Odysseus erzählt weiter



Odysseus erzählt weiter

Die Sirenen. Skylla und Charybdis. Thrinakia und die Herden des Sonnengottes. Schiffbruch. Odysseus bei Kalypso

»Nachdem wir die Gebeine unsres verunglückten Genossen«, fuhr Odysseus fort, »auf der Insel Aiaia verbrannt und zur Erde bestattet, auch dem Toten einen Grabhügel aufgehäuft hatten und eine Denksäule daraufgesetzt und von Kirke sehr freundlich empfangen und bewirtet worden waren, fuhren wir, von ihr vor allerlei Gefahren gewarnt und reichlich mit Lebensmitteln versorgt, weiter.

Das erste Abenteuer, das wir zu bestehen hatten und von welchem uns Kirke geweissagt, erwartete uns am Eilande der Sirenen. Dieses sind sangreiche Nymphen, die jedermann bezaubern, der auf ihr Lied horcht. Am grünen Gestade sitzen sie und singen ihre Zauberlieder dem Vorüberfahrenden zu. Wer sich zu ihnen hinüberlocken läßt, ist ein Kind des Todes, und man sieht deswegen an ihrem Ufer moderndes Gebein genug umherliegen. Bei der Insel dieser verführerischen Nymphen angekommen, hielt unser Schiff stille, denn der Fahrwind, der uns bisher gelinde vorwärts getrieben, hörte mit einemmal auf zu wehen, und das Gewässer schimmerte wie ein Spiegel. Meine Begleiter nahmen die Segel von den Stangen, falteten sie zusammen, legten sie im Schiffe nieder und setzten sich ans Ruder, um das Schiff so vorwärtszubringen. Ich aber gedachte an das Wort, das Kirke, die mir dieses alles voraussagte, gesprochen hatte. ›Wenn du an die Insel der Sirenen kommst und ihr Gesang euch droht, so verklebe die Ohren deiner Freunde mit Wachs, daß sie nichts hören; begehrst du aber selbst ihr Lied zu vernehmen, so befiehl, daß man dich, an Händen und Füßen gefesselt, an den Mast binde, und je sehnlicher du deine Freunde bittest, dich loszubinden, desto fester sollen sie die Seile schnüren!‹

Daran dachte ich jetzt, zerschnitt eine große Wachsscheibe und knetete sie mit meinen nervichten Fingern; das weiche Wachs strich ich sodann meinen Reisegenossen in die Ohren. Sie aber banden mich auf mein Geheiß aufrecht unten an den Mast; dann setzten sie sich wieder an die Ruder und trieben das Fahrzeug getrost vorwärts. Als die Sirenen dieses heranschwimmen sahen, standen sie in der Gestalt reizender Mägdlein am Ufer und stimmten mit wundersüßer Kehle ihren hellen Gesang an, der also lautete:

Komm, preisvoller Odysseus, erhabener Ruhm der Achajer,
Lenke das Schiff ans Land, um unsere Stimme zu hören.
Denn noch ruderte keiner vorbei im dunkelen Schiffe,
Eh er aus unserem Munde die Honigstimme gehöret:
Jener sodann kehrt fröhlich zurück und mehreres wissend.
Denn wir wissen dir alles, wieviel in den Ebenen Trojas
Argos‘ Söhne und die Troer vom Rat der Götter geduldet,
Alles, was irgend geschah auf der vielernährenden Erde.

So sangen sie. Mir aber schwoll das Herz im Busen vor Begierde, sie zu hören; ich winkte meinen Freunden mit dem Kopfe, mich loszubinden. Aber sie mit ihren tauben Ohren stürzten sich nur um so rascher aufs Ruder, und zwei von ihnen, Eurylochos und Perimedes, kamen herbei und legten mir, wie ich früher befohlen hatte, noch viel stärkere Stricke an und schnürten auch die alten fester zusammen. Erst als wir glücklich vorübergesteuert und ganz außer dem Bereiche der Sirenenstimmen waren, nahmen meine Freunde sich selbst das Wachs aus den Ohren, und mir lösten sie die Fesseln wieder. Ich aber dankte ihnen herzlich für ihre Beharrlichkeit.

Kaum waren wir etwas vorwärts gerudert, als ich von ferne Wasserstaub und eine mächtige Brandung gewahr wurde. Das war die Charybdis, ein täglich dreimal unter einem Fels hervorquellender und wieder zurückwallender Strudel, der jedes Schiff verschlingt, das in seinen Rachen gerät. Meinen Begleitern fuhren die Ruder vor Schrecken aus der Hand; sie flossen dem Strome nach, und das Fahrzeug stand stille. Ich selbst sprang von meinem Sitze auf, durcheilte das Schiff und sprach den Freunden, von Mann zu Manne gehend, Mut ein. ›Lieben Freunde‹, sagte ich, ›wir sind ja keine Neulinge in den Gefahren. Was auch kommen mag, ein größeres Leid als in der Höhle des Zyklopen kann uns nicht betreffen; und doch half euch dort meine Klugheit hinaus. Drum gehorchet mir nur alle. Bleibt fest auf euren Bänken sitzen und schlaget mutig mit den Rudern‹ – denn sie hatten sie wieder gefangen – ›auf die Brandung los. Ich denke, Zeus hilft uns durch schleunige Flucht aus dieser Not. Du aber, Steuermann, nimm alle deine Besinnung zusammen und lenke das Schiff durch Schaum und Brandung, so gut du kannst! Arbeite dich an den Fels hin, damit du nicht in den Strudel geratest!‹ So hatte ich die Freunde vor dem Strudel Charybdis gewarnt, von welchem mir Kirke erzählt hatte; aber von dem Ungeheuer Skylla, das gegenüber drohete, schwieg ich noch weislich; ich fürchtete, die Genossen möchten mir vor Schrecken wieder die Ruder fahrenlassen und sich im innern Schiffsraume zusammendrängen.

Eines andern Gebotes hatte ich jedoch vergessen, das Kirke mir auch gegeben. Sie hatte mir nämlich verboten, mich zum Kampfe mit diesem Ungeheuer zu rüsten; ich hüllte mich aber in meine volle Waffenrüstung, nahm zwei Speere in die Hand und stellte mich so aufs Verdeck, um dem herankommenden Ungeheuer zu begegnen. Aber obgleich mir die Augen vom Umherschauen schmerzten, konnte sie mein Blick doch nicht entdecken, und so fuhr ich denn voll Todesangst in den immer enger werdenden Meerschlund hinein. Diese Skylla hatte mir Kirke so geschildert: ›Sie ist kein sterblicher Gegner, vielmehr ein unsterbliches Unheil; Tapferkeit vermag nichts gegen sie, die einzige Rettung ist, ihr zu entfliehen. Sie wohnt gegenüber der Charybdis in einem sein spitzes Haupt in die Wolken steckenden Fels, ewig von dunkelem Gewölk umfangen, von keinem Sonnenstrahl erleuchtet und ganz aus glattem Gesteine aufgetürmt. Mitten in diesem Fels ist eine Höhle, schwarz wie die Nacht; in dieser haust die Skylla und gibt ihre Gegenwart nur durch ein fürchterliches Bellen kund, welches über die Flut herüberhallt wie das Geschrei eines neugeborenen Hundes. Dieses Ungeheuer hat zwölf unförmige Füße und sechs Schlangenhälse, auf jedem derselben grinst ein scheußlicher Kopf mit drei dichten Reihen von Zähnen, die sie fletscht, ihre Opfer zu zermalmen; halb ist sie einwärts in die Felskluft hinabgesenkt, ihre Häupter aber streckt sie schnappend aus dem Abgrunde hervor und fischt nach Seehunden, Delphinen und wohl auch größeren Tieren des Meeres. Noch nie hat sich ein Schiff gerühmt, ohne Verlust an ihr vorübergekommen zu sein; gewöhnlich hat sie, ehe sich’s der Schiffer versieht, in jedem Rachen einen Mann zwischen den Zähnen, den sie aus dem Schiffe geraubt hat.‹

Dieses Bild hatte ich vor meiner Seele und spähte vergebens umher. Indessen waren wir mit dem Schiffe ganz nahe an die Charybdis geraten, die die Meeresflut mit ihrem gierigen Rachen einschlürfte und wieder ausspie; die brauste wie ein Kessel über dem Feuer, und weißer Schaum flog empor, solange sie die Flut herausbrach; wenn sie dann die Wogen wieder hinunterschluckte, senkte sich das trübe Wassergemisch ganz in die Tiefe, der Fels donnerte, und man konnte in einen Abgrund von schwarzem Schlamm hinuntersehen. Während nun unsere Blicke mit starrem Entsetzen auf dieses Schauspiel gerichtet waren und wir unwillkürlich mit dem Schiffe zur Linken auswichen, waren wir plötzlich der bisher nicht entdeckten Skylla zu nahe gekommen, und ihre Rachen hatten auf einen Zug sechs meiner tapfersten Genossen vom Bord hinweggeschnappt; ich sah sie mit schwebenden Händen und Füßen zwischen den Zähnen des Ungeheuers hoch in die Lüfte gezückt; noch aus seinen Rachen heraus riefen sie mich hilfeflehend bei Namen: einen Augenblick darauf waren sie zermalmt. Soviel ich auf meiner Irrfahrt erduldet habe, ein jammervollerer Anblick ist mir nicht geworden!

Jetzt aber waren wir auch glücklich zwischen dem Strudel der Charybdis und dem Felsen der Skylla hindurch; die von der Sonne glänzende Insel Thrinakia lag vor uns, und noch auf dem Meere hörten wir das Gebrüll der heiligen Rinder es Sonnengottes und das Blöken seiner Schafe. Durch so viel Unglück gewitzigt, dachte ich auf der Stelle an die Warnung des blinden Tiresias in der Unterwelt und kündigte den Genossen an, daß er und Kirke mich gewarnt, die Insel des Helios zu fliehen, weil uns dort noch das allerjämmerlichste Schicksal bedrohe. Diese Erklärung betrübte meine Begleiter über die Maßen, und Eurylochos sagte ärgerlich: ›Du bist doch ein grausamer Mann, Odysseus, ganz von Stahl und hast kein Gelenk im Nacken! Wie, willst du im Ernst uns, den von Anstrengung und Ermüdung Entkräftigten, nicht gönnen, einen Fuß ans Land zu setzen und uns auf dieser Insel mit Speise und Trank zu erquicken, sondern blindlings sollen wir in der Stille der Nacht hinausfahren durch die schwarzen Meereinöden? Wenn nun plötzlich im Dunkel der unbändige Südwind oder der pfeifende West herangewirbelt käme? Laß uns wenigstens diese finstere Nacht am Ufer vor Anker gehen, das uns so gastlich zuwinkt!‹

Wie ich diesen Widerspruch hören mußte, da merkte ich wohl, daß ein feindseliger Gott Böses über uns beschlossen hatte. Ich sagte daher nur: ›Eurylochos, es ist keine Kunst, mich zu zwingen, den einzelnen Mann eurer so viele. So gebe ich euch denn nach. Aber einen heiligen Schwur müßt ihr mir tun, dem Sonnengotte kein Rind oder auch nur ein Schaf abzuschlachten, wenn ihr etwa seiner Herden ansichtig werden solltet. Begnüge sich vielmehr jeder mit der Kost, mit der uns die gute Kirke versorgt hat!‹ Diesen Eid leisteten mir alle willig; darauf ließen wir das Fahrzeug in eine Bucht einlaufen, aus der sich süßes Wasser in die gesalzene Flut ergoß. Alle stiegen aus dem Schiffe, und es währte nicht lange, so war das Nachtessen bereit. Nach dem Mahle beweinten wir die Freunde, welche von der Skylla verschlungen worden waren, aber mitten unter den Tränen überwältigte uns müde Seefahrer der Schlummer.

Es mochte noch ein Drittel der Nacht übrig sein, als Zeus einen entsetzlichen Sturm sandte, so daß wir mit der Morgenröte eilig unser Fahrzeug in eine Meergrotte in Sicherheit brachten. Noch einmal warnte ich die Genossen vor dem Rindermorde, denn bei der ungestümen Witterung sahen wir einem längeren Aufenthalte auf der Insel entgegen. Auch verweilten wir wirklich einen vollen Monat allda, weil beständiger Südwind blies, der nur auf kurze Zeit mit dem Ostwind abwechselte; es war uns aber einer entgegen wie der andere. Solange von Kirkes Vorrat noch Speise und Wein übrig war, hatte es keine Not. Als wir aber alle Nahrung aufgezehrt hatten und der Hunger bei uns sich einstellte, gingen meine Begleiter anfangs auf den Fisch- und Vogelfang aus, und ich selbst machte auch einen Ausflug längs dem Ufer, ob mir kein Gott oder kein Sterblicher begegnen möchte, der mir einen Ausweg aus dieser Not anzeigte. Als ich weit genug von den Freunden entfernt war und mich ganz in der Einsamkeit sah, wusch ich meine Hände, um sie rein emporstrecken zu können, in der Flut, warf mich demütig auf die Knie und flehte zu allen Göttern um Rettung. Sie aber schickten mir einen wohltätigen Schlummer.

Während ich nun so ferne war, erhob sich Eurylochos unter meinen Begleitern und gab ihnen einen verderblichen Rat: ›Höret mein Wort‹, sprach er, ›schwerbedrängte Freunde! Zwar ist jeder Tod den Menschen schreckhaft, aber das entsetzlichste Geschick ist doch der Hungertod. Wohlan, was bedenken wir uns, die schönsten von den Rindern des Helios den Göttern zu opfern und uns am übrigbleibenden Fleische zu sättigen? Sind wir nur glücklich nach Ithaka gekommen, so wollen wir den Gott schon versöhnen und ihm einen herrlichen Tempel bauen, auch köstliche Weihegeschenke darin aufstellen. Schickt er uns aber im augenblicklichen Zorn einen Sturm zu und bohrt unser Schiff in den Grund – nun, so will ich lieber in einem Augenblick meinen Atem in die Fluten verhauchen als so jämmerlich auf dieser einsamen Insel verschmachten!‹

Dies Wort gefiel meinen hungrigen Genossen. Sogleich machten sie sich auf, trieben die allerbesten Rinder von der Herde des Sonnengottes herbei, die in der Nähe grasten, und nachdem sie zu den Göttern gefleht, schlachteten sie dieselben, weideten sie aus und brachten die Eingeweide mit den in Fett eingewickelten Lenden den Unsterblichen dar. Wein zum Trankopfer hatten sie keinen, weil aller längst verzehrt war; die Eingeweide und Schenkel wurden daher nur mit Quellwasser besprengt. Die reichlichen Überreste steckten sie an Spieße, und eben setzten sie sich zum Mahle, als ich – dem die Götter den Schlaf wieder von den Augenlidern geschüttelt – herankam und mir der Opferduft schon von weitem entgegendampfte. Da jammerte ich zum Himmel empor: ›O Vater Zeus und ihr andern Himmlischen! Zum Fluche habt ihr mich in Schlummer gesenkt. Denn welcher Tat haben sich meine Freunde vermessen, während ich schlief!‹

Inzwischen war dem Sonnengotte durch eine dienende Göttin schon die Nachricht von dem großen Frevel zugekommen, der an seinem Heiligtume verübt worden war. Zornig trat er in den Kreis der Olympischen und klagte ihnen die Unbill. Zeus selbst fuhr zürnend von seinem Throne auf, als er solches hörte, zumal da Helios drohte, den Sonnenwagen zum Hades hinabzulenken und der Erde nicht mehr zu leuchten, wenn die Verbrecher nicht zur vollen Strafe gezogen würden. ›Leuchte du‹, sagte zu ihm Zeus, ›immerhin den Göttern und den Menschen, Helios; ich will den verfluchten Räubern ihr Schiff bald mit meinem Donnerkeil treffen, daß es in Trümmer gehe und zerschmettert in den Abgrund versinke!‹ Diese Worte des Zeus hat mir die edle Göttin Kalypso gemeldet, welche die Untat durch ihren Freund, den Götterboten Hermes, erfahren hat.

Als ich nun bei dem Schiffe und den Genossen angekommen, fuhr ich sie an und schalt sie im tiefsten Unmut. Leider aber war alles zu spät, und die Rinder lagen geschlachtet vor mir. Aber entsetzliche Wunderzeichen bezeugten den geschehenen Frevel; die Häute krochen umher, als wären sie lebendig; das rohe und gebratene Fleisch an den Spießen brüllte, wie Rinder zu brüllen pflegen. Doch meine hungrigen Begleiter kehrten sich daran nicht. Sechs Tage hintereinander schmausten sie. Erst am siebenten Tage, als alles Ungewitter vorüber schien, stiegen wir wieder zu Schiffe und fuhren in die offene See hinaus. Als wir dahinsteuerten und das Land schon längst aus den Augen verloren hatten, breitete Zeus ein schwarzblaues Gewölk gerade über unsere Häupter aus, und das Meer unter uns wurde immer dunkler. Plötzlich brach ein wütender Orkan aus Westen auf uns los, beide Taue des Mastbaumes zerrissen, daß derselbe krachend rückwärtssank und alles Geräte auf das Schiff schleuderte. Die ganze Last stürzte dem am Steuerende sitzenden Piloten auf den Kopf und zerkrachte ihm den Schädel, so daß er wie ein Taucher ins Meer hinabsank und die Wellen den Leichnam verschlangen. Jetzt fuhr ein Blitz mit knallendem Donner auf das Schiff hernieder und durchschmetterte es, daß es voll von Schwefeldampf wurde. Meine Freunde stürzten aus dem Fahrzeug und zappelten wie schwimmende Krähen um das Schiff her, wogten auf und nieder und versanken endlich alle. Bald war ich ganz allein auf dem Schiffe und irrte darauf umher, bis die Flanken sich vom Kiel ablösten; der liegende Mastbaum krachte vollends hernieder auf den entblößten Kiel, und so fuhr das offene Wrack dahin. Ich hatte indessen die Besinnung nicht verloren, ergriff ein ledernes Seil, das noch an dem Mast herunterhing, und band damit Mast und Kiel zusammen. Dann setzte ich mich darauf und ließ mich in der Götter Namen von dem tobenden Sturme dahinschleudern.

Endlich hörte der Orkan zu wüten auf, und der West legte sich; darüber erhub sich aber der Südwind und versetzte mich in neue Angst; denn nun war ich in Gefahr, der Skylla und Charybdis wieder zugetrieben zu werden. Und dies geschah auch: der Morgen dämmerte kaum, als ich Skyllas spitzen Säulenfels gewahr wurde und die gräßliche aus- und einsprudelnde Charybdis gegenüber erblickte. Diese verschlang, als ich bei ihr angekommen war, augenblicklich mit ihrem Strudel den Mast; ich selbst ergriff die Äste eines von ihrem Fels überhangenden Feigenbaums, schmiegte mich daran und hing da in der freien Luft wie eine Fledermaus. So schwebte ich über der Charybdis bodenlos, bis Mast und Kiel aus ihrem Schlunde wieder hervorsprudelten. Diesen Augenblick ersah ich, war mit einem Sprung wieder auf meinem alten Sitz und ruderte nun auf dem schmalen Kiele mit den Händen auf dem Wirbel fort. Dennoch wäre ich verloren gewesen, wenn Zeus‘ Gnade meine Balken nicht von dem Fels der Skylla abgelenkt und glücklich aus dem durchwogten Felsenschlunde hinausgeleitet hätte.

