Die alte Bettelfrau

Gebrüder Grimm

Die alte Bettelfrau

Es war einmal eine alte Frau, du hast wohl ehe eine alte Frau sehn betteln gehn? diese Frau bettelte auch, und wann sie etwas bekam, dann sagte sie ‚Gott lohn Euch.‘ Die Bettelfrau kam an die Tür, da stand ein freundlicher Schelm von Jungen am Feuer und wärmte sich. Der Junge sagte freundlich zu der armen alten Frau, wie sie so an der Tür stand und zitterte ‚kommt, Altmutter, und erwärmt Euch.‘ Sie kam herzu, ging aber zu nahe ans Feuer stehn, daß ihre alten Lumpen anfingen zu brennen, und sie wards nicht gewahr. Der Junge stand und sah das, er hätts doch löschen sollen? Nicht wahr, er hätte löschen sollen? Und wenn er kein Wasser gehabt hätte, dann hätte er alles Wasser in seinem Leibe zu den Augen herausweinen sollen, das hätte so zwei hübsche Bächlein gegeben zu löschen.

Des Teufels rußiger Bruder

Gebrüder Grimm

Des Teufels rußiger Bruder

Ein abgedankter Soldat hatte nichts zu leben und wußte sich nicht mehr zu helfen. Da ging er hinaus in den Wald, und als er ein Weilchen gegangen war, begegnete ihm ein kleines Männchen, das war aber der Teufel. Das Männchen sagte zu ihm ‚was fehlt dir? du siehst ja so trübselig aus.‘ Da sprach der Soldat ‚ich habe Hunger, aber kein Geld.‘ Der Teufel sagte ‚willst du dich bei mir vermieten und mein Knecht sein, so sollst du für dein Lebtag genug haben; sieben Jahre sollst du mir dienen, hernach bist du wieder frei. Aber eins sag ich dir, du darfst dich nicht waschen, nicht kämmen, nicht schnippen, keine Nägel und Haare abschneiden und kein Wasser aus den Augen wischen.‘ Der Soldat sprach ‚frisch dran, wenns nicht anders sein kann,‘ und ging mit dem Männchen fort, das führte ihn geradewegs in die Hölle hinein. Dann sagte es ihm, was er zu tun hätte: er müßte das Feuer schüren unter den Kesseln, wo die Höllenbraten drinsäßen, das Haus rein halten, den Kehrdreck hinter die Türe tragen und überall auf Ordnung sehen: aber guckte er ein einziges Mal in die Kessel hinein, so würde es ihm schlimm ergehen. Der Soldat sprach ‚es ist gut, ich wills schon besorgen.‘ Da ging nun der alte Teufel wieder hinaus auf seine Wanderung, und der Soldat trat seinen Dienst an, legte Feuer zu, kehrte und trug den Kehrdreck hinter die Türe, alles, wie es befohlen war. Wie der alte Teufel wiederkam, sah er nach, ob alles geschehen war, zeigte sich zufrieden und ging zum zweitenmal fort. Der Soldat schaute sich nun einmal recht um, da standen die Kessel rings herum in der Hölle, und war ein gewaltiges Feuer darunter, und es kochte und brutzelte darin. Er hätte für sein Leben gerne hineingeschaut, wenn es ihm der Teufel nicht so streng verboten hätte: endlich konnte er sich nicht mehr anhalten, hob vom ersten Kessel ein klein bißchen den Deckel auf und guckte hinein. Da sah er seinen ehemaligen Unteroffizier darin sitzen: ‚aha, Vogel,‘ sprach er, ‚treff ich dich hier? du hast mich gehabt, jetzt hab ich dich,‘ ließ geschwind

den Deckel fallen, schürte das Feuer und legte noch frisch zu. Danach ging er zum zweiten Kessel, hob ihn auch ein wenig auf und guckte, da saß sein Fähnrich darin: ‚aha, Vogel, treff ich dich hier? du hast mich gehabt, jetzt hab ich dich,‘ machte den Deckel wieder zu und trug noch einen Klotz herbei, der sollte ihm erst recht heiß machen. Nun wollte er auch sehen, wer im dritten Kessel säße, da wars gar ein General: ‚aha, Vogel, treff ich dich hier? du hast mich gehabt, jetzt hab ich dich,‘ holte den Blasbalg und ließ das Höllenfeuer recht unter ihm flackern. Also tat er sieben Jahr seinen Dienst in der Hölle, wusch sich nicht, kämmte sich nicht, schnippte sich nicht, schnitt sich die Nägel und Haare nicht und wischte sich kein Wasser aus den Augen; und die sieben Jahre waren ihm so kurz, daß er meinte, es wäre nur ein halbes Jahr gewesen. Als nun die Zeit vollends herum war, kam der Teufel und sagte ’nun, Hans, was hast du gemacht?‘ ‚Ich habe das Feuer unter den Kesseln geschürt, ich habe gekehrt und den Kehrdreck hinter die Türe getragen.‘ ‚Aber du hast auch in die Kessel geguckt; dein Glück ist, daß du noch Holz zugelegt hast, sonst war dein Leben verloren; jetzt ist die Zeit herum, willst du wieder heim?‘ ‚Ja,‘ sagte der Soldat, ‚ich wollt auch gerne sehen, was mein Vater daheim macht.‘ Sprach der Teufel ‚damit du deinen verdienten Lohn kriegst, geh und raffe dir deinen Ranzen voll Kehrdreck und nimms mit nach Haus. Du sollst auch gehen ungewaschen und ungekämmt, mit langen Haaren am Kopf und am Bart, mit ungeschnittenen Nägeln und mit trüben Augen, und wenn du gefragt wirst, woher du kämst, sollst du sagen ‚aus der Hölle,‘ und wenn du gefragt wirst, wer du wärst, sollst du sagen ‚des Teufels rußiger Bruder und mein König auch.‘ Der Soldat schwieg still und tat, was der Teufel sagte, aber er war mit seinem Lohn gar nicht zufrieden.

Sobald er nun wieder oben im Wald war, hob er seinen Ranzen vom Rücken und wollt ihn ausschütten: wie er ihn aber öffnete, so war der Kehrdreck pures Gold geworden. ‚Das hätte ich mir nicht gedacht,‘ sprach er, war vergnügt und ging in die Stadt hinein. Vor dem Wirtshaus stand der Wirt, und wie ihn der herankommen sah‘ erschrak er, weil Hans so entsetzlich aussah. ärger als eine Vogelscheuche. Er rief ihn an und fragte ‚woher kommst du?. ‚Aus der Hölle.‘ ‚Wer bist du?‘ ‚Dem Teufel sein rußiger Bruder, und mein König auch.‘ Nun wollte der Wirt ihn nicht einlassen, wie er ihm aber das Gold zeigte, ging er und klinkte selber die Türe auf. Da ließ sich Hans die beste Stube geben und köstlich aufwarten, aß und trank sich satt, wusch sich aber nicht und kämmte sich nicht, wie ihm der Teufel geheißen hatte, und legte sich endlich schlafen. Dem Wirt aber stand der Ranzen voll Gold vor Augen und ließ ihm keine Ruhe, bis er in der Nacht hinschlich und ihn wegstahl.

Wie nun Hans am andern Morgen aufstand, den Wirt bezahlen und weitergehen wollte, da war sein Ranzen weg. Er faßte sich aber kurz, dachte ‚du bist ohne Schuld unglücklich gewesen,‘ und kehrte wieder um, geradezu in die Hölle: da klagte er dem alten Teufel seine Not und bat ihn um Hilfe. Der Teufel sagte ’setze dich, ich will dich waschen, kämmen, schnippen, die Haare und Nägel schneiden und die Augen auswischen,‘ und als er mit ihm fertig war, gab er ihm den Ranzen wieder voll Kehrdreck und sprach ‚geh hin und sage dem Wirt, er sollte dir dein Gold wieder herausgeben, sonst wollt ich kommen und ihn abholen, und er sollte an deinem Platz das Feuer schüren.‘ Hans ging hinauf und sprach zum Wirt ‚du hast mein Gold gestohlen, gibst dus nicht wieder, so kommst du in die Hölle an meinen Platz, und sollst aussehen so greulich wie ich‘ Da gab ihm der Wirt das Gold und noch mehr dazu, und bat ihn, nur still davon zu sein; und Hans war nun ein reicher Mann.

