Neunter Gesang

Neunter Gesang

Agamemnon beruft die Fürsten, und rät zur Flucht. Diomedes und Nestor widerstehn. Wache am Graben. Die Fürsten von Agamemnon bewirtet ratschlagen. Auf Nestors Rat sendet Agamemnon, den Achilleus zu versöhnen, den Phönix, Ajas Telamons Sohn, und Odysseus, mit zween Herolden. Achilleus empfängt sie gastfrei, aber verwirft die Anträge, und behält den Phönix zurück. Die anderen bringen die Antwort in Agamemnons Zelt. Diomedes ermahnt zur Beharrlichkeit, und man geht zur Ruhe.

So dort wachten die Troer vor Ilios. Doch die Achaier
Ängstete greuliche Flucht, des starrenden Schreckens Genossin;
Und unduldsamer Schmerz durchdrang die Tapfersten alle.
Wie zween Winde des Meers fischwimmelnde Fluten erregen,
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Nord und sausender West, die beid‘ aus Thrakia herwehn,
Kommend in schleuniger Wut; und sogleich nun dunkles Gewoge
Hoch sich erhebt, und häufig ans Land sie schütten das Meergras:
Also zerriß Unruhe das Herz der edlen Achaier.
Atreus‘ Sohn, von unendlichem Gram in der Seele verwundet,
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Wandelt‘ umher, Herolden von tönender Stimme gebietend,
Jeglichen Mann mit Namen zur Ratsversammlung zu rufen,
Doch nicht laut; auch selbst arbeitet‘ er unter den ersten.
Jetzo saßen im Rat die Bekümmerten; und Agamemnon
Stand voll Tränen empor, der schwärzlichen Quelle vergleichbar,
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Die aus jähem Geklipp hergeußt ihr dunkles Gewässer.
Also schwer aufseufzend vor Argos‘ Söhnen begann er:
Freunde, des Volks von Argos erhabene Fürsten und Pfleger,
Hart hat Zeus der Kronid‘ in schwere Schuld mich verstricket!
Grausamer, welcher mir einst mit gnädigem Winke gelobet,
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Heimzugehn ein Vertilger der festummauerten Troja.
Doch nun sann er verderblichen Trug, und heißet mich ruhmlos
Wieder gen Argos kehren, nachdem viel Volks mir dahinstarb.
Also gefällt’s nun wohl dem hocherhabnen Kronion,
Der schon vielen Städten das Haupt zu Boden geschmettert,
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Und noch schmettern es wird; denn sein ist siegende Allmacht.
Aber wohlan, wie ich rede das Wort, so gehorchet mir alle:
Laßt uns fliehn in den Schiffen zum lieben Lande der Väter;
Nie erobern wir doch die weitdurchwanderte Troja!
Jener sprach’s; doch alle verstummten umher, und schwiegen.
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Lange saßen verstummt die bekümmerten Männer Achaias.
Endlich begann vor ihnen der Rufer im Streit Diomedes:
Atreus‘ Sohn, gleich muß ich dein törichtes Wort dir bestreiten,
Wie es gebührt, o König, im Rat; du zürne mir des nicht.
Zwar mir schmähtest du jüngst die Tapferkeit vor den Achaiern,
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Mutlos sei ich und ganz unkriegerisch; aber das alles
Wissen nun Argos‘ Söhne, die Jünglinge so wie die Greise.
Dir gab eins nur von beiden der Sohn des verborgenen Kronos:
Nur mit dem Scepter der Macht geehrt zu werden vor allen;
Doch nicht Tapferkeit gab er, die edelste Stärke der Menschen!
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Wunderbarer, du glaubtest im Ernst, die Männer Achaias
Wären so gar unkriegrisch und mutlos, wie du geredet?
Doch wenn dir selber das Herz so eifrig drängt nach der Heimkehr,
Wandere! Frei ist der Weg, und nahe die Schiff‘ an dem Meerstrand
Aufgestellt, die in Menge dir hergefolgt von Mykene.
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Aber die anderen bleiben, die hauptumlockten Achaier,
Bis wir zerstört die Feste des Priamos! Wollen auch jene,
Laß sie entfliehn in den Schiffen zum lieben Lande der Väter!
Ich dann und Sthenelos kämpfen, und ruhn nicht, bis wir das Schicksal
Ilios endlich erreicht; denn ein Gott geleitet‘ uns hieher!
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Jener sprach’s; da jauchzten ihm rings die Männer Achaias,
Hoch das Wort anstaunend von Tydeus‘ Sohn Diomedes.
Jetzo erstand vor ihnen und sprach der reisige Nestor:
Tydeus‘ Sohn, wohl bist du der tapferste Krieger im Schlachtfeld,
Auch im Rat erscheinst du von deinem Alter der beste.
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Keiner mag dir tadeln das Wort, von allen Achaiern,
Noch entgegen dir reden; nur ward nicht vollendet das Wort dir.
Zwar auch bist du ein Jüngling, und könntest sogar mein Sohn sein,
Selber der Jüngst‘ an Geburt! allein du sprichst mit Verstande
Unter den Fürsten des Heers, da der Sache gemäß du geredet.
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Aber wohlan, ich selber, der höherer Jahre sich rühmet,
Will ausreden das Wort und endigen; schwerlich auch wird mir
Einer die Rede verschmähn, auch nicht Agamemnon der Herrscher.
Ohne Geschlecht und Gesetz, ohn‘ eigenen Herd ist jener,
Wer des heimischen Kriegs sich erfreut, des entsetzlichen Scheusals!
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Aber wohlan, jetzt wollen der finsteren Nacht wir gehorchen,
Und das Mahl uns bereiten. Allein die Hüter der Scharen
Gehn hinaus, und lagern am Graben sich, außer der Mauer.
Solches nun befehl‘ ich den Jünglingen. Aber du führ‘ uns,
Atreus‘ Sohn, ins Gezelt; denn du bist Obergebieter.
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Gib den Geehrten ein Mahl; dir gleich ist solches, nicht ungleich.
Voll sind dir die Gezelte des Weins, den der Danaer Schiffe
Täglich aus Thrakia her auf weitem Meere dir bringen;
Dir ist aller Bewirtung genug, der du vieles beherrschest.
Sind dann viele gesellt, so gehorch‘ ihm, welcher den besten
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Rat zu raten vermag: denn Not ist allen Achaiern
Kluger und heilsamer Rat, da die Feind‘ uns nahe den Schiffen
Brennen der Feuer so viel! Wer mag wohl dessen erfreut sein?
Diese Nacht wird vertilgen das Kriegsheer, oder erretten!
Jener sprach’s; da hörten sie aufmerksam, und gehorchten.
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Schnell zur Hut enteilten gewappnete Männer dem Lager:
Dort um Nestors Sohn, den Hirten des Volks Thrasymedes;
Dort um Askalaphos her und Jalmenos, Söhne des Ares;
Auch um Meriones dort, um Deïpyros auch, und den edlen
Aphareus, auch um Kreions erhabenen Sohn Lykomedes.
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Sieben geboten der Hut; und hundert Jünglinge jedem
Folgten gereiht, in den Händen die ragenden Speere bewegend.
Zwischen dem Graben umher und der Mauer setzten sich jene;
Dort entflammten sie Feuer, und rüsteten jeder die Nachtkost.
Atreus‘ Sohn nun führte die edleren Fürsten Achaias
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All‘ ins Gezelt, und empfing sie mit herzerfreuendem Schmause.
Und sie erhoben die Hände zum leckerbereiteten Mahle.
Aber nachdem die Begierde des Tranks und der Speise gestillt war;
Jetzo begann der Greis den Entwurf zu ordnen in Weisheit,
Nestor, der schon eher mit trefflichem Rate genützet;
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Dieser begann wohlmeinend, und redete vor der Versammlung:
Atreus‘ Sohn, Ruhmvoller, du Völkerfürst Agamemnon,
Dir soll beginnen das Wort, dir endigen; weil du so vielen
Völkern mächtig gebeutst, und dir Zeus selber verliehn hat
Scepter zugleich und Gesetz, daß aller Wohl du beratest.
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Drum ziemt dir’s vor allen, zu reden ein Wort, und zu hören,
Auch zu vollziehn dem andern, wem sonst sein Herz es gebietet,
Daß er rede zum Heil; denn du entscheidest, was sein soll.
Aber ich selbst will sagen, wie mir’s am heilsamsten dünket.
Denn kein anderer mag wohl besseren Rat noch ersinnen,
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Als mein Herz ihn bewahrt, nicht vormals, oder anjetzt auch,
Seit dem Tag, da du, Liebling des Zeus, die schöne Briseïs
Aus dem Gezelt entführtest dem zürnenden Peleionen:
Nicht nach unserem Sinne fürwahr; denn ich habe mit großem
Ernste dich abgemahnt. Doch du, hochherziges Geistes,
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Hast den tapfersten Mann, den selbst die Unsterblichen ehrten,
Schmählich entehrt; denn du nahmst sein Geschenk ihm. Aber auch jetzo
Sinnt umher, wie wir etwa sein Herz versöhnend bewegen
Durch gefällige Gaben, und sanft einnehmende Worte.
Ihm antwortete drauf der Herrscher des Volks Agamemnon:
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Greis, nicht unwahr hast du mir meine Fehle gerüget.
Ja ich fehlt‘, und leug’n es auch nicht! Traun, vielen der Völker
Gleicht an Stärke der Mann, den Zeus im Herzen sich auskor:
Wie nun jenen er ehrt‘, und niederschlag die Achaier.
Aber nachdem ich gefehlt, dem schädlichen Sinne gehorchend;
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Will ich gern es vergelten, und biet‘ unendliche Sühnung.
Allen umher nun will ich die herrlichen Gaben benennen:
Zehn Talente des Goldes, dazu dreifüßiger Kessel
Sieben vom Feuer noch rein, und zwanzig schimmernde Becken;
Auch zwölf mächtige Rosse, gekrönt mit Preisen des Wettlaufs.
125
Wohl nicht dürftig wäre der Mann, dem so vieles geworden,
Und nicht arm an Schätzen des hochgepriesenen Goldes:
Als mir Siegskleinode gebracht die stampfenden Rosse!
Sieben Weiber auch geb‘ ich, untadlige, kundig der Arbeit,
Lesbische, die, da er Lesbos, die blühende, selber erobert,
130
Ich mir erkor, die an Reiz der Sterblichen Töchter besiegten.
Diese nun geb‘ ich ihm; es begleite sie, die ich entführet,
Brises Tochter zugleich; und mit heiligem Eide beschwör‘ ich’s,
Daß ich nie ihr Lager verunehrt, noch ihr genahet,
Wie in der Menschen Geschlecht der Mann dem Weibe sich nahet.
135
Dieses empfang‘ er alles sogleich. Wenn aber hinfort uns
Priamos‘ mächtige Stadt die Götter verleihn zu erobern;
Reichlich soll er sein Schiff mit Gold und Erz belasten,
Selbst einsteigend, wann einst wir Danaer teilen den Siegsraub.
Auch der troischen Weiber erwähle sich zwanzig er selber,
140
Die nach Helena dort, der Argeierin, prangen an Schönheit.
Wann zum achaiischen Argos, dem Segenslande, wir heimziehn;
Soll er mein Eidam sein, und ich ehr‘ ihn gleich dem Orestes,
Der mein einziger Sohn aufblüht in freudiger Fülle.
Drei sind mir der Töchter in wohlverschlossener Wohnung:
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Deren wähl‘ er sich eine, Chrysothemis, Iphianassa,
Oder Laodike auch, und führ‘ umsonst die Erkorne
Heim in des Peleus Haus; ich geb‘ ihm selber noch Brautschatz,
Reichlichen, mehr als je ein Mann der Tochter gegeben.
Sieben geb‘ ich ihm dort der wohlbevölkerten Städte:
150
Enope, und Kardamyle auch, und die grasige Hire,
Phera, die heilige Burg, und die grünenden Aun um Antheia,
Auch Äpeia die schön‘, und Pedasos, fröhlich des Weinbaus.
Alle sind nah‘ am Meere, begrenzt von der sandigen Pylos;
Und es bewohnen sie Männer, an Schafen reich, und an Rindern:
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Welche hoch mit Geschenk, wie einen Gott, ihn verehrten,
Und dem Scepter gehorchend ihm steuerten reichliche Schatzung.
Dieses vollend‘ ich jenem, sobald er sich wendet vom Zorne.
Zähm‘ er sich! Aïdes ist unbiegsam, und unversöhnlich;
Aber den Sterblichen auch der Verhaßteste unter den Göttern.
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Mir nachstehn doch sollt‘ er, so weit ich höher an Macht bin,
Und so weit ich älter an Lebensjahren mich rühme.
Ihm antwortete drauf der gerenische reisige Nestor:
Atreus‘ Sohn, Ruhmvoller, du Völkerfürst Agamemnon,
Nicht verächtliche Gaben gewährst du dem Herrscher Achilleus.
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Auf denn, erlesene Männer entsenden wir, eilendes Schrittes
Hinzugehn ins Gezelt des Peleiaden Achilleus.
Oder wohlan, ich selber erwähle sie; und sie gehorchen.
Phönix gehe zuerst, der Liebling des Zeus, als Führer;
Dann auch Ajas der Große zugleich, und der edle Odysseus.
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Aber Hodios folg‘ und Eurybates ihnen als Herold.
Sprengt nun mit Wasser die Händ‘, und ermahnt zur Stille der Andacht;
Daß wir Zeus den Kroniden zuvor anflehn um Erbarmung.
Jener sprach’s; und allen gefiel die Rede des Königs.
Eilend sprengten mit Wasser die Herold‘ ihnen die Hände;
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Jünglinge füllten sodann die Krüge zum Rand mit Getränke,
Wandten von neuem sich rechts, und verteileten allen die Becher.
Als sie des Tranks nun gesprengt, und nach Herzenswunsche getrunken;
Eilten sie aus dem Gezelte von Atreus‘ Sohn Agamemnon.
Viel ermahnte sie noch der gerenische reisige Nestor,
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Jeglichem Mann zuwinkend, allein vor allen Odysseus,
Eiferig doch zu bereden den herrlichen Peleionen.
Beide nun gingen am Ufer des weitaufrauschenden Meeres,
Beteten viel und gelobten dem Erdumgürter Poseidon,
Daß sie doch leicht gewönnen den hohen Sinn des Achilleus.
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Als sie die Zelt‘ und Schiffe der Myrmidonen erreichten;
Fanden sie ihn, erfreuend sein Herz mit der klingenden Leier,
Schön und künstlich gewölbt, woran ein silberner Steg war;
Die aus der Beut‘ er gewählt, da Eëtions Stadt er vertilget:
Hiermit erfreut‘ er sein Herz, und sang Siegstaten der Männer.
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Gegen ihn saß Patroklos allein, und harrete schweigend
Dort auf Äakos‘ Enkel, bis seinen Gesang er vollendet.
Beid‘ itzt gingen daher, und voran der edle Odysseus,
Nahten und standen vor ihm; bestürzt nun erhub sich Achilleus,
Samt der Leier zugleich, verlassend den Sitz, wo er ruhte.
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Auch Patroklos erhub sich, sobald er sahe die Männer.
Beid‘ an der Hand anfassend begann der Renner Achilleus:
Freude mit euch! willkommen ihr Teuersten! Zwar ist gewiß Not!
Doch auch dem Zürnenden kommt ihr geliebt vor allen Achaiern.
Also sprach, und führte hinein, der edle Achilleus,
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Setzte sie dann auf Sessel und Teppiche, schimmernd von Purpur.
Eilend sprach er darauf zu Patroklos, der ihm genaht war:
Einen größeren Krug, Menötios‘ Sohn, uns gestellet;
Misch‘ auch stärkeren Wein, und jeglichem reiche den Becher;
Denn die wertesten Männer sind unter mein Dach nun gekommen.
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Jener sprach’s; da gehorchte dem lieben Freunde Patroklos.
Selbst nun stellt‘ er die mächtige Bank im Glanze des Feuers,
Legte darauf den Rücken der feisten Zieg‘ und des Schafes,
Legt‘ auch des Mastschweins Schulter darauf voll blühendes Fettes.
Aber Automedon hielt, und es schnitt der edle Achilleus;
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Wohl zerstückt‘ er das Fleisch, und steckt es alles an Spieße.
Mächtige Glut entflammte Menötios‘ göttlicher Sohn itzt.
Als nun die Loh‘ ausbrannt‘, und des Feuers Blume verwelkt war;
Breitet‘ er hin die Kohlen, und richtete drüber die Spieße,
Sprengte mit heiligem Salz, und dreht‘ auf stützenden Gabeln.
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Als er nunmehr es gebraten, und hin auf Borde geschüttet;
Teilte Patrokles das Brot in schöngeflochtenen Körben
Rings um den Tisch; und das Fleisch verteilete selber Achilleus;
Setzte sich dann entgegen dem göttergleichen Odysseus,
Dort an der anderen Wand, und gebot, daß Patroklos den Göttern
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Opferte; dieser gehorcht‘, und warf die Erstling‘ ins Feuer.
Und sie erhoben die Hände zum leckerbereiteten Mahle.
Aber nachdem die Begierde des Tranks und der Speise gestillt war;
Jetzt winkt Ajas dem Phönix. Das sah der edle Odysseus,
Füllte mit Wein den Becher, und trank dem Peleiden mit Handschlag:
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Heil dir, Peleid‘! es mangelt uns nicht des gemeinsamen Mahles,
Weder dort im Gezelt um Atreus‘ Sohn Agamemnon,
Noch auch jetzo allhier; denn genug des Erfreuenden stehet
Hier zum Schmaus; doch nicht nach lieblichem Mahle verlangt uns;
Sondern das große Weh, du Göttlicher, ringsum schauend,
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Zagen wir! Jetzo gilt’s, ob errettet sind, oder verloren,
Uns die gebogenen Schiffe, wo du nicht mit Stärke dich gürtest!
Nahe den Schiffen bereits und der Mauer drohn sie gelagert,
Trojas mutige Söhn‘, und die fernberufenen Helfer,
Ringsum Feuer entflammend durchs Heer; und es hemme sie, trotzt man,
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Nichts annoch, sich hinein in die dunkelen Schiffe zu stürzen.
Ihnen gewährt auch Zeus rechtshin erscheinende Zeichen
Seines Strahls; doch Hektor, die funkelnden Augen voll Mordlust,
Wütet daher, und vertrauend dem Donnerer, achtet er nichts mehr,
Weder Menschen noch Gott; so treibt ihn der Taumel des Wahnsinns.
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Sehnlich wünscht er, daß bald der heilige Morgen erscheine;
Denn er verheißt von den Schiffen zu haun die prangenden Schnäbel,
Sie dann selbst zu verbrennen in stürmender Flamm‘, und zu morden
Argos‘ Söhn‘ um die Schiffe, betäubt im Dampfe des Brandes.
Doch nun sorg‘ ich im Herzen, und fürchte mich, daß ihm die Drohung
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Ganz vollenden die Götter, und uns das Schicksal verhängt sei,
Hinzusterben in Troja, entfernt von der fruchtbaren Argos.
Aber wohlauf! wenn das Herz dir gebeut, die Männer Achaias
Jetzt, auch spät, zu befrein aus der drängenden Troer Getümmel.
Siehe dich selbst hinfort bekümmert es; aber umsonst ja
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Sucht man geschehenem Übel noch Besserung; lieber zuvor nun
Sinn‘ umher, wie du wendest den schrecklichen Tag der Achaier.
Ach mein Freund, wie sehr ermahnte dich Peleus der Vater
Jenes Tags, da aus Phtia zu Atreus‘ Sohn er dich sandte:
Lieber Sohn, Siegsstärke wird dir Athenäa und Here
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Geben, wenn’s ihnen gefällt; nur bändige du dein erhabnes
Stolzes Herz in der Brust; denn freundlicher Sinn ist besser.
Meide den bösen Zank, den verderblichen, daß dich noch höher
Ehre das Volk der Argeier, die Jünglinge so wie die Greise.
Also ermahnte der Greis; du vergaßest es. Aber auch jetzt noch
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Ruh‘, und entsage dem Zorne, dem kränkenden! Sieh Agamemnon
Beut dir würdige Gaben, sobald du dich wendest vom Zorne.
Willst du, so höre mich an, damit ich dir alles erzähle,
Was dir dort im Gezelt zur Gabe verhieß Agamemnon:
Zehn Talente des Goldes, dazu dreifüßiger Kessel
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Sieben vom Feuer noch rein, und zwanzig schimmernde Becken;
Auch zwölf mächtige Rosse, gekrönt mit Preisen des Wettlaufs.
Wohl nicht dürftig wäre der Mann, dem so vieles geworden,
Und nicht arm an Schätzen des hochgepriesenen Goldes;
Als Agamemnons Rosse der Siegskleinode gewannen.
270
Sieben Weiber auch gibt er, untadlige, kundig der Arbeit,
Lesbische, die, da du Lesbos, die blühende, selber erobert,
Er sich erkor, die an Reiz der Sterblichen Töchter besiegten.
Diese nun gibt er dir; es begleite sie, die er entführet,
Brises Tochter zugleich; und mit heiligem Eide beschwört er’s,
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Daß er nie ihr Lager verunehrt, noch ihr genahet,
Wie in der Menschen Geschlecht der Mann dem Weibe sich nahet.
Dieses empfängst du alles sogleich. Wenn aber hinfort uns
Priamos‘ mächtige Stadt die Götter verleihn zu erobern;
Reichlich sollst du dein Schiff mit Gold und Erz belasten,
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Selbst einsteigend, wenn einst wir Danaer teilen den Siegsraub.
Auch der troischen Weiber erwähle du zwanzig dir selber,
Die nach Helena dort, der Argeierin, prangen an Schönheit.
Wann zum achaiischen Argos, dem Segenslande, wir heimziehn;
Sollst du sein Eidam sein, und er ehrt dich gleich dem Orestes,
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Der sein einziger Sohn aufblüht in freudiger Fülle.
Drei sind ihm der Töchter in wohlverschlossener Wohnung:
Deren wähle dir eine, Chrysothemis, Iphianassa,
Oder Laodike auch, und führ‘ umsonst die Erkorne
Heim in des Peleus Haus; er gibt dir selber noch Brautschatz,
290
Reichlichen, mehr als je ein Mann der Tochter gegeben.
Sieben gibt er dir dort der wohlbevölkerten Städte:
Enope, und Kardamyle auch, und die grasige Hire,
Pherä, die heilige Burg, und die grünenden Aun um Antheia,
Auch Äpeia die schön‘, und Pedasos, fröhlich des Weinbaus.
295
Alle sind nah‘ am Meere, begrenzt von der sandigen Pylos;
Und es bewohnen sie Männer, an Schafen reich, und an Rindern:
Welche hoch mit Geschenk, wie einen Gott, dich verehrten,
Und dein Scepter gehorchend dir steuerten reichliche Schatzung.
Dieses vollendet er dir, sobald du dich wendest vom Zorne.
300
Aber wenn Atreus‘ Sohn zu sehr dir im Herzen verhaßt ist,
Er und seine Geschenk‘; o so schau der andern Achaier
Drängende Not mit Erbarmen im Heer, das wie einen der Götter
Ehren dich wird; denn wahrlich erhabenen Ruhm dir gewännst du:
Hektor entraftest du nun! denn nahe dir wagt‘ er zu kommen,
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Voll unsinniger Wut; da er wähnt, nicht einer auch gleiche
Ihm in der Danaer Volk, so viel hertrugen die Schiffe.
Ihm antwortete drauf der mutige Renner Achilleus:
Edler Laertiad‘, erfindungsreicher Odysseus,
Sieh ich muß die Rede nur grad‘ und frank dir verweigern,
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So wie im Herzen ich denk‘; und wie’s unfehlbar geschehn wird;
Daß ihr mir nicht vorjammert, von hier und dort mich belagernd.
Denn mir verhaßt ist jener, so sehr wie des Aïdes Pforten,
Wer ein andres im Herzen verbirgt, und ein anderes redet.
Aber ich selbst will sagen, wie mir’s am heilsamsten dünket.
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Weder des Atreus‘ Sohn Agamemnon soll mich bereden,
Noch die andern Achaier; dieweil ja nimmer ein Dank war,
Stets unverdrossenen Kampf mit feindlichen Männern zu kämpfen!
Gleich ist des Bleibenden Los, und sein, der mit Eifer gestritten;
Gleicher Ehre genießt der Feig‘ und der tapfere Krieger;
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Gleich auch stirbt der Träge dahin, und wer vieles getan hat.
Nichts ja frommt es mir selbst, da ich Sorg‘ und Kummer erduldet,
Stets die Seele dem Tod‘ entgegentragend im Streite.
So wie den nackenden Vöglein im Nest herbringet die Mutter
Einen gefundenen Bissen, wenn ihr auch selber nicht wohl ist:
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Also hab‘ ich genug unruhiger Nächte durchwachet,
Auch der blutigen Tage genug durchstrebt in der Feldschlacht,
Tapfere Männer bestreitend, um jenen ein Weib zu erobern!
Zwölf schon hab‘ ich mit Schiffen bevölkerte Städte verwüstet,
Und elf andre zu Fuß umher in der scholligen Troja;
330
Dort aus allen erkor ich der Kleinode viel und geehrte
Mir voraus, und brachte sie all‘ Agamemnon zur Gabe,
Atreus‘ Sohn; er ruhend indes bei den rüstigen Schiffen,
Nahm die Schätz‘, und verteilt‘ ein weniges, vieles behielt er.
Dennoch gab er den Helden und Königen Ehrengeschenke,
335
Die noch jeder verwahrt; nur mir von allen Achaiern
Nahm er’s, und hat das reizende Weib, womit er der Wollust
Pflegen mag! Was bewog denn zum Kriegszug gegen die Troer
Argos‘ Volk? Was fährt‘ er hieher die versammelten Streiter,
Atreus‘ Sohn? War’s nicht der lockigen Helena wegen?
340
Lieben allein denn jene die Fraun von den redenden Menschen,
Atreus‘ Söhn‘? Ein jeglicher Mann, der edel und weis‘ ist,
Liebt und pflegt die Seine mit Zärtlichkeit: so wie ich jene
Auch von Herzen geliebt, wiewohl mein Speer sie erbeutet.
Nun er mir aus den Händen den Siegslohn raubte mit Arglist,
345
Nie versuch‘ er hinfort mich Kundigen! Nimmer ihm trau‘ ich!
Sondern mit dir, Odysseus, und anderen Völkergebietern
Sinn‘ er nach, von den Schiffen die feindliche Glut zu entfernen.
Wahrlich schon sehr vieles vollendet‘ er ohne mein Zutun:
Schon die Mauer erbaut‘ er, und leitete draußen den Graben,
350
Breit umher und groß; und drinnen auch pflanzet‘ er Pfähle!
Dennoch kann er ja nicht die Gewalt des mordenden Hektors
Bändigen! Aber da ich im Danaervolke noch mitzog;
Niemals wagt‘ es Hektor, entfernt von der Mauer zu kämpfen;
Sondern nur zum skäischen Tor und der Buche gelangt‘ er,
355
Wo er einst mich bestand, und kaum mir entfloh vor dem Angriff.
Nun mir nicht es gefällt, mit dem göttlichen Hektor zu kämpfen;
Bring‘ ich morgen ein Opfer für Zeus und die anderen Götter,
Wohl dann belad‘ ich die Schiff‘, und nachdem ich ins Meer sie gezogen,
Wirst du schaun, so du willst, und solcherlei Dinge dich kümmern,
360
Schwimmen im Morgenrot auf dem flutenden Hellespontos
Meine Schiff‘, und darin die emsig rudernden Männer;
Und wenn glückliche Fahrt der Gestaderschüttrer gewähret,
Möcht‘ ich am dritten Tag‘ in die schollige Phtia gelangen.
Vieles hab‘ ich daheim, das ich hieher wandernd zurückließ;
365
Anderes auch von hier, des rötlichen Erzes und Goldes,
Schöngegürtete Weiber zugleich, und grauliches Eisen,
Bring‘ ich, durchs Los mir beschert; doch den Siegslohn, der ihn gegeben,
Nahm ihn mir selbst hochmütig, der Völkerfürst Agamemnon,
Atreus‘ Sohn! Das alles verkünd‘ ihm, so wie ich sage,
370
Öffentlich: daß auch die andern im Volk der Achaier ergrimmen,
Wenn er vielleicht noch einen der Danaer hofft zu betrügen,
Jener in Unverschämtheit gehüllete! Schwerlich indes mir
Wagt er hinfort, auch frech wie ein Hund, ins Antlitz zu schauen;
Nimmer ihm werd‘ ich zu Rat mich vereinigen, nimmer zu Taten!
375
Einmal betrog er mich nun, und frevelte; nimmer hinfort wohl
Täuscht sein tückisches Wort; er begnüge sich! sondern geruhig
Wandr‘ er dahin: denn ihm raubte der waltende Zeus die Besinnung.
Greul sind mir seine Geschenk‘, und ich acht‘ ihn selber nicht so viel!
Nein, und böt‘ er mir zehnmal und zwanzigmal größere Güter,
380
Als was jetzo er hat, und was er vielleicht noch erwartet;
Böt‘ er sogar die Güter Orchomenos, oder was Thebe
Hegt, Ägyptos Stadt, wo reich sind die Häuser an Schätzen:
Hundert hat sie der Tor‘, und es ziehn zweihundert aus jedem
Rüstige Männer zum Streit mit Rossen daher und Geschirren:
385
Böt‘ er mir auch so viel, wie des Sandes am Meer und des Staubes;
Dennoch nimmer hinfort bewegte mein Herz Agamemnon,
Eh‘ er mir ausgebüßt die seelenkränkende Schmähung!
Keine Tochter begehr‘ ich von Atreus‘ Sohn Agamemnon;
Trotzte sie auch an Reiz der goldenen Aphrodite,
390
Wäre sie klug, wie Pallas Athen‘, an künstlicher Arbeit;
Dennoch begehr‘ ich sie nicht! Er wähle sich sonst der Achaier
Einen, der ihm gemäß, und der auch höher an Macht ist.
Denn erhalten die Götter mich nur, und gelang‘ ich zur Heimat;
Dann wird Peleus selbst ein edeles Weib mir vermählen.
395
Viel der Achaierinnen sind rings in Hellas und Phtia,
Töchter erhabener Fürsten, die Städt‘ und Länder beherrschen;
Hievon, die mir gefällt, erwähl‘ ich zur trauten Gemahlin.
Dort auch trachtet mir oft des mutigen Herzens Verlangen,
Einer Ehegenossin vermählt, in gefälliger Eintracht,
400
Mich der Güter zu freun, die Peleus der Greis sich gesammelt.
Nichts sind gegen das Leben die Schätze mir: nichts, was vordem auch
Ilios barg, wie man sagt, die Stadt voll prangender Häuser,
Einst, als blühte der Fried‘, eh‘ die Macht der Achaier daherkam;
Noch, was die steinerne Schwelle des Treffenden drinnen bewahret,
405
Phöbos Apollons Schatz, in Pythos klippichten Feldern.
Beutet man doch im Kriege gemästete Rinder und Schafe,
Und gewinnt Dreifüß‘ und braungemähnete Rosse;
Aber des Menschen Geist kehrt niemals, weder erbeutet,
Noch erlangt, nachdem er des Sterbenden Lippen entflohn ist.
410
Meine göttliche Mutter, die silberfüßige Thetis,
Sagt, mich führe zum Tod‘ ein zweifach endendes Schicksal.
Wenn ich allhier verharrend die Stadt der Troer umkämpfe;
Hin sei die Heimkehr dann, doch blühe mir ewiger Nachruhm.
Aber wenn heim ich kehre zum lieben Lande der Väter;
415
Dann sei verwelkt mein Ruhm, doch weithin reiche des Lebens
Dauer, und nicht frühzeitig ans Ziel des Todes gelang‘ ich.
Auch den übrigen möcht‘ ich ein ratsames Wort zureden,
Heim in den Schiffen zu gehn: nie findet ihr doch der erhabnen
Ilios Untergang; denn der waltende Zeus Kronion
420
Deckt sie mit schirmender Hand, und mutvoll trotzen die Völker.
Aber ihr nun geht, den edelen Fürsten Achaias
Botschaft anzusagen: das Ehrenamt der Geehrten:
Daß sie anderen Rat und besseren jetzo ersinnen,
Welcher die Schiff‘ errette zugleich, und das Volk der Achaier
425
Bei den geräumigen Schiffen; denn nicht ist jener gedeihlich,
Welchen sie jetzt ausdachten, da ich im Zorne beharre.
Phönix indes mag bleibend bei uns zur Ruhe sich legen,
Daß er mit mir heimschiffe zum lieben Lande der Väter
Morgen, wenn’s ihm gefällt; denn nicht aus Zwang soll er mitgehn.
430
Jener sprach’s; doch alle verstummten umher, und schwiegen,
Hoch das Wort anstaunend; denn kraftvoll hatt‘ er geredet.
Endlich begann vor ihnen der graue reisige Phönix,
Mit vordrängenden Tränen, besorgt um der Danaer Schiffe:
Hast du die Heimkehr denn im Geiste dir, edler Achilleus,
435
Vorgesetzt, und entsagst du durchaus, vom vertilgenden Feuer
Unsere Schiffe zu retten, da Zorn dein Herz dir erfüllet;
O wie könnt‘ ich von dir, mein Sohn, verlassen noch weilen,
Einsam? Mich sandte mit dir der graue reisige Peleus
Jenes Tags, da aus Phtia zu Atreus‘ Sohn er dich sandte,
440
Noch sehr jung, unkundig des allverheerenden Krieges,
Und ratschlagender Reden, wodurch sich Männer hervortun.
Darum sandt‘ er mich her, um dich das alles zu lehren:
Beides beredt in Worten zu sein, und rüstig in Taten.
Also könnt‘ ich von dir, mein trauter Sohn, mich unmöglich
445
Trennen, und gäbe mir auch ein Himmlischer selbst die Verheißung,
Mich vorn Alter enthüllt zum blühenden Jüngling zu schaffen:
So wie ich Hellas verließ, das Land der rosigen Jungfraun,
Fliehend des Vaters Zank, des Ormeniden Amyntor,
Der um die Lagergenossin, die schöngelockte, mir zürnte:
450
Diese liebt‘ er im Herzen, die ehliche Gattin entehrend,
Meine Mutter. Doch stets umschlang sie mir flehend die Kniee,
Jene zuvor zu beschlagen, daß gram sie würde dem Greise.
Ihr gehorcht‘ ich, und tat’s. Doch sobald es merkte der Vater,
Rief er mit gräßlichem Fluch der Erinnyen furchtbare Gottheit,
455
Daß nie sitzen ihm möcht‘ auf seinen Knieen ein Söhnlein,
Von mir selber gezeugt; und den Fluch vollbrachte der grause
Unterirdische Zeus, und die schreckliche Persephoneia.
Erst zwar trieb mich der Zorn mit scharfem Erz ihn zu töten;
Doch der Unsterblichen einer bezähmte mich, welcher ins Herz mir
460
Legte des Volks Nachred‘, und die Schmähungen unter den Menschen:
Daß nicht rings die Achaier den Vatermörder mich nennten.
Jetzo durchaus nicht länger ertrug’s mein Herz in dem Busen,
Daß vor dem zürnenden Vater ich dort umging‘ in der Wohnung,
Häufig zwar umringten mich Jugendfreund‘ und Verwandte,
465
Welche mit vielem Flehn zurück im Hause mich hielten.
Viele gemästete Schaf‘ und viel schwerwandelndes Hornvieh
Schlachteten sie, und manches mit Fett umblühete Mastschwein
Sengten sie ausgestreckt in der lodernden Glut des Hephästos;
Viel auch wurde des Weines geschöpft aus den Krügen des Greises.
470
Neun der Nächte bei mir verweileten jene beständig,
Wechselnd die Hut umeinander; und nie erloschen die Feuer;
Eins am Tor in der Halle des festummauerten Vorhofs,
Eins auf des Hauses Flur, vor der Doppelpforte der Kammer.
Aber nachdem die zehnte der finsteren Nächte gekommen;
475
Jetzt erbrach ich der Kammer mit Kunst gefügete Pforte,
Eilte hinaus, und erstieg die feste Mauer des Vorhofs
Leicht, von keinem der Hüter bemerkt und der wachenden Weiber,
Sprang dann hinab, und entfloh durch Hellas weite Gefilde,
Bis ich zur scholligen Phtia, voll wimmelnder Auen, gekommen,
480
Hin zum Könige Peleus; der gern und freundlich mich aufnahm,
Und mich geliebt, wie ein Vater den einzigen Sohn nur liebet,
Den er im Alter gezeugt, sein großes Gut zu ererben.
Jener machte mich reich, und gab mir ein Volk zu verwalten,
Fern an der Grenze von Phtia, der Doloper mächtige Herrschaft.
485
Dich auch macht‘ ich zum Manne, du göttergleicher Achilleus,
Liebend mit herzlicher Treu; auch wolltest du nimmer mit andern
Weder zum Gastmahl gehn, noch daheim in den Wohnungen essen,
Eh‘ ich selber dich nahm, auf meine Kniee dich setzend,
Und die zerschnittene Speise dir reicht‘, und den Becher dir vorhielt.
490
Oftmals hast du das Kleid mir vorn am Busen befeuchtet,
Wein aus dem Munde verschüttend in unbehilflicher Kindheit.
Also hab‘ ich so manches durchstrebt, und so manches erduldet,
Deinethalb; ich bedachte, wie eigene Kinder die Götter
Mir versagt, und wählte, du göttergleicher Achilleus,
495
Dich zum Sohn, daß du einst vor traurigem Schicksal mich schirmtest.
Zähme dein großes Herz, o Achilleus! Nicht ja geziemt dir
Unerbarmender Sinn; oft wenden sich selber die Götter,
Die doch weit erhabner an Herrlichkeit, Ehr‘ und Gewalt sind.
Diese vermag durch Räuchern und demutsvolle Gelübde,
500
Durch Weinguß und Gedüft, der Sterbliche umzulenken,
Flehend, nachdem sich einer versündiget oder gefehlet.
Denn die reuigen Bitten sind Zeus‘ des Allmächtigen Töchter,
Welche lahm und runzlig und scheeles Blicks einhergehn,
Und stets hinter der Schuld den Gang zu beschleunigen streben.
505
Aber die Schuld ist frisch und hurtig zu Fuß; denn vor allen
Weithin läuft sie voraus, und zuvor in jegliches Land auch
Kommt sie, schadend den Menschen; doch jen‘ als heilende folgen.
Wer nun mit Scheu aufnimmt die nahenden Töchter Kronions,
Diesem helfen sie sehr, und hören auch seines Gebetes.
510
Doch wenn einer verschmäht, und trotziges Sinnes sich weigert;
Jetzo flehn die Bitten, zu Zeus Kronion gewendet,
Daß ihm folge die Schuld, bis er durch Schaden gebüßet.
Aber gewähr‘, Achilleus, auch du den Töchtern Kronions
Ehre, die auch Andrer und Tapferer Herz gebeugt hat.
515
Denn wofern nicht Gaben er böt‘, und künftig verhieße,
Atreus‘ Sohn, und stets in feindlichem Sinne beharrte;
Nimmer fürwahr begehrt‘ ich, daß leicht wegwerfend den Zorn du
Argos Volk abwehrtest die Not, wie sehr sie’s bedürften.
Doch nun gibt er ja vieles sogleich, und andres verheißt er;
520
Sandt‘ auch, dich zu erflehen, daher die edelsten Männer,
Die er in Argos Volk auswählete, weil sie die liebsten
Aller Achaier dir sind. Du verschmäh‘ nicht diesen die Rede,
Oder den Gang. Nicht war ja zuvor unbillig dein Zürnen.
Also hörten wir auch in der Vorzeit rühmen die Männer
525
Göttliches Stamms, wenn einer zu heftigem Zorn sich ereifert;
Doch versöhnten sie Gaben und mild zuredende Worte.
Einer Tat gedenk‘ ich von alters her, nicht von neulich,
Wie sie geschah; ich will sie vor euch, ihr Lieben, erzählen.
Mit den Kureten stritt der Ätolier mutige Heerschar
530
Einst um Kalydons Stadt, und sie würgten sich untereinander:
Denn die Ätolier kämpften für Kalydons liebliche Feste,
Weil der Kureten Volk sie mit Krieg zu verheeren entbrannt war.
Artemis sandte das Weh, die goldenthronende Göttin,
Zürnend, daß ihr kein Opfer der Ernt‘ auf fruchtbarem Acker
535
Öneus bracht‘; ihm genossen die Himmlischen all Hekatomben;
Ihr nur opfert‘ er nicht, der Tochter Zeus‘ des Erhabnen,
Achtlos, oder vergessend; doch groß war seine Verschuldung.
Jene darauf voll Zorns, die Unsterbliche, froh des Geschosses,
Reizt‘ ihm ein borstenumstarrt Waldschwein mit gewaltigen Hauern,
540
Das viel Böses begann, des Öneus Äcker durchstürmend.
Viel hochragende Bäume hinab warf’s übereinander
Samt den Wurzeln zur Erd‘, und samt den Blüten des Obstes.
Endlich erschlug den Verderber des Öneus‘ Sohn Meleagros,
Der aus vielen Städten die mutigsten Jäger und Hunde
545
Sammelte; denn nie hätt‘ er mit kleinerer Schar es bezwungen,
Jenes Gewild, das viel‘ auf die traurigen Scheiter geführet.
Artemis aber erregt‘ ein großes Getös‘ und Getümmel
Über des Ebers Haupt und borstenstarrende Hülle,
Zwischen dem Volk der Kureten und hochgesinnten Ätoler.
550
Weil nunmehr Meleagros der Streitbare mit in die Feldschlacht
Zog, traf stets die Kureten das Unheil; und sie vermochten
Nicht mehr außer der Mauer zu stehn, so viel sie auch waren.
Doch da von Zorn Meleagros erfüllt ward, welcher auch andern
Oft anschwellt im Busen das Herz, den Verständigsten selber;
555
Jener nunmehr, Groll tragend der leiblichen Mutter Althäa,
Ruhte daheim bei der Gattin, der rosigen Kleopatra,
Die von der raschen Marpissa erwuchs, der Tochter Euenos,
Und dem gewaltigen Idas, dem tapfersten Erdebewohner
Jener Zeit; denn selbst auf den herrschenden Phöbos Apollon
560
Hatt‘ er den Bogen gespannt, um das leichthinwandelnde Mägdlein.
Jene ward im Palaste darauf von Vater und Mutter
Mit Zunamen genannt Alkyone, weil ihr die Mutter
Einst das Jammergeschick der Alkyon traurig erduldend,
Weinete, da sie entführt der treffende Phöbos Apollon.
565
Bei ihr ruhete jener, das Herz voll nagendes Zornes,
Hart gekränkt ob der Mutter Verwünschungen, welche die Götter
Angefleht viel seufzend, um ihres Bruders Ermordung:
Viel mit den Händen auch schlug sie die nahrungsprossende Erde,
Rufend zu Aïdes Macht und der schrecklichen Persephoneia,
570
Hingesenkt auf die Knie‘, und netzte sich weinend den Busen,
Tod zu senden dem Sohn; und die wütende grause Erinnys
Hört‘ aus dem Erebos sie, das nachtdurchwandelnde Scheusal.
Schnell nun erscholl um die Tore der feindliche Sturm, und die Türme
Rasselten laut von Geschoß. Da kamen Ätoliens Greise
575
Flehend zu ihm, und sandten die heiligsten Priester der Götter,
Daß er zum Kampf auszög‘, ein großes Geschenk ihm verheißend.
Wo die fetteste Flur der lieblichen Kalydon prange,
Dort geboten sie ihm ein stattliches Gut sich zu wählen,
Fünfzig Morgen umher: die Hälft‘ an Rebengefilde,
580
Und die Hälft‘ unbeschattetes Land für die Saat zu durchschneiden.
Viel auch flehet‘ ihm selbst der graue reisige Öneus,
Steigend hinan die Schwelle der hochgewölbeten Kammer,
Schütternd die festeinfugende Pfort‘, und jammernd zum Sohne.
Viel auch die Schwestern zugleich und die ehrfurchtwürdige Mutter
585
Fleheten ihm; doch mehr nur verweigert‘ er; viel auch die Freunde,
Welche stets vor allen geliebt ihm waren und teuer.
Dennoch konnten sie nicht sein Herz im Busen bewegen;
Bis schon häufig die Kammer Geschoß traf, schon auf die Türme
Klomm der Kureten Volk, und die Stadt rings flammte von Feuer.
590
Jetzo bat den Helden die schöngegürtete Gattin,
Flehend mit Jammerton, und nannt‘ ihm alle das Elend,
Das unglückliche Menschen umringt in eroberter Feste:
Wie man die Männer erschlägt, und die Stadt mit Flammen verwüstet,
Auch die Kinder entführt, und die tiefgegürteten Weiber.
595
Jetzt ward rege sein Herz, da so schreckliche Taten er hörte.
Eilend ging er, und hüllte das strahlende Waffengeschmeid‘ um.
Also wandt‘ er nunmehr den bösen Tag der Ätoler,
Folgend dem eigenen Mut; doch gaben sie nicht die Geschenk‘ ihm,
Viel‘ und köstliches Wertes, umsonst nun wandt‘ er das Übel.
600
Nicht so denke du mir, mein Trautester; laß dir den Dämon
Nicht dorthin verleiten das Herz! Weit schlechter ja wär‘ es,
Wenn du die brennenden Schiffe verteidigtest! Nein, für Geschenke
Komm; dann ehren dich rings, wie einen Gott, die Achaier.
Doch wenn sonder Geschenk in die mordende Schlacht du hineingehst;
605
Nicht mehr gleich wird Ehre dir sein, wie mächtige du obsiegst.
Ihm antwortete drauf der mutige Renner Achilleus:
Phönix, mein alter Vater, du Göttlicher, wenig bedarf ich
Jener Ehr‘; ich meine, daß Zeus‘ Ratschluß mich geehret!
Diese dauert bei den Schiffen der Danaer, weil mir der Atem
610
Meinen Busen noch hebt, und Kraft in den Knieen sich reget.
Eines verkünd ich dir noch, und du bewahr‘ es im Herzen.
Störe mir nicht die Seele mit jammernder Klag‘ und Betrübnis,
Atreus‘ Heldensohn zu begünstigen. Wenig geziemt dir’s,
Daß du ihn liebst; du möchtest in Haß die Liebe mir wandeln.
615
Besser daß du mit mir den kränkst, der mich selber gekränket!
Gleich mir herrsche hinfort, und empfang die Hälfte der Ehre.
Diese verkünden es schon; du lege dich auszuruhen
Hier auf weichem Lager. Sobald der Morgen sich rötet,
Halten wir Rat, ob wir kehren zum Unsrigen, oder noch bleiben.
620
Sprach’s, und gebot dem Patroklos geheim mit deutenden Wimpern,
Phönix ein wärmendes Bett zu beschleunigen; daß sie der Heimkehr
Schnell aus seinem Gezelt sich erinnerten. Eilend begann nun
Ajas, der göttliche Sohn des Telamon, vor der Versammlung:
Edler Laertiad‘, erfindungsreicher Odysseus,
625
Laß uns gehn; denn schwerlich, so scheint’s, wird jetzo der Endzweck
Unseres Weges erreicht; zu verkündigen aber in Eile
Ziemt’s das Wort den Achaiern, wiewohl es wenig erfreuet;
Denn sie sitzen gewiß, und erwarten uns. Aber Achilleus
Trägt ein Herz voll Stolzes und Ungestüms in dem Busen!
630
Grausamer! nichts bewegt ihn die Freundschaft seiner Genossen,
Die wir stets bei den Schiffen ihn hochgeehrt vor den andern!
Unbarmherziger Mann! Sogar für des Bruders Ermordung,
Oder des toten Sohns, empfing wohl mancher die Sühnung;
Dann bleibt jener zurück in der Heimat, vieles bezahlend;
635
Aber bezähmt wird diesem der Mut des erhabenen Herzens,
Wann er die Sühnung empfing. Allein dir gaben ein hartes
Unversöhnliches Herz die Unsterblichen, wegen des einen
Mägdleins! Bieten wir dir doch sieben erlesene Jungfraun,
Auch viel andres dazu! O sei doch erbarmendes Herzens;
640
Ehr‘ auch den heiligen Herd: wir sind dir Gäste des Hauses
Ans der Danaer Volk, und achten es groß, vor den andern
Nahe verwandt dir zu sein, und die wertesten aller Achaier.
Ihm antwortete drauf der mutige Renner Achilleus:
Ajas, göttlicher Sohn des Telamon, Völkergebieter,
645
Alles hast du beinahe mir selbst aus der Seele geredet.
Aber es schwillt mein Herz von Galle mir, wenn ich des Mannes
Denke, der mir so schnöde vor Argos‘ Volke getan hat,
Atreus‘ Sohn, als wär‘ ich ein ungeachteter Fremdling.
Ihr demnach geht hin, und verkündiget dort die Botschaft.
650
Denn nicht eher gedenk‘ ich des Kampfs und der Männerermordung,
Ehe des waltenden Priamos‘ Sohn, der göttliche Hektor,
Schon die Gezelt‘ und Schiffe der Myrmidonen erreicht hat,
Argos‘ Volk hinmordend, und Glut in den Schiffen entflammt.
Doch wird, hoff‘ ich, bei meinem Gezelt und dunkelen Schiffe
655
Hektor, wie eifrig er ist, sich wohl enthalten des Kampfes.
Jener sprach’s; und jeglicher nahm den doppelten Becher,
Sprengt‘, und ging zu den Schiffen gewandt; sie führet‘ Odysseus.
Aber Patroklos befahl den Genossen umher und den Mägden,
Phönix ein wärmendes Bett zu beschleunigen, ohne Verweilen.
660
Ihm gehorchten die Mägd‘, und breiteten emsig das Lager,
Wollige Vlies‘, und die Deck‘, und der Leinwand zarteste Blume.
Dort nun ruhte der Greis, die heilige Früh‘ erwartend.
Aber Achilleus schlief im innern Gemach des Gezeltes;
Und ihm ruhte zur Seit‘ ein rosenwangiges Mägdlein,
665
Das er in Lemnos gewann, des Forbas Kind, Diomede.
Auch Patroklos legt‘ ihm entgegen sich; aber zur Seit‘ ihm
Iphis hold und geschmückt, die der Peleion‘ ihm geschenket,
Als er Skyros bezwang, die erhabene Stadt des Enyeus.
Jene, nachdem sie erreicht die Kriegsgezelt‘ Agamemnons,
670
Grüßte mit goldenen Bechern die Schar der edlen Achaier,
Andere anderswoher entgegeneilend und fragend.
Aber zuerst erforschte der Völkerfürst Agamemnon:
Sprich, preisvoller Odysseus, erhabener Ruhm der Achaier,
Will er vielleicht abwehren die feindliche Glut von den Schiffen?
675
Oder versagt er, und nähret den Zorn des erhabenen Herzens?
Ihm antwortete drauf der herrliche Dulder Odysseus:
Atreus‘ Sohn, Ruhmvoller, du Völkerfürst Agamemnon,
Noch will jener den Zorn nicht bändigen, sondern nur höher
Schwillt ihm der Mut; dein achtet er nicht, noch deiner Geschenke.
680
Selber heißer er dich mit Argos‘ Söhnen erwägen,
Wie du die Schiffe zu retten vermögst und das Volk der Achaier.
Aber er selber droht, sobald der Morgen sich rötet,
Nieder ins Meer zu ziehen die schöngebordeten Schiffe.
Auch den übrigen möcht‘ er ein ratsames Wort zureden,
685
Heim in den Schiffen zu gehn: nie findet ihr doch der erhabnen
Ilios Untergang; denn der waltende Zeus Kronion
Deckt sie mit schirmender Hand, und mutvoll trotzen die Völker.
Also sprach er; auch diese bezeugen es, welche mir folgten,
Ajas und beid‘ Herolde zugleich, die verständigen Männer.
690
Phönix der Greis blieb dort, und legte sich; denn so gebot er:
Daß er mit ihm heimschiffe zum lieben Lande der Väter
Morgen, wenn’s ihm gefällt; denn nicht aus Zwang soll er mitgehn.
Jener sprach’s; doch alle verstummten umher, und schwiegen,
Hoch das Wort anstaunend; denn kraftvoll hatt‘ er geredet.
695
Lange saßen verstummt die bekümmerten Männer Achaias.
Endlich begann vor ihnen der Rufer im Streit Diomedes:
Atreus‘ Sohn, Ruhmvoller, du Völkerfürst Agamemnon,
Hättest du nie doch gefleht dem untadligen Peleionen,
Reiche Geschenk‘ ihm verheißend! Denn stolz ist jener ja so schon;
700
Und nun hast du noch mehr im stolzen Sinn ihn bekräftigt.
Doch fürwahr ich denke, wir lassen ihn; ob er hinweggeht,
Oder bleibt. Dann wird er zur Feldschlacht wieder mit ausziehn,
Wann sein Herz im Busen gebeut, und ein Gott ihn erreget.
Aber wohlan, wie ich rede das Wort, so gehorchet mir alle.
705
Jetzo geht zur Ruhe, nachdem ihr das Herz euch erfreuet
Nährender Kost und Weines; denn Kraft ist solches und Stärke.
Aber sobald nun Eos mit Rosenfingern emporstrahlt;
Ordne du schnell vor den Schiffen die Reisigen so wie das Fußvolk,
Muntre sie auf, und kühn mit den vordersten kämpfe du selber.
710
Jener sprach’s; und umher die Könige riefen ihm Beifall,
Hoch das Wort anstaunend von Tydeus‘ Sohn Diomedes.
Als sie des Tranks nun gesprengt, da kehrten sie heim in die Zelte,
Jeder ruhete dort, und empfing die Gabe des Schlafes.

Achter Gesang

Achter Gesang

Den versammelten Göttern verbietet Zeus, weder Achaiern noch Troern beizustehn, und fährt zum Ida. Schlacht. Zeus wägt den Achaiern Verderben, und schreckt sie mit dem Donner. Here bittet den Poseidon umsonst, den Achaiern zu helfen. Die Achaier in die Verschanzung gedrängt. Agamemnon und ein Zeichen ermuntert sie zum neuen Angriff. Teukros streckt viele mit dem Bogen, und wird von Hektor verwundet. Die Achaier von neuem in die Verschanzung getrieben. Here und Athene fahren vom Olympos den Achaiern zu Hilfe. Zeus befiehlt ihnen durch Iris umzukehren. Er selbst zum Olympos gekehrt droht den Achaiern noch größere Niederlage. Hektor mit den siegenden Troern übernachtet vor dem Lager.