Neun Tage trieb ich nun noch auf der See umher; in der zehnten Nacht brachten mich gnädige Götter endlich auf Kalypsos Insel Ogygia. Diese hehre Göttin pflegte und erquickte mich… Doch warum will ich euch davon erzählen? Habe ich doch schon gestern dir, edler König, und deiner Gemahlin dies mein letztes Abenteuer berichtet!«

Odysseus erzählt weiter



Odysseus erzählt weiter

Der Schlauch des Äolos. Die Lästrygonen. Kirke

»Hierauf«, fuhr Odysseus fort, »gelangten wir an eine Insel, welche Äolos, der Sohn des Hippotes, ein vertrauter Freund der Götter, bewohnte. Dieses Eiland war schwimmend in der Flut; eine eherne Mauer umgab dasselbe mit starrendem Erz, und ihre Grundlage war ein glatter Fels, der rings um das Inselland herumlief. Dieser Äolos hatte in seinem Palaste sechs Söhne und sechs Töchter und feierte mit ihnen und der Gattin alle Tage ein Fest. Der gute Fürst beherbergte uns einen ganzen Monat und befragte uns recht eifrig über Troja, die Macht der Griechen und ihre Heimkehr. Über alles dieses gab ich ihm genaue Auskunft, und als ich ihn endlich bat, unsere Heimfahrt zu befördern, bezeigte er sich in allem höchst willig und schenkte uns einen dick aufgeschwollenen Schlauch, aus der Haut eines neunjährigen Stiers bereitet. In diesem waren sämtliche Winde eingeschlossen, die über die Erde dahinzuwehen pflegen; denn Äolos war vom Vater Zeus zum Verwalter der Winde bestellt und hatte die Macht empfangen, welche Winde er wollte, loszulassen und ihnen wieder Ruhe zu gebieten. Er selbst nun band uns den Schlauch mit einem glänzenden Seile von Silberfaden in meinem Schiffe fest und schnürte ihn so zusammen, daß auch nicht die kleinste Luft herauskonnte. Doch hatte er sich darum der Winde nicht ganz entäußert, vielmehr von allen Gattungen noch genug zu Hause. Das zeigte er sogleich. Denn als wir uns eingeschifft hatten, ließ er unsern Schiffen den sanftesten Westwind nachwehen, der uns schnell und leicht in die Heimat bringen sollte. Aber es wurde uns nicht so gut, sondern unsere eigene Torheit brachte uns in großes Unglück.

Schon segelten wir neun Tage und Nächte lang auf dem Meere vorwärts, und in der zehnten Nacht waren wir so nahe an meiner Heimatinsel Ithaka, daß wir die Wachtfeuer des Ufers erblicken konnten. Da mußte mich müden Mann der Schlummer beschleichen, denn ich hatte mich unaufhörlich damit beschäftigt, das Segel meines Schiffes zu stellen, um desto schneller das Vaterland zu erreichen, und dieses Geschäft mochte ich keinem andern anvertrauen. Während ich nun schlief, spannen meine Schiffsgesellen ein Gespräch darüber an, was wohl in dem Schlauch sein möchte, welchen mir der König Äolos zum Gastgeschenke gegeben hätte. Da zeigte sich, daß sie alle in dem Wahn befangen waren, ich führe Silbers und Goldes genug in dem Sacke bei mir, und endlich fing einer der Lüsternsten also an: ›Odysseus ist doch auch überall hoch geachtet und geehrt! Wieviel Beute hat er nicht nur vor Troja mit hinweggebracht! Und wir, die wir alle die nämlichen Gefahren und Mühseligkeiten ausgestanden haben, wir kehren sämtlich mit leeren Händen in die Heimat zurück! Jetzt hat ihm Äolos auch vollends einen Sack voll Silbers und Goldes gegeben! Wie wär’s, wenn wir hineinguckten und auch erfahren, wieviel Schätze da drinnen verborgen sind?‹ Dieser böse Rat leuchtete den übrigen Gesellen sogleich ein. Der Schlauch wurde aufgelöst, und kaum war das Band los, so brausten alle Winde miteinander daraus hervor, und die Windsbraut riß unsre Schiffe wieder hinaus in die offene See.

Ich selbst fuhr über dem Brausen aus dem Schlafe empor. Als ich das Unglück sah, das angerückt war, überlegte ich einen Augenblick bei mir, ob ich nicht lieber über Bord springen und mich in dem Abgrund begraben sollte. Doch faßte ich mich wieder und beschloß zu bleiben und alles, was da kommen konnte, zu ertragen. Die Wut der Orkane warf uns an die Insel des Äolos zurück. Hier ließ ich die Meinigen auf den Schiffen und eilte mit einem einzigen Freund und dem Herolde in die Burg des Fürsten, den ich mit seiner Gemahlin und seinen Kindern gerade beim Mittagsmahle traf. Sie staunten alle nicht wenig über unsere Zurückkunft, als sie aber vollends die Ursache vernahmen, erhob sich der Verwalter der Winde zornig von seinem Sitze und rief mir entgegen: ›Verruchter Mensch, offenbar verfolgt dich die Rache der Götter! Einen solchen darf ich weder beherbergen noch geleiten! Geh mir aus dem Hause, Verworfener!‹ Mit diesem Fluche jagte er mich, den Seufzenden, von dannen, und schwermutsvoll schifften wir weiter.

Meinen Gesellen schwand aller Mut beim Ruder; es war schon wieder der siebente Tag vergangen, und nirgends wollte sich ein Land zeigen.

Endlich kamen wir an eine Küste und zu einer turmreichen Stadt. Die letztere hieß Telepylos und war der Sitz der Lästrygonen. Das alles wußten wir jedoch noch nicht, und von der Stadt erblickten wir auch nichts. Der Hafen, in welchen wir einfuhren, war vortrefflich, eng geschlossen und von allen Seiten durch schroffe Felsen geschirmt, so daß das Gewässer in der Bucht stets ruhig und wellenlos war. Ich knüpfte mein Schiff zuerst im Hafen an, erklomm das felsige Ufer und schaute mich auf den Steinzacken, nach der Landseite gewendet, um. Nirgends entdeckte ich gebautes Feld, keinen Ackersmann, keine Stiere. Nur Rauch, wie von einer großen Stadt, sah ich gen Himmel aufsteigen. Da schickte ich zur Erkundigung zwei auserlesene Freunde voraus mit einem Herold. Diese stiegen ans Land und fanden bald einen Weg, der über eine Waldung der Anhöhen jenem Rauche zuging und sie endlich in die Nähe der Stadt führte. Vor dieser begegneten sie einer wasserschöpfenden Jungfrau, der rüstigen Tochter des Lästrygonenköniges Antiphates. Sie stieg eben zu der Quelle Artakia hinab, wo die Einwohner ihr Wasser holten. Das Mädchen, über dessen Größe sie sich nicht genug wundern konnten, bezeichnete ihnen freundlich ihres Vaters Wohnung und gab ihnen die gewünschte Auskunft über Land, Stadt und Beherrscher. Als sie nun aber in die Stadt und an den Palast kamen, so erstarrten sie erst vor Entsetzen. Da stand die Gemahlin des Lästrygonenköniges vor ihnen, so riesengroß wie der Gipfel eines Berges. Denn die Lästrygonen waren Riesen und Menschenfresser. Auch rief die Königin sogleich ihrem Gemahl, und dieser griff zum Gruße nach dem einen der Gesandten und befahl sogleich, ihn für sich zum Abendessen zuzurüsten. Die zwei andern nahmen in der Todesangst die Flucht nach den Schiffen. Der König aber rief brüllend die ganze Stadt unter die Waffen, und über tausend Lästrygonen, lauter Riesen, den Giganten ähnlich, kamen heraus und schleuderten große Feldsteine nach uns, so daß man auf den Schiffen nichts als das Geschrei Sterbender und das Zusammenkrachen der getroffenen Schiffsbalken hörte. Nur mein eigenes Schiff war von mir hinter einem Felsen so angebunden worden, daß es die Steine nicht treffen konnten. Als nun die übrigen Schiffe am Versinken waren, nahm ich von ihrer Mannschaft in dasselbe auf, soviel meiner Freunde noch unverletzt waren, und entrann mit ihnen auf meinem Schiffe unversehrt aus dem Hafen. Die andern Fahrzeuge aber versanken mit einer Unzahl Toter und Sterbender in den Abgrund.

Nun fuhren wir auf dem einzigen Schiffe zusammengedrängt weiter und kamen wieder an eine Insel mit Namen Aiaia. Hier wohnte eine sehr schöne Halbgöttin, ein Kind des Sonnengottes und der Okeanostochter Perse und Schwester des Königes Aietes. Sie hieß Kirke und hatte einen herrlichen Palast auf der Insel. Wir aber wußten nichts von ihr. Wir fuhren in eine Bucht der Insel ein, legten unser Schiff vor Anker und lagerten uns, müde von der Anstrengung, voll Verdruß und Betrübnis, im Ufergrase. Am dritten Morgen machte ich mich, mit Schwert und Lanze bewehrt, auf, das Land auszukundschaften. Endlich ward ich einen Rauch gewahr, und dieser stieg aus Kirkes Palast auf. Doch ging ich nicht sogleich auf die Spur los, sondern durch frühere Gefahren gewitzigt, kehrte ich erst zu meinen Freunden zurück und sandte Späher aus. Wir hatten auch alle schon lange keine genügende Nahrung zu uns genommen. Da erbarmte sich auf meinem Rückwege der Götter einer über uns und schickte mir einen Hirsch mit hohem Geweih in den Weg, der durstig aus dem Walde zum Bache hinunter in raschen Sätzen stürzte. Ich schoß ihn im Laufe, indem ich ihn mit meiner Lanze mitten in das Rückgrat traf, daß sie unten am Bauche wieder hervordrang. Dann zog ich die Lanze, mit dem Fuße auf das Tier gestemmt, aus der Wunde, macht mir ein Seil von Weidenruten, band es dem Wild um die Füße und trug es so um den Nacken gehängt zu dem Schiffe, indem ich mich bei der ungewohnten Last unter dem Gehen auf meine Lanze stützen mußte.

Meine Begleiter fuhren freudig empor, als sie die schöne Waldbeute auf meinen Schultern erblickten. Geschwind wurde das Tier geschlachtet und ein Festschmaus angestellt, indem wir, was von Brot und Wein zu finden war, auf dem Schiffe zusammensuchten. Nun meldete ich ihnen von dem Rauche, den ich entdeckt hatte. Aber meine Freunde wurden ganz mutlos, denn alle mußten an die Höhle des Zyklopen und den Hafen des Lästrygonenköniges denken, wo uns die Hoffnung beidemal so grausam irregeführt hatte. Ich allein blieb mutig unter ihren Tränen. Ich teilte alle meine Genossen, soviel ihrer mir geblieben waren, in zwei Scharen und gab der einen mich selbst, der andern den Eurylochos zu Anführern. Dann schüttelten wir Lose in einem ehernen Helme. Das Los traf den Eurylochos, und er mußte sich sofort mit zweiundzwanzig Genossen, die ihm nur unter Seufzern folgten, auf den Weg machen, nach der Seite, von welcher ich den Rauch hatte aufsteigen sehen.

Diese Schar fand bald den herrlich aus behauenen Steinen aufgeführten Palast der Göttin Kirke in einem anmutigen Tale der Insel versteckt. Wie staunten aber meine Genossen, als sie in der Umzäunung des Hofes und vor der Pforte des Wohnhauses Wölfe mit spitzigem Gebiß und Löwen mit zottigen Mähnen umherwandeln sahen. Voll Angst erblickten sie die gräßlichen Ungeheuer und dachten schon darauf, wie sie sich aus dem unheimlichen Orte durch die schleunigste Flucht retten möchten. Aber bereits waren sie umringt von den wilden Tieren. Diese taten ihnen jedoch nichts zuleide, stürzten auch nicht, wie solche Bestien pflegen, mit einem Satze auf sie zu, sondern sie näherten sich ihnen langsam und schmeichelnd, und trugen ihre langen Schweife wedelnd aufgerichtet, wie Hunde, wenn sie dem Herrn entgegengehen, der ihnen gute Bissen von einem Schmause mitbringt. Es waren dies, wie wir nachher erfuhren, lauter durch die Zauberkünste Kirkes verwandelte Menschen.

Da die Tiere ihnen nichts anhatten, faßten meine Freunde wieder Mut und näherten sich der Pforte des Palastes. Aus diesem hörten sie die Stimme Kirkes, die eine vortreffliche Sängerin war, erschallen. Sie sang zu ihrer Arbeit; denn sie saß eben über dem Gewebe eines großen, wundervollen Gewandes, wie es nur Göttinnen zu wirken verstehen. Der erste, der einen Blick in den Palast geworfen hatte und sich dieses Anblicks erfreute, war der Held Polites, der mir besonders befreundet war. Auf seinen Rat riefen unsere Freunde die Bewohnerin heraus, und sie erschien auch wirklich freundlich an der Pforte und nötigte alle Angekommenen herein, mit Ausnahme ihres Führers Eurylochos, der ein besonnener Mann war und, durch die früheren Vorfälle gewarnt, irgendeinen Betrug witterte.

Die andern führte Kirke gar holdselig in ihren Palast ein und hieß sie auf hohen, schmucken Sesseln Platz nehmen. Alsdann brachte man Käse, Mehl, Honig und herben pramnischen Wein herbei, woraus ein Gericht köstlicher Kuchen von Kirke geknetet wurde; während dieser Arbeit aber mischte sie unvermerkt unheilbringende Säfte unter den Teig, welche die Armen von Sinnen bringen und sie ihres Vaterlandes vergessen machen sollten. Und wirklich wurden sie alle miteinander, sowie sie von der verführerischen Speise gekostet hatten, in borstige Schweine verwandelt, fingen an zu grunzen und wurden von der Zauberin samt und sonders in die Kofen getrieben. Hier ließ ihnen Kirke statt der köstlichen Bissen Steineicheln und Kornellen, wie andern Schweinen, zur Nahrung vorwerfen.

Eurylochos hatte von weitem das alles zum Teile mit angesehen, zum Teile geschlossen. Er eilte, was er nur konnte, zu unsrem Schiffe zurück, um das schreckliche Schicksal unsrer Freunde mir und den Zurückgebliebenen zu verkündigen. Als er aber bei uns ankam, konnte er anfangs kein einziges Wort hervorbringen, weil ihm die entsetzliche Angst noch immer die Sprache raubte; aus seinen Augen stürzten Tränen, und seine Seele war ganz in Jammer versenkt. Wie wir nun alle voll Verwunderung in ihn drangen, zu sprechen, fand er endlich Worte und erzählte das jämmerliche Schicksal der andern Freunde. Auf diese Schreckensbotschaft warf ich Augenblicks mir das Schwert um die Schultern und den Bogen darüber, dann befahl ich ihm, mich auf der Stelle den Weg nach dem Palaste zu führen. Er aber umschlang mir mit beiden Armen die Knie und flehte mich an, zurückbleiben zu dürfen und selbst zurückzubleiben. ›Glaube mir‹, schluchzte er, ›du kehrest weder selbst um, noch bringst du einen der verlorenen Freunde zurück. O laß uns von diesem verwünschten Strande fliehen!‹ Ihm nun erlaubte ich zu bleiben; ich selbst aber gehorchte der Notwendigkeit und ging. Auf dem Wege begegnete mir ein blühender Jüngling, mit dem holdesten Reiz der Jugend geschmückt, und streckte mir den goldenen Stab entgegen, an welchem ich Hermes, den Boten der Himmlischen, erkannte. Er faßte mich freundlich bei der Hand und sprach: ›Armer, was rennest du so, aller Gegend unkundig, durch das Waldgebirg? Deine Freunde sind bei der Zauberin Kirke in Schweineställe gesperrt. Willst du gehen, sie zu erlösen? Eher wirst du auch zu den andern gesteckt werden! Nun wohl, ich will dir ein Mittel an die Hand geben, dich zu bewahren. Wenn du dieses Heilkraut bei dir trägst› – und mit diesen Worten grub er eine schwarze Wurzel mit milchweißer Blüte aus dem Boden und nannte sie mir Moly –, ›so vermag ihr Betrug nicht, dir zu schaden. Sie wird dir nämlich ein süßes Weinmus bereiten und ihre Zaubersäfte dareinmengen. Dieses Kraut aber wird sie verhindern, dich in ein Vieh zu verwandeln. Wenn sie dich dann mit ihrem langen Zauberstabe berührt, so reiß du dir nur dein scharfes Schwert von der Hüfte und renn auf sie los, als wolltest du sie ermorden. Dann zwingst du ihr leicht einen heiligen Eid ab, daß sie keinerlei Tücke an dir üben wolle. Du magst alsdann ohne Gefahr bei ihr wohnen und ihr in allem zu Willen sein, und wenn ihr vertraut geworden seid, wird sie dir auch deine Bitte nicht abschlagen und dir deine Freunde zurückgeben.‹

So sprach Hermes und verließ mich, in den Olymp zurückkehrend. Ich selbst eilte unruhig und nachdenklich dem Palaste der Zauberin entgegen. Auf meinen Ruf öffnete sie die Pforte und hieß mich freundlich eintreten, was ich, obwohl mit einem Herzen voll Ingrimm, auch tat. Nun führte sie mich zu einem herrlichen Thronsessel, rückte mir einen Schemel unter die Füße und mengte sofort in goldener Schale wirklich ihr Weinmus. Sie konnte kaum erwarten, bis ich es ausgeleert, und ohne im mindesten an meiner Verwandlung, die auf der Stelle eintreten würde, zu zweifeln, berührte sie mich mit ihrem Stabe und sprach: ›Fort mit dir in den Schweinestall, zu deinen Freunden!‹ Ich aber riß das Schwert von der Seite und rannte wie mordbegierig auf die Zauberin ein. Nun schrie sie laut auf, warf sich zu Boden und umfaßte mein Knie, indem sie mir jammernd entgegenrief: ›Wehe mir! Wer bist du, Gewaltiger, den mein Trank nicht zu verwandeln vermag? Noch kein anderer Sterblicher hat der Stärke meines Zaubers widerstanden. Bist du vielleicht der erfindungsreiche Odysseus selbst, dessen Ankunft, wenn er von Troja zurückkehrte, mir Hermes schon lange geweissaget hat? Wenn du es bist, so stecke dein Schwert in die Scheide und laß uns Freunde werden!‹ Ich aber veränderte meine drohende Stellung nicht und antwortete: ›Wie kannst du verlangen, Kirke, daß ich mich freundlich gegen dich erweisen soll, da du meine Begleiter in deinem Hause zu Schweinen umgewandelt hast? Muß ich nicht vermuten, daß du nur darum dich so zuvorkommend gegen mich beträgst, um auch meinem Leibe irgendein Leid anzutun? Ich kann nur alsdann dein Freund werden, wenn du mir einen heiligen Eid schwörst, mir auf keinerlei Weise schaden zu wollen!‹ Die Göttin beschwur auf der Stelle, was ich verlangte, und nun war auch ich zufrieden und überließ mich sorglos der Nachtruhe.

