Kapitel 7

 

7

 

Comstock Bell bewohnte ein Haus am Cadogan Square. Die Einrichtung seiner Wohnung zeugte von feinem künstlerischem Geschmack. Eine Reihe von Gemälden moderner Meister bewies sein eigenes Interesse, das er allem entgegenbrachte, was mit Kunst zusammenhing.

 

Um sechs Uhr abends kam Bell nach Hause und ging sofort in sein großes Arbeitszimmer, das auf der Rückseite des Gebäudes lag. Auf dem Rauchtischchen lagen ein Dutzend Briefe für ihn, die er gleich durchsah; meistens handelte es sich um Einladungen zu gesellschaftlichen Veranstaltungen.

 

Nachdenklich setzte er sich dann an den Schreibtisch und strich mit der Hand über die Tasten einer Reiseschreibmaschine, die vor ihm stand. Schließlich drückte er auf einen Klingelknopf und wartete, bis der Diener hereinkam.

 

»Ich habe doch gestern einen Gummistempel in Auftrag gegeben. Ist er schon gekommen?« fragte Bell.

 

»Jawohl, Sir. Vor einer Stunde wurde er abgeliefert«, entgegnete der Diener, lief hinaus und. kam gleich darauf mit einem Päckchen wieder zurück.

 

»Öffnen Sie es.«

 

In dem Päckchen lagen ein kleiner Gummistempel und ein Stempelkissen. Bell nahm den Stempel heraus und besah ihn eingehend von allen Seiten. Es war ein Faksimile seiner eigenen Unterschrift, und er hatte es bei seiner Bank durchgesetzt, daß ein Scheck ausgezahlt wurde, wenn er so gestempelt war. Es hatte lange Zeit gedauert, bevor sich die Bank damit einverstanden erklärte, und der Bankdirektor hatte ihm auseinandergesetzt, daß das ein großes Risiko sei.

 

Bell legte den Gummistempel in eine kleine Kassette, schloß ab und steckte den Schlüssel in seine Westentasche.

 

»Parker«, wandte er sich dann wieder an den Diener, »ich werde England in einigen Wochen verlassen, und ich möchte, daß Sie auf das Haus achtgeben. Selbstverständlich habe ich dafür gesorgt, daß Ihr Gehalt regelmäßig ausgezahlt wird. Einige andere Instruktionen erhalten Sie dann noch.«

 

»Werden Sie lange fortbleiben, Sir?«

 

Bell zögerte mit der Antwort.

 

»Es ist möglich, daß ich – einige Jahre im Ausland bin.«

 

»So lange, Sir?«

 

Wenn Bell erklärt hätte, daß er für den Rest seines Lebens fortbleiben wollte, hätte Parker auch nicht mehr gesagt.

 

Bell trat ans Fenster und schaute geistesabwesend hinaus. Der Diener machte eine Bewegung, als ob er gehen wollte. »Warten Sie noch einen Augenblick, Parker«, sagte Bell ohne sich umzudrehen. Er stand unentschlossen da, als ob er nicht wüßte, was er tun sollte. Irgendein Entschluß schien ihm schwerzufallen. »Ich werde mich verheiraten.«

 

Jetzt hatte er es gesagt und schien sich erleichtert zu fühlen. Vielleicht würde er jetzt den Mut finden, es auch allen seinen Bekannten mitzuteilen.

 

»Ich bin im Begriff, mich zu verheiraten«, wiederholte er halblaut.

 

»Darf ich mir erlauben, Ihnen mit allem Respekt zu gratulieren«, entgegnete Parker ein wenig kleinlaut.

 

»Wegen Ihrer Stellung brauchen Sie sich keine Gedanken zu machen. Für Sie wird sich nicht viel ändern, da ich mit meiner Frau im Ausland leben werde.«

 

Es trat eine Pause ein.

 

»Darf ich mir die Frage gestatten, ob ich die Dame kenne?«

 

»Das ist anzunehmen«, antwortete Bell und biß sich nervös auf die Lippen. »Wahrscheinlich kennen Sie sie.«

 

Wieder trat eine Pause ein, bis er plötzlich sagte: »In etwa einer Stunde erwarte ich Mrs. Granger Collak. Führen Sie die Dame herein.«

 

Parker machte eine Verbeugung und ging hinaus.

 

Bell setzte sich in einen Sessel.

 

Er dachte an Mrs. Granger Collak und an das, was über sie geredet wurde. Ihr Ruf war wirklich nicht der allerbeste. Diese ungewöhnlich schöne Frau führte einen Lebenswandel, den auch großzügige Leute als ziemlich unmoralisch bezeichneten.

 

Er schaute sich in dem Zimmer um und mußte trotz seiner Sorgen, die ihn bedrückten, lächeln. Sollte er sie heiraten, dann würde sie das Haus vollständig auf den Kopf stellen. Mit seinem großen Vermögen würde sie höchstwahrscheinlich auch bald fertig sein – oder zumindest in aller Harmlosigkeit versuchen, ihn finanziell zu ruinieren. Die Leute würden hinter seinem Rücken lachen und ihn bemitleiden – aber was brauchte das ihn schließlich zu kümmern. Wenn nur seine Mutter nichts davon hörte; doch die wohnte in den Vereinigten Staaten und lebte so zurückgezogen, daß der Londoner Klatsch kaum zu ihr dringen konnte. Sicher, ein wenig bestürzt wäre sie bestimmt über die leichtlebige Schwiegertochter; schließlich gab es aber noch schlimmere Dinge auf der Welt.

 

In gewisser Weise war Mrs. Granger Collak eine sehr kluge Frau, vor allem hatte sie es auch verstanden, bei allen ihren Eskapaden stets einen gewissen Stil beizubehalten. Er wußte zum Beispiel, daß sie schweigen konnte wie das Grab, wenn es not tat. Das hatten selbst die schlauesten Rechtsanwälte erst kürzlich während ihres skandalösen Ehescheidungsprozesses erfahren.

 

Jetzt wollte sie reisen und brauchte Geld. Das konnte er ihr geben. Er wollte dafür nur von ihr verlangen, daß sie sich so anständig wie möglich betrug.

 

Um sieben Uhr geleitete Parker die Dame in das Arbeitszimmer.

 

Sie trug ein Schneiderkostüm, das in seiner Einfachheit ihre extravagante Erscheinung unterstrich.

 

»Bitte nehmen Sie hier Platz.«

 

Er schob einen großen, bequemen Klubsessel an die Seite seines Schreibtisches, so daß sie ihm schräg gegenübersaß.

 

»Nun, Mrs. Collak, was kann ich für Sie tun?«

 

»Sie meinen, wieviel Geld nötig ist, um meine Sorgen zu verjagen?« fragte sie lächelnd. »Ich denke, dreitausend Pfund würden genügen. Natürlich könnte ich auch mit weniger verreisen«, fügte sie hinzu, »und am liebsten würde ich Sie überhaupt nicht darum bitten.«

 

Er öffnete eine Schublade seines Schreibtisches und holte ein Scheckbuch heraus. Mit der nicht verbundenen Hand riß er einen Scheck heraus.

 

»Füllen Sie ihn bitte aus«, sagte er und reichte ihn ihr. »Und machen Sie ihn zahlbar für den Überbringer.«

 

Erst jetzt sah sie, daß seine rechte Hand verbunden war.

 

»Haben Sie sich verletzt?« fragte sie erschrocken.

 

»Nicht so schlimm.« Bell gab ihr seinen Füllfederhalter, holte dann aus einer anderen Schublade die Kassette und öffnete sie. Sorgfältig drückte er den Stempel auf das Farbkissen, nahm den Scheck und stempelte seine Unterschrift darunter.

 

»Man wird Ihnen diesen Scheck einlösen«, sagte er. »Und nun möchte ich noch kurz mit Ihnen sprechen.«

 

Sie faltete den Scheck zusammen, steckte ihn in ihre Handtasche und lehnte sich in ihren Sessel zurück.

 

»Bitte, glauben Sie nicht, daß ich Ihnen Ermahnungen mit auf den Weg geben will, die dreitausend Pfund wert sind«, begann er lächelnd. »Ich möchte über eine Angelegenheit mit Ihnen sprechen, die mich angeht.« Er rutschte nervös auf seinem Stuhl hin und her. »Ich will mich nämlich verheiraten.«

 

»Das freut mich aber«, sagte sie erstaunt. »Wer ist denn die Glückliche?!«

 

»Ich weiß es noch nicht.«

 

Sie beugte sich etwas vor und runzelte die Stirn.

 

»Das wissen Sie nicht? Mein lieber Comstock, was soll denn der Unsinn?«

 

Er schüttelte den Kopf.

 

»Es ist kein Unsinn«, erwiderte er. »Ich habe mich noch nicht entschieden, ich wollte Sie fragen…«

 

Er machte eine Pause. Irgend etwas hinderte ihn daran fortzufahren.

 

»Nun?«

 

»Ach, ich kann es Ihnen nicht sagen.«

 

Sie schaute ihn aufmerksam an, dann lachte sie.

 

»Wirklich, Comstock, Sie sind zu komisch – sagen Sie mir doch, wer es ist, und ich werde Sie sehr gern beraten.«

 

»Ich muß mir alles noch einmal gründlich überlegen«, gestand er verlegen und erhob sich.

 

Sie zuckte die Schultern, stand ebenfalls auf und gab ihm die Hand.

 

»Es tut mir wirklich leid, daß Sie sich mir nicht anvertrauen wollen. Ich gehe jetzt wohl am besten. Haben Sie vielen Dank, Comstock.«

 

Er machte eine abwehrende Handbewegung.

 

»Sprechen wir vorerst nicht mehr darüber«, meinte er. »Ich werde Sie in den nächsten Tagen noch einmal aufsuchen. Sie werden die Stadt doch nicht sofort verlassen?«

 

»Nein, ich bleibe bis Ende der Woche in London.«

 

Er begleitete sie bis zur Haustür und öffnete diese.

 

»Leben Sie wohl – und meinen herzlichsten Dank«, sagte sie noch einmal.

 

»Auf Wiedersehen also!« verabschiedete sich Comstock Bell. »Vielleicht komme ich schon morgen zu Ihnen, wenn ich mehr Mut habe.«

 

Sie dachte über seine Worte nach, als sie zu ihrer Wohnung in der Nähe von Knightsbridge zurückfuhr, und konnte sich sein sonderbares Benehmen nicht erklären.

 

Als Bell allein war, setzte er sich in einen Sessel und schaute gedankenverloren vor sich hin.

 

Er ließ sich ein einfaches Abendessen in die Bibliothek bringen, und nachdem er gegessen hatte, verschloß er die Tür. Parker, der vorbeiging, hörte das Klappern der Schreibmaschine.

 

Um neun Uhr öffnete Bell die Tür wieder und ging nach oben in sein Zimmer. Dort klingelte er nach Parker.

 

»Wer ist noch im Haus?« fragte er.

 

»Thomas sitzt in der Küche, Sir.«

 

»Sagen Sie ihm, daß er warten soll, bis ich nach ihm klingle. Ich möchte, daß Sie zur Charing Cross Station fahren und fragen, um wieviel Uhr die Nachtpost vom Kontinent ankommt.«

 

»Soll ich nicht telefonieren, Sir?«

 

»Nein, gehen Sie bitte selbst«, entgegnete Bell ungeduldig. »Ich möchte, daß Sie sich persönlich ganz genau erkundigen. Sollte ich nicht mehr zu Hause sein, wenn Sie zurückkommen, rufen Sie mich bitte im Klub an.«

 

Er wartete, bis Parker das Haus verlassen hatte, dann begann er sich hastig umzuziehen. Aus einem gut verschlossenen Schrank holte er einen abgetragenen Anzug heraus und zog ihn an. Ein weicher Filzhut und ein Regenmantel vervollständigten seine Kleidung. Aus einer Schublade seines Schreibtisches nahm er ein dickes Paket Banknoten und ließ es in seine Tasche gleiten. Prüfend sah er sich im Zimmer um – der Anzug, den er ausgezogen hatte, fiel ihm ein. Er hängte ihn über einen Bügel in seinem Kleiderschrank und verschloß die Tür. – Gleich darauf eilte er die Treppe hinunter, öffnete vorsichtig die Haustür und trat auf die Straße.

 

Sein ganzes Handeln war zielbewußt und energisch. Ohne nach rechts und links zu sehen, machte er sich in schnellem Tempo auf den Weg. Er vermied belebte Straßen, machte verschiedene Umwege und gelangte schließlich zur Kings Road in Chelsea. Gleich darauf bog er in eine Gasse ein, die zum Themseufer führte.

 

Es hatte zu regnen begonnen; der Fluß lag schwarz vor ihm, Nebelschwaden trieben über die Wasseroberfläche. Das grüne und das rote Licht eines Schleppdampfers schimmerten schwach durch den milchigen Dunst. Bell ging am Ufer entlang, bis er zu einer kleinen Treppe kam, die direkt zum Fluß hinunterführte.

 

Ein kleines Ruderboot hatte dort angelegt. Zwei Leute in glänzendem Ölzeug saßen auf den Ruderbänken.

 

»Lauder!« rief Bell.

 

»Jawohl, Sir«, antwortete eine Stimme, und das Boot wurde durch einen Ruderschlag bis unmittelbar an den Fuß der Treppe gebracht.

 

»Geben Sie mir Ihre Hand, Sir.«

 

Bell packte die Hand, die sich nach ihm ausstreckte, und sprang gewandt in das Boot. Die beiden Männer ruderten mit weitausholenden, kräftigen Schlägen auf die Mitte des Flusses zu.

 

»Wir sind da! Hier liegt die ›Seabreaker‹.«

 

Der eine der Männer zeigte auf einen Schlepper, der direkt vor ihnen lag. Es war ein großes, starkgebautes Schiff, das durchaus auch auf offener See fahren konnte.

 

Das Boot legte an der Steuerbordseite an und machte an einem Tau fest. Bell kletterte eine Strickleiter hinauf und schwang sich, oben angelangt, über die Reeling.

 

»Sie müssen unbedingt ein ordentliches Fallreep beschaffen, Captain«, sagte er.

 

Ein kräftiger, untersetzter Mann mit dichtem, graumeliertem Vollbart legte die Hand zum Gruß an den Südwester.

 

»Ich habe es schon in Auftrag gegeben, Sir.«

 

»Es wäre mir lieb, wenn Sie dafür sorgten, daß es schon morgen angebracht wird«, erklärte Bell. »Ich werde jetzt das Schiff inspizieren.«

 

Der Dampfer war ganz neu und für einen Schlepper wirklich ein Muster an Sauberkeit und Ordnung. Eine ganze Anzahl von Lampen beleuchteten das Oberdeck. Achtern, wo sich sonst bei einem solchen Schiff die Vorrichtungen zur Befestigung der Schleppseile befinden, war das große, breite Deck mit Glaswänden abgeschlossen und zu einem geschmackvoll eingerichteten Raum umgewandelt. Auch hinter dem Kartenzimmer lag noch eine andere große Kabine. Comstock stieg die Leiter zu der kleinen Kommandobrücke hinauf und begab sich in diesen Raum.

 

Die geräumige Kabine war in zwei Einzelräume unterteilt und mit schönen Möbeln ausgestattet worden. Ein Bett stand unter dem einen Fenster und ein wertvoller Schreibtisch unter dem andern. Auf dem Fußboden lag ein hübscher Teppich. Außer durch die Seitenfenster erhielt die Kabine auch noch von oben Licht, sie war mit Milchglas abgedeckt. Eine Tür führte in ein kleines, ebenfalls luxuriös ausgestattetes Badezimmer.

 

Auch dieses inspizierte Bell kurz und ging dann in den nebenan liegenden Raum. Dort stand an einer Wand ein großer Bücherschrank; ein breites Sofa und ein Teppich vervollständigten die Ausstattung.

 

»Kommen Sie herein, Captain Lauder«, sagte Bell durch die geöffnete Tür zu dem Mann, der draußen wartete.

 

Lauder trat näher.

 

»Bitte nehmen Sie Platz. Sie kennen also genau Ihre Instruktionen?«

 

»Jawohl, Sir.«

 

»Sind Sie mit dem Schiff zufrieden?«

 

»Vollkommen. Ich bin letzte Woche damit bei starkem Südwest in die Nordsee gefahren, und das schlechte Wetter hat ihm nicht im geringsten geschadet.«

 

»Wie steht es mit der Besatzung?«

 

»Sie ist unbedingt zuverlässig, Sir. Ich habe meine beiden Söhne mit an Bord genommen. Sie haben vor einiger Zeit ihr Steuermannsexamen gemacht. Unten im Maschinenraum arbeitet mein Bruder Georg mit seinem Sohn und einem andern mit ihm befreundeten jungen Mann.«

 

»Dann haben wir ja fast die ganze Familie beisammen.« Bell lächelte. »Aber letzten Endes hängt doch alles von Ihnen ab, Lauder.«

 

»Mir können Sie völlig vertrauen«, entgegnete der Kapitän ruhig. »Ich werde niemals vergessen, was ich Ihnen verdanke.« »Ich selbst bin Ihnen zu Dank verpflichtet, aber darüber wollen wir nicht mehr reden. Wenn Sie Ihr Fallreep angebracht haben, fahren Sie nach Gravesend hinunter und warten dort weitere Befehle ab. Sie können ruhig an Land gehen, bis ein Telegramm von mir eintrifft. Dann tun Sie alles, was in dem versiegelten Brief steht, den ich Ihnen gegeben habe. Und bedenken Sie immer, daß ich nichts von Ihnen verlange, was gegen die Gesetze verstößt. Weder Sie noch die Mannschaft brauchen sich die geringste Sorge zu machen.«

 

»Davon bin ich überzeugt.«

 

»Legen Sie dieses Geld in Ihren Safe.« Bell holte ein kleines Paket Banknoten aus der Tasche. »Es reicht einige Zeit für alle Ausgaben und Löhne.«

 

Ohne ein weiteres Wort zog er dann seinen Mantel wieder an, stieg in das Boot hinunter und ließ sich an Land rudern.