Eos im Safrangewand‘ erleuchtete rings nun die Erde,
Als der Donnerer Zeus die Unsterblichen rief zur Versammlung
Auf den obersten Gipfel des vielgezackten Olympos.
Selbst nun begann er den Rat; und die Himmlischen horchten ihm alle.
5
Hört mein Wort, ihr Götter umher, und ihr Göttinnen alle,
Daß ich rede, wie mir das Herz im Busen gebietet.
Keine der Göttinnen nun erhebe sich, keiner der Götter,
Trachtend, wie dies mein Wort er vereitele; sondern zugleich ihr
Stimmt ihm bei, daß ich eilig Vollendung schaffe dem Werke!
10
Wen ich jetzt von den Göttern gesondertes Sinnes erkenne,
Daß er geht, und Troer begünstiget, oder Achaier;
Schmählich geschlagen fürwahr kehrt solcher mir heim zum Olympos!
Oder ich fass‘ und schwing‘ ihn hinab in des Tartaros Dunkel,
Ferne, wo tief sich öffnet der Abgrund unter der Erde:
15
Den die eiserne Pforte verschleußt und die eherne Schwelle,
So weit unter dem Aïs, wie über der Erd‘ ist der Himmel!
Dann vernimmt er, wie weit ich der Mächtigste sei vor den Göttern!
Auf wohlan, ihr Götter, versucht’s, daß ihr all‘ es erkennet,
Eine goldene Kette befestigend oben am Himmel;
20
Hängt dann all‘ ihr Götter euch an, und ihr Göttinnen alle:
Dennoch zögt ihr nie vom Himmel herab auf den Boden
Zeus den Ordner der Welt, wie sehr ihr rängt in der Arbeit!
Aber sobald auch mir im Ernst es gefiele zu ziehen;
Selbst mit der Erd‘ euch zög‘ ich empor, und selbst mit dem Meere;
25
Und die Kette darauf um das Felsenhaupt des Olympos
Bänd‘ ich fest, daß schwebend das Weltall hing‘ in der Höhe!
So weit rag‘ ich vor Göttern an Macht, so weit vor den Menschen!
Jener sprach’s; doch alle verstummten umher, und schwiegen,
Hoch das Wort anstaunend; denn kraftvoll hatt‘ er geredet.
30
Endlich erwiderte Zeus‘ blauäugige Tochter Athene:
Unser Vater Kronion, o du, der Gebietenden höchster,
Wohl ja erkennen auch wir, wie an Macht unbezwinglich du waltest.
Aber es jammern uns der Danaer streitbare Völker,
Welche das böse Geschick nunmehr vollendend verschwinden.
35
Dennoch entziehn wir hinfort dem Gefecht uns, wenn du gebietest;
Rat nur wollen wir geben den Danaern, welcher gedeihe,
Daß nicht all‘ hinschwinden vor deinem gewaltigen Zorne.
Lächelnd erwiderte drauf der Herrscher im Donnergewölk Zeus:
Fasse dich, Tritogeneia, mein Töchterchen! Nicht mit des Herzens
40
Meinung sprach ich das Wort; ich will dir freundlich gesinnt sein!
Jener sprach’s und schirrt‘ in das Joch erzhufige Rosse,
Stürmendes Flugs, umwallt von goldener Mähne die Schultern;
Selbst dann hüllt‘ er in Gold sich den Leib, und faßte die Geißel,
Schön aus Golde gewirkt, und trat in den Sessel des Wagens.
45
Treibend schwang er die Geißel, und rasch hinflogen die Rosse,
Zwischen der Erd‘ einher und dem sternumleuchteten Himmel.
Schnell den Ida erreicht‘ er, den quelligen Nährer des Wildes,
Gargaros, wo ihm pranget ein Hain und duftender Altar.
Dort nun hielt der Vater des Menschengeschlechts und der Götter,
50
Löste die Rosse vom Wagen, und breitete dichtes Gewölk aus.
Selber setzt‘ er nunmehr auf die Höhe sich, freudiges Trotzes,
Und umschaute der Troer Stadt, und die Schiffe Achaias.
Jene nun nahmen das Mahl, die hauptumlockten Achaier,
Rasch in den Zelten umher, und hüllten sodann ihr Geschmeid‘ um.
55
So auch dort die Troer in Ilios faßten die Waffen,
Weniger zwar, doch entbrannt zum blutigen Kampf der Entscheidung,
Durch hartdringende Not; denn es galt für Weiber und Kinder.
Ringsum standen geöffnet die Tor‘, und es stürzte das Kriegsheer,
Streiter zu Fuß und zu Wagen, hinaus mit lautem Getümmel.
60
Als sie nunmehr anstrebend auf einem Raum sich begegnet;
Trafen zugleich Stierhäut‘, und Speere zugleich, und die Kräfte
Rüstiger Männer in Erz; und die hochgenabelten Schilde
Naheten dichtgedrängt; und umher stieg lautes Getös‘ auf.
Jetzo erscholl Wehklagen und Siegsgeschrei miteinander,
65
Würgender dort und Erwürgter; und Blut umströmte die Erde.
Weil noch Morgen es war, und der heilige Tag emporstieg;
Hafteten jegliches Heeres Geschoss‘, und es sanken die Völker.
Aber nachdem die Sonne den Mittagshimmel erstiegen;
Jetzo streckte der Vater empor die goldene Waage,
70
Legt‘ in die Schalen hinein zwei finstere Todeslose,
Trojas reisigem Volk und den erzumschirmten Achaiern,
Faßte die Mitt‘, und wog: da lastete schnell der Achaier
Schicksalstag, daß die Schale zur nahrungsprossenden Erde
Niedersank, und der Troer zum weiten Himmel emporstieg.
75
Laut vom Ida herab nun donnert‘ er, und sein entbrannter
Strahl durchzuckte das Heer der Danaer; jen‘ ihn erblickend
Starreten auf, und alle durchschauerte bleiches Entsetzen.
Nicht Idomeneus selber verweilt itzt, nicht Agamemnon,
Nicht die Ajas wagten zu stehn, die Genossen des Ares.
80
Nestor allein noch stand, der gerenische Hort der Achaier,
Ungern, weil ihm verletzt war ein Roß: das traf mit dem Pfeile
Alexandros der Held, der lockigen Helena Gatte,
Grad‘ in die Scheitel des Haupts, wo zuerst die Mähne der Rosse
Vorn dem Schädel entwächst, und am tödlichsten ist die Verwundung.
85
Angstvoll bäumt‘ es empor, weil tief der Pfeil ins Gehirn drang,
Und verwirrte die Ross‘, um das Erz in der Wunde sich wälzend.
Während der Greis die Stränge dem Nebenroß mit dem Schwerte
Abzuhaun sich erhub; kam Hektors schnelles Gespann ihm
Durch die Verfolgung daher, mit dem unerschrockenen Lenker,
90
Hektor! Dort nun hätte der Greis sein Leben verloren,
Wenn nicht schnell ihn bemerkt der Rufer im Streit Diomedes.
Furchtbar jetzt ausrufend, ermahnt‘ er so den Odysseus:
Edler Laertiad‘, erfindungsreicher Odysseus,
Wohin fliehst du, den Rücken gewandt, wie ein Feiger im Schwarme?
95
Daß nur keiner den Speer dir Fliehenden heft‘ in die Schulter!
Bleib doch, und hilf vom Greise den schrecklichen Mann mir entfernen!
Jener sprach’s; nicht hörte der herrliche Dulder Odysseus,
Sondern er stürmte vorbei zu den räumigen Schiffen Achaias.
Doch der Tydeid‘, auch selber allein, drang kühn in den Vorkampf,
100
Stellte sich nun vor die Rosse des neleiadischen Greises,
Und er begann zu jenem, und sprach die geflügelten Worte:
Wahrlich, o Greis, sehr hart umdrängen dich jüngere Männer!
Deine Kraft ist gelöst, und mühsames Alter beschwert dich;
Auch ist schwach dein Wagengefährt, und ermüdet die Rosse.
105
Auf denn, zu meinem Geschirr erhebe dich, daß du erkennest,
Wie doch troische Rosse gewandt sind, durch die Gefilde
Dort zu sprengen und dort, in Verfolgungen und in Entfliehung:
Die ich jüngst von Äneias errang, dem Schreckengebieter.
Jene laß den Gefährten zur Obhut; wir mit den Meinen
110
Wollen den reisigen Troern entgegen gehn, daß auch Hektor
Lern‘, ob mir selber vielleicht auch wüte der Speer in den Händen!
Sprach’s; und ihm folgete gern der gerenische reisige Nestor.
Jetzt die nestorischen Rosse besorgeten beide Gefährten,
Sthenelos, tapferes Muts, und Eurymedon, glühend vor Ehrsucht.
115
Jene dann traten zugleich in das rasche Geschirr Diomedes‘.
Nestor faßt‘ in die Hände die purpurschimmernden Zügel,
Schwang dann die Geißel zum Lauf; und bald erreichten sie Hektor.
Ihm, wie er grad‘ andrang, entsandte den Speer Diomedes;
Und er verfehlt‘ ihn zwar; doch dem wagenlenkenden Diener,
120
Jenem Eniopeus, dem Sohn des erhabnen Thebäos,
Als er hielt das Gezäum, durchschoß er die Brust an der Warze;
Und er entsank dem Geschirr, und zurück ihm zuckten die Rosse,
Fliegendes Laufs; ihm aber erlosch der Geist und die Stärke.
Hektors Seele durchdrang der bittere Schmerz um den Lenker;
125
Dennoch ließ er ihn dort, wie sehr er traurte des Freundes,
Liegen; und forscht‘, ob irgend ein mutiger Lenker erschiene;
Und nicht lang‘ ihm entbehrten die Rosse der Hut, denn er fand nun
Iphitos‘ mutigen Sohn Archeptolemos: eilend ihn hieß er
Steigen ins rasche Geschirr, und reicht‘ in die Hand ihm die Zügel.
130
Jetzt wär‘ entschieden der Kampf und unheilbare Taten vollendet,
Und sie zusammengescheucht in Ilios, gleich wie die Lämmer;
Schauete nicht der Vater des Menschengeschlechts und der Götter.
Furchtbar erscholl sein Donner daher, und der leuchtende Strahl schlug
Schmetternd hinab in den Grund vor dem raschen Gespann Diomedes:
135
Schrecklich lodert‘ empor die schweflichte Flamme des Himmels;
Und wild bebten in Angst die Rosse zurück vor dem Wagen.
Nestors Hand entsanken die purpurschimmernden Zügel,
Und er erschrak im Herzen, und sprach zum Held Diomedes:
Tydeus‘ Sohn, auf! wende zur Flucht die stampfenden Rosse!
140
Oder erkennest du nicht, daß Zeus nicht Sieg dir gewähret?
Jetzo zwar wird jener von Zeus Kronion verherrlicht,
Heut‘; doch künftig werden wir selbst auch, wenn’s ihm gelüstet,
Wieder geehrt! Darf keiner doch Zeus‘ Ratschlüsse verhindern,
Nicht der Gewaltigste Selbst; denn er ist mächtig vor allen!
145
Ihm antwortete drauf der Rufer im Streit Diomedes:
Wahrlich, o Greis, du hast wohlziemende Worte geredet;
Aber ein heftiger Schmerz durchdringt mir die Tiefe des Herzens!
Hektor sagt nun hinfort in des troischen Volkes Versammlung:
Tydeus‘ Sohn ist vor mir hinabgeflohn zu den Schiffen!
150
Also trotzt er hinfort; dann reiße sich weit mir die Erd‘ auf!
Ihm antwortete drauf der gerenische reisige Nestor:
Wehe mir, Tydeus‘ Sohn, des Feurigen, welcherlei Rede!
Denn wofern dich Hektor auch feig‘ einst nennet und kraftlos,
Niemals glauben ihm doch die Troer und Dardanionen,
155
Oder die Fraun der Troer, der schildgewappneten Streiter,
Welchen umher in den Staub die blühenden Männer du strecktest.
Jener sprach’s, und wandte zur Flucht die stampfenden Rosse
Durch die Verfolgung zurück; nach stürmeten Troer und Hektor
Mit graunvollem Geschrei, und schütteten herbe Geschosse.
160
Aber es rief lauttönend der helmumflatterte Hektor:
Tydeus‘ Sohn, dich ehrten die reisigen Helden Achaias
Hoch an Sitz, und an Fleisch, und vollgegossenen Bechern.
Künftig verachten sie dich; wie ein Weib erscheinest du jetzo!
Fort, du zagendes Mädchen! denn nie, mich selber vertreibend,
165
Steigst du die Mauren hinan von Ilios, oder entführest
Uns die Weiber im Schiff; zuvor dir send‘ ich den Dämon!
Jener sprach’s; da erwog mit wankendem Sinn Diomedes,
Ob er die Ross‘ umlenkt‘, und kühn entgegen ihm kämpfte.
Dreimal sann er umher in des Herzens Geist und Empfindung;
170
Dreimal erscholl vom Ida das Donnergetön des Kronion,
Trojas Volk ankündend der Schlacht abwechselnden Siegsruhm.
Hektor anjetzt ermahnte mit lautem Rufe die Troer:
Troer, und Lykier ihr, und Dardaner, Kämpfer der Nähe,
Seid nun Männer, o Freund‘, und gedenkt des stürmenden Mutes!
175
Denn ich erkenne, wir mir voll Huld zuwinkte Kronion
Sieg und erhabenen Ruhm, doch Schmach den Achaiern und Unheil.
Törichte, welche nunmehr zum Schutz sich erfanden die Mauer,
Schwach und verachtungswert, die nichts vor meiner Gewalt ist!
Denn mir springen die Rosse mit Leichtigkeit über den Graben!
180
Aber sobald ich dort den gebogenen Schiffen genahet,
Dann gedenke man wohl für brennendes Feuer zu sorgen;
Daß ich die Schiff‘ anzünde mit Glut, und sie selber ermorde,
Argos‘ Söhn‘ um die Schiffe, betäubt im Dampfe des Brandes!
Jener sprach’s; und die Ross‘ ermahnet‘ er, laut ausrufend:
185
Xanthos, und du Podargos, und mutiger Lampos, und Äthon,
Jetzt die reichliche Pflege vergeltet mir, welche mit Sorgfalt
Euch Andromache gab, des hohen Eëtions Tochter;
Da sie zuerst vor euch den lieblichen Weizen geschüttet,
Auch des Weines gemischt, nach Herzenswunsche zu trinken,
190
Eher denn mir, der doch ihr blühender Gatte sich rühmet!
Auf denn, mit großer Gewalt, und verfolget sie: daß wir erobern
Nestors strahlenden Schild, des Ruhm nun reichet zum Himmel,
Golden sei die Wölbung umher, und die Stangen des Schildes;
Auch herab von der Schulter dem reisigen Held Diomedes
195
Jenen künstlichen Harnisch, den selbst Hephästos geschmiedet!
Würd‘ uns solches ein Raub, dann hofft‘ ich wohl, die Achaier
Möchten die Nacht noch steigen in leichthinsegelnde Schiffe!
Also jauchzet‘ er laut; da zürnt‘ ihm die Herrscherin Here,
Wandte sich heftig im Thron, und erschütterte weit den Olympos.
200
Drauf zu Poseidaon, dem mächtigen Gotte begann sie:
Wehe mir, Erderschüttrer, Gewaltiger, wenden auch dir nicht
Argos sinkende Scharen das Herz im Busen zu Mitleid?
Bringen sie doch gen Ägä und Helike dir der Geschenke
Viel‘ und erfreuende stets! O gönne du ihnen den Sieg nun!
205
Denn wenn wir nur wollten, der Danaer sämtliche Helfer,
Trojas Volk wegdrängen, und Zeus dem Donnerer steuern;
Traun bald säß‘ er daselbst sich einsam härmend auf Ida!
Unmutsvoll nun begann der Erderschüttrer Poseidon:
Welch ein Wort, o Here, Verwegene, hast du geredet!
210
Nimmermehr verlang‘ ich mit Zeus Kronion zu kämpfen,
Ich und die anderen hier; denn er ist mächtig vor allen!
Also redeten jen‘ im Wechselgespräch miteinander.
Dort so weit von den Schiffen zum Wall und Graben sich hinstreckt,
Voll war’s rings von Rossen und schildgewappneten Männern,
215
Dichtgedrängt; denn es drängte, dem stürmenden Ares vergleichbar,
Hektor, Priamos‘ Sohn, nachdem Zeus Ruhm ihm gewährte.
Und nun hätt‘ er verbrannt in lodernder Flamme die Schiffe,
Legete nicht Agamemnon ins Herz die erhabene Here,
Ihm der auch selbst umeilte, die Danaer schnell zu ermuntern.
220
Schleunig ging er hinab der Danaer Schiff‘ und Gezelte,
Haltend in nervichter Hand den großen purpurnen Mantel,
Und er betrat des Odysseus‘ gewaltiges dunkeles Meerschiff,
Welches die Mitt‘ einnahm daß beiderseits sie vernähmen,
Dort zu Ajas Gezelten hinab, des Telamoniden,
225
Dort zu des Peleionen, die beid‘ an den Enden ihr Schiffheer
Aufgestellt, hochtrotzend auf Mut und Stärke der Hände.
Laut erscholl sein durchdringender Ruf in das Heer der Achaier:
Schande doch, Argos Volk, ihr Verworfenen, trefflich an Bildung!
Wo ist jetzo der Ruhm, da wir uns Tapfere priesen;
230
Was ihr vordem in Lemnos mit nichtiger Rede geprahlet,
Schmausend das viele Fleisch der hochgehörneten Rinder,
Und ausleerend die Krüge, zum Rand mit Weine gefüllet?
Gegen hundert der Troer, ja selbst zweihundert, vermaß sich
Jeder im Kampfe zu stehn! Nicht einem auch gelten wir jetzo,
235
Hektor, der bald die Schiffe verbrennt in loderndem Feuer!
Hast du, o Vater Zeus, je einen gewaltigen König
So beladen mit Fluch, und des herrlichen Ruhms ihn beraubet?
Weißt du doch, wie ich nie vor deinem prangenden Altar
Im vielrudrigen Schiff hinsteuerte, als ich hieherkam;
240
Nein auf allen verbrannt‘ ich der Stiere Fett und die Schenkel,
Wünschend hinwegzutilgen die festummauerte Troja.
Aber, o Zeus, gewähre mir doch nur dieses Verlangen:
Laß uns wenigstens selber errettet sein und entfliehen,
Und nicht so hinsinken vor Trojas Macht die Achaier!
245
Jener sprach’s; da jammerte Zeus des weinenden Königs;
Und er winkt‘ ihm Errettung der Danaer, nicht ihr Verderben.
Schnell den Adler entsandt‘ er, die edelste Vorbedeutung;
Dieser trug in den Klauen ein Kind der flüchtigen Hindin,
Und vor Zeus‘ Altar, den prangenden, warf er das Hirschkalb,
250
Wo dem enthüllenden Zeus die Danaer pflegten zu opfern.
Jene, sobald sie gesehn, wie von Zeus herschwebte der Vogel,
Drangen gestärkt in der Troer Gewühl, und entbrannten vor Streitlust.
Keiner rühmte sich nun, so viel auch Danaer waren,
Daß vor Tydeus‘ Sohn er gelenkt die hurtigen Rosse,
255
Vorgesprengt ans dem Graben, und kühn entgegen gekämpfet;
Sondern zuerst den Troern ermordet‘ er einen der Kämpfer,
Fradmons‘ Sohn Agelaos: zur Flucht dort wandt‘ er die Rosse;
Doch dem Gewendeten stieß der Tydeide den Speer in den Rücken,
Zwischen der Schulterbucht, daß vorn aus dem Busen er vordrang;
260
Und er entsank dem Geschirr, und es rasselten um ihn die Waffen.
Hinter ihm Atreus‘ Söhn‘, Agamemnon und Menelaos;
Drauf die Ajas zugleich, mit trotzigem Mute gerüstet;
Dann Idomeneus selbst, und Idomeneus‘ Kriegesgenoß auch,
Held Meriones, gleich dem männermordenden Ares;
265
Auch Eurypylos dann, der glänzende Sohn des Euämon;
Teukros auch kam der neunte, gespannt den schnellenden Bogen,
Hinter des Ajas‘ Schilde gestellt, des Telamoniden:
Oft daß Ajas den Schild ihm hinweghob; aber der Held dort
Schaut‘ umher, und sobald sein Todesgeschoß im Getümmel
270
Traf, dann taumelte jener dahin, sein Leben verhauchend;
Doch er eilte zurück, wie ein Kind an die Mutter sich schmieget,
Nah an Ajas gedrängt, der mit strahlendem Schild‘ ihn bedeckte.
Wen nun traf von den Troern zuerst der untadliche Teukros?
Erst den Orsilochos traf er, und Ormenos, auch Ophelestes,
275
Dätor und Chromios auch, und den göttlichen Held Lykophontes,
Auch Polyämons Sohn Hamopaon, auch Melanippos:
All‘ aneinander gestürzt zur nahrungsprossenden Erde.
Ihn nun sah mit Freude der Völkerfürst Agamemnon,
Wie er mit starkem Geschoß die troischen Reihen vertilgte;
280
Nahe trat er hinan, und sprach zu jenem die Worte:
Teukros, edelster Freund, Telamonier, Völkergebieter,
Triff so fort, und werde der Danaer Licht, und des Vaters
Telamon auch, der in Liebe dich nährete, als du ein Kind warst,
Und, der Dienerin Sohn, dich pflegt in seinem Palaste:
285
Ihn, den Entferneten nun, erhebe zu glänzendem Ruhme!
Denn ich verkündige dir, und das wird wahrlich vollendet.
Wenn mir solches gewährt der Donnerer Zeus und Athene,
Ilios auszutilgen, die Stadt voll prangender Häuser;
Werd‘ ich zuerst nach mir die geehrteste Gabe dir reichen:
290
Ob es ein Dreifuß sei, ob ein rasches Gespann mit dem Wagen,
Oder ein blühendes Weib, das dir dein Lager besteige.
Jener sprach’s; ihm erwiderte schnell der untadliche Teukros:
Atreus‘ Sohn, Ruhmvoller, warum, da ich selber ja strebe,
Treibst du mich an? Nichts wahrlich, so viel die Kraft mir gewähret,
295
Zauder‘ ich; sondern seitdem gen Ilios jene wir drängen,
Hab‘ ich feindliche Männer mit zielendem Bogen getötet.
Acht schon hab‘ ich versandt der langgespitzten Geschosse,
Und sie hafteten all‘ in streitbarer Jünglinge Leibern.
Jenen nur nicht vermag ich, den wütenden Hund zu erreichen!
300
Sprach’s, und sandt‘ ein andres Geschoß von der Senne des Bogens,
Grad‘ auf Hektor dahin, mit herzlichem Wunsch ihn zu treffen.
Und er verfehlt‘ ihn zwar; doch den edlen Gorgythion traf er,
Priamos‘ tapferen Sohn, ihm die Brust mit dem Pfeile durchbohrend:
Welchen ein Nebenweib, aus Äsyme gewählt, ihm geboren,
305
Kastianeira die Schön‘, an Gestalt den Göttinnen ähnlich.
So wie der Mohn zur Seite das Haupt neigt, welcher im Garten
Steht, von Wuchs belastet, und Regenschauer des Frühlings:
Also neigt‘ er zur Seite das Haupt, vom Helme beschweret.
Teukros sandt‘ ein andres Geschoß von der Senne des Bogens
310
Grad‘ auf Hektor dahin, mit herzlichem Wunsch ihn zu treffen.
Aber auch jetzt verfehlt‘ er; denn seitwärts wandt‘ es Apollon.
Archeptolemos nur, dem mutigen Lenker des Hektor,
Als er sprengt‘ in die Schlacht, durchschoß er die Brust an der Warze;
Und er entsank dem Geschirr, und zurück ihm zuckten die Rosse,
315
Fliegendes Laufs; ihm aber erlosch der Geist und die Stärke.
Hektors Seele durchdrang der bittere Schmerz um den Lenker;
Dennoch ließ er ihn dort, wie sehr er traurte des Freundes.
Schnell nun hieß er den Bruder Kebriones, der ihm genaht war,
Nehmen der Rosse Gezäum; und nicht unwillig gehorcht‘ er.
320
Aber er selbst entschwang sich dem glänzenden Sessel des Wagens,
Mit graunvollem Geschrei, und faßt‘ in der Rechte den Feldstein,
Drang dann grad‘ auf Teukros, in heißer Begier ihn zu treffen.
Jener hatt‘ aus dem Köcher ein herbes Geschoß sich gewählet,
Und auf die Senne gefügt; da traf der gewaltige Hektor,
325
Als er die Senn‘ anzog, ihn am Schlüsselbein auf die Achsel,
Zwischen Hals und Brust, wo am tödlichsten ist die Verwundung:
Dort den Strebenden traf er mit zackigem Stein des Gefildes,
Und zerriß ihm die Senn‘; es erstarrte die Hand an dem Knöchel,
Und er entsank hinknieend, es glitt aus der Hand ihm der Bogen.
330
Doch nicht Ajas vergaß des hingesunkenen Bruders,
Sondern umging ihn in Eile, mit großem Schild ihn bedeckend.
Schnell dann bückten sich her zween auserwählte Genossen,
Echios‘ Sohn Mekisteus zugleich, und der edle Alastor,
Die zu den räumigen Schiffen den Schweraufstöhnenden trugen.
335
Wieder erhob die Troer mit Mut der olympische König.
Grade zurück an den Graben verdrängten sie nun die Achaier;
Hektor drang mit den ersten voran, wutfunkelndes Blickes.
So wie ein Hund den Eber des Bergwalds, oder den Löwen,
Kühn mit dem Rachen erhascht, den hurtigen Füßen vertrauend,
340
Hinten an Hüft‘ und Lend‘, und stets des Gewendeten achtet:
Also verfolgt‘ itzt Hektor die hauptumlockten Achaier,
Immerdar hinstreckend den äußersten; und sie entflohen.
Aber nachdem sie die Pfähle hindurch und den Graben geeilet
Fliehend und manchen gestürzt die mordenden Hände der Troer;
345
Jetzo hemmeten jene sich dort bei den Schiffen beharrend,
Und ermahnten einander; und rings mit erhobenen Händen
Betete laut ein jeder zu allen unsterblichen Göttern.
Hektor tummelt‘ umher das Gespann schönmähniger Rosse,
Graß wir Gorgo an Blick, und der männermordende Ares.
350
Jene nun sah erbarmend die lilienarmige Here,
Wandte sich schnell zur Athen‘, und sprach die geflügelten Worte:
Weh mir, o Tochter Zeus‘ des Donnerers, wollen wir noch nicht
Retten das sterbende Volk der Danaer, auch nur zuletzt noch?
Welche das böse Geschick nunmehr vollendend verschwinden,
355
Unter des einen Gewalt! Da wütet er ganz unerträglich,
Hektor, Priamos‘ Sohn, und viel schon tat er des Frevels!
Drauf antwortete Zeus‘ blauäugige Tochter Athene:
Wohl schon hätte mir dieser den Mut und die Seele verloren,
Unter der Hand der Argeier vertilgt im heimischen Lande;
360
Aber es tobt mein Vater mit übelwollendem Herzen,
Grausam, und stets unbillig, und jeden Entschluß mir vereitelnd.
Nicht gedenkt er mir dessen, wie oft vordem ich den Sohn ihm
Rettete, wann er gequält von Eurystheus Kämpfen sich härmte.
Auf zum Himmel weinte der Duldende; aber es sandt‘ ihm
365
Mich zur Helferin schnell von des Himmels Höhe Kronion.
Hätt‘ ich doch solches gewußt im forschenden Rate des Herzens,
Als er hinab in Aïs verriegelte Burg ihn gesendet,
Daß er dem Dunkel entführte den Hund des greulichen Gottes!
Niemals wär er entronnen dem stygischen Strom des Entsetzens!
370
Nun bin ich ihm verhaßt; doch den Rat der Thetis vollführt er,
Welche die Knie‘ ihm geherzt, und die Hand zum Kinn ihm erhoben,
Flehend, daß Ruhm er gewähre dem Städteverwüster Achilleus.
Aber er nennt mich einmal blauäugiges Töchterchen wieder!
Auf, und schirr‘ uns sofort das Gespann starkhufiger Rosse;
375
Weil ich selbst, in den Saal des ägiserschütternden Vaters
Gehend, zum Kampf anlege die Rüstungen: daß ich erkenne,
Ob uns Priamos‘ Sohn, der helmumflatterte Hektor,
Freuen sich wird, wenn ich plötzlich erschein‘ in den Pfaden des Treffens.
Traun wohl mancher der Troer wird sättigen Hund‘ und Gevögel
380
Seines Fettes und Fleisches, gestreckt bei den Schiffen Achaias!
Sprach’s; und willig gehorcht‘ ihr die lilienarmige Here.
Jene nun eilt‘ anschirrend die goldgezügelten Rosse,
Here, die heilige Göttin, erzeugt vom gewaltigen Kronos.
Aber Pallas Athene, des Ägiserschütterers Tochter,
385
Ließ hinsinken das feine Gewand im Palaste des Vaters,
Buntgewirkt, das sie selber mit künstlicher Hand sich bereitet.
Drauf in den Panzer gehüllt des schwarzumwölkten Kronions,
Nahm sie das Waffengeschmeide zur tränenbringenden Feldschlacht.
Jetzt in den flammenden Wagen erhub sie sich; nahm dann die Lanze,
390
Schwer und groß und gediegen, womit sie die Scharen der Helden
Bändiget, welchen sie zürnt, die Tochter des schrecklichen Vaters.
Here beflügelte nun mit geschwungener Geißel die Rosse;
Und aufkrachte von selbst des Himmels Tor, das die Horen
Hüteten, welchen der Himmel vertraut ward, und der Olympos,
395
Daß sie die hüllende Wolk‘ itzt öffneten, jetzo verschlossen.
Dort nun lenkten sie durch die leichtgesporneten Rosse.
Aber da Zeus vom Ida sie schauete, heftig ergrimmt‘ er;
Drauf als Botin entsandt‘ er die goldgeflügelte Iris:
Eile mir, hurtige Iris, und wende sie, ehe daher sie
400
Kommen; denn unsanft möchten im Kampf wir einander begegnen!
Denn ich verkündige dir, und das wird wahrlich vollendet.
Lähmen werd‘ ich jenen die hurtigen Ross‘ an dem Wagen,
Stürzen sie selbst vom Sessel herab, und den Wagen zerschmettern!
Nicht auch einmal in zehn umrollender Jahre Vollendung
405
Würden die Wunden geheilt, womit mein Strahl sie gezeichnet:
Daß mir erkenn‘ Athene den schrecklichen Kampf mit dem Vater!
Minder erregt mir Here des Unmuts, oder des Zornes;
Stets ja war sie gewohnt, daß sie einbrach, was ich beschlossen!
Jener sprach’s; doch Iris, die windschnell eilende Botin,
410
Flog von Idas Gebirg‘ einher zum großen Olympos.
Jetzt am vordersten Tore des vielgebognen Olympos
Hielt sie die Kommenden an, und sprach die Worte Kronions:
Sagt mir, wohin so eifrig? was wütet das Herz euch im Busen?
Nicht verstattet euch Zeus, der Danaer Volke zu helfen.
415
Denn so droht‘ euch jetzo der Donnerer, wo er’s vollendet:
Lähmen werd‘ er euch beiden die hurtigen Ross‘ an dem Wagen,
Stürzen euch selbst vorn Sessel herab, und den Wagen zerschmettern.
Nicht auch einmal in zehn umrollender Jahre Vollendung
Würden die Wunden geheilt, womit sein Strahl euch gezeichnet:
420
Daß du erkennst, Athene, den schrecklichen Kampf mit dem Vater.
Minder erregt ihm Here des Unmuts, oder des Zornes;
Stets ja war sie gewohnt, daß sie einbrach, was er beschlossen.
Aber Entsetzliche du, Schamloseste, wenn du in Wahrheit
Wagst, zum Kampfe mit Zeus den gewaltigen Speer zu erheben!
425
Also sprach, und entfloh die leichthinschwebende Iris.
Aber Here begann, und sprach zu Pallas Athene:
Weh mir, o Tochter Zeus‘ des Donnerers! länger fürwahr nicht
Duld‘ ich es, daß wir Zeus um sterbliche Menschen bekämpfen!
Mag ein anderer sinken in Staub, und ein anderer leben,
430
Welchen es trifft! Doch jener, nach eigenem Rate beschließend,
Richte den Streit der Troer und Danaer, wie es ihm ansteht!
Sprach’s, und lenkte zurück das Gespann starkhufiger Rosse.
Dort nun lösten die Horen die schöngemähneten Rosse;
Diese banden sie fest zu ambrosischen Krippen geführet,
435
Stellten darauf den Wagen empor an schimmernde Wände.
Jene selbst dann setzten auf goldene Sessel sich nieder,
Unter die anderen Götter, ihr Herz voll großer Betrübnis.
Aber Zeus vom Ida im schöngeräderten Wagen
Trieb zum Olympos die Ross‘, und kam zu der Götterversammlung.
440
Dort nun löst‘ ihm die Rosse der Erderschüttrer Poseidon,
Hub aufs Gestell den Wagen empor, und umhüllt‘ ihn mit Leinwand.
Er, dem goldenen Throne genaht, der Ordner der Welt Zeus
Setzte sich; unter dem Gang‘ erbebten die Höhn des Olympos.
Jene, getrennt von Zeus und allein, Athenäa und Here,
445
Saßen, und wageten nichts zu verkündigen, oder zu fragen.
Aber er selbst vernahm es in seinem Geist, und begann so:
Warum seid ihr also betrübt, Athenäa und Here?
Doch nicht lange bemüht‘ euch die männerehrende Feldschlacht,
Trojas Volk zu verderben, das heftigen Groll euch erregt hat!
450
Alle, so weit ich rag‘ an Gewalt und unnahbaren Händen,
Möchten mich nicht abwehren, die Götter gesamt im Olympos!
Doch euch bebten ja eher vor Angst die reizenden Glieder,
Eh‘ ihr den Krieg noch gesehn, und die schrecklichen Taten des Krieges.
Denn ich verkündige nun, und wahrlich wär‘ es vollendet!
455
Nimmer in eurem Geschirre, vom Schlag der Donner verwundet,
Wärt ihr gekehrt zum Olympos, dem Sitz der unsterblichen Götter!
Jener sprach’s; da murrten geheim Athenäa und Here.
Nahe sich saßen sie dort, nur Unheil sinnend den Troern.
Jene nunmehr blieb schweigend, und redete nichts, Athenäa,
460
Eifernd dem Vater Zeus, und ihr tobte das Herz in Erbittrung.
Here nur konnte den Zorn nicht bändigen, sondern begann so:
Welch ein Wort, Kronion, du Schrecklicher, hast du geredet!
Wohl ja erkennen auch wir, wie an Macht unbezwinglich du waltest.
Aber es jammern uns der Danaer streitbare Völker,
465
Welche das böse Geschick nunmehr vollendend verschwinden.
Dennoch entziehn wir hinfort dem Gefecht uns, wenn du gebietest;
Rat nur wollen wir geben den Danaern, welcher gedeihe,
Daß nicht all‘ hinschwinden vor deinem gewaltigen Zorne.
Ihr antwortete drauf der Herrscher im Donnergewölk Zeus:
470
Morgen gewiß noch mehr, du hoheitblickende Here,
Wirst du schaun, so du willst, den überstarken Kronion
Tilgen ein großes Heer von Achaias Lanzengeübten.
Denn nicht ruhn soll eher vom Streit der gewaltige Hektor,
Eh‘ sich erhebt bei den Schiffen der mutige Renner Achilleus,
475
Jenes Tags, wann dort sie zusammengedrängt um die Steuer
Kämpfen in schrecklicher Eng‘, um den hingesunknen Patroklos.
Also sprach das Verhängnis! Doch dein der Zürnenden acht‘ ich
Nichts, und ob du im Zorn an die äußersten Enden entflöhest
Alles Lands und des Meers, wo Japetos drunten und Kronos
480
Sitzen, von Helios nie, dem leuchtenden Sohn Hyperions,
Noch von Winden erfreut; denn tief ist der Tartaros ringsum!
Nicht ob auch dort hinschweifend du wandertest, nicht auch ein wenig
Acht‘ ich der Tobenden doch; weil nichts schamloser denn du ist!
Sprach’s; ihm erwiderte nichts die lilienarmige Here.
485
Doch zum Okeanos sank des Helios‘ leuchtende Fackel,
Ziehend die dunkele Nacht auf die nahrungsprossende Erde.
Ungern sahn die Troer das tauchende Licht; doch erfreulich
Kam und herzlich erwünscht die finstere Nacht den Achaiern.
Jetzo berief die Troer zum Rat der strahlende Hektor,
490
Abgewandt von den Schiffen zum wirbelnden Strome sie führend,
Wo noch rein das Gefild‘ aus umliegenden Leichen hervorschien.
Alle, den Wagen entstiegen zur Erd‘ hin, hörten die Rede,
Welche nun Hektor begann, der Göttliche: und in der Rechten
Trug er den Speer, elf Ellen an Läng‘; und vorn an dem Schafte
495
Blinkte die eherne Schärf‘, umlegt mit goldenem Ringe;
Hierauf lehnte sich jener, und sprach die geflügelten Worte:
Hört mein Wort, ihr Troer, ihr Dardaner, und ihr Genossen.
Jetzo hofft‘ ich, verderbend die Schiff‘ und alle Achaier,
Siegreich heimzukehren zu Ilios luftigen Höhen;
500
Doch uns ereilte die Nacht, die jetzt am meisten gerettet
Argos Volk und die Schiff‘ am wogenden Strande des Meeres.
Aber wohlan, jetzt wollen der finsteren Nacht wir gehorchen,
Und das Mahl uns bereiten. Die schöngemähneten Rosse
Löst aus dem Joch der Geschirr‘, und reicht vorschüttend das Futter.
505
Doch aus der Stadt führt Rinder zum Schmaus‘ und gemästete Schafe
Eilend daher; auch Wein, den herzerfreuenden, bringt uns
Reichlich, und Brot aus den Häusern, und Holz auch leset in Menge:
Daß wir die ganze Nacht bis zum dämmernden Schimmer der Eos
Feuer brennen durchs Heer, und der Glanz den Himmel erreiche;
510
Daß nicht gar im Finstern die hauptumlockten Achaier
Uns zu entfliehn versuchen auf weitem Rücken des Meeres,
Wenigstens nicht in Muße die Schiff‘ und ruhig besteigen;
Nein daß mancher von jenen daheim die Wunde des Pfeiles
Oder des scharfen Speers sich lindere, welche den Flüchtling,
515
Springend ins Schiff, noch ereilte; damit auch andre sich scheuen,
Gegen die reisigen Troer das Weh des Krieges zu tragen.
Aber ruft durch die Stadt, ihr Herolde, Freunde Kronions,
Daß die blühenden Knaben und silberhaarigen Greise
Rings um die Stadt sich lagern, auf gottgebaueten Türmen.
520
Aber die zarten Fraun, umher in den Wohnungen jede,
Brennen ein mächtiges Feuer; und wachsame Hut sei beständig:
Daß nicht schlau einbreche der Feind, da die Krieger entfernt sind.
Also sei’s, wie ich red‘, ihr edelmütigen Troer;
Und gesagt ist das Wort, das jetzt ich heilsam geachtet.
525
Morgen werd‘ ich das andre den reisigen Troern verkünden.
Flehend wünsch‘ ich, und hoffe zu Zeus und den anderen Göttern,
Endlich hinwegzutreiben die wütenden Hunde des Schicksals,
Welche das Schicksal gebracht auf dunkelen Schiffen des Meeres.
Auf, und laßt uns die Nacht das Heer sorgfältig bewachen;
530
Aber früh am Morgen, mit ehernen Waffen gerüstet,
Gegen die räumigen Schiff‘ erheben wir stürmenden Angriff.
Dann will ich sehn, ob Tydeus‘ gewaltiger Sohn Diomedes
Mich von den Schiffen zur Mauer hinwegdrängt, oder ich selbst ihn
Töte mit meinem Erz, und blutige Waffen erbeute.
535
Morgen zeig‘ uns der Held die Tapferkeit, ob er vor meiner
Nahenden Lanze besteht. Doch unter den vordersten, mein ich,
Sinkt er dem Stoße der Hand, und viel umher der Genossen,
Wann uns Helios morgen emporstrahlt. O so gewiß nur
Möcht‘ ich unsterblich sein, und blühn in ewiger Jugend,
540
Ehrenvoll, wie geehrt wird Athene selbst und Apollon:
Als der kommende Tag ein Unheil bringt den Argeiern!
Also redete Hektor; und laut herriefen die Troer.
Sie nun lösten die Rosse, die schäumenden unter dem Joche,
Banden sie dann mit Riemen, am eigenen Wagen ein jeder.
545
Schnell nun führte man Rinder zum Schmaus‘ und gemästete Schafe
Her aus der Stadt; auch Wein, den herzerfreuenden, trug man
Reichlich, und Brot aus den Häusern, und Holz auch las man in Menge.
Und man brachte den Göttern vollkommene Festhekatomben;
Und dem Gefild‘ entwallte der Opferduft in den Himmel,
550
Süßes Geruchs: doch verschmäheten ihn die seligen Götter,
Abgeneigt; denn verhaßt war die heilige Ilios jenen,
Priamos selbst, und das Volk des lanzenkundigen Königs.
Sie dort, mutig und stolz, in des Kriegs Abteilung gelagert,
Saßen die ganze Nacht; und es loderten häufige Feuer.
555
Wie wenn hoch am Himmel die Stern‘ um den leuchtenden Mond her
Scheinen in herrlichem Glanz, wann windlos ruhet der Äther;
Hell sind rings die Warten der Berg‘, und die zackigen Gipfel,
Täler auch; aber am Himmel eröffnet sich endlos der Äther;
Alle nun schaut man die Stern‘, und herzlich freut sich der Hirte.
560
So viel, zwischen des Xanthos Gestad‘ und den Schiffen Achaias,
Loderten, weit erscheinend vor Ilios, Feuer der Troer.
Tausend Feuer im Feld‘ entflammten sie; aber an jedem
Saßen fünfzig der Männer, im Glanz des lodernden Feuers.
Doch die Rosse, mit Spelt und gelblicher Gerste genähret,
565
Standen bei ihrem Geschirr, die goldene Früh‘ erwartend.

Siebenter Gesang

Siebenter Gesang

Athene und Apollon, die Schlacht zu enden, heißen Hektor den tapfersten Achaier zum Zweikampf fodern. Unter neun Fürsten trifft das Los den Ajas, Telamons Sohn. Die Nacht trennt die Kämpfer. Nestor in Agamemnons Gezelt rät Stillstand, um die Toten zu verbrennen, und Verschanzung des Lagers. Antenor in Ilios rät, die Helena zurückzugeben; welches Paris verwirft. Am Morgen läßt Priamos die Achaier um Stillstand bitten. Bestattung der Toten. Verschanzung des Lagers, und Poseidons Unwille. In der Nacht unglückliche Zeichen von Zeus.

Dieses gesagt, durcheilte das Tor der strahlende Hektor;
Auch Alexandros der Bruder enteilete; aber ihr Herz war
Beiden entbrannt, zu kämpfen den tapferen Kampf der Entscheidung.
Wie wenn ein Gott den Schiffern nach sehnlichem Harren den Fahrwind
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Sendet, nachdem arbeitend mit schöngeglätteten Rudern
Lange das Meer sie geregt, und müd‘ hinsanken die Glieder:
Also erschienen sie dort den sehnlich harrenden Troern.
Jeder entrafft‘: er nun den Menesthios, jenes Beherrschers
Areithoos‘ Sohn, den der Keulenschwinger in Arne
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Areithoos zeugt‘ und die herrliche Philomedusa.
Aber Hektor durchschoß dem Eïoneus unter des Helmes
Ehernem Rand mit dem Speere den Hals, und löst‘ ihm die Glieder.
Glaukos, Hippolochos‘ Sohn, der lykischen Männer Gebieter,
Traf den Iphinoos jetzt im Sturme der Schlacht mit dem Wurfspieß,
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Dexias‘ Sohn, da das schnelle Gespann er bestieg, in die Schulter;
Und er entsank vorn Wagen zur Erd‘, ihm erschlafften die Glieder.
Doch als jene bemerkt‘ die Herrscherin Pallas Athene,
Argos Volk hinraffend im Ungestüme der Feldschlacht;
Stürmendes Schwungs entflog sie den Felsenhöhn des Olympos
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Hin zu Ilios Stadt. Entgegen ihr eilet‘ Apollon,
Schauend von Pergamos Zinne, den Troern gönnend den Siegsruhm.
Jetzt begegneten sich die Unsterblichen dort an der Buche;
Und zur Athene begann Zeus‘ Sohn, der Herrscher Apollon:
Warum so voller Begier, o Zeus‘ des Allmächtigen Tochter,
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Kamst du anjetzt vorn Olympos? wie treibt dich der heftige Eifer?
Daß du vielleicht den Achaiern der Schlacht abwechselnden Sieg nun
Gebest? Denn nicht der Troer, der fallenden, jammert dich jemals!
Aber gehorchtest du mir, was weit zuträglicher wäre;
Jetzt darin ließen wir ruhn den feindlichen Kampf der Entscheidung,
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Heut‘: doch künftig erneun sie die Feldschlacht, bis sie das Schicksal
Ilios endlich erreicht; dieweil es also im Herzen
Euch Göttinnen gefällt, die hohe Stadt zu verwüsten.
Drauf antwortete Zeus‘ blauäugige Tochter Athene:
Also sei’s, Ferntreffer; denn dies auch selber gedenkend
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Kam ich anjetzt vom Olympos zu Troern herab und Achaiern.
Aber wohlan, wie strebst du den Kampf der Männer zu stillen?
Ihr antwortete drauf Zeus‘ Sohn, der Herrscher Apollon:
Hektor erhöhn wir den Mut, dem gewaltigen Rossebezähmer,
Ob er einzeln vielleicht der Danaer einen hervorruft,
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Gegen ihn anzukämpfen in schreckenvoller Entscheidung;
Und ob dann unwillig die erzumschienten Achaier
Einen allein hersenden zum Kampf mit dem göttlichen Hektor.
Jener sprach’s; ihm gehorchte die Herrscherin Pallas Athene.
Helenos aber vernahm, des Priamos‘ Sohn, in der Seele
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Jenen Rat, der beider unsterblichen Sinne gefallen;
Eilend trat er zu Hektor hinan, und redete also:
Hektor, Priamos‘ Sohn, an Ratschluß gleich dem Kronion,
Willst du jetzt mir gehorchen Dein liebender Bruder ja bin ich.
Heiße die anderen ruhn, die Troer umher und Achaier;
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Selbst dann rufe hervor den tapfersten aller Achaier,
Gegen dich anzukämpfen in schreckenvoller Entscheidung.
Denn noch nicht dir fällt es, den Tod und das Schicksal zu dulden:
Also vernahm ich die Stimme der ewigwährenden Götter.
Jener sprach’s; doch Hektor erfreute sich hoch ob der Rede;
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Trat dann hervor in die Mitt‘, und hemmte die troischen Haufen,
Haltend die Mitte des Speers; und still nun standen sie alle.
Auch Agamemnon setzte die hellumschienten Achaier.
Aber Pallas Athen‘ und der Gott des silbernen Bogens
Setzten sich beid‘, an Gestalt wie zween hochfliegende Geier,
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Auf die erhabene Buche des ägiserschütternden Vaters,
Froh die Männer zu schaun; und die Ordnungen saßen gedrängt nun,
Dicht von Schilden und Helmen und ragenden Lanzen umstarret.
So wie unter dem West hinschauert ins Meer ein Gekräusel,
Wann er zuerst andrängt, und dunkler die Flut sich erhebet:
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Also saßen geschart die Achaier umher und die Troer
Durch das Gefild‘; und Hektor begann in der Mitte der Völker:
Hört mein Wort, ihr Troer, und hellumschiente Achaier,
Daß ich rede, wie mir das Herz im Busen gebietet.
Unseren Bund hat Zeus der Erhabene nicht vollendet;
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Sondern bösen Entschluß verhänget er beiderlei Völkern:
Bis entweder ihr selbst einnahmt die getürmete Troja,
Oder vor uns ihr erliegt bei den meerdurchwandelnden Schiffen,
Euch ja sind im Heere die tapfersten Helden Achaias.
Wem nun Solcher das Herz mit mir zu kämpfen gebietet,
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Hieher tret‘ er hervor, mit dem göttlichen Hektor zum Vorkampf!
Also beding‘ ich das Wort, und Zeug‘ uns werde Kronion.
Wenn mich jener erlegt mit ragender Spitze des Erzes,
Trag‘ er den Raub des Geschmeides hinab zu den räumigen Schiffen;
Aber den Leib entsend‘ er gen Ilios, daß in der Heimat
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Trojas Männer und Fraun des Feuers Ehre mir geben.
Wenn ich jenen erleg‘, und Ruhm mir gewähret Apollon,
Trag‘ ich den Raub des Geschmeides in Ilios heilige Feste,
Daß ich ihn häng‘ an den Tempel des treffenden Phöbos Apollon;
Doch der Erschlagene kehrt zu den schöngebordeten Schiffen,
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Daß mit Pracht ihn bestatten die hauptumlockten Achaier,
Und ihm ein Grab aufschütten am breiten Hellespontos.
Künftig sagt dann einer der spätgeborenen Menschen,
Im vielrudrigen Schiffe zum dunkelen Meer hinsteuernd:
Seht das ragende Grab des längst gestorbenen Mannes,
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Der einst tapfer im Streit hinsank dem göttlichen Hektor!
Also spricht er hinfort, und mein ist ewiger Nachruhm.
Jener sprach’s; doch alle verstummten umher, und schwiegen;
Schimpflich war’s zu weigern, und anzunehmen gefahrvoll.
Endlich stand Menelaos empor, und redete also,
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Strafend mit herbem Verweis, und schwer erseufzt‘ er im Herzen:
Weh mir, drohende Prahler, Achairinnen, nicht mehr Achaier!
Traun, doch Schmach ist solches und unauslöschliche Schande,
Wenn kein Danaer nun dem Hektor wagt zu begegnen!
Aber o mögt ihr all‘ in Wasser und Erd‘ euch verwandeln.
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Wie ihr umher dasitzet, so herzlos jeder und ruhmlos!
Selber dann gürt‘ ich jenem zum Kampfe mich! Oben im Himmel
Hangen des Siegs Ausgäng‘ an der Hand der unsterblichen Götter!
Jener sprach’s, und hüllte das stattliche Waffengeschmeid‘ um.
Jetzo war, Menelaos, des Lebens Ziel dir genahet,
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Unter Hektors Händen, der weit an Kraft dich besiegte;
Hätten dich nicht auffahrend gehemmt die König‘ Achaias.
Selbst auch Atreus‘ Sohn, der Völkerfürst Agamemnon,
Faßt‘ ihm die rechte Hand, und redete, also beginnend:
Nimm doch Bedacht, Menelaos, du Göttlicher! wenig bedarfst du
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So unbedachtsamer Wut; drum fasse dich, herzlich betrübt zwar;
Und wetteifere nicht, den stärkeren Mann zu bekämpfen,
Hektor, Priamos‘ Sohn, vor dem auch andere zittern!
Ihm hat Achilleus selbst in der männerehrenden Feldschlacht
Schaudernd stets sich genaht, der doch viel stärker wie du ist.
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Du denn setze dich nun, zur Schar der Deinigen wandelnd;
Diesem zum Kampf erhebt sich ein anderer wohl der Achaier.
Mög‘ er auch furchtlos sein, auch unersättlich des Krieges;
Doch wird, mein‘ ich, er froh die ermüdeten Kniee beugen,
Wenn er entrinnt dem blutigen Kampf und der ernsten Entscheidung!
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Also sprach und wandte des Bruders Herz Agamemnon,
Denn sein Wort war gerecht; er gehorcht‘ ihm; und die Genossen
Zogen ihm freudig nunmehr den Waffenschmuck von den Schultern.
Aber Nestor erhub sich in Argos Volk, und begann so:
Wehe, wie großes Leid dem achaiischen Lande herannaht!
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Weinen ja würde vor Schmerz der graue reisige Peleus,
Rühmlich die Myrmidonen mit Rat und Rede beherrschend;
Der einst herzlich erfreut mich fragt‘ in seinem Palaste,
Rings nach aller Argeier Geschlecht und Zeugungen forschend!
Hört‘ er nun, wie sie alle sich scheu hinschmiegen vor Hektor;
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Flehend würd‘ er die Händ‘ empor zu den Himmlischen heben,
Daß aus den Gliedern der Geist einging‘ in Aïdes Wohnung!
Wenn ich, o Vater Zeus, und Pallas Athen‘, und Apollon,
Grünete, so wie einst, da an Keladons reißendem Strome
Kämpfte der Pylier Heer mit Arkadiens Lanzengeübten,
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Hart an Pheias Mauern, wo schnell der Jardanos hinströmt!
Vorn war jenen im Kampf Ereuthalion, ähnlich den Göttern,
Hell um die Schultern geschmückt mit des Areithoos Rüstung,
Jenes erhabenen Helden, der Keulenschwinger mit Namen
Rings von Männern genannt und schöngegürteten Weibern:
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Denn nie trug er Bogen noch ragende Lanz‘ in der Feldschlacht,
Sondern trennte die Reihn mit dem Schwung der eisernen Keule.
Diesen erschlug Lykurgos durch Arglist, nicht durch Gewalt ihn,
Laurend im engen Wege, wo nichts ihm die eiserne Keule
Frommete gegen den Tod: denn zuvor ihm rannte Lykurgos
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Mitten die Lanz‘ in den Leib, daß zurück auf den Boden er hinsank.
Und er entblößt‘ ihn der Wehr, die geschenkt der eherne Ares;
Diese trug er selber hinfort im Getümmel des Ares.
Aber nachdem Lykurgos daheim im Palaste gealtert,
Übergab er die Wehr Ereuthalion, seinem Genossen;
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Der nun trotzend darauf die Tapfersten alle hervorrief.
Doch sie erbebten ihm all‘ und zitterten; keiner bestand ihn.
Mich nur entflammte der Mut voll kühnes Vertrauns zu dem Kampfe,
Unverzagt; doch war an Geburt ich der jüngste von allen.
Und ich kämpft‘ ihm entgegen, und Ruhm verlieh mir Athene.
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Ihn den größesten nun und gewaltigsten Mann erschlug ich,
Daß weit ausgestreckt er umherlag hiehin und dorthin.
Wär‘ ich so jugendlich noch, und ungeschwächtes Vermögens;
Traun bald fände des Kampfs der helmumflatterte Hektor!
Aber von euch ringsher, den tapfersten Helden Achaias,
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Keiner auch wagt es getrost dem Hektor dort zu begegnen!
Also schalt der Greis; da erhuben sich neun in der Heerschar.
Erst vor allen erstand der Herrscher des Volks Agamemnon;
Ihm zunächst der Tydeide, der starke Held Diomedes;
Drauf die Ajas zugleich, mit trotzigem Mute gerüstet;
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Dann Idomeneus selbst, und Idomeneus Kriegesgenoß auch,
Held Meriones, gleich dem männermordenden Ares;
Auch Eurypylos darin, der glänzende Sohn des Euämon;
Thoas auch, der Andrämonid‘, und der edle Odysseus.
Alle sie waren bereit zum Kampf mit dem göttlichen Hektor.
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Doch von neuem begann der gerenische reisige Nestor:
Jetzt durchs Los miteinander entscheidet es, welcher bestimmt sei.
Hoch erfreun wird dieser die hellumschienten Achaier;
Aber er wird auch selbst in seinem Herzen sich freuen,
Wenn er entrinnt dem blutigen Kampf und der ernsten Entscheidung.
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Jener sprach’s; und ein Los bezeichnete jeder sich selber;
Alle warfen sie dann in den Helm Agamemnons des Königs.
Aber das Volk hub flehend die Händ‘ empor zu den Göttern;
Also betete mancher, den Blick gen Himmel gewendet:
Vater Zeus, gib Ajas das Los, o gib’s dem Tydeiden,
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Oder ihm selbst, dem König der golddurchstrahlten Mykene.
Also das Volk; dort schüttelte nun der reisige Nestor;
Und es entsprang dem Helme das Los, das sie selber gewünschet,
Ajas Los; rings trug es der Herold durch die Versammlung
Rechtshin, allen es zeigend, den edelen Helden Achaias.
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Aber nicht erkennend verleugnete solches ein jeder.
Doch wie er jenen erreicht, ringsum die Versammlung durchwandelnd,
Der das bezeichnete warf in den Helm, den strahlenden Ajas;
Hielt er unter die Hand, und hinein warf’s nahend der Herold,
Schnell erkannt‘ er schauend sein Los, und freute sich herzlich;
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Warf es darin vor die Füße zur Erd‘ hin, also beginnend:
Wahrlich mein ist, Freunde, das Los, und ich freue mich selber
Herzlich; dieweil ich hoffe den Sieg vom göttlichen Hektor.
Aber wohlan, indes ich mit Kriegsgerät mich umhülle;
Fleht ihr alle zu Zeus, dem waltenden Sohne des Kronos,
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Vor euch selbst in der Stille, daß nicht die Troer es hören;
Oder mit lautem Gebet, denn niemand fürchten wir wahrlich!
Keiner soll durch Gewalt unwillig mit Zwang mich vertreiben,
Noch durch siegende Kunst; denn nicht unkundig des Krieges
Hoff‘ ich in Salamins Flur geboren zu sein und erzogen!
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Jener sprach’s; und sie flehten zu Zeus Kronion dem Herrscher.
Also betete mancher, den Blick gen Himmel gewendet:
Vater Zeus, ruhmwürdig und hehr, du Herrscher vom Ida,
Gib nun Ajas den Sieg, daß glänzenden Ruhm er gewinne!
Aber ist auch Hektor dir wert, und waltest du seiner;
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Gleich darin schmücke sie beide mit Kraft und Ehre des Sieges!
Also das Volk; denn es deckte mit blinkendem Erze sich Ajas.
Aber nachdem er den Leib ringsum in Waffen gehüllet;
Stürmt‘ er daher, wie Ares der Ungeheure sich nahet,
Der in die Schlacht eingehet zu Männern, welche Kronion
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Trieb zum erbitterten Kampfe der geistverzehrenden Zwietracht:
Also erhub sich Ajas, der ragende Hort der Achaier,
Lächelnd mit finsterem Ernste des Antlitzes; und mit den Füßen
Wandelt‘ er mächtiges Schritts, und schwang die erhabene Lanze.
Sein erfreuten sich hoch die Danaer ringsher schauend;
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Aber dem Volk der Troer durchschauderte Schrecken die Glieder.
Selbst dem Hektor begann sein Herz im Busen zu schlagen;
Doch nicht konnt‘ er nunmehr wo zurückfliehn, noch sich verbergen
Unter die Haufen des Volks; denn er forderte selber den Zweikampf.
Ajas nahte heran, und trug den türmenden Schild vor,
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Ehern und siebenhäutig, den Tychios klug ihm vollendet,
Hoch berühmt in des Leders Bereitungen, wohnend in Hyle:
Dieser schuf ihm den regsamen Schild aus sieben Häuten
Feistgenähreter Stier‘, und umzog zum achten mit Erz sie.
Den nun trug vor der Brust der Telamonier Ajas,
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Stellte sich nahe vor Hektor, und sprach die drohenden Worte:
Hektor, deutlich nunmehr erkennest du, einer mit einem,
Wie sich im Danaervolk noch andere Helden erheben,
Auch nach Peleus‘ Sohn, dem zermalmenden, löwenbeherzten!
Jener zwar bei den schnellen gebogenen Schiffen des Meeres
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Ruht nun, zürnend im Geist dem Hirten des Volks Agamemnon;
Aber auch wir sind Männer, mit Freudigkeit dir zu begegnen,
Und noch viel! Wohlauf, und beginne du Kampf und Entscheidung!
Ihm antwortete drauf der helmumflatterte Hektor:
Ajas, göttlicher Sohn des Telamon, Völkergebieter,
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Denke mich nicht durch Trotz, wie ein schwaches Kind, zu versuchen,
Oder ein Weib, das nimmer des Kriegs Arbeiten gelernet!
Wohl sind mir die Kämpfe bekannt, und die Schlachten der Männer!
Rechtshin weiß ich zu wenden, und links zu wenden den Stierschild,
Dürrer Last, um stets unermüdeter Stärke zu kämpfen;
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Weiß zu Fuß ihn zu tanzen den Tanz des schrecklichen Ares,
Weiß auch rasch im Getümmel die fliegenden Rosse zu lenken!
Aber nicht ereile mein Speer dich, tapferer Krieger,
Heimlich mit laurender List; nein öffentlich, ob er dich treffe!
Sprach’s, und im Schwung‘ entsandt‘ er die weithinschattende Lanze;
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Und sie traf dem Ajas den siebenhäutigen Stierschild
Auf das obere Erz, das ihm zum achten umherlag:
Sechs der Schichten durchdrang das spaltende Erz unbezwingbar,
Doch in der siebenten Haut ermattet es. Wieder entsandt‘ ihm
Ajas der göttliche Held die weithinschattende Lanze;
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Und sie traf dem Hektor den Schild von gerundeter Wölbung.
Siehe den strahlenden Schild durchschmetterte mächtig die Lanze,
Auch in das Kunstgeschmeide des Harnisches drang sie geheftet;
Grad‘ hindurch an der Weiche des Bauchs durchschnitt sie den Leibrock
Stürmend: da wand sich jener, und mied das schwarze Verhängnis.
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Beide dann zogen heraus die ragenden Speer‘, und zugleich nun
Rannten sie an, blutgierig, wie raubverschlingende Löwen,
Oder wie Eber des Waldes von nicht unkriegrischer Stärke.
Priamos‘ Sohn stieß mächtig den Speer auf die Mitte des Schildes;
Doch nicht brach er das Erz, denn rückwärts bog sich die Spitze.
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Ajas stach nun den Schild anlaufend ihm; aber hindurch drang
Schmetternd die eherne Lanz‘, und erschütterte jenen im Angriff.
Streifend am Hals hinfuhr sie, und schwarz entspritzte das Blut ihm.
Doch nicht ruhte vom Kampf der helmumflatterte Hektor;
Sondern wich, und erhub mit nervichter Rechte den Feldstein,
265
Der dort lag im Gefilde, den dunkelen, rauhen und großen;
Schwang ihn hin, und dem Ajas den siebenhäutigen Stierschild
Traf er gerad‘ auf den Nabel, daß ringsum dröhnend das Erz scholl.
Wieder erhub nun Ajas den noch viel größeren Feldstein,
Sandt‘ ihn daher umschwingend, und strengt‘ unermeßliche Kraft an.
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Einwärts brach er den Schild mit dem mühlsteinähnlichen Felsen,
Und verletzt ihm die Kniee, daß rücklings jener dahinsank,
Fest den Schild in der Hand; doch schnell erhub ihn Apollon.
Jetzt auch hätten mit Schwertern in nahem Kampf sie verwundet,
Wenn nicht zween Herolde, die Boten Zeus‘ und der Männer,
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Eilend genaht, von den Troern und erzumschirmten Achaiern,
Dort Idäos, und hier Talthybios, beide verständig.
Zwischen die Kämpfenden streckten die Stäbe sie; aber Idäos
Sprach das Wort, der Herold, verständiges Rates erfahren:
Nun nicht mehr, ihr Kinder, des feindlichen Kampfs und Gefechtes!
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Beide ja seid ihr geliebt dem Herrscher im Donnergewölk Zeus‘;
Beid‘ auch tapfere Streiter: das schaueten jetzo wir alle.
Doch nun nahet die Nacht; gut ist’s, auch der Nacht zu gehorchen.
Gegen ihn rief antwortend der Telamonier Ajas:
Erst den Hektor ermahnt, Idäos, also zu reden;
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Weil er selbst zum Kampfe die Tapfersten alle hervorrief.
Jener beginn‘; und gerne gehorch‘ ich dir, wenn er zuerst will.
Ihm antwortete drauf der helmumflatterte Hektor:
Ajas, dieweil dir ein Gott die Kraft und die Größe verliehen,
Und den Verstand, und im Speere der beste du bist der Achaier;
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Laß uns jetzt ausruhen vom feindlichen Kampf der Entscheidung,
Heut; doch künftig erneun wir die Feldschlacht, bis uns ein Dämon
Trennen wird, und geben der Völker einem den Siegsruhm.
Denn nun nahet die Nacht; gut ist’s, auch der Nacht zu gehorchen:
Daß du dort bei den Schiffen das Herz der Achaier erfreuest,
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Doch vor allen der Freund‘ und deiner lieben Genossen;
Aber ich selbst, heimkehrend in Priamos Stadt des Beherrschers,
Trojas Männer erfreu‘ und saumnachschleppende Weiber,
Welche für mich aufflehend an heiliger Stätte sich sammeln,
Laß uns jetzt auch einander mit rühmlichen Gaben beschenken;
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Daß man sage hinfort bei Troern und bei Achaiern:
Seht, sie kämpften den Kampf der geistverzehrenden Zwietracht,
Und dann schieden sie beid‘ in Freundschaft wieder versöhnet.
Jener sprach’s, und reicht‘ ihm das Schwert voll silberner Buckeln
Samt der Scheid‘ in die Hand, und dem schöngezierten Gehenke.
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Ajas schenkt‘ ihm dagegen den Leibgurt, schimmernd von Purpur.
Also schieden sie beid‘; es kehrte zum Volk der Achaier
Einer, zum Heer der Troer der andere: jene mit Freude
Schaueten nun, daß lebend und unverletzt er daherging,
Ajas Händen entflohn und unaufhaltsamer Stärke;
310
Führten ihn dann in die Stadt, und glaubeten kaum ihn errettet.
Auch den Ajas führten die hellumschienten Achaier
Hin zum Held Agamemnon, der hoch des Sieges erfreut war.
Als sie nunmehr ins Gezelt um Atreus‘ Sohn sich versammelt;
Opferte, jenen zum Schmaus, der Völkerfürst Agamemnon
315
Einen Stier, fünfjährig und feist, dem starken Kronion.
Rasch ihn zogen sie ab, und zerlegeten alles geschäftig,
Schnitten behend‘ in Stücke das Fleisch, und steckten’s an Spieße,
Brieten es dann vorsichtig, und zogen es alles herunter.
Aber nachdem sie ruhten vom Werk, und das Mahl sich bereitet;
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Schmausten sie, und nicht mangelt‘ ihr Herz des gemeinsamen Mahles.
Aber den Ajas ehrt‘ er mit weithinreichendem Rücken,
Atreus‘ Heldensohn, der Völkerfürst Agamemnon.
Aber nachdem die Begierde des Tranks und der Speise gestillt war;
Jetzo begann der Greis den Entwurf zu ordnen in Weisheit,
325
Nestor, der schon eher mit trefflichem Rate genützet;
Dieser begann wohlmeinend, und redete vor der Versammlung:
Atreus‘ Sohn, und ihr andern, erhabene Fürsten Achaias,
Viele ja sind gestorben der hauptumlockten Achaier,
Welchen das schwarze Blut um den schönen Strom des Skamandros
330
Ares der Wütrich vergoß, und die Seelen zum Aïdes sanken.
Darum laß mit dem Morgen den Krieg ausruhn der Achaier,
Daß wir gesamt auf Wagen die Leichname holen, von Rindern
Und Maultieren geführt; alsdann verbrennen wir alle,
Etwas entfernt von den Schiffen, damit einst jeder den Kindern
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Bringe den Staub, wann wieder zum Vaterlande wir heimziehn.
Einen Hügel am Brand‘ erheben wir draußen versammelt
Allen zugleich im Gefild‘; und neben ihm bauen wir eilig
Hochgetürmt die Mauer, uns selbst und den Schiffen zur Schutzwehr.
Drin auch bauen wir Tore mit wohleinfugenden Flügeln,
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Daß bequem durch solche der Weg sei Rossen und Wagen.
Draußen umziehn wir sodann mit tiefem Graben die Mauer,
Welcher rings abwehre den Reisigen Zeug und das Fußvolk;
Daß nicht einst andränge die Macht hochherziger Troer.
Jener sprach’s; und umher die Könige riefen ihm Beifall.
345
Auch die Troer kamen auf Ilios Burg zur Versammlung,
Schreckenvoll und verwirrt, vor Priamos‘ hohem Palaste;
Und vor ihnen begann der verständige Held Antenor:
Hört mein Wort, ihr Troer, ihr Dardaner, und ihr Genossen,
Daß ich rede, wie mir das Herz im Busen gebietet.
350
Auf, die Argeierin Helena nun, und die Schätze mit jener,
Geben wir Atreus‘ Söhnen zurück. Nun streiten wir treulos
Gegen den heiligen Bund; drum hoff ich nimmer, daß Wohlfahrt
Unserem Volke gedeihe, bevor wir also gehandelt.
Also redete jener, und setzte sich. Wieder erhub sich
355
Alexandros der Held, der lockigen Helena Gatte;
Dieser erwiderte drauf, und sprach die geflügelten Worte:
Keineswegs, Antenor, gefällt mir, was du geredet!
Leicht wohl könntest du sonst ein besseres raten, denn solches!
Aber wofern du wirklich in völligem Ernste geredet;
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Traun dann raubeten dir die Unsterblichen selbst die Besinnung!
Jetzo verkünd‘ auch ich den rossebezähmenden Troern;
Grade heraus bekenn‘ ich: Das Weib, nie geb‘ ich es wieder;
Aber das Gut, so viel ich aus Argos führt‘ in die Wohnung,
Will ich gesamt nun erstatten, und noch des Meinen hinzutun.
365
Also redete jener, und setzte sich. Wieder erhub sich
Priamos, Dardalios Enkel, an Rat den Unsterblichen ähnlich;
Dieser begann wohlmeinend, und redete vor der Versammlung:
Hört mein Wort, ihr Troer, ihr Dardaner, und ihr Genossen;
Daß ich rede, wie mir das Herz im Busen gebietet.
370
Jetzo nehmet das Mahl durch das Kriegsheer, so wie gewöhnlich,
Und gedenkt der nächtlichen Hut, und jeder sei wachsam.
Morgen geh‘ Idäos hinab zu den räumigen Schiffen:
Daß er den Fürsten des Volks Agamemnon und Menelaos
Sage die Red‘ Alexandros, um welchen der Streit sich erhoben;
375
Auch dies heilsame Wort dann verkündige, ob sie geneigt sind,
Auszuruhn vom Getöse der Feldschlacht, bis wir die Toten
Erst verbrannt; doch künftig erneuen wir, bis uns ein Dämon
Trennen wird, und geben der Völker einem den Siegsruhm.
Jener sprach’s; da hörten sie aufmerksam, und gehorchten.
380
Ringsum nahm man das Mahl durch das Kriegsheer, Haufen bei Haufen.
Morgens ging Idäos hinab zu den räumigen Schiffen.
Und er fand die Achaier im Rat, die Genossen des Ares,
Neben dem Hinterschiff Agamemnons. Jener sich nahend
Trat in den Kreis, und begann, der lautaustönende Herold:
385
Atreus‘ Söhn‘, und ihr andern, erhabene Fürsten Achaias,
Priamos sendete mich, und die anderen Edlen der Troer,
Daß ich, wär‘ es vielleicht euch angenehm und gefällig,
Sagte die Red‘ Alexandros‘, um welchen der Streit sich erhoben.
Alles Gut, so viel Alexandros in räumigen Schiffen
390
Her gen Troja geführt, (hätt‘ eher der Tod ihn ereilet!)
Will er gesamt euch erstatten, und noch des Seinen hinzutun.
Aber die Jugendvermählte von Atreus‘ Sohn Menelaos
Gibt er nie, wie er sagt; ob zwar ihn die Troer ermahnen.
Dieses Wort auch sollt‘ ich verkündigen, ob ihr geneigt seid
395
Auszuruhn vom Getöse der Feldschlacht, bis wir die Toten
Erst verbrannt; doch künftig erneuen wir, bis uns ein Dämon
Trennen wird, und geben der Völker einem den Siegsruhm.
Jener sprach’s; doch alle verstummten umher, und schwiegen.
Endlich begann vor ihnen der Rufer im Streit Diomedes:
400
Daß nur keiner das Gut Alexandros‘ nehme, ja selbst nicht
Helena! Wohl ja erkennt, auch wer unmündiges Geistes,
Daß nunmehr den Troern das Ziel des Verderbens daherdroht!
Jener sprach’s; da jauchzten ihm rings die Männer Achaias,
Hoch das Wort anstaunend von Tydeus‘ Sohn Diomedes.
405
Jetzo sprach zu Idäos der Völkerfürst Agamemnon:
Selber jetzt, Idäos, vernahmst du das Wort der Achaier,
Welchen Bescheid sie geben; auch mir geliebet es also.
Doch der Toten Verbrennung sei euch mit nichten verweigert.
Nicht ja gebührt Kargheit bei abgeschiedenen Toten,
410
Daß man, nachdem sie gestorben, mit Glut zu besänftigen eile.
Höre den Bund Zeus selber, der donnernde Gatte der Here!
Jener sprach’s, und empor zu den Himmlischen hob er den Scepter.
Aber es kehrt‘ Idäos zur heiligen Ilios wieder.
Jene noch saßen im Rat, die Troer und Dardanionen,
415
Alle gedrängt miteinander, und harreten seiner Zurückkunft.
Jetzo kam Idäos daher, und sagte die Botschaft,
Hingestellt in die Mitte. Da rüsteten jene sich eilig,
Andere, Leichen zu holen, und andere, Holz aus den Wäldern.
Auch die Argeier indes von den schöngebordeten Schiffen
420
Eileten, Leichen zu holen, und andere, Holz aus den Wäldern.
Aber die Sonn‘ erhellte mit jungem Strahl die Gefilde,
Aus des tiefergoßnen Okeanos ruhiger Strömung,
Steigend am Himmel empor. Da begegneten jen‘ einander.
Schwer nun war’s zu erkennen im Schlachtfeld jeden der Männer.
425
Doch sie wuschen mit Wasser den blutigen Mord von den Gliedern,
Heiße Tränen vergießend, und huben sie all‘ auf die Wagen.
Aber zu weinen verbot Held Priamos; jene nun schweigend
Legten gehäuft auf die Scheiter die Leichname, trauriges Herzens,
Zündeten an das Feuer, und kehrten zur heiligen Troja.
430
Also auch dort entgegen die hellumschienten Achaier
Legten gehäuft auf die Scheiter die Leichname, trauriges Herzens,
Zündeten an das Feuer, und kehrten zu räumigen Schiffen.
Als noch nicht der Morgen erschien, nur grauende Dämmrung,
Jetzo erhub um den Brand sich erlesenes Volk der Achaier.
435
Einen Hügel umher erhoben sie draußen versammelt
Allen zugleich im Gefild‘; und neben ihm bauten sie eilig
Hochgetürmt die Mauer, sich selbst und den Schiffen zur Schutzwehr.
Drin auch bauten sie Tore mit wohleinfugenden Flügeln,
Daß bequem durch solche der Weg war Rossen und Wagen.
440
Draußen umzogen sie dann mit tiefem Graben die Mauer,
Breit umher und groß, und drinnen auch pflanzten sie Pfähle.
So arbeiteten hier die hauptumlockten Achaier.
Dort die Götter um Zeus den Wetterleuchtenden sitzend
Staunten dem großen Werke der erzumschirmten Achaier.
445
Unter ihnen begann der Erderschüttrer Poseidon:
Vater Zeus, ist irgend ein Mensch der unendlichen Erde,
Der zu den Himmlischen noch mit Herz und Sinne sich wende?
Siehest du nicht, wie jetzo die hauptumlockten Achaier
Eine Mauer den Schiffen erbaueten, rings auch den Graben
450
Führeten, ohn‘ uns Göttern zuvor Hekatomben zu opfern?
Nun wird diesen ein Ruhm, so weit der Tag sich verbreitet;
Doch vergessen wird jene, die ich und Phöbos Apollon
Einst um Laomedons Stadt mit ringender Kraft gegründet!
Unmutsvoll nun begann der Herrscher im Donnergewölk Zeus:
455
Wehe mir, Erderschüttrer, gewaltiger! welcherlei Rede!
Wenn ja ein anderer noch der Unsterblichen jener Erfindung
Zitterte, der weit schwächer denn du an Arm und Gewalt ist!
Doch dir währet der Ruhm, so weit der Tag sich verbreitet.
Auf wohlan, sobald nun die hauptumlockten Achaier
460
Heimgekehrt in den Schiffen zum lieben Lande der Väter;
Reiße dann ein die Mauer, und stürze sie ganz in die Meerflut,
Wieder das große Gestad‘ umher mit Sande bedeckend,
Daß auch die Spur hinschwinde vom großen Bau der Achaier.
Also redeten jen‘ im Wechselgespräch miteinander.
465
Nieder sank nun die Sonn‘, und der Danaer Werk war vollendet.
Rings in den Zelten erschlugen sie Stier‘, und genossen des Mahles.
Aber viel der Schiffe, mit Wein beladen, aus Lemnos
Landeten, hergesandt vom Jasoniden Euneos,
Welchen Hypsipyle trug dem Völkerhirten Jason.
470
Atreus‘ Söhnen allein, Agamemnon und Menelaos,
Sandt‘ er edleren Trank zum Geschenk her, tausend der Maße.
Dort nun kauften des Weins die hauptumlockten Achaier:
Andere brachten Erz, und andere blinkendes Eisen,
Andere dann Stierhäut‘, und andere lebende Rinder,
475
Andre Gefangne der Schlacht, und bereiteten lieblichen Festschmaus.
Also die Nacht durchharrten die hauptumlockten Achaier
Schmausend; auch dort die Troer in Ilios und die Genossen.
Aber die ganze Nacht sann Unheil Zeus der Erhabne,
Drohend mit Donnergetön; da faßte sie bleiches Entsetzen.
480
Ringsher Wein aus den Bechern vergossen sie; keiner auch durft‘ ihn
Trinken, bevor er gesprengt dem allmächtigen Sohne des Kronos.
Jeder ruhete dann, und empfing die Gabe des Schlafes.

