146. Der ewige Jäger

146. Der ewige Jäger

Die alten Grafen von Flandern hatten ein Schloß, des Namens Wynendael, in dessen Nähe wohnte ein frommer Bauersmann, der hatte nur einen einzigen Sohn, aber der war nicht fromm und fleißig wie sein alter Vater, sondern mit Leib und Seele der Jagd ergeben, so daß er gar wenig daheim blieb oder seines Ackers wartete, sondern immer nur in den Wäldern herumstreifte, und da half kein Bitten und kein Drohen bei dem schlimmen Buben. Nun kam der Alte zum Sterben und fühlte sein nahes Ende und wollte vom Sohne Abschied nehmen und ihm noch eine Ermahnung zurücklassen, ließ daher denselben bitten, zu ihm zu kommen, aber der Sohn blieb draußen, obgleich er des Vaters nach ihm verlangende Worte vernahm, nahm sein Jagdgewehr, pfiff seinen Hunden und ging hinweg in den Wald. Darüber ergrimmte der sterbende Alte und hob die Hände empor in Verzweiflung und verfluchte den Sohn mit den Worten: So jage, jage, jage in alle Ewigkeit – in alle Ewigkeit – und sank zurück und war tot. Und seit dem Tage kam der Verfluchte nie mehr nach Hause, in den Wäldern hörte man ihn schreien: Jakko! Jakko! Jakko!, als Raubvogel hörte man ihn kreischen, als Hund bellen, und so muß er es forttreiben bis zum Jüngsten Tage, wo nicht noch länger. Erst als um Wynendael allmählich die Wälder ausgerottet wurden, verlor sich aus dortiger Gegend der Spuk des ewigen Jägers und zog sich höher hinauf, wo es noch Wälder gab.

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147. Tückebold Kludde

147. Tückebold Kludde

In ganz Flandern und Brabant glaubt das Volk an das Dasein eines bösen Geistes und nennt ihn Kludde, aber auch Kleure. Er spukt überall und in allen Gestalten, häufig zeigt er sich dem Mahr verwandt, erscheint als altes mageres Pferd mit durchscheinenden Rippen und struppiger Mähne, mischt sich unter die des Nachts im Freien werdenden Rosse, und wenn einer der Hüter meint, er besteige einen der besten Hengste, um einen Ritt zu machen, so ist’s der Geist Kludde in Pferdegestalt, der mit ihm wild davonrennt, als jage ihn der helle Teufel, bis er an ein Wasser kommt, wo er den verzagenden Reiter hineinwirft. Dann fängt der Geist Kludde an zu lachen, daß sich entsetzt, wer dies Gelächter hört, und legt sich auf den Bauch und wälzt sich vor Lachen, während sein Reiter aus dem Wasser- oder Schlammbade sich angstvoll herausarbeitet.

Manchesmal flackern vor dem Kludde zwei blaue Flämmchen her, die nennen die Bauern und die Pferdeknechte Stalllichter und halten dafür, daß die Flämmchen des Geistes Augen seien. Kludde kann sich zum Baum machen, klein wie ein Schlehenstrauch und bis hoch in die Wolken wachsen; Kludde kann dich als Schlange umringeln und als Hornisse umsumsen, er schreckt dich als Fledermaus oder als Kröte, er kann Katze sein und Maus, Frosch und Ochse. Man hört ihn auch rufen, und sein Ruf lautet Kludde! Kludde! So ruft er seinen Namen, wie der Vogel Kuckuck, der verrufene Gauch. Er neckt und plagt zu Lande wie zu Wasser; am Seegestade ist er Neck, auf dem platten Lande Schreck, ein greulicher Spuk, selbst Werwolf. Geist Kludde soll der Geist eines Mannes sein, der mit dem Teufel ein Bündnis hatte, und zu ruhelosem Wandeln auf Erden und Plagen der Menschen verurteilt sein.

Einstens ging ein Mädchen mit ihrem Geliebten und einem Freunde desselben über Land, und waren in guten Gesprächen, da rief der Liebhaber mit einem Male: Schaut dorthin! Was sehe ich dort? – Die andern sahen nichts. – Was siehst du denn? – Kludde ist’s! Jetzt springt er als Hund! Seht, er streckt sich – jetzt ist er ein Schaf – jetzt eine Katze – nein – da ist er ein Baum geworden. – Die andern konnten nichts von alledem erblicken. – Sag’s, wenn du ihn wieder siehst! rief der Begleiter, ich will auf ihn zugehen. – Da läuft er ja vor uns her! – Jener sah nichts, und sie wandten sich, nach Hause zu gehen.

