Die Lektion

 

Die Lektion

 

Ich möchte gleich zu Anfang bemerken, daß ich niemals viel sprach. Zu Beginn meiner Polizeikarriere bekam ich eine Lektion, die ich allen jungen Beamten einprägen möchte. Man soll niemals zur unrechten Zeit sprechen oder auf die unrechten Leute hören.

 

Ich war sehr stolz auf meine kurze, knappe Ausdrucksweise, und wenn mir jemand gesagt hätte, daß ich zuviel spräche, wäre ich sicher sehr erstaunt gewesen. Und doch habe ich es getan, als ich den Blidfield-Mord bearbeitete, den interessantesten Fall, der mir überhaupt vorgekommen ist.

 

Ich kannte den alten Angus Blidfield oberflächlich. Er besaß ein großes Haus am Bloomsbury Square und hatte die Wohnungen in den einzelnen Geschossen vermietet. Für sich selbst hatte er den ersten Stock reserviert und wohnte dort mit seiner Nichte Agnes Olford.

 

Der alte Mann war ein sehr reicher, etwas exzentrischer Junggeselle. Trotz seines Geldes war er ein ausgesprochener Geizhals. Ich wußte damals noch nicht, daß er große Summen baren Geldes in seinem Hause aufbewahrte, und ich glaube auch; daß nur wenig andere Leute eine Ahnung davon hatten. Seine Nichte war allerdings darüber orientiert, aber sie kannte die Höhe des Betrages nicht, den ihr Onkel in dem lackierten Blechkasten unter seinem Bett verwahrte.

 

Die Nichte war sehr schön, besaß aber wenig Geist und Witz, sonst hätte sie nicht die Stellung in dem Haus einnehmen können, die ein einfaches Dienstmädchen mit etwas Selbstachtung abgelehnt hätte. Sie mußte von früh bis spät auf den Beinen sein und führte eigentlich ein Sklavenleben. Die ganze Hausarbeit war ihr aufgebürdet, denn Blidfield hielt sich keine Dienstboten. Außerdem erledigte sie seine Korrespondenz und spielte auch noch die Pflegerin, wenn er krank war.

 

Ich kannte seinen Arzt, den jungen Dr. Lexivell, der in der Gower Street wohnte. Ich lernte ihn kennen, als unser Polizeiarzt einmal krank wurde, und wir zu irgendeinem Zweck einen Doktor brauchten. Der Sergeant erinnerte sich damals an den jungen Lexivell, und wir zogen ihn zu.

 

»Nun haben Sie ja ihr Glück gemacht«, sagte ich zu ihm, als ich hörte, daß der alte Blidfield ihn zu seinem Hausarzt bestimmt hatte. Er lachte.

 

»Denken Sie, er wollte mir zumuten, das Amt ehrenhalber zu verwalten! Es dauerte eine Weile, bis ich ihm auseinandergesetzt hatte, daß ich doch von meinem Beruf leben müßte.«

 

Ich war nicht erstaunt, dies zu erfahren, denn Mr. Blidfield gab niemals unnötig einen Schilling aus. Jeden Morgen machte er sich mit einer Markttasche auf den Weg, um die nötigen Einkäufe für den Haushalt zu besorgen. Er ging sogar bis zur Edgware Road, weil dort die Kartoffeln eine Kleinigkeit billiger waren.

 

Ich glaube kaum, daß er sehr krank war, aber er war sehr ängstlich wegen seiner Gesundheit und rief selbst bei den geringfügigsten Anlässen den Arzt. Hätte er anständig gezahlt, so hätte Lexivell sehr zufrieden sein können. Er hatte noch keine große Praxis und verbrauchte, was er verdiente, wenn nicht mehr.

 

Eines Tages hörte ich, daß der alte Herr ernstlich erkrankt sein sollte, und als ich Dr. Lexivell zufällig an der Ecke der Tottenham Court Road traf, erzählte er mir, daß sich ein Herzleiden bei Blidfield eingestellt hätte.

 

»Es kann gefährlich werden, und er muß sich in Zukunft in acht nehmen. Ich schlug ihm vor, eine Krankenschwester zu engagieren, aber davon wollte er nichts hören. Es ist mir gar nicht recht, daß dieses junge Mädchen und der alte Mann, der jeden Augenblick sterben kann, allein in der Wohnung sind. Mich geht die Sache ja nichts an, aber sooft ich in der letzten Zeit abends zu ihm kam, bemerkte ich ein paar Leute, die das Haus beobachteten. An einem kam ich dicht vorüber und betrachtete ihn genauer. Er hatte dunkle Hautfarbe und machte den Eindruck eines Ausländers. Ich glaube auch, daß es immer dieselben sind, die sich dort herumtreiben. Ich sprach mit Mr. Blidfield über die Sache, und zu meinem Erstaunen wußte er, daß das Haus beobachtet wurde. Aber er brach die Unterhaltung sofort ab, als ob es ihm unangenehm wäre, darüber zu sprechen.«

 

Dunkle, unheimlich aussehende Männer, die Häuser beobachten, interessieren mich immer, und so machte ich mich eines Nachmittags auf den Weg, um mich persönlich davon zu überzeugen. Ich rechnete allerdings nicht damit, daß ich die Leute um diese Zeit auf ihrem Posten treffen würde, und tatsächlich konnte ich sie auch nicht entdecken. Ich klingelte an der Wohnungstür, und Miss Olford öffnete mir. Ihr Onkel machte gerade eine Spazierfahrt, eine der wenigen Annehmlichkeiten, die er sich gönnte. Zweimal in der Woche mietete er von einer benachbarten Garage ein Auto und fuhr aufs Land hinaus.

 

Die kleine Miss Olford sah sehr müde und angegriffen aus, denn sie war bis drei Uhr morgens aufgeblieben.

 

»Der Doktor sagte, daß die gefährliche Zeit für meinen Onkel zwischen elf und drei Uhr nachts liegt, und er hat mir geraten, während dieser Zeit zu wachen. Er hat meinen Onkel schon dauernd gebeten, eine Pflegerin zu nehmen, aber der denkt gar nicht daran.«

 

»Was fehlt ihm denn eigentlich?« fragte ich.

 

Sie wußte es nicht genau; wahrscheinlich hatte Lexivell sie nicht über den Zustand Mr. Blidfields aufgeklärt. Ich sagte ihr nichts von den verdächtigen Leuten, die sich vor dem Haus herumtrieben, um sie nicht zu beunruhigen. Aber ich schlug ihr vor, sich doch am Tage einige Stunden hinzulegen.

 

»Mein Onkel kann jeden Augenblick zurückkommen, und dann will er seinen Tee haben.«

 

Mr. Blidfield traf ich bei der Gelegenheit nicht, aber ich wollte vor allem feststellen, welche Bewandtnis es mit den beiden Leuten hatte, die das Haus beobachteten. Einer meiner Detektive hatte zwei Männer gesehen, die sich auf dem Platz verdächtig machten, und sie angehalten. Aber sie konnten genügende Auskunft geben.

 

Am Samstagnachmittag machte ich Mr. Blidfield wieder einen Besuch, und diesmal fand ich ihn zu Hause.

 

Wir kannten einander nur oberflächlich, aber doch so gut, daß ich mich nach seinem Befinden erkundigen konnte.

 

»Mir fehlt nicht viel, ich habe nur nervöses Herzklopfen. Dieser junge Doktor will nur Honorar schlucken, aber da hat er sich in mir geirrt. Obendrein sollte ich noch eine Krankenschwester anstellen! Die stecken alle unter einer Decke, und ich zweifle nicht im geringsten daran, daß er sich von der Pflegerin eine Provision zahlen ließe, wenn ich sie engagierte. Ein Pfund soll ich täglich für eine Pflegerin ausgeben – es ist nicht zu glauben!«

 

Obwohl er nicht viel über seine Krankheit sprach, sah ich doch deutlich, daß es ihm nicht gut ging. Aber sein Geiz hinderte ihn daran, etwas für seine Gesundheit zu tun.