Sechster Gesang

Sechster Gesang

Die Achaier im Vorteil. Hektor eilt in die Stadt, damit seine Mutter Hekabe zur Athene flehe. Glaukos und Diomedes erkennen sich als Gastfreunde. Hekabe mit den edlen Troerinnen fleht. Hektor ruft den Paris zur Schlacht zurück. Er sucht seine Andromache zu Hause, und findet sie auf dem skäischen Tore. Er kehrt mit Paris in die Schlacht.

Einsam war der Troer und Danaer schreckliche Feldschlacht.
Viel nun hierhin und dort durchtobte der Kampf das Gefilde,
Ungestüm aufeinander gewandt erzblinkende Lanzen,
Innerhalb des Simois her und des strömenden Xanthos.
5
Ajas der Telamonide zuerst, Schutzwehr der Achaier,
Brach die Schar der Troer, und schaffte Licht den Genossen,
Treffend den Mann, der der beste des thrakischen Volkes einherging,
Ihn des Eusoros‘ Sohn, den Akamas, groß und gewaltig.
Diesem traf er zuerst den umflatterten Kegel des Helmes,
10
Daß er die Stirne durchbohrt‘; hineindrang tief in den Schädel
Jenem die eherne Spitz‘, und Nacht umhüllt‘ ihm die Augen.
Drauf den Axylos erschlug der Rufer im Streit Diomedes,
Teuthrans Sohn: er wohnt‘ in der schöngebauten Arisbe,
Reich an Lebensgut; auch war er geliebt von den Menschen,
15
Weil er alle mit Lieb‘ herbergete, wohnend am Heerweg.
Doch nicht einer davon entfernt‘ ihm das grause Verderben,
Vor ihn selbst hintretend: es tötete beide der Krieger,
Ihn und den Kampfgenossen Kalesios, der des Gespannes
Lenker ihm war; und zugleich versanken sie unter die Erde.
20
Aber Euryalos nahm des Opheltios Waffen und Dresos;
Drauf den Äsepos ereilt‘ er und Pedasos, die mit der Naïs
Abarbarea einst der edle Bukolion zeugte.
Aber Bukolion war Laomedons Sohn des Erhabnen,
Seines Geschlechts der erste; doch heimlich gebar ihn die Mutter.
25
Hütend vordem der Schafe gewann er Lieb‘ und Umarmung,
Und befruchtet gebar ihm Zwillingssöhne die Nymphe.
Beiden löste nunmehr die Kraft und die strebenden Glieder
Er der Mekisteiad‘, und entzog den Schultern die Rüstung.
Auch den Astyalos schlug der streitbare Held Polypötes;
30
Und den Pedytes bezwang, den Perkosier, stürmend Odysseus
Mit erzblinkender Lanz‘; und Teukros den Held Aretaon.
Nestors mutiger Sohn Antilochos warf den Ableros
Hin, und den Elatos hin der Völkerfürst Agamemnon:
Dieser bewohnt‘ an des Stroms Satniois grünenden Ufern
35
Pedasos luftige Stadt; den Phylakos traf, da er hinfloh,
Leïtos; und Eurypylos nahm des Melanthios Rüstung.
Doch den Adrastos erhaschte der Rufer im Streit Menelaos
Lebend anjetzt; denn die Rosse durchsprengten ihm scheu das Gefilde,
Aber die Füß‘ im Zweige der Tamariske verwickelnd
40
Brachen sie vorn die Deichsel des krummen Geschirrs, und enteilten
Selber zur Stadt, wo noch andre verwilderte Rosse hinaufflohn.
Jener entsank dem Sessel, und taumelte neben dem Rade
Vorwärts hin in den Staub auf das Antlitz. Siehe da naht‘ ihm
Atreus‘ Sohn Menelaos mit weithinschattender Lanze.
45
Aber Adrastos umschlang ihm die Knie‘, und jammerte flehend:
Fahe mich, Atreus Sohn, und nimm dir würdige Lösung.
Viel der Kleinode hegt der begüterte Vater im Hause,
Erz und Goldes genug, und schöngeschmiedetes Eisen.
Hievon reicht mein Vater dir gern unermeßliche Lösung,
50
Wenn er mich noch lebend vernimmt bei den Schiffen Achaias.
Jener sprach’s, und diesem das Herz im Busen bewegt‘ er.
Und schon war er bereit ihn dem Kampfgenossen zu geben,
Der zu den hurtigen Schiffen ihn führete. Doch Agamemnon
Eilete laufend heran, und laut ihn scheltend begann er:
55
Trautester, o Menelaos, warum doch sorgest du also
Jener? Ja herrliche Taten geschahn dir daheim von den Männern
Trojas! Keiner davon entfliehe nun grausem Verderben,
Keiner nun unserem Arm! auch nicht im Schoße das Knäblein,
Welches die Schwangere trägt, auch das nicht! Alles zugleich ihm
60
Sterbe, was Ilios nährt, hinweggerafft und vernichtet!
Also sprach und wandte des Bruders Herz Agamemnon,
Denn sein Wort war gerecht; und er stieß den edlen Adrastos
Weg mit der Hand. Da bohrt‘ ihm der Völkerfürst Agamemnon
Seine Lanz‘ in den Bauch; und er kehrte sich. Atreus Sohn dann
65
Stemmte die Fers‘ auf die Brust, und zog den eschenen Speer aus.
Nestor anjetzt ermahnte mit lautem Ruf die Argeier:
Freund‘, ihr Helden des Danaerstamms, o Genossen des Ares!
Daß nun keiner zu Raub und Beute gewandt mir dahinten
Zaudere, um das meiste hinab zu den Schiffen zu tragen!
70
Laßt uns töten die Männer! Nachher auch könnt ihr geruhig
Leichnamen durch das Gefild‘ ausziehn ihr Waffengeschmeide.
Jener sprach’s, und erregte den Mut und die Herzen der Männer.
Bald nun wären die Troer vor Argos kriegrischen Söhnen
Ilios zugeflohn, durch Ohnmacht alle gebändigt;
75
Aber schnell zu Äneias und Hektor redete nahend
Helenos, Priamos‘ Sohn, der kundigste Vogeldeuter:
Hektor du, und Äneias; denn euch belastet die meiste
Kriegsarbeit der Troer und Lykier, weil ihr die Besten
Seid zu jeglichem Zweck, mit Kraft gerüstet und Weisheit:
80
Steht allhier, und hemmet das Volk zurück vor den Toren,
Rings das Gedräng‘ umwandelnd, bevor in die Arme der Weiber
Fliehend sich jene gestürzt, dem höhnenden Feinde zum Jubel!
Aber nachdem ihr umher die Ordnungen wieder ermuntert,
Wollen wir selbst hier bleibend der Danaer Scharen bekämpfen,
85
Hart bedrängt wie wir sind; denn Not gebietet ja solches:
Hektor, du geh indessen gen Ilios, sage dann eilend
Unserer Mutter es an. Sie, edlere Weiber versammelnd
Hoch auf die Burg, zum Tempel der Herrscherin Pallas Athene
Öffne dort mit dem Schlüssel die Pforte des heiligen Hauses;
90
Und das Gewand, so ihr das köstlichste scheint und das größte
Aller umher im Palast, und ihr das geliebteste selber,
Lege sie hin auf die Kniee der schöngelockten Athene;
Und gelob‘ in dem Tempel ihr zwölf untadliche Kühe,
Jährige, ungezähmte, zu heiligen: wenn sie der Stadt sich,
95
Und der troischen Fraun und zarten Kinder erbarmet;
Wenn sie des Tydeus‘ Sohn von der heiligen Ilios abwehrt,
Jenen Stürmer der Schlacht, den gewaltigen Schreckengebieter,
Den ich fürwahr den Stärksten im Volk der Danaer achte!
Selbst vor Achilleus nicht, dem Herrschenden, zagten wir also,
100
Welcher doch Sohn der Göttin gepriesen wird! Jener, wie heftig
Wütet er! Keiner vermag an Gewalt ihm gleich sich zu stellen!
Jener sprach’s; doch Hektor gehorcht‘ unverdrossen dem Bruder.
Schnell vom Wagen herab mit den Rüstungen sprang er zur Erde.
Schwenkend die spitzigen Lanzen, durchwandelt‘ er alle Geschwader,
105
Rings ermahnend zum Kampf, und erweckte die tobende Feldschlacht.
Jene nun wandten die Stirn‘, und begegneten kühn den Achaiern.
Argos‘ Söhn‘ itzt wichen zurück, und ruhten vom Morde,
Wähnend, es sei ein unsterblicher Gott vom sternichten Himmel
Niedergeeilt, zu helfen den schnell umkehrenden Troern.
110
Hektor anjetzt ermahnte mit lautem Rufe die Troer:
Trojas mutige Söhn‘, und fernberufene Helfer!
Seid nun Männer, o Freund‘, und gedenkt des stürmenden Mutes;
Während ich selbst hinwandle gen Ilios, und die erhabnen
Greise des Rats anmahne, zugleich auch unsere Weiber,
115
Daß sie den Himmlischen flehn, und Sühnhekatomben verheißen.
Dieses gesagt, enteilte der helmumflatterte Hektor.
Oben schlug ihm den Nacken, und tief die Knöchel des schwarzen
Felles Rand, der rings am genabelten Schild‘ ihm umherlief.
Glaukos nun, des Hippolochos‘ Sohn, und der Held Diomedes,
120
Kamen hervor aus den Heeren gerannt in Begierde des Kampfes.
Als sie nunmehr sich genaht, die Eilenden gegeneinander,
Redete also zuerst der Rufer im Streit Diomedes:
Wer doch bist du, Edler, der sterblichen Erdebewohner?
Nie ersah ich ja dich in männerehrender Feldschlacht
125
Vormals; aber anjetzt erhebst du dich weit vor den andern,
Kühnes Muts, da du meiner gewaltigen Lanze dich darstellst.
Meiner Kraft begegnen nur Söhn‘ unglücklicher Eltern!
Aber wofern du ein Gott herabgekommen vom Himmel,
Nimmer alsdann begehr‘ ich mit himmlischen Mächten zu kämpfen.
130
Nicht des Dryas Erzeugter einmal, der starke Lykurgos,
Lebete lang‘, als gegen des Himmels Mächt‘ er gestrebet:
Welcher vordem Dionysos des Rasenden Ammen verfolgend
Scheucht‘ auf dem heiligen Berge Nysseion; alle zugleich nun
Warfen die laubigen Stäbe dahin, da der Mörder Lykurgos
135
Wild mit dem Stachel sie schlug; auch selbst Dionysos voll Schreckens
Taucht‘ in die Woge des Meers, und Thetis nahm in den Schoß ihn,
Welcher erbebt‘, angstvoll vor der drohenden Stimme des Mannes.
Jenem zürnten darauf die ruhig wartenden Götter,
Und ihn blendete Zeus der Donnerer; auch nicht lange
140
Lebt‘ er hinfort, denn verhaßt war er allen unsterblichen Göttern.
Nicht mit seligen Göttern daher verlang‘ ich zu kämpfen.
Wenn du ein Sterblicher bist, und genährt von Früchten des Feldes;
Komm dann heran, daß du eilig das Ziel des Todes erreichest.
Ihm antwortete drauf Hippolochos edler Erzeugter:
145
Tydeus‘ mutiger Sohn, was fragst du nach meinem Geschlechte?
Gleich wie Blätter im Walde, so sind die Geschlechte der Menschen;
Einige streuet der Wind auf die Erd‘ hin, andere wieder
Treibt der knospende Wald, erzeugt in des Frühlinges Wärme:
So der Menschen Geschlecht, dies wächst, und jenes verschwindet.
150
Soll ich dir aber auch dieses verkündigen, daß du erkennest
Unserer Väter Geschlecht; wiewohl es vielen bekannt ist:
Ephyra heißt die Stadt in der rossenährenden Argos,
Wo einst Sisyphos war, der schlaueste unter den Männern,
Sisyphos, Äolos‘ Sohn; der zeugte sich Glaukos zum Sohne;
155
Glaukos darauf erzeugte den herrlichen Bellerophontes,
Welchem Schönheit die Götter und reizende Männerstärke
Schenketen. Aber Prötos ersann ihm Böses im Herzen:
Der aus dem Land‘ ihn vertrieb, dieweil er mächtig beherrschte
Argos‘ Volk, und Zeus ihm Gewalt und Scepter vertrauet.
160
Jenem entbrannt‘ Anteia, des Prötos edle Gemahlin,
Daß sie in heimlicher Lieb‘ ihm nahete; doch er gehorcht‘ ihr
Nicht, der edelgesinnte verständige Bellerophontes.
Jetzo mit Lug erschien sie, und sprach zum Könige Prötos:
Tod dir, oder, o Prötos, erschlage du Bellerophontes,
165
Welcher frech zuliebe mir nahete, wider mein Wollen.
Jene sprach’s; und der König ereiferte, solches vernehmend.
Dennoch vermied er den Mord, denn graunvoll war der Gedank‘ ihm.
Aber er sandt‘ ihn gen Lykia hin, und traurige Zeichen
Gab er ihm, Todesworte geritzt auf gefaltetem Täflein:
170
Daß er dem Schwäher die Schrift darreicht‘, und das Leben verlöre.
Jener wandelte hin, im Geleit obwaltender Götter.
Als er nunmehr gen Lykia kam, und dem strömenden Xanthos;
Ehrt‘ ihn gewogenes Sinns der weiten Lykia König,
Gab neuntägigen Schmaus, und erschlug neun Stiere zum Opfer.
175
Aber nachdem zum zehnten die rosige Eos emporstieg;
Jetzo fragt‘ er den Gast, und hieß ihn zeigen das Täflein,
Welches ihm sein Eidam, der herrschende Prötos gesendet.
Als er nunmehr vernommen die Todesworte des Eidams;
Hieß er jenen zuerst die ungeheure Chimära
180
Töten, die göttlicher Art, nicht menschlicher, dort emporwuchs:
Vorn ein Löw‘, und hinten ein Drach‘, und Geiß in der Mitte,
Schrecklich umher aushauchend die Macht des lodernden Feuers.
Doch er tötete sie, der unsterblichen Zeichen vertrauend.
Weiter darauf bekämpft‘ er der Solymer ruchtbare Völker;
185
Diesen nannt‘ er den härtesten Kampf, den er kämpfte mit Männern.
Drauf zum dritten erschlug er die männliche Hord‘ Amazonen.
Aber dem Kehrenden auch entwarf er betrügliche Täuschung:
Wählend die tapfersten Männer des weiten Lykierlandes
Legt‘ er im Hinterhalt; allein nicht kamen sie heimwärts,
190
Alle vertilgte sie dort der untadliche Bellerophontes.
Als er nunmehr erkannte den Held aus göttlichem Samen;
Hielt er dort ihn zurück, und gab ihm die blühende Tochter,
Gab ihm auch die Hälfte der Königsehre zum Anteil.
Auch die Lykier maßen ihm auserlesene Güter,
195
Schön an Ackergefild‘ und Pflanzungen, daß er sie baute.
Jene gebar drei Kinder dem feurigen Bellerophontes,
Erst Isandros, Hippolochos dann, und Laodameia.
Laodameia ruht‘ in Zeus des Kroniden Umarmung;
Und sie gebar Sarpedon, den götterähnlichen Streiter.
200
Aber nachdem auch jener den Himmlischen allen verhaßt ward;
Irrt‘ er umher einsam, sein Herz von Kummer verzehret,
Durch die aleïsche Flur, der Sterblichen Pfade vermeidend.
Seinen Sohn Isandros ermordete Ares der Wütrich,
Als er kämpft‘ in der Schlacht mit der Solymer ruchtbaren Völkern.
205
Artemis raubt‘ ihm die Tochter, die Lenkerin goldener Zügel.
Aber Hippolochos zeugete mich, ihn rühm‘ ich als Vater.
Dieser sandt‘ in Troja mich her, und ermahnte mich sorgsam,
Immer der erste zu sein, und vorzustreben vor andern;
Daß ich der Väter Geschlecht nicht schändete, welches die ersten
210
Männer in Ephyra zeugt‘, und im weiten Lykierlande.
Sieh aus solchem Geschlecht und Blute dir rühm‘ ich mich jetzo.
Sprachs; doch freudig vernahm es der Rufer im Streit Diomedes.
Eilend steckt‘ er die Lanz‘ in die nahrungsprossende Erde,
Und mit freundlicher Rede zum Völkerhirten begann er:
215
Wahrlich, so bist du mir Gast aus Väterzeiten schon vormals!
Öneus der Held hat einst den untadlichen Bellerophontes
Gastlich im Hause geehrt, und zwanzig Tage geherbergt.
Jen‘ auch reichten einander zum Denkmal schöne Geschenke.
Öneus Ehrengeschenk war ein Leibgurt, schimmernd von Purpur,
220
Aber des Bellerophontes ein goldener Doppelbecher;
Und ihn ließ ich scheidend zurück in meinem Palaste.
Tydeus gedenk‘ ich nicht mehr; denn noch ein stammelnder Knabe
Blieb ich daheim, da vor Thebe das Volk der Achaier vertilgt ward.
Also bin ich nunmehr dein Gastfreund mitten in Argos;
225
Du in Lykia mir, wann jenes Land ich besuche.
Drum mit unseren Lanzen vermeiden wir uns im Getümmel.
Viel ja sind der Troer mir selbst, und der rühmlichen Helfer,
Daß ich töte, wen Gott mir gewährt, und die Schenkel erreichen;
Viel‘ auch dir der Achaier, daß, welchen du kannst, du erlegest.
230
Aber die Rüstungen beide vertauschen wir, daß auch die andern
Schaun, wie wir Gäste zu sein aus Väterzeiten uns rühmen.
Also redeten jen‘, und herab von den Wagen sich schwingend,
Faßten sie beid‘ einander die Händ‘, und gelobten sich Freundschaft.
Doch den Glaukos erregte Zeus, daß er ohne Besinnung
235
Gegen den Held Diomedes die Rüstungen, goldne mit ehrnen,
Wechselte, hundert Farren sie wert, neun Farren die andern.
Als nun Hektor erreicht das skäische Tor und die Buche;
Jetzt umeilten ihn rings die troischen Weiber und Töchter,
Forschend dort nach Söhnen, nach Brüdern dort, und Verwandten,
240
Und den Gemahlen im Heer. Er ermahnte sie, alle die Götter
Anzuflehn; doch vielen war Weh und Jammer verhänget.
Als er den schönen Palast des Priamos jetzo erreichte,
Der mit gehauenen Hallen geschmückt war: aber im Innern
Waren fünfzig Gemächer aus schöngeglättetem Marmor,
245
Dicht aneinander gebaut; es ruheten drinnen des Königs
Priamos Söhn‘ umher, mit blühenden Gattinnen wohnend;
Aber den Töchtern waren zur anderen Seite des Hofes
Zwölf gewölbte Gemächer aus schöngeglättetem Marmor,
Dicht aneinander gebaut; es ruheten drinnen des Königs
250
Priamos Eidam‘ umher, mit züchtigen Gattinnen wohnend:
Dort begegnete Hektor der gernausteilenden Mutter,
Die zu Laodike ging, der holdesten Tochter an Bildung.
Jene faßt ihm die Hand, und redete, also beginnend:
Lieber Sohn, wie kommst du, das wütende Treffen verlassend?
255
Hart uns drängen fürwahr die entsetzlichen Männer Achaias,
Kämpfend um unsere Stadt; daß nun dein Herz dich hierhertrieb,
Deine Hände zu Zeus von Ilios Burg zu erheben!
Aber verzeuch, bis ich jetzo des süßen Weines dir bringe;
Daß du Zeus dem Vater zuvor und den anderen Göttern
260
Sprengest, und dann auch selber des Labetrunks dich erfreuest.
Denn dem ermüdeten Mann ist der Wein ja kräftige Stärkung,
So wie du dich ermüdet, im Kampf für die deinigen stehend.
Ihr antwortete drauf der helmumflatterte Hektor:
Nicht des süßen Weins mir gebracht, ehrwürdige Mutter,
265
Daß du nicht mich entnervst, und des Muts und der Kraft ich vergesse.
Ungewaschener Hand Zeus dunkelen Wein zu sprengen,
Scheu ich mich; nimmer geziemts, den schwarzumwölkten Kronion
Anzuflehn, mit Blut und Kriegesstaube besudelt.
Aber wohlan, zum Tempel der Siegerin Pallas Athene
270
Gehe mit Räuchwerk hin, die edleren Weiber versammelnd;
Und das Gewand, so dir das köstlichste scheint und das größte
Aller umher im Palast, und dir das geliebteste selber,
Solches leg‘ auf die Kniee der schöngelockten Athene,
Und gelob‘ in dem Tempel ihr zwölf untadliche Kühe,
275
Jährige, ungezähmte, zu heiligen: wenn sie der Stadt sich,
Und der troischen Fraun und zarten Kinder erbarmet;
Wenn sie des Tydeus Sohn von der heiligen Ilios abwehrt,
Jenen Stürmer der Schlacht, den gewaltigen Schreckengebieter.
Auf denn, gehe zum Tempel der Siegerin Pallas Athene
280
Du; dieweil zu Paris ich wandele, jenen zu rufen,
Ob er vielleicht noch achte des Rufenden. O daß die Erd‘ ihn
Lebend verschläng‘! Ihn erschuf zum Verderben der Gott des Olympos
Trojas Volk, und Priamos selbst, und den Söhnen des Herrschers.
Säh‘ ich jenen versunken, hinab in Aïdes Wohnung;
285
Dann vergäß‘ ich im Herzen des unerfreulichen Elends!
Jener sprach’s; und die Mutter ins Haus sich wendend, beschied dort
Mägd‘ in die Stadt; und sie riefen die Schar der edleren Weiber.
Selbst dann stieg sie hinab in die lieblich duftende Kammer,
Wo sie die schönen Gewande verwahrete, reich an Erfindung,
290
Werke sidonischer Fraun, die der göttliche Held Alexandros
Selbst aus Sidon gebracht, weithin die Wogen durchschiffend,
Als er Helena heim die Edelentsprossene führte.
Deren enthub itzt Hekabe eins zum Geschenk der Athene,
Welches das größeste war, und das schönste zugleich an Erfindung:
295
Hell wie ein Stern, so strahlt‘ es, und lag am untersten aller.
Und sie enteilt‘, ihr folgten gedrängt die edleren Weiber.
Als sie nunmehr auf der Burg den Tempel erreicht der Athene;
Öffnete jenen die Pforte die anmutvolle Theano,
Kisseus Tochter, vermählt dem Gaulbezähmer Antenor,
300
Welche die Troer geweiht zur Priesterin Pallas Athenens.
All‘ erhuben die Hände mit jammerndem Laut zur Athene.
Aber es nahm das Gewand die anmutvolle Theano,
Legt‘ es hin auf die Kniee der schöngelockten Athene,
Flehete dann gelobend zu Zeus des Allmächtigen Tochter:
305
Pallas Athene voll Macht, Stadtschirmerin, edelste Göttin!
Brich doch jetzo den Speer Diomedes‘; aber ihn selber
Laß auf das Antlitz gestürzt vor dem skäischen Tore sich wälzen!
Daß wir jetzo sofort zwölf stattliche Küh‘ in dem Tempel,
Jährige, ungezähmte, dir heiligen: wenn du der Stadt dich,
310
Und der troischen Fraun und zarten Kinder erbarmest!
Also sprach sie betend; es weigerte Pallas Athene.
Während sie dort nun flehten zu Zeus des Allmächtigen Tochter;
Wandelte Hektor dahin zum schönen Palast Alexandros,
Welchen er selbst sich erbaut mit den kunsterfahrensten Männern
315
Aller umher in Troja, dem Land hochscholliger Äcker:
Diese bereiteten ihm das Gemach und den Saal und den Vorhof,
Hoch auf der Burg, und nahe bei Priamos Wohnung und Hektors.
Dort hinein ging Hektor, der göttliche; und in der rechten
Trug er den Speer, elf Ellen an Läng‘; und vorn an dem Schafte
320
Blinkte die eherne Schärf‘, umlegt mit goldenem Ringe.
Ihn im Gemach dort fand er, die stattlichen Waffen durchforschend,
Panzer und Schild, und glättend das Horn des krummen Geschosses.
Aber Helena saß, die Argeierin, unter den Weibern
Emsig, den Mägden umher anmutige Werke gebietend.
325
Hektor schalt ihn erblickend, und rief die beschämenden Worte:
Sträflicher, nicht geziemt‘ es, so unmutsvoll zu ereifern!
Siehe das Volk verschwindet, um Stadt und türmende Mauer
Kämpfend; und deinethalb ist Feldgeschrei und Getümmel
Rings entbrannt um die Feste! Du zanktest ja selbst mit dem andern;
330
Welchen du wo saumselig ersähst zur traurigen Feldschlacht.
Auf denn, ehe die Stadt in feindlicher Flamme verlodre!
Ihm antwortete drauf der göttliche Held Alexandros:
Hektor, dieweil du mit Recht mich tadeltest, nicht mit Unrecht;
Darum sag‘ ich dir an; doch du vernimm es, und höre.
335
Gar nicht wider die Troer so unmutsvoll und ereifert,
Saß ich hier im Gemach; zum Grame nur wollt‘ ich mich wenden.
Doch nun hat mich die Gattin mit freundlichen Worten beredet,
Auszugehn in die Schlacht; auch scheinet es also mir selber
Besser hinfort zu sein; denn es wechselt der Sieg um die Männer.
340
Aber verzeuch, bis ich jetzo in Kriegesgerät mich gehüllet;
Oder geh, so folg‘ ich, und hoffe dich bald zu erreichen.
Jener sprach’s; ihm erwiderte nichts der gewaltige Hektor.
Aber Helena sprach mit hold liebkosenden Worten:
O mein Schwager, des schnöden, des unheilstiftenden Weibes!
345
Hätte doch jenes Tags, da zuerst mich die Mutter geboren,
Ungestüm ein Orkan mich entführt auf ein ödes Gebirg‘ hin,
Oder hinab in die Wogen des weitaufrauschenden Meeres,
Daß mich die Woge verschlang‘, eh solche Taten geschahen!
Aber nachdem dies Übel im Rat der Götter verhängt ward;
350
Wär‘ ich wenigstens doch des besseren Mannes Gemahlin,
Welcher empfände die Schmach und die kränkenden Reden der Menschen!
Dem ist jetzo kein Herz voll Männlichkeit, noch wird hinfort ihm
Solches verliehn; und ich meine, genießen werd‘ er der Früchte!
Aber o komm doch herein, und setze dich hier auf den Sessel,
355
Schwager; dieweil dir am meisten die Arbeit liegt an der Seele,
Um mich schändliches Weib und die Freveltat Alexandros:
Welchen ein trauriges Los Zeus sendete, daß wir hinfort auch
Bleiben umher ein Gesang der kommenden Menschengeschlechter!
Ihr antwortete drauf der helmumflatterte Hektor:
360
Heiße mich, Helena, nicht so freundlich sitzen; ich darf nicht
Denn schon dringt mir das Herz mit Heftigkeit, daß ich den Troern
Helfe, die sehnsuchtsvoll nach mir Abwesenden umschaun.
Aber du muntere diesen nur auf, auch treib‘ er sich selber;
Daß er noch in den Mauren der Stadt mich wieder erreiche.
365
Denn ich will in mein Haus zuvor eingehn, um zu schauen
Mein Gesind‘, und das liebende Weib, und das stammelnde Söhnlein.
Denn wer weiß, ob ich wieder zurück zu den Meinigen kehre,
Oder jetzt durch der Danaer Hand mich die Götter bezwingen.
Dieses gesagt, enteilte der helmumflatterte Hektor.
370
Bald erreicht‘ er darauf die wohlgebauete Wohnung.
Doch nicht fand er die schöne Andromache dort in den Kammern;
Sondern zugleich mit dem Kind und der Dienerin, schönes Gewandes,
Stand sie annoch auf dem Turm, und jammerte, seufzend und weinend.
Als nun Hektor daheim nicht fand die untadliche Gattin,
375
Trat er zur Schwelle hinan, und rief den Mägden des Hauses:
Auf wohlan, ihr Mägde, verkündiget schnell mir die Wahrheit.
Wohin ging die schöne Andromache aus dem Palaste?
Ob sie zu Schwestern des Manns, ob zu stattlichen Frauen der Schwäger,
Oder zum Haus Athenens sie eilete, wo auch die andern
380
Lockigen Troerinnen die schreckliche Göttin versöhnen?
Ihm antwortete drauf die emsige Schaffnerin also:
Hektor, weil du gebeutst, die Wahrheit dir zu verkünden;
Nicht zu Schwestern des Manns, noch zu stattlichen Frauen der Schwäger,
Oder zum Haus Athenens enteilte sie, wo auch die andern
385
Lockigen Troerinnen die schreckliche Göttin versöhnen;
Sondern den Turm erstieg sie von Ilios, weil sie gehöret,
Daß der Achaier Macht siegreich die Troer bestürme.
Eben geht sie hinaus mit eilendem Schritte zur Mauer,
Einer Rasenden gleich; und die Wärterin trägt ihr das Kind nach.
390
Also sprach zu Hektor die Schaffnerin; schnell aus der Wohnung
Eilt‘ er den Weg zurück durch die wohlbebaueten Gassen.
Als er das skäische Tor, die gewaltige Feste durchwandelnd,
Jetzo erreicht, wo hinaus sein Weg ihn führt‘ ins Gefilde;
Kam die reiche Gemahlin Andromache eilendes Laufes
395
Gegen ihn her, des edlen Eëtions blühende Tochter:
Denn Eëtion wohnt‘ am waldigen Hange des Plakos,
In der plakischen Thebe, Kilikiens Männer beherrschend,
Und er vermählte die Tochter dem erzumschimmerten Hektor,
Diese begegnet‘ ihm jetzt; die Dienerin aber ihr folgend
400
Trug an der Brust das zarte, noch ganz unmündige Knäblein;
Hektors einzigen Sohn, dem schimmernden Sterne vergleichbar.
Hektor nannte den Sohn Skamandrios, aber die andern
Nannten Astyanax ihn, denn allein schirmt‘ Ilios Hektor.
Siehe mit Lächeln blickte der Vater still auf das Knäblein,
405
Aber neben ihn trat Andromache, Tränen vergießend,
Drückt‘ ihm freundlich die Hand, und redete, also beginnend:
Trautester Mann, dich tötet dein Mut noch! und du erbarmst dich
Nicht des stammelnden Kindes, noch mein des elenden Weibes,
Ach bald Witwe von dir! denn dich töten gewiß die Achaier,
410
Alle daher dir stürmend! Allein mir wäre das beste,
Deiner beraubt, in die Erde hinabzusinken; denn weiter
Ist kein Trost mir übrig, wenn du dein Schicksal vollendest,
Sondern Weh! und ich habe nicht Vater mehr noch Mutter!
Meinen Vater erschlug ja der göttliche Streiter Achilleus,
415
Und verhehrte die Stadt, von kilikischen Männern bevölkert,
Thebe mit ragendem Tor: den Eëtion selber erschlug er,
Doch nicht nahm er die Waffen; denn graunvoll war der Gedank‘ ihm;
Sondern verbrannte den Held mit dem künstlichen Waffengeschmeide,
Häufte darauf ihm einmal; und rings mit Ulmen umpflanzten’s
420
Bergbewohnende Nymphen, des Ägiserschütterers Töchter.
Sieben waren der Brüder mir dort in unserer Wohnung;
Diese wandelten all‘ am selbigen Tage zum Aïs;
Denn sie all‘ erlegte der mutige Renner Achilleus
Bei weißwolligen Schafen und schwerhinwandelnden Rindern.
425
Meine Mutter, die Fürstin am waldigen Hange des Plakos,
Führet‘ er zwar hieher mit anderer Beute des Krieges;
Doch befreit‘ er sie wieder, und nahm unendliche Lösung:
Aber sie starb durch Artemis Pfeil im Palaste des Vaters.
Hektor, siehe du bist mir Vater jetzo und Mutter,
430
Und mein Bruder allein, o du mein blühender Gatte!
Aber erbarme dich nun, und bleib‘ allhier auf dem Turme!
Mache nicht zur Waise das Kind, und zur Witwe die Gattin!
Stelle das Heer dorthin bei dem Feigenbaume; denn dort ist
Leichter die Stadt zu ersteigen, und frei die Mauer dem Angriff.
435
Dreimal haben ja dort es versucht die tapfersten Krieger,
Kühn um die Ajas beid‘, und den hohen Idomeneus strebend,
Auch um des Atreus‘ Söhn‘, und den starken Held Diomedes:
Ob nun jenen vielleicht ein kundiger Seher geweissagt,
Oder auch selbst ihr Herz aus eigener Regung sie antreibt.
440
Ihr antwortete drauf der helmumflatterte Hektor:
Mich auch härmt das alles, o Trauteste; aber ich scheue
Trojas Männer zu sehr, und die saumnachschleppenden Weiber,
Wenn ich hier, wie ein Feiger, entfernt das Treffen vermeide.
Auch verbeut es mein Herz; denn ich lernete tapferes Mutes
445
Immer zu sein, und voran mit Trojas Helden zu kämpfen,
Schirmend zugleich des Vaters erhabenen Ruhm, und den meinen!
Zwar das erkenn‘ ich gewiß in des Herzens Geist und Empfindung:
Einst wird kommen der Tag, da die heilige Ilios hinsinkt,
Priamos selbst, und das Volk des lanzenkundigen Königs.
450
Doch nicht kümmert mich so der Troer künftiges Elend,
Nicht der Hekabe selbst, noch Priamos auch des Beherrschers,
Noch der Brüder umher, die dann, so viel und so tapfer,
All‘ in den Staub hinsinken, von feindlichen Händen getötet:
Als wie dein’s, wenn ein Mann der erzumschirmten Achaier
455
Weg die Weinende führt, der Freiheit Tag dir entreißend;
Wenn du in Argos webst für die Herrscherin, oder auch mühsam
Wasser trägst aus dem Quell Hypereia, oder Messeïs,
Sehr unwilliges Muts; doch hart belastet der Zwang dich!
Künftig sagt dann einer, die Tränenvergießende schauend:
460
Hektors Weib war diese, des tapfersten Helden im Volke
Rossebezähmender Troer, da Ilios Stadt sie umkämpften!
Also spricht man hinfort; und neu erwacht dir der Kummer,
Solchen Mann zu vermissen, der retten dich könnt‘ aus der Knechtschaft!
Aber es decke mich Toten der aufgeworfene Hügel,
465
Eh‘ ich deines Geschreies vernehm‘, und deiner Entführung!
Also der Held, und hin nach dem Knäblein streckt‘ er die Arme;
Aber zurück an den Busen der schöngegürteten Amme
Schmiegte sich schreiend das Kind, erschreckt von dem liebenden Vater,
Scheuend des Erzes Glanz, und die flatternde Mähne des Busches,
470
Welchen es fürchterlich sah von des Helmes Spitze herabwehn.
Lächelnd schaute der Vater das Kind, und die zärtliche Mutter.
Schleunig nahm vom Haupte den Helm der strahlende Hektor,
Legete dann auf die Erde den schimmernden; aber er selber
Küßte sein liebes Kind, und wiegt‘ es sanft in den Armen;
475
Dann erhob er die Stimme zu Zeus und den anderen Göttern:
Zeus und ihr anderen Götter, o laßt doch dieses mein Knäblein
Werden dereinst, wie ich selbst, vorstrebend im Volk der Troer,
Auch so stark an Gewalt, und Ilios mächtig beherrschen!
Und man sage hinfort: Der ragt noch weit vor dem Vater!
480
Wann er vom Streit heimkehrt, mit der blutigen Beute beladen
Eines erschlagenen Feinds! Dann freue sich herzlich die Mutter!
Jener sprach’s, und reicht‘ in die Arme der liebenden Gattin
Seinen Sohn; und sie drückt‘ ihn an ihren duftenden Busen,
Lächelnd mit Tränen im Blick; und ihr Mann voll inniger Wehmut
485
Streichelte sie mit der Hand, und redete, also beginnend:
Armes Weib, nicht mußt du zu sehr mir trauren im Herzen!
Keiner wird gegen Geschick hinab mich senden zum Aïs.
Doch dem Verhängnis entrann wohl nie der Sterblichen einer,
Edel oder geringe, nachdem er einmal gezeugt ward.
490
Doch zum Gemach hingehend besorge du deine Geschäfte,
Spindel und Webestuhl, und gebeut den dienenden Weibern,
Fleißig am Werke zu sein. Der Krieg gebühret den Männern
Allen, und mir am meisten, die Ilios Feste bewohnen.
Als er dieses gesagt, da erhob der strahlende Hektor
495
Seinen umflatterten Helm; und es ging die liebende Gattin
Heim, oft rückwärts gewandt, und häufige Tränen vergießend.
Bald erreichte sie nun die wohlgebauete Wohnung
Hektors des Männervertilgers, und fand die Mägd‘ in der Kammer
Viel an der Zahl; und allen erregte sie Kummer und Tränen.
500
Lebend noch ward Hektor beweint in seinem Palaste;
Denn sie glaubten gewiß, er kehre nie aus der Feldschlacht
Wieder heim, der Achaier gewaltigen Händen entrinnend.
Paris auch zauderte nicht in der hochgewölbeten Wohnung;
Sondern sobald er in Waffen von strahlendem Erz sich gehüllet,
505
Eilt‘ er daher durch die Stadt, den hurtigen Füßen vertrauend.
Wie wenn im Stall ein Roß, mit Gerste genährt an der Krippe,
Mutig die Halfter zerreißt, und stampfendes Laufs in die Felder
Eilt, zum Bade gewöhnt des lieblich wallenden Stromes,
Trotzender Kraft; hoch trägt es das Haupt, und rings an den Schultern
510
Fliegen die Mähnen umher; doch stolz auf den Adel der Jugend,
Tragen die Schenkel es leicht zur bekannteren Weide der Stuten:
Also wandelte Paris daher von Pergamos Höhe,
Priamos‘ Sohn, umstrahlt von Waffenglanz, wie die Sonne,
Freudiges Muts; und es flogen die Schenkel ihm. Eilend nun hatt‘ er
515
Hektor den Bruder erreicht, den Erhabenen, als er sich wenden
Wollte vom Ort, wo vertraulich mit seinem Weib‘ er geredet.
Also begann zu jenem der göttliche Held Alexandros:
Wahrlich, mein älterer Bruder, dich Eilenden hielt ich zu lange
Zaudernd auf, und kam nicht ordentlich, wie du befahlest.
520
Ihm antwortete drauf der helmumflatterte Hektor:
Guter, dir darf kein sterblicher Mann, der Billigkeit achtet,
Tadeln die Werke der Schlacht, du bist ein tapferer Streiter.
Oft nur säumest du gern, und willst nicht. Aber es kränkt mir
Innig das Herz, von dir die schmähliche Rede zu hören
525
Unter dem troischen Volk, das um dich so manches erduldet.
Komm, dies wollen hinfort wir berichtigen, wann uns einmal Zeus
Gönnen wird, des Himmels unendlich waltenden Göttern
Dankend den Krug zu stellen der Freiheit in dem Palaste,
Weil wir aus Troja verjagt die hellumschienten Achaier.

Fünfter Gesang

Fünfter Gesang

Diomedes, den Athene zur Tapferkeit erregt, wird von Pandaros geschossen. Er erlegt den Pandaros, und verwundet den Äneias, samt der entführenden Aphrodite. Diese flieht auf Ares Wagen zum Olympos. Apollon trägt, von Diomedes verfolgt, den Äneias in seinen Tempel auf Pergamos, woher er, geheilt bald zurückkehrt. Auf Apollons Ermahnung erweckt Ares die Troer, und die Achaier weichen allmählich. Tlepolemos von Sarpedon erlegt. Here und Athene fahren vom Olympos, den Achaiern gegen Ares zu helfen. Diomedes von Athene ermahnt und begleitet, verwundet den Ares. Der Gott kehrt zum Olympos, und die Göttinnen folgen.

