Vierzehntes Kapitel

Vierzehntes Kapitel

In trübselige Selbstbetrachtung versunken, schlich Tom durch den Heckenweg an Querkopf Wilsons Haus vorbei und weiter, zwischen Zäunen und unbebautem Land, bis zum Gespensterhaus. Dort kehrte er unter vielen Seufzern und mit kummerschwerem Gemüt wieder um. Er sehnte sich nach fröhlicher Gesellschaft. Sollte er zu Rowena gehen? Das Herz hüpfte ihm im Leibe bei dem Gedanken, aber gleich darauf verging ihm die Lust, denn er fürchtete, den verhaßten Zwillingen zu begegnen.

Als er sich jetzt der bewohnten Seite von Wilsons Hause näherte, bemerkte er, daß drinnen im Zimmer Licht brannte. Das war doch ein Hoffnungsstrahl. Andere Leute ließen es ihn bisweilen fühlen, daß er nicht willkommen sei, aber Wilson behandelte ihn immer rücksichtsvoll. Bei einem höflich verbindlichen Empfang ist man wenigstens vor Kränkung sicher, selbst wenn die Begrüßung nicht gerade herzlich klingt.

Gleich darauf vernahm Wilson Fußtritte vor seiner Schwelle und ein starkes Räuspern. »Das wird wohl der unbesonnene junge Thor sein,« dachte er; »der arme Kerl, er findet heute gewiß wenig Ansprache, nachdem er die Dummheit begangen hat, einen Fall thätlicher Beleidigung vor Gericht zu bringen.«

Es ward schüchtern angeklopft. »Herein!«

Tom trat ins Zimmer und sank ohne ein Wort zu sagen auf den nächsten Stuhl.

»Du siehst ja ganz verzweifelt aus, mein Junge,« redete ihn Wilson freundlich an. »Nimm dir’s nicht so zu Herzen, versuche den Fußtritt zu vergessen.«

»O jemine! das ist es nicht, David,« rief Tom in kläglichem Ton, »sondern ganz etwas anderes. Viel tausendmal schlimmer – ja millionenmal schlimmer als das – du kannst mir’s glauben.«

»Nicht möglich, Tom! Hat etwa Rowena –«

»Mir den Laufpaß gegeben? Nein – aber der Alte ist wütend.«

»Aha,« dachte Wilson, dem das geheimnisvolle Mädchen im Schlafzimmer wieder einfiel, »man wird wohl bei Driscolls hinter seine Schliche gekommen sein!« Dann fuhr er laut mit ernster Miene fort:

»Ich gestehe, daß es Ausschweifungen giebt –«

»Ach was – von Ausschweifungen ist keine Rede. Er verlangte, daß ich mich mit dem verdammten Italiener schlagen sollte und ich weigerte mich.«

»Natürlich mußte er die Sache so ansehen,« sagte Wilson bedächtig; »ich verstehe nur nicht, warum er nicht gleich gestern abend für das Nötige gesorgt hat, und wie er zugeben konnte, daß du einen solchen Fall vor Gericht brachtest, gleichviel ob vor oder nach dem Duell. Das sieht ihm gar nicht ähnlich. Wie ist es nur zugegangen?«

»Ganz einfach – er hat keine Silbe davon gewußt. Als ich gestern abend nach Hause kam, schlief er schon.«

»Und du hast ihn nicht aufgeweckt? – Wie unrecht war das!«

Also, selbst hier fand Tom nur schlechten Trost. Er rückte unruhig auf dem Stuhl hin und her. »Ich konnte es nicht über mich bringen, es ihm zu sagen. Er ging bei Tagesanbruch mit Pembroke Howard auf den Fischfang, und ich dachte, man würde die Zwillinge ins Loch stecken. Daß sie für solche Niederträchtigkeit mit einer lumpigen Geldstrafe fortkämen, hätte ich mir nicht träumen lassen. Warf man sie aber ins Stadtgefängnis, so waren sie entehrt, und ein Duell mit solchen Leuten würde Onkel weder von mir gefordert noch überhaupt gestattet haben.«

»Wahrhaftig, Tom, ich muß mich in deiner Seele schämen! Wie hast du nur so gegen deinen guten alten Onkel handeln können? Da meine ich’s doch weit besser mit ihm als du. Wäre ich über alle Umstände unterrichtet gewesen, so würde ich dafür gesorgt haben, daß die Sache nicht vor Gericht kam, bis ich sie ihm gemeldet hatte, damit er standesgemäß verfahren konnte.«

»Ist das dein Ernst?« rief Tom mit lebhafter Ueberraschung. »Und es war doch dein erster Rechtsfall; auch weißt du sehr wohl, daß Onkel überhaupt nicht vor Gericht gegangen wäre. Dann hättest du noch lange auf einen Prozeß warten können. Und trotzdem hättest du das wirklich gethan?«

»Ganz gewiß.«

Tom sah ihn eine Weile an, dann schüttelte er mitleidig den Kopf.

»Meiner Treu, du wärst es imstande gewesen. Querkopf Wilson, ich glaube wahrhaftig, du bist der thörichtste Mensch, der mir je vorgekommen ist.«

»Sehr verbunden.«

»Keine Ursache.«

»Also, dein Onkel hat verlangt, du sollst dich mit dem Italiener schlagen und du willst nicht! Du entarteter Sprößling eines ehrenwerten Stammes, schämst du dich denn gar nicht?«

»O, das ist mir alles ganz einerlei, nun das Testament zerrissen ist.«

»Sage mir die Wahrheit, Tom – hat Herr Driscoll sonst keinen Grund zur Unzufriedenheit mit dir, als daß du aufs Gericht gegangen bist und dich nicht schlagen willst?«

Bei dieser Frage beobachtete Wilson den jungen Menschen genau, aber Tom verzog keine Miene und entgegnete gelassen:

»Nein, er hat keine andere Klage gegen mich, sonst wäre er gestern damit herausgerückt, denn er war in nichtswürdiger Laune. Er hatte die beiden Hansnarren in der Stadt herumkutschiert, um ihnen alle Sehenswürdigkeiten zu zeigen, und als er nach Hause kam, konnte er seines Vaters alte, silberne Uhr nicht finden, die immer nachgeht und auf die er so große Stücke hält. Er hatte sie zuletzt vor drei oder vier Tagen in der Hand gehabt und wußte nicht, wo sie hingeraten sein könne. Als ich dazu kam, war er schon in großer Aufregung und wurde ganz wütend über meine Aeußerung, daß sie wahrscheinlich nicht verlegt, sondern gestohlen wäre. Er nannte mich einen Dummkopf, was mir ein Beweis war, daß er selbst schon an die Möglichkeit gedacht hatte, aber es sich nicht eingestehen wollte, weil bei verlorenen Sachen eher eine Wahrscheinlichkeit ist, daß sie sich wiederfinden, als bei gestohlenen.«

Wilson pfiff vor sich hin. »Da kommt also noch einer auf die Liste.«

»Noch einer – was für einer?«

»Noch ein Diebstahl.«

»Ein Diebstahl?«

»Jawohl. Die Uhr ist nicht verloren, sie ist gestohlen. In der Stadt ist wieder ein förmlicher Raubzug gehalten worden, ganz auf dieselbe geheimnisvolle Art, wie schon früher einmal.«

»Unmöglich!«

»Es steht felsenfest. Hast du selbst gar nichts vermißt?«

»Nein. Das heißt, ich konnte meinen silbernen Bleistifthalter nicht finden, den ich von Tante Pratt zum letzten Geburtstag geschenkt bekam –«

»Der ist gewiß gestohlen, du sollst es sehen.«

»Bewahre! Als mein Onkel so böse wurde, weil ich sagte, die Uhr wäre gestohlen, ging ich in mein Zimmer hinauf und sah nach meinen Sachen. Da fehlte mir der Bleistifthalter, aber ich hatte ihn nur verlegt und fand ihn wieder.«

»Und sonst vermissest du wirklich nichts?«

»Wenigstens nichts von Belang. Ein einfacher Goldring, der etwa drei Dollars wert ist, war mir verschwunden, aber er wird gewiß bald zum Vorschein kommen, wenn ich noch einmal nachsehe.«

»Ich bin überzeugt, daß du ihn nicht wiederfindest. Der Dieb hat ihn gestohlen. – Herein!«

Der Friedensrichter Robinson, Buckstone und Jim Blake, der städtische Polizeibeamte, traten ins Zimmer. Nachdem sie Platz genommen hatten, drehte sich die Unterhaltung eine Zeitlang zweck- und ziellos um das Wetter und ähnliches, bis Wilson sagte:

»Denken Sie sich, die Liste der Diebstähle, die in unserer Stadt begangen worden sind, hat sich abermals um zwei vermehrt. Herrn Driscolls alte silberne Uhr ist verschwunden, und Tom sagt mir eben, daß er einen goldenen Ring vermißt.«

»Es ist eine abscheuliche Geschichte,« meinte Robinson, »die mit jedem Tage schlimmer wird. Bei den Hankses, den Dobsons, den Pelligrews, den Ortons, den Grangers, den Hales, den Füllers, den Holcombs, kurz, bei sämtlichen Leuten, die in Patsy Coopers Nachbarschaft wohnen, ist allerlei entwendet worden. Theelöffel, Schmuckgegenstände und sonstige Wertsachen, die sich leicht mitnehmen lassen. Es liegt auf der Hand, daß der Dieb die Gelegenheit benützt hat, um die unbewachten Häuser zu plündern, als alle Welt bei dem Empfang war, und die Neger am Zaun herumlungerten, weil sie auch etwas zu sehen bekommen wollten. Patsy ist ganz trostlos darüber, um der Nachbarn willen und besonders auch wegen ihrer fremden Mieter. Vor Kummer über den Schaden der andern findet sie kaum Zeit, ihre eigenen Verluste zu beklagen.«

»Wir haben es ohne Zweifel noch immer mit dem alten Dieb von neulich zu thun,« sagte Wilson.

»Konstabler Blake ist anderer Meinung.«

»Und ich habe recht,« sagte Blake. »Bei den früheren Malen war es ein Mann; das weiß die Polizei aus sicheren Anzeichen, obgleich sie seiner nicht habhaft geworden ist, aber diesmal ist’s eine Frau.«

Wilson mußte sogleich wieder an das geheimnisvolle Mädchen denken, das ihm fortwährend im Sinne lag; es war jedoch von einer andern Person die Rede.

»Jawohl,« fuhr Blake fort, »eine alte Frau mit krummem Rücken und einem Deckelkorb am Arm. Sie ist ganz schwarz gekleidet und hat einen dichten Schleier vorgebunden. Gestern sah ich sie in das Fährboot steigen; sie wird wohl in Illinois zu Hause sein. Mag sie aber wohnen, wo sie will, ich werde sie schon ausfindig machen, davor ist mir nicht bange.«

»Wie kommen Sie denn darauf, sie für die Diebin zu halten?«

»Nun, erstens habe ich sonst niemand im Verdacht und zweitens hat mir ein Karrenmann, ein Neger, der gerade des Weges fuhr, gesagt, er hätte sie in verschiedene Häuser hineingehen sehen, und in jedem von diesen Häusern war gestohlen worden.«

Gegen diese schlagenden Beweise fand niemand etwas einzuwenden. Alle schwiegen eine Weile nachdenklich, dann sagte Wilson:

»Ein Gutes ist doch dabei. Den kostbaren indischen Dolch des Grafen Luigi kann die Diebin weder verkaufen noch versetzen.«

»Du meine Güte,« rief Tom, »ist der auch gestohlen?«

»Jawohl.«

»Das nenne ich einen guten Fang! Aber weshalb kann sie das Messer weder verkaufen noch versetzen?«

»Weil die Zwillinge ihren Verlust überall den Pfandleihen: und der Polizei angezeigt haben. Als sie gestern abend von der Versammlung der ›Freiheitssöhne‹ zurückkamen, waren inzwischen eine Menge Diebereien ruchbar geworden und Tante Patsy war außer sich vor Sorge, es möchte ihnen auch etwas abhanden gekommen sein. Sie entdeckten auch gleich, daß das Dolchmesser verschwunden war. Der Fang war wohl gut, aber der alten Frau kann er wenig nützen, weil man sie ohne Frage festnehmen wird.«

»Ist denn eine Belohnung ausgesetzt worden?« fragte Buckstone.

»Ja, fünfhundert Dollars für Rückgabe des Messers und außerdem noch fünfhundert für Einbringung des Diebes.«

»Was für eine dumme Idee,« rief der Konstabler. »Der Dieb wird sich wohl hüten, jemand mit dem Dolch zu schicken oder ihn selbst zurückzubringen, um sich erwischen zu lassen. Und welcher Pfandleiher würde sich wohl nicht die Gelegenheit zu nutze machen – –«

Niemand beobachtete Tom in diesem Augenblick, sonst hätte die aschgraue Farbe seines Gesichts jedem auffallen müssen. »Ich bin verloren,« dachte er verzweiflungsvoll. »Wie soll ich meine Schulden bezahlen? Für meine übrige Beute bekomme ich kaum die Hälfte der Summe. Ich weiß weder aus noch ein – ich bin rettungslos zu Grunde gerichtet und zwar auf immer. Was fange ich nur an?«

»Urteilen Sie nur nicht zu schnell,« sagte Wilson zu Blake. »Ich habe selbst gestern um Mitternacht einen Plan für die Zwillinge ersonnen; um zwei Uhr morgens war er fix und fertig. Die Eigentümer werden ihr Dolchmesser zurückbekommen, und dann sollen Sie, Herr Blake, auch erfahren, wie wir es bewerkstelligt haben.«

Diese Aeußerung erregte große Neugier.

»Spannen Sie uns doch nicht so auf die Folter, Wilson!« sagte Buckstone. »Ich gestehe, es wäre mir sehr lieb, wenn Sie uns im Vertrauen mitteilen wollten – –«

»Das würde ich gern thun, hätte ich nicht mit den Zwillingen verabredet, daß wir den Plan geheim halten wollen. Aber, verlassen Sie sich darauf, es wird nicht drei Tage dauern, bis sich jemand um die Belohnung bewirbt. Dann sollen Sie sowohl den Dieb als das Messer zu sehen bekommen.«

Dem Konstabler ging die Sache sehr im Kopfe herum. »Wir wollen’s hoffen,« sagte er enttäuscht; »möglich wäre es ja am Ende. Aber, wie Sie’s anstellen wollen, weiß ich wirklich nicht, das geht über mein Verständnis.«

Etwas weiteres schien nun niemand mehr über den Gegenstand sagen zu wollen. Das Gesprächsthema war erschöpft. Nachdem alle eine Weile geschwiegen hatten, kündigte der Friedensrichter dem erstaunten Wilson an, daß er sowohl wie Buckstone und der Konstabler, Bevollmächtigte der demokratischen Partei seien und gekommen wären, um ihn zu bitten, bei der bevorstehenden Bürgermeisterwahl als Kandidat aufzutreten. Noch nie zuvor war Wilson überhaupt von irgend welcher Partei einer Aufmerksamkeit gewürdigt worden; so betrachtete er denn den gegenwärtigen Antrag als einen Schritt vorwärts, als eine Anerkennung seines ersten öffentlichen Auftretens und war hoch erfreut, daß er sich endlich an den städtischen Arbeiten und Angelegenheiten beteiligen sollte. Er nahm die Kandidatur mit Dank an: die Abgesandten entfernten sich wieder, und Tom Driscoll folgte ihnen.

Erstes Kapitel.

Erstes Kapitel.

Im Staate Missouri, auf dem rechten Ufer des Mississippi, liegt die Stadt, welche der Schauplatz dieser Geschichte ist. Sie heißt Dawson, und man muß von St. Louis bis dahin noch sechs Stunden mit dem Dampfboot stromabwärts fahren.

Der Ort bestand im Jahre 1830 aus einer Anzahl freundlicher ein- oder zweistöckiger, weißgetünchter Häuser, die über und über mit einem Gewirre von Schlingrosen, Jelängerjelieber und vielfarbigen Winden bedeckt waren. Zu jeder dieser hübschen Heimstätten gehörte auch ein Vorgärtchen mit weiß angestrichenem Staketenzaun. Dort blühten Goldlack, Stockrosen, Federnelken, Balsaminen und anders altmodische Blumen in üppiger Fülle, während auf den Fensterbrettern Holzkästen mit Moosrosen prangten und Geranien in Blumentöpfen ihr feuriges Rot mit der zarteren Farbe der Schlingrosen mischten, die an der Mauer in die Höhe kletterten. Wenn draußen auf dem Blumenbrett neben Kästen und Töpfen noch Raum war, so lag – falls die Sonne schien – sicher eine Katze da. Lang ausgestreckt, schlief sie in wohligem Behagen mit einer Pfote an der Nase und wärmte sich den weichen Pelz. Dies war der offenkundigste Beweis und ein unfehlbares Zeichen, daß in dem Hause Glück und Zufriedenheit wohnten; natürlich mußte die Katze aber gut gefüttert, wohl versorgt und in Ehren gehalten sein. Eine Familie, die sich keine Katze hält, kann in vollkommener Gemütlichkeit leben, aber welches Mittel hat sie, es vor der Welt kund zu thun?

Auf beiden Seiten war der gepflasterte Bürgersteig in der ganzen Länge der Straßen am äußeren Rand mit Akazien eingefaßt, deren Stämme eine hölzerne Schutzvorrichtung hatten. Die Bäume spendeten im Sommer Schatten und im Frühling süßen Duft, wenn sie ihre reichen Blütensträuße aufthaten. Das Geschäftsleben der Stadt beschränkte sich ganz auf die Hauptstraße, die etwas vom Fluß entfernt, mit diesem in gleicher Richtung lief. In jedem ihrer Häuserviertel ragten zwei oder drei mehrstöckige, steinerne Warenhäuser hoch über die aus Holz gebauten, dazwischen liegenden Kaufläden empor. Erhob sich ein Windstoß, so wurden die schwingenden Aushängeschilder längs der ganzen Straße knarrend hin- und herbewegt. Die blau und weiß gestreifte schräge Stange mit dem Becken, war das Abzeichen der Barbierläden in Dawson, und an einer Ecke stand hoch aufgerichtet ein unangestrichener Pfahl, der von oben bis unten mit allerlei Blechwaren, Töpfen, Tiegeln und Pfannen bekränzt war, die im Winde laut klapperten, um anzuzeigen, daß hier der erste Klempner der Stadt sein Geschäft betrieb.

Das klare Wasser des Stromes bespülte die vordersten Häuser des Ortes, welcher sich dann einen Abhang hinaufzog und sich immer weiter zerstreute. Die letzten Gebäude reichten bis an den Fuß der steil emporragenden Berge, die bis zum Gipfel dicht bewaldet waren und die Stadt im Halbkreis umgaben.

Viele Dampfboote kamen etwa jede Stunde stromaufwärts und -abwärts vorbeigefahren. Die Schiffe der kleinen Cairo- und der kleinen Memphislinie legten immer an, aber die großen Dampfer von New-Orleans hielten nur gelegentlich, um Grüße zu tauschen oder Passagiere und Frachtgüter aufzunehmen. Ebenso machten es die zahlreichen Fahrzeuge, die von rechts und links aus den Nebenflüssen kamen – aus dem Illinois, dem Missouri, dem oberen Mississippi, dem Ohio, dem Monongahela, dem Tennessee, dem Roten Fluß, dem Weißen Fluß und wie sie alle heißen. Diese Dampfer waren nach den verschiedensten Orten unterwegs und versorgten mit ihrer Ladung sämtliche Gemeinwesen am Ufer des Mississippi. Durch ein neunfach wechselndes Klima, von den nördlichen Fällen bei St. Anthony, bis in das glühend heiße New-Orleans hinunter, brachten sie allen Anwohnern, was zu ihrer Notdurft und jeder nur erdenklichen Bequemlichkeit erforderlich war.

Die Bewohner von Dawson hielten sich Sklaven, welche die einträgliche Schweinezucht besorgen und das fruchtbare Getreideland ringsum bebauen mußten. Es war eine ruhige, wohlhäbige und zufriedene Stadt, vor fünfzig Jahren erbaut und in zwar langsamem, aber stetigem Wachstum begriffen. Ihr angesehenster Bürger, Jork Leicester Driscoll, zählte etwa vierzig Jahre und war Richter am Bezirksgericht. Stolz auf seine vornehme, altvirginische Abkunft, strebte er stets, es seinen Vorfahren gleich zu thun, nicht nur in betreff der Gastlichkeit, sondern auch durch sein etwas förmliches, würdevolles Wesen. Er war freigebig und gerecht, auch genoß er die größte Hochachtung und Liebe seiner Mitbürger. Sein ganzes Trachten ging dahin, ein Edelmann zu sein ohne Furcht und Tadel. Das war seine einzige Religion, der er unverbrüchlich treu blieb. Von Haus aus wohlhabend, vermehrte er seinen Besitz noch mit der Zeit, und es fehlte ihm und seiner Frau nur eines, um ganz glücklich zu sein: sie hatten keine Kinder. Je mehr Jahre dahinflossen, um so sehnlicher wünschten sie einen solchen Schatz ihr eigen zu nennen, aber der Segen blieb aus und ihr Verlangen ward nicht erfüllt.