 

Jenen Samstagabend werde ich nicht vergessen, denn damals passierte es mir, daß ich zuviel redete.

 

Es war eine rauhe Nacht, obwohl wir schon Mai hatten, und es herrschte ein Schneetreiben, als ob es Januar wäre. Der Sturm heulte und jagte mir die Flocken entgegen, die sich auf der Erde sofort zu Wasser verwandelten. Kaum ein Mensch war auf der Straße zu sehen.

 

Um ein Uhr nachts ging ich über den Bloomsbury Square. Ich hatte meinen Schirm aufgespannt, obwohl er mir kaum Schutz gewährte, und kämpfte mich damit gegen den Wind vorwärts. Leicht genug hätte ich mit einem Straßenpassanten zusammenstoßen können, der mir entgegenkam, und sich auf dieselbe Weise zu schützen suchte, denn der Wind blies von allen Seiten. Aber als mich schließlich tatsächlich jemand anrannte, kam er von der Seite. Ich hatte ihn nicht kommen hören, und mein erster Eindruck war, daß ihn der Wind vom nächsten Dach heruntergeweht hatte. Nachher erschien es mir glaubhafter, daß er die Treppenstufen herabgeeilt war, die von einem der Häuser auf den Platz führten. Es war aber so dunkel und ungemütlich, daß ich nicht darauf achtete, welches Haus es war.

 

Der Zusammenstoß kam so überraschend und unerwartet, daß ich böse wurde und schimpfte. Nun habe ich eine ziemlich kräftige Stimme, die man trotz des Sturmes sehr weit hören konnte. Der andere fluchte auch, aber viel leiser als ich. Dann bückte er sich rasch und suchte auf dem Boden. Offenbar hatte er etwas fallen lassen. Schließlich fand er es, nahm es auf, aber es entglitt ihm wieder. Ich hörte den metallischen Klang auf dem Pflaster und wußte, daß es ein Schlüssel war.

 

Mein Ärger war inzwischen verflogen, und es kam mir zum Bewußtsein, daß meine heftigen Bemerkungen eigentlich nicht am Platze waren. Ich bückte mich deshalb auch und half ihm beim Suchen. Dabei berührte ich eine durchnäßte Schnur, die mir der Fremde jedoch sofort aus der Hand zog. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, versuchte der Mann, an mir vorüberzueilen, aber ein unglücklicher Zufall wollte es, daß wir noch einmal zusammenstießen, und zwar sehr heftig. Ich hörte ein lautes Poltern und sah im Licht der Straßenlaterne, daß der Fremde einen silbernen Kasten hatte fallen lassen. Der Kasten sprang auf, und mehrere Gegenstände fielen heraus. Mit einem abermaligen Fluch bückte sich der Mann, sammelte die Gegenstände hastig auf und eilte davon. Erst jetzt hatte ich sein Gesicht gesehen und war im Augenblick zu erstaunt, daß ich vergaß, ihm behilflich zu sein, obwohl er Unterstützung gebraucht hätte. Eine seiner Hände hielt krampfhaft den Schirm fest, der gerade umschlug, als er sich aufrichtete.

 

Wenige Sekunden später war der Mann in der Dunkelheit verschwunden, und ich machte mich auf den Heimweg.

 

Ich war aber kaum ein paar Schritte gegangen, als ich, fühlte, daß sich etwas in die Gummisohle meines Schuhs eingedrückt hatte. Da es mich beim Gehen hinderte, machte ich bei der nächsten Laterne halt, lehnte mich gegen den Lampenpfahl und entfernte den Gegenstand.

 

Ich nahm ihn mit, denn es ist nicht meine Gewohnheit, wertvolle Dinge wegzuwerfen. Als ich nach Hause kam, legte ich den Gegenstand auf den Kamin, aß noch eine Kleinigkeit und ging dann zu Bett. Kurz vor dem Einschlafen wurde mir plötzlich klar, daß der Mann, mit dem ich zusammengestoßen war, aus Blidfields Haus gekommen sein mußte.

 

Am Sonntagmorgen klingelte mein Telefon kurz vor sechs, und ich erfuhr, daß Angus Blidfield ermordet worden war. Seine Nichte war gegen halb sechs in sein Schlafzimmer gegangen, um ihm eine Tasse Tee zu bringen. Das tat sie regelmäßig, weil der alte Herr gewöhnlich um diese Zeit aufwachte. Er lag mit schrecklichen Kopfwunden auf dem Boden und lebte nicht mehr. Die Verletzungen rührten von einem Totschläger her, der immer auf dem Nachttisch lag, damit sich Mr. Blidfield gegen etwaige Einbrecher wehren konnte. Der große, starke Blechkasten unter dem Bett war erbrochen und ausgeraubt.

 

Als ich ankam, war das Haus bereits von Polizei besetzt. Die Beamten von Scotland Yard suchten nach Fingerabdrücken, und die Fotografen waren an der Arbeit. In dem Schlafzimmer lag noch der Dunst des Magnesium lichtes, das sie bei den Aufnahmen benützt hatten.

 

Ich fand Miss Olford im Speisezimmer. Sie war sehr bleich und zitterte; aber trotzdem erzählte sie mir alles, was sie wußte, mit ziemlicher Klarheit.

 

Der Doktor hatte am Samstagabend um halb neun Uhr einen Besuch gemacht und ihren Onkel untersucht. Mr. Blidfields Zustand mußte sich wohl gebessert haben, denn er sagte ihr, daß sie sich nicht weiter um ihn kümmern sollte. Bis elf Uhr war sie beschäftigt, dann hatte sie sich todmüde niedergelegt und war auch sofort eingeschlafen. Um halb sechs klingelte ihr Wecker. Sie stand auf und, machte schnell Tee für ihren Onkel. Als sie nachher in sein Zimmer kam, entdeckte sie das Verbrechen.

 

»Haben Sie denn in der Nacht nichts gehört?«

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Gar kein Geräusch?«

 

»Nein, nichts. Ich war so müde, daß ich zuerst nicht einmal den Wecker hörte.«

 

Ich ging zu dem Zimmer, in dem der Mord verübt worden war, und stellte eine sorgfältige Untersuchung an. Das Fenster stand etwa fünf Zentimeter auf, aber diesen Weg schien der Einbrecher nicht benützt zu haben, da es ziemlich hoch an einer glatten Wand lag. Die Wohnungstür zeigte keine Spuren von Stemmeisen oder anderen Werkzeugen, und das besonders komplizierte Schloß war vollständig intakt.

 

Miss Olford konnte mir nichts über den Inhalt des Kastens sagen. Sie wußte nur, daß Geld darin war, aber weder wieviel noch in welcher Form. Ich fragte sie noch aus, als Dr. Lexivell kam. Auf ihre Bitte hin hatte einer der Polizeibeamten vor meiner Ankunft an ihn telefoniert. Der Apparat stand in dem Schlafzimmer Mr. Blidfields.

 

Der junge Doktor kam zu gleicher Zeit mit dem Polizeiarzt in der Wohnung an, und die beiden untersuchten den Toten. Dann trat Lexivell zu mir.

 

»Ein recht trauriger Fall«, meinte er. »Haben Sie eine Ahnung, wer es getan haben könnte?«

 

»Nein, nicht die geringste.« Unglücklicherweise machte ich jetzt zum zweitenmal den Fehler, zuviel zu reden. »Es war eine stürmische Nacht, und ich glaube, daß selbst Polizeipatrouillen nicht nach Einbrechern ausgeschaut haben. Ich selbst lag schon um Mitternacht im Bett.«

 

Es war eine harmlose, aber dumme Lüge, und ich weiß nicht, wie mir die Worte entschlüpften. Miss Olford sah mich ernst an, und ihr Blick brachte mir plötzlich zum Bewußtsein, wie unklug es von mir gewesen war, so etwas zu sagen. Frauen haben manchmal einen untrüglich feinen Instinkt.