Hans machte sich auf den Weg heim zu seinem Vater, kaufte sich einen schlechten Linnenkittel auf den Leib, ging herum und machte Musik, denn das hatte er beim Teufel in der Hölle gelernt. Es war aber ein alter König im Land, vor dem mußt er spielen, und der geriet darüber in solche Freude, daß er dem Hans seine äIteste Tochter zur Ehe versprach. Als die aber hörte, daß sie so einen gemeinen Kerl im weißen Kittel heiraten sollte, sprach sie ‚eh ich das tät, wollt ich lieber ins tiefste Wasser gehen.‘ Da gab ihm der König die jüngste, die wollts ihrem Vater zuliebe gerne tun; und also bekam des Teufels rußiger Bruder die Königstochter, und als der alte König gestorben war, auch das ganze Reich.

Des Herrn und des Teufels Getier

Gebrüder Grimm

Des Herrn und des Teufels Getier

Gott der Herr hatte alle Tiere erschaffen und sich die Wölfe zu seinen Hunden auserwählet: bloß der Geiß hatte er vergessen. Da richtete sich der Teufel an, wollte auch schaffen und machte die Geiße mit feinen langen Schwänzen. Wenn sie nun zur Weide gingen, blieben sie gewöhnlich mit ihren Schwänzen in den Dornhecken hängen, da mußte der Teufel hineingehen und sie mit vieler Mühe losknüpfen. Das verdroß ihn zuletzt, war her und biß jeder Geiß den Schwanz ab, wie noch heut des Tags an den Stümpfen zu sehen ist.

Nun ließ er sie zwar allein weiden, aber es geschah, daß Gott der Herr zusah, wie sie bald einen fruchtbaren Baum benagten, bald die edlen Reben beschädigten, bald andere zarte Pflanzen verderbten. Das jammerte ihn, so daß er aus Güte und Gnaden seine Wölfe dran hetzte, welche die Geiße, die da gingen, bald zerrissen. Wie der Teufel das vernahm, trat er vor den Herrn und sprach ‚dein Geschöpf hat mir das meine zerrissen.‘ Der Herr antwortete ‚was hattest du es zu Schaden erschaffen!‘ Der Teufel sagte ‚ich mußte das: gleichwie selbst mein Sinn auf Schaden geht, konnte, was ich erschaffen, keine andere Natur haben, und mußt mirs teuer zahlen.‘ ‚Ich zahl dirs, sobald das Eichenlaub abfällt, dann komm, dein Geld ist schon gezählt.‘ Als das Eichenlaub abgefallen war, kam der Teufel und forderte seine Schuld. Der Herr aber sprach ‚in der Kirche zu Konstantinopel steht eine hohe Eiche, die hat noch alles ihr Laub.‘ Mit Toben und Fluchen entwich der Teufel und wollte die Eiche suchen, irrte sechs Monate in der Wüstenei, ehe er sie befand, und als er wiederkam, waren derweil wieder alle andere Eichen voll grüner Blätter. Da mußte er sein Schuld fahren lassen, stach im Zorn allen übrigen Geißen die Augen aus und setzte ihnen seine eigenen ein.

Darum haben alle Geißen Teufelsaugen und abgebissene Schwänze, und er nimmt gern ihre Gestalt an.

Der Zaunkönig

Gebrüder Grimm

Der Zaunkönig

In den alten Zeiten, da hatte jeder Klang noch Sinn und Bedeutung. Wenn der Hammer des Schmieds ertönte, so rief er: »Smiet mi to! Smiet mi to!« Wenn der Hobel des Tischlers schnarrte, so sprach er: »Dor häst! Dor, dor häst!« Fing das Räderwerk der Mühle an zu klappern, so sprach es: »Help, Herr Gott! Help, Herr Gott!«, und war der Müller ein Betrüger und ließ die Mühle an, so sprach sie hochdeutsch und fragte erst langsam: »Wer ist da? Wer ist da?«, dann antwortete sie schnell: »Der Müller! Der Müller!«, und endlich ganz geschwind: »Stiehlt tapfer, stiehlt tapfer, vom Achtel drei Sechter.«

Zu dieser Zeit hatten auch die Vögel ihre eigene Sprache, die jedermann verstand, jetzt lautet es nur wie ein Zwitschern, Kreischen und Pfeifen und bei einigen wie Musik ohne Worte. Es kam aber den Vögeln in den Sinn, sie wollten nicht länger ohne Herrn sein und einen unter sich zu ihrem König wählen. Nur einer von ihnen, der Kiebitz, war dagegen; frei hatte er gelebt, und frei wollte er sterben, und angstvoll hin und her fliegend rief er: »Wo bliew ick? Wo bliew ick?« Er zog sich zurück in einsame und unbesuchte Sümpfe und zeigte sich nicht wieder unter seinesgleichen.

Die Vögel wollten sich nun über die Sache besprechen, und an einem schönen Maimorgen kamen sie alle aus Wäldern und Feldern zusammen, Adler und Buchfinke, Eule und Krähe, Lerche und Sperling, was soll ich sie alle nennen? Selbst der Kuckuck kam und der Wiedehopf, sein Küster, der so heißt, weil er sich immer ein paar Tage früher hören läßt; auch ein ganz kleiner Vogel, der noch keinen Namen hatte, mischte sich unter die Schar. Das Huhn, das zufällig von der ganzen Sache nichts gehört hatte, verwunderte sich über die große Versammlung.

»Wat, wat, wat is den dar to don?« gackerte es, aber der Hahn beruhigte seine liebe Henne und sagte: »Luter riek Lüd!«, erzählte ihr auch, was sie vorhätten. Es ward aber beschlossen, daß der König sein sollte, der am höchsten fliegen könnte. Ein Laubfrosch, der im Gebüsche saß, rief, als er das hörte, warnend: »Natt, natt, natt! Natt, natt, natt!«, weil er meinte, es würden deshalb viel Tränen vergossen werden. Die Krähe aber sagte: »Quark ok!«, es sollte alles friedlich abgehen.

Es ward nun beschlossen, sie wollten gleich an diesem schönen Morgen aufsteigen, damit niemand hinterher sagen könnte: »Ich wäre wohl noch höher geflogen, aber der Abend kam, da konnte ich nicht mehr.« Auf ein gegebenes Zeichen erhob sich also die ganze Schar in die Lüfte. Der Staub stieg da von dem Felde auf, es war ein gewaltiges Sausen und Brausen und Fittichschlagen, und es sah aus, als wenn eine schwarze Wolke dahinzöge. Die kleinern Vögel aber blieben bald zurück, konnten nicht weiter und fielen wieder auf die Erde. Die größern hielten’s länger aus, aber keiner konnte es dem Adler gleichtun, der stieg so hoch, daß er der Sonne hätte die Augen aushacken können. Und als er sah, daß die andern nicht zu ihm herauf konnten, so dachte er: Was willst du noch höher fliegen, du bist doch der König, und fing an sich wieder herabzulassen. Die Vögel unter ihm riefen ihm alle gleich zu: »Du mußt unser König sein, keiner ist höher geflogen als du.«

»Ausgenommen ich«, schrie der kleine Kerl ohne Namen, der sich in die Brustfedern des Adlers verkrochen hatte. Und da er nicht müde war, so stieg er auf und stieg so hoch, daß er Gott auf seinem Stuhle konnte sitzen sehen. Als er aber so weit gekommen war, legte er seine Flügel zusammen, sank herab und rief unten mit feiner, durchdringender Stimme: »König bün ick! König bün ick!«

