Kapitel 12

 

12

 

Ich hatte bei all diesen Ereignissen gerade keine sehr heldenhafte Rolle gespielt, aber ich tat das einzig Mögliche. Wäre ich einer jener romantischen Romanhelden gewesen, so hätte ich die Geliebte meines Freundes der ganzen Welt zum Trotz in Sicherheit gebracht. Aber als prosaischer Mensch sorgte ich nur dafür, daß sie eine Zelle mit einem guten Bett bekam, und beauftragte meine Rechtsanwälte telegrafisch, den besten Vertreter für ihre Verteidigung zu engagieren.

 

Ich hatte zwei Beamten den Auftrag gegeben, das Büro genau nach der Waffe und anderen Anhaltspunkten zu durchsuchen. Nachdem ich Mary Ferrera zur Polizeistation gebracht hatte, fuhr ich direkt in die Bond Street und fand dort den Sergeanten Merthyr und den Polizisten Doyne. Sie aßen in Leslies Büro belegte Brote. Leslie saß bei ihnen und verfluchte den Tag, an dem die Firma Stabbat und Jones ihre behaglichen Räume in der Cork Street aufgegeben hatte. Er schaute ängstlich auf, als ich eintrat.

 

»Ich habe Miss Ferrera verhaften müssen«, sagte ich.

 

Er nickte traurig.

 

»Ja. Ich wüßte auch nicht, was Sie sonst hätten tun sollen.«

 

»Haben Sie etwas gefunden?« wandte ich mich an Merthyr.

 

Der Sergeant verneinte meine Frage.

 

»Haben Sie denn die Waffe, mit der Sir Philip niedergeschossen wurde? Haben Sie Miss Ferreras Wohnung durchsucht?« fragte er dann.

 

»Die Wohnung habe ich durchsucht, aber ich habe nichts entdeckt.«

 

Ich hatte mir nicht die Mühe gemacht, die Zimmer Mary Ferreras einer Prüfung zu unterziehen oder das Mädchen persönlich zu kontrollieren. Es war ja auch sehr unwahrscheinlich, daß Mary einen anderen Revolver gekauft hätte oder daß sie zwei Schußwaffen besaß. Der Revolver, den sie das erstemal bei sich hatte, lag auf dem Boden des Heizungsschachts.

 

Plötzlich kam mir eine Idee. Die beiden Beamten hatten sich gerade entfernt, und ich war allein mit Leslie.

 

»Was haben Sie denn?« fragte Leslie, der mich erstaunt ansah. »Mont, diese Geschichte wird unserer Firma ungeheuer schaden.«

 

»Darüber reden wir jetzt nicht. Wohin führt dieser Schacht?«

 

»Welchen Schacht meinen Sie?«

 

»Waren Sie nicht im Zimmer, als Billington den Revolver in die Öffnung an der Fensterwand warf?«

 

»Welche Öffnung?«

 

Wir traten in Billingtons Büro. Leslie drehte das Licht an, und mit Hilfe eines Brieföffners gelang es mir, die kleine Tür zu öffnen. Leslie schaute hinunter.

 

»Ich möchte nur wissen, wohin der Schacht führt«, sagte er nachdenklich, nahm eine Kupfermünze, ließ sie fallen und lauschte.

 

Er sah mich überrascht an, als er sich umdrehte.

 

»Sie ist direkt bis in den Keller gefallen.«

 

Ich erklärte ihm nun, daß es sich nach Billys Meinung hier um die frühere Heizung handelte. Leslie kannte den Portier; wir gingen beide nach unten und ließen uns von Mr. Bolt den Keller aufschließen. Der Mann zeigte uns den Raum, in dem zum Teil die Kessel noch standen. Er war durch die beiden Unglücksfälle, die im Haus passiert waren, etwas nervös geworden.

 

»Sie glauben doch nicht etwa, daß noch jemand umgebracht worden ist, den man unten im Keller begraben hat?« fragte er ängstlich.

 

»Nein, das ist nicht anzunehmen.«

 

Er blieb aber vorsichtshalber an der Tür und begleitete uns nicht nach innen. Wir hatten den Schacht bald gefunden, und als ich mit der Taschenlampe den Fußboden ableuchtete, entdeckte ich, was ich suchte.

 

»Da liegt die Waffe«, sagte Leslie, bückte sich und nahm sie auf.

 

Der Hahn war noch gespannt. Behutsam ließ ich ihn wieder herunter und steckte die Waffe in die Tasche.

 

»Hier ist auch das Kupferstück!« rief Leslie.

 

Wir kehrten in die Büroräume zurück, und ich legte den Revolver auf den Tisch unter die Leselampe. Bei näherer Betrachtung stellte ich fest, daß noch alle sechs Patronen vorhanden waren. Daraufhin untersuchte ich die Waffe genauer und fand, daß sie überhaupt nicht abgeschossen worden war.

 

Billy hatte voreilig gehandelt! Als er Mary die Waffe aus der Hand nahm und sie in den Keller warf, beseitigte er damit den Beweis ihrer Schuldlosigkeit.

 

Mir war es ganz klar, daß der Mann, der auf Thomson Dawkes geschossen hatte, auch der Mörder Sir Philip Framptons sein mußte. Auf keinen Fall aber konnte es Mary Ferrera gewesen sein.

 

»Sie werden die Sache niemals ganz aufklären können, Mont«, sagte Leslie schließlich. »Es gibt nur einen Mann, der dieses Geheimnis lösen könnte, und der sitzt jetzt in Dartmoor. Wir müssen ihn unter allen Umständen herausbringen.«

 

Ich sah ihn verblüfft an.

 

»Wie meinen Sie denn das?«

 

»Genauso, wie ich eben sagte. Miss Mary hat ihm doch schon früher den Vorschlag gemacht, aus dem Gefängnis auszubrechen. Ich hielt das damals nicht für möglich oder notwendig. Aber jetzt ist die Sache sehr ernst geworden, und wir müssen alles daransetzen, daß er aus dem Gefängnis kommt.«

 

Ich hörte wohl, was Leslie dann noch sagte, konnte mir aber nicht denken, daß der Plan gelingen würde.

 

»Wir werden ja sehen«, erklärte er schließlich.

 

Einen Gefangenen aus dem Gefängnis in Dartmoor zu befreien, das mag ja noch angehen, aber es ist unendlich schwierig, ihn aus dieser großen, einsamen Heide fortzubringen.

 

An diesem Abend schlief ich lange nicht ein und zergrübelte mir den Kopf, wie wir unseren Plan ausführen könnten.

 

Das Verhör Mary Ferreras vor dem Polizeigericht war merkwürdig und unterschied sich von allen anderen, die ich bisher erlebt hatte. Gewöhnlich werden bei dem ersten Verhör nur die notwendigsten Zeugen vernommen, aber in diesem Fall hatte man auch den Rechtsanwalt Mr. Tranter vorgeladen, an den der Ermordete kurz vor seinem Tod geschrieben hatte.

 

»Haben Sie den Toten wiedererkannt?« fragte der Staatsanwalt.

