7. Kapitel. Der Detektiv in der Falle.

7. Kapitel. Der Detektiv in der Falle.

Wie McMurdo gesagt hatte, war das Haus, in dem er wohnte, abgeschieden und für das geplante Verbrechen ganz besonders geeignet. Es lag am Rande der Stadt, ziemlich weit von der Straße ab. In jedem anderen Fall würden die Verschwörer, wie es sonst ihre Art war, einfach ihren Mann gestellt und niedergeschossen haben. Aber in diesem Fall war es äußerst wichtig zu erfahren, wieviel er bereits wußte, woher er es wußte, und welche seiner Erkundungen er an seine Auftraggeber weitergegeben hatte. Möglicherweise war es schon zu spät und seine Arbeit bereits getan. In diesem Fall konnten sie nur noch Rache an ihm nehmen. Sie hofften indessen, daß dem Detektiv noch nichts von größerer Wichtigkeit zur Kenntnis gelangt war, sonst würde er, wie sie annahmen, sich nicht die Mühe genommen haben, so belanglose Mitteilungen, wie McMurdo sie ihm gemacht hatte, niederzuschreiben und in Chiffre weiter zu telegraphieren. Alles dies würden sie von dem Manne selbst hören. Wenn er einmal in ihrer Gewalt war, würden sie Mittel und Wege finden, ihn zum Sprechen zu bringen. Es war nicht das erstemal, daß sie einen widerspenstigen Zeugen zum Reden brachten.

McMurdo fuhr, wie vereinbart, nach Hobsons Patch. Die Polizei schien an jenem Morgen ein ganz besonderes Interesse an ihm zu nehmen, denn Kapitän Marvin, der behauptet hatte, ein alter Bekannter von ihm aus Chicago zu sein, sprach ihn an, als er auf dem Bahnhof wartete. McMurdo drehte ihm den Rücken zu und verweigerte jede Antwort. Am Nachmittag, als er von seiner Expedition zurückgekehrt war, suchte er sofort McGinty im Unionhaus auf.

»Er kommt,« sagte er.

»Gut,« sagte McGinty. Der Riese stand in Hemdsärmeln da, mit baumelnden Ketten und Siegeln an seiner prächtigen Weste. Durch den Saum seines zottigen Bartes funkelte ein großer Brillant. Alkohol und Politik hatten den Meister zu einem sehr reichen und mächtigen Manne gemacht. Um so schrecklicher erschien ihm daher die Vision von Gefängnis und Galgen, die ihm am vorangegangenen Abend gekommen war.

»Glauben Sie, daß er viel weiß?« fragte er angstvoll.

McMurdo nickte trübselig mit dem Kopf.

»Er ist schon längere Zeit hier, mindestens sechs Wochen. Er hat sich wahrscheinlich nicht damit begnügt, die Landschaft zu bewundern. Wenn er die ganze Zeit über fleißig war, mit dem Geld der Gesellschaften hinter sich, möchte ich annehmen, daß er verschiedenes herausgefunden und weitergegeben hat.«

»In unserer Loge ist keiner, dem ich Verrat zutraue,« rief McGinty. »Jeder einzelne ist treu wie Gold. Halt! Zum Donnerwetter, dieser Halunke Morris! An den habe ich nicht gedacht. Warum nicht der Kerl? Wenn einer zum Verräter geworden ist, kann’s nur der gewesen sein. Ich habe Lust, noch vor dem Abendessen ein paar von den Jungen zu ihm zu schicken um ihm eine solche Tracht Prügel verabreichen zu lassen, daß er alles herausplappert, was er gesagt hat.«

»Das würde vielleicht ganz gut sein,« antwortete McMurdo, »obwohl er mir, wie ich gestehen muß, leid täte. Er hat einige Male mit mir über Logenangelegenheiten gesprochen, und obzwar er anders darüber denkt, als Sie und ich, glaube ich nicht, daß er einer ist, der den Angeber spielen würde. Aber wie es auch sei, ich habe darüber nicht zu bestimmen.«

»Ich werde es dem alten Halunken schon besorgen,« rief McGinty mit einem Fluch. »Ich habe schon seit längerem ein Auge auf ihn.«

»Nun, Sie werden wohl am besten wissen, was zu tun ist,« antwortete McMurdo. »Aber was immer Sie beschließen, es muß bis morgen warten, denn wir dürfen uns nicht rühren, bis diese Pinkertonsache ins reine gebracht ist. Es wäre unsinnig, gerade heute die Polizei auf die Beine zu bringen.«

»Das ist wahr,« sagte McGinty, »im übrigen werden wir ja von Birdy Edwards selbst hören, woher er sein Material hat, und wenn wir ihm zu diesem Zweck das Herz aus dem Leibe reißen müßten. Er hat doch nicht Lunte gerochen?«

»Ich habe ihn bei seiner schwachen Seite gepackt,« sagte McMurdo lachend. »Wenn man ihm etwas über die Rächer in Aussicht stellt, würde er bis an das Ende der Welt gehen. Er hat mir bereits Geld gegeben.«

McMurdo zog grinsend ein Bündel Dollarnoten hervor. »Er hat mir versprochen, noch viel mehr herauszurücken, wenn er meine Papiere in der Hand hat.«

»Welche Papiere?«

»Papiere, die nur in seiner Einbildung existieren. Ich habe ihm den Mund mit Satzungen, Geschäftsordnungen und Mitgliedsformularen wässerig gemacht. Er hofft, der Sache ganz auf den Grund zu kommen.«

»Eher wird er in den Grund kommen, sollte ich meinen,« sagte McGinty grimmig. »Hat er Sie nicht gefragt, warum Sie die Papiere nicht gleich mitgebracht haben?«