Vor dem Hause lag eine Steinplatte etwas lose, unter die man den Hausschlüssel zu legen pflegte. Und da rief der Liebhaber wieder: Seht! Seht ihr ihn nicht? Er sitzt ja auf der Platte, da kann ich nicht zum Schlüssel! Komm, Mieken, wir wollen dich erst nach Hause geleiten, du ängstigst dich. – Als die Freunde wiederkamen, sah der Liebhaber immer noch den Geist auf der Platte hocken, und der andere sah nichts. Dieser ging nun stracks auf die Platte zu und nahm ungehindert den Schlüssel, der Geist sprang hinweg. Ungehindert kam der Liebhaber in sein Haus und schloß es schnell. Der Begleiter bekam Kludde nicht ein einziges Mal zu Gesicht.

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148. Die Tückebolde Lodder und lange Wapper

148. Die Tückebolde Lodder und lange Wapper

Ein dem Kludde verwandter Geist spukt in der Gegend um Brüssel umher, ganz in ähnlicher Weise. Schnitter, die abends ihre Kleider abgelegt hatten und ruhten, hörten von fernher kommend ein Gerassel, wie von Ketten, das näherte sich bis an den Ort, wo ihre Kleider lagen, die aber lagen ganz ruhig. Ein Gewitter zog heran, die Schnitter zogen ihre Kleider an und wollten heimgehen, da rasselte und prasselte es ganz in der Nähe, und plötzlich schrie einer der Schnitter: Lodder! Lodder! Schlagt zu! Schlagt zu! Ich sitze drauf. – Und da ritt er schreiend fort, und keiner sah, auf was er ritt, und alle lachten, denn der Geist Lodder war unsichtbar und rannte fort mit der erfaßten Last des Schnitters und warf ihn bei einem Weiher in das Gras und plumpste ins Wasser, und mußte jener froh sein, daß nicht er in das Wasser geworfen worden.

Einem Zechgesellen begegnete es, daß er, als er abends ziemlich spät nach Hause kam, an der Erde etwas ticken und tacken hörte. Neugierig lauschend bog er sich nieder, ticketack, ticketack ging es fort und fort. Er griff hin, und siehe, unter einem Stein lag eine gehende Uhr. Er nahm sie und steckte sie ein, und in seiner Kammer zog er sie hervor, sie im Mondschein recht augenscheinlich zu betrachten, da zeigte ihr Zeiger auf Zwölf, und auf der Kirchenuhr schlug es Zwölf, die Uhr ging also genau, aber sie wurde mit einmal so kalt, eiskalt, und feucht, und so schwer, und wie der Gesell recht hinsah, hielt er eine dickaufgeschwollene Kröte in der Hand. Schaudernd warf er das Ungetüm zur Erde, und in dem Augenblick hatte er einen großen Hund bei sich in der Kammer, der hatte ein paar Augen wie zwei Schiffslaternen, und der Gesell fiel vor Schreck auf sein Bett, der Hund aber sprang zum Fenster hinaus und schlug ein Höllengelächter auf. So hat der Tückebold Lodder gar viele geäfft und mit seinem nächtlichen Erscheinen, teils mit seiner Stimme und seinem Gelächter, manche zum Tode erschrecken gemacht.

Ein anderer Tückebold ist der lange Wapper, der spukte vornehmlich zu Antwerpen und gehörte zu demselben Gelichter; er verschmähte es nicht, selbst unschuldige Kinder zu betören. Er spielte mit ihnen um Schüsser und Knickers, ließ sie gewinnen, und wenn sie meinten, die Tasche recht voll gewonnene Küglein zu haben, und wollten sie zeigen, dann waren es Schaflorbeeren. Wenn er mit den Jungen das Diebspiel spielte, kartete er es so ab, daß er den Henker machte, und dann henkte er die armen Buben wirklich, und wenn sie sich zu Tode zappelten und die andern alle davonliefen, so schlug er ein unmenschliches Gelächter auf. Ein Büttnergesell trat bei einem Meister ein, schien ein anstelliger Bursche. Da der Meister ein Faß pichen wollte, hieß er den Gesellen das Pech einwerfen und Hobelspäne im Faß anzünden; der Gesell tat’s, steckte aber mit dem brennenden Faß das ganze Haus in Brand, und als der Meister ihn wütend verfolgte, sprang der Gesell ins Wasser und puttelte darin herum und lachte wie ein rechter Kobold. Mit Mühe wurde der Meister Meister des Feuers.

