9. Ida von der Toggenburg

9. Ida von der Toggenburg

Rheinaufwärts vom Bodensee liegt die Toggenburg, der nach ihr genannten Grafen uralter Stammsitz. Darinnen wohnte eine fromme Gräfin, Ida geheißen, aus dem Stamme derer von Kirchberg. Da geschah es eines Tages, daß sie ihren Brautring in das offne Fenster legte und die Sonne darauf schien, daß er hell blitzte. Ein Rabe sah den Ring, schoß daher, erfaßte ihn mit seinem Schnabel und trug ihn fort in sein Nest. Wohl vermißte die Gräfin ihren Ring, doch fürchtete sie ihres heftigen Gemahls Zorn, wenn sie den Verlust ihm melde, und daher schwieg sie. Nach einiger Zeit fand ein Jäger oder sonst ein Diener im Walde des Raben Nest und in dem Nest den Ring der Herrin, ohne daß er wußte, wem der Ring gehörte, steckte ihn an seinen Finger und trug ihn sonder Scheu. Da sah und erkannte der Graf seiner Gemahlin Ring, den er ihr selbst gegeben, am Finger des Knechts, glaubte sie treulos, ließ alsbald den unschuldigen jungen Gesellen am Schweif eines wilden Pferdes den felsigen Burgweg hinab zu Tode schleifen und warf die ebenso unschuldige Gemahlin vom Söller des Palas hinab in den waldigen Felsenabgrund. Aber Engel schirmten die Unschuld; sanft sank Ida, von unsichtbaren Händen getragen, durch schützendes Gezweig auf weiches Moos. Inbrünstig dankte sie den Heiligen für ihre wunderbare Rettung und wandelte weit von der Burg hinweg in eine unwegsame Wildnis. Dort erbaute sie sich eine Hütte von Gezweig und lebte als Einsiedlerin nur dem Gebet und der Andacht. Wasser war ihr Getränk, Waldbeeren und Wurzeln waren ihre Nahrung. Bald darauf sagte ein Diener dem Grafen von seines Mitgesellen Ringfund im Rabennest, und nun lastete seine Tat schwer auf des Grafen Seele. Einstmals verirrte sich unversehens ein Jäger des Grafen in diese Waldeinöde und fand die Einsame. Schnell trug er diese Kunde zu seinem Herrn, der längst jene übereilte Tat eines doppelten Mords ohne Verhör und Richterspruch bereute, und der Graf eilte zu der Einsiedlerin, wollte sie wieder hinauf in sein Schloß führen und erflehte ihre Vergebung. Aber Ida ließ sich nimmer bewegen. Der Graf von Toggenburg nahm das Kreuz, entbot seine Dienstmannen rings im Schweizerlande und zog mit ihnen, zur Büßung und Entsühnung seiner Tat, nach dem Heiligen Lande, dort gegen die Ungläubigen zu fechten. Dort kämpfte er mit in großen Schlachten und machte seinen Namen gefürchtet – aber es zog ihn die mächtige Sehnsucht im Busen immer wieder nach der Heimat zurück; immer noch hoffte er, Ida werde sich wieder mit ihm einigen, denn nie hatte er sie mehr geliebt, als seit er sie wiedergefunden. Und nach einem Jahre schiffte er wieder der Heimat zu. Aber da er nach Ida fragte, ward ihm die Kunde, daß sie im Kloster Fischingen den Schleier genommen und dort lebe, still und heilig. Da tat der Graf sich allen ritterlichen Geschmuckes ab, hing Wehr und Waffen in seine Kapelle und pilgerte hinab gen Fischingen als armer Einsiedler, erkor sich einen Platz in der Nähe des Klosters, darin lebte, büßte und betete der Graf, bis er starb.

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99. Die Frau von Stein

99. Die Frau von Stein

Auf dem Schlosse Stein im Nahetale wohnte eine edle Herrin des gleichen Namens, die war eine Witwe und hatte einen gar mannlichen und ritterlichen Herrn zum Gemahl gehabt. Von dem hatte sie vier blühende Töchter und zwei Söhne, die hatten auch bereits den Ritterschlag empfangen, die vier Töchter aber waren alle vermählt, und jeder ihr Gemahl war auch ein Ritter, untadelig und wohlgetan. Da gab einstens die edle Frau von Stein ihren Söhnen, Eidamen und Töchtern ein stattlich Gastmahl, und hatte außer diesen niemand dazu geladen, und waren bei Tische alle fröhlich und guter Dinge, und da sprach die Frau von Stein: Vier biedere Ritter zu Eidamen, zwei biedere Ritter zu Söhnen, vier brave blühende Töchter! Und eines herrlichen Ritters Witwe! Welche Witwe kann, gleich mir, sich solchen Glückes rühmen? Dieser Ehren ist allzuviel, deren ich teilhaft worden! – Die Söhne, Töchter und Eidame vernahmen der Mutter Wort, priesen sie als die glücklichste Witwe des Reichs und ließen auf der Mutter Wohl und langes Leben die Becher freudig aneinanderklingen. Nach einer Weile verließ die Frau von Stein ihren Sitz, als wolle sie draußen noch etwas befehlen oder anordnen … und die Versammelten plauderten lange, ehe ihnen auffiel, daß ja die Mutter gar nicht wiederkam. Vielleicht habe sie sich ein wenig zum Schlummer niedergelegt, vermuteten die Töchter und sahen leise in ihr Schlafklosett, die Frau von Stein war aber nicht darin. Das Gesinde ward befragt, aber keins hatte die Frau hinweggehen sehen – und niemand hat je erfahren, wohin sie gegangen, und niemand hat sie jemals wiedergesehen, denn nimmer kam sie wieder.