»Er konnte doch nicht erwarten, daß ich, ein von der Polizei beobachteter Mensch, solche Sachen mit mir herumtrage. Kapitän Marvin hat mich erst heute unten im Bahnhof angesprochen.«

»Davon habe ich gehört,« sagte McGinty. »Das dicke Ende der Sache wird wohl auf Ihr Teil kommen, glaube ich. Wir können ihn wohl in einen aufgelassenen Schacht werfen, wenn wir mit ihm fertig sind; aber wie immer wir es auch anstellen, wir kommen nicht über die Tatsache hinweg, daß Sie heute bei ihm in Hobsons Patch waren.«

»Wenn wir richtig vorgehen, kann man uns niemals einen Mord nachweisen,« sagte McMurdo achselzuckend. »Niemand wird ihn so spät abends das Haus betreten sehen, und ich möchte wetten, daß ihn niemand sehen wird, wenn er es verläßt. Ich will Sie jetzt mit meinem Plan bekannt machen und bitte Sie, die anderen einzuweihen. Ihr alle kommt pünktlich zur vereinbarten Zeit. Er kommt um zehn. Er wird dreimal klopfen, und ich werde ihm die Tür öffnen. Wenn er drinnen ist, schließe ich sie ab. Dann gehört er uns.«

»Das ist klar und einfach.«

»Sehr richtig, aber der nächste Schritt will wohlüberlegt sein. Er ist, wie ich schon sagte, eine harte Nuß. Zweifellos ist er schwer bewaffnet. Ich habe ihn zwar ordentlich genasführt, aber er wird sicher auf seiner Hut sein. Wenn ich ihn in ein Zimmer führe, mit sieben Männern darin, wo er nur einen erwartet, wird es unzweifelhaft zu einer Schießerei kommen, und einer oder der andere von uns würde daran glauben müssen.«

»Sehr richtig.«

»Und der Lärm würde uns jeden verdammten Polizisten auf den Hals locken.«

»Stimmt.«

»Ich möchte daher so vorgehen: Ihr alle seid in dem großen Zimmer, in demselben, wo wir letzthin unsere Unterredung hatten. Ich lasse ihn durch die Tür herein und führe ihn in das kleine Wohnzimmer nebenan, wo ich ihn allein lasse, um, wie ich ihm sagen werde, die Papiere zu holen. Das gibt mir die Möglichkeit, euch zu sagen, wie die Sache steht. Darauf gehe ich zu ihm zurück mit gefälschten Aufzeichnungen. Während er diese liest, springe ich von hinten auf ihn los und umklammere seinen rechten Arm. Dann werdet ihr meinen Ruf hören und stürzt herein. Je schneller das geschieht, desto besser, denn er ist so stark wie ich und wird mir vielleicht mehr zu tun geben, als ich schaffen kann. Aber bis ihr kommt, werde ich ihn wohl halten können.«

»Der Plan ist gut,« sagte McGinty. »Die Loge schuldet Ihnen Dank. Ich kann mir wohl denken, wer meinen Platz einmal einnehmen wird, wenn ich nicht mehr Logenmeister sein werde.«

»Aber ich bin doch kaum mehr als ein Rekrut,« sagte McMurdo. Sein Gesicht ließ deutlich erkennen, wie ihm dieses Kompliment des großen Mannes schmeichelte.

Wieder zu Hause angelangt, traf er seine Vorbereitungen für die grimmigen Ereignisse, die ihm bevorstanden. Zuerst reinigte, ölte und lud er seinen Revolver. Dann musterte er das Zimmer, wo der Detektiv in die Falle gelockt werden sollte. Es war ein großer Raum mit einem langen, rohen Tisch in der Mitte und einem mächtigen Ofen in einer Ecke. An jeder der beiden Längswände lagen Fenster. Diese konnten mit leichten Ziehgardinen verhängt werden. McMurdo betrachtete sie aufmerksam. Zweifellos kam ihm zu Bewußtsein, daß man in den Raum, der für eine streng geheim zu haltende Angelegenheit bestimmt war, ziemlich leicht hineinsehen konnte – ein Nachteil, der indessen durch seine abgeschiedene Lage wieder aufgewogen wurde. Sodann besprach er sich mit seinem Wohngenossen Scalan, der, obgleich Logenbruder, ein harmloses Männchen war, zu verschüchtert, um gegen seine stärkeren Kameraden offen aufzutreten, aber insgeheim entsetzt über die Bluttaten, bei denen er gelegentlich helfen mußte. McMurdo weihte ihn kurz in seine Pläne ein.

»Wenn ich an Ihrer Stelle wäre, Michel Scalan, so würde ich mich für den Abend freimachen und mich fernhalten. Es wird hier blutige Arbeit geben, bevor der Morgen graut.«

»Paßt mir ausgezeichnet, Freund Mac,« antwortete Scalan. »Mein Wille ist zwar stark, aber mein Fleisch ist schwach. Als ich den Betriebsführer Dunn dort unten im Kohlenbergwerk zusammenbrechen sah, war ich erledigt. Solche Sachen liegen mir nicht so, wie etwa Ihnen oder McGinty. Wenn es mir die Loge nicht übelnimmt, werde ich Ihrem Rat folgen und Sie allein lassen.«