Ein Brauer hatte auch einen neuen Gesellen gedingt; der war gar kräftig und fleißig; am Abend rollte er eine schwere Tonne voll Bier mit einem Nebengesellen von ihrer Stelle, stellte dem Nebengesellen flink ein Bein, daß er fiel und unter die Tonne kam, die drückte ihn breit wie eine Oblate, und der neue Gesell lachte, daß die Gewölbe erbebten. Als die andern Braugesellen darüber sich erzürnten und ihn prügeln wollten, rannte er dicht vor ihnen her, und plumps, lag er im Braubottich, und plumps, purzelten drei, viere, die ihm dicht auf den Fersen waren, auch hinein und verbrühten sich elendiglich. Der lange Wappers aber schaute plötzlich aus einer Trebernbütte heraus und lachte, daß alle hohlen Fässer dröhnten.

Eines Tages kam ein Mann zu Antwerpen die Straße entlang, der schrie: Kauft Muscheln, kauft Muscheln! Vor einer Türe saßen vier Frauen, die riefen den Mann an und hatten Lust, Muscheln zu kaufen. Er öffnete eine zur Probe, die war aber faul, er öffnete eine andere, die war desto besser. Die eine der Frauen führte sie zum Mund und wollte schmecken, ob sie gut sei. Da krabbelte es ihr im Munde, und sie spie das Eingenommene aus, da war es eine große, ganz schwarze, haarige Spinne. Die Frau brach vor Ekel alles aus dem Leibe heraus, der Tückebold lachte und verschwand samt seinen Muscheln.

Zahllos sind die Sagen, die vom langen Wapper im Volke zu Antwerpen umgehen, es war nicht gut, ihn zu nennen, es ging mit ihm wie mit dem Weiberwetzstein zu Wendhausen in Franken, den keiner loben und keiner schelten durfte, und wer seinen Namen nannte, tat mehr übel als klug. Häufig hielt dieser Geist sich unter einer Brücke auf, sie heißt heute noch die Wapperbrücke, machte sich klein wie ein Schulbube, nahm der Abwesenden Gestalt an, absonderlich gegen die Dämmerung, wenn die Knaben spielten, und spielte ihnen selbst allerlei Schabernack. Der lange Wapper konnte sich so hoch und lang strecken, daß er bequemlich den Leuten in den höchsten Häusern in die obersten Stockwerke hineinsehen konnte. Da rief er denn denen, die er drinnen erblickte, und nicht immer in allertugendsamster Hantierung, manches erschreckende Wort zu. An vollen Tafeln saß er als Gast und zechte mit; ehe man es sich versah, besonders aber wenn der Teller umging, um die Zeche zu zahlen oder eine Auflage für Arme zu machen, hörten die andern sein Gelächter, er selbst war verschwunden. Gern weilte er bei Spielgesellen, spielte mit, verlor die größten Summen, dann hatte er nichts zu zahlen, begann Streit, lockte die Mitspieler vor die Türe, hetzte sie aneinander, daß sie zu den Messern griffen, und wollte sich totlachen, wenn ihrer einer oder etliche auf dem Platze blieben.

Nur eifriges Gebet konnte und kann der lange Wapper nicht vertragen, das ist nicht seine Farbe. Damit war er leichtlich abzutreiben; so auch waren ihm Christus- und Marienbilder sehr zuwider. Als die Leute zu Antwerpen solches merkten, stellten sie deren Bilder an allen Straßenecken und schier in allen Straßen auf, da gab der lange Wapper der Stadt Antwerpen Valet und machte sich nach der See zu und hat seinen Spuk mit Fischern, Schiffleuten und Matrosen.

