201. Die Schwesterntürme

201. Die Schwesterntürme

In Broacker ist die Kirche mit einem Doppelturm geziert, die Schiffer auf der See erblicken diesen Turm zehn Meilen weit und haben an ihm ein Merkzeichen. Auf dem Schlosse dortselbst haben zwei Fräulein gewohnt, die waren Zwillingsschwestern und durch Fügung Gottes im Mutterleibe zusammengewachsen, die haben diesen Turm erbauen lassen.

In Keitum klingt die Glocke, wenn sie geläutet wird, nie anders als: Ing und Dung! Ing und Dung! So hießen zwei Schwestern, die hatten nördlich von der Kirche ein Haus, darin sie klösterlich lebten, und sie waren es, die den Turm erbauen ließen. Zum Gedächtnis dieser Jungfrauen erhielt der Turm zwei Spitzen von Feldsteinen, welche sie selbst vorstellen sollen. Da man den hellen und herrlichen Ton der Keitumer Glocke bei klarem Wetter sogar auf dem festen Lande hören konnte, so gedachten die Bewohner des Fleckens Hoyer sie heimlich zu stehlen; als die Keitumer das merkten, banden sie eine Zeitlang ein Pferdehaar um den Klöpfel, da lautete es, als wenn die Glocke zersprungen wäre, und da ließen die Hoyeringer ab von ihrer List. Eine alte Sage ging, die Glocke werde einstens aus dem Turme herabstürzen und den schönsten Jüngling erschlagen, und nachher werde auch, wiewohl später, der Turm einfallen und die schönste Jungfrau unter seinen Trümmern begraben. Ersteres ist im Jahre 1739 in Erfüllung gegangen, letzteres aber noch nicht, daher kommen die Mädchen auf Sylt nicht gerne dem Kirchturme nah und gehen nicht gerne in die Kirche – geht die Sage.

Auch im Dorfe Altenbruch an der Elbemündung in die Nordsee lebten einst zwei betagte Zwillingsschwestern, freuten sich der Achtung aller Bewohner; die erbauten von ihrem Überfluß an irdischem Gut Turm und Kirche und brachten ihr Leben in einträchtiger Liebe miteinander hin; da wurde der Turm in zwei hohen schlanken Spitzen ausgebaut und jede derselben mit einer schönen Krone geziert, und es bringen diese Spitzen die Namen der frommen Jungfrauen auf die späte Nachwelt.