Die Männer kamen pünktlich zu der vereinbarten Zeit. Äußerlich waren sie ehrenwerte Bürger, reinlich und gut gekleidet, aber ein Physiognomiker hätte wenig Hoffnung für Birdy Edwards aus ihren grausamen Lippen und unbarmherzigen Augen herauslesen können. Nicht einen gab es unter ihnen, dessen Hände nicht schon ein dutzendmal mit Blut befleckt worden waren. Sie waren gegen Menschenmord so abgestumpft, wie der Schlächter den Tieren gegenüber. Die erste Stelle nahm der verehrungswürdige Meister ein, sowohl was Aussehen, als was Schuld anbelangte. Harraway, der Sekretär, war ein hagerer, verbitterter Mensch mit langem, dürren Hals und nervös zuckenden Gliedern – von unwandelbarer Ehrlichkeit, soweit die Finanzen des Bundes in Frage kamen, aber sonst ohne Sinn für Recht und Moral. Der Schatzmeister Carter, ein Mann mittleren Alters mit teilnahmslosem Gesicht und pergamentartiger, gelber Haut, war ein fähiger Organisator, und die Ausarbeitung fast jeder Schandtat im einzelnen entsprang seinem beweglichen Gehirn. Die zwei Willabys waren Männer der Tat, große sehnige junge Leute mit entschlossenen Gesichtern, und ihr Gefährte Tiger Comac, ein untersetzter, dunkelhäutiger junger Mensch, wurde selbst von seinen Kameraden wegen seiner unberechenbaren Wildheit gefürchtet. Das waren die Leute, die sich in jener Nacht unter dem Dache McMurdos zur Ermordung des Pinkerton-Detektivs vereinten.

Der Gastgeber hatte Whisky auf den Tisch gestellt und sie zögerten nicht, sich durch ihn für die bevorstehende Arbeit in Stimmung zu versetzen. Baldwin und Cormac waren bereits halb betrunken, und der Alkohol steigerte ihr grausames Ungestüm bis zur Siedehitze. Cormac legte seine Hände einen Augenblick lang auf den Ofen. Er war stark eingeheizt, denn die Frühlingsnächte waren noch kalt.

»Er ist heiß genug,« meinte er vielsagend.

»Ja, ja,« rief Baldwin, der den Wink aufgefangen hatte. »Wenn wir ihn darauf festbinden, werden wir schon die Wahrheit aus ihm herauskriegen.«

»Das werden wir auf jeden Fall, sagte McMurdo. Er hatte Nerven aus Stahl, dieser Mann, denn obwohl die ganze Verantwortung für die Sache auf ihm lastete, war sein Benehmen so kühl und sorglos wie immer. Die anderen bemerkten es beifällig.

»McMurdo ist derjenige, der ihn in Empfang nimmt,« sagte der Meister zustimmend. »Ihm wird der Kerl nichts anmerken, bis er seine Hand an der Gurgel spürt – Es ist zu dumm, daß die Fenster keine Läden haben.«

McMurdo ging von einem Fenster zum anderen und zog die Gardinen fester zu.

»Jetzt kann niemand mehr hereinsehen. Er muß gleich da sein.«

»Vielleicht kommt er nicht. Er hat möglicherweise Lunte gerochen,« sagte der Sekretär.

»Er wird kommen, Sie brauchen keine Angst zu haben,« antwortete McMurdo. »Er ist so begierig zu kommen, wie Sie, ihn zu sehen. Horcht! Was ist das?«

Sie saßen alle wie Wachsfiguren da, mit halb erhobenen Gläsern. In die plötzliche Stille hinein dröhnte heftiges, dreimaliges Pochen an die Außentür.

»Still!«

McMurdo erhob Ruhe gebietend seine Hand. Frohlockende Blicke machten die Runde von einem zum anderen, und die Hände fuhren unwillkürlich nach versteckten Waffen.

»Nicht einen Laut, wenn euch euer Leben lieb ist,« zischte ihnen McMurdo zu, als er das Zimmer verließ und die Türe sorgfältig hinter sich schloß.

Die Mordgesellen warteten mit gespitzten Ohren. Sie zählten die Schritte ihres Kameraden, als dieser den Korridor entlang ging. Dann hörten sie ihn die Außentür öffnen und darauf einige Worte der Begrüßung mit jemandem wechseln. Sie vernahmen einen fremden Tritt und eine unbekannte Stimme. Einen Augenblick später hörten sie die Außentür zuschlagen und einen Schlüssel sich im Schloß drehen. Ihr Opfer saß in der Falle. Tiger Cormac konnte ein höhnisches Lachen nicht unterdrücken, so daß ihm McGinty mit seiner großen Hand an den Mund fuhr.

»Ruhig, du Narr,« flüsterte er. »Du wirst uns noch alle verderben.«

Aus dem Nebenzimmer hörte man das Gemurmel eines Gesprächs, das ihnen endlos schien. Dann öffnete sich die Tür, und McMurdo trat ein, einen Finger an den Lippen.

Er kam bis ans Kopfende des Tisches und ließ seine Blicke über die Tafelrunde schweifen. Eine merkliche Veränderung war mit ihm vorgegangen. Seine Haltung war die eines Mannes, der einem Wendepunkt seines Lebens gegenübersteht. Sein Gesicht schien wie aus Stein gemeißelt zu sein, und seine Augen funkelten hinter den Brillen in leidenschaftlicher Erregung. Der geborene Führer von Menschen war in ihm in Erscheinung getreten. Die anderen betrachteten ihn in atemloser Spannung, sagten aber nichts. Mit einem sonderbaren Ausdruck in den Augen wanderten seine Blicke von Mann zu Mann.

»Nun?« rief Meister McGinty endlich. »Ist Birdy Edwards da?«

»Jawohl,« antwortete McMurdo langsam, jedes Wort abwägend, »Birdy Edwards ist da. Er steht vor euch. Ich selbst bin Birdy Edwards.«

Etwa zehn Sekunden folgten diesen wenigen Worten, während deren man im Zimmer eine Stecknadel hätte fallen hören können. Das Zischen eines Kessels auf dem Ofen drang scharf und schneidend in die Ohren, sieben leichenblasse Gesichter waren mit dem Ausdruck eines lähmenden Schreckens zu dem Mann erhoben, der mit Herrschermiene vor ihnen stand. Dann erfolgte plötzlich das Klirren von Glas, und eine Anzahl Gewehrläufe erschienen in jedem Fenster, wobei die Vorhänge aus ihren Haken gerissen wurden. Bei diesem Anblick erhob McGinty ein Brüllen wie ein verwundeter Löwe und stürzte auf die halbgeöffnete Tür zu. Dort wurde er von einem auf ihn gerichteten Revolver begrüßt, hinter dessen Korn die kalten, blauen Augen Kapitän Marvins von der Kohlen- und Eisenpolizei zu sehen waren. McGinty warf sich zurück und fiel in seinen Stuhl.