 

Kapitel 8

 

8

 

Helder klingelte, und die junge Dame, die gerade einen Artikel ins Englische übersetzte, unterbrach ein wenig ungehalten ihre Arbeit und ging in sein Büro. Er hatte sie heute schon zweimal gerufen und war jedesmal sehr liebenswürdig zu ihr gewesen.

 

Als sie eintrat, blätterte er in einem Katalog über Druckereimaschinen.

 

»Ach, Miss Maple«, sagte er freundlich. »Ich habe nach Ihnen geklingelt, um Ihnen zu sagen, daß ich mit Ihrer Arbeit wirklich sehr zufrieden bin.«

 

Es waren erst drei Tage vergangen, seit sie ihre neue Stellung angetreten hatte, und sie ärgerte sich fast über dieses Lob.

 

»Nehmen Sie doch bitte Platz.« Er legte den Katalog beiseite. »Ich habe einiges mit Ihnen zu besprechen.«

 

»Danke, ich bleibe lieber stehen«, entgegnete sie.

 

»Wie Sie wünschen. Es stört Sie doch hoffentlich nicht, daß ich sitzen bleibe? Also – erstens möchte ich Ihnen sagen, daß ich Ihnen statt der vereinbarten drei Pfund vier Pfund wöchentlich zahlen werde.«

 

»Ich denke, Sie zahlen mir genug für meine Arbeit. Es ist doch wirklich nicht viel zu tun.«

 

»Mit der Zeit wird es mehr Arbeit geben. Wir befinden uns augenblicklich in der stillen Saison. Nebenbei – sind Sie nicht die Nichte einer sehr bekannten Persönlichkeit?«

 

Sie wurde rot.

 

»Ich meine das nicht ironisch«, fügte er hastig hinzu. »Thomas Maple hat tatsächlich einen außerordentlichen Ruf. Soviel ich weiß, hat er die neuen österreichischen Banknoten graviert?«

 

»Ich kümmere mich wenig um die Geschäfte meines Onkels«, erwiderte sie. »Es ist mir nur bekannt, daß er früher Platten für Banknoten graviert hat.«

 

»Früher?«

 

»Er lebt jetzt ganz zurückgezogen. Aber wenn es Ihnen nichts ausmacht, Mr. Helder, möchte ich lieber nicht über meinen Onkel sprechen.«

 

Er lächelte wohlwollend.

 

»Meine liebe Miss Maple, ich wollte mich nicht in Ihre Privatangelegenheiten einmischen, aber interessante Leute beschäftigen mich nun einmal.«

 

Er schaute sie an. Sie war wirklich außerordentlich hübsch, und er betrachtete es als einen persönlichen Erfolg, daß er sie für sein Büro hatte gewinnen können.

 

»Ich werde Sie Verity nennen«, sagte er plötzlich.

 

Sie wurde rot und sah zur Seite.

 

Er ging auf sie zu und legte ihr seine Hände auf die Schultern, während sie ihn starr vor Schrecken anblickte.

 

»Verity, wir müssen gute Freunde werden. Aber – zuvor möchte ich, daß Sie mich besser kennenlernen.«

 

Bevor sie eine abwehrende Bewegung machen konnte, legte er den Arm um sie. Sie stieß einen Schrei aus.

 

»Seien Sie doch ruhig«, flüsterte er aufgeregt. »Sie machen ja die Leute im ganzen Haus aufmerksam!« Er war wütend über sich selbst. Wie hatte er nur so die Beherrschung verlieren können.

 

Ohne ein weiteres Wort rannte sie zur Tür, doch bevor sie diese öffnen konnte, hatte er sie eingeholt und gepackt.

 

»Lassen Sie sich ja nicht einfallen, irgend jemandem etwas zu erzählen – auch Ihrem Onkel nicht! Verstehen Sie mich?« Er schüttelte sie wild hin und her. »Und morgen früh kommen Sie wie gewöhnlich wieder hierher. Wenn Sie es nicht tun, werde ich Sie finden – und dann gnade Ihnen Gott! Ich brauche nur gewisse Dinge, die ich weiß, den Leuten zu erzählen …«

 

»Lassen Sie mich gehen«, bat sie leise.

 

Er riß sie wieder an sich; es war ihm anzusehen, daß er nicht mehr richtig wußte, was er tat.

 

Sie schrie; so laut sie konnte – in diesem Augenblick öffnete sich mit einem Ruck die Tür, und Comstock Bell kam herein.

 

Helder ließ Verity sofort los. Er war jetzt so blaß wie sie und zitterte an allen Gliedern. Der Blick, mit dem Bell die Szene überflog, sagte ihm, daß er durchschaut war.

 

»Das Mädchen hat sich mir in die Arme geworfen«, begann er keuchend. »Wirklich …«

 

Bell sah von ihm zu Verity hinüber, die totenbleich und mit geschlossenen Augen an der Wand lehnte.

 

»Helder, Sie sind ein dreckiger Lügner. Glauben Sie vielleicht, Sie könnten mich hinters Licht führen? Sie haben sich wie ein Schuft benommen, und das sind Sie ja schließlich auch. Jeder weiß das.«

 

Verity öffnete die Augen und sah ihn an; einen Augenblick lang begegneten sich ihre Blicke, dann schwankte sie und machte einige taumelnde Schritte auf ihn zu. Bell fing sie auf trug sie in das Nebenzimmer und setzte sie in einen Sessel. Sie fühlte sich bald wieder wohler und dankte ihm für seine Hilfe. Er sah sie nachdenklich und interessiert an.

 

»Erholen Sie sich hier ein wenig«, sagte er dann freundlich. Ich werde Helder solange beschäftigen. Wenn Sie sich wieder besser fühlen, verlassen Sie schnell das Haus, nehmen ein Taxi und fahren heim.«

 

Sie nickte, und er ging in Helders Büro hinüber, wo Helder ärgerlich und wütend an seinem Schreibtisch saß. Comstock Bell schloß die Tür hinter sich und schaute ihn verächtlich an.

 

»Sie sind doch wirklich ein elender Schuft«, sagte er. »Eigentlich sollte ich Sie am Kragen packen und Zum Fenster hinauswerfen.«

 

Helder erwiderte nichts. Er schaute Bell nur von unten herauf mit einem haßerfüllten Blick an.

 

Comstock Bell zog sich einen Stuhl in die Nähe des Schreibtisches und setzte sich.

 

»Da ich nun einmal hier bin, möchte ich doch noch die Sache besprechen, wegen der ich herkam.«

 

Helder nahm sich zusammen. Obwohl er wußte, daß Bell der letzte war, der solche Geschichten weitererzählte, kam ihm doch zum Bewußtsein, daß ihn dieser Mann jetzt völlig in der Hand hatte. Es würde einen Skandal ohnegleichen geben.

 

»Über das, was ich gerade gesehen habe, will ich mit Ihnen nicht mehr reden«, begann Bell. »Wenigstens vorerst nicht… Jetzt erzählen Sie mir vor allem, was Sie über Willetts wissen …«

 

»Interessiert Sie das wirklich so sehr?« entgegnete Helder mißmutig.

 

»Ich möchte alles wissen, was mit Willetts zusammenhängt«, entgegnete Comstock Bell ruhig.

 

Helder stand auf und ging in seinem Büro auf und ab. Er mußte versuchen, unter allen Umständen Herr der Situation zu bleiben. Plötzlich drehte er sich um.

 

»Willetts war der Mann, der unter Umständen, die Ihnen bekannt sind, eine Fünfzigpfundnote fälschte. Das ist allerdings schon lange Zeit her, aber die Polizei hat jetzt einen Haftbefehl gegen ihn erlassen.«

 

»Das ist mir bekannt.«

 

Bell verriet keinerlei Erregung.

 

»Außerdem habe ich Grund zu der Annahme, daß Sie von den Fälschungen wußten oder sogar daran beteiligt waren.«

 

»So, nehmen Sie das an?« fragte Bell.

 

»Sie haben Willetts finanziert – und jetzt beabsichtigen Sie aus irgendeinem Grund, ihn anzuzeigen.«

 

»Wer erzählte Ihnen denn das?«

 

»Ich habe es zufällig herausgebracht und erhielt vorige Nacht den Beweis dafür.«

 

»Was ist das für ein Beweis?«

 

»Sie waren doch gestern im Terriers-Klub, nicht wahr?«

 

»Stimmt, ich hielt mich einige Zeit dort auf.«

 

»Sie schrieben einen Brief, trotz Ihrer angeblich verletzten Hand.«

 

Er zog ein Fach seines Schreibtisches auf und holte ein Löschblatt heraus.

 

»Damit haben Sie den Brief abgelöscht«, sagte er triumphierend. »Soll ich Ihnen sagen, was darin steht?«

 

»Machen Sie sich keine Mühe«, erwiderte Bell kühl.

 

»Sie schrieben folgendes an Morrison von Scotland Yard: Der Mann, den Sie in Verbindung mit der Fälschung einer Fünfzigpfundnote bringen können, ist Harold Willetts. Er arbeitet augenblicklich als Börsenmakler in der Little Painter Street. In acht Tagen wird er vermutlich in die Stadt zurückkommen, und Sie werden in seinem Büro und bei ihm selbst genug Belastungsmaterial finden, um ihn des Verbrechens überführen zu können.«

 

Helder faltete das Löschblatt zusammen, das er gegen das Licht gehalten hatte, und legte es in die Schublade zurück.

 

»Haben Sie das geschrieben?«

 

»Vielleicht.«

 

»Es war wirklich ein Glückszufall, daß ich in den Besitz dieses ›Duplikats‹ kam. Und Sie«, fuhr er fort, »wagen es, mir Vorschriften darüber zu machen, was ich tun und lassen soll. Ein Mensch, der einen anderen verrät, um sich selbst zu retten! Mr. Bell« – er lehnte sich über den Schreibtisch, und seine Stimme zitterte vor Wut – »ich könnte Sie ruinieren, wenn ich wollte!«

 

Comstock Bell schwieg einen Augenblick.

 

»Das wiederholen Sie besser nicht noch einmal«, sagte er dann langsam und betonte jedes Wort.

 

Helder ließ sich in seinen Stuhl zurückfallen und starrte ihn an. Bell nahm seinen Hut und ging zur Tür.

 

»Das Fälschen von Geldscheinen scheint in unseren Kreisen allgemein beliebt zu sein«, sagte er und sah Helder verächtlich an. »Die einen machen sich ein Vergnügen daraus – andere betreiben es kaltblütig aus Profitgier.«

 

Er wählte alle seine Worte mit großer Überlegung.

 

»Ich habe erfahren, daß Sie eine kleine Druckerei in Shropshire besitzen. Wenn ich Ihnen einen Rat geben darf, so schließen Sie dieses Geschäft und bringen Ihre Zeichner und Graveure in eine weniger gefährliche Umgebung.«

 

Kapitel 9

 

9

 

›John B. Wanager, ein Sprecher des Finanzministeriums, teilt mit, daß falsche Banknoten im Wert von zwanzig Millionen Dollar im Umlauf sind. Diese Nachricht hat größte Bestürzung in Bankkreisen hervorgerufen. Wallstreet zeigte sich sehr beunruhigt. Die Geldscheine sind so vorzüglich gefälscht und gedruckt, daß man nur mit Spezialgeräten in der Lage ist, die Fälschung zu entdecken. Sie müssen irgendwo in riesigen Mengen gedruckt werden, und verschiedenerlei Umstände deuten darauf hin, daß dies in Europa geschieht. Auf irgendeine Weise werden die Scheine unter Umgehung der Zollkontrolle ins Land gebracht und mit Hilfe eines glänzend organisierten Verteilersystems auf den Markt geworfen.‹

 

Wentworth Gold las diesen Absatz in einer New Yorker Zeitung, aber er regte sich nicht so sehr darüber auf, wie er es noch am Tage vorher getan hätte. Ursache seiner Zuversicht war ein Telegramm, das er in aller Frühe von Maple bekommen hatte. Er war im Begriff gewesen, der Aufforderung nachzukommen, die in dem Telegramm enthalten war, als ihm vom amerikanischen Konsulat ein Brief mit dem Zeitungsausschnitt zugeschickt wurde. Die Sache war nun also allgemein bekannt. Lieber wäre es ihm gewesen, wenn er die Angelegenheit hätte aufklären können, ohne daß viel davon in die breite Öffentlichkeit gedrungen wäre.

 

Er fuhr zu dem Haus in Peckham und war überrascht, als ihm die Tür von Verity Maple geöffnet wurde. Sie sah kränklich aus, doch bevor er sie danach fragen konnte, stürzte Maple auf ihn zu.

 

»Kommen Sie herein, Mr. Gold. Ich hab’s herausgebracht!«

 

Erregt packte ihn Maple am Arm und zog ihn in die Küche. Wie gewöhnlich war der Küchentisch bedeckt mit allen möglichen Apparaturen. Maple griff zielsicher in das Durcheinander und nahm ein kleines Schälchen in die Hand, das mit einer farblosen Flüssigkeit gefüllt war. Vorsichtig stellte er es neben ein Häufchen neuer Banknoten.

 

»Geben Sie genau Obacht!« flüsterte er heiser.

 

Er tauchte den Finger in die Flüssigkeit und befeuchtete eine Banknote nach der andern jeweils an der linken Ecke. Die erste Note zeigte außer einem kleinen nassen Fleck kein Ergebnis; bei der zweiten war es nicht anders.

 

»Echte Scheine – echte Scheine«, stieß Maple hervor. Ein triumphierendes Lächeln lag über seinem Gesicht.

 

Bei dem dritten Geldschein, den Maple mit der Flüssigkeit in Berührung brachte, zeigte sich eine Reaktion, mit der Maple gerechnet haben mußte: Die Stelle, auf die er seinen Finger gedrückt hatte, verfärbte sich lila.

 

»Das ist die Einwirkung der Flüssigkeit auf das Wasserzeichen«, sagte Maple und probierte es noch mit einem andern Schein. Wieder zeigte sich die gleiche Verfärbung.

 

Als er alle Banknoten untersucht hatte, breitete er sie auf dem Tisch aus. Ein Teil hatte sich verfärbt, ein Teil nicht.

 

»Verstehen Sie?« sagte er dann stolz. »Das ist meine Entdeckung, Mr. Gold – die Flüssigkeit hier hat die Eigenschaft, das Wasserzeichen der gefälschten Banknoten zu verfärben.« Er kicherte leise. »In jeder Bank, in jedem Geschäft Amerikas wird eine Zeitlang so ein Schälchen stehen müssen, mit dessen Hilfe man jede Fälschung sofort kenntlich machen kann.«

 

Gold erkannte sofort die Bedeutung von Maples Entdeckung. Die Methode war ein wenig umständlich, aber sie war wirksam. Mit ihrer Hilfe konnte man in Kürze jede falsche Banknote identifizieren.

 

»Geben Sie mir das Rezept Ihrer Wundertinktur, es muß sofort an die zuständigen Stellen weitergeleitet werden«, sagte Gold eifrig.

 

»Nicht so hastig, lassen Sie mir Zeit bis heute abend. Dies hier ist das erste Ergebnis meiner Versuche, ich muß die Rezeptur jetzt noch genau ausarbeiten.«

 

Gold sah auf seine Uhr; er hätte gern gewartet, bis es soweit war. Jetzt sah er das Ende der Falschmünzerbande vor sich, die ihm so viel Sorge gemacht hatte, und ärgerte sich über jeden Zeitverlust.

 

»Ich fahre gleich aufs Konsulat. Wann soll ich zurückkommen?«

 

»Gegen neun Uhr«, sagte Maple.

 

Verity war bei dieser Unterredung nicht anwesend. Er sah sie im Vorübergehen in dem kleinen Wohnzimmer. Sie saß am Fenster und blickte nachdenklich auf die Straße hinaus.

 

»Ich möchte mich noch ein wenig mit Ihrer Nichte unterhalten«, sagte er zu Maple und ging in das Wohnzimmer.

 

Sie sah auf, als er eintrat.

 

»Wie ich höre, haben Sie Ihre Stelle bei Helder wieder aufgegeben?«

 

Sie nickte. »Ja, ich bin weggegangen.«

 

Er wartete, ob sie ihm mehr erzählen würde.

 

»War er mit Ihnen nicht zufrieden?«

 

Sie wurde rot.

 

»Bitte sprechen wir nicht mehr darüber«, bat sie.

