zugab und doch nicht sofort ihn liebte.

»Hören Sie, alter Herr,« begann Torpenhow, der zwei oder drei vergebliche Versuche zu einem Gespräche gemacht; »ich habe Sie doch nicht verletzt, durch irgend etwas, was ich letzthin gesagt, wie?«

»Sie! Nein. Wie könnten Sie?«

»Die Leber nicht in Ordnung?«

»Der wirklich gesunde Mensch weiß gar nicht, daß er eine Leber hat. Ich bin nur im allgemeinen ein wenig verstimmt und ermüdet durch verschiedene Dinge. Ich vermute, es ist meine Seele.«

»Der wirklich gesunde Mensch weiß gar nicht, daß er eine Seele hat. Was haben Sie mit dergleichen Luxusartikeln zu schaffen?«

»Es kam ganz von selbst. Wer ist der Mann, der sagt, daß wir alle Eilande wären, die sich gegenseitig Lügen zuriefen über Meere von Mißverständnissen?«

»Er hat recht, wer es auch sein möge – ausgenommen, was die Mißverständnisse anbelangt. Ich glaube nicht, daß wir einander mißverstehen können.«

Der blaue Rauch ringelte sich in Wolken von der Decke zurück. Torpenhow fragte eindringlich:

»Dick, ist es eine Frau?«

»Gehangen mögen Sie werden, wenn es etwas ist, das nur im entferntesten einer Frau gleicht; und wenn Sie so zu sprechen anfangen, werde ich mir ein Atelier aus roten Ziegelsteinen mieten mit weiß gemalter Verputzung und Begonien, blauen Hungarien zwischen Topfpalmen zu drei Schilling und sechs Pennys, auch werde ich alle meine Bilder in anilinfarbige Plüschrahmen einfassen lassen und jede Frau einladen, die kläfft, jammert und klagt über das, was, wie ihr Guidebuch ihr gesagt, Kunst ist, und Sie, Torp, sollen sie empfangen, – in einem schnupftabakbraunen Sammetrock mit gelben Hosen und einem orangenfarbigen Halstuche. Das wird Ihnen gefallen!«

»Zu dünn, Dick. Ein besserer Mann als Sie leugnete mit Fluchen und Schwören bei einer denkwürdigen Gelegenheit. Sie haben zu stark aufgetragen, gerade wie er es that. Es ist nicht meine Sache, natürlich, aber es ist erquickend, zu denken, daß irgendwo unter den Sternen eine fürchterliche Tracht Schläge für Sie aufbewahrt ist. Ob dieselbe vom Himmel oder von der Erde kommen wird, weiß ich nicht, aber es steht fest, daß sie kommen und Sie etwas zusammenrütteln wird. Sie haben es nötig, etwas durchgehämmert zu werden.«

Dick schauerte es. »Vortrefflich,« sagte er. »Wenn dieses Eiland zerbröckeln sollte, wird es Sie rufen.«

»Ich werde um die Ecke kommen und helfen, es noch etwas mehr zu zerbröckeln. Wir reden Unsinn, Kommen Sie mit in ein Theater.«

Sechstes Kapitel.

Sechstes Kapitel.

Einige Wochen später kehrte Dick an einem nebeligen Sonntage durch den Park nach seinem Atelier zurück. »Das sind offenbar die Schläge, die Torp meinte,« sagte er »Sie treffen mich härter, als ich erwartete, aber die Königin kann nichts Unrechtes thun, auch hat sie wirklich einen Begriff vom Zeichnen.« Er kam gerade von einem sonntäglichen Besuche bei Maisie – stets unter den grünen Augen des rothaarigen, empfindsamen Mädchens, welches er auf den ersten Blick hassen gelernt – und wurde von einem starken Gefühl der Scham geprickelt. Sonntag auf Sonntag war er, in seinen besten Kleidern, nach dem häßlichen Hause nördlich vom Park hinüber gewandert, anfänglich, um Maisies Bilder anzusehen, und dann dieselben zu kritisiren und seinen Rat darüber zu erteilen, da er gefunden, daß sie Erzeugnisse waren, denen guter Rat nicht schaden könne. Sonntag auf Sonntag war er, wahrend seine Liebe bei jedem Besuche wuchs, genötigt gewesen, sein Herz zum Schweigen zu zwingen, wenn dasselbe ihn antrieb, Maisie zu küssen. Sonntag auf Sonntag hatte der Kopf über das Herz gesiegt und ihn gewarnt, daß Maisie noch nicht erreichbar sei, und daß es besser wäre, so zusammenhängend als möglich über die Mysterien der Zunft zu sprechen, die alles für sie waren. Daher war es sein Los, jede Woche in dem über dem schmutzigen Garten erbauten Atelier Folterqualen zu erdulden und Maisie zu beobachten, wie sie mit den Theetassen hin und her ging. Thee war ihm in hohem Grade zuwider, aber seitdem er es ihm möglich machte, etwas länger in ihrer Gegenwart zu verweilen, trank er ihn mit großer Andacht, während das rothaarige Mädchen in einer Ecke saß und ihn beobachtete, ohne ein Wort zu sprechen. Das Mädchen beobachtete ihn stets. Nur ein einzigesmal, als es das Atelier verlassen hatte, zeigte Maisie ihm ein Album, das einige armselige Ausschnitte aus Provinzialzeitungen enthielt, möglichst kurz gehaltene, eilige Notizen über einige von ihren Bildern, die sie nach auswärtigen Ausstellungen geschickt hatte. Dick bückte sich und küßte den mit Farbe beschmierten Daumen auf dem offenen Blatte. »O, meine Liebe, meine Liebe,« murmelte er, »sind diese Dinge wohl Ihrer würdig? Werfen Sie dieselben in den Papierkorb!«

»Nicht bevor ich etwas Besseres erhalte,« sagte Maisie, das Album schließend.