 

»Haben Sie die Leute beobachtet, von denen ich Ihnen neulich erzählte?« fragte der Doktor.

 

Ich hatte diese Beobachter vollständig vergessen, denn im Augenblick beschäftigten mich viel wichtigere Dinge. Ich veranlaßte Miss Olford, das Haus zu verlassen und sich in der Nähe ein Zimmer zu nehmen.

 

Als der Tote später fortgebracht war, nahm ich eine eingehende Untersuchung des Raumes vor, in dem er ermordet worden war. Ich fand aber weder Schriftstücke noch Aufzeichnungen, die mir einen Anhaltspunkt gegeben hätten. Im Spiegelrahmen war eine Karte eingeklemmt, auf der die Telefonnummern Dr. Lexivells und der Garage notiert waren, bei der Mr. Blidfield seine Autos gemietet hatte. In der Nachttischschublade lag ein kleines, ungeöffnetes Päckchen, das ein Schlafmittel enthielt. Ich zeigte es Dr. Lexivell, und er nickte.

 

»Ja, das habe ich ihm verordnet«, sagte er, »aber er hatte eine große Abneigung gegen Medikamente jeder Art. Er hatte mir zwar versprochen, es zu nehmen, aber er hat es dann anscheinend doch nicht getan.«

 

»Haben Sie ihm früher auch schon Schlafmittel verschrieben?«

 

»Nein. Aber diesmal sollte der alte Mann schlafen, denn das arme Mädchen mußte unbedingt einmal zur Ruhe kommen. Wenn sein Herz auch angegriffen war, so war es doch lange nicht so schlimm, wie er sich einbildete.«

 

Nach seinem Besuch am Abend hatte er nichts mehr von dem alten Herrn gehört.

 

Ich besuchte Miss Olford in ihrem Hotel, und sie erzählte mir unter anderem, daß ihr Onkel nichts von ihren Nachtwachen gewußt hätte. Sie hatte mit dem Doktor ein Übereinkommen getroffen, ihm nichts zu sagen, was seinen Gesundheitszustand beeinträchtigen könnte.

 

»Haben Sie im allgemeinen einen tiefen oder einen leichten Schlaf?«

 

Sie lächelte schwach.

 

»Für gewöhnlich schlafe ich sehr leicht und wache bei dem leisesten Geräusch auf. Wenn mein Onkel in der Nacht aufstand, war ich auch sofort munter. Ihm war das unangenehm, denn seiner Meinung nach sollten junge Leute viel schlafen. Er sprach auch mit Dr. Lexivell darüber, und der wollte mir ein Schlafmittel geben.«

 

An diesem Tage hatte ich auch eine Unterredung mit dem Rechtsanwalt Mr. Blidfields und erfuhr, daß Miss Olford die Universalerbin war. Sie hatte einen Bruder, einen Tunichtgut, der in London lebte und offenbar mit der Polizei in Konflikt geraten war. Das hatte mir Dr. Lexivell erzählt.

 

»Ich habe mich oft gefragt, ob er nicht zu den Leuten gehörte, die sich immer vor dem Haus herumtrieben«, meinte er.

 

Es war nicht schwer, den jungen Olford aufzufinden, aber er erklärte dem Sergeanten, daß er zu der Zeit, als der Mord begangen wurde, in seinem Bett gelegen habe, und unsere Nachforschungen bestätigten seine Aussagen.

 

Ich schickte zwei meiner besten Leute aus, um weitere Erkundungen einzuziehen. Ich wußte, daß es einige Zeit dauern würde, bis ich ihren Bericht erhalten konnte, und ich wußte auch, daß sich während der Wartezeit allerhand unangenehme Dinge ereignen konnten.

 

Um neun Uhr abends schrieb ich meinen ersten Bericht über den Fall. Schriftliche Arbeiten, bei denen ich nachdenken muß, erledige ich am liebsten zu Hause. Ich wohnte damals in der Nähe der Guildford Street. Meine Räume lagen im Erdgeschoß, und von meinem Speisezimmer aus konnte ich den Hof übersehen, der sich hinter dem Haus befand. Es war ein kleiner, viereckiger Platz mit einem Eingang für Händler und Lieferanten. Eine Mauer von zweieinhalb Meter Höhe umgab ihn, aber man konnte leicht darüberklettern. Aber der Mann, der meinetwegen in den Hof kam, hatte sich diese Mühe nicht gemacht. Bei einer späteren Untersuchung fand man, daß das kleine Tor offenstand, das vom Hof auf die Nebenstraße führte und gewöhnlich um sechs Uhr abends geschlossen wurde.

 

Es war dunkel und regnerisch, aber bedeutend wärmer als in der vergangenen Nacht. Ich hatte ungefähr vier Seiten geschrieben, als plötzlich mit einem Krachen meine Fensterscheibe splitterte und ein Gegenstand zu meinen Füßen niederfiel. Wäre er unter den Tisch gerollt, so daß ich ihn nicht gleich hätte sehen können, so wäre ich heute wohl nicht mehr am Leben. Aber glücklicherweise erkannte ich die Gefahr sofort.

 

Ich bückte mich nicht, um die Handgranate aufzuheben und wieder zum Fenster hinauszuwerfen, denn ich wußte, wie kostbar Zeit in solchen Augenblicken ist. So rasch wie möglich eilte ich in mein Schlafzimmer und war gerade in Deckung, als die Explosion erfolgte. Aber auch dann traf mich noch ein Splitter, der mich leicht verletzte.

 

Die Detonation war fürchterlich. Ich wankte in mein Arbeitszimmer zurück, war aber so benommen, daß ich kaum wußte, was ich tat. Erst als ich draußen die Alarmsignale der Feuerwehr hörte, kam ich wieder zu mir.

 

Zum Glück war niemand getötet worden, aber die Wohnung über mir hatte stark gelitten, und alle Möbel in meinem Arbeitszimmer waren mehr oder weniger beschädigt. Die Zeitungen hatten zwei Tage lang Stoff für sensationelle Artikel.

 

Aber durch diese Bombe erhielt ich die Lektion, die ich verdient hatte.

 

Ich ging nach Scotland Yard, und auf dem Wege dorthin wurde mir der Sachverhalt klar. Als ich ankam, telefonierte ich an verschiedene Stellen, und gegen Mitternacht wimmelte mein Büro von Buchmachern, Geldverleihern, Spielklubbesitzern und ähnlichen Leuten. Ich mußte das Fenster öffnen, um frische Luft hereinzulassen.

 

Um halb zwei in der Nacht ereignete sich dann in der Little Creefield Street ein Verkehrsunfall. Zwei Taxis waren zusammengestoßen. Scheiben klirrten, und der eine Fahrgast machte großen Spektakel. Er mußte aus dem Wagen gehoben werden. Ein Polizist blies die Alarmpfeife. Das Unglück hatte sich gerade vor Dr. Lexivells Haus zugetragen, und der Arzt schaute aus dem Fenster, um zu sehen, was passiert war. Der Polizist sagte ihm, daß der eine Herr den Fuß gebrochen und sich das Gesicht an der Scheibe zerschnitten hätte.

 

»In einer Minute bin ich unten«, rief der Doktor.

 

Als er gleich darauf auf der Straße erschien, stand ein halbes Dutzend Leute um den Mann herum, der auf dem Boden lag. Zwei Leute traten zurück, um ihm Platz zu machen, darin packten sie ihn von allen Seiten.