 

»Ja.«

 

»Wer ist es?«

 

»Sir Philip Frampton.«

 

»Besaß er ein großes Vermögen?«

 

»Soviel ich weiß, war er sehr reich. Er hatte ungefähr vier bis fünfhunderttausend Pfund.«

 

»Hat er ein Testament hinterlassen?«

 

»Nein. Vor drei Jahren haben wir in seinem Auftrag ein Testament aufgesetzt. Verschiedene der Bestimmungen paßten ihm aber in letzter Zeit nicht mehr, und er wollte sie ändern. Wir gaben ihm zu Anfang den Rat, einen Nachtrag zu machen, aber das wollte er nicht. Er vernichtete das Testament und war gerade im Begriff, ein anderes aufzustellen, als er ermordet wurde.«

 

»Dann existierte also im Augenblick des Todes kein gültiges Testament?«

 

»Nein, es war keines vorhanden.«

 

»Wer ist unter diesen Umständen sein Erbe?«

 

»Miss Mary Ferrera.«

 

Sie erhob sich von der Anklagebank und starrte den Rechtsanwalt mit weitaufgerissenen Augen an.

 

»Ich – ich wußte das nicht«, stammelte sie.

 

Ihr Verteidiger gab ihr einen Wink, sich wieder zu setzen.

 

»Welche Bestimmungen des Testaments wollte Sir Philip ändern?«

 

»Er hatte der Gesellschaft zur Unterdrückung des Glücksspiels fünftausend Pfund vermacht; diese Schenkung wollte er zurückziehen.«

 

Mit dieser unerwarteten Antwort endete die Verhandlung für diesen Tag.

 

Mary Ferrera war also eine reiche Frau! Das war allerdings ein sehr ungünstiger Umstand für sie, denn darin würde das Gericht wahrscheinlich ein Motiv für das Verbrechen sehen. Leslie war auch zugegen gewesen, aber nicht als Zeuge vernommen worden. Die Verhandlung wurde auf eine Woche vertagt, damit die Staatsanwaltschaft weiteres Material herbeischaffen konnte.

 

Ich trat mit Leslie auf die Straße.

 

»Ich gab Ihnen doch damals dreihundert Pfund, die Billy gehörten?« sagte er.

 

»Ja. Hundert Pfund überließ ich Miss Ferrera.«

 

»Wenn es Ihnen nichts ausmacht, möchte ich Sie jetzt um den Rest bitten. Wir müssen alles Geld zusammenkratzen, das wir bekommen können. Die Sache wird mindestens viertausend Pfund kosten.«

 

»Was meinen Sie denn – doch nicht die Verteidigung?«

 

»Ich denke vor allem daran, Billy aus dem Gefängnis zu befreien. Das ist ein Teil der Verteidigung – ja, es ist sogar die einzige Verteidigung, die uns bleibt.«

 

Kapitel 13

 

13

 

Als ich nach Scotland Yard kam, fand ich dort eine Nachricht von Thomson Dawkes. Er fragte an, ob er mich besuchen könne, und bat um telefonischen Bescheid.

 

Ich läutete ihn an und bestellte ihn sofort in mein Büro.

 

Eine halbe Stunde später saß er mir am Schreibtisch gegenüber.

 

»Ich habe in den Zeitungen von der Verhaftung Miss Ferreras gelesen. Aber ich bin davon überzeugt, daß sie unschuldig ist. Hatte Stabbat einen Feind?«

 

»Mehr als einen.«

 

Allem Anschein nach wußte Dawkes nicht, wie er mir den Zweck seines Besuches erklären sollte, aber schließlich faßte er Mut.

 

»Mr. Mont, Sie müssen mich richtig verstehen und dürfen das, was ich Ihnen jetzt sage, nicht falsch auslegen. Ich habe keine bösen Absichten mehr, und es tut mir aufrichtig leid, daß ich Miss Ferrera so niederträchtig behandelt habe. Und nun ist viel Geld für ihre Verteidigung nötig. Ich möchte Ihnen deshalb anbieten, von meiner Bank jede Summe abzuheben, die Sie brauchen.«

 

Ich drückte seine Hand.

 

»Ich danke Ihnen, Mr. Dawkes, aber das wird nicht notwendig sein. Haben Sie den Bericht über die Verhandlung noch nicht gelesen?«

 

»Nein«, erwiderte er erstaunt.

 

Ich teilte ihm mit, daß Miss Ferrera das große Vermögen Framptons geerbt hatte.

 

»Donnerwetter!« rief er überrascht. »Dann sieht die Sache aber sehr böse für sie aus. Der einzige, der diese verworrene Geschichte klären könnte, ist unser Freund Billington Stabbat.«

 

Ich sah ihn an und lachte.

 

»Mit dieser Ansicht stehen Sie nicht allein.«

 

»Gibt es nicht eine Möglichkeit, ihn zu befreien?«

 

»Sie sind tatsächlich ein Mann nach meinem Herzen. Gehen Sie doch einmal zu Leslie Jones. Er ist der Assistent von Billington Stabbat.«

 

»Ja, ich kenne ihn.«

 

Später, am Nachmittag, traf ich Leslie; er war in der besten Stimmung.

 

»Ich habe Dawkes getroffen. Nie hätte ich gedacht, daß der Mann so nett sein könnte.«

 

Er lachte und schlug sich mit der flachen Hand aufs Knie.

 

»Es ist doch eine verrückte Welt, Mr. Mont! Ausgerechnet Dawkes will Billy helfen!«

 

»Haben Sie denn schon irgendeinen festen Plan gemacht?«

 

»Gewiß!«

 

Am nächsten Tag mußte ich Leslie in einer anderen Angelegenheit anrufen, erfuhr aber von dem jungen Mann im Büro, daß er die Stadt verlassen hätte und nicht vor vierzehn Tagen zurückkommen würde. Meine Neugierde war nun erwacht, und ich läutete bei Thomson Dawkes an.

 

Ich erhielt den Bescheid, daß er am Vormittag nach Südfrankreich abgereist wäre.

 

Wir hatten Anfang Juni, und zu dieser Jahreszeit fahren Leute wie Thomson Dawkes im allgemeinen nicht an die Riviera. Um ganz sicher zu gehen, telefonierte ich mit den Kontrollbeamten in Dover und Folkestone, die die Dampfer über den Kanal begleiten, und fragte an, ob Thomson Dawkes unter den Passagieren gewesen wäre. Sie kannten ihn persönlich, verneinten aber meine Frage entschieden.

 

Ich hatte dann eine Unterredung mit Miss Ferrera und sagte ihr, was geschehen war. Sie sah mich überrascht an.

 

»Was, Mr. Dawkes will mir helfen? Das ist unmöglich, einfach unmöglich!«

 

Ich erzählte ihr nun, wie sehr sich Dawkes wegen seines früheren Benehmens schämte.

 

»Hat Leslie ihn denn als Bundesgenossen angenommen?«

 

Ich nickte.

 

»Nun, dann ist ja alles in Ordnung.«

 

Als ich sie das nächstemal bei der Verhandlung sah, wurde der Fall ausführlich untersucht. Auch ihre Besuche in Monte Carlo kamen zur Sprache. Glücklicherweise fiel es dem Staatsanwalt nicht ein, sie mit dem früheren Vorfall in Stabbats Büro in Verbindung zu bringen. Am Ende der Verhandlung wurde die Sache wieder auf eine Woche vertagt, und ich konnte Miss Ferrera verschiedene Male im Holloway-Gefängnis besuchen. Ich war über ihre außerordentliche Ruhe und Zuversicht erstaunt, denn ich selbst war sehr besorgt um sie.