 

»Hm!« meinte Gold. »Es tut mir leid, daß ich Ihnen geraten habe, zu ihm zu gehen.«

 

Er verließ das Haus und ging zur Peckham Rye Station.

 

Seine Laune hatte sich sichtlich gebessert, und er schritt aus wie jemand, der keine Sorgen kennt. Er merkte nicht, daß ihm zwei Männer gefolgt waren, die ihn beobachteten, bis er den Bahnhof betrat und auf dem Bahnsteig verschwand.

 

Der eine hatte dunkle, kurzgeschnittene Haare und eine Narbe am Kinn. Der andere hätte seinem Aussehen nach ohne weiteres für einen Engländer gelten können, doch als er einen Passanten nach der nächsten Telefonzelle, fragte, sprach er mit stark ausländischem Akzent.

 

Die beiden Männer gingen die High Street hinunter, fanden eine Telefonzelle, und während der eine telefonierte, betrachtete der andere aufmerksam die Auslage eines Geschäfts.

 

Um sechs Uhr abends erhielt Verity Maple ein Telegramm mit der Aufforderung, nach London zu kommen. Sie ging weg und ließ ihren 0»kel allein bei seiner Arbeit zurück. Einige Stunden später benutzte sie auf dem Rückweg denselben Zug wie Wentworth Gold.

 

Er traf sie auf dem Bahnsteig der Victoria Station.

 

»Schön, daß ich Sie getroffen habe«, sagte er. »Ich verspreche Ihnen auch, nicht mehr über Ihren Chef zu reden. Ich weiß einiges über ihn und kann mir vorstellen, daß er Sie belästigt hat.«

 

»Es scheint mein Schicksal zu sein, daß ich von allen möglichen Leuten belästigt werde«, entgegnete sie mit einem schwachen Lächeln.

 

»Warum, was ist denn passiert?« fragte er, als sie zusammen in einem Abteil saßen.

 

Sie nahm das Telegramm aus ihrer Handtasche und gab es ihm. »Ich muß Sie sofort sprechen«, stand dort. Den unterzeichneten Namen kannte Gold nicht.

 

»Wer hat es geschickt?«

 

»Einer der Nachlaßverwalter Lord Dellboroughs. Ich dachte natürlich, daß man von mir als seiner früheren Sekretärin eine Auskunft haben wollte – aber ich fuhr ganz vergeblich hin.«

 

»Warum denn?«

 

Sie faltete das Telegramm wieder zusammen und steckte es in ihre Tasche zurück.

 

»Man hatte gar nicht nach mir verlangt. Das Telegramm war nur ein Vorwand.«

 

»Ein Vorwand?« fragte Gold verwundert. Da stimmte doch etwas nicht … Aus irgendeinem Grund hatte sie jemand von zu Hause fortgelockt.

 

Sobald der Zug in den Bahnhof eingefahren war, sprang er heraus und lief mit Verity zum nächsten Taxistand.

 

»Cristal Palace Road – und fahren Sie so schnell wie möglich.«

 

Verity sah ihn verwundert an.

 

»Warum haben Sie es denn so eilig?«

 

»Oh, nichts …«

 

Der Wagen bremste vor dem Haus, und Gold stieg aus. Er nahm sich kaum die Zeit, Verity herauszuhelfen. Dem Chauffeur warf er ein Geldstück zu und lief sofort zur Haustür.

 

»Warten Sie hier«, rief er Verity über die Schulter zu. »Geben Sie mir den Schlüssel.«

 

Sie gab ihm den Schlüssel und blieb stehen. Er öffnete und machte einen Schritt in den dunklen Hausgang – sie sah gerade noch, daß er eine Pistole aus der Hüfttasche zog, dann war er verschwunden.

 

Vorsichtig tastete sich Gold den finsteren Gang entlang, bis er an die Küchentür stieß. Er drückte auf die Klinke und versuchte vorsichtig, die Tür zu öffnen – irgend etwas setzte ihm Widerstand entgegen. Mit aller Kraft stemmte er sich gegen die Tür, bis sie langsam nachgab.

 

Er fand den Lichtschalter und übersah gleich darauf die Situation. Maple lag betrunken auf dem Boden, eine leere Whiskyflasche erklärte seinen Zustand hinreichend.

 

Gold lief zum Tisch.

 

Das Schälchen war verschwunden, ebenso die Banknoten, mit denen Maple experimentiert hatte.

 

Gold fluchte zusammenhanglos – genau das war es, was er befürchtet hatte.

 

Er versuchte Maple aufzuheben, aber das war zwecklos. Der Mann hing so schlaff in seinen Armen wie ein Mehlsack. Ärgerlich ging er zu dem Mädchen zurück, das ihn ängstlich ansah.

 

»Ihrem Onkel geht es nicht gut«, erklärte er. »Haben Sie Freunde, zu denen ich Sie bringen kann?«

 

Es war nicht notwendig, ihr zu erklären, was mit ihrem Onkel los war. Sie hatte ähnliche Situationen schon oft genug erlebt.

 

»Ich – ich habe ein paar Bekannte in der Stadt …«, flüsterte sie.

 

Er nickte, schloß die Tür und begleitete sie zum Bahnhof. Erst als er sie sicher in einem Abteil untergebracht hatte, kehrte er zu dem Haus zurück.

 

Als sein Taxi in die Christal Palace Road einbog, fuhr ein anderes Auto in entgegengesetzter Richtung schnell an ihm vorbei.

 

Er erreichte das Haus, schloß wieder auf und ging hinein. Im Gang stieß er mit dem Fuß an einen Gegenstand und hob ihn auf. Es war ein feiner Stahlstichel, wie ihn Graveure verwenden.

 

Er steckte ihn in die Tasche und ging in die Küche.

 

Aber der Raum war leer – Tom Maple war verschwunden.

 

Kapitel 10

 

10

 

Es war neun Uhr abends, die Dämmerung legte sich langsam über das Häusergewirr Londons, als ein schlanker Mann eilig durch die Little Painter Street schritt. An einem alten Haus machte er halt, öffnete die Tür, trat in das Treppenhaus und blieb eine Weile lauschend stehen. Kein Laut war zu hören. Der Mann wußte, daß der Hausmeister um diese Zeit nicht da war.

 

Er zögerte noch ein wenig, dann lief er schnell die Treppe hinauf, bis er zu der Tür kam, die die Aufschrift »Willetts« trug. Er öffnete sie und trat ein.

 

Hastig schloß er den Schreibtisch auf, nahm ein Blatt Papier aus einer Schublade und begann zu schreiben, nachdem er zuvor das Licht angeknipst hatte.

 

Er schrieb fast eine Stunde lang und hielt nur einmal inne, um sich eine Zigarette anzustecken. Sorgfältig war er darauf bedacht, die Asche in dem Papierkorb abzuklopfen; als er die Zigarette zu Ende geraucht hatte, warf er den Stummel durch das offene Fenster in den Hof.

 

Er beschrieb verschiedene Blätter. Als er fertig war, las er sie noch einmal genau durch und verbesserte an einigen Stellen etwas. Dann zog er seine Brieftasche heraus, entnahm ihr drei amerikanische Banknoten im Werte von je tausend Dollar, schob sie in einen länglichen Umschlag und schrieb eine Adresse darauf.

 

Er steckte das Kuvert in die Brusttasche seines Jacketts, drehte das Licht aus und saß lange mit gesenktem Kopf vor seinem Schreibtisch. Erst als er hörte, wie eine Uhr in der Stadt elf schlug, erhob er sich mit einem leisen Seufzer, trat ans Fenster, schaute hinaus und schloß es dann vorsichtig.

 

Nach einem letzten Blick durch den dunklen Raum ging er Zur Tür, öffnete sie und lauschte. Das Haus war totenstill.

 

Schnell huschte er die Treppe hinunter, öffnete lautlos die Haustür und trat auf die Straße. Erst am nächsten Briefkasten hielt er an, um seinen Brief einzuwerfen. Er war an Comstock Bell, Terriers-Klub adressiert. Über seine Züge glitt der Schimmer eines Lächelns, als er ihn einwarf.

 

Am nächsten Tag kam Comstock Bell zum Lunch in den Terriers-Klub. Der Portier übergab ihm einen Brief, dessen Adresse in einer sehr merkwürdigen Handschrift geschrieben war. Ein Sachverständiger hätte sofort erkannt, daß hier jemand seine Schrift verstellt hatte.

 

Helder, der Bell am Eingang getroffen hatte, beobachtete scharf, wie der junge Mann das Kuvert von allen Seiten betrachtete, in der Hand wog und die Briefmarke untersuchte. Schließlich riß er es auf und zog fünf engbeschriebene Blätter heraus – und drei Banknoten.

 

»Ein unbekannter Wohltäter?« fragte Helder verbindlich.

 

Bell warf einen schnellen Blick auf den Brief, runzelte die Stirn und legte das Geld wieder in den Umschlag zurück.

 

»Nein«, entgegnete er kurz.

 

Nach dem Lunch ging Bell in das Schreibzimmer. Helder folgte ihm scheinbar gleichgültig, setzte sich an einen der Schreibtische und begann in seinem Notizbuch zu blättern. Niemand außer ihnen war im Raum.

 

Helder war von Natur aus neugierig; außerdem gehörte es zu seinen Plänen, so viel wie möglich über Comstock Bell in Erfahrung zu bringen. Als Bell schließlich das Zimmer verließ, ging Helder wie zufällig an dem Tisch vorbei, an dem Bell gesessen hatte. Man konnte nie wissen – vielleicht fand er etwas, das für ihn von Interesse war.

 

Seine Hoffnungen hatten nicht getrogen – auf der Schreibtischunterlage lag der Brief, den Bell vorher erhalten hatte.

 

Helder ging schnell zum Fenster, von dem aus man auf die Straße sehen konnte. Wenn Bell den Brief tatsächlich vergessen hatte und fortgegangen war, mußte er in einigen Sekunden unten vorbeigehen. Er wartete ungeduldig, dann grinste er zufrieden – Comstock Bell überquerte unten die Straße.

 

Jetzt zögerte Helder nicht länger – er trat an den Tisch, nahm den Umschlag und zog einige engbeschriebene Seiten heraus. Dann stellte er sich wieder ans Fenster, um zu sehen, ob Bell eventuell zurückkehren würde.

 

Immer wieder auf die Straße spähend, überflog er die Zeilen. Es war dieselbe unregelmäßige Handschrift, die er auf dem Kuvert gesehen hatte. Ein sonderbarer Brief – er drückte Reue und Bedauern aus. Man konnte daraus entnehmen, daß der Schreiber Bell etwas schuldete und ihm das geliehene Geld zurückgeben wollte. Helder suchte nach der Unterschrift – es verhielt sich so, wie er angenommen hatte –, der Brief stammte von Willetts. Das ganze Schreiben machte einen zusammenhanglosen Eindruck, Immer wieder wurde Bell gebeten, Willens nicht zu verraten. Einige nichtssagende Bemerkungen über das Schicksal und die Vorsehung veranlaßten Helder, verächtlich die Brauen hochzuziehen.

 

Rasch faltete er dann den Brief zusammen und schob ihn mit den Banknoten wieder in den Umschlag zurück. Er legte ihn genau auf die Stelle der Schreibtischunterlage, wo er ihn weggenommen hatte. Als er noch einmal einen Blick durch das Fenster warf, sah er, daß Bell eben mit schnellen Schritten zurückkam – anscheinend hatte er den Brief jetzt doch vermißt. Helder verließ eilig, den Raum und war schnell genug in der Empfangshalle, um Bell an sich vorbeigehen zu sehen.

 

Helder wartete.

 

Bell kam zurück, in seiner Hand hielt er den Brief. Er sah weder nach rechts noch nach links und war gleich darauf im Straßengewühl verschwunden.

 

Die Entdeckung, die Helder gemacht hatte, verstärkte seinen Verdacht noch. Willetts, der Banknotenfälscher, nach dem die Polizei suchte, war also tatsächlich in London!

 

Nachdenklich machte sich Helder auf den Heimweg. In seiner Wohnung setzte er sich an den Schreibtisch und holte aus einer gutverschlossenen Schublade ein kleines Notizbuch heraus. Zwei Stunden lang war er eifrig damit beschäftigt, eine Nachricht in eine Geheimschrift zu verschlüsseln; am Nachmittag sandte er sie dann mit Eilboten an drei verschiedene Adressen.

 

Als Helder dies erledigt hatte, setzte er sich in einen Sessel und döste ein wenig, bis es fünf Uhr schlug. Er klingelte und bestellte Tee; in wenigen Minuten würde er Besuch bekommen.

 

Der Besucher, der gleich darauf hereingeführt wurde, war ein kräftiger, etwas unbeholfener Mann, der sich in der vornehmen Umgebung anscheinend nicht sehr wohl fühlte.

 

»Setzen Sie sich, Tiger«, sagte Helder freundlich und wies mit der Hand auf einen Stuhl.

 

Der Fremde setzte sich behutsam auf die äußerste Stuhlkante und legte seinen Hut neben sich auf den Boden.

 

»Mr. Helder – wir müssen einen neuen Weg suchen.«

 

Helder nickte.

 

»Ich weiß, unsere Leute beklagen sich darüber, daß es sehr schwierig wird, amerikanische Banknoten abzusetzen. Wir müssen etwas unternehmen.«

 

Tiger Brown nickte heftig.

 

»So ist es«, sagte er mit einem Seufzer der Erleichterung. »Ich befürchtete schon, Sie hätten eine andere Meinung. In den Vereinigten Staaten war die Sache so fein in Schuß – aber jetzt sind unsere Leute ängstlich geworden. Es geht das Gerücht, daß die Polente eine neue Prüfungsmethode gefunden hat. Unser Agent in Philadelphia, dem wir für gewöhnlich fünfhundert Scheine im Monat sandten, nimmt nur noch hundert. Ich glaube, wir sollten das amerikanische Geschäft langsam auslaufen lassen und uns mehr auf das französische konzentrieren.«

 

Helder ging im Zimmer auf und ab. Er war zur Tür gegangen und hatte sie verschlossen, nachdem Brown gekommen war. Geistesabwesend probierte er jetzt die Klinke noch einmal.

 

Tiger Brown beobachtete ihn aus zusammengekniffenen Augen.

 

»Sie sind selbst schon ein wenig unruhig, nicht wahr?« fragte er lauernd.

 

»Nein, nein«, entgegnete Helder rasch. »Ich bin nicht nervös, nur vorsichtig – das ist alles. Wie funktioniert es eigentlich mit den französischen Noten, die wir wegschickten?«

 

»Ich weiß nicht, ich habe nicht viel Vertrauen dazu. Es fehlt ihnen einfach die Qualität der amerikanischen Scheine. – Wie steht es denn mit diesem Maple?« fragte er dann.

 

Helder verzog ärgerlich den Mund.

 

»Ich glaube nicht, daß wir den kriegen – er arbeitet für Gold.«

 

»Hm, da haben Sie also kein Glück gehabt? Kann man da nicht ein wenig nachhelfen?«

 

Helder schüttelte den Kopf.

 

»In diesem Land ist das nicht so einfach«, entgegnete er grimmig. »Immerhin sollte man sich doch überlegen …«

 

Wieder ging er unruhig im Zimmer auf und ab.

 

»Maple«, murmelte er vor sich hin, »ich bin gespannt, ob –« unvermittelt brach er wieder ab.

 

»Überlegen Sie sich doch mal«, drängte Brown. »Es muß doch ein Mittel geben, ihn unter Druck zu setzen. Hat er nicht eine Tochter?«

 

»Eine Nichte«, verbesserte Helder. »Aber die lassen wir lieber aus dem Spiel.«

 

»Ganz egal, ob Tochter oder Nichte«, erwiderte Tiger ungeduldig. »Wir müssen etwas unternehmen, ganz gleich was!«

 

Helder entgegnete nichts.

 

»Was ist mit Gold?« fragte Tiger.

 

»Er ist eine große Gefahr«, antwortete Helder ernst, »weil ich nicht genau weiß, wie weit seine Macht reicht und was er vorhat. Schließlich ist er der Mann, der durch das Konsulat Washington über die Vorgänge in London informiert.«

 

Nachdenklich sah er Brown an.

 

»Tatsächlich, wir müßten Maple auf unsere Seite bringen«, sagte er dann. »Er ist der beste Fachmann in ganz Europa! Man könnte es jedenfalls noch einmal versuchen. Als ich das letztemal mit ihm sprach, schien er sich allerdings nicht bluffen lassen zu wollen.«

 

»Na, vielleicht ist es jetzt möglich«, meinte Brown lächelnd. »Ich erinnere mich an Leute – es war, als ich für Harragon arbeitete –, die sich weder beim ersten noch beim zweiten Versuch kaufen ließen. Aber wenn man sie richtig angefaßt hatte, fraßen sie einem beim drittenmal aus der Hand.«

 

Sie machten einen Treffpunkt für eine neue Besprechung miteinander aus und verließen dann Curzon Street. Zuerst ging Brown, fünf Minuten später folgte ihm Helder.