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14. Von Drachen und Lindwürmen

14. Von Drachen und Lindwürmen

Auf dem hohen Pilatus hat es Drachen und Lindwürme vollauf gegeben, die hausten in unzugänglichen Höhlen und Schluchten des gewaltigen Alpenbergstocks. Oft haben Schiffer auf den Seen sie mit feurigen Rachen und langen Feuerschweifen vom Pilatus herüber nach dem Rigi fliegen sehen. Solch ein Drache flog einstmals in der Nacht vom Rigi zurück nach dem Pilatus; ein Bauer, der, von Horn bürtig, die Herden hütete, sah ihn, und da ließ der Drache einen Stein herunterfallen, der war wie eine Kugel geformt und glühend heiß; der war gut gegen allerlei Krankheit, wenn man davon eine Messerspitze voll abschabte und dem Kranken eingab. Zu andrer Zeit hat man einen grauslich großen Drachen aus dem Luzerner See die Reuß hinaufschwimmen sehen.

Einstmals ging ein Binder oder Küfer aus Luzern auf den Pilatus, Reifholz und Holz zu Faßdauben zu suchen; er verirrte sich, und die Nacht überfiel ihn, mit einem Male fiel er in eine tiefe Schlucht hinab. Drunten war es schlammig, und als es Tag wurde, sah er zwei Eingänge in der Tiefe zu großen Höhlen, und in jeder dieser Höhlen saß ein greulicher Lindwurm. Diese Würmer flößten ihm viel Furcht ein, aber sie taten ihm kein Leid; sie leckten bisweilen an den feuchten salzigen Felsen, und das mußte der Küfer auch tun, damit fristete er sein Leben, und das dauerte einen ganzen Winter lang. Als der Frühling ins Land kam, machte sich der größte Lindwurm auf und flog aus dem feuchten Loche heraus mit großem Rauschen: der andre kleinere kroch immer um den Küfer herum, liebkoste ihn gleichsam, als wolle er ihm zu verstehen geben, daß er doch auch mit heraus sollte. Der arme Mann gelobte Gott und dem heiligen Leodager in die Stiftskirche im Hof zu Luzern ein schönes Meßgewand, wenn er der Drachengrube entrinne, und als der zweite Drache sich anschickte, aufzufliegen, hing er sich ihm an den Schweif und fuhr mit auf, kam also wieder an das Licht, ließ sich oben los und fand sich wieder zu den Seinen. Doch lebte er nicht lange mehr, weil er der Nahrung ganz entwöhnt war, hielt aber Wort und sein Gelübde, ließ ein prächtiges Meßgewand fertigen, darauf die ganze Begebenheit sticken und alles in das Kirchenbuch einzeichnen. Es soll diese Wundergeschichte sich ereignet haben 1410 oder 1420, und vom 6. November des einen Jahres bis zum 10. April des folgenden hauste der Küfer bei den Lindwürmern.

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137. Des Riesen Handwerfen

137. Des Riesen Handwerfen

Am Scheldefluß hauste zu Julius Cäsars Zeiten ein Riese auf einem hohen Turme, soll Antigonus geheißen haben, der bewachte das Land und nahm allen, welche dort vorüberreisten oder über das Wasser setzen wollten, die Hälfte ihrer Güter als Zoll ab. Wollten sie den nicht entrichten, so mußten sie mit ihm kämpfen, und dann hieb er dem Besiegten jedesmal die rechte Hand ab und warf sie in die Schelde. Da kam ein Mann, der hieß Brabon, mit mehrern andern Gefährten an die Stelle der Überfahrt, und fanden allda den Knecht des Riesen auf der Wacht, der wehrte ihnen den Übergang; sie sollten erst mit dem Riesen, seinem Herrn, das Ihre teilen, oder sie müßten ihre rechte Hand lassen. Dazu war Brabon nicht geneigt, weder zum einen noch zum andern; darauf schlug der Knecht an eine Eisenstange, die gab tiefen Glockenschall, und da kam der Riese trutziglich vom Turme herunter und fragte: Wer ist es, der mit mir kämpfen will? – Ich allein! erwiderte Brabon, und alsbald begann der Kampf. Da fiel manch harter Kampf und schwerer Streich. Der Riese war ein starker Wigand, und wohin er schlug, wuchs kein Gras mehr. Endlich aber obsiegte ihm dennoch der mannhafte Held Brabon und schlug ihm erst die rechte Hand, hernach auch den Kopf ab, und nahm die Hand und warf sie über den breiten Strom und rief: So weit ich diese Hand werfe, so weit soll auch dieser Strom zu dem Lande gehören, das ich mir jetzt erkämpft! – Und ging, und dankte für seinen Sieg dem Kriegsgotte Mars, und brachte ihm Opfer in seinem Tempel. Und die Hand fiel in des Stromes Mitte, und das Land ward nach dem Helden Brabant geheißen, und die Hälfte der Schelde gehörte fortan zu Brabant.