»Sie haben recht, Rat McGinty,« sagte der Mann, den sie bisher als McMurdo gekannt hatten. »Sie sein sicherer dort, wo Sie sitzen. – Baldwin, wenn Sie nicht sofort Ihre Hand von Ihrer Waffe wegnehmen, werden Sie noch den Henker um sein Werk betrügen. Heraus damit und weggelegt, oder bei meinem Erzeuger – so ist es recht. Das Haus ist von vierzig bewaffneten Männern umstellt, und ihr könnt euch ausmalen, was für Aussichten zur Flucht ihr habt. Nehmen Sie ihnen die Waffen ab, Marwin.« –

Unter der Drohung der auf sie gerichteten Gewehre erschien jeder Widerstand vergeblich. Die Leute wurden sämtlich entwaffnet. Trotzig, niedergedrückt und noch immer verblüfft, saßen sie schweigend um den Tisch herum.

»Ich möchte noch einige Worte an euch richten, bevor wir uns trennen,« sagte der Mann, in dessen Falle sie gegangen waren. »Wir werden uns wahrscheinlich erst vor Gericht wiedersehen. Ich gebe euch für die Zwischenzeit einiges zum Nachdenken auf. Ihr wißt jetzt, wer ich bin. Endlich ist die Zeit gekommen, wo ich meine Karten offen auf den Tisch legen kann. Ich bin Birdy Edwards von den Pinkertons. Man hat mich dazu auserwählt, eure Bande zu vernichten. Es war eine schwere und gefährliche Aufgabe. Keine Menschenseele, nicht einmal jene, die mir am nächsten steht und mir die teuerste ist, wußte davon, außer Kapitän Marvin und meinen Auftraggebern. Aber ich habe getan, was ich konnte, und Gott sei gedankt, ich bin Sieger geblieben.«

Die sieben blassen, regungslosen Gesichter stierten ihn mit Blicken tödlichen Hasses an. Er las die aus ihren Augen sprühenden Drohungen.

»Ihr glaubt vielleicht, daß die Sache für mich nicht erledigt ist. Nun, wir werden ja sehen. Wenigstens einige von euch werden keine Hand mehr gegen mich erheben können, und außer euch werden heute nacht noch sechzig andere das Innere eines Gefängnisses zieren. Ich will euch gestehen, als man mir den Auftrag gab, glaubte ich nicht an die Existenz eines Bundes wie des euren. Ich habe alles für Zeitungstratsch gehalten, und wollte dafür den Nachweis erbringen. Man sagte mir, daß euer Bund etwas mit den Freimännern zu tun habe; ich ging daher nach Chicago und ließ mich dort aufnehmen. Danach war ich überzeugter als je, daß eure Bande nur in der Einbildung der Zeitungen existiere, denn ich fand die Gesellschaft der Freimänner durchaus harmlos und sogar Gutes tuend. Immerhin hatte ich meinen Auftrag auszuführen und kam daher in eure Stadt. Als ich hier anlangte, mußte ich nur zu bald erfahren, daß ich mich im Irrtum befunden hatte, daß also die Sache keineswegs ein Hintertreppenroman war. Daher blieb ich hier, um vollen Einblick zu gewinnen. Ich habe niemals einen Mann in Chicago getötet und niemals einen Dollar gefälscht. Die Banknoten, die ich euch gab, waren so echt wie irgendwelche anderen, und sie waren wohl verwendet. Ich wußte, wie ich mich bei euch in Gunst setzen konnte, und darum täuschte ich euch vor, daß die Polizei hinter mir her sei. Es kam alles so, wie ich es mir ausgedacht hatte.

Darauf trat ich in eure verdammte Loge ein und nahm an euren Beratungen teil. Vielleicht werdet ihr von mir sagen, daß ich so schlecht sei, wie ihr selbst. Aber das ist mir gleichgültig, da ich meinen Zweck erreicht habe. Überdies, was ist denn Wahres daran? In der Nacht meines Eintritts habt ihr den alten Stanger halbtot geschlagen. Ich konnte ihn nicht warnen – dazu war keine Zeit –, aber ich bin dazwischen getreten, als Baldwin ihn umbringen wollte. Wenn ich euch Vorschläge machte, geschah es, um den Anschein zu wahren, und nur in Dingen, von denen ich wußte, daß ich sie verhindern konnte. Ich habe Dunn und Menzies nicht retten können, denn ich wußte von der Sache nicht genug; aber ich werde alles daransetzen, daß ihre Mörder an den Galgen kommen. Ich habe Chestor Wilcox gewarnt, und als ich sein Haus in die Luft sprengte, waren er und seine Leute bereits in Sicherheit. Viele Verbrechen sind begangen worden, die ich nicht verhüten konnte, aber wenn ihr nachdenkt und euch überlegt, wie oft, wenn eure Anschläge erfolgen sollten, eure Opfer auf einem anderen Weg als dem gewöhnlichen zurückkehrten, abwesend waren oder im Hause blieben, wenn ihr dachtet, daß sie ausgehen würden, so werdet ihr mein Werk erkennen.«

»Sie Teufel von einem Verräter,« zischte McGinty durch seine fest zusammengepreßten Zähne.

