Kapitel 13

 

13

 

Auch im Leben der größten Verbrecher gibt es Augenblicke, in denen sie sich auf sich selbst besinnen und eine gewisse Reue über ihre Taten empfinden. Solche Depressionen können sogar so stark werden, daß sie an die Grenzen des Wahnsinns führen.

 

Cäsar Valentine machte jedoch eine Ausnahme. Er kannte keine Gewissensbisse und fühlte keine Reue.

 

Als Smith ihn am Portland Place aufsuchte, entdeckte er, daß auch dieser Mann seine Liebhabereien hatte.

 

Cäsar saß an dem Tisch in der Bibliothek und polierte etwas. Zwei Marmorschalen standen vor ihm. In der einen lag ein kleiner, runder Gegenstand, den Cäsar von Zeit zu Zeit mit gelbbrauner Politur bestrich und dann heftig rieb.

 

»Was in aller Welt machen Sie denn da?«

 

»Nun, für was halten Sie das denn?« fragte Cäsar.

 

»Es sieht aus wie ein ganz gewöhnlicher Knopf.«

 

»Das ist es auch«, erklärte Valentine vergnügt. »Sie haben mich niemals im Verdacht gehabt, daß ich ein Knopfmacher wäre?«

 

Smith schaute genauer hin und entdeckte, daß der andere tatsächlich die Wahrheit gesprochen hatte. Es war ein ganz gewöhnlicher Knopf, allem Anschein nach aus Knochen gedreht. Cäsar nahm ihn aus der Schale heraus, besah ihn von allen Seiten und legte ihn dann auf ein Stück Papier auf dem Kamin.

 

»Eine neue Fabrikationsmethode«, sagte er leichthin. »Man könnte sogar viel Geld damit verdienen.«

 

»Sie sind ein ganz verteufelter Kerl«, entgegnete Smith. »Ich weiß wirklich nicht, was ich aus Ihnen machen soll.«

 

Cäsar lächelte, als er die Schalen und die anderen Gerätschaften in eine Schublade des Schreibtisches räumte.

 

»Ich kenne jemand, der nicht weiß, was er von Ihnen halten soll!«

 

»Wer ist denn das?« fragte Smith schnell.

 

»Ein Detektivsergeant von Scotland Yard namens Steele. Er hat Sie in der letzten Zeit beobachtet – wahrscheinlich ist Ihnen das auch nicht entgangen?«

 

»Das wußte ich noch nicht.«

 

Cäsar lachte, als der andere betroffen schien.

 

»Wenn Sie ins Wohnzimmer gehen und durchs Fenster schauen, können Sie ihn auf der gegenüberliegenden Seite der Straße sehen.«

 

Smith folgte der Aufforderung und kam gleich darauf zurück.

 

»Sie haben recht. Das wird vermutlich dieser Steele sein. Ich kannte ihn bisher nicht.«

 

»Nehmen Sie Platz«, sagte Cäsar. »Ich will Ihnen einen Vorschlag machen.«

 

»Das ist interessant. Kann man Geld dabei verdienen?«

 

Cäsar nickte.

 

»Ja, sogar sehr viel, und genug für Sie und für mich. Ich wünsche, daß Sie Stephanie heiraten.«

 

Smith schaute ihn verblüfft an.

 

»Was, ich soll Ihre Tochter Stephanie heiraten?« fragte er ungläubig.

 

»Ja. Zu diesem Zweck habe ich Sie doch überhaupt in meinen Dienst genommen. Sie glaubten doch nicht, daß ich mit Ihnen nur einen Mörder dingen wollte, um meine kleinen Streitigkeiten zu erledigen?«

 

Smith schwieg.

 

»Ich habe Sie lange Zeit in Paris beobachtet. Sie sind der Mann, nach dem ich ein ganzes Jahr lang Ausschau gehalten habe. Sie besitzen Bildung, Sie waren früher ein Gentleman, Sie haben gute Manieren, und zu meinem Erstaunen fand ich, daß Sie Stephanie gut gefallen. Sie sprach sehr anerkennend von Ihnen.«

 

»Als ihrem zukünftigen Gatten?« fragte Smith trocken.

 

Cäsar schüttelte den Kopf.

 

»Nein, darüber habe ich noch nicht mit ihr gesprochen.«

 

Smiths Herz schlug schnell, und er mußte sich sehr zusammennehmen, um seine Erregung nicht nach außen hin zu verraten. Stephanie! Es war unglaublich und in gewissem Sinn geradezu schrecklich.

 

»Sie sind doch nicht am Ende schon verheiratet?« fragte Cäsar.

 

Smith schüttelte den Kopf.

 

»Das hätte die Sache natürlich sehr kompliziert. Aber unter den gegebenen Umständen ist es eine ziemlich einfache Geschichte.«

 

Er zog eine Schublade auf, nahm ein Schriftstück heraus und reichte es dem anderen.

 

»Das ist ein Vertrag zwischen uns beiden. Falls Ihre Frau ein Vermögen erbt, zahlen Sie mir die Hälfte des Anteils aus, der auf Sie entfällt.«

 

Es kostete Smith große Anstrengung, mit ruhiger Stimme zu antworten.

 

»Aber nehmen wir einmal an, daß meine Frau nicht damit einverstanden ist?«

 

»Die Sache wird schon vor Ihrer Hochzeit in Ordnung gebracht werden. Sie unterzeichnet einen Vertrag, in dem sie sich verpflichtet, drei Viertel des Vermögens Ihnen auszuhändigen.«

 

Smith lachte nervös.

 

»Sie setzen allerdings ziemlich viel als sicher voraus.«

 

»Sie können sich darauf verlassen, daß Stephanie zustimmen wird«, erwiderte Cäsar und klingelte.

 

Wenige Sekunden später erschien ein Diener.

 

»Bitten Sie Miss Valentine, zu mir in die Bibliothek zu kommen.«

 

»Was haben Sie denn vor?« fragte Smith aufgeregt, als der Mann verschwunden war. »Sie wollen doch nicht jetzt in meiner Gegenwart …«

 

»Warten Sie.«

 

»Aber …«

 

»Warten Sie!« entgegnete Cäsar scharf.

 

Stephanie kam herein, nickte Smith zu und sah dann fragend auf ihren Vater.

 

»Stephanie, ich habe eben eine Entscheidung über deine Zukunft getroffen.«

 

Sie erwiderte nichts darauf, wandte aber den Blick nicht von ihm.

 

Cäsar lehnte sich in seinem Stuhl zurück.

 

»Ich habe beschlossen, daß du meinen Freund Mr. Smith heiraten sollst.«

 

»Ach!« sagte sie erstaunt und verwirrt und schaute dann zu dem betretenen jungen Mann hinüber, der abrupt aufgestanden war und nicht wußte, was er in dieser Situation sagen oder tun sollte.

 

Er erwartete einen heftigen Ausbruch von ihrer Seite. Zweifellos würde sie sich weigern, diesen Wunsch ihres Vaters zu erfüllen, sie würde in Tränen ausbrechen …

 

Aber er täuschte sich. Stephanie war allerdings bleich geworden, aber sie war nur überrascht, nicht entsetzt.

 

»Ja, Vater«, sagte sie gehorsam.

 

»Die Hochzeit findet nächste Woche statt«, fuhr Cäsar fort. »Du erhältst eine große Mitgift, und im Fall meines Todes erbst du ein bedeutendes Vermögen.«

 

»Ja, Vater«, sagte sie wieder.

 

»Du wirst mit deinem zukünftigen – Gatten –«

 

Smith wurde immer verlegener.

 

»– einen Vertrag schließen, wonach du ihm drei Viertel des Geldes, das du von mir oder einem anderen erbst, übergeben wirst.«

 

Sie warf Smith einen langen, prüfenden Blick zu, dem er nicht standhalten konnte.

 

»Ist Mr. Smith damit einverstanden?« fragte sie ruhig.

 

»Ja, du begreifst meine Absicht, Stephanie?«

 

Sie nickte.

 

»Ist das alles?«

 

»Ja, für den Augenblick«, entgegnete Cäsar und entließ sie mit einer liebenswürdigen Geste.

 

Smith setzte sich wieder, als sie gegangen war. Er war nicht fähig, etwas zu sagen. Cäsar sah ihn neugierig und mit einem zynischen Lächeln an.

 

»Nun, Mr. Smith? Sie scheinen etwas aus der Fassung geraten zu sein?«

 

Smith befeuchtete die trockenen Lippen mit der Zunge.