Frühmorgens waren vier Dienerinnen, lauter schöne und edelgeborene Nymphen, damit beschäftigt, die Säle ihrer Herrin in Ordnung zu bringen. Die eine bedeckte die Thronsessel mit herrlichen purpurnen Polstern, eine zweite stellte silberne Tische vor die Sessel und setzte goldene Körbe darauf, die dritte mischte in einem silbernen Kruge den Wein und verteilte goldene Becher auf den Tischen umher; von der vierten endlich wurde frisches Quellwasser herbeigetragen, der Kessel auf den Dreifuß gesetzt und die Glut darunter geschürt, bis das Wasser kochte. Dieses mußte mir zu einem erquickenden Bade dienen, und als ich darauf gesalbt und angekleidet war, sollte ich in Kirkes Gesellschaft das Morgenmahl genießen. Aber obgleich reichliche Speisen vor mir auf meinem Tische standen, streckte ich doch nicht die Hände darnach aus, sondern saß schweigend und kummervoll meiner schönen Wirtin gegenüber. Als diese mich endlich nach der Ursache meines stummen Grames fragte, da sprach ich: ›Welcher Mann, der noch ein Gefühl für Recht und Billigkeit hat, könnte sich auch an Speise und Trank erfreuen, solange er seine Freunde im Elende weiß? Wenn du willst, daß ich mit Lust bei dir genießen soll, so laß mich meine lieben Genossen mit Augen sehen!‹

Kirke ließ sich nicht lange bitten, sie verließ das Gemach, ihren Zauberstab in der Hand. Draußen schloß sie die Türe des Kofens auf und trieb alle meine Freunde heraus, die mich, der ich inzwischen auch herbeigekommen war, in der Gestalt neunjähriger Schweine umwimmelten. Nun ging sie bei allen umher und bestrich jeden mit einem andern Safte. Auf einmal schälten sie sich aus der borstigen Hülle und wurden alle zu Männern, und zwar jünger und schöner, als sie vorher gewesen waren. Freudig eilten sie auf mich zu und reichten mir die Hände; als sie aber ihres elenden Schicksals gedachten, fingen sie alle zu weinen und zu jammern an. Die Göttin sprach darauf schmeichelnd zu mir: ›Jetzt, lieber Held, habe ich ja deinen Willen getan. Tu du nun mir auch den Gefallen und laß dein Schiff ans Ufer ziehen, birg seine Ladung in den Felsengrotten des Ufers und laß es dir dann mit deinen lieben Genossen wohl bei mir sein!‹

Ihre Schmeichelrede gewann mein Herz. Ich suchte das Schiff und die zurückgebliebenen Freunde auf, die mich schon lange für tot beklagt hatten und nun mit Freudentränen auf mich zustürzten. Als ich ihnen den Vorschlag machte, das Schiff ans Ufer zu ziehen und bei der Göttin einzukehren, zeigten sich auch sogleich alle willig, nur Eurylochos wehrte die Genossen ab und sprach zu ihnen: ›Habt ihr denn ein gar so großes Verlangen nach eurem Verderben, daß ihr in den Palast der Zauberin eingehen wollt, die uns alle in Löwen, Wölfe und Schweine verwandeln und zwingen wird, in dieser scheußlichen Gestalt ihr Haus zu hüten? Wie ist der Zyklop mit unsern Freunden umgegangen, als der Unverstand des Odysseus uns ihm in die Hände geliefert?‹ Als ich diese Schmähung hörte, empfand ich einige Lust in mir, das Schwert zu ziehen und ihm den Kopf vom Rumpfe zu schlagen, obgleich er nahe mit mir verwandt war. Die Freunde sahen die Bewegung, die ich machte, fielen mir in den Arm und brachten mich zur Besinnung.

Nun brachen wir alle auf, und Eurylochos selbst, durch meine Drohung erschreckt, weigerte sich nicht, zu folgen. Inzwischen hatte Kirke unsre Freunde gebadet, mit Öle gesalbt und herrlich bekleidet, und wir fanden sie alle ganz fröhlich beim Schmaus versammelt. Da war ein Weinen und Umarmen und Begrüßen! Die Göttin sprach allen Mut ein und tat uns so viel Liebes, daß wir von Tag zu Tag fröhlicher wurden und das ganze Jahr über bei ihr blieben. Wie aber nun das Jahr zu Ende ging, riefen mich meine Begleiter und ermahnten mich, endlich der Heimkehr eingedenk zu sein. Sie bewegten mir auch mit ihrer Rede das Herz, und noch an demselben Abend umfaßte ich Kirkes Knie und flehte sie an, Wort zu halten und mich, wie sie mir anfangs gelobt hatte, zur Heimat zu entsenden. Die Zauberin antwortete: ›Du hast recht, Odysseus; es geziemt mir nicht, dich länger mit Zwang bei mir zu halten; aber bevor du heimkommst, müßt ihr doch noch einen Umweg machen. Ihr müßt das Reich des Hades und der Persephone, das Schattenreich besuchen und die Seele des blinden Greisen, des thebanischen Propheten Tiresias, um die Zukunft befragen; denn diesem ist auch im Tode noch sein voller Geist und die Sehergabe durch Persephones Gunst verblieben; die Seelen der andern Toten sind alle nur wandelnden Schatten gleich.‹

Als ich diesen Beschluß vernahm, fing ich zu weinen und zu jammern an; mir graute vor der Behausung der Toten, und ich fragte, wer mich denn geleiten sollte, denn eine Schiffahrt in die Unterwelt hat noch kein Sterblicher bei Leibes Leben unternommen. ›Laß dich die Sorge um das Geleite deines Schiffes nicht bekümmern‹, antwortete die Göttin; ›richte nur getrost den Mast in die Höhe und spanne die Segel aus! Der Nordwind wird euch schon hintreiben; bist du einmal am Gestade des Okeanos, des Stromes, der die Erde umgürtet, landest du an einem niedrigen Ufer, wo du Erlen, Pappeln und Weidenbäume beisammen erblickst. Dies ist der Hain Persephones; dort ist auch der Eingang in die Unterwelt. Hier, in einem Tale bei einem Felsen, wo die schwarzen Ströme Pyriphlegethon und Kokytos, der letztere ein Arm des Styx, sich in den Acheron oder die Unterwelt stürzen, wirst du eine Kluft finden, durch welche der Weg in das Schattenreich geht. Da gräbst du eine Grube und bringst den abgeschiedenen Seelen ein Totenopfer von Honig, Milch, Wein, Wasser und Mehl dar, gelobst ihnen auch ein Schlachtopfer, wenn du nach Ithaka heimkommst, und außerdem dem Tiresias einen schwarzen Widder; dann opferst du noch zwei schwarze Schafe, ein männliches und ein weibliches, und blickst dem vereinigten Strome durch die Kluft in die Tiefe nach, während deine Genossen die Tiere den Göttern verbrennen und zu ihnen beten. Da werden dir die Seelen der Toten erscheinen, und die Luftgebilde werden herauf ans Licht zu dringen begehren und von dem Blute der Totenopfer kosten wollen. Du aber wehrest sie mit dem Schwerte ab und erlaubst ihnen nicht, näher zu gehen, bis du den Tiresias befragt hast. Denn dieser wird bald herannahen und dir auch über deine Heimfahrt Aufschluß geben.‹

Diese Rede tröstete mich einigermaßen. Am andern Morgen versammelte ich meine Freunde und wollte sie zum Aufbruch mahnen. Nun hatte sich einer von ihnen, mit Namen Elpenor, der jüngste von allen, aber weder besonders mutig noch sehr verständig, vom süßen Weine Kirkes trunken, von den Freunden entfernt und, um kühlere Luft zu atmen, auf dem platten Dache des Palastes gelagert. Dort war er am vorigen Abend eingeschlummert und hatte die Nacht über in ungestörtem Schlafe gelegen. Als er nun durch das Gewühl der sich erhebenden und zur Versammlung eilenden Freunde plötzlich aufgeweckt wurde, fuhr er empor und vergaß in der Betäubung, wo er war; anstatt sich zur Treppe zu wenden, taumelte er über das Dach hinaus und fiel den hohen Palast herunter, so daß ihm das Genick zerbrach und sein Geist auf der Stelle zum Hades fuhr.

Ich aber sammelte meine Begleiter um mich her und sprach: ›Ihr meinet nun wohl, teure Freunde, nun gehe es geraden Weges ins liebe Vaterland? Aber ach, dem ist leider nicht so; die Göttin Kirke hat uns eine ganz andere Fahrt vorgeschrieben. Wir sollen hinunter in das schreckliche Reich des Hades und dort die Seele des thebanischen Sehers Tiresias wegen unserer Heimfahrt befragen!‹ Als meine Genossen dieses hörten, da brach ihnen fast das Herz vor Kummer; sie jammerten laut und rauften sich die Haare aus. Aber ihre Klage half ihnen nichts. Ich befahl ihnen, aufzubrechen und mit mir zum Schiffe zu wandeln. Kirke war uns vorausgeeilt; sie hatte die zwei Opferschafe uns ins Schiff bringen und dort anbinden lassen, auch uns mit Honig, Wein und Mehl für das Opfer reichlich versorgt. Als wir ankamen, schlüpfte sie mit einem stummen Abschiedsgruße leicht an uns vorüber. Wir aber zogen das Schiff ins Meer, richteten den Mast und die Segel und setzten uns betrübt auf die Ruderbänke. Ein günstiger Fahrwind, den uns Kirke schickte, blies in die Segel, und bald waren wir wieder auf der hohen See.«

Nisus und Euryalus



Nisus und Euryalus

Unter dem trojanischen Heere befanden sich zwei kühne Jünglinge: Nisus und Euryalus. Nisus, ein Sohn des Hyrtakus, einer der besten Speerwerfer und Pfeilschützen, hatte sich aus dem Idagebirge an die auswandernden Helden angeschlossen. Euryalus war der schönste unter allen teukrischen Knaben, und der erste Flaum der Jugend sproßte ihm um die Wangen. Beide waren durch die innigste Freundschaft verbunden, stürzten sich immer zusammen in die Schlacht und hüteten auch jetzt eines der Tore, nebeneinander Wache haltend. »Ich möchte doch wissen«, fing da zuerst Nisus an, »ob die Götter uns diese Tatenlust in der Seele aufwecken oder ob seine blinde Begier einem jeden der Gott ist! Mir ist diese träge Ruhe lästig, und schon lange treibt mich der Geist, etwas Rechtes zu unternehmen. Sieh, wie sich die Rutuler ihrem blinden Vertrauen hingeben! Nur hier und da glänzt um die Mauern ein Feuer; fast alle liegen von Wein und Schlafe begraben da, und das tiefste Schweigen herrscht ringsum. So vernimm denn, Freund, welcher Gedanke in mir aufgestiegen ist: Alle unter uns, Volk und Väter, verlangen, daß Äneas herbeigerufen werde und daß man ihm zu dem Ende sichere Boten zuschicke, die uns Kunde von ihm zurückbringen. Wenn man nun dir, dem Zurückbleibenden, verspräche, was ich für dich fordern will – denn mir genügt an der Ehre –: was meinst du? Ich könnte am Fuße des Hügels dort den Weg nach dem Tuskerlande und dem Berge von Pallanteum wohl finden.«

Euryalus wurde von Staunen bei dem Vorschlage seines Freundes ergriffen; denn auch ihn beseelte jugendliche Ruhmbegierde. »Also wolltest du«, sprach er zu seinem feurigen Genossen, »mich, den unbärtigen Knaben, als Teilnehmer an der herrlichen Tat verschmähen? Wie könnte ich dich allein in eine solche Gefahr hinauslassen! Nein, so hat mich mein Vater Opheltes nicht erzogen, und auch du hast mich bisher nicht so kennengelernt! Auch ich achte das Leben gering und erkaufe willig mit ihm den Ruhm!« »Nie habe ich so etwas von dir befürchtet«, erwiderte Nisus; »aber wenn mich irgendein Unfall oder ein Gott, wie es bei solchen Entschlüssen wohl zu gehen pflegt, ins Verderben risse, so wünschte ich, daß du mich überlebest. Deine Jugend ist des Lebens werter als ich. Auch hätte ich gern einen, der meinen Leichnam, aus der Schlacht gerettet oder mit Lösegeld erkauft, in den Boden verscharrt oder, wenn dies Glück mir nicht beschieden wäre, wenigstens dem Abwesenden ein Totenopfer brächte und einen Denkstein errichtete. Wie könnt ich auch deiner armen Mutter, die allein von so vielen Müttern es verschmäht hat, in Sizilien zurückzubleiben, und dir auf die weite Wanderung gefolgt ist, so bitteren Schmerz bereiten?« Aber Euryalus erwiderte: »Du hältst mir umsonst nichtige Beweggründe vor; mein Vorsatz ist unerschütterlich; laß uns eilen.« So sprach er und weckte sogleich die nächsten Wachtposten, die zur Ablösung bestimmt waren. Nachdem sie diesen das Wächteramt übertragen hatten, eilten sie beide vor den Hohen Rat der Trojaner. Denn die Fürsten des Heeres berieten sich bis tief in die Nacht hinein über die wichtigsten Angelegenheiten der neuen Pflanzung. Während sie nun mitten im Lager, an die Speere gelehnt und auf die Schilde gestützt, im Kreise standen und Rat darüber pflogen, was zu beginnen sei und wer dem Äneas die Nachricht zu bringen hätte, da baten Nisus und Euryalus herbeigeeilt um augenblicklichen Zutritt in die Versammlung. Askanius, der an seines Vaters Stelle, so jung er war, im Rate saß, hieß die Ungeduldigen eintreten und Nisus als den Älteren zuerst reden. »Höret uns günstig an«, sprach dieser zu den Helden, »und messet, was wir euch vorschlagen, nicht nach den Jahren ab. Wir haben die Gegend ausgekundschaftet. Dort, am Scheidewege des Tores, das wir bewachen, in der Nähe des Meeres, finden sich Lücken in den Wachtfeuern der Feinde: dort ist Raum, um sich durchzuschleichen. Wenn ihr uns erlaubet, das Glück zu benützen, so wollen wir als Boten zu Äneas gehen, und ihr sollt uns bald mit Begleitern und mit Beute zurückkehren sehen.«

Mit Bewunderung vernahmen die Helden den Entschluß der Jünglinge. »Nun, ihr Götter«, rief Aletes, der Ergrauteste unter ihnen, aus, »ihr seid noch nicht gesonnen, die Trojaner zu vertilgen, da ihr uns so entschlossene Jünglingsherzen erwecket!« So sprach er und legte seine Hände auf beider Schultern. Dann rief der zarte Jüngling Askanius: »Guter Nisus, lieber Euryalus, in euren Schoß lege ich mein Glück und meine Hoffnung; lasset mich meinen Vater wieder schauen! Wenn er zurück ist, ängstigt mich nichts mehr. Zwei silberne Becher, zwei köstliche Dreifüße, zwei Talente Goldes, den schönen alten Krug, den Dido meinem Vater geschenkt hat: das alles sollt ihr jetzt schon haben, und wenn wir siegen, noch viel mehr. Hast du das herrliche Roß gesehen, Nisus, das Turnus reitet, und seine goldene Rüstung? Sie seien dein! Zwölf Gefangene wird euch mein Vater verleihen, Männer mit vollen Waffenrüstungen, und Frauen, und vom Felde des Latinus herrliche Güter. Du aber«, so sprach er, zu Euryalus gewendet, »verehrter Jüngling, dessen Jugend meine Jahre nachstreben, dich begrüße ich schon jetzt von ganzem Herzen als Kampfgenossen und unzertrennlichen Freund.« Darauf nahm Euryalus das Wort: »Es soll kein Tag kommen«, sprach er, »an dem ich mich meines tapfern Entschlusses unwürdig zeige. Aber vor allen Geschenken bitte ich dich um eines, Julus. Meine Mutter, vom alten Königsgeschlechte des Priamus stammend wie du, hat sich nicht abhalten lassen, mit mir auszuwandern, und ich verlasse sie ohne Abschied, denn ich könnte ihren Tränen nicht widerstehen. Nimm du dich der Verlassenen an; tröste sie in der Not, wenn das Schicksal mich nicht zurückkehren läßt!« In der Seele des Askanius erwachte bei diesen Worten die Liebe zum Vater noch heftiger; er fing laut zu weinen an und versprach ihm unter Tränen alles. Auch die Helden ergriff diese Rührung; Mnestheus zog sich die Löwenhaut von der Schulter und warf sie dem Nisus um; Aletes tauschte mit ihm den Helm, und Euryalus empfing aus der Hand des Julus dessen eigenes Schwert mit goldenem Griff, die Scheide von Elfenbein.

So gewaffnet, wurden sie von allen Edeln, Jünglingen und Greisen bis ans Tor begleitet. Bald waren sie über die Gräben hinaus und kamen im Dunkel der Nacht an die schlummernden Posten der Rutuler. Diese lagen voll Trunks und Schlafes zerstreut auf dem Rasen, zwischen Wagenrädern, Riemen und umherliegenden Waffen. »Die Gelegenheit ruft«, sprach Nisus leise zu seinem jungen Freund; »halte du mir den Rücken frei; ich will dir aufräumen und uns eine Gasse machen.« Während er so mit gedämpfter Stimme redete, hieb er den ersten Wächter, den Vogelschauer des Königs Turnus, Rhamnes, der aus voller Kehle schnarchend dalag, samt drei sorglosen Knechten nieder; dann den Waffenträger des Remus, den er mitten unter seinen Rossen überraschte und ihm den gesenkten Hals abhieb, und dann den Herrn selbst. Auch Euryalus war nicht müßig; beide tobten wie Löwen in den Hürden und richteten ein furchtbares Gemetzel unter den Wächtern an. Ja, Euryalus drang schon bis zu den Wachtfeuern des Rutulerfeldherrn Messapus vor, die im Verglimmen waren und dessen angebundene Wagenrosse gemächlich das Gras abweideten. Aber Nisus rief ihn zurück. »Siehst du nicht«, sprach er warnend, »daß das Morgenlicht schon anzubrechen droht? Rache ist ja geübt und Bahn gebrochen.« So ließen sie auch alle Beute liegen, und Euryalus nahm nur den Pferdeschmuck des Rhamnes mit und schlang sich seinen Schwertgurt um die Schulter; auch setzte er sich freudig den bebuschten Helm des Messapus aufs Haupt, den er bei den vordersten Wachtfeuern aufgelesen und der ihm gerade paßte. Darauf verließen sie das feindliche Lager und gewannen das Freie.

Aber um dieselbe Zeit zogen aus der Latinerstadt dreihundert Reiter mit Schilden unter ihrem Führer Volscens, welche dem Fürsten Turnus Botschaft vom Könige zu bringen hatten, dieser Straße. Sie waren schon ganz nahe am Lagerwall, als sie von ferne die beiden eilenden Gestalten bemerkten und im dämmernden Frührote den unbesorgten Euryalus der erbeutete Helm mit seinem tückischen Schimmer verriet. »Halt! Ihr seid in Waffen!« schrie Volscens bei diesem Anblicke, »wo eilet ihr hin?« Jene antworteten nicht, sondern flüchteten sich in den Wald und vertrauten auf die Dämmerung. Aber die Reiter, der Nebenwege kundig, warfen sich in das Gehölz und versperrten alle Ausgänge mit Wachen. Der Wald war mit dichten Eichen und wilden Gesträuchen bewachsen, und kaum sichtbar schimmerte der Fußpfad durch das Dickicht. Den Euryalus hemmte die Beute, und die Furcht täuschte ihn über die Richtung des Weges. Nisus aber entkam glücklich aus dem Wald und eilte schon sorglos auf den See zu, der später den Namen Albanersee erhielt. Jetzt erst stand er stille und sah sich vergebens nach dem fehlenden Freunde um. »Euryalus«, rief er wehklagend, »wo bist du, Armer, wo find ich dich?« Und nun warf er sich aufs neue in den verworrenen Wald. Dort vernahm er bald Rossegestampf, Lärm und die Trompeten der Nachhut; und es währte nicht lange, so ward er das ganze Reitergeschwader ansichtig, das den übermannten Euryalus mit sich fortschleppte. Was sollte er tun? Welche Hoffnung war, den armen Jüngling zu befreien? Sollte er sie aufgeben und sich den Tod in den starrenden Schwertern suchen? Er hielt inne, dann drehte er mit zurückgebogenem Arme plötzlich den Speer empor, und zum Mond aufblickend, der blaß am morgendlichen Himmel stand, betete er: »Luna, Beschützerin der Wälder, Latonas Tochter, wenn dir je mein Vater für mich geopfert, wenn ich selbst je dir meine Jagdbeute geweiht, lenke meinen Speer und laß diese Rotte mich zerstreuen!« So sprach er und schleuderte mit Leibeskraft seine Lanze. Diese drang dem abgekehrten Rutuler Sulmo in den Rücken und zur Brust heraus, daß er sich zuckend auf dem Boden wälzte. Erschrocken schauten sich die Reiter in der Runde um. Da flog das zweite Geschoß des Nisus und durchbohrte einem andern Rutuler, dem Tagus, knirschend beide Schläfen. Volscens, der Anführer der Reiter, geriet in Wut, denn nirgends erblickte er den Speerschwinger; grimmig rief er: »So bezahle denn du mir mit deinem Blute für beide!«und ging mit entblößtem Schwerte auf den Euryalus los. Vor Entsetzen schreiend, brach Nisus jetzt aus seinem Verstecke hervor. »Ich bin der Täter«, rief er, »auf mich nur richtet eure Schwerter; der ganze Betrug rührt von mir her! Ich schwör es euch, dieser ist unschuldig; nur Liebe zum unglücklichen Freund war sein Vergehen!« Sein Rufen kam zu spät; Volscens hatte dem Knaben schon das Schwert durch die Brust gestoßen, dieser wälzte sich im Tode, die schönen Glieder überströmte das Blut, und sein Hals neigte sich auf die Schultern, wie eine purpurne Blume, vom Pfluge durchschnitten, dahinsinkt, wie ein blühender Mohnstengel sein vom Regen belastetes Haupt zur Erde neigt. Da warf sich Nisus in den Feind, stieß den Andrang der Reiter rechts und links zurück, ging gerade auf den Führer Volscens los und bohrte sein blitzendes Schwert in des schreienden Feindes Mund, daß er sterbend vom Rosse fiel. Dann warf er sich über den Leib seines getöteten Freundes und ruhte, ganz von den Geschossen der Reiter durchbohrt, über dem Leichnam im Frieden des Todes.