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999. Irmentritt

999. Irmentritt

In dem Tale der Saal, hart unterm Watzmann, der Stuhlwand und dem Steinernen Meer, liegt der Gebirgsort Saalfelden und nahe dabei ein Schloß, Dorfheim genannt, das hieß früher der Turm zu Dorf, und alldort wohnte eine Familie des Namens von Hund oder Hunt. Und eine so benamte Familie mag wohnen, wo sie will, so wird ihrem Ursprung die Sage nachfolgen, und sollt‘ es wie hier in einen von ewigem Schnee überhangenen Gebirgswinkel sein. Hier lebte Ritter Isenbart, der zugleich ein Isegrim war, mit seiner Gemahlin Irmentritt, welche einst einer mit Zwillingen gesegneten Bettlerin allzu nahe trat, sie unzart verhöhnend, und dafür der Bettlerin Fluch empfing, daß sie, wie sie über die zwei auf einmal spotte, nun ehebaldigst der Kinder zwölf auf einmal gebären solle. Dieses geschah auch wirklich zu einer Zeit, als Isenbart sich auf der Gemsenjagd befand und um die Kogel zwischen der Stuhlwand und dem Watzmann herumkletterte, welche man Hundstod nennt und also auf den Karten verzeichnet findet. Solches geschah im Jahre 887, und die Zwölfgebärerin war in großen Ängsten. Es erfolgte daher der Beschluß, daß die Magd elf der Kindlein von bannen tragen und in der Saal ersäufen solle, wenn aber Ritter Isenbart sie betrete, solle sie sagen, sie trage junge Hündlein. Nun begab sich alles wie da und dort bis zum Schluß, und Frau Irmentritt stürzte tot von ihrem Sessel nieder, als der Graf ihr den großen Fehltritt zürnend vorhielt. Die heimlich auferzogenen Knäblein aber empfingen allzumal den Namen Hund und blieben im Besitz des Turms, ließen auch die ganze Stammsage in ihren Rittersaal malen, desgleichen auch einen ihres Geschlechts, der 1392 mit einem riesigen Kämpen, Jakob Kainspieß genannt, zu Hall im Inntal stritt, dessen Sieger ward und ihn in Fesseln legte. Nachderhand ist das getürmte Schloß an die Herren Lärzer von Zehendthal gekommen.

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1000. König Watzmann

1000. König Watzmann

Südöstlich von Salzburg streckt, mit ewigem Schnee bedeckt, hoch über sieben niedrigere Zinken ein Berg zwei riesige Zackenhörner gen Himmel, das ist der über neuntausend Fuß hohe Watzmann. Von ihm erzählt das umwohnende Volk aus grauen Zeiten her diese Sage.

Einst, in undenklicher Frühzeit, lebte und herrschte in diesen Landen ein rauher und wilder König, welcher Watzmann hieß. Er war ein grausamer Wüterich, der schon Blut getrunken hatte aus den Brüsten seiner Mutter. Liebe und menschliches Erbarmen waren ihm fremd, nur die Jagd war seine Lust, und da sah zitternd sein Volk ihn durch die Wälder toben mit dem Lärm der Hörner, dem Gebell der Rüden, gefolgt von seinem ebenso rauhen Weibe und seinen Kindern, die zu böser Lust auferzogen wurden. Bei Tag und bei Nacht durchbrauste des Königs wilde Jagd die Gefilde, die Wälder, die Klüfte, verfolgte das scheue Wild und vernichtete die Saat und mit ihr die Hoffnung des Landmanns. Gottes Langmut ließ des Königs schlimmes Tun noch gewähren. Eines Tages jagte der König wiederum mit seinem Troß und kam auf eine Waldestrift, auf welcher eine Herde weidete und ein Hirtenhäuslein stand. Ruhig saß vor der Hütte die Hirtin auf frischem Heu und hielt mit Mutterfreude ihr schlummerndes Kindlein in den Armen. Neben ihr lag ihr treuer Hund, und in der Hütte ruhte ihr Mann, der Hirte. Jetzt unterbrach der tosende Jagdlärm den Naturfrieden dieser Waldeinsamkeit; der Hund der Hirtin sprang bellend auf, da warf sich des Königs Meute alsobald auf ihn, und einer der Rüden biß ihm die Kehle ab, während ein anderer seine scharfen Zähne in den Leib des Kindleins schlug und ein dritter die schreckenstarre Mutter zu Boden riß. Der König kam indes nahe heran, sah das Unheil und stand und lachte. Plötzlich sprang der vom Gebell der Hunde, dem Geschrei des Weibes erweckte Hirte aus der Hüttentüre und erschlug einen der Rüden, welcher des grausamen Königs Lieblingstier war. Darüber wütend fuhr der König auf und hetzte mit teuflischem Hussa Knechte und Hunde auf den Hirten, der sein ohnmächtiges Weib erhoben und an seine Brust gezogen hatte und verzweiflungsvoll erst auf sein zerfleischtes Kind am Boden und dann gen Himmel blickte. Bald sanken beide zerrissen von den Ungetümen zu dem Kinde nieder; mit einem schrecklichen Fluchschrei zu Gott im Himmel endete der Hirte, und wieder lachte und frohlockte der blutdürstige König. Aber alles hat ein Ende und endlich auch die Langmut Gottes. Es erhob sich ein dumpfes Brausen, ein Donnern in Höhen und Tiefen, in den Bergesklüften ein wildes Heulen, und der Geist der Rache fuhr in des Königs Hunde, die fielen ihn jetzt selbst an und seine Königin und seine sieben Kinder und würgten alle nieder, daß ihr Blut zu Tale rann, und dann stürzten sie sich von dem Berge wütend in die Abgründe. Aber jener Leiber erwuchsen zu riesigen Bergen, und so steht er noch, der König Watzmann, eisumstarrt, ein marmorkalter Bergriese, und neben ihm, eine starre Jacke, sein Weib, und um beide die sieben Zinken, ihre Kinder – in der Tiefe aber hart am Bergesfuß ruhen die Becken zweier Seen, in welche einst das Blut der grausamen Herrscher floß, und der große See hat noch den Namen Königssee, und die Alpe, wo die Hunde sich herabstürzten, heißt Hundstod, und gewann so König Watzmann mit all den Seinen für schlimmste Taten den schlimmsten Lohn und hatte sein Reich ein Ende.