Im Hause dieses Ehepaares lebte noch Frau Rahel Pratt, Herrn Driscolls verwitwete Schwester, gleichfalls kinderlos und tief bekümmert darüber. Die Frauen waren gute einfache Menschen, die ihre Pflicht thaten und ihren Lohn in einem ruhigen Gewissen und der Anerkennung ihrer Gemeindegenossen fanden. Sie gehörten zur presbyterianischen Kirche, während der Richter ein Freidenker war.

Ein anderer Abkömmling aus einer der ersten Familien von Alt-Virginien war Pembroke Howard, der Rechtsanwalt, etwa vierzigjährig und unverheiratet, ein wackerer, stattlicher Herr, der streng auf Ehre und Ansehen hielt und in aller Höflichkeit bereit war, jeden, der an irgend etwas, das er gesagt oder gethan hatte, den geringsten Anstoß nahm, vor seine Klinge zu fordern oder ihm mit jeder beliebigen Schieß- oder Hiebwaffe Genugthuung zu geben. Er stand bei aller Welt in Gunst und war der beste Freund des Richters.

Ferner erwähnen wir den Oberst Cecil Burleigh Essex, auch einen furchtbar vornehmen Herrn aus den Südstaaten, aber mit ihm haben wir weiter nichts zu schaffen.

Percy Northumberland Driscoll, ein um fünf Jahre jüngerer Bruder des Richters, war verheiratet. Seiner Ehe entsproßten auch mehrere Kinder, die aber leider von Masern, Kroup und Scharlachfieber befallen wurden und dadurch dem Doktor Gelegenheit gaben, seine wirksamen, vorsintflutlichen Arzneimittel anzuwenden. Da wurden die Wiegen wieder leer. Uebrigens war der Bruder des Richters ein wohlhabender Mann, auch ein kluger Kopf in spekulativen Geschäften, und sein Besitzstand wuchs.

Am ersten Februar 1830 wurden in seinem Hause zwei Knäblein geboren, eins gehörte ihm und das andere einer seiner Sklavinnen, der zwanzigjährigen Roxana, meist Roxy genannt. Diese stand schon am selben Tage wieder auf und hatte alle Hände voll zu thun, denn sie mußte beide Neugeborenen versorgen. Frau Percy Driscoll starb, ehe noch eine Woche um war, und die Pflege und Wartung der Kleinen wurde ausschließlich Roxy anvertraut. Sie konnte dabei ganz nach eigenem Gutdünken verfahren, denn Herr Driscoll vertiefte sich bald wieder in seine Geschäftsangelegenheiten und ließ sie thun, was sie wollte.

Im Laufe desselben Monats Februar hatte sich auch ein neuer Einwohner in Dawson niedergelassen. Dies war David Wilson, ein junger Mann von schottischer Abstammung, der aus seiner Geburtsstadt im Staate New-York nach jener abgelegenen Gegend gewandert kam, um sein Glück zu suchen. Er hatte eine höhere Bildungsanstalt durchgemacht und dann noch mehrere Jahre auf einer der Rechtsschulen Neuenglands studiert. Fünfundzwanzig Jahre alt, nicht hübsch, mit sandfarbenem Haar und einem Gesicht voll Sommersprossen, machte er doch einen angenehmen Eindruck. Seine klugen blauen Augen schauten offen und freimütig drein und sie konnten zuweilen recht schalkhaft zwinkern.

Seine Laufbahn in Dawson wäre gewiß gleich beim Anbeginn vom Glück begünstigt gewesen, hätte er nicht schon am ersten Tage eine unselige Bemerkung gemacht, welche die Leute gegen ihn einnahm. Er befand sich eben im Gespräch mit mehreren Bürgern, deren Bekanntschaft er gemacht hatte, als ein unsichtbarer Hund ein so widerwärtiges Gekläff, Geknurre und Geheul begann, daß man sein eigenes Wort kaum verstehen konnte. Da sagte der junge Wilson vor sich hin, wie jemand, der laut zu denken pflegt:

»Wenn mir doch die Hälfte von dem Hund gehörte!«

»Weshalb denn?« fragte einer.

»Damit ich den Teil, der mein wäre, umbringen könnte.«

Die Leute sahen ihm neugierig forschend und ängstlich ins Gesicht, aber sein Ausdruck verriet ihnen nichts – sie fanden keine Erklärung darin. Einer nach dem andern schlich beiseite, als ob es ihm unheimlich würde in Wilsons Nähe. Unter sich kamen sie dann wieder zusammen und besprachen den Vorfall mit einander.

»Der scheint mir ein Narr zu sein,« sagte einer.

»Er ist ein Narr, verlaßt euch drauf,« meinte ein anderer.

»Wie einfältig, zu sagen, er wollte, daß ihm der Hund zur Hälfte gehörte,« fiel der dritte ein. »Was glaubt er denn, der Tropf, daß aus dem Rest des Tieres wird, wenn er seinen Anteil umbringt? Meint er etwa, es wird am Leben bleiben?«

»Natürlich muß er das gedacht haben, sonst wäre er der größte Schafskopf. Hätte er vorausgesehen, daß wenn er seine Hälfte umbrächte, der andere Teil auch stürbe, so müßte er auch wissen, daß man ihn dafür ganz ebenso verantwortlich machen würde, als ob er die fremde Hälfte statt seiner eigenen tot geschlagen hätte. – Nun – habe ich recht oder unrecht?«

»Versteht sich, ganz recht,« erscholl es einstimmig und dann bestätigte jeder einzelne, was er von ihm hielt.

»Meiner Ansicht nach ist der Mensch nicht bei Sinnen,« sprach der erste.

»Jedenfalls hat er einen Knacks,« ließ sich der zweite hören.

Nummer drei sagte: »Ein rechter Einfaltspinsel!«

»Freilich,« bestätigte Nummer vier, »das Muster von einem Hansnarren.«

»Ich halte ihn für einen echten Dämelack,« äußerte Numero fünf. »Wer anderer Meinung ist, dem bleibt es unbenommen, aber, das ist meine Auffassung.«

»Ganz einverstanden, werte Herren,« versicherte Numero sechs. »Ein Esel, wie er im Buche steht. Ja, ich glaube, es ist nicht zu viel behauptet, wenn ich sage, daß er der größte Querkopf ist, den ich im Leben gesehen habe. Ja, ja, – ein Querkopf, wie es keinen zweiten giebt – und dabei bleibt’s.«

So war denn Wilsons Urteil gesprochen. Die Geschichte flog wie ein Lauffeuer durch die Stadt, sie war in aller Munde. Ehe noch eine Woche verging, hatte er seinen Taufnamen verloren und hieß statt dessen nur noch der ›Querkopf‹. Mit der Zeit wurde er allgemein geschätzt und beliebt, aber der Spitzname hatte sich schon so fest eingenistet, daß er ihn nicht wieder los wurde. Er war nun einmal von Anfang an für einen Narren erklärt worden und der Spruch ließ sich weder drehen noch wenden. Zwar hatte die Bezeichnung bald keine feindselige oder unfreundliche Bedeutung mehr, aber sie haftete ihm dauernd an, volle zwanzig Jahre lang.

Neuntes Kapitel.

Neuntes Kapitel.

Der Kummer ist sich selbst genug; aber um eine Freude voll und ganz zu genießen, muß man jemand haben, mit dem man sie teilen kann.

Querkopf Wilsons Kalender.

Wir fuhren mit dem Nachtzug von Bombay nach Allahabad. In Indien ist es Landessitte, das Reisen am Tage möglichst zu vermeiden; dabei ist nur der Uebelstand, daß man sich zwar die beiden Sofas ›sichern‹ kann, wenn man sie vorausbestellt, aber man erhält keinerlei Fahrkarte oder Marke, durch welche man sein Eigentumsrecht zu beweisen vermag, falls dasselbe in Zweifel gezogen wird. Das Wort ›besetzt‹ erscheint am Fenster des Coupés, aber für wen weiß niemand. Kommt mein Satan mit meinem Barney an, ehe ein anderer Diener zur Stelle ist, legen sie meine Betten auf die beiden Sofas und stehen Wache bis wir eintreffen, dann geht alles gut. Verlassen sie aber den Posten um eine Besorgung zu machen, so können sie bei der Rückkehr finden, daß unsere sämtlichen Bettstücke auf die oberen Schlafbretter befördert worden sind, und ein paar andere Dämonen das Lager ihrer Herren auf unsern Sofas bereitet haben, vor denen sie Wache halten.

Dieses System lehrt uns Höflichkeit und Rücksicht üben, doch gestattet es auch unberechtigte Uebergriffe. Ein junges Mädchen pflegt einer älteren Dame, wenn diese später kommt, den Sofaplatz einzuräumen, den die Dame meist mit freundlichem Danke annimmt. Aber bisweilen geht es dabei auch anders zu. Als wir im Begriff waren Bombay zu verlassen, lagen die Reisetaschen meiner Tochter auf ihrem Sofaplatz. Da kam im letzten Augenblick eine amerikanische Dame mittleren Alters in das Coupé gestürmt, hinter ihr die mit dem Gepäck beladenen eingeborenen Träger. Sie schalt, brummte, knurrte und versuchte sich möglichst unausstehlich zu machen, was ihr auch gelang. Ohne ein Wort der Erklärung warf sie Reisekorb und Tasche meiner Tochter auf das obere Brett und pflanzte sich breit auf das Sofa hin. Bei einem unserer Ausflüge verließen wir, Smythe und ich, auf einer Station unser Coupé, um etwas auf und ab zu gehen; als wir zurückkamen, fanden wir Smythes Betten im Hängebrett, und ein englischer Kavallerie-Offizier lag lang und bequem ausgestreckt auf dem Sofa, wo Smythe noch soeben geschlafen hatte.

Es ist abscheulich, daß dergleichen unsereinem Spaß bereitet, aber wir sind nun einmal so geschaffen. Wäre das Mißgeschick meinem ärgsten Feinde zugestoßen, es hätte mir kein größeres Vergnügen machen können. Wir freuen uns alle, wenn es andern Leuten schlecht geht, ohne daß wir Unbequemlichkeiten davon haben. Smythes Aerger machte mich so glücklich, daß ich gar nicht einschlafen konnte, weil ich mich in Gedanken zu sehr daran ergötzte. Er glaubte natürlich, der Offizier hätte den Raub selber begangen, während ihn der Diener zweifellos ohne Wissen seines Herrn ausgeführt hatte. Den Groll über diesen Vorfall bewahrte Smythe getreulich im Herzen; er schmachtete nach einer Gelegenheit, sich dafür an irgend jemand schadlos zu halten, und dies Verlangen ward ihm bald darauf in Kalkutta erfüllt. Von dort unternahmen wir eine vierundzwanzigstündige Fahrt nach Dardschiling. Da aber der Generaldirektor Barclay alle Vorkehrungen getroffen hatte, damit wir es unterwegs recht bequem haben sollten – wie Smythe versicherte – so beeilten wir uns nicht allzusehr auf den Zug zu kommen. Im Bahnhof herrschte, wie gewöhnlich in Indien, ein entsetzliches Gewühl, ein unbeschreiblicher Lärm und Wirrwarr. Der Zug war übermäßig lang, denn sämtliche Eingeborene des Landes reisten irgendwohin; die Bahnbeamten wußten nicht, wo ihnen der Kopf stand und wie sie alle die aufgeregten Leute, die sich verspätet hatten, noch unterbringen sollten. Wo das für uns bestimmte Coupé war, konnte uns niemand sagen; keiner hatte Befehl erhalten dafür zu sorgen. Das war eine große Enttäuschung, auch hatte es ganz den Anschein als würde die Hälfte unserer Gesellschaft zurückbleiben müssen; da kam Satan spornstreichs angerannt, um zu melden, daß er ein Coupé gefunden habe, in dem noch ein Hängebrett und ein Sofa leer waren. Dort hatte er unser Gepäck hineingeschafft und uns das Lager bereitet. Wir stiegen eilends ein. Der Zug war gerade im Fortfahren, und die Schaffner schlugen eine Waggontür nach der andern zu, als ein Beamter des ostindischen Zivildienstes, unser guter Freund, atemlos gelaufen kam. »Ueberall habe ich nach Ihnen gesucht,« rief er. »Wie kommen Sie hierher? Wissen Sie denn nicht –«

Indem fuhr der Zug ab, und der Schluß des Satzes entging uns. Jetzt kam für Smythe die Gelegenheit seinen Racheplan auszuführen. Er nahm sofort seine Betten vom Schlafbrett, tauschte sie gegen diejenigen aus, welche herrenlos auf dem Sofa mir gegenüber lagen und begab sich seelenvergnügt zur Ruhe. Gegen zehn Uhr nachts hielten wir irgendwo und ein großer Engländer, der wie ein hoher Militär aussah, stieg bei uns ein. Wir taten, als schliefen wir. Trotz der verdunkelten Lampen war es aber hell genug, daß wir sehen konnten, welche Ueberraschung sich in seinen Zügen malte. Hoch aufgerichtet stand er da, starrte sprachlos auf Smythe herab und versuchte die Lage der Dinge zu begreifen. Nach einer Weile sagte er:

»Nein, so was!« – weiter nichts.

Aber es war mehr als genug und leicht verständlich. Es sollte heißen: »So was ist doch unerhört! Eine solche Unverschämtheit ist mir mein Lebtag noch nicht vorgekommen.«

Er setzte sich auf seinen Koffer; wir aber schielten wohl zwanzig Minuten lang mit halbgeschlossenen Augen zu ihm hinüber und beobachteten, wie ihn die Bewegung des Zuges rüttelte und schüttelte. Sobald wir an eine Station kamen, erhob er sich; wir hörten ihn noch im Fortgehen murmeln: »Ich muß ein leeres Sofa finden, sonst warte ich bis zum nächsten Zuge!«

Bald darauf kam sein Diener, um das Gepäck zu holen.

So war denn Smythes alte Wunde geheilt und sein Rachdurst gestillt. Aber schlafen konnte er ebensowenig wie ich; unser Wagen war ein ehrwürdiger, alter Kasten voller Schäden und Gebrechen. Die Tür ins Waschkabinett zum Beispiel schlug fortwährend an und spottete aller unserer Bemühungen sie zu befestigen. Als der Morgen dämmerte, standen wir wie zerschlagen auf, um eine Tasse Kaffee zu trinken. Auch jener Engländer war auf der Station ausgestiegen und wir hörten, wie jemand zu ihm sagte:

»Also haben Sie Ihre Fahrt doch nicht unterbrochen?«

»Nein,« lautete die Antwort, »der Schaffner konnte mir ein Coupé anweisen, das zwar bestellt aber nicht besetzt worden war. Ich bekam einen großen Salonwagen für mich ganz allein, wahrhaft fürstlich, versichere ich Ihnen. Ein solcher Glücksfall ist mir noch nie begegnet.« Natürlich war das unser Wagen. Wir siedelten sogleich mit der ganzen Familie dahin über. Den Herrn Engländer lud ich jedoch ein zu bleiben, was er auch annahm. Ein sehr liebenswürdiger Mann, Oberst bei der Infanterie. Daß Smythe ihm sein Lager geraubt hat, erfuhr er nicht; er glaubt, Smythes Diener hätten es ohne Wissen seines Herrn getan. Man half ihm zu dieser Ueberzeugung und störte ihn nicht darin.

In Indien werden die Züge ausschließlich von Eingeborenen bedient, auch alle Stationsbeamten – außer an Hauptplätzen – sind Eingeborene, desgleichen die Polizisten und die Angestellten im Post- und Telegraphendienst. Lauter sehr freundliche und gefällige Leute. Eines Tages war ich aus dem Schnellzug gestiegen, um mich mit Entzücken an dem Schauspiel zu werden, das jede große Station in Indien bietet. Die bunten Scharen der Eingeborenen, welche auf dem breiten Perron rastlos durcheinander wirbelten, fesselten mich dergestalt, daß ich alles andere darüber vergaß. Als ich mich umwandte sah ich, daß mein Zug soeben zum Bahnhof hinausfuhr. Ich wollte mich ruhig hinsetzen, um den nächsten Zug abzuwarten, wie ich es zu Hause getan hätte; an eine andere Möglichkeit dachte ich nicht. Da trat ein eingeborener Beamter, der eine grüne Flagge in der Hand hielt, höflich auf mich zu: »Wollten Sie nicht mit dem Zuge weiter?« fragte er.

Als ich dies bejahte, ließ er seine Flagge wehen, der Zug kam zurück, und er half mir mit solcher Ehrerbietung einsteigen, als wäre ich der Generaldirektor selber gewesen. Ein gutherziges Volk, diese Hindus! Unfreundliche, mürrische Mienen, welche Bosheit und schlechte Gemütsart verraten, sind eine solche Seltenheit, daß es mir oft vorkam, als müsse ich die Mordgeschichten der Thugs geträumt haben. Freilich wird es auch unter den Indern schlechte Menschen geben, aber jedenfalls in großer Minderzahl. Eins ist gewiß: es ist das interessanteste Volk in der ganzen Welt und dabei unerklärlich und unbegreiflich in seinem Wesen wie kein anderes. Sein Charakter, seine Geschichte, seine Religion, seine Sitten sind voller Rätsel, die nur noch unverständlicher werden, wenn man uns Aufschluß darüber gibt. Weshalb und auf welche Weise so seltsame Dinge wie die verschiedenen Kasten, die Thugs, die Suttis entstanden sein können, geht über unsere Begriffe.

Für die Sitte der Witwenverbrennung hat man zum Beispiel folgende Erklärung: Eine Frau, die ihr Leben freiwillig hingibt, wenn ihr Gatte stirbt, wird augenblicklich wieder mit ihm vereinigt, und sie genießen fortan im Himmel zusammen ewige Freuden; die Familie errichtet ihr ein Denkmal oder einen Tempel und hält ihr Andenken in hohen Ehren. Der Opfertod der Frau verleiht auch allen ihren Angehörigen eine besondere Auszeichnung in den Augen des Volkes, die sich dauernd auf ihre Nachkommenschaft vererbt. Bleibt sie dagegen am Leben, so erwartet sie Schmach und Schande; wieder verheiraten kann sie sich nicht, die Familie verachtet sie und sagt sich von ihr los; freundlos und verlassen fristet sie ihr jammervolles Dasein.

Daß sie es vorzieht solchem Elend durch den Tod zu entfliehen, ist sehr begreiflich. Aber was der Ursprung dieser seltsamen Sitte ist, bleibt trotzdem ein Rätsel. Vielleicht wurde sie auf Befehl der Götter eingeführt; aber haben diese auch bestimmt, daß man eine so grausame Todesart wählen sollte? Hätte ein sanfterer Tod nicht dieselben Dienste getan? Kein Mensch weiß darauf eine Antwort.

Man wäre geneigt anzunehmen, daß die Witwen sich überhaupt nicht freiwillig verbrennen ließen, sondern es nur nicht wagten sich der öffentlichen Meinung zu widersetzen. Dieser Standpunkt läßt sich jedoch unmöglich festhalten; er stimmt nicht mit den geschichtlichen Tatsachen überein. Major Sleeman erzählt in einem seiner Bücher einen höchst charakteristischen Fall:

Als er im März 1828 die Verwaltung am Nerbuddastrom übernahm, beschloß er kühn, dem Zug seines mitleidigen Herzens zu folgen und die Suttis auf eigene Verantwortung in seinem Bezirk zu verbieten. Daß sie acht Monate später auf Befehl der Ostindischen Regierung gänzlich untersagt werden würden, konnte er nicht voraussehen. Am 24. November – einem Dienstag – starb Omed Sing Opaddia, das Haupt einer der angesehensten und zahlreichsten Brahminenfamilien der Gegend, und eine Abordnung seiner Söhne und Enkel erschien vor Sleeman, mit der Bitte, der alten Witwe zu gestatten sich mit der Leiche ihres Gemahls verbrennen zu lassen. Der Major drohte jedoch, jeden streng zu bestrafen, der seinem Befehl zuwider handeln und der Selbstverbrennung der Witwe Vorschub leisten würde. Er stellte eine Polizeiwache am Nerbudda-Ufer auf, wo die fünfundsechzigjährige Witwe schon seit dem frühen Morgen bei ihrem Toten saß und wartete. Als die abschlägige Antwort eintraf, blieb sie Tag und Nacht am Rande des Wassers sitzen, ohne zu essen und zu trinken.