 

Der Polizeipräsident sagte, es wäre eine etwas theatralische Aufmachung für eine Verhaftung gewesen, aber ich wurde gerechtfertigt, als wir den Arzt durchsuchten. Er hatte eine Browningpistole in der Hüfttasche und nicht einmal die Vorsichtsmaßregel ergriffen, die Waffe zu sichern. In seiner Wohnung fand ich später noch mehrere Handgranaten. Diese Episode spielte sich kurz nach dem Krieg ab. Dr. Lexivell war an der Front gewesen und hatte ein ganzes Arsenal tödlicher Waffen gesammelt.

 

Alle diese Maßnahmen wären nicht nötig gewesen, wenn ich ihm nicht gesagt hätte, daß ich in der Mordnacht in meinem Bett gelegen hatte. Er wußte sehr gut, daß er mit mir auf dem Bloomsbury Square zusammengestoßen war, denn er hatte mich an der Stimme erkannt. Dagegen glaubte er bestimmt, daß ich ihn nicht erkannt hätte. Aber ich hatte einen Anhaltspunkt – die Nadel einer Injektionsspritze, die er bei dem Zusammenstoß verloren hatte, drückte sich in meine Sohle ein.

 

Nach seiner Verurteilung besuchte ich Dr. Lexivell. Er war ruhig und sprach vollkommen offen mit min

 

»Ich war finanziell erledigt und außerdem Geldverleihern und Wucherern in die Hände gefallen, die mich entsetzlich quälten. Patienten erzählen ihren Ärzten häufig Dinge, die sie nicht einmal ihren Rechtsanwälten anvertrauen würden, und auch der alte Blidfield sagte mir schon bei meinem ersten Besuch, daß er achttausend Pfund in dem Kasten unter seinem Bett verwahrte.

 

Es war schwierig, ihm das Geld abzunehmen, ohne selbst in Verdacht zu kommen. Er war ein Hypochonder, und zuerst hatte ich die Absicht, ihm eine Krankheit zu suggerieren und ihm Schlafmittel zu geben. Während seiner Bewußtlosigkeit wollte ich mir dann das Geld aneignen. Aber seine Nichte hinderte mich daran. Sie schlief auch in der Wohnung, und sie sträubte sich fanatisch dagegen, Medikamente zu nehmen.

 

Ich sagte dem alten Blidfield, daß sie krank aussähe und nicht genug Schlaf hätte. Daraufhin gab er mir den Schlüssel zu seiner Wohnung, so daß ich auf einen telefonischen Anruf hin zu jeder Nachtzeit ins Haus kommen konnte, ohne daß Miss Olford gestört wurde. Aber auch jetzt hatte ich noch nicht alle Schwierigkeiten überwunden, denn die junge Dame hatte einen sehr leichten Schlaf. Schließlich kam mir eine glänzende Idee. Ich bestimmte sie dazu, bis drei Uhr morgens aufzubleiben, um im Bedarfsfalle ihrem Onkel zu helfen.

 

Nach einer Woche wußte ich, daß sie müde genug war, um fest zu schlafen.

 

Es gelang mir dann, den alten Blidfield zum Einnehmen eines Schlafmittels zu überreden. Um halb eins kam ich in die Wohnung. Von Miss Olford hatte ich keine Störung zu befürchten. Ich hatte geglaubt, ich könnte den Kasten unter dem Bett vorziehen, in aller Ruhe das Geld herausnehmen und wieder verschwinden. Als ich kam, schlief Blidfield tatsächlich, und ich nahm natürlich an, daß er das Schlafmittel genommen hätte. Aber als ich den Kasten öffnete, rief er mich plötzlich an. Dann entstand ein kleines Handgemenge –«

 

Er zuckte die Schultern.

 

»Als ich bei dem Zusammenstoß Ihre Stimme hörte, wußte ich natürlich sofort, daß Sie es waren. Aber ich hoffte, daß Sie mich nicht erkannt hätten. Und ich hätte auch nichts gegen Sie unternommen, wenn Sie mir nicht durch Ihre Bemerkung verraten hätten, daß Sie mich nicht nur verdächtigten, sondern für den Mörder hielten. In Ihrem Beruf ist es ein großer Fehler, zuviel zu sprechen.«

 

Arsen

 

Arsen

 

Obwohl Chefinspektor Rater vollkommen modern dachte und handelte, hatte er doch eine ungewöhnliche Abneigung gegen neue Erfindungen. Ein begeisterter Verehrer hatte ihm einen kostbaren Radioapparat geschenkt, aber das Gerät blieb sechs Monate lang unbeachtet in einer Ecke stehen. Als sich der Redner dann eines Tages doch damit beschäftigte, funktionierte er nicht, und es dauerte weitere sechs Monate, bis Rater Interesse aufbrachte, um den Teufelskasten in Gang setzen zu lassen.

 

Nach und nach söhnte er sich aber mit dem Geschenk aus, und es behagte ihm, andere Leute sprechen zu hören und selbst keine Antwort geben zu müssen. Jeden Tag studierte er nun das Programm in den Zeitungen und stellte seinen Apparat je nach seinen Wünschen ein.

 

Musik liebte er nicht besonders und beschränkte sich daher hauptsächlich auf Vorträge. Manchmal weckte ihn dann die Jazzband aus dem Orpheum-Hotel aus dem Schlaf, manchmal wachte er auch von selbst auf. Gelegentlich hörte er sich auch einmal Tanzmusik an, die direkt aus Tanzlokalen übertragen wurde. Am meisten interessierten ihn dabei die kurzen Fetzen der Unterhaltung zwischen den Tänzen, die man hören konnte, wenn die Leute in der Nähe des Mikrofons sprachen.

 

Einmal hörte er die Stimme eines Herrn, der über sein Geschäft redete. Er verstand ihn so deutlich, als ob er ihm gegenübersäße:

 

» … ich lasse niemals Rechnungen einfach laufen. Ich wußte zufällig, daß er uns nach Glasgow geschrieben hatte …«

 

Hier unterbrach ihn das Lachen einer Dame.

 

»… ich bin dem faulen Zahler heute morgen im Strand begegnet. ›Hallo!‹ sagte ich, ›Sie schulden uns noch acht Schilling‹. Doch merkwürdig, daß ich sein Gesicht sofort wiedererkannte, obwohl ich ihn nur einmal gesehen habe … nein, Arsen liefern wir nur unseren Vertretern.«

 

Nun kennt jeder das Gesetz von der Duplizität der Fälle. Wenn einem morgens der Arzt bei der Visite etwas von Sennesblättern sagt, kann man sicher sein, daß man abends bei der Unterhaltung mit einem Bekannten dasselbe Wort wieder hört. Der Redner, der fest an dieses Gesetz glaubte, war daher nicht überrascht, als er am nächsten Morgen in dem Bericht des Polizeidirektors von Wessex über den Mordfall Fainer von Arsen las.

 

Die Sache wurde Scotland Yard verhältnismäßig spät mitgeteilt. Mrs. Fainer saß im Gefängnis und wartete auf die Gerichtsverhandlung. Der Redner las das Schreiben langsam und aufmerksam durch wie gewöhnlich.

 

» … ich bin absolut nicht überzeugt, daß diese Frau die Mörderin ist«, schrieb der Polizeidirektor, ein Freund Mr. Raters. »Ich bin auch mit der Arbeit meiner Detektive nicht zufrieden, obwohl sie sonst Gutes leisten. Es ist schade, daß ich mich nicht früher an Scotland Yard gewandt habe. Aber wenn es Ihnen irgendwie möglich ist, möchte ich Sie bitten, hierherzukommen, obwohl es ein vergebliches Unternehmen sein wird, den Fall aufzuklären.«

 

Der Redner ging mit diesem Brief zum Polizeipräsidenten. Es war gerade nicht viel zu tun, und er erhielt die Genehmigung, nach Burntown zu fahren. Sein Freund holte ihn auf dem Bahnhof ab.