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I. Name


I. Name

Daß das Wort Elfe den allgemeinsten Ausdruck unserer Sprache für jene geisterhaften Wesen enthalte, geht aus der Betrachtung jeder einzelnen deutschen Mundart hervor. Erst später sind einschränkende Bestimmungen hinzugetreten oder die Benennung hat sich verloren.

1. Der hochdeutschen Sprache gebührt die Form alp, welches einfache Wort zwar in keinem einzigen alten Denkmal vor dem 13ten Jahrhundert anzutreffen ist, unstreitig bloß, weil es an Veranlassung fehlte, eines heidnischen, von den Schriftgelehrten verachteten Begriffs Meldung zu tun. Der Ausdruck muß aber von uralter Zeit her gang und gäbe gewesen sein. Eine Menge männlicher und weiblicher Eigennamen sind mit ihm gebildet und zusammengesetzt: Alpinc, Alpirìh, Alpkôz, Alpkast, Alphart, Alpkêr, Alpwin, Alphâri, Alptac, Alphilt, Alplint, Alploug, Alpsuint, Westralp, woraus zugleich erhellt, daß man sich dabei nichts Böses noch Gehässiges dachte.

Die mittelhochdeutschen Dichter bedienen sich des Ausdrucks hin und wieder, wenn gleich im ganzen selten. Gewöhnlich steht die männliche Form. In dem alten Meistergesangbuch 37b ruft ein Dichter Gott an: got unde niht alp! Gott, kein Truggeist! Ungewiß ist im Parc. 46a zer wilder albe klûsen, welches zwar heißen kann: zur Klause wilder Geister, aber auch zur wilden Alpklause, Bergklause (vgl. Barl. 194. gein den wilden alben und Parc. 62a zer wilden muntâne.) Deutlicher gehen folgende Stellen auf den Geist.

Ein fahrender Schüler (Altd. Wäld. II. 55.) nennt ein Mittel: guot vür den alp. Die meisten Anspielungen stehen in dem noch ungedruckten Gedichte Ruodigers von zwein Gesellen (Königsberg. Handschr.) 12a

dich hat geriten der mar,
ein elbischez âs.
dû solt daz übele getwâs
mit dem kriuze vertrîben;
sêt, daz hât man von iu wîben,
swenne uns mannen iht geschehe,
daz ir immer des jehet:
uns triege der alp.

und gleich darauf:

dir enhät nieman niht getân
wan so vil, daz dich zoumet
ein alp, davon dir troumet;
der var der sunnen haz!

Die letzte Zeile ist eine auch sonst gebrauchte Verwünschungsformel. Und 14b:

in bedûhte, daz er vlüge,
oder daz in lihte trüge
ein alp in sime troume.
ez gezame michel baz,
daz dû mit zühten läges
unt solher ruowe pfläges,
als ûf dem beite wäre
den elbischir gebare.

In der letzten Zeile steckt ein Fehler, vielleicht ist zu lesen:

dem elbischen gebäre

und das voraus gehende ûf der beite scheint zu bedeuten: etwas erwarten, einem Ding auf der Lauer sein.

Ferner 16d:

ich sehe wol, daz dû elbisch bist;
ein elbische ungehiure!
sprach sie, dû sist verwâzen!

d. i. verflucht seist du, du elbisches Ungeheuer!

18a:

nû sagâ mir, elbischez getwàs
vil rehte dînen namen.

In einem andern Gedicht (Altes Meistergesangbuch 2b):

elbe triegent niht so vil junge
unde alte, alsô ez mich tuot.

Herbort (trojan. Krieg 84c) redet von elbischem viure (Irrlichtern?); statt der alp scheint er aber das Neutrum daz alp oder elbe, Pl. diu elber zu brauchen (daselbst 5d):

diu elber triegent mich
unreinez getwâs!

wie man schon früher neben dem männlichen der tiuvel auch daz tiuvel, Pl. diu tiuvler (althochdeutsch diufilir Otfr. III. 14, 103) sagte. Sonst wird der christliche, männlich gedachte Teufel in der altdeutschen Sprache gern weiblich, weil unserm Volksglauben der Begriff Unholdin, Hexe geläufiger war, als der des bösen Feindes und Zauberers. Ulfilas sagt lieber unhulthô als unhultha und in althochd. Denkmälern (hymn. XXIV, 3. gloss. Ker. 85) wird diabolus statt durch das Masc. unholdo durch das Fem. únholdâ übersetzt. Deutsche Märchen legen dem Teufel wenigstens seine Großmutter bei und der böse Geist Grendel im angelsächsischen Gedicht hat seine noch ärgere Mutter zur Seite. Desto weniger kann befremden, daß zuweilen das Fem. diu alp, Gen. der elbe vorkommt. Heinrich von Mörungen singt (M. S. I. 50b):

von der elbe wirt entsehen vil maniger man,
alsô wart ich von grôzer liebe entsehen,

d. h. von der Alb wird es manchen Leuten angetan, so ist es mir angetan worden von der Liebe. Die Bedeutung von entsehen bestätigt folgende Stelle aus dem ungedruckten Eraclius Z. 3329-35.

ich sage iu guotiu märe,
sprach diu alte, do sie sie ersach,
iuwers kindes ungemach
kan ich wol vertriben,
hie geredet under uns wiben,
ich hân in gesegent, er was entsehen,
im sol arges niht geschehen.