»Sie mögen mich wohl so nennen, John McGinty, wenn Sie damit Ihren Schmerz lindern können. Sie und Ihresgleichen waren das Werkzeug des Teufels in dieser Gegend. Es bedurfte eines ganzen Mannes, um sich zwischen Sie und die armen Leute, die Sie in Ihrer Gewalt hielten, zu stellen. Es konnte nur auf eine einzige Weise bewerkstelligt werden, und nach der habe ich gehandelt. Sie nennen mich einen Verräter, aber ich bin überzeugt, daß mich viele Tausende eher einen Erlöser nennen werden, der in die Hölle hinuntergestiegen ist, um sie zu retten. Drei Monate habe ich dazu gebraucht, und ich sage euch, daß ich für alle Schätze der Welt nicht noch einmal drei solche Monate durchmachen möchte. Ich mußte bleiben, bis ich alle und alles in der Hand hatte, jedes eurer Geheimnisse und jeden von euch. Ich hätte vielleicht noch länger gezögert, aber ich mußte befürchten, daß mein Geheimnis herauskommen würde. Ein Brief ist nach der Stadt gelangt, der euch auf meine Spur gebracht hätte. Darum mußte ich handeln, und zwar sofort. Das ist alles, was ich euch zu sagen habe. Nur noch das eine: wenn einmal meine Zeit abgelaufen ist, werde ich leichter sterben, wenn ich an das Werk denke, das ich hier in diesem Tal vollbracht habe. Nun, Marvin, will ich Sie nicht länger aufhalten. Nehmt sie in Empfang und laßt uns die Szene beschließen.«

Es bleibt nur noch wenig zu erzählen. Scanlan hatte einen versiegelten Brief empfangen, mit dem Auftrag, ihn Miß Ettie Shafter zu überbringen, was er mit einem vielsagenden Lächeln zu tun versprach. In den ersten Morgenstunden des folgenden Tages bestiegen ein schönes Mädchen und ein schwervermummter Mann einen Sonderzug, der von der Eisenbahngesellschaft nach Vermissa geschickt worden war, und traten eine rasche, aufenthaltslose Fahrt aus dem Lande der Gefahr an. Es war das letztemal, daß Ettie und ihr Liebster den Fuß in das Tal des Grauens setzten. Zehn Tage später fand in Chicago ihre Hochzeit statt, mit dem alten Jakob Shafter als Trauzeugen.

Die Gerichtsverhandlung über die Rächer wurde in einem weit von der Stätte der Verbrechen gelegenen Ort abgehalten, wo keine Gefahr der Einschüchterung der Hüter des Gesetzes bestand. Sie kämpften bis zum letzten Moment, aber vergebens. Das Geld der Loge – Erpressergeld im wahrsten Sinne des Worts – floß wie Wasser in dem vergeblichen Versuch, sie zu retten. Die klare, leidenschaftslose Zeugenaussage eines, der jede Einzelheit ihrer Lebensführung, ihrer ganzen Organisation und alle ihre Verbrechen kannte, war auch durch die geschickteste Verteidigung nicht zu erschüttern. Endlich, nach so vielen Jahren, ereilte die Rächer ihr Schicksal. Die Wolke, die so lange das Tal verdunkelt hatte, zerteilte sich. McGinty fand sein Ende auf dem Schaffott, winselnd und jammernd, als seine letzte Stunde herannahte. Acht seiner Spießgesellen teilten dieses Schicksal. Über fünfzig erhielten mehr oder minder schwere Gefängnisstrafen. Das Werk Birdy Edwards war vollbracht.

Es sollte aber, wie er immer befürchtet hatte, ein Nachspiel haben. Ted Baldwin war seinem Henker entgangen, ebenso die Willabys und einige andere der verwegensten Geister der Bande. Zehn Jahre blieben sie unschädlich, und dann kam der Tag, da man sie wieder freiließ – ein Tag, von dem Edwards wußte, daß er das Ende seiner Ruhe sein werde. Sie hatten bei allem, das sie für heilig hielten, einen Eid geschworen, an ihm für ihre Kameraden blutige Rache zu nehmen. Diese Rache war ihre Lebensaufgabe geworden. Edwards wurde aus Chicago vertrieben, nach zwei Anschlägen, die dem Erfolg so nahe kamen, daß es als sicher gelten konnte, der nächste werde Erfolg haben. Von da ging er unter angenommenem Namen nach Kalifornien, wo ihm die Freude am Leben eine Zeitlang erlosch, als Ettie Edwards starb. Noch einmal später wurde er fast getötet, als er unter dem Namen Douglas in einer einsamen Schlucht mit einem englischen Partner, namens Barker, arbeitete und ein Vermögen zusammenraffte. Er wurde gewarnt, daß die Bluthunde wieder auf seiner Fährte seien. Es gelang ihm gerade noch im letzten Augenblick, nach England zu fliehen. Und so kam es, daß John Douglas, der in England das zweitemal eine würdige Lebensgefährtin fand, sich dort als Gutsbesitzer niederließ und fünf Jahre in Sussex in Frieden leben konnte – ein Leben, das in die ungewöhnlichen Geschehnisse auslief, von denen wir gehört haben.

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8. Kapitel. Das Ende.

8. Kapitel. Das Ende.

Der Polizeigerichtshof hatte den Fall John Douglas einem höheren Gericht überwiesen. Von diesem wurde Douglas mit der Begründung, daß seine Tat in Selbstverteidigung erfolgt sei, freigesprochen.

»Sehen Sie, daß er sofort aus England fortkommt,« schrieb Holmes seiner Frau. »Es sind hier Kräfte am Werk, die vielleicht noch gefährlicher sind, als jene, denen er entronnen ist. Es gibt für Ihren Mann in England keine Sicherheit.«

Zwei Monate waren vergangen, und die Sache war bereits etwas in unserer Erinnerung verblaßt. Da geschah es, daß eines Tages eine rätselhafte Epistel in unseren Briefkasten eingeschmuggelt wurde.