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202. Die Hand aus dem Grabe

202. Die Hand aus dem Grabe

Vor vielen hundert Jahren stand zu Marienstede im Lauenburger Lande in einer Kapelle ein Muttergottesbild mit dem Kinde, und dicht an der Kapelle hin floß ein Wasser. Welcher Kranke darin badete, der wurde gesund durch die Wunderkraft des Muttergottesbildes. Daher war viel Zustrom und Wallfahrens zu dem Mirakelbilde, und darüber hatte niemand mehr seinen Spott als ein benachbarter Edelmann; der hielt gerne die frommen Gläubigen für Narren und trieb Possen mit ihnen und spielte ihnen manchen Schabernack. So hatte dieser Edelmann einen Vogt, der war nur wenig oder gar nicht besser als sein Herr. Als einmal diesem Vogt sein Pferd krank wurde, daß ihm kein Viehdoktor helfen konnte, da dachte und sagte der Edelmann: Reite doch nach Marienstede und laß das Pferd aus der heiligen Pfütze saufen und schwemme es tüchtig darin herum, so wird es schon wieder genesen. Nun hatte der Vogt einen alten Vater, der ihn schon oft zum Guten vermahnt, aber der gottlose Sohn lachte den Alten stets aus, und wenn er ihm von Gott sprach, da sagte er: Ich bin so lange ohne den lieben Gott fertig geworden, daß ich vermeine, ich werde auch wohl noch länger ohne ihn fertig werden. Da nun der alte Vater hörte, daß sein Sohn wirklich das Pferd nach Marienstede reiten wollte, so warnte er ihn abermals und sprach: Solchen Frevel wird dir Gott nimmermehr hingehen lassen, versuche Gott nicht, er läßt sich nicht spotten! – Ei was! versetzte der Sohn, ist unser Pferd nicht auch deines lieben Gottes Geschöpf, und ist es nicht mehr wert als alle die alten Krüppel, die Tag um Tag nach Marienstede wallen? Der alte Mann aber, da er nun sah, daß mit guten Worten bei seinem verwahrlosten Sohn im Guten nichts auszurichten war, und ihn doch nicht der göttlichen Strafrute ausgesetzt sehen mochte, stellte sich vor das Pferd, da jener es wegreiten wollte, und faßte den Zaum und wollte ihn durchaus nicht weiterlassen. Da nahm der Vogt einen Riemen und schlug seinen alten Vater damit über den Kopf. Da hob der Alte seine Hand zur Höhe und rief: Daß dich Gott strafen möge, du Unmensch! Aber der gottlose Vogt lachte darüber und entritt und brachte sein Pferd nach Marienstede und tränkte es aus dem heilenden Wasser. Von diesem Tage an verlor das Wasser seine Heilkraft. Und mit dem Vogt nahm es ein böses Ende. Seit er die beiden Untaten getan, hatte er keinen vergnügten und gesunden Tag mehr, und bald darauf starb er. Als er begraben war und andern Morgens zeitig der Küster auf den Kirchhof kam, so sah er auf des Vogtes Grab etwas Weißes liegen, und als er näher darauf zuging, war es eine Menschenhand, und zwar dieselbe, mit welcher der Vogt seinen Vater geschlagen hatte. Nun gruben sie die Hand wieder unter, aber sie blieb nicht im Grabe, sie wuchs immer wieder heraus. Da brachten sie sie in die Kirche und legten sie in eine Blende der innern Kirchenmauer, und alle Jahre einmal erhebt der Prediger diese Hand und zeigt sie den Kindern und spricht: Diese Hand hat sich gegen den Vater aufgehoben, darum hat sie keine Ruhe bis auf den heutigen Tag.

Auch in Oldenburg wird eine solche Hand gezeigt, ebenso in Lübeck und im Flecken Heinrichs auf dem Thüringerwalde liegt auch eine in einem kunstvollen Sakramentschrein aufbewahrt. Zu Groß-Redensleben in der Altmark hängt eine solche Hand an eiserner Kette in der Kirche. Ja bis nach Polen hinein geht diese Sage.

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195. Die nächtliche Trauung

195. Die nächtliche Trauung

Nahe bei Apenrade geschähe es, daß der Pfarrer eines ohnweit der Ostsee gelegenen Dorfe in der Nacht von ein paar Matrosen aus dem Bette geholt wurde, welche ihm einen schweren Beutel mit Goldstücken vorhielten und ihm sagten, diese solle er erhalten, wenn er ihnen alsbald in seinem Ornate zur Verrichtung einer heiligen Handlung folge, wo nicht, so müsse er unfehlbar und auf der Stelle sterben. Der Prediger folgte seinen rauhen Führern zu der Kirche, die in einer ziemlichen Entfernung vom Dorfe einsam stand. Er sahe sie von innen erleuchtet, und eine Schar bewaffneter Seeleute in fremder Tracht erfüllte ihre Räume. Er wurde zum Altare hingeleitet, dort stand ein junger Herr in reicher Tracht und eine Dame im Brautschmuck, hinter ihnen aber war die Gruft geöffnet. Da wurde dem Priester befohlen, das Paar zu trauen, und er tat es nicht ohne Beben, und als das Paar verbunden war, ward ihm weiter anbefohlen, eine Grabrede zu halten an dem offenen Grabe, als ob er jemand begrübe, und er tat auch dies nicht ohne Beben. Da er nun vollbracht, was von ihm verlangt worden war, so wurde ihm noch ein furchtbar schwerer Eid abgenommen, nun und nimmermehr zu sagen, was er hier gesehen und was durch ihn geschehen. Hierauf ist er, vom Grausen ergriffen, die Kirche hinter sich, eilend nach Hause gegangen, aber noch war er nicht weit von der Kirche, so hörte er in ihr einen starken Schuß fallen und einen lauten Aufschrei aus Frauenmund – enteilte ganz bestürzt und fast sinneverwirrt nach Hause. Er fand keine Sekunde Schlaf, und mit dem frühesten eilte er wieder nach jener Kirche hin. Auf hoher See sah er einen stattlichen Dreimaster mit russischer Flagge schwimmen. Als der Pfarrer in die leere Kirche trat, fand er alles in bester Ordnung – aber – in dem offnen Grabe, daran er in der Nacht die Leichenrede gesprochen, lag die Leiche der Braut, die er hatte trauen müssen, mitten durch das Herz geschossen. – Diese Sage wird auch auf Anholt erzählt und in ähnlicher Weise auch zu Lunden in Norderdithmarschen. Ganz so lebt sie aber auch zu Trotting auf Seeland, und der berühmte Philosoph Schelling hat sie in wohlklingende Terzinen umgedichtet.