»Du unser König?« schrien die Vögel zornig. »Durch Ränke und Listen hast du es dahin gebracht.« Sie machten eine andere Bedingung, der sollte ihr König sein, der am tiefsten in die Erde fallen könnte. Wie klatschte da die Gans mit ihrer breiten Brust wieder auf das Land! Wie scharrte der Hahn schnell ein Loch! Die Ente kam am schlimmsten weg, sie sprang in einen Graben, verrenkte sich aber die Beine und watschelte fort zum nahen Teiche mit dem Ausruf: »Pracherwerk! Pracherwerk!« Der Kleine ohne Namen aber suchte ein Mäuseloch, schlüpfte hinab und rief mit seiner feinen Stimme heraus: »König bün ick! König bün ick!«

»Du unser König?« riefen die Vögel noch zorniger. »Meinst du, deine Listen sollten gelten?« Sie beschlossen, ihn in seinem Loch gefangenzuhalten und auszuhungern. Die Eule ward als Wache davorgestellt; sie sollte den Schelm nicht herauslassen, so lieb ihr das Leben wäre. Als es aber Abend geworden war und die Vögel von der Anstrengung beim Fliegen große Müdigkeit empfanden, so gingen sie mit Weib und Kind zu Bett. Die Eule allein blieb bei dem Mäuseloch stehen und blickte mit ihren großen Augen unverwandt hinein.

Indessen war sie auch müde geworden und dachte: Ein Auge kannst du wohl zutun, du wachst ja noch mit dem andern, und der kleine Bösewicht soll nicht aus seinem Loch heraus. Also tat sie das eine Auge zu und schaute mit dem andern steif auf das Mäuseloch. Der kleine Kerl guckte mit dem Kopf heraus und wollte wegwitschen, aber die Eule trat gleich davor, und er zog den Kopf wieder zurück. Dann tat die Eule das eine Auge wieder auf und das andere zu und wollte so die ganze Nacht abwechseln. Aber als sie das eine Auge wieder zumachte, vergaß sie das andere aufzutun, und sobald die beiden Augen zu waren, schlief sie ein. Der Kleine merkte das bald und schlüpfte weg.

Von der Zeit an darf sich die Eule nicht mehr am Tage sehen lassen, sonst sind die andern Vögel hinter ihr her und zerzausen ihr das Fell. Sie fliegt nur zur Nachtzeit aus, haßt aber und verfolgt die Mäuse, weil sie solche böse Löcher machen. Auch der kleine Vogel läßt sich nicht gerne sehen, weil er fürchtet, es ginge ihm an den Kragen, wenn er erwischt würde. Er schlüpft in den Zäunen herum, und wenn er ganz sicher ist, ruft er wohl zuweilen: »König bün ick!«, und deshalb nennen ihn die andern Vögel aus Spott Zaunkönig.

Niemand aber war froher als die Lerche, daß sie dem Zaunkönig nicht zu gehorchen brauchte. Wie sich die Sonne blicken läßt, steigt sie in die Lüfte und ruft: »Ach, wo is dat schön! Schön is dat! Schön! Schön! Ach, wo is dat schön!«

Der Zaunkönig und der Bär

Gebrüder Grimm

Der Zaunkönig und der Bär

Zur Sommerszeit gingen einmal der Bär und der Wolf im Wald spazieren. Da hörte der Bär so schönen Gesang von einem Vogel und sprach: „Bruder Wolf, was ist das für ein Vogel, der so schön singt?“ Das ist der König der Vögel“, sagte der Wolf, „vor dem müssen wir uns neigen“; es war aber der Zaunkönig. „Wenn das ist“, sagte der Bär, „so möcht ich auch gerne seinen königlichen Palast sehen, komm und führe mich hin!“ „Das geht nicht so, wie du meinst“, sprach der Wolf, „du mußt warten, bis die Frau Königin kommt.“ Bald darauf kam die Frau Königin und hatte Futter im Schnabel und der Herr König auch, und wollten ihre Jungen atzen. Der Bär wäre gerne nun gleich hinterdrein gegangen, aber der Wolf hielt ihn am Ärmel und sagte: „Nein, du mußt warten, bis Herr und Frau Königin wieder fort sind.“ Also nahmen sie das Loch in acht, wo das Nest stand, und trabten wieder ab. Der Bär aber hatte keine Ruhe, wollte den königlichen Palast sehen, und ging nach einer kurzen Weile wieder vor. Da waren König und Königin richtig ausgeflogen. Er guckte hinein und sah fünf oder sechs Junge, die lagen darin. „Ist das der königliche Palast?“ rief der Bär, „das ist ein erbärmlicher Palast! Ihr seid auch keine Königskinder, ihr seid unehrliche Kinder!“ Wie das die jungen Zaunkönige hörten, wurden sie gewaltig bös und schrien: „Nein, das sind wir nicht, unsere Eltern sind ehrliche Leute, Bär, das soll ausgemacht werden mit dir.“ Dem Bär und dem Wolf ward angst, sie kehrten um und setzten sich in ihre Höhlen. Die jungen Zaunkönige aber schrien und lärmten fort, und als ihre Eltern wieder Futter brachten, sagten sie: „Wir rühren kein Fliegenbeinchen an, und sollten wir verhungern, bis ihr erst ausgemacht habt, ob wir ehrliche Kinder sind oder nicht; der Bär ist dagewesen und hat uns gescholten.“ Da sagte der alte König: „Seid nur ruhig, das soll ausgemacht werden.“ Flog darauf mit der Frau Königin dem Bären vor seine Höhle und rief hinein: „Alter Brummbär, warum hast du meine Kinder gescholten? Das soll dir übel bekommen, das wollen wir in einem blutigen Krieg ausmachen.“ Also war dem Bären der Krieg angekündigt und ward alles vierfüßige Getier berufen, Ochs, Esel, Rind, Hirsch, Reh, und was die Erde sonst alles trägt. Der Zaunkönig aber berief alles, was in der Luft fliegt; nicht allein die Vögel groß und klein, sondern auch die Mücken, Hornissen, Bienen und Fliegen mußten herbei.

Als nun die Zeit kam, wo der Krieg angehen sollte, da schickte der Zaunkönig Kundschafter aus, wer der kommandierende General des Feindes wäre. Die Mücke war die listigste von allen, schwärmte im Wald, wo der Feind sich versammelte, und setzte sich endlich unter ein Blatt auf den Baum, wo die Parole ausgegeben wurde. Da stand der Bär, rief den Fuchs vor sich und sprach: „Fuchs, du bist der schlaueste unter allem Getier, du sollst General sein und uns anführen.“ „Gut“, sagte der Fuchs, „aber was für Zeichen wollen wir verabreden?“ Niemand wußte es. Da sprach der Fuchs: „Ich habe einen schönen, langen, buschigen Schwanz, der sieht aus fast wie ein roter Federbusch; wenn ich den Schwanz in die Höhe halte, so geht die Sache gut, und ihr müßt darauf los marschieren; laß ich ihn aber herunterhängen, so lauft, was ihr könnt!“ Als die Mücke das gehört hatte, flog sie wieder heim und verriet dem Zaunkönig alles haarklein.

Als der Tag anbrach, wo die Schlacht sollte geliefert werden, hu, da kam das vierfüßige Getier dahergerannt mit Gebraus, daß die Erde zitterte; der Zaunkönig mit seiner Armee kam auch durch die Luft daher; die schnurrte, schrie und schwärmte, daß einem angst und bange ward; und gingen sie da von beiden Seiten aneinander. Der Zaunkönig aber schickte die Hornisse hinab, sie sollte sich dem Fuchs unter den Schwanz setzen und aus Leibeskräften stechen. Wie nun der Fuchs den ersten Stich bekam, zuckte er, daß er das eine Bein aufhob, doch ertrug er’s und hielt den Schwanz noch in der Höhe; beim zweiten Stich mußte er ihn einen Augenblick herunterlassen; beim dritten aber konnte er sich nicht mehr halten, schrie und nahm den Schwanz zwischen die Beine. Wie das die Tiere sahen, meinten sie, alles wäre verloren, und fingen an zu laufen, jeder in seine Höhle. Und die Vögel hatten die Schlacht gewonnen.