Darauf machte Dick, angetrieben durch Mangel an Respekt vor seinem Publikum und die tiefste Rücksicht für das Mädchen, den Vorschlag, er wollte ein Bild malen und Maisie sollte dasselbe unterzeichnen.

»Das ist kindisch,« entgegnete Maisie; »ich dachte das wirklich nicht von Ihnen. Es muß meine Arbeit sein, meine, meine!«

»Dann gehen Sie hin und zeichnen Sie Medaillons zur Ausschmückung von Häusern reicher Brauer. Dazu sind Sie durchaus befähigt.« Dick war elend und wild zu Mute.

»Bessere Sachen als Medaillons, Dick,« lautete die Antwort in einem Tone, der ihn an das furchtlose Sprechen des grauäugigen kleinen Wesens Mrs. Jennet gegenüber erinnerte. Dick hätte sich bis aufs äußerste gedemütigt, wenn nicht gerade das andere Mädchen hereingekommen wäre.

Am nächsten Sonntage legte er zu Maisies Füßen kleine Geschenke von Pinseln nieder, die fast von selbst malen konnten, sowie von Farben, an deren Dauerhaftigkeit er glaubte, und war übertrieben aufmerksam bei der Arbeit, die sie unter den Händen hatte. Dasselbe erforderte, unter anderen Dingen, eine Darlegung seiner innersten Ueberzeugung. Torpenhows Haar würde sich aufgerichtet haben, hätte er die Flut von Worten gehört, mit denen Dick sein eignes Evangelium über die Kunst predigte.

Dick wäre einen Monat früher ebenso erstaunt gewesen; aber es war Maisies Wille und Belieben, so daß er seine Worte zusammensuchte, um ihrem Begriffsvermögen alles das klar zu machen, was ihm selbst einst von den Geheimnissen der Arbeit verborgen gewesen. Es liegt nicht die mindeste Schwierigkeit in der Ausführung einer Sache, wenn man nur weiß, wie es gemacht wird; das schwierigste ist, einem seine Methode auseinanderzusetzen.

»Ich könnte das da ganz richtig machen, wenn ich einen Pinsel in der Hand hätte,« sagte Dick verzweiflungsvoll mit Rücksicht auf die Zeichnung eines Kinns, das, wie Maisie klagte, nicht gelingen wollte; »sieht aus wie Fleisch«, – es war dasselbe Kinn, das sie mit dem Palettemesser ausgekratzt hatte, – »aber ich hielte es fast für unmöglich, Sie zu unterweisen. In Ihrer Art zu malen, liegt ein seltsamer häßlicher, holländischer Strich, der mir aber gefällt; indes kommt es mir so vor, als ob Sie schwach im Zeichnen wären. Sie machen Verkürzungen, als ob Sie niemals ein Modell benützt hätten und haben Kamis weichliche Manier angenommen, das Fleisch im Schatten zu behandeln. Dann wieder malen Sie zu hart, ohne es selbst zu wissen. Ich glaube, Sie verwenden ihre Zeit zu viel auf Entwürfe. Oel ist die Hauptsache, oft reißen drei Quadratzoll von dem aufgetragenen, schimmernden Zeug in der Ecke eines Bildes ein schlechtes Ding heraus – ich weiß es. Es ist unmoralisch. Zeichnen Sie eine kurze Zeit lang nur Konturen, dann kann ich Ihnen mehr über Ihre Fähigkeiten sagen, wie der alte Kami zu sagen pflegte.«

Maisie protestirte; sie machte sich nichts daraus, nur Konturen zu zeichnen.

»Ich weiß,« sagte Dick, »Sie möchten gern Ihre Studienköpfe mit einem Bündel Blumen am Halse malen, um die schlechte Modellirung zu verbergen.« Das rothaarige Mädchen lachte ein wenig. »Sie möchten gern Landschaften mit Vieh malen, das knietief im Grase steht, um die schlechte Zeichnung zu vertuschen. Sie möchten überhaupt ein gut Teil mehr malen als Sie können. Sie haben Verständnis von Farbe, aber es fehlt Ihnen die Form. Farbenkenntnis ist eine Gabe, – legen Sie das beiseite und denken Sie nicht mehr daran – was jedoch die Form anbelangt, so können Sie darin herangebildet werden. Nun, alle Ihre Studienköpfe, – und einige davon sind recht gut – werden Sie genau auf dem Standpunkte zurückhalten, auf dem Sie sich jetzt befinden. Beim Zeichnen von Konturen müssen Sie entweder vor- oder rückwärts gehen, auch werden Sie alle Ihre Schwächen dabei zeigen.«

»Aber andere Leute –,« begann Maisie.