 

»Die Verhandlung findet schon nächste Woche statt, und ich sehe keine Möglichkeit, daß Sie bis dahin entlastendes Material beischaffen könnten. Die Beweise, die wir in der Hand haben, genügen vollkommen, um die arme Person an den Galgen zu bringen. Es tut mir wirklich leid um sie«, fügte er hinzu. »Sie ist eine schöne Erscheinung, und sie war viel zu gut für ihren Mann, einen unduldsamen, nörgelnden Menschen, der obendrein noch Halbinvalide war und sie von morgens bis abends quälte. Sie war eigentlich im Recht – wenn sie es wirklich getan haben sollte.«

 

Der verstorbene Mr. Fainer war ein wohlhabender Kaufmann gewesen, der sich schon als Dreißiger vom Geschäft zurückgezogen hatte. Zehn Jahre später hatte er die junge Dame geheiratet, die jetzt im Gefängnis saß. Sie hatte kein schönes Leben an seiner Seite, denn er war ein harter Mann, mit dem man schlecht auskommen konnte. Aber allem Anschein nach hatte sie ihr Los getragen, ohne zu klagen und zu murren. Bekannte hatte sie kaum. Nur mit einem gewissen Mr. Alexander Brait war sie befreundet, der eine Anzahl bedeutender Firmen vertrat und eine Generalagentur besaß.

 

Mr. Brait war ein sehr angesehener Bürger in Burntown. Er betätigte sich in der Jugendfürsorge, war ein guter Redner und Mitglied des Kirchenchors, interessierte sich auch sonst für wohltätige Zwecke und stand überall in dem besten Ruf.

 

»Zweifellos traute auch der verstorbene Fainer seinem Freunde Brait mehr als jedem anderen«, berichtete der Kollege Mr. Raters. »Das ist auch leicht erklärlich, denn Brait ist ein offener, freier Charakter, der Sinn für Humor hat und durch seine witzige Unterhaltung Fainer oft aus seiner trüben Stimmung riß. Dadurch hat er auch das Leben der Frau etwas erleichtert. Es ist direkt tragisch, daß ausgerechnet er der Hauptzeuge für die Staatsanwaltschaft ist.«

 

»Wie kommt denn das? Hat er gesehen, daß sie ihm das Gift gab?« fragte der Chefinspektor.

 

Zu seinem größten Erstaunen nickte sein Freund.

 

»Allem Anschein nach ist dem Mann das Gift während des Tees beigebracht worden. Fainer, seine Frau und Brait waren im Zimmer. Sie reichte ihrem Mann eine Schale mit Gebäck. Daraufhin wurde ihm übel – er starb am nächsten Morgen. Bei der Obduktion stellte man Arsenvergiftung fest. Brait wußte nichts davon, da er gleich nach dem Tee weggegangen war. Er erfuhr es erst am nächsten Tag und kam dann in eine furchtbare Situation. Er hatte nämlich Mrs. Fainer an dem Nachmittag des Unglückstages getroffen, und sie hatte ihn gebeten, von einer Apotheke Arsen zu besorgen. Mr. Brait war bestürzt über dieses Ansinnen, wollte sie aber nicht beleidigen und sagte, er könnte es nur beschaffen, wenn er dem Apotheker angäbe, zu welchem Zweck er es haben wollte, und gleichzeitig ein ärztliches Rezept vorzeigte. Sie geriet daraufhin in große Verwirrung und bat ihn, die Sache zu unterlassen. Als er dann später zum Tee zu Fainers kam, erwähnte sie nichts mehr davon.«

 

»Wurde denn später Arsen im Hause gefunden?«

 

»Nein. Obwohl wir alles genau durchsuchten, konnten wir nicht die geringste Spur entdecken. Ebensowenig war festzustellen, wo das Arsen gekauft wurde. Sie bestreitet auch aufs entschiedenste, ihrem Mann das Gift gegeben zu haben. Sie gibt zwar zu, daß sie Brait an dem Nachmittag in der Stadt getroffen hätte, und zwar in der Hauptgeschäftsstraße, wie auch er aussagt, aber sie erklärt mit aller Bestimmtheit, daß sie nicht mit ihm über Arsen gesprochen hätte. Brait ist darüber nicht verwundert. Er ist ein vernünftiger Mann und sieht vollkommen ein, daß die unglückliche Frau lügen muß, um ihr Leben zu retten.«

 

»Wie lange wohnt Brait schon in der Stadt?«

 

»Ungefähr fünf Jahre. Er ist hier sehr geachtet und angesehen.«

 

Und nun hörte der Redner aufs neue von allen Vorzügen dieses Mannes.

 

»Hatte sie irgendeinen Liebhaber?« unterbrach er seinen Freund.

 

»Nein, mein Lieber, daran ist gar nicht zu denken. Wir haben uns natürlich in jeder Weise erkundigt, aber nichts herausgefunden, was darauf hindeuten könnte.«

 

»Ich weiß eigentlich nicht, wie ich noch bei der Aufklärung des Falles helfen könnte. Es handelt sich höchstens noch darum, nachzuweisen, woher das Arsen gekommen ist.«

 

»Ja, das stimmt«, erwiderte Raters Kollege. »Dabei haben eben meine Beamten vollkommen versagt.«

 

Der Redner erinnerte sich in diesem Augenblick zufällig an das, was er durch sein Radio gehört hatte, und rief sofort den Oberkellner des Orpheum-Hotels an, der ihm persönlich bekannt war.

 

»Die Herren sprachen über Arsen? Das könnte nur Mr. Langfort aus Glasgow gewesen sein. Er ist der Inhaber einer großen chemischen Fabrik. Seit gestern ist er hier, und morgen früh fährt er wieder nach Glasgow ab. Wollen Sie mit ihm sprechen?«

 

»Ja, wenn es möglich ist.«

 

Mr. Rater mußte fünf Minuten warten, bis Mr. Langfort gerufen worden war. Er erkannte die Stimme sofort wieder, die er am vergangenen Abend durch den Lautsprecher gehört hatte. Er gab sich zu erkennen, was großen Eindruck auf Langfort machte, und erklärte dann den Zweck seines Anrufs.

 

»Zu komisch, daß Sie mich gehört haben. Das würde meine Frau ja sehr interessieren! Es stimmt, ich sprach über Arsen. Aber ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie nicht erwähnten, daß ich mich mit einer Dame unterhielt …«

 

Der Redner lächelte und beruhigte ihn über diesen Punkt.

 

»Es handelte sich um einen Mann, den ich gestern auf der Straße traf. Er besuchte mich früher einmal in Glasgow. Es muß ein Reisender oder ein Vertreter großer Firmen sein. Ich erkannte ihn zufällig wieder. Er hat bei mir ein Pfund Arsen gekauft, ich kann Ihnen auch noch das genaue Datum geben. Ich habe nämlich ein ganz vorzügliches Gedächtnis …«

 

Der Redner ließ ihn erst fünf Minuten über sich und seine Person sprechen, bevor er ihn höflich an das eigentliche Thema der Unterhaltung erinnerte.

 

»Sie wollen seinen Namen wissen? Er hieß Grinnet. Und er hatte ein Geschäft in Bristol. Soviel ich weiß, hatte er auch einen bescheidenen Handel nach Übersee, aber der Kerl hat nicht bezahlt. Nach all diesen Jahren habe ich ihn nun hier in London wiedergetroffen!«

 

»Hat er denn wenigstens jetzt seine Rechnung beglichen?«

 

»Darauf können Sie sich verlassen«, erwiderte Mr. Langfort triumphierend. Er war sehr zugänglich und wollte alles erzählen, was er wußte, aber der Redner dämpfte den Wortschwall des Mannes, da er nur gewisse Einzelheiten brauchte. Er machte sich Notizen, obwohl er nicht wußte, ob sie jemals nur den geringsten Wert für ihn haben könnten.