 

»Wissen Sie auch, was Sie getan haben?«

 

»Ich glaube schon«, entgegnete Cäsar kühl. »Ich habe Ihnen eine sehr charmante Frau gegeben.«

 

»Sie haben Ihre Tochter mit einem Mann verlobt … Sie wissen doch, wer ich bin.«

 

Er sagte diese Worte so sonderbar, daß Cäsar ihn überrascht und forschend ansah.

 

»Was ist denn mit Ihnen los? Bekommen Sie plötzlich Gewissensbisse?«

 

»Nein, um mein Gewissen habe ich mich nie bekümmert«, erwiderte Smith und schüttelte den Kopf. »Wenn es Sie beruhigt, kann ich Ihnen auch versichern, daß ich nicht daran denke, ein neues Leben zu beginnen. Nein, ich bin nur über Ihre Denkungsart erstaunt.«

 

»Die ist vollkommen normal.«

 

Ein leises Geräusch ertönte, und Smith sah sich um. In der Nähe des Kamins stand ein kleiner polierter Kasten mit zwei Öffnungen. Hinter einem der beiden Löcher leuchtete ein rotes Licht.

 

»Was ist denn das?«

 

»Mein Kontrollapparat«, lächelte Cäsar. »Es sind außer dem Haupttelefon zwei Nebenanschlüsse im Haus, und ich habe den Kontrollapparat anbringen lassen, damit ich weiß, ob jemand mithört, wenn ich telefoniere. Das rote Lämpchen zeigt, daß einer der beiden Nebenanschlüsse benützt wird.«

 

Er nahm den Hörer vom Apparat, der auf seinem Tisch stand, und bedeckte die Sprechmuschel mit der Hand.

 

»Es ist sehr wertvoll, zu wissen, worüber die eigenen Dienstboten sprechen«, meinte er und legte den Hörer ans Ohr.

 

Smith beobachtete ihn und sah, wie sich seine Züge verhärteten. Cäsar sagte kein Wort und blieb reglos sitzen, bis das kleine rote Licht verschwand. Dann legte er den Hörer zurück und stand auf. Was er gehört hatte, mußte ihn in ungewöhnliche Erregung versetzt haben.

 

»Kommen Sie mit«, sagte er plötzlich und verließ das Zimmer.

 

Smith folgte ihm.

 

Beide stiegen die Treppe zum oberen Stockwerk hinauf, wo Cäsar vor einer Tür stehenblieb, Smith näherwinkte und dann eintrat. Allem Anschein nach handelte es sich um Stephanies Zimmer. Smith erkannte das an den Möbeln und an der Ausstattung, noch bevor er das Mädchen selbst sah; sie hatte sich beim Eintritt ihres Vaters erschrocken erhoben.

 

Cäsars Gesicht war düster und verzerrt.

 

»Was willst du?« fragte sie.

 

»Mit wem hast du telefoniert?« entgegnete er schroff.

 

»Telefoniert?« erwiderte sie bestürzt. »Mit einer Freundin.«

 

»Das ist nicht wahr. Du hast mit Mr. Ross gesprochen«, fuhr er sie an. »Wann hast du Ross kennengelernt?«

 

Stephanie schwieg.

 

»Du hast ihm erzählt, daß du Smith heiraten sollst, und du hast dich für heute nachmittag mit ihm verabredet. Wie bist du überhaupt mit ihm bekannt geworden? Antworte mir!« schrie Cäsar und schüttelte sie heftig an den Schultern.

 

Smith faßte ihn am Arm und zog ihn sanft zurück.

 

»Verdammt, hindern Sie mich nicht! Ich werde die Wahrheit aus diesem Mädchen herausbekommen. Was hast du Ross gesagt? Ich bringe dich um, wenn du mir nicht antwortest.«

 

Stephanie sah flehend zu Smith hinüber, und dieser packte Cäsar fester am Arm.

 

»Sie gewinnen nichts, wenn Sie ihr drohen.«

 

»Lassen Sie mich los!« rief Cäsar wild.

 

Aber Smith griff erstaunlich hart zu, so daß Valentine das Mädchen loslassen mußte. Aber er hatte sich durchaus noch nicht beruhigt.

 

»Komm mit! Nach oben!« befahl er.

 

Sie gehorchte, und die beiden folgten ihr. Im obersten Stockwerk schob Cäsar sie in ein Zimmer, das an der Rückseite des Hauses lag.

 

»Du bleibst so lange hier eingeschlossen, bis du meine Fragen beantwortest«, sagte er, schlug die Tür heftig zu, schloß ab und steckte den Schlüssel in die Tasche. »Smith, Sie warten hier, bis ich zurückkomme. Ich werde mit dieser jungen Dame schon fertig werden!«

 

»Ich bin doch kein Gefängniswärter«, entgegnete Smith düster.

 

»Sind Sie ganz verrückt?« brüllte Cäsar. »Sehen Sie denn nicht, daß Ihr Leben auf dem Spiel steht? Wenn sie mit Ross Verbindung aufnimmt und ihm alles sagt, wenn sie weiß …«

 

Er starrte finster auf die Tür.

 

»Warten Sie hier. In einer halben Stunde bin ich zurück.«

 

Er blieb jedoch nicht so lange fort. Wütend und ärgerlich stürmte er nach einiger Zeit wieder die Treppe herauf. Smith wartete oben auf dem Podest und rauchte eine Zigarette. Die Hände hatte er in die Taschen gesteckt.

 

»Ich habe es Ihnen ja gesagt – sie hat mich tatsächlich an Ross verraten. Verdammt! Sie weiß es!« keuchte er atemlos.

 

»Was weiß sie denn?«

 

»Daß sie Wellands Tochter ist! Sie Dummkopf, haben Sie das nicht schon längst vermutet?«

 

Smith antwortete nicht.

 

»Sie ist Wellands Tochter und die Erbin der Ross’schen Millionen! Es kommt nicht darauf an, daß sie noch länger lebt verstehen Sie, Smith? Wenn diese dumme Person doch den Schnabel gehalten hätte! Wie sie entdeckt hat, daß sie Wellands Tochter ist, kann ich mir allerdings nicht erklären. Wir beide hätten reiche Leute werden können. Aber es ist noch nicht zu spät, wir können das Geld immer noch in unseren Besitz bringen. Sie stecken ebenso tief in der Sache wie ich. Unser Leben steht auf dem Spiel.«

 

Er sah Smith scharf an.

 

»Nun, welchen Auftrag haben Sie denn für mich? Wenn ich ihr die Kehle durchschneiden soll, sage ich Ihnen schon jetzt, daß ich das nicht tun werde.«

 

Cäsar versuchte sich zu fassen.

 

»Das brauchen Sie nicht zu tun«, sagte er nach einiger Zeit in ruhigerem Ton. »Aber Sie müssen mir helfen – später.«

 

Er zog einen Schlüssel aus der Tasche, steckte ihn ins Schloß und nahm dann ein silbernes Kästchen aus der Westentasche. »Warten Sie hier.«

 

»Was wollen Sie tun?« fragte Smith.

 

Cäsar lächelte seltsam, öffnete die Tür und trat in das Zimmer. Gleich darauf stieß er einen entsetzlichen Fluch aus.

 

»Sie ist fort!«

 

»Fort?« fragte Smith erstaunt und trat auch in den Raum.

 

Das Zimmer war leer, das Fenster geschlossen. Eine zweite Tür existierte nicht, aber Stephanie war verschwunden.

 

»Sehen Sie dort! Sehen Sie!«

 

Smith hätte darauf schwören können, daß Cäsars Zähne vor Furcht zusammenschlugen, während er mit zitterndem Finger auf eine Wand zeigte. Dort war ein Briefumschlag angeheftet, auf dem mit Bleistift geschrieben die Worte standen:

 

»Cäsar, auch Sie sind nur ein sterblicher Mensch!«

 

Die Zahl »6« grinste Cäsar an der rechten unteren Ecke entgegen.

 

*

 

Am nächsten Tag war Cäsar aus London verschwunden. Er hatte ein eiliges Schreiben für seinen Verbündeten zurückgelassen und ordnete darin an, daß Smith bis zu seiner Rückkehr in das Haus am Portland Place ziehen sollte. Smith nahm diese Einladung an, ohne zu zögern, denn er war neugierig. Er bezog Cäsars eigenes Zimmer.

 

Bis zu einem gewissen Grad war es unangenehm, daß Cäsar alle Dienstboten entlassen hatte, denn Smith hatte verschiedene der Leute während der kurzen Zeit seiner Anwesenheit schätzen gelernt. Vor allem den Butler und einen der Diener, der alles für ihn getan hätte.