»Sie müssen nicht darauf sehen, was andere Leute thun. Wenn deren Seelen Ihre Seele wären, so würde es etwas anderes sein. Sie stehen und fallen durch Ihre eigne Arbeit, denken Sie daran, und es heißt wirklich Zeit verschwenden, bei diesem Kampfe an irgend etwas anderes zu denken.«

Dick machte eine Pause, während die so lange entschlossen unterdrückte Sehnsucht wieder in seine Augen zurückkehrte. Er sah Maisie an, und in seinem Blick lag die Frage so deutlich, als wenn er sie in Worten ausgedrückt hätte: wäre es nicht Zeit, diese öde Wildnis von Leinwand und Ratschlägen zu verlassen und sich die Hände mit Liebe fürs Leben zu reichen?

Maisie stimmte dem neuen Schulprogramm so anbetungswert zu, daß Dick sich nur mit Mühe zurückhalten konnte, sie zu nehmen und nach dem nächsten Standesamte zu tragen. Unbedingter Gehorsam gegen das ausgesprochene Wort und reine Gleichgiltigkeit für das unausgesprochene Verlangen verhöhnten und bekämpften seine Seele. Er besaß in jenem Hause Ansehen, – ein in der That auf einen halben Nachmittag von sieben Tagen beschränktes Ansehen, aber doch ein wirkliches, so lange es währte. Maisie hatte gelernt, sich in vielen Dingen an ihn zu wenden, von der geeignetsten Verpackung von Bildern bis zu dem Zustande eines rauchenden Kamins. Das rothaarige Mädchen fragte ihn niemals um Rat; andererseits nahm es sein Erscheinen ohne Widerspruch an und beobachtete ihn stets. Er entdeckte, daß die Mahlzeiten des Haushaltes unregelmäßig und mangelhaft seien; dieselben bestanden hauptsächlich in Thee, Pickles und Zwieback, wie er von Anfang an vermutet hatte. Die Mädchen ließen glauben, daß sie wöchentlich einkauften, aber sie lebten, mit Hilfe einer Arbeitsfrau, so unregelmäßig wie junge Raben. Maisie verwendete den größten Teil ihres Einkommens auf Modelle, während das andere Mädchen für Gerätschaften schwärmte, die so verfeinert waren wie seine eigne Arbeit rauh war. Mit der seiner Zeit von den Docks her teuer erkauften Erfahrung, warnte Dick Maisie, und sagte ihr, daß die Folge dieses halben Verhungerns darin bestehen würde, ihre Fähigkeit zur Arbeit zu lähmen, was bedeutend schlimmer als der Tod wäre. Maisie beherzigte diese Warnung und achtete nun mehr auf das, was sie aß und trank. Wenn seine Unruhe ihn überkam, was gewöhnlich während der langen Dämmerstunden im Winter der Fall war, so traf die Erinnerung an diesen kleinen Ort häuslicher Autorität, sowie an seine Arbeit mit einer Herdbürste in dem rauchenden Kamine des Wohnzimmers, Dick wie ein Peitschenhieb. Er sah ein, daß der Gedanke hieran der Gipfel seiner Leiden sei, bis das rothaarige Mädchen ihm eines Sonntags ankündigte, es wolle eine Studie von Dicks Kopf anfertigen, er möchte daher so gut sein, still zu sitzen und – gerade wie ein Hintergedanke – Maisie anblicken. Er saß auch, weil er es füglich nicht abschlagen konnte, und dachte eine halbe Stunde lang an alle die Leute, die er früher für seine künstlerischen Zwecke benutzt hatte; am deutlichsten erinnerte er sich Binals, – jenes Binals, der einst ein Künstler gewesen und immer von seiner Entartung sprach.

Es war weiter nichts als die rohe Skizze eines Kopfes, aber sie stellte die stumme Erwartung, die Sehnsucht und vor allem die hoffnungslose Knechtschaft des Mannes mit einem Anfluge von bitterem Spotte dar.

»Ich will die Skizze kaufen,« sagte Dick plötzlich, »zu jedem Preise, den Sie verlangen.«

»Mein Preis ist zu hoch, aber ich denke, Sie werden ebenso dankbar sein, wenn –« Die noch feuchte Skizze flatterte aus der Hand des Mädchens und fiel in die Asche des Ofens im Atelier; als sie dieselbe wieder aufhob, war sie hoffnungslos beschmutzt.

»O, sie ist ganz verdorben!« rief Maisie aus. »Ich habe sie nicht einmal gesehen. War sie ähnlich?«

»Ich danke Ihnen,« sagte Dick leise zu dem rothaarigen Mädchen und entfernte sich rasch.