Neben dieser beschränkten Bedeutung von nächtlichem, die Menschen reitendem Gespenst, mag noch die ältere und ursprünglich allgemeinere für Geist überhaupt bestanden haben, wie sich teils aus dem Elberich der Nibelungen und des Heldenbuchs, teils aus einer Stelle in der Verdeutschung der Ovidischen Metamorphosen (Buch VI Cap. 9.) folgern läßt, wo der Ausdruck die Elben und Elbinnen vorkommt. Wahrscheinlich hat ihn Wikram in dem durch ihn umgearbeiteten Werke Albrechts von Halberstadt bereits vorgefunden.

Heutzutage dauert in Deutschland bloß der Aberglaube von dem Reiten und Drücken des Alps mit dem alten Namen fort; was sonst von den Geistern zu erzählen ist, wird den Zwergen, Wichteln zugeschrieben, nicht den Elben, wiewohl dieser Ausdruck selbst noch in den spätern Hexenprozessen mitunter gebraucht zu werden scheint.8

Der unhochdeutsehen, nie unter dem Volk gebräuchlichen, Wortform Elfen hätten wir uns enthalten, wenn sie nicht von den Dichtern des vorigen Jahrhunderts in Übersetzungen aus dem Englischen, ohne die Eigenheit unserer Mundart zu beachten, angenommen und nun einmal eingeführt worden wäre.

2. Aus der deutschen Sprache haben auch die Franzosen das Wort Alb für Geist übernommen, sie verwandelten es aber nach ihrem Organ in Aube, nämlich so muß der in einer altfranzösischen Volkssage auftretende Auberon, später Oberon, verstanden werden. Er entspricht etwa unserm Elberich und hat ganz das Wesen der gutmütigen Elfen. Aus dieser altfranzösischen Quelle haben die englischen Dichter ihren Elfenkönig Oberon geschöpft, den sie schicklicher in einen Elfric übersetzt haben würden, da Ob nichts anderes als das englische Elf bedeutet.

3. In angelsächsischen Denkmälern begegnet sowohl das einfach älf als die Zusammensetzungen älfric, älfrêd usw. Fürs Fem. gilt älfen, Gen. älfenne. Über die ältere, weitere Bedeutung kann kein Zweifel sein; mägälf und älfscîne werden in den Dichtungen auch als Epitheta von Menschen gebraucht (Cädm. 40. 58, Beov. 194. Ind. 9.). Sagen selbst scheinen nicht erhalten. In den Handschriften finden sich wohl die Ausdrücke dûnälfenne (monticolae, castalides), feldälfenne (moïdés, hamadryades), muntälfenne (oreades) saeälfenne (najades) vudälfenne (dryades), die jedoch mehr zur Übersetzung der griechischen Wörter gebildet scheinen, als uns Unterscheidungen einheimischer Geister lehren. Spätere altenglische Dichter enthalten dafür genug Beispiele von lebendiger Fortdauer des Worts und der Sache. Es wird hinreichen ihrer einige aus den Canterbury tales hier folgen zu lassen.

5174.

the mother was an elve by aventure
ycome by charmes or by sorcerie.

6442.

the elfquene with hire joly compagnie
danced ful oft in many a grene mede,
this was the old opinion, as I rede,
I speke of many hundred yeres ago,
but now can no man see non elves mo.

13718. 13720. 13724. an elfquene, 13633. se semeth elvish by his contenance. 16219. elvish craft 16310 elvish nice. Eine Menge anderer stehen bei Spenser und Shakespeare,9 nach und nach ist der ungefähr gleichbedeutige Name fairy gebräuchlicher worden.

Wiewohl nun jenes elf zuweilen völlig den Sinn des spätem, hochdeutschen Alp hat und elvish gerade so den von phantastisch, so gibt es doch auch eine Reihe echter Elfensagen unter dem alten Namen, ohne solche Beschränkung auf bloße Zauberei.

4. Am reinsten und in der ursprünglichen ausgedehnten Bedeutung haben die nordischen Sagen und Gedichte diese Benennung erhalten. Altnordisch âlfr, Pl. âlfar; schwedisch elf, Pl. elfar, woneben häufig der weibliche Pl. elfvor gebraucht wird; dänisch elv, Pl. elve, in Zusammensetzungen heutzutage ellefolk, ellekone, ellekonge statt elvefolk usw.; aus welchem ellekonge durch ein Mißverständnis die unrichtige deutsche Übersetzung Erlkönig entsprungen ist, da der Name des Geists mit dem des Baums Erle, dänisch eile, altnordisch elni (alnus) nichts zu schaffen hat.

5. Die Urbedeutung des Namens alp, älf, âlfr hängt wahrscheinlich mit dem lateinischen albus (weiß) zusammen, vergleiche das griech. αλφιτον (Mehl), αλφιτω, ein weibliches Gespenst, vor dem sich die Kinder fürchteten (weiße Frau?); nicht aber mit dem latein. alpes (Berge). Sie berührt sich auch mit dem allgemeinen Flußnamen Elbe, elf, albis (französ. aube), ohne daß man daraus zu schließen braucht, die Elfen seien Wassergeister, was sie nur zuweilen sind.

  1. Vgl. Pomarios colleg. synopt. phys. disp. 15. sent. 23. 24. 26. und Prätorius Weltbeschreib. I, 181. 182.
  2. Der Shakespearischen Elfen Eigentümlichkeiten, an denen der Dichter einen nicht geringen Anteil haben mag, obgleich er im ganzen den Glauben des Volks zu Grund gelegt hat, findet man zusammengestellt von Voß in den Anmerkungen zum Sommernachtstraum. S. 509-511.