 

»Nur der jungen Dame zuliebe bin ich geblieben«, erklärte der Butler. »Mr. Valentine ist ein Mann, der mir sehr unsympathisch ist. Heute ist er hier, morgen ist er dort, monatelang ist überhaupt niemand im Haus mit Ausnahme von allerhand merkwürdigen Leuten – ich bitte tausendmal um Verzeihung …«

 

»Fahren Sie nur fort«, erwiderte Smith. »Ich gebe gern zu, daß ich ein sonderbarer Mensch bin.«

 

»Die junge Dame aber ist wirklich so liebenswürdig … Eine Lady in jeder Beziehung. Und die wundervollen Figuren, die sie modelliert!«

 

»Ja, das stimmt«, Smith nickte.

 

»Sie hat in Wachs eine Büste von mir gemacht, die war so lebendig im Ausdruck, daß man es kaum für möglich halten sollte. Sie braucht jemand nur ein- oder zweimal anzusehen, dann kann sie ihn schon porträtieren.«

 

Smith verabschiedete die Leute so schnell als möglich, denn er brannte darauf, Stephanies Werkstatt zu untersuchen. Vor allem mußte er herausbringen, was in dem geheimnisvollen Schrank steckte. Er glaubte allerdings schon zu wissen, was er finden würde. Und als er mit einem Nachschlüssel die Tür aufgeschlossen hatte, setzte er sich nieder und bewunderte aufrichtig die Kunstfertigkeit des jungen Mädchens.

 

Eine Gesichtsmaske von Mr. Ross hing an einem Haken, daneben eine Maske von Cäsar. Die Züge waren ganz genau getroffen: die feine, gerade Nase, die vollen Lippen und das runde, weichliche Kinn. Dann entdeckte er zu seiner größten Verwirrung eine Maske von sich selbst. Er nahm sie vom Haken und hielt sie vor das Gesicht. Sie war sehr dünn, und die Augenöffnungen waren so geschnitten, daß sie nicht auffielen.

 

Sie paßte ihm nicht genau, denn sie war für ein kleineres Gesicht gemacht; wahrscheinlich für Stephanie Welland selbst. Lange saß er, um die Lage zu überdenken. Stephanie hatte sich also im Hotel als Mr. Ross verkleidet. Sie hatte auch sein eigenes Zimmer durchsucht und war dann durch den hinteren Dienereingang aus dem Haus geflohen. Das hatte er alles bereits vermutet, aber er hatte es doch kaum für möglich gehalten, daß sie sich so gut verkleiden konnte.

 

Mr. Ross wußte, daß sie seine Enkelin war. Und nun war er fortgegangen – wohin? Zwei Tage war er verreist gewesen, während Stephanie seine Rolle im Hotel spielte. Smith erinnerte sich daran, daß Cäsar ihm erzählt hatte, sie wäre nach Schottland gefahren. Mit dieser wunderbaren Maske war es ja nicht schwer, das Hotelpersonal zu täuschen. Mr. Ross war unnahbar, und die Angestellten kamen nie in seine Räume, wenn er ihnen nicht klingelte. Nun, ein kleiner Teil des Geheimnisses war jedenfalls aufgeklärt.

 

Der Kasten, den Stephanie von den Rechtsanwälten in Amerika erhalten hatte, enthielt vermutlich Dokumente über ihre Geburt. Cäsar hatte gelogen, als er sagte, die Tochter Mr. Wellands gestorben. Wahrscheinlich lebte auch Stephanies Mutter noch. Sie mußte die Frau in Ketten sein, die er in Maisons Lafitte gesehen hatte!

 

Schließlich erhob er sich, wickelte die Wachsmaske in Papier und trug sie in sein Zimmer.

 

Rein gefühlsmäßig wußte er, daß die Tage Cäsar Valentines gezählt waren. Dann war es auch mit Tre-Bong Smith vorbei. Er zuckte die Schultern bei dem Gedanken.

 

Kapitel 1

 

1

 

Nachdem man auf der internationalen Polizeikonferenz in Genua drei Tage lang die verschiedensten Probleme erörtert hatte, kam man schließlich auch auf Cäsar Valentine zu sprechen. Es lag nichts Besonderes gegen ihn vor; die Beamten tauschten nur im Anschluß an den Fall Gale ihre Meinungen über ihn aus.

 

»Ich verstehe eigentlich nicht, was man diesem Mann vorwirft«, sagte Lecomte von der Pariser Sûreté. »Er ist reich, sehr bekannt und sieht vorzüglich aus – aber das alles kann man doch nicht als ein Verbrechen bezeichnen.«

 

»Wo mag er nur das Geld herhaben?« fragte Leary, der aus Washington kam. »Fünf Jahre lang war er bei uns in den Staaten, aber er hat immer nur Geld ausgegeben.«

 

»Auch das ist weder in Frankreich noch in Amerika ein Verbrechen«, erwiderte Lecomte lächelnd.

 

»Leute, die mit ihm in Geschäftsverbindung standen, hatten das Unglück, plötzlich zu sterben.«

 

Es war Hallett von der Londoner Kriminalpolizei, der diese unfreundliche Bemerkung machte.

 

Leary nickte.

 

»Ja, das stimmt auch mit unseren Beobachtungen überein. Die Vorsehung meinte es sehr gut mit Mr. Valentine. Er hatte sich vor ein paar Jahren auf der Chikagoer Börse in Weizen engagiert, und die Kursentwicklung ging gegen ihn. Die Preise fielen und fielen, und an der Spitze der Baissegruppe stand Burgess. Er war ein persönlicher Gegner Valentines und hätte ihn auch ruiniert, aber eines Morgens wurde er auf dem Boden eines Liftschachtes in seinem Hotel tot aufgefunden. Er war vom neunzehnten Stockwerk in die Tiefe gestürzt.«

 

Lecomte zuckte die breiten Schultern.

 

»Kann das nicht ein Zufall gewesen sein?«

 

»Wenn dies der einzige Fall wäre, könnte man es annehmen«, entgegnete Hallett. »Aber hören Sie weiter. Dieser Mr. Valentine befreundete sich mit dem Bankier George Gale in England. Gale finanzierte ihn mit Bankgeldern, obwohl das niemals bewiesen wurde. Der Mann hatte die Gewohnheit, ein Nervenstärkungsmittel zu nehmen, das er in seinem Büro stehen hatte. Eines Abends wurde er mit der kleinen Flasche in der Hand in seinem Privatkontor tot aufgefunden. Das Etikett trug die Aufschrift der Medizin, aber in Wirklichkeit enthielt die Flasche ein starkes Gift. Als später die Bücher der Bank geprüft wurden, stellte sich heraus, daß eine Summe von hunderttausend Pfund fehlte. Valentines Konto war vollkommen in Ordnung. Man nahm allgemein an, daß Gale Selbstmord verübt hätte, und Valentine schickte zu seiner Beerdigung den größten Kranz.«

 

»Nun, ich will Valentine nicht verteidigen«, entgegnete Lecomte, »aber ich sehe wirklich noch keinen zwingenden Grund, den Mann für einen Verbrecher zu halten. Es mag immerhin. Selbstmord gewesen sein. Können Sie vielleicht das Gegenteil beweisen? Sicher ist der Fall doch mit aller Gründlichkeit von Scotland Yard untersucht worden.«

 

Hallett nickte.

 

»Und es wurde nichts Belastendes gegen Valentine gefunden?« fragte Lecomte. »Sie halten den Mann trotzdem für verdächtig? Nun, wenn das tatsächlich der Fall sein sollte, helfe ich Ihnen mit sämtlichen Beamten der Sûreté. Ich werde ihn das nächste Mal Tag und Nacht bewachen lassen, denn gewöhnlich bringt er sechs Monate des Jahres in Frankreich zu. Aber offen gestanden sähe ich es lieber, wenn Ihr Verdacht besser begründet wäre.«

 

»Er ist mit der Frau eines anderen durchgebrannt«, begann Hallett noch einmal. Lecomte lachte laut.

 

»Verzeihen Sie«, entschuldigte er sich gleich darauf, »aber das ist nach französischem Gesetz kein Verbrechen.«

 

Die allgemeine Unterhaltung wandte sich dann anderen Dingen zu.

 

Ein Jahr später saß Hallett in seinem Büro in Scotland Yard am Schreibtisch und las mit düsterem Gesichtsausdruck einen Bericht durch.