 

»Meiner Meinung nach unternehmen Leslie und Dawkes etwas Unmögliches, und ich fürchte, sie bringen sich in große Gefahr. Bis jetzt ist noch kein Sträfling aus Dartmoor entkommen.«

 

»Wir werden ja sehen«, sagte sie vergnügt und sah mich sonderbar an.

 

Als ich an diesem Abend von Scotland Yard fortgehen wollte, erhielt ich ein dringendes Telegramm. Es kam aus Princetown und war um halb vier von dem Gefängnisdirektor von Dartmoor aufgegeben worden.

 

»Sträfling Billington Stabbat«, lautete die Nachricht, »heute morgen ausgebrochen. Wahrscheinlich mit Hilfe von Leuten außerhalb des Gefängnisses. Sendet Beamten, der ihn kennt und ihn in Zivilkleidern identifizieren kann. Beobachtet Stadtwohnung. Sehr dringend.«

 

Also hatten sie doch Erfolg gehabt, und er war entkommen!

 

»Was haben Sie da, Mr. Mont?« fragte mich plötzlich jemand.

 

Ich wandte mich schnell, um und sah Inspektor Jennings in der Tür. Der Chefinspektor war krank, kam diese Woche nicht ins Büro und wurde ausgerechnet von Jennings vertreten.

 

»Das Telegramm wird auch Sie interessieren«, sagte ich ärgerlich und reichte es ihm.

 

Er las es schnell durch.

 

»Fahren Sie hin?« fragte er, nachdem er mir einen bösen Blick zugeworfen hatte.

 

»Ja, ich wollte den Abendzug nehmen.«

 

»Ich werde Sie begleiten«, erwiderte er mit einem unangenehmen Lächeln. »Zwei sehen mehr als einer, und zwei Augen, die den Entflohenen erkennen, sind sehr gut am Platz, wenn ein Paar andere Augen kurzsichtig werden und ihn entkommen lassen wollen.«

 

Ich musterte ihn vom Kopf bis zum Fuß.

 

»Ich wußte nicht, daß Stabbat Ihr Freund ist«, entgegnete ich, »oder daß Sie sich so für ihn ins Zeug legen wollen.«

 

Es wäre mir vielleicht gelungen, Jennings zurückzuhalten, aber gleich darauf kam ein zweites Telegramm aus Dartmoor, und darin wurde um mehrere Beamte ersucht, die Billington Stabbat persönlich kannten.

 

Ich reiste also mit Jennings ab, und am nächsten Morgen waren wir im Gefängnis von Dartmoor. Es war nicht mein erster Besuch in dieser trostlosen Gegend. Es gibt wohl kaum einen deprimierenderen Anblick als die Gefangenen, die in langen Reihen durch die Gefängnistore gehen, um in den Steinbrüchen zu arbeiten.

 

Wir sprachen mit dem Direktor. Billington Stabbat war in den letzten Tagen für den Außendienst verwandt worden und hatte mit mehreren anderen Gefangenen in einer Scheune gearbeitet, wo sie Heu abluden. Billington war sehr geschickt und führte sich so musterhaft, daß die Gefängnisleitung nicht zögerte, ihn auf Außenarbeit zu schicken. Die üblichen Vorsichtsmaßregeln waren getroffen, und ein bewaffneter Wärter begleitete die vier Mann, die zu der Scheune abkommandiert waren.

 

Das Gebäude lag in der Nähe der Hauptstraße, die quer durch das Moor nach Tavistock führt. Die Straßenränder werden dort durch ein Meter zwanzig hohe Steinmauern gebildet. Die Steine sind nicht durch Mörtel verbunden, sondern nur aufeinandergelegt. Hunderte solcher Mauern durchziehen die Gegend von Dartmoor. Viele wurden von französischen Gefangenen aus den napoleonischen Kriegen errichtet.

 

Der Wärter hatte sich ungefähr dreißig Schritte von dem Schuppen entfernt auf die Mauer gesetzt und das geladene Gewehr über die Knie gelegt. Er wartete, bis die Leute zum Mittagessen ins Gefängnis zurückmarschieren sollten. Während er dort saß, fuhr ein grauer Wagen die Straße entlang, in dem ein Chauffeur und eine große, stattliche Dame saßen. Der Chauffeur hielt in der Nähe des Wärters, stieg aus und beobachtete die Gefangenen bei der Arbeit. Wenige Schritte von dem Beamten entfernt lehnte er sich gegen die Mauer.

 

Dieser handelte nach seinen Vorschriften und forderte ihn auf, den Platz zu verlassen. Einmal ist es unerwünscht, daß Gefangene, während sie ihre Strafe absitzen, von anderen Leuten erkannt werden, zweitens besteht immer die Gefahr, daß sich jemand mit den Sträflingen in Verbindung setzt und ihnen unerlaubte Dinge zusteckt.

 

Der Chauffeur, der eine große Sonnenbrille trug, nickte und wandte sich ab. Plötzlich zog er einen mit Ammoniak getränkten Schwamm unter seinem Rock hervor und stieß ihn dem Wärter mit aller Gewalt vor den Mund. Betäubt von dem entsetzlichen Geruch stürzte der Beamte zu Boden und erlitt einen Erstickungsanfall. Im gleichen Augenblick sprang Billington Stabbat aus dem Schuppen und kletterte über die Mauer. Als der Wärter sich so weit erholt hatte, daß er das Gewehr gebrauchen konnte, war die Limousine schon ein gutes Stück entfernt. Trotzdem aber gelang es ihm noch, den Wagen zu treffen.

 

Kurz darauf dröhnte ein Kanonenschuß, der die ganze Gegend warnte, daß ein Sträfling entsprungen war. Die kleinen Ortschaften und Dörfer in der Nähe wurden telegrafisch benachrichtigt, und überall wurden die Straßen durch Polizei scharf bewacht.

 

So standen die Dinge, als ich in Dartmoor ankam. Allerdings war das Auto bereits gefunden. Den Einschlag des Geschosses konnte man auf der Rückseite deutlich sehen. Die Beamten hatten den Wagen verlassen auf einer Straße gefunden. Eine Fünfzigpfundnote war mit einer Stecknadel auf dem Rücksitz befestigt, und auf einem beiliegenden Zettel wurde ersucht, diese Summe der Firma auszuhändigen, die den Wagen geliehen hatte. Als wir uns später telefonisch bei dem Autoverleih erkundigten, erfuhren wir, daß der Fremde, der das Auto mietete, sich Sir Philip Frampton genannt hätte. So frech konnte nur Leslie gewesen sein.

 

Ich begriff alles, nur wußte ich nicht, wer die stattliche Dame in dem Wagen gewesen war. Aber plötzlich kam mir eine Idee, und ich hätte beinahe laut losgelacht. Thomson Dawkes mußte diese Rolle gespielt haben! Allerdings hatte er zu diesem Zweck wohl seinen schwarzen Bart opfern müssen.

 

Ich fragte den betreffenden Wärter noch genauer über die »Dame« aus.

 

»Ja, sie hatte allerdings sehr grobe Züge«, meinte er und beschrieb damit zutreffend die gewaltige Nase und das runde Kinn von Dawkes. Wohin mochten sie Billy nur gebracht haben? Leslie war sehr vorsichtig und überließ im allgemeinen nichts dem Zufall. Vierzehn Tage lang hatte er die Sache vorbereitet.