»Wie dieser Mann mich haßt!« bemerkte das Mädchen. »Und wie er Sie liebt, Maisie!«

»Was für ein Unsinn! Ich weiß, Dick ist sehr vernarrt in mich, aber er hat seine Arbeit und ich habe die meinige.«

»Ja, er ist vernarrt in Sie, und ich denke, er weiß, es ist etwas an der Empfänglichkeit für Eindrücke, trotz alledem. Maisie, können Sie nicht sehen?«

»Sehen? Was sehen?«

»Nichts; nur weiß ich, daß, wenn ich einen Mann dahin bringen könnte, mich so anzusehen, wie dieser Mann Sie ansieht, ich würde – ich weiß nicht, was ich thun würde. Aber er haßt mich. O, wie er mich haßt!«

Sie hatte hierin doch nicht ganz recht. Dicks Haß wurde auf einige Augenblicke durch Dankbarkeit gemildert, und dann vergaß er das Mädchen vollständig. Nur das Gefühl der Scham blieb zurück und nahm zu, als er im Nebel durch den Park ging. »An einem dieser Tage wird eine Explosion stattfinden,« sagte er ingrimmig. »Aber es ist nicht Maisies Schuld; sie hat recht, ganz recht, soweit sie es versteht; ich kann sie nicht tadeln. Diese Sache dauert nun seit beinah drei Monaten. Drei Monate! – und mich hat es zehn Jahre des Herumziehens draußen gekostet, um die Kenntnis, den rohesten Begriff von meiner Arbeit zu erlangen. Das ist richtig, aber dann mußte ich mich nicht jeden Sonntag mit Stiften, Zeichenstiften und Palettmessern verwunden. O, mein kleiner Liebling, wenn ich Dich jemals bändige, wird jemand sehr schlechte Zeiten davon haben. Nein, sie wird nicht. Ich werde ein ebenso großer Thor ihretwegen sein, wie ich es jetzt bin. Ich werde an meinem Hochzeitstage das rothaarige Mädchen vergiften; – es ist schädlich, gefährlich – und nun will ich die gegenwärtigen schlechten Zeiten an Torp auslassen.«

Torpenhow hatte sich in letzter Zeit mehr als einmal bewogen gefühlt, Dick eine Vorlesung über die Sünde der Leichtfertigkeit zu halten, die Dick angehört, ohne ein Wort zu erwidern. In den Wochen zwischen den ersten Sonntagen seines Lehramtes, hatte er sich weislich an seine Arbeit gefügt, entschlossen, daß Maisie wenigstens die volle Ausdehnung seiner Fähigkeiten kennen lernen sollte. Dann hatte er Maisie gelehrt, daß sie nicht die mindeste Aufmerksamkeit anderen Arbeiten als den ihrigen schenken müsse, und Maisie hatte ihm nur allzu gut gehorcht. Sie befolgte seine Ratschläge, interessirte sich jedoch nicht für seine Bilder.

»Ihre Sachen riechen nach Tabak und Blut,« sagte sie einmal. »Können Sie denn nichts anderes malen als Soldaten?«

»Ich konnte einen Kopf von Dir malen, über den Du Dich verwundern würdest,« dachte Dick – das war, bevor das rothaarige Mädchen ihn unter die Guillotine gebracht hatte, – aber er erwiderte nur »es thut mir leid,« und quälte an jenem Abende Torpenhows Seele mit Blasphemien gegen die Kunst. Später, ganz unmerklich und gegen seinen Willen, hörte er auf, sich für seine eignen Arbeiten zu interessiren. Um Maisies willen und um der Selbstachtung zu schmeicheln, die er an jedem Sonntage verlor, wie es ihm schien, wollte er nicht wissentlich schlechtes Zeug hervorbringen, aber seitdem Maisie sich nicht einmal um seine besten Sachen bekümmerte, wäre es wirklich besser, nichts zu thun und die Zeit zwischen den Sonntagen mit Warten hinzubringen. Torpenhow war empört, als die Wochen so nutzlos verstrichen und griff ihn eines Sonntagabends an, als Dick sich aufs äußerste erschöpft fühlte nach einer dreistündigen Selbstbeherrschung in Maisies Gegenwart. Es war ein sehr erregtes Gespräch, worauf Torpenhow sich zurückzog, um sich mit Nilghai zu beraten, der hereingekommen war, um über kontinentale Politik zu sprechen.

»Vollständig müßig ist er? Sorglos und in seiner Gemütsstimmung beunruhigt?« fragte Nilghai.

»Es ist nicht der Mühe wert, sich darüber zu ängstigen. Dick spielt wahrscheinlich den Narren bei irgend einer Frau.« »Ist denn das nicht schlimm genug?«

»Nein, Sie mag ihn wohl aus seiner Thätigkeit reißen und seine Arbeit eine Zeit lang aushalten; sie kann auch eines Tages hieherkommen und ihm eine Scene auf dem Treppenflur machen; man weiß ja das niemals, aber so lange Dick nicht aus eigenem Antriebe davon spricht, thäten Sie besser, die Sache gar nicht zu berühren. Er ist kein leicht zu behandelnder Mensch.«

»Nein, ich wollte, er wäre es. Er ist ein so aggressiver, selbstbewußter Bursche!«

»Er wird das mit der Zeit schon ablegen. Er muß lernen, daß man nicht mit einer Büchse voll Farbenblasen und einem schmierigen Pinsel die Welt auf und nieder stürmen kann. Sind Sie vernarrt in ihn?«