Da flogen der Herr König und die Frau Königin heim zu ihren Kindern und riefen: „Kinder, seid fröhlich, eßt und trinkt nach Herzenslust, wir haben den Krieg gewonnen!“ Die jungen Zaunkönige aber sagten: „Noch essen wir nicht, der Bär soll erst vors Nest kommen und Abbitte tun und soll sagen, daß wir ehrliche Kinder sind.“ Da flog der Zaunkönig vor das Loch des Bären und rief: „Brummbär, du sollst vor das Nest zu meinen Kindern gehen und Abbitte tun und sagen, daß sie ehrliche Kinder sind, sonst sollen dir die Rippen im Leib zertreten werden!“ Da kroch der Bär in der größten Angst hin und tat Abbitte. Jetzt waren die jungen Zaunkönige erst zufrieden, setzten sich zusammen, aßen und tranken und machten sich lustig bis in die späte Nacht hinein.

Der wunderliche Spielmann

Gebrüder Grimm

Der wunderliche Spielmann

Es war einmal ein wunderlicher Spielmann, der ging durch einen Wald mutterselig allein und dachte hin und her, und als für seine Gedanken nichts mehr übrig war, sprach er zu sich selbst ‚mir wird hier im Walde Zeit und Weile lang, ich will einen guten Gesellen herbeiholen.‘ Da nahm er die Geige vom Rücken und fiedelte eins, daß es durch die Bäume schallte. Nicht lange, so kam ein Wolf durch das Dickicht dahergetrabt. ‚Ach, ein Wolf kommt! nach dem trage ich kein Verlangen,‘ sagte der Spielmann: aber der Wolf schritt näher und sprach zu ihm ‚ei, du lieber Spielmann, was fiedelst du so schön! das möcht ich auch lernen.‘ ‚Das ist bald gelernt,‘ antwortete ihm der Spielmann, ‚du mußt nur alles tun, was ich dich heiße.‘ ‚O Spielmann,‘ sprach der Wolf, ‚ich will dir gehorchen, wie ein Schüler seinem Meister.‘ Der Spielmann hieß ihn mitgehen, und als sie ein Stück Wegs zusammen gegangen waren, kamen sie an einen alten Eichbaum, der innen hohl und in der Mitte aufgerissen war. ‚Sieh her,‘ sprach der Spielmann, ‚willst du fiedeln lernen, so lege die Vorderpfoten in diesen Spalt.‘ Der Wolf gehorchte, aber der Spielmann hob schnell einen Stein auf und keilte ihm die beiden Pfoten mit einem Schlag so fest, daß er wie ein Gefangener da liegen bleiben mußte. ‚Warte da so lange, bis ich wiederkomme,‘ sagte der Spielmann und ging seines Weges.

Über eine Weile sprach er abermals zu sich selber ‚mir wird hier im Walde Zeit und Weile lang, ich will einen andern Gesellen herbeiholen,‘ nahm seine Geige und fiedelte wieder in den Wald hinein. Nicht lange, so kam ein Fuchs durch die Bäume dahergeschlichen. ‚Ach, ein Fuchs kommt!, sagte der Spielmann, ’nach dem trage ich kein Verlangen.‘ Der Fuchs kam zu ihm heran und sprach ‚ei, du lieber Spielmann, was fiedelst du so schön! das möchte ich auch lernen.‘ ‚Das ist bald gelernt,‘ sprach der Spielmann, ‚du mußt nur alles tun, was ich dich heiße.‘ ‚O Spielmann,‘ antwortete der Fuchs, ‚ich will dir gehorchen, wie ein Schüler seinem Meister.‘ ‚Folge mir,‘ sagte der Spielmann, und als sie ein Stück Wegs gegangen waren, kamen sie auf einen Fußweg, zu dessen beiden Seiten hohe Sträuche standen. Da hielt der Spielmann still, bog von der einen Seite ein Haselnußbäumchen zur Erde herab und trat mit dem Fuß auf die Spitze, dann bog er von der andern Seite noch ein Bäumchen herab und sprach ‚wohlan, Füchslein, wenn du etwas lernen willst, so reich mir deine linke Vorderpfote.‘ Der Fuchs gehorchte und der Spielmann band ihm die Pfote an den linken Stamm. ‚Füchslein,‘ sprach er, ’nun reich mir die rechte,‘ die band er ihm an den rechten Stamm. Und als er nachgesehen hatte, ob die Knoten der Stricke auch fest genug waren, ließ er los, und die Bäumchen. fuhren in die Höhe und schnellten das Füchslein hinauf, daß es in der Luft schwebte und zappelte. ‚Warte da so lange, bis ich wiederkomme,‘ sagte der Spielmann und ging seines Weges.

Wiederum sprach er zu sich ‚Zeit und Weile wird mir hier im Walde lang; ich will einen andern Gesellen herbeiholen,‘ nahm seine Geige, und der Klang erschallte durch den Wald. Da kam ein Häschen dahergesprungen. ‚Ach, ein Hase kommt!‘ sagte der Spielmann, ‚den wollte ich nicht haben.‘ ‚Ei, du lieber Spielmann,‘ sagte das Häschen, ‚was fiedelst du so schön, das möcht ich auch lernen.‘ ‚Das ist bald gelernt,‘ sprach der Spielmann, ‚du mußt nur alles tun, was ich dich heiße.‘ ‚O Spielmann,‘ antwortete das Häslein, ‚ich will dir gehorchen, wie ein Schüler seinem Meister.‘ Sie gingen ein Stück Wegs zusammen, bis sie zu einer lichten Stelle im Wald kamen, wo ein Espenbaum stand. Der Spielmann band dem Häschen einen langen Bindfaden um den Hals, wovon er das andere Ende an den Baum knüpfte. ‚Munter, Häschen, jetzt spring mir zwanzigmal um den Baum herum,‘ rief der Spielmann, und das Häschen gehorchte, und wie es zwanzigmal herumgelaufen war, so hatte sich der Bindfaden zwanzigmal um den Stamm gewickelt, und das Häschen war gefangen, und es mochte ziehen und zerren, wie es wollte, es schnitt sich nur den Faden in den weichen Hals. ‚Warte da so lang, bis ich wiederkomme,‘ sprach der Spielmann und ging weiter.

Der Wolf indessen hatte gerückt, gezogen, an dem Stein gebissen, und so lange gearbeitet, bis er die Pfoten frei gemacht und wieder aus der Spalte gezogen hatte. Voll Zorn und Wut eilte er hinter dem Spielmann her, und wollte ihn zerreißen. Als ihn der Fuchs laufen sah, fing er an zu jammern und schrie aus Leibeskräften ‚Bruder Wolf, komm mir zur Hilfe, der Spielmann hat mich betrogen.‘ Der Wolf zog die Bäumchen herab, biß die Schnüre entzwei und machte den Fuchs frei, der mit ihm ging und an dem Spielmann Rache nehmen wollte. Sie fanden das gebundene Häschen, das sie ebenfalls erlösten, und dann suchten alle zusammen ihren Feind auf.

Der Spielmann hatte auf seinem Weg abermals seine Fiedel erklingen lassen, und diesmal war er glücklicher gewesen. Die Töne drangen zu den Ohren eines armen Holzhauers, der alsbald, er mochte wollen oder nicht, von der Arbeit abließ, und mit dem Beil unter dem Arme herankam, die Musik zu hören. ‚Endlich kommt doch der rechte Geselle,‘ sagte der Spielmann, ‚denn einen Menschen suchte ich und keine wilden Tiere.‘ Und fing an und spielte so schön und lieblich, daß der arme Mann wie bezaubert dastand, und ihm das Herz vor Freude aufging. Und wie er so stand, kamen der Wolf, der Fuchs und das Häslein heran, und er merkte wohl, daß sie etwas Böses im Schilde führten. Da erhob er seine blinkende Axt und stellte sich vor den Spielmann, als wollte er sagen ‚wer an ihn will, der hüte sich, der hat es mit mir zu tun.‘ Da ward den Tieren angst, und liefen in den Wald zurück, der Spielmann aber spielte dem Manne noch eins zum Dank und zog dann weiter.