 

Die Gefängnisdirektion ließ von einem Spezialisten alle Briefe genau untersuchen, die Billy in der letzten Zeit erhalten hatte. Der Fachmann fand eine Anzahl von Schreiben, deren Unterschrift »Dein Liebling Li« lautete. Sie zeichneten sich durch bedeutende Länge aus, und dem Beamten gelang es tatsächlich, den darin versteckten Geheimcode zu entziffern. Man mußte immer das letzte Wort in der ersten, das zweitletzte Wort in der dritten, das drittletzte in der fünften Zeile und so weiter lesen. Dadurch erhielt man folgende Nachricht:

 

Mary im Gefängnis unter Verdacht, Frampton erschossen zu haben. Am zwölften Mai auf graues Auto warten und zur Flucht bereithalten. Werde Außenabteilung entdecken, in der Sie arbeiten.

 

»Gut, daß wir das wissen«, sagte Jennings, »aber wo sind sie jetzt?«

 

Der Gefängnisbeamte, mit dem wir sprachen, zuckte nur die Schultern.

 

»Auf jeden Fall entkommt er mir nicht«, erklärte Jennings. Der Himmel mochte wissen, welchen persönlichen Groll er gegen Billy haben mochte. »Ich würde ihn auf eine Meile weit erkennen. Man kann ihn unmöglich verwechseln. Wahrscheinlich werden sie versuchen, einen Zug zu erreichen.« Er strich mit der Hand über sein dickes Kinn. »Sie können aber nur von einer Station abfahren, und das ist Tavistock. Wir müssen sofort hin, Mont.«

 

»So, müssen Sie das?« brummte ich, aber dann wurde mir plötzlich klar, daß es für mich besser war, bei ihm zu bleiben. Wenn Billy entkam, trug er die volle Verantwortung.

 

»Sie brauchen nicht mitzukommen, wenn Sie nicht wollen«, erwiderte er. »Wenn Sie –«

 

»Wenn ich etwas Besseres wüßte, würde ich es tun. Aber ich habe es mir überlegt, ich komme mit Ihnen.«

 

Am Nachmittag machten die Beamten, die die Gegend absuchten, eine Entdeckung. Sie fanden eine sorgfältig vorbereitete Erdhöhle, aber sie war leer. Ich vermutete, daß Leslie auch dafür verantwortlich war. Er war stark, so daß er solche Arbeiten leicht ausführen konnte. Aber er mußte von seinem Plan abgekommen sein, weil die Gefahr, entdeckt zu werden, zu groß war. Nachdem ich das Gelände inspiziert und alle Möglichkeiten der Flucht erwogen hatte, fiel mein Verdacht auf einen Bauern, dessen Haus auf der Heide in der Nähe von Tavistock lag. Mein Argwohn wurde dadurch geweckt, daß nach Aussagen der Anwohner vor vierzehn Tagen ein Mann, der Leslie Jones glich, das Grundbuchamt der Gegend eingesehen hatte. Ich wußte sofort, worauf er hinauswollte. Er suchte nach Leuten, denen es schlecht ging, und dieser Bauer stand dicht vor dem Bankrott. Es waren verschiedene Zahlungsbefehle gegen ihn erlassen, aber einige Zeit darauf war er wieder zahlungsfähig und kaufte sich sogar ein Auto. Den Nachbarn und Freunden erzählte er, daß in Australien ein Onkel von ihm gestorben wäre und ihm fünftausend Pfund hinterlassen hätte. Aber niemand in Dartmoor hatte jemals davon gehört, daß er Verwandte in Australien besaß.

 

Jennings und ich fuhren in einem kleinen Wagen nach Tavistock und stellten uns auf dem Bahnsteig auf. Wir betrachteten mißtrauisch jeden Reisenden, der von hier abfahren wollte.

 

Zwei, sogar drei Tage vergingen, und wir erhielten keine neuen Nachrichten über den Flüchtling. Am vierten Tag wurde ich telegrafisch nach London abberufen. Auch Jennings bekam ein Telegramm. Jedenfalls enthielt es einen Vorwurf, denn er zeigte es mir nicht. Der Zug, der um zwei Uhr siebenundfünfzig abging, war der letzte, den wir beobachteten. Mit dem nächsten kehrten wir nach London und nach Scotland Yard zurück.

 

Es war ein regnerischer, feuchter Tag. Der Wind fegte über die Ebene von Dartmoor; ich fand es sehr ungemütlich auf dem Bahnsteig, und Jennings war schlecht gelaunt. Es stiegen nur drei Passagiere nach London ein, und zwar eine Dame, die der Stationsmeister kannte, ein Handlungsreisender, dessen Identität ebenfalls feststand, und eine große, verschleierte Dame.

 

»Das ist sie«, sagte Jennings. »Die Beschreibung stimmt genau.«

 

Außer diesen drei Passagieren wurden nur noch zwei Sträflinge in Ketten zu dem Zug geführt, bewacht von einem bärbeißigen alten Wärter.

 

»Die Gefangenen sehen ganz erbärmlich aus«, erklärte Jennings, der die Leute betrachtete.

 

»Ich werde die große Dame einmal etwas näher in Augenschein nehmen«, sagte Jennings. Er hoffte, zum Schluß wenigstens noch einen teilweisen Erfolg zu erringen.

 

»Ich gebe Ihnen den guten Rat, das bleiben zu lassen«, erwiderte ich, aber er wollte nicht auf mich hören.

 

»Warum soll ich nicht alles tun, um diese Sache zu klären?«

 

Ich zuckte nur die Schultern.

 

Im nächsten Augenblick ging er im Regen den Zug entlang und riß schließlich die Tür zu dem Abteil erster Klasse auf, in das die Dame eingestiegen war.

 

Sie saß allein darin.

 

»Entschuldigen Sie«, begann Jennings und lüftete den Hut, »wir suchen einen entsprungenen Sträfling.«

 

»Hoffentlich finden Sie ihn«, entgegnete sie. Er konnte an der Stimme deutlich hören, daß es eine Frau war, aber trotzdem gab er sich noch nicht zufrieden.

 

»Ich muß Sie bitten, Ihren Schleier abzulegen, Madame«, sagte er mit fester Stimme.

 

»Wie kommen Sie dazu, ein derartiges Verlangen an mich zu stellen? Das fällt mir gar nicht ein!«

 

»Dann bleibt mir nichts anderes übrig, als Sie aus dem Zug zu holen und Sie zu verhaften.«

 

Das war der Anfang einer recht unangenehmen Auseinandersetzung, die nachher noch eine Zeitlang schriftlich zwischen dem Polizeipräsidenten und der Herzogin von Babbacombe fortgesetzt wurde. Denn niemand anders war die verschleierte Dame in dem Abteil erster Klasse. Jennings wäre beinahe aus dem Dienst entlassen worden.

 

»Nun, wir haben unser Bestes getan«, meinte er, als wir zusammen in den Zug nach London einstiegen. »Und ich bin fest davon überzeugt, daß Stabbat nicht vom Bahnhof Tavistock entkommen ist.«

 

Ich erwiderte nichts. Billy hatte ich in seiner Verkleidung als Gefangenenwärter nicht erkannt. Der graue Schnurrbart war ein Meisterstück für sich. Aber ich hatte sehr wohl bemerkt, daß Leslie der Gefangene Nummer eins und der große Thomson Dawkes Sträfling Nummer zwei waren.