 

Am Abend speiste er mit seinem Freund und Kollegen und fragte bei der Gelegenheit, ob er die Gefangene besuchen könnte.

 

»Natürlich. Kommen Sie morgen früh ins Gefängnis. Ich werde dafür sorgen, daß alle Formalitäten vorher erledigt sind. Ich glaube allerdings kaum, daß sie Ihnen viel sagen wird, und mir tut es auch leid, wenn ich dazu beitragen muß, sie noch mehr zu belasten. Aber vielleicht können Sie mit ihr sprechen und sie zur Vernunft bringen. Machen Sie doch eine Andeutung, daß sie dem Todesurteil entkommen kann, wenn sie ein volles Geständnis ablegt.«

 

Am nächsten Morgen ging der Redner um neun Uhr durch das düstere Tor des Wilsey-Gefängnisses und wurde zu dem Wartezimmer der Frauenabteilung geführt. Gleich darauf öffnete sich eine Tür an der gegenüberliegenden Seite, und eine Frau trat in den Raum. Sie sah bleich und apathisch aus, aber sie bewahrte ihre Haltung.

 

Der Redner war durchaus nicht sentimental, aber noch nie war ihm eine schöne Frau so fesselnd und anziehend erschienen. Ihr Anblick erschütterte ihn. Aber er war sich nicht darüber klar, ob ihn die furchtbare Lage bedrückte, in der sie sich befand, oder ob ihr ruhiges Wesen, das von Unschuld sprach, so großen Eindruck auf ihn machte.

 

»Ich bin Chefinspektor Rater von Scotland Yard«, sagte er freundlich, »und ich möchte gern mit Ihnen sprechen.«

 

Sie schloß einen Moment die Augen und schüttelte müde den Kopf.

 

»Ich weiß nicht, was ich Ihnen noch sagen sollte. Ich habe den anderen Beamten schon alles erzählt.«

 

Er ging zu dem Tisch, setzte sich dicht neben sie und gab dem anwesenden Wärter ein Zeichen, sich in eine Ecke des großen Raumes zurückzuziehen.

 

»Ich will Ihnen sagen, was Sie mir mitteilen sollen.«

 

»Woher das Gift kam? Ich weiß es nicht. Das habe ich nun schon so oft erklärt. Ich erwarte auch gar nicht, daß Sie es mir glauben.«

 

»Die Gerichtsverhandlung gegen Sie findet nächste Woche statt. Wollen Sie bei der Geschichte bleiben, die Sie über Mr. Brait erzählt haben?«

 

»Ich habe mit Mr. Brait niemals über Gift gesprochen. Darauf kann ich einen Eid leisten. Aber das macht wohl auch keinen Unterschied.«

 

»Wissen Sie, warum Mr. Brait Ihren Angaben widerspricht?«

 

Sie zuckte die Schultern.

 

»Das kann ich Ihnen nicht sagen.«

 

Der Redner hatte ein erstaunlich und geradezu unheimlich feines Einfühlungsvermögen. Ihr Achselzucken und der Ton ihrer Stimme verrieten ihm mehr, als sie ahnte.

 

»Sind Sie mit Mr. Brait sehr befreundet?«

 

»Nein«, erwiderte sie zögernd, »nicht sehr.«

 

»Hat er jemals versucht, zu Ihnen in nähere Beziehungen zu tretend«

 

»Darüber möchte ich nicht sprechen.«

 

»Hat er Ihnen nie eine Liebeserklärung gemacht?«

 

Sie sah ihn bestürzt an.

 

»Wer hat Ihnen das gesagt?«

 

»Er hat Ihnen also eine gemacht?«

 

Sie seufzte.

 

»In gewisser Weise ja. Aber woher wissen Sie das?«

 

»Wie sieht Mr. Brait denn eigentlich aus?«

 

Ein scheuer, verwunderter Blick streifte ihn.

 

»Haben Sie ihn denn noch nicht gesehen?«

 

»Nein, ich bin bisher nur mit dem Polizeidirektor zusammengekommen. Ich weiß nicht, ob Sie mir glauben, Mrs. Fainer, aber ich möchte Ihnen tatsächlich helfen, und ich stelle Ihnen keine Fallen, wenn ich Sie etwas frage.«

 

Sie schaute ihn lange und prüfend an.

 

»Ich glaube es Ihnen«, entgegnete sie dann. »Ich habe Ihren Namen schon gehört, Mr. Rater. Man nennt sie doch den Redner?« Ein schwaches Lächeln glitt über ihre blassen Züge. »Heute machen Sie diesem Namen tatsächlich einmal Ehre.«

 

Er konnte es nicht verhindern, daß er leicht errötete.

 

»Da mögen Sie recht haben«, sagte er zurückhaltend. »Aber wollen Sie mir nicht etwas mehr von Mr. Brait erzählen?«

 

Ihre Geschichte war nicht lang. Zweimal hatte sie einen unangenehmen Auftritt mit ihm gehabt, und er hatte ihr auch ein paar Briefe geschrieben.

 

Der Redner wußte, daß sie ihm verschwieg, wie schrecklich diese unangenehmen Auftritte für sie gewesen sein mußten.

 

»Haben Sie diese Briefe aufgehoben?«

 

Sie zögerte wieder.

 

»Ja. Ich war deshalb ein wenig in Unruhe, aber ich wollte sie aufheben für den Fall … Sehen Sie, mein Mann glaubte vollkommen an den ehrlichen Charakter Mr. Braits, aber ich habe mich sehr vor ihm gefürchtet. Ich legte die Briefe in einen Kasten und verschloß ihn, aber mein Mann muß ihn in meiner Abwesenheit geöffnet haben. Als ich ihn nach einiger Zeit wieder aufmachte, waren die Briefe nicht mehr darin. Ich weiß nicht, wie er auf den Gedanken kam, den Kasten zu durchsuchen, denn ich verwahrte gewöhnlich nur leeres Briefpapier darin.«

 

»Hat Ihr Mann mit Ihnen über diese Sache gesprochen?«

 

»Nein.«

 

»Es könnte doch aber auch sein, daß einer der Dienstboten die Briefe entwendet hat. Sind Sie überhaupt sicher, daß die Briefe wirklich herausgenommen wurden? Vielleicht liegen sie noch darin?«

 

»Ich bin meiner Sache ganz sicher. Noch kurz vor meiner Verhaftung sah ich nach. Die Polizei hat den Kasten jetzt in Verwahrung. Aber man hat kein Beweismaterial gegen mich darin gefunden.«

 

Sie lächelte ihn wieder an.

 

»Aber nun sagen Sie mir, wie sieht Brait aus?«

 

Sie beschrieb ihn mit einigen Worten.

 

»In mancher Beziehung hat er einen sehr schlechten Charakter, und man kann ihn ja schließlich nicht dafür tadeln, daß er sich in eine Frau verliebt. Wenn er mir nur das nicht angetan hätte! Er sieht sehr vorteilhaft aus, ist aber viel älter, als er auf den ersten Blick erscheint. Und er hat hübsche blaue Augen. Sie werden ihn wahrscheinlich noch sehen.«

 

»Ja, heute abend spreche ich mit ihm«, entgegnete Mr. Rater, und zu ihrem größten Erstaunen erhob er sich. »Ich glaube, ich brauche weiter keine Fragen mehr an Sie zu richten. Nur möchte ich wissen, ob der Kasten ein gewöhnliches Schloß hatte.«

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Nein, das ist ja das Merkwürdige. Der Kasten ist ein Hochzeitsgeschenk und hat ein Yaleschloß. Der einzige Schlüssel dazu war in meinem Besitz.«

 

»Warum verwahrten Sie denn Briefpapier darin?«

 

Sie errötete.