 

Am Picadilly Circus trafen sie sich wieder. Helder wollte zum Ostend, und Brown begleitete ihn. In der Station der Untergrundbahn lösten sie Fahrkarten und stiegen dann in den Lift, der zu den Bahnsteigen führte. Es befanden sich ungefähr ein Dutzend Menschen in dem Aufzug. Der Fahrstuhlführer schloß die Tür, als plötzlich eine Dame aufschrie.

 

»Ich bin bestohlen worden!« rief sie hysterisch und zeigte auf ihre offene Handtasche.

 

Zwei kräftige, gutgekleidete Männer standen neben dem Aufzugführer. Einer von ihnen trat zu der Dame und sprach mit ihr, dann wandte er sich an die anderen Fahrgäste.

 

»Diese Dame ist bestohlen worden«, sagte er im Amtston. »Ich bin Sergeant Halstead von Scotland Yard. Der Dame fehlen ihr Geldbeutel und ihr Scheckbuch – ich muß die Anwesenden bitten, sich entweder gleich hier durchsuchen zu lassen oder aber mich zur nächsten Polizeiwache zu begleiten.«

 

Helder war zuerst nur ärgerlich, aber bald mischte sich in seinen Ärger Bestürzung. Die anderen unterzogen sich willig einer raschen Durchsuchung, bis nur noch Helder und Brown übrig waren. »Ich weigere mich ganz entschieden, Sie in meinen Taschen herumkramen zu lassen«, erklärte Helder energisch.

 

Der Beamte wandte sich achselzuckend an Tiger.

 

»Rühren Sie mich nicht an!« rief Brown.

 

»Schön, dann bleibt mir nichts anderes übrig, als Sie festzunehmen.«

 

Fünf Minuten später befanden sich die beiden in Begleitung der Kriminalbeamten in einem Taxi, das sie zur nächsten Polizeiwache brachte. Unterwegs fluchte und schimpfte Helder fürchterlich.

 

Die Durchsuchung der anderen Leute in dem Aufzug war nur oberflächlich gewesen, aber diese beiden Männer wurden gründlich vorgenommen. Man prüfte ihre Brieftaschen, und Helder bemerkte mit Schrecken, daß die Fünfzigdollarnoten eingehend betrachtet wurden.

 

»Es tut mir leid, meine Herren«, sagte der Beamte, als er seine Arbeit getan hatte und ihnen ihre Sachen zurückgab.

 

Helder äußerte sich sehr unfreundlich über die Fähigkeiten der Londoner Polizei.

 

»Sie werden noch von mir hören«, sagte er.

 

»Es ist Ihre eigene Schuld«, erwiderte der Beamte unbeirrt. »Jemand wurde bestohlen, und Sie weigerten sich, eine Durchsuchung vornehmen zu lassen. Was hätten wir denn sonst tun sollen?«

 

Helder gab keine Antwort. Er ging mit Brown schnell aus dem Büro und eilte die Treppen hinunter. Plötzlich hielt er aber an, denn unten promenierte, eine Zigarre im Mund, Wenthwort Gold auf und ab.

 

Er grüßte seinen grimmig dreinschauenden Landsmann mit einem unschuldigen Lächeln.

 

»Hallo, Helder«, sagte er gemütlich, »ich bin anscheinend zu spät gekommen. Man telefonierte mir, daß Sie verhaftet seien, und ich kam hierher, um die Sache richtigzustellen.«

 

»So!« knurrte Helder. »Ich habe die Angelegenheit schon ohne Ihre Hilfe richtiggestellt. Es wird Sie vielleicht interessieren, daß man bei mir nichts fand.«

 

Gold zog die Augenbrauen in die Höhe.

 

»Was sollte man denn finden?« fragte er kühl.

 

Helder sagte nichts. Er drehte sich um und ging rasch mit seinem Begleiter fort.

 

Jetzt erst durchschaute er den ganzen Plan: ein vorgetäuschter Diebstahl und ein Kriminalbeamter, der wie zufällig anwesend war, um ihn zu durchsuchen.

 

Es wurde ihm ein wenig ungemütlich bei dem Gedanken, daß noch gestern einige Banknoten in seinem Besitz gefunden worden wären …

 

Er hatte einen Bekannten auf der Redaktion des ›Post Journal‹, den er bitten wollte, die Geschichte von der Verhaftung und der ungerechtfertigten Durchsuchung zu veröffentlichen.

 

Golds Laune war am nächsten Morgen ausgesprochen schlecht, als er den Artikel über die »Belästigung von Amerikanern« und über »ungewöhnliche polizeiliche Maßnahmen« las.

 

Scotland Yard würde das nicht angenehm sein. Die Leute dort waren überempfindlich gegen alles, was ein schlechtes Licht auf ihre Diskretion und Unparteilichkeit warf. Sie hatten erst nach einigem Widerstand eingewilligt, ihm bei seiner Aktion zu helfen, und würden gewiß Schwierigkeiten machen, wenn er das nächstemal ihre Hilfe brauchte.

 

Aber dann zuckte er gleichgültig die Schultern. Er hatte ein gefährliches Spiel gewagt und verloren – doch hoffentlich nicht endgültig.

 

Kapitel 3

 

3

 

Wentworth betrat an diesem Abend um elf Uhr die Victoria-Station und löste eine Fahrkarte nach Peckham Rye.

 

Er steckte sich eine Zigarre an, ging langsam den Bahnsteig entlang und stieg in den wartenden Zug ein. Im Abteil schloß er die Tür, schaute durchs offene Fenster und beobachtete aufmerksam alle Leute, die vorbeikamen.

 

Die Theater- und Kinovorstellungen waren um diese Zeit noch nicht zu Ende, und der Zug fuhr deshalb nur mäßig besetzt aus dem Bahnhof. Gold holte einen Brief hervor, den er erhalten hatte, bevor er an diesem Abend seine Wohnung verließ. Er las ihn mehrere Male sorgfältig durch, bis er den Inhalt auswendig kannte. Dann zerriß er ihn in kleine Fetzen, die er in Abständen zum Fenster hinauswarf.

 

Das Attentat, das heute abend auf ihn verübt worden war, beunruhigte ihn wenig. Aber er wunderte sich darüber, daß der Mann, den er im Park hatte treffen wollen, nicht gekommen war.

 

In Peckham Rye verließ er den Zug und ging zu Fuß zur Christal Palace Road. Vor einer größeren Villa blieb er stehen. Das Haus lag im Dunkeln, aber er wußte, daß man ihn erwartete. Er ging zur Tür, drückte auf die Klingel, und gleich darauf wurde ihm geöffnet.

 

»Sind Sie Mr. Gold?« fragte eine weibliche Stimme.

 

»Diese Frage wurde mir heute abend schon einmal gestellt«, sagte er und lachte.

 

Die junge Dame schloß die Tür hinter ihm und half ihm beim Ausziehen seines Mantels.

 

»Sie kommen spät«, sagte sie, und er hörte die Besorgnis aus ihrer Stimme.

 

»Nun ja, ich wurde aufgehalten«, entgegnete er. »Wo ist Ihr Onkel?«

 

Sie antwortete nur mit einem Seufzer, und er schüttelte den Kopf. Maple war zwar ohne Zweifel ein genialer Mann, aber auch bei ihm bestätigte sich wieder einmal die alte Wahrheit, daß Genialität nicht weit von Verrücktheit entfernt ist.

 

Sie führte ihn durch einen dunklen Gang zu einer kleinen Küche, die an der Rückseite des Hauses lag.

 

Ein großer, nachlässig gekleideter Mann saß vor einem Tisch. Er hatte die Hände in die Hosentaschen vergraben und starrte mit glanzlosen Augen vor sich hin. Die Tischplatte war mit Reagenzgläsern, Mikroskopen und wissenschaftlichen Apparaten bedeckt.

 

Als die Tür geöffnet wurde, fuhr der Mann zusammen und hob abwehrend die Hand. Dann, nachdem er einen Blick auf seinen Besucher geworfen hatte, stand er auf.

 

»Treten Sie doch bitte näher«, sagte er höflich. »Hol einen Stuhl, Verity.«

 

Das Mädchen gehorchte.

 

Gold folgte ihr mit den Augen – sie war wirklich, sehr hübsch. Ihr Haar glänzte wie Gold, und die feinen, geschwungenen Augenbrauen gaben ihrem Gesicht einen ganz besonderen Reiz. Etwas Schwermütiges, eine leichte Melancholie beschattete ihre großen graublauen Augen. Gold wandte sich ab, als er bemerkte, daß sie unter seinen prüfenden Bücken errötete.

 

Maple sah ihn unsicher lächelnd an. Er las eine Frage in seinem hageren, verwüsteten Gesicht, das die Spuren vieler Ausschweifungen trug. Dieses Mädchen, das erst seit kurzem bei Maple wohnte, war die Tochter seines älteren Bruders, die einzige Verwandte, die er auf der Welt besaß. Sie hatte einen guten Einfluß auf ihn, ja, er hatte geradezu eine merkwürdige Zuneigung zu ihr gefaßt. Es war erschütternd, die unausgesprochene Bitte in seinen Augen zu lesen. Gold nickte ihm kaum merklich beruhigend zu.

 

»Maple, ich glaube, daß Sie Ihre Nichte in der bewußten Angelegenheit ins Vertrauen gezogen haben«, begann Gold das Gespräch und rückte einen Stuhl näher an den Tisch.

 

»Ja, ich habe kein Geheimnis vor ihr.«

 

Auf dem Tisch lag eine Brieftasche aus Leder, Maple nahm sie mit seinen zitternden Händen, öffnete sie und holte einen Pack länglicher Banknoten heraus. Es waren amerikanische Fünfdollarscheine, im ganzen zwanzig Stück. Sie alle zeigten grüne, rote und gelbe Flecken, als ob jemand mit ihnen experimentiert hätte.

 

»Ihrer Meinung nach sind das also alles Fälschungen?« fragte Gold.

 

Maple nickte.

 

»Ich habe jede genau untersucht. Sie kennen doch das Geheimzeichen des Schatzamtes der vereinigten Staaten – das Zeichen, das eine Fälschung fast unmöglich macht –, es fehlt bei allen.«

 

Maple sprach jetzt offensichtlich über sein Lieblingsthema. Müdigkeit und Stumpfheit waren vollständig von ihm abgefallen, seine Stimme klang klar und deutlich.

 

»Und wie steht es mit der Druckfarbe?«

 

»Die ist tadellos«, entgegnete Maple bewundernd. »Ich möchte fast annehmen, daß die Farbe verwandt wurde, die in den staatlichen Druckereien gebraucht wird.«

 

»Die Wasserzeichen?«

 

»Ohne jeden Fehler! Vor allem muß ich Ihnen aber etwas berichten, das Sie sicher in Erstaunen setzen wird.«

 

Er zeigte, mit einer gewichtigen Geste auf die Banknoten, die vor ihm lagen.

 

»Der Mann, der diese Scheine gefälscht hat, bediente sich nicht – wie üblich – der Fotografie als Hilfsmittel. Alle diese Scheine wurden mit richtigen Druckplatten hergestellt! Ich weiß es, weil – doch das tut nichts zur Sache. Auf jeden Fall weiß ich es ganz genau. Die Banknoten wurden sogar auf einer Presse gedruckt, die ganz speziell für diese Zwecke hergestellt wird; sogar das Papier, auf das sie gedruckt wurden, ist von derselben Sorte, wie es das Schatzamt verwendet.«

 

Er nahm die Banknoten und steckte sie in die Brieftasche.

 

»Banknotenfälschungen sind schon immer mein Spezialstudium gewesen«, meinte er nach einer Pause mit einem schiefen Lächeln. »Ich habe sowohl in der französischen als auch in der deutschen Staatsdruckerei gearbeitet – und in Frankreich sollte ich eigentlich heute noch eine gute Stellung einnehmen, wenn nicht …« Mit einer abrupten Handbewegung hielt er inne. »Kurz und gut, Mr. Gold, ich kann Ihnen versichern, daß jeder ungestraft diese Noten in Umlauf bringen kann – und nicht nur die kleinen Scheine, sondern auch die Hundertdollarnoten, die ich untersucht habe.«

 

»Es gibt also wirklich keine Möglichkeit, sie zu erkennen?« fragte Gold. Maple schüttelte den Kopf.

 

»Nur das Schatzamt der Vereinigten Staaten könnte sie an Hand des fehlenden Geheimzeichens als Fälschungen identifizieren.«

 

Gold schob seinen Stuhl zurück, stützte das Kinn in die Hand und dachte angestrengt nach. Das junge Mädchen, das sich in der Nähe des Herdes auf einen Hocker gesetzt hatte, schaute von ihm zu ihrem Onkel hinüber. Plötzlich blickte Gold wieder auf.

 

»Es ist nur ein Glück, daß die Banknotenfälscher ihrer Sache nicht so sicher sind wie Sie. Ich hatte mich mit einem von ihnen heute abend im Green Park verabredet, aber er muß Verdacht geschöpft haben. Statt seiner erwartete mich …«

 

»Wer?« fragte Maple, als Gold verstummte.

 

»Spielt keine Rolle«, knurrte Gold und versank wieder in Nachdenken. Er war ernstlich beunruhigt. Bis jetzt hatte er gehofft, daß Maple, ein Spezialist für Banknotenfälschungen, irgendein einfaches Mittel finden würde, durch das man die Überschwemmung mit falschem amerikanischem Papiergeld verhindern könnte. Er war auf Maple angewiesen, und diese Feststellung war ihm nicht angenehm.

 

Tausende von falschen Banknoten waren bereits in Umlauf gesetzt worden, vielleicht sogar Hunderttausende – alles Scheine von geringem Wert, bei denen sich niemand die Mühe machte, sie genau zu prüfen.

 

»Ja, dann kann ich im Augenblick wohl nichts weiter tun«, sagte Gold und stand auf. Er reichte Maple die Hand zum Abschied und nickte dem Mädchen freundlich zu.

 

Als er gerade die Küche verlassen wollte, hielt ihn Maple zurück.

 

»Ich wollte Sie noch etwas fragen, Mr. Gold. Kennen Sie einen Mr. Cornelius Helder?«

 

»Ja«, sagte Gold, dessen Interesse erwachte.

 

»Ich dachte es mir doch. Er ist ein Landsmann von Ihnen, und ich muß ihn schon irgendwann getroffen haben!«

 

»Helder ist ein ziemlich häufiger Name.«

 

»Er hat meine Nichte gebeten, bei ihm als Sekretärin zu arbeiten.«

 

Gold runzelte unwillkürlich die Stirn, was Maple nicht entging. »Ist mit Helder etwas nicht in Ordnung?« fragte er ängstlich. »Er hat ihr ein gutes Gehalt angeboten.«

 

»Woher wußte er denn, daß Ihre Nichte ohne Stellung ist?«

 

Maple schob seinem Besucher nochmals einen Stuhl hin.

 

»Nehmen Sie doch noch einen Augenblick Platz, ich möchte Ihnen gern mehr darüber erzählen. Die Sache ist etwas merkwürdig. Meine Nichte war nämlich Sekretärin beim alten Lord Dellborough, der neulich starb. Sie hatte eigentlich nicht die Absicht, sich nach einer neuen Stellung umzusehen, da ihr Lebensunterhalt bei mir gesichert ist. Nun kam letzte Woche ein Brief von einer Agentur, in dem ihr dieses Angebot gemacht wurde, obgleich sie sich gar nicht beworben hatte.«

 

»Das ist allerdings ein seltsames Zusammentreffen«, sagte Gold trocken. Er glaubte unter keinen Umständen an einen Zufall und konnte sich ziemlich genau vorstellen, wie die Sache zustande gekommen war.

 

Er schaute Verity wieder an. Höchstwahrscheinlich wußten gewisse Kreise, wer die frühere Sekretärin von Lord Dellborough war, und man konnte ohne weiteres einer Agentur den Auftrag geben, ihr eine Stellung anzubieten. Es kam noch dazu, daß sie außergewöhnlich hübsch war, und Helder interessierte sich stets für gutaussehende junge Damen.

 

»Ich möchte Ihnen raten, die Stelle anzunehmen«, sagte er plötzlich, nahm sein Notizbuch aus der Tasche und schrieb etwas auf einen Zettel.

 

»Hier haben Sie meine Telefonnummer. Sie werden immer jemand erreichen, wenn Sie anrufen. Ich möchte Ihnen aber noch den Rat geben, Helder nicht zu sagen; daß Sie mich kennen – auch wäre es gut, wenn Sie mir mitteilten, ob Sie die Stelle angenommen haben.«

 

Mit diesen geheimnisvollen Worten verabschiedete er sich.

 

Kapitel 21

 

21

 

Auf einer verlassenen Strecke der Cambridge Road mußte Helder die Geschwindigkeit seines Wagens abbremsen. Vor sich auf der Straße sah er ein Auto, das offensichtlich Panne gehabt hatte. Mit dem Vorderteil stand es quer zur Fahrbahn, so daß Helder gezwungen war, einen Bogen um das Hindernis zu machen und ganz langsam zu fahren. Seine Scheinwerfer leuchteten dabei in das Innere des Wagens – einer Frau direkt ins Gesicht; die allein auf dem Rücksitz saß; offensichtlich war der Chauffeur fortgegangen, um Hilfe zu holen.

 

Die Frau war Mrs. Bell.

 

Helder bremste scharf, sprang aus dem Wagen und riß die Tür des andern Autos auf. Soviel Glück hatte er nicht erwartet.