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196. Der schnelle Reiter Tod

196. Der schnelle Reiter Tod

Im Schleswiger und Dithmarscher Lande geht eine Sage um von einem bäuerlichen jungen Liebespaare, das hatte sich gar zu lieb, aber Gott fügte es, daß der Bräutigam krank ward und starb. Da wollte sich seine Liebste gar nicht zufrieden geben und weinte und jammerte den ganzen Tag, und wenn es Abend wurde, so ging sie hin auf sein Grab und weinte und jammerte die liebe lange Nacht. Da nun die dritte Nacht kam, seit er begraben war, und sie wieder dasaß und weinte, da kam ein Reiter auf einem Schimmel und fragte sie: Willt du mit mir reiten? Da schlug sie die Augen auf und sähe, daß es ihr Geliebter war, und sprach: Ja, ich will mit dir reiten, wohin du willt – und stieg mutig zu ihm auf sein Pferd, und fort ging es mit dem Wind um die Wette in die weite Welt. Da sie nun eine gute Strecke geritten waren, so sprach der Geliebte:

Der Mond der scheint so hell.
Der Tod der reitet so schnell.
Mein Liebchen, graut dir nicht?

Nein! sagte sie, was soll mir wohl grauen? Ich bin ja bei dir. Und weiter und weiter ging der Ritt und immer hastiger wie vorher, aber die Dirne saß fest auf dem Pferde und hielt den Geliebten umfaßt. Da fragte dieser zum andernmal:

Der Mond der scheint so hell,
Der Tod der reitet so schnell,
Mein Liebchen, graut dir nicht?

Nein! erwiderte sie nochmals, was soll mir grauen? Ich bin ja bei dir! – Aber es wurde ihr doch ein wenig wunderlich zumute; und da fragte er zum drittenmal:

Der Mond der scheint so hell.
Der Tod der reitet so schnell.
Mein Liebchen, graut dir nicht?

Da begann ihr zu grauen, fester hielt sie ihn umklammert und sprach kein Wort. Da sauste das Pferd dreimal mit ihnen in einem Kreis herum, und weg waren sie.

Weitumgehend ist diese Sage, auch in England wie in Schweden ist sie verbreitet. Die Schauerverse des toten Reiters vernahm der deutsche Dichter Bürger und spann aus ihnen seine düstre Ballade Lenore.