 

»Mein Mann sah nicht gern, daß ich Briefe schrieb. Er war wirklich sehr geizig und zählte jeden Morgen die Briefbogen auf dem Schreibtisch nach. Über jedes Blatt Papier und über jedes Kuvert mußte ich ihm Rechenschaft geben. Das klingt lächerlich, nicht wahr? Ich kaufte mir deshalb Briefpapier in der Stadt und verwahrte es in dem Kasten. Er war immer eifersüchtig, daß ich alte Freundschaften weiterpflegte und mit einigen Damen korrespondierte, die ich von der Schulzeit her kenne. Das werden Sie leicht beweisen können, aber ich weiß nicht, wozu das helfen könnte.«

 

»Warum haben Sie denn der Polizei nichts von Braits Liebeserklärungen erzählt, als Sie verhaftet wurden?«

 

Sie schauderte zusammen.

 

»Ich dachte nicht, daß mir das irgendwie nützen könnte.«

 

Der Redner verließ das Gefängnis mit der festen Überzeugung, daß die Frau unschuldig war, und es war ja nicht das erstemal in seinem Leben, daß er sich auf die Seite der Verteidigung stellte. Aber noch nie hatte sein inneres Gefühl so sehr für einen Angeklagten gesprochen wie in diesem Fall.

 

Am Abend kam er mit Mr. Brait zusammen und sagte ihm, daß er Mrs. Fainer im Gefängnis getroffen hätte und daß sie beharrlich bei ihrer Aussage bliebe, nicht über Arsen mit ihm gesprochen zu haben.

 

Mr. Brait hörte zu und machte ein trauriges Gesicht.

 

»Ich wünschte wirklich, ich hätte sie an dem Tag niemals getroffen. Ich hatte auch erst gar nicht die Absicht, in die Stadt zu gehen. Es war der reinste Zufall, daß ich ihr nachher begegnete. Ich habe die Frau sonst sehr gern.«

 

»Was meinen Sie damit? Lieben Sie die Dame?«

 

Mr. Brait wurde rot.

 

»Ich weiß nicht, wie Sie dazu kommen, eine solche Frage an mich zu stellen«, erwiderte er etwas von oben herab. »Ich habe sie sehr gern, weil sie eine hübsche Erscheinung ist. Mit ihrem Mann war ich enger befreundet als mit ihr. Das ist alles.«

 

»Haben Sie ihr Briefe geschrieben?«

 

Mr. Brait lächelte.

 

»Hat sie Ihnen das gesagt? Nun, dann will ich es nicht abstreiten. Ich habe ihr ein paar kurze Mitteilungen geschickt, wann ich abends zum Kartenspiel kommen würde und dergleichen. Meinen Sie, ich hätte ihr auch noch andere Briefe geschrieben?«

 

»Ich meine gar nichts, ich frage Sie nur«, entgegnete der Redner kurz.

 

Nachdem Brait gegangen war, machte der Polizeidirektor, in dessen Büro die Unterhaltung stattgefunden hatte, seinem Kollegen Vorwürfe.

 

»Ich glaube nicht, daß Sie auf diese Weise mit Brait umgehen sollten. Er ist wirklich ein sehr anständiger und geachteter Mann. Der tut keinem Menschen etwas zuleide. Welche Meinung haben Sie denn von Mrs. Fainer?«

 

»Ich habe den besten Eindruck von ihr.«

 

Am nächsten Morgen war Mr. Rater schon frühzeitig unterwegs, und der junge Detektiv, der ihm zur Unterstützung beigegeben war, brachte ihm verschiedene interessante Neuigkeiten.

 

»Braits Bürojunge hat seine Stelle verloren, weil er während der Geschäftszeit rauchte. Ich habe mich mit ihm unterhalten, er ist ein intelligenter Bursche.«

 

»Ich hasse intelligente Burschen«, brummte der Redner. »Mir ist es viel lieber, wenn sie vernünftig und normal sind.«

 

Aber später wußte er die Intelligenz des Jungen doch sehr zu schätzen, als er durch dessen Vermittlung ein Tagebuch erhielt. Während der nächsten Tage fuhr Mr. Rater dreimal zu einer benachbarten Stadt, die fünf Meilen entfernt lag. Das tat er nur, weil er von dort aus telefonieren konnte, ohne die Neugierde der lokalen Zentrale zu erregen. Er führte Ferngespräche mit St. Helens in Lancashire und mit einem Pfarrer in einer Stadt in Somerset. Als er abends nach Burntown zurückkehrte, war bis auf das Geheimnis des verschlossenen Kastens alles aufgeklärt.

 

Der Polizeidirektor bewahrte ihn in seinem Büro auf.

 

»Er hat absolut keinen Wert. Mrs. Fainer gab uns auch den Schlüssel dazu. Aber es liegt nur leeres Briefpapier darin.«

 

»Ist das Papier noch darin?«

 

»Ich glaube«, erwiderte sein Freund erstaunt und holte den Kasten herbei. »Hier ist auch der Schlüssel.«

 

Mr. Rater schloß auf und klappte den Deckel zurück.

 

Es lagen ungefähr ein Dutzend Briefbogen von verschiedener Größe und ein halbes Dutzend Kuverts darin.

 

»Ich möchte nur wissen, warum sie Briefpapier von so verschiedenem Format kaufte?« meinte der Chefinspektor.

 

Er nahm die drei obersten Bogen heraus und legte sie auf den Tisch. Daneben breitete er die übrigen aus, die größer waren.

 

»Und warum hob sie angeschmutztes Briefpapier auf?«

 

»Ja, wie in aller Welt soll ich denn das wissen?«

 

Mr. Rater lächelte, was selten genug vorkam.

 

»Ich werde diese Bogen mitnehmen, wenn Sie nichts dagegen haben. Morgen fahre ich nach London; am Sonntag bin ich wieder zurück. Aber bevor ich fahre, möchte ich noch einmal Mrs. Fainer sprechen.«

 

Er hatte eine merkwürdige Unterhaltung mit ihr. Als sie diesmal in den Raum trat, war ihr Schritt fester und sicherer, und die Apathie war aus ihren Zügen gewichen.

 

Und doch hatte ihre veränderte Haltung einen ganz anderen Grund, als er annahm.

 

»Ich habe es aufgegeben«, sagte sie. »Es ist am besten und wird mir am leichtesten. Ich wünschte nur, der Prozeß wäre schon vorüber.«

 

»So dürfen Sie nicht sprechen«, erwiderte er düster.

 

Einen Augenblick leuchteten ihre Augen auf, aber der Glanz erlosch sofort wieder.

 

»Mr. Rater, wenn mich die Geschworenen wirklich durch einen fast undenkbaren Glücksumstand für unschuldig erklärten, hätte das Leben doch keinen Zweck mehr für mich. Ich bin für immer gezeichnet. Ich müßte das Land verlassen, und mein Mann hat mir nichts hinterlassen. Noch kurz vor seinem Tode hat er sein Testament widerrufen, weil er glaubte, daß ich ihn vergiftet hätte. Ich fühle mich nicht mehr stark genug, mit einer solchen Bürde noch einmal den Kampf ums Dasein aufzunehmen.«

 

»Aber sie könnten doch wieder heiraten«, entgegnete der Redner, ohne sie anzusehen.

 

Sie schaute ihn sonderbar an.

 

»Was sind Sie doch für ein merkwürdiger Mann, Mr. Rater! Sie gleichen nicht ein bißchen den Beschreibungen, die ich von Ihnen in den Zeitungen gelesen habe.«

 

Er stand auf und räusperte sich.

 

»Sie müssen dem Leben ganz anders gegenübertreten.«

 

»Glauben Sie denn, daß mich die Geschworenen freisprechen?« fragte sie überrascht.