 

Kapitel 14

 

14

 

»Ach, ist Billy wirklich entkommen?« fragte Leslie mit gutgespielter Überraschung. »Ich möchte nur wissen, wie er aus Dartmoor herausgekommen ist.«

 

»Vielleicht im Flugzeug.«

 

»Möglich«, entgegnete Leslie und machte sich mit einer Anzahl von Akten zu schaffen. »Das halte ich sogar für durchaus möglich.«

 

»Ich werde Ihnen sagen, was ich von der Sache halte«, erklärte ich.

 

Unsere Unterhaltung fand einen Tag nach unserer Abfahrt von Tavistock statt.

 

»Es fällt einem Sträfling leicht, von Dartmoor zu entkommen, wenn er nur die nötigen Verbündeten hat. Seine Freunde verkleiden sich als Gefangene, die in ein anderes Gefängnis abtransportiert, werden sollen, und der Sträfling selbst spielt den Gefangenenwärter. Niemand wird sie anhalten und ausfragen, denn es kommt kein Mensch auf den Gedanken, daß Sträflinge auf diese Art entfliehen könnten.«

 

Er sah mich mit einem rätselhaften Lächeln an.

 

»Das ist allerdings eine glänzende Idee, Mr. Mont. Warum schreiben Sie eigentlich keine Kriminalromane?«

 

»Leslie!« sagte ich leise.

 

»Ja, Mr. Mont, was wünschen Sie?«

 

»Glauben Sie, daß Billy hierher ins Büro kommen will?«

 

»Wir werden ja sehen, Mr. Mont.«

 

»Ich fürchte nur, daß das zu einer Katastrophe führen wird. Draußen stehen zwei Polizisten, die das Haus streng bewachen.«

 

Leslie legte seine Akten nieder und sah mir offen in die Augen.

 

»Mr. Mont, Sie können sich auf mich verlassen. Die beiden Polizisten waren schon hier oben und haben die Räume durchsucht. Seien Sie so gut und gehen Sie jetzt einmal in Billys Büro. Dort finden Sie Senor Tobasco aus Chile.«

 

Ich zögerte, aber es blieb mir nichts anderes übrig. Ich hatte mich schon zu weit in die ganze Sache eingelassen. Als ich eintrat, saß Billy Stabbat an seinem Schreibtisch und rauchte gelassen eine große Zigarre. Ich schüttelte ihm erfreut die Hand, und es kam mir nicht im geringsten der Gedanke, daß ich meinen Diensteid dadurch verletzte. Mein Gewissen hatte ich auf Ferien geschickt.

 

»Ich freue mich, Sie wiederzusehen, Billy. Aber ist das nicht viel zu gefährlich?«

 

»Die Tür ist ja verschlossen«, entgegnete er gleichgültig. »Außerdem gibt es einen Ausgang hier im Haus, den die Polizei nicht kennt. Vor allem müssen wir jetzt sehen, daß wir Mary freibekommen. Sie dürfen mir glauben, daß ich das fertigbringe, denn ich habe den Mörder Sir Philip Framptons gefunden.«

 

Ich sah ihn erstaunt an.

 

»Ich habe im Gefängnis einige Wochen in derselben Abteilung wie er gearbeitet.« Billy lachte vergnügt. »Ich wette, George ist ganz außer sich vor Wut, daß es mir gelungen ist, zu entfliehen. Aber er wird bald noch einen viel größeren Schrecken haben. Seinen Bruder habe ich ins Gefängnis gebracht, aber George kommt an den Galgen!«

 

Er faßte mich am Arm.

 

»Mont, Sie sind ein braver Kerl. Ich habe Sie in alle möglichen Gefahren und Unannehmlichkeiten gebracht, und ich hätte auch kein Wort gesagt, wenn Sie nicht mehr mitgespielt hätten. Was Sie für mich und Mary getan haben, soll Ihnen nicht vergessen werden. Heute will ich es wenigstens zum Teil wiedergutmachen. Bringen Sie Jennings heute nachmittag um zwei Uhr hierher, ebenso den Chefinspektor von Scotland Yard. Ich will mich ihm selbst stellen. Zum Glück kann ich beweisen, daß ich zu Unrecht verurteilt wurde. Mary ist vollkommen unschuldig. Es wird leicht sein, auch das klarzustellen. Bei mir ist die Sache schon schwieriger, denn ich habe zugegeben, daß ich schuldig bin. Ich muß eine sehr lange umständliche Erklärung abgeben.«

 

Ich hörte ihm erstaunt zu.

 

»Ist es tatsächlich Ihr Ernst, daß ich den Chefinspektor und Jennings hierherbringen soll?«

 

»Ja. Ich werde rechtzeitig da sein und Sie empfangen. Wir haben die Nacht hier zugebracht, nachdem wir in London ankamen. Die Kleider haben wir natürlich im Zug gewechselt. Und rasiert haben wir uns auch, bevor wir Exeter erreichten. Leslie hat seine Sache großartig gemacht. Ja, es ist wirklich mein Wunsch, daß Sie die beiden Beamten hierherbringen. Nachher können Sie wieder nach Dartmoor fahren und George Briscoe verhaften. Sie haben die Untersuchung des Falles in Händen.«

 

Ich wollte meinen Ohren kaum trauen, aber er sprach vollkommen ernst. Als ich fortging, schrieb er weiter an einem Brief, der bereits viele Seiten umfaßte. Ich vermutete, daß das Schreiben an Mary gerichtet war.

 

Es lag gerade keine sehr angenehme Aufgabe vor mir, aber ich faßte doch Mut und trug dem Chefinspektor mein Anliegen vor.

 

»Ich – ich habe Stabbat aufgespürt«, sagte ich und versuchte, möglichst ruhig zu erscheinen.

 

Er drehte sich sofort um und sah mich über seine Brillengläser hinweg an.

 

»Was? Wie haben Sie denn das gemacht? Und auf welcher Polizeistation haben Sie ihn abgeliefert?«

 

»Verhaftet habe ich ihn nicht«, erwiderte ich äußerlich ruhig. »Der Mann ist unschuldig und aus dem Gefängnis ausgebrochen, um seine Unschuld zu beweisen.«

 

»So?«

 

Eine peinliche Pause entstand.

 

»Wie will er sie denn beweisen?« fragte der Chefinspektor endlich.

 

Nun erzählte ich ihm, daß ich mit Billy vor ein paar Minuten eine lange telefonische Unterredung gehabt hätte und daß er uns in seinem Büro sprechen wollte.

 

»Mich will er sprechen!« rief der Chefinspektor und schlug mit der flachen Hand auf den Tisch.

 

»Ja, Sie und Inspektor Jennings. Ich weiß nicht, ob ich Jennings dazu bringen kann, daß er dorthin geht –«

 

»Kümmern Sie sich nicht darum. Das mache ich schon.«

 

Um halb drei fuhren wir in einem Dienstwagen zu Billy.

 

Jennings hatte ich nicht gesagt, worum es sich handelte. Als er in das Büro trat, sah er am Schreibtisch Billy, der eine Zigarre im Munde hatte. Ich dachte, Jennings würde der Schlag rühren. »Stabbat!« rief er. »Ich verhafte Sie!«

 

Billy brachte ihn durch eine scharfe Handbewegung sofort zum Schweigen.