 

Eine halbe Stunde lang dachte er darüber nach, dann klingelte er. Kurz darauf trat jemand in den Raum.

 

»Vor etwa sechs Monaten«, begann der Chef ernst, »haben Sie mir Ihre Ansichten über Mr. Valentine auseinandergesetzt. Bitte unterbrechen Sie mich nicht, hören Sie mich erst zu Ende an. Ich habe Sie gern – das wissen Sie. Und ich vertraue Ihnen, sonst würde ich Sie nicht vor eine so schwere Aufgabe stellen. Ich bin davon überzeugt, daß Ihre Theorien in gewisser Weise begründet sind. Deshalb habe ich mich auch so viel mit Ihnen befaßt und Sie für die Lösung dieser Aufgabe geschult.

 

Bei solchen Fällen muß man vor allem Geduld haben. Chefinspektor Burns schickte einen Mann nach den Minenfeldern, um einen Mörder zu suchen. Als Anhaltspunkt hatte der Beamte nur eine kleine Fotografie, auf der ein Teil der rechten Gesichtshälfte des Täters zu sehen war. Es dauerte drei Jahre, bis er ihn fassen konnte.

 

Lecomte von der Sûreté wartete fünf Jahre, bis er Madame Serpilot verhaftete. Als ich noch ein junger Beamter war, verfolgte ich die Bande von Cully Smith drei Jahre und acht Monate lang; erst dann gelang es mir, Cully zu überführen. Vielleicht kostet es Sie ebensoviel Zeit, Cäsar Valentine schachmatt zu setzen.«

 

»Wann soll ich beginnen?«

 

»Sofort. Niemand darf Ihren Aufenthalt erfahren, nicht einmal diese Dienststelle. Ihr Gehalt wird Ihnen jeden Monat postlagernd zugesandt, und in den Akten wird hinter Ihrem Namen die Bemerkung stehen: ›Sonderauftrag im Ausland‹.«

 

»Manches wird sehr schwierig sein. Mein Name –«

 

»Sie haben keinen Namen. Von jetzt ab heißen Sie Nummer Sechs, und niemand außer uns beiden weiß, wer Sie sind. Ich werde Auftrag geben, daß Scotland Yard aufgrund Ihrer Nachrichten, Wünsche – oder auch Hilferufe handelt. Gehen Sie nun und versuchen Sie, mit Valentine fertig zu werden. Vielleicht ist er tatsächlich der gefährlichste Mensch auf der ganzen Welt; andererseits wäre es aber auch möglich, daß die Gerüchte, die wir über ihn gehört haben, nicht auf Wahrheit beruhen. Sie übernehmen eine schwere Aufgabe. Man kann einen Mann nicht ins Gefängnis werfen, weil er viel Geld ausgibt, oder weil er mit der Frau eines anderen durchbrennt. Natürlich ist er bei den Männern nicht beliebt, und Leute, die hassen, nehmen es mit der Wahrheit nicht zu genau. Sie müssen kühn, aber vollständig unauffällig vorgehen, denn ich glaube, er hat überall auf der Welt seine Verbindungen. Zu meinem größten Erstaunen entdeckte ich, daß er sogar hier in diesem Amt einen Mann bestochen hatte, der ihm Nachrichten zukommen ließ. Dadurch wurden mir die Augen geöffnet, und ich erkannte, wie schwer es sein wird, diesen Fall aufzuklären. Ein Mann bezahlt nicht Tausende von Pfund, um einen Spion hier im Polizeipräsidium zu haben, wenn er nicht etwas zu fürchten hat.«

 

Nummer Sechs nickte.

 

»Also, die Welt steht Ihnen offen, und Sie können auf eine große Belohnung rechnen, wenn Sie Erfolg haben. Suchen Sie vor allem seine Freunde – Sie können in alle Gefängnisse Englands gehen und die Verbrecher verhören, die etwas von ihm wissen. Vielleicht hilft Ihnen das weiter.«

 

»Es ist eine sehr große Aufgabe, vor die Sie mich stellen, aber es ist die einzige auf der Welt, die ich mir wünsche.«

 

»Das weiß ich«, erwiderte Hallett. »Sie werden eine sehr einsame Zeit durchmachen, aber wahrscheinlich von allerlei Leuten unterstützt werden – ich denke an die Männer und Frauen, die Valentine ruiniert hat, die Väter junger Mädchen und die Männer von Frauen, denen er nachstellte. Sie werden gute Verbündete sein. Gehen Sie jetzt.«

 

Er stand auf und reichte Nummer Sechs die Hand.

 

»Also, leben Sie wohl, und viel Glück, Nummer Sechs«, sagte er lächelnd. »Wenn ich Sie von jetzt ab irgendwo auf der Straße treffe, werde ich Sie nicht erkennen. Sie sind für mich ein Fremder, bis Sie durch Ihre Zeugenaussage vor dem Kriminalgericht in Old Bailey Mr. Valentine für immer ausschalten.«

 

Nummer Sechs verließ das Büro, und Hallett trug in die amtliche Geheimliste hinter dem Namen von Nummer Sechs die Bemerkung ein:

 

»Mit Sonderauftrag im Ausland. Dieser Agent darf in keinem Bericht erwähnt werden.«

 

Ein Jahr später ließ Hallett Sergeant Steel in sein Büro kommen und erzählte ihm über die geheime Mission von Nummer Sechs soviel, als ihm ratsam erschien.

 

»Ich habe seit Monaten nichts mehr von Nummer Sechs gehört«, sagte er dann. »Fahren Sie nach Paris und beobachten Sie Cäsar Valentine.«

 

»Sagen Sie mir doch wenigstens, ob Nummer Sechs ein, Mann oder eine Frau ist?«

 

Hallett grinste.

 

»Das will Cäsar auch schon seit Monaten wissen. Ich habe drei Beamte entlassen müssen, weil sie versuchten, das Geheimnis herauszubringen. Ich warne Sie also, nicht in denselben Fehler zu verfallen, sonst bliebe mir nichts anderes übrig, als auch Ihnen den Laufpaß zu geben.«

 

Kapitel 10

 

10

 

Smith fuhr mit einem Taxi nach Portland Place Nr. 409. Mr. Valentine war nicht zu Hause, wie ihm der Diener mitteilte, und wollte auch erst spät am Abend wiederkommen. Smith ließ sich daher bei der jungen Dame melden, die zugegen war, und gab dem Mann eine Karte mit der Aufschrift »Lord Henry Jones«.

 

Er wurde ins Wohnzimmer geführt. Kurz darauf erschien Stephanie mit seiner Karte in der Hand. Sie blieb an der Tür stehen, als sie ihn sah. Smith verstand es, mit Frauen umzugehen, aber die Gegenwart dieses jungen Mädchens machte ihn befangen.

 

»Ach, Sie sind es!« rief sie.

 

»Ja.« Er war verlegen wie ein Schuljunge. »Ich wollte Sie in einer wichtigen Angelegenheit sprechen.« Zufällig sah er auf ihre Hand und bemerkte einen Verband an einem Finger. Nun lachte er und gewann seine Haltung wieder.

 

»Mein Vater ist ausgegangen«, erklärte sie abweisend, »und ich fürchte, daß ich nichts für Sie tun kann.«

 

»O doch, Sie können mir sogar sehr viel helfen, Miss Valentine«, entgegnete er kühl. »Zum Beispiel können Sie mir einige Informationen geben.«

 

»Worüber?«

 

»Zunächst einmal über Ihren Finger. Haben Sie sich sehr verletzt?«

 

»Wie meinen Sie das?« fragte sie schnell.

 

»Als Sie heute morgen meine Ledermappe aufschnitten, ist Ihnen wohl das Messer oder die Schere ausgeglitten; ich habe einen Tropfen Ihres kostbaren Bluts auf meiner Schreibunterlage gefunden.«

 

Sie wurde dunkelrot und sehr verlegen, war aber klug genug, nichts darauf zu erwidern.

 

»Wollen Sie mir keinen Stuhl anbieten?« fragte er.

 

Sie wies mit der Hand auf einen Sessel.

 

»Was hofften Sie denn in meiner Mappe zu finden? Etwa Beweise für meine Verbrechertätigkeit?«

 

»Die habe ich bereits. Sie vergessen anscheinend, daß ich in jener Nacht am Quai des Fleurs war.«

 

Sie sagte nicht, welche Nacht sie meinte, aber er brauchte sie um keine weitere Erklärung zu bitten. Smith wunderte sich über ihre außerordentliche Ruhe und Gelassenheit. Sie zitterte nicht, und doch mußte das, was sie gesehen hatte, für sie ein schreckliches Verbrechen bedeuten. Und nun sprach sie ganz nebenbei von »jener Nacht«, als ob sie selbst Mittäterin statt Zuschauerin gewesen wäre.