Jetzo schmückt‘ Athene des Tydeus Sohn Diomedes
Hoch mit Kraft und Entschluß, damit vorstrahlend aus allem
Danaervolk er erschien‘, und herrlichen Ruhm sich gewänne.
Flammen ihm hieß auf Helm und Schilde sie mächtig umher glühn:
5
Ähnlich dem Glanzgestirne der Herbstnacht, welches am meisten
Klar den Himmel durchstrahlt, in Okeanos Fluten gebadet:
Solche Glut hieß jenem sie Haupt umflammen und Schultern,
Stürmt‘ ihn dann mitten hinein, wo am heftigsten schlug das Getümmel.
Unter den Troern war ein unsträflicher Priester Hephästos‘,
10
Dares, mächtig und reich, der ins Heer zween Söhne gesendet,
Phegeus und Idäos, geübt in jeglichem Kampfe.
Diese, getrennt vom Haufen, entgegen ihm sprengten sie jetzo,
Beid‘ auf Rossegeschirr; er strebte zu Fuß von der Erde.
Als sie nunmehr sich genaht, die Eilenden gegeneinander;
15
Sendete Phegeus zuerst die weithinschattende Lanze.
Aber es flog dem Tydeiden das Erz links über die Schulter
Hin, und verwundete nicht. Nun schwang auch jener den Wurfspieß,
Tydeus Sohn; und ihm flog nicht umsonst das Geschoß aus der Rechten;
Sondern traf in die Kerbe der Brust, und stürzt‘ ihn vom Wagen.
20
Aber Idäos entsprang, den zierlichen Sessel verlassend;
Denn ihm zagte das Herz, den ermordeten Bruder zu schützen.
Kaum auch, kaum er selber entrann dem schwarzen Verhängnis;
Doch ihn entrückt‘ Hephästos, in schirmende Nacht ihn verhüllend,
Daß nicht ganz ihm versänke das Herz des Greises in Jammer.
25
Seitwärts trieb das Gespann der Sohn des erhabenen Tydeus,
Und ihm führten die Freund‘ es hinab zu den räumigen Schiffen.
Doch wie die mutigen Troer geschaut die Söhne des Dares,
Ihn von dannen entflohn, und ihn entseelt am Geschirre;
Regte sich allen das Herz. Allein Zeus‘ Tochter Athene
30
Faßt‘ an der Hand, und redete so zum tobenden Ares:
Ares, o Ares voll Mord, Bluttriefender, Maurenzertrümmrer!
Lassen wir nicht sie allein die Troer hinfort und Achaier
Kämpfen, zu welcherlei Volk Zeus‘ Vorsicht wende den Siegsruhm;
Doch wir weichen zurück, und meiden den Zorn Kronions?
35
Jene sprach’s, und entführte der Schlacht den tobenden Ares;
Diesen setzte sie drauf am gehügelten Strand des Skamandros.
Argos Söhn‘ itzt drängten den Feind, und jeglichem Führer
Sank ein Mann. Erst stürzte der Völkerfürst Agamemnon
Hodios aus dem Geschirr, den Halizonengebieter.
40
Als er zuerst umwandte, da flog in den Rücken der Speer ihm
Zwischen der Schulterbucht, daß vorn aus dem Busen er vordrang;
Dumpf hinkracht‘ er im Fall, und es rasselten um ihn die Waffen.
Aber Idomeneus tilgte den Sohn des mäonischen Boros,
Phästos, der her aus Tarne, dem scholligen Lande, gekommen.
45
Dieser strebt‘ auf den Wagen empor, doch die ragende Lanze
Stieß ihm der speerberühmte Idomeneus rechts in die Schulter;
Und er entsank dem Geschirr, und Graun des Todes umhüllt‘ ihn;
Aber Idomeneus Freund‘ entzogen ihm eilig die Rüstung.
Ihn, des Strophios Sohn Skamandrios, kundig des Jagens,
50
Raffte mit spitziger Lanze des Atreus Sohn Menelaos,
Jenen tapferen Jäger. Gelehrt von Artemis selber
Traf er alles Gewild, das der Forst des Gebirges ernähret.
Aber nichts ihm nunmehr half Artemis, froh des Geschosses,
Nichts die gepriesene Kunst, ferntreffende Pfeile zu schnellen;
55
Sondern des Atreus Sohn, der streitbare Held Menelaos,
Als er vor ihm hinbebte, durchstach mit dem Speer ihm den Rücken
Zwischen der Schulterbucht, daß vorn aus dem Busen er vordrang.
Jener entsank vorwärts, und es rasselten um ihn die Waffen.
Auch Meriones traf den Phereklos, stammend von Tekton,
60
Harmons Sohn, der mit Händen erfindsam allerlei Kunstwerk
Bildete; denn ihn erkor zum Lieblinge Pallas Athene.
Er hatt‘ auch Alexandros die schwebenden Schiffe gezimmert,
Jene Beginner des Wehs, die Unheil brachten den Troern,
Und ihm selbst; weil nicht er vernahm der Unsterblichen Ausspruch.
65
Diesen traf, da er jetzt im verfolgenden Lauf ihn ereilte,
Rechts hindurch ins Gesäß Meriones, daß ihm die Spitze
Vorn die Blase durchbohrend am Schambein wieder hervordrang.
Heulend sank er aufs Knie, und Todesschatten umfing ihn.
Meges warf den Pedäos dahin, den Sohn des Antenor,
70
Der unehelich war; doch erzog ihn die edle Theano
Gleich den eigenen Kindern, gefällig zu sein dem Gemahle.
Diesem schoß nachrennend der speerberühmte Phyleide
Hinten die spitzige Lanze gerad‘ in die Höhle des Nackens;
Zwischen den Zähnen hindurch zerschnitt die Zunge das Erz ihm;
75
Und er entsank in den Staub, am kalten Erze noch knirschend.
Doch der Euämonid‘ Eurypylos traf den Hypsenor,
Ihn Dolopions Sohn, des Erhabenen, der dem Skamandros
War ein Priester geweiht, wie ein Gott im Volke geehret.
Aber Eurypylos nun, der glänzende Sohn des Euämon,
80
Als er vor ihm hinbebte, verfolgt‘ und schwang in die Schulter
Ihm anstürmend das Schwert, und hieb ihm den nervichten Arm ab:
Blutig entsank ihm der Arm ins Gefild‘ hin; aber die Augen
Übernahm der finstere Tod und das grause Verhängnis.
So arbeiteten jen‘ im Ungestüme der Feldschlacht.
85
Aber des Tydeus Sohn, nicht wüßte man, welcherlei Volks er
Schaltete, ob er mit Troern einherging, ob mit Achaiern.
Denn er durchtobte das Feld, dem geschwollenen Strome vergleichbar,
Voll vom Herbst, der in reißendem Sturz wegflutet die Brücken;
Nicht ihn zu hemmen vermag der Brücken gewaltiges Bollwerk,
90
Auch nicht hemmen die Zäune der grünenden Saatengefilde
Ihn, der sich schleunig ergießt, wann gedrängt Zeus‘ Schauer herabfällt;
Weit dann versinkt vor jenem der Jünglinge fröhliche Arbeit:
Also vor Tydeus Sohn enttaumelten dichte Geschwader
Troisches Volks, und harreten nicht, wie viel sie auch waren.
95
Aber sobald ihn schaute der glänzende Sohn des Lykaon,
Wie er durchtobte das Feld, und umher zerstreute die Scharen;
Richtet‘ auf Tydeus Sohn er sofort sein krummes Geschoß hin,
Schnellte dem Stürmenden zu, und traf ihn rechts an der Schulter
In sein Panzergelenk; ihm flog das herbe Geschoß durch,
100
Grad‘ in die Schulter hinein, und Blut umströmte den Panzer.
Jauchzend erhub die Stimme der glänzende Sohn des Lykaon:
Angedrängt, ihr Troer voll Kriegsmut, Sporner der Rosse!
Denn nun traf’s den besten der Danaer! Nimmer vermut‘ ich
Wird er es lang‘ aushalten, das starke Geschoß, so in Wahrheit
105
Mich Zeus‘ herrschender Sohn zum Streit aus Lykia hertrieb!
Jener riefs aufjauchzend; doch nicht bezwang das Geschoß ihn!
Sondern er wich, und gestellt vor den rossebespanneten Wagen,
Redet‘ er Sthenelos an, den kapaneïschen Sprößling:
Auf, o trautester Kapaneiad‘, und steige vom Wagen,
110
Daß du hervor aus der Schulter das herbe Geschoß mir entziehest.
Jener sprach’s; doch Sthenelos sprang von dem Wagen zur Erde,
Trat hinan, und entzog den durchdringenden Pfeil aus der Schulter;
Hell durchspritzte das Blut die geflochtenen Ringe des Panzers.
Jetzo betete laut der Rufer im Streit Diomedes:
115
Höre, des ägiserschütternden Zeus‘ unbezwungene Tochter!
Wenn du mir je und dem Vater mit sorgsamer Liebe genahet
Im feindseligen Streit; so liebe mich nun, o Athene!
Laß mich treffen den Mann, und den fliegenden Speer ihn erreichen,
Welcher zuvor mich verwundet, und nun frohlockend sich rühmet,
120
Nicht mehr schau‘ ich lange das Licht der strahlenden Sonne!
Also rief er flehend; ihn hörete Pallas Athene.
Leicht ihm schuf sie die Glieder, die Füß‘, und die Arme von oben;
Nahe nun trat sie hinan, und sprach die geflügelten Worte:
Kehre getrost, Diomedes, zum mutigen Kampf mit den Troern;
125
Denn dir goß ich ins Herz die Kraft und Stärke des Vaters,
Unverzagt, wie sie trug der geschildete reisige Tydeus.
Auch das Dunkel entnahm ich den Augen dir, welches sie deckte;
Daß du wohl erkennest den Gott und den sterblichen Menschen.
Drum so etwa ein Gott herannaht, dich zu versuchen;
130
Hüte dich, seligen Göttern im Kampf entgegen zu wandeln,
Allen sonst: doch käme die Tochter Zeus Aphrodite
Her in den Streit, die magst du mit spitzigem Erze verwunden.
Also sprach und enteilte die Herrscherin Pallas Athene.
Aber es flog Diomedes zurück in das Vordergetümmel.
135
Hatt‘ er zuvor im Herzen geglüht, mit den Troern zu kämpfen;
Jetzo ergriff ihn dreimal entflammterer Mut, wie den Löwen,
Welchen der Hirt im Felde, die molligen Schafe bewachend,
Streifte, doch nicht erschoß, da über den Zaun er hereinsprang;
Jenem erhebt sich der Zorn, und hinfort kann keiner ihm wehren,
140
Sondern er dringt in die Ställe hinein, die Verlassenen scheuchend;
Und nun liegen gehäuft die Blutenden übereinander;
Aber voll Wut entspringt er dem hochumschränkten Gehege:
Also drang in die Troer voll Wut der Held Diomedes.
Jetzo rafft‘ er Astynoos hin und den Herrscher Hypeinor:
145
Ihn an der Warze der Brust mit eherner Lanze durchbohrend;
Jenem schwang er ins Schultergelenk des gewaltigen Schwertes
Hieb, daß vom Halse die Schulter sich sonderte, und von dem Rücken.
Diese verließ, und zu Abas enteilet‘ er, und Polyeidos,
Beid‘ Eurydamas Söhne, des traumauslegenden Greises.
150
Doch den Scheidenden hatte der Greis nicht Träume gedeutet;
Sondern es raubt‘ ihr Geschmeide der starke Held Diomedes.
Drauf den Xanthos und Thoon verfolget‘ er, Söhne des Phänops,
Beide spät ihm geboren; und schwach vom traurigen Alter,
Zeugt‘ er kein anderes Kind, sein Eigentum zu ererben.
155
Jener entwaffnete nun, ihr süßes Leben vertilgend,
Beid‘, und ließ den Vater in Gram und finsterer Schwermut
Dort; dieweil nicht lebend sie heim aus dem Treffen ihm kehrten,
Freudig begrüßt, und das Erb‘ eindringende Fremde sich teilten.
Jetzo zween aus Priamos‘ Blut, des Dardanionen,
160
Traf er auf einem Geschirr, den Chromios und den Echemon;
Und wie ein Löw‘ in die Rinder sich stürzt, und den Nacken der starke
Abknirscht, oder der Kuh, die Laubgehölze durchweiden:
Also beide zugleich warf Tydeus Sohn aus dem Wagen
Schrecklich herab mit Gewalt; und hierauf nahm er die Rüstung;
165
Doch das Gespann entführten die Seinigen ihm zu den Schiffen.
Jenen sah Äneias umher verdünnen die Schlachtreihn;
Flugs durcheilt‘ er den Kampf und den klirrenden Sturm der Geschosse,
Rings nach Pandaros forschend, dem Göttlichen, ob er ihn fände.
Jetzo fand er den starken untadlichen Sohn des Lykaon,
170
Trat nun hinan vor jenen, und redete, also beginnend:
Pandaros, wo dein Bogen, und wo die gefiederten Pfeile,
Und dein Ruhm, den weder allhier ein anderer teilet,
Noch in Lykia einer dir abzugewinnen sich rühmet?
Hebe die Hände zu Zeus, und sende dem Mann ein Geschoß hin,
175
Der da umher so schaltet, und schon viel Böses den Troern
Stiftete, weil er Vieler und Tapferer Kniee gelöset!
Ist er nicht etwa ein Gott, der im Zorn heimsuchet die Troer,
Rächend der Opfer Schuld; denn hart ist die Rache der Götter.
Ihm antwortete drauf der glänzende Sohn des Lykaon:
180
Edler Fürst, Äneias, der erzgepanzerten Troer,
Gleich des Tydeus Sohne, dem Feurigen, acht‘ ich ihn völlig;
Denn ich erkenne den Schild, und die längliche Kuppel des Helmes,
Auch sein Rossegeschirr; doch vielleicht auch mag er ein Gott sein.
Ist der Mann, den ich sage, der feurige Sohn des Tydeus;
185
Traun nicht ohne Götter ergrimmt‘ er so, sondern ihm nahe
Steht ein Unsterblicher dort, ein Gewölk um die Schultern sich hüllend,
Der auch das schnelle Geschoß abwendete, welches ihm zuflog.
Denn ihm sandt‘ ich bereits ein Geschoß, und traf ihm die Schulter
Rechts, daß hinein es drang, das Panzergelenk ihm durchbohrend;
190
Und ich hofft‘, ihn hinab zu beschleunigen zum Aïdoneus.
Dennoch bezwang ich ihn nicht. Ein Gott muß wahrlich erzürnt sein.
Auch nicht hab‘ ich die Ross‘, und ein schnelles Geschirr zu besteigen;
Sondern ich ließ in Lykaons Palast elf zierliche Wagen,
Stark und neu vom Künstler gefügt, mit Teppichen ringsum
195
Überhängt; und bei jeglichem stehn zweispännige Rosse
Müßig, mit nährendem Spelt und gelblicher Gerste gesättigt.
Dringend ermahnete zwar der grauende Krieger Lykaon
Mich den Scheidenden dort in der schöngebaueten Wohnung,
Daß ich erhöht im Sessel des rossebespanneten Wagens
200
Trojas Schar anführte zum Ungestüme der Feldschlacht.
Aber ich hörete nicht, (wie heilsam, hätt‘ ich gehöret!)
Schonend des edlen Gespanns, daß mir’s nicht darbte der Nahrung
Bei umzingeltem Volk, da es reichliches Futter gewohnt war.
Also kam ich zu Fuß gen Ilios, ohne die Rosse,
205
Nur dem Bogen vertrauend; allein nichts sollt‘ er mir helfen!
Denn schon zween umher der edleren Helden erreicht‘ ich,
Tydeus Sohn, und des Atreus Sohn; und beiden hervor drang
Helles Blut aus der Wunde: doch reizt‘ ich beide nur stärker.
Zur unseligen Stund‘ enthob ich Bogen und Köcher
210
Jenes Tages dem Pflock, da nach Ilios lieblicher Feste
Trojas Schar ich führte, zu Gunst dem erhabenen Hektor.
Werd‘ ich hinfort heimkehren, und wiedersehn mit den Augen
Vatergefild‘ und Weib, und die hohe gewölbete Wohnung;
Schleunig haue mir dann das Haupt von der Schulter ein Fremdling,
215
Wo nicht dieses Geschoß in loderndes Feuer ich werfe,
Kurz in den Händen geknickt, daß ein nichtiger Tand mich begleitet!
Aber Äneias sprach, der Troer Fürst, ihm erwidernd:
Freund, nicht also geredet! Zuvor wird dieses nicht anders,
Ehe dem Mann wir beide mit Kriegesrossen und Wagen
220
Kühn entgegengerennt, und mit unserer Wehr ihn versuchet.
Auf denn, zu meinem Geschirr erhebe dich, daß du erkennest,
Wie doch troische Rosse gewandt sind, durch die Gefilde
Dort zu sprengen und dort, in Verfolgungen und in Entfliehung.
Uns auch wohl in die Stadt erretten sie, wenn ja von neuem
225
Zeus ihm Ehre verleiht, des Tydeus Sohn Diomedes.
Auf denn, die Geißel sofort, und die purpurschimmernden Zügel,
Nimm; ich selbst verlasse die Ross‘ und warte des Kampfes.
Oder begegn‘ ihm du; und mir sei die Sorge der Rosse.
Ihm antwortete drauf der glänzende Sohn des Lykaon:
230
Lenke du selbst, Äneias, dein Rossegespann mit den Zügeln.
Hurtiger mögen, gewohnt des Lenkenden, jen‘ uns entreißen
Auf dem gebognen Geschirr, wann wieder verfolgt der Tydeide:
Daß sie uns nicht abschweifen umhergescheucht, und dem Schlachtfeld‘
Uns unwillig enttragen, des Eigeners Stimme vermissend;
235
Aber dahergestürmt der Sohn des mutigen Tydeus
Uns dann beid‘ erschlag‘, und entführe die stampfenden Rosse.
Darum lenke du selbst dein Wagengeschirr und die Rosse;
Jenem will ich, so er kommt, mit spitziger Lanze begegnen.
Also redeten beid‘, und den künstlichen Wagen besteigend‘,
240
Sprengten auf Tydeus Sohn sie daher mit hurtigen Rossen.
Sie nahm Sthenelos wahr, der kapaneïsche Krieger,
Wandte sich schnell zum Tydeiden, und sprach die geflügelten Worte:
Tydeus Sohn Diomedes, du meiner Seele Geliebter,
Schau zween tapfere Männer auf dich herstürmen zum Kampfe,
245
Beid‘ unermeßlicher Kraft: der dort, wohlkundig des Bogens,
Pandaros, welcher den Sohn des Lykaon rühmend sich nennet;
Weil Äneias ein Sohn des hochbeherzten Anchises
Trotzt entsprossen zu sein von der Tochter Zeus‘ Aphrodite.
Laß uns schnell im Wagen entfliehn, und wüte mir so nicht
250
Unter dem Vordergewühl, daß nicht dein Leben dir schwinde.
Finster schaut‘ und begann der starke Held Diomedes:
Nichts von Flucht mir gesagt; denn schwerlich möcht‘ ich gehorchen!
Mir nicht ist’s anartend, zurückzubeben im Kampfe,
Oder hinab mich zu schmiegen; noch fest mir dauret die Stärke!
255
Mich verdreußt’s im Wagen zu stehn; vielmehr, wie ich hier bin,
Wandl‘ ich gegen sie an; Furcht wehret mir Pallas Athene.
Nie trägt jene zurück ihr Gespann schnellfüßiger Rosse
Beid‘ aus unseren Händen, wofern auch einer entrinnet.
Eines verkünd‘ ich dir noch, und du bewahr‘ es im Herzen.
260
Wenn ja den Ruhm mir gewährt die ratende Göttin Athene,
Beide sie hinzustrecken; dann unsere hurtigen Rosse
Hemme zurück, das Gezäum am Sesselrande befestigt;
Und zu Äneias‘ Rossen enteile mir, daß du sie wegfährst
Aus der Troer Gewühl zu den hellumschienten Achaiern.
265
Jenes Geschlechts sind diese, das Zeus Kronion dem Troß einst
Gab zum Entgelte des Sohns Ganymedes: edel vor allen
Rossen, so viel‘ umstrahlet das Tageslicht und die Sonne.
Jenes Geschlechts entwandte der Völkerfürst Anchises,
Ohne Laomedons Kunde die eigenen Stuten vermählend,
270
Welche darauf sechs Füllen in seinem Palast ihm gebaren,
Vier von jenen behaltend ernähret‘ er selbst an der Krippe;
Diese gab er Äneias dem Sohn, zween stürmende Renner.
Könnten wir dies‘ erbeuten, dann würd ein herrlicher Ruhm uns!
Also redeten jen‘ im Wechselgespräch miteinander.
275
Schnell nun nahten sie dort, die hurtigen Rosse beflügelnd.
Gegen ihn rufte zuerst der glänzende Sohn des Lykaon:
Feuriger, hochbeherzter, du Sohn des strahlenden Tydeus,
Nicht das herbe Geschoß, das der Bogen schnellte, bezwang dich;
Aber anjetzt mit dem Speere versuch‘ ich es, ob er mir treffe.
280
Sprach’s, und im Schwung‘ entsandt‘ er die weithinschattende Lanze;
Und sie traf auf den Schild des Königes; aber hindurch flog
Stürmend die eherne Spitz‘, und schmetterte gegen den Panzer.
Jauchzend erhub die Stimme der glänzende Sohn des Lykaon:
Ha! das traf doch hindurch in die Weiche dir! Nimmer vermut‘ ich,
285
Wirst du es lang‘ aushalten; und großen Ruhm mir gewährst du!
Drauf begann unerschrocken der starke Held Diomedes:
Nicht getroffen, gefehlt! Doch schwerlich werdet ihr, mein‘ ich,
Eher zur Ruh hingehn, bis wenigstens einer entfallend
Ares mit Blute getränkt, den unaufhaltsamen Krieger!
290
Sprach’s, und entsandte den Speer; ihn richtete Pallas Athene
Grad‘ am Aug‘ in die Nas‘; und die weißen Zähn‘ ihm durchdrang sie;
Hinten zugleich die Zunge zerschnitt das starrende Erz ihm,
Daß die Spitz‘ ihm entfuhr am äußersten Ende des Kinnes.
Und er entsank dem Geschirr, und es rasselten um ihn die Waffen,
295
Reges Gelenks, weitstrahlend; und seitwärts zuckten die Rosse,
Mutig und rasch; ihn aber verließ dort Atem und Stärke.
Aber es stürmt‘ Äneias mit Schild und ragendem Speer an,
Sorgend, daß ihm wegzögen den toten Freund die Achaier.
Rings umwandelt‘ er ihn, wie ein Löw‘ in trotzender Kühnheit;
300
Vor ihn streckt‘ er die Lanz‘, und den Schild von gerundeter Wölbung,
Ihn zu erschlagen bereit, wer nur annahte zu jenem,
Mit graunvollem Geschrei. Da ergriff den gewaltigen Feldstein
Tydeus‘ Sohn, so schwer, daß nicht zween Männer ihn trügen,
Wie nun Sterbliche sind; doch er schwang ihn allein und behende.
305
Hiermit traf er Äneias das Hüftgelenk, wo des Schenkels
Bein in der Hüfte sich dreht, das auch die Pfanne genannt wird;
Und er zermalmt‘ ihm die Pfann‘, und zerriß ihm beide die Sehnen;
Rings auch entblößte die Haut der zackige Stein: und der Held sank
Vorwärts hin auf das Knie, und stemmte die nervichte Rechte
310
Gegen die Erd‘, und die Augen umzog die finstere Nacht ihm.
Dort nun wär‘ er gestorben der Völkerfürst Äneias,
Wenn nicht schnell es bemerkt die Tochter Zeus‘ Aphrodite,
Die dem Anchises vordem ihn gebar bei der Herde der Rinder.
Diese den trautesten Sohn mit Lilienarmen umschlingend,
315
Breitet‘ ihm vor die Falte des silberhellen Gewandes,
Gegen der Feinde Geschoß, daß kein Gaultummler Achaias
Jenem die Brust mit Erze durchbohrt‘, und das Leben entrisse.
Also den trautesten Sohn enttrug sie hinweg aus der Feldschlacht.
Doch nicht Kapaneus Sohn war sorglos jenes Vertrages,
320
Welchen ihm anbefahl der Rufer im Streit Diomedes;
Sondern er hemmt‘ abwärts sein Gespann starkhufiger Rosse
Außer dem Sturm, das Gezäum am Sesselrande befestigt;
Schnell dann Äneias Rosse, die schöngemähnten, entführt‘ er
Aus der Troer Gewühl zu den hellumschienten Achaiern;
325
Gab sie darauf dem Genossen Deïpylos, den er vor allen
Jugendfreunden geehrt, weil fügsames Sinnes sein Herz war:
Daß zu den Schiffen hinab er sie führete. Selber der Held dann
Stieg in das eigne Geschirr, und ergriff die prangenden Zügel,
Lenkte dann schnell zum Tydeiden die mächtig stampfenden Rosse,
330
Freudiges Muts. Der folgte mit grausamem Erze der Kypris,
Weil er erkannte, sie erschein‘ unkriegerisch, keine der andern
Göttinnen, welche der sterblichen Schlacht obwaltend durchwandeln,
Weder Athenens Macht, noch der Städt‘ Unholdin Enyo.
Als er nunmehr sie erreicht, durch Schlachtgetümmel verfolgend;
335
Jetzo die Lanze gestreckt, der Sohn des erhabenen Tydeus,
Traf er daher sich schwingend mit eherner Spitze die Hand ihr,
Zart und weich; und sofort in die Haut ihr stürmte die Lanze
Durch die ambrosische Hülle, die ihr Charitinnen gewebet,
Nah am Gelenk in der Fläche: da rann ihr unsterbliches Blut hin,
340
Klarer Saft, wie den Wunden der seligen Götter entfließet;
Denn nicht essen sie Brot, noch trinken sie funkelndes Weines;
Blutlos sind sie daher, und heißen unsterbliche Götter.
Laut nun schrie die Göttin, und warf zur Erde den Sohn hin.
Aber ihn in den Händen errettete Phöbos Apollon,
345
Hüllend in dunkles Gewölk, daß kein Gaultummler Achaias
Jenem die Brust mit Erze durchbohrt‘, und das Leben entrisse.
Jetzo erhub die Stimme der Rufer im Streit Diomedes.
Weiche zurück, Zeus‘ Tochter, aus Männerkampf und Entscheidung!
Nicht genug, daß du Weiber von schwachem Sinne verleitest?
350
Wo du hinfort in den Krieg dich einmengst; wahrlich ich meine,
Schaudern sollst du vor Krieg, wenn du fern nur nennen ihn hörest!
Jener sprach’s; und verwirrt enteilte sie, Qualen erduldend.
Iris nahm und enttrug sie windschnell aus dem Getümmel,
Ach, vom Schmerze betäubt, und die schöne Hand so gerötet!
355
Jetzo fand sie zur Linken der Schlacht den tobenden Ares
Sitzend, in Nacht die Lanze gehüllt, und die hurtigen Rosse.
Jen‘ auf die Knie‘ hinfallend vor ihrem teuersten Bruder,
Bat und flehete sehr um die goldgeschirreten Rosse.
Teuerster Bruder, schaffe mich weg, und gib mir die Rosse;
360
Daß zum Olympos ich komm‘, allwo die Unsterblichen wohnen.
Heftig schmerzt mich die Wunde; mich traf ein sterblicher Mann dort,
Tydeus‘ Sohn, der anjetzt wohl Zeus den Vater bekämpfte.
Jene sprach’s; und er gab die goldgeschirreten Rosse.
Und sie trat in den Sessel, ihr Herz voll großer Betrübnis.
365
Neben sie trat dann Iris, und faßt‘ in den Händen die Zügel;
Treibend schwang sie die Geißel, und rasch hinflogen die Rosse.
Bald erreichten sie dann die seligen Höhn des Olympos.
Dort nun hemmte die Rosse die windschnell eilende Iris,
Schirrte sie ab vom Wagen, und reicht‘ ambrosische Nahrung.
370
Aber mit Wehmut sank in Dionens Schoß Aphrodite;
Jene ritterlich hielt die göttliche Tochter umarmend,
Streichelte sie mit der Hand, und redete, also beginnend:
Wer mißhandelte dich, mein Töchterchen, unter den Göttern
Sonder Scheu, als hättest du öffentlich Frevel verübet?
375
Ihr antwortete drauf die holdanlächelnde Kypris:
Tydeus‘ Sohn dort traf mich, der stolze Held Diomedes,
Weil ich den lieben Sohn aus dem Kampf enttrug, den Äneias,
Welcher mir vor allen geliebt ist unter den Menschen.
Nicht ist’s mehr der Troer und Danaer schreckliche Feldschlacht;
380
Sondern es nahn die Achaier sogar Unsterblichen kämpfend!
Ihr antwortete drauf die herrliche Göttin Dione:
Dulde, du liebes Kind, und fasse dich, herzlich betrübt zwar!
Viele ja duldeten schon, wir Götter umher des Olympos,
Gram von sterblichen Menschen, indem wir einander gekränket.
385
Ares ertrug’s, als jenen die Riesenbrut des Aloeus,
Otos samt Ephialtes, in schmerzenden Banden gefesselt.
Dreizehn lag er der Mond‘ umschränkt vom ehernen Kerker;
Und er verschmachtete schier, der unersättliche Krieger,
Wenn nicht der Brut Stiefmutter, die reizende Eëriböa,
390
Solches dem Hermes gesagt: der stahl von dannen den Ares,
Kraftlos schon und ermattet; denn hart bezwang ihn die Fessel.
Here auch trug’s, als einst Amphitryons mächtiger Sohn ihr
Mit dreischneidigem Pfeil an der rechten Seit‘ in den Busen
Traf. da hätte sie fast unheilbare Schmerzen empfangen.
395
Selbst auch Aïdes trug’s, der gewaltige Schattenbeherrscher,
Als ihn eben der Mann, der Sohn des Ägiserschüttrers,
Unten am Tor der Toten mit schmerzendem Pfeile verwundet.
Aber er stieg zum Hause des Zeus und dem hohen Olympos,
Traurend das Herz, durchdrungen von wütender Pein; denn geheftet
400
War in der mächtigen Schulter der Pfeil, und quält‘ ihm die Seele.
Doch ihm legt‘ auf die Wunde Päeon lindernden Balsam,
Und er genas; denn nicht war sterbliches Los ihm beschieden.
Kühner, entsetzlicher Mann, der frech, nicht achtend des Frevels,
Sein Geschoß auf Götter gespannt, des Olympos Bewohner!
405
Jenen erregte dir Zeus‘ blauäugige Tochter Athene:
Tor! er erwog nicht solches, der Sohn des mutigen Tydeus,
Daß nicht lange besteht, wer wider Unsterbliche kämpfet,
Daß nicht Kinder ihm einst an den Knien: mein Väterchen! stammeln,
Ihm der gekehrt aus Krieg und schreckenvoller Entscheidung.
410
Darum hüte sich jetzt, wie tapfer er sei, Diomedes,
Daß nicht stärker denn du ein anderer gegen ihn kämpfe;
Daß nicht Ägialeia, die sinnige Tochter Adrastos,
Einst aus dem Schlaf aufschluchzend die Hausgenossen erwecke,
Schwermutsvoll um den Jugendgemahl, den besten Achaier,
415
Sie, das erhabene Weib von Tydeus‘ Sohn Diomedes!
Sprach’s, und trocknete jener mit beiden Händen die Wunde;
Heil ward jetzo die Hand, und besänftiget ruhten die Schmerzen.
Aber es schauten daher Athen‘ und die Herrscherin Here,
Und mit stichelnden Worten erregten sie Zeus Kronion.
420
Also redete Zeus‘ blauäugige Tochter Athene:
Vater Zeus, ob du solches verargen mir wirst, was ich sage?
Sicher bewog nun Kypris ein schönes achaiisches Weiblein,
Mitzugehn zu den Troern, die jetzt unmäßig sie liebet;
Dort vielleicht am Gewande der holden Achaierin streichelnd,
425
Hat sie mit goldener Spange die zarte Hand sich geritzet.
Lächelnd vernahm’s der Vater des Menschengeschlechts und der Götter,
Rief sie heran, und sprach zur goldenen Aphrodite:
Töchterchen, dein Geschäft sind nicht die Werke des Krieges.
Ordne du lieber hinfort anmutige Werke der Hochzeit.
430
Diese besorgt schon Ares der Stürmende, und Athenäa.
Also redeten jen‘ im Wechselgespräch miteinander.
Dort auf Äneias stürzte der Rufer im Streit Diomedes,
Wissend zwar, daß selber Apollons Hand ihn bedeckte.
Doch nicht scheut‘ er den Gott, den gewaltigen; sondern begierig
435
Strebt‘ er zu töten den Held, und die prangende Rüstung zu rauben.
Dreimal stürzt‘ er hinan, voll heißer Begier zu ermorden;
Dreimal erregte mit Macht den leuchtenden Schild ihm Apollon.
Als er das vierte Mal drauf anstürmete, stark wie ein Dämon,
Rief mit schrecklichem Drohn der treffende Phöbos Apollon:
440
Hüte dich, Tydeus‘ Sohn, und weiche mir! Nimmer den Göttern
Wage dich gleich zu achten; denn gar nicht ähnliches Stammes
Sind unsterbliche Götter, und erdumwandelnde Menschen!
Jener sprach’s; da entwich mit zauderndem Schritt Diomedes,
Scheuend den furchtbaren Zorn des treffenden Phöbos Apollon.
445
Doch den Äneias enttrug dem Schlachtgetümmel Apollon,
Wo sein Tempel ihm stand auf Pergamos heiliger Höhe.
Sein dort pflegeten Leto und Artemis, froh des Geschosses,
Drinnen im heiligsten Raum, ihm Kraft und Herrlichkeit schenkend.
Jener schuf ein Gebild, der Gott des silbernen Bogens,
450
Selbst dem Äneias gleich an Gestalt und jeglicher Rüstung;
Und um das Bild die Troer und hochbeherzten Achaier
Haueten wild einander umher an den Busen die Stierhaut
Schöngeründeter Schild‘ und leichtgeschwungener Tartschen.
Doch zum tobenden Ares begann nun Phöbos Apollon:
455
Ares, o Ares voll Mord, Bluttriefender, Maurenzertrümmrer!
Möchtest du nicht den Mann aus der Schlacht hingehend vertreiben,
Tydeus‘ Sohn, der anjetzt wohl Zeus den Vater bekämpfte?
Kypris traf er zuerst, die Hand am Knöchel verwundend;
Aber darauf mich selber bestürmet er, stark wie ein Dämon!
460
Dieses gesagt, ging jener auf Pergamos Höhe sich setzend.
Aber die Troer durcheilt‘ und ermunterte Ares der Wütrich,
Akamas gleich an Gestalt, dem rüstigen Führer der Thraker.
Jetzt des Priamos Söhnen, den gottbeseligten, rief er:
O ihr Priamos Söhne, des gottbeseligten Herrschers,
465
Bis wie lang‘ erlaubt ihr das Morden des Volks den Achaiern?
Bis vielleicht um der Stadt schönprangende Tore gekämpft wird?
Liegt doch der Mann, den gleich wir geehrt dem göttlichen Hektor,
Dort Äneias, der Sohn des hochgesinnten Anchises!
Aber wohlan, dem Getümmel entreißt den edlen Genossen!
470
Jener riefs, und erregte den Mut und die Herzen der Männer.
Jetzo begann Sarpedon, und schalt den göttlichen Hektor:
Hektor, wohin entflohe der Mut dir, den du zuvor trugst?
Schirmen auch ohne Volk und Verbündete wolltest du Troja,
Du allein mit den Schwägern und deinen leiblichen Brüdern!
475
Keinen davon nun kann ich umherschaun, oder erblicken;
Sondern geschmiegt sind alle, wie scheue Hund‘ um den Löwen;
Doch wir tragen die Schlacht, die wir als Berufene mitgehn.
Auch ich selbst, ein Bundesgenoß, sehr ferne ja kam ich,
Her aus dem Lykierland‘ an Xanthos wirbelnden Fluten:
480
Wo ein geliebtes Weib und ein zarter Sohn mir zurückblieb,
Auch der habe so viel, als nur ein Darbender wünschet.
Aber auch so ermahn‘ ich die Lykier, eifere selbst auch,
Meinem Mann zu begegnen; wiewohl nichts solches mir hier ist,
Welches hinweg mir trüg‘ ein Danaer, oder entführte.
485
Doch du stehst da selber, und auch nicht andere treibst du
Auszuharren im Volk, und Schutz zu schaffen den Weibern.
Daß nur nicht, wie gefangen im weiteinschließenden Zuggarn,
Ihr feindseligen Männern zu Raub und Beute dahinsinkt,
Welche sie bald austilgten, die Stadt voll prangender Häuser!
490
Dir ja gebührt’s, das alles bei Tag‘ und Nacht zu besorgen,
Flehend umher den Fürsten der fernberufenen Helfer,
Rastlos hier zu bestehn, und nicht zu drohen mit Vorwurf!
Also sprach Sarpedon, das Herz verwundend dem Hektor.
Schnell vom Wagen herab mit den Rüstungen sprang er zur Erde.
495
Schwenkend die spitzigen Lanzen, durchwandelt‘ er alle Geschwader,
Rings ermahnend zum Kampf, und erweckte die tobende Feldschlacht.
Jene nun wandten die Stirn, und begegneten kühn den Achaiern;
Argos Volk dort harrte, gedrängt in Scharen und furchtlos.
Doch wie der Wind hinträget die Spreu durch heilige Tennen,
500
Unter der Wurfeler Schwung, wann die gelbgelockte Demeter
Sondert die Frucht und die Spreu im Hauch andrängender Winde;
Fern dann häuft das weiße Gestöber sich: also umzog nun
Weiß von oben der Staub die Danaer, den durch die Heerschar
Hoch zum ehernen Himmel emporgeschlagen die Rosse,
505
Wieder zum Kampf anrennend, da rings umwandten die Lenker.
Rasch mit der Hände Gewalt vorstrebten sie. Aber in Nacht nun
Hüllte der tobende Ares die Schlacht, zum Schirme den Troern,
Wandelnd um jegliche Schar, und richtete aus die Ermahnung,
Was ihm Phöbos Apollon mit goldenem Schwerte geheißen,
510
Trojas Volke den Mut zu erhöhn; als Pallas Athene
Scheiden er sah, die dort als Helferin ging den Achaiern.
Jener entsandt‘ Äneias nunmehr aus des prangenden Tempels
Heiligtum, und erfüllte mit Kraft den Hirten der Völker.
Plötzlich trat zu den Seinen der Herrliche; aber mit Freude
515
Schaueten sie, daß lebend und unverletzt er daherging,
Und voll tapferes Mutes; allein ihn fragete keiner;
Denn es verbot das Geschäft, das sonst Apollon erregte,
Ares der Würger zugleich, und die rastlos lechzende Eris.
Aber die Ajas beid‘, und Odysseus, samt Diomedes,
520
Trieben daher zum Kampfe die Danaer, welche von selbst auch
Weder dem Drang der Troer erzitterten, weder dem Feldruf;
Sondern sie harreten fest, dem Gewölk gleich, welches Kronion
Stellt‘ in ruhiger Luft auf hochgescheitelten Bergen,
Unbewegt, weil schlummert des Boreas Wut, und der andern
525
Vollandrängenden Winde, die bald die schattigen Wolken
Mit lautbrausendem Hauche zerstreut auseinander dahinwehn:
Also standen dem Feind die Danaer ruhig und furchtlos.
Atreus Sohn durcheilte die Heerschar, vieles ermahnend:
Seid nun Männer, o Freund‘, und erhebt euch tapferes Herzens!
530
Ehret euch selbst einander im Ungestüme der Feldschlacht!
Denn wo sich ehrt ein Volk, stehn mehrere Männer denn fallen;
Doch den Fliehenden wird nicht Ruhm gewährt, noch Errettung!
Rief’s, und entsandte den Speer mit Gewalt; und im vorderen Treffen
Streckt‘ er Deïkoon hin, den Freund des edlen Äneias,
535
Pergasos Sohn, den hoch wie Priamos Söhne die Troer
Ehrten; denn rasch war jener im Vorderkampfe zu kämpfen.
Diesem traf mit der Lanze den Schild Agamemnon der Herrscher;
Und nicht hemmete jener den Speer; durchstürmte das Erz ihm
Unten hinein in den Bauch, den künstlichen Gurt ihm durchbohrend.
540
Dumpf hinkracht‘ er im Fall, und es rasselten um ihn die Waffen.
Jetzo entrafft‘ Äneias der Danaer tapferste Männer,
Krethon samt dem Bruder Orsilochos, Söhne Diokles.
Aber der Vater wohnt‘ in der schöngebaueten Fähre,
Reich an Lebensgut, und erwuchs vom Geschlecht des Alpheios,
545
Welcher den breiten Strom hinrollt durch der Pylier Äcker:
Der den Orsilochos zeugt‘, ein großes Volk zu beherrschen;
Aber Orsilochos zeugte den hochgesinnten Diokles;
Und dem Diokles wurden die Zwillingssöhne geboren,
Krethon und Orsilochos, beid‘ allkundig des Streites.
550
Beid‘ als Jünglinge nun in dunkelen Schiffen des Meeres
Folgeten Argos Heere zum Kampf mit den Reisigen Trojas,
Ruhm für Atreus Söhn‘, Agamemnon und Menelaos,
Suchend im Streit: nun hüllte sie dort des Todes Verhängnis.
Wie zween freudige Löwen zugleich auf ragenden Berghöhn
555
Wuchsen genährt von der Mutter, in dunkeler Tiefe des Waldes;
Jetzo Rinder umher und gemästete Schafe sich raubend,
Weit der Männer Gehege verwüsten sie; bis sie nun selber
Fallen durch Menschenhand, von spitzigem Erze getötet:
So voll Kraft, von Äneias gewaltigen Händen besieget,
560
Sanken die zween, gleich Tannen mit hochaufsteigenden Wipfeln.
Ihren Fall betraurte der Rufer im Streit Menelaos.
Rasch durch das Vordergewühl, mit strahlendem Erze gewappnet,
Nahet‘ er, schwenkend den Speer; und das Herz ermuntert‘ ihm Ares,
Weil er hofft‘, ihn gestreckt von Äneias Händen zu schauen.
565
Als ihn Antilochos sahe, der Sohn des erhobenen Nestor,
Eilt er durchs Vordergewühl; denn er sorgt‘ um den Hirten der Völker,
Daß er blieb‘, und dem Volke vereitelte alle die Arbeit.
Beide schon die Arm‘ und die erzgerüsteten Lanzen
Hielten sie gegeneinander gewandt, in Begierde des Kampfes.
570
Aber Antilochos trat dem Völkerhirten zur Seite:
Und nicht harrt‘ Äneias, obgleich ein rüstiger Kämpfer,
Als er sah zween Männer, voll Muts miteinander beharrend.
Jene, nachdem sie die Toten zum Volk der Achaier gezogen,
Ließen dort die Armen gelegt in die Hände der Freunde;
575
Doch sie selber gewandt, arbeiteten wieder im Vorkampf.
Ihnen sank Pylämenes nun, dem Ares vergleichbar,
Fürst der Paphlagonen, der schildgewappneten Streiter:
Welchen des Atreus Sohn, der streitbare Held Menelaos,
Stach, wie er stand, mit der Lanz‘, am Schlüsselbein ihn durchbohrend.
580
Aber Antilochos warf den zügellenkenden Diener,
Mydon, Atymnios Sohn, da er wandte die stampfenden Rosse,
Grad‘ an des Armes Gelenk mit dem Feldstein; daß ihm die Zügel,
Schimmernd von Elfenbein, in den Staub des Gefildes entsanken.
Doch Antilochos naht‘ und hieb ihm das Schwert in die Schläfe;
585
Und er entsank aufröchelnd dem schöngebildeten Sessel,
Häuptlings hinab in den Staub, auf Scheitel gestellt und Schultern.
Also stand er lange, vom lockeren Sande gehalten,
Bis anstoßend die Ross‘ in den Staub hinwarfen den Leichnam;
Denn sie trieb mit der Geißel Antilochos zu den Achaiern.
590
Jetzt wie sie Hektor ersah durch die Ordnungen, stürmt‘ er auf jene
Her mit Geschrei; ihm folgten zugleich Heerscharen der Troer,
Tapfere. Dort ging Ares voran, und die grause Enyo:
Diese Getös‘ herbringend und unermeßlichen Aufruhr;
Ares dort in den Händen die schreckliche Lanze bewegend,
595
Wandelte bald vor Hektor einher, bald folget‘ er jenem.
Ihn erblickt‘ aufschauend der Rufer im Streit Diomedes.
So wie ein Mann unkundig, der Fremdlinge Fluren durchwandernd,
Steht am Rand des reißenden Stroms, der ins Meer sich ergießet,
Starr voll Schaum hinbrausen ihn sieht, und in Eile zurückkehrt:
600
Also entriß der Tydeid‘ in Eile sich, sprach dann zum Volke:
Freunde, wie sehr erstaunen wir doch dem göttlichen Hektor,
Ihm als Lanzenschwinger und unerschrockenen Krieger?
Geht bei ihm doch immer ein Gott, und wehrt dem Verderben!
Jetzt auch naht‘ ihm Ares, der dort wie ein Sterblicher wandert!
605
Auf denn, gegen die Troer zurückgewendet das Antlitz,
Weichen wir, nicht verlangend den Kampf mit unsterblichen Göttern!
Jener sprach’s; und die Troer in Schlachtreihn wandelten näher.
Aber Hektor erschlug zween streiterfahrene Männer,
Beid‘ auf einem Geschirr, Anchialos und Menesthes.
610
Ihren Fall betraurte der Telamonier Ajas.
Näher trat er hinan, und schwang die eherne Lanze;
Selagos Sohn dort traf er, Amphios, welcher in Päsos
Wohnete, güterreich und feldreich; doch das Verhängnis
Führt‘ ihn, Helfer zu sein, dem Priamos her und den Söhnen.
615
Diesen traf am Gurte der Telamonier Ajas,
Daß ihm tief in den Bauch eindrang die ragende Lanze;
Dumpf hinkracht‘ er im Fall. Da naht‘ ihm der leuchtende Ajas,
Rasch die Wehr zu entziehn; doch es schütteten Speere die Troer,
Blinkend und scharfgespitzt, und den Schild umstarreten viele.
620
Jetzo den Fuß anstemmend, die eherne Lanz‘ aus dem Leichnam
Zog er heraus; doch nicht vermocht‘ er die prangende Rüstung
Auch von der Schulter zu nehmen; denn dicht umstürmte Geschoß ihn.
Furcht nun gebot der mächtige Kreis hochherziger Troer,
Welche viel und tapfer ihm droheten, Speere bewegend;
625
Welche, wie groß der Held, wie gewaltig er war, und wie ruhmvoll,
Dennoch zurück ihn drängten; er wich voll jäher Bestürzung.
So arbeiteten jen‘ im Ungestüme der Feldschlacht.
Aber den Herakleiden Tlepolemos, groß und gewaltig,
Trieb auf Sarpedon daher, den göttlichen, böses Verhängnis.
630
Als sie nunmehr sich genaht, die Eilenden gegeneinander,
Sohn zugleich und Enkel des schwarzumwölkten Kronion;
Jetzo hub Tlepolemos an, und redete also:
Herrscher des Lykiervolks Sarpedon, rede, was zwang dich,
Hier in Angst zu vergehn, ein Mann unkundig des Streites?
635
Unwahr preisen sie dich ein Geschlecht des Ägiserschüttrers
Zeus, denn sehr gebricht dir die Heldentugend der Männer,
Welche von Zeus abstammten in vorigen Menschengeschlechtern!
Welch ein anderer war die hohe Kraft Herakles,
Wie man erzählt, mein Vater, der trotzende, löwenbeherzte:
640
Welcher auch hieher kam, Laomedons Rosse zu fordern,
Von sechs Schiffen allein und wenigem Volke begleitet,
Aber die Stadt verödet, und leer die Gassen zurückließ!
Du bist feig im Herzen, und führst hinsterbende Völker;
Und nicht wirst du den Troern, so scheinet es, Hilfe gewähren,
645
Kommend aus Lykiens Flur, auch nicht wenn du tapferer wärest,
Sondern von mir bezwungen zu Aïdes Pforten hinabgehn!
Drauf begann Sarpedon, der Lykier Fürst, ihm erwidernd:
Zwar, Tlepolemos, jener verwüstete Ilios Feste,
Um des erhabenen Helden Laomedons frevelnde Torheit,
650
Weil er für Wohltat ihn mit heftiger Rede bedrohend,
Nicht die Rosse verliehn, weshalb er ferne gekommen.
Doch dir meld‘ ich allhier den Tod und das schwarze Verhängnis,
Durch mich selbst dir bestimmt; von meiner Lanze gebändigt,
Gibst du mir Ruhm, und die Seele dem Sporner der Gaul‘ Aïdoneus.
655
Also sprach Sarpedon; und hoch mit eschenem Wurfspieß
Drohte Tlepolemos her, und zugleich entstürmeten beider
Lange Geschosse der Hand. Es traf dem Gegner Sarpedon
Grad‘ in den Hals, daß hinten die Spitz‘ ihm schrecklich hervordrang;
Schnell umhüllt‘ ihm die Augen ein mitternächtliches Dunkel.
660
Aber Tlepolemos traf den linken Schenkel Sarpedons
Mit dem gewaltigen Speer; und hindurch flog strebend die Spitze,
Bis an den Knochen gedrängt; nur den Tod noch hemmte der Vater.
Jetzo den göttlichen Held Sarpedon führeten liebend
Edle Freund‘ aus dem Kampf, doch die ragende Lanze beschwert‘ ihn,
665
Nachgeschleift; denn keiner bemerkte sie, oder besann sich,
Daß er dem Schenkel entzöge den Wurfspieß, leichter zu wandeln,
Unter der Hast; so in Eil‘ arbeiteten seine Besorger.
Auch Tlepolemos trugen die hellumschienten Achaier
Schnell aus dem Kampfe zurück. Dies sah der edle Odysseus,
670
Voll ausdaurender Kraft; und bewegt ward innig das Herz ihm.
Und er erwog hinfort in des Herzens Geist und Empfindung:
Ob er zuvor Zeus‘ Sohn, des donnerfrohen, verfolgte;
Oder mehreren dort der Lykier raubte das Leben.
Aber Odysseus nicht, dem Erhabenen, gönnte das Schicksal,
675
Zeus‘ gewaltigen Sohn mit scharfem Erz zu erlegen;
Drum in das Volk der Lykier trieb den Mut ihm Athene.
Dort den Köranos rafft‘ er, den Chromios, und den Alastor,
Halios auch, und Alkandros, und Prytanis, auch den Noëmon.
Und noch mehr der Lykier schlug der edle Odysseus,
680
Wenn nicht schnell ihn bemerkt der helmumflatterte Hektor.
Rasch durch das Vordergewühl, mit strahlendem Erze gewappnet,
Kam er, ein Graun der Achaier; doch froh des nahenden Freundes
Ward Zeus‘ Sohn Sarpedon, und sprach mit trauriger Stimme:
Laß nicht, Priamos‘ Sohn, mich nun zum Raub den Achaiern
685
Liegen; verteidige mich! Dann mög‘ auch fliehen mein Leben
Dort in euerer Stadt; dieweil ja nicht mir verhängt ward,
Heimgekehrt in mein Haus, zum lieben Lande der Väter,
Einst mein liebendes Weib und den zarten Sohn zu erfreuen!
Jener sprach’s; ihm erwiderte nichts der gewaltige Hektor!
690
Sondern er stürmte vorbei, voll heißer Begier, wie er eilig
Wegdrängt‘ Argos Volk, und vielen noch raubte das Leben.
Aber den göttlichen Held Sarpedon legten die Freunde
Unter des ägiserschütternden Zeus‘ weitprangende Buche.
Dort nun zog ihm hervor den eschenen Speer aus dem Schenkel
695
Pelagon, tapfer und stark, der ihm ein trauter Genoß war.
Und ihn verließ sein Geist, und Nacht umzog ihm die Augen.
Doch nun atmet‘ er auf, und kühlende Hauche des Nordwinds
Wehten umher Erfrischung dem matt arbeitenden Leben.
Argos Volk, von Ares gedrängt und dem strahlenden Hektor,
700
Wandte sich weder hinab zu den dunkelen Schiffen des Meeres,
Noch auch strebt‘ es entgegen den Streitenden; sondern allmählich
Wichen sie, als sie vernahmen im Heer der Troer den Ares.
Welchen entblößte zuerst, und welchen zuletzt des Geschmeides
Hektor zugleich, des Priamos‘ Sohn, und der eherne Ares?
705
Teuthras den göttlichen Held, und den Rossetummler Orestes,
Drauf den Önomaos auch, und Ätoliens Kämpfer den Trechos,
Helenos, Önops Sohn, und Oresbios, rüstig im Leibgurt:
Der einst Hyle bewohnt, des Reichtums sorgsamer Hüter,
Wo am See Kephissis er bauete, und ihm benachbart
710
Viel der böotischen Männer, der Segensflur sich erfreuend.
Aber nunmehr bemerkte die lilienarmige Here
Argos Volk hinsinkend in schreckenvoller Entscheidung,
Wandte sich schnell zur Athen‘, und sprach die geflügelten Worte:
Weh mir, des ägiserschütternden Zeus‘ unbezwungene Tochter!
715
Traun ein eiteles Wort verhießen wir einst Menelaos,
Heimzugehn ein Vertilger der festummauerten Troja,
Wenn wir so zu wüten dem tobenden Ares vergönnen!
Aber wohlan, auch selber gedenken wir stürmendes Mutes!
Sprach’s; und willig gehorcht‘ ihr Zeus‘ blauäugige Tochter.
720
Jene nun eilt‘ anschirrend die goldgezügelten Rosse,
Here, die heilige Göttin, erzeugt vom gewaltigen Kronos.
Hebe fügt‘ um den Wagen alsbald die gerundeten Räder,
Eherne mit acht Speichen, umher an die eiserne Achse.
Gold ist ihnen der Kranz, unalterndes; aber umher sind
725
Eherne Schienen gelegt, anpassende, Wunder dem Anblick.
Silbern glänzen die Nahen in schönumlaufender Ründung.
Dann in goldenen Riemen und silbernen schwebet der Sessel
Ausgespannt, und umringt mit zween umlaufenden Rändern.
Vornhin streckt aus Silber die Deichsel sich; aber am Ende
730
Band sie das goldene Joch, das prangende; dem sie die Seile,
Schön und golden, umschlang. In das Joch nun fügete Here
Ihr schnellfüßig Gespann, und brannte nach Streit und Getümmel.
Aber Pallas Athene, des Ägiserschütterers Tochter,
Ließ hingleiten das feine Gewand im Palaste des Vaters,
735
Buntgewirkt, das sie selber mit künstlicher Hand sich bereitet.
Drauf in den Panzer gehüllt des schwarzumwölkten Kronions,
Nahm sie das Waffengeschmeide zur tränenbringenden Feldschlacht.
Siehe sie warf um die Schulter die Ägis, prangend mit Quästen,
Fürchterlich, rund umher mit drohendem Schrecken umkränzet.
740
Drauf ist Streit, drauf Stärke und drauf die starre Verfolgung,
Drauf das gorgonische Haupt, des entsetzlichen Ungeheuers,
Schreckenvoll und entsetzlich, das Graun des donnernden Vaters!
Auch umschloß sie das Haupt mit des Helms viergipflichter Kuppel,
Golden und groß, die Streiter aus hundert Städten zu decken.
745
Jetzt in den flammenden Wagen erhub sie sich; nahm dann die Lanze
Schwer und groß und gediegen, womit sie die Scharen der Helden
Bändiget, welchen sie zürnt, die Tochter des schrecklichen Vaters.
Here beflügelte dann mit geschwungener Geißel die Rosse;
Und aufkrachte von selbst des Himmels Tor, das die Horen
750
Hüteten, welchen der Himmel vertraut ward, und der Olympos,
Daß sie die hüllende Wolk‘ itzt öffneten, jetzo verschlossen.
Dort nun lenkten sie durch die leichtgesporneten Rosse.
Jetzo fanden sie Zeus, der entfernt von anderen Göttern
Saß auf dem obersten Gipfel des vielgezackten Olympos.
755
Dort nun hemmt‘ ihr Gespann die lilienarmige Here,
Und den erhabenen Zeus befragte sie, also beginnend:
Zürnst du nicht, Vater Zeus, den gewaltigen Taten des Ares,
Wie er verderbt ein so großes und herrliches Volk der Achaier,
Frech, nicht der Ordnung gemäß? Mich schmerzet es! Aber in Ruhe
760
Freuen sich Kypris zugleich und der Gott des silbernen Bogens,
Welche den Wüterich reizten, der keine Gerechtigkeit kennet!
Vater Zeus, ob du des mir ereifertest, wenn ich den Ares
Schlagend mit traurigem Schlag hinweg aus dem Kampfe verscheuchte?
Ihr antwortete drauf der Herrscher im Donnergewölk Zeus:
765
Frisch nur, gereizt auf jenen die Siegerin Pallas Athene
Die am meisten ihn pflegt in bitteren Schmerz zu versenken!
Jener sprach’s; ihm gehorchte die lilienarmige Here.
Treibend schwang sie die Geißel, und rasch hinflogen die Rosse,
Zwischen der Erd‘ einher und dem sternumleuchteten Himmel.
770
Weit wie die dunkelnde Fern‘ ein Mann durchspäht mit den Augen,
Sitzend auf hoher Wart‘, in das finstere Meer hinschauend:
So weit heben im Sprung sich der Göttinnen schallende Rosse.
Aber nachdem sie Troja erreicht, und die doppelte Strömung,
Wo des Simois Flut sich vereiniget und des Skamandros;
775
Jetzo hemmt ihr Gespann die lilienarmige Here,
Abgelöst vom Wagen, und breitete dichtes Gewölk aus;
Aber Ambrosia sproß der Simois jenen zur Weide.
Sie nun eilten dahin gleich schüchternen Tauben am Gange
Beid‘ entbrannt zu helfen den Männerscharen von Argos.
780
Als sie nunmehr hinkamen, allwo die meisten und stärksten
Standen um Tydeus‘ Sohn, den gewaltigen Rossebezähmer,
Dichtgedrängt, blutgierig, wie raubverschlingende Löwen,
Oder wie Eber des Waldes von nicht unkriegrischer Stärke;
Jetzo stand sie und rufte, die lilienarmige Here,
785
Stentorn gleich, dem starken an Brust und eherner Stimme,
Dessen Ruf laut tönte, wie fünfzig anderer Männer:
Schande doch, Argos Volk, ihr Verworfenen, trefflich an Bildung!
Weil noch mit in die Schlacht einging der edle Achilleus,
Wageten nie die Troer aus Dardanos schirmenden Toren
790
Vorzugehn; denn sie scheuten Achilleus mächtige Lanze!
Nun ist ferne der Stadt bei den räumigen Schiffen ihr Schlachtfeld!
Jene riefs, und erregte den Mut und die Herzen der Männer.
Aber zu Tydeus Sohn enteilete Pallas Athene;
Und sie fand den Herrscher am rossebespanneten Wagen,
795
Wie er die Wund‘ abkühlte, die Pandaros Pfeil ihm gebohret.
Denn ihn quälte der Schweiß, und der Druck des breiten Gehenkes
An dem gerundeten Schild‘; und kraftlos starrte die Hand ihm.
Jetzo hob er den Riemen, und wischte sich dunkeles Blut ab.
Aber das Joch der Rosse berührt‘, und sagte die Göttin:
800
Wenig gleicht dem Erzeuger der Sohn des mutigen Tydeus!
Tydeus dort war klein von Gestalt nur, aber ein Krieger!
Selbst einmal, da ich jenem den Kampf nicht wollte verstatten,
Noch ausschweifenden Trotz, da er einging fern von Achaiern,
Abgesandt in Thebe, zu häufigen Kadmeionen;
805
(Ruhig hieß ich ihn sitzen am Feiermahl im Palaste:)
Dennoch zeigt‘ er den Mut voll Ungestüms, wie beständig,
Rief die Kadmeier zu Kämpfen hervor; und in jeglichem siegt‘ er
Sonder Müh‘: so mächtig als Helferin naht‘ ich ihm selber.
Zwar auch deiner walt‘ ich mit Hilf‘ und schirmender Obhut,
810
Und zu freudigem Kampf ermahn‘ ich dich wider die Troer:
Doch dir starren vielleicht von stürmischer Arbeit die Glieder;
Oder dich lähmt auch Furcht, die entseelende! Nimmer in Zukunft
Scheinst du von Tydeus erzeugt, dem feurigen Sohne des Öneus!
Ihr antwortete drauf der starke Held Diomedes:
815
Wohl erkenn‘ ich dich, Göttin, des Ägiserschütterers Tochter;
Drum verkünd‘ ich dir frei und unverhohlen die Wahrheit.
Weder lähmt mich die Furcht, die entseelende weder die Trägheit;
Sondern annoch gedenk‘ ich, o Herrscherin, deines Gebotes:
Niemals seligen Göttern im Kampf entgegen zu wandeln,
820
Allen sonst; doch käme die Tochter Zeus‘ Aphrodite
Her in den Streit, die möcht‘ ich mit spitzigem Erze verwunden.
Darum weich‘ anjetzo ich selber zurück, und ermahn‘ auch
Andre von Argos Volk, sich hieher alle zu sammeln;
Denn ich erkenne den Ares, der dort das Treffen durchwaltet.
825
Drauf antwortete Zeus‘ blauäugige Tochter Athene:
Tydeus‘ Sohn, Diomedes, du meiner Seele Geliebter,
Fürchte du weder den Ares hinfort, noch einen der andern
Götter umher: so mächtig als Helferin nah‘ ich dir selber!
Mutig, zuerst auf Ares gelenkt die stampfenden Rosse!
830
Dann verwund‘ in der Näh‘, und scheu‘ nicht Ares den Wütrich,
Jenen Rasenden dort, den verderbenden Andrenumandren!
Ihn der neulich mir selbst und zugleich der Here gelobte,
Trojas Volk zu bekämpfen, und beizustehn den Argeiern;
Aber anjetzt die Troer verteidiget, jener vergessend!
835
Jene sprach’s; und sofort den Sthenelos trieb sie vom Wagen,
Ihn mit der Hand abreißend; und nicht unwillig entsprang er.
Doch sie trat in den Sessel zum edlen Held Diomedes,
Heiß in Begierde des Kampfs; laut stöhnte die buchene Achse
Lastvoll, tragend den tapfersten Mann, und die schreckliche Göttin.
840
Geißel sofort und Zügel ergriff nun Pallas Athene,
Eilt‘ und lenkt‘ auf Ares zuerst die stampfenden Rosse.
Jener entwaffnete dort der Ätolier tapfersten Krieger,
Periphas, groß und gewaltig, Ochesios edlen Erzeugten:
Diesen entwaffnete Ares, der blutige. Aber Athene
845
Barg sich in Aïdes Helm, damit nicht Ares sie sähe.
Als nun der mordende Ares ersah Diomedes den Edlen;
Ließ er Periphas schnell, den Gewaltigen, dort in dem Staube
Liegen, allwo er zuerst des Erschlagenen Seele geraubet;
Eilte dann grade daher auf den reisigen Held Diomedes.
850
Als sie nunmehr sich genaht, die Eilenden gegeneinander;
Vor dann streckte der Gott sich über das Joch und die Zügel
Mit erzblinkender Lanz‘, in Begier ihm die Seele zu rauben.
Doch mit der Hand sie ergreifend, die Herrscherin Pallas Athene
Stieß sie hinweg vom Sessel, daß nichtiges Schwungs sie vorbeiflog.
855
Jetzo erhub sich auch jener, der Rufer im Streit Diomedes,
Mit erzblinkender Lanz‘; und es drängte sie Pallas Athene
Gegen die Weiche des Bauchs, wo die eherne Binde sich anschloß:
Dorthin traf und zerriß ihm die schöne Haut Diomedes;
Zog darin die Lanze zurück. Da brüllte der eherne Ares:
860
Wie wenn zugleich neuntausend daherschrien, ja zehntausend
Rüstige Männer im Streit, zu schrecklichem Kampf sich begegnend.
Rings nun erbebte das Volk der Troer umher und Achaier,
Voll von Angst: so brüllte der rastlos wütende Ares.
Jetzo wie hoch aus Wolken umnachtetes Dunkel erscheinet,
865
Wenn nach drückender Schwül‘ ein Donnersturm sich erhebet:
Also dem Held Diomedes erschien der eherne Ares,
Als er in Wolken gehüllt auffuhr zum erhabenen Himmel.
Eilendes Schwungs erreicht‘ er die seligen Höhn des Olympos.
Dort nun saß er bei Zeus dem Donnerer, trauriges Herzens,
870
Zeigte das göttliche Blut, das niedertroff aus der Wunde;
Und er begann wehklagend, und sprach die geflügelten Worte:
Zürnst du nicht, Vater Zeus, die gewaltigen Taten erblickend?
Stets doch haben wir Götter die bitterste Qual zu erdulden,
Einer vom Rat des andern, und Gunst den Menschen gewährend!
875
Doch dir streiten wir alle! denn dein ist die rasende Tochter,
Die, zu verderben entbrannt, nur frevele Taten ersinnet!
Alle die anderen Götter, so viel den Olympos bewohnen,
Folgen dir untertan, und huldigen deinem Gebote.
Jene nur, weder mit Worten bezähmst du sie, weder mit Taten;
880
Sondern vergönnst, weil selbst die verderbende Tochter du zeugtest:
Welche nun den Tydeiden, den stolzen Held Diomedes,
Reizte daherzuwüten auf uns unsterbliche Götter!
Kypris traf er zuerst, die Hand am Knöchel verwundend;
Aber darauf mich selber bestürmet‘ er, stark wie ein Dämon!
885
Nur mit eilenden Füßen entrann ich ihm. Lange vielleicht noch
Räng‘ ich dort mit Qualen im gräßlichen Leichengewimmel;
Oder ich lebt‘ ein Krüppel, entstellt von des Erzes Verwundung!
Finster schaut‘ und begann der Herrscher im Donnergewölk Zeus:
Hüte dich, Andrerumandrer, mir hier zur Seite zu winseln!
890
Ganz verhaßt mir bist du vor allen olympischen Göttern!
Stets doch hast du den Zank nur geliebt, und die Kämpf‘ und die Schlachten!
Gleich der Mutter an Trotz und unerträglichem Starrsinn,
Heren, welche mir kaum durch Worte gebändiget nachgibt!
Auch ihr Rat, wie ich mein‘, hat dieses Weh dir bereitet!
895
Aber ich kann nicht länger es ansehn, daß du dich quälest.
Bist du doch meines Geschlechts, und mir gebar dich die Mutter.
Hätt‘ ein anderer Gott dich erzeugt, heilloser Verderber;
Traun du lägest vorlängst tief unter den Uranionen.
Also Zeus, und gebot dem Päeon, jenen zu heilen.
900
Ihm nun legt‘ auf die Wunde Päeon lindernden Balsam,
Und er genas; denn nicht war sterbliches Los ihm beschieden.
Schnell wie die weiße Milch von Feigenlabe gerinnet,
Flüssig zuvor, wann in Eil‘ umher sie dreht der Vermischer:
Also schloß sich die Wunde sofort dem tobenden Ares.
905
Jetzo badet‘ ihn Hebe, und hüllt‘ ihm schöne Gewand‘ um;
Und er saß bei Kronion dem Donnerer, freudiges Trotzes.
Heim nun kehreten jen‘ in Zeus‘ des Allmächtigen Wohnung,
Here von Argos zugleich, und Athen‘ Alalkomenens Göttin,
Als sie gehemmt den Verderber, den männermordenden Ares.