Die Reiterschar zog den erschlagenen Feinden die Rüstung ab, trug ihre Leichname mit dem ihres Anführers Volscens in das Lager des Turnus, und bald mußten die Trojaner von den Türmen ihres Lagers herab mit Grausen die von schwarzem Blute noch triefenden gespießten Köpfe der beiden Jünglinge schauen, die sie mit so zuversichtlichen Hoffnungen entlassen hatten. Die Kunde des Unglücks verschonte auch die Mutter des Euryalus nicht. Sie wurde von ihr am Webestuhl über der Tagesarbeit getroffen. Da entrollte das Schifflein ihren Händen, sie zerraufte sich das Haar, sie rannte nach dem Walle in die vordersten Reihen der Streiter, keine Gefahr achtend, und brach in ein Klagegeheul aus, daß es die festesten Krieger erschütterte. Unter vielen Tränen befahl endlich Julus und mit ihm der weise Ilioneus zwei alten Helden, sie aus den Reihen der Männer hinwegzuziehen und unter ihren Armen in die Wohnung zu geleiten.

Odysseus abermals verhöhnt



Odysseus abermals verhöhnt

Die Freier vergnügten sich jetzt, bis der Abend hereinbrach, im Reihentanze und schwärmten ganz ausgelassen. Als es dunkel wurde, stellten die Mägde drei Feuerlampen zur Beleuchtung im Saale umher und legten getrocknete Scheiter, mit Kienspänen gemischt, hinein. Während sie nun in die Wette die Glut anfachten, gesellte sich Odysseus zu ihnen und sagte: »Ihr Mägde des Odysseus, des allzulange abwesenden Herrn, höret, euch ziemte besser, droben bei eurer ehrwürdigen Fürstin zu sitzen, die Spindel zu drehen und Wolle zu kämmen. Für das Feuer im Saale lasset mich sorgen! Und blieben die Freier bis zum hellen Morgen da, ich will nicht müde werden; ich bin ans Dulden gewöhnt!«

Die Mägde sahen einander an und schlugen ein Gelächter auf. Endlich sprach eine junge, schöne Dienerin, Melantho, welche von Penelope wie ein Kind aufgezogen worden, die aber jetzt mit dem Freier Eurymachos in schändlichem Einverständnisse lebte, die frechen Schmähworte: »Du elender Bettler, du bist ein rechter Narr, daß du nicht in eine Schmiedeesse oder andere Herberge schlafen gehest und hier, wo soviel edlere Männer sind als du, uns Gesetze vorschreiben willst. Sprichst du im Rausche, oder bis du beständig ein solcher Tor? Oder schwindelt dir, weil du den Iros besiegt hast? Nimm dich in acht, daß nicht ein Besserer sich erhebt, dir rechts und links mit derber Hand das Haupt zerschlägt und dich vom Blute triefend aus dem Palaste verstößt!«»Hündin«, antwortete Odysseus finster,»ich gehe, deine frechen Worte dem Telemach zu melden, daß er dich in Stücke zerhaue!« Die Mägde meinten, er habe im Ernste geredet, und sein Wort scheuchte sie auseinander, daß sie mit bebenden Knien aus dem Saale flohen. Nun stellte sich Odysseus selbst an die Feuerschalen, fachte die Flamme an und hing seinen Rachegedanken nach. Athene aber spornte das Herz der üppigen Freier zum kränkenden Spott, und Eurymachos sagte zu seinen Gesellen, daß ein lautes Gelächter entstand: »Der Mann ist wahrhaftig als eine lebendige Leuchte von einem Gott in diesen Saal geschickt worden: schimmert nicht sein Kahlkopf, auf dem auch kein einziges Härchen mehr zu erblicken ist, gerade wie eine Fackel?« Und zu Odysseus gewendet, sprach er: »Hör, Bursche, hättest du nicht Lust, dich mir zum Knechte zu verdingen, mir auf meinen Gütern die Dornen einzusammeln und Bäume zu pflanzen? An Kost und Nahrung sollte dir’s nicht gebrechen. Aber ich merke wohl, du bettelst lieber und füllst dir deinen Bauch mit Almosen, was keinen Schweiß kostet.« »Eurymachos«, antwortete Odysseus mit fester Stimme, »ich wollte, es wäre Frühling und wir mähten miteinander in die Wette Gras auf der Wiese; du hieltest die Sense und ich hielte sie und beide müßten wir nüchtern bis spät in die Nacht arbeiten: es sollte sich zeigen, wer es länger aushielte! Oder ich wollte, wir ständen beide an der Pflugschar: du solltest sehen, wie ich die Furche in einem Zuge durchschnitte! Oder es wäre Krieg und ich trüge Schild und Helm, dazu zwei Lanzen; du solltest sehen, ob ich nicht in den vordersten Reihen kämpfte, und gewiß, es fiele dir nicht ein, mich höhnend an meinen Magen zu erinnern! Trotziger Mensch, du dünkest dich groß und gewaltig zu sein, weil du dich nur erst mit wenigen und dazu nicht mit den Edelsten gemessen hast; aber wenn einmal Odysseus in die Heimat zurückkäme, da möchten dir bald diese Hallen, so weit sie der Werkmeister gebaut hat, zu eng werden für die Flucht!«

Jetzt wurde Eurymachos erst recht grimmig. »Elender«, schrie er, »empfang auf der Stelle den Lohn für deine trunkenen Reden!« Mit diesem Zuruf schleuderte er einen Fußschemel nach Odysseus, dieser aber warf sich zu den Knien des Amphinomos nieder, daß der Schemel über ihm hin und dem Mundschenken an die rechte Hand fuhr, so daß diesem die Weinkanne mit hellem Klang auf den Boden rollte, er selbst aber mit einem Schrei rückwärts zu Boden fiel.

Die Freier lärmten indessen fort und fluchten dem Fremdlinge, daß er eine solche Störung in ihre Freuden bringe, bis Telemach höflich, aber bestimmt seine Gäste einlud, sich zur Nachtruhe zu begeben. Da erhub sich Amphinomos in der Versammlung und sprach: »Ihr habt billige Worte vernommen, meine Freunde, widersetzet euch ihnen nicht; auch den Fremdling soll niemand hinfort, weder ihr noch ein Diener im Palaste, mit Wort oder Werken kränken! Füllet die Becher noch einmal zur Opferspende, und dann laßt uns nach Hause wandeln. Der Fremdling aber bleibe hier unter dem Schutze des Telemach, an dessen Herd er sich geflüchtet hat.« Es geschah, wie Amphinomos geraten hatte, und bald verließen die Freier den Saal.

Odysseus als Bettler im Saal



Odysseus als Bettler im Saal

Im Innern des Hauses wurde Telemach zuerst den Sauhirten gewahr und rief ihn heran. Eumaios schaute sich vorsichtig um, ergriff den leeren Stuhl, auf welchem der Fleischzerleger vor dem Mahle zu sitzen pflegte, und setzte sich auf einen Wink an den Tisch seines Herrn, diesem gegenüber, wo ihm sofort der Herold Fleisch und Brot reichte. Bald nach ihm wankte auch Odysseus der Bettler am Stabe herein und setzte sich innerhalb der Pforte auf die Schwelle von Eschenholz nieder, an den einen der schön geschnitzten Türpfosten aus Zypressenholz gelehnt. Sobald Telemach ihn erblickte, langte er aus dem vor ihm stehenden Korb ein ganzes Brot, nahm dazu eine Handvoll Fleisch und gab beides dem Sauhirten mit den Worten: »Hier, mein Freund, reiche diese Gaben dem Fremdling, und sag ihm, er soll sich der Scham entschlagen und bei den Freiern herumbetteln!« Odysseus empfing die Gabe segnend mit beiden Händen, legte sie sich vor die Füße auf seinen Ranzen und fing an zu essen. Das ganze Mahl über hatte der Sänger Phemios die Gäste mit seinem Lied ergötzt; jetzt schwieg er, und man hörte nur noch den wilden Lärm der Schmausenden durch den Saal. In diesem Augenblicke näherte sich die Göttin Athene unsichtbar dem Odysseus und trieb ihn an, Brocken von den Freiern einzusammeln, um die billiger denkenden von den rohen unterscheiden zu lernen. Aber dennoch war ihnen allen miteinander das Verderben von der Göttin zugedacht: es sollte nur einer milderen Todes sterben als der andere. Odysseus befolgte das Geheiß der Göttin, er ging flehend von Mann zu Mann und streckte seine Hand hin, so geläufig, als wäre er seit lange den Bettel gewohnt. Manche zeigten sich mitleidig und gaben ihm, und es entstand ein Fragen unter den Freiern, woher der Mann wohl kommen möge. Da sagte zu ihnen der Ziegenhirt Melanthios: »Ich habe den Burschen zuvor schon gesehen, der Sauhirt hat ihn hereingebracht.« Diesen fuhr jetzt der Freier Antinoos zornig an: »Du berüchtigter Sauhirt, sag uns, warum hast du diesen Menschen in die Stadt geführt? Haben wir nicht Landstreicher genug, daß du uns auch noch diesen Fresser in den Saal schleppst?« »Harter Mann«, antwortete Eumaios gelassen, »den Seher, den Arzt, den Baumeister, den Sänger, der uns durch seine Lieder erfreut, sie alle beruft man wetteifernd in die Paläste der Großen; den Bettler hat niemand berufen: er kommt von selber; aber man stößt ihn auch nicht hinaus! Und das soll auch diesem nicht geschehen, solange Penelope und Telemach dies Haus bewohnen.« Aber Telemach hieß ihn schweigen und sagte: »Bemühe dich mit keiner Antwort, Eumaios; du kennst ja die böse Gewohnheit dieses Mannes, andere zu beleidigen. Dir aber, Antinoos, sage ich: Du bist nicht mein Vormund, daß du mir gebieten dürftest, diesen Fremdling aus dem Hause zu treiben. Gib ihm vielmehr und schone meines Gutes nicht! Aber freilich, du willst lieber selbst verzehren als andern geben!« »Siehe da, wie der trotzige Knabe mich schmäht!« rief Antinoos dagegen; »wollte jeder Freier diesem Bettler eine Gabe reichen, er brauchte drei Monate lang das Haus nicht wieder zu betreten!« Damit ergriff er seinen Fußschemel, und als Odysseus auf seinem Rückwege zu der Schwelle eben an ihm vorüberging und auch ihn noch um eine Gabe anflehte, wobei er von langen Bettlerfahrten durch Ägypten und Zypern ihm vorjammerte, rief dieser unwillig: »Welch ein Dämon hat uns diesen zudringlichen Schmarotzer gesandt! Weiche von meinem Tisch, daß ich dir dein Ägypten und Zypern nicht gesegne!« Und als Odysseus murrend sich zurückzog, warf ihm Antinoos den Fußschemel nach, daß dieser ihm rechts auf die Schulter flog, dicht ans Halsgelenk. Odysseus stand unverrückt wie ein Fels und schüttelte schweigend sein Haupt, voll von Entwürfen. Dann kehrte er zur Schwelle zurück, legte den mit Gaben gefüllten Ranzen zu Boden und klagte niedersitzend den Freiern die Kränkung, die ihm Antinoos angetan. Dieser aber rief dem Bettler zu: »Schweige und friß, du Fremdling, oder packe dich, sonst zieht man dich an Hand und Fuß über die Schwelle, daß dir die Glieder bluten!«

Diese Roheit empörte selbst die Freier; einer aus ihnen erhub sich und sprach: »Antinoos, du hast nicht wohl daran getan, den Unglücklichen zu werfen. Wie nun, wenn es ein Himmelsbote wäre, der Menschengestalt angenommen? Denn solches geschieht ja manchmal!« Aber Antinoos achtete nicht auf diese Warnung. Telemach selbst sah schweigend die Mißhandlung seines Vaters und drängte seinen Ingrimm in den Busen zurück.

In ihrem Frauengemache konnte Penelope durch die offenen Fenster alles vernehmen, was im Saale geschah. So hörte sie auch, wie es dem Bettler dort erging, und empfand Mitleiden mit ihm. Sie ließ in der Stille den Sauhirten zu sich hereinrufen und befahl ihm, jenen kommen zu heißen. »Vielleicht«, setzte sie hinzu, »weiß er mir etwas von meinem Gemahl zu berichten oder hat ihn gar selbst gesehen, denn er scheint weit in der Welt umhergewandert zu sein.« »Ja«, antwortete Eumaios, »wenn die Freier schweigen und hören möchten, er könnte vieles erzählen. Drei Tage schon beherberge ich ihn, und seine Berichte entzückten mein Herz, als wären sie das Lied eines Sängers. Er ist von Kreta und mit deinem Gemahl, wie er behauptet, durch väterliches Gastrecht verbunden. Und so will er denn auch wissen, daß Odysseus gegenwärtig im Lande der Thesproter lebe und nächstens mit vielem Gute heimkehren werde.« »Geh«, sagte Penelope bewegt, »rufe den Fremdling herbei, daß er mir erzähle! Diese üppigen Freier! Es fehlt uns nur ein Mann, wie Odysseus war; käme dieser, so würden er und Telemach den Trotzigen bald vergelten!« Als sie so sprach, nieste eben Telemach im Saale so laut, daß das Gewölbe widerhallte. Penelope mußte lächeln und sprach zum Sauhirten: »Hörst du, wie mein Sohn mir zuniest, ist das nicht eine gute Vorbedeutung? Rufe mir geschwind den Fremdling herbei!«

Eumaios meldete dem Bettler den Befehl Penelopes, dieser aber erwiderte: »Wie gerne möchte ich der Königin erzählen, was ich von Odysseus weiß; und ich weiß viel von ihm; aber das Betragen der Freier flößt mir Besorgnis ein. Eben jetzt, wo ich durch den Wurf des bösen Mannes dort so schwer gekränkt worden bin, hat sich weder Telemach noch ein anderer meiner angenommen. Darum soll Penelope für jetzt ihr Verlangen bewältigen, bis die Sonne untergegangen ist, dann soll sie mich an ihren Herd sitzen lassen, denn mich friert in meinen Lumpen: so will ich ihr alles mögliche erzählen.« So begierig Penelope auf den Fremdling war, so konnte sie seinen Gründen doch nicht unrecht geben und beschloß, sich zu gedulden.

Eumaios kehrte unter das Gewühl der Freier zurück und flüsterte seinem jungen Herrn ins Ohr: »Ich will mich jetzt wieder nach meinem Gehege aufmachen, Herr; sorge du hier für das Nötige, zumal aber für dich selbst, und sei vor jeder Gefahr auf der Hut, welche von seiten der arglistigen Freier dich bedrohen könnte.« Auf die Bitte Telemachs verweilte jedoch der Sauhirt noch bei Tische, bis es Abend geworden war; dann brach er auf und versprach, am frühen Morgen mit auserlesenen Schweinen wiederzukommen.

Odysseus bei dem Sauhirten



Odysseus bei dem Sauhirten

In dieser Gestalt wandelte der ganz unkenntlich gemachte Held über die Höhen des Waldgebirges hin nach der Stelle, die ihm seine Beschützerin bezeichnet hatte und wo er wirklich den treuesten seiner Knechte, den Sauhirten Eumaios, antraf. Er fand diesen auf der Hochebene des Gebirges, wo er seiner Herde ringsum aus schweren Steinen, die er selbst herbeigeschleppt, ein Gehege gepflanzt hatte. Innerhalb desselben standen, einer an dem andern, zwölf Kofen, in deren jedem fünfzig Mutterschweine zur Zucht eingesperrt lagen; die männlichen, in weit geringerer Anzahl, ruhten außerhalb der Ställe. Von diesen nämlich ließen die Freier Tag für Tag dem Sauhirten einen gemästeten Eber zu ihren Schmäusen abfordern, und es waren ihrer nur noch dreihundertsechzig. Die Herde bewachten vier Hunde, die so wild aussahen wie reißende Wölfe.

Der Sauhirt war gerade damit beschäftigt, sich schönes Stierleder zu Sohlen zu schneiden, seine Knechte hatten sich alle zerstreut; drei waren mit den ausgetriebenen Schweinen auf der Weide; ein vierter war nach der Stadt geschickt worden, um den übermütigen Freiern das verlangte Mastschwein zu bringen.