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188. Totenkopf wandert

188. Totenkopf wandert

Nicht weit von der Jütlandgrenze lagen zwei Burgen, Fobeslet und Drenderup, die Güter sind noch vorhanden. Auf Drenderup saß ein wüster Gesell, Ritter Adelbrand, auf Fobeslet aber ein holdes Fräulein, Antolille geheißen. Der Ritter liebte das Fräulein, und das Fräulein haßte den Ritter. Sie sagte ihm, er sehe aus wie ihres Vaters Hund, und ein andersmal, er sei nicht besser als ein alter Pantoffel. Das verwandelte des Ritters Liebe in grimmen Haß, und er schwur dem Fräulein furchtbare Rache. Sieben Jahre bewachte er ihre Burg, sieben Jahre durfte sie sich nicht herauswagen, und da sie dies auch nicht tat, so bekam er sie nicht in seine Gewalt. Da gab er, scheinbar des Harrens müde, seine Bewachung auf und reiste weg, und bald kam das Gerücht, er sei gestorben. Sieben Jahre war das Fräulein Antolille in keine Kirche gekommen, sie sehnte sich in eine solche, und da sie nun sich sicher glaubte, so verließ sie ihre Burg mit ihrem Gefolge. Plötzlich brach aus einem Hinterhalt Ritter Adelbrand, versprengte die Diener und ergriff die Unglückliche, die seine Liebe mit so bitterm Hohn gelohnt. Er band sie an den Schweif seines Pferdes und jagte so mit ihr davon auf seine Burg zu. Ihre Mutter sah’s von den Burgzinnen und starb mit Antolille zu gleicher Zeit. Als Adelbrand seine wilde Rache gekühlt, tötete er alsbald sich selbst. In Drenderup begrub man die drei Leichen. Aber Adelbrands Schädel fand keine Ruhe in der Gruft; wie er so rastlos sieben Jahre arger Gedanken voll gewesen, so spukte und rollte er bald da, bald dort umher, schreckte die Menschen und weilte in keinem Grabe.

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18. Der ewige Jude auf dem Matterhorn

18. Der ewige Jude auf dem Matterhorn

Hoch im Alpengebirge, ohnweit Welschlands Grenzen und dem hohen Monte Rosa, des Name schon italienisch genannt wird, hebt sich ein mächtiger Bergstock, das Matterhorn geheißen, darunter liegt der Matterberg mit einem Gletscher, dessen ablaufendes Gewässer die Visper bildet, welche noch ihre Wellen nach deutschem Boden herabrollt. Da droben, wo jetzt nur das Schweigen der Öde lagert oder das Eis der Gletscher donnernd kracht, habe voreinst, so geht die Sage, eine blühende Stadt gelegen. Dahin sei auf seiner ewig rastlosen Wanderung auch der ewige oder, wie man in der Schweiz sagt, der laufende Jude gekommen, da haben die Leute ihm angesehen, daß er der laufende Jude war, und kein Mensch habe ihn in sein Haus aufnehmen wollen. So habe der laufende Jude gesagt, indem er bekümmert über der Menschen Härte hinweggegangen: Jetzt finde ich hier eine Stadt, und wenn ich werde wiederkommen, wird hier doch wachsen Gras, und werden stehen Bäume, und werden liegen große Felsen, und wird nichts mehr zu sehen sein von Häusern und Gassen, Mauern und Türmen. Und wenn ich nochmal werde kommen wieder, wird hier doch nichts mehr zu sehen sein von Gras und Kräutern, Bäumen und Steinen, sondern als nur Schnee und Eis, und wird liegen, als so lang ich noch muß wandern. – Und alles ist so in Erfüllung gegangen, wie der laufende Jude gesagt hat, der wandern muß bis an der Welt Ende, weil er unsern Heiland auf seinem Todesgange nicht Ruhe vor seiner Haustüre vergönnt hat, und wird allemal, wenn er hundert Jahre alt geworden, wieder so jung, wie unser Heiland war, da er nach Golgatha wanderte.

Tiefer drunten im Vispertale, wo man von oben herein in das Nicolaital eingeht, liegt ein Dorf unterm Weißhorn, das heißt Täsch, und über Täsch rechter Hand lag auf sonniger Matte noch ein Dorf gleichen Namens, da stand einmal eine reiche Bäuerin, die hatte überm Feuer einen Kessel mit Anke (Rahm), den sott sie, und sollte gute Butter geben. Da kam ein armer alter Mann herein und bat, sie möge ihm doch ein Weniges von ihrer Anke zur Speise geben, ihn hungere gar sehr. Geh weg, du Lump! sagte die Frau, hier ist nichts übrig für solche Stromer. – O Bäuerin! sprach der Mann, hättest du mir etwas gegeben, so hätt‘ ich deinen Kessel segnen wollen, daß er nimmermehr leer geworden, so aber sei verflucht mit dem ganzen Dorfe! – Und da krachten alsbald droben der Cimagipfel und das Mittaghorn zusammen und schütteten Fels auf Fels herunter, und der ganze Ort wurde unter Trümmern begraben, und blieb nichts mehr sichtbar als die Fläche des Kirchenaltars, und über diesen fließt jetzt ein Bächlein aus dem Praborgne-Gletscher, der das Dorf überdeckt, herunter nach Täsch durch die Felsenschluchten in die Visp.