Da nun Julius Cäsar aus Britannien zurückkehrte, kam Brabon zu ihm und erzählte ihm sein Abenteuer mit dem Riesen Antigonus, den er im Ried an der Schelde erschlagen. Da lobte ihn der große Feldherr, und zog mit ihm nach dem Ort, und ließ dort eine Burg erbauen, und weihte sie und gab ihr und dem Lande große Rechte und Freiheiten, und machte Brabon zu einem Markgrafen des römischen Reiches. Der Ort aber ward von dem Handwerfen Handwerpen genannt und wuchs und ward groß und mächtig und ist jetzt die Stadt Antwerpen.

Damals hat Julius Cäsar Turnhout gegründet und mit großen Freiheiten begabt, und nahe bei Löwen das Kaiserschloß gebaut. Da er mit dem Helden Brabon dort auf die Jagd ging, schoß er einen mächtig großen Adler und nahm das für ein glückverkündendes Orakel der Götter an. Darum gründete er an jenem Ort eine neue Kolonie und nannte sie Aarschuß, das heutige Aerschot.

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138. Herr Lem

138. Herr Lem

Überhaupt gab es in frühen Zeiten in den niedern Landen gegen das Meer hin gar viele und gewaltige Riesen und Heunen, die waren aus Britannien gekommen, von der großen weißen Kreideinsel Albionien, das nach dem Trojaner Britus seinen spätern Namen Britannien empfing. Solch ein Riese saß da, wo jetzt Leiden liegt, der hieß Lem, und bekam einen Sohn, der hieß auch Lem, und später gründete er eine Stadt, da wurde er Herr Lem genannt, weil er darinnen als ein Herr gebot, und die wurde nach ihm genannt, das ist Harlem. Im Harlemer Walde stand ein Bacchustempel, und der ganze Wald war diesem Gotte heilig. Von ihm wird noch ein Kanalgraben bei Harlem Bakenessergracht genannt, und wo der alte Bacchustempel stand, steht jetzt die Bakenesserkerk. Des Riesen Herr Lem Frau hieß Walberech und soll ein abscheulich großes und starkes Mensch gewesen sein. Wenn sie von Holland nach England wollte, tat sie nur einen Schritt. Sie hatte große Pferde und Rinderherden, die weideten am Ufer der Nordsee, da kam ein Schiff mit Räubern gefahren, die landeten an und nahmen das Vieh von der Weide und beluden ihr Schiff damit, das nicht klein war. Als Walberech kam, nach ihren Herden zu sehen, waren diese fort, und fern auf der See schwamm das Schiff, wo die Herden darin waren. Da trat Walberech in das Wasser, langte hin, nahm ihre Herde wieder, hing die Ochsen und Kühe auf die eine Seite, die Pferde auf die andere, und die Schafe setzte sie auf ihren Kopf, die krochen darauf herum wie die Schafläuse auf einem Schafkopf. Das Schiff aber nahm Walberech, hob es hoch und schleuderte es dann mit Gewalt in das Wasser bis zum Grunde. Die Räuber fraß Walberech und trank ihr warmes Blut und ging dann wieder nach Hause.