Vierter Gesang

Vierter Gesang

Zeus und Here beschließen Trojas Untergang. Athene beredet den Pandaros, einen Pfeil auf Menelaos zu schießen. Den Verwundeten heilt Machaon. Die Troer rücken an, und Agamemnon ermuntert die achaiischen Heerführer zum Angriff. Schlacht.

Aber die Götter um Zeus ratschlageten all‘ in Versammlung,
Sitzend auf goldener Flur; sie durchging die treffliche Hebe,
Nektar umher einschenkend; und jen‘ aus goldenen Bechern
Tranken sich zu einander, und schaueten nieder auf Troja,
5
Schnell versuchte Kronion, das Herz der Here zu kränken
Durch aufregende Wort‘, und redete solche Vergleichung:
Zwo sind hier Menelaos der Göttinnen jetzo gewogen,
Here von Argos zugleich, und Athen‘, Alalkomenens Göttin.
Aber beide von fern, des Anschauns nur sich erfreuend,
10
Sitzen sie; weil dem andern die holdanlächelnde Kypris
Stets als Helferin naht, und die graulichen Keren ihm abwehrt.
Nun auch entzog sie jenen, da Todesgraun er zuvorsah.
Aber gesiegt hat wahrlich der streitbare Held Menelaos.
Uns nun laßt erwägen, wohin sich wende die Sache:
15
Ob wir hinfort durch Kriegsgewalt und verderbende Zwietracht
Züchtigen oder in Frieden die beiderlei Völker versöhnen.
Wäre dies euch allen so angenehm und gefällig;
Gern noch möchte sie stehn, des herrschenden Priamos Feste,
Doch Menelaos zurück die Argeierin Helena führen.
20
Jener sprach’s; da murrten geheim Athenäa und Here.
Nahe sich saßen sie dort, nur Unheil sinnend den Troern.
Jene nunmehr blieb schweigend, und redete nichts, Athenäa,
Eifernd dem Vater Zeus, und ihr tobte das Herz in Erbittrung.
Here nur konnte den Zorn nicht bändigen, sondern begann so:
25
Welch ein Wort, Kronion, du schrecklicher, hast du geredet!
Willst du, daß ganz ich umsonst arbeitete, daß ich vergebens
Schweiß der Mühe vergoß, und umher mit ermatteten Rossen
Völker erregt‘, um dem Priamos Gram und den Söhnen zu schaffen?
Tu’s! doch nimmer gefällt es dem Rat der anderen Götter!
30
Unmutsvoll nun begann der Herrscher im Donnergewölk Zeus:
Grausame, was hat Priamos doch und Priamos Söhne
Dir so Böses getan, daß sonder Rast du dich abmühst,
Ilios auszutilgen, die Stadt voll prangender Häuser?
Möchtest du doch, eingehend durch Tor‘ und türmende Mauern,
35
Roh ihn verschlingen, den Priamos selbst und Priamos Söhne,
Samt den Troern umher; dann würde dein Zorn dir gesättigt!
Tue, wie dir’s gefällt: daß nicht der Hader in Zukunft
Beiden, dir selber und mir, zu größerem Zwiste gedeihe.
Eines verkünd‘ ich dir noch, und du bewahr‘ es im Herzen:
40
Wenn auch mir im Eifer hinwegzutilgen gelüstet
Eine Stadt, wo dir erkorene Günstlinge wohnen;
Daß du alsdann nicht weilest den Rächenden, sondern mich lassest!
Gab doch ich selbst dir willig, obgleich unwilliges Herzens.
Denn was unter der Sonn‘ und dem sternumleuchteten Himmel
45
Irgend erscheint von Städten der sterblichen Erdebewohner;
Hoch mir vor allen geehrt war Ilios heilige Feste,
Priamos selbst, und das Volk des lanzenkundigen Königs.
Nie ja mangelte mir der Altar des gemeinsamen Mahles,
Nie des Weins und Gedüftes, das uns zur Ehre bestimmt ward.
50
Ihm antwortete drauf die hoheitblickende Here:
Siehe drei vor allen sind mir die geliebtesten Städte,
Argos und Sparta zugleich, und die weitdurchwohnte Mykene:
Diese verderb‘ im Zorn, wenn etwa dein Herz sie erbittern;
Niemals werd‘ ich solche verteidigen, oder dir eifern.
55
Wenn ich ja gleich mißgönnend dir wehrete, sie zu verderben;
Nichts doch schaffte mein Tun; denn weit gewaltigen bist du.
Aber auch mein Arbeiten geziemet es nicht zu vereiteln.
Denn auch ich bin Göttin, entstammt dem Geschlechte, woher du;
Ich die erhabenste Tochter gezeugt vom verborgenen Kronos,
60
Zweifach erhöht, an Geburt, und weil ich deine Genossin
Ward ernannt, der du mächtig im Kreis der Unsterblichen wartest.
Aber wohlan, dies wollen wir nachsehn einer dem andern,
Dir ich selbst, und du mir; auch andre unsterbliche Götter
Folgen uns dann. Doch jetzo beschleunige Pallas Athene,
65
Hinzugehn in der Troer und Danaer furchtbare Schlachtreihn;
Daß sie versuch‘, ob die Troer die siegesstolzen Achaier
Etwa zuerst anfahn zu beleidigen wider den Eidschwur.
Sprach’s; ihr gehorchte der Vater des Menschengeschlechts und der Götter,
Wandte sich schnell zur Athen‘, und sprach die geflügelten Worte:
70
Eile sofort in das Heer der Troer hinab und Achaier;
Daß du versuchst, ob die Troer die siegesstolzen Achaier
Etwa zuerst anfahn zu beleidigen wider den Eidschwur.
Also Zeus, und erregte die schon verlangende Göttin;
Stürmendes Schwungs entflog sie den Felsenhöhn des Olympos.
75
Gleich wie ein Stern, gesendet vom Sohn des verborgenen Kronos,
Schiffenden, oder dem Heere gewaffneter Völker zum Zeichen,
Strahlend brennt, und im Flug‘ unzählige Funken umhersprüht:
Also senkt‘ hineilend zur Erde sich Pallas Athene
Zwischen die Heere hinab; und Staunen ergriff, die es ansahn,
80
Rossebezähmende Troer, und hellumschiente Achaier.
Also redete mancher, gewandt zum anderen Nachbar:
Wieder fürwahr soll Kriegesgewalt und verderbende Zwietracht
Züchtigen, oder in Frieden versöhnt nun beiderlei Völker
Zeus, der dem Menschengeschlecht des Kriegs Obwalter erscheinet!
85
So nun redete mancher der Troer umher und Achaier.
Jen‘, ein Mann von Gestalt, durchdrang der Troer Getümmel,
Gleich dem Antenoriden Laodokos, mächtig im Speerkampf,
Rings nach Pandaros forschend, dem Göttlichen, ob sie ihn fände.
Jetzo fand sie den starken untadlichen Sohn des Lykaon
90
Stehend, und rings um den Herrscher die starke geschildete Heerschar
Seines Volks, das ihm folgte vom heiligen Strom des Äsepos.
Nahe trat sie hinan, und sprach die geflügelten Worte:
Möchtest du jetzt mir gehorchen, verständiger Sohn des Lykaon?
Wagtest du wohl, Menelaos ein schnelles Geschoß zu entsenden?
95
Preis gewännst du und Dank von allem Volke der Troer,
Aber vor allem zumeist vom herrschenden Held Alexandros:
Der dich traun vorzüglich mit glänzenden Gaben belohnte,
Säh‘ er jetzt Menelaos, den streitbaren Sohn des Atreus,
Deinem Geschosse besiegt, die traurige Flamme besteigen.
100
Auf denn, und schnelle den Pfeil zum rühmlichen Held Menelaos.
Aber gelob‘ Apollon, dem lykischen Bogenberühmten,
Eine Dankhekatombe der Erstlingslämmer zu opfern,
Heimgekehrt in dein Haus zur heiligen Stadt Zeleia.
Jene sprach’s, und bewegte das Herz des törichten Mannes.
105
Schnell entblößt‘ er den Bogen, geschnitzt von des üppigen Steinbocks
Schönem Gehörn, dem er selber die Brust von unten getroffen;
Als er dem Felsen entsprang, am gewähleten Ort ihn erwartend,
Zielt‘ und durchschoß er die Brust, daß rücklings ans Fels er hinabsank.
Sechzehn Handbreit ragten empor am Haupte die Hörner.
110
Solche schnitzt‘ und verband der hornarbeitende Künstler,
Glättete alles umher, und beschlug’s mit goldener Krümmung.
Diesen nun stellt‘ er geschickt, nachdem er ihn spannt‘, auf die Erde
Angelehnt; und mit Schilden bedeckten ihn tapfere Freunde,
Daß nicht zuvor anstürmten die streitbaren Männer Achaias,
115
Eh‘ er gefällt Menelaos, den streitbaren Fürsten Achaias.
Jetzo des Köchers Deckel eröffnet‘ er, wählte den Pfeil dann,
Ungeschnellt und gefiedert, den Urquell dunkeler Qualen.
Eilend ordnet‘ er nun das herbe Geschoß auf der Senne;
Und er gelobt‘ Apollon, dem lykischen bogenberühmten,
120
Eine Dankhekatombe der Erstlingslämmer zu opfern,
Heimgekehrt in sein Haus zur heiligen Stadt Zeleia;
Fassend dann zog er die Kerbe zugleich, und die Nerve des Rindes,
Daß die Senne der Brust annaht‘, und das Eisen dem Bogen.
Als er nunmehr kreisförmig den mächtigen Bogen gekrümmet;
125
Schwirrte das Horn, und tönte die Senn‘, und sprang das Geschoß hin,
Scharfgespitzt in den Haufen hineinzufliegen verlangend.
Doch nicht dein, Menelaos, vergaßen die seligen Götter,
Ewig an Macht, vor allen des Zeus siegprangende Tochter,
Welche vor dich hintretend das Todesgeschoß dir entfernte.
130
Gleich so wehrete sie’s vom Leibe dir, wie wenn die Mutter
Wehrt‘ vom Sohne die Flieg‘, indem süßschlummernd er daliegt.
Aber dorthin lenkt‘ es die Herrscherin, wo sich des Gurtes
Goldene Spang‘ ihm schloß, und zwiefach hemmte der Harnisch.
Stürmend traf das Geschoß den festanliegenden Leibgurt,
135
Sieh‘ und hinein in den Gurt, den künstlichen, bohrte die Spitze;
Auch in das Kunstgeschmeide des Harnisches drang sie geheftet;
Und in das Blech, das er trug zur Schutzwehr gegen Geschosse,
Welches am meisten ihn schirmt‘; allein sie durchdrang ihm auch dieses;
Und nun ritzte der Pfeil die obere Haut des Atreiden,
140
Daß ihm sogleich vorströmte das dunkelnde Blut aus der Wunde.
Wie wenn ein Elfenbein die Mäonerin, oder die Karin,
Schön mit Purpur gefärbt, zum Wangenschmucke des Rosses;
Dort nun liegt’s im Gemach, und viel der reisigen Männer
Wünschten es wegzutragen; doch Königen hegt sie das Kleinod,
145
Beides ein Schmuck dem Rosse zu sein, und Ehre dem Lenker:
Also umfloß, Menelaos, das färbende Blut dir die Schenkel,
Stattlich von Wuchs, und die Bein‘ und zierlichen Knöchel hinunter.
Schauer durchdrang alsbald den Herrscher des Volks Agamemnon,
Als er sah, wie das Blut ihm schwarz hinfloß aus der Wunde;
150
Schauer durchdrang ihn selber, den streitbaren Held Menelaos.
Aber sobald er die Schnur auswärts und die Haken erblickte;
Ward von neuem mit Mut sein männliches Herz ihm erfüllet.
Schwer aufseufzend begann der Völkerfürst Agamemnon,
Haltend die Hand Menelaos; es seufzten umher die Genossen:
155
O du teurer Bruder, zum Tode dir schloß ich das Bündnis,
Dich allein hinstellend, für uns mit den Troern zu kämpfen!
Denn dich trafen die Troer, das heilige Bündnis zertretend!
Aber umsonst ist nimmer der Eidschwur, oder der Lämmer
Blut, noch der lautere Wein, und der Handschlag, dem wir vertrauet.
160
Wenn auch jetzo sogleich der Olympier nicht es vollendet;
Doch vollendet er spät! und hoch ihm werden sie büßen,
Werden mit eigenem Haupte, mit Weib und Kindern es büßen!
Denn das erkenn‘ ich gewiß in des Herzens Geist und Empfindung:
Einst wird kommen der Tag, da die heilige Ilios hinsinkt,
165
Priamos selbst, und das Volk des lanzenkundigen Königs!
Dann wird Zeus der Kronid‘ aus strahlender Höhe des Äthers
Gegen sie all‘ erschüttern das Graun der umnachteten Ägis,
Zürnend ob solchem Betrug! Geschehn wird dieses unfehlbar!
Aber in bitteren Schmerz versenkst du mich, o Menelaos,
170
Wenn du stirbst, und das Maß der Lebenstage nun füllest!
Siehe voll Schmach dann kehrt‘ ich zur wasserdürftigen Argos!
Denn alsbald gedächten des Vaterlands die Achaier;
Und wir verließen den Ruhm dem Priamos hier und den Troern,
Helena, Argos Kind; es moderten deine Gebeine
175
Liegend in Trojas Gefild‘, am unvollendeten Werke!
Mancher vielleicht dann spräche der übermütigen Troer,
Fröhlich das Grab umhüpfend dem rühmlichen Held Menelaos:
Daß doch so bei allen den Zorn vollend‘ Agamemnon,
Wie er jetzo umsonst herführte das Volk der Achaier!
180
Denn schon kehret‘ er heim zum lieben Lande der Väter,
Leer die sämtlichen Schiff‘, und verließ den Held Menelaos!
Also spräche man einst! Dann reiße sich weit mir die Erd‘ auf!
Doch ihn tröstete so der bräunliche Held Menelaos:
Sei getrost, und schrecke noch nicht das Volk der Achaier.
185
Nicht zum Tod‘ hat jetzo das scharfe Geschoß mich verwundet;
Sondern mich schützte der Gurt von getriebener Pracht, und darunter
Auch die Bind‘ und das Blech, das Erzarbeiter gebildet.
Ihm antwortete drauf der Herrscher des Volks Agamemnon:
Möcht‘ es doch also sein, du geliebtester, o Menelaos!
190
Aber es prüfe der Arzt die blutende Wund‘, und lege
Linderung drauf, um vielleicht die dunkele Qual zu bezähmen.
Sprach’s, und rief Talthybios schnell, den göttlichen Herold:
Auf, Talthybios, eil‘ und rufe mir schleunig Machaon,
Ihn, Asklepios Sohn, des unvergleichbaren Arztes,
195
Anzuschaun Menelaos, den streitbaren Fürsten Achaias;
Diesen traf mit Geschoß ein bogenkundiger Troer
Oder ein Lykier jetzt, zum Ruhme sich, uns zur Betrübnis.
Jener sprach’s; da gehorchte des Königes Worte der Herold;
Schnell durchging er die Scharen der erzumschirmten Achaier,
200
Schauete forschend umher, und fand den Helden Machaon
Stehend, und rings um den Herrscher die starke geschildete Heerschar
Seines Volks, das ihm folgt‘ aus der rossenährenden Trikka.
Nahe trat er hinan, und sprach die geflügelten Worte:
Auf, Asklepios Sohn, dich ruft der Fürst Agamemnon,
205
Anzuschaun Menelaos, den streitbaren Sohn des Atreus;
Diesen traf mit Geschoß ein bogenkundiger Troer
Oder ein Lykier jetzt, zum Ruhme sich, uns zur Betrübnis.
Jener sprach’s; ihm aber das Herz im Busen erregt‘ er;
Schnell durchwandelten sie das Gedräng‘ in den Scharen Achaias.
210
Als sie nunmehr hinkamen, wo Atreus Sohn Menelaos
Blutend stand, und um jenen die Edelsten alle versammelt
Rings, er selbst in der Mitte, der götterähnliche Streiter;
Zog er sofort das Geschoß aus dem festanliegenden Leibgurt;
Und wie er auszog, bogen die spitzigen Haken sich rückwärts.
215
Hierauf löst‘ er den Gurt von getriebener Pracht, und darunter
Auch die Bind‘, und das Blech, das Erzarbeiter gebildet.
Als er die Wunde geschaut, wo das herbe Geschoß ihm hineindrang;
Sog er das quellende Blut, und legt‘ ihm lindernde Salb‘ auf,
Kundig, die einst dem Vater verliehn der gewogene Cheiron.
220
Während sie dort umeilten den Rufer im Streit Menelaos;
Zogen bereits die Troer heran in geschildeten Schlachtreihn.
Jen‘ auch hüllten sich wieder in Wehr, und entbrannten von Streitlust.
Jetzt nicht hättest du schlummern gesehn Agamemnon den Herrscher,
Nicht hinab sich schmiegen, und nicht unwillig zu kämpfen;
225
Sondern gefaßt hineilen zur männerehrenden Feldschlacht.
Denn dort ließ er die Ross‘ und den erzumschimmerten Wagen;
Und sein Genoß hielt jene, die mutig schnaubenden abwärts,
Held Eurymedon, Sohn von Piräos‘ Sohn Ptolemäos.
Ihm gebot er mit Ernst, daß er nahete, würden ihm etwa
230
Matt die Glieder vom Gang, die Ordnungen rings zu durchwalten.
Selbst dann eilt‘ er zu Fuß, und umging die Scharen der Männer.
Wo er nunmehr streitfertig erfand Gaultummler Achaias,
Nahe trat er hinan, und sprach die ermunternden Worte:
Nun, Argeier, gedenkt rastlos des stürmenden Mutes!
235
Denn nicht wird dem Betruge mit Hilf‘ erscheinen Kronion;
Sondern welche zuerst nun beleidigten wider den Eidschwur,
Deren Leichname sollen, ein Raub der Geier, vermodern;
Aber die blühenden Weiber und noch unmündigen Kinder
Führen wir selbst in Schiffen, nachdem die Stadt wir erobert!
240
Die er alsdann saumselig erfand zur traurigen Feldschlacht,
Solche straft‘ er mit Ernst, und rief die zürnenden Worte:
Arges Volk, Pfeilkühne, Verworfene, schämt ihr euch gar nicht?
Warum steht ihr dort so betäubt, wie die Jungen der Hindin,
Die, nachdem sie ermattet vom Lauf durch ein weites Gefilde,
245
Dastehn, nichts im Herzen von Kraft und Stärke noch fühlend?
Also steht ihr jetzo betäubt, und starrt vor der Feldschlacht!
Säumt ihr, bis erst die Troer herannahn, wo wir die Schiffe
Stellten mit prangendem Steuer, am Strand der grauen Gewässer;
Dort zu sehn, ob schirmend Kronions Hand euch bedecke?
250
So mit Herrschergebot umwandelt‘ er jegliche Heerschar.
Jetzo erreicht‘ er die Kreter, im Gang durch der Männer Getümmel.
Jen‘ um Idomeneus her, den feurigen, standen gewappnet;
Aber Idomeneus selber voran, in der Stärke des Ebers;
Und Meriones folgte, die hinteren Reihn ihm erregend.
255
Diese sah mit Freude der Völkerfürst Agamemnon,
Und zu Idomeneus schnell mit freundlicher Rede begann er:
Du, Idomeneus, bist mir geehrt vor den Reisigen allen,
Du im Kriege sowohl, als sonst in jedem Geschäfte,
Auch am Mahl, wann festlich den edleren Helden von Argos
260
Funkelnder Ehrenwein in vollen Krügen gemischt wird.
Denn obgleich die andern der hauptumlockten Achaier
Trinken beschiedenes Maß; doch steht dein Becher beständig
Angefüllt, wie der meine, nach Herzenswunsche zu trinken.
Auf denn, gestürmt in die Schlacht, wie du immer vordem dich gerühmet!
265
Aber Idomeneus rief, der Kreter Fürst, ihm entgegen:
Atreus‘ Sohn, dir bleib‘ ich ein treugesinnter Genosse
Immerdar, wie zuerst ich angelobt und beteuert.
Nur die anderen reize der hauptumlockten Achaier,
Schleunig den Kampf zu beginnen; dieweil sie kränkten das Bündnis;
270
Trojas Volk! Nun möge sie Tod und Jammer in Zukunft
Treffen, dieweil sie zuerst nun beleidigten wider den Eidschwur!
Jener sprach’s; und vorbei ging freudiges Muts Agamemnon.
Jetzo erreicht‘ er die Ajas, im Gang durch der Männer Getümmel.
Beide standen in Wehr, und es folgt‘ ein Gewölke des Fußvolks.
275
Also schaut von der Warte die finstere Wolke der Geißhirt
Über das Meer aufziehn, von Zephyros Hauche getragen;
Siehe schwärzer denn Pech dem Fernestehenden scheint sie
Über das Meer annahend, und führt unermeßlichen Sturmwind;
Jener erstarrt vor dem Blick, und treibt die Herd‘ in die Felskluft:
280
Also zog mit den Ajas Gewühl streitfertiger Jugend
Dort zur blutigen Schlacht in dichtgeordneten Haufen,
Schwarz einher, von Schilden umstarrt und spitzigen Lanzen.
Diese sah mit Freude der Völkerfürst Agamemnon;
Und er begann zu ihnen, und sprach die geflügelten Worte:
285
Ajas beid‘, Heerführer der erzumschirmten Achaier,
Ihr dort braucht, zu erregen das Volk, nicht meines Gebotes;
Denn schon selbst ermahnt ihr die Eurigen tapfer zu kämpfen.
Wenn doch, o Vater Zeus, und Pallas Athen‘, und Apollon,
Solch ein Mut nun allen das Herz im Busen beseelte!
290
Bald dann neigte sich uns des herrschenden Priamos Feste,
Unter unseren Händen besiegt und zu Boden getrümmert!
Dieses gesagt, verließ er sie dort, und eilte zu andern;
Wo er den Nestor fand, den tönenden Redner von Pylos,
Emsig die Freund‘ anordnend, und wohl ermahnend zur Feldschlacht:
295
Jen‘ um Pelagon her, und Chromios, und den Alastor,
Auch um Hämon den Held, und den völkerweidenden Bias.
Erst die Reisigen stellt‘ er mit Rossen zugleich und Geschirren:
Hinten sodann die Männer zu Fuß, die vielen und tapfern,
Mauer zu sein des Gefechts; und die Feigen gedrängt in die Mitte,
300
Daß, wer sogar nicht wollte, die Not ihn zwänge zu streiten.
Erst die Reisigen nun ermahnet‘ er, jedem gebietend,
Wohl zu hemmen die Rosse, nicht wild durcheinander zu tummeln.
Keiner, auf Wagenkund‘ und Männerstärke vertrauend,
Wag‘ allein vor andern zum Kampfe sich gegen die Troer;
305
Keiner auch weiche zurück: denn also schwächt ihr euch selber.
Welcher Mann vom Geschirr hinkommt auf des anderen Wagen,
Strecke die Lanze daher; denn weit heilsamer ist solches.
Das war der Alten Gebrauch, die Städt‘ und Mauren zertrümmert,
Solchen Sinn und Mut im tapferen Herzen bewahrend.
310
Also ermahnte der Greis, vorlängst wohlkundig des Krieges.
Ihn auch sah mit Freude der Völkerfürst Agamemnon;
Und er begann zu jenem, und sprach die geflügelten Worte:
Möchten, o Greis, wie der Mut dein Herz noch füllet im Busen,
So dir folgen die Knie‘, und fest die Stärke dir dauern!
315
Aber dich drückt des Alters gemeinsame Last! O ihr Götter,
Daß sie ein anderer trüg‘, und du ein Jüngling einhergingst!
Ihm antwortete drauf der gerenische reisige Nestor:
Atreus Sohn, ja gerne verlangt‘ ich selber noch jetzo
Der zu sein, wie ich einst den Held Ereuthalion hinwarf!
320
Doch nicht alles zugleich verliehn ja die Götter den Menschen.
War ich ein Jüngling vordem, so naht mir jetzo das Alter.
Aber auch so begleit‘ ich die Reisigen noch, und ermahne
Andre mit Rat und Worten; denn das ist die Ehre der Alten.
Speere laß hinschwingen die Jünglinge, welche der Jahre
325
Weniger zählen denn ich, und noch vertrauen der Stärke!
Jener sprach’s; und vorbei ging freudiges Muts Agamemnon;
Fand dann Peteos Sohn, den Rossetummler Menestheus,
Stehn, und umher die Athener geschart, wohlkundig des Feldrufs.
Aber zunächst ihm stand der erfindungsreiche Odysseus,
330
Welchem umher Kephallener in unverächtlichen Schlachtreihn
Standen. Denn nicht ertönte noch beider Volke der Aufruhr,
Weil nur jüngst miteinander erregt andrängten die Scharen
Rossebezähmender Troer und Danaer. Aber erwartend
Standen sie, wann vorrückend ein anderer Zug der Achaier
335
Stürmt‘ in der Troer Volk, und dort anhöbe das Treffen.
Diese schalt erblickend der Völkerfürst Agamemnon;
Und er begann zu ihnen, und sprach die geflügelten Worte:
O du, Peteos Sohn, des gottbeseligten Herrschers!
Und du, reichlich geschmückt mit Betörungen, sinnend auf Vorteil!
340
Warum also geschmiegt entfernt ihr euch, harrend der andern?
Wohl euch beiden geziemt‘ es, zugleich mit den ersten der Kämpfer
Dazustehn, und der flammenden Schlacht euch entgegen zu stürzen!
Seid doch ihr die ersten zum Mahle mir immer gerufen,
Rüsteten wir den Edlen ein Ehrenmahl wir Achaier!
345
Freud‘ ist’s dann, zu schmausen gebratenes Fleisch, und zu trinken
Becher des süßen Weins, des erlabenden, weil euch gelüstet!
Doch nun säht ihr mit Freude, wenn auch zehn Scharen Achaias
Euch zuvor eindrängen mit grausamem Erz in die Feldschlacht!
Finster schaut‘ und begann der erfindungsreiche Odysseus:
350
Welch ein Wort, o Atreid‘, ist dir aus den Lippen entflohen?
Wie doch nennst du zur Schlacht saumselig uns? Wann wir Achaier
Gegen die reisigen Troer die Wut des Ares erregen;
Wirst du schaun, so du willst, und solcherlei Dinge dich kümmern,
Auch Telemachos Vater gemischt in das Vordergetümmel
355
Troischer Reisigen dort! Du schwatzest da nichtige Worte!
Lächelnd erwiderte drauf der Herrscher des Volks Agamemnon,
Als er zürnen ihn sah, und wendete also die Rede:
Edler Laertiad‘, erfindungsreicher Odysseus,
Weder Tadel von mir verdienest du, weder Ermahnung.
360
Denn ich weiß, wie das Herz in deinem Busen beständig
Milde Gedanken mir hegt; du gleichst an Gesinnung mir selber.
Komm, dies wollen hinfort wir berichtigen, wenn ja ein hartes
Wort entfiel; das mögen die Himmlischen alles vereiteln!
Dieses gesagt, verließ er sie dort, und eilte zu andern.
365
Tydeus Sohn nun fand er, den stolzen Held Diomedes,
Stehn auf rossebespanntem und wohlgefügetem Wagen;
Neben ihm Sthenelos auch, den kapaneïschen Sprößling.
Ihn auch schalt erblickend der Völkerfürst Agamemnon;
Und er begann zu jenem, und sprach die geflügelten Worte:
370
Wehe mir, Tydeus Sohn, des feurigen Rossebezähmers,
Wie du erbebst! wie du bang‘ umschaust nach den Pfaden des Treffens!
Nie hat Tydeus wahrlich so gar zu verzagen geliebet,
Sondern weit den Genossen voraus in die Feinde zu sprengen.
Also erzählt, wer ihn sah in der Kriegsarbeit: denn ich selber
375
Traf und erblickt‘ ihn nie; doch strebet‘ er, sagt man, vor andern.
Vormals kam, sich entfernend vom Krieg, der Held in Mykene
Gastlich, samt Polyneikes dem Göttlichen, Volk zu versammeln,
Weil sie mit Streit bezogen die heiligen Mauern von Thebe;
Und sie fleheten sehr um rühmliche Bundesgenossen.
380
Jen‘ auch wollten gewähren, und billigten, was sie gefodert;
Doch Zeus wendete solches durch unglückdrohende Zeichen.
Als sie nunmehr uns verlassen, und fort des Weges gewandelt,
Und den Asopos erreicht, von Gras und Binsen umufert;
Sendeten dort die Achaier den Tydeus wieder mit Botschaft.
385
Jener enteilt‘, und fand die versammelten Kadmeionen
Fröhlich am Mahl im Palaste der heiligen Macht Eteokles.
Doch er erblödete nicht, der Rossebändiger Tydeus,
Fremdling zwar, und allein, von vielen umringt der Kadmeier;
Sondern rief zu Kämpfen hervor; und in jeglichem siegt‘ er
390
Sonder Müh: so mächtig als Helferin naht‘ ihm Athene.
Jene, von Zorn ihm entbrannt, die kadmeiischen Sporner der Rosse
Legeten Hinterhalt, auf dem Heimweg seiner zu harren,
Jünglinge fünfzig an Zahl; und zween Anführer geboten,
Mäon der Hämonid‘, unsterblichen Göttern vergleichbar,
395
Und Autophonos Sohn, der trotzende Held Lykophontes.
Aber es ward auch jenen ein schmähliches Ende von Tydeus;
Alle streckt‘ er dahin, und einen nur sandt‘ er zur Heimat;
Mäon entsandt‘ er allein, der unsterblichen Zeichen gehorchend.
So war Tydeus einst, der Ätolier! Aber der Sohn hier
400
Ist ein schlechterer Held in der Schlacht, doch ein besserer Redner.
Jener sprach’s; ihm erwiderte nichts der Held Diomedes,
Ehrfurchtvoll dem Verweise des ehrenvollen Gebieters.
Aber Kapaneus Sohn, des Gepriesenen, gab ihm zur Antwort:
Rede nicht falsch, Atreide, so wohlbekannt mit der Wahrheit!
405
Tapferer rühmen wir uns, weit mehr denn unsere Väter!
Wir ja eroberten Thebe, die siebentorige Feste,
Weniger zwar hinführend des Volks vor die trotzende Mauer,
Doch durch Götterzeichen gestärkt und die Hilfe Kronions.
Jene bereiteten selbst durch Missetat ihr Verderben.
410
Darum preise mir nicht in gleicher Ehre die Väter!
Finster schaut‘ und begann der starke Held Diomedes:
Trauter, halte dich still, und gehorche du meiner Ermahnung.
Denn nicht ich verarg‘ es dem Hirten des Volks Agamemnon,
Daß er treibt zum Kampfe die hellumschienten Achaier.
415
Denn ihm folgt ja der Ruhm, wenn Achaias Söhne die Troer
Bändigen, und mit Triumph zur heiligen Ilios eingehn;
Ihm auch unendlicher Gram, wenn gebändigt sind die Achaier.
Aber wohlan, und beide gedenken wir stürmendes Mutes!
Sprach’s, und vom Wagen herab mit den Rüstungen sprang er zur Erde.
420
Graunvoll klirrte das Erz umher am Busen des Königs,
Als er sich schwang; ihm hätt‘ auch ein männlicher unten gezittert.
Wie wenn die Meeresflut zum hallenden Felsengestad‘ her
Wog‘ an Woge sich stürzt, vom Zephyros aufgewühlet;
Weit auf der Höhe zuerst erhebt sie sich; aber anjetzo
425
Laut am Lande zerplatzt erdonnert sie, und um den Vorstrand
Hänget sie krumm aufbrandend, und speit von ferne den Salzschaum:
Also zogen gedrängt die Danaer, Haufen an Haufen,
Rastlos her in die Schlacht. Es gebot den Seinen ein jeder
Völkerfürst; still gingen die anderen; keiner gedächt‘ auch,
430
Solch ein großes Gefolg‘ hab‘ einen Laut in den Busen:
Ehrfurchtsvoll verstummend den Königen; jeglicher Heerschar
Hell von buntem Geschmeid‘, in welches gehüllt sie einherzog.
Trojas Volk, wie die Schafe des reichen Mannes in der Hürde
Zahllos stehn, und mit Milch die schäumenden Eimer erfüllen,
435
Blökend ohn‘ Unterlaß, da der Lämmer Stimme gehört wird:
Also erscholl das Geschrei im weiten Heere der Troer;
Denn nicht gleich war aller Getön, noch einerlei Ausruf,
Vielfach gemischt war die Sprach‘, und mancherlei Stammes die Völker.
Hier ermunterte Ares, und dort Zeus Tochter Athene;
440
Schrecken zugleich und Graun, und die rastlos lechzende Zwietracht,
Sie des mordenden Ares verbündete Freundin und Schwester:
Die erst klein von Gestalt einherschleicht; aber in kurzem
Trägt sie hoch an den Himmel ihr Haupt, und geht auf der Erde.
Diese nun streuete Zank zu gemeinsamem Weh in die Mitte,
445
Wandelnd von Schar zu Schar, das Geseufz‘ der Männer vermehrend.
Als sie nunmehr anstrebend auf einem Raum sich begegnet;
Trafen zugleich Stierhäut‘, und Speere zugleich, und die Kräfte
Rüstiger Männer in Erz; und die hochgenabelten Schilde
Naheten dichtgedrängt; und umher stieg lautes Getös‘ auf.
450
Jetzo erscholl Wehklagen und Siegsgeschrei miteinander,
Würgender dort und Erwürgter; und Blut umströmte die Erde.
Wie zween Ström‘ im Herbste geschwellt, den Gebirgen entrollend,
Zum gemeinsamen Tal ihr strudelndes Wasser ergießen,
Aus unendlichen Quellen durch tiefgehöhltes Geklüft hin;
455
Ferne hört ihr Geräusch der weinende Hirt auf den Bergen:
Also erhub den Vermischten sich Wutgeschrei und Verfolgung.
Erst nun erschlug den Troern Antilochos einen der Kämpfer,
Mutig im Vordergewühl, des Thalysios Sohn Echepolos.
Diesem traf er zuerst den umflatterten Kegel des Helmes,
460
Daß er die Stirne durchbohrt‘; hineindrang tief in den Schädel
Jenem die eherne Spitz‘, und Nacht umhüllt ihm die Augen,
Und er sank, wie ein Turm, im Ungestüme der Feldschlacht.
Schnell des Gefallenen Fuß ergriff Elephenor der Herrscher,
Chalkodons Sohn, Heerfürst der hochgesinnten Abanter;
465
Dieser entzog den Geschossen begierig ihn, daß er ihm eilig
Raubte das Waffengeschmeid‘; allein kurz währt‘ ihm die Arbeit.
Denn wie den Toten er schleifte, da sah der beherzte Agenor,
Daß dem Gebückten die Seit‘ entblößt vom Schilde hervorschien,
Zuckte den erzgerüsteten Schaft, und löst‘ ihm die Glieder.
470
Also verließ ihn der Geist; doch über ihm tobte der Streit nun
Schrecklich umher der Troer und Danaer: ähnlich den Wölfen,
Sprangen sie wild aneinander, und Mann für Mann sich erwürgend.
Ajas der Telamonid‘ erschlug Anthenions Sohn itzt,
Jugendlich, blühend an Kraft, Simoeisios: welchen die Mutter
475
Einst vom Ida kommend, an Simois Ufer geboren,
Als sie, die Herde zu schaun, dorthin den Eltern gefolgt war:
Darum nannten sie ihn Simoeisios. Aber den Eltern
Lohnet er nicht die Pflege: denn kurz nur blühte das Leben
Ihm, da vor Ajas Speer, des mutigen Helden, er hinsank.
480
Denn wie er vorwärts ging, traf jener die Brust an der Warze
Rechts, daß gerad‘ hindurch ihm der eherne Speer aus der Schulter
Drang, und er selbst in den Staub hintaumelte: gleich der Pappel,
Die in gewässerter Aue des großen Sumpfes emporwuchs,
Glattes Stamms, nur oben entwuchsen ihr grünende Zweige;
485
Und die der Wagener jetzt abhaut mit blinkendem Eisen,
Daß er zum Kranz des Rades sie beug‘ am zierlichen Wagen;
Jetzo liegt sie welkend am Bord des rinnenden Baches:
So Anthemions Sohn Semoeisios, als ihm die Rüstung
Ajas raubte der Held. Doch Antiphos, rasch in dem Panzer,
490
Sandt‘ ihm, Priamos Sohn, die spitzige Lanz‘ im Gewühl her;
Fehlend zwar; doch dem Leukos, Odysseus edlem Genossen,
Flog das Geschoß in die Scham, da zurück den Toten er schleifte:
Auf ihn taumelt‘ er hin, und der Leichnam sank aus der Hand ihm.
Um den erschlagenen Freund entbrannt‘ im Herzen Odysseus,
495
Ging durchs Vordergefecht mit strahlendem Erze gerüstet,
Stand dann jenem genäht, und schoß den blinkenden Wurfspieß,
Rings umschauend zuvor; und zurück ihm stoben die Troer,
Als hinzielte der Held; doch flog nicht umsonst das Geschoß ihm,
Sondern Priamos Sohn Demokoon traf es, den Bastard,
500
Der von Abydos ihm kam, vom Gestüt leichtrennender Gaule.
Ihm nun sandte die Lanz‘, um den Seinigen zürnend, Odysseus
Durch den Schlaf, und hindurch aus dem anderen Schlafe gestürmet
Kam die eherne Spitz‘; und Nacht umhüllt‘ ihm die Augen;
Dumpf hinkracht‘ er im Fall, und es rasselten um ihn die Waffen.
505
Rückwärts wichen die ersten des Kampfs, und der strahlende Hektor.
Doch laut schrien die Danaer auf, und entzogen die Toten,
Drangen dann noch tiefer hinein. Des zürnet‘ Apollon,
Hoch von Pergamos schauend, und rief, die Troer ermunternd:
Auf, ihr reisigen Troer, wohlauf! und räumet das Feld nicht
510
Argos Volk‘; ihr Leib ist ja weder von Stein, noch von Eisen,
Daß abprallte der Wurf des leibzerschneidenden Erzes!
Nicht einmal Achilleus, der Sohn der lockigen Thetis,
Kämpft; er ruht bei den Schiffen, das Herz voll nagendes Zornes!
Also rief von der Stadt der Schreckliche. Doch die Achaier
515
Trieb Zeus‘ Tochter zum Kampf, die herrliche Tritogeneia,
Wandelnd von Schar zu Schar, wo säumende Kämpfer erschienen.
Jetzt umstrickte der Tod Amarinkeus Sohn, den Diores;
Denn ihn traf an dem Knöchel des rechten Fußes ein Feldstein,
Fausterfüllend und rauh; es warf der thrakische Führer
520
Peiros, Imbrasos Sohn, der hergekommen von Änos.
Sehnen zugleich und Knochen zerschmetterte sonder Verschonen
Ihm der entsetzliche Stein; daß er rücklings hinab auf den Boden
Taumelte, beide Händ‘ umher zu den Freunden verbreitend,
Atemlos hinschlummernd. Da nahete, der ihn verwundet,
525
Peiros, und bohrte die Lanz‘ in den Nabel ihm; und es entstürzten
Alle Gedärme zur Erd‘, und Nacht umhüllt‘ ihm die Augen.
Ihn den Stürmenden traf mit dem Speer der Ätolier Thoas
Über der Warz‘ in die Brust; und es drang in die Lunge das Erz ihm.
Eilend sprang nun Thoas hinan, und riß ihm des Speeres
530
Mächtigen Schaft aus der Brust; dann zog er das schneidende Schwert aus,
Schwang es und haut‘ ihm über den Bauch, und raubt‘ ihm das Leben.
Doch nicht nahm er die Wehr; denn rings umstanden ihn Thraker
Mit hochsträubendem Haar, langschaftige Spieße bewegend,
Welche, wie groß der Held, wie gewaltig er war, und wie ruhmvoll,
535
Dennoch zurück ihn drängten; er wich voll jäher Bestürzung.
Also lagen sie beid‘ im Staube gestreckt miteinander.
Thrakiens edler Fürst, und der erzumschirmten Epeier
Fürst zugleich; auch sanken noch viel‘ umher der Genossen.
Jetzo hätte kein Mann das Werk der Krieger getadelt,
540
Wandelt‘ er, ungetroffen und ungehaun von dem Erze,
Rings durch das Waffengewühl, und leitete Pallas Athene
Ihn an der Hand, abwehrend den fliegenden Sturm der Geschosse.
Denn viel sanken der Troer, und viel der Danaer vorwärts
Jenes Tags in den Staub, und bluteten nebeneinander.