Am folgenden Morgen wurde die Leiche ihres Gemahls in einer etwa acht Quadratfuß breiten und drei bis vier Fuß tiefen Grube in Anwesenheit von mehreren tausend Zuschauern verbrannt. Hierauf watete die Witwe nach einem nackten Felsen im Bette der Nerbudda; alle Fremden hatten sich zerstreut, nur ihre Söhne und Enkel blieben in ihrer Nähe, wahrend die übrigen Anverwandten des Majors Haus umringten, um ihn zu überreden, sein Verbot zurückzunehmen. Die Witwe widerstand allen Bitten der Ihrigen, die sie sehr liebten und ihr Leben zu erhalten wünschten, sie verweigerte jede Nahrung und blieb auf dem nackten Felsen sitzen, der sengenden Sonnenhitze bei Tag und der strengen Kälte bei Nacht ausgesetzt, nur mit einem dünnen Stück Zeug über der Schulter. Am Donnerstag setzte sie, zum Beweis, daß nichts sie von ihrem Vorhaben abbringen könne, die Dhadscha, einen groben, roten Turban auf und brach ihre Armbänder in Stücke, wodurch sie gesetzlich für tot galt und auf immer aus ihrer Kaste ausgeschlossen war. Hätte sie jetzt noch das Leben erwählen wollen, so konnte sie nie mehr zu ihrer Familie zurückkehren. Sleeman wußte sich keinen Rat. Wenn sich die Frau zu Tode hungerte, so war ihre Familie beschimpft und die Aermste starb unter langsameren Qualen, als wenn man ihr gestattete sich zu verbrennen. Als der Major sie am vierten Tage nach dem Tode ihres Mannes noch mit der Dhadscha auf dem Kopfe an derselben Stelle sitzen fand, redete er sie an. Sie sagte ihm mit großer Gelassenheit, daß sie entschlossen sei, ihre Asche mit der ihres verstorbenen Gatten zu mischen; sie würde geduldig seine Erlaubnis abwarten, überzeugt, Gott werde ihr Kraft geben, ihr Dasein bis dahin zu fristen, obgleich sie weder essen noch trinken wolle. Dann blickte sie nach der Sonne, die eben über der Nerbudda aufging und sagte ruhig: »Meine Seele weilt schon fünf Tage lang bei der meines Gatten, in der Nähe jener Sonne, nur meine irdische Hülle ist noch übrig, und ich weiß, du wirst bald gestatten, daß sie sich in jener Grube mit seiner Asche vermischt, weil es nicht in deinem Wesen und Brauch ist, die Qual einer armen, alten Frau mutwillig zu verlängern.«

Sleeman versicherte ihr, es sei sein Wunsch und seine Pflicht sie zu retten und zu erhalten. Er wolle den Ihrigen die Schmach ersparen für ihre Mörder zu gelten. Doch sie erwiderte, deswegen sei sie unbesorgt. Ihre Kinder hätten alles mögliche getan, um sie zu bewegen unter ihnen zu leben. »Hatte ich eingewilligt, so würden sie mich geliebt und geehrt haben, das weiß ich. Doch übergebe ich sie alle deiner Obhut und gehe zu meinem Gatten Omed Sing Opaddia, mit dessen Asche die meinige sich schon dreimal auf dem Scheiterhaufen vermischte.«

Dies bezog sich auf die Seelenwanderung. Sie waren nach ihrer Ueberzeugung schon dreimal als Mann und Weib auf Erden gewesen. Seit sie ihre Armbänder zerbrochen und den roten Turban aufgesetzt hatte, hielt sie sich für bereits gestorben, sonst hatte sie nicht so unehrerbietig sein können, den Namen ihres Gatten auszusprechen. Es war das erstemal in ihrem Leben, daß sie dies tat, denn in Indien nennt keine Frau, aus welchem Stande sie auch sei, jemals den Namen ihres Mannes.

Sleeman hoffte noch immer sie zu überreden. Er drohte ihr, die Regierung werde die steuerfreien Güter, von denen ihre Familie so lange gelebt habe, einziehen; auch werde kein Stein den Platz bezeichnen, wo sie sterbe, im Fall sie auf ihrem Entschluß beharre. Bliebe sie aber am Leben, so solle eine glänzende Wohnung unter den Tempeln ihrer Ahnen für sie gebaut und eine schöne Summe zu ihrem Unterhalt bestimmt werden. Aber sie lächelte nur, streckte den Arm aus und sagte: »Mein Puls hat lange aufgehört zu schlagen, mein Geist ist entwichen; ich werde bei dem Verbrennen nicht leiden. Wenn du einen Beweis willst, so laß Feuer bringen und sieh, wie es diesen Arm verzehrt, ohne daß es mir Schmerz verursacht.«

Da der Major erkannte, daß alle seine Bemühungen vergebens waren, ließ er die Oberhäupter der Familie rufen und erklärte ihnen, er werde gestatten, daß sich die Witwe verbrennen dürfe, wenn sie sich alle durch eine feierliche Urkunde verpflichten wollten, in ihrer Familie nie wieder eine Sutti zu halten. Sie gingen darauf ein und die Schrift ward aufgesetzt und unterzeichnet. Als man der Witwe am Sonnabend gegen Mittag den Beschluß verkündete, zeigte sie sich hocherfreut. Um drei Uhr waren die Zeremonien des Badens vorüber, und in der Grube brannte ein helles Feuer. Fast fünf Tage hatte die Frau ohne Speise und Trank zugebracht; als sie vom Felsen ans Ufer kam, netzte sie erst ihr Tuch im Wasser des heiligen Stromes, denn ohne diese Vorsichtsmaßregel wäre sie durch jeden Schatten, der auf sie fiel, verunreinigt worden. Von ihrem ältesten Sohn und einem Neffen gestützt schritt sie nach dem Feuer hin, eine Entfernung von etwa 150 Metern.

Wachen waren aufgestellt, und niemand durfte sich auf fünf Schritt nähern. Sie kam mit ruhigem freudevollem Gesicht herbei, blieb einmal stehen, schaute aufwärts und sagte: »Warum hat man mich fünf Tage von dir, mein Gatte, entfernt gehalten?« Als sie zu den Wachen kam, blieben ihre Begleiter zurück; sie schritt noch einmal um die Grube, hielt einen Augenblick inne und wahrend sie ein Gebet murmelte, warf sie einige Blumen ins Feuer. Dann trat sie ruhig und standhaft bis an den Rand, stieg mitten in die Flamme, setzte sich nieder und lehnte sich zurück als ruhe sie auf einem Lager; ohne einen Schrei auszustoßen oder ein Zeichen des Schmerzes von sich zu geben, wurde sie vom Feuer verzehrt.

Das ist schön und großartig! Es erfüllt uns mit Ehrfurcht und Hochachtung. Was der altgewohnten Sitte ihre unwiderstehliche Macht verlieh war die Riesenkraft eines Glaubens, welcher durch immer neue Todesopfer lebendig erhalten wurde. Aber, wie die ersten Witwen dazu kamen, die Sitte einzuführen, bleibt in Dunkel gehüllt.

Sleeman sagt, daß bei der Witwenverbrennung gewöhnlich einige Musikinstrumente spielten, aber nicht, wie man gemeinhin glaubt, um das Geschrei der Märtyrerin zu ersticken, sondern um zu verhüten, daß ihre letzten Worte gehört werden; denn diese galten für prophetisch, und wenn sie Unglück weissagten, hielt man es für besser, daß die Lebenden darüber in Unkenntnis blieben.

Zehntes Kapitel.

Zehntes Kapitel.

Er hatte viel mit Aerzten zu tun gehabt und sagte: Es gibt nur ein Mittel um gesund zu bleiben, man muß essen was einem nicht schmeckt, trinken, was man nicht mag und tun, was man lieber bleiben ließe.

Querkopf Wilsons Kalender.

Es war eine lange Reise, zwei Nächte und anderthalb Tage von Bombay ostwärts nach Allahabad, aber sehr interessant und nicht ermüdend. Das heißt, zuerst fühlte ich mich höchst unbehaglich, aber daran waren die ›Pyjamas‹ schuld. Dieser lästige Nachtanzug besteht aus Jacke und Beinkleidern; er ist entweder von Seide oder aus einem rauhen, kratzigen, dünnen Wollstoff, der einem die Haut reibt wie Sandpapier. Die Hosen haben Elefantenbeine und eine Elefantentaille, keine Knöpfe am Bund, sondern eine Schnur, um die überflüssige Weite zusammenzuziehen; die lose Jacke wird vorn zugeknöpft. In einer warmen Nacht sind einem die Pyjamas zu heiß, und man friert darin, wenn die Nacht kalt ist. Ich wollte nicht gegen die Sitte verstoßen und versuchte es mit dem Kleidungsstück, aber es war mir unerträglich, ich mußte es wieder ablegen. Der Unterschied zwischen Tag- und Nachtanzug ist nicht groß genug. In einem Nachthemd fühlt man sich wohlig und erfrischt, von beengendem Zwang erlöst, frei und ungebunden. Statt dessen hatte ich die erstickende, bedrückende, aufreibende und quälende Empfindung, angekleidet im Bette zu liegen. Während der warmen Hälfte der Nacht bekam ich von der rauhen Wolle ein solches Jucken auf der Haut, daß ich wie gekocht und im Fieber dalag; verfiel ich auf kurze Zeit in Schlaf, so peinigten mich Träume, wie die Verdammten sie haben mögen – oder haben sollten. In der kalten Hälfte der Nacht fand ich aber keine Zeit zum Schlafen, weil ich genug damit zu tun hatte, mir wollene Decken zu stehlen. Aber was nützen wollene Decken unter solchen Umständen? Je mehr man aufeinander häuft, um so fester korkt man die Kälte ein, daß sie nicht heraus kann. Die Beine werden einem zu Eisklumpen und man weiß genau, wie es sein wird, wenn man eines Tages im Grabe liegt. Sobald ich einen Augenblick zu Verstande kam, entledigte ich mich der Pyjamas und genoß mein Leben fortan auf vernünftige und behagliche Weise.

Der Tag fängt auf dem Lande in Indien früh an. Endlos dehnt sich die vollkommen flache Ebene im grauen Dämmerlicht nach allen Seiten aus. Schmale, festgetretene Fußpfade durchziehen sie überall; nur von Zeit zu Zeit ragt auf der ungeheuern Fläche eine Gruppe gespenstischer Bäume empor, zum Zeichen, daß da ein Dorf liegt. Auf den Pfaden sieht man allenthalben braune, hagere, nackte Männergestalten und schlanke Frauen, die an ihr Tagewerk eilen; die Frauen mit kupfernen Wassergefäßen auf dem Kopf, die Männer mit der Hacke in der Hand. Uebrigens ist der Mann nicht ganz nackt, einen weißen Lappen hat er immer um; dies Lendentuch ist eine Art Binde, ein weißer Strich auf seiner braunen Person, wie der Silberbeschlag, der mitten um ein Pfeifenrohr läuft. Trägt er noch einen luftigen, bauschigen Turban, dann ist das der zweite Strich. »Ein Mensch, dessen Kleidung aus einem Turban und einem Taschentuch besteht,« so beschreibt Miß Gordon Cumming sehr richtig den Eingeborenen.

Den ganzen Tag lang fährt man durch die einförmige, staubfarbene Ebene, an den verstreuten Baumgruppen und den Lehmhütten der Dörfer vorbei. Daß Indien nicht überall schön ist, läßt sich nicht leugnen, und doch übt es einen unwiderstehlich bestrickenden Zauber aus. Woher das kommt ist schwer zu sagen; man hat nur das unbestimmte Gefühl, daß es der uralte, geschichtliche Boden ist, dem dieser Reiz entspringt. Die Wüsten Australiens und die starren Eisfelder Grönlands besitzen keine solche Macht über uns; wir sehen sie in ihrer ganzen Kahlheit und Häßlichkeit, weil sie keine ehrwürdige Geschichte haben, die uns von menschlichen Leiden und Freuden in längst vergangenen Jahrhunderten erzählt.

Auf der langen Fahrt bis Allahabad kamen wir nur an Dörfern vorbei, die innerhalb verfallener Mauern lagen. Ein solches indisches Dorf ist nicht schön; ein Teil der schmutzfarbenen Lehmhütten ist meist vom Regen verwittert, so daß sie vermoderten Ruinen gleichen. Auch Viehherden und Ungeziefer leben innerhalb der Mauern, wie mir scheint, denn ich sah dort Kühe und Ochsen ein- und ausgehen, und so oft ich einen der Dorfbewohner gewahrte, juckte er sich. Letzteres ist zwar nur ein Indizienbeweis, aber ich glaube, daß er schwerlich trügt.

Mich interessierten die indischen Dörfer, weil ich in Major Sleemans Büchern allerlei darüber gelesen hatte. Er schildert die Teilung der Arbeit, die unter der Bevölkerung herrscht. Der Grund und Boden Indiens, sagt er, bestehe aus lauter einzelnen Feldern, die zu den Dörfern gehören. Neun Zehntel der ganzen Einwohnerschaft sind Ackerbauer und wohnen in den Dörfern. Doch hält sich jedes Dorf auch gewisse bezahlte Arbeiter, Handwerker und andere Leute zum allgemeinen Dienst, deren Geschäft in der Familie bleibt und sich von Vater auf Sohn weiter erbt. Solche Berufsarten sind: Priester, Grobschmied, Zimmermann, Rechnungsführer, Waschmann, Korbflechter, Töpfer, Wächter, Barbier, Schuhmacher, Klempner, Zuckerbäcker, Weber, Färber u. a. m. Zu Sleemans Zeit gab es auch viele Hexen, und aus praktischen Gründen ließ niemand seine Tochter gern in eine Familie heiraten, zu der keine Hexe gehörte. Man brauchte ihre guten Dienste, um die Kinder vor dem Unheil zu schützen, das ihnen sonst die Hexen der Nachbarfamilien ohne Zweifel angetan hätten.

Der Beruf der Hebamme blieb stets in der Familie des Korbflechters. Seiner Frau gehörte das Amt, mochte sie etwas davon verstehen oder nicht. Ihre Einnahme war nicht so groß: für einen Knaben erhielt sie 25 Cents, und halb so viel für ein Mädchen. Die Geburt einer Tochter kam unerwünscht, wegen der furchtbaren Kosten, die sie mit der Zeit verursachen würde. Sobald sie alt genug war, um der Sitte gemäß Kleider tragen zu müssen, galt es für eine Schande, wenn die Familie sie nicht verheiratete. Den Vater brachte jedoch die Heirat der Tochter an den Bettelstab, denn er mußte, nach altem Herkommen, beim Hochzeitsgepränge und dem Festschmaus alles verausgaben, was er besaß und entlehnen konnte, so daß er vielleicht nie wieder im stande war sich emporzuarbeiten.

Aus Furcht vor solchem unvermeidlichen Ruin tötete man in früherer Zeit viele Mädchen gleich nach der Geburt, bis England die grausame Sitte mit eiserner Strenge abschaffte. »Bei dem Spiel der Dorfkinder,« sagt Sleeman, »hörte man niemals Mädchenstimmen.« Schon aus dieser gelegentlichen Bemerkung läßt sich entnehmen, wie allgemein der Mädchenmord in Indien verbreitet war.

Das Hochzeitsgepränge besteht nach wie vor im Lande, weshalb auch noch hie und da neugeborene Mädchen umgebracht werden, aber ganz heimlich, weil die Regierung sehr wachsam ist und jede Uebertretung des Gesetzes mit strengen Strafen bedroht.

In einigen Teilen Indiens gibt es in den Dörfern noch drei besondere Angestellte. Erstens den Astrologen, der dem Bauer sagt, wann er säen und pflanzen, eine Reise machen oder ein Weib nehmen soll, wann er ein Kind erwürgen, einen Hund entlehnen, auf einen Baum steigen, eine Ratte fangen und seinen Nachbar betrügen darf, ohne die Rache des Himmels auf sein Haupt zu ziehen. Auch die Träume legt er ihm aus, falls der Mann nicht klug genug ist, sie sich selbst aus der Mahlzeit zu erklären, die er vor Schlafengehen zu sich genommen hat. Die beiden andern Angestellten sind der Tiger- und der Hagelbeschwörer. Ersterer hält die Tiger fern, wenn er kann und bezieht auf alle Fälle sein Gehalt; letzterer beschützt das Dorf vor Hagelschlag oder gibt an, aus welchem Grund sein Geschäft mißlungen sei und läßt sich denselben Lohn bezahlen, mag der Hagel kommen oder ausbleiben. Wer in Indien seinen Lebensunterhalt nicht verdienen kann, muß wirklich auf den Kopf gefallen sein.

Auch die Gewerkvereine und der Boykott sind alte indische Einrichtungen. Es gibt eben nichts, was nicht dort seinen Ursprung hätte. »Die Straßenkehrer,« sagt Sleeman, »zählen zur niedrigsten Kaste; alle andern Kasten verachten sie und ihr Amt, aber sie selbst sind stolz darauf und dulden keine Eingriffe in ihr Monopol. Das Recht, in einem gewissen Stadtteil die Straßen zu kehren, gehört einem bestimmten Mitglied der Kaste an; wagt sich ein anderes Mitglied in diesen Bezirk, so wird es ausgestoßen – niemand darf mehr aus seiner Pfeife rauchen oder aus seinem Kruge trinken – der Missetäter kann die Wiederaufnahme in die Kaste nur dadurch erlangen, daß er für sämtliche Straßenkehrer ein Festmahl veranstaltet. Beleidigt ein Hausbesitzer den Straßenkehrer seines Bezirks, so bleibt aller Abfall und Kehricht solange bei ihm liegen, bis er den Mann wieder versöhnt hat, kein anderer Straßenkehrer getraut sich den Schmutz fortzuschaffen. Die Bürger der Städte müssen sich von diesen Leuten oft unglaublich viel gefallen lassen; ja die Tyrannei, welche die Innung der Straßenkehrer ausübt, ist noch heutigen Tages eins der größten Hindernisse aller sanitären Reformen in Indien. Zwingen kann man diese Menschen nicht, denn kein Hindu oder Muselmann würde ihre Arbeit verrichten, und sollte es ihm das Leben kosten; nicht einmal prügeln würde er den widerspenstigen Straßenkehrer, um sich nicht zu verunreinigen.«

Allahabad bedeutet die ›Stadt Gottes‹. Das Hindu-Viertel habe ich nicht gesehen; der englische Teil der Stadt hat schöne, breite Alleen und auf Raumersparnis ist gar keine Rücksicht genommen. Alle Einrichtungen lassen auf Luxus und Bequemlichkeit schließen; mir scheint, die Leute führen dort ein so heiteres, sorgloses Leben, wie man es nur bei einem guten Gewissen haben kann, wenn diesem ein genügendes Konto auf der Bank zur Seite steht.

Am Morgen nach unserer Ankunft in Allahabad stand ich in aller Frühe auf und ging auf der Veranda, die rings um das Haus läuft, an den schlafenden Dienern vorbei, die bis über die Ohren in ihre wollenen Decken gewickelt, vor der Tür ihrer Herren lagen. Ich glaube, kein indischer Diener schläft jemals in einem Zimmer. Vor einer Tür sah ich einen Hindu kauern. Die gelben Schuhe seines Herrn waren geputzt und bereit gestellt; nun hatte er nichts mehr zu tun als zu warten, bis er gerufen würde. Es war bitter kalt, aber der Mensch blieb geduldig und regungslos wie ein Steinbild auf demselben Fleck. Ich konnte es kaum mit ansehen. Gern hätte ich zu ihm gesagt: »Stehe doch auf und mache dir Bewegung, um dich zu erwärmen, was hockst du da in der Eiseskälte, das verlangt niemand von dir.« Allein mir fehlten die Wörter. Die einzige Redensart, die mir einfiel war »Jeldy jow,« und was sie bedeutete, wußte ich nicht. So ging ich denn notgedrungen stumm vorbei, entschlossen nicht mehr an den Menschen zu denken; aber seine nackten Beine und Füße kamen mir nicht aus dem Sinn und zwangen mich immer wieder, die Sonnenseite zu verlassen und bis zu dem Punkt zurückzugehen, wo ich ihn sehen konnte. Eine Stunde verging, ohne daß er seine Stellung auch nur im geringsten veränderte. Ob das Sanftmut und Geduld, Seelenstärke oder Gleichgültigkeit verriet, will ich nicht entscheiden; aber der Anblick quälte mich und verdarb mir den ganzen Morgen. Nach zwei Stunden riß ich mich endlich aus seiner Nähe los; mochte er sich nun allein weiter kasteien so viel er wollte. Bis dahin war er um keines Haares Breite von seinem Platz gewichen; ich sehe ihn noch immer deutlich vor mir und werde die Erinnerung wohl ewig mit mir herumtragen. Wenn ich von der Geduld und Ergebung der Inder bei ungerechter Behandlung, in Schmerz und Unglück lese, so steigt sein Bild vor mir auf. »Jeldy jow!« (mach daß du weiter kommst!) ruft man dem Inder in seiner Not seit ungezählten Jahrhunderten zu. Hätte ich es nur damals auch gesagt, es wäre gerade das Richtige gewesen; aber leider war mir, wie gesagt, die Bedeutung des Wortes entfallen.

Im Morgenlicht unternahmen wir eine lange zum Teil wunderschöne Fahrt nach der Festung. Der Weg führte unter hohen Bäumen an Häusergruppen und am Dorfbrunnen vorbei, wo man zu andern Tageszeiten malerische Scharen von Eingeborenen fortwährend lachend und schwatzend hin- und hergehen sieht. Diesmal trafen wir sie bei ihren Waschungen; die kräftigen Männer ließen das klare Wasser reichlich über die braunen Körper strömen, ein erfrischender Anblick, der meinen Neid erregte, denn die Sonne hatte sich schon an ihr Geschäft gemacht, den Tag über tüchtig in Indien einzuheizen. Viele Hindus nahmen ein solches Morgenbad; die Frühstückstunde nahte heran, und kein Hindu darf essen, ehe er die vorgeschriebene Waschung beendet hat.