Der Wolf und die sieben jungen Geißlein

Gebrüder Grimm

Der Wolf und die sieben jungen Geißlein

Es war einmal eine alte Geiß, die hatte sieben junge Geißlein. Sie hatte sie so lieb, wie eben eine Mutter ihre Kinder liebhat. Eines Tages wollte sie in den Wald gehen und Futter holen. Da rief sie alle sieben herbei und sprach: »Liebe Kinder, ich muß hinaus in den Wald. Seid inzwischen brav, sperrt die Türe gut zu und nehmt euch in acht vor dem Wolf! Wenn er hereinkommt, frißt er euch mit Haut und Haaren. Der Bösewicht verstellt sich oft, aber an seiner rauhen Stimme und an seinen schwarzen Füßen werdet ihr ihn gleich erkennen.«

Die Geißlein sagten: »Liebe Mutter, wir wollen uns schon in acht nehmen, du kannst ohne Sorge fortgehen.« Da meckerte die Alte und machte sich getrost auf den Weg.

Es dauerte nicht lange, da klopfte jemand an die Haustür und rief: »Macht auf, ihr lieben Kinder, eure Mutter ist da und hat jedem von euch etwas mitgebracht!« Aber die Geißlein hörten an der rauhen Stimme, daß es der Wolf war. »Wir machen nicht auf«, riefen sie, »du bist nicht unsere Mutter. Die hat eine feine und liebliche Stimme, deine Stimme aber ist rauh. Du bist der Wolf!«

Da ging der Wolf fort zum Krämer und kaufte sich ein großes Stück Kreide. Er aß es auf und machte damit seine Stimme fein. Dann kam er zurück, klopfte an die Haustür und rief: »Macht auf, ihr lieben Kinder, eure Mutter ist da und hat jedem von euch etwas mitgebracht!«

Aber der Wolf hatte seine schwarze Pfote auf das Fensterbrett gelegt. Das sahen die Kinder und riefen: »Wir machen nicht auf! Unsere Mutter hat keinen schwarzen Fuß wie du. Du bist der Wolf!«

Da lief der Wolf zum Bäcker und sprach: »Ich habe mir den Fuß angestoßen, streich mir Teig darüber!«

Als ihm der Bäcker die Pfote bestrichen hatte, lief er zum Müller und sprach: »Streu mir weißes Mehl auf meine Pfote!« Der Müller dachte, der Wolf wolle jemanden betrügen, und weigerte sich. Aber der Wolf sprach: »Wenn du es nicht tust, fresse ich dich!« Da fürchtete sich der Müller und machte ihm die Pfote weiß.

Nun ging der Bösewicht zum dritten Mal zu der Haustür, klopfte an und sprach: »Macht auf, Kinder, euer liebes Mütterchen ist heimgekommen und hat jedem von euch etwas aus dem Wald mitgebracht!«

Die Geißlein riefen: »Zeig uns zuerst deine Pfote, damit wir wissen, daß du unser liebes Mütterchen bist.«

Da legte der Wolf die Pfote auf das Fensterbrett. Als die Geißlein sahen, daß sie weiß war, glaubten sie, es wäre alles wahr, was er sagte, und machten die Türe auf.

Wer aber hereinkam, war der Wolf! Die Geißlein erschraken und wollten sich verstecken. Das eine sprang unter den Tisch, das zweite ins Bett, das dritte in den Ofen, das vierte in die Küche, das fünfte in den Schrank, das sechste unter die Waschschüssel, das siebente in den Kasten der Wanduhr. Aber der Wolf fand sie und verschluckte eines nach dem andern. Nur das jüngste in dem Uhrkasten, das fand er nicht.

Als der Wolf satt war, trollte er sich fort, legte sich draußen auf der grünen Wiese unter einen Baum und fing an zu schlafen.

Nicht lange danach kam die alte Geiß aus dem Walde wieder heim. Ach, was mußte sie da erblicken! Die Haustür stand sperrangelweit offen, Tisch, Stühle und Bänke waren umgeworfen, die Waschschüssel lag in Scherben, Decken und Polster waren aus dem Bett gezogen. Sie suchte ihre Kinder, aber nirgends waren sie zu finden. Sie rief sie nacheinander bei ihren Namen, aber niemand antwortete. Endlich, als sie das jüngste rief, antwortete eine feine Stimme: »Liebe Mutter, ich stecke im Uhrkasten!«

Da holte die Mutter das junge Geißlein aus seinem Versteck heraus, und es erzählte ihr, daß der Wolf gekommen wäre und die anderen alle gefressen hätte. Ihr könnt euch denken, wie da die alte Geiß über ihre armen Kinder geweint hat!

Endlich ging sie in ihrem Jammer hinaus, und das jüngste Geißlein lief mit. Als sie auf die Wiese kamen, lag der Wolf immer noch unter dem Baum und schnarchte, daß die Äste zitterten. Die alte Geiß betrachtete ihn von allen Seiten und sah, daß in seinem vollen Bauch sich etwas regte und zappelte. Ach, Gott, dachte sie, sollten meine armen Kinder, die er zum Nachtmahl hinuntergewürgt hat, noch am Leben sein?

Da mußte das Geißlein nach Hause laufen und Schere, Nadel und Zwirn holen. Dann schnitt die alte Geiß dem Bösewicht den Bauch auf. Kaum hatte sie den ersten Schnitt getan, da streckte auch schon ein Geißlein den Kopf heraus. Und als sie weiterschnitt, sprangen nacheinander alle sechs heraus. Sie waren alle heil und gesund, denn der Wolf hatte sie in seiner Gier ganz hinuntergeschluckt.

Das war eine Freude! Da herzten sie ihre liebe Mutter und hüpften wie Schneider bei einer Hochzeit. Die Alte aber sagte: »Jetzt geht und sucht große Steine, damit wollen wir dem bösen Tier den Bauch füllen, solange es noch im Schlafe liegt.«

Da schleppten die sieben Geißlein in aller Eile Steine herbei und steckten ihm so viele in den Bauch, als sie nur hineinbringen konnten. Dann nähte ihn die Alte in aller Geschwindigkeit wieder zu, so daß der Wolf nichts merkte und sich nicht einmal regte.

Als er endlich ausgeschlafen war, machte er sich auf die Beine. Und weil ihm die Steine im Magen großen Durst verursachten, wollte er zu einem Brunnen gehen und trinken. Als er aber anfing zu laufen, stießen die Steine in seinem Bauch aneinander und zappelten. Da rief er:

»Was rumpelt und pumpelt

In meinem Bauch herum?

Ich meinte, es wären sechs Geißelein,

Doch sind’s lauter Wackerstein.»

Und als er an den Brunnen kam und sich über das Wasser bückte und trinken wollte, da zogen ihn die schweren Steine hinein, und er mußte jämmerlich ersaufen.

Als die sieben Geißlein das sahen, kamen sie eilig herbeigelaufen und riefen laut: »Der Wolf ist tot! Der Wolf ist tot!« Und sie faßten einander an den Händen und tanzten mit ihrer Mutter vor Freude um den Brunnen herum.