Die Hunde wurden den herannahenden Odysseus zuerst gewahr und stürzten bellend auf ihn los; dieser legte den Stab aus der Hand und setzte sich. Gewiß hätte er nun in seinem eigenen Gehöfte die Schmach erfahren müssen, von seinen Hunden angefallen zu werden, wenn der Sauhirt nicht aus der Türe seiner Hütte hervorgeeilt wäre und, das Sohlenleder aus den Händen lassend, den Tieren Einhalt getan und sie mit Steinen auseinandergescheucht hätte. Dann wandte er sich zu seinem Herrn, den er für einen Bettler hielt, und sprach: »Wahrhaftig, es hätte wenig gefehlt, o Greis, so hätten dich die Hunde zerfleischt, und du hättest mir zu der Trübsal, die ich schon habe, noch weitern Kummer bereitet! Ist es doch genug, daß ich hilflos um meinen armen, fernen Herrn jammern muß. Hier sitze ich und mäste seine fetten Schweine für andere Leute zum Schmaus, während er selbst vielleicht im Elende nicht einmal ein Stückchen trockenes Brot zu verzehren hat und in der Fremde herumirrt, wenn er anders das Tageslicht noch sieht! Komm in die Hütte, armer Mann, und laß dich mit Wein und Speise erquicken, und wenn du satt bist, sage mir, von wannen du bist und was für Gram du erduldet hast, daß du so gar jämmerlich aussiehst!«

Beide betraten die Hütte, der Sauhirt streute dem Ankömmling Laub und Reisig auf den Boden, breitete seine eigene Lagerdecke, ein großes, zottiges Gemsfell, darüber und hieß ihn sich niederlassen. Als Odysseus dankbar seine Freude über einen so gütigen Empfang aussprach, antwortet ihm Eumaios: »Sieh, Alter, man soll keinen Gast verschmähen, auch den geringsten nicht. Meine Gabe ist freilich nur klein. Wäre mein guter Herr zu Hause geblieben, so hätte ich es wohl noch besser; Haus, Gut und Weib hätte er mir gegeben, und ich könnte Fremdlinge anders bewirten! Nun aber ist er zugrunde gegangen. Möchte doch Helenas Stamm im Unheil vergehen, die so viele Tapfere ins Verderben gestürzt!«

So sprach der Sauhirt, umschlang sich seinen Leibrock mit dem Gürtel und ging hin zu den Kofen, wo ihm die Ferkel scharenweise lagen. Von denen nahm er zwei, schlachtete sie zur Bewirtung seines Gastes, zerschnitt das Fleisch, steckte es an Spieße, bestreute es mit weißem Mehl und legte das Gebratene frisch an den Spießen dem Gaste vor. In eine hölzerne Kanne goß er aus dem Kruge süßen alten Wein, setzte sich dem Fremdling gegenüber und sagte: »Iß nun, fremder Mann, so gut wir es haben! Es ist eben Ferkelfleisch, denn die Mastschweine essen mir die Freier weg, diese gewalttätigen Menschen, die weniger Götterfurcht im Herzen haben als die frechsten Seeräuber! Wahrscheinlich haben sie von dem Tode meines Herrn Kunde, daß sie um seine Gattin gar nicht werben wie andere Leute, sondern, niemals zu den Ihrigen heimkehrend, in aller Ruhe fremdes Gut verprassen. Tag und Nacht schlachten sie nicht ein- und zwei-, nein mehreremal und leeren dazu ein Weinfaß ums andere. Ach, mein Herr war so reich wie zwanzig andere zusammen! Zwölf Rinderherden, ebenso viele Schaf-, Schweine- und Ziegenherden besitzt er auf dem Lande, die ihm teils Hirten, teils Mietlinge versehen. In dieser Gegend allein sind eilf Ziegenherden, welche wackre Männer hüten: sie müssen den Freiern alle Tage den auserlesensten Geißbock abliefern. Ich bin sein Oberhirte über die Schweine, auch ich muß Tag für Tag den besten Eber auswählen und den unersättlichen Schwelgern zusenden!«

Während der Hirt so sprach, verschlang Odysseus, wie einer, der nicht denkt, was er tut, hastig das Fleisch und trank den Wein in raschen Zügen, ohne ein Wort zu sprechen. Sein Geist war ganz mit der Rache beschäftigt, die er an den Freiern zu nehmen vorhatte. Als er satt gegessen und getrunken und der Hirt ihm den Becher noch einmal vollgefüllt, trank er ihm freundlich zu und sprach: »Bezeichne mir doch deinen Herrn näher, lieber Freund! Es wäre gar nicht unmöglich, daß ich ihn kennte und ihm irgendwo einmal begegnet hätte; denn ich bin gar weit in der Fremde herumgekommen.« Aber der Sauhirt antwortete ihm ganz ungläubig: »Meinst du, wir werden einem umherirrenden Manne, der uns von unserm Herrn etwas erzählen will, so leicht Glauben beimessen? Wie oft ist es schon geschehen, daß Landfahrer, die nach einer Pflege verlangten, vor meine Herrin und ihren Sohn gekommen sind und sie mit ihren Märchen über unsern armen Herrn bis zu Tränen gerührt haben, bis man ihnen Mantel und Leibrock dargereicht und sie wohl bewirtet hatte. Ihm aber haben gewiß Hunde und Vögel schon lange das Fleisch von den Gebeinen verzehrt, oder die Fische haben’s gefressen, und die nackten Knochen liegen am Kieselstrande. Ach, nimmermehr bekomme ich einen so gütigen Herrn; er war gar zu freundlich, gar zu liebreich. Wenn ich an ihn denke, ist mir gar nicht, als dächte ich an meinen Gebieter, sondern wie ein älterer Bruder steht er mir vor der Seele.«

»Nun, mein Lieber«, antwortete ihm Odysseus, »weil dein ungläubiges Herz so zuversichtlich seine Rückkehr leugnet, so sage ich dir mit einem Eidschwur: Odysseus kommt! Meinen Lohn, den Mantel und Leibrock, verlange ich erst, wenn er da ist; denn so entblößt ich bin, mit einer Fabel möchte ich mir’s nicht verdienen; ich hasse die Lügner bis auf den Tod. So höre denn, was ich dir bei Zeus, bei diesem deinem gastlichen Tische und bei dem Herde des Odysseus schwöre: Wann dieser Monat abgelaufen ist, wird er eintreten in sein Haus und die Frechen züchtigen, die es wagen, sein Weib und seinen Sohn zu beschweren.« »O Greis«, erwiderte Eumaios, »ich werde dir so wenig den Lohn für deine Botschaft zu entrichten haben, als Odysseus nach Hause zurückkehrt. Fasle nicht, trinke ruhig deinen Wein und sprich von etwas anderem. Deinen Eid laß gut sein! Von Odysseus hoffe ich nichts mehr; mir macht jetzt nur sein Sohn Telemach Sorge; in ihm hoffte ich einst an Leib und Seele den Vater wiederzuschauen. Aber ein Gott oder Mensch hat ihm den Sinn betört: er ist gen Pylos gefahren, um nach dem Vater zu forschen; unterdessen legten sich die Freier zu Schiff in einen Hinterhalt und werden mit ihm den letzten Sprößling vom uralten Stamme des Arkeisios vertilgen. Doch erzähle du, Greis, mir jetzt dein eigenes Leiden: Wer bist du, und was brachte dich nach Ithaka?«

Odysseus macht sich den Scherz und erzählte dem Sauhirten ein langes Märchen, in dem er sich für den verarmten Sohn eines reichen Mannes von der Insel Kreta ausgab und die buntesten Abenteuer von sich zum besten gab. Auch den Krieg vor Troja hatte er mitgemacht und den Odysseus dort kennengelernt. Auf der Heimkehr verschlug ihn der Sturm an die Küste der Thesproten, bei deren Könige er wieder etwas von Odysseus vernommen haben wollte. Dieser sei der Gast jenes Fürsten gewesen und habe ihn kurz vor der Ankunft des Bettlers verlassen, um zu Dodona beim Orakel den Ratschluß Zeus‘ zu vernehmen.

Als er mit dem langen Gewebe seiner Lügen zu Ende war, sprach der Sauhirt ganz gerührt: »Unglücklicher Fremdling, wie hast du mir das Herz im Leib aufgeregt, indem du mir deine mühseligen Irrfahrten so ausführlich geschildert! Nur eines glaube ich dir nicht: nämlich das, was du mir von Odysseus sagst. Was brauchst du auch so in den Wind hinein zu lügen! Mir ist es ganz entleidet, nach meinem Herrn umherzufragen und zu forschen, seit mich ein Ätolier angelogen hat, der, wegen eines Totschlags flüchtig, in mein Gehege kam und mir beteuerte, daß er selbst ihn auf der Insel Kreta bei Idomeneus seine vom Sturm zerschmetterten Schiffe ausbessernd und ergänzend angetroffen habe. Im Sommer oder doch im Herbste komme er mit seinen Genossen und unendlichem Gute gewiß zurück. Darum, du Unglücklicher, bemühe dich nicht, meine Gunst durch solche Lügen erschmeicheln zu wollen, das Gastrecht ist dir ja ohnedem gesichert.«

»Guter Hirte«, antwortete Odysseus, »ich will dir einen Vergleich vorschlagen: Wenn jener wirklich zurückkommt, so sollst du mich mit Mantel und Leibrock nach Dulichion entlassen, wohin mein Herz verlangt; kommt aber dein Herr nicht heim, so hetze die Knechte gegen mich, daß sie mich von einer Felsenspitze ins Meer stürzen, damit andern Bettlern die Lust zu lügen vergeht,« »Ei, das wäre ein schöner Ruhm für mich«, fiel ihm der Sauhirt in die Rede, »wenn ich meinen Gast, den ich in die Hütte geführt und bewirtet habe, hintendrein erschlüge! Da könnte ich ja in meinem Leben nicht mehr zu Zeus beten! Doch das Abendessen wird bald herankommen, und es ist an der Zeit, daß meine Knechte heimkehren, dann wollen wir wieder fröhlich sein.« Wirklich kamen auch bald darauf die Schweine mit ihren Hütern herbei und wurden grunzend in die Kofen getrieben. Jetzo befahl der Hirt, ein fünfjähriges Mastschwein zur Ehre seines Gastes zu schlachten. Ein Teil wurde unter Gebet den Nymphen und dem Gotte Hermes geopfert, einen andere reichte er den Hütern, das beste Rückenstück wurde seinem Gast zuteil, obgleich er in seinen Augen nur ein Bettler war.

Das rührte den Odysseus in der Seele, und er rief dankbar aus: »Möge dich, guter Eumaios, Zeus so lieben, wie du mich, der in solcher Gestalt zu dir kam, geehrt hast!« Der Sauhirt sprach ihm freundlich zum Mahle zu, und während sie sich fröhlich in der Hütte sättigten, bedeckten draußen Wolken den Mond, der Westwind sauste, und bald ergoß sich der Regen in Strömen. Den Helden fing es in seinen Bettlerlumpen zu frieren an, und um den Hirten zu versuchen, ob er in seiner Aufmerksamkeit so weit gehen würde, ihm seinen warmen Mantel abzutreten, fing er wieder an, ein recht erlogenes Märchen zu erzählen. »Höret mich«, sprach er, »Eumaios und ihr andern Hirten! Der gute Wein betört mich nun einmal, zu schwatzen, und entlockt mir Worte, die vielleicht besser verschwiegen blieben. Als wir einst vor Troja uns in einen Hinterhalt gelegt, wir drei, Odysseus, Menelaos und ich, mit einer Schar von Kriegern, schmiegten wir uns der Burg gegenüber zwischen Rohr und Sumpf unter unsre Rüstungen, und es wurde Nacht. Der Nordwind kam mit einem Schneegestöber, und bald hatte der Frost unsre Schilde mit einem Rande von Glatteis umzogen. Den beiden andern tat dieses nicht viel, sie hatten sich in ihre Mäntel gewickelt und schlummerten von der Kälte unangefochten unter ihren Schilden. Ich dagegen hatte beim Weggehen unbedachtsamerweise meinen Mantel den Freunden zurückgelassen, denn auf eine solche Kälte hatte ich keineswegs gerechnet, sondern war nur im Gürtel und mit dem Schilde ausgegangen. Nun war noch ein Drittel der Nacht übrig und die Morgenkälte am schneidendsten. Da stieß ich endlich meinen Nachbar, den schlafenden Odysseus, mit dem Ellbogen an und ermunterte ihn mit den Worten: ›Du, wenn die Nacht noch lange währt, so bringt mich der Frost um. Ein böser Dämon hat mich verführt, im bloßen Rocke ohne Mantel zu gehen!‹ Wie das Odysseus hörte, der bekanntlich ein Mann zum Rat so gut wie zur Schlacht war, so flüsterte er mir zu: ›Still, daß kein Achaier uns hört; dir soll bald geholfen sein!‹ Dann richtete er sich vom Lager auf, stützte sein Haupt auf den Ellenbogen und rief über die Schläfer hin: ›Ihr Freunde, die Götter haben mir einen warnenden Traum gesendet: wir haben uns zu weit von den Schiffen entfernt; will nicht einer gehen und dem Agamemnon die Aufforderung bringen, uns noch mehr Streitgenossen zu schicken?‹ Auf diese Worte sprang einer unsrer Krieger, Thoas, der Sohn des Andraimon, dienstbereit vom Boden auf, legte seinen Mantel von sich und eilte zu den Schiffen. Ich aber wickelte mich behaglich in denselben und schlief nun getrost bis zur Morgenröte. Ja, wär ich noch der junge stattliche Mann wie damals, so würde mir, aus Liebe wie aus Scheu, wohl auch irgendein Sauhirt im Gehege hier seinen Mantel zum Schirme gegen den Nachtfrost leihen. Jetzt kümmert sich freilich kein Mensch in meinen Lumpen um mich!«

»Das ist ein schönes Gleichnis«, sagte Eumaios lachend, »das du uns da erzählt hast, Fremdling, drum soll es dir auch jetzt weder an Kleidung noch an irgend etwas anderem mangeln. Morgen mußt du freilich wieder mit deinen Lumpen fürliebnehmen, denn wir selbst haben nichts übriges zum Anlegen; wenn aber der Sohn des Odysseus glücklich heimkehren sollte, so wird er dich ganz gewiß mit Mantel und Leibrock beschenken und dich geleiten lassen, wohin du wünschest.« So sprechend, erhob sich Eumaios und bereitete seinem Gaste nicht weit vom Feuerherd ein Bett, das er ihm aus Schafpelzen und Ziegenhäuten zurechtmachte, und nachdem sich Odysseus darauf niedergelegt, deckte er ihn mit einem dichten großen Mantel zu, den er selbst bei den heftigen Winterstürmen anzuziehen pflegte.

So lag denn der Held warm gebettet und schickte sich zum Schlummer an; neben ihm legten sich auch die Knechte zum Schlafe nieder; aber Eumaios wählte sein Nachtlager nicht in der Hütte, denn er mochte nicht entfernt von seinen Schweinen schlafen; er nahm vielmehr die Waffen zur Hand und begab sich hinaus zu den Ställen, das Schwert um die Schulter gegürtet und in einen dichten Mantel gehüllt. Auch ein zottiges Ziegenfell nahm er mit zur Unterlage, und in der Hand trug er einen scharfen Spieß, Hunde und Männer, die etwa herannahen könnten, damit zu schrecken. So legte er sich, vor dem schneidenden Nordwinde geschirmt, vor die Kofen seiner Schweine. Odysseus war noch nicht eingeschlafen, als der Sauhirt in diesem Aufzuge die Hütte verließ. Er blickte ihm teilnehmend nach und freute sich innerlich im Herzen, einen so ehrlichen und getreuen Knecht zu besitzen, der das Gut seines Herrn, den er längst für verloren hielt, mit so gewissenhafter Sorgfalt verwaltete. In diesem Gefühl überließ sich der Held dem erquickenden Schlummer.

Odysseus bei den Phäaken



Odysseus bei den Phäaken

Die Jungfrau war schon in dem Palast ihres Vaters angekommen, als Odysseus den heiligen Hain verließ und gleichfalls den Weg nach der Stadt einschlug. Athene entzog ihm auch jetzt ihre Hilfe nicht. Daß kein mutwilliger Phäake den wehrlosen Wanderer kränken konnte, verbreitete sie, für ihn selbst unbemerkt, rings um ihn her Nacht, und ganz nahe vor den Toren wollte sie es doch nicht lassen, ihm in sichtbarer Gestalt als ein junges Phäakenmädchen, den Wasserkrug an der Hand, zu begegnen. »Töchterchen«, redete der Held sie an, »willst du mir nicht den Weg zur Wohnung des Königes Alkinoos zeigen? Ich bin ein verirrter Fremdling, komme aus fernen Landen und kenne hier niemand.« »Recht gerne, guter Mann«, sagte die Göttin in Mädchengestalt; »mein ehrlicher Vater wohnt ganz nahe dabei. Aber geh nur ganz stille mit mir: die Leute sind hier den Fremden nicht sonderlich gewogen; das kecke Leben zur See macht sie trotzig.« Unter diesen Worten ging Athene schnell voran, und Odysseus folgte, aber kein Phäake wurde ihn gewahr. Gemächlich konnte er den Hafen, die Schiffe, die getürmten Mauern der Stadt anstaunen; endlich sprach Athene: »Dies ist, fremder Vater, das Haus des Alkinoos, wandle nur getrost hinein; dem mutigen Manne gelingt alles! Doch eins laß mich dir sagen: Suche vor allen Dingen die Königin auf. Sie heißt Arete und ist die Nichte ihres eigenen Gemahls. Der vorige König nämlich, Nausithoos, ein Sohn Poseidons und der Periböa, der Tochter des Gigantenbeherrschers Eurymedon, hinterließ zwei Söhne, unsern König, Alkinoos, und einen andern, Rhexenor. Der letztere lebte nicht lange und hinterließ eine einzige Tochter; und dies ist unsere Königin Arete. Alkinoos ehrt sie, wie nur irgendein Weib auf der Erde geehrt werden kann, und ebenso verehrt sie auch alles Volk, denn sie ist voll Verstandes und Geistes und weiß selbst Männerzwiste mit ihrer Weisheit zu entscheiden. Wenn du sie gewinnen kannst, so sei getrost.«

So sprach die verstellte Göttin und enteilte. Odysseus stand stille, in Betrachtung des herrlichen Palastes versunken. Das hochragende Haus strahlte wie die Sonne. Tief hinein von der Schwelle erstreckten sich nach beiden Seiten Wände von gediegenem Erz, mit Simsen aus bläulichem Stahl. Die innere Wohnung verschloß eine goldene Pforte; die Pfosten, auf eherner Grundlage ruhend, waren von Silber mit goldenem Kranze, der Ring an der Pforte war von Gold; goldene und silberne Hunde, ein Werk Hephaistos‘, standen rechts und links, wie Wächter der Königswohnung, aufgepflanzt. Als er in den Saal gekommen war, sah er ringsum Sessel mit feingewirkten Teppichen bedeckt, auf welchen die Fürsten der Phäaken beim Königsmahle zu sitzen pflegten; denn dieses Volk liebte beständig Speise und Trank. Auf hohen Gestellen standen goldene Bildsäulen, Jünglinge vorstellend, mit brennenden Fackeln in der ausgestreckten Hand, welche beim nächtlichen Schmause den Gästen leuchteten. Fünfzig Dienerinnen waren durch den Palast des Königes verbreitet; die einen mahlten auf der Handmühle Getreide, die andern woben, noch andere wirbelten sitzend die Spindel. Die Weiber sind dort so gute Weberinnen wie die Männer Schiffsleute. Außerhalb des Hofes breitete sich ein Garten aus, eine Hufe ins Gevierte, mit einer Ringmauer umgeben und mit Bäumen voll der saftigsten Birnen, Feigen und Granaten, Oliven und Äpfel bepflanzt; diese trugen Sommer und Winter, denn immer wehte warme Westluft im Phäakenlande, so daß zu gleicher Zeit an den einen Bäumen Blüten prangten, an den andern Früchte hingen. Daneben streckte sich auf ebenem Boden eine Weinpflanzung hin, wo ein Teil der Trauben im Sonnenstrahle kochte, andere der Winzer schon schnitt, wieder andere erst als Herlinge aus der Blüte schwollen und noch andere sich allmählich färbten. Am andern Ende des Gartens dehnten sich schön geordnete Beete voll duftender Blumen; auch flossen in dem Raume zwei Quellen; die eine durchschlängelte den Garten, die andere quoll unter der Schwelle des Hofes am hohen Palaste selbst; und aus ihr schöpften sich die Bürger ihr Wasser.