»Du liebe Zeit, Mr. Holmes! Du liebe Zeit!« lautete die sonderbare Mitteilung. Sie trug weder Überschrift noch Unterschrift. Ich lachte über ihren wunderlichen Inhalt, aber Holmes zeigte einen ungewöhnlichen Ernst.

»Das ist wieder eine Teufelei, Watson,« bemerkte er und versank mit umwölkter Stirn in tiefes Nachdenken.

Am späten Abend desselben Tages brachte uns Frau Hudson, unsere Wirtin, die Botschaft, daß ein Herr Mr. Holmes sofort in einer höchst dringenden Sache zu sprechen wünsche. Dicht auf den Fersen folgte ihr Mr. Cecil Barker, unser Freund aus dem Herrenhause in Birlstone. Sein Gesicht trug den Stempel tiefster Trauer.

»Ich habe schlechte Nachrichten, entsetzliche Nachrichten, Mr. Holmes,« sagte er.

»Ich dachte es mir,« antwortete Holmes.

»Haben Sie etwa ein Kabel erhalten?«

»Nein, aber eine kurze Mitteilung von jemandem, der eins erhalten hat.«

»Der arme Douglas! Man sagt, daß er eigentlich Edwards hieß, aber für mich wird er immer Jack Douglas bleiben. Ich habe Ihnen mitgeteilt, daß er vor etwa drei Wochen mit seiner Frau auf der ›Palmyra‹ nach Südafrika abgedampft ist.«

»Sehr richtig.«

»Der Dampfer ist gestern abend in Kapstadt angekommen. Heute morgen erhielt ich von seiner Frau das folgende Kabel: ›Jack im Sturm bei St. Helena anscheinend über Bord gespült, niemand weiß Näheres über Unfall. Ivy Douglas‹«

»Also das! So wurde es bewerkstelligt!« sagte Holmes nachdenklich. »Ich zweifle nicht, daß die Sache gut inszeniert war.«

»Sie glauben also nicht an einen Unfall?«

»Ganz unbedingt nicht.«

»Er wurde ermordet?«

»Zweifellos.«

»Auch ich glaube es. Diese teuflischen Rächer, diese verdammte, rachsüchtige Verbrecherbande.«

»Nein, nein, mein lieber Herr,« sagte Holmes, »in der Sache erkenne ich eine Meisterhand. Es ist kein Fall mit abgesägten Schrotflinten und plumpen Revolvern. Man erkennt einen alten Meister an seinen Pinselstrichen. Ich kenne einen Moriarty, wenn ich ihn sehe. Das Verbrechen rührt von London her und nicht von Amerika.«

»Aber was wäre der Beweggrund?«

»Der Beweggrund ist, daß es von einem Mann geplant wurde, der keinen Fehlschlag dulden kann; einem Menschen, dessen ganze und einzigartige Stellung davon abhängt, daß alles, was er tut, erfolgreich ist. Ein großer Geist und eine Riesenorganisation haben sich zur Vernichtung eines einzigen Mannes vereinigt. Es ist, als ob man eine Nuß mit einem Hammer aufknacken würde: eine lächerliche Vergeudung von Energie, aber die Nuß ist zerschmettert.«

»Und wie ist denn der Mann in die Sache hineingezogen worden?«

»Ich kann Ihnen nur sagen, daß das erste, was wir darüber hörten, von einem seiner Untergebenen kam. Diese Amerikaner waren gut beraten. Da sie sich auf fremdem Boden befanden, hatten sie sich, wie jeder ausländische Verbrecher es tun würde, mit diesem gefährlichen Ratgeber der Verbrecherwelt in Verbindung gesetzt. Von jenem Moment an war das Schicksal unseres Mannes besiegelt. Zuerst wird ›Er‹ sich vielleicht damit begnügt haben, seinen Apparat in Bewegung zu setzen, um das Opfer aufzuspüren. Dann dürfte er seinen Rat gegeben haben, wie die Sache anzulegen sei. Als er schließlich in den Zeitungen von dem erfolglosen Versuch seines Klienten las, beschloß er offenbar, selbst in dessen Fußstapfen zu treten und die Sache mit seiner Meisterhand zu Ende zu führen. Sie haben gehört, wie ich Douglas in Birlstone darauf vorbereitet habe, daß die kommende Gefahr größer sein werde als die vergangene. Ich habe recht behalten.«

Barker schlug sich mit geballten Fäusten in ohnmächtiger Wut an die Stirn.

»Und wollen Sie damit sagen, daß wir dies ruhig hinnehmen sollen? Daß man mit diesem Teufel nicht Abrechnung halten kann?«

»Das möchte ich nicht behaupten,« sagte Holmes mit einem abwesenden Blick. »Ich möchte nicht behaupten, daß man mit ihm nicht abrechnen kann. Aber ich brauche Zeit dazu, noch viel Zeit.«

Wir saßen einige Minuten in tiefem Schweigen, während seine schicksalsschweren Augen den Schleier der Zukunft zu durchdringen suchten.

Ende.

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2. Kapitel. Sherlock Holmes tritt in Tätigkeit.

2. Kapitel. Sherlock Holmes tritt in Tätigkeit.

Es war einer jener dramatischen Momente, die für meinen Freund die Höhepunkte des Lebens darstellten. Zu sagen, daß er von der Mitteilung des Inspektors erschüttert war oder darüber Erregung verriet, wäre unbedingt eine Übertreibung. Er hatte zwar nicht den geringsten Zug von Grausamkeit in seiner eigenartigen Veranlagung, aber ständige Nervenanspannung hatte ihn gegen Sensationen unempfindlich gemacht. Obgleich also seine Gefühle stumpf waren, besaß sein Geist eine überaus große Regsamkeit. Nicht eine Spur des Entsetzens, das ich bei der Mitteilung McDonalds fühlte, zeigte sich bei ihm. Sein Gesicht trug lediglich einen still interessierten Ausdruck, etwa den des Chemikers im Augenblick der eintretenden Niederschlagsbildung.