 

»Ja, ich erinnere mich. Merkwürdig, daß ich dergleichen nicht vergesse.«

 

Seine Ironie machte keinen Eindruck auf sie.

 

»Darf ich Ihnen eine Tasse Tee anbieten, Mr. Smith?«

 

Er nickte zustimmend.

 

Sie klingelte, ging dann zu ihrem Stuhl zurück und schaute ihn lächelnd an.

 

»Sie halten mich also für eine Einbrecherin, Mr. Smith?«

 

»Nein, so würde ich es nicht bezeichnen. Aber ich dachte, Ihr Vater hätte Sie vielleicht gebeten, in mein Zimmer zu gehen …« Er brach ab, weil ihm die rechten Worte fehlten.

 

»Ja, wir sind merkwürdige Leute«, sagte sie unvermittelt. »Mein Vater, Sie und auch ich.«

 

»Und Mr. Ross«, fügte er leise hinzu.

 

Sie sah ihn einen Augenblick bestürzt an.

 

»Gewiß«, entgegnete sie dann schnell. »Auch Mr. Ross. Mr. Valentine hat Sie doch im nächsten Zimmer einquartiert, damit Sie ihn überwachen sollen?«

 

Ihre Worte brachten ihn aufs neue in Verwirrung, aber er wußte seit langem, daß der Angriff die beste Verteidigung ist.

 

»Ich halte es eigentlich für unnötig, Mr. Ross im Auftrag Ihres Vaters zu beobachten«, erwiderte er etwas von oben herab, »besonders wenn er es hier in seiner Wohnung ebensogut tun kann wie ich.«

 

»Wie meinen Sie das?«

 

»Nun, Mr. Ross kommt doch zu Besuch hierher«, entgegnete er unschuldig.

 

»Mr. Ross?«

 

Sie schaute ihn scharf an, und plötzlich schien sie zu verstehen. Nur einen Augenblick gelang es ihr, sich zu beherrschen, dann lehnte sie sich im Stuhl zurück und lachte.

 

»Fabelhaft!« sagte sie. »Mr. Ross in diesem Haus! Haben Sie ihn denn kommen sehen?«

 

»Ja«, antwortete Smith kühl.

 

»Haben Sie auch beobachtet, wie er wieder fortging?«

 

»Nein.«

 

»Solange hätten Sie aber warten sollen«, meinte sie mit erkünsteltem Ernst. »Sie hätten doch aufpassen müssen, bis er wieder herauskam. Dann hätten Sie ihn zum Hotel begleiten und ins Bett bringen müssen. Dazu sind Sie doch angestellt?«

 

Smith fühlte sich unbehaglich. Er wußte nicht, ob sie zornig war, oder ob sie nur Spaß machte.

 

»Sie haben also gesehen, wie Mr. Ross hierherkam«, sagte sie nach einer Weile. »Haben Sie das meinem Vater erzählt?«

 

»Nein.«

 

Ihre Unterhaltung wurde unterbrochen, denn ein Diener rollte den Teewagen herein. Als er wieder gegangen war und sie eingegossen hatte, lehnte sie sich zurück. Sie hielt den Blick zu Boden gesenkt, als ob sie über ein Problem nachdächte.

 

»Mr. Smith, Sie halten mich wahrscheinlich für entsetzlich schlecht, weil ich so leichtfertig über die schreckliche Szene am Quai des Fleurs spreche. Aber ich habe Grund dazu.«

 

»Ich glaube diesen Grund zu kennen«; entgegnete er ruhig.

 

»Wirklich? Eigentlich sollte ich mich vor Ihnen hüten und nach der Polizei rufen, wenn Sie in meine Nähe kommen. Sie sind wirklich ein schlimmer Verbrecher, nicht wahr?«

 

Smith grinste verlegen. Von allen Menschen glückte es ihr allein, ihn ständig in Verwirrung zu bringen.

 

»Ja, vielleicht haben Sie recht, obwohl ich –«

 

»In England noch nicht in den Akten geführt werde – ich weiß.«

 

Er starrte sie betroffen, an. Woher kannte sie diese Redewendung, die er selbst gebraucht hatte?

 

»Ich bin ein merkwürdiges junges Mädchen, weil ich ein merkwürdiges Leben hinter mir habe. Meine Jugend verbrachte ich in einer kleinen Stadt in New Jersey …«

 

»Seltsam!« erwiderte Smith, während er den Tee umrührte.

 

»Werden Sie bitte nicht ironisch«, entgegnete sie lächelnd. »Ich war sehr, sehr glücklich in Amerika, obwohl ich keine Eltern zu haben schien. Nur mein Vater kam gelegentlich, und er ist wie soll ich sagen – ziemlich kühl und unnahbar.«

 

Smith nickte.

 

»Ich hätte lange Zeit in New Jersey bleiben können, vielleicht mein ganzes Leben, denn ich liebe die Gegend. Aber –« sie zögerte einen Augenblick – »ich machte eine schreckliche Entdeckung.«

 

»Und was war das?« fragte er interessiert.

 

»Das will ich Ihnen nicht sagen, wenigstens im Augenblick noch nicht.«

 

Seine Neugierde war in hohem Maße erregt.

 

»Vielleicht könnten Sie mir und auch sich selbst sehr viel helfen, wenn Sie es mir sagten.«

 

Sie sah ihn unschlüssig an und schüttelte dann den Kopf. »Ich will Ihnen etwas davon erzählen, und ich verlange nicht einmal von Ihnen, daß Sie darüber schweigen. Sicherlich tun Sie das ohne Aufforderung, denn ich kenne ja auch ein Geheimnis von Ihnen.«

 

»Ich fürchtete schon, Sie würden mich verraten –« begann er, aber sie brachte ihn durch eine Handbewegung zum Schweigen.

 

»Darüber wollen wir nicht sprechen. An einem der nächsten Tage werden Sie sowieso eine Überraschung erleben.«

 

»Was haben Sie in New Jersey entdeckt?«

 

»Nach dem Tod meiner Mutter fuhr mein Vater nach Europa«, entgegnete sie langsam. »Er ließ eine Anzahl von Sachen in der Obhut seines Rechtsanwalts Cramb zurück. Dieser bezahlte meine Auslagen und auch die Kosten des Haushaltes. Als ich später alt genug war, um selbst Geld zu verwalten, erhielt ich jeden Monat eine bestimmte Summe von ihm. Während Mr. Valentine nun in Europa war, starb der alte Herr plötzlich und seine Praxis ging in fremde Hände über. Der neue Inhaber sandte mir eine Kassette zurück, die Mr. Cramb aufbewahrt hatte. Mein Geld erhielt ich von da ab durch eine Bank. Die neuen Rechtsanwälte wollten in dem Büro aufräumen, in dem sich allerhand Akten und andere Dinge angesammelt hatten.

 

Ich hatte nicht die leiseste Idee, was ich damit machen sollte. Mrs. Temple, die damals den Haushalt führte, redete mir zu, die Sachen als eingeschriebenes Paket an meinen Vater nach Europa zu schicken. Ich suchte aber aus Neugier einen Schlüssel, um die Kassette zu öffnen, und das gelang mir auch. Sie war mit Papieren und Dokumenten gefüllt, die mit Ausnahme von ein paar losen Schriftstücken und Fotografien sorgfältig gebündelt waren. Ich nahm sie heraus und schickte sie meinem Vater. Als ich dann die losen Dokumente durchsah, fand ich eines darunter, das mich veranlaßte, nach Europa zu fahren. Vater hatte mich schon oft darum gebeten, aber ich glaubte nicht, daß er es ernst meinte. Aber nun war mein Entschluß gefaßt.«

 

»Wie lange ist das denn her?«

 

»Etwa zwei Jahre.«

 

»Das erklärt allerdings viel. Und was machen Sie nun hier in England?«

 

Er erhielt eine Antwort, auf die er nicht gefaßt war.

 

»Ich modelliere in Wachs. Hat Ihnen das mein Vater nicht erzählt?«

 

»Sie modellieren?«

 

»Gewiß. Ich will es Ihnen zeigen, wenn Sie sich dafür interessieren.«

 

Sie führte ihn zu einem kleinen Raum, der auf der Rückseite des Hauses lag und wie eine Werkstatt ausgestattet war.