Als wir in die heiße Ebene kamen, wimmelte es auf allen Pfaden von Wallfahrern und Wallfahrerinnen. Hinter der Festung, wo die heiligen Ströme Ganges und Jumna ineinander fließen, sollte eine der großen religiösen Messen Indiens gehalten werden. Eigentlich gibt es drei heilige Ströme; der dritte fließt zwar unter der Erde und niemand hat ihn gesehen, aber das schadet nichts, wenn man nur weiß, daß er da ist. Die Pilger stammten aus den verschiedensten Gegenden Indiens; einige waren monatelang unterwegs gewesen; arm, hungrig und abgemattet, waren sie bei Staub und Hitze geduldig weiter gewandert, von unerschütterlichem Glauben und Vertrauen gestützt und aufrecht erhalten. Jetzt strahlten alle vor Glück und Zufriedenheit, denn bald winkte ihnen der reichste Lohn für ihre Mühsal. Sie sollten Läuterung von jeder Sünde und Unreinheit in dem heiligen Wasser finden, welches alles was es berührt, sogar Totes und Verwestes, rein machen kann. Wie wunderbar ist doch die Kraft eines Glaubens, welcher Alte und Schwache, Junge und Leidende treibt, ohne Zaudern und ohne Klage die unerhörten Anstrengungen einer solchen Reise, samt allen Entbehrungen, die sie mit sich bringt, geduldig auf sich zu nehmen! Ob es aus Furcht geschieht oder aus Liebe, weiß ich nicht, aber was auch immer der Beweggrund sein mag, die Sache selbst ist für uns kühle Verstandesmenschen vollkommen unbegreiflich. Nur wenige auserlesene Naturen unter den Weißen besäßen einen ähnlichen Opfermut; wir übrigen wissen genau, daß wir außer stande wären, uns dazu aufzuschwingen. Da wir aber alle die Selbstaufopferung gern im Munde führen, so darf ich hoffen, daß wir wenigstens groß genug denken, um sie bei dem Hindu würdigen zu können.

Jedes Jahr strömen zwei Millionen Eingeborene zu dieser Messe herbei. Wie viele die Reise antreten und unterwegs vor Alter, Mühsal, Krankheit und Mangel sterben, weiß niemand. Alle zwölf Jahre ist ein besonderes Gnadenjahr, und die Pilger kommen in noch größeren Massen gezogen, das ist schon seit undenklichen Zeiten so gewesen. Man sagt übrigens, daß es für den Ganges nur noch ein zwölftes Jahr geben wird, dann soll dieser heiligste aller Flüsse seine Kraft verlieren und erst nach Jahrhunderten werden die Pilger wieder zu seinen Ufern wallfahrten, wenn die Brahminen verkünden, daß er seine Heiligkeit wiedergewonnen hat. Was die Priester damit bezwecken, daß sie sich diese Goldmine verschließen, kann ich nicht sagen. Aber mir ist nicht bange, sie, werden wohl wissen was sie tun. Ehe man sich’s versieht werden sie dem Volk der Inder eine Ueberraschung bereiten, welche beweist, daß sie ihren Vorteil nicht aus den Augen gelassen haben, als sie auf den Marktwert des Ganges verzichteten.

Wir begegneten vielen Eingeborenen, welche heiliges Wasser aus den Flüssen geholt hatten. Man bietet es in ganz Indien zum Verkauf aus, auch soll es oft bei Hochzeiten becherweise verteilt werden.

*

Die Festung ist ein ungeheueres, altes Gebäude und hat in religiöser Beziehung Erlebnisse der mannigfaltigsten Art zu verzeichnen. In dem großen Hof steht seit über zweitausend Jahren ein Monolith mit einer buddhistischen Inschrift. Vor dreihundert Jahren wurde die Festung von einem mohammedanischen Kaiser erbaut und nach dem Ritus seiner Religion eingeweiht; auch ein Hindutempel mit unterirdischen Gängen voller Heiligtümer und Götzenbilder befindet sich daselbst, und seitdem die Festung den Engländern gehört, besitzt sie eine christliche Kirche. So ist für das Seelenheil aller gesorgt.

Von den hohen Wällen schauten wir auf die heiligen Flüsse hinab, die sich an diesem Punkt vereinigen. Das Wasser des blaßgrauen Jumna sieht klar und rein aus, der schlammige Ganges aber ist trübe, gelb und schmutzig. Auf der schmalen, gebogenen Landzunge zwischen den Flüssen erhob sich eine Zeltstadt mit zahllosen, wehenden Wimpeln und großen Scharen von Pilgern. Man hatte Mühe dorthin zu gelangen, aber interessant war es, sobald man unten ankam, wenn auch sehr unruhig. Eine ganze Welt bewegte sich dort in rastloser, lärmender Tätigkeit, teils mit religiösen, teils mit kaufmännischen Angelegenheiten beschäftigt. Die Mohammedaner fluchen und verkaufen, während die Hindus kaufen und beten, denn die Messe ist zugleich ein Jahrmarkt und ein religiöses Fest. Eine Unmenge von Leuten badete, betete und trank das heilige Wasser; kranke Pilger kamen von weither im Palankin, um durch ein Bad Heilung von ihrem Uebel zu finden oder an den gesegneten Ufern zu sterben und sicher in den Himmel zu kommen. Auch viele Fakirs waren da; sie hatten sich ganz mit Asche bestreut und ihr Haar mit Kuhdünger zusammengeklebt, denn die Kuh und alles was von ihr stammt ist heilig. Der gute Hindubauer malt oft die Wand seiner Hütte mit dem Dünger an oder formt daraus allerlei Figuren, mit denen er den Estrich des Fußbodens verziert. In den Zelten saßen auch ganze Familien bei einander, die schrecklich und wunderbar bemalt waren und nach ihrer Stellung und Gruppierung zu urteilen, die Angehörigen großer Gottheiten vorstellten. Ein heiliger Mann saß dort schon Wochen lang nackt auf spitzen Eisenstäben und schien sich gar nichts daraus zu machen. Ein anderer Heiliger stand den ganzen Tag auf einem Fleck und hielt seine abgezehrten Arme regungslos in die Höhe; er soll das schon seit Jahren tun. Neben jedem dieser frommen Büßer lag ein Tuch am Boden, auf das milde Spenden gelegt wurden; selbst die ärmsten Leute gaben eine Kleinigkeit in der Hoffnung, das Opfer werde ihnen Segen bringen. Zuletzt kam noch eine Prozession nackter, heiliger Männer singend vorbeigezogen – da riß ich mich los und ging meiner Wege.

Achtes Kapitel.

Achtes Kapitel.

Hätte der Mensch immer Gelegenheit zum Morden, wenn ihn Mordlust überfällt, so kämen viele an den Galgen.

Querkopf Wilsons Kalender.

Auf der Eisenbahn. Vor fünfzig Jahren, in meiner Knabenzeit, drangen in unser entlegenes, schwach bevölkertes Mississippi-Tal sagenhafte Gerüchte von einer Genossenschaft berufsmäßiger Mörder, die in Indien hausen sollte, einem Lande, das uns tatsächlich ebenso fern lag wie die Sterne, die droben am Himmel funkelten. Man erzählte, es gäbe dort eine Sekte, deren Mitglieder sich Thugs nennten und zu Ehren eines Gottes, dem sie dienten, den Wanderern an einsamen Orten aufzulauern und sie umzubringen pflegten. Jeder hörte diesen Geschichten gern zu, aber man glaubte sie nicht, oder doch nur mit Vorbehalt. Man nahm an, daß sie sich auf dem weiten Wege bis zu uns lawinenartig vergrößert hätten, auch waren sie bald wieder verschollen. Da erschien Eugène Sues ›Ewiger Jude‹ und machte eine Zeitlang viel von sich reden. Eine Figur des Romans ist ›Feringhea‹, der furchtbare, geheimnisvolle Inder, ein Häuptling der Thugs, glatt, listig und todbringend wie eine Schlange. Durch ihn wurde das Interesse für die Thugs von neuem erweckt, aber nach kurzer Zeit schlief es abermals ein und zwar auf immer.

Dies mag wohl auf den ersten Blick befremdlich erscheinen, doch war es der natürliche Lauf der Dinge, wenigstens auf unserer Halbkugel. Was man von den Thugs wußte, stammte der Hauptsache nach aus einem Regierungsbericht, von dem in Amerika schwerlich jemals etwas verlautet ist. Man pflegt dergleichen amtliche Schriftstücke nicht ohne weiteres in Umlauf zu setzen; nur gewissen Leuten läßt man sie zukommen, und ob diese sie lesen ist noch sehr die Frage. Ich selbst habe vor einigen Tagen zum allererstenmal von diesem Bericht gehört und ihn mir zu verschaffen gewußt. Er fesselt mich ungemein und macht jene alten Märchen aus meinen Knabenjahren zur Wirklichkeit.

Major Sleeman, der in Indien diente, hat das Thug-Buch, von dem ich rede, im Jahr 1839 abgefaßt. Es wurde 1840 in Kalkutta herausgegeben, ein dicker, plumper Band, der uns zwar keine hohe Meinung vom damaligen Stand der Buchdruckerkunst beibringt, aber vielleicht als Erzeugnis einer amtlichen Druckerei aus alter Zeit und fernen Landen gar nicht so übel war. Dem Major fiel die Riesenaufgabe zu, Indien von den Thugs zu befreien und er hat sie mit siebzehn Gehilfen, die unter seiner Oberleitung standen, glücklich vollbracht. Die Reinigung der Augiasställe war nichts dagegen.

Damals schrieb Hauptmann Valencey in einer Zeitung, die in Madras erschien: »Wenn der Tag kommt, an dem jenes weit verbreitete Uebel in Indien ausgerottet und nur noch dem Namen nach bekannt ist, wird dies viel dazu beitragen, die britische Herrschaft im Orient auf ewige Zeiten zu befestigen.«

Er hat die Größe und Schwierigkeit des Werkes, durch dessen Vollendung sich England ein unsterbliches Verdienst erworben hat, in keiner Weise überschätzt.

Von dem Vorhandensein der furchtbaren Sekte waren die britischen Behörden schon seit 1810 unterrichtet, doch ahnte kein Mensch ihre weite Ausdehnung; man legte ihr nur geringe Bedeutung bei und erst 1830 wurden systematische Maßnahmen zu ihrer Unterdrückung getroffen. Damals war es Major Sleeman gelungen, den Thug-Häuptling Eugène Sues in seine Gewalt zu bekommen, und der furchtbare Feringhea ließ sich bewegen Kronzeuge zu werden. Die Enthüllungen, die er machte, waren so ungeheuerlicher Art, daß sie Sleeman ganz unglaublich schienen. Er hatte in dem Wahn gelebt, er kenne sämtliche Verbrecher in seinem Bezirk und hatte die schlimmsten höchstens für Diebe und Spitzbuben gehalten. Feringhea machte dem Major jedoch klar, daß er die ganze Zeit über von Scharen berufsmäßiger Mörder umgeben gewesen sei, die ihre Opfer in seiner nächsten Nähe begruben. Sleeman hielt das für Hirngespinste, aber Feringhea sagte: »Komm und siehe selbst!« Er führte ihn an eine Grube, in der hundert Leichname lagen, erzählte ihm alle näheren Umstände ihrer Ermordung und nannte die Namen der Thugs, welche die Tat vollbracht hatten. Sleeman traute seinen Augen kaum; er nahm einige von jenen Thugs gefangen und stellte Einzelverhöre mit ihnen an, nachdem er Sorge getragen, daß sie sich nicht unter einander verständigen konnten. Auf die unbeglaubigten Aussagen eines Inders wollte er sich nicht verlassen. Aber, o Schrecken! die gesammelten Zeugnisse ergaben nicht nur, daß Feringhea die Wahrheit geredet hatte, sondern lieferten zugleich den Beweis, daß die Banden der Thugs in ganz Indien ihr furchtbares Gewerbe trieben. Nun tat die Regierung ernstliche Schritte zur Vertilgung der Sekte und man verfolgte sie zehn Jahre lang mit unerbittlicher Strenge, bis sie gänzlich ausgerottet war. Eine Räuberbande nach der andern wurde gefangen, vor Gericht gestellt und bestraft. Ueberall spürte man die Thugs in ihren Schlupfwinkeln auf und machte Jagd auf sie. Die Regierung brachte alle ihre Geheimnisse ans Licht und ließ die Namen sämtlicher Mitglieder der Banden, sowie den Geburtsort und Wohnplatz jedes einzelnen aufs genauste verzeichnen.

Die Thugs waren Anbeter des Gottes Bhowanee, dem sie alle Wanderer opferten, welche ihnen in die Hände fielen. Die Sachen der Getöteten behielten sie jedoch für sich: dem Gotte war nur an dem Leichnam etwas gelegen. Bei der Aufnahme in die Sekte fanden feierliche Zeremonien statt; jeder neue Bekenner wurde unterwiesen, wie er die Erdrosselung mit dem heiligen Tuch zu vollziehen habe, doch war ihm erst nach langer Uebung gestattet, selbständig handelnd vorzugehen. Nur ein erfahrener Würger war im stande, die Erdrosselung so rasch zu bewerkstelligen, daß der dem Tode Geweihte auch keinen Laut mehr von sich geben konnte; jeder dumpfe Schrei, jedes Stöhnen, Seufzen oder Schnappen nach Luft mußte verhindert werden. In einem Augenblick schlang sich das Tuch um den Hals des Opfers, es ward plötzlich zusammengezogen, der Kopf fiel lautlos nach vorn, die Augen traten aus ihren Höhlen und alles war vorüber. Vornehmlich gaben die Thugs wohl acht, daß sie auf keinen Widerstand stießen, auch forderten sie ihr Opfer meist auf sich niederzusetzen, weil sich das Geschäft so am bequemsten verrichten ließ.

Alle Zustände und Einrichtungen Indiens waren den Thugs ausnehmend günstig: Eine öffentliche Fahrgelegenheit gab es nicht, man konnte auch kein Gefährt mieten. Der Reisende mußte zu Fuß gehen, wenn er nicht einen Ochsenwagen benutzen oder sich ein Pferd für die Gelegenheit kaufen konnte. Sobald er die Grenze seines kleinen Fürstentums überschritten hatte, war er unter Fremden; dort kannte ihn niemand, er blieb unbeachtet, kein Mensch vermochte mehr anzugeben, wohin er seine Schritte gelenkt hatte. Weder in Städten noch Dörfern pflegte der Reisende einzukehren; er hielt außerhalb derselben Rast und schickte seine Diener in den Ort, um Lebensmittel zu kaufen. Einzelne Höfe gab es nicht; auf der öden Strecke zwischen zwei Dörfern fiel der Wanderer dem Feinde leicht zur Beute, besonders da er meist bei Nacht weiterzog, um der Hitze zu entgehen. Unterwegs gesellten sich häufig Fremdlinge zu ihm und boten ihm an, zu gegenseitigem Schutz die Fahrt gemeinsam fortzusetzen; das waren meistens Thugs, wie der Wanderer bald zu seinem Verderben erfuhr. Die Güterbesitzer, die eingeborene Polizei, die kleinen Fürsten, die Dorfrichter und Zollwächter steckten oft mit den Räubern unter einer Decke, gewährten ihnen Schutz und Obdach und lieferten ihnen die Reisenden aus, um Anteil an der Beute zu haben. Dadurch ward es der Regierung zuerst fast unmöglich gemacht die Uebeltäter zu fangen, weil die wachsamen Freunde ihnen zur Flucht verhalfen. Und so zogen denn handeltreibende Leute aus allen Kasten und Ständen, paarweise oder in Gruppen, schutzlos, bei schweigender Nacht, auf den Pfaden des weiten Ländergebiets einher, Kostbarkeiten, Geld, Juwelen, kleine Seidenballen, Gewürze und allerlei Waren mit sich führend – es war ein Paradies für die Thugs.

Bei Eintritt des Herbstes pflegte die Genossenschaft ihre zum voraus verabredeten Zusammenkünfte zu halten. Um sich untereinander zu verständigen brauchten die Thugs, selbst wenn sie aus den verschiedensten Gebieten stammten, keine Dolmetscher wie andere Völker. Sie hatten ihre eigene Sprache und geheime Zeichen, an denen sich die Genossen erkannten; alle waren untereinander befreundet, selbst die Unterschiede der Kaste und Religion traten in den Hintergrund, wo Hingebung an den Beruf ins Spiel kam. Der Moslem und der Hindu aus höherer oder niederer Kaste, standen sich als Thugs gleich Brüdern treulich zur Seite.

War eine Bande versammelt, so ward Gottesdienst gehalten und man wartete auf die Omen. Das Geschrei verschiedener Tiere hatte eine gute oder schlechte Vorbedeutung, wie jedermann wußte. Erfolgte ein böses Omen, so gab man das Vorhaben auf und die Leute gingen wieder nach Hause.

Schwert und Tuch galten als heilige Symbole der Thugs. Das Schwert beteten sie daheim an, ehe sie zur Versammlung gingen, und das Tuch, mit dem sie ihre Opfer würgten, verehrten sie gemeinschaftlich. Meist verrichtete der Häuptling der Bande die religiösen Zeremonien selbst, nur die Kaets beauftragten damit gewisse angestellte Erwürger, Chaurs genannt. Diese Kaets hielten so streng an ihren gottesdienstlichen Gebräuchen fest, daß es nur dem Chaur gestattet war, die geheiligten Gefäße und was sie sonst dabei benützten, anzurühren.

Zwei charakteristische Merkmale sind dem Raubsystem der Thugs besonders eigen: die größte Vorsicht, Ausdauer und Geduld bei Verfolgung der Beute und gänzliche Erbarmungslosigkeit im Moment der Tat.

Vor allem richteten sie ihr Augenmerk darauf, daß sie an Zahl der Reisegesellschaft, welcher ihr Angriff galt, mindestens vierfach überlegen waren. Offene Feindseligkeiten vermieden sie und überfielen ihre Opfer nur, wenn diese nichts Böses ahnten. Oft reisten sie tagelang in ihrer Gesellschaft und suchten durch allerlei Künste ihr Vertrauen und ihre Freundschaft zu gewinnen. Sobald ihnen dies gelungen war, gingen sie an ihr eigentliches Geschäft: Zuerst wurden ein paar Thugs vorausgeschickt, um bei dunkler Nacht den günstigsten Schauplatz für die Ermordung zu wählen und die Gräber zu graben. Wenn die übrigen den Ort erreichten, ward unter dem Vorwand, etwas zu rasten und eine Pfeife zu rauchen, Halt gemacht. Man schlug der Gesellschaft vor, sich niederzusetzen. Auf einen Wink des Hauptmanns nahmen einige Thugs den Reisenden gegenüber Platz, andere setzten sich neben sie und fingen ein Gespräch mit ihnen an, während die geübtesten Würger sich, des verabredeten Zeichens harrend, in ihrem Rücken aufstellten. Dies Zeichen war gewöhnlich irgend eine alltägliche Bemerkung: »Bringt den Tabak,« oder etwas derart. Oft verging noch eine beträchtliche Zeit, nachdem jeder der Handelnden seinen bestimmten Platz eingenommen hatte; der Hauptmann wartete erst, ob auch alles ganz sicher sei. Unterdessen spann sich die Unterhaltung einförmig weiter; düstere Gestalten huschten im Hintergrund hierhin und dorthin bei dem ungewissen Dämmerschein; die Nacht war still und friedlich und die Reisenden überließen sich arglos der angenehmen Ruhe, ohne zu ahnen, daß die Todesengel sie von allen Seiten umgaben. Jetzt war der Augenblick da; das verhängnisvolle Wort: »Bringt den Tabak,« wurde gesprochen. Sofort entstand eine rasche aber lautlose Bewegung. Im gleichen Moment hielten die Männer, welche neben den Reisenden saßen, ihre Hände fest, die vor ihnen ergriffen ihre Füße und taten einen kräftigen Ruck, während ein Mörder jedem Opfer von hinten das Tuch um den Kopf schlang und zuzog – der Kopf des Erdrosselten sank auf die Brust, das Trauerspiel war zu Ende. Nun wurden die Leichen ausgeplündert, und in den Gräbern verscharrt; darauf packte man die Beute zusammen, die mitgenommen werden sollte. Nachdem dann die Thugs noch zum Schluß dem Gotte Bhowanee ihren frommen Dank dargebracht hatten, zogen sie weiter, um noch mehr heilige Taten zu verrichten.