 

»Sie werden mich begleiten müssen, Mrs. Bell«, sagte er hastig.

 

Sie gab ihm keine Antwort, sondern schaute schnell die Straße entlang, ob niemand in der Nähe sei, den sie um Hilfe bitten konnte. Weit und breit war kein Mensch zu entdecken. Ihr war klar, daß sie sich in großer Gefahr befand.

 

Helder hielt bereits die Tür seines Wagens auf und befahl ihr mit einer drohenden Geste, einzusteigen.

 

»Ich fahre auf keinen Fall mit Ihnen«, erklärte sie entschlossen.

 

»Steigen Sie sofort ein!« schrie Helder wütend.

 

Sie schrak zurück, aber er packte sie roh am Arm und zerrte sie in den Wagen.

 

»Nehmen Sie Mrs. Bell in die Mitte«, befahl er seinen Begleitern, »und wenn sie schreit, dann bringen Sie sie zum Schweigen!«

 

Der Wagen fuhr an den ihm entgegenkommenden Fahrzeugen in einem Höllentempo vorbei. Spät am Abend erreichten sie London. Helder vermied die verkehrsreichen Gegenden und suchte seinen Weg hauptsächlich durch die stillen Vororte. Er fuhr immer weiter nach Osten, bis die Stadt wieder hinter ihnen lag und sie durch das Flachland von Essex kamen.

 

Helder hatte sich schon seit langer Zeit auf eine Flucht vorbereitet. Er kaufte und mietete an allen möglichen Orten kleine Landhäuser, denn er kannte den Wert eines sicheren Schlupfwinkels.

 

Zehn Meilen von Barking entfernt zieht sich ein öder, flacher Landstrich bis an die Flußufer hin. Einige düster aussehende Fabriken, ein Flugplatz und große Kohlenlager befanden sich an der Flußseite.

 

Helder lenkte seinen Wagen dorthin. Er schien den Weg genau zu kennen.

 

»Hier steigen wir aus«, sagte er plötzlich.

 

Es war kein Haus in der Nähe zu entdecken. Sie schienen die einzigen lebenden Wesen in dieser feuchten, unwirtlichen Gegend zu sein. Verity konnte nur noch die aufgeschichteten Kohlenhaufen sehen. Einen Augenblick fürchtete sie für ihr Leben.

 

Helder packte sie am Arm und zog sie hinter sich her.

 

»Es geschieht Ihnen nichts, wenn Sie vernünftig sind«, flüsterte er.

 

Sie ließen das Kohlenlager links liegen und gingen ungefähr eine Viertelstunde lang über unebenes Gelände; Verity stolperte mehrmals.

 

In der Dunkelheit erkannte sie schließlich die Umrisse eines niedrigen Gebäudes, das dicht am Wasser stand.

 

Einen Augenblick machte sich Helder an dem Vorhängeschloß zu schaffen, dann öffnete er die Tür des Schuppens und schob sie vor sich her in das Innere. Ein schwacher Geruch von Öl und Petroleum schlug ihr entgegen.

 

Helder knipste eine Taschenlampe an, und sie sah nun, daß sie sich in einem geräumigen Bootshaus befand. In der Mitte stand ein großes Motorboot auf einer Gleitbahn, die direkt ins Wasser führte. Die Ausfahrt war durch ein Tor versperrt.

 

Helder sah sie triumphierend an.

 

»Das ist mein Rettungsboot«, sagte er. Er schien auf einmal wieder guter Stimmung zu sein. »Es wartet darauf, mich vor dem allgemeinen Schiffbruch zu retten. Ich glaube, es ist jetzt höchste Zeit, daß wir dieses Land verlassen.«

 

Seine beiden Begleiter betrachteten das große, starke Fahrzeug mit lebhaftem Interesse.

 

Besonders Tiger Brown zeigte sich beeindruckt von der klugen Voraussicht seines Chefs.

 

»Es ist ein gutes Boot. Ich habe es mit ausreichenden Vorräten auch für eine längere Fahrt versorgt«, bemerkte Helder. Er öffnete das Tor, das zum Fluß führte, und sie konnten die dunkle Wasserfläche sehen.

 

»Einsteigen«, sagte er dann und zeigte auf eine Leiter, an einer Wand des Bootshauses hing.

 

Brown holte sie, lehnte sie gegen das Heck des Motorboots und stieg hinauf. Helder wandte sich an Verity und zeigte nach oben.

 

»Ich denke nicht daran, mit Ihnen zu gehen!« rief sie ängstlich. »Machen Sie, was Sie wollen – ich bleibe hier.«

 

»Sie werden es sich noch überlegen, Mrs. Bell. Glauben Sie, daß ich Lust habe, Ihrem Mann im Chelmsford-Gefängnis zu begegnen?«

 

Sie wurde blaß und taumelte einige Schritte zurück.

 

Helder lachte triumphierend.

 

»Das haben Sie nicht gedacht, daß ich Ihr Geheimnis kenne, wie? Und verlassen Sie sich darauf, ich werde nicht davor zurückschrecken, den Gebrauch davon zu machen, den ich für richtig halte. Was meinen Sie, wie sich das ›Post Journal‹ über einen kleinen Artikel von mir freuen würde! Also – ersparen Sie sich und Ihrem Mann diese Blamage und fügen Sie sich meinen Anordnungen.«

 

»Mein Mann ist unschuldig«, sagte sie leise. »Er ist für jemand anders ins Gefängnis gegangen.«

 

Helder verbeugte sich spöttisch.

 

»Natürlich, wie Sie wollen! Das behaupten die meisten Leute, die hinter Gittern sitzen. Und jetzt – einsteigen! Aber ein wenig schnell, wenn ich bitten darf.«

 

Sie wußte, daß weiterer Widerstand zwecklos war. Wenn sie ihm nicht gehorchte, würde er das Geheimnis, das sie mit so viel Opfern und Mühe gehütet hatte, der Öffentlichkeit preisgeben.

 

Verzweifelt sah sie sich nach den Begleitern Helders um, aber sie wußte, auch von dort war keine Hilfe zu erwarten. Die beiden hatten jetzt nur einen Wunsch – zu entkommen.

 

Mühsam faßte sie sich und kletterte die Leiter hinauf. Helder folgte dicht hinter ihr.

 

Oben löste Helder sofort die Sperren, die das Boot an seinem Platz festhielten. Rasch glitt es auf den leicht geneigten Holzschienen, auf denen es ruhte, ins Wasser. Gleich darauf begann der Motor dumpf zu rattern, und mit spritzender Bugwelle fuhren sie stromabwärts, der offenen See zu.

 

Clinker war nach vorne gegangen, und Tiger Brown stand am Steuer. Helder blieb mit Verity allein in der kleinen hinteren Kabine. Er knipste das Licht an und ging auf Verity zu, die entsetzt vor ihm zurückwich.

 

»Wie wäre es, wenn wir ein wenig miteinander plauderten?« fragte er höhnisch. »Schließlich könnten Sie mir erzählen, ob Sie in Ihrer jungen Ehe glücklich sind oder nicht.«

 

Sie hatte die Lippen fest aufeinandergepreßt und sah ihn verächtlich an. Ihr Blick brachte ihn in Wut. Wie damals in seinem Büro war er nahe daran, jede Selbstkontrolle zu verlieren.

 

Mit einer raschen Bewegung knipste er das Licht aus und versuchte sie zu fassen. Doch sie stand bereits am anderen Ende der Kabine.

 

»Wenn Sie mir zu nahe kommen, springe ich über Bord.«

 

»Keine Angst«, entgegnete er zynisch. »Sie sind mir viel zu wertvoll, als daß ich nicht ganz besonders um Ihr Wohlergehen besorgt wäre. Comstock Bell wird ganz bestimmt dumm genug sein, eine anständige Summe als Lösegeld für Sie zu bezahlen.«

 

Während der letzten Worte hatte er sich ihr im Dunkeln leise genähert. Bevor sie ausweichen konnte, war er mit einem Satz bei ihr und packte sie an den Schultern. Sie schrie laut um Hilfe.

 

»Halten Sie den Mund!« zischte er sie wütend an.

 

»Lassen Sie mich in Ruhe«, schrie sie, so laut sie konnte. Sie hoffte, daß wenigstens Tiger Brown oder Clinker hereinschauen würden.

 

Es wurde ihm jetzt selbst unbehaglich, und er ließ sie wieder los.

 

»Machen Sie sofort das Licht an« – sie nützte ihren Erfolg aus.

 

Tatsächlich ging er zum Schalter, und im nächsten Augenblick war die Kabine wieder hell erleuchtet. Außer sich vor Aufregung wandte sie ihm den Rücken zu und schaute durch das kleine Fenster auf den Strom hinaus – plötzlich fuhr sie zusammen.

 

»Gott sei Dank«, flüsterte sie, »die ›Seabreaker‹.«

 

Er war neben sie getreten und sah zu seinem Schrecken einen kleinen Dampfer, der mit höchster Fahrt direkt auf sie zu hielt. Einen Augenblick lang war er fassungslos, und diesen Moment benützte sie. Bevor er sie festhalten konnte, war sie durch die Kabinentür gerannt und an die Reling gestürzt. Er konnte sie zwar noch einholen, doch mit der Kraft der Verzweiflung riß sie sich los und sprang ins Wasser.

 

Fluchend stand er an der Reling, doch dann sah er die Lichter des Dampfers immer näher kommen – es blieb ihm nichts übrig, als so schnell wie möglich das Weite zu suchen.

 

Tiger Brown, der das Steuer für einen Augenblick Clinker übergeben hatte, kam gerade auf ihn zu.

 

»Was ist denn los, zum Teufel?« fragte er.

 

Helder stieß ihn zur Seite.

 

»Schnell, wir müssen das Letzte aus der Maschine herausholen. Wenn wir die belgische Küste vor Tagesanbruch erreichen, haben wir es geschafft!«

 

Nach fünf Minuten drehte er sich wieder um und atmete erleichtert auf. Der Zwischenraum zwischen ihrem Boot und dem verfolgenden Schiff wuchs von Sekunde zu Sekunde, denn die ›Seabreaker‹ hatte beigedreht. Helder zweifelte nicht daran, daß man Boote aussetzte, um nach Verity Bell zu suchen.

 

Kapitel 22

 

22

 

In der Kabine der ›Seabreaker‹ lag Verity Bell. Sie fühlte sich noch sehr schwach, lächelte aber zufrieden, als sie die Augen aufschlug. Comstock saß neben ihr. Der Dampfer hatte die Fahrtrichtung geändert und fuhr jetzt den Strom hinauf. Gold, der neben dem Kapitän auf der Brücke stand, sprach kein Wort. Er hatte alle Küstenstationen benachrichtigt und war gespannt, ob es noch gelingen würde, das Motorboot aufzuhalten. Auch die französischen und belgischen Küstenstationen waren bereits alarmiert.

 

Draußen heulte ein starker Nordwestwind.

 

Verity hatte Comstock schon seit einiger Zeit aus halbgeschlossenen Augen betrachtet, noch bevor er merkte, daß sie wieder zum Bewußtsein gekommen war. Sie sah die harten Linien, die der Gefängnisaufenthalt in sein Gesicht gezeichnet hatte, las aber auch Befriedigung und Erleichterung in seinem Blick.

 

Was sollte nun werden? Sie war bereit, auch der schlimmsten Möglichkeit entschlossen entgegenzutreten. Was mochte ihr die Zukunft bringen? Irgendeine Lösung mußte man finden – so oder so.

 

Mit einem Lächeln öffnete sie die Augen.

 

»Nun?« fragte sie freundlich.

 

»Du warst wohl sehr überrascht, mich hier wiederzusehen?« begann er. Eine merkwürdige Scheu hielt ihn davon ab, sie bei ihrem Namen zu nennen.

 

»Nein«, erwiderte sie ruhig.

 

Ein langes Schweigen trat ein.

 

»Mein Onkel …«, fuhr sie schließlich fort, »ist er – tot?«

 

Comstock Bell nickte traurig.

 

»Ich habe es befürchtet«, sagte sie leise. »Er war so gut zu mir.« Ihre Augen standen voll Tränen. »Jetzt bin ich –« sie brach ab und weinte fassungslos.

 

»Du wolltest sagen, daß du jetzt ganz allein bist.« Comstock Bell nahm ihre schlaff herabhängende Hand in die seine. »Und doch hast du kein Recht dazu – wir sind verheiratet.«

 

Sie sah ihn bedrückt an.

 

»Es wäre mir lieber gewesen, du hättest es jetzt nicht erwähnt«, erwiderte sie traurig. Ihr Blick ging an ihm vorbei. »Was ist das schon für eine Ehe, die wir führen!«

 

Er nickte. Es war totenstill im Raum, nur das gleichmäßige Stampfen der Maschinen ließ ab und zu die Fensterscheiben erzittern.

 

»Du hast recht«, entgegnete er schließlich. »Aber glaubst du denn, eine Scheidung wäre der einzige Weg für uns? Sicher, du wärst damit einverstanden, weil du denkst, ich wollte dich wieder loswerden … Denkst du das denn wirklich?«

 

Sie wurde rot.

 

»Nein, eigentlich nicht«, entgegnete sie leise. »Und doch, ich kann nicht einfach deine Frau bleiben, nur weil ich einmal Gelegenheit hatte, dir zu helfen. Reden wir doch ganz offen darüber – schließlich ist es uns beiden klar, daß wir einander nicht aus Liebe geheiratet haben. Du hast mich schon öfter gefragt, warum ich überhaupt mit dieser Ehe einverstanden war. Nun, als ich erfuhr, daß du für Willetts ins Gefängnis gehen wolltest, um euer beider Schuld zu sühnen, dachte ich mir, daß auch ich meinen Teil dazu beitragen könnte. Anstelle meines Onkels wollte auch ich etwas gutmachen … Und jetzt, jetzt muß ich daran denken, daß einmal eine Zeit kommen könnte, in der ich mich richtig in jemand verliebe …«

 

Sie senkte den Blick, doch er nahm ihren Kopf zwischen die Hände und sah sie voll an.

 

»So darfst du nicht reden! Vielleicht haben wir uns nicht geliebt, als wir uns heirateten – inzwischen ist aber viel Zeit vergangen, und ich wußte schon im Gefängnis, daß ich nicht mehr ohne dich leben kann. Du sagst, es könnte sein, daß du dich einmal verliebst – willst du dich nicht in mich verlieben?« Sie erwiderte nichts, mußte aber doch ein wenig lächeln.

 

»Du hast ein großes Risiko für mich auf dich genommen«, fuhr er mutiger geworden fort. »Willst du noch ein wenig mehr riskieren – daß du dich in mich verliebst, wenn du dich einmal verliebst?«

 

Sie sah ihn lange an, dann drückte sie fest seine Hand.

 

»Ja, ich will es tun.«

 

*

 

In der Nordsee kämpfte sich ein Motorboot durch einen Sturm voran, der dauernd heftiger wurde.

 

Die drei Männer an Bord taumelten hin und her. Helder und Tiger Brown hielten beide krampfhaft das Steuerruder umklammert.

 

»Schauen Sie sich die Wellen an! Das Wetter wird immer schlimmer!« brüllte Brown. Der Sturm riß ihm die Worte vom Mund.

 

Helder schüttelte grimmig den Kopf.

 

»Wir sind alle drei keine Seeleute – wenn es so weitergeht, bleibt uns nichts übrig, als umzudrehen.«

 

Das Motorboot zitterte in allen Fugen, als eine mächtige Welle den Bug in einen gischtenden Schaumberg verwandelte.

 

Verzweifelt schaute Helder zurück. Am Horizont sah er gerade noch den gelben Lichtstreifen des Leuchtschiffes, das sie an der Themsemündung passiert hatten.

 

Eine neue Welle traf das Boot von der Seite, so daß es sich schwer überlegte. Es hatte keinen Sinn, sie konnten die Fahrt über den Kanal jetzt nicht wagen.

 

»Wir müssen umkehren«, sagte Helder achselzuckend. »Am besten, wir versuchen irgendeine einsame Stelle an der Küste anzulaufen. Die Themse wieder hinaufzufahren, wäre viel zu gefährlich. – und in vier Stunden wird es hell.«

 

Tiger Brown und Clinker nickten schweigend. Es blieb ihnen keine andere Wahl.

 

Das Glück war ihnen wenigstens so weit günstig, daß es ihnen gelang, eine verhältnismäßig versteckte Bucht zu finden, in der sie eine Landung wagen konnten. Um fünf Uhr morgens knirschte der Kiel des Bootes im Sand.

 

»Was soll aus dem Kahn werden?« fragte Tiger Brown.

 

Helder zögerte; er trennte sich nicht gern von dem Boot, das für ihn fast die letzte Hoffnung darstellte, England unbemerkt zu verlassen. Aber dann machte er sich klar, daß es im Laufe des Tages doch von der Küstenwache entdeckt werden würde. Er mußte das Boot opfern.

 

Sie drehten es mühsam mit dem Bug zur See, laschten das Steuer fest und stellten den Motor auf volle Fahrt. Nach wenigen Minuten war es ihren Blicken hinter einem Regenvorhang entschwunden. Stumm sahen sie ihm nach.