»Ich würde jede Strafe auf mich nehmen, die ihm bevorsteht, wenn ich es könnte; aber das schlimmste dabei ist, daß kein Mensch seinen Bruder davor bewahren kann.«

»Nein, und noch schlimmer ist es, daß es in einem solchen Kriege nicht zum Abfeuern, zur Entdeckung kommt. Dick muß seine Lektion lernen, so gut wie jeder von uns. Um von Krieg zu sprechen, im Frühjahre werden Unruhen im Balkan stattfinden.«

»Diese Unruhen sollen schon lange kommen. Ich bin neugierig, ob wir Dick mit hinausbringen können, wenn sie eintreten?«

Bald darauf trat Dick ins Zimmer; die Frage wurde ihm vorgelegt. »Nicht gut genug für mich,« erwiderte er kurz. »Ich befinde mich zu behaglich, wo ich bin.«

»Sie werden doch all das Zeug in den Blättern nicht für Ernst nehmen?« sagte Nilghai. »In weniger als sechs Monaten sind Sie nicht mehr in der Mode, – das Publikum wird dann Ihre Manieren kennen und zu etwas Neuem übergehen; wo werden Sie dann sein?«

»Hier, in England.«

»Wenn Sie anständige Arbeit bei uns ausführen könnten? Unsinn! Ich werde dorthin gehen; Keneu, Torp, Cassavatti, eine ganze Menge von uns werden dort sein, und wir so viel zu thun haben, wie wir nur leisten können, mit unbegrenzter Gelegenheit zum Fechten und Dinge zu sehen, die den Ruf von drei Weretschagins begründen könnten.«

»Hm,« machte Dick, die Lippen aufwerfend.

»Sie ziehen vor, hier zu bleiben und sich einzubilden, daß die ganze Welt Ihre Bilder angafft? Denken Sie doch daran, wie voll von Havarien, bezüglich seiner Bestrebungen und Vergnügungen, das Leben eines Mannes ist. Wenn zwanzigtausend von ihnen die Zeit finden, zwischen ihren Mahlzeiten sich umzublicken und irgend etwas zu murmeln über eine Sache, so sind dieselben nicht im mindesten dabei interessirt; das reine Resultat heißt: Ruhm, Ansehen, Anerkennung, dem Geschmacke der Maßgebenden entsprechend.«

»Ich weiß das ebenso gut wie Sie. Geben Sie mir Kredit auf ein wenig Verstand?« »Ich will gehangen werden, wenn ich es thue!«

»Dann lassen Sie sich hängen; wahrscheinlich werden Sie es auch – als ein Spion, von wütenden Türken. O! Ich bin müde, todmüde, alle Kraft hat mich verlassen!« Dick ließ sich in einen Stuhl fallen und war nach einer Minute fest eingeschlafen. »Das ist ein böses Zeichen,« sagte Nilghai leise. Torpenhow nahm ihm die Pfeife aus der Rocktasche, welche dort zu brennen angefangen, und legte ihm ein Kissen unter den Kopf. »Wir können es nicht ändern,« sagte er. »Es ist eine gute, häßliche Art von Kopf; ich bin vernarrt in ihn. Da ist die Narbe von dem Schmiß, den er erhielt, als er in jenem Carré über den Kopf gehauen wurde.«

»Es sollte mich gar nicht wundern, wenn das ihn nicht etwas verrückt gemacht hätte.«

»Ich doch. Er ist ein sehr eifriger Verrückter.« Darauf fing Dick schrecklich zu schnarchen an.

»O, keine Zuneigung kann gegen dergleichen standhalten. Wachen Sie auf. Dick, und schlafen Sie anderswo, wenn Sie dabei einen solchen Lärm machen wollen.«

»Wenn ein Kater die ganze Nacht auf den Dächern sich herumgetrieben hat,« murmelte Nilghai in seinen Bart, »so schläft er gewöhnlich den Tag über. Das ist aus der Naturgeschichte.«

Dick stolperte, sich die Augen reibend und gähnend, hinaus. Während der Nacht fiel ihm eine so einfache wie glänzende Idee ein, daß er sich wunderte, weshalb er dieselbe nicht schon früher gehabt. Er wollte Maisie an einem Wochentage besuchen, einen Ausflug vorschlagen und sie auf der Eisenbahn nach Fort Keeling mitnehmen; nach demselben Platze, auf dem sie vor zehn Jahren umhergeschweift waren.

»Nach einer allgemeinen Regel,« sagte er sich am folgenden Morgen, »ist es nicht gut, eine alte Fährte zweimal zu kreuzen; die Dinge erinnern einen an die Vergangenheit, ein kalter Wind erhebt sich und man fühlt sich traurig; aber dieses ist eine Ausnahme von jeder Regel, die jemals bestand. Ich will sogleich zu Maisie gehen.«

Glücklicherweise war das rothaarige Mädchen ausgegangen, um Einkäufe zu machen, als er dort eintraf, wahrend Maisie, in einer mit Farbe bespritzten Bluse, im Kriege mit ihrer Leinwand lag. Sie war nicht sonderlich erfreut, ihn zu sehen, denn Besuche an Wochentagen waren gegen die Verabredung; er bedurfte daher seines ganzen Mutes, um seine Absicht zu erklären.