»Bemerkenswert,« sagte er, »sehr bemerkenswert.«

»Das scheint Sie nicht überrascht zu haben?«

»Überrascht nicht, Mr. Mac, nur interessiert. Warum sollte ich auch überrascht sein. Ich habe eine anonyme Mitteilung von einer Seite, die ich als unbedingt zuverlässig kenne, dahingehend, daß einer bestimmten Person unmittelbar eine große Gefahr drohe. Innerhalb einer Stunde stellt sich dann heraus, daß sich diese Drohung bereits verwirklicht hat und die betreffende Person tot ist. Ich bin interessiert, aber, wie Sie erkannt haben, keineswegs überrascht.«

In einigen kurzen Sätzen erläuterte er dann dem Inspektor den Vorfall mit dem Brief und der Chiffre. McDonald saß da, das Kinn in die Hände gestützt, noch immer mit dem Ausdruck des Staunens in seinen großen, starren Augen. »Ich bin im Begriffe, nach Birlstone zu fahren,« sagte er, »und bin nur zu Ihnen gekommen, um Sie zu fragen, ob Sie mittun wollen – Sie und Ihr Freund. Nach dem, was Sie sagen, möchte ich indessen fast annehmen, daß wir hier in London Wichtigeres zu tun haben als in Birlstone.«

»Dieser Meinung bin ich nicht,« sagte Holmes.

»Das verstehe ich nicht, Mr. Holmes,« sagte der Inspektor. »Die Zeitungen werden morgen oder übermorgen voll sein von dem ›Geheimnis in Birlstone‹. Die Lösung des Rätsels scheint indessen in London zu liegen, da es hier einen Mann gibt, der von dem Verbrechen schon wußte, bevor es begangen wurde. Wir brauchen nur diesen Mann in die Hände zu bekommen, und das Weitere wird sich finden.«

»Unzweifelhaft, Mr. Mac, aber wie wollen Sie es bewerkstelligen, den angeblichen Porlock in die Hände zu bekommen?«

McDonald nahm den Brief, den ihm Holmes überreichte und betrachtete ihn eingehend.

»Aufgegeben in Camberwell; das will wenig besagen. Der Name ist, wie Sie meinen, fingiert? Das ist nicht viel für den Anfang. Sagten Sie nicht, daß Sie ihm Geld geschickt haben?«

»Jawohl, zweimal.«

»Und wie?«

»In Banknoten, postlagernd Camberwell.«

»Haben Sie sich die Mühe genommen, festzustellen, wer die Briefe abgeholt hat?«

»Nein.«

Der Inspektor blickte überrascht und etwas ärgerlich auf.

»Warum denn nicht?«

»Einfach, weil ich gewohnt bin, mein Wort zu halten. Ich hatte ihm, als er das erstemal schrieb, versprochen, ihm nicht nachzuspüren.«

»Sie glauben, daß irgend jemand hinter ihm steht?«

»Ich glaube es nicht, ich weiß es.«

»Dieser Professor, den Sie schon mehrmals erwähnt haben?«

»So ist es.«

McDonald konnte ein Lächeln nicht unterdrücken, und seine Augen blitzten vielsagend, als er mich anblickte.

»Ich kann Ihnen nicht verschweigen, Mr. Holmes, daß wir in der Kriminalabteilung Ihre Sache mit dem Professor für eine Art fixer Idee halten. Ich bin der Geschichte nachgegangen und habe herausgefunden, daß er ein sehr angesehener und gelehrter Herr ist.«

»Ich freue mich, daß Sie sich wenigstens schon über seine Gelehrsamkeit im klaren sind.«

»Mein lieber Herr, das war nicht schwierig. Nachdem Sie mir Ihre Ansicht über ihn mitgeteilt hatten, hielt ich es für meine Pflicht, ihn mir einmal zu besehen. Ich plauderte mit ihm über die Eklipse. Wie wir auf dieses Thema gekommen sind, weiß ich nicht. Da er mich unwissend fand, holte er eine Projektionslampe und einen Globus hervor und machte mir im Nu die Sache klar. Auch lieh er mir ein Buch, von dem ich allerdings sagen muß, daß es etwas über meinen Horizont geht, obwohl ich doch eine ziemlich gute Schulbildung genossen habe. Der Mann hätte einen prächtigen Pfarrer abgegeben mit seinem hageren Gesicht, seinem grauen, ehrwürdigen Haar und der feierlichen Manier, in der er spricht. Als er beim Abschied die Hand auf meine Schulter legte, kam er mir vor wie ein Vater, der seinen Sohn segnet, der sich in die kalte, grausame Welt hinausbegibt.«

Holmes rieb sich frohlockend die Hände.

»Großartig,« rief er, »großartig. Sagen Sie einmal, mein lieber Freund McDonald, diese niedliche und gemütliche Plauderei hat wohl in der Bibliothek des Professors stattgefunden?«

»Stimmt.«

»Ein schöner Raum, nicht wahr?«

»Prachtvoll – hochelegant, Mr. Holmes.«

»Sie saßen seinem Schreibtisch gegenüber?«

»Jawohl.«

»Das Licht in Ihrem Gesicht und seines im Schatten?«

»Nun ja, das dürfte stimmen. Es war am Abend und ich erinnere mich, daß die Studierlampe mir zugedreht war.«

»Selbstverständlich. Bemerkten Sie auch ein Bild an der Wand hinter dem Professor?«

»Mir entgeht nicht so leicht etwas, Mr. Holmes. Wahrscheinlich habe ich das von Ihnen gelernt. Jawohl, ich sah das Bild – eine junge Frauensperson, das Gesicht in die Hände gestützt, den Blick seitwärts gerichtet.«

»Ein Gemälde von Jean Baptiste Greuze.«

Der Inspektor gab sich alle Mühe, interessiert zu scheinen.