 

Helder und seine Begleiter waren bis auf die Haut durchnäßt. Niedergeschlagen machten sie sich auf den Weg landeinwärts. Kein Mensch begegnete ihnen, und nach einer halben Stunde erreichten sie das Dorf Little Clacton.

 

Hier trennten sie sich. Jeder von ihnen hatte in der Brieftasche eine Geldsumme, die ein kleines Vermögen darstellte.

 

»Wohin gehen Sie?« fragte Brown.

 

»Nach London«, entgegnete Helder. »Vielleicht gelingt es mir, mich doch noch zum Kontinent durchzuschlagen.«

 

»Gut. Wir werden uns zunächst einen Schlupfwinkel suchen. Auf Wiedersehen in Amerika – oder im Kittchen.«

 

Helder kehrte ihnen den Rücken und machte sich auf den Weg zur Bahnstation. Wieder blieb ihm sein altes Glück treu – als er dort ankam, verließ eben ein Güterzug den Bahnhof in Richtung Colchester. Er lief nebenher und schwang sich mit letzter Kraft auf einen der Güterwagen.

 

Seine Zähne klapperten vor Kälte, doch er achtete nicht darauf. Würde ihm die Flucht gelingen?

 

Wenn der Zug unterwegs nicht anhielt, mußte er in einer Stunde in Colchester sein. Und es war ziemlich unwahrscheinlich, daß er auf kleineren Stationen haltmachte.

 

Er hatte mit seiner Vermutung recht; nach nicht allzulanger Zeit stand der Zug vor einem Haltesignal außerhalb von Colchester. Vorsichtig sprang er aus dem Wagen, ging querfeldein und erreichte ohne Zwischenfall die Stadt.

 

Einige Leute, die auf dem Weg zu ihren Arbeitsstätten waren, begegneten ihm. Der Morgenwind blies heftig, und Helder war bis auf die Knochen durchfroren. Die Leute würden aussagen, daß sie ihn hier gesehen hatten.

 

Etwas später traf er einen Mann, der rasch ausschritt und dabei ein Liedchen pfiff. Helder hielt ihn an.

 

»Entschuldigen Sie …«, begann er.

 

Der Mann wartete und betrachtete Helder argwöhnisch.

 

»Wollen Sie sich etwas verdienen?« fragte Helder.

 

»Sicher«, sagte der Mann. Aber es klang nicht gerade begeistert.

 

»Ich hatte eine Havarie an meinem Motorboot«, erzählte Helder. »Mußte landen und fünf Meilen querfeldein gehen. Was ich brauche, ist eine Unterkunft und trockene Kleider.«

 

»Es gibt genug Hotels in der Stadt«, antwortete der Mann brummig.

 

Helder zerstreute seine Bedenken.

 

»Ich möchte aber in kein Hotel gehen. Man soll nicht wissen, daß ich hier bin. Ich habe meine Gründe dafür. Irgendwelche trockene Kleider genügen mir.«

 

Er zog seine Brieftasche heraus und zeigte dem Mann zwei Fünfpfundnoten.

 

»Kommen Sie mit in meine Wohnung«, sagte dieser, plötzlich höflicher geworden.

 

Er führte Helder ein Stück zurück in eine kleine Nebenstraße zu einem einzeln stehenden Haus. Sie traten ein, und Helder wurde in ein Wohnzimmer geführt.

 

»Ich sage rasch meiner Frau Bescheid. Sie wird bestimmt einen passenden Anzug für Sie finden.«

 

Der Raum war nicht geheizt, aber Helder fühlte sich hier behaglich im Gegensatz zu seinem Aufenthalt im Eisenbahnwaggon und auf freiem Feld. Der Mann kam nach einiger Zeit mit einem Bündel Kleider unter dem Arm zurück, die er auf dem kleinen Sofa ausbreitete.

 

»Bitte suchen Sie sich aus, was Sie brauchen. Meine Frau macht gerade eine Tasse Tee für Sie.«

 

Er ging wieder hinaus, und Helder zog rasch einen noch recht gut erhaltenen Anzug an, den ihm der Mann gebracht hatte.

 

Helder sah in seiner neuen Kleidung vollkommen verändert aus. Der Anzug paßte besser, als er gedacht hatte. Er band sich noch einen wollenen Schal um den Hals, und man konnte ihn nicht mehr von einem gewöhnlichen Arbeiter unterscheiden. Seine Brieftasche und die anderen kleinen Gegenstände, die in seinem eigenen Anzug steckten, nahm er heraus und suchte noch einmal alle Taschen durch, um nicht später der Polizei einen Hinweis zu geben. Inzwischen brachte die Frau den Tee und machte Feuer an.

 

»Ich möchte nicht, daß über die Sache gesprochen wird«, sagte Helder zu dem Mann. »Man glaubt allgemein, ich sei in London, und es wäre mir unangenehm, wenn bekannt würde, daß ich mich hier in der Gegend herumtreibe.«

 

Der Mann nickte und zwinkerte verschmitzt mit den Augen.

 

»Sie können sich auf mich verlassen«, erwiederte er. »Was soll mit Ihren Kleidern geschehen?«

 

»Die können Sie behalten.«

 

Helder trank Tee und aß zwei dicke Scheiben Toast.

 

Es war inzwischen hell geworden, und er ging rasch zum Bahnhof und löste eine Arbeiterfahrkarte nach Romford. Dort stieg er in einen Vorortzug Richtung London.

 

Um acht Uhr kam er auf dem Liverpool-Street-Bahnhof an. Die Straßen waren von Arbeitern bevölkert, die zu den Fabriken strömten.

 

Es war ihm klar, daß er die City möglichst vermeiden mußte; er ging also in östlicher Richtung weiter und kaufte in einem Laden für Gebrauchtwaren einen dicken Mantel und einen Hut, wie er sie früher nie getragen hatte. Auf Umwegen erreichte er New Cross, die Station, auf der die Personenzüge in Richtung Dover halten.

 

Wieder hatte er Glück. Es war alles einfacher, als er gedacht hatte. Er war auf einmal todmüde von den Anstrengungen der vergangenen Nacht.

 

Bis Ashford schlief er ein wenig und stieg dann aus dem Zug, der hier einige Minuten Aufenthalt hatte. Er aß am Eisenbahnbüfett eine Kleinigkeit und kaufte sich rasch eine Zeitung.

 

Es war die neueste Morgenausgabe, die mit großen Schlagzeilen von dem Ende der Fälscherbande berichtete.

 

Helder biß die Zähne zusammen, als er seinen Namen las. Und dann erschrak er – das Motorboot war von einem Küstenwachschiff aufgefischt worden, und die Polizei kombinierte richtig, daß die drei Verbrecher wieder aufs Festland zurückgekehrt waren.

 

Alle Zugs wurden überwacht, sämtliche Kanalhäfen kontrolliert – jetzt war seine Lage katastrophal.

 

Während er versuchte, zu einem Entschluß zu kommen, hielt ein Zug nach London vor seiner Nase. Er faßte es als einen Fingerzeig des Schicksals auf und stieg ein, obwohl er wußte, daß der Zug erst am Waterloo-Bahnhof halten würde.

 

Seine ganze Hoffnung bestand darin, daß die Polizei ihre Aufmerksamkeit wahrscheinlich eher auf die Züge konzentrierte, die nach den Küstenstationen fuhren.

 

Das Glück blieb ihm treu. Der Bahnhof wurde zwar von einem halben Dutzend Kriminalbeamten bewacht, aber keiner entdeckte ihn.

 

Mit der Untergrundbahn fuhr er quer durch London und erreichte High Gate. Hier kaufte er verschiedenes ein, vor allem einen Koffer und einen zweiten Anzug. Mit diesen Sachen fuhr er wieder nach Südlondon zurück und stieg dort in einen Vorortzug Richtung Sydenham. In einem leeren Eisenbahnabteil wechselte er seine Kleider und veränderte mit einer dicken Hornbrille sein Aussehen so sehr, daß man ihn kaum wiedererkennen konnte.

 

Wentworth Gold und ganz Scotland Yard waren ihm auf den Fersen. Er wußte, daß seine Chancen hundert zu eins standen.

 

Am Nachmittag um fünf Uhr wurden Tiger Brown und Clinker in Brentford verhaftet. Bei ihrem Verhör kam wenig heraus, was die Polizei nicht schon wußte. Natürlich hatten sie keine Ahnung, wohin Helder flüchten wollte.

 

»Ich möchte wetten, daß er in London war«, erklärte Gold. »Wir müssen jetzt nur aufpassen, daß er sich nicht wieder bis zur Küste durchschlägt.«

 

Helder ging sehr geschickt vor. Er benützte nie einen Schnellzug, sondern entfernte sich durch kleine Fahrten mit Vorortzügen immer weiter von der Hauptstadt. Mit einem Bummelzug erreichte er Reading, führ dann nach Fishguard und kam gerade Zur rechten Zeit in diesem Hafenort an, um noch den Dampfer nach Irland zu erreichen.

 

Wieder erkannte ihn niemand, als er an Bord ging. Zwei Kriminalbeamte, die die einsteigenden Passagiere beobachteten, wendeten gerade im richtigen Moment ihren Verdacht einem völlig unbescholtenen Reisenden zu.

 

Dann aber ließ Helder das Schicksal, das ihm bisher immer noch weitergeholfen hatte, endgültig im Stich. Die Art und Weise, wie er verhaftet wurde, waren ein Witz, den jeder spaßig fand – außer Helder selbst.

 

Gold wurde in den frühen Morgenstunden durch ein Telegramm geweckt, das ihm von Scotland Yard gesandt worden war. Es lautete kurz: »Helder in Queenstown verhaftet.«

 

Gold nahm den nächsten Zug und traf am Vormittag in der Hafenstadt ein. Auf der Polizeiwache wurde er bereits erwartet, und man führte ihn sofort in eine Zelle, in der Helder mit resigniertem Gesichtsausdruck auf einer Pritsche hockte.

 

»Na, Gold, jetzt haben Sie mich also doch erwischt!«

 

Gold nickte.

 

»Ich habe es Ihnen vorausgesagt.«

 

Helder lachte bitter.

 

»Hat man Ihnen schon erzählt, wie man mich verhaftete?«

 

»Nein«, entgegnete Gold erstaunt. Er wunderte sich, daß der Gefangene ausgerechnet darauf zu sprechen kam. Helder lehnte sich zurück, steckte die Hände in die Taschen und sah an Gold vorbei auf die Gitterstäbe des Fensters.

 

»In einem Reisebüro kaufte ich mir eine Schiffskarte nach Amerika«, sagte er. »Unter den Banknoten, mit denen ich bezahlte, war auch eine Fünfpfundnote. Mein Geld war echt, und ich dachte schon, ich hätte es geschafft, als man mir die Schiffskarte aushändigte – doch an der Tür verhaftete mich ein Kriminalbeamter.«

 

»Nun ja, man hat Sie sicher erkannt«, meinte Gold.

 

»Nein, das war es nicht«, entgegnete Helder mit erstickter Stimme. »Aber die Fünfpfundnote, mit der ich bezahlte, war gefälscht.«

 

»Aber Sie haben doch niemals Fünfpfundnoten gefälscht!«

 

»Nein, das ist es ja gerade. Gefälscht hat sie irgendein anderer – ein Stümper! Und ich habe sie zufällig in die Hand bekommen!«

 

Kapitel 23

 

23

 

Mrs. Verity Bell saß auf der breiten, sonnenüberfluteten Terrasse des Hotels ›Cecil‹ beim Frühstück. Vor ihr lag Gibraltar, ein großer grauer Felsblock, links zog sich die sanft gewellte Hügelkette des spanischen Festlandes hin, und hinter ihr schlossen die weißen Häuser von Tanger das Panorama ab.

 

Verity war glücklich. In den letzten drei Monaten hatte sie ein Leben geführt, wie sie es früher nur aus Romanen gekannt hatte. Sie war in der Schweiz gewesen, in Italien, Spanien und Ägypten – und was in der Zukunft vor ihr lag, würde genauso sorgenlos und schön sein.

 

Schritte näherten sich, und als sie sich umwandte, stand Comstock vor ihr.

 

»Hallo, schon so früh auf?«

 

Sie lächelte ihn an, und er setzte sich ihr gegenüber an den Tisch.

 

»Das Frühstück kommt gleich«, sagte er. »Hast du Hunger? Diese Hitze schon am frühen Morgen verschlägt mir jedesmal den Appetit.«

 

Sie blickte ihn besorgt an.

 

»Du bist doch nicht etwa krank?« fragte sie ängstlich.

 

»Aber keine Spur!«

 

»Der Portier hat mir erzählt«, erklärte sie hastig, »daß in Tanger eine Typhusepidemie ausgebrochen ist. Glaubst du nicht, daß es besser wäre, wenn wir gleich abreisten?«

 

Er schüttelte lachend den Kopf.

 

»Mach dir doch keine Sorgen um mich! Paß nur auf dich selber auf – hm, allerdings – ich möchte nicht, daß du dich ansteckst. Das wäre entsetzlich!«

 

Plötzlich war er ernst geworden und schaute sie unruhig an.

 

Sie mußte laut lachen, und er stimmte ein, als er das Humorvolle der Situation erkannte.

 

Ein Kellner brachte auf einem Tablett die Post, und Comstock schaute sie flüchtig durch. Einen Brief, auf dem er die Handschrift Wentworth Golds erkannte, öffnete er und überflog ihn schnell.

 

»Gib es etwas Neues?« fragte sie.

 

»Ja – Helder ist tot«, entgegnete er. »Merkwürdig – Gold, der doch wirklich nicht romantisch veranlagt ist, glaubt, daß er an gebrochenem Herzen gestorben ist.« Er schob seinen Stuhl zurück und schaute nachdenklich aufs Meer hinaus.

 

»Er war ein Verbrecher«, sagte er. »Aber wer kann sich die Versuchungen vorstellen, denen ihn sein unbändiger Ehrgeiz aussetzte? Sicher hatte er gute Anlagen, die wie bei so vielen anderen durch schlechte äußere Einflüsse immer mehr verschüttet wurden.«

 

Er öffnete einen anderen Brief, ließ ihn aber gleich wieder sinken, »jeder stellt sich unter seinem Glück etwas anderes vor«, meinte er nachdenklich.

 

Sie schaute schnell auf.

 

»Bist du denn glücklich?« fragte sie schüchtern.

 

»ja, Verity – das bin ich«, entgegnete er mit einem leichten Zögern in der Stimme. »Nur manchmal mache ich mir Sorgen um die Zukunft. Ich habe Gewissensbisse. Ich fühle, daß zwischen uns noch nicht alles so ist, wie es sein sollte.«

 

»Du weißt, daß auch ich manchmal fürchte, zwischen dir und deinem Lebensglück zu stehen«, erwiderte sie ernst.

 

»Du bist mein Lebensglück«, sagte er leise. »Was immer auch die Zukunft bringen mag, das ist eine Tatsache. Es ist so leicht, dich lieb zu haben, Verity.«

 

Seine Worte klangen so einfach und selbstverständlich, daß sie errötend die Tasse hob, um ihre Verwirrung zu verbergen.

 

»Vielleicht denke ich schon lange das gleiche und wollte es dir nur nicht sagen.«

 

»Das wäre schön, sehr schön, Verity. Vielleicht bist du dir aber doch noch nicht ganz im klaren, so klar wie ich mir heute bin. Wir haben ja soviel Zeit – und du kannst noch lange warten, bevor du dich entscheidest. Ich werde trotzdem immer bei dir bleiben …«

 

Die Tasse, die Verity in der Hand hielt, hatte schon die ganze Zeit bedenklich gezittert. Jetzt fiel sie auf den Marmorfußboden und zerbrach in hundert Stücke. Verity lachte, lief um den Tisch herum und lehnte sich an ihren Mann.

 

»Aber ich will doch gar nicht mehr warten«, sagte sie glücklich.«

 

 

Ende

 

Kapitel 4

 

4

 

Für Verity Maple bedeutete die Christal Palace Road das traurige Erwachen aus einem schönen Traum. Es war ihr seither immer gut gegangen, obwohl ihre Mutter schon früh gestorben war; ihr Vater, George Maple, hatte zwölfhundert Pfund im Jahr verdient – leider aber stets fünfzehnhundert ausgegeben. Der Augenblick kam, an dem seine finanziellen Verhältnisse hoffnungslos zerrüttet waren; schließlich gab es nur noch zwei Wege für ihn: Bankrotterklärung oder Selbstmord. Ein Autobus, dem er nicht rechtzeitig auswich, enthob ihn der Entscheidung. Als Verity aus einem belgischen Pensionat heimgekehrt war, fand sie ihr Vaterhaus bereits im Besitz einer Anzahl von Gläubigern, die rücksichtslos versteigern ließen, was nicht niet– und nagelfest: war. Verity saß auf der Straße. Sie wußte nicht was tun, doch da tauchte Tom Maple auf.

 

Sie hatte früher schon von Onkel Tom gehört und hatte auch Briefe von ihm aus den verschiedensten Städten erhalten, dabei war ihr seine merkwürdige Angewohnheit aufgefallen, gleichzeitig mit dem Aufenthalt auch den Namen zu wechseln.