 

»Soweit sind wir noch nicht, Mr. Jennings. Ich bat Sie, heute hierherzukommen, um Ihnen verschiedenes zu zeigen.«

 

»Lassen Sie den Schwindel«, erwiderte Jennings, der vor Ärger krebsrot im Gesicht geworden war.

 

»Ich glaube aber, daß ich Sie von meiner Schuldlosigkeit überzeugen kann«, lächelte Billy.

 

»Das werden wir ja sehen!« schrie Jennings. Leslie und ich lachten laut auf, als wir Billys Lieblingsausspruch hörten.

 

»Was ist denn los?« fragte der Chefinspektor.

 

»Das erkläre ich Ihnen später«, entgegnete ich.

 

Jennings wandte sich in höchster Empörung an unseren Vorgesetzten.

 

»Ich weiß nicht, ob Sie wissen …« begann er, aber der Chef winkte ab.

 

»Wir wollen erst hören, was uns Stabbat zu sagen hat«, entschied er.

 

»Ich bat Sie, hierherzukommen, und ich will Ihnen nun erklären, wie auf zwei Leute in diesem Raum geschossen wurde. George Briscoe ist dafür verantwortlich. Sie werden wahrscheinlich schon von ihm gehört haben.«

 

»Ach, meinen Sie den kanadischen Verbrecher?« fragte der Chefinspektor.

 

»Ja. Seinen Bruder Tom habe ich überführt, aber George entging damals der Strafe und wurde vom Gericht freigesprochen. Später kam er nach England, um mit mir abzurechnen, weil ich seinen Bruder lebenslänglich ins Gefängnis gebracht hatte. Er ist einer der klügsten und tüchtigsten Mechaniker und wie sein Bruder als Experte in Schlössern unübertroffen. Er wollte sich an mir rächen und fand eine Gelegenheit dazu, als ich diese Büroräume bezog. Er bestach den Polier, der die Arbeiten beaufsichtigte, und erhielt die Anstellung, die er haben wollte. Ich erkannte ihn sofort, ließ ihn aber ruhig hier arbeiten, weil ich glaubte, er wolle mich auf der Stelle niederschießen und dann fliehen. Wenn es sich aber um Schnelligkeit beim Schießen handelt, nehme ich es mit jedem anderen auf. George hatte jedoch ganz andere Absichten.«

 

Jennings hatte sich inzwischen in dem Schreibtischsessel niedergelassen, den Billy freigemacht hatte.

 

»Hoffentlich dauert diese Geschichte nicht zu lange«, sagte er, aber der Chef brachte ihn durch einen strengen Blick zum Schweigen.

 

»Erzählen Sie weiter, Stabbat.«

 

»Er hat einen Plan zur Ausführung gebracht, der verteufelt schlau ist. Ich weiß wirklich nicht, ob ich den Mann hassen oder bewundern soll. Ich habe mich später erkundigt und erfahren, daß er zwei Tage lang allein in diesem Büro arbeitete. In dieser Zeit baute er eine automatische Pistole hier ein. Die Auslösung des Schusses erfolgt durch elektrischen Strom, und zwar immer dann, wenn man die Klingel auf dem Tisch drückt. Natürlich nahm er an, daß ich der erste sein würde, der die Klingel benützen und dadurch den tödlichen Schuß gegen mich selbst auslösen würde.«

 

»Ach, das ist doch alles Unsinn! Uns können Sie doch solche Märchen nicht erzählen!« rief Jennings. »Diese Klingel …«

 

In diesem Augenblick geschah es. Ich hörte, wie Billy dem Inspektor eine Warnung zuschrie und sich selbst flach auf den Boden warf. Jennings ließ sich aber nicht abhalten – er drückte auf den Knopf …

 

Eine ohrenbetäubende Detonation folgte; ein Geschoß streifte den Inspektor, der sich weit vorgebeugt hatte, an der Schulter und zerschlug dann klirrend das Fenster.

 

»Glauben Sie es jetzt? Der Schuß wird durch die elektrische Klingel ausgelöst«, sagte Billy, nachdem er sich langsam wieder vom Boden erhoben hatte. »Und wenn Ihr Kopf etwas höher gewesen wäre, hätte ihn das Geschoß getroffen.«

 

Jennings war weiß wie ein Tischtuch und zitterte am ganzen Körper, obwohl ihn die Kugel nur an der Schulter gestreift hatte. Er hatte den Schreibtischsessel zurückgeschoben und sich deshalb weit vorbeugen müssen, um zu klingeln.

 

»Um Himmels willen!« rief der Chefinspektor. »Woher ist der Schuß denn gekommen?«

 

»Aus dem Maul des rechten Löwen am Kamin. Ich werde Ihnen alles genau zeigen.«

 

Billy winkte Leslie, und die beiden zogen und drehten an dem Marmorkopf. Nach einiger Zeit gab er nach, und sie legten das schwere Steinstück auf den Boden, nachdem sie vorher einen Verbindungsdraht entfernt hatten. Im Innern sah man deutlich eine Pistole, die in einer Höhlung einzementiert war. Selbst ein Laie konnte den Mechanismus der elektrischen Auslösung ohne weiteres erkennen.

 

»Bei dem ersten Unglück, das hier passierte, sah es so aus, als hätte jemand auf meinen Freund Thomson Dawkes geschossen. Aber Dawkes selbst hatte auf den Klingelknopf gedrückt, um jemand verhaften zu lassen.«

 

»Ihre letzte Bemerkung klingt etwas unklar, Stabbat, aber ich glaube, ich verstehe Sie«, erwiderte der Chefinspektor.

 

»Die betreffende Person hatte einen Revolver in der Hand, hat ihn aber nicht abgedrückt. Das habe ich inzwischen erfahren. Zuerst hatte ich den Eindruck, daß tatsächlich ein Schuß abgegeben worden war. Was Sir Philip Frampton geschah, ist jetzt auch geklärt. Er schrieb einen Brief und fand, daß er mit der Feder nicht schreiben konnte, weil sie alt und verdorben war. Er sah sich um, entdeckte die Klingel und drückte auf den Knopf, um den jungen Mann hereinzurufen. Das Geschoß traf ihn so unglücklich, daß er sofort tot war. Er sprang noch auf und stürzte dann auf dem Teppich nieder.«

 

Der Chefinspektor untersuchte die Anlage genau.

 

»Damit wird also die Anklage gegen Miss Ferrera hinfällig. Ich glaube doch, daß sie die betreffende Person war?« Er warf mir einen merkwürdigen Blick zu. »Ich kann mich allerdings nicht entsinnen, daß Sie in Ihrem Bericht die Anwesenheit von Miss Ferrera erwähnten!«

 

»Ich habe sie nicht erwähnt«, entgegnete ich.

 

»Nun, dann haben Sie sie vielleicht nicht bemerkt oder übersehen«, fügte er mit einem feinen Lächeln hinzu und winkte Jennings.

 

»Sie dürfen von Glück sagen, Inspektor. Die beiden Polizisten, die Sie vor dem Haus aufgestellt haben, können Sie abberufen. Mr. Stabbat bleibt ja wohl noch einige Stunden hier. Der Polizeipräsident wird sich diese geniale technische Anlage sicher auch ansehen wollen.«

 

Ich konnte vor Freude kaum sprechen, als ich mich an diesem Nachmittag von Billy verabschiedete.