 

Er betrachtete erstaunt die hübschen Plastiken, die zum Teil noch unvollendet waren.

 

»Sie sind ja eine Künstlerin, Miss Stephanie – Miss Valentine«, verbesserte er sich.

 

»Sie können ruhig Miss Stephanie sagen«, entgegnete sie mit einem bezaubernden Lächeln. »Halten Sie mich wirklich für eine Künstlerin?«

 

»Ja, selbstverständlich, wenn ich auch nicht viel von Kunst verstehe.«

 

»Aber Sie wissen doch vermutlich, was Ihnen gefällt? Nun haben Sie mich enttäuscht, Mr. Smith. Ich dachte, ein Mann von Ihrer Bildung würde etwas Originelleres sagen.«

 

Sie hatte tatsächlich Talent, das bewiesen ihre Arbeiten. Smith kam aus dem Staunen nicht heraus.

 

Plötzlich schrak sie leicht zusammen. Smith folgte der Richtung ihres Blicks und sah auch nach dem Schrank, der in einer Ecke stand. Rasch machte sie die Schranktür zu, schloß ab und steckte den Schlüssel in ihre Tasche. Als sie sich umdrehte, glühte ihr Gesicht.

 

»Was haben Sie denn da zu verstecken?«

 

Sie sah ihn argwöhnisch an.

 

»Das Familiengespenst«, versuchte sie zu scherzen. »Aber jetzt wollen wir zu unserem Tee zurückgehen.«

 

Smith sah ihre Verlegenheit. Was mochte der geheimnisvolle Schrank enthalten? Warum hatte sie gelacht, als er ihr erzählte, daß er Mr. Ross bis zu diesem Haus verfolgt hatte? Sie war wirklich ein merkwürdiges junges Mädchen!

 

»Das Familiengespenst«, wiederholte sie nach einer Weile unvermittelt. »Wir haben überhaupt viel zu verbergen, Mr. Smith.«

 

»Das ist wohl in allen Familien so«, entgegnete er etwas lahm.

 

»Aber bei uns – Borgias ist es ganz besonders schlimm.«

 

»Borgia? Warum erwähnen Sie diese alte Familie?«

 

»Wußten Sie denn das nicht? – Aber natürlich wissen Sie es«, erwiderte sie vorwurfsvoll. »Haben Sie noch niemals von dem alten, berühmten Geschlecht der Borgias gehört? Können Sie begreifen, daß mich mein Vater nicht Lucretia genannt hat?«

 

»O ja, das kann ich begreifen.« Er nickte bedächtig.

 

»Wie erklären Sie es sich denn?«

 

»Die Erklärung dafür lag wahrscheinlich in der Kassette, die Sie vor zwei Jahren aufräumten.«

 

Sie erhob sich und reichte ihm die Hand.

 

»Ich hoffe, es hat Ihnen hier gefallen. Aber jetzt müssen Sie wohl zum Hotel zurückgehen.«

 

Smith stand bereits auf der Straße, bevor ihm zum Bewußtsein kam, daß sie ihn fortgeschickt hatte.

 

Kapitel 11

 

11

 

Ein Wärter weckte John Welland aus einem unruhigen Schlaf. Die Beamten der Anstalt kannten ihn nicht als John Welland, aber der Name, den er sich zugelegt hatte, ist nebensächlich.

 

»Sechs Uhr«, sagte der Wärter kurz und ging wieder hinaus.

 

Welland erhob sich und kleidete sich an. Um halb zwölf passierte er das kleine, schwarze Tor und ging die Straße entlang zu einer Haltestelle.

 

Ein Gefangener, der am gleichen Morgen entlassen worden war und noch mit einigen Bekannten sprach, zeigte mit dem Kopf nach ihm und sagte ein paar Worte, durch die alle anderen auf ihn aufmerksam wurden.

 

Welland stieg in eine Straßenbahn, fuhr zur City und nahm dort ein Auto. Damit fuhr er eine Strecke zurück, entließ den Wagen, legte ein langes Stück Weg zu Fuß zurück und suchte durch möglichst unerwartete Änderungen der Richtung Leute abzuschütteln, die ihm vielleicht folgten.

 

Schließlich kam er in eine ruhige Straße und trat in ein kleines Haus. Niemand begrüßte ihn, aber in der Küche brannte der Gasofen, und jemand hatte das Geschirr zurechtgestellt. Er setzte den Wasserkessel auf, stieg dann die steile Treppe zu seinem Schlafzimmer hinauf und zog sich dort um.

 

Als er sich im Spiegel betrachtete, sah er ein graues, von vielen Furchen durchzogenes Gesicht. Lange vor der Zeit war er gealtert. Mit einem Seufzer stieg er wieder hinunter und goß den Tee auf. Dann setzte er sich vor den Gasofen und stützte die Ellbogen auf die Knie.

 

Nach einer Weile hörte er, daß die Haustür aufgeschlossen wurde; er sah sich um, als eine gutmütig aussehende alte Frau mit einem Marktkorb hereinkam.

 

»Guten Morgen«, sagte sie in breitem Dialekt. »Ich wußte, daß Sie heute zurückkommen würden, aber ich dachte nicht, daß Sie so schnell hier wären. Haben Sie sich schon Tee gekocht?«

 

»Ja, das ist schon erledigt«, entgegnete Welland.

 

Sie sprach nicht über seine Abwesenheit; daran war sie vermutlich gewöhnt. Während sie den Korb auspackte, plauderte sie ununterbrochen, so daß es ihm mit der Zeit zuviel wurde. Er ging in das kleine Wohnzimmer und schloß die Tür.

 

Die Frau machte ihre Arbeit, bis sie hörte, daß er Violine spielte. Dann setzte sie sich hin, legte die Hände in den Schoß und lauschte der melancholischen Melodie. Es klang so schwermütig, daß ihr beinahe die Tränen kamen, und sie schüttelte den Kopf.

 

Gleich darauf kam Welland wieder in die Küche.

 

»Ach, das war so schön«, sagte sie. »Ich wünschte nur, Sie würden etwas Lustigeres spielen. Man wird sonst zu traurig.«

 

»Aber das beruhigt mich«, entgegnete er mit einem müden Lächeln.

 

»Sie sind wirklich ein ausgezeichneter Musiker. Und ich habe das Violinspiel so gern. Haben Sie eigentlich schon einmal öffentlich gespielt?«

 

Welland nickte, nahm seine kleine Pfeife vom Kamin und stopfte sie aus einem alten Tabaksbeutel.

 

»Das dachte ich mir doch«, sagte sie triumphierend. »Ich habe meinem Mann heute morgen gesagt –«

 

»Hoffentlich haben Sie dem nicht zuviel von mir erzählt, Mrs. Beck?«

 

»Nein, ich bin sehr vorsichtig. Einem jungen Mann, der gestern herkam, habe ich gesagt –«

 

Welland nahm die Pfeife aus dem Mund und runzelte die Stirn.

 

»Was war denn das für ein junger Mann?«

 

»Er wollte wissen, ob Sie zu Hause seien.«

 

»Hat er meinen Namen genannt?«

 

»Ja. Das war das Merkwürdige. Er ist der erste, der hierherkam und sich nach Ihnen unter Ihrem richtigen Namen erkundigte.«

 

»Was haben Sie ihm denn geantwortet?«

 

»Daß Sie wahrscheinlich morgen wiederkommen würden, vielleicht auch erst nächste Woche, ich wüßte es nicht genau. Sie sind ja auch ziemlich unpünktlich, Mr. Welland. Ich sagte ihm, daß Sie manchmal viele Monate fortbleiben …«

 

Welland preßte die Lippen zusammen. Er wußte ja, daß es nutzlos war, dieser Frau Vorwürfe zu machen.

 

»Es ist gut, Mrs. Beck«, sagte er. »Ich möchte aber nicht, daß Sie über meine Beschäftigung sprechen.«

 

»Das tue ich niemals, Mr. Welland«, erwiderte sie verletzt. »Ich weiß ja auch gar nichts darüber. Es geht mich schließlich nichts an, was Sie mit Ihrer Zeit machen. Sie können ebensogut ein Einbrecher wie ein Polizeibeamter sein, so oft sind Sie von zu Hause fort.«

 

Welland antwortete nicht. Als die Frau ihre Arbeit beendet hatte und nach Hause ging, dachte er wieder an den jungen Mann, der ihn besuchen wollte. Er legte die Kette vor die Tür und war fest entschlossen, sich nicht zu melden, wenn jemand kommen sollte.