Aus Major Sleemans Bericht ergibt sich, daß die Reisenden meist in kleiner Anzahl beisammen waren, in der Regel nicht mehr als zwei, drei oder vier. Die Thugs dagegen zogen in Banden von zehn, fünfzehn, fünfundzwanzig, vierzig, sechzig, hundert, hundertfünfzig, zweihundert, zweihundertundfünfzig Mann umher, ja, es wird sogar eine Bande von dreihundertzehn Mann erwähnt. Bei solcher starken Ueberzahl kann man ihren Fang nicht besonders groß nennen, wenn man bedenkt, daß sie durchaus nicht wählerisch waren, sondern wo und wie sie konnten jeden umbrachten, ob reich oder arm, oft sogar Kinder. Manchmal töteten sie auch Frauen, aber das galt für sündhaft und brachte Unglück. Die günstige Jahreszeit für ihre Raubzüge dauerte sechs bis acht Monate. In einem solchen Jahrgang töteten zum Beispiel die sechs Banden von Bundelkund und Gwalior, welche zusammen 712 Köpfe zählten, 210 Menschen. Die Thugs von Malwa und Kandeisch waren 702 Mann stark und mordeten 232. Die Kandeisch- und Berar-Banden, 963 Mann, brachten 385 Leute um.

Bettler gelten in Indien für heilig, und manche Banden schonten ihr Leben, andere dagegen mordeten nicht nur sie, sondern sogar den Fakir, diesen Inbegriff aller Heiligkeit, der nichts als Haut und Knochen ist, sich Staub und Schmutz auf das buschige Haupthaar streut und seinen nackten Körper über und über mit Asche bepudert, daß er aussieht wie ein Gespenst. Mancher Fakir verließ sich jedoch allzu fest auf seine unverletzliche Heiligkeit. Von einem solchen Fall wird uns in Sleemans Buch unter andern Großtaten Feringheas berichtet. Er war einmal mit vierzig Thugs ausgezogen und sie hatten schon neununddreißig Männer und eine Frau getötet, ehe der Fakir zum Vorschein kam.

»Wir näherten uns Doregow,« lautete der Bericht, »trafen auf drei Brahminen, dann auf einen Fakir zu Pferde, der sich ganz mit Zucker bekleistert hatte, um die Fliegen herbeizulocken, von denen er über und über bedeckt war. Wir jagten ihn fort und töteten die drei andern.

»Hinter Doregow stieß der Fakir nochmals zu unserer Gesellschaft und zog mit uns bis Raojana; wir begegneten sechs Hindus, die von Bombay nach Nagpore wollten. Den Fakir vertrieben wir durch Steinwürfe, töteten die sechs Leute in ihrem Lager und begruben ste im Gebüsch.

»Am nächsten Tage stellte sich der Fakir wieder ein; erst in Mana wurden wir ihn los. Hinter dem Orte trafen wir drei Sepoys und hatten fast den Platz erreicht, der zu ihrer Ermordung bestimmt war, als der Fakir abermals erschien. Nun endlich riß uns die Geduld und wir gaben Mithoo, einem unserer Gefährten, fünf Rupien, daß er ihn umbringen und die Sünde auf sich nehmen sollte. Alle vier wurden erdrosselt, also auch der Fakir. In seinem Gepäck fanden sich zu unserer Ueberraschung dreißig Pfund Korallen, dreihundert fünfzig Schnüre kleine Perlen, fünfzehn Schnüre große Perlen und ein vergoldetes Halsband.«

Ob wohl Mithoo, der allein die Sünde trug, sich die unerwartete Beute ganz aneignen durfte, oder ob er sie mit den Gefährten teilen mußte und nur die Sünde für sich behielt? – Wie schade, daß der Regierungsbericht uns gerade diesen interessanten Umstand verschweigt!

Feringhea fürchtete sich selbst nicht vor den Mächtigen der Erde. Einen Elefantentreiber des Rajahs von Oodeypore erdrosselte er ohne weiteres. Er hat auf jenem Raubzug nicht weniger als hundert Männer und fünf Frauen umgebracht.

Unter den Unglücklichen, welche den Thugs zum Opfer fielen, waren Personen jeden Standes und Ranges; nur den Weißen taten sie nichts zu Leide. Die Liste verzeichnet:

Eingeborene, Soldaten, Fakirs, Bettler, Träger des heiligen Wassers, Zimmerleute, Hausierer, Schneider, Schmiede, eingeborene Polizisten, Kuchenbäcker, Stallknechte, Pilger, Chuprassies, Weber, Priester, Bankiers, Schatz-Träger, Kinder, Kuhhirten, Gärtner, Ladenbesitzer, Palankin-Träger, Landleute, Ochsentreiber, Diener, die Beschäftigung suchten, Frauen, die sich verdingen wollten, Schafhirten, Bogenschützen, Aufwärter, Bootsleute, Händler, Grasmäher.

Selbst einen fürstlichen Koch verschonten sie nicht, ebenso wenig den Wasserträger des Herrschers über alle Fürsten und Könige, des Generalgouverneurs von Indien. Ja, eine Bande war sogar grausam genug, armen, herumziehenden Komödianten das Leben zu nehmen, und trotzdem sie auf demselben Raubzug auch noch einen Fakir und zwölf Bettler töteten, beschützte sie ihr Gott Bhowanee: Sie wollten einen Mann im Walde erdrosseln, während gerade viele Leute in der Nähe vorbeigingen, zogen aber die Schlinge nicht fest genug, und der Mann stieß einen lauten Schrei aus. Da ließ Bhowanee im gleichen Augenblick ein Kamel durch das Dickicht brechen, dessen Gebrüll den Angstschrei übertönte, und ehe der Mann den Mund wieder öffnen konnte, war sein Atem entflohen.

Die Kuh ist in Indien ein so heiliges Tier, daß schon ihren Hirten zu töten für frevelhaft gilt. Das wußten die Thugs recht gut, aber bisweilen war ihr Blutdurst so groß, daß sie dennoch einige Kuhhirten umbrachten. Ein Thug, der solche Missetat verübt hatte, bekennt:

»Unser Glaube verbietet das aufs strengste; es kann nur Unheil daraus entstehen. Ich lag nachher zehn Tage am Fieber darnieder. Tötet man einen Mann, der eine Kuh führt, so bringt es Unglück; hat er keine Kuh bei sich, dann schadet es nichts.« Ein anderer Thug, der bei dieser Gelegenheit die Füße des Opfers gehalten hatte, fürchtete für sich keine schlimmen Folgen, »weil das Mißgeschick für solche Tat immer nur den Erwürger selbst, nicht seine Gehilfen bedroht, und wenn er deren auch hundert gehabt hätte.«

Während vieler Menschenalter durchwanderten Tausende von Thugs Indien in allen Richtungen. Ihr Räuberhandwerk war zu einem Beruf geworden, der sich vom Vater auf den Sohn und Enkel forterbte. Von sechzehn Jahren an konnte ein Knabe schon Mitglied der Verbindung werden, und siebzigjährige Greise waren noch in voller Tätigkeit.

Was fesselte die Leute aber an ihr Mordgeschäft, worin bestand der Reiz desselben? Teils trieb sie offenbar Frömmigkeit, teils Beutegier dazu, aber das Hauptinteresse scheint doch das Vergnügen an der Jagd selbst gewesen zu sein, die Mordlust, welche auch dem weißen Manne im Blute steckt. Meadows Taylor schreibt in seinem Roman: ›Bekenntnisse eines Thug‹:

»Wie leidenschaftlich liebt ihr Engländer nicht die Jagd! Ganze Wochen und Monate widmet ihr diesem aufregenden Zeitvertreib. Um Tiger, Panther, Büffel oder Eber zu töten, strengt ihr eure ganze Tatkraft an, ja ihr setzt selbst das Leben aufs Spiel. Wir Thugs aber verfolgen ein weit edleres Wild!«

Vielleicht liegt hierin wirklich der Schlüssel des Rätsels, das die Entstehung und Verbreitung der furchtbaren Sekte umgibt. Dem Menschengeschlecht im großen und ganzen ist die Mordgier eigen, es ergötzt sich am Töten lebender Geschöpfe wie an einem Schauspiel. Wir weißen Leute sind nur etwas verfeinerte Thugs, denen ihr dünner Anstrich von Zivilisation wie ein lästiger Zwang erscheint. Als Thugs haben wir uns vor noch gar nicht so langer Zeit an den Metzeleien der römischen Arena ergötzt und später an dem Feuertod, welcher zweifelhaften Christen durch rechtgläubige Christen auf öffentlichem Marktplatz bereitet wurde. Noch jetzt gehen wir mit den Thugs in Spanien oder in Nimes zu den blutigen Greueln der Stiergefechte hinaus. Keiner unserer Reisenden, welches Geschlechts oder welcher Religion er auch sein mag, hat je der Anziehungskraft der spanischen Arena zu widerstehen vermocht, wenn sich ihm Gelegenheit bot, dem Schauspiel beizuwohnen. Auch zur Jagdzeit sind wir fromme Thugs: wir hetzen das harmlose Wild und töten es mit Wonne. Aber einen Fortschritt haben wir doch gemacht. Zwar ist er nur winzig und kaum der Rede wert, so daß wir nicht nötig hätten besonders stolz darauf zu sein, aber es ist immerhin ein Fortschritt zu nennen, daß es uns nicht mehr Freude macht, hilflose Menschen niederzumetzeln oder zu verbrennen. Von diesem höheren Standpunkt aus können wir mit selbstgefälligem Schaudern auf die indischen Thugs herabsehen; auch dürfen wir zuversichtlich hoffen, daß einst der Tag erscheinen wird, an dem unsere Nachkommen in künftigen Jahrhunderten mit ähnlichen Gefühlen auf uns herabschauen.

Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Selbst die Tinte, mit der die Weltgeschichte geschrieben wird, ist nichts als flüssig gemachtes Vorurteil.

Querkopf Wilsons Kalender.

Der Herzog von Fife hat als Zeuge ausgesagt, daß Mr. Rhodes ihn betrogen habe. Mit den Johannesburgern hat es Mr. Rhodes ganz ebenso gemacht. Er hat sie ins Unglück gestürzt, ist aber selbst weit vom Schuß geblieben. Ein gescheiter Kopf war er von jeher, darüber sind alle einig. Nur einmal hätte man fast an dieser Tatsache irre werden können. Es war zur Zeit seines letzten Raubzugs im Matabele-Land; das Kabel verkündete laut, er sei unbewaffnet dahin gegangen, um einige feindliche Häuptlinge zu besuchen. Als man aber dies tollkühne Beginnen bei Lichte besah, stellte sich heraus, daß eine Dame teil daran genommen hatte, welche ebenfalls unbewaffnet war.

Manche Leute glauben, Mr. Rhodes sei gleichbedeutend mit Südafrika; andere halten ihn nur für einen wichtigen Teil des Landes. Nach ihrer Meinung besteht Südafrika aus dem Tafelberg, den Diamantgruben, den Johannesburger Goldfeldern und Cecil Rhodes. Die Goldfelder sind wirklich höchst wunderbar. In sieben oder acht Jahren wuchs dort in der Wüste eine Stadt von 100 000 Einwohnern empor, Schwarze und Weiße zusammengenommen; aber nicht etwa eine gewöhnliche Bergwerksstadt von hölzernen Baracken, sondern durch und durch aus dauerhafterem Baumaterial. Nirgends in der Welt findet man einen solchen Goldreichtum wie in der Umgegend von Johannesburg. Mr. Bonamici, mein dortiger Geschäftsführer, gab mir eine kleine Goldstufe, auf welcher statistische Angaben über den Goldertrag seit der frühesten Zeit bis Juli 1895 eingeritzt waren. Sie bekunden den Riesenfortschritt in der Ausbeute. Im Jahre 1888 belief sich der Ertrag auf 4 162 440 $; in den nächsten sechstehalb Jahren betrug die Totalsumme 17 585 894 $ und in dem einen Jahr bis Juni 1895 gewann man einen Goldwert von 45 553 700 $.

Das Kapital für den Bergwerksbetrieb stammt aus England, die Grubeningenieure kommen aber aus Amerika; auch bei den Diamantgruben spielen sie die erste Rolle. Südafrika ist das Paradies für den wissenschaftlich gebildeten Hüttenmann. Die Amerikaner nehmen dort die besten Stellen ein und werden sie auch zu behaupten wissen; ihr Gehalt ist so hoch, wie es nicht ein einzelner, sondern eine ganze Familie von Ingenieuren in Amerika beziehen würde.

Die Aktionäre der einträglichen Goldgruben erhalten bedeutende Dividenden, und doch ist das Gestein nicht sehr reich nach kalifornischen Begriffen; wenn eine Tonne den Wert von zehn oder zwölf Dollars liefert, ist man schon zufrieden. Das Gold ist so sehr mit unedlen Metallen versetzt, daß der Ertrag vor zwanzig Jahren nur etwa halb so groß gewesen wäre, als jetzt. Damals machte es sich nicht bezahlt, wenn man aus solchem Gestein noch etwas anderes als das grobkörnige reine Gold gewinnen wollte. Bei dem heutigen Cyanid-Verfahren aber beträgt die Gesamtausbeute an Gold in der ganzen Welt jährlich fünfzig Millionen mehr, die früher zu den Abfällen geworfen wurden.

Das Cyanid-Verfahren war für mich ganz neu und sehr interessant; auch von den großartigen und kostspieligen Bergwerksmaschinen hatte ich manche noch nie gesehen; mit dem übrigen Betrieb der Goldbergwerke war ich jedoch völlig vertraut. Da ich früher einmal selbst Goldgräber gewesen bin, verstand ich gerade so viel davon wie die Leute in Johannesburg, nur nicht, wie man Geld damit erwirbt. Dagegen erfuhr ich viel Neues über die Buren, von denen ich noch nichts wußte. Was man mir dort sagte, wurde mir später auch in andern Teilen Südafrikas bestätigt. Fasse ich nun alle jene Berichte zusammen, so erhalte ich von dem Buren folgendes Bild:

Er ist sehr fromm, entsetzlich unwissend, schwerfällig, eigensinnig, gastfrei, bigott und träge; schmutzig in seinen Gewohnheiten, ehrlich bei Unterhandlungen mit den Weißen, hartherzig gegen seine schwarzen Diener, ein guter Schütze und Reiter, der Jagd sehr ergeben; eifersüchtig auf seine politische Unabhängigkeit, ein guter Gatte und Vater. Die Buren leben ungern in Städten zusammengedrängt, sie lieben die Einsamkeit und Absonderung auf dem großen, entlegenen, menschenleeren ›Veld‹. Ihre Eßlust ist ungeheuer und sie sind nicht wählerisch bei Befriedigung derselben – haben sie Schweinefleisch, Mais und Biltong in genügender Menge, so verlangen sie weiter nichts. Um ein Tanzvergnügen mitzumachen, bei dem auch die Nacht hindurch wacker geschmaust und gejubelt wird, scheuen sie einen tüchtigen Ritt nicht; aber zu einer Gebetsversammlung reiten sie gern noch zweimal so weit. Sie sind stolz auf ihre Abstammung von den Holländern und Hugenotten, stolz auf ihre religiöse und militärische Vergangenheit, auf die Großtaten ihres Volks in Südafrika – ihre kühnen Entdeckungsreisen in feindliche und unbekannte Einöden, wo sie den Belästigungen der ihnen verhaßten Engländer entgehen konnten. Sie rühmen sich ihrer Siege über die Eingeborenen und die Briten, am meisten jedoch der persönlichen und überschwenglichen Gnade und Fürsorge, welche die Gottheit ihren Angelegenheiten allezeit hat zu teil werden lassen.

Die Buren können durchschnittlich weder lesen noch schreiben, Zeitungen sind zwar vorhanden, aber niemand fragt danach; bis vor kurzem gab es keine Schulen, die Kinder lernten nichts. Was in der Welt Neues geschieht, ist dem Buren gleichgültig, es geht ihn nichts an. Das Steuerzahlen ist ihm verhaßt, und er lehnt sich dagegen auf. Seit drittehalb Jahrhunderten hat er in Südafrika stockstill gestanden und würde am liebsten bis ans Ende aller Zeiten auf demselben Fleck bleiben, denn die fortschrittlichen Gedanken der Uitlanders sind ihm ein Greuel. Zwar dürstet er nach Reichtum, wie andere Menschen auch, aber ein reicher Viehstand ist ihm lieber als schöne Kleider und Häuser, Gold und Diamanten, »Hätte man das Gold und die Diamanten doch nie entdeckt,« denkt er, »dann wäre der gottlose Fremdling nicht ins Land gekommen, der Unruhstifter mit seiner Sittenverderbnis!«

Jeder, der Olive Schreiners Bücher kennt, wird was ich hier anführe in der Hauptsache bestätigt finden. Und daß sie ein ungünstiges Vorurteil für den Buren hat, ist ihr noch von niemand vorgeworfen worden.

Was läßt sich nun aber nach alledem von dem Buren erwarten? Was kann aus solchem Stoff entstehen? Eine Gesetzgebung, sollte man meinen, welche die Religionsfreiheit einschränkt, dem Fremden die Wahlberechtigung und Wählbarkeit verweigert, den Bildungs- und Erziehungsanstalten wenig förderlich ist, die Goldproduktion einschränkt, das Eisenbahnnetz nicht erweitert, den Ausländer hoch besteuert und den Buren freiläßt.

Die Uitlanders scheinen indessen ganz andere Dinge erwartet zu haben. Warum weiß ich nicht. Es ließ sich vernünftigerweise nichts anderes voraussehen. Ein runder Mensch paßt nicht gleich in ein viereckiges Loch; man muß ihm erst Zeit lassen, seine Form zu ändern. Gewisse Verbesserungen wurden schon vor Jamesons Ueberfall vorgenommen und seitdem ist noch manche Reform eingeführt worden. Es sitzen weise Männer im Rate der Transvaal-Regierung und ihnen ist der Fortschritt zu danken, welchem die große Masse der Buren bis jetzt noch kaum zugänglich ist. Wäre die Regierung weniger weise, so hätte sie Jameson aufgehängt und aus einem gewöhnlichen Piraten einen heiligen Märtyrer gemacht. Aber auch die Weisheit hat ihre Grenzen, und wenn man Mr. Rhodes jemals fängt, wird man ihn sicherlich aufknüpfen und zu einem Heiligen machen. Diese höchste aller menschlichen Würden sollte ihm noch verliehen werden, nachdem er schon alle übrigen Titel getragen hat, welche irdische Größen bezeichnen.

Den Johannesburgern sind bereits viele ihrer ursprünglichen Forderungen bewilligt worden; auch ihre übrigen Beschwerden dürften mit der Zeit schwinden. Sie sollten froh sein, daß die Steuern, mit denen sie so unzufrieden waren, von der Burenregierung erhoben wurden, statt von ihrem Freunde Rhodes und seiner raubsüchtigen Südafrikanischen Gesellschaft; denn letztere nimmt die Hälfte von allem in Beschlag, was die Opfer ihrer Habgier beim Grubenbau gewinnen, sie begnügt sich nicht mit einem Prozentsatz. Stünden die Johannesburger unter ihrer Gerichtsbarkeit, sie wären längst im Armenhaus. Der Name Rhodesia ist gut gewählt, um das Land zu bezeichnen, wo Raub und Plünderung an der Tagesordnung sind und unter dem Schutz des Gesetzes nach Gutdünken betrieben werden können.

Auf mehreren langen Fahrten lernten wir die Eisenbahnen der Kapkolonie kennen. Alle Einrichtungen sind bequem, man findet die größte Sauberkeit und in den Nachtzügen behagliche Betten. Es war Anfang Juni und Winterzeit: bei Tage eine angenehme Wärme, nachts frisch und kühl. Während man durch das Land fuhr, atmete man den ganzen Tag über mit Wonne die kräftige Luft und schaute auf die braune sammetweiche Ebene hinaus, an deren Horizont mattschimmernde Hügelketten wie in einem fernen Traumland zu verschwimmen schienen. Wie tief blickte man in den Himmel hinein mit seinen fremden, seltsamen Wolkengebilden, wie flutete ringsum der herrlichste Sonnenglanz in verschwenderischer Fülle! Für mich hatte der Veld im ersten Winterkleid einen ganz besonderen Reiz. Wir kamen durch weite Strecken, wo der Boden sich wellenförmig hebt und senkt und sich endlos ausdehnt, gleich dem Ozean. Von dem hellsten bis ins dunkelste Braun waren dort alle Schattierungen vertreten, die sich zum schönsten Orangegelb, Purpur und Scharlachrot wandelten, wo die Ebene mit den bewaldeten Hügeln und den nackten, roten Felsklippen zusammenfließt und der Himmel die Erde berührt.

Ueberall, von Kapstadt bis Kimberley und von Kimberley bis Port Elizabeth und East London haben die Städte eine zahlreiche Bevölkerung von zahmen Eingeborenen. Man hatte sie nicht nur gezähmt, sondern vermutlich auch christianisiert, denn sie trugen die abscheuliche Kleidung, wie sie bei unsern christlichen zivilisierten Völkern Sitte ist. Einige von ihnen hätten sich sonst durch hervorragende Schönheit ausgezeichnet. Die häßlichen Kleider, der ihnen eigene schleppende Gang, das sorglose Lachen und ihre gutmütigen Gesichter mit dem zufriedenen, glücklichen Ausdruck machten sie zu einem täuschenden Ebenbild unserer amerikanischen Schwarzen. Wo nun alles andere vollkommen harmonisch und durch und durch afrikanisch war, kam plötzlich ein Schwarm solcher Eingeborenen gegangen, die gar nicht dorthin paßten. Sie brachten einen Mißklang in die Stimmung, es entstand ein halb afrikanisches, halb amerikanisches Gemisch und der ganze Eindruck war verdorben.