II. Abstufung und Verschiedenheit


II. Abstufung und Verschiedenheit

Die Sagen, welche die Elfen als vom Himmel verstoßene, der Hölle halb verfallene Engel, eben deshalb als halb teuflische Wesen schildern,10 haben einen Gegensatz, der schon vorhanden war, in christlicher Ansicht erklärt, schwerlich aber erst geschaffen.

Die Edda unterscheidet weiße, leuchtende Elfen des Lichts und schwarze Elfen der Finsternis, nicht als gute und böse, sondern um sie als Geister der verschiedenen Regionen des leuchtenden Himmels und der dunklen Erde zu bezeichnen. Deutlich wird dies daraus, daß sie die schwarzen Elfen zugleich Zwerge nennt (so wie auch ein Zwerg in den Kenningar den Namen âlfr führt), denn dies ist der besondere Ausdruck für die in den dunklen Berghöhlen wohnenden und hausenden Unterirdischen. Die Lichtelfen von reiner Farbe erscheinen fast durchsichtig, ganz ätherisch, mit weißen, silberschimmernden Kleidern, wie in den irischen Märchen. In deutschen Sagen (Nr. 10 und 11.) sitzen sie als schneeweiße Jungfrauen im Sonnenschein, zeigen sich um Mittag (Nr. 12.) und dürfen nur solange als die Sonne am Himmel ist verweilen. Diese heißt daher in der Edda (Säm. I. 70. u. 231.) âlfrödull, die Elfen anstrahlend. Die Erdelfen dagegen sind körperlich und von dunkler Farbe, darum sind sie in Norwegen blau, in dem Sinne, in welchem die nordische Sprache einen Neger blâmadr nennt; der schottische Brownie ist braun und zottig, wie die wilde Berta in der deutschen Sage (Nr. 268.) und brauner Zwerge in Northumberland gedenkt eine Anmerkung in Walter Scotts Lady of the Lake. Die Erdelfen tragen auch dunkelfarbige Kleider. Sie treiben ihr Wesen in der Nacht und fliehen im Gegensatz zu den Lichtelfen die Sonne, die daher auch in der Edda (Hamdismâl Str. 1.) die Sorge der Elfen (graeti âlfa) heißt. Überrascht sie der Tag, so werden sie von dem Strahl der Sonne in Stein verwandelt. (Vgl. Edda Säm. I. 274. II. 44.)

Natürlich bestand diese Unterscheidung nicht länger, sobald man sie auf sittliche Eigenschaften bezog und die Elfen beider Art wurden verwechselt. Daß aber in Deutschland der Begriff der Lichtelfen vorhanden, ja vielleicht gerade im Gegensatz zu der spätem Zeit der allgemeinere war, zeigt nicht bloß die vorhin auseinander gesetzte Verwandtschaft des Worts mit dem lateinischen albus, sondern auch der Umstand, daß seit der Bekehrung das christliche engil ebenso wie früherhin alp zu Namenbildungen gebraucht wurde und insoweit an seine Stelle trat, z. B. Engilrîch, Engilhart, Engilgêr usw. Bei den Angelsachsen zeugt die Zusammensetzung älfscîne, d. h. leuchtend wie ein Elfe.

Für die Mischung beider Arten gibt Elberich das beste Beispiel ab. Sein Name verrät schon seine Abkunft, er heißt in den Nibelungen (1985) wie im Otnit (Str. 127 bei Mone) ein wildez getwerc, schmiedet und haust in Berghöhlen, und gleichwohl erscheint er geistig überlegen und äußerlich glänzend, wo er in letzterem Gedicht, dessen Hauptperson er eigentlich ist, auftritt. In Norwegischen Sagen wird es noch ausgedrückt, daß der Zwerg körperlicher und weniger geistig ist, als der Elfe; je genauer er aber in Verbindung mit dem Menschen kommt, desto menschlicher werden auch seine Bedürfnisse. Als Hausgeist dient er um Speise und Kleider, während er wunderbare Dinge verrichten kann und ist beides, ein hilfsbedürftiges und ein übermächtiges Wesen.

Die Ausdrücke Wichte, Schrate, Schretlein bezeichnen gleichfalls nichts anders, als die Kleinen, Unterirdischen oder Zwerge, wiewohl sich leicht an jede besondere Benennung eine besondere, oft schwer zu bestimmende leise Nebenbedeutung hängt. Wir teilen die Stellen mit, wo wir diese Namen gefunden haben:

Glossae lindenbrog. 995a fauni, silvestres homines: waltscrechel, die im Wald herumspringen. – 996b larvae, lares mali: screza. – gl. vindob. larvae: screzzol scraito. – gl. trev. screiz, larvae, von späterer Hand dabei geschrieben: klein herchin (Herrchin) – Barlaam 251, II. ein wilder waltschrate und Alt. Wälder III. 225. wo es für Faun steht. Schretel im Cod. palat. Nr. 341. f. 371. – Titurel 190. sie (die Minne) ist villîhte ein schrat‘ ein geist von helle. – Hans Vintlers Tugendbuch vom Jahr 1411 (nach der gotha. Handschr.):

– etliche die jehent,
daz schretlîn daz si ein kleinez kint
unde sî als ringe als der wint
unde si ein verzwîvelôter geist. (d. h. gefallener Engel)