 

Bis zum Abend meldete sich auch niemand. Welland saß in seinem Wohnzimmer, hatte die Vorhänge zugezogen und las. Plötzlich wurde an die Tür geklopft. Er legte das Buch hin und lauschte. Das Klopfen wiederholte sich.

 

Vorsichtig trat er auf den Gang hinaus. Jemand schlug mit einem Spazierstock gegen die Tür.

 

»Wer ist da?« fragte Welland.

 

»Lassen Sie mich herein«, erwiderte eine undeutliche Stimme. »Ich möchte mit Ihnen sprechen.«

 

»Wer sind Sie denn?«

 

»Lassen Sie mich ein.«

 

John Welland erkannte jetzt die Stimme; er wurde bleich.

 

Einen Augenblick glaubte er, daß sich alles um ihn drehte, und er mußte sich an der Wand festhalten, um sich zu stützen. Schließlich faßte er sich wieder, aber seine Hände zitterten noch, als er die Kette abnahm und die Tür öffnete. Draußen war es dunkel; er konnte die große Gestalt nur undeutlich sehen.

 

»Kommen Sie herein«, sagte er.

 

»Kennen Sie mich?« fragte der Fremde.

 

»Ja, Sie sind Cäsar Valentine.« Nur mühsam brachte Welland die Worte über die Lippen.

 

Er führte Cäsar ins Wohnzimmer. Nur der kleine Tisch trennte sie, während sie einander gegenüberstanden und sich mit feindseligen Blicken maßen.

 

»Was wollen Sie?«

 

»Ich möchte Sie in einer wichtigen Angelegenheit sprechen«, sagte Cäsar kühl.

 

»Wo ist meine Frau?« fragte Welland und atmete schwer.

 

Cäsar zuckte die breiten Schultern.

 

»Sie ist tot. Das wissen Sie doch.«

 

»Und wo ist mein Kind?«

 

»Warum sprechen Sie über Dinge, die uns beiden doch nur peinlich sind?« entgegnete Cäsar vorwurfsvoll, als ob er selbst der Beleidigte wäre. Er setzte sich, ohne aufgefordert zu sein. »Welland, Sie müssen vernünftig werden. Die Vergangenheit ist tot und erledigt. Warum nähren Sie immer noch Ihren Haß?«

 

»Der Haß ist das einzige, was mich noch am Leben hält, Valentine, und er wird mich aufrechthalten, bis ich Sie umgebracht habe!«

 

Cäsar lachte.

 

»Lassen Sie doch das Theater. Sie wollen mich umbringen? Schön, ich stehe vor Ihnen – warum bringen Sie mich nicht um? Haben Sie denn keinen Revolver oder Dolch? Fürchten Sie sich? Dauernd haben Sie mich bedroht. Jetzt haben Sie die beste Gelegenheit, Ihre Drohung wahrzumachen.«

 

Cäsar nahm einen Browning aus der Tasche und legte ihn auf den Tisch.

 

»Hier, nehmen Sie diese Waffe und schießen Sie mich nieder.«

 

Welland warf einen Blick auf die Pistole, schaute dann wieder zu dem Mann auf, der ihm gegenüberstand, und schüttelte den Kopf.

 

»Nein, nicht auf diese Weise. Aber wenn die Zeit gekommen ist, werden Sie sterben, und Sie sollen mehr leiden, als ich in all den Jahren gelitten habe.«

 

Ein längeres Schweigen trat ein, dann sprach Welland weiter.

 

»Ich freue mich, daß ich Sie wiedergesehen habe«, sagte er halb zu sich selbst. »Sie haben sich nicht geändert. Sie sind noch derselbe, der Sie früher waren, Valentine. Sie sollten eigentlich glücklich sein, denn Ihr ganzes Leben haben Sie sich immer das genommen, was Sie haben wollten. Und ich habe alles verloren!« Er bedeckte das Gesicht mit den Händen, und Cäsar betrachtete ihn neugierig. Schließlich nahm er die Pistole wieder und steckte sie in die Tasche.

 

»Wenn also die Zeit gekommen ist, werde ich sterben« sagte er höhnisch. »Eben hatten Sie eine gute Chance. Außerdem hatten Sie schon einmal eine Möglichkeit, die ganze Sache zu erledigen. Ich habe Sie doch darum gebeten, sich von Ihrer Frau scheiden zu lassen.«

 

»Scheiden!« stöhnte Welland.

 

»Sie hätte dann wieder heiraten und glücklich werden können. Wollen Sie jetzt wenigstens vernünftig sein?«

 

»Haben Sie mir weiter nichts zu sagen? Dann gehen Sie. Es war eine Genugtuung für mich, Sie wiederzusehen, denn all meine Hoffnungen und Pläne sind dadurch aufs neue belebt worden, Cäsar Valentine. Sie haben mir das Leben zur Hölle gemacht. Ich habe mehr gelitten, als Sie ahnen können, aber der eine Tag wird kommen …!«

 

Trotz aller Ruhe und Selbstsicherheit überlief Cäsar ein Schauder. Er war wütend darüber, daß ein anderer Mann ihm Furcht eingeflößt hatte.

 

»Sie haben Ihre Chance gehabt und nicht ausgenützt, Welland. Das war Ihr Fehler. Nun will ich offen mit Ihnen sprechen. Soviel ich weiß, sind Sie irgendwie im Regierungsdienst tätig. Ich habe Grund zu der Annahme, daß Sie mich ausspionieren sollen. Aber ich sage Ihnen, daß der Mann noch nicht geboren ist, der es mit Cäsar Valentine aufnehmen kann.«

 

Er schlug mit der Faust auf den Tisch, daß die Lampe tanzte.

 

»Es war Unsinn, daß ich Sie in Ruhe ließ, daß ich mich nie um Sie kümmerte. Ich hätte das Spiel in der Hand gehabt, wenn ich selbst gehandelt hätte, statt darauf zu warten, daß Sie Ihrer Frau die Freiheit geben.«

 

Cäsar war um den Tisch herumgegangen und stand nun dicht neben dem Mann, dem er so schweres Unrecht zugefügt hatte. Plötzlich packte er ohne die geringste Warnung Welland an der Kehle. Welland war kein Schwächling, aber Cäsar besaß geradezu übermenschliche Kräfte und schleuderte ihn zu Boden. Welland wehrte sich verzweifelt, aber vergeblich. Cäsar drückte ihm die Arme mit den Knien nieder und würgte ihn.

 

»Morgen wird man Sie hier aufgehängt finden«, flüsterte er.

 

In dem Augenblick klopfte es an der Tür, und er sah sich um.

 

»Sind Sie noch auf, Mr. Welland?« fragte eine Frauenstimme. »Ich habe noch Licht gesehen. Ich bin es – Mrs. Beck.«

 

Cäsar ließ sein Opfer los und schlich aus dem Zimmer, während sich Welland taumelnd aufrichtete. Er war halb besinnungslos und konnte weder sprechen noch schreien. Valentine ging ins Zimmer zurück und knipste das Licht aus, dann eilte er geräuschlos zur Tür und öffnete.

 

»Alles finster?« fragte die Frau. »Ich hätte doch darauf schwören können, daß ich Licht sah.«

 

Cäsar ließ sie im Dunkeln an sich vorübergehen, dann sprang er hinaus und schlug die Tür hinter sich zu.

 

Kapitel 12

 

12

 

»Sie sehen aus, als ob Sie eine schlechte Nacht gehabt hätten«, sagte Smith.

 

»Eine schlechte Nacht?« fragte Cäsar zerstreut. »Ich …, ach ja, ich bin erst spät in die Stadt zurückgekommen.«

 

»Haben Sie Mr. Weiland aufgesucht?«

 

Cäsar antwortete nicht.

 

»Vermutlich waren Sie bei ihm, und ich nehme an, die Unterredung war so unangenehm, daß Sie am liebsten nicht mehr daran denken möchten.«

 

Cäsar nickte.

 

»Ich bin neugierig, was Weiland tun wird«, sagte er nach einer Weile. »Wenn ich nicht unterbrochen worden wäre, wüßte ich es jetzt.«

 

Smith sah ihn scharf an.

 

»Das klingt ja, als ob Sie ein gefährliches Abenteuer gehabt hätten. Würden Sie nicht so liebenswürdig sein, mir zu erzählen, was sich zwischen Ihnen und diesem interessanten Mr. Weiland abgespielt hat?«

 

»Ich hätte Sie hinschicken sollen«, erklärte Cäsar düster. »Wir Borgia haben eine gewisse Schwäche, eine krankhafte Sucht nach theatralischen Effekten. Sie hätten wahrscheinlich keinen Fehler gemacht.«

 

Er berichtete in kurzen Worten, was vorgefallen war.