Der Wolf und der Mensch

Gebrüder Grimm

Der Wolf und der Mensch

Der Fuchs erzählte einmal dem Wolf von der Stärke des Menschen, kein Tier könnte ihm widerstehen, und sie müßten List gebrauchen, um sich vor ihm zu erhalten. Da antwortete der Wolf ‚wenn ich nur einmal einen Menschen zu sehen bekäme, ich wollte doch auf ihn losgehen.‘ ‚Dazu kann ich dir helfen,‘ sprach der Fuchs, ‚komm nur morgen früh zu mir, so will ich dir einen zeigen.‘ Der Wolf stellte sich frühzeitig ein, und der Fuchs brachte ihn hinaus auf den Weg, den der Jäger alle Tage ging. Zuerst kam ein alter abgedankter Soldat. ‚Ist das ein Mensch?‘ fragte der Wolf. ‚Nein,‘ antwortete der Fuchs, ‚das ist einer gewesen.‘ Danach kam ein kleiner Knabe, der zur Schule wollte. ‚Ist das ein Mensch?‘ ‚Nein, das will erst einer werden.‘ Endlich kam der Jäger, die Doppelflinte auf dem Rücken und den Hirschfänger an der Seite. Sprach der Fuchs zum Wolf ’siehst du, dort kommt ein Mensch, auf den mußt du losgehen, ich aber will mich fort in meine Höhle machen.‘ Der Wolf ging nun auf den Menschen los, der Jäger, als er ihn erblickte, sprach ‚es ist schade, daß ich keine Kugel geladen habe,‘ legte an und schoß dem Wolf das Schrot ins Gesicht. Der Wolf verzog das Gesicht gewaltig, doch ließ er sich nicht schrecken und ging vorwärts: da gab ihm der Jäger die zweite Ladung. Der Wolf verbiß den Schmerz und rückte dem Jäger zu Leibe: da zog dieser seinen blanken Hirschfänger und gab ihm links und rechts ein paar Hiebe, daß er, über und über blutend, mit Geheul zu dem Fuchs zurücklief. ‚Nun, Bruder Wolf,‘ sprach der Fuchs, ‚wie bist du mit dem Menschen fertig worden?‘ ‚Ach,‘ antwortete der Wolf, ’so hab ich mir die Stärke des Menschen nicht vorgestellt, erst nahm er einen Stock von der Schulter und blies hinein, da flog mir etwas ins Gesicht, das hat mich ganz entsetzlich gekitzelt: danach pustete er noch einmal in den Stock, da flog mirs um die Nase wie Blitz und Hagelwetter, und wie ich ganz nah war, da zog er eine blanke Rippe aus dem Leib, damit hat er so auf mich losgeschlagen, daß ich beinah tot wäre liegen geblieben.‘ ‚Siehst du,‘ sprach der Fuchs, ‚was du für ein Prahlhans bist: du wirfst das Beil so weit, daß dus nicht wieder holen kannst.‘

Der Wolf und der Fuchs

Gebrüder Grimm

Der Wolf und der Fuchs

Der Wolf hatte den Fuchs bei sich, und was der Wolf wollte, das mußte der Fuchs tun, weil er der schwächste war, und der Fuchs wäre gerne des Herrn los gewesen. Es trug sich zu, daß sie beide durch den Wald gingen, da sprach der Wolf ‚Rotfuchs, schaff mir was zu fressen, oder ich fresse dich selber auf.‘ Da antwortete der Fuchs ‚ich weiß einen Bauernhof, wo ein paar junge Lämmlein sind, hast du Lust, so wollen wir eins holen.‘ Dem Wolf war das recht, sie gingen hin, und der Fuchs stahl das Lämmlein, brachte es dem Wolf und machte sich fort. Da fraß es der Wolf auf, war aber damit noch nicht zufrieden, sondern wollte das andere dazu haben und ging, es zu holen. Weil er es aber so ungeschickt machte, ward es die Mutter vom Lämmlein gewahr und fing an entsetzlich zu schreien und zu bIäen, daß die Bauern herbeigelaufen kamen. Da fanden sie den Wolf und schlugen ihn so erbärmlich, daß er hinkend und heulend bei dem Fuchs ankam. ‚Du hast mich schön angeführt,‘ sprach er, ‚ich wollte das andere Lamm holen, da haben mich die Bauern erwischt und haben mich weich geschlagen.‘ Der Fuchs antwortete ‚warum bist du so ein Nimmersatt.‘

Am andern Tag gingen sie wieder ins Feld, sprach der gierige Wolf abermals ‚Rotfuchs, schaff mir was zu fressen, oder ich fresse dich selber auf.‘ Da antwortete der Fuchs ‚ich weiß ein Bauernhaus, da backt die Frau heut abend Pfannkuchen, wir wollen uns davon holen.‘ Sie gingen hin, und der Fuchs schlich ums Haus herum, guckte und schnupperte so lange, bis er ausfindig machte, wo die Schüssel stand, zog dann sechs Pfannkuchen herab und brachte sie dem Wolf. ‚Da hast du zu fressen,‘ sprach er zu ihm und ging seiner Wege. Der Wolf hatte die Pfannkuchen in einem Augenblick hinuntergeschluckt und sprach ’sie schmecken nach mehr,‘ ging hin und riß geradezu die ganze Schüssel herunter, daß sie in Stücke zersprang. Da gabs einen gewaltigen Lärm, daß die Frau herauskam, und als sie den Wolf sah, rief sie die Leute, die eilten herbei und schlugen ihn, was Zeug wollte halten, daß er mit zwei lahmen Beinen laut heulend zum Fuchs in den Wald hinauskam. ‚Was hast du mich garstig angeführt!, rief er, ‚die Bauern haben mich erwischt und mir die Haut gegerbt.‘ Der Fuchs aber antwortete ‚warum bist du so ein Nimmersatt.‘

Am dritten Tag, als sie beisammen draußen waren und der Wolf mit Mühe nur forthinkte, sprach er doch wieder ‚Rotfuchs, schaff mir was zu fressen, oder ich fresse dich selber auf.‘ Der Fuchs antwortete ‚ich weiß einen Mann, der hat geschlachtet, und das gesalzene Fleisch liegt in einem Faß im Keller, das wollen wir holen.‘ Sprach der Wolf ‚aber ich will gleich mitgehen, damit du mir hilfst, wenn ich nicht fort kann.‘ ‚Meinetwegen,‘ sprach der Fuchs, und zeigte ihm die Schliche und Wege, auf welchen sie endlich in den Keller gelangten. Da war nun Fleisch im Überfluß, und der Wolf machte sich gleich daran und dachte ‚bis ich aufhöre, hats Zeit.‘ Der Fuchs ließ sichs auch gut schmecken, blickte überall herum, lief aber oft zu dem Loch, durch welches sie gekommen waren, und versuchte, ob sein Leib noch schmal genug wäre, durchzuschlüpfen. Sprach der Wolf ‚lieber Fuchs, sag mir, warum rennst du so hin und her, und springst hinaus und herein?‘ ‚Ich muß doch sehen, ob niemand kommt,‘ antwortete der Listige, ‚friß nur nicht zuviel.‘ Da sagte der Wolf ‚ich gehe nicht eher fort, als bis das Faß leer ist.‘ Indem kam der Bauer, der den Lärm von des Fuchses Sprüngen gehört hatte, in den Keller. Der Fuchs, wie er ihn sah, war mit einem Satz zum Loch draußen: der Wolf wollte nach, aber er hatte sich so dick gefressen, daß er nicht mehr durch konnte, sondern stecken blieb. Da kam der Bauer mit einem Knüppel und schlug ihn tot. Der Fuchs aber sprang in den Wald und war froh, daß er den alten Nimmersatt los war.