  1. S. unten das irische Märchen Nr. 4. die Mahlzeit des Geistlichen und die Anmerkung dazu, wo die übereinstimmende dänische und schottische Sage angeführt ist. Auch in Schweden ist sie allerorten bekannt, nur, und das ist merkenswert, mit entgegengesetzter Auflösung (Schwedische Volkslieder III. 128). Zwei Kinder spielen an einem Fluß, da sitzt ein Nix auf dem Wasser und läßt seine Harfe ertönen. Die Kinder rufen ihm zu: »Was hilft, daß du da sitzest und spielst, du wirst doch nicht selig!« Der Nix weint bitterlich, wirft seine Harfe hin und sinkt in die Tiefe. Als die Kinder heim zu ihrem Vater kommen erzählen sie ihm, was sich zugetragen hat. Der Vater heißt sie zuückgehen, den Nix trösten und ihm die Versicherung der Erlösung geben. Als sie bei dem Fluß anlangen, sitzt der Nix auf dem Wasser und weint. »Nix, trauere nicht«, rufen sie ihm zu, »der Vater hat gesagt, daß auch dein Erlöser lebe.« Da nimmt der Nix seine Harfe wieder und spielt fröhlich. (Vgl. auch das. III. 158.)

III. Untergang


III. Untergang

Allgemein verbreitet, und am wahrscheinlichsten durch Einführung des Christentums entstanden, sind die Sagen von dem allmählich näherrückenden Verschwinden der Elfen. Nicht bloß entfernen sie sich vor dem Geräusch und geschäftigen Treiben der Menschen, sondern es erfolgt ein großer Auszug der Unterirdischen. Sie schließen einen Vertrag mit den Menschen ab und auf einem vorher bestimmten Weg, über eine Brücke, hört man in der Nacht die Kleinen in unzähliger Menge forttrippeln oder sie werden über das Wasser gefahren und ihre große Zahl drückt das Schiff. (Deutsche S. Nr. 152-54. dänische bei Thiele II. 2.) Manchmal wird erzählt, daß zum Andenken oder aus Dankbarkeit für das von den Menschen genossene Gute, jeder ein kleines Stück Geld von altem Gepräge in eine hingestellte Schüssel gelegt habe.

Man hat in dem Auszug der Zwerge eine geschichtliche Tatsache, die Unterdrückung und Vertreibung eines alten, einheimischen Volkes durch neue Ankömmlinge erkennen wollen und wozu auch ein Zug von Scheu, Trauer und Ironie, der über die Natur des Geistervolks verbreitet ist, stimmt.

IV. Gestalt


IV. Gestalt

1. Erblickt man den Elfen in seiner wahren Gestalt, so sieht er aus, wie ein schönes Kind von einigen Jahren, zart und wohl gegliedert; die schottischen und walisischen Sagen beschreiben ihn ausdrücklich auf diese Art. Elberich liegt als Kind von vier Jahren unter einer Linde, wo ihn Otnit kraft eines Ringes sehen kann und ihn meint als ein Kind forttragen zu können. (Str. 99. 108.) Und als der Elfe sich vor den Leuten sehen läßt, so heißt es (Str. 517.):

ich wäne daz nie kein ouge schöner bilde ie gesach.

dô vienc er (Siegfried) bì dem barte den altgrîsen man.

ich trage ûf mînem rücken mê dan vierdehalp hundert jâr.

V. Kleidung


V. Kleidung

1. Der Verschiedenheit in der Kleidung der Elfen nach der Verschiedenheit ihres Ursprungs ist schon vorhin gedacht und nur noch anzumerken, daß auch die serbischen, den nordischen Elfinnen entsprechenden Vilen weiß gekleidet sind. Elberich hat glänzende mit Gold und Edelsteinen gezierte Kleider an (Str. 104.); die Tracht der Unterirdischen ist dunkelfarbig, meist grün oder moosfarbig, in deutschen (Nr. 48. 270.) wie in schottischen, walisischen und shetländischen Sagen. Auf den Färöer und in Dänemark grau (Thiele I. 122. 125.), doch zeigen sich auch hier grüngekleidete Elfinnen (Thiele I. 109.). Geister, die mit den Menschen im Verkehr stehen, tragen buntfarbige und rote Röckchen (Deutsche S. Nr. 71. 75.) oder erhalten sie von jenen geschenkt (Nr. 37.). Merkenswert ist eine Übereinstimmung. In dem irischen Märchen von der Flasche („Die Flasche“) erscheint der Elfe ganz in sein Kleid eingewickelt, damit man seine Füße nicht sehen kann; eine Schweizersage (Nr. 149.) erzählt, daß die Zwerge in langen Mänteln dahergetrippelt wären, die ihre Füße ganz bedeckt hätten. Neugierig streut einer Asche und findet, daß ihre Füße platt sind wie Gänsefüße, wiewohl diese eigentlich nur Wasserelfen zuzugehören scheinen; man erinnert sich an die weiße Bertha mit dem großen Fuß (Vergl. Altd. Wälder III. 47, 48.).