»Ich weiß, Sie arbeiten viel zu angestrengt,« schloß er mit einer Miene von Autorität. »Wenn Sie so weiter machen, werden Sie zusammenbrechen. Sie thäten wirklich viel besser daran, mitzukommen.«

»Wohin?« fragte Maisie ermüdet. Sie hatte zu lange vor ihrer Staffelei gestanden und war in der That erschöpft.

»Wohin es Ihnen beliebt. Wir wollen morgen früh irgend einen Zug nehmen und sehen, wo er anhält. Irgendwo werden wir frühstücken und abends bringe ich Sie wieder zurück.«

»Wenn es morgen gutes Licht zum Arbeiten ist, verliere ich einen Tag.« Maisie balancirte unentschlossen die schwere Palette aus weißem Nußbaum.

Dick unterdrückte einen Fluch, der ihm auf die Lippen kam. Er hatte noch nicht gelernt, mit dem Mädchen Geduld zu haben, für welches die Arbeit alles in allem war.

»Sie werden noch sehr viel mehr verlieren, meine Teure, wenn Sie jede Stunde Licht zum Arbeiten benützen. Sich überarbeiten ist nur mörderischer Müßiggang. Seien Sie nicht unverständig. Ich werde Sie morgen gleich nach dem Frühstück abholen.«

»Aber Sie werden doch sicherlich auch –«

»Nein, sicherlich nicht. Ich will Sie haben und niemand anders. Außerdem haßt sie mich gerade so sehr, wie ich sie hasse. Es wurde ihr gar nichts daran liegen, mitzukommen. Also, auf morgen, und beten Sie, daß wir Sonnenschein haben.« Dick ging entzückt von dannen und arbeitete infolge dessen nicht einen Strich. Er kämpfte mit dem heftigen Verlangen, einen Extrazug zu bestellen, begnügte sich indes damit, einen großen grauen Känguruhmantel zu kaufen, der mit glänzend schwarzem Marder gefüttert war, und ging dann nach Hause, um nachzudenken.

»Ich gehe morgen den ganzen Tag mit Dick aus,« sagte Maisie zu dem rothaarigen Mädchen, als dasselbe später, müde von seinen Einkäufen in Edgware Road, zurückkehrte.

»Er verdient es. Ich will, während Ihrer Abwesenheit, den Fußboden im Atelier gründlich scheuern lassen; er ist sehr schmutzig.«

Maisie hatte sich seit Monaten an keinem Feiertage erfreut und blickte der kleinen Erholung fröhlich entgegen, wenn auch nicht ganz ohne Besorgnis.

»Es gibt keinen angenehmeren Menschen als Dick, wenn er vernünftig spricht,« dachte sie, »aber ich bin überzeugt, er wird albern sein und mich quälen, während ich ihm doch nichts von dem sagen kann, was er gern hört. Wenn er vernünftig wäre, würde ich ihn viel lieber haben.«

Als Dick am nächsten Morgen erschien und Maisie in ihrem grauen Ulster und schwarzsammetnen Hütchen im Hausflur stehen sah, strahlten seine Augen vor Freude. Marmorpaläste, aber nicht schmutzige Imitationen aus geädertem Holze, waren sicherlich passender als Hintergrund für eine solche Gottheit. Das rothaarige Mädchen zog sie einen Augenblick ins Atelier und küßte sie eilig. Maisies Augenbrauen erhoben sich bis zum Rande der Stirn, sie waren gar nicht an dergleichen Zärtlichkeiten für einander gewöhnt. »Denken Sie an meinen Hut,« sagte sie davoneilend und die Stufen hinunterlaufend zu Dick, der bei dem Kabriolet stand und auf sie wartete.

»Sind Sie auch warm genug? Möchten Sie nicht gern noch etwas frühstücken? Legen Sie diesen Mantel über Ihre Kniee.«

»Ich fühle mich ganz behaglich, danke. Wohin gehen wir, Dick? O, hören Sie doch auf, so zu singen; die Leute werden uns für verrückt halten.« »Lassen Sie dieselben denken, was sie wollen, wenn es ihnen nur keinen Schaden thut. Sie wissen nicht, wer wir sind. Auf mein Wort, Maisie, Sie sehen reizend aus.«

Maisie blickte gerade aus vor sich hin und erwiderte nichts. Der Wind eines scharfen, klaren Wintermorgens hatte Farbe in ihre Wangen gebracht. Ueber ihnen wurden die crêmefarbigen Rauchwolken fortgetrieben, um einem hellblauen Himmel Platz zu machen, während einige unvorsichtige Spatzen sich von einem Wassertümpel erhoben und das Kommen des Frühlings mit viel Geschrei verkündigten.

»Es wird reizendes Wetter auf dem Lande sein,« bemerkte Dick.