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189. Die schwarze Schule

189. Die schwarze Schule

Viele Sagen gehen in Nordfriesland und in Norddithmarschen von der schwarzen Schule, in welcher kein anderer der Schulmeister ist als der Teufel selbst. In diesem seinem Seminarium unterrichtet der Schwarze junge Theologen und Schulmeister in gar mancherlei geheimen Künsten, doch nicht umsonst, sie müssen ihm ihre Seele verschreiben und eine gewisse Bedingung festhalten, fehlt einer deren und versieht’s einmal, so ist seine Seele verloren. Die meisten versehen’s. Da muß einer nur ein Strumpfband tragen, ein anderer darf sich nur einmal die Woche rasieren, ein dritter darf nie anders die Strümpfe anziehen als verkehrt. Die Künste, welche diese schwarzen Scholaren lernten, bestanden in Bannen, Festmachen, sich an andere Orte schnell hinzücken, erfahren, was daheim geschieht, und wenn sie noch so weit vom Hause sind, andere, besonders Diebe, stehenbleiben machen, sie festschreiben, festlesen und dgl. Bisweilen glückt es einem oder dem andern, den Teufel, der seinen Bündnern fort und fort nachstellt und dahin wirkt, daß sie das Gelobte nicht halten, zu überlisten, denn manchem Pastoren und Schulmeister auf dem Lande ist fürwahr der Teufel selbst noch nicht klug und schlau genug. So wird viel gesprochen von einem Pastor in Medelby im Amte Tondern, des Namens Fabricius, der konnte mehr als Brot essen, weil er in die schwarze Schule gegangen, und der durfte niemals zwei Strumpfbänder anlegen, sondern immer nur eins. Damit er nun sich vergäße, lagen gar manchesmal früh beim Aufstehen zwei Strumpfbänder auf seinem Stuhle, damit fing ihn aber der Teufel keineswegs. Hierauf plagte der Teufel das Mädchen, das für den Pfarrer Strümpfe strickte, als Floh, da ließ sie oft die Maschen fallen und juckte sich, und da wurden die Strümpfe zu weit, weil sie sich auch zum öftern verzählte, nun fiel der Strumpf ohne Band herunter auf die Ferse, das verschlug aber dem Pfarrer alles nichts, er band ihn doch nicht fest, sondern ließ ihn hängen, und der Teufel konnte ihm nichts anhaben. Ein anderer Pastor, hieß Ziegler, durfte auch nur ein Strumpfband tragen, doch nur auf Zeit eines Kontraktes mit dem Teufel, nach dessen Ablauf wollte jener kommen und ihn holen. Da nun die Zeit um war, kam der Teufel frühmorgens, und der Pfarrer zog sich langsam an; zuerst zog er die Strümpfe verkehrt an, das war dem Teufel schon ganz zuwider, dann zog er sich weiter sehr langsam an, und der Teufel verlor die Geduld und sagte: Mache endlich, daß du fertig wirst, das dauert ja eine Ewigkeit! Ich habe mehr zu tun. Jetzt warte ich keinen Augenblick länger, als bis du dein Strumpfband angelegt. Der Pastor Ziegler hatte schon das Strumpfband in der Hand, aber als der Teufel das sagte, legte er es ganz langsam wieder hin, sprach zum Teufel: Guten Morgen! – und legte sich auf die andere Seite. Wütend fuhr der Teufel von dannen und kam nimmermehr wieder, und nimmermehr wieder trug der Pastor ein Strumpfband. Als er noch einmal herumgeschlafen hatte, nahm er eine Schere und schnitt seine Strümpfe unter der Wade ab, so erfand er die Strumpfsocken, wie sie die meisten Männer jetzt tragen, und brauchte keine Strumpfbänder mehr.