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13. Der Dürst

13. Der Dürst

Um den moorigen See auf dem Pilatus und im ganzen Berggehege tobt der Dürst, das ist der wilde Nachtjäger, wie in Thüringen, im Vogtland und am Harz, der hat zur Gesellschaft auch ein gespenstig Weib, wie der Hackelberg die Tut-Osel, der wilde Jäger Thüringens die Frau Holle und der des Vogtlandes die Frau Berchta, die heißen sie drunten im Entlibuch, hart an des Bergstocks Westwand, das Posterli, und in Luzern kennen sie die Sträggele, die, wie die Hollefrau und die wilde Berchta, den faulen Mägden die Rocken wirrt. Mit gar wildem Saus und Braus fährt der Dürst über die Almen daher, reißt und rüttelt an den Sennhütten, bricht mächtige Baumstämme, wirft Felsen in die Gründe und führt wohl auch Kühe mit sich hoch in die Luft, die nimmer wieder herunterkommen oder halbtot und ausgemolken etwa erst am dritten Tag. Wenn ein Hirte das gewahr wurde, konnt‘ er noch Einhalt tun durch den Alpsegen, wenn er den zeitig durch einen Milchtrichter rief, daß der Dürst ihn noch hören konnte, so sank die entführte Kuh ganz sanft wieder auf die Matte nieder.

Auf der Bründler Alp über Eigenthal kann man wohl noch heute den Alpsegen im Abendruf der Sennhirten vernehmen, der lautet gar wunderbar durch die Feierstille der Natur, wie Orgeltöne und Glockenklang, und widerhallt aus allen Klüften die Flichbanden nieder, wie Geistermusik. Das ist der Ruf und der Segen: Ho – ho – ho – öh – ho! – Ho – hi – ho – ho! – Ho lobe! Ho lobe! – Nehmet alle Tritt in Gottes Namen, in unserer lieben Frauen Namen! Lobi Jesus, Jesus, Jesus Christ! Ave Maria! Ave Maria! Ave Maria! Ach, lieber Herr Jesus Christ, behüt Gott aller Leib, Seel, Ehr und Gut, was in die Alp gehören tut. Das walt Gott und unsre herzliebe Frau, das walt Gott und der heilige Sankt Wendel! Das walt Gott und der heilige Sankt Antoni! Das walt Gott und der heilige Sankt Loy! – (Aloysius.)

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139. Gangolfs Brunnen

139. Gangolfs Brunnen

Im Lande Languedoc war ein Graf, Gangolf mit Namen, der zog gegen die Sarazenen und Vandalen und kam in Welschland auf ein Blachfeld, wo ein klarer Brunnen sprang. Dort ließ er sich nieder, und ließ Gezelte schlagen, und trank mit all seinen Wappnern aus dem Brunnen, und ließ auch die Tiere tränken. Da kam des Feldes Eigentümer daher und schalt und sagte, das sei nicht des Landes Gewohnheit und Sitte, den Leuten das Gras zu vertreten, und sich ungefragt niederzulassen, und Menschen und Vieh aus fremden Brunnen zu tränken. Darauf sprach Gangolf sanftmütig und freundlich also: Es tut mir leid, mein guter Herr, daß es geschehen, doch zürnet nicht allzusehr, wenn es Euch genehm, so kaufe ich Euch den Brunnen ab. – Das, meinte jener Mann, sei ein Wort, das sich hören ließe, und lachte in seinem Herzen als ein Schalk, indem er meinte, den Brunnen möge der Fremde immerhin kaufen, wenn nur der Platz sein bliebe, auf dem er quelle. Und heischte des Geldes nicht allzuviel, und Gangolf zahlte es und hob sich hinweg mit den Seinen, nachdem er seinen Stab in den Quell eine Weile gestellt hatte.

Da nun Gangolf wieder in seine Heimat nach der Grafschaft Burgund kam, stieß er seinen Stab in seinem Hof in den eignen Grund und Boden, da sprang alsbald ein heller, wasserreicher Quell, und jener Brunnen, den Gangolf im welschen Lande gekauft, versiegte auf immerdar.