»Aber wohin gehen wir denn?«

»Abwarten und dann sehen.«

Sie hielten bei der Viktoria-Station, wo Dick Billets nahm. Einen Augenblick dachte Maisie, die behaglich vor dem Kaminfeuer im Wartesaale saß, daß es doch viel angenehmer wäre, einen Mann nach dem Billetschalter zu schicken als sich selbst mit dem Ellenbogen durch die Menge Bahn zu machen. Dick führte sie in einen Pullmanwaggon – nur, weil es dort warm war, während sie diese Verschwendung mit ernstlich entrüsteten Augen betrachtete, als der Zug sich in Bewegung setzte.

»Ich möchte wissen, wohin wir gehen,« wiederholte sie zum zwanzigstenmale. Der Name einer ihr wohl erinnerlichen Station ertönte gegen das Ende der Fahrt, und Maisie war nun aufgeklärt. »O, Dick, Sie Abscheulicher!«

»Nun, ich glaubte, Sie würden diesen Platz gern einmal wiedersehen. Sie sind ja seit langer Zeit nicht hier gewesen, nicht wahr?«

»Nein, Es verlangte mich niemals darnach, Mrs. Jennet wieder zu sehen; und sie war das einzige, was ich hier gekannt.«

»Nicht ganz. Sehen Sie eine Minute aus dem Fenster. Dort steht die Windmühle über den Kartoffelfeldern, man hat da noch keine Villen gebaut; entsinnen Sie sich, wie ich Sie in der Mühle eingesperrt hatte?«

»Ja. Wie Mrs. Jannett Sie dafür geprügelt hat! Ich sagte ihr nie, daß Sie es gewesen wären.«

»Sie vermutete es. Ich klemmte einen Stock unter die Thür und sagte Ihnen, ich wollte Amomma lebendig in den Kartoffeln begraben, was Sie auch glaubten. In jenen Tagen waren Sie vertrauender Natur.«

Sie lachten und lehnten sich hinaus, um sich umzuschauen, alte Landmarken mit manchen Erinnerungen identifizirend. Dick richtete sein Auge auf die Rundung von Maisies Wange, die sich sehr nahe der seinigen befand, und beobachtete, wie das Blut unter der reinen Haut pulsirte. Er gratulirte sich selbst zu seiner List und sah voraus, daß der Abend ihm eine große Belohnung bringen würde.

Als der Zug hielt, gingen sie fort, um eine alte Stadt mit neuen Augen zu betrachten. Zuerst besahen sie, aber von einer gewissen Entfernung, das Haus von Mrs. Jannet.

»Nehmen Sie an, sie käme jetzt heraus; was würden Sie thun?« fragte Dick mit verstelltem Schrecken.

»Ich würde ihr ein Gesicht schneiden.«

»Laß sehen,« sagte Dick, in die Sprache ihrer Kindheit verfallend. Maisie schnitt ein Gesicht nach der kleinen Villa hin, worüber Dick laut lachte.

»Das ist schändlich,« sagte Maisie, die Stimme von Mrs. Jennet nachahmend. »Maisie, Du gehst sofort hinein und lernst das Altargebet, das Evangelium und die Epistel für die nächsten drei Sonntage. Nach allem, was ich Dich gelehrt habe, auch noch drei Dankgebete jeden Sonntag nach dem Essen! Dick verleitet Dich immer zu Unfug. Wenn Du kein Gentleman bist, Dick, so könntest Du doch wenigstens –«

Der Ausspruch endete plötzlich. Maisie erinnerte sich, wann er zum letztenmale angewendet wurde.

»– versuchen, Dich wie ein solcher zu benehmen,« fiel Dick rasch ein. »Ganz recht. Jetzt wollen wir einen kleinen Lunch zu uns nehmen, und dann nach Fort Keeling gehen – wenn Sie nicht lieber dahin fahren wollen?«

»Wir müssen zu Fuß gehen, schon aus Respekt für den Ort. Wie wenig hat alles sich hier geändert!«

Sie wanderten durch unveränderte Straßen nach der See zu, unter dem Einflusse aller dieser alten Gegenstände. Sie gingen bei dem Laden eines Konfektionsgeschäftes vorbei, das in jenen Tagen, als ihr vereinigtes Taschengeld wöchentlich einen Schilling betrug, hoch in ihrer Achtung stand.

»Dick, haben Sie einige Pfennige?« fragte Maisie, halb zu sich selbst.

»Nur drei, und wenn Sie glauben, Sie bekommen zwei davon, um sich Pfefferminzkuchen zu kaufen, so irren Sie sich. Sie sagt, Pfefferminzkuchen schicken sich nicht für Damen.«

Sie lachten wieder und Maisies Wangen färbten sich, während in Dicks Herzen das Blut kochte. Nach einem reichlichen Lunch gingen sie nach dem Strande und Fort Keeling hinunter über eine weite, vom Winde gepeitschte Landstrecke, die kein Baumeister für wert gehalten hatte zur Bebauung. Die Winterbrise kam von der See her und summte in ihren Ohren.

»Maisie,« sagte Dick. »Ihre Nase bekommt an der Spitze einen Anstrich von Preußisch-blau. Ich will mit Ihnen um die Wette laufen, soweit Sie wollen und um was es Ihnen beliebt.«

Sie blickte sich vorsichtig um und fing dann lachend an zu laufen, so rasch als der Ulster es gestattete, bis sie außer Atem war.