2. Von besonderer Wichtigkeit ist die Kappe oder Mütze, so sehr, daß die norwegischen Elfen, obgleich sonst ganz nackt, doch einen heruntergeschlagenen Hut auf dem Kopf haben. Die irischen bedienen sich dazu der roten Blüten des zauberkräftigen Fingerhuts oder sie haben weiße, breite Hüte, gleich Pilzendeckeln. Auch in Dänemark und Schweden sind ihre Mützen rot (Thiele I. 122. II. 3. Schwed. Volksl. III. 127.) sowie bei den Nisser der Färöer, sonst aber auf diesen Inseln schwarz. In Preußen tragen sie spitze Hüte, die wie jene der Cluricaunen aufgekrämpt sind; ebenso sind die Mützen der Hausgeister in Dänemark spitz, während die Hüte, die sie im Sommer tragen, rund sind (Thiele I. 135.). In den deutschen Sagen ist der Hut nicht vergessen. Die Bergmännlein haben weiße Hauptkappen an dem Hemd (Nr. 37.); der Nix trägt einen grünen Hut (Nr. 52.), ein anderer grauer Geist einen großen Schlackhut (Nr. 271.). Hodeken hat den Namen von einem großen Hut, den er so tief in den Kopf drückte, daß man sein Gesicht niemals sehen konnte und dieser Hut bringt dadurch einigermaßen die Wirkung der Nebelkappe hervor, welche völlig unsichtbar macht, deren schon der junge Misener (Man. S. II. 156.) gedenkt und welche den Zwergen am Harz (Deutsche S. Nr. 152. 153. 155.) zugeteilt wird. Mit dieser hat Elberichs Tarnkappe, wenn sie auch zugleich den Mantel enthält und der tamhût entspricht, doch offenbar Zusammenhang. Dienstbar wurde er und sein Reich dem Siegfried, weil der Held die Tarnkappe genommen hatte und das machen deutsche Sagen (Nr. 152. 153. 255.) noch deutlicher, wenn sie erzählen, daß man nach den unsichtbaren Zwergen mit Ruten geschlagen, bis man ihre Mützen getroffen und abgeschlagen habe, worauf sie sichtbar geworden und in die Macht der Menschen geraten seien. Eske Brok schlug zufällig einem Zwerg im Felde den Hut ab und um ihn wieder zu erhalten, bewilligte dieser alle Forderungen (Thiele III. 49.). Nun erklärt sich die Wichtigkeit der Kopfbedeckung bei den Elfen, sie halten sich dadurch vor den Blicken der Menschen verborgen. Laurin hat eine Nebelkappe, so wie Euglin, welcher sie über Siegfried wirft und ihn dadurch den Augen des Riesen entzieht; dem Kopfschleier der Kriemhild legt der Rosengarten gleiche Kraft bei. Der Kobold Zephyr (in dem altfranzös. Roman Perceforest, Mélanges T. XII.), der wie eddische Zwerge nach einem Wind benannt ist, trägt eine schwarze Kappe, durch welche er sich unsichtbar machen, oder eine andere Gestalt annehmen kann.

Unbeständigen, schalkhaften Leuten (von Zwergsnatur) werden auch sonst Nebelkappen beigelegt (Man. Samml. II. 258b) und der römische Volksglaube dachte sich zu seinem incubo, welcher völlig dem deutschen Alp verglichen werden darf, gerade so den Hut und knüpfte an ihn die Unsichtbarkeit des Geistes. Die Stelle findet sich in Petronii satyric. c. 38. (Burm. p. 164): »sed quomodo dicunt, ego nihil scio, sed audivi, quomodo incuboni pileum rapuisset et thesaurum invenit.« – Incubones qui thesauris invigilant. (Sabinus ad II. Georg. v. 507.) und ein neuerer Erklärer Petrons fügt aus dem Volksglauben seiner Zeit hinzu: ex superstitione veteri, cujus hodieque passim exstant reliquiae, velut incubones sint ornati pileis, quibus surreptis compellantur ad obsequium in indicandis pecuniis absconditis. Hieran schließen sich vollkommen die Worte des Nibelungenlieds:

399.

dô er die tarnkappen sit Alberîch angewan,
dô was des hordes herre Sîvrit der vreislîche man.

26. Der verzauberte See


26. Der verzauberte See

(Siehe auch die Anmerkungen)

Im westlichen Irland war ein See und ohne Zweifel ist er noch daselbst, in dem zu verschiednen Zeiten mehrere junge Leute ertranken. Was dieses Ereignis besonders merkwürdig machte, war, daß man die Leichname der Ertrunkenen niemals wieder fand. Das Volk geriet darüber in Verwunderung und allmählich erlangte der See einen schlimmen Ruf. Schreckvolle Geschichten wurden erzählt, einige behaupteten, in dunkler Nacht leuchteten die Fluten wie Feuer, andere wollten schauerliche Gestalten über den See haben gleiten sehen, jedermann gab zu, daß ein seltsamer Schwefelgeruch aus ihm hervorsteige.

Es lebte in geringer Entfernung von diesem See ein junger Pächter namens Roderich Keating, Bräutigam mit einem der schönsten Mädchen der ganzen Gegend. Eben war er von Limerick, wo er einen Trauring gekauft hatte, im Geleit zweier oder dreier von seiner Bekanntschaft zurückkehrend, an dem Gestade des Sees angelangt, als diese mit ihm über Gretchen Honan ihren Scherz zu treiben begannen. Einer erwähnte sogar, daß der junge Delaney, ein Nebenbuhler, in des Bräutigams Abwesenheit um die Gunst der Geliebten würbe; aber Roderichs Vertrauen auf seine Verlobte war so fest, daß er, ohne im geringsten durch diese Rede beunruhigt zu werden, mit der Hand in die Tasche griff, den Trauring hervorzog und ihn bedeutungsvoll umherblickend in die Höhe hielt. Indem er so den Ring, als ein wahres Siegeszeichen zwischen Zeigefinger und Daumen umdrehte, entfiel er seiner Hand und rollte in den See hinab. Roderich sah ihm mit der höchsten Bestürzung nach, weniger seines Wertes, obgleich er eine halbe Guinee dafür gegeben hatte, als der schlimmen Vorbedeutung wegen; das Wasser war so tief, daß man des Rings schwerlich wieder habhaft werden konnte. Seine Gefährten lachten ihn aus; vergeblich suchte er durch das Anerbieten ansehnlicher Belohnung sie zu bewegen, nach dem Ring unterzutauchen, sie waren sowenig zu dem Wagstücke geneigt, als Roderich selbst; die Erzählungen, die sie als Kinder vernommen hatten, schwebten ihrem Gedächtnis vor und abergläubische Furcht erfüllte die Brust eines jeden.