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190. Spottnamen und Schildbürger im Norden

190. Spottnamen und Schildbürger im Norden

Im innern Deutschland denken wir wunders was für weise Lalenburger wir im Schwaben- und Frankenlande, in Schilda und Schöppenstätt, in Wasungen und Ummerstadt usw. haben. Da schaut einmal hinauf nach Dithmarschen und Schleswig-Holstein, da ist des Volkes Necklust lebendig über alle Maßen. Da sind die Jagler bei Schleswig, die heißen die tollen Jagler, wie auf dem Rhöngebirge die Einwohner des Dorfes Ditges die tollen Dittiser; die wollten einen Balken partout die Quere durch ihr Tor schaffen, bis sie einen Spatzen mit einem Strohhalm fliegen sahen, der den Halm zur Längst in sein Nest zog. Die Hostrupper haben eine Scheuer, in der sie alle Dummheiten einheimsen und aufspeichern, daher das Sprüchwort gilt: Geh nach Hostrupp und laß dir die Narrheit verschneiden. Zu Gabel ging es mit einer Katze fast gerade wie zu Wasungen. Sie kauften solch ein rares Tier zum Mäuseausrotten für dreihundert Taler. Als der Handelsmann fort war, fiel den Gablern erst ein, daß sie zu fragen vergessen, was denn dieses Tier fresse. (Zu Wasungen kam die Rückantwort: Die Katze frißt alles, da entstand große Furcht, und man schaffte schleunigst die Katze wieder ab.) Dem reitenden nacheilenden Boten aber rief der Händler zu: Milch und Mäuse! Nun pfiff gerade der Wind etwas stark, und der Bote verstand: Milch und Menschen! und brachte im Galopp diese Antwort zurück. Welch ein Schreck! Wie da zu raten und zu helfen? Im äußersten Haus war schon die Katze, sie sollte von da reihum gehen, wie der Dorfspieß. Man wagte sich nicht an das menschenfressende Untier, man steckte das Haus in Brand, da sollte es drinnen verbrennen. Als das Haus im schönsten Brennen war, wurde es der Katze zu warm darin, sie sprang daher geschwinde heraus und lief in das nächste. Das wurde auch angesteckt; die Katze sprang von da, weil es wieder zu warm wurde, in das dritte Haus, und immer so fort, bis kein Haus mehr da war, da lief sie über Feld und kam nicht wieder. Die Gabler aber waren froh, daß sie die Katze und zugleich auch ihre Hausmäuse los waren, wie jene Guten, die ihr Haus niederbrannten, um die Wolterkens samt allen Wanzkern los zu werden. Die Romöer sind auch eine kluge Sorte. Sie wollten gern ihre Kirche zwei Ellen weiterschieben und meinten, da nur wenige Leute diese erbaut, so würden viele Leute die Kirche doch leicht fortschieben können. Damals trug man allgemein zu Romöe rote Jacken; alle hatten welche, nur Paul Moders, ein armer Robbenfänger, hatte keine. Da sagte er, alle Romöer sollten sich an der Nordseite zum Schieben anstellen, an der Südseite aber eine Jacke zwei Ellen weit von der Kirche legen, damit man richtig sehen könne, ob die Kirche weit genug geschoben sei. Der Vorschlag gefiel, die Jacke ward hingelegt, und alles schob. Jetzt kam Paul Moders und schrie: Genug! genug! haltet ein! Ihr habt die Kirche schon über die rote Jacke hinübergeschoben, ihr Simsone ihr! – Da waren die Romöer froh, daß es ihnen so wacker gelungen war. Am nächsten Sonntag wunderte sich jedermänniglich, daß auch Paul Moders mit einer roten Jacke in die Kirche kam, konnten gar nicht begreifen, wie der arme Transchlucker zu einer roten Jacke gekommen war.