»Wir liefen gewöhnlich meilenweit,« keuchte sie. »Es ist dumm, daß wir jetzt nicht laufen können.«

»Das Alter, Teuerste. Das kommt davon, wenn man fett und weichlich in der Stadt wird. Wenn ich Sie an den Haaren reißen wollte, liefen Sie gewöhnlich drei Meilen weit, dabei so laut kreischend, wie Sie konnten. Ich möchte wohl wissen, ob Sie so kreischten, um Mrs. Fennet mit einem Rohrstocke herbeizurufen, damit sie –«

»Dick, ich habe Ihnen nie in meinem Leben absichtlich Prügel zugezogen.«

»Nein, natürlich thaten Sie das nicht. Lieber Himmel! Blicken Sie auf die See.«

»Weshalb, sie ist noch ebenso wie sonst!« sagte Maisie. –

Torpenhow hatte von Mr. Beeton herausgebracht, daß Dick, sauber angekleidet und rasirt, das Haus um halb acht Uhr morgens, mit einer Reisedecke über dem Arm, verlassen hatte. Nilghai rollte gegen Mittag ins Zimmer, um Schach zu spielen und sich über Politik zu unterhalten.

»Es ist schlimmer, als ich mir vorgestellt,« sagte Torpenhow.

»O, der ewige Dick, wie ich voraussetze! Sie kakeln über ihn, wie eine Henne mit einem einzigen Küken. Lassen Sie ihn doch dumme Streiche machen, wenn er meint, daß es ihn amüsiren wird. Sie können wohl einen jungen Hund durchpeitschen, aber nicht einen jungen Mann.«

»Es ist nicht eine Frau; es ist ein Mädchen.«

»Woraus schließen Sie das?«

»Er stand auf und ging um acht Uhr morgens aus – stand mitten in der Nacht auf, beim Himmel! etwas, das er niemals thut, ausgenommen, wenn er im Dienst ist. Und auch dann mußten wir ihn aus seinen Decken herausklopfen, ehe das Gefecht bei El-Maghrib anfing, wie Sie sich erinnern werden. Es ist ekelhaft.« »Es sieht eigentümlich aus; aber vielleicht hat er sich entschlossen, endlich ein Pferd zu kaufen. Er kann ja auch deshalb so früh fortgegangen sein, nicht wahr?«

»So einen feurigen Satan kaufen! Er würde es uns gesagt haben, wenn ein Pferd im Spiele wäre. Es ist ein Mädchen.«

»Seien Sie dessen nicht so gewiß. Vielleicht ist es nur eine verheiratete Frau.«

»Dick hat etwas Sinn für Humor, wenn Sie auch keinen haben. Wer steht denn in der Dämmerung auf, um eines andern Mannes Weib zu besuchen? Es ist ein Mädchen.«

»Dann lassen Sie es doch ein Mädchen sein. Sie kann ihn lehren, daß es auch noch etwas anderes auf der Welt gibt außer ihm selbst.«

»Sie wird seine Hand verderben, seine Zeit verschwenden, ihn heiraten und für immer seine Arbeit ruiniren. Er wird ein respektabler, verheirateter Mann sein, bevor wir es verhindern können, und nie wieder am langen Tau gehen.«

»Alles ganz gut möglich, aber die Erde wird sich nicht anders drehen, wenn es geschieht… ha! ha! Ich gäbe etwas darum, Dick zu sehen, mit den Jungens auf die Freite gehend. Quälen Sie sich deswegen nicht. Diese Dinge stehen bei Allah, wir können dieselben nur beobachten. Holen Sie die Schachfiguren.«–

Das rothaarige Mädchen lag in seinem Zimmer und starrte auf die Decke desselben; seine Hände öffneten und schlossen sich von Zeit zu Zeit fast krampfhaft.

Die Taglöhnerin, die den Fußboden des Ateliers scheuern sollte, klopfte an ihre Thür: »Bitte um Verzeihung, Miß,« sagte sie, »zum Reinigen des Fußbodens gebraucht man zwei, wohl auch drei Sorten von Seife, eine gelbe, eine mit bunten Flecken und eine desinfizirende. Nun, gerade bevor ich meinen Eimer in den Flur stellte, dachte ich, es wäre vielleicht gut, wenn ich heraufkäme, um Sie zu fragen, welche Sorte von Seife Sie wünschten, um die Tische und Bretter abzuscheuern. Die gelbe Seife, Miß –«

In dieser Frage lag durchaus nichts, was den Wutausbruch hätte verursachen können, der das rothaarige Mädchen mitten ins Zimmer trieb und dasselbe veranlaßte fast zu schreien: »Glauben Sie etwa, daß ich mich darum kümmere, was Sie gebrauchen? Eine Sorte wird es wohl thun! – irgend eine Sorte!«

Die Frau eilte davon, während das rothaarige Mädchen einen Augenblick auf sein eignes Bild im Spiegel sah und dann sein Gesicht mit beiden Händen bedeckte. Es war, als ob es ein verschämtes Geheimnis laut hinaus geschrieen hätte.