Dritter Gesang

Dritter Gesang

Begegnung der Heere. Alexandros oder Paris, nachdem er vor Menelaos geflohn,
erbietet sich ihm durch Hektor zum Zweikampf um Helena, welchen Menelaos annimmt. Die Heere ruhn,
und Priamos wird zum Vertrage aus Ilios gerufen. Indes geht Helena auf das skäische Tor, wo
Priamos mit den Älteste sitzt, und nennt ihm die achaiische Heerführer. Priamos
fährt in das Schlachtfeld hinaus. Vertrag, Priamos Rückkehr, Zweikampf. Den besiegten
Paris entführt Aphrodite in seine Kammer, und ruft ihm Helena. Agamemnon fordert den
Siegespreis.
Aber nachdem sich geordnet ein jegliches Volk mit den Führern,
Zogen die Troer in Lärm und Geschrei einher, wie die Vögel:
So wie Geschrei hertönt von Kranichen unter dem Himmel,
Welche, nachdem sie dem Winter entflohn und unendlichem Regen,
5
Dort mit Geschrei hinziehn an Okeanos strömende Fluten,
Kleiner Pygmäen Geschlecht mit Mord und Verderben bedrohend;
Und aus dämmernder Luft zum schrecklichen Kampfe herannahn.
Jene wandelten still, die mutbeseelten Achaier,
All‘ im Herzen gefaßt, zu verteidigen einer den andern.
10
Wie auf des Bergs Anhöhen der Süd ausbreitet den Nebel,
Der nicht Hirten erwünscht, doch dem Raubenden besser wie Nacht ist;
Und man so weit vorschauet, als fliegt der geworfene Feldstein;
Also wirbelte Staub von dem Gang der kommenden Völker
Dicht empor; denn in Eile durchzog das Gefilde der Heerzug.
15
Als sie nunmehr sich genaht, die Eilenden gegeneinander;
Trat hervor aus den Troern der göttliche Held Alexandros,
Tragend ein Pardelvlies und ein krummes Geschoß um die Schultern,
Samt dem Schwert; zwo Lanzen, gespitzt mit der Schärfe des Erzes,
Schwenkt‘ er, und rief hervor die tapfersten aller Achaier,
20
Gegen ihn anzukämpfen in schreckenvoller Entscheidung.
Aber sobald ihn sahe der streitbare Held Menelaos
Vor dem Scharengewühl einhergehn mächtiges Schrittes:
So wie ein Löwe sich freut, dem größere Beute begegnet,
Wenn ein gehörneter Hirsch dem Hungrigen, oder ein Gemsbock
25
Nahe kommt; denn begierig verschlinget er, ob auch umher ihn
Hurtiger Hunde Gewühl wegscheucht, und blühende Jäger:
So war froh Menelaos, den göttlichen Held Alexandros
Dort mit den Augen zu schaun; denn er wollt‘ ihn strafen, den Frevler.
Schnell vom Wagen herab mit den Rüstungen sprang er zur Erde.
30
Aber sobald ihn sahe der göttliche Held Alexandros
Schimmern im Vorderheer, da erbebte vor Angst sein Herz ihm;
Und in der Freunde Gedräng‘ entzog er sich, meidend das Schicksal.
So wie ein Mann, der die Natter ersah, mit Entsetzen zurückfuhr,
In des Gebirgs Waldtal; ihm erzitterten unten die Glieder;
35
Rasch nun floh er hinweg, und Bläss‘ umzog ihm die Wangen:
Also taucht‘ er zurück in die Meng‘ hochherziger Troer,
Zagend vor Atreus Sohn, der göttliche Held Alexandros.
Hektor schalt ihn erblickend, und rief die beschämenden Worte:
Weichling, an Schönheit ein Held, weibsüchtiger, schlauer Verführer!
40
Wärest du nie doch geboren, das wünscht‘ ich dir, oder gestorben,
Eh‘ du um Weiber gebuhlt! Viel heilsamer wäre dir solches,
Als nun so zum Gespött dastehn, und allen zum Anschaun!
Ja, ein Gelächter erheben die hauptumlockten Achaier,
Welche des Heers Vorkämpfer dich achteten, weil du so schöner
45
Bildung erscheinst; doch wohnt nicht Kraft dir im Herzen, noch Stärke!
Wagtest denn du, ein solcher! in meerdurchwandelnden Schiffen
Über die Wogen zu gehn, von erlesenem Volke begleitet,
Und zu Fremden gesellt, ein schönes Weib zu entführen,
Aus der Apier Lande, die Schwägerin kriegrischer Männer?
50
Deinem Vater zum Gram, und der Stadt und dem sämtlichen Volke,
Aber den Feinden zur Wonn‘, und zu ewiger Schande dir selber?
Ha, nicht mochtest du stehn vor Atreus Sohn! denn gelernet
Hättest du, welchem Manne die blühende Gattin du raubtest!
Nichts auch frommte die Laute dir jetzt, und die Huld Aphroditens,
55
Nichts dein Haar, und der Wuchs, wenn dort du im Staube dich wälztest!
Wären die Troer nur nicht Feigherzige; traun, es umhüllte
Längst dich ein steinerner Rock, für das Unheil, das du gehäuft hast!
Ihm antwortete drauf der göttliche Held Alexandros:
Hektor, dieweil du mit Recht mich tadeltest, nicht mit Unrecht;
60
Stets ist dir ja das Herz, wie die eherne Axt, unbezwingbar,
Welche das Holz durchstrebt vor dem Zimmerer, wann er zum Schiffbau
Künstlich die Balken behaut, und ihr Schwung ihm die Stärke vermehret:
So ist fest dir das Herz, und stets unerschrockenes Mutes.
Nur nicht rüge die Gaben der goldenen Aphrodite.
65
Unverwerflich ja sind der Unsterblichen ehrende Gaben,
Welche sie selber verleihn, und nach Willkür keiner empfänget.
Doch jetzt, willst du mich sehn im tapferen Streite des Krieges,
Heiße die anderen ruhn, die Troer umher und Achaier,
Laßt dann mich vor dem Volk und den streitbaren Held Menelaos
70
Kämpfen um Helena selbst und die sämtlichen Schätze den Zweikampf.
Wer von beiden nunmehr obsiegt, und stärker erscheinet,
Nehme die Schätze gesamt mit dem Weib und führe sie heimwärts.
Ihr dann zugleich, Freundschaft und heiligen Bund euch beschwörend,
Wohnt in der scholligen Troja; und jen‘ entschiffen zu Argos
75
Rossenährender Flur, und Achaias rosigen Jungfraun.
Jener sprach’s; doch Hektor erfreute sich hoch ob der Rede;
Trat dann hervor in die Mitt‘, und hemmte die troischen Haufen,
Haltend die Mitte des Speers; und still nun standen sie alle.
Auf ihn spannten den Bogen die hauptumlockten Achaier,
80
Zieleten mit Wurfspießen daher, und schleuderten Steine.
Aber es rief lauttönend der Völkerfürst Agamemnon:
Haltet ein, Argeier, und werft nicht, Männer Achaias!
Denn er begehrt zu reden, der helmumflatterte Hektor!
Jener sprach’s; und sie ließen vom Streit, und harreten schweigend
85
Flugs umher; doch Hektor begann in der Mitte der Völker:
Hört mein Wort, ihr Troer, und hellumschiente Achaier,
Was mir gesagt Alexandros, um welchen der Streit sich erhoben.
Dieser heißt euch andern, die Troer umher und Achaier,
Strecken das schöne Gerät zur nahrungsprossenden Erde;
90
Daß er allein vor dem Volk und der streitbare Held Menelaos
Kämpf‘ um Helena selbst und die sämtlichen Schätze den Zweikampf.
Wer von beiden nunmehr obsiegt, und stärker erscheinet,
Nehme die Schätze gesamt mit dem Weib‘, und führe sie heimwärts.
Freundschaft sollen wir andern und heiligen Bund uns beschwören.
95
Jener sprach’s; doch alle verstummten umher, und schwiegen.
Endlich begann vor ihnen der Rufer im Streit Menelaos:
Hörer anjetzt auch mich; am meisten ja lastet der Kummer
Meine Seel‘; und ich denke, versöhnt nun werdet ihr scheiden,
Argos Volk und ihr Troer, nachdem viel Böses ihr truget,
100
Wegen unseres Streits, den mir Alexandros begonnen.
Wem nunmehr von uns beiden der Tod und das Schicksal bevorsteht,
Solcher sterb‘; und ihr andern versöhnt euch eilig, und scheidet.
Bringt zwei Lämmer herbei, dem Helios weiß und ein Böcklein,
Schwarz der Erd‘ und ein Weibchen; wir bringen dem Zeus noch ein drittes.
105
Ruft alsdann auch Priamos Macht, daß jener das Bündnis
Schwör‘, er selbst! denn die Söhne sind übermütig und treulos:
Daß kein frevelnder Mann Zeus‘ heiligen Bund verletze.
Stets ja flattert das Herz den Jünglingen; doch wo ein Alter
Zwischen tritt, der zugleich vorwärts hinschauet und rückwärts,
110
Solcher erwägt, wie am besten die Wohlfahrt beider gedeihe.
Jener sprach’s; ihm erfreuten sich hoch Achaier und Troer,
Hoffend, nun auszuruhn vom unglückseligen Kriege.
Und sie hemmten die Ross‘ in den Ordnungen, sprangen vom Wagen,
Zogen die Rüstungen aus, und legten sie nieder zur Erde,
115
Nahe nur voneinander; denn wenig war Feldes dazwischen.
Aber Hektor beschied zween Herold‘ eilig gen Troja,
Schnell die Lämmer zu bringen, und Priamos her zu berufen.
Auch den Talthybios sandte der Völkerfürst Agamemnon,
Zu den geräumigen Schiffen zu gehn, damit er das Lamm ihm
120
Holete; jener enteilt‘ und gehorcht‘ Agamemnon dem Herrscher.
Iris brachte nunmehr der schimmernden Helena Botschaft,
Ihrer Schwägerin gleich, des Antenoriden Gemahlin,
Ihr, die Antenors Sohn sich vermählt, der Fürst Helikaon,
Priamos rosiger Tochter Laodike, reizender Bildung.
125
Jene fand sie daheim: sie webt‘ ein Gewand in der Kammer,
Groß und doppelt und hell, durchwirkt mit mancherlei Kämpfen
Rossebezähmender Troer und erzumschirmter Achaier,
Welche sie ihrethalb von Ares Händen erduldet.
Nahe trat und begann die leichthinschwebende Iris:
130
Komm doch, du trautes Kind, die seltsamen Taten zu schauen
Rossebezähmender Troer und erzumschirmter Achaier.
Die jüngst gegeneinander das Graun des Ares getragen
Durch das Gefild‘, anstrebend zur tränenbringenden Feldschlacht:
Diese ruhn stillschweigend umher, und der Krieg ist geendigt,
135
Hingelehnt auf die Schild‘, und die rasenden Speer‘ in dem Boden.
Nur Alexandros allein und der streitbare Held Menelaos
Werden anjetzt um dich mit langem Speer sich bekämpfen;
Und wer den Gegner besiegt, der nennt dich traute Gemahlin.
Also sprach die Göttin, und schuf ihr süßes Verlangen
140
Nach dem ersten Gemahl, nach Vaterstadt und Gefreunden.
Schnell in den Schleier gehüllt von silberfarbener Leinwand,
Flog sie hinweg aus der Kammer, die zarte Trän‘ an den Wimpern:
Nicht sie allein; ihr folgten zugleich zwo dienende Jungfraun,
Äthra, des Pittheus Tochter, und Klymene, herrschendes Blickes.
145
Bald nun kamen sie hin, allwo das skäische Tor war.
Aber Priamos dort, und Panthoos, neben Thymötes,
Lampos, und Klytios auch, und Ares Sproß Hiketaon,
Auch Antenor der Held, und Ukalegon, beide voll Weisheit,
Saßen, die Ältsten der Stadt, umher auf dem skäischen Tore:
150
Welche betagt vom Krieg ausruheten; doch in Versammlung
Redner voll Rat, den Cikaden nicht ungleich, die in den Wäldern
Aus der Bäume Gesproß hellschwirrende Stimmen ergießen:
Gleich so saßen der Troer Gebietende dort auf dem Turme.
Als sie nunmehr die Helena sahn zum Turme sich wenden;
155
Leise redete mancher, und sprach die geflügelten Worte:
Tadelt nicht die Troer und hellumschienten Achaier,
Die um ein solches Weib so lang‘ ausharren im Elend!
Einer unsterblichen Göttin fürwahr gleicht jene von Ansehn!
Dennoch kehr‘, auch mit solcher Gestalt, sie in Schiffen zur Heimat,
160
Ehe sie uns und den Söhnen hinfort noch Jammer bereitet!
Also die Greis‘; und Priamos rief der Helena jetzo:
Komm doch näher heran, mein Töchterchen, setze dich zu mir;
Daß du schaust den ersten Gemahl, und die Freund‘ und Verwandten!
Du nicht trägst mir die Schuld; die Unsterblichen sind es mir schuldig,
165
Welche mir zugesandt den bejammerten Krieg der Achaier!
Daß du auch jenes Manns, des gewaltigen, Namen mir nennest,
Wer doch dort der Achaier so groß und herrlich hervorprangt!
Zwar es ragen an Haupt noch andere höher denn jener;
Doch so schön ist keiner mir je erschienen vor Augen,
170
Noch so edler Gestalt; denn königlich scheint er von Ansehn!
Aber Helena sprach, die edle der Fraun, ihm erwidernd:
Ehrenwert mir bist du, o teurer Schwäher, und furchtbar
Hätte der Tod mir gefallen, der herbeste, ehe denn hieher
Deinem Sohn ich gefolgt, das Gemach und die Freunde verlassend,
175
Und mein einziges Kind, und die holde Schar der Gespielen!
Doch nicht solches geschah; und nun in Tränen verschwinde ich!…
Jetzo will ich dir sagen, was du mich fragst und erforschest.
Jener ist der Atreide, der Völkerfürst Agamemnon,
Beides, ein trefflicher König zugleich, und ein tapferer Streiter.
180
Schwager mir war er vordem, der Schändlichen; ach, er war es!
Jene sprach’s; und der Greis bewundert ihn, laut ausrufend:
Seliger Atreion‘, o gesegneter, glücklichgeborner!
Wahrlich doch unzählbar gehorchen dir Männer Achaias!
Vormals zog ich selber in Phrygiens Rebengefilde,
185
Wo ich ein großes Heer gaultummelnder phrygischer Männer
Schauete, Otreus Volk und des götterähnlichen Mygdon,
Welches umher am Gestade Sangarios weit sich gelagert;
Denn ich ward als Bundesgenoss‘ mit ihnen gerechnet,
Jenes Tags, da die Hord‘ amazonischer Männinnen einbrach:
190
Doch war minder die Zahl, wie der freudigen Krieger Achaias!
Jetzo erblickt‘ Odysseus der Greis, und fragte von neuem:
Nenne mir nun auch jenen, mein Töchterchen; siehe, wie heißt er?
Weniger ragt er an Haupt, als Atreus Sohn Agamemnon,
Aber breiteres Wuchses an Brust und mächtigen Schultern.
195
Seine Wehr ist gestreckt zur nahrungsprossenden Erde;
Doch er selbst, wie ein Widder, umgeht die Scharen der Männer:
Gleich dem Bock erscheinet er mir, dickwolliges Vlieses,
Welcher die große Trift weißschimmernder Schafe durchwandelt.
Ihm antwortete Helena drauf, Zeus‘ liebliche Tochter:
200
Der ist Laertes Sohn, der erfindungsreiche Odysseus,
Welcher in Ithakas Reich aufwuchs, des felsichten Eilands,
Wohlgeübt in mancherlei List und verschlagenem Rate.
Und der verständige Greis Antenor sagte dagegen:
Wahrlich, o Frau, du hast untrügliche Worte geredet.
205
Denn auch hieher kam er vorlängst, der edle Odysseus,
Deinethalben gesandt, und der streitbare Held Menelaos.
Ich herbergete beid‘, in meinem Palast sie bewirtend:
So daß beider Gestalt und kluger Geist mir bekannt ist.
Als sie nunmehr in der Troer versammelten Kreis sich gesellet,
210
Ragt‘ im Stehn Menelaos empor mit mächtigen Schultern:
Doch wie sich beide gesetzt, da schien ehrvoller Odysseus.
Aber sobald sie mit Red‘ und Erfindungen alles umstrickten;
Siehe da sprach Menelaos nur fliegende Worte voll Inhalts,
Wenige doch eindringender Kraft: denn er liebte nicht Wortschwall,
215
Nicht abschweifende Rede, wiewohl noch jüngeres Alters.
Aber nachdem sich erhub der erfindungsreiche Odysseus;
Stand er und schaute zur Erde hinab mit gehefteten Augen;
Auch den Stab, so wenig zurückbewegend wie vorwärts,
Hielt er steif in der Hand, ein Unerfahrner von Ansehn:
220
Daß du leicht für tückisch ihn achtetest, oder für sinnlos.
Aber sobald er der Brust die gewaltigen Stimmen entsandte,
Und ein Gedräng‘ der Worte, wie stöbernde Winterflocken;
Dann wetteiferte traun kein Sterblicher sonst mit Odysseus,
Und nicht stutzten wir so, des Odysseus Bildung betrachtend.
225
Jetzo sah den Ajas der Greis, und fragte noch einmal:
Wer ist dort der achaiische Mann, so groß und gewaltig,
Höher denn alles Volk an Haupt und mächtigen Schultern?
Aber Helena sprach, die herrliche, langes Gewandes:
Ajas heißt der gewaltige Held, der Danaer Schutzwehr.
230
Dorthin steht, wie ein Gott, Idomeneus unter den Kretern;
Und es umstehn den König die kretischen Führer versammelt.
Oft herbergete jenen der streitbare Held Menelaos,
Wann er aus Kreta kam, daheim in unserer Wohnung.
Nun zwar schau‘ ich sie alle, die freudigen Krieger Achaias,
235
Die ich wohl noch erkennt‘, und jeglichen nennte mit Namen:
Zween nur vermag ich nirgend zu schaun der Völkergebieter,
Kastor den reisigen Held, und den Kämpfer der Faust Polydeukes,
Beide mir leibliche Brüder, von einer Mutter geboren.
Folgten sie nicht hieher aus der lieblichen Flur Lakedämon?
240
Oder folgten sie zwar in meerdurchwandelnden Schiffen,
Aber enthalten sich nun, in die Schlacht zu gehen der Männer,
Weil sie die Schand‘ abschreckt und die große Schmach, die mich zeichnet?
Jene sprach’s; doch die beiden umfing die ernährende Erde
In Lakedämon bereits, im lieben Lande der Väter.
245
Aber die Herolde trugen die Bundesopfer der Götter
Durch die Stadt, zwei Lämmer, und fröhlichen Wein des Gefildes,
Im geißledernen Schlauch; es trug Idäos der Herold
Einen blinkenden Krug in der Hand, und goldene Becher.
Dieser nahte dem Greis‘, und sprach die ermahnenden Worte:
250
Mache dich auf, Laomedons Sohn; dich rufen die Fürsten
Rossebezähmender Troer und erzumschirmter Achaier
Dort hinab ins Gefilde, den heiligen Bund zu beschwören.
Nur Alexandros allein und der streitbare Held Menelaos
Werden anjetzt um das Weib mit langem Speer sich bekämpfen;
255
Und wer den Gegner besiegt, dem folgt das Weib und die Schätze.
Wir dann zugleich, Freundschaft und heiligen Bund uns beschwörend
Baun die schollige Troja; und jen‘ entschiffen zu Argos
Rossenährender Flur, und Achaias rosigen Jungfraun.
Jener sprach’s; da schaurte der Greis, und befahl den Gefährten,
260
Anzuschirren die Ross‘; und sie eileten flugs ihm gehorchend.
Priamos trat in den Wagen, und zog die lenkenden Zügel;
Auch mit ihm Antenor bestieg den prächtigen Sessel;
Schnell durch das skäische Tor entflogen die Ross‘ ins Gefilde.
Als sie nunmehr hinkamen zu Trojas Volk und Achaias,
265
Stiegen sie beid‘ aus dem Wagen zur nahrungsprossenden Erde,
Wandelten dann in die Mitte der Troer einher und Achaier.
Eilend darauf erhub sich der Völkerfürst Agamemnon,
Auch Odysseus voll Rat. Die stattlichen Herolde jetzo
Führten die Bundesopfer herbei, auch Wein in dem Kruge
270
Mischten sie, sprengeten dann der Könige Hände mit Wasser.
Doch der Atreid‘, ausziehend mit hurtigen Händen das Messer,
Das an der großen Scheide des Schwerts ihm immer herabhing,
Schnitt vom Haupt der Lämmer das Haar; und die Herolde jetzo
Teileten rings der Troer und Danaer edlen Gebietern.
275
Laut nun fleht‘ Agamemnon empor, mit erhobenen Händen:
Vater Zeus, ruhmwürdig und hehr, du Herrscher vom Ida!
Helios auch, der alles vernimmt, und alles umschauet!
Auch ihr Ström‘, und du Erd‘, und die ihr drunten die Geister
Toter Menschen bestraft, wer hier Meineide geschworen!
280
Seid uns Zeugen ihr all‘, und bewahrt die Schwüre des Bundes!
Wenn den Held Menelaos vielleicht Alexandros erleget;
Dann behalt‘ er Helena selbst und die sämtlichen Schätze,
Doch wir kehren zurück in meerdurchwandelnden Schiffen.
Aber sinkt Alexandros dem bräunlichen Held Menelaos;
285
Dann entlassen die Troer das Weib und die sämtlichen Schätze;
Buße zugleich den Argeiern bezahlen sie, welche geziemet,
Und die hinfort auch daure bei kommenden Menschengeschlechtern.
Doch wenn Priamos dann und Priamos Söhne sich weigern,
Mir zu bezahlen die Buße, nachdem Alexandros gefallen;
290
Dann werd‘ ich von neuem mit Kriegsmacht wegen der Sühnung
Kämpfen und nicht heimziehn, bis der Zweck des Krieges erreicht ist.
Sprach’s, und die Kehlen der Lämmer zerschnitt er mit grausamem Erze.
Beide legt‘ er nunmehr, die zappelnden, nieder im Staube,
Matt aushauchend den Geist, da die Kraft vom Erze geraubt war.
295
Hierauf Wein aus dem Krug in die goldenen Becher sich schöpfend
Gossen sie aus, und flehten den ewigwährenden Göttern.
Also betete mancher der Troer umher und Achaier:
Zeus, ruhmwürdig und hehr, und ihr andern unsterblichen Götter!
Welche von uns zuerst nun beleidigen, wider den Eidschwur;
300
Blutig fließ‘ ihr Gehirn, wie der Wein hier, rings auf der Erde,
Ihrs und der Kinder zugleich; und die Gattinnen schände der Fremdling!
Also das Volk; doch mit nichten gewährt‘ ihm solches Kronion.
Aber Priamos sprach, des Dardanos herrschender Enkel:
Hört mein Wort, ihr Troer, und hellumschiente Achaier.
305
Jetzo kehr‘ ich wieder zu Ilios luftigen Höhen
Heim; denn nimmer vermag ich mit eigenen Augen zu schauen
Kämpfend den lieben Sohn mit dem streitbaren Held Menelaos.
Zeus erkennt es allein und die andern unsterblichen Götter,
Wem nunmehr von beiden das Ziel des Todes verhängt ist.
310
Also der göttliche Held, und legt‘ in den Wagen die Lämmer,
Trat dann selber hinein, und zog die lenkenden Zügel;
Auch mit ihm Antenor bestieg den prächtigen Sessel;
Schnell dann kehrten sie beide, zu Ilios Höhen sich wendend.
Hektor drauf, des Priamos Sohn, und der edle Odysseus,
315
Maßen umher die Weite des Kampfraums, warfen dann eilend
Los‘ in den ehernen Helm, und schüttelten: welchem das Schicksal
Gönnte, zuerst auf den Gegner die eherne Lanze zu werfen.
Ringsum flehte das Volk, und erhob zu den Göttern die Hände.
Also betete mancher der Troer umher und Achaier:
320
Vater Zeus, ruhmwürdig und hehr, du Herrscher vom Ida!
Wer von beiden den Grund zu solchem Streite geleget,
Den laß jetzo vertilgt eingehn in Aïdes Wohnung;
Aber uns versöhne der Freundschaft heiliges Bündnis!
Also das Volk; doch der große, der helmumflatterte Hektor
325
Schüttelte, rückwärts gewandt: da entsprang das Zeichen des Paris.
Rings nun setzten sich all‘ in Ordnungen, dort wo sich jeder
Rosse gehobenes Hufs, und gebildete Waffen gereihet.
Aber er selbst umhüllte mit zierlichen Waffen die Schultern,
Alexandros der Held, der lockigen Helena Gatte.
330
Eilend fügt‘ er zuerst um die Beine sich bergende Schienen,
Blank und schön, anschließend mit silberner Knöchelbedeckung;
Weiter umschirmt‘ er die Brust ringsher mit dem ehernen Harnisch
Seines tapferen Bruders Lykaon, der ihm gerecht war;
Hängte sodann um die Schulter das Schwert voll silbener Buckeln,
335
Eherner Kling‘; und darauf den Schild auch, groß und gediegen;
Auch das gewaltige Haupt mit stattlichem Helme bedeckt‘ er,
Von Roßhaaren umwallt; und fürchterlich winkte der Helmbusch;
Nahm dann die mächtige Lanze, die ihm in den Händen gerecht war.
So auch zog Menelaos, der streitbare, Waffengeschmeid‘ an.
340
Als sich diese nunmehr in jeglichem Heere gerüstet,
Traten beid‘ in die Mitte der Troer einher und Achaier,
Mit androhendem Blick; und Staunen ergriff, die es ansahn,
Rossebezähmende Troer, und hellumschiente Achaier.
Und nun standen sie nah‘ im abgemessenen Kampfraum,
345
Wild die Speere bewegend, und zornvoll widereinander.
Erstlich entsandt‘ Alexandros die weithinschattende Lanze;
Und sie traf dem Atreiden den Schild von gerundeter Wölbung:
Doch nicht brach sie das Erz, denn rückwärts bog sich die Spitze
Auf dem gediegenen Schild. Nun erhob auch jener die Lanze,
350
Atreus Sohn Menelaos, und betete laut zu Kronion:
Waltender Zeus, laß strafen mich ihn, der zuerst mich beleidigt,
Alexandros den Held, und meinen Arm ihn bezwingen:
Daß man schaudre hinfort auch in späteren Menschengeschlechtern,
Böses dem Freunde zu tun, der wohlgesinnt ihn beherbergt!
355
Sprach’s, und im Schwung‘ entsandt‘ er die weithinschattende Lanze;
Und sie traf dem Paris den Schild von gerundeter Wölbung.
Siehe den strahlenden Schild durchschmetterte mächtig die Lanze,
Auch in das Kunstgeschmeide des Harnisches drang sie geheftet;
Grad‘ hindurch an der Weiche des Bauchs durchschnitt sie den Leibrock
360
Stürmend: da wand sich jener, und mied das schwarze Verhängnis.
Hurtig zog der Atreide das Schwert voll silberner Buckeln,
Hieb dann im Schwunge den Helm, den gekegelten; aber an jenem
Dreifach zerkracht und vierfach, entsprang es umher aus der Rechten.
Atreus Sohn wehklagte, den Blick gen Himmel erhebend:
365
Vater Zeus, nie gleicht dir an Grausamkeit einer der Götter!
Ha, ich hoffte zu strafen die Freveltat Alexandros;
Aber es sprang aus der Hand mir in Trümmer das Schwert, und die Lanze
Flog mir hinweg aus den Händen umsonst, und verwundete nicht ihn!
Sprach’s, und stürmte hinan, und ergriff ihn am Busche des Helmes,
370
Zog dann gewandt ihn daher zu den hellumschienten Achaiern.
Jenen engt‘ an der Kehle der buntgezeichnete Riemen,
Den er unter dem Kinne, des Helmes Band, sich befestigt.
Und er hätt‘ ihn geschleift, und ewigen Ruhm sich erworben,
Wenn nicht schnell es bemerkt die Tochter Zeus Aphrodite,
375
Und ihn zersprengt den Riemen des stark erschlagenen Stieres.
Leer nun folgte der Helm der nervichten Hand Menelaos.
Diesen schleuderte drauf zu den hellumschienten Aichaiern
Hochaufschwingend der Held; es erhoben ihn teure Genossen;
Und nun stürmt‘ er von neuem in heißer Begier zu ermorden
380
Hin mit dem ehernen Speer. Doch jenen entrückt‘ Aphrodite
Sonder Müh, als Göttin, und hüllt‘ in Nebel ihn ringsher;
Setzt‘ ihn drauf in die Kammer, von duftender Würze durchräuchert;
Schnell dann Helena suchend enteilte sie. Jene noch fand sie
Dort auf ragendem Turm, und umher viel troische Weiber.
385
Leis‘ ihr feines Gewand voll Nektarduft ihr bewegend,
Redete sie, in Gestalt der wollekrämpelnden Greisin,
Hochbetagt, die ihr einst in heimischer Burg Lakedämons
Liebliche Wolle gezupft, und ihr am meisten geliebt war;
Dieser gleich an Gestalt, begann Aphrodite die Göttin:
390
Komm; dich ruft Alexandros, mit mir nach Hause zu kehren.
Jener ruht in der Kammer auf zierlichem Lagergestelle,
Strahlend in Reiz und Feiergewand. Kaum solltest du glauben,
Daß er vom Zweikampf komme; vielmehr er gehe zum Reigen,
Oder er sitz‘ ausruhend vom fröhlichen Reigen ein wenig.
395
Jene sprach’s, und erregt‘ ihr das wallende Herz in dem Busen.
Aber sobald sie bemerkte den lieblichen Nacken der Göttin,
Auch den Busen voll Reiz, und die anmutstrahlenden Augen;
Tief erstaunte sie jetzt, und redete, also beginnend:
Grausame, warum strebst du, mich nochmals schlau zu verleiten?
400
Soll ich vielleicht noch weiter die wohlbevölkerten Städte
Phrygiens, oder der holden Mäonia Städte durchwandern,
Wenn auch dort ein Geliebter dir wohnt der redenden Menschen?
Drum weil jetzt Menelaos den edlen Held Alexandros
Überwand, und beschleußt mich heim, die Verhaßte, zu führen;
405
Darum schleichst du mir jetzo daher voll trüglicher Arglist?
Setze zu jenem dich hin, und verlaß der Unsterblichen Wandel;
Und nie kehre dein Fuß zu den seligen Höhn des Olympos:
Sondern teile des Sterblichen Weh, und pfleg‘ ihn mit Sorgfalt,
Bis er vielleicht zum Weibe dich aufnimmt, oder zur Sklavin!
410
Dorthin geh‘ ich dir nimmer, denn unanständig ja wär‘ es,
Ihm sein Bett zu schmücken hinfort. Des würden mich alle
Troerinnen verschmähn; und Gram schon lastet das Herz mir!
Aber voll Zorns antwortete drauf Aphrodite die Göttin:
Reize mich nicht, o Törin! ich könnt‘ im Zorne mich wenden,
415
Und so sehr dich hassen, als innig mein Herz dich geliebet!
Beid‘ entflammt‘ ich die Völker sodann zu verderblicher Feindschaft,
Troer sowohl wie Achaier; dann raffte dich böses Verhängnis!
Jene sprach’s; und verzagt ward Helena, Tochter Kronions.
Eilend ging sie, gesenkt den silberglänzenden Schleier,
420
Still, unbemerkt den übrigen Fraun; und es führte die Göttin.
Als sie nunmehr Alexandros gepriesene Wohnung erreichten,
Wandten die dienenden Mägde sich schnell zur befohlenen Arbeit.
Jene trat in ihr hohes Gemach, die edle der Weiber.
Einen Sessel ergriff die holdanlächelnde Kypris,
425
Trug und stellt‘ ihn, die Göttin, dem Held Alexandros entgegen.
Helena setzte sich drauf, des Ägiserschütterers Tochter,
Wandte die Augen hinweg, und schalt den Gemahl mit den Worten:
Kommst du vom Kampfe zurück? O lägest du lieber getötet
Dort vom gewaltigen Manne, der mir der erste Gemahl war!
430
Ha, du prahltest vordem, den streitbaren Held Menelaos
Weit an Kraft und Händen und Lanzenwurf zu besiegen!
Gehe denn nun, und berufe den streitbaren Held Menelaos,
Wiederum zu kämpfen im Zweikampf! Aber dir rat‘ ich,
Bleib‘ in Ruh, und vermeide den bräunlichen Held Menelaos,
435
Gegen ihn anzukämpfen den tapferen Kampf der Entscheidung,
Ohne Bedacht; daß nicht durch seinen Speer du erliegest!
Aber Paris darauf antwortete, solches erwidernd:
Frau, laß ab, mir das Herz durch bittere Schmähung zu kränken.
Jetzo hat Menelaos mir obgesiegt mit Athene;
440
Ihm ein andermal ich; denn es walten ja Götter auch unser.
Komm, wir wollen in Lieb‘ uns vereinigen, sanft gelagert.
Denn noch nie hat also die Glut mir die Seele bewältigt,
Auch nicht, als ich zuerst aus der lieblichen Flur Lakedämon
Segelte, dich entführend in meerdurchwandelnden Schiffen,
445
Und auf Kranaens Au mich gesellt‘ in Lieb‘ und Umarmung;
Als ich anjetzt dir glühe, durchbebt von süßem Verlangen.
Sprach’s, und nahte dem Lager zuerst; ihm folgte die Gattin.
Beide ruheten dann im schöngebildeten Bette.
Atreus Sohn durchstürmte das Heer nun, ähnlich dem Raubtier,
450
Ob er ihn wo ausspähte, den göttlichen Held Alexandros.
Doch nicht einer des troischen Volks, noch der edlen Genossen,
Konnt‘ Alexandros ihm zeigen, dem Rufer im Streit Menelaos.
Nicht aus Freundschaft wahrlich verhehlten sie, wenn man ihn schaute:
Denn verhaßt war er allen umher, wie das schwarze Verhängnis.
455
Jetzo erhub die Stimme der Völkerfürst Agamemnon:
Hört mein Wort, ihr Troer, ihr Dardaner, und ihr Genossen!
Offenbar ist Sieger der streitbare Held Menelaos.
Gebt denn Helena jetzt die Argeierin, samt der Besitzung,
Uns zurück; auch Buße bezahlet uns, welche geziemet,
460
Und die hinfort auch daure bei kommenden Menschengeschlechtern.
Also sprach der Atreid‘; und es lobten ihn alle Achaier.

Zweiter Gesang

Zweiter Gesang

Zeus, des Versprechens eingedenk, bewegt Agamemnon durch einen Traum, die Achaier zur Schlacht auszuführen. Rat der Fürsten; dann Volksversammlung. Agamemnon, das Volk zu versuchen, befiehlt Heimkehr; und alle sind geneigt. Odysseus, von Athene ermahnt, hemmt sie. Thersites dringt schmähend auf Heimkehr, und wird gestraft. Das beschämte Volk, durch Odysseus und Nestor völlig gewonnen, wird von Agamemnon zur Schlacht aufgefordert. Frühmahl, Opfer und Anordnung des Heers. Verzeichnis der achaiischen Völker. Die Troer in Versammlung hören die Botschaft, und rücken aus. Verzeichnis der troischen Völker.

Alle nunmehr, die Götter und gaulgerüsteten Männer,
Schliefen die ganze Nacht; nur Zeus nicht labte der Schlummer;
Sondern er sann im Geiste voll Unruh, wie er Achilleus
Ehren möcht‘, und verderben der Danaer viel‘ an den Schiffen.
5
Dieser Gedank‘ erschien dem Zweifelnden endlich der beste:
Einen täuschenden Traum zu Atreus Sohne zu senden.
Und er begann zu jenem, und sprach die geflügelten Worte:
Eile mir, täuschender Traum, zu den rüstigen Schiffen Achaias;
Gehe dort ins Gezelt zu Atreus Sohn Agamemnon,
10
Ihm das alles genau zu verkündigen, was ich gebiete.
Heiß‘ ihn rüsten zur Schlacht die hauptumlockten Achaier
All‘ im Heer; denn jetzo sei leicht ihm bezwungen der Troer
Weitdurchwanderte Stadt. Nicht mehr zweifaches Entschlusses
Sein die olympischen Götter; bewegt schon habe sie alle
15
Here durch Flehn; und hinab auf Ilios schwebe Verderben.
Jener sprach’s; und der Traum, sobald er die Rede vernommen,
Eilte hinweg, und kam zu den rüstigen Schiffen Achaias.
Hin nun eilt‘ er, und fand des Atreus Sohn Agamemnon
Schlafend in seinem Gezelt; ihn umfloß der ambrosische Schlummer.
20
Jener trat ihm zum Haupt‘, an Gestalt dem Sohne des Neleus
Nestor gleich, den hoch vor den Ältesten ehrt‘ Agamemnon;
Dessen Gestalt nachahmend begann der göttliche Traum so:
Schlummerst du, Atreus Sohn, des feurigen Rossebezähmers?
Keinem Richter gebührt’s die ganze Nacht zu durchschlummern,
25
Dem zur Hut sich die Völker vertraut, und so mancherlei obliegt.
Auf, nun höre mein Wort; ich komm‘, ein Bote Kronions,
Der dich sehr, auch ferne, begünstiget, dein sich erbarmend.
Rüsten heißt er zur Schlacht die hauptumlockten Achaier
All‘ im Heer; denn jetzo sei leicht dir bezwungen der Troer
30
Weitdurchwanderte Stadt. Nicht mehr zweifaches Entschlusses
Sein die olympischen Götter; bewegt schon habe sie alle
Here durch Flehn; und hinab auf Ilios schwebe Verderben
Her von Zeus. Du merk‘ es im Geiste dir, daß dem Gedächtnis
Nichts entfällt, wann jetzo vom lieblichen Schlaf du erwachest.
35
Also sagt‘ ihm der Traum, und wandte sich; jenen verließ er
Dem nachsinnend im Geist, was nie zur Vollendung bestimmt war.
Denn er hoffte noch heut‘ des Priamos Stadt zu erobern;
Tor! und erkannte nicht, was Zeus für Taten geordnet.
Denn er beschloß noch Jammer und Angstgeschrei zu erregen
40
Troern zugleich und Achaiern im Ungestüme der Feldschlacht.
Jetzo erwacht‘ er vom Schlaf, noch umtönt von der göttlichen Stimme;
Setzte sich aufrecht hin, und zog das weiche Gewand an,
Sauber und neugewirkt, und warf den Mantel darüber;
Unter die glänzenden Füß‘ auch band er sich stattliche Sohlen;
45
Hängte sodann um die Schulter das Schwert voll silberner Buckeln;
Nahm auch den Herrscherstab, den ererbeten, ewiger Dauer;
Wandelte dann zu den Schiffen der erzumschirmten Achaier.
Eos aber die Göttin erstieg den hohen Olympos,
Zeus und den anderen Göttern des Tageslicht zu verkünden.
50
Und er gebot Herolden von hellaustönender Stimme,
Rings zur Versammlung zu rufen die hauptumlockten Achaier.
Tönend ruften sie aus, und flugs war die Menge versammelt.
Einen Rat nun setzt‘ er zuerst der erhabenen Ältsten,
Am Nestorischen Schiffe, des herrschenden Greises von Pylos;
55
Als sich jene gesetzt, entwarf er die weise Beratung:
Freunde, vernehmt; ein göttlicher Traum erschien mir im Schlummer
Durch die ambrosische Nacht; und ganz dem erhabenen Nestor
War an Wuchs und Größ‘ und Gestalt er wunderbar ähnlich.
Dieser trat mir zum Haupt, und redete, also beginnend:
60
Schlummerst du, Atreus Sohn, des feurigen Rossebezähmers?
Keinem Richter gebührt’s die ganze Nacht zu durchschlummern,
Dem zur Hut sich die Völker vertraut, und so mancherlei obliegt.
Auf, nun höre mein Wort; ich komm‘ ein Bote Kronions,
Der dich sehr, auch ferne, begünstiget, dein sich erbarmend.
65
Rüsten heißt er zur Schlacht die hauptumlockten Achaier
All‘ im Heer, denn jetzo sei leicht dir bezwungen der Troer
Weitdurchwanderte Stadt. Nicht mehr zweifaches Entschlusses
Sein die olympischen Götter; bewegt schon haben sie alle
Here durch Flehn; und hinab auf Ilios schwebe Verderben
70
Her von Zeus. Du merk‘ es im Geiste dir. – Dieses geredet,
Flog er hinweg und verschwand; und der liebliche Schlummer verließ mich.
Aber wohlan, ob vielleicht zu rüsten gelingt die Achaier!
Selber zuerst durch Worte versuch‘ ich sie, wie es Gebrauch ist,
Und ermahne zur Flucht in vielgeruderten Schiffen:
75
Ihr dann, anderswo andre, beredet sie wieder zu bleiben.
Also redete jener, und setzte sich. Wieder erhub sich
Nestor, welcher gebot in Pylos sandigen Fluren;
Dieser begann wohlmeinend, und redete vor der Versammlung:
Freunde, des Volks von Argos erhabene Fürsten und Pfleger,
80
Hätte von solchem Traum ein anderer Mann uns erzählet;
Lug wohl nennten wir ihn, und wendeten uns mit Verachtung.
Doch ihn sah, der den ersten vor allem Volke sich rühmet.
Drum wohlan, ob vielleicht zu rüsten gelingt die Achaier!
Jener sprach’s, und wandte der erste sich aus der Versammlung.
85
Rings dann standen sie auf, dem Völkerhirten gehorchend,
Alle bescepterten Fürsten. Heran nun stürzten die Völker.
Wie wenn Scharen der Bienen daherziehn dichtes Gewimmels,
Aus dem gehöhleten Fels in beständigem Schwarm sich erneuend;
Jetzt in Trauben gedrängt umfliegen sie Blumen des Lenzes;
90
Andere hier unzählbar entflogen sie, andere dorthin:
Also zogen gedrängt von den Schiffen daher und Gezelten
Rings unzählbare Völker am Rand des hohen Gestades
Schar an Schar zur Versammlung. Entbrannt in der Mitte war Ossa,
Welche, die Botin Zeus, sie beschleunigte; und ihr Gewühl wuchs.
95
Weit nun hallte der Kreis, und es dröhnete drunten der Boden,
Als sich das Volk hinsetzt‘; und Getös war. Doch es erhuben
Neun Herolde den Ruf, und hemmten sie, ob vom Geschrei sie
Ruheten, und anhörten die gottbeseligten Herrscher.
Kaum saß endlich das Volk, umher auf den Sitzen sich haltend;
100
Und es verstummt ihr Getön. Da erhub sich der Held Agamemnon,
Haltend den Herrscherstab, den mit Kunst Hephästos gebildet.
Diesen gab Hephästos dem wartenden Zeus Kronion;
Hierauf gab ihn Zeus dem bestellenden Argoserwürger;
Hermes gab ihn, der Herrscher, dem Rossebändiger Pelops;
105
Wieder gab ihn Pelops dem völkerweidenden Atreus;
Dann ließ Atreus ihn sterbend dem lämmerreichen Thyestes;
Aber ihn ließ Thyestes dem Held Agamemnon zu tragen,
Viel‘ Eilande damit und Argos reich zu beherrschen.
Hierauf lehnte sich jener, und sprach die geflügelten Worte:
110
Freund‘, ihr Helden des Danaerstamms, o Genossen des Ares,
Hart hat Zeus der Kronid‘ in schwere Schuld mich verstricket!
Grausamer! welcher mir einst mit gnädigem Winke gelobet,
Heimzugehn ein Vertilger der festummauerten Troja.
Doch nun sann er verderblichen Trug, und heißet mich ruhmlos
115
Wieder gen Argos kehren, nachdem viel Volks mir dahinstarb.
Also gefällt’s nun wohl dem hocherhabnen Kronion,
Der schon vielen Städten das Haupt zu Boden geschmettert,
Und noch schmettern es wird; denn sein ist siegende Allmacht.
Schande ja daucht es und Hohn noch spätem Geschlecht zu vernehmen,
120
Daß so umsonst ein solches, so großes Volk der Achaier
Niemals frommenden Streit rastlos fortschreitet und kämpfet
Gegen mindere Feind‘, und noch kein Ende zu sehn ist.
Denn wofern wir wünschten, Achaier zugleich und Troer,
Treuen Bund uns schwörend, die Zahl zu wissen von beiden:
125
Erst zu erlesen die Troer, so viel dort eigenes Herdes;
Wir dann ordneten uns je zehn und zehn, wir Achaier,
Einen Mann der Troer für jegliche wählend zum Schenken:
Viele der Zehenten wohl entbehreten, mein‘ ich, das Schenken.
So weit daucht mir größer die Zahl der edlen Achaier,
130
Als dort wohnen der Troer in Ilios. Aber Genossen
Sind aus vielen der Städt‘ auch lanzenschwingende Männer,
Deren Macht mir verwehrt, und nicht, wie ich wollte, gestattet,
Ilios auszutilgen, die Stadt voll prangender Häuser.
Sind doch bereits neun Jahre des großen Zeus uns vergangen,
135
Und schon stockt den Schiffen das Holz, und die Seile vermodern;
Unsere Weiber indes und noch unmündigen Kinder
Sitzen daheim und schmachten mach uns: wir aber umsonst hier
Endigen nimmer das Werk, um dessenthalb wir gekommen.
Aber wohlan, wie ich rede das Wort, so gehorchet mir alle:
140
Laßt uns fliehn in den Schiffen zum lieben Lande der Väter;
Nie erobern wir doch die weitdurchwanderte Troja!
Jener sprach’s; und allen das Herz im Busen bewegt‘ er,
Ringsumher in der Menge, die nicht anhörten den Ratschluß.
Rege nun ward die Versammlung, wie schwellende Wogen des Meeres
145
Auf der ikarischen Flut, wann hoch sie der Ost- und der Südwind
Aufstürmt, schnell dem Gewölke des Donnerers Zeus sich entstürzend.
Wie wenn brausend der West unermeßliche Saaten erreget,
Zuckend mit Ungestüm, und die wallenden Ähren hinabbeugt:
So war rings die Versammlung in Aufruhr. Hin mit Geschrei nun
150
Stürzte das Volk zu den Schiffen; empor stieg unter dem Fußtritt
Finsterer Staub in die Luft; sie ermunterten einer den andern,
Anzugreifen die Schiff‘, und zu ziehn in die heilige Meerflut;
Und man räumte die Graben; es scholl gen Himmel der heimwärts
Strebenden Ruf, und den Schiffen entzog man die stützenden Balken.
155
Jetzo geschah den Argeiern auch trotz dem Schicksal die Heimkehr,
Hätte nicht, zur Athene gewandt, so Here geredet:
Weh mir, des ägiserschütternden Zeus unbezwungene Tochter!
Also sollen nun heim zum lieben Lande der Väter
Argos Völker entfliehn auf weitem Rücken des Meeres?
160
Ließe man so dem Priamos Ruhm, und den troischen Männern
Helena, Argos Kind, um welche so viel der Achaier
Hin vor Troja gesunken, entfernt vom Vatergefilde?
Auf nun, geeilt in das Heer der erzumschirmten Achaier!
Hemme da jeglichen Mann durch schmeichelnde Red‘, und verbeut ihm,
165
Nicht zu ziehen ins Meer die zwiefachrudernden Schiffe!
Jene sprach’s; ihr gehorchte die Herrscherin Pallas Athene.
Stürmendes Schwungs entflog sie den Felsenhöhn des Olympos;
Schnell erreichte sie dann die rüstigen Schiffe Achaias.
Jetzo fand sie Odysseus, an Ratschluß gleich dem Kronion,
170
Stehn; und nicht an sein Schiff, das schöngebordete schwarze,
Rühret‘ er, weil ihm der Gram in Herz und Seele gedrungen.
Nahend redete Zeus‘ blauäugige Tochter Athene:
Edler Laertiad‘, erfindungsreicher Odysseus,
Also wollt ihr nun heim zum lieben Lande der Väter
175
Hinfliehn, alle gestürzt in vielgeruderte Schiffe?
Ließet ihr so dem Priamos Ruhm, und den troischen Männern
Helena, Argos Kind, um welche so viel der Achaier
Hin vor Troja gesunken, entfernt vom Vatergefilde?
Auf nun, geeilt in das Heer der Danaer, nicht so gezaudert!
180
Hemme da jeglichen Mann durch schmeichelnde Red‘, und verbeut ihm,
Nicht zu ziehen ins Meer die zwiefach rudernden Schiffe!
Jene sprach’s; da erkannte der Held die Stimme der Göttin.
Schnell abwerfend den Mantel enteilet er; aber den Mantel
Hob Eurybates auf, sein Herold, der ihm gefolgt war.
185
Jener, wie Atreus Sohn Agamemnon gegen ihn herkam,
Nahm ihm den Herrscherstab, den ererbeten, ewiger Dauer;
Hiermit durcheilt‘ er die Schiffe der erzumschirmten Achaier.
Welchen der Könige nun und edleren Männer er antraf,
Freundlich hemmt‘ er diesen, mit schmeichelnden Worten ihm nahend:
190
Halt du, wenig dir ziemt’s, wie ein feiger Mann, zu verzagen!
Sitz‘ in Ruhe du selbst, und treibe zur Ruh‘ auch die andern!
Denn noch weißt du ja nicht, wie der Atreione gesinnt sei.
Jetzo vielleicht versucht er, und züchtiget bald die Achaier.
Denn nicht all‘ im Rate vernahmen wir, was er geredet.
195
Daß nicht entbrenne sein Zorn, und wüte durchs Heer der Achaier!
Furchtbar ist der Eifer des gottbeseligten Königs;
Seine Ehr‘ ist von Zeus, und ihn schirmt Zeus‘ waltende Vorsicht.
Welchen Mann des Volkes er sah, und schreiend wo antraf,
Diesen schlug sein Scepter, und laut bedroht‘ er ihn also:
200
Halt du! rege dich nicht, und hör‘ auf anderer Rede,
Die mehr gelten denn du! Unkriegerisch bist du und kraftlos,
Nie auch weder im Kampf ein gerechneter, noch in dem Rate!
Nicht wir alle zugleich sind Könige hier, wir Achaier!
Niemals frommt Vielherrschaft im Volk; nur einer sei Herrscher,
205
Einer König allein, dem der Sohn des verborgenen Kronos
Scepter gab und Gesetze, daß ihm die Obergewalt sei.
Also durchherrscht‘ er das Heer, ein Waltender; und zur Versammlung
Stürzten die Völker zurück, von den Schiffen daher und Gezelten,
Lärmvoll: wie wenn die Woge des weitaufrauschenden Meeres
210
Hoch an das Felsengestad‘ anbrüllt, und die stürmende Flut hallt.
Alles saß nun ruhig, umher auf den Sitzen sich haltend;
Nur Thersites erhob sein zügelloses Geschrei noch:
Dessen Herz mit vielen und törichten Worten erfüllt war,
Immer verkehrt, nicht der Ordnung gemäß, mit den Fürsten zu hadern,
215
Wo ihm nur etwas erschien, das lächerlich vor den Argeiern
Wäre. Der häßlichste Mann vor Ilios war er gekommen:
Schielend war er, und lahm am anderen Fuß; und die Schultern
Höckerig, gegen die Brust ihm geengt; und oben erhub sich
Spitz sein Haupt, auf der Scheitel mit dünnlicher Wolle besäet.
220
Widerlich war er vor allen des Peleus Sohn‘ und Odysseus;
Denn sie lästert‘ er stets. Doch jetzt Agamemnon dem Herrscher
Kreischt‘ er hell entgegen mit Schmähungen. Rings die Achaier
Zürnten ihm heftig empört, und ärgerten sich in der Seele.
Aber der Lästerer schalt mit lautem Geschrei Agamemnon:
225
Atreus Sohn, was klagst du denn nun, und wessen bedarfst du?
Voll sind dir von Erz die Gezelt‘, und viele der Weiber
Sind in deinen Gezelten, erlesene, die wir Achaier
Immer zuerst dir schenken, vom Raub eroberter Städte.
Mangelt dir auch noch Gold, das ein rossebezähmender Troer
230
Her aus Ilios bringe, zum Lösungswerte des Sohnes,
Welchen ich selbst in Banden geführt, auch sonst ein Achaier?
Oder ein jugendlich Weib, ihr beizuwohnen in Wollust,
Wann du allein in der Stille sie hegst? Traun, wenig geziemt sich’s,
Führer zu sein, und in Jammer Achaias Söhne zu leiten!
235
Weichlinge, zag‘ und verworfen, Achai’rinnen, nicht mehr Achaier!
Laßt doch heim in den Schiffen uns gehn, und diesen vor Troja
Hier an Ehrengeschenken sich sättigen: daß er erkenne,
Ob auch wir mit Taten ihm beistehn, oder nicht also!
Hat er Achilleus doch, den weit erhabeneren Krieger,
240
Jetzo entehrt, und behält sein Geschenk, das er selber geraubet!
Aber er hat nicht Gall‘ in der Brust, der träge Achilleus!
Oder du hättest, Atreide, das letztemal heute gefrevelt!
Also schalt Thersites den Hirten des Volks Agamemnon,
Atreus Sohn. Ihm nahte sofort der edle Odysseus;
245
Finster schaut‘ er auf jenen, und rief die drohenden Worte:
Törichter Schwätzer Thersites, obgleich ein tönender Redner,
Schweig‘, und enthalte dich, immer allein mit den Fürsten zu hadern!
Denn nicht mein‘ ich, daß irgend ein schlechterer Mensch wie du selber
Wandle, so viel herzogen mit Atreus Söhnen vor Troja!
250
Nie drum nenne dein Mund die Könige vor der Versammlung!
Schreie sie nicht mit Schmähungen an, noch laur‘ auf die Heimfahrt!
Denn noch wissen wir nicht, wohin sich wende die Sache:
Ob wir zum Glück heimkehren, wir Danaer, oder zum Unglück.
Sitzest du, Atreus Sohn, den Hirten des Volks Agamemnon,
255
Darum zu schmähn allhier, weil ihm die Helden Achaias
Schätze so reichlich geschenkt, und lästerst ihn vor der Versammlung?
Aber ich sage dir an, und das wird wahrlich vollendet!
Find‘ ich noch einmal dich vor Wahnsinn toben, wie jetzo;
Dann soll Odysseus Haupt nicht länger stehn auf den Schultern,
260
Dann soll keiner hinfort des Telemachos Vater mich nennen:
Wenn ich nicht dich ergreif, und jedes Gewand dir entreiße,
Deinen Mantel und Rock, und was die Scham dir umhüllet,
Und mit lautem Geheul zu den rüstigen Schiffen dich sende,
Aus der Versammlung gestäupt mit schmählichen Geißelhieben!
265
Also der Held; und zugleich mit dem Scepter ihm Rücken und Schultern
Schlug er; da wand sich jener, und häufig stürzt‘ ihm die Träne.
Eine Striem‘ erhub sich mit Blut aufschwellend am Rücken
Unter des Scepters Gold. Er setzte sich nun, und bebte,
Murrend vor Schmerz, mit entstelltem Gesicht, und wischte die Trän‘ ab.
265
Rings, wie betrübt sie waren, doch lachten sie herzlich um jenen.
Also redete mancher, gewandt zum anderen Nachbar:
Trau, gar vieles bereits hat Odysseus gutes vollendet,
Heilsamen Rat zu reden berühmt, und Schlachten zu ordnen;
Aber anjetzt vollbracht er das Trefflichste vor den Argeiern,
275
Daß er den ungestümen und lästernden Redner geschweiget!
Schwerlich möcht‘ er hinfort, wie das mutige Herz ihn auch antreibt,
Wider die Könige sich mit schmähenden Worten empören!
Also das Volk. Da erhub sich der Städteverwüster Odysseus,
Haltend den Herrscherstab; und neben ihm Pallas Athene,
280
Gleich an Gestalt dem Herold, gebot Stillschweigen den Völkern:
Daß die Nächsten zugleich und die äußersten Männer Achaias
Hörten des Redenden Wort, und wohl nachdächten dem Rate.
Jener begann wohlmeinend, und redete vor der Versammlung:
Atreus Sohn, nun bereiten die Danaer dir, o Gebieter,
285
Hohn und Schmach vor den Völkern des redenden Menschengeschlechtes;
Und vollenden dir nicht die Verheißungen, die man gelobet,
Als man hieher dir folgt‘ aus der rossenährenden Argos:
Heimzugehn ein Vertilger der festummauerten Troja.
Denn wie zarte Kindelein tun, und verwitwete Weiber,
290
Klagen sie dort einander ihr Leid, und jammern um Heimkehr.
Freilich ringt wohl jeder, wer Trübsal duldet, nach Heimkehr.
Denn wer auch einen Mond nur entfernt ist seiner Gemahlin,
Weilet ja schon unmutig am vielgeruderten Schiffe,
Welches der winternde Sturm aufhält, und des Meeres Empörung.
295
Doch uns schwand das neunte der rollenden Jahre vorüber,
Seit wir allhier ausharren. Ich tadele nicht die Achaier,
Daß man traurt bei den Schiffen, und heimstrebt. Aber es wär‘ uns
Schändlich doch, die so lange geweilt, leer wiederzukehren!
Duldet, o Freund‘, und harrt noch ein weniges, daß wir erkennen,
300
Ob uns Wahrheit von Kalchas enthüllt ward, oder nicht also.
Denn wohl denken wir jenes im Geiste noch, und ihr bezeugt es
Alle, die nicht wegführten die graulichen Keren des Todes.
Gestern war’s, wie mir daucht, da sich unsere Schiffe bei Aulis
Sammelten, Böses zu bringen dem Priamos selbst und den Troern.
305
Ringsher opferten wir um den Quell den unsterblichen Göttern
Auf geweihten Altären vollkommene Festhekatomben,
Unter des Ahorns Grün, dem blinkendes Wasser entsprudelt.
Sich, und ein Zeichen geschah. Ein purpurschuppiger Drache,
Gräßlich zu schaun, den selber ans Licht der Olympier sandte,
310
Unten entschlüpft dem Altar, fuhr schlängelnd empor an dem Ahorn.
Dort nun ruhten im Neste des Sperlings nackende Kindlein,
Oben auf schwankendem Ast, und schmiegten sich unter den Blättern,
Acht; und die neunte war der Vögelchen brütende Mutter.
Jener nunmehr verschlang die kläglich Zwitschernden alle;
315
Nur die Mutter umflog mit jammernder Klage die Kindlein,
Bis er das Haupt hindreht‘, und am Flügel die Schreiende haschte.
Aber nachdem er die Jungen verzehrt, und das Weibchen des Sperlings;
Stellte zum Wunderzeichen der Gott ihn, der ihn gesendet:
Denn zum Stein erschuf ihn der Sohn des verborgenen Kronos.
320
Wir nun standen umher, und stauneten ob der Erscheinung,
Wie doch solcherlei Graun eindrang in der Himmlischen Opfer.
Schleunig vor allem Volk weissagete Kalchas der Seher:
Warum steht ihr verstummt, ihr hauptumlockten Achaier?
Uns erschuf dies Wunder der Macht Zeus‘ waltende Vorsicht,
325
Spät von Dauer, und spät erfüllt, zu ewigem Nachruhm!
Gleichwie jener die Jungen verzehrt, und das Weibchen des Sperlings,
Acht; und die neunte war der Vögelchen brütende Mutter:
Also werden wir dort neun Jahr auch kriegen um Troja,
Doch im zehnten die Stadt voll prächtiger Gassen erobern.
330
So weissagete jener; und nun wird alles vollendet.
Auf denn, bleibt miteinander, ihr hellumschienten Achaier,
Hier nun, bis wir gewonnen des Priamos türmende Feste!
Jener sprach’s; auf schrieen die Danaer laut, und umher scholl
Ungestüm von den Schiffen das Jubelgetön der Achaier,
335
Alle das Wort hochpreisend des göttergleichen Odysseus.
Drauf vor jenen begann der gerenische reisige Nestor:
Götter! ja traun ihr redet wie Knäbelein hier in Versammlung,
Die unmündig noch nichts um Taten des Kriegs sich bekümmern!
Wo sind unsere Verheißungen nun, und die heiligen Schwüre?
340
Soll denn in Rauch aufgehen der Rat, und die Sorge der Männer,
Opfer des lauteren Weins, und der Handschlag, dem wir vertrauet?
Denn mit eiteler Rede ja zanken wir; aber vergebens
Spähen wir heilsam Rat, wie lange wir hier auch verweilen!
Atreus Sohn, du künftig, wie vor, unerschüttertes Herzens,
345
Führe der Danaer Volk in wütendes Waffengetümmel.
Aber dahin laß schwinden die einzelnen, welche gesondert
Etwa von uns ratschlagen, (denn nie wird solchen Erfüllung!)
Heim gen Argos zu kehren, bevor vom Ägiserschüttrer
Wir erkannt, ob er Täuschung gelobete, oder nicht also.
350
Denn ich sag‘, uns winkte der hocherhabne Kronion
Jenes Tags, da wir stiegen in meerdurchgleitende Schiffe,
Argos‘ Volk, die Troer mit Mord und Verderben bedrohend:
Rechtshin zuckte sein Blitz, ein heilsweissagendes Zeichen!
Drum daß keiner zuvor wegdräng‘ und strebe zur Heimkehr,
355
Eh‘ er allhier mit einer der troischen Frauen geruhet,
Eh‘ er gerächt der Helena Angst und einsame Seufzer!
Sehnt sich einer indes so gar unbändig nach Heimkehr,
Wag‘ er mir’s, sein schwarzes gebogenes Schiff zu berühren:
Daß er zuerst vor allen den Tod und das Schicksal erreiche!
360
Sinne denn selbst, o König, auf Rat, und hör‘ ihn von andern.
Nicht wird dir verwerflich das Wort sein, welches ich rede.
Sondere rings die Männer nach Stamm und Geschlecht, Agamemnon:
Daß ein Geschlecht dem Geschlecht beisteh‘, und Stämme den Stämmen.
Tust du das, und gehorchen die Danaer dir; dann erkennst du,
365
Wer von den Führern des Heers der Feigere, wer von den Völkern,
Und wer tapferer sei: denn es kämpft nun jeder das Seine.
Auch erkennst du, ob Göttergewalt die Eroberung hindert,
Oder des Heers Feigheit, und mangelnde Kriegserfahrung.
Ihm antwortete drauf der Völkerfürst Agamemnon:
370
Wahrlich im Rat besiegst du, o Greis, die Männer Achaias.
Wenn doch, o Vater Zeus, und Pallas Athen‘, und Apollon,
Noch zehn andere Räte wie du mir wären im Volke!
Bald dann neigte sich uns des herrschenden Priamos Feste,
Unter unseren Händen besiegt und zu Boden getrümmert!
375
Aber Zeus Kronion, der Donnerer, sandte mir Unheil,
Der in ein eitles Gewirr von Hader und Zank mich verwickelt.
Denn ich selbst und Achilleus entzweiten uns, wegen des Mägdleins,
Mit feindseligen Worten; ich aber begann die Entrüstung.
Wenn wir je uns wieder vereinigen; traun nicht länger
380
Säumt dann noch das Verderben von Ilios, auch nicht ein kleines!
Doch nun geht zum Mahle, damit wir rüsten den Angriff.
Wohl bereite sich jeder den Schild, wohl schärf‘ er die Lanze;
Wohl auch reich‘ er die Kost den leichtgeschenkelten Rossen;
Wohl auch späh‘ er den Wagen umher, und gedenke der Feldschlacht:
385
Daß wir den ganzen Tag im schrecklichen Kampf uns versuchen.
Denn nicht wenden wir uns zum Ausruhn, auch nicht ein kleines,
Ehe die Nacht herkommend den Mut der Männer gesondert.
Triefen vom Schweiß wird manchem das Riemengehenk um den Busen
Am ringsdeckenden Schild, und starren die Hand an der Lanze;
390
Triefen auch manchem das Roß, vor den zierlichen Wagen gespannet.
Aber wofern mir einer, der Schlacht mit Fleiß sich enthaltend,
Bei den geschnäbelten Schiffen zurückbleibt; wahrlich umsonst wird
Dieser umher dann schaun, zu entfliehn den Hunden und Vögeln!
Jener sprach’s; auf schrien die Danaer laut: wie die Meerflut
395
Brüllt um den hohen Strand, wann kommend der Süd sie emporwühlt
Am vorragenden Fels, der nie von Wogen verschont ist,
Aller Wind‘ umher, ob sie dorthin wehen, ob dorthin.
Schnell nun sprangen sie auf, und liefen umher durch die Schiffe;
Rings entstieg den Gezelten der Rauch, und sie nahmen das Frühmahl.
400
Andere opferten andern der ewig währenden Götter,
Flehend, dem Tode der Schlacht zu entgehn, und denn Toben des Ares.
Jener selbst auch weihte, der Völkerfürst Agamemnon,
Einen Stier, fünfjährig und feist, dem starken Kronion.
Und er berief die ältesten, die edleren aller Achaier:
405
Nestor zuerst vor allen, Idomeneus dann, den Beherrscher,
Auch die Ajas beid‘, und Tydeus Sohn Diomedes,
Auch den sechsten Odysseus, an Ratschluß gleich dem Kronion.
Aber es kam freiwillig der Rufer im Streit Menelaos;
Denn er erkannt‘ im Herzen, wie viel dem Bruder zu tun war.
410
Und sie umstanden den Stier, und nahmen sich heilige Gerste;
Betend erhub die Stimme der Völkerfürst Agamemnon:
Zeus, ruhmwürdig und hehr, schwarzwolkiger, Herrscher des Äthers!
Nicht bevor laß sinken die Sonn‘, und das Dunkel heraufziehn,
Eh‘ ich hinab von der Höhe gestürzt des Priamos Wohnung,
415
Dunkel von Rauch, und die Tore mit feindlicher Flamme verwüstet;
Eh‘ ich vor Hektors Brust ringsher zerrissen den Panzer
Mit eindringendem Erz, und viel um ihn der Genossen,
Vorwärts liegend im Staub, mit Geknirsch in die Erde gebissen!
Jener sprach’s; doch mit nichten gewährt‘ ihm solches Kronion;
420
Sondern er nahm sein Opfer, und häuft‘ ihm unnennbare Drangsal.
Aber nachdem sie gefleht, und heilige Gerste gestreuet;
Beugten zurück sie den Hals, und schlachteten, zogen die Haut ab,
Sonderten dann die Schenkel, umwickelten solche mit Fette
Zwiefach umher, und bedeckten sie dann mit Stücken der Glieder.
425
Dies verbrannten sie alles, gelegt auf entblätterte Scheiter;
Wendeten dann durchspießt die Eingeweid‘ an der Flamme.
Als sie die Schenkel verbrannt, und die Eingeweide gekostet;
Schnitten sie auch das übrige klein, und steckten’s an Spieße,
Brieten es dann vorsichtig, und zogen es alles herunter.
430
Aber nachdem sie ruhten vom Werk, und das Mahl sich bereitet;
Schmausten sie, und nicht mangelt‘ ihr Herz des gemeinsamen Mahles.
Aber nachdem die Begierde des Tranks und der Speise gestillt war;
Jetzo begann das Gespräch der gerenische reisige Nestor:
Atreus Sohn, ruhmvoller, du Völkerfürst Agamemnon:
435
Laß uns nicht hier redend die Zeit verlieren, und länger
Nicht aufschieben das Werk, das jetzo der Gott uns vertrauet.
Auf denn und heiß ausrufend die Herolde, rings der Achaier
Erzumpanzertes Volk umher bei den Schiffen versammeln.
Wir dann wollen gesellt das weite Heer der Achaier
440
Alle durchgehn, um schneller die wütende Schlacht zu erregen.
Jener sprach’s; ihm gehorchte der Völkerfürst Agamemnon,
Eilt‘ und gebot Herolden von hellaustönender Stimme,
Rings in die Schlacht zu rufen die hauptumlockten Achaier.
Tönend ruften sie aus, und flugs war die Menge versammelt.
445
Jen‘ um den Atreionen, die gottbeseligten Herrscher,
Stürmten umher anordnend. Zugleich ging Pallas Athene,
Haltend die Ägis voll Pracht, unalternd stets und unsterblich:
Hundert zierliche Quäst‘ aus lauterem Golde geflochten
Hingen daran, und vom Werte der Hekatomben war jeder.
450
Hiermit weithinleuchtend durchflog sie das Heer der Achaier,
Trieb zur Eile sie an, und rüstete jegliches Mannes
Busen mit Kraft, rastlos im Streite zu stehn und zu kämpfen.
Allen sofort schien süßer der Kampf, als wiederzukehren
In den geräumigen Schiffen zum lieben Lande der Väter.
455
Wie ein vertilgendes Feuer entbrennt in unendlicher Waldung
Auf den Höhn des Gebirgs, und fern die Flamme gesehn wird:
Also dem wandelnden Heer entflog von dem prangenden Erze
Weithin leuchtender Glanz, und durchstrahlte die Luft bis zum Himmel.
Dort, gleichwie der Gevögel unzählbar fliegende Scharen,
460
Kraniche, oder Gäns‘, und das Volk langhalsiger Schwäne,
Über die asische Wies‘ um Kaystrios weite Gewässer,
Hierhin flattern und dorthin, mit freudigem Schwunge der Flügel,
Dann mit Getön hinsenken den Flug, daß umher das Gefild‘ hallt:
So dort stürzten die Scharen von Schiffen daher und Gezelten
465
Auf die skamandrische Flur; und ringsum dröhnte die Erde
Graunvoll unter dem Gang des wandelnden Heers und der Rosse.
Jetzo standen sie all‘ in der blumigen Au des Skamandros,
Tausende, gleich wie Blätter und knospende Blumen im Frühling.
Aber dicht, wie der Fliegen unzählbar wimmelnde Scharen
470
Rastlos durch das Gehege des ländlichen Hirten umherziehn,
Im anmutigen Lenz, wann Milch von den Butten herabtrieft:
So unzählbar standen die hauptumlockten Achaier
Gegen die Troer im Felde, sie auszutilgen verlangend.
Jetzo, wie oft Geißhirten die schweifenden Ziegenherden
475
Ohne Müh‘ aussondern, nachdem sie sich weidend gemischet:
So dort stellten die Führer, und ordneten hierhin und dorthin,
Einzugehn in die Schlacht; mit ihnen der Held Agamemnon,
Gleich an Augen und Haupt dem donnerfrohen Kronion,
Gleich dem Ares an Gurt, und an hoher Brust dem Poseidon.
480
So wie der Stier in der Herd‘ ein Herrlicher wandelt vor allen,
Männlich stolz; denn er ragt aus den Rindern hervor auf der Weide:
Also verherrlichte Zeus an jenem Tag Agamemnon,
Daß er hoch aus vielen hervorschien unter den Helden.
Sagt mir anitzt, ihr Musen, olympische Höhen bewohnend:
485
Denn ihr seid Göttinnen, und wart bei allem, und wißt es;
Unser Wissen ist nichts, wir horchen allein dem Gerüchte:
Welche waren die Fürsten der Danaer, und die Gebieter?
Nie vermöcht‘ ich das Volk zu verkündigen, oder zu nennen;
Wären mir auch zehn Kehlen zugleich, zehn redende Zungen,
490
Wär unzerbrechlicher Laut, und ein ehernes Herz mir gewähret:
Wenn die olympischen Musen mir nicht, des Ägiserschüttrers
Töchter die Zahl ansagten, wie viel vor Ilios kamen.
Drum die Ordner der Schiffe genannt, und die sämtlichen Schiffe.
Führer war den Böoten Peneleos, Leïtos Führer,
495
Arkesilaos zugleich, und Klonios, samt Prothoenor.
Alle, die Hyrie rings, und die felsige Aulis bewohnten,
Schönos auch, und Skolos, und weit die Höhn Eteonos,
Dann Thespeia, und Gräa, und weit die Aun Mykalessos;
Auch die Harma umwohnten, Eilesion auch, und Erythrä,
500
Auch die Eleon sich, und Peteon bauten, und Hyle,
Rings Okalea dann, und Medeons prangende Gassen,
Kopä, samt Eutresis, und Thisbe, flatternd von Tauben;
Die Koroneia umher, und die Grasgefild‘ Haliartos,
Die Platäa gebaut, und die in Glissas gewohnet,
505
Die umher Hypothebe bewohnt in prangenden Häusern,
Auch Onchestos lieblichen Hain um den Tempel Poseidons;
Die dann Arne bewohnt voll Weinhöhn, auch die Mideia,
Auch die heilige Nissa, und fern Anthedon die Grenzstadt:
Diese zogen daher in fünfzig Schiffen, und jedes
510
Trug der böotischen Jugend erlesene hundert und zwanzig.
Die in Orchomenos wohnten, der Minyer, und in Aspledon,
Führt‘ Askalaphos an, und Ialmenos, Söhne des Ares,
Aus der Astyoche Schoß: in der Burg des azeidischen Aktors
Stieg sie einst in den Söller empor, die schüchterne Jungfrau,
515
Hin zum gewaltigen Ares, und sank in geheimer Umarmung.
Diese trug ein Geschwader von dreißig gebogenen Schiffen.
Aber Schedios herrscht‘ und Epistrophos vor den Phokäern,
Beide des Iphitos Söhne, des naubolidischen Königs:
Die umher Kyparissos gebaut, und die felsige Python,
520
Auch die herrliche Krissa, und Panopeus Äcker, und Daulis;
Die um Anemoreia, und her um Hyampolis wohnten;
Dann die längs dem Kephissos, dem heiligen Strome, gehauset;
Auch die Liläa bestellt, bis hinauf zum Quell des Kephissos:
Diese zogen einher in vierzig dunkelen Schiffen.
525
Jene stellten in Reihn die phokäischen Männer umwandelnd;
Und sie schlossen sich links an die Männerschar der Böoten.
Ajas führte die Lokrer, der schnelle Sohn des Oileus:
Kleiner, und nicht so groß, wie der Telamonier Ajas,
Sondern geringer an Wuchs; doch klein, und im leinenen Harnisch.
530
War er geübt mit der Lanze vor allem Volk der Achaier.
Alle, die Kynos bewohnt, Kalliaros Auen und Opus,
Bessa rings, und Skarphe, die liebliche Flur um Augeia,
Tarphe, und Thronios Au, von Boagrios Strome gewässert:
Folgeten jenem zugleich in vierzig dunkelen Schiffen,
535
Lokrer, die jenseits wohnen dem heiligen Land Euböa.
Darin die Euböa bewohnt, die mutbeseelten Abanter,
Chalkis, Eiretria darin, und die Traubenhöhn Histiäas,
Auch Kerinthos am Meer, und Dios ragende Bergstadt,
Auch die Karystos umher, und Styrons Fluren bebauten:
540
Diese führt‘ Elephenor zum Kampf, der Sprößling des Ares,
Chalkodons Sohn, Heerfürst der hochgesinnten Abanter.
Rasch ihm folgte sein Volk mit rückwärts fliegendem Haupthaar,
Schwinger des Speers, und begierig mit ausgestreckter Esche
Krachend des Panzers Erz an feindlicher Brust zu durchschmettern.
545
Deren folgt ein Geschwader von vierzig dunkelen Schiffen.
Dann die Athenä bewohnt, des hochgesinnten Erechtheus
Wohlgebauete Stadt, des Königes, welchen Athene
Nährte, die Tochter Zeus, (ihn gebar die fruchtbare Erde;)
Und in Athenä setzt‘ in ihren gefeierten Tempel:
550
Wo das Herz ihr erfreun mit geopferten Farren und Lämmern
Jünglinge edler Athener, in kreisender Jahre Vollendung.
Jenen gebot anführend des Peteos Sohn Menestheus.
Ihm war nie zu vergleichen ein Mann von den Erdebewohnern,
Rosse zur Schlacht zu ordnen, und schildgewappnete Männer.
555
Nur wetteiferte Nestor; denn der war höheres Alters.
Diesem folgt ein Geschwader von fünfzig dunkelen Schiffen.
Ajas führte daher aus Salamis zwölf der Schiffe,
Stellte sie darin, wo in Reihn der Athener Schar sich geordnet.
Dann die Argos bewohnt, und die festummauerte Tiryns,
560
Asinens samt Hermionens Port an besegelter Meerbucht.
Trözen, Eionä auch, und die Traubengestad‘ Epidauros,
Auch die Ägina und Mases bewohnt, die jungen Achaier:
Diesen gebot obwaltend der Rufer im Streit Diomedes;
Sthenelos auch, des Kapaneus Sohn, des gepriesenen Helden;
565
Auch der dritte gebot Euryalos, ähnlich den Göttern,
Er des Mekistheus Sohn, des taläonidischen Königs.
Alle gesamt dann führte der Rufer im Streit Diomedes.
Ihnen folgt‘ ein Geschwader von achtzig dunkelen Schiffen.
Dann die Mykenä bewohnt, die Stadt voll prangender Häuser,
570
Auch die reiche Korinthos, und schöngebaute Kleonä;
Auch die Orneia bestellt, und Aräthyreens Äcker,
Sikyon auch, wo vordem der Held Adrastos gewaltet,
Hyperesia dann, und die Felsenstadt Gonoessa;
Auch die Pellene gebaut, und Ägion ringsum bestellet,
575
Und die Gestad‘ umher, und Helike, grün von Ebnen:
Führt‘ in hundert Schiffen der Völkerfürst Agamemnon,
Atreus Sohn. Ihm folgte das mehreste Volk und das beste
Her zum Streit; und er selber, in blendendem Erze gerüstet,
Trotzte voran, da er herrlich hervorschien unter den Helden;
580
Weil er der tapferste war, und mit mehrerem Volke daherzog.
Dann die gewohnt in der großen umhügelten Stadt Lakedämon,
Auch die Phare, und Sparta, die Messe, flatternd von Lauben,
Und die Briseia bestellt, und die liebliche Flur um Augeia;
Die in Amyklä gewohnt, auch Helos Bürger, der Meerstadt,
585
Auch die Laas gebaut, und Ötylos Auen bestellet:
Deren führt‘ ihm der Bruder, der Rufer im Streit Menelaos,
Sechzig Schiffe daher; doch hielt gesondert die Heerschar.
Aber er selbst durchging sie, dem eigenen Mute vertrauend,
Und ermahnte zur Schlacht: denn am heftigsten brannte das Herz ihm,
590
Bis er gerächt der Helena Angst und einsame Seufzer.
Dann die Pylos bewohnt, und die anmutsvolle Arene,
Thryos, Alpheios Furt, und die schöngebauete Äpy,
Auch die Kyparisseïs bestellt, und Amphigeneia,
Pteleos auch, und Helos und Dorion: dort wo die Musen
595
Findend den Thrakier Thamyris einst des Gesanges beraubten,
Der aus Öchalia kam von Eurytos. Denn sich vermessend
Prahlt‘ er laut, zu siegen im Lied, und sängen auch selber
Gegen ihn die Musen, des Ägiserschütterers Töchter.
Doch die Zürnenden straften mit Blindheit jenen, und nahmen
600
Ihm den holden Gesang, und die Kunst der tönenden Harfe.
Diesen herrschte voran der gerenische reisige Nestor,
Und ihm folgt‘ ein Geschwader von fünfzig geräumigen Schiffen.
Die in Arkadia weit die kyllenischen Höhen umwohnten,
Am äpytischen Male, die hartandringenden Kämpfer:
605
Die durch Pheneos Flur, und Orchomenos Triften gewohnet,
Ripe, und Stratie dann, und Enispens wehende Gipfel,
Auch die Tegea sich, und die schöne Mantinea bauten,
Auch Stymphalos umher, und Parrhasiens frohe Bewohner:
Deren führt‘ Ankäos gebietender Sohn Agapenor
610
Sechzig Schiffe daher; und viel‘ in jedes der Schiffe
Traten arkadische Männer, gewandt in Kriegeserfahrung.
Denn er selbst gab ihnen, der Völkerfürst Agamemnon,
Schöngebordete Schiffe, das dunkele Meer zu durchsteuern,
Atreus Sohn; nicht waren der Meergeschäfte sie kundig.
615
Die Buprasion dann, und die heilige Elis bewohnten,
Was Hyrmine umher, und Myrsinos äußerste Grenzstadt,
Dort der olenische Fels, und dort Aleision einschließt:
Ordneten vier Heerführer zum Kampf; und jeglichem folgten
Zehn der hurtigen Schiffe, gedrängt voll edler Epeier.
620
Denn Amphimachos dort und Thalpios führten die Heerschar.
Jener des Kteatos Sohn, des aktorischen Eurytos dieser;
Hier Amarynkeus Sohn, der tapfere Krieger Diores;
Doch der vierten gebot der göttliche Held Polyxeinos,
Den Agasthenes zeugte, der augeiadische König.
625
Aber Dulichions Volk, und der heiligen Echinaden
Meereilande, die fern von Elis Ufer man schauet:
Dieses ordnete Meges zur Schlacht, dem Ares vergleichbar,
Phyleus Sohn, den erzeugte der Rossebändiger Phyleus,
Der in Dulichion einst auswanderte, zürnend dem Vater.
630
Diesem folgt‘ ein Geschwader von vierzig dunkelen Schiffen.
Aber Odysseus führte die mutigen Kephallener:
Die durch Ithaka wohnten, um Neritons rauschende Wälder,
Die Krokyleia bestellten, und Ägilips rauhe Gefilde;
Die Zakynthos umher, und die weitbevölkerte Samos,
635
Auch die Epeiros dort und die Gegenküste bestellten:
Diesen gebot Odysseus, an Ratschluß gleich dem Kronion;
Und ihm folgt‘ ein Geschwader von zwölf rotschnäblichten Schiffen.
Aber Thoas gebot, Andrämons Sohn, den Ätolern:
Welche von Pleuron kamen, von Olenos, und von Pylene,
640
Auch von Chalkis Gestad‘, und Kalydons felsichter Gegend.
Denn nicht labeten mehr vom Geschlecht des erhabenen Öneus,
Noch er selbst; auch starb der bräunliche Held Meleagros:
Drum ward jenem vertraut die Obergewalt der Ätoler;
Und ihm folgt‘ ein Geschwader von vierzig dunkelen Schiffen.
645
Kretas Volke gebot Idomeneus, kundig der Lanze:
Alle, die Gnossos bewohnt, und die festummauerte Gortyn,
Lyktos auch, und Miletos, und rings die weiße Lykastos,
Phästos und Rhythios auch, die volkdurchwimmelten Städte,
Auch die sonst noch Kreta in hundert Städten bewohnet:
650
Diesen herrschte voran Idomeneus, kundig der Lanze,
Auch Meriones, gleich dem männermordenden Ares.
Ihnen folgt‘ ein Geschwader von achtzig dunkelen Schiffen.
Aber der Herakleide Tlepolemos, groß und gewaltig,
Führt‘ in neun Meerschiffen der Rhodier trotzende Jugend:
655
Welche die heilige Rhodos umwohneten, dreifach geordnet,
Lindos, samt Ialyssos umher, und die weiße Kameiros:
Diesen herrschte voran Tlepolemos, welchen die Fürstin
Astiocheia gebar der hohen Kraft Herakles.
Diese gewann Herakles an Ephyras Strome Selleïs,
660
Viel Städt‘ austilgend der gottbeseligten Männer.
Aber Tlepolemos wuchs in Herakles prangender Wohnung
Kaum zum Jüngling empor, da erschlug er Lykymnios plötzlich,
Ihn, des Vaters grauenden Ohm, den Sprößling des Ares.
Schnell nun bauet‘ er Schiff‘, und viel des Volkes sich sammelnd,
665
Floh er hinweg auf das Meer; denn Rach‘ ihm drohten die andern,
Söhne zugleich und Enkel der hohen Kraft Herakles.
Endlich kam er in Rhodos, der Irrende, Kummer erduldend.
Dreifach wohnten sie dort in Stämme geteilt, und gedeihten,
Lieblinge Zeus, der Götter und sterbliche Menschen beherrschet;
670
Segnend herab goß ihnen des Reichtums Schätze Kronion.
Nireus kam aus Syma mit drei gleichschwebenden Schiffen,
Nireus, Charopos Sohn des Herrschenden, und der Aglaia;
Nireus, der der schöneste Mann vor Ilios herzog,
Rings im Danaervolk, nach dem tadellosen Achilleus:
675
Aber er war unkriegrisch, und klein ihm folgte die Heerschar.
Dann die Nisyros umher, und Krapathos bauten, und Kasos,
Kos, des Eurypylos Stadt, und umher die kalydnischen Inseln:
Diesen gebot Pheidippos zugleich und Antiphos führend,
Beide Thessalos Söhne, des herakleidischen Königs.
680
Ihnen folgt‘ ein Geschwader von dreißig gebogenen Schiffen.
Nun auch sie, die umher das pelasgische Argos bewohnten:
Die sich in Alos gebaut, und Alope, auch die in Trachin,
Auch die Phtia bewohnt, und Hellas, blühend von Jungfraun;
Myrmidonen genannt, Hellenen zugleich, und Achaier.
685
Diesen in fünfzig Schiffen gebot obwaltend Achilleus.
Doch nicht diese gedachten des schrecklichen Waffengetöses;
Denn nicht war, der jetzo geordneten Scharen voranging.
Still ja lag in den Schiffen der mutige Renner Achilleus,
Zürnend des Mägdleins wegen, der schöngelockten Briseïs,
690
Die aus Lyrnessos vordem nach hartem Kampf er erbeutet,
Als er umher Lyrnessos zerstört, und die Mauren um Thebe,
Als er den Mynes erlegt und Epistrophos, lanzengeübte,
Mutige Söhn‘ Euenos, des selepiadischen Königs.
Zürnend lag er vor Schmerz; allein bald sollt‘ er emporstehn.
695
Dann die Philake bauten, und Parrhasos Blumengefilde,
Gern von Demeter bewohnt, und die lämmernährende Iton,
Antrons laute Gestad‘, und Pteleos schwellende Rasen:
Diesen herrschte voran der streitbare Protesilaos,
Weil er lebt‘; itzt aber umschloß ihn die dunkele Erde.
700
Einsam in Phylake blieb mit zerrissenen Wangen die Gattin
Und sein verödetes Haus: ihn erlegt‘ ein dardanischer Krieger,
Als er dem Schiff entsprang, zuerst vor allen Achaiern.
Zwar nicht blieb ungeführt sein Volk, doch vermißt es den Führer;
Sondern es ordnete nun des Ares Sprößling Podarkes,
705
Sohn von Phylakos Sohne, dem herdenreichen Iphiklos,
Und ein leiblicher Bruder des mutigen Protesilaos,
Jünger er selbst an Geburt; der ältere war und der stärkre
Protesilaos, ein Held wie der Kriegsgott. Zwar es gebrach nicht
Am Heerführer dem Volk; doch vermißten sie ihn, den Erhabnen.
710
Jenem folgt‘ ein Geschwader von vierzig dunkelen Schiffen.
Darin die Pherä bewohnten, am böbeïdischen Landsee,
Böbe, und Glaphyrä weit, und die prangende Stadt Iaolkos:
Diese führt‘ Eumelos, der traute Sohn des Admetos,
In elf Schiffen zum Streit; ihn gebar Alkestis, die Fürstin
715
Aller Fraun, die schönste von Pelias blühenden Töchtern.
Die Methone sodann, und Thaumakia ringsum bestellet,
Die Meliböa bewohnt, und das rauhe Gefild Olizon:
Diesen gebot Philoktetes der Held, wohlkundig des Bogens;
Sieben waren der Schiff‘, und der Ruderer fünfzig in jedem,
720
Alle der Bogenkund‘ erfahrene, tapfere Streiter.
Aber er selber lag in dem Eiland, Qualen erduldend,
Dort in der heiligen Lemnos, wo Argos Heer ihn zurückließ,
Krank an schwärender Wunde, vom Biß der verderblichen Natter.
Jammernd lag er in Schmerz; allein bald sollte gedenken
725
Argos Heer bei den Schiffen des Königs Philoktetes.
Zwar nicht blieb ungeführt sein Volk, doch vermißt‘ es den Führer;
Sondern es ordnete Medon, ein Nebensohn des Oileus,
Welchen Rhene gebar dem Städteverwüster Oileus.
Dann die Trikka bewohnt, und die Felsanhöhen Ithomens,
730
Auch Öchalia rings, des Öchaliers Eurytos Feste:
Diesen herrschten voran Podaleirios samt Machaon,
Zween heilkundige Männer, sie beid‘ Asklepios Söhne.
Ihnen folgt‘ ein Geschwader von dreißig gebogenen Schiffen.
Die in Ormenion wohnten, und die am Quell Hypereia,
735
Die um Asterion auch, und Titanos schimmernde Häupter:
Führt‘ Eurypylos her, der glänzende Sohn des Euämon;
Und ihm folgt‘ ein Geschwader von vierzig dunkelen Schiffen.
Dann die Argissa bestellt, und die Gyrtone bewohnet,
Orthe dann, und Elon‘, und die schimmernde Burg Oloosson:
740
Diesen herrschte voran der mutige Held Polypötes,
Er, Peirithoos Sohn, den Zeus der unsterbliche zeugte;
Doch dem Peirithoos selbst gebar ihn Hippodameia
Jenes Tags, da er strafte die mähnichten Ungeheuer,
Und sie vom Pelion drängte, zum Volk der Äthiker verjagend:
745
Nicht er allein; auch Leonteus zugleich, der Sprößling des Ares,
Sohn von Käneus Sohne, dem hochgesinnten Koronos.
Diesen folgt‘ ein Geschwader von vierzig dunkelen Schiffen.
Guneus kam aus Kyphos mit zweiundzwanzig der Schiffe;
Dieser führt Eniener, und kriegsfrohe Peräber,
750
Die um Dodonas Hain, den winternden, Häuser bewohnten,
Auch die am lieblichen Strom Titaresios Äcker bestellten:
Der in Peneios Flut hinrollt sein schönes Gewässer,
Aber sich nie einmischt in Peneios Silbergestrudel,
Sondern wie glattes Öl auf oberer Welle hinabrinnt;
755
Weil vom furchtbaren Eide, dem stygischen Strom, er entspringet.
Aber Prothoos führte, Tendredons Sohn, die Magneter,
Die am Peneios umher und Pelions rauschenden Gipfeln
Wohneten: diesen gebot der hurtige Sohn des Tendredon;
Und ihm folgt‘ ein Geschwader von vierzig dunkelen Schiffen.
760
Solche waren die Fürsten der Danaer, und die Gebieter.
Doch wer war der trefflichste dort: das verkünde mir, Muse:
Jener selbst und der Rosse, die Atreus Söhnen gefolget?
Rosse waren die trefflichsten dort des Pheretiaden,
Die, von Eumelos gelenkt, hinflogen im Lauf, wie die Vögel,
765
Gleiches Haars, gleichjährig, und schnurgleich über den Rücken:
Auf pierischer Weid‘ ernährte sie Phöbos Apollon,
Stuten beid‘, und drohend umher mit den Schrecken des Ares.
Trefflich vor Männern war der Telamonier Ajas,
Weil Achilleus zürnte; denn er war tapfrer denn alle;
770
Auch das Gespann, das ihn trug, den untadligen Peleionen.
Aber er, bei den schnellen gebogenen Schiffen des Meeres,
Ruhete, zürnend im Geist dein Fürsten des Volks Agamemnon,
Atreus Sohn; und die Völker am wogenden Strande des Meeres
Freueten sich, mit Scheiben und Jägerspießen zu schleudern,
775
Und mit Geschoß. Auch standen an jeglichem Wagen die Rosse
Müßig, den Lotos rupfend und sumpfentsprossenen Eppich;
Aber die Wagen, umhüllt mit Teppichen, standen den Eignern
In dem Gezelt: sie selber, den streitbaren Führer vermissend,
Wandelten hier im Lager und dort, und mieden das Schlachtfeld.
780
Sie dort zogen einher, wie wenn Glut durchs ganze Gefild‘ hin
Loderte; dumpf aufhallte der Grund, wie dem Gotte der Donner
Zeus, wenn des Zürnenden Strahl weitschmetternd das Land des Typhoeus
Arima schlägt, wo sie sagen, Typhoeus ruhe gelagert:
Also dort ertönte der Grund von der herkommenden Völker
785
Mächtigen Gang; denn in Eile durchzog das Gefilde der Heerzug.
Aber den Troern kam die windschnell eilende Iris
Her vom Ägiserschütterer Zeus mit der traurigen Botschaft.
Jene rieten im Rat an Priamos Pforte des Königs,
Alle gedrängt miteinander, die Jünglinge so, wie die Greise.
790
Nahe trat und begann die leichthinschwebende Iris,
Gleich an tönender Stimme des Priamos Sohne Polites,
Der zur Hut der Troer, den hurtigen Fersen vertrauend,
Oben saß auf dem Grabe des grauenden Äsyetes,
Spähend, sobald vom Gestad herstürzte das Volk der Achaier;
795
Dessen Gestalt nachahmend begann die schwebende Iris:
Edler Greis, noch immer gefallen dir eitele Reden,
So wie im Frieden vordem; da der Krieg unermeßlich herannaht!
Traun, schon oftmals kam ich in blutige Schlachten der Männer;
Doch nie hab‘ ich ein solches, so großes Volk noch gesehen!
800
Gleich den Blättern des Waldes an Zahl, und dem Sande des Meeres,
Ziehn sie daher im Gefilde, die Stadt ringsum zu bestürmen!
Hektor, du vor allen gehorche nun meiner Ermahnung.
Viel sind umher in Priamos Stadt der Bundesgenossen,
Andre von andrer Sprache der weitzerstreueten Menschen.
805
Denen gebiete nunmehr ein jeglicher, welchen er vorsteht;
Diese führ‘ er hinaus, in Ordnungen stellend die Bürger.
Jene sprach’s; und Hektor, der Göttin Wort nicht verkennend,
Trennte sofort die Versammlung; und alles entflog zu den Waffen.
Ringsum standen geöffnet die Tor‘, und es stürzte das Kriegsheer,
810
Streiter zu Fuß und zu Wagen, hinaus mit lautem Getümmel.
Draußen liegt vor den Toren der Stadt ein erhabener Hügel,
Abgewandt im Gefild‘, umgehbar hierhin und dorthin.
Diesen pflegt Batieia der Sterblichen Rede zu nennen,
Aber die Götter das Mal der sprunggeübten Myrine.
815
Dort nun teilten die Troer in Reihen sich, und die Genossen.
Erst den Troern gebot der helmumflatterte Hektor,
Priamos Sohn; ihm folgte das mehreste Volk und das beste,
Wohlgeordnet zur Schlacht, voll Muts die Speere bewegend.
Drauf vor den Dardanern ging Äneias einher, des Anchises
820
Starker Sohn, den ihn Aphrodite gebar auf des Idas
Waldigen Höhn, die Göttin zum sterblichen Manne gelagert:
Nicht er allein; zugleich ihm die beiden Söhn‘ Antenors,
Akamas und Archilochos beid‘, allkundig des Streites.
Dann die Zeleia bewohnt, am äußersten Hange des Ida,
825
Reich an Hab‘, und trinkend die dunkele Flut des Äsepos,
Troisches Stamms: die führte der glänzende Sohn des Lykaon,
Pandaros, dem den Bogen Apollon selber verliehen.
Aber die Adrasteia gebaut, und Apäsos Gemeinfeld,
Auch Pityeia gebaut, und die Felsenhöhn von Tereia:
830
Führt‘ Adrastos daher, und in leinenem Panzer Amphios,
Beide von Merops erzeugt dem Perkosier: welcher vor allen
Fernes Geschick wahrnahm, und nie den Söhnen verstattet,
Einzugehn in den Krieg, den verderblichen; aber sie hörten
Nicht sein Wort; denn sie führte des dunkelen Todes Verhängnis.
835
Welche Perkote sodann, und Praktion ringsum bestellet,
Sestos dann und Abydos gebaut, und die edle Arisbe:
Ordnete Hyrtakos Sohn, Held Asios, Männergebieter,
Asios, Hyrtakos Sohn, den hergebracht aus Arisbe
Rosse, glänzend und groß, vom heiligen Strom Selleïs.
840
Aber Hippothoos führte der speergewohnten Pelasger
Stämme daher aus Larissa, dem Land hochscholliger Äcker;
Samt Hippothoos führte des Ares Sprößling Pyläos:
Beide von Teutamos Sohn, dem pelasgischen Lethos erzeuget.
Aber Akamas führt‘ und Peiroos Thrakiens Völker,
845
Welche der Hellespontos mit reißendem Strome begrenzet.
Weiter gebot Euphemos kikonischen Lanzenschwingern,
Den Trözenos gezeugt, der gottgeliebte Keade.
Nächst ihm führte Pyrächmes päonische Krümmer des Bogens
Fern aus Amydon her, von des Axios breitem Gewässer,
850
Axios, der mit lieblichster Flut die Erde befruchtet.
Weiter gebot Paphlagonen Pylämenes, trotziges Herzens,
Her aus der Eneter Lande, wo wild aufwachsen die Mäuler:
Die den Kytoros bewohnt, die Sesamos ringsum bestellet,
Und um Parthenios Strom sich gepriesene Häuser gebauet,
855
Kremna, Ägialos auch, und die felsenhohn Erithynö.
Aber Hodios kam und Epistrophos samt Halizonen
Fern aus Alybe her, allwo des Silbers Geburt ist.
Mysern gebot dann Chromis, und Ennomos, kundig der Vögel:
Aber nicht durch Vögel vermied er das schwarze Verhängnis;
860
Sondern ihn tilgte die Hand des äakidischen Renners,
Dort im Strom, wo gemordet noch andere Troer ihm sanken.
Phorkys sodann und der Held Askanios führten die Phryger
Fern von Askania her; und sie dürsteten alle nach Feldschlacht.
Mesthles ordnete drauf und Antiphos kühne Mäonen,
865
Beide Pylämenes Söhn‘, und der Nymph‘ im Teiche Gygäa,
Die auch mäonische Stämme geführt vom Fuße des Tmolos.
Nastes führte die Karen, ein Volk barbarischer Mundart,
Welche Miletos umwohnt, und das Waldgebirge der Phteirer,
Auch des Mäandros Flut, und Mykalens luftige Scheitel:
870
Diese führt‘ Amphimachos her und Nastes zur Feldschlacht,
Nastes, der glänzende Held, und Amphimachos, Söhne Nomions;
Er, der mit Golde geschmückt, in die Schlacht einging, wie ein Mädchen.
Tor! nicht konnte das Gold ihn befrein vom grausen Verderben;
Sondern ihn tilgte die Hand des äakidischen Renners
875
Dort im Strom; und das Gold trug hin der erhabne Achilleus.
Lykier führte Sarpedon zum Kampf, und der rühmliche Glaukos,
Fern aus Lykia her, von Xanthos wirbelnden Fluten.