An einem Sonntag sah ich in King Williams Town wohl ein Dutzend farbige Weiber, die nach neuster Mode kostbar und auffallend in die widersprechendsten und grellsten Farben gekleidet waren. Sie kamen über den großen, leeren Platz geschritten und zeigten in Gang und Miene jene schmachtende Vornehmtuerei, jenes innige Wohlgefallen an ihrem Putz, das ich so genau kannte und das für mich stets eine wahre Augenweide ist. Mir war, als sei ich nach fünfzigjähriger Trennung wieder unter guten alten Freunden und ich blieb stehen, um sie herzlich zu begrüßen. Sie brachen in ein kameradschaftliches Lachen aus, ihre weißen Zähne blitzten mir entgegen; alle antworteten auf einmal, doch verstand ich kein Wort von dem was sie sagten. Das verwunderte mich höchlich; es war mir auch nicht im Traum eingefallen, daß sie eine andere Sprache reden könnten als Amerikanisch.

Auch die weichen, wohlklingenden Stimmen der afrikanischen Frauen erinnerten mich an die Sklavinnen aus meiner Kinderzeit. Ich folgte einigen bis in den Oranje-Freistaat, das heißt, durch die ganze Hauptstadt Bloemfontein, nur um den Laut ihrer Stimme und ihr lustiges Lachen zu hören.

Auf unsern Eisenbahnfahrten durch das Land hatte ich Gelegenheit viele Buren zu sehen, die auf dem einsamen Veld leben. Eines Tages stiegen in einem Dorf hundert zusammen aus der dritten Klasse, um sich auf der Station gütlich zu tun. Ihr Anzug interessierte mich. Etwas so Häßliches an Form und unharmonischer Zusammenstellung der Farben war mir noch nicht vorgekommen. Der Anblick regte mich in seiner Art fast ebenso auf, wie das Schauspiel, welches mir die geschmackvollen Trachten und schönen glänzenden Gewänder auf den indischen Stationen bereitet hatten. Ein Mann trug Beinkleider aus geripptem Baumwollzeug von dem abscheulichsten verschossenen Gelbbraun, das ich je gesehen habe, und sie waren obendrein neu, die Farbe war absichtlich gewählt, nicht durch irgend ein Mißgeschick entstanden. Ein langer, vierschrötiger Lümmel hatte einen zerknitterten grauen Schlapphut mit breiter Krempe auf dem Kopf, rosinfarbene Hosen und einen scheußlichen, nagelneuen Tuchrock, der mit seinen wellenförmigen, breiten gelben und braunen Streifen ein Tigerfell nachahmen sollte. Nach meiner Meinung verdiente der Mensch gehängt zu werden; als ich aber den Stationsvorsteher fragte, ob sich das nicht bewerkstelligen ließe, verneinte er es auf grobe Weise und mit ganz unnötiger Heftigkeit. Im Fortgehen murmelte er noch etwas in den Bart, das wie ›Esel‹ klang; auch lenkte er die öffentliche Aufmerksamkeit auf mich und man zeigte mit Fingern nach mir. Das hat man davon, wenn man versucht etwas Gutes zu tun, es ist der Lohn der Welt!

An jenem Tage erzählte mir ein Mitreisender im Zuge noch allerlei von den Buren. Er sagte, daß sie früh aufstehen und ihre Schwarzen an die Arbeit treiben (sie müssen die Herden draußen auf der Weide hüten), dann setzen sie sich hin um zu essen, zu rauchen und zu schlafen; gegen Abend überwachen sie das Melken u. dgl., essen, rauchen und schlafen wieder, und gehen bei Dunkelwerden wieder zu Bett in den wohlriechenden Kleidern, die sie den ganzen Tag über und an jedem Werktag seit Jahren getragen haben. Auch von ihrer bekannten Gastfreiheit wußte er ein Beispiel zu berichten: Einmal machte ein hochwürdiger Bischof von Amts wegen eine Reise durch den Veld, wo es keine Gasthäuser gibt. Zur Nacht kehrte er bei einem Buren ein, und als das Abendessen vorüber war, wies man ihm sein Bett an. Er war müde und angegriffen von seinem Tagewerk, kleidete sich aus und lag bald in tiefem Schlaf. In der Nacht ward ihm so eng und beklommen zu Mute, daß er erwachte; da sah er den alten Buren und seine dicke Frau rechts und links von ihm im Bett liegen; sie hatten alle ihre Kleider anbehalten und schnarchten laut. Ihm blieb nichts übrig als sich still zu verhalten und sein Geschick zu ertragen; er quälte sich wachend bis zur Morgendämmerung, dann schlummerte er noch ein Stündchen ein. Als er die Augen wieder aufschlug, war der alte Bur fort, aber die Frau lag noch an seiner Seite.

Dreiundzwanzigstes Kapitel.

Dreiundzwanzigstes Kapitel.

Es gibt keinen Breitegrad auf der ganzen Erdkugel, der sich nicht einbildet, daß er eigentlich von Rechts wegen der Aequator sein solle.

Querkopf Wilsons Kalender.

Unter den Naturerscheinungen von Südafrika interessierte mich – nächst Mr. Rhodes – der Diamantkrater am meisten. Die Goldfelder im › Rand‹ sind von erstaunlicher Größe; keine Goldgrube der Welt kann sich neben ihnen blicken lassen, aber, wie gesagt, den Betrieb kannte ich schon. Auch der Veld macht einen gewaltigen Eindruck, doch ist er im Grunde nur eine edlere, schönere Abart unserer großen Prairie. Die Eingeborenen boten mir viel Anziehendes aber wenig Neues, und in den Städten fand ich mich meist von Anfang an ohne Führer zurecht, denn ich konnte die Straßen auswendig, da ich sie unter andern Namen in den Städten anderer Länder genau so gesehen hatte. Nur die Diamantgruben waren für mich eine vollständige Neuheit, die mich ganz und gar gefangen nahm. Es leben nur wenige Leute, die den Diamanten in seiner Heimat besucht haben. Gold findet man an zahlreichen Orten, aber der Diamant ist nur an drei oder vier Stellen in der Welt heimisch; es lohnt wohl der Mühe um den Erdball zu segeln, wenn man dafür die kostbarste und auserlesenste Seltenheit aus der Schatzkammer der Natur zu sehen bekommt.

Die Diamantlager bei Kimberley wurden im Jahre 1869 entdeckt; in Anbetracht der besonderen Umstände muß man sich nur verwundern, daß die Afrikaner sie nicht schon seit fünftausend Jahren kennen und ausbeuten. Man fand die ersten Diamanten offen auf der Oberfläche liegen; sie waren glatt und durchsichtig und schienen Feuer zu speien, wenn die Sonne sie bestrahlte. Hätte man nicht meinen sollen, der Wilde würde sie jederzeit höher geschätzt haben als alles andere auf der Welt, mit Ausnahme von Glasperlen? – Seit zwei oder drei Jahrhunderten haben wir ihm sein Land, sein Vieh, seinen Nachbar und alles was er sonst noch zu verkaufen hatte, für Glasperlen abgehandelt. Es ist daher höchst verwunderlich, daß er sich den Diamanten gegenüber so gleichgültig verhalten hat; denn er muß sie, ohne Zweifel, unzähligemale aufgelesen haben. Daß die Afrikaner nicht versuchten sie an die Weißen zu verkaufen, ist sehr natürlich, denn die Weißen besaßen ja schon Glasperlen von viel gefälligerer Form in Hülle und Fülle. Aber die ärmeren Schwarzen, deren Mittel ihnen nicht erlaubten sich mit wirklichem Glas zu schmücken, hätten sich doch damit begnügen können die glitzernden Dinger zu tragen; sie wären dem weißen Händler aufgefallen, er hätte eine Probe mit nach Hause genommen und nachdem ihre Natur erkannt worden war, würden die Glücksjäger scharenweise nach Afrika geströmt sein. Die Weltgeschichte ist manchmal recht sonderbar, eines ihrer seltsamsten Vorkommnisse ist aber ohne Frage, daß man die Diamanten Jahrhunderte lang auf der Erde funkeln ließ, ohne daß sich irgend ein Mensch darum kümmerte.

Durch einen Zufall wurde die Wahrheit endlich offenbar: In einer Burenhütte auf der weiten, einsamen Ebene bemerkte ein fremder Reisender, daß ein Kind mit einem glänzenden Gegenstand spielte. Man sagte ihm, es sei ein Glasstückchen, das auf dem Veld gefunden worden wäre. Er kaufte es für eine Kleinigkeit, nahm es mit, und da er kein ehrlicher Mann war, machte er einem anderen Fremdling weiß, es sei ein Diamant. Er ließ sich 125 Dollars dafür bezahlen und war so vergnügt über den ungerechten Handel, als ob er ein gutes Werk getan hätte. In Paris verkaufte der betrogene Fremde das vermeintliche Glasstück für 10 000 Dollars an einen Pfandverleiher; dieser ließ sich dafür von einer Gräfin 90 000 Dollars zahlen; die Gräfin verkaufte es einem Bierbrauer für 800 000 Dollars, der Bierbrauer ließ sich dafür vom König ein Herzogtum und einen Stammbaum verleihen und der König verpfändete den Diamanten. So hat sich die Sache in Wirklichkeit zugetragen.

Die Kunde von der großen Entdeckung verbreitete sich mit Blitzesschnelle und das südafrikanische Diamantenfieber brach aus. Jener erste Reisende, der so unehrlich war, erinnerte sich auf einmal, daß er gesehen hatte, wie ein Fuhrmann auf steilem Wege sein Wagenrad mit einem Diamanten gehemmt hatte, der so groß war wie ein Kinderkopf, Sofort gab er alle andern Geschäfte auf und zog aus, um jenen Diamanten zu suchen. Dabei hatte er jedoch keineswegs die Absicht, irgend jemand wieder um 125 Dollars zu betrügen, denn er war unterdessen in sich gegangen.

Wir wollen die Sache nun von ihrer lehrreichen Seite betrachten: Die Diamanten liegen nicht in fünfzig Meilen langen Felsschichten eingebettet, wie das Johannesburger Gold, sondern sie verteilen sich in den Schuttmassen, welche, wenn man so sagen will, den Schacht eines scharf abgegrenzten Brunnens ausfüllen; außerhalb der Brunnenwände finden sich keine Diamanten. Dieser Schacht ist nichts anderes als ein großer Krater, dessen Oberfläche mit Gras überwachsen ist und sich auf keine Weise von der Ebene ringsumher unterscheidet. Das Weideland über dem Diamantenkrater von Kimberley war groß genug, um einer Kuh Nahrung zu geben, und von der Weide, die im Innern verborgen war, hätte sich ein Königreich satt essen können. Aber die Kuh wußte nichts davon und verscherzte ihr Glück.

Der Kimberley-Krater hat einen solchen Umfang, daß das römische Kolosseum Platz darin fände; wie weit sich die Einsenkung in die Tiefe erstreckt, weiß niemand, denn man ist noch nicht bis zum Boden des Kraters gekommen. Ursprünglich war das ganze senkrechte Loch mit einer festen, bläulichen Masse von vulkanischem Tuffstein angefüllt, in welcher sich die Diamanten verteilen gleich den Rosinen in einem Pudding. So tief wie sich das blaue Gestein in das Erdinnere erstreckt, wird man auch Diamanten darin finden.

In der Nähe gibt es noch drei oder vier berühmte Krater, alle in einem Umkreis von kaum drei Meilen Durchmesser. Sie gehören der De Beers-Gesellschaft, die vor zwölf oder vierzehn Jahren von Mr. Rhodes gegründet wurde. Auch noch andere Krater, die zur Zeit das Gras bedeckt, sind Eigentum der De Beers, welche genau wissen, wo sie liegen und sie eines schönen Tages öffnen werden, wenn die Gelegenheit günstig ist.

Anfänglich waren die Diamantenlager im Besitz des Oranje-Freistaats; aber durch eine wohlüberlegte ›Berichtigung‹ der Grenzlinie wurden sie der Kapkolonie einverleibt und kamen unter britische Herrschaft. Ein hoher Beamter des Freistaats sagte mir, man habe der Republik 400 000 Dollars Entschädigung, Schmerzensgeld, oder wie man es nennen will, ausgezahlt, und nach seiner Meinung hätte die Regierung klug daran getan, die Summe anzunehmen und jeden Streit zu vermeiden, da alle Macht aus der einen und alle Schwäche auf der anderen Seite war. Jetzt gräbt die De Beers-Gesellschaft wöchentlich Diamanten im Wert von 400 000 Dollars aus. Das Kapland hat zwar den Grund und Boden erhalten, aber nicht den Gewinn, denn die Gruben sind, wie gesagt, Eigentum von Mr. Rhodes, den Rothschilds und anderen De Beers-Leuten, die keine Abgaben bezahlen.

Heutzutage stehen die Gruben unter Leitung der fähigsten amerikanischen Grubeningenieure und werden nach wissenschaftlichen Grundsätzen ausgebeutet. Großartige Maschinen sind in Tätigkeit, um das blaue Gestein zu zerkleinern, aufzuweichen und solange zu bearbeiten, bis jeder Diamant, den es enthält, aufgefunden und in Sicherheit gebracht worden ist. Ich sah den ›Konzentratoren‹ bei ihrer Arbeit zu; sie standen vor großen Behältern voll Schlamm, Wasser und unsichtbaren Diamanten, und man sagte mir, daß ein Mann täglich dreihundert Wagenladungen aufgeweichtes Gestein – zu 1600 Pfund die Ladung – durchrühren, auspumpen, zubereiten und in drei Wagenladungen Schlamm umwandeln könne. Man brachte in meinem Beisein die drei Wagenladungen Schlamm auf die Siebsetzmaschine, welche sie auf eine Viertelladung reinen, dunkelfarbigen Sandes reduzierte. Dann ging es zu den Sortier-Tischen, wo ich sah, wie die Arbeiter den Sand rasch und geschickt ausbreiteten, ihn hin- und herfegten und jeden Diamanten herausnahmen, den sie aufblitzen sahen. Ich beteiligte mich eine Weile daran und fand einen Diamanten, der halb so groß war wie eine Mandel. Dies Fischen ist sehr aufregend; mich durchbebte jedesmal ein Freudenschauer, wenn ich einen der funkelnden Steine aus dem dunkeln Sand hervorglänzen sah. Könnte ich mir doch dann und wann zum Festtagsspaß diesen Zeitvertreib machen!

Natürlich fehlt es dabei auch nicht an Enttäuschungen. Zuweilen findet man einen Diamanten, der keiner ist, sondern nur ein Stück Bergkrystall oder ein ähnlich wertloses Ding. Der Sachverständige unterscheidet es meist von dem Edelstein, den es nachäffen will. Im Zweifelfall legt er es auf eine Eisenplatte und schlägt mit dem Schmiedehammer darauf. Ist es ein Diamant, so bleibt es heil und ganz, alles andere wird zu Pulver zermalmt. Diese Probe gefiel mir so sehr, daß ich immer wieder mit Vergnügen zusah, wie oft sie auch vorgenommen wurde. Man setzt dabei nichts aufs Spiel, und die Spannung ist ein großer Genuß.

Die De Beers-Gesellschaft läßt täglich 8000 Wagenladungen – etwa 6000 Tonnen – blaues Gestein verarbeiten und gewinnt daraus drei Pfund Diamanten, die in rohem Zustand einen Wert von 50 000 bis 70 000 Dollars haben. Nachdem sie geschliffen sind, wiegen sie weniger als ein Pfund, ihr Wert ist aber vier- bis fünfmal größer als vorher.

Die ganze Ebene in jener Gegend ist einen Fuß hoch mit dem blauen Gestein bedeckt, so daß sie aussieht wie ein gepflügtes Feld. Die Gesellschaft läßt die Stücke ausbreiten, um sie längere Zeit der Luft auszusetzen, weil sie dann leichter zu bearbeiten sind, als wenn sie unmittelbar aus der Grube kommen. Würde der Betrieb jetzt eingestellt, so könnte man von dem Gestein, das dort auf dem Felde liegt, noch drei Jahre lang täglich 8000 Wagenladungen nach den Sortierwerken bringen. Die Felder sind eingezäunt, sie werden bewacht und nachts durch hohe elektrische Scheinwerfer beleuchtet, was sehr zweckmäßig ist, da dort Diamanten im Wert von fünfzig bis sechzig Millionen Dollars liegen und an unternehmungslustigen Dieben kein Mangel herrscht.

Auch im Schmutz der Straßen von Kimberley sind Reichtümer verborgen. Vor einiger Zeit erteilte man den Bewohnern unbeschränkte Erlaubnis sie auszuwaschen. Von allen Seiten strömten Leute herbei, die Arbeit wurde sehr gründlich verrichtet und eine reichliche Diamanternte gehalten.

Die Grubenarbeiter sind Eingeborene, die zu vielen Hunderten in Hütten wohnen, welche innerhalb eines großen, umzäunten Hofes stehen. Es ist ein lustiges, gutmütiges Volk und sehr gefällig; der Kriegstanz, den sie vor uns aufführten, war das wildeste Schauspiel, das ich je gesehen habe. Während ihrer Dienstzeit, welche, wenn ich nicht irre, in der Regel drei Monate dauert, dürfen sie den Hof nicht verlassen. Sie steigen in den Schacht hinunter, tun ihre Arbeit, kommen wieder herauf, werden durchsucht und gehen zu Bett oder machen sich irgendwo eine Kurzweil auf dem Hofe. Das ist ihr Lebenslauf, tagaus, tagein.

Man glaubt, daß es ihnen jetzt nur selten gelingt, Diamanten zu stehlen. Früher verschluckten sie dieselben oder erfanden andere Methoden sie zu verbergen. Aber der Weiße läßt sich jetzt schwer überlisten. Ein Mann schnitt sich sogar ins Bein und versteckte einen Diamanten in der Wunde, doch selbst dieser Kunstgriff schlug fehl. Wenn die Leute einen schönen, großen Diamanten finden, liefern sie ihn im allgemeinen lieber ab, statt ihn zu stehlen. Im erstern Falle erhalten sie eine Belohnung, im letzteren kommen sie höchstwahrscheinlich in Ungelegenheiten. Vor einigen Jahren fand ein Schwarzer in einer Grube, die nicht den De Beers gehörte, den Diamanten, von welchem man sagt, er sei der größte, den die Welt je gesehen habe. Zum Lohn dafür wurde er vom Dienst befreit, erhielt eine wollene Decke, ein Pferd und 500 Dollars. Das machte ihn zu einem Krösus; er konnte sich vier Weiber kaufen und behielt noch Geld übrig. Ein Eingeborener, der vier Weiber hat, braucht nicht mehr für seinen Unterhalt zu sorgen und keine Hand zur Arbeit zu rühren, er ist ein vollkommen unabhängiger Mensch.

Jener Riesen-Diamant wiegt 971 Karat. Er soll so groß sein, wie ein Stück Alaun oder wie ein Mundvoll Zuckerkant, manche behaupten sogar, wie ein Klumpen Eis. Aber diese Angaben schienen mir unwichtig und obendrein unzuverlässig. Der Diamant hat einen Fehler im Innern, sonst würde er von völlig unerschwinglichem Werte sein. So wie er ist. schätzt man ihn auf 2 000 000 Dollars, folglich müßte er nach dem Schleifen 5 000 000 bis 8 000 000 Dollars kosten; wer den Diamanten jetzt kauft, kann also viel Geld ersparen. Er ist Eigentum eines Syndikats und hat bisher keinen zahlungsfähigen Käufer gefunden, so ist er denn ein totes Kapital, bringt nichts ein und hat, außer dem glücklichen Finder, noch niemand reich gemacht.

Der Eingeborene fand ihn in einer Grube, welche im Kontrakt bearbeitet wurde. Das heißt, eine Gesellschaft hatte sich für eine bestimmte Summe und eine Abgabe vom Ertrag das Vorrecht erkauft, 5 000 000 Wagenladungen blaues Gestein aus der Grube zu holen. Bei der Spekulation war kein Gewinn erzielt worden; doch gerade am Tage, ehe der Kontrakt ablief, kam der Schwarze mit dem Diamanten angegangen. Auch die Diamantenfelder sind nicht arm an überraschenden Episoden, wie man sieht.

Zwar wird der bekannte Koh-i-Noor mit Recht wegen seiner Größe und Kostbarkeit gepriesen, doch kann er sich nicht mit drei andern Diamanten messen, die zu den Kronjuwelen von Portugal und Rußland gehören sollen, und von denen einer den Wert von 20 000 000 Dollars hat, während der zweite auf 25 000 000 Dollars geschätzt wird und der dritte auf 28 000 000 Dollars.