Nachdem Odysseus alle die Herrlichkeiten eine gute Weile bewundert, betrat er den Palast und eilte nach dem Saale des Königes. Hier waren die vornehmen Phäaken zu einem Schmause versammelt. Weil aber der Tag sich neigte, gedachten sie des Schlafes und spendeten eben am Schlusse des Mahles dem Hermes ein Trankopfer. Odysseus durchwandelte noch in Nebel gehüllt ihre Reihen, bis er vor dem Königspaar angelangt war. Da zerfloß auf Athenes Wink das Dunkel um ihn her; er warf sich vor der Königin Arete schutzflehend nieder, umfing ihre Knie und rief: »O Arete, Rhexenors hohe Tochter, flehend liege ich vor dir und deinem Gemahl! Mögen die Götter euch Heil und Leben schenken, so gewiß ihr mir, dem Verirrten, Wiederkehr in die Heimat bereitet! Denn ferne von den Meinigen streife ich schon lange in der Verbannung umher.« So sprach der Held und setzte sich am Herd in die Asche nieder, neben dem brennenden Feuer. Die Phäaken schwiegen alle bei dem unerwarteten Anblicke staunend, bis endlich der graue, welterfahrene Held Echeneos, der Älteste unter den Gästen, das Schweigen brach und vor der Versammlung, zu dem Könige gewendet, also begann: »Fürwahr, Alkinoos, es ziemt sich nicht, daß irgendwo auf der Erde ein Fremdling in der Asche sitze. Gewiß denken meine Mitgäste wie ich und erwarten nur deinen Befehl. Laß darum den Fremden auf einem der schmucken Sessel gleich uns Platz nehmen und erhebe ihn aus dem Staub! Die Herolde sollen neuen Wein mischen, daß wir dem Zeus, dem Beschirmer des Gastrechts, auch noch ein Trankopfer bringen; und die Schaffnerin mag den neuen Gast mit Speise und Trank laben!«

Diese Rede gefiel dem guten König; er nahm den Helden selbst bei der Hand, erhub ihn und führte ihn zu einem Sessel an seiner eigenen Seite, indem der Liebling des Königes selbst, sein Sohn Laodamas, ihm Platz machen mußte. Auch sonst geschah alles, wie Echeneos geraten, und Odysseus schmauste geehrt in der Mitte der Helden. Als das Opfer dem Zeus dargebracht war, erhub sich die Versammlung, und der König lud alle Gäste auf den andern Tag zu einem gleichen Freudenmahle ein. Dem Fremdling aber, ohne auch nur nach seinem Namen und Geschlechte zu fragen, versprach er nach gastlicher Beherbergung sichere Entsendung nach der Heimat. Als er jedoch den Helden, den Athene noch immer mit einem Schimmer überirdischer Hoheit umgeben hatte, näher betrachtete, da setzte er noch hinzu: »Solltest du aber einer der Unsterblichen sein, welche ja manchmal in sichtbarer Gestalt die Menschen bei ihren Festen besuchen: – dann freilich bedarfst du unserer Beihilfe nicht, und es ist an uns, dich um deinen Schutz zu bitten.«

»Denke doch das nicht in deinem Herzen«, antwortete Odysseus dem Könige beschämt; »gleiche ich doch an Wuchs und Gestalt nicht den unsterblichen Göttern, sondern bin ein Sterblicher, wie ihr alle es seid. Ja, wenn ihr einen Menschen kennet, der euch auf Erden der unglückseligste deucht, so nehme ich es mit seiner Trübsal auf! Und so dachte ich denn auch jetzt an nichts anders, als meinen Hunger an eurem Tisch zu stillen, und ihr konntet auch daran wohl sehen, daß ich ein recht armer, sterblicher Mensch bin.«

Als die Gäste den Saal verlassen hatten und das Königspaar allein mit dem Fremdlinge im Saale zurückgeblieben war, betrachtete Arete die schön gewirkten Kleider des Mannes, Mantel und Leibrock, erkannte darin ihr eigenes Gewebe und sprach: »Zuerst muß ich dich nun doch fragen, o Fremdling, woher und wer du bist und wer dir diese Gewande gegeben hat. Sagtest du nicht, daß du auf dem Meere umherirrend hierhergekommen seiest?« Odysseus antwortete hierauf mit einer getreuen Erzählung seiner Abenteuer auf Ogygia bei Kalypso und seiner traurigen letzten Fahrt und verschwieg zuletzt auch die Begegnung Nausikaas und ihren Edelmut nicht.

»Nun, das ist schon recht von meiner Tochter gehandelt«, sprach, als die Erzählung zu Ende war, lächelnd Alkinoos, »aber eine Pflicht hat sie doch vergessen; dich sogleich mit den Dienerinnen selbst in unser Haus zu führen!« »Hüte dich, o König«, antwortete Odysseus, »deine treffliche Tochter deswegen zu tadeln. War sie doch bereit, so zu handeln, wie du meinst, aber ich selbst weigerte mich aus Blödigkeit; denn ich fürchtete, du könntest ein Ärgernis daran nehmen; wir Menschenkinder sind alle so gar argwöhnisch!« »Nun, ich bin ohne Ursache nicht zum Jähzorn geneigt«, antwortete ihm der König; »indessen ist Ordnung in allen Dingen gut. Aber wenn doch die Götter es fügen wollten, daß ein Mann wie du meine Tochter zur Gemahlin begehrte, wie gerne wollte ich dir Haus und Besitzungen gewähren, wenn du bei uns bliebest! Doch mit Zwang will ich niemand bei mir halten, und morgen noch sollst du freies Geleite von mir bekommen; ich gebe dir Schiff und Ruderer, wohin du fahren willst, und wäre deine Heimat so weit als die entfernteste Insel, nach welcher wir Schiffahrt treiben!«

Odysseus vernahm dieses Versprechen mit innigem Danke, verabschiedete sich von seinen königlichen Wirten und erholte sich auf weichem Nachtlager von allen erduldeten Mühseligkeiten.

Am andern Morgen in aller Frühe berief der König Alkinoos das Volk zu einer Versammlung auf den Marktplatz der Stadt; sein Gast mußte ihn dorthin begleiten, da setzten sich beide nebeneinander auf zwei schön behauene Steine. Inzwischen durchwandelte die Göttin Athene, in einen Herold verwandelt, die Straßen der Stadt und trieb die Häupter des Volkes an, der Versammlung beizuwohnen. Endlich füllten sich die Gänge und Sitze des Marktes mit den zusammenströmenden Bürgern. Alle schauten mit Bewunderung auf den Sohn des Laërtes, dem Athene, seine Beschirmerin, immer noch eine überirdische Hoheit in Wuchs und Gestalt verliehen hatte. Alsdann empfahl der König in einer feierlichen Rede dem Volke den Fremdling und ermunterte dasselbe, ihm ein gutes Ruderschiff mit zweiundfünfzig phäakischen Jünglingen zur Verfügung zu stellen. Zugleich lud er die anwesenden Häupter des Volkes zu einem Festmahle, das dem Fremden zu Ehren gegeben werden sollte, in seinen Palast ein und befahl auch, den Demodokos zu berufen, den göttlichen Sänger, dem Apollo die Gabe des Liedes verliehen hatte und der mit seinem begeisterten Gesange das Herz der Gäste erfreuen sollte.

Nachdem die Volksversammlung aufgehoben war, rüsteten die Jünglinge, wie ihnen befohlen war, das Schiff, brachten Mast und Segel hinein, hängten die Ruder in lederne Schleifen und spannten die Segeltücher auf. Dann begaben sie sich in den Palast des Königes. Hier waren Hallen, Höfe und Säle schon voll von Geladenen, denn jung und alt hatte sich eingefunden. Zwölf Schafe, acht Schweine und zwei Stiere waren für das Mahl geschlachtet worden, und der liebliche Festschmaus dampfte schon. Auch den Sänger führte der Herold herbei, dem die Muse Gutes und Böses beschert hatte; das Licht der Augen hatte sie ihm genommen, dafür aber das Herz ihm mit lichten Gesängen aufgehellt. Diesem stellte der Führer einen Sessel an der Säule des Saales, mitten unter den Gästen; darauf hängte er über dem Haupte des Sängers die Harfe an einen Nagel und leitete ihm die Hand, daß der Blinde sie finden konnte. Vor ihn hin stellte er einen Tisch mit dem Speisekorb und dem immer vollen Becher, daß er nach Herzenslust trinken möchte. Wie nun das Mahl vorüber war, hub der Sänger sein Lied an aus den schon damals berühmt gewordenen Heldensagen von Troja. Der Inhalt seines Gesanges aber war der Streit zweier Helden, deren Name auf aller Lippen war, des Achill und des Odysseus.

Als unser Held seinen Namen nennen und im Liede feiern hörte, mußte er das Haupt im Gewande verbergen, damit man die Träne nicht gewahr würde, die sich ihm aus den Augen stahl. Sooft der Sänger schwieg, enthüllte er sein Gesicht und griff zum Becher. Wenn aber das Lied von neuem begann, verhüllte er sein Haupt wieder. Keiner bemerkte es als der ihm zunächst sitzende König, der ihn tief aufseufzen hörte. Er hieß daher dem Gesang ein Ende machen und befahl, den Fremdling auch durch Kampfspiele zu ehren. »Unser Gast«, sprach er, »soll auch den Seinigen zu Hause melden können, wie wir Phäaken es im Faustkampf, Ringen, Sprung und Wettlauf allen Sterblichen zuvortun.« So wurde das Mahl aufgehoben, und die Phäaken folgten dem Rufe ihres Königs. Eilend begab sich alles auf den Markt. Dort erhoben sich eine Menge edler Jünglinge, darunter auch drei Söhne des Alkinoos selbst, Laodamas, Halios und Klytoneos. Diese drei maßen sich zuerst miteinander im Wettlauf, auf einer Sandbahn, die sich vor ihnen weithin erstreckte. Auf ihr flogen sie nach einem gegebenen Zeichen stürmend dahin und durchstäubten das Gefilde; Klytoneos war es, der den andern es bald zuvortat und das Ziel als Sieger erreichte. Dann wurde der Ringkampf versucht; in diesem siegte der junge Held Euryalos; darauf kamen die Springer: hier zeigte sich der Phäake Amphialos als den Überlegenen; im Scheibenschwingen gewann es Elatreus, endlich im Faustkampfe Laodamas, der Königssohn.

Dieser erhob sich jetzt in der Versammlung der Jünglinge und sprach: »Freunde, wir sollten doch auch erforschen, ob der Fremdling etwas von unsern Kämpfen versteht. Gestalt, Schenkel und Füße versprechen nichts Schlechtes, seine Arme sind nervicht, sein Nacken ist voll Kraft, sein Wuchs ist mächtig. Und scheint er gleich von Gram und Elend gebrochen, so mangelt es ihm doch nicht an Jugendstärke!« »Du hast recht«, sprach jetzt Euryalos; »darum gehe hin, o Fürst, und fordre ihn selbst zum Wettstreite auf!« Laodamas tat dieses mit freundlichen, höflichen Worten.

Doch Odysseus erwiderte: »Verlanget ihr das von mir, mich zu kränken, ihr Jünglinge? Die Trübsal nagt an mir, und keine Lust zum Wettkampfe bewegt mein Herz! Ich habe genug gestrebt und geduldet, und jetzt verlangt mich nach nichts anderem als nach der Heimkehr in mein Vaterland!« Laodamas antwortete ihm unwillig: »Fürwahr, Fremdling, du gebärdest dich nicht wie ein Mann, der sich aufs Kämpfen versteht; du magst wohl ein Schiffshauptmann und zugleich Kaufherr sein, so ein Warenmäkler; als ein Held erscheinst du nicht.« Odysseus runzelte bei diesem Worte die Stirne und sprach: »Das ist keine feine Rede, mein Freund, und du erscheinst als ein recht trotziger Knabe. Verleihen doch die Götter nicht einem und demselben Manne die Gaben der Schönheit und Anmut und das Geschenk der Beredsamkeit und der Weisheit; mancher ist von unansehnlicher Gestalt, aber seinen Worten ist ein Reiz verliehen, daß alle, die sie hören, davon entzückt werden; und auch ein solcher ragt in der Volksversammlung hervor, und man ehrt ihn wie einen Unsterblichen. Dagegen sieht oft einer aus wie ein Gott, und an seinen Worten ist wenig Witz. Dennoch bin ich kein Neuling im Wettkampfe, und als ich meiner Jugend und meinen Armen noch vertrauen konnte, nahm ich es mit den Tüchtigsten auf. Jetzt haben mich Schlachten und Stürme freilich heruntergebracht. Doch du hast mich herausgefordert, und ich will’s auch so versuchen!«

So sprach Odysseus und erhub sich vom Sitz, ohne den Mantel abzulegen. Er ergriff eine Scheibe, größer, dicker und schwerer als die, nach welchen die Phäakenjünglinge zu langen pflegten, und warf sie kräftig, daß der Stein laut hinsauste; unter seinem Schwunge bückten sich die umstehenden Phäaken, und er flog weit über das Ziel hinaus. Schnell machte Athene, in einen Phäaken verwandelt, das Zeichen, wo der Stein gefallen war, und sprach: »Dein Zeichen soll auch ein Blinder erkennen, Mann, so weit liegt es von allen andern ab! In diesem Kampfe bist du sicher, nie besiegt zu werden!« Odysseus freute sich, daß er einen so guten Freund im Volke gefunden habe, und sprach mit leichterem Herzen: »Nun, ihr Jünglinge, schleudert mir dorthin nach, wie ihr es vermöget! Und ihr, die ihr mich so schwer beleidigt habt, kommt her und versuchst euch mit mir in welchem Kampfe ihr wollet; ich werde keinem ausweichen! Mit jedem will ich kämpfen, nur nicht mit Laodamas, denn wer stritte auch gerne mit dem, der ihn bewirtet? Besonders gut verstehe ich’s, den Bogen zu spannen, und wenn viele Genossen mit mir in die Wette schössen, ich wäre doch der erste, der meinen Mann mit dem Pfeil träfe. Nur einen kenne ich, den Griechen Philoktet; der hat es mir oft zuvorgetan vor Troja, sooft wir uns dort im Schusse übten! Auch mit dem Wurfspieße treffe ich nicht weniger sicher und schieße so weit wie ein anderer mit dem Pfeile. Nur im Wettlaufe, da möchte vielleicht einer es mir zuvortun, selbst unter euch; denn das stürmische Meer hat mir viel Kraft genommen, zumal da ich tagelang ohne Nahrung auf meinem Fahrzeuge saß.«

Als die Jünglinge dieses vernahmen, verstummten sie alle, nur der König nahm das Wort und sagte: »Wohl hast du uns deine Tüchtigkeit enthüllt, o Fremdling, und hinfort soll dich kein Mensch mehr wegen deiner Stärke tadeln. Wenn du nun daheim bei Gattin und Kindern sitzest, so denk auch an unsre Mannhaftigkeit zurück. Als Faustkämpfer und Ringer zeichnen wir uns freilich nicht aus, aber im Wettlaufe siegen wir, und auf die Schiffahrt verstehen wir uns auch. Schmaus, Saitenspiel, Reigentanz – darin sind wir auch Meister; den schönsten Schmuck, das lindeste Bad, das weichste Lager – die findet man bei uns! Auf denn, ihr Tänzer, ihr Schiffslenker, ihr Läufer, ihr Sänger, zeigt euch vor dem Fremdlinge, daß er zu Hause etwas von euch zu erzählen hat! Und bringet auch die Harfe des Demodokos her!« Sogleich machte sich ein Herold auf und schaffte die Harfe herbei. Neun auserwählte Kampfordner ebneten den Raum für den Tanz und umzirkten die Schaubühne. Ein Spielmann stellte sich mit der Harfe in der Mitte, und der Tanz der blühendsten Jünglinge begann; im schönsten Takte, im raschesten Schwunge hoben sie ihre Füße. Odysseus selbst mußte staunen; er hatte noch nie so behenden und anmutigen Tanz gesehen. Dazu sang der Sänger ein liebliches Lied von den heitersten Geschichten aus dem Leben der Götter. Nachdem der Reigentanz lange genug gedauert, hieß der König seinen Sohn Laodamas und den geschmeidigen Halios den Einzeltanz miteinander aufführen; denn mit ihnen wagte es niemand, sich zu messen. Diese nahmen einen zierlichen Ball zur Hand, und der eine schwang ihn, indem er sich rücklings dazu beugte, hoch in die Luft empor; der andere, in die Höhe springend, fing ihn, ehe er wieder mit den Füßen auf den Boden trat, schwebend in der Luft auf. Dann tanzten sie in leichten, wechselnden Schwenkungen umeinander her, und andere Jünglinge, die im Kreise umherstanden, klatschten mit den Händen dazu. Odysseus wandte sich bewundernd zu dem Könige und sprach: »In der Tat, Alkinoos, du kannst dich der geschicktesten Tänzer auf dem ganzen Erdboden rühmen. In dieser Kunst habt ihr euresgleichen nicht!« Alkinoos tat sich auf dieses Urteil nicht wenig zugute. »Höret ihr’s«, rief er seinen Phäaken zu, »wie der Fremdling über uns urteilt? Er ist doch ein sehr verständiger Mann, und er verdient es wohl, daß wir ihm auch ein ansehnliches Gastgeschenk reichen. Wohlan! zwölf der Fürsten des Landes, und ich selbst der dreizehnte, sollen ihm jeder einen Mantel und einen Leibrock herbeibringen und zudem ein Pfund des köstlichsten Goldes. Das wollen wir ihm zu einer großen Gabe vereint schenken, damit er mit fröhlichem Herzen von uns scheide. Und außerdem soll Euryalos es versuchen, mit freundlichen Worten ihn ganz mit uns auszusöhnen.« Alle Phäaken riefen ihm Beifall zu. Ein Herold ging, die Geschenke zu sammeln. Euryalos nahm sein Schwert mit silbernem Heft und elfenbeinerner Scheide, übergab es dem Gaste und sprach dazu: »Väterchen, haben wir ein kränkendes Wort gegen dich fallen lassen, so sollen es die Winde verwehen! Dir aber mögen die Götter fröhliche Heimfahrt verleihen! Heil und Freude dir! »«Auch dir!« antwortete Odysseus; »möge dich deine Gabe nie reuen!« Mit diesem Wort hängte er sich das schmucke Schwert um die Schulter. Es war um Sonnenuntergang, als die Geschenke ankamen und alle vor der Königin niedergelegt wurden. Sie hieß Alkinoos auch noch eine zierliche Lade für die Gewande herbeischaffen; darein wurden die Gaben gelegt und für Odysseus in den Palast getragen. Dort fügte der König, der sich mit der ganzen Gesellschaft in seine Wohnung begeben hatte, noch andere Gaben an köstlichen Gewanden hinzu und außerdem ein herrliches goldenes Gefäß. Dem Gaste wurde ein Bad bereitet; indessen zeigte ihm die Königin selbst alle die köstlichen Geschenke in der offenen Lade und sprach dazu: »Betrachte dir den Deckel selbst genau und verschließe die Lade, daß dich ja keiner, wenn du etwa schläfst, während der Heimfahrt beraube und die schöne Kiste davontrage!« Odysseus schlug den Deckel sorgfältig ein und verschloß die Lade mit einem vielfach verschlungenen Knoten; dann erquickte er sich im warmen Bade und wollte nun wieder in die Gesellschaft der zu Schmaus und Trunk niedergesessenen Männer zurückkehren. Da fand er vor dem Türpfosten des Saales beim Eingang in denselben die holdselige Jungfrau Nausikaa stehen, welche er seit seinem Einzuge in die Stadt nicht mehr erblickt hatte und welche seither züchtiglich und ferne von den Männerfesten im Frauengemache verschlossen gelebt; nun aber wollte sie zum Abschiede den edlen Gast auch noch einmal begrüßen. Nachdem sie einen langen bewundernden Blick auf die edle Heldengestalt des Mannes geworfen, sprach sie endlich, indem sie den Hineintretenden sanft aufhielt: »Heil dir und Segen, edler Gast! Gedenke meiner auch im Lande deiner Väter, da du mir ja doch dein Leben verdankest!« Gerührt antwortete ihr Odysseus: »Du edle Nausikaa, wenn mich Zeus den Tag meiner Heimkunft erleben läßt, so werde ich dich, meine Retterin, täglich wie eine Gottheit anflehen!« Mit diesen Worten betrat er den Saal wieder und setzte sich an der Seite des Königes nieder. Hier waren die Diener eben damit beschäftigt, das Fleisch zu zerlegen und den Wein aus den großen Mischkrügen in die Becher einzuschenken. Auch der blinde Sänger Demodokos wurde wieder eingeführt und nahm seinen alten Platz an der Mittelsäule des Saales ein. Da winkte Odysseus dem Herold, schnitt vom Rücken des vor ihm liegenden gebratenen Schweines das beste Stück ab, streckte es ihm auf einer Platte hin und sagte: »Herold, reich dem Sänger dieses Fleisch; obgleich ich selbst in der Verbannung bin, so möchte ich ihm doch gerne etwas Liebes erweisen. Stehen doch die Sänger bei dem ganzen Menschengeschlecht in Achtung, weil die Muse selbst sie den Gesang gelehrt hat und mit ihrer Huld über ihnen waltet.« Dankbar empfing der blinde Sänger die Gabe.