 

»Was wird Mary dazu sagen?« meinte ich.

 

Eigentlich erwartete ich die stereotype Antwort: »Wir werden ja sehen«, aber diesmal entgegnete er nichts, sondern drückte mir nur stumm die Hand.

 

Kapitel 1

 

1

 

Ich weiß nicht genau, welcher Nation Billington Stabbat angehörte; er mochte Engländer, Amerikaner, Kanadier oder Australier sein. Zufällig nur erfuhr ich, daß er in Lima, der Hauptstadt von Peru, geboren wurde. Er konnte stundenlang über Peru sprechen und wußte in der Geschichte dieses Landes sehr gut Bescheid.

 

Über seine Eltern habe ich nie etwas gehört, und über sein früheres Leben ist mir nicht viel bekannt. Er war fast in der ganzen Welt umhergereist, als ich ihn während des Weltkriegs in Frankreich traf. Damals diente er bei der amerikanischen Armee und war im Großen Hauptquartier tätig. Es wird allgemein behauptet, daß er der beste Nachrichtenoffizier war, den Pershing, der amerikanische Oberbefehlshaber, hatte.

 

Verbrechen aufzuklären bedeutete für Billy nichts Neues. Schon in Toronto hatte er als Detektiv gearbeitet. Er war ein tüchtiger Mann, und gerade befördert worden, als der Krieg ausbrach.

 

Viele Leute haben von der Briscoe-Bande gehört, zum mindesten alle Kanadier. Die Mitglieder dieser Bande waren äußerst geschickte Verbrecher. George Briscoe und sein Bruder Tom waren die Führer. Alle Bankdirektoren von Halifax bis nach Victoria haßten die Briscoes. Jeder der beiden Brüder war ein Genie in seiner Art. Sie brachen die Safes auf, ohne Stemmeisen oder Schneidbrenner zu benützen. Sie gingen in die Banken, öffneten einfach die Geldschränke oder Stahlkammern, nahmen, was sie wollten, und verschlossen die Türen wieder. Niemals hinterließen sie Spuren; es fehlten nur später Geld oder Papiere in den Safes. Es sah jedesmal so aus, als ob Bankbeamte, die im Besitz der Schlüssel waren und die Kombinationen der Buchstabenschlösser kannten, den Raub begangen hätten. Ein Bankdirektor, den man verdächtigte, wurde so nervös, daß er sich erschoß.

 

Die Briscoes waren zäh, weitsichtig und ungewöhnlich begabt und gewandt. Aber Billy fing sie eines Tages trotzdem, und zwar überraschte er Tom mit vier Komplicen bei einem Einbruch. George verhaftete er in einem Hotel in Ottawa, aber das Beweismaterial genügte nicht zu einer Verurteilung. Tom dagegen erhielt zwanzig Jahre Zuchthaus und erhängte sich in seiner Zelle.

 

Eines Tages traf ich Leslie Jones auf der Treppe zu Billys Büro. Leslie ist nicht groß und hat unglaublich breite Schultern, so daß er noch viel kleiner und beinahe verwachsen aussieht. Er hat ein langes Gesicht mit einer großen Nase und einem breiten, unsymmetrischen Mund, und wenn er lacht, zieht er den einen Mundwinkel höher als den anderen, so daß aus dem Lachen ein Grinsen wird.

 

Ich war erstaunt, ihn hier zu sehen, freute mich aber, daß ich ihn traf. Vor dem Krieg hatte er einen Posten in einem Detektivbüro, und ich wußte nicht, daß er jetzt mit Billy zusammenarbeitete.

 

»Jones! Das ist aber eine großartige Überraschung! Ich dachte schon, Sie wären gestorben.«

 

»Nein, wie Sie sehen, bin ich noch sehr lebendig. Ich bin jetzt bei Mr. Billington Stabbat.«

 

»Wie sind Sie denn mit dem in Verbindung gekommen?«

 

»Wir lernten uns während des Krieges kennen. Er hat mir das Leben gerettet.«

 

»Bei welchem Gefecht denn? Ich wußte überhaupt nicht, daß Sie an der Front waren?«

 

»Ich habe doch nichts von einem Gefecht gesagt, sondern nur, daß er mir das. Leben gerettet hat. Als ich eingezogen wurde, traf ich ihn, und er besorgte mir einen Posten beim Proviantamt in Plymouth. Er ist wirklich ein famoser Kerl. Er hat sich nicht geändert und wird sich auch nicht ändern. Er gibt sein Letztes für einen Freund, und für eine Frau würde er sogar zum Galgen pilgern. Diese Schwäche den Frauen gegenüber wird ihn auch noch ruinieren. Vorige Woche hatten wir einen großen Verlust. Wir haben eine Frau beobachtet, die ihren Mann hinterging, und als wir dann eindeutige Beweise in der Hand hatten, fiel Billy plötzlich um und arbeitete Tag und Nacht, um ein Alibi für die Frau zu schaffen. Sie war nämlich zu ihm gegangen und hatte ihm etwas vorgeweint. Zwei Tränen hingen an den Wimpern, und je zwei rollten die Wangen hinunter. Im ganzen vier Tränen. Die haben uns achthundert Pfund gekostet. Macht pro Tag zweihundert Pfund. Als Billy nachher zurückkam, konnte er nur mit gebrochener Stimme von ihr sprechen. Er sagte, der Mann, der uns den Auftrag gegeben hätte, wäre ein gemeiner, schrecklicher Kerl, der eine solche Frau gar nicht verdiente. Ja, so ist Billy«, meinte Leslie mit melancholischer Bewunderung und zog mich zur Seite, damit ein Arbeiter in weißem Kittel die Treppe hinaufsteigen konnte. »Passen Sie auf, Mr. Mont. Heute wird die Büroeinrichtung fertig. Das war eben einer von den Elektromonteuren.«

 

Ich sah gleichzeitig auf den Mann, der vorüberging. Er war bleich und hatte einen kurzen roten Bart.

 

»Jetzt muß ich aber gehen«, erklärte Leslie. »Wir müssen einen Auftrag in Whitechapel ausführen, eine Versicherungsgesellschaft hat uns damit beauftragt. Billy kann Ihnen Näheres darüber erzählen.«

 

Wir verabschiedeten uns, und ich stieg die Treppe hinauf.

 

Als ich ins Büro trat, saß Billington am Schreibtisch. Er war etwas über mittelgroß und sah gut aus – glattrasiertes Gesicht, eine hohe, gewölbte Stirn, blaue Augen und ein festes, eckiges Kinn. Manche Leute glaubten, daß er nicht lächeln könnte. Ich kannte ihn aber besser und wußte, wie herzlich er sich über einen Scherz freuen konnte. Er war durchaus kein Spielverderber.

 

Im Büro machte alles einen neuen Eindruck. Es roch überall nach Lack und frischer Farbe. Bill hatte sich bei der Ausstattung viel Mühe gegeben und alles behaglich und freundlich eingerichtet. Drei Fenster des großen, hohen Raumes führten nach der Bond Street. Früher hatte ein Fotograf sein Atelier hier gehabt. Das Haus besaß keinen Aufzug, und seine Kunden hatten sich häufig darüber beschwert, daß sie drei Treppen hinaufsteigen mußten.