Erster Gesang

Erster Gesang

Den Priester Chryses zu rächen, dem Agamemnon die Tochter vorenthielt, sendet Apollon den Achaiern eine Pest. Agamemnon zankt mit Achilleus, weil er durch Kalchas die Befreiung der Chryseïs fordern ließ, und nimmt ihm sein Ehrengeschenk, des Brises Tochter. Dem zürnenden Achilleus verspricht Thetis Hilfe. Entsendung der Chryseïs, und Versöhnung Apollons. Der Thetis gewährt Zeus so lange Sieg für die Troer, bis ihr Sohn Genugtuung erhalte. Unwille der Here gegen Zeus. Hephästos besänftigt beide.

Singe den Zorn, o Göttin, des Peleiaden Achilleus,
Ihn, der entbrannt den Achaiern unnennbaren Jammer erregte,
Und viel tapfere Seelen der Heldensöhne zum Aïs
Sendete, aber sie selbst zum Raub darstellte den Hunden,
5
Und dem Gevögel umher. So ward Zeus Wille vollendet:
Seit dem Tag, als erst durch bitteren Zank sich entzweiten
Atreus Sohn, der Herrscher des Volks, und der edle Achilleus.
Wer hat jene der Götter empört zu feindlichem Hader?
Letos Sohn und des Zeus. Denn der, dem Könige zürnend,
10
Sandte verderbliche Seuche durchs Heer; und es sanken die Völker:
Drum weil ihm den Chryses beleidiget, seinen Priester,
Atreus Sohn. Denn er kam zu den rüstigen Schiffen Achaias,
Frei zu kaufen die Tochter, und bracht‘ unendliche Lösung,
Tragend den Lorbeerschmuck des treffenden Phöbos Apollon
15
Und den goldenen Stab; und er flehete laut den Achaiern,
Doch den Atreiden vor allen, den zween Feldherren der Völker:
Atreus Söhn‘, und ihr andern, ihr hellumschienten Achaier,
Euch verleihn die Götter, olympischer Höhen Bewohner,
Priamos Stadt zu vertilgen, und wohl nach Hause zu kehren;
20
Doch mir gebt die Tochter zurück, und empfahet die Lösung,
Ehrfurchtsvoll vor Zeus ferntreffendem Sohn Apollon.
Drauf gebot beifallend das ganze Heer der Achaier,
Ehrend den Priester zu scheun, und die köstliche Lösung zu nehmen.
Aber nicht Agamemnon, des Atreus Sohne, gefiel es;
25
Dieser entsandt‘ ihn mit Schmach, und befahl die drohenden Worte:
Daß ich nimmer, o Greis, bei den räumigen Schiffen dich treffe,
Weder anitzt hier zaudernd, noch wiederkehrend in Zukunft!
Kaum wohl möchte dir helfen der Stab, und der Lorbeer des Gottes!
Jene lös‘ ich dir nicht, bis einst das Alter ihr nahet,
30
Wann sie in meinem Palast in Argos, fern von der Heimat,
Mir als Weberin dient, und meines Bettes Genossin!
Gehe denn, reize mich nicht; daß wohlbehalten du kehrest!
Jener sprach’s: doch Chryses erschrak, und gehorchte der Rede.
Schweigend ging er am Ufer des weitaufrauschenden Meeres;
35
Und wie er einsam jetzt hinwandelte, flehte der Alte
Viel zum Herrscher Apollon, dem Sohn der lockigen Leto:
Höre mich, Gott, der du Chrysa mit silbernem Bogen umwandelst,
Samt der heiligen Killa, und Tenedos mächtig beherrschest,
Smintheus! hab ich dir je den prangenden Tempel gekränzet,
40
Oder hab‘ ich dir je von erlesenen Farren und Ziegen
Fette Schenkel verbrannt; so gewähre mir dieses Verlangen:
Meine Tränen vergilt mit deinem Geschoß den Achaiern!
Also rief er betend; ihn hörete Phöbos Apollon.
Schnell von den Höhn des Olympos enteilet‘ er, zürnendes Herzens,
45
Auf der Schulter den Bogen und ringsverschlossenen Köcher.
Laut erschallen die Pfeile zugleich an des Zürnenden Schulter,
Als er einher sich bewegt‘; er wandelte, düster wie Nachtgraun;
Setzte sich drauf von den Schiffen entfernt, und schnellte den Pfeil ab;
Und ein schrecklicher Klang entscholl dem silbernen Bogen.
50
Nur Maultier‘ erlegt‘ er zuerst und hurtige Hunde:
Doch nun gegen sie selbst das herbe Geschoß hinwendend,
Traf er; und rastlos brannten die Totenfeuer in Menge.
Schon neun Tage durchflogen das Heer die Geschosse des Gottes.
Drauf am zehnten berief des Volks Versammlung Achilleus,
55
Dem in die Seel‘ es legte die lilienarmige Here;
Denn sie sorgt‘ um der Danaer Volk, die Sterbenden schauend.
Als sie nunmehr sich versammelt, und voll gedrängt die Versammlung;
Trat hervor und begann der mutige Renner Achilleus:
Atreus Sohn, nun denk‘ ich, wir ziehn den vorigen Irrweg
60
Wieder nach Hause zurück, wofern wir entrinnen dem Tode;
Weil ja zugleich der Krieg und die Pest hinrafft die Achaier.
Aber wohlan, fragt einen der Opferer, oder der Seher,
Oder auch Traumausleger; auch Träume ja kommen von Zeus her:
Der uns sage, warum so ereiferte Phöbos Apollon:
65
Ob versäumte Gelübd‘ ihn erzürneten, ob Hekatomben:
Wenn vielleicht der Lämmer Gedüft und erlesener Ziegen
Er zum Opfer begehrt, von uns die Plage zu wenden.
Also redete jener, und setzte sich. Wieder erhub sich
Kalchas der Thestoride, der weiseste Vogelschauer,
70
Der erkannte, was ist, was sein wird, oder zuvor war,
Der auch her vor Troja der Danaer Schiffe geleitet
Durch wahrsagenden Geist, des ihn würdigte Phöbos Apollon;
Dieser begann wohlmeinend, und redete vor der Versammlung:
Peleus Sohn, du gebeutst mir, o Göttlicher, auszudeuten
75
Diesen Zorn des Apollon, des fernhintreffenden Herrschers.
Gerne will ich’s ansagen; doch du verheiße mit Eidschwur,
Daß du gewiß willfährig mit Wort und Händen mir helfest.
Denn leicht möcht‘ erzürnen ein Mann, der mächtiges Ansehns
Argos Völker beherrscht, und dem die Achaier gehorchen.
80
Stärker ja ist ein König, der zürnt dem geringeren Manne.
Wenn er auch die Galle den selbigen Tag noch zurückhält;
Dennoch laur’t ihm beständig der heimliche Groll in den Busen,
Bis er ihn endlich gekühlt. Drum rede du, willst du mich schützen?
Ihm antwortete drauf der mutige Renner Achilleus:
85
Sei getrost, und erkläre den Götterwink, den du wahrnahmst.
Denn bei Apollon fürwahr, Zeus Lieblinge, welchem, o Kalchas,
Flehend zuvor, den Achaiern der Götter Rat du enthüllest:
Keiner, so lang‘ ich leb‘, und das Licht auf Erden noch schaue,
Soll bei den räumigen Schiffen mit frevelnder Hand dich berühren,
90
Aller Achaier umher! und nenntest du selbst Agamemnon,
Der nun mächtig zu sein vor allem Volke sich rühmet!
Jetzo begann er getrost, und sprach, der untadliche Seher:
Nicht versäumte Gelübd‘ erzürnten ihn, noch Hekatomben;
Sondern er zürnt um den Priester, den also entehrt‘ Agamemnon,
95
Nicht die Tochter befreit‘, und nicht annahm die Erlösung:
Darum gab uns Jammer der Treffende, wird es auch geben.
Nicht wird jener die schreckliche Hand abziehn vom Verderben,
Bis man zurück dem Vater das freudigblickende Mägdlein
Hingibt, frei, ohn‘ Entgelt, und mit heiliger Festhekatombe
100
Heim gern Chrysa entführt. Das möcht‘ ihn vielleicht versöhnen.
Also redete jener, und setzte sich. Wieder erhub sich
Atreus Heldensohn, der Völkerfürst Agamemnon,
Zürnend vor Schmerz; es schwoll ihm das finstere Herz voll der Galle,
Schwarz umströmt; und den Augen entfunkelte strahlendes Feuer.
105
Gegen Kalchas zuerst mit drohendem Blicke begann er:
Unglücksseher, der nie auch ein heilsames Wort mir geredet!
Immerdar nur Böses erfreut dein Herz zu verkünden!
Gutes hast du noch nimmer geweissagt, oder vollendet!
Jetzt auch meldest du hier als Götterspruch den Achaiern,
110
Darum habe dem Volk der Treffende Wehe bereitet,
Weil für Chryses Tochter ich selbst die köstliche Lösung
Anzunehmen verwarf. Denn traun! weit lieber behielt‘ ich
Solche daheim; da ich höher wie Klytämnestra sie achte,
Meiner Jugend Vermählte: denn nicht ist jene geringer,
115
Weder an Bildung und Wuchs, noch an Geist und künstlicher Arbeit.
Dennoch geb‘ ich sie willig zurück, ist solches ja besser.
Lieber mög‘ ich das Volk errettet schaun, denn verderbend.
Gleich nur ein Ehrengeschenk bereitet mir, daß ich allein nicht
Ungeehrt der Danaer sei; nie wäre das schicklich!
120
Denn das seht ihr alle, daß mein Geschenk mir entgehet.
Ihm antwortete drauf der mutige Renner Achilleus:
Atreus Sohn, ruhmvoller, du habbegierigster aller,
Welches Geschenk verlangst du vom edlen Volk der Achaier?
Nirgends wissen wir doch des gemeinsamen vieles verwahret:
125
Sondern so viel wir aus Städten erbeuteten, wurde geteilet;
Auch nicht ziemt es dem Volke, das einzelne wieder zu sammeln.
Aber entlass‘ du jetzo dem Gotte sie; und wir Achaier
Wollen sie dreifach ersetzen und vierfach, wenn uns einmal Zeus
Gönnen wird, der Troer befestigte Stadt zu verwüsten.
130
Gegen ihn rief antwortend der Völkerfürst Agamemnon:
Nicht also, wie tapfer du seist, gottgleicher Achilleus,
Sinn‘ auf Trug! Nie wirst du mich schlau umgehn, noch bereden!
Willst du, indes dir bleibt das Geschenk, daß ich selber umsonst hier
Sitze, des meinen beraubt? und gebietest mir, frei sie zu geben?
135
Wohl denn, wofern mir ein andres verleihn die edlen Achaier,
Meinem Sinn es erlesend, das mir ein voller Ersatz sei!
Aber verleihn sie es nicht; dann komm‘ ich selber, und nehm‘ es,
Deines vielleicht, auch des Ajas Geschenk wohl, oder Odysseus‘
Führ‘ ich hinweg; und zürnen vielleicht wird, welchem ich nahe!
140
Doch von solcherlei Dingen ist Zeit zu reden auch künftig.
Auf nun, zieht ein schwärzliches Schiff in die heilige Meerflut;
Sammelt hinein vollzählig die Ruderer; bringt auch Apollons
Hekatomb‘; und sie selbst, des Chryses rosige Tochter,
Führet hinein; und Gebieter des Schiffs sei der Könige einer:
145
Ajas, oder der Held Idomeneus, oder Odysseus,
Oder auch du, Peleide, du schrecklichster unter den Männern!
Daß du den Treffenden uns durch heilige Opfer besänftigst.
Finster schaut‘ und begann der mutige Renner Achilleus:
Ha, du in Unverschämtheit gehülleter, sinnend auf Vorteil!
150
Wie doch gehorcht dir willig noch einer im Heer der Achaier,
Einen Gang dir zu gehn, und kühn mit dem Feinde zu kämpfen?
Nicht ja wegen der Troer, der lanzenkundigen, kam ich
Mit hieher in den Streit; sie haben’s an mir nicht verschuldet.
Denn nie haben sie mir die Rosse geraubt, noch die Rinder;
155
Nie auch haben in Phtia, dem scholligen Männergefilde,
Meine Frucht sie verletzt; indem viel Raumes uns sondert,
Waldbeschattete Berg‘, und des Meers weitrauschende Wogen.
Dir, schamlosester Mann, dir folgten wir, daß du dich freutest;
Nur Menelaos zu rächen, und dich, du Ehrevergeßner,
160
An den Troern! Das achtest du nichts, noch kümmert dich solches!
Selbst mein Ehrengeschenk, das drohest du mir zu entreißen,
Welches mit Schweiß ich errungen, und mir verehrt die Achaier!
Hab‘ ich doch nie ein Geschenk, wie das deinige, wann die Achaier
Eine bevölkerte Stadt des troischen Volkes verwüstet;
165
Sondern die schwerste Last des tobenden Schlachtengetümmels
Trag‘ ich mit meinem Arm: doch kommt zur Teilung es endlich,
Dein ist das größte Geschenk; und ich, mit wenigem fröhlich,
Kehre heim zu den Schiffen, nachdem ich erschlafft von dem Streite.
Doch nun geh‘ ich gen Phtia! denn weit zuträglicher ist es,
170
Heim mit den Schiffen zu gehn, den gebogenen! Schwerlich auch wirst du,
Weil du allhier mich entehrst, noch Schätz‘ und Güter dir häufen!
Ihm antwortete drauf der Herrscher des Volks Agamemnon:
Fliehe nur, wenn’s dein Herz dir gebeut! Nie werd‘ ich dich wahrlich
Anflehn, meinethalb zu verziehn! Mir bleiben noch andre,
175
Ehre mir zu erwerben; zumal Zeus waltende Vorsicht!
Ganz verhaßt mir bist du vor allen beseligten Herrschern!
Stets doch hast du den Zank nur geliebt, und die Kämpf‘ und die Schlachten!
Wenn du ein Stärkerer bist, ein Gott hat dir solches verliehen!
Schiffe denn heim, du selbst mit den Deinigen, daß du in Ruhe
180
Myrmidonen gebietest! denn du bist nichts mir geachtet;
Nichts auch gilt mir dein Pochen! vielmehr noch droh‘ ich dir also:
Weil mir Chryses Tochter hinwegnimmt Phöbos Apollon,
Werd‘ ich sie mit eigenem Schiff und eignen Genossen
Senden; allein ich hole die rosige Tochter des Brises
185
Selbst mir aus deinem Gezelt, dein Ehrengeschenk: daß du lernest,
Wie viel höher ich sei als du, und ein anderer zage,
Gleich sich mir zu wähnen, und so mir zu trotzen ins Antlitz!
Jener sprach’s; da entbrannte der Peleion‘, und das Herz ihm
Unter der zottigen Brust ratschlagete, wankendes Sinnes:
190
Ob er das schneidende Schwert alsbald von der Hüfte sich reißend
Trennen sie sollt‘ auseinander, und niederhaun den Atreiden;
Oder stillen den Zorn, und die mutige Seele beherrschen.
Als er solches erwog in des Herzens Geist und Empfindung,
Und er das große Schwert schon hervorzog; naht‘ ihm vom Himmel
195
Pallas Athen‘, entsandt von der lilienarmigen Here,
Die für beide zugleich in liebender Seele besorgt war.
Hinter ihn trat sie, und faßte das bräunliche Haar des Peleiden,
Ihm allein sich enthüllend; der anderen schaute sie keiner.
Staunend zuckte der Held und wandte sich: plötzlich erkannt‘ er
200
Pallas Athenens Gestalt, und fürchterlich strahlt‘ ihm ihr Auge.
Und er begann zu jener, und sprach die geflügelten Worte:
Warum, o Tochter Zeus des Ägiserschütterers, kamst du?
Etwa den Frevel zu schaun von Atreus Sohn Agamemnon?
Aber ich sage dir an, und das wird wahrlich vollendet:
205
Sein unbändiger Stolz wird einst noch das Leben ihm kosten!
Drauf antwortete Zeus blauäugige Tochter Athene:
Deinen Zorn zu stillen, gehorchtest du, kam ich vom Himmel;
Denn mich sendete Here, die lilienarmige Göttin,
Die für beide zugleich in liebender Seele besorgt ist.
210
Aber wohlan, laß fahren den Streit, und zucke das Schwert nicht.
Magst du mit Worten ihn doch beleidigen, wie es dir einfällt.
Denn ich sage dir an, und das wird wahrlich vollendet:
Einst wird dir noch dreimal so herrliche Gabe geboten,
Wegen der heutigen Schmach. Drum fasse dich nun, und gehorch‘ uns.
215
Ihr antwortete drauf der mutige Renner Achilleus:
Euer Wort, o Göttin, geziemet es, wohl zu bewahren,
Welche Wut auch im Herzen sich hebt; denn solches ist besser.
Wer dem Gebot der Götter gehorcht, den hören sie wieder.
Sprach’s, und hemmte die nervichte Hand an dem silbernen Hefte,
220
Stieß in die Scheide zurück das große Schwert, und verwarf nicht
Athenäens Gebot. Sie wandte sich drauf zum Olympos,
In den Palast des donnernden Zeus, zu den anderen Göttern.
Doch der Peleide begann mit erbitterten Worten von neuem
Gegen des Atreus Sohn; denn noch nicht ruht‘ er vom Zorne:
225
Trunkenbold, mit dem hündischen Blick, und dem Mute des Hirsches!
Niemals weder zur Schlacht mit dem Volke zugleich dich zu rüsten,
Noch zum Hinterhalte zu gehn mit den edlen Achaias,
Hast du im Herzen gewagt! Das scheinen dir Schrecken des Todes!
Zwar behaglicher ist es, im weiten Heer der Achaier
230
Ihm sein Geschenk zu entwenden, der dir entgegen nur redet!
Volkverschlingender König! Denn nichtigen Menschen gebeutst du!
Oder du hättest, Atreide, das letzte Mal heute gefrevelt!
Aber ich sage dir an, und mit heiligen Eide beschwör‘ ich’s!
Wahrlich bei diesem Scepter, der niemals Blätter und Zweige
235
Wieder zeugt, nachdem er den Stamm im Gebirge verlassen;
Nie mehr sproßt er empor, denn ringsum schälte das Erz ihm
Laub und Rinde hinweg; und edele Söhne Achaias
Tragen ihn jetzt in der Hand, die Richtenden, welchen Kronion
Seine Gesetze vertraut: dies sei dir die hohe Beteurung!
240
Wahrlich vermißt wird Achilleus hinfort von den Söhnen Achaias
Allzumal; dann suchst du umsonst, wie sehr du dich härmest,
Rettung, wenn sie in Scharen, vom männermordenden Hektor
Niedergestürzt, hinsterben; und tief in der Seele zernagt dich
Zürnender Gram, daß den besten der Danaer nichts du geehret!
245
Also sprach der Peleid‘, und warf auf die Erde den Scepter,
Rings mit goldenen Buckeln geschmückt; dann setzt‘ er sich nieder.
Gegen ihn stand der Atreid‘ und wütete. Jetzo erhub sich
Nestor mit holdem Gespräch, der tönende Redner von Pylos,
Dem von der Zung‘ ein Laut wie des Honiges Süße daherfloß.
250
Diesem waren schon zwei der redenden Menschengeschlechter
Hingewelkt, die vordem ihm zugleich aufwuchsen und lebten,
Dort in der heiligen Pylos; und jetzt das dritte beherrscht‘ er.
Dieser begann wohlmeinend, und redete vor der Versammlung:
Wehe, wie großes Leid dem achaiischen Lande herannaht!
255
Traun, wohl freun wird sich Priamos des, und Priamos Söhne,
Auch das Volk der Troer wird hoch frohlocken im Herzen,
Wenn sie das alles gehört, wie ihr durch Zank euch ereifert,
Ihr, die ersten Achaier im Rat, und die ersten im Kampfe.
Aber gehorcht! Ihr beide seid jüngeres Alters, denn ich bin!
260
Denn schon vormals pflog ich mit stärkeren Männern Gemeinschaft,
Als ihr seid; und dennoch verachteten jene mich nimmer!
Solche Männer ersah ich nicht mehr, und ersehe sie schwerlich,
So wie Peirithoos war, und der völkerweidende Dryas,
Käneus auch, und der Held Exadios, auch Polyphemos,
265
Oder wie Ägeus Sohn, der götterähnliche Theseus.
Traun, das waren die stärksten der lebenden Erdebewohner,
Waren selbst die stärksten und kämpften nur wider die stärksten,
Wider die Bergkentauren, und übeten grause Vertilgung.
Seht, und jenen war ich ein Kriegsgenoß, der aus Pylos
270
Herkam, fern ans dem Apierland; denn sie riefen mich selber;
Und ich kämpfte das meinige mit. Doch jene vermochte
Keiner, so viel nun leben des Menschengeschlechts, zu bekämpfen.
Dennoch hörten sie Rat von mir, und gehorchten dem Worte.
Aber gehorcht auch ihr; denn Rat zu hören ist besser.
275
Weder du, wie mächtig du seist, nimm jenem das Mägdlein;
Sondern laß, was ihm einmal zum Dank verliehn die Achaier:
Noch auch du, o Peleid‘, erhebe dich wider den König
So voll Trotz; denn es ward nie gleicher Ehre ja teilhaft
Ein bescepterter König, den Zeus mit Ruhme verherrlicht.
280
Wenn du ein Stärkerer bist, und Sohn der göttlichen Mutter:
Ist er mächtiger doch, weil mehrerem Volk er gebietet.
Atreus Sohn, laß fahren den Zorn; und ich selbst will Achilleus
Anflehn, auch sein Herz zu besänftigen, ihn, der die große
Schutzwehr ist dem achaiischen Volk im verderbenden Kriege.
285
Gegen ihn rief antwortend der Völkerfürst Agamemnon:
Wahrlich, o Greis, du hast wohlziemende Worte geredet.
Aber der Mann will immer den anderen allen zuvor sein;
Allen will er gebieten im Heer, und alle beherrschen,
Allen Gesetz‘ austeilen, die niemand, mein‘ ich, erkennet!
290
Wenn sie ja Lanzenkund‘ ihm verliehn, die ewigen Götter;
Stellen sie darum ihm frei, auch Schmähungen auszurufen?
Ihm in die Red‘ einfallend, begann der edle Achilleus:
Ja fürwahr, ein Feiger und Nichtiger müßt‘ ich genannt sein,
Wenn ich in allem mich dir demütigte, was du nur aussprichst!
295
Andern gebeut‘ du solches nach Willkür; aber nur mir nicht
Winke Befehl; ich möchte hinfort dir wenig gehorchen!
Eines verkünd‘ ich dir noch, und du bewahr‘ es im Herzen.
Niemals heb‘ ich die Arme zum Streit auf wegen des Mägdleins,
Weder mit dir, noch andern; ihr gabt, und nehmet sie wieder.
300
Aber so viel mir sonst bei dem dunkelen Schiffe sich findet,
Davon nimmst du mir schwerlich das mindeste, wider mein Wollen.
Oder wohlan, versuch‘ es! damit sie alle mit ansehn,
Wie alsbald an der Lanze dein schwarzes Blut mir herabträuft!
Also haderten beide mit widerstrebenden Worten,
305
Standen dann auf, und trennten den Rat bei den Schiffen Achaias.
Peleus Sohn, zu den Zelten gewandt und schwebenden Schiffen,
Wandelte, samt Menötios‘ Sohn und seinen Genossen.
Doch der Atreid‘ entließ ein hurtiges Schiff in die Meerflut;
Wählete zwanzig hinein der Ruderer; bracht‘ auch Apollons
310
Hekatomb‘; und darauf des Chryses rosige Tochter
Führt‘ er hinein; und Gebieter des Schiffs war der weise Odysseus.
Alle nun eingestiegen, durchsteuerten flüssige Pfade.
Drauf hieß Atreus Sohn sich entsündigen alle Achaier:
Und sie entsündigten sich, und warfen ins Meer die Befleckung,
315
Opferten dann für Apollon vollkommene Sühnhekatomben
Mutiger Stier‘ und Ziegen am Strand des verödeten Meeres;
Und hoch wallte der Duft in wirbelndem Rauche gen Himmel.
So war alles im Heere beschäftiget. Doch Agamemnon
Ließ nicht ruhn, was er zankend zuvor gedroht dem Achilleus;
320
Sondern Talthybios schnell und Eurybates rief er ermahnend,
Die Herold‘ ihm waren und rasch aufwartende Diener:
Gehet hin zum Gezelte des Peleiaden Achilleus;
Nehmt an der Hand und bringt des Brises rosige Tochter.
Wenn er sie nicht hergäbe, so möcht‘ ich selber sie nehmen,
325
Hin mit mehreren kommend; was ihm noch schrecklicher sein wird!
Jener sprach’s und entließ sie, die drohenden Worte befehlend.
Ungern gingen sie beid‘ am Strand des verödeten Meeres,
Bis sie die Zelt‘ und Schiffe der Myrmidonen erreichten.
Ihn nun fanden sie dort am Gezelt und dunkelen Schiffe
330
Sitzend; und traun, nicht wurde des Anblicks fröhlich Achilleus.
Beide bestürzt vor Scheu und Ehrfurcht gegen den König
Standen, und wageten nichts zu verkündigen, oder zu fragen.
Aber er selbst vernahm es in seinem Geist, und begann so:
Freude mit euch, Herold‘, ihr Boten Zeus und der Menschen!
335
Nahet euch! Ihr nicht seid mir Verschuldete; nur Agamemnon,
Der euch beide gesandt um Brises rosige Tochter.
Auf denn, führe heraus das Mägdelein, edler Patroklos,
Und laß jene sie nehmen. Doch sei’n sie selber mir Zeugen,
Vor den seligen Göttern, und vor den sterblichen Menschen,
340
Auch vor dem Könige dort, dem Wüterich: Wenn man hinfort noch
Meiner Hilfe bedarf, dem schmählichen Jammer zu steuern
Jenes Volks…! Ha, wahrlich, er tobt in verderblichem Wahnsinn,
Blind im Geiste zugleich vorwärts zu schauen und rückwärts,
Daß bei den Schiffen er sichre das streitende Heer der Achaier!
345
Jener sprach’s; und Patroklos, dem lieben Freunde gehorchend,
Führt‘ aus dem Zelt, und gab des Brises rosige Tochter
Jenen dahin; und sie kehrten zurück zu den Schiffen Achaias.
Ungern ging mit ihnen das Mägdelein. Aber Achilleus
Weinend setzte sich schnell, abwärts von den Freunden gesondert,
350
Hin an des Meeres Gestad‘, und schaut‘ in das finstre Gewässer.
Vieles zur trauten Mutter nun flehet er, breitend die Hände:
Mutter, dieweil du mich nur für wenige Tage gebarest,
Sollte mir Ehre doch der Olympier jetzo verleihen,
Der hochdonnernde Zeus! doch er ehret mich nicht, auch ein wenig!
355
Siehe, des Atreus Sohn, der Völkerfürst Agamemnon,
Hat mich entehrt, und behält mein Geschenk, das er selber geraubet!
Also sprach er betränt; ihn vernahm die treffliche Mutter,
Sitzend dort in den Tiefen des Meers beim grauen Erzeuger.
Eilendes Schwungs entstieg sie der finsteren Flut, wie ein Nebel;
360
Und nun setzte sie nahe sich hin vor den Tränenbenetzten,
Streichelt‘ ihn drauf mit der Hand, und redete, also beginnend:
Liebes Kind, was weinst du? und was betrübt dir die Seele?
Sprich, verhehle mir nichts, damit wir es beide wissen.
Doch schwerseufzend begann der mutige Renner Achilleus:
365
Mutter, du weißt das alles; was soll ich es dir noch erzählen?
Thebe belagerten wir, Eëtions heilige Feste,
Und verwüsteten sie, und führeten alles von dannen.
Redlich teilten den Raub die tapferen Söhne Achaias,
Und man erkor dem Atreiden des Chryses rosige Tochter.
370
Chryses darauf, der Priester des treffenden Phöbos Apollon,
Kam zu den rüstigen Schiffen der erzumschirmten Achaier,
Frei zu kaufen die Tochter, und bracht‘ unendliche Lösung,
Tragend den Lorbeerschmuck des treffenden Phöbos Apollon
Um den goldenen Stab; und er flehete laut den Achaiern,
375
Doch den Atreiden vor allen, den zween Feldherrn der Völker.
Drauf gebot beifallend das ganze Heer der Achaier,
Ehrend den Priester zu scheun, und die köstliche Lösung zu nehmen.
Aber nicht Agamemnon, des Atreus Sohne, gefiel es;
Dieser entsandt‘ ihn mit Schmach, und befahl ihm drohende Worte.
380
Zürnend vernahm es der Greis und wandte sich. Aber Apollon
Hörte des Flehenden Ruf, denn sehr geliebt war ihm jener.
Und nun sandt‘ er sein Todesgeschoß; und die Völker Achaias
Starben in Scharen dahin, da rings die Geschosse des Gottes
Flogen im weiten Heere der Danaer. Siehe da weissagt‘
385
Uns ein kundiger Seher den heiligen Rat des Apollon.
Eilend riet ich selber zuerst, den Gott zu versöhnen.
Aber der Atreion‘ ereiferte: schnell sich erhebend
Sprach er ein drohendes Wort, das nun der Vollendung genaht ist.
Jene geleiten im Schiff frohblickende Söhne Achaias
390
Heim nach Chrysa zurück, auch bringen sie Gaben dem Herrscher
Doch mir nahmen nun eben die Herold‘ aus dem Gezelte
Brises Tochter hinweg, das Ehrengeschenk der Achaier.
O wenn du es vermagst, so hilf dem tapferen Sohne!
Steig empor zum Olympos, und flehe Zeus, wenn du jemals
395
Ihm mit Worten das Herz erfreuetest, oder mit Taten.
Denn ich habe ja oft dich selbst im Palaste des Vaters
Rühmen gehört, wie du einst dem schwarzumwölkten Kronion,
Du von den Göttern allein, die schmähliche Kränkung gewendet,
Als vordem ihn zu binden die andern Olympier drohten,
400
Here und Poseidaon zugleich, und Pallas Athene.
Doch du kamst, o Göttin, und lösetest ihn aus den Banden,
Rufend zum hohen Olympos den hundertarmigen Riesen,
Den Briareos nennen die Himmlischen, aber Ägäon
Jeglicher Mensch; denn er raget auch selbst vor dem Vater an Stärke.
405
Dieser nun saß bei Kronion dem Donnerer, freudiges Trotzes.
Drob erschraken die Götter, und scheuten sich, jenen zu fesseln.
Setze nun, des ihn erinnernd, zu jenem dich, fass‘ ihm die Knie‘ auch,
Ob es vielleicht ihm gefallen den Troern Schutz zu gewähren,
Aber zurück zu drängen zum Lager und Meer die Achaier,
410
Niedergehaun, bis sie alle sich sättigen ihres Gebieters,
Auch er selbst der Atreide, der Völkerfürst Agamemnon,
Kenne die Schuld, da den besten der Danaer nichts er geehret!
Aber Thetis darauf antwortete, Tränen vergießend:
Wehe mir! daß ich, mein Kind, dich erzog, unselig Geborner!
415
Möchtest du hier bei den Schiffen doch frei von Tränen und Kränkung
Sitzen; dieweil dein Verhängnis so kurz nur währet, so gar kurz!
Aber zugleich frühwelkend und unglückselig vor allen
Wurdest du! Ja, dich gebar ich dem Jammergeschick im Palaste!
Dies dem Donnerer Zeus zu verkündigen, ob er mich höre,
420
Geh‘ ich selber hinauf zum schneebedeckten Olympos.
Du indes an des Meers schnellwandelnden Schiffen dich setzend,
Zürne dem Danaervolk, und des Kriegs enthalte dich gänzlich.
Zeus ging gestern zum Mahl der unsträflichen Äthiopen
An des Okeanos Flut; und die Himmlischen folgten ihm alle.
425
Aber am zwölften Tag, dann kehret er heim zum Olympos.
Hierauf steig‘ ich empor zum ehernen Hause Kronions,
Und umfass‘ ihm die Knie‘; und ich traue mir, ihn zu bewegen.
Als sie solches geredet, einteilte sie. Jener allein nun
Zürnt‘ im Geist, und gedachte des schöngegürteten Weibes,
430
Das man mit Trotz und Gewalt ihm hinwegnahm. Aber Odysseus
Kam und brachte gen Chrysa die heilige Sühnhekatombe.
Als sie nunmehr in des Ports tiefgründige Räume gekommen,
Zogen sie ein die Segel, und legten ins schwärzliche Schiff sie;
Lehnten darauf zum Behälter den Mast, an den Tauen ihn senkend,
435
Eilig hinab, und schoben das Schiff mit Rudern zur Anfuhrt;
Warfen dann Anker hinaus, und befestigten Seil‘ am Gestade.
Aus nun stiegen sie selbst an den wogenden Strand der Gewässer,
Aus auch lud man das Opfer dem treffenden Phöbos Apollon;
Aus auch stieg Chryseïs vom meerdurchwallenden Schiffe.
440
Diese nun führte sogleich zum Altar der weise Odysseus,
Gab in des Vaters Hände sie hin, und redete also:
Chryses, mich sandte daher der Völkerfürst Agamemnon,
Daß ich die Tochter dir brächt‘, und die Sühnhekatombe dem Phöbos
Opferte für die Achaier, den Zorn zu versöhnen des Herrschers,
445
Der nun Argos‘ Volke so schmerzliches Wehe verhänget.
Sprach’s, und gab in die Hände sie ihm; und mit Freuden empfing er
Seine geliebte Tochter. Auch ordneten jene des Gottes
Herrliche Sühnhekatomb‘ um den schöngebaueten Altar;
Wuschen darauf sich die Händ‘, und nahmen sich heilige Gerste.
450
Aber Chryses betete laut mit erhobenen Händen:
Höre mich, Gott, der du Chrysa mit silbernem Bogen umwandelst,
Samt der heiligen Killa, und Tenedos mächtig beherrschest!
So wie schon du zuvor mich höretest, als ich dich anrief,
Wie du Ehre mir gabst, und furchtbar schlugst die Achaier;
455
Also auch nun von neuem gewähre mir dieses Verlangen:
Gib den Danaern nun der schmählichen Plage Genesung!
Also rief er betend; ihn hörete Phöbos Apollon.
Aber nachdem sie gefleht, und heilige Gerste gestreuet:
Beugten zurück sie die Häls‘, und schlachteten, zogen die Häut‘ ab,
460
Sonderten dann die Schenkel, umwickelten solche mit Fette
Zwiefach umher, und bedeckten sie dann mit Stücken der Glieder.
Jetzo verbrannt‘ es auf Scheitern der Greis, und dunkeles Weines
Sprengt‘ er darauf; ihn umstanden die Jünglinge, haltend den Fünfzack.
Als sie die Schenkel verbrannt, und die Eingeweide gekostet;
465
Schnitten sie auch das übrige klein, und steckten’s an Spieße,
Brieten es dann vorsichtig, und zogen es alles herunter.
Aber nachdem sie ruhten vom Werk, und das Mahl sich bereitet,
Schmausten sie, und nicht mangelt‘ ihr Herz des gemeinsamen Mahles.
Aber nachdem die Begierde des Tranks und der Speise gestillt war;
470
Füllten die Jünglinge schnell die Krüge zum Rand mit Getränke,
Wandten von neuem sich rechts und verteileten allen die Becher.
Jene den ganzen Tag versöhnten den Gott mit Gesange,
Schön anstimmend den Päan, die blühenden Männer Achaias,
Preisend des Treffenden Macht; und er hörte freudiges Herzens.
475
Als die Sonne nunmehr hinsank, und das Dunkel herauszog,
Legten sich jene zur Ruh‘ an den haltenden Seilen des Schiffes.
Als aufdämmernd nun Eos mit Rosenfingern emporstieg;
Jetzo schifften sie heim zum weiten Heer der Achaier.
Günstigen Hauch sandt‘ ihnen der treffende Phöbos Apollon;
480
Und sie erhuben den Mast, und spannten die schimmernden Segel.
Voll nun schwellte der Wind des Segels Mitt‘, und umher scholl
Laut die purpurne Wog‘ um den Kiel des gleitenden Schiffes;
Und es durchlief die Gewässer, den Weg in Eile vollendend.
Als sie nunmehr hinkamen zum weiten Heer der Achaier,
485
Zogen das schwärzliche Schiff sie empor an die Feste des Landes,
Hoch auf den kiesigen Sand, und breiteten drunter Gebälk hin;
Selbst dann zerstreuten sie sich ringsher zu Gezelten und Schiffen.
Jener zürnt‘, an des Meers schnellwandelnden Schiffen sich setzend,
Peleus göttlicher Sohn, der mutige Renner Achilleus:
490
Niemals mehr in den Rat, den männerehrenden, ging er;
Niemals mehr in die Schlacht. Doch Gram zernagte das Herz ihm,
Daß er blieb; er verlangte nur Feldgeschrei und Getümmel.
Als nunmehr die zwölfte der Morgenröten emporstieg;
Kehreten heim zum Olympos die ewigwährenden Götter
495
Alle zugleich; Zeus führte. Doch Thetis vergaß das Geheiß nicht
Ihres Sohns; sie enttauchte der Woge des Meers, und erhub sich
Schon in dämmernder Frühe zum Himmel empor und Olympos;
Fand nun den wartenden Zeus abwärts von den anderen sitzend,
Dort auf dem obersten Gipfel des vielgezackten Olympos.
500
Und sie setzte sich nahe vor ihm, umschlang mit der Linken
Seine Knie‘, und berührt‘ ihn unter dem Kinn mit der Rechten;
Flehend zugleich begann sie zum herrschenden Zeus Kronion:
Vater Zeus, wenn ich je mit Worten dir, oder mit Taten,
Frommt‘ in der Götterschar; so gewähre mir dieses Verlangen:
505
Ehre mir meinen Sohn, der frühhinwelkend vor andern
Sterblichen ward! Doch hat ihn der Völkerfürst Agamemnon
Jetzo entehrt, und behält sein Geschenk, das er selber geraubet!
Aber o räch‘ ihn du, Olympier, Ordner der Welt, Zeus!
Stärke die Troer nunmehr mit Siegskraft, bis die Achaier
510
Meinen Sohn mir geehrt, und reichliche Ehr‘ ihm vergolten!
Jene sprach’s; ihr erwiderte nichts der Wolkenversammler;
Lange saß er und schwieg. Doch Thetis schmiegte sich fest ihm
An die umschlungenen Knie‘, und flehete wieder von neuem:
Unverstellt verheiße mir jetzt, und winke Gewährung;
515
Oder verweigere mir’s! (Nichts scheuest du!) daß ich es wisse,
Ganz sei ich vor allen die ungeehrteste Göttin!
Unmutsvoll nun begann der Herrscher im Donnergewölk Zeus:
Heillos traun ist solches, daß du mit Here zu hadern
Mich empörst, wann sie künftig mich reizt durch schmähende Worte.
520
Zanket sie doch schon so im Kreis der unsterblichen Götter
Stets mit mir, und saget, ich helf‘ im Streit den Troern.
Eile du denn jetzt wieder hinweg, daß nicht dich bemerke
Here; doch mir sei die Sorge des übrigen, wie ich’s vollende.
Aber wohlan, mit dem Haupte dir wink‘ ich es, daß du vertrauest.
525
Solches ist ja meiner Verheißungen unter den Göttern
Heiligstes Pfand, denn nie ist wandelbar, oder betrüglich,
Noch unvollendet das Wort, das mit winkendem Haupt ich gewähret.
Also sprach, und winkte mit schwärzlichen Brauen Kronion;
Und die ambrosischen Locken des Königes wallten ihm vorwärts
530
Von dem unsterblichen Haupt; es erbebten die Höhn des Olympos.
So ratschlagten sie beid‘, und trennten sich. Siehe, die Göttin
Fuhr in die Tiefe des Meers vom glanzerhellten Olympos;
Zeus dann in seinen Palast. Die Unsterblichen standen empor ihm
Alle vom Sitz, dem Vater entgegen zu gehn; und nicht einer
535
Harrte des Kommenden dort, entgegen ihm traten sie alle.
Er nun nahte dem Thron, und setzte sich. Aber nicht achtlos
Hatt‘ es Here bemerkt, wie geheim ratschlagte mit jenem
Nereus Tochter des Greises, die silberfüßige Thetis.
Schnell mit kränkender Rede zu Zeus Kronion begann sie:
540
Wer hat, Schlauer, mit dir der Unsterblichen wieder geratschlagt?
Immer war es dir Freude, von mir hinweg dich entfernend,
Heimlich ersonnenen Rat zu genehmigen! Hast du doch niemals
Mir willfähriges Geistes ein Wort gesagt, was du denkest!
Drauf begann der Vater des Menschengeschlechts und der Götter:
545
Here, nur nicht alles getraue dir, was ich beschließen
Einzusehn; schwer würde dir das, auch meiner Gemahlin!
Zwar was dir zu hören vergönnt ist, keiner soll jenes
Früher erkennen denn du, der Unsterblichen oder der Menschen.
Doch was mir von den Göttern entfernt zu beschließen genehm ist,
550
Solches darfst du mir nicht auskundigen, oder erforschen.
Ihm antwortete drauf die hoheitblickende Here:
Welch ein Wort, Kronion, du schrecklicher, hast du geredet!
Nie doch hab‘ ich zuvor mich erkundiget, oder geforschet;
Sondern ganz in Ruhe beschließest du, was dir genehm ist.
555
Doch nun sorg‘ ich im Herzen und fürchte mich, daß dich beschwatze
Nereus Tochter des Greises, die silberfüßige Thetis.
Denn sie saß in der Frühe bei dir, und umschlang dir die Kniee.
Ihr dann winkend, vermut‘ ich, gelobtest du, daß du Achilleus
Ehren willst, und verderben der Danaer viel‘ an den Schiffen.
560
Gegen sie rief antwortend der Herrscher im Donnergewölk Zeus:
Immer, du Wunderbare, vermutest du; spähest mich immer
Doch nicht schafft dein Tun dir das mindeste; sondern entfernter
Wirst du im Herzen mir stets: was dir noch schrecklicher sein wird;
Wenn auch jenes geschieht, so wird mir’s also gelieben!
565
Sitze denn ruhig und schweig‘, und gehorche du meinem Gebote.
Kaum wohl schätzten dich sonst die Unsterblichen all‘ im Olympos,
Trät‘ ich hinan, ausstreckend zu dir die unnahbaren Hände!
Jener sprach’s; da erschrak die hoheitblickende Here;
Schweigend saß sie nunmehr, und bezwang die Stürme des Herzens.
570
Doch rings traurten im Saale die göttlichen Uranionen.
Jetzo begann Hephästos, der kunstberühmte, zu reden,
Seiner Mutter zu Gunst, der lilienarmigen Here:
Heillos traun wird solches zuletzt, und gar unerträglich,
Wenn ihr beid‘ um Sterbliche nun euch also entzweiet,
575
Und zu Tumult aufreizet die Himmlischen! Nichts ja geneußt man
Mehr von der Freude des Mahls; denn es wird je länger, je ärger!
Jetzt ermahn‘ ich die Mutter, wiewohl sie selber Verstand hat,
Unserem Vater zu nahn mit Gefälligkeit, daß er hinfort nicht
Schelte, der Vater Zeus, und uns zerrütte das Gastmahl.
580
Denn sobald er es wollte, der Donnergott des Olympos,
Schmettert‘ er uns von den Thronen; denn er ist mächtig vor allen,
Aber wohlan, du wollest mit freundlichen Worten ihm schmeicheln;
Bald wird wieder zu Huld der Olympier uns versöhnt sein.
Jener sprach’s, und erhub sich, und nahm den doppelten Becher,
585
Reicht‘ in die Hand der Mutter ihn dar, und redete also:
Duld‘, o teuerste Mutter, und fasse dich, herzlich betrübt zwar!
Daß ich nicht, du Geliebte, mit eigenen Augen es sehe,
Wann er dich straft; darin sucht‘ ich umsonst, wie sehr ich mich härmte,
Rettung: schwerlich ja mag dem Olympier einer begegnen!
590
Denn schon einmal vordem, als abzuwehren ich strebte,
Schwang er mich hoch, bei der Ferse gefaßt, von der heiligen Schwelle.
Ganz den Tag hinflog ich, und spät mit der sinkenden Sonne
Fiel ich in Lemnos hinab, und atmete kaum noch Leben;
Aber der Sintier Volk empfing mich Gefallenen freundlich.
595
Sprach’s; da lächelte sanft die lilienarmige Here;
Lächelnd darauf entnahm sie der Hand des Sohnes den Becher.
Jener schenkte nunmehr auch der übrigen Götterversammlung
Rechts herum, dem Kruge den süßen Nektar entschöpfend.
Doch unermeßliches Lachen erscholl den seligen Göttern,
600
Als sie sahn, wie Hephästos in emsiger Eil‘ umherging.
Also den ganzen Tag bis spät zur sinkenden Sonne
Schmausten sie; und nicht mangelt‘ ihr Herz des gemeinsamen Mahles,
Nicht des Saitengetöns von der lieblichen Leier Apollons,
Noch des Gesangs der Musen mit hold antwortender Stimme.
605
Aber nachdem sich gesenkt des Helios leuchtende Fackel,
Gingen sie auszuruhn, zur eigenen Wohnung ein jeder,
Dort wo jedem vordem der hinkende Künstler Hephästos
Bauete seinen Palast mit erfindungsreichem Verstande.
Zeus auch ging zum Lager, der Donnergott des Olympos,
610
Wo er zuvor ausruhte, wann süßer Schlaf ihm genaht war:
Dorthin stieg er zu ruhn mit der goldenthronenden Here.