 

Er war wirklich ein sonderbarer Mensch, aber ihr gegenüber zeigte er sich von seiner liebenswürdigsten Seite. Verity hatte alle Ursache, ihm dankbar zu sein.

 

Sie zogen zusammen in das Haus in der Christal Palace Road. Bald genug hatte sie entdeckt, daß er ein Trinker war. Auch daran gewöhnte sie sich und lebte bald glücklicher mit ihm, als sie jemals zu hoffen gewagt hatte.

 

In finanziellen Dingen war Tom Maple sehr großzügig; er stellte ihr genügend Geld zur Verfügung, und sie war eigentlich durchaus nicht gezwungen, eine Stellung anzunehmen. Es trieb sie mehr der Wunsch nach Unabhängigkeit zu einem Beruf.

 

Für die Tätigkeit ihres seltsamen Onkels interessierte sich Verity sehr. Stundenlang konnte sie neben ihm sitzen und beobachten, wie er mit sicherer Hand feine, schöngeschwungene Linien in Stahlplatten grub. Tom Maple wurde von einer Gravieranstalt, die Banknoten herstellte, sehr gut bezahlt. Seine Auftraggeber kannten ihn und wußten seine Arbeit zu schätzen. Sie schienen ihn so notwendig zu brauchen, daß sie selbst seine üblen Gewohnheiten übersahen.

 

An dem Abend nach Golds Besuch hielt sich Verity noch im Wohnzimmer auf. Sie saß am offenen Kamin und las in einem Buch, als sie plötzlich den leichten Schritt ihres Onkels draussen auf dem Gang hörte. Er ging an der Tür vorbei, blieb dann zögernd stehen und kam zurück. Die Tür wurde geöffnet, und er kam herein. Sie sah ihn an.

 

»Kann ich etwas für Dich tun, Onkel?«

 

Sein Gesicht war noch bleicher als sonst. Die Wangen schienen ihr noch eingefallener, die Augen von noch dunkleren Rändern umschattet. Er schaute sie eine Weile wortlos an, dann nahm er einen Stuhl und setzte sich ihr gegenüber.

 

»Verity«, sagte er schließlich ernst, »ich habe über dich nachgedacht und mir überlegt, ob es nicht besser wäre, wenn ich dir etwas über mich erzählte.«

 

Er seufzte schwer und sah ihr dann fest in die Augen.

 

»Mein Leben war sehr merkwürdig«, begann er langsam. »Du weißt nicht so richtig Bescheid über meine Vergangenheit, wie?«

 

Sie sah ihn lächelnd an und schüttelte den Kopf.

 

»Ich weiß nur, daß du mir ein guter Onkel bist.«

 

Er machte eine abwehrende Handbewegung.

 

»Du darfst nicht so gut von mir denken. Ich bin nicht ganz der, für den du mich hältst.« – Er sah sie ernst, fast traurig an. – »Wenn mir etwas zustoßen sollte«, fuhr er dann fort, »so möchte ich, daß du einen bestimmten Herrn in London aufsuchst.« Mit diesen Worten zog er seine Brieftasche hervor.

 

»Ich will dir etwas geben. Ich habe dich neulich um deine Unterschrift gebeten, weil ich dir ein Konto in der Londoner Nordwestbank eröffnet habe. Es ist kein großes Vermögen«, sagte er schnell, als er ihre Freude bemerkte, »aber es wird dich vor Not schützen, wenn mir etwas passieren sollte.«

 

»Was sollte dir denn passieren?« fragte sie ihn ängstlich und bestürzt.

 

Er zuckte nur die Schultern.

 

»Das kann man nie wissen«, meinte er melancholisch.

 

Er nahm ein Scheckbuch aus der Brieftasche, auf dem der Name der Bank stand.

 

»Hebe es gut auf«, sagte er, als er es ihr überreichte. »Übrigens mußt du doch langsam auch ans Heiraten denken.«

 

Sie schüttelte nur lachend den Kopf.

 

»Die meisten Mädchen schütteln den Kopf, wenn sie ein solches Ansinnen hören«, meinte er, plötzlich wieder vergnügt, »und dann heiraten sie doch alle!«

 

Er nickte ihr zu und wollte eben aus dem Zimmer gehen, als sie sich an seine Worte von vorhin erinnerte.

 

»Onkel, du hast mir noch nicht den Namen des Mannes gesagt, an den ich mich wenden soll.«

 

Er gab nur zögernd die Antwort.

 

»Ich meine Comstock Bell – später werde ich dir einmal mehr von ihm erzählen.«

 

Im nächsten Augenblick war er gegangen. Sie folgte ihm nachdenklich mit den Blicken.

 

Was mochte er mit den Andeutungen über sein früheres Leben gemeint haben? Sie war nun alt genug, um zu wissen, daß seine häufigen Namensänderungen eine ernstere Bedeutung gehabt haben könnten. Fast wünschte sie jetzt, daß sie ihm zugeredet hätte, offen zu sprechen.

 

Sie schaute auf die Uhr. Um sechs sollte sie sich bei Mr. Cornelius Helder vorstellen. Es kam ihr ein wenig seltsam vor, daß er sie in seine Privatwohnung in der Curzon Street gebeten hatte.

 

Helder bewohnte mehrere Räume in dem Haus Nr. 406.

 

Das Gebäude gehörte einem Hausmeister, der sich zur Ruhe gesetzt hatte und hier nun eine gutgehende Pension unterhielt. Die Mieter bekamen im allgemeinen zwar nur das Frühstück, konnten auf Wunsch aber auch größere Mahlzeiten bestellen.

 

Verity Maple wurde sofort ins Wohnzimmer geführt. Als sie eintrat, saß Helder vor einem großen Schreibtisch, der mit Druckproben und Zeitungen bedeckt war.

 

Er erhob sich und gab ihr die Hand.

 

»Nehmen Sie bitte Platz, Miss Maple. Es tut mir leid, daß ich Sie hierherbitten mußte, aber ich konnte Sie aus Zeitmangel nicht in meinem Büro empfangen.«

 

Er sprach kurz und geschäftsmäßig, so daß der unangenehme Eindruck, den sie von ihm hatte, rasch wieder verflog.

 

»Ich habe eine interessante Arbeit für Sie. Können Sie französisch?«

 

»Ja«, sagte sie und nickte.

 

»Ich bin nämlich Mitherausgeber einer kleinen Zeitschrift, für die Sie sich in Zukunft interessieren müssen.«

 

Die Gehaltsfrage wurde besprochen, und Verity wunderte sich, mit welcher Bereitwilligkeit Mr. Helder auf ihre Wünsche einging. Sobald die rein geschäftliche Seite der Unterhaltung beendet war, erhob sie sich.

 

»Bis morgen früh also«, sagte er und begleitete sie zur Tür.

 

Verity Maple war sich nach dieser ersten Unterredung mit ihrem neuen Chef nicht ganz klar darüber, ob sie richtig gehandelt hatte, diese Stellung anzunehmen. Als sie sich schon ein Stück von Mr. Helders Haus entfernt hatte, hörte sie, wie jemand ihren Namen rief. Sie drehte sich um. Es war Mr. Helder, der ihr nachgelaufen kam.

 

»Ich muß zur Oxford Street«, sagte er atemlos. »Da haben wir doch denselben Weg, nicht wahr?«

 

Sie hätte ihm gern gesagt, daß dies nicht der Fall sei, aber er beachtete sie gar nicht weiter, sondern erzählte munter von den Annehmlichkeiten eines neuen Motorbootes, das er sich kaufen wollte, und nannte als Kaufpreis eine Summe, vor der ihr schwindelte. Dann sprach er über sonstige Geldgeschäfte, ohne jedoch auf Einzelheiten einzugehen.

 

In der Oxford Street trennten sie sich, und sie seufzte erleichtert auf, als er sich von ihr verabschiedet hatte.

 

Auf Helder hatte das hübsche Mädchen großen Eindruck gemacht. Er hatte zwar schon viel von ihr gehört, aber nicht gedacht, daß sie so gut aussah.

 

Er schaute ihr nach, bis sie in der Menschenmenge verschwunden war, dann winkte er einem Taxi und fuhr zum Klub.

 

Als Verity zur Victoria Station kam, war ihr Zug schon abgefahren, und sie mußte sich nun die Zeit vertreiben, bis der nächste kam.

 

An einem Bücherstand betrachtete sie aufmerksam die Auslagen und las die Titel der neuen Bücher. Dabei stieß sie mit einem Herrn zusammen, und ihre Handtasche fiel auf den Boden. Er bückte sich schnell, hob die Tasche auf und überreichte sie ihr mit einer Entschuldigung.

 

Sie sah sich einem hochgewachsenen jungen Mann gegenüber, der sie einen Augenblick bewundernd anschaute. Dann grüßte er höflich und ging.

 

Es war die erste Begegnung Veritys mit Comstock Bell.

 

Sie betrat einen Erfrischungsraum, um eine Tasse Tee zu trinken. Als sie wieder aufstand, entdeckte sie, daß sie auch den nächsten Zug versäumt hatte. Eigentlich war sie ja gar nicht in Eile, und so schlenderte sie gemütlich zum Marble Arch und besuchte noch eine Kinovorstellung.

 

Als sie in Peckham ankam, war es schon neun Uhr. Der Himmel war wolkenbedeckt, und es regnete in Strömen. Sie bog in die Christal Palace Road ein und bemerkte einen Mann, der an einem Laternenpfahl auf der anderen Seite der Straße lehnte. Sein Gesicht konnte sie nicht sehen, denn er wandte ihr den Rücken zu.

 

Vor ihrer Haustür kramte sie die Schlüssel heraus und wollte gerade aufschließen, als sie hinter der Tür Stimmen hörte. Es war sehr ungewöhnlich, daß ihr Onkel Besuch hatte, und erstaunt trat sie einen Schritt zurück. Die Stimmen näherten sieb, und gleich darauf öffnete sich die Tür. Einem Impuls gehorchend, trat sie in das Dunkel des Gebüsches zurück, das vor dem Eingang angepflanzt war.

 

Ihr Onkel kam heraus, in seiner Begleitung waren zwei Herren. Der eine war robust und untersetzt, der andere groß und schlank.

 

»Hoffentlich haben Sie uns jetzt verstanden!« sagte der Kleinere drohend; er sprach mit stark amerikanischem Akzent.

 

Maple antwortete leise etwas, das Verity nicht verstehen konnte.

 

»Damit wäre also alles klar«, schnitt ihm der andere das Wort ab. »Wir wollen nur von Ihnen haben, daß Sie kein Spielverderber sind. Es liegt jetzt an Ihnen, Ihre verschiedenen Fehler wieder gutzumachen. Er weiß das ganz genau …«, dabei deutete er auf die Straße.

 

»Warum kommt er denn nicht selbst?« brummte Maple vorwurfsvoll.

 

Die beiden lachten höhnisch.

 

»Weil er sich bei dieser Angelegenheit nicht sehen lassen will. Außerdem wohnen Sie doch nicht allein hier im Hause, nicht wahr? Kurz und gut, Sie werden sich auf jeden Fall verantworten müssen, wenn Sie noch einmal etwas gegen uns unternehmen.« Seine Stimme klang so kalt und scharf, daß Verity ein Schauer über den Rücken lief. »Diesmal wollen wir ein ganz großes Ding drehen – und wer sich uns dabei in den Weg stellt, wird erledigt. Verstanden?«

 

Tom Maple nickte, und es trat eine kleine Pause ein.

 

»Wo ist er eigentlich?«

 

»Er wartet an der nächsten Straßenecke. Wollen Sie mit uns kommen und ihn begrüßen?«

 

Maple schüttelte den Kopf.

 

»Nein, ich weiß schon, daß er dort ist – das bezweifle ich nicht«, sagte er bitter.

 

Ohne ein weiteres Wort drehten sie ihm den Rücken zu und verschwanden durch das Gartentor. Tom Maple wandte sich seufzend um und ging ins Haus zurück.

 

Verity war überrascht und bestürzt. Was hatte das alles zu bedeuten? Welchen Einfluß hatten diese Leute auf ihren Onkel? Wer war dieser geheimnisvolle Mann, der das Haus nicht betreten wollte? Einen Augenblick zögerte sie, dann lief sie schnell zur Gartentür und folgte den beiden Männern, die noch keinen großen Vorsprung hatten.

 

Als sie das Ende der Straße erreichten, kam der Mann, der unter der Laterne gewartet hatte, von der anderen Straßenseite zu ihnen herüber. Die drei blieben stehen. Klopfenden Herzens ging Verity weiter; das Gespräch der drei verstummte, und als sie die Männer passierte, drehte sich einer von ihnen nach ihr um. Zu ihrem Schrecken sah sie, es war – Mr. Helder. Hastig eilte sie weiter und hoffte, daß er sie nicht erkannt habe.

 

Als sie in die nächste Seitenstraße einbog, warf sie einen Blick zurück. Helder folgte ihr! Schnell bog sie um die Ecke und schlüpfte in den nächsten Hauseingang. Eine Zeitlang stand sie dort atemlos und horchte angespannt. Zu ihrer größten Beruhigung näherten sich aber keine Schritte, und als sie nach einigen Minuten vorsichtig auf die Straße spähte, war kein Mensch zu sehen. So schnell sie konnte, lief sie nach Hause.

 

Als sie in die Küche trat, saß ihr Onkel wie gewöhnlich am Tisch, sie bemerkte aber sofort, daß ihn irgend etwas beunruhigte. Er begrüßte sie so geistesabwesend, daß sie immer besorgter wurde; trotzdem schien es ihr ratsam, vorerst nichts von dem zu sagen, was sie gesehen und gehört hatte. Sie bereitete das Abendessen, und erst als sie den Tisch deckte, sah er auf.

 

»Verity, ich werde es doch tun, was auch immer geschehen mag!«

 

Sie wartete, daß er ihr jetzt alles erzählen würde, doch er sagte noch einige wenige Sätze halb zu sich selbst: »Sie glauben, daß sie mich in ihrer Gewalt haben. Aber ich werde es ihnen schon zeigen – sie sollen noch ihr blaues Wunder erleben!«

 

Als sie sich nach dem Essen erhob und abräumen wollte, drehte er sich nach ihr um.

 

»Vergiß den Mann nicht, von dem wir gesprochen haben«, sagte er mit eigenartiger Betonung.

 

»Mr. Comstock Bell?«

 

»Ja, Comstock Bell.«

 

Kapitel 19

 

19

 

Helder kehrte nach London zurück. In seinem Kopf wirbelten die Gedanken durcheinander. Es wurde ihm jetzt manches klar. Comstock Bell und Willets waren also ein und derselbe. Möglicherweise lebte Willetts nicht mehr, und aus irgendeinem Grund hatte Bell seinen Namen angenommen und führte ein Doppelleben. Unter diesem falschen Namen hatte er sich dann festnehmen lassen.

 

Bell mußte seinen ganzen Einfluß aufgewendet haben, um sowohl ihn als auch Gold während des Prozesses aus England fernzuhalten. Dadurch hoffte er, daß sein Geheimnis gewahrt bleiben würde. Willetts war zu zwölf Monaten Gefängnis verurteilt worden, von denen er aber vermutlich nur einen Teil absitzen mußte. Helder war es nun klar, daß Comstock Bell die größte Gefahr für ihn bedeutete.

 

Ein Telegramm rief Tiger Brown in die Curzon Street; Helder erklärte ihm dort kurz die Situation.

 

»Jetzt wissen wir also, warum Comstock Bell heiratete und ständig mit einer verbundenen Hand herumlief, die es ihm nur noch erlaubte, seine Briefe mit der Schreibmaschine zu schreiben! Ein Beauftragter konnte so die Korrespondenz während seiner Abwesenheit ohne weiteres für ihn führen. Natürlich mußte er jemanden finden, dem er unter allen Umständen trauen konnte, und heiratete deshalb Verity Maple. Sie hat dann auch alle Briefe aus den verschiedensten Orten geschrieben; überall reiste sie hin, verbrachte ein paar Stunden in einem Hotel und nahm einige Briefbogen mit dem Aufdruck des Hotels an sich.«

 

»Mir erscheint das alles ziemlich verworren«, entgegnete Tiger Brown. »Warum sollte denn Bell freiwillig ins Gefängnis gehen? Das ist die verrückteste Idee, von der ich je gehört habe.«

 

Helder antwortete nicht sofort. Er kannte die Qualen eines schlechten Gewissens und die Furcht vor der Entdeckung gut genug. Und er ahnte auch, daß der Gedanke Bells an seine Mutter, die sehr stolz auf ihren Sohn war, ihn schließlich dazu bewogen hatte, sich selbst der Polizei zu stellen.

 

»Mir erscheint das gar nicht so verrückt«, fuhr er nach einer Pause fort. »Auf jeden Fall müssen wir unseren Vorteil aus der Sache ziehen. Wir haben zwei gute Waffen in der Hand.«

 

»Wie meinen Sie das?« fragte Tiger.

 

»Einmal wissen wir jetzt Bells Geheimnis und können es gegen ihn verwenden; zum zweiten ist der alte Tom Maple in unserer Hand. Es hängt also nur von uns ab, den Vorsprung, den uns der Zufall verschafft hat, richtig auszuwerten.«

 

Jetzt konnte ihnen nur noch Gold gefährlich werden, und Helder unterschätzte die Fähigkeiten dieses Mannes gewaltig.