»Muß ich also nach Limerick umkehren einen andern Ring zu kaufen?« rief der junge Pächter, »zehnmal soviel als der Ring kostet, will es keiner darum wagen?«

Unter den Umstehenden befand sich ein Mensch, den man allgemein für blödsinnig und nicht recht bei Troste hielt, er war aber unschuldig wie ein Kind und pflegte in der Gegend hin und her von einem Ort zum andern zu gehen. Als er so ansehnlichen Lohn ausrufen hörte, erklärte Paddin, denn das war sein Name, wolle ihm Roderich Keating geben, was er den andern verheißen hätte, so getraue er sich wohl nach dem Ring unterzutauchen. Und Paddin schaute, während er sprach, eben so begierig nach der Lustfahrt hin als nach dem Geld.

»Ich halte dich beim Wort« sprach Roderich und augenblicklich seinen Rock abziehend, ohne weiter eine einzige Silbe zu verlieren, stürzte sich Paddin häuptlings in den See. Wie tief er hinein kam, läßt sich nicht genau berichten, aber er ging und ging und ging durch das Wasser fort, bis das Wasser vor ihm wich und er auf ein trockenes Land gelangte. Himmel, Luft, Tageslicht und alles andere waren da gerade so wie hier bei uns; er sah einen reizenden Grund, wodurch ein zierlicher Weg führte nach einem großen, mit stattlichen Treppen umgebenen Hause. Sobald er sich von seinem Staunen erholt hatte, unter dem Wasser so trocknes und anmutiges Land zu finden, schaute er genauer um und was sollte er anders erblicken, als die ertrunkenen Jünglinge, die sich in diesem Lustort beschäftigten, als wäre ihnen niemals ein Übel zugestoßen. Einige mähten Gras, einige schafften Kiessand auf den Weg oder taten andere leichte Arbeiten, und vollbrachten alles auf so gute Art und so munter, als wären sie niemals ertrunken. Dann sangen sie mit großer Lust Lieder, worin sie die Frau vom Hause wegen ihrer Schönheit und ihres Reichtums priesen, wogegen nichts in der Welt bestehen könne. Paddin konnte sich nicht enthalten, ihnen zuzusehen, einige darunter, bevor sie im See ertrunken waren, hatte er gut gekannt; aber er war stumm wie ein Fisch, dachte dafür sein Teil, und kein Sterbenswörtchen kam über seine Lippen. So ging er nach dem großen Haus zu, ganz unbefangen, als habe er nichts gesehen, was der Rede wert gewesen, dabei wünschte er gar sehr, zu wissen, wer die junge Frau wäre, von welcher die jungen Männer in ihrem Gesang so viel Wesens gemacht hatten.

Als er nah zu dem Tor des großen Hauses gelangt war, trat aus der Küche eine gewaltig dicke Frau heraus, wie eine Biertonne auf zwei Beinen. Daher bewegte sie sich und Zähne ragten aus ihrem Munde, nicht geringer als Pferdezähne.

Sie kam auf ihn zu und sagte: »Guten Morgen, Paddin.«

»Guten Morgen, Frau«, antwortete er.

»Was bringt Euch hierher?« fragte sie.

»Ich komme wegen Roderich Keatings Goldring.«

»Hier ist er«, sagte Paddins dicke Freundin, mit einem Lächeln auf ihrem Gesicht, das sich bewegte, wie kochender Haferbrei.

»Ich danke Euch«, antwortete Paddin und nahm den Ring aus ihrer Hand. »Es ist nicht nötig, daß ich hinzufüge, der Herr gebe Euch sein Gedeihen! Denn ihr seid bereits wohlbeleibt genug. Aber wollt Ihr so gut sein und mir sagen, führt der Weg, auf welchem ich gekommen bin, auch wieder zurück?«

»Kamt Ihr denn nicht, mich zu heiraten?« schrie die dicke Frau ganz außer sich.

»Diesmal nicht, mein Schatz, wann ich wiederkomme«, antwortete Paddin. »Ich werde für meinen Gang hierher gut bezahlt und muß machen, daß ich Antwort bringe, oder die werden Wunder denken, was aus mir geworden sei.

»Bekümmert Euch um kein Geld«, sagte die dicke Frau, »wenn Ihr mich heiratet, so sollt Ihr für euer Lebtag in dem Haus wohnen und an nichts Mangel leiden.«

Paddin sah deutlich, daß, da er einmal im Besitz des Ringes sei, die dicke Frau weiter keine Gewalt habe, ihn zurückzuhalten. Ohne also länger auf ihre Worte zu achten, wandelte er ganz gelassen den Gang wieder herab und schaute sich dabei um; denn er hatte, die Wahrheit zu sagen, keine sonderliche Lust, die dicke Hexe zu heiraten. Als er zu dem Gatter kam, stürzte er, ohne nur guten Tag zu sagen, hinaus und fand das Wasser, welches ihm entgegen kam. Er sprang hinein und arbeitete sich in die Höhe und es war wunderbar genug, da man den Paddin nach der entgegengesetzten Seite des Sees hatte wegschwimmen sehen; doch er gelangte bald ans Ufer und erzählte dem Roderich Keating und den andern Burschen, die da standen und auf ihn gewartet hatten, alles was ihm begegnet war. Roderich zahlte ihm auf der Stelle fünf Guineen für diesen Ring und mit diesem Geld in der Tasche deuchte sich Paddin so reich, daß er nicht Lust hatte zurückzukehren und die dicke Frau zu heiraten, die in dem Grund des Sees in dem schönen Hause saß. Er dachte, sie hat ja unter der Menge junger Leute die Wahl, wenn ihr die Lust ankommen sollte, einen Mann zu nehmen.