Der Vogel Greif

Gebrüder Grimm

Der Vogel Greif

S isch einisch e Chönig gsi, woner gregiert hat und wiener gheisse hat, weiß i nümme. De het kei Sohn gha, nummene einzige Tochter, die isch immer chrank gsi, und kei Dokter het se chönne heile. Do isch em Chönig profizeit worde, si Tochter werd se an Öpfle gsund esse. Do lot er dur sis ganz Land bchant mache, wer siner Tochter Öpfel bringe, daß se se gsund dar chönn esse, de müesse zur Frau ha und Chönig wärde. Das het au ne Pur verno, de drei Söhn gha het. Do säit er zum

elste ‚gang ufs Gade ufe, nimm e Chratte (Handkorb) voll vo dene schöne Öpfle mit rote Bagge und träg se a Hof; villicht cha se d, Chönigstochter gsund dra esse und de darfsche hürote und wirsch Chönig.‘ De Kärle hets e so gmacht und der Weg under d, Füeß gno. Woner e Zitlang gange gsi isch, begegnet es chlis isigs Manndle, das frogt ne, was er do e dem Chratte häig, do seit der tJle, denn so het er gheisse, ‚Fröschebäi.‘ Das Manndle säit druf ’no es sölle si und blibe,‘ und isch witer gange. Ändle chunt der Üle fürs Schloß un lot se anmelde, er hob Öpfel, die d, Tochter gsund mache, wenn so dervo ässe tue. Das het der Chönig grüsele gfreut und lot der tJle vor se cho, aber, o häie! woner ufdeckt, so heter anstatt Öpfel Fröschebäi e dem Chratte, die no zapled händ. Drob isch der Chönig bös worde, und lot ne zum Hus us jage. Woner häi cho isch, so verzelter dem Ätte, wies em gange isch. Do schickt der Ätte der noelst Son, de Säme gheisse het; aber dem isch es ganz glich gange wie im tJle. Es isch em halt au es chlis isigs Manndle begegnet, und das het ne gfrogt, was er do e dem Chratte häig, der Säme säit ‚Seüborst,‘ und das isigs Manndle säit ’no es söll si und blibe.‘ Woner do vor es Chönigsschloß cho isch, und säit, er heb Öpfel, a dene se d, Chönigstochter gsund chönn esse, so händ se ne nid welle ine lo, und händ gsäit, es sig scho eine do gsi und heb se füre Nare gha. Der Säme het aber aghalte, er heb gwüß dere Öpfel, se solle ne nume ine lo. Ändle hend sem glaubt, un füre ne vor der Chönig. Aber woner er si Chratte ufdeckt, so het er halt Seüborst. Das het der Chönig gar schröckele erzürnt, so daß er der Säme us em Hus het lo peütsche. Woner häi cho isch, so het er gsäit, wies em ga nge isch. Do chunt der jüngst Bueb, dem händse nume der dumm Hans gsäit, und frogt der Ätte, ob er au mit Öpfel goh dörf. ‚Jo,‘ säit do der Ätte, ‚du wärst der rächt Kerle derzue, wenn die gschite nüt usrichte, was wettest denn du usrichte.‘ Der Bueb het aber nit no glo ‚e woll, Ätte, i will au goh.‘ ‚Gang mer doch ewäg, du dumme Kerle, du muest warte, bis gschiter wirsch,‘ säit druf der Pitte und chert em der Rügge. Der Hans aber zupft ne hinde am Chittel, ‚e woll, Ätte, i will au goh.‘ ‚No minetwäge, so gang, de wirsch woll wieder ome cho,‘ gitt der Ätte zur Antwort eme nidige Ton. Der Bueb hat se aber grüsele gfreut und isch ufgumpee. ‚Jo‘ tue jetz no wiene Nar, du wirsch vo äim Tag zum andere no dümmer,‘ säie der Pitte wieder. Das het aber im Hans nüt gmacht und het se e siner Freud nid lo störe. Wils aber gli Nacht gsi isch, so het er dänkt, er well warte bis am Morge, er möcht hüt doch nümme na Hof gcho. Z, Nacht im Bett het er nid chönne schloffe, und wenn er au ne ihli igschlummert isch, so hets em traumt vo schöne Jumpfere, vo Schlößern, Gold und Silber und allerhand dere Sache meh. Am Morge früe macht er se up der Wäg, und gli drufe bchuntem es chlis mutzigs Manndle, eme isige Chläidle, un frogt ne, was er do e dem Chratte häig. Der Hans gitt em zur Antwort, er heb Öpfel, a dene d, Chönigstochter se gsund äße sött. ‚No,‘ säit das Manndle, ‚es sölle söttige (solche) si und blibe.‘ Aber am Hof händ se der Hans partu nit welle ine lo, denn es sige scho zwee do gsi und hebe gsäit, se bringe Öpfel, und do heb äine Fröschebäi und der ander Seüborst gha. Der Hans het aber gar grüsele aghalte, er heb gwöß kene Fröschebäi, sondern von de schönste Öpfle, die im ganze Chönigreich wachse. Woner de so ordele gredt het, so dänke d‘ Törhüeter, de chönn nid lüge, und lönde ine, und se händ au rächt gha, denn wo der Hans si Chratte vor em Chönig abdeckt, so sind goldgäle Öpfel füre cho. De Chönig het se gfreut, und lot gli der Tochter dervo bringe, und wartet jetzt e banger Erwartig, bis menem der Bericht bringt, was se für Würkig to hebe. Aber nid lange Zit vergot, so bringt em öpper Bricht: aber was meineder, wer isch das gsi? d‘ Tochter selber isch es gsi. So bald se vo dene Öpfel ggäße gha het, isch e gsund us em Bett gsprunge. Wie der Chönig e Freud gha het, chame nid beschribe. Aber jetz het er d‘ Tochter dem Hans nid welle zur Frau ge un säit, er müeß em zerst none Wäidlig (Nachen) mache, de ufem drochne Land wäidliger geu as im Wasser. Der Hans nimint de Betingig a und got häi und verzelts, wies eme gangen seig. Do schickt der Ätte der Üle is Holz, um se söttige Wäidlig z‘ mache. Er hat flißig gewärret (gearbeitet) und derzue gpfiffe. Z‘ Mittag, wo d‘ Sunne am höchste gstande isch, chunt es chlis isigs Manndle und frogt, was er do mach. Der Üle gitt em zur Antwort ‚Chelle (hölzernes Gerät).‘ Das isig Manndle säit ’no es sölle si und blibe.‘