Nach dem Mahle wandte sich Odysseus noch einmal an Demodokos: »Ich preise dich vor andern Sterblichen, lieber Sänger«, sprach er zu ihm, »daß dich Apollo oder die Muse so schöne Lieder gelehret hat! Wie lebendig und genau du das Schicksal der griechischen Helden zu schildern verstehst, als hättest du alles mit angesehen und mit angehört! Fahre nun fort und sing uns auch noch die schöne Mär vom hölzernen Rosse und was Odysseus dabei getan hat!« Der Sänger gehorchte freudig, und alles lauschte seinem Gesange. Als der Held so seine Taten preisen hörte, mußte er wieder heimlich weinen, und nur Alkinoos bemerkte es. Er gebot daher dem Sänger Stillschweigen und sprach im Kreise der Phäaken: »Besser ist’s, die Harfe ruhet nun; denn wahrlich, ihr Freunde, nicht jedermann zur Lust singt der Sänger jene Märe. Seit wir am Mahle sitzen und das Lied ertönt, hört unser schwermütiger Gast nicht auf, seinem Grame nachzuhängen, und wir streben vergebens, ihn zu erheitern. Und doch muß einem fühlenden Mann ein Gast so lieb sein wie ein Bruder. Nun denn, Fremdling, so sag uns redlich, wer sind deine Eltern, welches ist dein Vaterland? Einen Namen führt doch jeder Mensch, sei er von edler oder von geringer Abkunft. Dein Land müssen wir ohnedem wissen und deine Geburtsstadt, wenn dich meine Phäaken heimbringen sollen. Weiter brauchen sie nichts; sie bedürfen auch der Piloten nicht: haben sie nur den Namen des Orts, so finden sie die Fahrt durch Nacht und Nebel!«

Auf diese freundliche Rede erwiderte der Held ebenso liebreich: »Glaube doch ja nicht, edler König, daß euer Sänger mich nicht ergötze! Vielmehr ist es eine Wonne, einem solchen zuzuhören, wenn er seine göttergleiche Stimme vernehmen läßt; und ich weiß mir nichts Angenehmeres, als wenn ein ganzes Volk bei festlicher Freude horchend am Munde eines Sängers hängt, während die Gäste in langen Reihen sitzen, vor jedem sein Tisch voll Brots und Fleisches steht und der Schenk fleißig mit dem Kruge bei den Bechern kreist! Ihr aber wünschet meine Leiden von mir zu vernehmen, ihr lieben Gastfreunde; da werde ich noch tiefer in Kummer und Gram versinken. Denn wo soll ich anfangen und womit enden? – Doch höret vor allen Dingen mein Geschlecht und mein Vaterland!«

Memnon



Memnon

Die aufsteigende Sonne leuchtete in Troja über lauter Kümmernis. Auf den Mauern umher saßen spähend die Trojaner, denn sie fürchteten jeden Augenblick, der gewaltige Sieger möchte nun auf Leitern über die Stadtmauer setzen und ihren alten Wohnsitz einäschern. Da erhub sich im Rate der Bangenden ein Greis mit Namen Thymötes, der sprach: »Freunde! Vergebens sinnt mein Geist auf ein Mittel, das drohende Verderben von uns abzuwenden. Seit Hektor unter den Händen des unbezwinglichen Achill erlegen ist, müßte, glaube ich, selbst ein Gott, wenn er sich unser annehmen wollte, im Kampfe erliegen. Hat er doch auch die Amazone, vor der alle andern Danaer bebten, bezwungen! Und doch war sie so furchtbar, daß wir alle in ihr eine Göttin zu sehen glaubten und Freude unser Herz bei ihrem Anblick durchströmte. Aber ach, leider war sie nicht unsterblich! So fragt es sich denn nun, ob es nicht besser für uns wäre, wenn wir diese unglückselige Stadt, die doch zum Untergange bestimmt ist, verließen und anderswo sichere Wohnungen aufsuchten, zu welchen die verderblichen Griechen nicht dringen könnten!« So redete Thymötes. Da stand Priamos in der Versammlung auf, ihm zu entgegnen: »Lieber Freund«, sprach er, »und ihr alle, Trojaner und gute Bundsgenossen! Laßt uns doch die geliebte Heimat nicht feige aufgeben und uns größerer Gefahr preisgeben, wenn wir uns in offener Feldschlacht durch die umringenden Feinde durchschlagen sollten. Vielmehr wollen wir warten, bis Memnon da ist, der Äthiopier, aus dem Lande der schwarzen Männer, der wohl mit seinem unzähligen Volke schon unterwegs ist, uns Hilfe zu bringen. Es ist schon viel Zeit verflossen, seit meine Boten zu ihm gegangen sind. Deswegen haltet nur noch ein kleines aus; und müßtet ihr selbst im Kampfe alle umkommen, so ist es doch besser, als bei Fremdlingen, von Schande gebeugt, sein Leben fristen zu müssen!«

Zwischen diese entgegengesetzten Meinungen trat ein bedächtiger Mann unter den Trojanern, der Held Polydamas, und gab seinen Rat mit folgenden Worten: »Wenn Memnon wirklich kommt, so habe ich nichts dagegen, König und Herr! Aber ich befürchte, der Mann wird mitsamt seinen Gefährten den Tod bei uns finden und den Unsrigen nur noch mehr Unheil bereiten. Doch bin ich auch keineswegs der Meinung, daß wir das Land unsrer Väter verlassen sollten. Vielmehr wäre, wenn es auch jetzt spät ist, doch immer noch das beste, wenn wir die Ursache dieses ganzen Krieges, die Fürstin Helena mit allem dem, was sie uns aus Sparta zugebracht hat, den Griechen wieder auslieferten, ehe sich die Feinde in unsre Habe geteilt und die Stadt mit Feuer verzehrt haben.«

Dieser Rede gaben die Trojaner zwar im Herzen stillen Beifall, doch wagten sie nicht, ihrem Könige laut zu widersprechen. Auf der andern Seite erhub sich Paris, Helenas Gemahl, und beschuldigte den Schutzredner der Griechen, wie er Polydamas nannte, der äußersten Feigheit. »Ein Mann, der dazu raten kann, würde im Felde der erste sein, der die Flucht ergriffe«, sprach er. »Besinnet euch wohl, Trojaner, ob es klug gehandelt ist«, sprach er, »dem Rate eines solchen zu folgen!«

Polydamas wußte wohl, daß Paris von Helena nicht lassen würde und eher einen Aufruhr im Heere erregen, ja selber sterben, ehe er auf sie verzichtete; darum schwieg er, und die ganze Versammlung mit ihm. Als sie noch sinnend im Rate saßen, kam die frohe Botschaft, daß Memnon im Anzuge sei. Den Trojanern ward zumute wie Schiffern, die, dem Tode schon im Rachen, nach dem furchtbarsten Sturme die Sterne wieder am Himmel schimmern sehen; vor allen aber freute sich der König Priamos, denn er zweifelte nicht, daß es der Überzahl der Äthiopier gelingen müßte, die feindlichen Schiffe zu verbrennen.

Als daher Memnon, der hohe Sohn der Eos, angekommen war, ehrte der König ihn und die Seinen durch die herrlichsten Gaben und Festmahle. Das Gespräch wurde wieder heiter, und sie gedachten in Ehren der gefallenen Trojanerhelden. Memnon aber erzählte von seinem unsterblichen Elternpaare, Thitonos und Eos; ein andermal vom endlosen Weltmeere und wiederum von den Grenzen der Erde, vom Aufgang der Sonne und von dem ganzen weiten Wege, den er von den Ufern des Ozeans bis zu den Höhen des Berges Ida und der Stadt des Königes Priamos zurückgelegt, und was für Heldentaten er unterwegs verrichtet habe. Ihm lauschte der Trojanerkönig mit Wohlgefallen; voll Wärme ergriff er seine Hand und sprach: »Memnon, wie danke ich den Göttern, daß sie mir, dem Greise, gegönnet haben, dich und dein Heer noch zu erblicken und dich selbst in meinem Palaste zu bewirten! Fürwahr, du gleichest mehr als irgendein Sterblicher den Göttern, und deswegen hege ich die Zuversicht zu dir, daß du unter unsern Feinden mit furchtbarem Gemetzel wüten werdest!« Mit diesen Worten hob der König einen Pokal aus gediegenem Golde und trank ihn dem neuen Bundesgenossen zu. Memnon betrachtete staunend ringsum den herrlichen Becher, der ein Werk Hephaistos‘ und ein Erbstück der trojanischen Königsfamilie war; dann erwiderte er: »Nicht beim Schmause ziemt es sich zu prahlen und zuversichtliche Verheißungen zu tun; ich antworte dir daher nicht, o König, sondern freue mich jetzt in Ruhe des Mahles und will im Geiste das Nötige vorbereiten. In der Schlacht muß es sich zeigen, ob ein Mann ein Held sei. Nun aber laß uns bald zur Ruhe gehen; denn dem, der die Entscheidung des Kampfes erwartet, schadet ein übermäßiger Genuß des Weines und eine durchschwärmte Nacht.«

Damit erhob sich der besonnene Memnon vom Mahle, und Priamos hütete sich, seinen Gast zu längerem Bleiben zu nötigen. Auch die übrigen Gästen gingen zur Ruhe, und alles überließ sich dem wohltuenden Schlafe.

Während nun die Sterblichen auf der Erde schlummerten, saßen die Götter im olympischen Palaste des Zeus noch beim Schmause und besprachen sich über den Kampf um Troja. Zeus, der Sohn des Kronos, dem die Zukunft deutlich war wie die Gegenwart, nahm zuletzt das Wort und sprach: »Es ist vergebens, daß ihr sorget, der eine für die Griechen, der andre für die Troer. Noch unzählige Rosse und Männer werdet ihr auf beiden Seiten im Kampfe dahinsinken sehen. Sosehr euch nun mancher, der des einen oder des andern Freund ist, am Herzen liegen mag, so lasse sich doch keiner von euch einfallen, sich mir deshalb mit Bitten zu nahen und für einen Sohn oder einen Freund zu flehen: denn die Schicksalsgöttinnen sind unerbittlich für mich wie für euch!« Keiner der Unsterblichen wagte es, dem Göttervater zu widersprechen; schweigend verließen sie das Mahl, und jeder in seinem Hause warf sich traurig auf das Lager, bis auch der Götter sich der Schlaf erbarmte.

Am anderen Morgen stieg Eos nur widerstrebend am Himmel auf, denn auch sie hatte das Wort des Zeus vernommen, und ihr Herz sagte ihr voraus, welch ein Schicksal ihrem geliebten Sohne Memnon bevorstand. Dieser aber war schon in aller Frühe erwacht, als kaum die Gestirne bleichten; er schüttelte sich den Schlaf, den letzten auf Erden, von den Wimpern, und sprang vom Lager voll Sehnen, den entscheidenden Kampf für seine Freunde mit den Griechen zu beginnen. Auch die Trojaner warfen sich in ihre Rüstungen, und mit ihnen die zahllosen Gäste aus Äthiopien. Ohne sich lange zu verweilen, strömten die Scharen, Sturmgewölke gleich, das vom Winde getrieben wird, zu den Toren hinaus aufs Blachfeld; die ganze Straße wogte von dichtem Gedränge, und der Staub erhob sich unter ihren Füßen.

Als die Griechen sie aus der Ferne heranziehen sahen, staunten sie, waffneten sich in Eile und zogen aus: Achill, auf welchen sie vertrauten, in ihrer Mitte, stolz auf seinem Wagen stehend, wie ein Titane und gleich einem Donnergeschoß in Zeus‘ Hand. Aber in der Mitte des trojanischen Heeres zog nicht minder herrlich Memnon einher, dem Kriegsgotte selber zu vergleichen; und sein unendliches Volk, gehorsam und kampflustig, hatte sich rings um ihn her geschart. Nun begann der Kampf: wie zwei Meere wogten die Heere sich entgegen und schlugen aneinander Well an Welle. Schwerter zischten und Speere sausten, lautes Getöse hallte durch die Schlachtreihen, und bald erhob sich in beiden Heeren Klagelaut um die Fallenden. Bald stürzte ein Troer um den andern vor den Stößen des Achill nieder wie vor einem Sturm, der Bäume aus den Wurzeln reißt und Häuser umwirft. Anderseits warf auch Memnon die griechischen Scharen darnieder wie ein böses Verhängnis, das den Sterblichen viel Jammer und Unheil bringt. Zwei edle Genossen Nestors fielen von seiner Hand, und jetzt nahte er dem Greise von Pylos selber, und es fehlte wenig, daß Nestor von der Lanze des Äthiopiers gefallen wäre. Denn eines seiner Wagenpferde war eben von einem Pfeile des Paris verwundet worden und hemmte den Wagen seines Herrn, als Memnon mit seinem Speere auf den Greis herzugerannt kam. Erschrocken rief dieser seinen Sohn Antilochos zu Hilfe, und sein Wort verhallte nicht in den Lüften. Der fromme Jüngling eilte heran, stellte sich vor die Brust des Vaters und warf seinen Speer nach dem Äthiopier. Dieser wich dem Geschosse aus, aber es traf seinen Freund Äthops, den Sohn des Pyrrhasos. Darüber ergrimmte Memnon, und wie der Löwe auf den Eber losstürzt, warf er sich nun auf Antilochos. Dieser schleuderte einen Stein gegen den Tobenden, der jedoch an seinem dichten Helme abprallte. Nun stieß ihm Memnon die Lanze durchs Herz, und Antilochos erkaufte so die Rettung seines Vaters mit dem Tode. Als die Achajer ihn sinken sahen, bemächtigte sich ihrer aller der Schmerz; den bittersten aber empfand der Vater, weil um seinetwillen und ihm vor den Augen der Sohn erschlagen wurde. Doch behielt er Besinnung genug, einen andern seiner Söhne, Thrasymedes, herbeizurufen, damit er den Mörder von dem Leichname seines Bruders hinwegscheuche. Dieser vernahm den Ruf im Getümmel der Schlacht, und zugleich mit ihm machte sich Phereus auf, den tobenden Sohn der Eos zu bekämpfen. Memnon ließ sie voll Zuversicht nahen, und alle ihre Speere flogen an seiner Rüstung vorüber, die ihm die göttliche Mutter gefeiet hatte. Doch erreichten sie immer ein Ziel, nur ein anderes, als wofür sie bestimmt waren, und beide trafen mit ihren Geschossen feindliche Helden. Währenddessen fing Memnon an, den getöteten Antilochos seiner Rüstung zu berauben, und die griechischen Streiter umkreisten den Gefallenen vergebens, wie heulende Schakale einen Hirsch, den der Löwe zerreißt. Nestor, als er dies erblickte, jammerte laut auf, rief seinen übrigen Freunden, ja sprang selbst vom Wagen herab und wollte mit schwindenden Geisteskräften für den Leichnam des Sohnes kämpfen. Doch Memnon, als er ihn kommen sah, wandte sich freiwillig von ihm ab, ehrfurchtsvoll, als sähe er einen Vater nahen. »Greis«, sprach er, »mir ziemt nicht, den Kampf mit dir zu versuchen! Von ferne hielt ich dich für einen jungen kriegerischen Mann, darum zielte meine Lanze nach dir; nun aber sehe ich, daß du weit älter bist. Meide den Kampf, weiche, daß ich dich nicht mit widerstrebendem Herzen fälle und du zu deinem Sohne in den Staub sinkest! Würde man dich doch einen Toren schelten, wenn du in so ungleichen Kampf dich gewagt hättest!« Nestor aber antwortete: »Das sind nichtige Worte, die du da geredet, Memnon! Kein Mensch heißt den Mann töricht, der, über den Tod seines Sohnes ergrimmt, zu kämpfen kommt und den grausamen Mörder von seinem Leichnam vertreiben will! O hättest du mich als jung gekannt! Jetzt gleiche ich freilich nur einem alten Löwen, den jeder Hund von der Schafhürde abhalten kann! Doch nein, noch besiege ich viele Streiter, und nur wenigen weicht mein Alter!« So sprach Nestor und wich ein wenig rückwärts, indem er den Sohn im Staube liegen ließ. Zugleich zogen sich auch Thrasymedes und Phereus zurück; und nun wütete Memnon mit seinen Äthiopiern ungehindert in der Schlacht fort, und die Argiver vermieden seinen Speer mit Schrecken.

Nun wandte sich Nestor an Achill. »Du Beschirmer der Griechen«, sprach er, »siehe, dort liegt mein Sohn tot; Memnon hat ihm die Waffen geraubt; bald wird er eine Speise der Hunde sein! Eile zu Hilfe; denn nur der ist ein wahrer Freund, der des erschlagenen Freundes sich annimmt!« Achill horchte auf, und tiefer Kummer bemächtigte sich seiner, als er sah, wie der Äthiopier die Danaer scharenweise in den Staub streckte. Bisher hatte sich nämlich der Pelide unter den Trojanern herumgetummelt und hier viele getötet. Jetzt aber ließ er von ihnen ab und wandte sich plötzlich Memnon entgegen. Als dieser ihn kommen sah, raffte er einen Markstein vom Boden auf und schleuderte ihn nach dem Schilde des Feindes. Aber der Stein prallte ab, und Achill, der seinen Streitwagen hinter der Schlachtreihe gelassen hatte, drang zu Fuße auf Memnon ein und traf ihn mit dem Speere rechts an der Schulter. Der Äthiopier achtete auf diesen Stoß nicht, eilte vorwärts und stieß dem Achill seine mächtige Lanze in den Arm, daß das Blut des Helden zur Erde floß. Nun brüstete sich Memnon in eitler Freude und rief. »Elender, der du so mitleidlos die Trojaner erschlugest, jetzt steht dir ein Göttersohn entgegen, dem du nicht gewachsen bist, denn Eos, meine Mutter, die Olympierin, ist mehr denn deine Mutter Thetis, die sich allein unter den Scheusalen des Meeres gefällt!« Aber Achill lächelte nur und sprach: »Der Erfolg wird lehren, welcher von uns von edleren Eltern abstammt! Ich fordere von dir jetzt Rache für den jungen Helden Antilochos, wie ich einst an Hektor Rache genommen für meinen Freund Patroklos!«

Damit faßte er seinen riesigen Speer mit beiden Händen, und dasselbe tat Memnon. So stürzten sie aufeinander los. Zeus selbst machte sie in diesem Augenblicke größer, stärker und unermüdlicher, als Menschen sind, so daß kein Stoß des einen den andern fällte und sie so nah aneinanderkamen, daß Helmbusch an Helmbusch streifte. Vergebens suchten sie einander bald über dem Schienbein, bald unter dem Panzer zu verwunden; ihre Rüstungen klirrten; das Kampfgeschrei der Äthiopier, Trojaner und Argiver stieg empor zum Himmel, der Staub wirbelte unter ihren Füßen auf, und während die Führer kämpften, feierte unter ihren Kriegern das Gemetzel nicht. Die Olympier, die von der Höhe herab zuschauten, hatten ihre Freude an dem unentschiedenen Kampfe, die einen an der Kraft des Peliden, die andern an Memnons unbesiegtem Widerstande, je nachdem sie dem einen oder dem andern verwandt oder befreundet waren. Und bald wären die Götter untereinander darüber in Zwietracht geraten, wenn nicht Zeus zwei der Parzen aufgerufen und befohlen, daß die finstre sich zu Memnon, die lichte zu Achill gesellen sollte. Laut schrien die Bewohner des Olymps auf bei diesem Befehle, die einen vor Freude, die andern vor Leid.

Die beiden Helden aber stritten fort, ohne die Schicksalsgöttinnen zu erblicken. Sie kämpften gegeneinander bald mit der Lanze, bald mit Schwertern, bald mit Steinen; keiner erzitterte; fest standen sie wie die Felsen. Und ebenso unentschieden zog sich rechts und links von ihnen der Kampf ihrer Genossen hin, Blut und Schweiß floß auf den Boden, und die Erde deckte sich mit Leichen. Endlich aber siegte das Geschick. Achill stieß seinem Gegner die Lanze so tief in die Brust, daß sie zum Rücken herausfuhr und er mit dumpfem Dröhnen in sein Blut auf dem Kampfplatz niedersank.