 

Smith wurde ernst.

 

»Unglaublich! Sie sind doch sonst ein Künstler darin, andere Leute aus dem Weg zu schaffen, und nun schweben Sie in Gefahr, jeden Augenblick wegen dieses blödsinnigen Angriffs verhaftet zu werden! Das durfte nicht kommen.«

 

Cäsar schüttelte den Kopf.

 

»Er wird mich nicht anzeigen. Der Mann ist fanatisch. Er hofft, mich eines Tages umzubringen – mit weniger gibt er sich nicht zufrieden. Jede andere Lösung lehnt er ab.«

 

»Besser, er bringt Sie um als mich. Aber ich möchte Ihnen doch den Rat geben, in Zukunft vorsichtiger zu sein. In England können Sie sich derartige Dinge nicht ungestraft leisten. Und sollte Welland tatsächlich Nummer Sechs sein, so kommen Sie in Teufels Küche.«

 

»Welland ist Nummer Sechs. Die Detektive haben doch Nachforschungen in meinem Auftrag angestellt. Der Mann reist im Land umher und ist oft mehrere Tage von zu Hause fort, manchmal sogar Wochen und Monate. Außerdem noch ein wichtiger Punkt – er besucht die Gefängnisse.«

 

»Meinen Sie, daß er dort eingesperrt wird?« fragte Smith.

 

Aber Cäsar war nicht in der Stimmung, zu scherzen.

 

»Ich habe Ihnen doch gesagt, daß ich sehr gut über alles informiert worden bin, was sich in Scotland Yard ereignete. Als Hallett diesem Agenten Nummer Sechs seine letzten Anweisungen gab, war einer meiner Leute in der Bibliothek, die direkt neben Halletts Büro liegt. Er hatte ein Loch durch die Wand gebohrt, das durch einen Bücherschrank in dem Büro und durch ein Regal in der Bibliothek verdeckt wurde. Wenn der Mann an der betreffenden Stelle einige Bücher herausnahm, konnte er alles hören, was nebenan gesprochen wurde.«

 

Smith nickte.

 

»Auf diese Weise ist es also herausgekommen? Das muß allerdings ein sehr tüchtiger Mann gewesen sein. Aber wie verhält sich nun die Sache mit den Gefängnissen?«

 

»Hallett sagte zu dem Agenten – oder der Agentin –, daß er oder sie freien Zutritt zu allen Gefängnissen haben würde. Das geschah natürlich unter der Voraussetzung, daß ich Freunde oder Verbündete dort hätte.«

 

»Das war natürlich eine verrückte Idee. Sie sind nicht der Mann, der sich Zuchthausvögel als Komplicen aussucht!«

 

»Sie habe ich allerdings zu meinem Gehilfen gemacht«, entgegnete Cäsar ein wenig taktlos.

 

Smith lachte.

 

»Ich war noch nie im Gefängnis – wenigstens bis jetzt. Sie sind also davon überzeugt, daß Welland Nummer Sechs ist? Und zwar nur deshalb, weil er häufig Gefängnisse aufsucht?«

 

»Ist nicht gerade er der Mann, der eine solche Aufgabe übernehmen würde? Hallett sagte doch, daß sein Agent ein Amateur wäre. Alles weist auf Welland hin.«

 

Smith war an diesem Morgen eigentlich nach Portland Place gekommen, um das junge Mädchen zu sehen, und nicht, um mit ihrem Vater zu sprechen.

 

»Wo ist Welland jetzt?«

 

»In Lancashire, wie ich …« Cäsar brach plötzlich ab und starrte auf den Schreibtisch. »Das habe ich vorher nicht gesehen.«

 

»Was meinen Sie denn?«

 

Cäsar nahm einen versiegelten Briefumschlag von der Schreibunterlage. Das Kuvert glich genau dem anderen, das er im Green-Park aufgehoben hatte. Er riß es hastig auf und las die mit Maschine geschriebene Mitteilung laut vor:

 

»Cäsar, auch Sie sind nur ein gewöhnlich Sterblicher! Denken Sie daran!

Nummer Sechs.«

 

Betroffen starrte er auf das Papier, dann sank er schwer in einen Sessel.

 

Cäsar hatte richtig vermutet: Welland erstattete keine Anzeige, obwohl Mr. Smith es tagelang befürchtete und so nervös wurde, daß er zweimal den Millionär aus dem Auge verlor, den er doch beobachten sollte. Während dieser Zeit passierten zwei Dinge, die ihn beunruhigten.

 

Zunächst erwähnte Cäsar nebenbei, daß Stephanie auf ein paar Tage nach Schottland gefahren wäre. Er schien sich in ihrer Abwesenheit bedeutend wohler zu fühlen. Zweitens hielt sich Mr. Ross dauernd in seinen Räumen auf und kam nicht zum Vorschein. Infolgedessen konnte man ihn nicht beobachten.

 

Am Abend des zweiten Tages wurde das Geheimnis um Mr. Ross nur noch dunkler. Smith war schon während des Essens müde gewesen und zog sich frühzeitig zurück. Er lag auf seinem Bett und war schon halb eingeschlafen, als er hörte, daß die Klinke seiner Tür heruntergedrückt wurde. Gleich darauf trat jemand ein und drehte nach kurzem Zögern das Licht an. In der kurzen Sekunde, bevor es wieder ausgeschaltet wurde, erkannte Smith den alten Mr. Ross in seinem Schlafrock. Die Schritte entfernten sich leise, dann wurde die Tür des Millionärs zugeschlagen und von innen abgeschlossen.

 

Das war an sich merkwürdig genug. Eine erstaunliche Tatsache, daß der Mann, den er bewachen sollte, umgekehrt ihn bewachte. Allem Anschein nach hatte Ross die vermeintliche Abwesenheit seines Beobachters ausnützen und dessen Zimmer durchsuchen wollen. Smith war nun wieder vollkommen wach geworden, ging auf dem Korridor bis zur Tür des Nebenzimmers und dachte darüber nach, welche Ausrede er gebrauchen könnte, um hineinzugehen und seinen Nachbar auszufragen. Er überlegte es sich jedoch anders und ging in die große Halle hinunter. Aber dort erwartete ihn eine große Überraschung, denn vor dem Empfangspult stand Mr. Ross; er hatte einen schweren Mantel an und eine Kappe auf dem Kopf.

 

Smith starrte dem alten Mann ungläubig nach, als dieser zum Lift ging und zu seinem Stockwerk hinauffuhr.

 

»Woher kam Mr. Ross jetzt plötzlich?« fragte er.

 

»Das kann ich Ihnen auch nicht sagen«, entgegnete der Portier. »Ich dachte eigentlich, er wäre in seinem Zimmer. Er ist den ganzen Tag nicht herausgekommen, und ich habe ihn auch nicht fortgehen sehen.«

 

Smith wartete nachdenklich in der Halle. Er war unschlüssig, was er tun sollte. Kurze Zeit später erschien ein Page und ersuchte ihn, zu Mr. Ross zu kommen.

 

Er folgte dem Boten und wurde gleich darauf von dem Millionär empfangen. Der alte Herr trug den Schlafrock, in dem er in Smiths Zimmer erschienen war.

 

»Ich muß mich bei Ihnen entschuldigen«, sagte er brummig. »Nehmen Sie Platz.«

 

Smith folgte der Aufforderung.

 

»Ich war sehr unruhig und wanderte im Hotel auf und ab. Als ich vor ungefähr einer halben Stunde in mein Zimmer zurückkehren wollte, passierte mir leider ein Irrtum, und ich geriet in Ihr Zimmer.«

 

»Und gleich darauf standen Sie in Reisekleidung unten in der Halle!«

 

Mr. Ross lächelte ein wenig.

 

»Sie beobachten aber auch alles, Mr. Smith! Was für einen fabelhaften Detektiv hätten Sie abgegeben!«

 

Meinte er das ironisch? Smith hielt das für wahrscheinlich. Zuerst hatte er sich gewundert, daß der alte Mann nach ihm geschickt hatte, aber als er draußen auf dem Gang leise Schritte hörte, wunderte er sich nicht mehr. Natürlich hatte ihn Mr. Ross in sein Schlafzimmer kommen lassen, damit der Doppelgänger des Millionärs aus dem Nebenraum schlüpfen konnte.