Vierundzwanzigster Gesang

Vierundzwanzigster Gesang

Die Seelen der Freier finden in der Unterwelt den Achilleus mit Agamemnon sich unterredend: jener, der ruhmvoll vor Troja starb, sei glücklich vor diesem, der heimkehrend ermordet ward. Agamemnon, dem Amphimedon das Geschehene nach seiner Vorstellung erzählt, preiset die Glückseligkeit des siegreich heimkehrenden Odysseus. Dieser indes entdeckt sich dem Vater Laertes mit schonender Vorsicht, und wird beim Mahle von Dolios und dessen Söhnen erkannt. Eupeithes, des Antinoos‘ Vater, erregt einen Aufruhr, der nach kurzem Kampfe durch Athene gestillt wird.

Aber Hermes, der Gott von Kyllene, nahte sich jetzo,
Rief den Seelen der Freier, und hielt in der Rechten den schönen
Goldenen Herrscherstab, womit er die Augen der Menschen
Zuschließt, welcher er will, und wieder vorn Schlummer erwecket:
5
Hiermit scheucht‘ er sie fort, und schwirrend folgten die Seelen.
So wie die Fledermäus‘ im Winkel der graulichen Höhle
Schwirrend flattern, wenn eine des angeklammerten Schwarmes
Nieder vom Felsen sinkt, und drauf aneinander sich hangen:
Also schwirrten die Seelen, und folgten in drängendem Zuge
10
Hermes, dem Retter in Not, durch dumpfe schimmlichte Pfade.
Und sie gingen des Oceans Flut, den leukadischen Felsen,
Gingen das Sonnentor, und das Land der Träume vorüber,
Und erreichten nun bald die graue Asphodeloswiese,
Wo die Seelen wohnen, die Luftgebilde der Toten.
15
Und sie fanden die Seele des Peleiden Achilleus,
Und die Seele Patroklos, des tapfern Antilochos Seele,
Und des gewaltigen Ajas, des Ersten an Wuchs und Bildung
In dem achaiischen Heer, nach dem tadellosen Achilleus:
Diese waren stets um den Peleionen versammelt.
20
Eben kam auch die Seele von Atreus‘ Sohn Agamemnon
Traurend daher, umringt von anderen Seelen, die mit ihm,
In Ägisthos Palaste, das Ziel des Todes erreichten.
Zu den Kommenden sprach die Seele des Peleionen:
Atreus‘ Sohn, wir dachten, der donnerfrohe Kronion
25
Hätte dich unter den Helden auf immer zum Liebling erkoren;
Weil du das große Heer der tapfersten Sieger beherrschtest,
In dem troischen Lande, wo Not uns Achaier umdrängte.
Aber es mußte auch dich sobald des Todes Verhängnis
Treffen, welchem kein Mensch, vom Weibe geboren, entfliehet.
30
Hättest du doch, umringt von den glänzenden Ehren der Herrschaft,
Dort im Lande der Troer, das Ziel des Todes erreichet!
Denn ein Denkmal hätte der Griechen Volk dir errichtet,
Und so wäre zugleich dein Sohn bei den Enkeln verherrlicht.
Aber es war dein Los, des traurigsten Todes zu sterben!
35
Ihm antwortete drauf die Seele des großen Atreiden:
Glücklicher Peleide, du göttergleicher Achilleus,
Der du vor Ilion starbst, von Argos ferne! Denn ringsum
Sanken die tapfersten Söhne der Troer und der Achaier,
Kämpfend um deine Leiche: du lagst in der Wolke des Staubes,
40
Groß, weithingestreckt, ausruhend vom Wagengetümmel!
Aber wir kämpften den ganzen Tag, und kämpften noch immer
Brennend vor Wut, bis Zeus durch Sturm und Wetter uns trennte.
Jetzo trugen wir dich aus der Schlacht zu unseren Schiffen,
Wuschen den schönen Leib mit lauem Wasser, und legten
45
Ihn mit Balsam gesalbt auf prächtige Betten; und ringsum
Weinten und jammerten laut die Achaier, und schoren ihr Haupthaar.
Auch die Mutter entstieg mit den heiligen Nymphen dem Meere,
Als sie die Botschaft vernahm; von lautwehklagenden Stimmen
Hallte die Flut: und Entsetzen ergriff das Heer der Achaier.
50
Zitternd wären sie schnell zu den hohlen Schiffen geflohen;
Aber es hielt sie der Mann von alter und großer Erfahrung,
Nestor, dessen Rat wir auch ehmals immer bewundert;
Dieser erhub im Heere die Stimme der Weisheit, und sagte:
Haltet ein, Argeier, und flieht nicht, Söhne Achaias!
55
Dies ist seine Mutter mit ihren unsterblichen Nymphen,
Welche dem Meer entsteigt, den toten Sohn zu bejammern!
Also sprach er, und hemmte die Flucht der edlen Achaier.
Lautwehklagend standen um dich des alternden Meergotts
Töchter, und kleideten dich mit ambrosiaduftenden Kleidern.
60
Gegeneinander sangen mit schöner Stimme die Musen
Alle neun, und weinten: da siehe man keinen Argeier
Tränenlos; so rührten der Göttinnen helle Gesänge.
Siebzehn Tag‘ und Nächte beweinten wir unaufhörlich
Deinen Tod, der Unsterblichen Chor und die sterblichen Menschen.
65
Am achtzehnten verbrannten wir dich, und schlachteten ringsum
Viele gemästete Schaf‘ und krummgehörnete Rinder.
Aber du lagst umhüllt mit Göttergewanden, und um dich
Standen Gefäße mit Öl und süßem Honig; und viele
Helden Achaias rannten gerüstet, zu Fuß und zu Wagen,
70
Rings um das lodernde Feuer; es stieg ein lautes Getös auf.
Als dich Hephästos‘ Flamme verzehrt; da gossen wir morgens
Lauteren Wein in die Asche, und sammelten, edler Achilleus,
Deine weißen Gebeine, mit zwiefachem Fette bedeckend.
Aber die Mutter brachte die goldne gehenkelte Urne,
75
Dionysos‘ Geschenk, und ein Werk des berühmten Hephästos.
Hierin ruht dein weißes Gebein, ruhmvoller Achilleus,
Mit dem Gebeine vermischt des Menötiaden Patroklos,
Und gesondert die Asche Antilochos‘, den du vor allen
Anderen Freunden ehrtest, nach deinem geliebten Patroklos.
80
Und das heilige Heer der sieggewohnten Achaier
Häufte darüber ein großes und weitbewundertes Denkmal
Auf der Spitze des Landes am breiten Hellespontos,
Daß es fern im Meere vorüberschiffende Männer
Sähen, die jetzo leben, und spät in kommenden Jahren.
85
Aber die Mutter bracht‘ auf den Kampfplatz köstliche Preise,
Von den Göttern erfleht, für die Tapfersten aller Achaier.
Schon bei vieler Helden Begräbnis warst du zugegen,
Sahst die Jünglinge oft am Ehrenhügel des Königs
Zum Wettkampfe sich gürten um manches schimmernde Kleinod;
90
Dennoch hättest du dort mit tiefem Erstaunen betrachtet,
Welche köstliche Preise die silberfüßige Thetis
Dir zu Ehren gesetzt: denn du warst ein Liebling der Götter!
Also erlosch auch im Tode nicht dein Gedächtnis, und ewig
Glänzet bei allen Menschen dein großer Namen, Achilleus.
95
Aber was frommte mir des rühmlichen Krieges Vollendung?
Selbst bei der Heimkehr weihte mich Zeus dem schrecklichsten Tode
Unter Ägisthos‘ Hand und der Hand des heillosen Weibes.
Also besprachen sich diese jetzo untereinander,
Jetzo nahte sich ihnen der rüstige Argosbesieger,
100
Und ihm folgte zur Tiefe die Schar der erschlagenen Freier.
Voll Verwunderung gingen die Könige ihnen entgegen.
Und der hohe Schatten von Atreus‘ Sohn Agamemnon
Kannte des Melaniden, des tapfern Amphimedons Seele,
Welcher sein Gastfreund war in Ithakas felsichtem Eiland.
105
Zu dem Kommenden sprach die Seele des großen Atreiden:
Was, Amphimedon, führt euch ins unterirdische Dunkel?
Lauter erlesene Männer von gleichem Alter! Man würde
Schwerlich in einer Stadt so treffliche Männer erlesen!
Tötet‘ euch etwa in Schiffen der Erderschüttrer Poseidon,
110
Da er den wilden Orkan und die steigenden Wogen empörte?
Oder ermordeten euch auf dem Lande feindliche Männer,
Als ihr die schönen Herden der Rinder und Schafe hinwegtriebt,
Oder indem sie die Stadt und ihre Weiber verfochten?
Lieber, sage mir dies; ich war ja im Leben dein Gastfreund.
115
Weißt du nicht mehr, wie ihr mich in eurem Hause bewirtet,
Als ich Odysseus ermahnte, dem göttlichen Menelaos
Mit gen Troja zu folgen in schöngebordeten Schiffen?
Erst nach einem Monat entschifften wir eurem Gestade,
Und beredeten kaum den Städteverwüster Odysseus.
120
Also sprach er; ihm gab Amphinomos‘ Seele zur Antwort:
Atreus‘ rühmlicher Sohn, weitherrschender Held Agamemnon,
Dieses weiß ich noch alles, und will umständlich erzählen,
Wie uns so plötzlich die Stunde des schrecklichen Todes ereilt hat.
Siehe, wir liebten die Gattin des langentfernten Odysseus.
125
Nimmer versagte sie uns, und vollendete nimmer die Hochzeit,
Heimlich uns allen den Tod und das schwarze Verhängnis bereitend.
Unter anderen Listen ersann sie endlich auch diese.
Trüglich zettelte sie in ihrer Kammer ein feines
Übergroßes Geweb‘, und sprach zu unsrer Versammlung:
130
Jünglinge, die ihr mich liebt, nach dem Tode des edlen Odysseus!
Dringt auf meine Vermählung nicht eher, bis ich den Mantel
Fertig gewirkt, (damit nicht umsonst das Garn mir verderbe!)
Welcher dem Helden Laertes zum Leichengewande bestimmt ist,
Wenn ihn die finstre Stunde mit Todesschlummer umschattet:
135
Daß nicht irgend im Lande mich eine Achaierin tadle,
Läg‘ er uneingekleidet, der einst so vieles beherrschte.
Also sprach sie mit List, und bewegte die Herzen der Edlen.
Und nun webete sie des Tages am großen Gewebe,
Aber des Nachts, dann trennte sie’s auf, beim Scheine der Fackeln.
140
Also täuschte sie uns drei Jahr‘ und betrog die Achaier.
Als nun das vierte Jahr im Geleite der Horen herankam,
Und mit dem wechselnden Mond viel Tage waren verschwunden;
Da verkündet‘ uns eine der Weiber das schlaue Geheimnis,
Und wir fanden sie selbst bei der Trennung des schönen Gewebes.
145
Also mußte sie’s nun, auch wider Willen, vollenden.
Als sie den großen Mantel gewirkt und sauber gewaschen,
Und er hell, wie die Sonn‘ und der Mond, entgegen uns glänzte;
Siehe da führte mit einmal ein böser Dämon Odysseus
Draußen zum Meierhof, den der Schweine Hüter bewohnte.
150
Dorthin kam auch der Sohn des göttergleichen Odysseus,
Der von der sandigen Pylos im schwarzen Schiffe zurückfuhr.
Diese bereiteten sich zum schrecklichen Morde der Freier,
Gingen dann in die prächtige Stadt: der edle Odysseus
War der letzte, sein Sohn Telemachos kam zuerst an.
155
Aber der Sauhirt führte den schlechtgekleideten König,
Der, wie ein alter Mann und mühebeladener Bettler,
Wankend am Stabe schlich, mit häßlichen Lumpen bekleidet.
Keiner konnte von uns den plötzlich erscheinenden Fremdling
Für Odysseus erkennen, auch selbst von den Ältesten keiner;
160
Sondern alle verspotteten wir und warfen den Fremdling.
Und Odysseus ertrug zuerst in seinem Palaste
Unsre kränkenden Reden und Würfe mit duldender Seele.
Aber als ihn der Geist des Donnergottes erweckte,
Nahm er mit seinem Sohn aus dem Saale die zierliche Rüstung,
165
Trug sie hinauf in den Söller, und schloß die Pforte mit Riegeln;
Ging dann hin, und befahl arglistig seiner Gemahlin,
Uns den Bogen zu bringen und blinkende Eisen, zum Wettkampf
Uns unglücklichen Freiern, und zum Beginne des Mordens.
Aber es konnte von uns nicht einer des mächtigen Bogens
170
Senne spannen; zu sehr gebrach es allen an Stärke.
Doch wie der Sauhirt jetzo den großen Bogen Odysseus
Brachte; da zürnten wir alle, und schalten mit drohenden Worten,
Daß er den Bogen ihm nicht darreichte, was er auch sagte;
Aber Telemachos rief, und befahl ihm, weiter zu gehen.
175
Und nun nahm er den Bogen, der herrliche Dulder Odysseus,
Spannt‘ ihn ohne Bemühn, und schnellte den Pfeil durch die Äxte,
Sprang auf die Schwelle, die Pfeile dem Köcher entschüttend, und blickte
Drohend umher, und schoß; und Antinoos stürzte zu Boden.
Und nun flog auf die andere des scharf hinzielenden Königs
180
Schreckliches Todesgeschoß; und Haufen sanken bei Haufen.
Und man erkannte leicht, daß ihnen ein Himmlischer beistand.
Denn bald stürzten sie wütend sich unter den Haufen, und würgten
Links und rechts durch den Saal: mit dem Krachen zerschlagener Schädel
Tönte das Jammergeschrei, und Blut floß über den Boden.
185
Also kamen wir um, Agamemnon, und unsere Leiber
Liegen noch unbestattet im Hause des edlen Odysseus.
Denn noch wissen es nicht die Freund‘ in unseren Häusern,
Daß sie das schwarze Blut aus den Wunden waschen, und klagend
Unsere Bahr‘ umringen: die letzte Ehre der Toten!
190
Ihm antwortete drauf die Seele des großen Atreiden:
Glücklicher Sohn Laertes, erfindungsreicher Odysseus,
Wahrlich dir ward ein Weib von großer Tugend beschieden!
Welche treffliche Seele hat doch Ikarios‘ Tochter
Penelopeia! Wie treu die Edle dem Manne der Jugend,
195
Ihrem Odysseus, blieb! O nimmer verschwindet der Nachruhm
Ihrer Tugend; die Götter verewigen unter den Menschen
Durch den schönsten Gesang die keusche Penelopeia!
Nicht wie Tyndareos‘ Tochter verübte sie schändliche Taten,
Welche den Mann der Jugend erschlug, und ein ewiges Schandlied
200
Unter den Sterblichen ist; denn sie hat auf immer der Weiber
Namen entehrt, wenn eine sich auch des Guten befleißigt!
Also besprachen sich jetzo die Luftgebilde der Toten,
Unter der Erde stehend, in Aïdes‘ dunkler Behausung.
Jene gingen den Weg von der Stadt hinunter, und kamen
205
Bald zu dem wohlbestellten und schönen Hofe Laertes‘,
Welchen er selber vordem durch Heldentaten erworben.
Allda hatt‘ er sein Haus; und wirtschaftliche Gebäude
Liefen rings um den Hof; es speiseten, saßen und schliefen
Hier die nötigen Knechte, die seine Geschäfte bestellten.
210
Auch war dort eine alte Sikelerin, welche des Greises
Fern von der Stadt auf dem Lande mit treuer Sorge sich annahm.
Aber Odysseus sprach zu Telemachos und zu den Hirten:
Geht ihr jetzo hinein in die schöngebauete Wohnung,
Und bereitet uns schnell zum Mahle das trefflichste Mastschwein.
215
Ich will indes hingehen, um unsern Vater zu prüfen:
Ob er mich wohl noch kennt, wenn seine Augen mich sehen;
Oder ob ich ihm fremd bin, nach meiner langen Entfernung.
Also sprach er, und gab den Hirten die kriegrische Rüstung.
Diese gingen sogleich in die Wohnung. Aber Odysseus
220
Eilte zu seinem Vater im obstbeladenen Fruchthain.
Und er fand, da er eilig den langen Garten hinabging,
Weder Dolios dort, noch Dolios‘ Knechte und Söhne.
Diese waren aufs Feld gegangen, und sammelten Dornen
Zu des Gartens Geheg‘, und der alte Mann war ihr Führer.
225
Nur Laertes fand er im schöngeordneten Fruchthain.
Um ein Bäumchen die Erd‘ auflockern. Ein schmutziger Leibrock
Deckt‘ ihn, geflickt und grob; und seine Schenkel umhüllten
Gegen die ritzenden Dornen geflickte Stiefeln von Stierhaut;
Und Handschuhe die Hände der Disteln wegen; die Scheitel
230
Eine Kappe von Ziegenfell: so traurte sein Vater.
Als er ihn jetzo erblickte, der herrliche Dulder Odysseus,
Wie er vom Alter entkräftet und tief in der Seele betrübt war;
Sah er ihm weinend zu im Schatten des ragenden Birnbaums.
Dann bedacht‘ er sich hin und her, mit wankendem Vorsatz:
235
Ob er ihn küssend umarmte, den lieben Vater, und alles
Sagte, wie er nun endlich zur Heimat wiedergekehrt sei;
Oder ihn erst ausfragte, um seine Seele zu prüfen.
Dieser Gedanke schien dem Zweifelnden endlich der beste:
Erst mit sanftem Tadel des Vaters Seele zu prüfen.
240
Dieses beschloß Odysseus, und eilte hin zu Laertes,
Der, mit gesenktem Haupte, des Baumes Wurzel umhackte;
Und der treffliche Sohn trat nahe zum Vater, und sagte:
Alter, es fehlet dir nicht an Kunst den Garten zu bauen!
Schön ist alles bestellt; kein einziges dieser Gewächse,
245
Keine Rebe vermißt, kein Ölbaum, Feigen- und Birnbaum,
Keines der Beet‘ im Garten vermißt die gehörige Pflege!
Eins erinnre ich nur; nimm mir’s nicht übel, o Vater!
Du wirst selber nicht gut gepflegt! Wie kümmerlich gehst du,
Schwach vor Alter, und schmutzig dabei, und häßlich bekleidet!
250
Wegen der Faulheit gewiß kann dich dein Herr nicht versäumen!
Selbst der Gedank‘ an Knechtschaft verschwindet einem Betrachter
Deiner Gestalt und Größe; du hast ein königlich Ansehn:
Gleich als ob dir gebührte, dich nach dem Bad und der Mahlzeit
Sanft zur Ruhe zu legen; denn das ist die Pflege der Alten.
255
Aber verkündige mir, und sage die lautere Wahrheit:
Welcher Mann ist dein Herr, und wessen Garten besorgst du?
Auch verkündige mir aufrichtig, damit ich es wisse:
Sind wir denn wirklich hier in Ithaka, wie mir ein Mann dort
Sagte, welchem ich eben begegnete, als ich hieher ging?
260
Aber der Mann war nicht so artig, mir alles zu sagen,
Oder auf meine Frage zu achten, wegen des Gastfreunds,
Den ich in Ithaka habe: ob dieser noch lebt und gesund ist;
Oder ob er schon starb, und zu den Schatten hinabfuhr.
Denn ich sage dir an; merk auf, und höre die Worte:
265
Einen Mann hab‘ ich einst im Vaterlande bewirtet,
Welcher mein Haus besuchte; so viel ich auch Fremde beherbergt,
Ist kein werterer Gast in meine Wohnung gekommen!
Dieser sagte, er stammt aus Ithakas felsichtem Eiland,
Und Arkeisios‘ Sohn Laertes wäre sein Vater.
270
Und ich führte den werten Gast in unsere Wohnung.
Freundlich bewirtet‘ ich ihn von des Hauses reichlichem Vorrat,
Und verehrt‘ ihm Geschenke zum Denkmal unserer Freundschaft:
Schenkt‘ ihm sieben Talente des künstlichgebildeten Goldes;
Einen silberner Kelch mit schönerhobenen Blumen;
275
Feiner Teppiche zwölf, und zwölf der einfachen Mäntel;
Zwölf Leibröcke dazu, mit prächtigen Purpurgewanden;
Über dieses schenkt‘ ich ihm vier untadliche Jungfraun,
Kunstverständig und schön, die er sich selber gewählet.
Ihm antwortete drauf sein Vater, Tränen vergießend:
280
Fremdling, du bist gewiß in dem Lande, nach welchem du fragest!
Aber hier wohnen freche und übermütige Männer!
Und vergeblich hast du die vielen Geschenke verschwendet!
Hättest du ihn lebendig in Ithakas Volke gefunden,
Dann entließ er gewiß dich reichlich wiederbeschenket
285
Und anständig bewirtet; denn Pflicht ist des Guten Vergeltung.
Aber verkündige mir, und sage die lautete Wahrheit.
Wie viel Jahre sind es, seitdem dich jener besuchte?
Dein unglücklicher Freund, mein Sohn, so lang‘ ich ihn hatte!
Armer Sohn, den fern von der Heimat und seinen Geliebten
290
Schon die Fische des Meeres verzehreten, oder zu Lande
Vögel und Tiere zerrissen! Ihn hat die liebende Mutter
Nicht einkleidend beweint, noch der Vater, die wir ihn zeugten;
Noch sein edles Weib, die keusche Penelopeia,
Schluchzend am Sterbebette des lieben Gemahles gejammert,
295
Und ihm die Augen geschlossen: die letzte Ehre der Toten!
Auch verkündige mir aufrichtig, damit ich es wisse:
Wer, wes Volkes bist du? und wo ist deine Geburtstadt?
Und wo liegt das Schiff, das dich und die tapfern Genossen
Brachte? Kamst du vielleicht in einem gedungenen Schiffe,
300
Und die Schiffer setzten dich aus, und fuhren dann weiter?
Ihm antwortete drauf der erfindungsreiche Odysseus:
Gerne will ich dir dieses und nach der Wahrheit erzählen.
Ich bin aus Alybas her, und wohin‘ im berühmten Palaste
Meines Vaters Apheidas, des mächtigen Sohns Polypemons.
305
Und mein Namen ist Eperitos. Aber ein Dämon
Trieb mich durch Stürme hieher, als ich gen Sikania steurte.
Und mein Schiff liegt außer der Stadt am freien Gestade.
Jetzo sind’s fünf Jahre, seitdem der edle Odysseus
Wieder von dannen fuhr, und Alybas‘ Ufer zurückließ.
310
Armer Freund! Und ihm flogen doch heilweissagende Vögel,
Als er zu Schiffe ging: drum sah ich freudig ihn scheiden,
Und er freute sich auch; denn wir hofften, einer den andern
Künftig noch oft zu bewirten, und schöne Geschenke zu wechseln.
Sprach’s; und den Vater umhüllte die schwarze Wolke des Kummers.
315
Siehe, er nahm mit den Händen des dürren Staubes, und streut‘ ihn
Über sein graues Haupt, und weint‘ und jammerte herzlich.
Aber Odysseus ergrimmte im Geist, und es schnob in der Nase
Ihm der erschütternde Schmerz, beim Anblick des liebenden Vaters.
Küssend sprang er hinzu mit umschlingenden Armen, und sagte:
320
Vater, ich bin es selbst, mein Vater, nach welchem du fragest,
Bin im zwanzigsten Jahre zur Heimat wiedergekehret!
Darum trockne die Tränen, und hemme den weinenden Jammer!
Denn ich sage dir kurz: (uns dringt die äußerste Eile!)
Alle Freier hab‘ ich in unserem Hause getötet,
325
Und ihr Trotzen bestraft und die seelenkränkenden Greuel!
Ihm antwortete drauf sein alter Vater Laertes:
Bist du denn wirklich, mein Sohn Odysseus, wiedergekommen;
Lieber, so sage mir doch ein Merkmal, daß ich es glaube!
Ihm antwortete drauf der erfindungsreiche Odysseus:
330
Erstlich betrachte hier mit deinen Augen die Narbe,
Die ein Eber mir einst mit weißem Zahne gehauen,
Ferne von hier am Parnassos: denn du und die treffliche Mutter
Sandtet mich dort zu Autolykos hin, die Geschenke zu holen,
Die mir bei der Geburt ihr besuchender Vater verheißen.
335
Jetzo will ich dir auch die Bäume des lieblichen Fruchthains
Nennen, die du mir einst auf meine Bitte geschenkt hast;
Denn ich begleitete dich als Knab‘ im Garten; wir gingen
Unter den Bäumen umher, und du nanntest und zeigtest mir jeden.
Dreizehn Bäume mit Birnen, und zehn voll rötlicher Äpfel
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Schenktest du mir, und vierzig der Feigenbäume; und nanntest
Fünfzig Rebengeländer mit lauter fruchtbaren Stöcken,
Die du mir schenken wolltest: sie hangen voll mancherlei Trauben,
Wenn sie der Segen Gottes mit mildem Gewitter erfreuet.
Also sprach er; und jenem erzitterten Herz und Kniee,
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Als er die Zeichen erkannte, die ihm Odysseus verkündet.
Seinen geliebtesten Sohn umarmend, sank er in Ohnmacht
An sein Herz; ihn hielt der herrliche Dulder Odysseus.
Als er zu atmen begann, und sein Geist dem Herzen zurückkam;
Da erhub er die Stimme, und rief mit lautem Entzücken:
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Vater Zeus! ja noch lebt ihr Götter im hohen Olympos,
Wenn doch endlich die Greuel der üppigen Freier bestraft sind!
Aber nun fürcht‘ ich sehr in meinem Herzen, daß plötzlich
Alle Ithaker hier uns überfallen, und Botschaft
Ringsumher in die Städte der Kephallenier senden!
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Ihm antwortete drauf der erfindungsreiche Odysseus:
Sei getrost, und laß dich diese Gedanken nicht kümmern!
Folge mir jetzt in das Haus, hier nahe am Ende des Gartens:
Dort ist Telemachos auch, und der Rinderhirt und der Sauhirt;
Denn ich sandte sie hin, uns eilend das Mahl zu bereiten.
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Also besprachen sie sich, und gingen zur prächtigen Wohnung.
Und sie traten jetzt in die schönen Zimmer des Hauses,
Wo Telemachos schon, und der Rinderhirt und der Sauhirt,
Teilten die Menge des Fleisches, und Wein mit Wasser vermischten.
Aber den edelgesinnten Laertes in seinem Palaste
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Badete jetzo die treue Sikelerin, salbte mit Öl ihn,
Und umhüllt‘ ihn dann mit dem prächtigen Mantel; Athene
Schmückt‘ unsichtbar mit Kraft und Größe den Hirten der Völker,
Schuf ihn höher an Wuchs, und jugendlicher an Bildung.
Und er stieg aus dem Bade. Mit Staunen erblickte der Sohn ihn,
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Wie er gleich an Gestalt den unsterblichen Göttern einherging.
Und er redet‘ ihn an, und sprach die geflügelten Worte:
Wahrlich, o Vater, es hat ein unsterblicher Gott des Olympos
Deine Gestalt erhöht, und deine Bildung verschönert!
Und der verständige Greis Laertes sagte dagegen:
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Wollte doch Vater Zeus, Athene und Phöbos Apollon,
Daß ich so, wie ich einst, am Vorgebirge der Feste,
Nerikos‘ Mauern erstieg, die Kephallenier führend;
Daß ich in jener Gestalt dir gestern in unserm Palaste,
Um die Schultern gepanzert, zur Seite hätte gestritten
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Gegen der Freier Schar! Dann hätt‘ ich ihrer wohl manchen
Hingestreckt in den Saal, und dein Herz im Busen erfreuet!
Also besprachen diese sich jetzo untereinander.
Aber da jene das Mahl in Eile hatten bereitet,
Setzten sie sich nach der Reih auf prächtige Sessel und Throne,
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Und erhoben die Hände zum Essen. Siehe da nahte
Dolios sich, der Greis, und Dolios‘ Söhne: sie kamen
Müde vom Felde zurück; denn die Mutter hatte sie selber
Heimgeholt, die alte Sikelerin, die sie erzogen,
Und sorgfältig des Greises in seinem Alter sich annahm.
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Diese, sobald sie Odysseus sahn und im Herzen erkannten,
Standen still an der Schwell‘, und stauneten. Aber Odysseus
Wandte sich gegen den Greis mit diesen freundlichen Worten:
Setze dich, Alter, zu Tisch, und sehet mich nicht so erstaunt an:
Denn wir haben schon lange, begierig der Speise zu kosten,
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Hier im Saale geharrt, und euch beständig erwartet.
Also sprach er. Da lief mit ausgebreiteten Armen
Dolios grad‘ auf ihn zu, und küßte die Hände des Königs,
Redete freundlich ihn an, und sprach die geflügelten Worte:
Lieber, kommst du nun endlich nach unserem herzlichen Wunsche.
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Aber ohn‘ alles Vermuten, und führten dich Götter zur Heimat;
Nun so wünsch‘ ich dir Freude, Gesundheit und Segen der Götter!
Aber sage mir doch aufrichtig, damit ich es wisse:
Weiß es deine Gemahlin, die kluge Penelopeia,
Daß du zu Hause bist? oder sollen wir’s eilig verkünden?
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Ihm antwortete drauf der erfindungsreiche Odysseus:
Alter, sie weiß es schon; du brauchst dich nicht zu bemühen.
Also sprach er, und setzte sich hin auf den zierlichen Sessel.
Dolios‘ Söhne traten nun auch zum berühmten Odysseus,
Hießen ihn froh willkommen, und drückten ihm alle die Hände,
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Setzten sich dann nach der Reihe bei Dolios, ihrem Vater.
Also waren sie hier mit dem fröhlichen Schmause beschäftigt.
Aber Ossa, die schnelle Verkünderin, eilete ringsum
Durch die Stadt mit der Botschaft vom traurigen Tode der Freier.
Und nun erhuben sich alle, und sammelten hieher und dorther,
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Lautwehklagend und lärmend, sich vor dem Palaste des Königs,
Trugen die Toten hinaus, und bestatteten jeder den Seinen;
Aber die andern, die rings von den Inseln waren gekommen,
Legten sie heimzufahren in schnelle Kähne der Fischer.
Und nun eilten sie alle zum Markte mit großer Betrübnis.
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Als die Versammelten jetzt in geschlossener Reihe sich drängten;
Da erhub sich der Held Eupeithes vor den Achaiern,
Der mit unendlichem Schmerz um den toten Antinoos traurte,
Seinen Sohn, den zuerst der edle Odysseus getötet;
Weinend erhub sich dieser, und redete vor der Versammlung:
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Freunde, wahrlich ein Großes bereitete jener den Griechen!
Erst entführt‘ er in Schiffen so viel‘ und tapfere Männer,
Und verlor die gerüsteten Schiff‘, und verlor die Gefährten;
Und nun kommt er, und tötet die Edelsten unseres Reiches.
Aber wohlan! bevor der Flüchtende Pylos erreichet,
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Oder die heilige Elis, die von den Epeiern beherrscht wird;
Eilet ihm nach! Sonst werden wir nimmer das Antlitz erheben;
Schande brächt‘ es ja uns, und noch bei den spätesten Enkeln,
Wenn wir die Mörder nicht straften, die unsere Kinder und Brüder
Töteten! Ha! ich könnte nicht länger mit fröhlichem Herzen
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Leben! mich förderte bald der Tod in die Schattenbehausung!
Auf denn, und eilt; damit sie uns nicht zu Wasser entfliehen!
Weinend sprach er’s, und rührte die ganze Versammlung zum Mitleid.
Jetzo kam zu ihnen der göttliche Sänger und Medon
Ans Odysseus‘ Palaste, nachdem sie der Schlummer verlassen;
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Und sie traten beid‘ in die Mitte des staunenden Volkes.
Und nun sprach zur Versammlung der gute verständige Medon.
Hörer mich an, ihr Männer von Ithaka! Wahrlich, Odysseus
Hat nicht ohne den Rat der Unsterblichen dieses vollendet!
Denn ich sah ihn selbst, den unendlichen Gott, der Odysseus
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Immer zur Seite stand, in Mentors Bildung gehüllet.
Dieser unsterbliche Gott beseelete jetzo den König,
Vor ihm stehend, mit Mut, und jetzo stürmt‘ er vertilgend
Unter die Freier im Saal; und Haufen sanken bei Haufen.
Als er es sprach, da ergriff sie alle bleiches Entsetzen.
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Unter ihnen begann der graue Held Halitherses,
Mastors Sohn, der allein Zukunft und Vergangenes wahrnahm;
Dieser erhub im Volke die Stimme der Weisheit, und sagte:
Höret mich an, ihr Männer von Ithaka, was ich euch sage!
Eurer Trägheit halben, ihr Freund‘, ist dieses geschehen!
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Denn ihr gehorchtet mir nicht, noch Mentor dem Hirten der Völker,
Daß ihr eurer Söhn‘ unbändige Herzen bezähmtet,
Welche mit Unverstand die entsetzlichen Greuel verübten,
Da sie die Güter verschwelgten, und selbst die Gemahlin entehrten
Jenes trefflichen Manns, und wähnten, er kehre nicht wieder.
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Nun ist dieses mein Rat; gehorcht mir, wie ich euch sage:
Eilt ihm nicht nach, daß keiner sich selbst das Verderben bereite!
Also sprach er. Da stunden die Griechen mit lautem Geschrei auf,
Mehr als die Hälfte der Schar; allein die übrigen blieben,
Welche den Rat Halitherses nicht achteten, sondern Eupeithes
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Folgten. Sie eilten darauf zu ihrer ehernen Rüstung.
Und nachdem sie sich alle mit blinkendem Erze gepanzert,
Kamen sie vor der Stadt im weiten Gefilde zusammen.
Und sie führte Eupeithes, der Törichte! denn er gedachte
Seines Antinoos‘ Tod zu rächen; aber ihm war nicht
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Heimzukehren bestimmt, sein harrte des Todes Verhängnis.
Aber Athene sprach zum Donnerer Zeus Kronion:
Unser Vater Kronion, der herrschenden Könige Herrscher,
Sage mir, welchen Rat du jetzo im Herzen verbirgest.
Wirst du hinfort verderbenden Krieg und schreckliche Zwietracht
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Senden? oder beschließest du Freundschaft unter dem Volke?
Ihr antwortete drauf der Wolkenversammler Kronion:
Warum fragst du mich, Tochter, und forschest meine Gedanken?
Hast du nicht selber den Rat in deinem Herzen ersonnen,
Daß heimkehrend jenen Odysseus‘ Rache vergölte?
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Tue, wie dir’s gefällt; doch will ich das Beste dir sagen.
Da der edle Odysseus die Freier jetzo bestraft hat,
Werde das Bündnis erneut: er bleib‘ in Ithaka König;
Und wir wollen dem Volke der Söhn‘ und Brüder Ermordung
Aus dem Gedächtnis vertilgen; und beide lieben einander
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Künftig wie vor, und Fried‘ und Reichtum blühen im Lande!
Also sprach er, und reizte die schon verlangende Göttin:
Eilend fuhr sie hinab von den Gipfeln des hohen Olympos.
Jene hatten sich nun mit lieblicher Speise gesättigt.
Unter ihnen begann der herrliche Dulder Odysseus:
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Gehe doch einer, und seh, ob unsere Feinde schon annahn.
Also sprach er; und schnell ging einer von Dolios‘ Söhnen,
Stand auf der Schwelle des Hauses, und sah sie alle herannahn.
Eilend rief er Odysseus, und sprach die geflügelten Worte:
Nahe sind sie uns schon; wir müssen uns eilig bewaffnen!
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Also rief er; da sprangen sie auf, und ergriffen die Rüstung:
Vier war Odysseus‘ Zahl, und sechs von Dolios‘ Söhnen.
Auch der alte Laertes und Dolios legten die Rüstung
An, so grau sie auch waren, durch Not gezwungene Krieger!
Und nachdem sie sich alle mit blinkendem Erze gerüstet;
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Öffneten sie die Pforte, und gingen, geführt von Odysseus.
Jetzo nahte sich Zeus‘ blauäugichte Tochter Athene,
Mentorn gleich in allem, sowohl an Gestalt wie an Stimme.
Freudig erblickte die Göttin der herrliche Dulder Odysseus.
Und zu dem lieben Sohne Telemachos wandt‘ er sich also:
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Jetzo wirst du doch sorgen, Telemachos, wenn du dahin kommst:
Daß du im Streite der Männer, wo sich die Tapfern hervortun,
Deiner Väter Geschlecht nicht schändest, die wir von Anfang
Immer durch Kraft und Mut der Menschen Bewundrung erwarben!
Und der verständige Jüngling Telemachos sagte dagegen:
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Sehen wirst du es selbst, mein Vater, wenn du es wünschest:
Daß dies Herz dein Geschlecht nicht schändet! Wie kannst du das sagen?
Also sprach er; da rief mit herzlicher Freude Laertes:
Welch ein Tag ist mir dieser! Ihr Götter, wie bin ich so glücklich!
Sohn und Enkel streiten den edlen Streit um die Tugend!
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Siehe da nahte sich Zeus‘ blauäugichte Tochter, und sagte:
O Arkeisios‘ Sohn, geliebtester meiner Geliebten,
Flehe zu Vater Zeus und Zeus‘ blauäugichter Tochter,
Schwinge dann mutig, und wirf die weithinschattende Lanze!
Also sprach die Göttin, und haucht‘ ihm unsterblichen Mut ein.
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Eilend flehte der Greis zur Tochter des großen Kronions,
Schwung dann mutig, und warf die weithinschattende Lanze.
Und er traf Eupeithes am ehernwangichten Helme,
Und den weichenden Helm durchdrang die stürmende Lanze:
Tönend sank er dahin, von der ehernen Rüstung umrasselt.
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Aber Odysseus fiel und Telemachos unter die Feinde,
Hauten und stachen mit Schwertern und langgeschafteten Spießen.
Und nun hätten sie alle vertilgt und zu Boden gestürzet;
Aber die Tochter des Gottes mit wetterleuchtendem Schilde,
Pallas Athene rief, und hemmte die streitenden Scharen:
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Ruht, ihr Ithaker, ruht vom unglückseligen Kriege!
Schonet des Menschenblutes, und trennet euch schnell voneinander!
Also rief die Göttin; da faßte sie bleiches Entsetzen:
Ihren zitternden Händen entflogen die Waffen, und alle
Fielen zur Erd‘, als laut die Stimme der Göttin ertönte.
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Und sie wandten sich fliehend zur Stadt, ihr Leben zu retten.
Aber fürchterlich schrie der herrliche Dulder Odysseus,
Und verfolgte sie rasch, wie ein hochherfliegender Adler.
Und nun sandte Kronion den flammenden Strahl vom Olympos,
Dieser fiel vor Athene, der Tochter des schrecklichen Vaters.
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Und zu Odysseus sprach die heilige Göttin Athene:
Edler Laertiad‘, erfindungsreicher Odysseus,
Halte nun ein, und ruhe vom allverderbenden Kriege:
Daß dir Kronion nicht zürne, der Gott weithallender Donner!
Also sprach sie, und freudig gehorcht‘ Odysseus der Göttin.
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Zwischen ihm und dem Volk erneuete jetzo das Bündnis
Pallas Athene, die Tochter des wetterleuchtenden Gottes,
Mentorn gleich in allem, sowohl an Gestalt wie an Stimme.