 

Er war deshalb auch in keiner Weise besorgt, als er zwei Tage später ein höfliches Schreiben erhielt, in dem er gebeten wurde, Gold im Savoy-Hotel aufzusuchen.

 

Der Beamte war inzwischen wieder nach London zurückgekehrt. Sein Gepäck stand noch in der Hotelhalle, als Helder eintraf. Gold kam ihm entgegen und führte ihn auf sein Zimmer.

 

»Nehmen Sie bitte Platz, Helder«, sagte er.

 

Er selbst blieb während der ganzen Unterhaltung stehen.

 

»Ich habe Sie gebeten, mich zu besuchen«, begann er dann nach einer etwas unbehaglichen Pause, »weil ich ganz offen mit Ihnen sprechen möchte.«

 

»Wenn jemand sagt, daß er offen sprechen will«, erwiderte Helder, »so bedeutet das für gewöhnlich, daß er beleidigend wird.«

 

Gold schaute ihn ernst an.

 

»Sie haben gar nicht so unrecht – es könnte mir schon passieren, daß ich Ihnen gegenüber aus der Rolle falle. Aber vorerst möchte ich Sie bitten, ruhig anzuhören, was ich Ihnen zu sagen habe.«

 

Er ging in dem kleinen Zimmer auf und ab.

 

»Seit zwölf Monaten bin ich einer Bande auf der Spur, die gefälschte Banknöten herstellt und in Umlauf bringt.«

 

»Nichts Neues«, unterbrach ihn Helder. »Sie hatten sogar die Freundlichkeit, mich selbst in Verbindung mit dieser Fälscherbande zu bringen.«

 

»Ganz richtig – und ich bleibe heute mehr denn je bei meiner Behauptung. Ich weiß jetzt sogar, daß Sie sich bei Ihren Gaunereien der Hilfe von Maple bedienten.«

 

Gold hatte ins Schwarze getroffen, und Helder zuckte zusammen. Trotzdem versuchte er, möglichst gleichgültig zu reagieren.

 

»Sie machen mir direkt Spaß!«

 

»Maple hat die Platten zu den französischen Banknoten hergestellt«, fuhr Gold fort, »und das kann ich sogar beweisen! Warum glauben Sie eigentlich, daß ich Sie hierherbestellt habe? Nur um Ihnen klipp und klar zu sagen, daß Sie Ihre ertragreiche Tätigkeit einstellen oder aber im gegenteiligen Fall damit rechnen können, daß Sie Ihre Tage im Kittchen beschließen.«

 

Helder lachte.

 

»Auf diese Weise können Sie mit mir nicht reden, mein Lieber«, entgegnete er höhnisch. »Ich kann es mir leisten, über Ihre geradezu ungeheuerliche Anklage hinwegzugehen. Glauben Sie denn im Ernst, ich ließe mich von Ihnen bluffen? Romane hätten Sie mit Ihrer Phantasie schreiben sollen, Gold! Aber, im Ernst gesprochen – Sie wissen doch ebensogut wie ich, daß alles das, was Sie mir in die Schuhe schieben wollen, Ihr feiner Freund Comstock Bell getan hat – den Sie natürlich decken wollen!«

 

In diesem Augenblick klopfte es leise an die Tür, Helder hatte aber so laut gesprochen, daß die beiden es nicht hörten.

 

»Sie wissen es ganz genau – Comstock Bell ist der Gauner, der die Fälscherbande finanziert hat!« schrie Helder noch einmal.

 

»Ich würde eher behaupten, daß Mr. Helder ein ganz ausgekochter Lügner ist«, sagte plötzlich eine liebenswürdige Stimme hinter ihm.

 

Sie drehten sich beide um. Eine elegante Dame stand in der Türöffnung.

 

Helders Gesicht wurde dunkelrot, und er mußte seine ganze Frechheit zusammennehmen, um vor den schönen grauen Augen dieser Frau seinen Blick nicht zu senken.

 

»Gestatten Sie, daß ich Platz nehme?« fragte sie freundlich.

 

Gold schob ihr einen Stuhl hin und schloß die Tür wieder.

 

»Es tut mir leid, daß ich Ihre interessante Unterhaltung unterbrochen habe.«

 

Helder lachte häßlich.

 

»Oh, ich kann es durchaus verstehen, Mrs. Collak, daß Sie sich auf die Seite Mr. Bells schlagen. Ich nehme an, daß er sehr großzügig zu Ihnen war, wie?«

 

Die Beleidigung war nicht mißzuverstehen.

 

Mrs. Granger Collak holte ein goldenes Etui aus ihrer Handtasche, öffnete es, zündete sich eine Zigarette an, lehnte sich ein wenig zurück und sah Helder aus halbgeschlossenen Augen an.

 

»Ja, Mr. Comstock Bell hat sich mir gegenüber sehr freundlich verhalten. Ich habe in ihm einen ehrenhaften Charakter kennengelernt.«

 

»Nun, auf diesem Gebiet ehrenhafter Handlungen sind Sie ja eine unbestrittene Autorität, Mrs. Collak.«

 

»Allerdings. Deswegen ist es mir auch völlig klar, daß Sie nicht zu dieser seltenen Spezies gehören. Aber zur Sache – ich bin hierhergekommen, um Mr. Gold etwas zu bringen.«

 

Sie nahm aus ihrer Handtasche einen Zeitungsausschnitt und reichte ihn Gold.

 

»Haben Sie dies in die Zeitung gesetzt?« fragte sie ihn.

 

Gold nickte verwundert.

 

»Ein reiner Zufall, daß ich es gesehen habe. Es stand in einer italienischen Zeitung, und ich muß schon sagen, daß es eine der merkwürdigsten Zeitungsannoncen ist, die ich je gesehen habe. Viele von uns hätten schließlich gerne Tausendfrancnoten, aber danach zu inserieren …?«

 

Helder beobachtete sie mißtrauisch. Welche Bewandtnis hatte es mit diesem Inserat? Auch Gold war es unbehaglich zumute, wenn auch aus einem ganz anderen Grund.

 

»Kann ich den Zeitungsausschnitt einmal sehen?« fragte Helder schnell.

 

Gold reichte ihm widerwillig das Blatt. Das Inserat war in italienischer, englischer und französischer Sprache abgefaßt und ersuchte alle Leute, in deren Hände Tausendfrancscheine mit den Nummern 687642 bis 687653 gerieten, sich mit der französischen Polizei oder über das amerikanische Konsulat in London mit Wentworth Gold in Verbindung zu setzen.

 

Helder las mit steigender Bestürzung. Wenn er auch die Zusammenhänge noch nicht durchschaute, war ihm doch klar, daß diese Annonce nichts Gutes bedeutete.

 

»Und warum interessieren Sie sich gerade für diese Banknoten?« fragte er.

 

Mrs. Granger Collak überhörte seine Frage. Sie holte aus ihrer Handtasche eine zusammengefaltete Banknote und überreichte sie Gold.

 

»Zufällig habe ich eine der Nummern in die Hände bekommen – hier ist sie.«

 

Gold nahm den Schein, hielt ihn gegen das Licht, drehte ihn hin und her und untersuchte besonders genau die Rückseite.

 

»Es tut mir sehr leid, Mrs. Collak, aber ich muß Ihnen leider mitteilen, daß diese Banknote gefälscht ist. Den Gegenwert werde ich Ihnen übrigens gerne ersetzen, da ich sie behalten will.«

 

Er gab sich Mühe, ruhig zu sprechen, aber man hörte seiner Stimme doch an, wie erregt er war.

 

Helder, der ihn genau beobachtet hatte, erschrak. Natürlich war dies eine der gefälschten Banknoten, die er in Umlauf gebracht hatte; es war nur nicht klar, wodurch sich gerade dieser Schein von den anderen unterschied. Zweitausend solcher Banknoten waren gedruckt worden! Auf jeden Fall war Gefahr im Verzug, und er mußte dieser Angelegenheit sofort nachgehen. Hastig stand er auf und ging zur Tür.

 

»Wir werden uns später noch weiter unterhalten, Mr. Gold.«

 

Der Beamte nickte. Er sah ihn mit einem so triumphierenden Blick an, daß Helder nur noch unruhiger wurde.

 

»Tiger, strengen Sie Ihr Gedächtnis an!« sagte Helder.

 

Er hatte seinen Komplicen im Hyde Park getroffen, und sie schlenderten zusammen in der Richtung nach Kensington Gardens. Ein leichter Regen fiel, und wenige Spaziergänger begegneten ihnen.

 

»Berichten Sie mir genau«, fuhr Helder fort, »unter welchen Umständen die französischen Banknoten gedruckt wurden.«

 

»Was soll damit los sein?« brummte Tiger und erklärte ihm, wer die Platten gemacht hatte und wieviel Scheine an jedem Tag produziert worden waren.

 

»Hat die Banknoten außer Ihnen jemand in der Hand gehabt?«

 

Tiger verneinte.

 

»Ich habe sie aus der Maschine genommen und fortgeschickt.«

 

»Hat sie wirklich nie jemand anders in die Finger bekommen?« Helder war hartnäckig.

 

Tiger Brown zögerte.

 

»Einige habe ich allerdings Maple gezeigt. Erinnern Sie sich noch, daß er darum bat, ein paar Scheine aus der Produktion nachprüfen zu dürfen?«

 

»Das weiß ich«, entgegnete Helder nachdenklich. »War er allein, als er sie untersuchte?«

 

»Ja, dabei hat ihm niemand zugesehen.«

 

»Und später wurden ihm die Banknoten wieder abgenommen?«

 

»Ich habe sie selbst wieder geholt und mit der ersten Auslieferung fortgeschickt. Gerade bei diesen Scheinen, die Maple selbst untersucht hatte, war ich besonders sicher, daß sie einwandfrei waren.«

 

»Wieviel Banknoten haben Sie Maple gegeben?«

 

»Zwölf Stück.«

 

Helder fluchte grimmig vor sich hin.

 

»Genausoviel wie in der Zeitungsannonce«, knurrte er. »Wenn Maple uns da einen Streich gespielt hat, dann gnade ihm Gott!«

 

Aber was hätte Maple mit den Banknoten denn anfangen können? Er dachte lange und angestrengt nach, ohne zu einem Ergebnis zu kommen. Sicher war auf jeden Fall, daß Gold einen ganz bestimmten Grund gehabt hatte, sich über die Banknote, die ihm Mrs. Collak gebracht hatte, so zu freuen.

 

Helder nahm ein Taxi und fuhr mit Tiger Brown zu seiner Wohnung. Während Tiger einen Whisky trank, setzte sich Helder an den Schreibtisch und schrieb in größter Eile etwa ein Dutzend Telegramme. Sie waren an Adressen in den verschiedensten Teilen Europas und Amerikas gerichtet und alle in einem Geheimkode abgefaßt. Als er fertig war, händigte er die Formulare Tiger Brown ein.

 

»Bringen Sie die Telegramme. sofort zur Post und erwarten Sie mich in ungefähr einer Stunde am Haupteingang zum Finsbury Park.«

 

Zu der verabredeten Zeit hielt ein schwerer Wagen am Parkeingang, und Brown stieg ein.

 

Es war dunkel geworden, als sie den Privatweg erreichten.

 

Als Gold mit Mrs. Granger Collak allein war, verlor er keine Zeit. Er erklärte ihr in kurzen Worten, was er selbst wußte. Von dem Verschwinden Comstock Bells hatte sie natürlich in den Zeitungen gelesen, aber sie wußte noch nicht, daß man versuchte, ihn mit Fälschungen in Verbindung zu bringen.

 

Gold besaß Menschenkenntnis genug, um zu wissen, daß er dieser Frau, die außerdem Comstock Bell sehr viel zu verdanken hatte, unbedingt trauen durfte.

 

Er zündete einen kleinen Gasofen an und ließ sich von seinem Diener ein Kännchen mit Milch bringen. Dann nahm er ein Vergrößerungsglas und zeigte Mrs. Collak die feinen Schriftzüge auf der Rückseite der Banknote.

 

»Milch anwenden?« fragte sie verblüfft. »Was, um Himmels willen, hat denn Milch mit der Sache zu tun?«

 

»Das werden wir gleich sehen«, entgegnete Gold.

 

Er legte die Banknote in die flache Schüssel und goß die Milch darüber. Nach einigen Minuten nahm er sie wieder heraus, ließ sie abtropfen und trocknete sie an dem Gasofen.

 

Schweigend beobachtete sie ihn, bis er aufstand und ihr den Geldschein auf der flachen Hand entgegenhielt.

 

»Nun?« fragte sie.

 

Auf der Rückseite der Note waren wie durch Zauberei einige Schriftzeilen erschienen. Sie lasen sie gemeinsam, und Gold griff gleich darauf nach dem Telefonhörer.

 

»Jetzt ist die Sache klar«, sagte er, als sie vor der Haustür auf den Wagen warteten, der die Beamten von Scotland Yard bringen sollte. »Übrigens ist diese Art von Geheimschrift eine längst bekannte, primitive Angelegenheit – Sie nehmen eine neue Schreibfeder, feuchten sie mit Speichel an und schreiben damit auf ein Stück Papier. Die Schrift bleibt unsichtbar, bis man das Papier in Milch legt und dann vor dem Feuer trocknen läßt. Ist das nicht ein feiner Trick?«

 

Helder und Brown hatten die Farm erreicht und klopften an die Tür. Es dauerte lange, bevor der Riegel zurückgeschoben wurde. Clinker erklärte die Verzögerung.

 

»Maple geht es sehr schlecht«, sagte er brummig.

 

»Kann sein, es geht ihm bald noch viel schlechter«, entgegnete Helder bedeutungsvoll.

 

Zusammen mit den anderen ging er schnell in das Zimmer, wo Maple halb angezogen auf dem Bett lag: Sein Gesicht war kreidebleich und verzerrt, die Augen eingesunken und die Lippen blau angelaufen. Mit einem gleichgültigen Blick sah er Helder an, ohne ein Wort zu sagen.

 

»Seit wann liegt er schon so da?« fragte Helder, dem klar wurde, daß Maple nicht mehr lange zu leben hatte.

 

»Seit gestern abend. Sein Zustand muß damit zusammenhängen, daß er tatsächlich zu saufen aufgehört hat – eine Entziehungserscheinung.«

 

Helder setzte sich auf einen Hocker neben das Bett.

 

»Maple«, sagte er grob, »erinnern Sie sich noch an die französischen Banknoten, die Sie untersuchten, bevor sie fortgeschickt wurden? Was haben Sie damit gemacht?«

 

Maple bewegte seine Hand – eine Geste, die besagen sollte, daß diese Dinge für ihn kein Interesse mehr hatten.

 

»Was haben Sie damit gemacht?« wiederholte Helder. »Ich muß es wissen, verstanden!«

 

Er beugte sich über das Bett und schüttelte den Schwerkranken mit aller Kraft. Auch jetzt hielt Maple die Lippen fest zusammengepreßt.

 

»Ich werde …!« schrie Helder rasend vor Wut.

 

In diesem Augenblick packte ihn Tiger Brown, der bisher schweigend dabeigestanden hatte, am Arm.

 

»Ruhig – ein Auto …«, flüsterte er. Sie lauschten und hörten deutlich Motorengeräusch.

 

»Schnell nach unten«, zischte Brown.

 

Sie liefen die Treppe hinunter und schlichen sich an die Haustür. Der Wagen hielt, jemand schritt auf die Tür zu und klopfte energisch dagegen.

 

Eine Zeitlang Stillschweigen, dann hörten sie eine klare Stimme: »Öffnen Sie – im Namen des Gesetzes!«

 

Brown wich zurück.

 

»Die Polizei!«, sagte er leise und schaute, sich nach einem Ausweg um.

 

Helder war der einzige, der den Kopf nicht verlor. Sein Wagen stand in dem großen Geräteschuppen hinter dem Gebäude. Leise liefen sie in die Küche, an die sich der Schuppen anschloß, und spähten durchs Fenster hinaus. Niemand war zu sehen. Geräuschlos öffneten sie die Hintertür und waren mit einigen Sätzen in dem Schuppen und im Auto.

 

Natürlich war sich Helder im klaren darüber, daß die Polizei hinter ihm her sein würde, sobald er auf den Anlasser drückte – aber das mußte riskiert werden, einen anderen Weg gab es nicht.

 

Zu seinem Glück sprang der Motor sofort an, er gab Gas, raste über den holperigen Hof zu dem Eingangstor, vor dem der Polizeiwagen parkte, und gleich darauf auf der Straße nach London.

 

Tiger Brown, der mit seiner Pistole in der Hand auf dem Rücksitz kauerte, sah noch, wie die Polizisten zu ihrem Wagen stürzten – es würde ihnen nicht viel nützen, denn Helder hatte schon einen ganz beträchtlichen Vorsprung.

 

Ein grimmiges Lächeln spielte um Helders Mundwinkel. Noch einmal hatte er Glück gehabt – wenn die Polizei jetzt auch alle Beweismittel gegen ihn in Händen hatte. Vor allem mußte er nun versuchen, die eigene Haut zu retten. Sein Plan dazu lag fest.