 

»Das glaube ich nicht nur, das weiß ich ganz sicher. Sehen Sie, die Putzfrau hat die Jacke aufgehoben, um die Hosen ihres kleinen Jungen damit zu flicken.«

 

Sie schaute ihn an, als ob sie einen Betrunkenen vor sich hätte, und er las ihre Gedanken in ihrem Blick.

 

»Nein, ich bin nicht verrückt«, sagte er und verließ das Zimmer schnell.

 

Der junge Detektiv war bei seinen Nachforschungen auf die Putzfrau gestoßen, und es war bereits ein Bericht nach Scotland Yard unterwegs, in dem Mr. Rater empfahl, den Mann ins Polizeipräsidium nach London zu versetzen.

 

Der Redner war zwei Tage in London, dann kam er mit dem Sechsuhrzug nach Burntown zurück. Sein Kollege holte ihn wieder an der Bahn ab.

 

»Ich habe wunschgemäß Mr. Brait gebeten, auf mein Büro zu kommen«, sagte er etwas kurz.

 

Es tat ihm bereits leid, daß er sich an Scotland Yard gewandt hatte.

 

»Aber ich möchte nicht haben, daß Sie ihn wieder beleidigen«, fuhr er fort. »Er war uns sehr behilflich und hat uns jede nur mögliche Information gegeben.«

 

»Ich weiß nicht, ob ich ihn ärgern werde oder nicht, aber ich habe herausgebracht, was Sie von mir wissen wollten, und damit sollten Sie doch eigentlich zufrieden sein.«

 

»Sie haben entdeckt, woher das Gift kam?«

 

Der Redner nickte, gab aber keine nähere Erklärung.

 

Als sie in das Polizeibüro kamen, waren schon zwei andere Beamte zugegen. Mr. Brait erhob sich lächelnd und begrüßte den Redner. Aber Mr. Rater übersah die Hand, die ihm der Mann reichen wollte.

 

»Wie lange wohnen Sie schon in Burntown?« fragte er ohne weitere Einleitung.

 

»Fünf Jahre.«

 

»Wo hielten Sie sich vorher auf?«

 

Mr. Brait erzählte es ihm.

 

»Hatten Sie dort auch eine Generalagentur?«

 

Der Zeuge nickte.

 

»Waren Sie sehr überrascht, als Mrs. Fainer sie bat, Arsen für sie zu kaufen?«

 

»Natürlich.«

 

»Sie haben vermutlich niemals mit Arsen gehandelt?«

 

»Nein«, entgegnete Mr. Brait mit fester Stimme.

 

»Sie haben niemals Arsen pfundweise von der Fabrik gekauft? Ich frage Sie das, weil ich beweisen kann, daß Sie an dem Tag, an dem Mr. Fainer erkrankte, ein eingeschriebenes Paket erhielten. In Ihren Büchern ist es als ›Chemikalien‹ eingetragen, aber ich habe die Firma in St. Helens gefunden, die es Ihnen lieferte.«

 

Brait nickte ruhig.

 

»Ja, ich kann mich jetzt entsinnen. Ich kaufte ein Pfund oder auch ein halbes – das weiß ich nicht mehr genau – und ließ es noch am selben Tage an einen Kunden in Schanghai weitergehen.«

 

»Wer war dieser Kunde?«

 

»Daran kann ich mich im Augenblick nicht erinnern.«

 

»Haben Sie den Einlieferungsschein für die eingeschriebene Sendung, die Sie nach Schanghai schickten?«

 

Mr. Brait zögerte eine Sekunde.

 

»Das Paket war nicht eingeschrieben.«

 

»Warum denn nicht? Sie haben doch der Firma in St. Helens Auftrag gegeben, Ihnen das Arsen eingeschrieben zu senden. Weshalb haben Sie es dann nach China gesandt, ohne diese Vorsichtsmaßregel zu ergreifen?«

 

Mr. Brait antwortete nicht.

 

»Um wieviel Uhr haben Sie es zur Post gegeben?«

 

»Um eins«, entgegnete Mr. Brait unvorsichtig.

 

Der Redner nützte sofort die Blöße aus, die sich der andere gegeben hatte.

 

»Das war zehn Minuten, bevor Sie Mrs. Fainer verließen. Sie hatten das Gift also damals in der Tasche?«

 

Mr. Brait wurde rot, dann bleich.

 

»Ich beantworte Ihnen keine Fragen mehr«, erwiderte er wütend.

 

»Im Gegenteil, Sie werden mir jede Frage beantworten, die ich an Sie stelle!« sagte der Chefinspektor scharf. »Sie gingen dann nicht gleich zur Post?«

 

»Nein, ich habe das Päckchen erst am Abend aufgegeben«, entgegnete Mr. Brait düster.

 

»Dann hatten Sie also das Arsen bei sich, als Sie bei Fainers zum Tee erschienen? Ich nehme an, daß das Paket in Ihrer Jackentasche aufgerissen war, als Sie nach Hause zurückkehrten. Am nächsten Tag haben Sie die Jacke verbrannt. Aber dabei hatten Sie Pech – die Putzfrau nahm sie an sich. Sie war nur angebrannt, auch die Tasche war heilgeblieben. Und darin habe ich Spuren von Arsen gefunden. Was sagen Sie dazu?«

 

Mr. Brait atmete schwer.

 

»Ich will Ihnen noch etwas mitteilen«, fuhr Mr. Rater fort. »Vor fünf Jahren haben Sie schon einmal Arsen von einer Firma in Glasgow bezogen, aber erst neulich, als der Lieferant Sie in London traf, haben Sie die Sendung bezahlt. Der Mann wird als Zeuge geladen, um Sie bei der Verhandlung zu identifizieren. Seinerzeit wurde das Arsen nach der Stadt geschickt, in der Sie früher wohnten und auch eine Generalagentur hatten. Jenes Arsen haben Sie wohl auch nach China geschickt?«

 

Mr. Brait antwortete wieder nicht.

 

»Drei Tage darauf starb Ihre erste Frau!«

 

Jetzt sprang der Mann wütend auf.

 

»Was behaupten Sie da?« schrie er außer sich. »Warum sollte ich denn Mr. Fainer umbringen – er war doch mein bester Freund!«

 

»Weil Sie seine Frau liebten und ihr in Ihren Briefen den Vorschlag machten, mit Ihnen zu fliehen.«

 

»Dann müssen Sie aber erst diese Briefe als Beweis vorlegen!«

 

»Das werde ich auch tun. Ich habe sechs Stück in einem Kasten von Mrs. Fainer gefunden. Sie selbst glaubte allerdings, sie wären herausgenommen worden, aber das stimmte nicht. Die Tinte war nur vollständig verblaßt. Und wer Liebesbriefe mit unsichtbarer Tinte schreibt, ist ein Schuft. Verhaften Sie ihn!«

 

Ein Beamter sprang zur Tür, um Mr. Brait abzufangen, als er hinauseilen wollte. Einen Augenblick blieb der Verbrecher stehen, als ob er nicht wüßte, was er tun sollte, dann riß er den Revolver aus der Tasche, bevor der Redner ihn erreichen konnte.

 

Ein Schuß krachte, und Mr .Brait fiel zu Boden.

 

Die Verhandlung gegen Mrs. Fainer, die ihren Mann ermordet haben sollte, war nur ganz kurz, und nachher nahm sie der Redner in seinem Sportwagen nach London mit. Unterwegs sprach er aber nur einmal, und zwar als sie auf der Spitze eines Hügels haltgemacht hatten. Man hatte dort einen wundervollen Ausblick über ein weites, prächtiges Tal, durch das sich in vielen Windungen ein Fluß hinzog. Er sprach allerdings lange und eindringlich.

 

Seine Frau erinnerte ihn später noch oft an diese folgenschwere Durchbrechung seines heiligen Prinzips.