Das sind in der Tat wunderbare Diamanten – mögen sie der Sage angehören oder der Wirklichkeit – aber der Edelstein, mit welchem jener Fuhrmann, von dem ich oben sprach, auf dem steilen Weg seinen Wagen gehemmt hat, war doch noch viel größer. In Kimberley traf ich mit dem Manne zusammen, der vor achtundzwanzig Jahren selbst mit angesehen hatte, wie der Bur den Diamanten unter das Wagenrad schob. Als er mir versicherte, der Stein sei eine Billion Dollars wert, wenn nicht darüber, glaubte ich es ihm aufs Wort. Der Mann hat siebenundzwanzig Jahre seines Lebens darauf verwendet nach dem Diamanten zu suchen und wird wohl seiner Sache gewiß sein.

Wer sich das langwierige mühevolle und kostspielige Verfahren angesehen hat, durch welches die Diamanten aus der Tiefe der Erde ans Licht gefördert und von den Schlacken befreit werden, die sie einschließen, der sollte zum Schluß nicht verfehlen, dem Bureau der De Beers in Kimberley einen Besuch abzustatten, wo täglich der Ertrag der Gruben abgeliefert, gewogen, sortiert, geschätzt und bis zum Einschiffen in eisernen Schränken verwahrt wird. Ohne besondere Empfehlungen erhält niemand Einlaß an diesem Ort, und aus den zahlreichen Warnungstafeln und Schutzvorrichtungen, die allenthalben angebracht sind, können selbst bekannte und gutempfohlene Personen leicht ersehen, daß sie keine Diamanten stehlen dürfen, wenn sie sich nicht Unannehmlichkeiten aussetzen wollen.

Wir sahen die Ausbeute jenes Tages in glänzenden kleinen Häufchen auf weißen Papierbogen liegen. Zwischen den einzelnen Diamanthäufchen war auf dem Tisch immer ein Fußbreit Raum gelassen. Der Tagesertrag stellte einen Wert von 70 000 Dollars dar. Im Lauf eines Jahres kommen dort auf die Wage etwa eine halbe Tonne Diamanten, welche achtzehn bis zwanzig Millionen Dollars einbringen; der Profit beträgt ungefähr 12 000 000 Dollars.

Das Sortieren wird von jungen Mädchen besorgt; es ist eine hübsche, reinliche, nette, aber vermutlich recht qualvolle Arbeit. Täglich lassen die Mädchen reiche Schätze auf der Hand funkeln und durch die Finger gleiten und gehen doch abends so arm zu Bette, wie sie morgens aufgestanden sind, und das einen Tag wie alle Tage.

Auch in ihrem Urzustand sind die Diamanten wunderhübsch anzusehen; sie haben verschiedene Formen, eine glatte Oberfläche und abgerundete Ränder, niemals scharfe Ecken. Es gibt Diamanten in allen Farben und Schattierungen, vom klarsten Weiß des Tautropfens bis zum wirklichen Schwarz; die meisten sind hell und strohfarben. Wenn sie so glatt und rund, so durchsichtig und schillernd daliegen, meint man einen Haufen Fruchtbonbons zu sehen. Mir schien, als müßten diese rohen Edelsteine weit schöner sein als geschliffene. Erst als eine Sammlung geschliffener Diamanten hereingebracht wurde, erkannte ich meinen Irrtum. Einem Rosen-Diamanten mit natürlichem Farbenspiel läßt sich an Schönheit nichts vergleichen, außer ein Ding, das ganz und gar nicht kostbar ist und ihm doch täuschend ähnlich sieht. Das ist vom Sonnenlicht durchglühtes Meerwasser, dessen Wellen den weißen Ufersand bespülen.

*

Noch vor Mitte Juli kamen wir nach Kapstadt, dem Endpunkt unserer Reise in Afrika. Nun waren wir ganz befriedigt, denn als wir den hohen Tafelberg über uns thronen sahen, wußten wir, daß wir alle großen südafrikanischen Sehenswürdigkeiten in Augenschein genommen hatten, außer Cecil Rhodes. – Ich weiß wohl, das ist keine unbedeutende Ausnahme. Denn mag nun Mr. Rhodes der erhabene und verehrungswürdige Patriot und Staatsmann sein, für welchen ihn viele halten, oder der Teufel in Menschengestalt, für den ihn die übrige Welt ansieht, jedenfalls ist er die imposanteste Persönlichkeit im britischen Reich, außerhalb Englands: Wenn er auf dem Kap der Guten Hoffnung steht, fällt sein Schatten bis zum Zambesi. Er ist der einzige Kolonist in den britischen Besitzungen, dessen Kommen und Gehen allerwärts auf der Erde besprochen und verzeichnet wird, dessen Reden das Kabel unverkürzt nach allen Enden der Welt entsendet und der einzige Ausländer von nicht königlichem Geblüt, dessen Ankunft in London ebenso viel Aufsehen macht, wie eine Sonnenfinsternis.

Daß er kein Findelkind des Glückes, sondern ein außerordentlicher Mensch ist, leugnen auch seine liebsten südafrikanischen Feinde nicht, soweit mir ihr Zeugnis bekannt ist. Die ganze Welt Südafrikas – Freund wie Feind – sieht mit ehrfurchtsvollem Schauer zu ihm empor. Dem einen Teil erscheint er als Bote Gottes, dem andern als ein Abgesandter des Satans; das Volk ist sein Eigentum, mit einem Hauch kann er es beglücken oder ins Verderben stürzen; viele beten ihn an, viele verabscheuen ihn, aber kein kluger Mann wagt ihm zu fluchen, und selbst die Unvorsichtigen tun es nur in leisem Flüsterton.

Was verschafft ihm aber diese gefürchtete Oberhoheit? Ist es sein ungeheuerer Reichtum, von dessen Fettöpfen für eine Menge Menschen Lohn und Unterhalt herabträufeln, was sie zu einem willfährigen Untergebenen macht? Ist es seine persönliche Anziehungskraft und Überredungskunst, mit der er alles hypnotisiert, was in den Bannkreis seines Einflusses gerät? Sind es seine majestätischen Gedanken und Riesenpläne für die Machterweiterung des britischen Reiches, sein patriotischer und selbstloser Ehrgeiz? Will er den segensreichen Schutz und die gerechte Herrschaft Englands über die weiten Länder des heidnischen Afrikas ausbreiten, damit der dunkle Erdteil vom Ruhme des britischen Namens wiederstrahlt? Oder beansprucht er die Erde als sein Eigentum und halten seine Freunde so standhaft an ihm fest, weil sie glauben, er wird sie bekommen und auch ihnen etwas abgeben? – Was auch immer des Rätsels Lösung ist, das Endresultat bleibt dasselbe.

Jedenfalls steht die Tatsache fest, daß Rhodes tun kann was er will, ohne seine Herrschaft und seinen ungeheuern Anhang zu verlieren. Der Herzog von Fife sagt selbst, ›er habe ihn betrogen‹, doch läßt sich der Herzog in seiner Ergebenheit dadurch nicht irre machen. Rhodes bringt die Reformpartei durch seinen Einfall in Transvaal in große Not, aber die meisten glauben, er habe es gut gemeint. Er beklagt die schwerbesteuerten Johannesburger und macht sie sich zu Freunden; gleichzeitig verlangt er von seinen Ansiedlern in Rhodesia fünfzig Prozent und sichert sich dadurch ihr Vertrauen und ihre Zuneigung in solchem Maße, daß sie in Verzweiflung geraten, sobald sich nur das Gerücht verbreitet, die Chartered Company solle aufgelöst werden. Er fällt ins Land der Matabele ein, die er beraubt, erschlägt, und sich dienstbar macht; dafür wird er von allen Charter-Christen mit Lobsprüchen überhäuft. Er hat die Briten verführt, tonnenweise wertlose Charter-Papiere für Noten der Bank von England zu kaufen, und doch streuen ihm die Beraubten Weihrauch, als dem Gott künftigen Ueberflusses. Er hat alles getan, was sich irgend tun ließ, um seinen Sturz vorzubereiten; ein Dutzend großer Männer wären an seiner Stelle sicherlich zu Fall gekommen. Er aber steht bis zum heutigen Tage auf seiner schwindelnden Höhe unter dem Himmelsdom, als ein Wunder seiner Zeit, als das Geheimnis des Jahrhunderts; die eine Hälfte der Welt hält ihn für einen geflügelten Erzengel und die andere für einen geschwänzten Teufel.

Ich bewundere ihn sehr, das gestehe ich ganz offen, und wenn seine Zeit kommt, will ich mir ein Ende von seinem hanfenen Strick zum Andenken kaufen.

Vierundzwanzigstes Kapitel.

Vierundzwanzigstes Kapitel.

Ich bin mehr gereist als irgend ein Mensch und habe die Entdeckung gemacht, daß selbst die Engel kein reines Englisch sprechen.

Querkopf Wilsons Kalender.

Den majestätischen Tafelberg habe ich jedenfalls gesehen. Er ist 3000 Fuß hoch; hat aber auch eine Höhe von 17 000 Fuß. Man kann sich auf diese Zahlen verlassen, denn ich weiß sie aus dem Munde der zwei Bürger von Kapstadt, welche am besten darüber unterrichtet sind, weil sie sich, das Studium des Tafelbergs zum Lebensberuf gemacht haben. Die Tafelbai wird so genannt, weil sie ganz eben ist. Das Schloß des kommandierenden Generals ist vor dreihundert Jahren von der Holländisch-Ostindischen Kompagnie erbaut worden. Auch die St. Simons-Bai habe ich gesehen, wo der Admiral wohnt, ferner war ich im Gouvernements-Haus und im Parlament, wo sich die Abgeordneten in zwei Sprachen stritten und sich in keiner verständigten. Ich besuchte den Klub und fuhr auf den schönen, gewundenen Straßen, die sich am Meeresufer und an den Bergen entlang ziehen, durch das Paradies, wo die Villen liegen. Auch in den hübschen alten holländischen Wohnhäusern aus früherer Zeit, die noch jetzt so behaglich sind, verweilte ich als Gast.

*

Am 15. Juli traten wir in dem ›Norman‹, einem prächtigen, trefflich ausgestatteten Schiff, die Rückfahrt nach England an, die kaum vierzehn Tage währte, und bei der wir uns nur in Madeira aufhielten. Eine solche Reise ist wie zum Ausruhen geschaffen für müde Leute, und deren hatten wir viele an Bord. Mir war zu Mute, als hätte ich statt ein Jahr lang, Jahrhunderte lang Vorlesungen gehalten, und die meisten Johannesburger auf unserm Schiff waren noch sehr angegriffen von ihrer fünfmonatlichen Einkerkerung im Gefängnis zu Prätoria.

Unsere Reise um die Erde endigte am Landungsplatz von Southampton, wo sie vor dreizehn Monaten begonnen hatte. Eine Weltumsegelung in so kurzer Zeit schien mir eine schöne und große Tat, auf die ich mir heimlich nicht wenig einbildete. Aber nur einen Augenblick. Dann kam ein astronomischer Bericht von der Sternwarte und verdarb mir die ganze Freude: In der fernsten Ferne des Himmelsraumes war erst kürzlich ein neuer großer Weltkörper aufgetaucht, dessen Licht mit solcher Schnelligkeit reiste, daß es in 1/7 Sekunde die ganze Strecke durchmessen könnte, die ich zurückgelegt hatte. – Des Menschen Stolz verlohnt sich nicht der Mühe; immer lauert etwas im Hinterhalt, das ihn zu Falle bringt.

Viertes Kapitel.

Viertes Kapitel.

Glück zu ertragen verstehen nur wenige. Ich meine andrer Leute Glück.

Querkopf Wilsons Kalender.

Das nächste Bild in meiner Erinnerung ist das Gouverneurshaus auf der Malabar-Spitze, wo man von den Fenstern und großen Balkons weit ins Meer hinausblickt. Seine Exzellenz, der Gouverneur der Präsidentschaft Bombay, wohnt dort ganz nach europäischer Art, in einem Staatspalast, der zugleich ein behagliches Heim ist; nur die Leibwache und die Diener sind Eingeborene. Da war England vertreten mit seiner Macht und den Errungenschaften seiner modernen Zivilisation; überall herrschten stille Farben und gediegener Geschmack, ruhige Würde und Vornehmheit.

Nun folgte ein Bild altindischer Kultur in der Behausung von Kumar Shri Samatsinhji Bahadur, dem Fürsten des Palitana-Staats. Bei unserm Besuch sahen wir auch dessen Sohn und Erben nebst seinem Schwesterchen. Die hübsche braune kleine Elfe war zart gebaut, sehr ernsthaft, reizend anzuschauen und gekleidet wie der zierlichste Schmetterling. Sie machte uns zwar ein freundliches Gesicht, doch zog sie es anfänglich vor, ihres Vaters Hand nicht loszulassen, um die Fremden erst näher kennen zu lernen und zu sehen, wie weit man ihnen trauen dürfe. Die niedliche kleine Märchenprinzessin mochte etwa acht Jahre alt sein; in drei oder vier Jahren mußte sie also nach indischem Brauch heiraten. Dann war ihr freies Leben in Luft und Sonnenschein zu Ende und von einem Verkehr mit männlichen Besuchern durfte nicht mehr die Rede sein. Gleich ihrer Mutter wird sie sich auf Lebenszeit im Frauengemach einschließen, sich aus angeerbter Gewohnheit glücklich fühlen und ihre Beschränkung weder als lästigen Zwang noch als trübselige Gefangenschaft ansehen.

In seinen Mußestunden unterhält sich der Fürst mit einem Spiel – aber davon will ich lieber nicht reden; ich könnte es doch nicht so beschreiben, daß man es versteht. Es ist sehr verwickelt, und obgleich ich mir alle Mühe gab es zu begreifen, gelang es mir doch nicht; man sagt, daß nur ein Inder das Spiel erlernen kann. Meine Frau und Tochter besuchten unterdessen die Fürstin im Frauengemach – eine liebenswürdige Dame, die fließend Englisch spricht. – Auch einen Turban zu winden war ich nicht imstande; es sieht so einfach und leicht aus, als wäre es gar keine Kunst, das beruht jedoch auf Täuschung. Der Inder nimmt das eine Ende eines vierzig bis fünfzig Fuß langen und etwa einen Fuß breiten, dünnen, zarten Gewebes in beide Hände, windet es sorgfältig fest um den Kopf, wobei er den Stoff mehrmals dreht – in ein paar Minuten ist das Kunstwerk regelrecht vollendet und sitzt wie angegossen.

Wir interessierten uns sehr für die fürstliche Garderobe, die Edelsteine und das schön geformte, prächtig verzierte Silbergerät. Letzteres wird bei den Mahlzeiten gebraucht und im übrigen stets verschlossen gehalten; nur der erste Diener und der Fürst selber haben Schlüssel zum Silberschrank. Der Zweck dieser Maßregel ist aber keineswegs den Silberschatz zu hüten, sondern vermutlich den Fürsten vor einer Verunreinigung zu schützen, welcher seine Kaste ausgesetzt wäre, wenn Diener aus einer niederen Kaste die Gefäße berührten; vielleicht fürchtet seine Hoheit auch Gift! Ich glaube ein besoldeter Vorkoster muß jede Speise versuchen, ehe der Fürst sie genießt. Das ist eine alte, weise Sitte im Orient, die gar manchen Vorkoster an Stelle seines Herren ins Jenseits brachte, denn natürlich ist es der Koch, der das Gift in das Essen tut. Wäre ich ein indischer Fürst, so würde ich mit dem Koch speisen und die Stelle des Vorkosters eingehen lassen.

Alle Zeremonien flößen mir stets Interesse ein; auch mit dem indischen Morgengruß ist eine solche verbunden: Der Sohn berührt dabei ehrfurchtsvoll des Vaters Stirn mit einem kleinen silbernen Röhrchen, das in Saft getaucht wird, welcher einen roten Punkt zurückläßt; hierauf segnet der Vater den Sohn. Wenn wir uns damit begnügen, Guten Morgen zu sagen, so paßt das zwar zu unsern formlosen Gewohnheiten, aber für den Orient wäre es lange nicht umständlich und feierlich genug.

Beim Schluß unseres angenehmen Besuchs legte man uns noch, wie es die Sitte verlangt, große gelbe Blumenkränze um den Hals und versah uns mit Betelnüssen zum Kauen. Dann begaben wir uns aus diesem farbenprächtigen, sonnigen Leben nach einem Schauplatz ganz anderer Art, nach den ›Türmen des Schweigens‹, wohin die Parsen ihre Toten bringen. Der Name hat einen erhabenen eindrucksvollen Klang, über dem die Stille des Todes schwebt. Wenn wir von Grabhügel, Grabgewölbe, Gottesacker und Friedhof reden, so haben diese Wörter zwar auch, durch die sich daran knüpfenden Gedanken, eine feierliche Bedeutung für uns gewonnen, aber so majestätisch tönen sie doch nicht an unser Ohr.

Auf einer Anhöhe, mitten in einem tropischen Paradies von Blumen und Laubwerk, fern vom lärmenden Weltgetriebe, standen die ›Türme des Schweigens‹ da; ringsum breiteten sich große Haine von Kakaopalmen aus, dann die Stadt in meilenweitem Umkreis, dahinter das von Schiffen wimmelnde Meer, und über allem schwebte dieselbe lautlose Stille, welche droben den Platz der Toten umgab. Die Geier hatten sich eingestellt; sie saßen am Rande des niedrigen festen Turmes in einem großen Kreise dichtgedrängt, regungslos, wie aus Stein gemeißelt – und warteten. Man war fast versucht, sie für leblose Bildwerke zu halten. Plötzlich traten die Anwesenden – es mochten etwa zwanzig Personen zugegen sein – ehrfurchtsvoll beiseite, und das Gespräch verstummte. Ein Leichenzug bewegte sich durch das große Gartentor nach dem Turme hin. Der Tote lag auf einer flachen Bahre mit einem weißen Tuche bedeckt, sonst aber unbekleidet; zwischen den Leichenträgern und dem Trauergefolge ließ man einen Abstand von dreißig Fuß. Die paarweise einherschreitenden Leidtragenden, in weiße Gewänder gehüllt, waren je zwei und zwei mit Stricken oder Tüchern zusammengebunden – das heißt, im bildlichen Sinne – eigentlich hielt nur jeder ein Ende in der Hand. Hinter dem Zuge führte man einen Hund an der Leine. Als die Trauernden unweit des Turmes angelangt waren – es darf außer den Trägern mit der Leiche kein Mensch näher kommen als bis auf dreißig Fuß – kehrten sie wieder um und begaben sich nach einem kleinen Tempel im Garten, um für den abgeschiedenen Geist zu beten. Die Träger schlossen indessen die Tür auf, welche den einzigen Gang zum Turme bildet und verschwanden drinnen vor unsern Blicken. Nach einer Weile kamen sie wieder heraus, Bahre und Leichentuch tragend, und verschlossen die Tür. Nun erhoben sich die Geier im Kreise, schlugen mit den Flügeln und schossen in den Turm hinunter, um die Leiche zu verzehren. Als der ganze Schwarm wenige Minuten später wieder davonflog, blieb nur das völlig abgenagte Skelett zurück.

Der Gedanke, welcher bei einem Parsenbegräbnis allen Bestimmungen zu Grunde liegt, ist die Reinheit. Nach den Lehren des Zoroaster sind die Elemente Erde, Feuer und Wasser geheiligt und dürfen nicht durch Berührung eines Leichnams befleckt werden. Daher kann man die Toten weder verbrennen noch begraben, auch ist jedem untersagt, eine Leiche zu berühren oder den Turm zu betreten, in dem sie liegt. Nur den von Amtswegen dazu bestimmten Männern wird dies gestattet; sie erhalten hohen Lohn, führen jedoch ein einsames, trübseliges Leben, denn sie müssen allen Umgang mit andern Genossen meiden, weil sie sich durch ihren Verkehr mit den Toten verunreinigen; wer sich zu ihnen gesellt, wird gleichfalls befleckt. Bei ihrer Rückkehr aus dem Turm wechseln sie ihre Kleider in einem innerhalb der Tore gelegenen, besonders dazu bestimmten Gebäude. Den Anzug, welchen sie getragen haben, lassen sie dort zurück, denn er ist unrein und darf nicht mit hinausgenommen, noch überhaupt wieder benützt werden. Zu jedem Begräbnis kommen die Träger in neuen Kleidern. Kein menschliches Wesen, außer den angestellten Leichenträgern, hat je einen ›Turm des Schweigens‹ nach dessen Einweihung betreten, bis auf einen einzigen Fall. Es ist jetzt gerade hundert Jahre her, da drang einmal ein Europäer hinter den Trägern ins Innere des Turmes, um seine rohe Neugier an dem verbotenen Anblick des geheimnisvollen Ortes zu sättigen. Name und Stand des frechen Eindringlings sind unbekannt geblieben; da er jedoch für sein schweres Vergehen keine andere Strafe seitens der Regierung der Ostindischen Kompagnie erhalten hat, als einen öffentlichen Verweis, so liegt die Vermutung nahe, daß es ein Europäer aus angesehener Familie war. In dem amtlichen Schreiben, welches jene feierliche Rüge enthielt, wurde zugleich jedem, der sich künftig einer ähnlichen Übertretung schuldig machte, angekündigt, man werde ihn, falls er im Dienst der Kompagnie stehe, sofort entlassen; Mitglieder des Kaufmannsstandes dagegen sollten ihre Handelsberechtigung verlieren und aus Indien verbannt werden.