Jetzt flohen die Trojaner, von dem verfolgenden Achill wie von einem Orkane gejagt, während er Memnons Leichnam seinen Freunden zum Berauben überließ. Eos stieß am Himmel einen Seufzer aus und hüllte sich in Gewölk ein, daß die Erde Finsternis bedeckte; ihre Kinder, die Winde, flogen auf ihr Geheiß herunter auf die Ebene, ergriffen den Leib des Erschlagenen und entführten ihn durch die Lüfte aus den Händen seiner Feinde. Nichts blieb von ihm auf der Erde übrig als die Blutstropfen, die herabträufelten, während er von den Winden emporgetragen ward. Daraus wurde ein blutiger, unversieglicher Strom, der in späten Tagen noch am Fuße des Ida jedesmal am Todestage des Memnon flüssig wurde und mit Modergeruch dahinfloß. Die Winde hielten sich mit dem Leichnam nicht allzuhoch über der Erde und flogen mit ihm in der Quere dahin; die Äthiopier aber, die sich von dem erschlagenen Beherrscher nicht trennen wollten, folgten unten mit einem tiefen Stöhnen, bis jene den staunenden Troern und Argivern mit der Leiche aus den Augen schwanden. Die Winde setzten den Leichnam am Ufer des Flusses Aisepos nieder, dessen Töchter, anmutige Jungfrauen, ihm in einem lieblichen Haine ein Grabmal errichteten, wo ihn seine vom Himmel herabgestiegene Mutter Eos mit vielen andern Nymphen unter heißen Tränen bestatten half. Auch die Troer, in ihre Stadt zurückgekehrt, beklagten den hohen Memnon herzlich. Die Argiver selbst empfanden keine ungetrübte Freude: sie priesen zwar den Sieger Achill, den Stolz des Heeres, aber sie weinten auch mit Nestor um seinen lieben Sohn Antilochos; und so durchwachsen sie unter Schmerz und Lust die Nacht auf dem Schlachtfelde.

Menelaos und Helena. Polyxena



Menelaos und Helena. Polyxena

Bis zum Morgen waren sämtliche Bewohner der Stadt niedergemacht oder gefangen. Die Danaer fanden nirgends mehr Widerstand, konnten sich der unermeßlichen Schätze der Stadt nach Behagen bemächtigen und brachten ihre Beute, aus Gold, Silber, Edelsteinen, mannigfaltigem Hausrat, gefangenen Weibern, Mädchen und Kindern bestehend, an den Strand zu den Schiffen. Mitten unter dieser Schar führte Menelaos seine Gemahlin Helena, nicht ohne Scham, und doch im Herzen zufrieden über ihren wiedererlangten Besitz, aus dem brennenden Troja hinweg. Ihm zur Seite ging Agamemnon, sein Bruder, mit der hohen Kassandra, die er den wilden Armen des Ajax entrissen hatte; Hektors Gattin, Andromache, wurde vom Sohne des Achill, Neoptolemos, fortgeführt; Hekabe, die Königin, die mühsam wandelte und unter lautem Jammer ihr graues, mit Asche bestreutes Haar ausraufte, schleppte Odysseus in die Gefangenschaft. Unzählige Frauen der Trojaner folgten, junge und alte, hinter ihnen Mädchen und Kinder, und vermischt gingen die Mägde mit den Fürstentöchtern: den ganzen Weg entlang hallte Jammer und Schluchzen. Nur Helena stimmte nicht mit ein in die Klage, denn tiefes Schamgefühl hielt sie ab; sie heftete die dunkeln Augen auf den Boden, und ihre Wangen färbte ein fliegendes Rot. Im Innersten ihres Busens aber bebte ihr das Herz, und eine entsetzliche Furcht ergriff sie, wenn sie an das Schicksal dachte, das ihrer bei den Schiffen wartete; Todesblässe überzog ihre eben noch purpurroten Wangen, schnell zog sie den dichten Schleier über das Haupt und wandelte zitternd an der Hand des Gatten.

Aber als sie bei den Schiffen angelangt waren, staunten alle Danaer über die liebliche Schönheit der untadelhaften Gestalt und sagten bei sich selbst, daß es wohl der Mühe wert gewesen sei, dem Völkerhirten Menelaos um eines solchen Kampfpreises willen vor Troja zu folgen und dort zehnjährige Mühseligkeiten und Gefahren auszuhalten. Und keinem kam in den Sinn, Hand an das schöne Weib zu legen: sie ließen ihrem Führer den friedlichen Besitz der Gattin, und das Herz des Fürsten Menelaos selbst hatte Aphrodite längst zur Verzeihung gestimmt.

Bei den Schiffen herrschte jauchzende Lust: alle Helden lagerten beim fröhlichen Mahle umher, in der Mitte saß ein des Zitherspiels kundiger Sänger und rief dem Heere die Taten seines größten Helden, des Achill, in das Gedächtnis zurück. So dauerte die Fröhlichkeit bis in die Nacht; dann brachen sie auf, ein jeglicher in sein Zelt.

Als nun Helena mit ihrem Gemahl Menelaos allein in seinem Feldherrnzelte war, warf sie sich ihm zu Füßen, umfaßte seine Knie und sprach: »Ich weiß wohl, daß du ein Recht hättest, deine treulose Gattin mit dem Tode zu bestrafen! Aber bedenke, edler Gemahl, daß ich deinen Palast zu Sparta nicht freiwillig verlassen habe; gewaltsam entführte mich der trügerische Paris, als du eben abwesend vom Hause warest und mir deinen männlichen Schutz nicht angedeihen lassen konntest. Und als ich selbst Hand an mich zu legen gedachte und den Strick um meinen Hals zu winden oder mir das Schwert in den Busen zu stoßen, da hielten mich die Dienerinnen des Hauses zurück und beschworen mich, deiner selbst und unseres blühenden kleinen Töchterleins eingedenk zu sein! Tue nun nach deinem Willen mit mir; ich liege als Reumütige und Schutzflehende zugleich zu deinen Füßen!«

Menelaos hob sie liebreich vom Boden auf und antwortete mit verständiger Mäßigung: »Denke nicht länger an das Vergangene, Helena, und ängstige dich nicht mit überflüssiger Furcht: was geschehen ist, sei in die Nacht der Vergangenheit versenkt und keines früheren Fehlers hinfort von mir gedacht.« Damit schloß er sie in seine Arme und drückte ihren Lippen den Kuß der Versöhnung auf. Aus beider Wimpern rollte die Träne süßer und wehmütiger Rührung.

Neoptolemos, der Sohn des Achill, lag um diese Stunde schon in tiefem Schlafe. Da trat zu ihm im Traume an sein Zeltlager der Geist seines hohen Vaters, ganz wie er einst im Leben war, der Schrecken der Trojaner und die Freude der Griechen, küßte dem Sohne Brust, Mund und Augen und sprach: »Gräme dich nicht im Gemüte, lieber Sohn, daß ich gestorben bin, denn ich lebe jetzt in der Gemeinschaft mit den seligen Göttern; sondern nimm dir fröhlich deinen Vater zum Beispiel im Kampfe wie im Rat: im Kampf sei immer der erste; in der Ratsversammlung aber schäme dich nicht, den weisen Worten älterer Männer dich nachgiebig zu zeigen. Im übrigen strebe dem Ruhme nach, wie dein Vater getan, freue dich des Glückes und betrübe dich nicht zu sehr im Unglück; an meinem frühen Fall aber erkenne, wie nahe die Pforten des Todes dem Sterblichen sind; denn das ganze Menschengeschlecht gleicht den Frühlingsblumen: die einen wachsen, die andern vergehen. Nun aber sage dem Völkerfürsten Agamemnon, sie sollen das Beste und Edelste von der ganzen Beute mir opfern, damit mein Herz sich auch am Untergange Trojas laben könne und zu meiner Zufriedenheit im Olymp nichts fehle.«

Nachdem er seinem Sohne diesen Befehl erteilt hatte, verschwand der selige Geist aus dem Traume des Neoptolemos wie ein flüchtiger Hauch des Windes. Dieser erwachte, und seinem freudig bewegten Gemüte war, als hätte er mit dem lebendigen Vater fröhlichen Umgang gepflogen. Am andern Morgen sprangen die Danaer ungeduldig von ihrem Lager auf, denn die Sehnsucht nach der Heimkehr bemächtigte sich ihres Sinnes, und gerne hätten sie Augenblicks die Schiffe ins Meer gezogen, wenn der Sohn des Peliden nicht unter das versammelte Volk getreten wäre und ihren Eifer durch seine Anrede gehemmt hätte.

»Höre, Volk der Danaer«, rief er mit seiner jugendlichen Kraftstimme, »was in dieser Nacht der Geist meines unsterblichen Vaters, der mich im Traume besucht hat, mir aufgetragen, euch zu verkündigen: Ihr sollt das Edelste und Beste der trojanischen Beute ihm opfern, damit sich sein Herz am Untergange der verhaßten Stadt auch sättigen könne und er des Siegerpreises nicht verlustig gehe. Eher sollt ihr diesen Strand nicht verlassen, bis ihr die heilige Pflicht gegen den Toten erfüllt habt, dem ihr doch eigentlich die Eroberung Trojas verdanket. Denn ohne daß Hektor besiegt worden, wäret ihr nimmermehr so weit gekommen.«

Ehrerbietig beschlossen die Danaer, den Willen ihres verstorbenen Helden zu befolgen, und Poseidon, aus Liebe zu dem Peliden, regte die Flut zu mächtigem Sturme auf, so daß das Meer in turmhohen Wellen aufbrauste und die Griechen, wenn sie auch gewollt hätten, nicht imstande gewesen wären, den Strand zu verlassen. Als die Völker aber die empörte See erblickten und stürmen hörten, da flüsterten sie sich gegenseitig zu: »Ja, wahrhaftig stammte Achill vom höchsten Zeus ab: denn sehet ihr, wie sich die Elemente mit seinen Befehlen verbünden!« Und so zeigten sie sich nur noch williger, dem Gebote des Hingeschiedenen zu gehorchen, und strömten zu Haufen dem Grabmale des Helden, das den Meeresstrand hoch überragte, zu.

Nun entstand aber die Frage: was soll geopfert werden, und was ist das Beste und Edelste der ganzen Beute Trojas? Jeder Grieche brachte unweigerlich seine Beute an Schätzen und Gefangenen herbei. Als man aber alles musterte, da erbleichte Gold, Silber, Edelstein samt allen Schätzen vor der himmlischen Schönheit des Jungfrau Polyxena, der gefangenen Tochter des Königes Priamos, und nur ein Ruf ging durch das ganze Heer der Griechen, daß sie das Beste und Edelste von der ganzen trojanischen Beute sei. Die Jungfrau, als aller Blicke sich auf sie richteten, erbleichte nicht, obgleich ihr der laute Jammerschrei ihrer Mutter Hekabe, der sich jetzt aus dem Haufen der Gefangenen erhob, durch das Tochterherz schnitt. Polyxena hatte den herrlichen Helden Achill manchesmal von den Mauern herab im Kampfe erblickt, und obgleich er ein Feind ihres Volkes war, so hatte seine göttliche Gestalt und seine herrliche Heldenkraft ihr doch das Innerste bewegt. Ja, auch Achill, so ging die Sage, habe, als er einst im Kampfe bis dicht vor die Tore der belagerten Stadt gedrungen, die holdselige Jungfrau auf den Zinnen der Mauer erblickt, und ihm sei das Herz in Neigung zu ihr entbrannt, daß er ausrief. »Priamos‘ Tochter, würdest du mir zuteil, wer weiß, ob ich deinem Vater nicht den Frieden mit den Danaern zuwege zu bringen mich anheischig machen wollte!« Zwar reute den Helden das Wort, sowie es der Zunge entflohen war; denn ihm fiel ein, was er Griechenland schuldig sei. Aber Polyxena, so erzählte das Gerücht, habe die Worte sich tief ins Herz gefaßt und seitdem in geheimer Liebe für den Feind ihres Volkes gebrannt.

Sei dem, wie ihm sei: die Jungfrau erblaßte nicht, als aller Blicke, auf sie gerichtet, nur sie als das Opfer bezeichneten, das als der edelste Teil der trojanischen Beute dem größten Helden dargebracht zu werden allein würdig wäre. Der Altar vor dem Denkmale des Peliden stand aufgerichtet, und es fehlte nicht an Opfergeräten aller Art. Da sprang die Königstochter aus der Schar der gefangenen Frauen hervor, ergriff einen scharfgeschliffenen Stahl, der unter den andern Gerätschaften bereitlag, und wie ein Opfer vor dem Altare stehend, stieß sie sich den Dolch, ohne ein Wort zu sprechen, ins Herz und sank ohne einen Seufzer aus der Brust zu Boden.

Ein Schrei der Wehklage ließ sich aus dem ganzen Argiverheere vernehmen. Hekabe, die greise Königin, warf sich laut weinend auf die Leiche der Tochter, und von neuem hallte das laute Schluchzen unter der Schar der gefangenen Trojanerinnen.

In dem Augenblicke, wo Polyxena zusammensank und der purpurne Blutstrahl ihr aus der durchbohrten Brust drang, wurde das Meer ruhig, und seine Wellen ebneten sich in spiegelglatte Fläche. Neoptolemos eilte voll Mitleid herbei, half die geopferte Jungfrau vom Altare wegbringen und sorgte dafür, daß sie mit königlichen Ehren bestattet wurde. In der Versammlung der Argiver aber erhub sich Nestor und sprach herzerfreuende Worte. »Endlich«, rief der Greis, »ihr lieben Landsleute, ist die erlaubte Stunde der Heimkehr genaht; der Beherrscher des Meeres hat die Wogen gebändigt, nirgendsher erhebt sich die Flut; Achill ist zufriedengestellt; er nimmt das Opfer Polyxenas an. Auf denn, lasset uns ernstlich an den Aufbruch denken und ziehet die Schiffe ins Meer!«

Menökeus



Menökeus

Inzwischen hielten Kreon und Eteokles Kriegsrat und besetzten infolge der gefaßten Beschlüsse jedes der sieben Tore Thebens mit einem Führer, indem sie der Feinde Zahl die gleiche Zahl gegenüberstellten. Doch wollten sie, bevor der Kampf um die Stadt ausbrach, auch vorher die Zeichen erforschen, welche die Vogelschau ihnen über den Ausgang des Kampfes gewähren könnte. Nun lebte unter den Thebanern, wie die Sage von Ödipus schon erzählt hat, der Seher Tiresias, der Sohn des Eueres und der Nymphe Chariklo; dieser hatte als Jüngling die Göttin Athene bei seiner Mutter überrascht und geschaut, was er nicht schauen sollte. Dafür war er von der Göttin mit Blindheit geschlagen worden. Seine Mutter Chariklo hatte ihre Freundin zwar flehentlich gebeten, ihm das Gesicht wiederzugeben, aber Athene vermochte dieses nicht mehr; doch erbarmte sie sich seiner und weihte ihm dafür sein Gehör, daß er alle Stimmen der Vögel verstand. Und so war er von Stund an der Vogelschauer der Stadt.

Zu diesem jetzt greisen Seher schickte Kreon seinen jungen Sohn Menökeus, daß er ihn in den Königspalast geleite. Mit wankendem Knie, von seiner Tochter Manto und dem Knaben geführt, erschien auch bald darauf der Alte vor Kreon. Dieser drang in ihn, zu melden, was der Vögel Flug ihm vom Schicksale der Stadt verkündige. Tiresias schwieg lange; endlich sprach er die traurigen Worte: »Die Söhne des Ödipus haben sich an ihrem Vater schwer versündigt; sie bringen ins Thebanerland bittere Trübsal. Argiver und Kadmeer werden sich morden, die Söhne einer von des andern Hand fallen. Nur eine Rettung weiß ich für die Stadt; aber sie ist für die Geretteten selbst zu bitter, als daß mein Mund sie offenbaren sollte. Lebet wohl!« Er wandte sich und wollte gehen, aber Kreon flehte so lange, bis er blieb. »Du willst es dennoch hören?« sprach der Seher in strengem Tone; »so vernimm es! Aber sage mir zuvor, wo weilt dein Sohn Menökeus, der mich hergeleitete?« »Er steht neben dir!« erwiderte Kreon. »Nun, so fliehe er, so weit er kann, hinweg von meinem Götterspruch!« sagte der Greis. »Warum das?« fragte Kreon; »Menökeus ist seines Vaters Kind; er kann schweigen, wenn er soll, und wird sich freuen, wenn er das Mittel erfährt, das uns retten soll!« »So vernehmet denn, was ich aus dem Fluge der Vögel gelesen habe«, sprach Tiresias. »Es kommt das Heil, aber über harte Schwelle. Der jüngste von der Drachenzähnesaat muß fallen; nur unter dieser Bedingung wird euch der Sieg!« »Weh mir!« rief Kreon; »was bedeutet dieses Wort, o Greis?« »Daß der jüngste Enkel des Kadmos sterben soll, wenn die Stadt gerettet sein will!« »Du verlangst den Tod meines geliebten Kindes, meines Sohnes Menökeus?« fuhr der Fürst entrüstet auf. »Packe dich fort in die Stadt! Ich bedarf deines Seherspruches nicht!« »Ist die Wahrheit ungültig, weil sie dir Leid bringt?« fragte Tiresias ernst. Jetzt warf sich Kreon ihm zu Füßen, umfaßte seine Knie, flehte den blinden Propheten bei seinem grauen Haare an, den Spruch zurückzunehmen. Aber der Seher blieb unerbittlich: »Die Forderung ist unabwendbar«, sprach er. »Am Dirkequell, wo einst der Lindwurm gelagert war, muß er sein Blut im Opfertode vergießen; dann werdet ihr die Erde zur Freundin haben, wenn sie für das Menschenblut, das sie einst dem Kadmos aus den Drachenzähnen emporsandte, wieder Menschenblut, und zwar verwandtes, empfangen hat. Wenn dieser Jüngling hier sich für seine Stadt aufopfert, so wird er im Tode ihr Erretter sein, und für Adrastos und sein Heer wird die Heimkehr grauenvoll werden! Wähle dir nun, Kreon, welches Los von zweien du willst.«

Also sprach der Wahrsager und entfernte sich an der Hand seiner Tochter. Kreon stand in Schweigen versunken. Endlich rief er angstvoll: »Wie gern wollte ich selbst für mein Vaterland sterben! Aber dich, Kind, soll ich opfern? Flieh, mein Sohn, fliehe, so weit dich deine Füße tragen, aus diesem verfluchten Lande, das zu schlimm ist für deine Unschuld. Geh über Delphi, Ätolien, Thesprotia zum Heiligtume Dodonas; dort birg dich in des Orakels Schutz!« »Gerne«, sprach Menökeus mit leuchtendem Blicke; »versieh mich mit den nötigen Reisebedürfnissen, Vater, und glaube mir, ich werde den rechten Weg gewiß nicht verfehlen.« Als sich Kreon bei der Willigkeit des Knaben beruhigte und auf seinen Posten geeilt war, warf sich dieser, sobald er allein war, auf die Erde nieder und betete mit Inbrunst zu den Göttern: »Verzeihet mir, ihr himmlisch Reinen, wenn ich gelogen habe, wenn ich meinem alten Vater durch falsche Worte die unwürdige Furcht benommen! Zwar daß er, der Greis, sich fürchtet, ist verzeihlich: aber welch ein Feiger wäre ich, wenn ich das Vaterland verriete, dem ich das Leben verdanke! Höret darum meinen Schwur, ihr Götter, und nehmt ihn gnädig auf! Ich gehe, mein Vaterland durch meinen Tod zu erretten. Flucht würde mich schänden. Auf den Mauerkranz will ich treten, mich selbst in die tiefe, dunkle Kluft des Drachen stürzen und so, wie der Seher angezeigt hat, das Land erlösen.«

Freudig sprang der Knabe auf, eilte nach der Zinne und tat, wie er gesagt hatte. Er stellte sich auf die höchste Höhe der Burgmauer, überschaute mit einem Blicke die Schlachtordnung der Feinde und verwünschte sie in kurzem, feierlichem Fluche; dann zog er einen Dolch hervor, den er unter dem Gewande verborgen gehalten, durchbohrte sich den Hals auf einen einzigen Stoß und stürzte von der Höhe herab zerschmettert am Ufer des Dirkequells zusammen.