 

Auf dem Boden lag ein blauer Teppich; auch die Tapete war auf diesen Grundton abgestimmt.

 

Ein großer Marmorkamin mit zwei mächtigen Löwenfiguren schmückte die eine Wand.

 

Als ich eintrat, erhob sich Billy und begrüßte mich freundlich.

 

»Das freut mich aber, Mont!« rief er, als er mir die Hand drückte. »Kommen Sie doch herein. Allerdings müssen Sie auf dem Teppich Platz nehmen, da die Stühle noch nicht geliefert worden sind. Wie gefällt Ihnen mein neuer Geschäftsraum?«

 

Nachdem er mich begrüßt hatte, kehrte er beinahe hastig hinter seinen Schreibtisch zurück.

 

»Setzen Sie sich doch bitte auf das Fensterbrett. Augenblicklich stehen Sie nämlich in meiner Schußlinie.«

 

»In Ihrer Feuerlinie?« Ich wollte meinen Ohren nicht trauen.

 

»Ja«, erwiderte Billy ruhig. »Haben Sie noch nie etwas von einer Schußlinie gehört?«

 

Ich setzte mich also auf das Fensterbrett, betastete es aber vorher vorsichtig, denn Fensterbretter trocknen in renovierten Wohnungen gewöhnlich als letztes. Dann sah ich ein rotes Seidentaschentuch auf Bills Schreibtisch, unter dem ein Browning hervorschaute. Ich wunderte mich darüber. Er sah zur Tür, und als ich mich umdrehte, entdeckte ich, daß der Handwerker mit dem roten Bart ins Zimmer gekommen war. Der Mann betrachtete das Deckengesims, seine Finger spielten mit einem Zollstock.

 

»George«, sagte Billington ruhig, »kommen Sie hierher und halten Sie Ihre Hände so, daß ich sie sehen kann. Wenn Sie in die Tasche fassen, schieße ich Sie sofort mausetot.«

 

Der andere kam langsam zum Schreibtisch, ohne den Blick von Billy zu wenden.

 

»Ich möchte Sie mit Sergeant Mont von Scotland Yard bekanntmachen«, fuhr Billy fort. »Dies ist Mr. George Briscoe aus Kanada. Wie geht es Ihnen denn jetzt, George?«

 

Der Elektriker biß sich nur auf die Unterlippe und schwieg.

 

»Ich habe nämlich Georges Bruder auf zwanzig Jahre ins Zuchthaus gebracht«, erzählte Billy im Unterhaltungston, als ob er irgendeine alltägliche Sache erklärte. »Deshalb ist George natürlich ein wenig böse mit mir. Vermutlich ist er herübergekommen, um mit mir abzurechnen. Sie hatten bis jetzt noch wenig Gelegenheit dazu, was?«

 

Briscoe erwiderte auch jetzt noch nichts.

 

»Wie geht es übrigens Tom?« fragte Billington.

 

Nun brach der Mann endlich das Schweigen.

 

»Tom ist tot, das wissen Sie ganz genau«, sagte er leise, aber erregt, und ich sah deutlich, daß er zitterte.

 

»Ach, der arme Tom! Er war wirklich ein kluger und gescheiter Junge. Der konnte mehr als Sie, George. Nun, wir können ja nicht ewig leben. Früher oder später muß jeder von uns einmal daran glauben.«

 

Briscoe senkte den Blick.

 

»Ich führe jetzt ein anständiges Leben, Mr. Stabbat. Es ist ein reiner Zufall, daß ich gerade für diese Arbeit engagiert wurde. Vor zwei Jahren kam ich von Kanada herüber, um von neuem anzufangen.«

 

»Vor sechs Monaten sind Sie gekommen«, entgegnete Billy freundlich, »und Sie haben die Stelle erhalten, weil Sie dem Polier eine Zehnpfundnote in die Hand drückten. Und wenn Sie sagen, Sie führen jetzt ein anständiges Leben, so muß ich Sie doch darauf aufmerksam machen, daß Sie sich im vergangenen Dezember an dem Einbruch beim Juwelier Roberts in der Regent Street beteiligt haben. Ich zweifle aber daran, daß Mr. Mont Ihnen das nachweisen kann. Und mich geht die Sache ja nichts an.« Er zuckte die Schultern. »Ich bin jetzt mit friedlichen Nachforschungen beschäftigt und beobachte böse Frauen für ihre tugendhaften Ehegatten oder böse Männer für ihre trostlosen Frauen. Als Privatdetektiv habe ich fast nur noch mit Ehescheidungssachen zu tun.«

 

George fuhr mit der Hand über den Bart.

 

»Sie sind ein tüchtiger Kerl, Stabbat«, sagte er. Seine Stimme verriet, daß er eine gute Erziehung genossen hatte. »Aber glauben Sie mir, früher oder später erwische ich Sie doch noch.«

 

»Wir werden ja sehen«, entgegnete Billy.

 

Diese Redensart führte er dauernd im Munde. Sie gab eigentlich seine Lebensauffassung wieder. Immer wartete er auf das Morgen, ob es ihm eine neue Aufgabe, Arbeit oder Vergnügen, Belohnung oder Gefahr bringen mochte.

 

»Ich mache Ihnen keinen Vorwurf, George«, fuhr er fort, »weil Sie mir das Lebenslicht ausblasen wollen. Im Gegenteil. Wenn ich an Ihrer Stelle wäre, würde ich dasselbe tun. Es ist ein Ausdruck von brüderlicher Liebe, und ich achte Sie deshalb. Es ist etwas Schönes, wenn Brüder zusammenhalten. Aber es war schließlich nicht mein Fehler, daß ich Sie nicht beide zu gleicher Zeit faßte. Aber ob Sie mich erwischen oder ich Sie, das werden wir ja sehen!«

 

»Sie hätten einen guten Partner abgegeben, Stabbat. Es tut mir leid, daß ich gegen Sie vorgehen muß, aber es bleibt mir nichts anderes übrig.«

 

Billy nickte verständnisvoll.

 

»Ich verstehe«, erwiderte er beinahe entschuldigend. »Nun machen Sie aber weiter.«

 

George schien noch etwas sagen zu wollen, änderte jedoch seine Absicht und ging langsam zur Tür. Dort stand er einige Zeit, hielt die Türklinke in der Hand und dachte nach. Als er dann sprach, blitzten seine Augen gefährlich.

 

»Ich bin heute mit meiner Arbeit hier fertig geworden. Sie sind also von meiner Gesellschaft befreit und brauchen sich nicht mehr zu fürchten!«

 

Billington Stabbat lehnte sich in seinem Sessel zurück und lachte.

 

»Im Ernst, George, und von Mann zu Mann gesprochen, glauben Sie wirklich, daß ich mich vor Ihnen fürchte?«

 

Briscoe zögerte.

 

»Nein, ich glaube nicht«, sagte er schließlich. »Vermutlich haben Sie, seit ich hier bin, die Pistole nur aus Gewohnheit auf den Schreibtisch gelegt?«

 

Billy nickte.

 

»Also auf Wiedersehen«, verabschiedete sich George.

 

»Auf Wiedersehen«, entgegnete Billy freundlich.

 

Die Tür schloß sich hinter diesem merkwürdigen Verbrecher. Ich war sehr erstaunt, aber Billy sah mich lachend an.