Z‘ Obe meint der Üle, er heb jetz e Wäidlig ginacht, aber woner het welle isitze, so sinds alles Chelle gsi. Der anner Tag got der Säme e Wald, aber s‘ isch em ganz gliche gange wie im Üle. Ain dritte Tag got der dumm Hans. Er schafft rächt flißig, daß es im ganze Wald tönt vo sine chräftige Schläge, derzue singt er und pfift er rächt lustig. Da chunt wieder das chli Manndle z‘ Mittag, wos am heißeste gsi isch, und frogt, was er do mach. ‚E Wäidlig, de uf em drochne Land wäidliger got as uf em Wasser,‘ und wenn er dermit fertig seig, so chom er d, Chönigstochter zur Frau über. ‚No,‘ säit das Manndle, ‚es söll e so äine ge und bliebe.‘ Z, Obe, wo d, Sunne aber z, Gold gange isch, isch der Hans au fertig gsi mit sim Wäidlig und Schiff und Gscher. Er sitzt i und ruederet der Residenz zue. Der Wäidlig isch aber so gschwind gange wie der Wind. Der Chönig hets von witen gseh, will aber im Hans si Tochter nonig ge und säit, er müeß zerst no hundert Haase hüete vom Morge früeh bis z, Obe spot, und wenn em äaine furt chömm, so chömm er d, Tochter nit über. Der Hans isch e des z‘ friede gsi, und gli am andre Tag got er mit siner Herd auf d, Wäid und paßt verwändt uf, daß em keine dervo laufe. Nid mänge Stund isch vergange, so chunt e Magd vom Schloß und säit zum Hans, er söll ere gschwind e Haas ge, so hebe Wisite über cho. Der Hans hett aber woll gmerkt, wo das use will, und säit, er gäb e keine, der Chönig chön denn morn siner Wisite mit Haasepfäffer ufwarte. D, Magd het aber nid no glo und am 2ind fot so no a resniere. Do säit der Hans, wenn d‘ Chönigstochter selber chömm, so woll er ene Haas ge. Dat het d, Magd im Schloß gsäit, und d‘ Tochter isch selber gange. Underdesse isch aber zum Hans das chli Manndle wieder cho und frogt der Hans, was er do tüej. ‚He, d o müeß er hundert Haase hüete, daß em käine dervo lauf, und denn dörf er d‘ Chönigstochter hürote und wäre Chönig.‘ ‚Guet,‘ säit das Manndle, ‚do hesch e Pfifle, und wenn der äine furtlauft, so pfiff nume, denn chunt er wieder ume.‘ Wo do d‘ Tochter cho isch, so gitt ere der Hans e Haas is Fürtüchle. Aber wo se öppe hundert Schritt wit gsi isch, so pfift der Hans, und der Haas springt ere us em Schäubele use und, was gisch was hesch, wieder zu der Herd. Wo’s Obe gsi isch, so pfift de Haasehirt no emol und luegt, ob alle do sige, und treibt se do zum Schloß. Der Chönig het se verwunderet, wie au der Hans im Stand gsi seig, hundert Haase z, hüete, daß em käine dervo glofe isch; er will em aber d, Tochter äine weg nonig ge, und säit, er müeß em no ne Fädere us d, Vogelgrife Stehl bringe. Der Hans macht se grad uf der Wäg und marschiert rächt handle vorwärts. Z, Obe chunt er zu neme Schloß, do frogt er umenes Nachtlager, denn sälbesmol het me no käine Wirtshüser gha, das säit em der Herr vom Schloß mit vele Freude zue und frogt ne, woner he well. Der Hans git druf zur Antwort ‚zum Vogelgrif.‘ ‚So, zum Vogelgrif, me säit ame, er wuß alles, und i hane Schlössel zue nere isige Gäldchiste verlore: ehr chöntet doch so guet si und ne froge, woner seig.‘ ‚Jo frile,‘ säit der Hans, ‚das wili scho tue.‘ Am Morgen früe isch er do witer gange, und chunt unterwägs zue mene andere Schloß, i dem er wieder übernacht blibt. Wo d, Lüt drus verno händ, daß er zum Vogelgrif well, so säge se, es sig im Hus ne Tochter chrank, und se hebe scho alle Mittel brucht, aber es well kais aschlo, er söll doch so guet si und der Vogelgrif froge, was die Tochter wieder chön gsund mache. Der Hans säit, das weller gärn tue, und goht witer. Do chunt er zue emne Wasser, und anstatt eme Feer isch e große große Ma do gsi, de alle Lüte het müesse übere träge. De Ma het der Hans gfrogt, wo sie Räis ane geu. ‚Zum Vogelgrif,‘ säit der Hans. ‚No, wenn er zue ume chömt,‘ säit do de Ma, ’sö froget ne an, worum i all Lüt müeß über das Wasser träge.‘ Do säit der Hans ‚jo, min Gott jo, das wili scho tue.‘ De Ma het ne do uf d, Achsle gno und übere träit. Ändle chunt do der Hans zum Hus vom Vogelgrif, aber do isch nume d‘ Frau dehäime gsi und der Vogelgrif sälber nid. Do frogt ne d, Frau, was er well. Do het ere der Hans alles verzelt, daß ere Fädere sölt ha us s, Vogelgrife Stehl, und denn hebe se emene Schloß der SchIüssel zue nere Gäldchiste verlore, und er sött der Vogelgrif froge, wo der Schlüssel seig; denn seig eme andere Schloß e Tochter chrank, und er söt wüße, was die Tochter chönt gsund mache; denn seig nig wid vo do es Wasser und e Ma derbi, de d, Lüt müeß übere träge, und er möcht au gern wüsse, worum de Mall all Lüt mueß übere träge. Do säit di Frau ‚ja lueget, mi guete Fründ, s, cha käi Christ mit em Vogelgrif rede, er frißt se all; wenn er aber

wänd, so chönneder under sis Bett undere ligge, und z,Nacht, wenn er rächt fest schloft, so chönneder denn use länge und em e Fädere usem Stehl riße; und wäge dene Sache, die ner wüße söttet, will i ne sälber froge.‘ Der Hans isch e das alles z, friede gsi und lit unders Bett undere. Z, Obe chunt der Vogelgrif häi, und wiener i d, Stube chunt, so säit er ‚Frau, i schmöke ne Christ.‘ ‚Jo,‘ säit do d, Frau, ’s‘ isch hüt äine do gsi, aber er isch wieder furt;‘ und mit dem het der Vogelgrif nüt me gsäit. Z, mitzt e der Nacht, wo der Vogelgrif rächt geschnarchlet het, so längt der Hans ufe und rißt em e Fädere usem Stehl. Do isch der Vogelgrif plötzle ufgjuckt und säit ‚Frau, i schmöke ne Christ, und s‘ isch mer, s‘ heb me öpper am Stehl zehrt.‘ Do säit d‘ Frau ‚de hesch gwüß traumet, und i ho der jo hüt scho gsäit, s‘ isch e Christ do gsi, aber isch wieder furt. Do het mer allerhand Sache verzellt. Si hebe ime Schloß der Schlüssel zue nere Gäldchiste verlore und chönnene numme finde.‘ ‚O die Nare,‘ säit der Vogelgrif, ‚de Schlüssel lit im Holzhus hinder der Tör undere Holzbig.‘ ‚Und denn het er au gsäit, imene Schloß seig e Tochter chrank und se wüße kais Mittel für se gsund z‘ mache.‘ ‚O die Nare,‘ säit der Vogelgrif, ‚under der Chällerstäge het e Chrot es Näscht gmacht von ere Hoore, und wenn se die Hoor wieder het, so wers se gsund.‘ ‚Und denn het er au no gsäit s, sig amene Ort es Wasser un e Ma derbi, der müeß all Lüt drüber träge.‘ ‚O de Nar,‘ säit de Vogelgrif, ‚täter nome emol äine z, mitzt dri stelle, er müeßt denn käine me übere träge.‘ Am Morgen frue isch der Vogelgrif uf gstande und isch furt gange. Do chunt der Hans underem Bette füre und het e schöne Fädere gha; au het er ghört, was der Vogelgrif gsäit het wäge dem Schlüssel und der Tochter und dem Ma. D, Frau vom Vogelgrif het em do alles no nemol verzellt, daß er nüt vergäße, und denn isch er wieder häi zue gange. Zerst chunt er zum Ma bim Wasser, de frogt ne gli, was der Vogelgrif gsäit heb, do säit der Hans, er söll ne zerst übere träge, es well em,s denn däne säge. Do träit ne der Ma übere. Woner däne gsi isch, so säit em der Hans, er söllt nume äinisch äine z, mitzt dri stelle, er müeß denn käine me übere träge. Do het se de Ma grüsele gfreut und säit zum Hans, er well ne zum Dank none mol ume und äne trage. Do säit der Hans näi, er well em die Müeh erspare, er seig sust mit em z’friede, und isch witer gange. Do chunt er zue dem Schloß, wo die Tochter chrank gsi isch, die nimmt er do uf d, Achsle, denn se het nit chönne laufe, und träit se d, Chellerstäge ab und nimmt das Chrotenäscht under dem underste Tritt füre und gits der Tochter i d, Händ, und die springt em ab der Achsle abe und vor im d, Stäge uf, und isch ganz gsund gsi. Jetz händ der Vater und d, Mueter e grüsliche Freud gha und händ dem Hans Gschänke gmacht vo Gold und Silber: und was er nume het welle, das händ sem gge. Wo do der Hans is ander Schloß cho isch, isch er gli is Holzhus gange, und het hinder der Tör under der Holzbige de Schlüssel richtig gfunde, und het ne do dem Herr brocht. De het se au nid wenig gfreut und het dem Hans zur Belohnig vill vo dem Gold gge, das e der Chiste gsi isch, und sust no aller derhand für Sache, so Chüe und Schoof und Gäiße. Wo der Hans zum Chönig cho isch mit deme Sache alle, mit dem Gäld und dem Gold und Silber und dene Chüene, Schoofe und Gäiße, so frogt ne der Chönig, woner au das alles übercho heb. Do säit der Hans, der Vogelgrif gäb äin, so vill me well. Do dänkt der Chönig, er chönt das au bruche und macht se au uf der Wäg zum Vogelgrif, aber woner zue dem Wasser cho isch, so isch er halt der erst gsi, der sid em Hans cho isch, und de Ma stellt e z, mitzt ab und goht furt, und der Chönig isch ertrunke. Der Hans het do d, Tochter ghürotet und isch Chönig worde.