Die Büsumer an der See, die sind auch von den Pfiffigen. Einstmalen gingen ihrer Neun zu baden und schwammen wie die Enten. Jetzt hob sich der Vordermann und sagte: Mine Jongens, ik mutt doch würftig mal teilen, ob ay noch all dohopen sünt. Nun zählte er: Einer, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht, ich bin ich, es muß beim Donner einer versoffen sin! Stille, laßt mich einmal zählen! rief ein anderer und zählte gerade wieder so. Ach Gott! ach Gott! Einer von uns muß versoffen sin! – Jetzt schwammen alle traurig zum Ufer; ein Fremder kam, dem klagten sie ihr Herzeleid, und der riet ihnen, sie sollten sich niederlegen und ihre Nasen in den Sand stecken, hernach die Löcher zählen. Selbiges taten sie, hurrah! da gab es neun Löcher, und keiner war versoffen. Den Mond wollten die Büsumer aus dem Brunnen schneiden, einen Hummer haben sie für einen Schneider angesehen, auf ein Feld säeten sie Kuhplapper, meinten, von selbigen Eiern sollten Kühe wachsen. Ein Mann stahl ihnen einen weißen Mühlstein, lange zogen sie ihm nach, folgten seiner Spur bis nach Hamburg, taten sich dort viel zugute auf Gemeindeunkosten, gingen auch in St. Michaels Kirche und erhoben auf einmal einen Heidenspektakel, indem sie überlaut schrien: Unser Mühlstein! unser Mühlstein! Der Herr Pastor hat ihn, hat sin Köpken durchgesteckt! – Sie hielten den großen und breiten runden Halskragen von Batist, den die Mode den Geistlichen um den Hals gelegt, für ihren großen weißen Mühlstein.

Die Bishorster leitete ein Schalk an einem Seil in einen tiefen Brunnen, als sie nach gewohnter Weise die Christnachtmette besuchen wollten und sich an dem Seile, das sie ausgespannt hatten, um in der Nacht des Weges nicht zu fehlen, forthalfen. So erzählen die Haseldörfer, Bishorst aber hat die Elbe nach und nach ganz hinweggeflutet.

Die Kisdorfer haben eine Sense, die ein Grasdieb liegen ließ, für ein gefährliches Tier angesehen und eilend eingezäunt. Auch sie trugen, wie ihre witzigen Brüder in Deutschland, den Tag in Säcken in ein neugebautes Haus.

Die Fockbecker haben einen Teich mit eingesalzenen Heringen besetzt, meinten, übers Jahr reichliche Brut davon zu haben. War aber gefehlt; als der Teich abgelassen ward, war kein Hering drin, nur ein großer Aal. – Das ist der Heringsfresser, der muß sterben! rief der klügste Fockbecker. Wir wollen ihn essen, wie er unsere Heringe gegessen hat! schlug einer vor. Das ist nicht Strafe genug! rief ein zweiter, der sich einmal gebrannt hatte. Verbrennt ihn! Nein! schrie ein dritter, der einmal fast ertrunken wäre, brennen ist sehr schlimm, aber versaufen ist schlimmer. Wir wollen ihn in die Au schmeißen und ihn versaufen! – Alle stimmten dem letzten bei, zumal er am meisten schrie, und wie der Aal nun im Wasser fröhlich schnalzte und sich krümmte und schlängelte, da rief der letzte Weise: Seht ihr, wie er sich quält! Ja – das ist der schlimmste Tod, das Versaufen. – Wenn das Verdursten nicht noch schlimmer ist! rief einer, der gern das letzte Wort haben wollte.

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191. Die Rungholder auf Nordstrand