Diese burgundische Sage würde nicht unter den deutschen Sagen dieses Buches stehen, wenn sich nicht von ihr ein auffallender Widerhall, sogar bis auf den Namen, im östlichen Frankenlande fände. Am Felsenberge Milseburg im Rhöngebirge springt der von allem Volke wertgehaltene Gangolfsbrunnen. Da war ein Heiliger, Gangolf geheißen, der liebte diesen Berggipfel wegen seiner Einsamkeit und kam hinab nach Fulda, die uralte Bischofstadt, und fand bei einem Bürger einen klaren Brunnen, kaufte den dem Bürger ab, und derselbe meinte wunders, wie er den frommen Mann überlistet; denn, dachte er, der Brunnen mag immerhin sein eigen sein, mein bleibt doch der Platz, wo er quillt. Aber St. Gangolf ließ sich einen kleinen hölzernen Brunnenkasten machen, füllte den mit Wasser aus dem Brunnen, trug ihn eigenhändig auf die Milseburg, stellte dort den Kasten hin und durchstieß mit seinem Stabe den Boden. Siehe, da quoll das Wasser fort und fort von unten herauf in den Kasten, daß dieser überfloß, der Brunnen des Bürgers drunten in Fulda aber versiegte. Der Gangolfsbrunnen aber quillt noch unversiegbar fort bis auf den heutigen Tag, sein Wasser, wohl verstopft, soll sich jahrelang frisch erhalten, auch die sondere Tugend haben, für Frauen ein Kindleinsbrunnen werden zu können.

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131. Sankt Remaclus Fuß zu Spa

131. Sankt Remaclus Fuß zu Spa

In dem quellenreichen Spa, darinnen mehr denn hundert Gesundbrunnen ihre Heilwasser ausströmen, ist eine Quelle, die heißt Groesbeeck, die ist ein Jungbrunnen und Frauenbad, absonderlich heilsam und kräftigend. Nahe dabei ist das Zeichen eines Fußes tief in den Boden eingetreten. Einstens kam der heilige Remaclus, welcher im Lütticher Lande wohnte, zu dieser Quelle und verrichtete allda seine Andacht. Der heilige Mann mochte aber ermüdet sein oder sich allzu tief in sein Gebet versenken, er schlief ein über dem Gebet. Solches hat den lieben Gott in etwas verdrossen, und er schuf, daß einer der Füße des heiligen Mannes tief in die Erde sank und das Wahrzeichen also blieb, daß es nimmermehr wieder ausgefüllt werden konnte. Der heilige Remaclus aber fühlte tiefe Reue über sein Vergehen und legte sich die strengste Buße auf, dies sahe Gott mit Wohlgefallen an und schuf der Fußtapfe eine wunderwirkende Kraft. Frauen, welche Nachkommenschaft entbehren und Nachkommenschaft wünschen, halten in der Kirche des heiligen Remaclus zu Spa eine neuntägige Andacht und trinken an jedem dieser Tage aus dem Brunnen Groesbeeck ein Glas Wasser, indem sie den einen Fuß in die Fußtapfe des heiligen Remaclus setzen. Vielen hat dort ihr Glaube geholfen.

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132. Die schlafenden Kinder

132. Die schlafenden Kinder

Im Lütticher Lande, zu Stockum, lebte ein armes Weiblein, eine Wittib mit drei Kindern, kümmerlich, denn es war teure Zeit, und sie mußte betteln gehen und konnte doch nichts erbitten und erbeten. Da kam sie voll Jammer zu ihren drei Kindlein daheim und sagte: Weh uns Armen! Die Herzen der Menschen sind hart, und Gott hat ihr Ohr verschlossen. Lasset uns mitsammen sterben, das ist das Beste für uns viere, da hungern wir nicht mehr! – Da die Kinder diese Worte vernahmen, begannen sie zu weinen, und eines derselben sprach: Ach, liebe Mutter, du wirst doch dich und uns nicht schlachten wollen – denn die Alte hielt schon das scharfe Messer in der Hand – laß uns doch lieber schlafen bis zum Herbst, da gibt es wieder Korn und Obst, da lesen wir wieder Ähren mit dir und können leben. Da fiel der Mutter das Messer aus der Hand, und den Kindern allen dreien fielen die Augen zu, und entschliefen, und schliefen und schlummerten in einem fort, durch den Winter und Frühling und Sommer, und wachten nie nicht auf. Viele Menschen kamen herbei aus Lüttich und aus Brabant und sahen mit Verwunderung die immer schlafenden Kinder, und alle schenkten der armen Frau etwas, und davon wurde die arme Frau sehr reich. Und als der Monat August kam, da die Sicheln der Ährenschnitter im Felde klangen, da wachten die Kinder allzumal auf und hatten einmal recht ausgeschlafen, lobten Gott und den frommen Heiland mit ihrer Mutter und litten nie wieder Mangel.

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