Die ›Türme des Schweigens‹ sind im Verhältnis zu ihrem Umfang nicht hoch. Will man sich einen ungefähren Begriff von ihrer Form machen, so stelle man sich einen Gasometer vor, der bis zur Hälfte seiner Höhe mit festen Granitsteinen ausgemauert ist, durch welche man in der Mitte einen breiten und tiefen Schacht gebohrt hat. Ringsum auf dem Mauerwerk liegen die Toten in flachen, rinnenartigen Vertiefungen, welche wie die Speichen eines Rades in schräger Richtung nach dem Brunnen zu auslaufen und ihm das Regenwasser zuführen, das durch unterirdische Kanäle mit Kohlenfiltern wieder abgeleitet wird.

Hat das Skelett einen Monat lang, dem Regen und der glühenden Sonne ausgesetzt, im Turm gelegen, so ist es vollkommen trocken und rein. Dann kommen dieselben Träger behandschuht wieder, fassen es mit einer Zange an und werfen es in den Schacht, wo es in Staub zerfällt. Andere Völker scheiden ihre Toten voneinander und bewahren die Standesunterschiede noch im Grabe. Sie bestatten die Leichen von Königen, Staatsmännern, Generälen, in Tempeln und Pantheons, wie es ihrem Range gebührt, und die Leichen der Armen und gemeinen Leute an Orten, die ihrem niedern Stande angemessen sind. Die Parsen dagegen glauben, daß im Tode alle Menschen gleich sind. Zum Zeichen ihrer Armut trägt man sie nackt in die Grube, zum Zeichen ihrer Gleichheit wirft man die Gebeine der Reichen, der Armen, der Berühmten und der Unbekannten zusammen in denselben Brunnenschacht. Bei einem Parsenbegräbnis sieht man keine Wagen; wer sich daran beteiligt, sei er reich oder arm, muß zu Fuße gehen, mag die Entfernung auch noch so groß sein. Seitdem die Parsen vor zweihundert Jahren, durch die mohammedanischen Eroberer vertrieben, aus Persien nach jener Gegend Indiens eingewandert sind, hat sich in den fünf vorhandenen ›Türmen des Schweigens‹ der Staub aller ihrer Männer, Frauen und Kinder vermischt, die in Bombay und dessen Umgegend gestorben sind.

Was der Hund bei dem Begräbnis bedeutet, weiß niemand mehr recht zu erklären; er soll bei den alten Parsen ein heiliges Tier gewesen sein, das die abgeschiedenen Seelen zum Himmel geleitete. Der Hund, den ich damals sah, machte mir einen tiefen Eindruck, er war ja ein Rätsel, zu dem der Schlüssel verloren gegangen ist. Traurig und mit gesenktem Kopf kam er daher, als sei er bemüht, sich das Sinnbild ins Gedächtnis zurückzurufen, welches vorzustellen man ihn vor grauen Jahren beauftragt hatte. Das heilige Feuer, das in der Nähe brennt, bekam ich nicht zu sehen; die ursprüngliche Flamme soll seit zweihundert Jahren nicht erloschen sein.

Die Parsen behaupten, daß ihre Art der Totenbestattung der wirksamste Schutz für die Lebenden ist. Weder Krankheitskeime noch Fäulnis, noch irgend welche Unreinigkeit wird dadurch verbreitet; keine Hülle, kein Kleidungsstück, das dem Toten angehört hat, darf wieder mit einem Lebenden in Berührung kommen. Nichts geht von den Türmen des Schweigens aus, was der Welt draußen Schaden zu bringen vermöchte. Wir können den Parsen nur recht geben. In gesundheitlicher Beziehung hat ihr System dieselben Vorzüge wie die Leichenverbrennung. Wir nähern uns jetzt langsam aber sicher dieser Bestattungsart. Daß sich die Wandlung rasch vollziehen wird, kann man nicht erwarten, aber wenn sie nur allmählich und stetig fortschreitet, so genügt das vollständig. Ist die Leichenverbrennung erst einmal zur allgemeinen Regel geworden, so wird unser Grauen davor verschwinden; auch die Toten zu begraben würde uns Schauer erregen, wenn wir uns vergegenwärtigen wollten, was im Grabe vorgeht.

Die Parsen sind eine merkwürdige Volksgemeinde. In Bombay leben etwa 60 000 und halb so viel im übrigen Indien, aber was ihnen an Zahl abgeht, ersetzen sie durch ihre Bedeutung. Sie sind hochgebildet, tatkräftig, unternehmend, reich, dem Fortschritt huldigend, und nicht einmal die Juden zeigen sich so freigebig und wohltätig gegen jedermann ohne Unterschied. Viele Hospitäler für Menschen und Tiere sind von den Parsen erbaut und mit reichen Geldmitteln ausgestattet worden. Sie sowohl als ihre Frauen haben eine stets offene Hand, wo es sich um irgend einen großen und guten Zweck handelt. In politischer Hinsicht bilden sie eine Macht, welche der Regierung wesentliche Unterstützung gewährt. Die Lehren ihrer Religion sind rein und erhaben, sie halten unverbrüchlich an ihnen fest und richten ihr ganzes Leben danach ein.

Ehe wir den Garten der ›Türme des Schweigens‹ verließen, warfen wir noch einen Blick auf die wundervolle Aussicht, welche Ebene, Stadt und Meer uns boten. Das letzte, was mir dabei ins Auge fiel, war ein natürliches Sinnbild des Todes: auf einem freien Platz im Garten saß ein Geier auf dem abgesägten Stumpf eines hohen, schlanken Palmbaums. Er verharrte regungslos in seiner Stellung, wie ein Steinbild auf einer Säule; dabei hatte er einen förmlichen Grabesblick, der ganz zu der Stimmung des Ortes paßte.

Fünftes Kapitel.

Fünftes Kapitel.

Es gibt einen alten goldenen Spruch, welcher lautet: »Wohl dir, wenn du beim Aufstieg zum Hügel des Glücks keinem Freunde begegnest.«

Querkopf Wilsons Kalender.

Zunächst wurden wir von Bekannten nach einem Dschain-Tempel mitgenommen; er war nicht groß und mit vielen flatternden Wimpeln geschmückt, die an Flaggenstangen befestigt sind; auf den Zinnen des Daches stehen ringsum eine Unmenge kleiner Götzenbilder. In der Mitte des innern Raumes sagte ein einsamer Dschain laut seine Gebete her und ließ sich durch unsere Gegenwart in keiner Weise stören. Seine Andacht galt einem kleinen, sitzenden, rosig gefärbten Götzen, der sich etwa zwölf Fuß vor ihm befand und einer schlecht geformten Wachsfigur glich. Mr. Gandhi, der dem Kongreß der Weltreligionen in Chicago als Abgeordneter beigewohnt hat, setzte uns die Lehren der Dschaina in trefflichem Englisch auseinander, aber was er sagte ist meinem Gedächtnis entschwunden. Ich weiß nur noch, daß sich ihre religiösen Vorstellungen in erhabene Formen kleiden, und grobe Sinnlichkeit ihnen fremd ist. Wie sich das mit der Anbetung des rohen Götzenbildes vereinbaren läßt, kann ich nicht erklären. Vermutlich stellt dieses ein Wesen dar, das nach vielhundertjährigen Seelenwanderungen, bei stetiger Zunahme an Frömmigkeit und Tugend, zuletzt zu einem Heiligen, einer Art Gottheit geworden ist, welche die Anbetung stellvertretend entgegennimmt, um sie der Himmelsbehörde zu übermitteln. So denke ich es mir wenigstens.

Von dort begaben wir uns nach Mr. Premchand Roychands Bungalow im Love Lane, Byculla, wo ein indischer Fürst, der kürzlich von der Kaiserin Viktoria zum Ritter des indischen Sternordens ernannt worden war, die Abgesandten der Dschaina empfangen wollte, welche ihm wegen dieser hohen Ehre ihre Glückwünsche darbrachten. Selbst der größte indische Fürst verschmäht die Auszeichnung nicht; er erläßt seinen Untertanen die Steuern und gibt viel Geld aus zur Verbesserung der öffentlichen Zustände, wenn er dafür die Ritterwürde erlangen kann. Alljährlich verleiht die Kaiserin verschiedenen einheimischen Fürsten zum Lohn für ihre Verdienste den Stern von Indien und teilt zugleich Kanonen an sie aus, welche sie beim Salutschießen abfeuern dürfen. Ein keiner Fürst hat drei oder vier Kanonen, die ihm den Ehrengruß bringen, und mit der Bedeutung des Fürsten nimmt auch die Zahl seiner Kanonen zu, bis auf elf Stück, ja vielleicht haben manche noch mehr, aber das weiß ich nicht bestimmt. Mir ist gesagt worden, daß wenn ein vier Kanonen-Fürst die fünfte erhält, seine Umgebung sehr darunter leidet, denn solange ihm die Sache noch neu ist, möchte er bei jeder Gelegenheit Salutschüsse haben, und die ohrenzerreißende Musik will gar kein Ende nehmen. Wie viele Kanonen so große Herrscher wie der Nizam von Hyderabad und der Gaikawar von Baroda haben, vermag ich, wie gesagt, nicht anzugeben.

Als wir das Bungalow betraten, fanden wir die große Halle im Erdgeschoß bereits voller Menschen, und noch immer kamen neue Wagen vorgefahren. Die Versammlung bot ein hübsches Schauspiel; alles funkelte und blitzte wie bei einem Feuerwerk, so bunt waren die Kostüme und so glänzend die Farben. Ganz besonders merkwürdig fand ich die Ausstellung der verschiedenen Turbans. Ihre wunderbare Mannigfaltigkeit erklärte sich dadurch, daß die Mitglieder der Dschaina-Gesandtschaft aus allen Teilen Indiens stammten und jeder einen Turban trug, wie er in seiner Gegend Sitte war.

Ich würde dort gern eine Konkurrenz-Ausstellung von christlichen Trachten und Kopfbedeckungen veranstaltet haben. Dazu hätte ich nur alle indische Herrlichkeit aus einer Hälfte des Raumes zu entfernen und diese mit Christen aus Amerika, England und den Kolonien anzufüllen brauchen, welche Hüte und Kleider trugen, wie sie vor zwanzig, vierzig, fünfzig Jahren Mode waren oder wie man sie heutzutage hat. Es wäre eine greuliche Sammlung gewesen, ein Anblick von ausgesuchter Scheußlichkeit. Auch die weiße Gesichtsfarbe hatte ihr Teil dazu beigetragen. Sie kommt uns zwar nicht gerade unleidlich vor, solange wir uns unter lauter Weißen befinden, sehen wir sie aber zusammen mit einer Menge brauner oder schwarzer Gesichter, so wird uns augenblicklich klar, daß nur die Gewohnheit sie erträglich macht. Eine schwarze oder braune Haut ist fast immer schön, eine weiße nur sehr selten. Will man sich hiervon überzeugen, so braucht man nur an einem Wochentage in Paris, New York oder London eine Straße hinunterzugehen – nicht gerade im vornehmsten Viertel – und sich zu merken, wie vielen Menschen mit gutem Teint man auf einer etwa meilenlangen Strecke begegnet. Neben dunkeln Gesichtern sehen die weißen ausgewaschen, ungesund, oft förmlich gespensterhaft aus. Schon als Knabe hatte ich daheim, zur Sklavenzeit vor dem Bürgerkrieg, Gelegenheit gehabt diese Beobachtung zu machen. Wahrhaft bewundernswert erschien mir aber die prächtige schwarze Haut der südafrikanischen Zulus aus Durban, die wie Atlas glänzte. Ich sehe sie noch vor mir, diese schwarzen Athleten, wie sie mit den Rickschas vor dem Hotel auf Kundschaft warteten. Die schönen Gestalten waren nur wenig verhüllt durch die leichte Sommerkleidung, deren schneeiges Weiß das tiefe Schwarz der Neger um so mehr hervortreten ließ. In Gedanken vergleiche ich jene Zulu-Gruppe mit den Bleichgesichtern, die soeben an meinem Fenster in London vorübergehen:

Erste Dame: Gesichtsfarbe: neues Pergament.

Zweite: Altes Pergament.

Dritte: Weiß und rot; sehr hübsch.

Ein Mann: Graues Gesicht mit roten Flecken.

Ein anderer Mann: Ungesunde, schuppige Haut.

Mädchen: Blaßgelb mit Sommersprossen.

Alte Frau: Weißlichgrau. Metzgerbursche: Stark gerötetes Gesicht.

Gelbsüchtiger Mann: Helle Senffarbe.

Aeltere Dame: Farblose Haut mit zwei großen Muttermälern.

Aelterer Mann (dem Trunk ergeben): Kartoffelnase in einem welken, von feuerroten Falten durchzogenen Gesicht.

Gesunder junger Herr: Schöner, frischer Teint.

Kranker junger Herr: Weiß, wie ein Gespenst.

Die Hautfarbe unzähliger Menschen ist nur eine matte, charakterlose Abschattierung dessen, was wir fälschlich ›weiß‹ zu nennen pflegen. Manche Gesichter sind mit Pusteln bedeckt oder tragen sonstige Zeichen eines ungesunden Blutes, während andere grell abstechende Narben und Flecken haben. Im Gesicht des weißen Mannes läßt sich nichts verbergen; durch alle erdenklichen Zufälligkeiten werden seine Reize beeinträchtigt. Die Damen schminken und pudern sich, brauchen Schönheitswasser, Arsenik, und mancherlei Mittel um die Haut zu glätten; sie streicheln und schmeicheln, sie schmieren und wirtschaften an ihr herum und geben sich unsägliche Mühe sie zu verschönern. Alles umsonst. Doch liefern ihre Anstrengungen uns den besten Beweis, welche geringe Meinung sie von der Beschaffenheit der Haut im allgemeinen haben. Was sie sich nachzuahmen bestreben, gewahrt die Natur nur sehr, sehr wenigen. Von hundert Personen haben neunundneunzig gewiß einen schlechten Teint, und wie lange vermag der Hundertste, dem ein guter verliehen ist, sich denselben zu erhalten? Höchstens zehn Jahre.

Nein, der Zulu ist entschieden im Vorteil. Er hat von Anfang an seine schöne Gesichtsfarbe und behält sie, solange er lebt. Und wie angenehm und wohltuend für das Auge ist erst das bestimmte, glatte, fleckenlose Braun des Inders; es braucht keine Farbe zu scheuen, es paßt zu allen und erhöht ihren Reiz. Daß sich der Durchschnittsteint des Weißen mit dieser wundervollen, köstlichen Färbung auch nur entfernt vergleichen ließe, davon kann gar keine Rede sein.

Doch kehren wir zum Bungalow zurück. Am prächtigsten gekleidet waren einige Kinder. Von den leuchtenden Farben ihrer kostbaren Stoffe und den Edelsteinen, mit denen sie behangen waren, ging ein förmlicher Strahlenglanz aus. Man hielt sie für Mädchen, und doch waren es Knaben, Natsch-Tänzer von Beruf. Einzeln, zu zweien oder zu vieren standen sie auf und tanzten und sangen zu den unheimlichen Klängen der Begleitung. Ihre Stellungen und Bewegungen waren höchst anmutig und kunstvoll, aber die Stimmen scharf und unangenehm und die Melodien größtenteils sehr eintönig.

Nicht lange, so erhob sich draußen ein lautes Hurra und Jubelrufen. Es galt dem Fürsten, der mit Gefolge seinen feierlichen Einzug hielt. Er war ein stattlicher Herr in wundervollem Kostüm, bedeckt mit Schnüren von Perlen und Edelsteinen; unter letzteren befanden sich einige Smaragde von erstaunlicher Größe, die in ganz Bombay wegen ihrer Schönheit und Kostbarkeit berühmt sind; das Auge konnte sich gar nicht satt daran sehen. Auch der kleine Prinz, der den Fürsten begleitete, war eine strahlende Erscheinung.

Langwierige Zeremonien fanden nicht statt. Der Fürst schritt mit ernster Würde und Majestät auf seinen Thron zu, neben welchem der des Prinzen stand. Feierlich saßen die beiden da, während sich rechts und links von ihnen das Gefolge gruppierte. Es war das getreue Abbild einer Schaustellung, wie wir sie oft in Büchern beschrieben finden. Seit Salomo einst die Königin von Saba empfing und seine Schätze vor ihr ausbreitete, haben die Fürsten aller Zeiten es für ihre Pflicht gehalten, sich mit solchem Gepränge zu zeigen.

Der Führer der Dschaina-Abordnung verlas seine Glückwunschadresse und steckte sie dann in ein schön verziertes Silberrohr, das er dem Fürsten ehrfurchtsvoll überreichte, worauf dieser es ohne weiteres einem seiner Beamten einhändigte. Ich will die Adresse hier mitteilen, denn es ist interessant zu sehen, wofür die Untertanen eines indischen Fürsten unter der heutigen englischen Herrschaft ihrem Monarchen alles zu danken haben. Zur Zeit seines Großvaters, vor anderthalb Jahrhunderten, als sich England noch nicht in die indische Verwaltung einmischte, hätte man sich bei der Dankadresse sehr kurz fassen können. In jenen Tagen der Freiheit würde das Volk dem Fürsten gedankt haben:

  1. Daß er nicht aus bloßer Laune zu viele seiner Untertanen erschlagen habe.
  2. Daß er sie nicht durch Erhebung willkürlicher Abgaben gänzlich ausgesogen und der Hungersnot preisgegeben habe.
  3. Daß er nicht unter nichtigem Vorwand die Reichen getötet und ihr Vermögen eingezogen habe.
  4. Daß er die Angehörigen des Königshauses nicht getötet, geblendet, eingekerkert oder verbannt habe, um seinen Thron gegen Verschwörungen zu sichern.
  5. Daß er sich nicht habe bestechen lassen, irgend einen seiner Untertanen heimlich den Banden berufsmäßiger Thugs zu überliefern, damit sie ihn im Hinterhof des Fürstenschlosses nach Belieben ermorden und ausplündern konnten.

Das waren die gebräuchlichsten Maßregeln der Fürsten in alter Zeit; aber diese sowohl wie einige andere, nicht minder harte, sind unter der englischen Herrschaft schon längst abgeschafft worden. Bessere Mittel und Zwecke sind seitdem an ihre Stelle getreten, wie uns die Glückwunschadresse der Dschaina sofort beweisen wird. Dieselbe lautete:

»Allergnädigster Fürst! – Wir, die unterzeichneten Mitglieder der Dschaina-Gemeinde von Bombay, nähern uns Eurer Hoheit mit aufrichtiger Freude, um wegen der kürzlich erfolgten Ernennung Eurer Hoheit zum Ritter des erhabenen Sternordens von Indien, unsere herzlichsten Glückwünsche darzubringen. Vor zehn Jahren durften wir Eure Hoheit unter Umständen in dieser Stadt willkommen heißen, welche in der Geschichte Ihrer Herrschaft eine denkwürdige Episode bezeichnen; denn ohne die Besonnenheit und Großmut, welche Eure Hoheit in den Verhandlungen zwischen dem Palitana Dunbar und der Dschain-Gemeinde an den Tag legten, hätte der versöhnliche Geist unseres Volkes keine Frucht tragen können. Das war der erste Schritt Eurer Hoheit bei Uebernahme der Verwaltung, durch welchen Sie sich nicht nur die dankbare Anerkennung der Dschain-Gemeinde, sondern auch der Regierung von Bombay gesichert haben. Nachdem nun Eure Hoheit zehn Jahre lang alle Erfahrung, Kraft und Fähigkeit in den Dienst der Verwaltung gestellt hat, ist Eurer Hoheit verdientermaßen die erhabene und ehrenvolle Auszeichnung der Ernennung zum Ritter des Sternordens zu teil geworden, den kein anderer Fürst vom Range Eurer Hoheit, soviel wir wissen, je zuvor erhalten hat. Wir können Eurer Hoheit die untertänige Versicherung geben, daß wir auf diese Ehrenbezeigung aus der Hand Ihrer Majestät, unserer gnädigsten Kaiserin und Königin, nicht weniger stolz sind als Eure Hoheit selbst. Wir verdanken Eurer Hoheit während dieser zehn Jahre die Einrichtung vieler Faktoreien, Schulen, Hospitäler und dergleichen im Staate, und wir hoffen, daß Eure Hoheit noch lange mit Weisheit und bewährter Umsicht über das Volk herrschen werde, um die vielen von Eurer Hoheit gütigst angebahnten Reformen auch künftig in Gnaden zu fördern. Indem wir nochmals unsere wärmsten Glückwünsche aussprechen, verharren wir als Eurer Hoheit untertänigste Diener.«

Faktoreien, Schulen, Hospitäler, Reformen! Das sind die Sachen, welche die Fürsten Indiens neuerdings unterstützen und wofür sie Orden und Kanonen erhalten!

Auf die Adresse antwortete der Fürst kurz und bündig, dann unterhielt er sich noch ein paar Augenblicke mit dem einen oder andern der Gäste auf Englisch und mit mehreren Beamten in einer indischen Sprache; zuletzt wurden, wie gewöhnlich, Kränze verteilt und die Festlichkeit war zu Ende.