191. Die Rungholder auf Nordstrand

Husum gegenüber in der Nordsee liegt die Insel Nordstrand, darauf lag einst ein reicher Ort, Rungholt, dessen Bewohner bauten große feste Dämme, und darauf stehend sprachen sie zum Meere voll Übermutes: Trotz um, blanke Hans! – In ihrem Übermut haben sie einmal eine Sau im Wirtshaus betrunken gemacht, ihr eine Schlafmütze aufgesetzt und sie ins Bett gelegt, dann sind sie zum Pfarrer gelaufen und haben ihm gesagt, er müsse kommen und einem Todkranken das heilige Abendmahl reichen. Da er nun das Sakrament nicht also schändlich entweihen wollen, haben sie ihn bedräut und mißhandelt, und schmählichen Unfug fortgetrieben. Da erging in der Nacht an den Pfarrer ein Zeichen und eine Stimme: Gürte dein Gewand und ziehe deine Schuhe an und wandere. – Da wanderte der Pfarrer fort mit den Seinen, so eilend er konnte. Darauf erhob sich ein Wind, und es schwoll das Wasser, und wuchs und wuchs an den Dämmen hinan, die dort Deiche heißen, und ging über die Dämme, und stand über ihnen vier Ellen hoch, und den Flecken Rungholt auf Nordstrand und sieben andere Kirchspiele verschlang das Meer. Einst soll es wieder auferstehen. Bei heller See erblicken Schiffer zum öftern den Ort und das Land auf des Wassers Grunde, seine Häuser, seine Türme und Windmühlen, auch wollen manche die Glocken der versunkenen Kirchtürme haben erklingen hören.

Gleich den Rungholtern haben auch einstmals die bösen Bauern zu Lichtenau im großen Werder in Preußen (bei Danzig) getan, es ist ihnen solches aber übel genug bekommen.

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192. Die getreue Alte

192. Die getreue Alte

Zu Husum sollte einst ein Winterfest gefeiert werden auf dem Eise, denn das Eis war fest. Zelte wurden aufgeschlagen auf der herrlichen blanken Fläche zwischen dem Ufer und der Insel Nordstrand, Schlittschuh lief, was laufen konnte, Stuhlschlitten flogen dahin, Musik und Tanz, Lied und Becherklang verherrlichte den schönen Tag und die nahe lichthelle Mondnacht, die den Jubel noch vermehren sollte, denn schon ging der Mond auf.

Alles und alles war hinaus aufs Eis und machte sich lustig, nur ein steinaltes Mütterlein war zurückgeblieben, hatte die Weltlust hinter sich, und wenn sie ja wollte, konnte sie hinaus und hinab aufs Eis sehen, denn ihr Häuslein stand auf dem Damme. Und sie tat’s, sie sah gegen Abend hinaus und sah im Westen ein Wölkchen über die Kimmung heraufziehen, da befiel sie große Angst, denn sie war eines Schiffers Witwe und kannte die See und die Zeichen von Wetter und Wind. Sie rief, sie winkte – niemand vernahm sie, niemand blickte nach ihr – aber das Wölkchen wuchs zusehends und war ein Bote der Flut und schnell umspringenden Windes von Nord nach West. Und wenn die auf dem Eise nur noch eine halbe – eine Viertelstunde zögerten, so war es um sie getan, so stand Husum menschenleer. Wie die Wolke wuchs, zusehends, riesengroß, schwarz – wie sie schon den lauen Windhauch spürte, wuchs auch der Alten unsägliche Angst – und sie war allein, krank, halb gelähmt, machtlos. Dennoch ermannt sie sich, kriecht auf Händen und Füßen zum Ofen, nimmt einen Brand, zündet das Stroh ihres eignen Bettes an und kriecht zur Türe des Häuschens hinaus. Bald schlägt die Flamme aus dem Fenster, hinauf zum Dach, des Sturmes Odem facht hellodernde Glut an, und: Feuer! Feuer! schreit es auf dem Eise, und die Zelte werden verlassen, die Schlittschuhläufer fliegen dem Strande zu, die Schlitten lenken sich heimwärts. Und da faucht schon der Wind über die Eisfläche, da pocht’s schon drunten und poltert, und wie Kanonendonner kracht das Eis in der Ferne. Die schwarze Wolke überzog den Mond und den ganzen Himmel, wie ein Leuchtturm flammt das Haus der Witwe und zeigt den Heimwärtseilenden die sichere Bahn. Wie die letzten am Strande sind, rollt die Flut ihre Wogen über das Eis und reißt Zelte und Tonnen, Wagen und Zechgeräte in ihre rauschenden Wirbel.

Die arme Alte hatte ihr Häuschen geopfert, die Bewohner ihrer Stadt zu retten. Es wird ihr ja wohl nicht unvergolten geblieben sein.

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