»Jean Baptiste Greuze«, fuhr Holmes fort, die Fingerspitzen der ausgebreiteten Hände aneinandergepreßt und sich dabei weit in seinen Stuhl zurücklehnend, »war ein französischer Maler, der zwischen 1705 und 1800, zu seinen Lebzeiten also in hohem Ansehen stand. Die Nachwelt hat bekanntlich die Geltung, die er schon bei seinen Zeitgenossen hatte, in vollem Maße bestätigt.«

Ein abwesender Blick machte sich in den Augen des Inspektors bemerkbar.

»Wollen wir nicht lieber – –,« sagte er.

»Nein, wir wollen nicht, denn wir sind ohnedies dabei,« unterbrach ihn Holmes. »Was ich Ihnen sage, hat ganz unmittelbar Bezug auf das, was Sie das Geheimnis von Birlstone nennen. Tatsächlich möchte ich sagen, daß es geradezu dessen Ausgangspunkt ist.«

»Ihre Gedanken laufen mir zu schnell, Mr. Holmes. Sie lassen meistens ein Glied oder mehrere sogar aus in der Kette, und ich verliere darüber den Anschluß. Was, um des lieben Himmels willen, hat dieser tote Maler mit der Sache in Birlstone zu tun?«

»Für den Detektiv ist Wissen jeder Art nützlich,« bemerkte Holmes. »Selbst die anscheinend belanglose Tatsache, daß im Jahre 1865 das Bild von Greuze, das unter der Bezeichnung. ›Das junge Mädchen mit dem Lamm‹ bekannt ist, bei der Portalis-Auktion nicht weniger als 4000 Pfund brachte, sollte Ihnen zu denken geben.«

Das tat es anscheinend auch. Der Inspektor war höchlich interessiert.

»Vielleicht vergegenwärtigen Sie sich,« fuhr Holmes fort, »daß das Gehalt des Professors aus verschiedenen Nachschlagewerken unzweifelhaft festgestellt werden kann. Es beträgt genau 700 Pfund pro Jahr.«

»Wie konnte er denn dann –«

»Sehr richtig, wie konnte er?«

»Jawohl, das ist sonderbar,« sagte der Inspektor nachdenklich. »Schießen Sie los, Mr. Holmes. Ich bin auf das höchste gespannt. Sie machen derartige Sachen wunderbar.«

Holmes lächelte. Für ehrliche Bewunderung war er in hohem Maße empfänglich, das Kennzeichen einer wahrhaften Künstlernatur.

»Über was wollen Sie etwas hören? Über Birlstone?« fragte er.

»Das hat noch Zeit,« sagte der Inspektor, indem er einen Blick auf seine Uhr warf. »Ich habe einen Wagen unten, und wir brauchen nur zwanzig Minuten bis zum Viktoriabahnhof. Ich möchte über dieses Bild etwas Näheres wissen. – Ich war der Ansicht, Sie und Professor Moriarty seien sich noch nicht begegnet.«

»So ist es auch.«

»Woher kennen Sie dann seine Wohnung?«

»Ah, lieber McDonald, das ist etwas anderes. Ich war bereits dreimal in seiner Wohnung. Zweimal wartete ich auf ihn unter verschiedenen Vorwänden, und das letztemal – nun, darüber kann ich mit Ihnen als Amtsperson nicht sprechen. Nur das eine kann ich Ihnen sagen, daß ich mir bei dem letzten Besuch gestattete, seine Papiere durchzugehen, mit den überraschendsten Ergebnissen.«

»Sie haben also kompromittierendes Material gefunden?«

»Nicht das geringste, und gerade das war das Überraschende daran. Nun, Sie haben bereits erkannt, daß in der Sache mit dem Bild etwas nicht stimmt. Der Besitz des Bildes läßt ihn als einen wohlhabenden Menschen erscheinen. Woher aber dieser Reichtum? Er ist unverheiratet, sein jüngerer Bruder ist Stationsvorsteher im Westen Englands. Sein Einkommen beträgt 700 Pfund pro Jahr, und trotzdem besitzt er einen Greuze.«

»Nun also?«

»Die Schlußfolgerung ist doch einfach.«

»Nach Ihrer Meinung stammt sein Einkommen aus dunklen Quellen?«

»Sehr richtig. Ich habe natürlich noch andere Gründe für meine Annahme, Dutzende von geheimnisvollen Fäden, die sich in undefinierbarer Weise zu dem Mittelpunkt des Netzes hinspinnen, in dem eine giftgefüllte, regungslose Kreatur lauert. Ich habe den Greuze nur erwähnt, weil er die Angelegenheit in den Bereich Ihrer eigenen Beobachtungen bringt.«

»Ich gebe zu, Mr. Holmes, daß das, was Sie sagen, höchst interessant ist. Mehr als das – es ist geradezu wundervoll. Aber wollen wir uns nicht etwas klarer fassen, wenn dies möglich ist? Denken Sie an Fälschung, Falschmünzerei, Einbruch? Wo kommt das Geld her?«

»Haben Sie je etwas über Jonathan Wild gelesen?«

»Der Name kommt mir bekannt vor, eine Figur in einer Novelle, nicht wahr? Ich halte nicht viel von Detektiven in Novellen. Das sind Leute, die immer Erfolg haben, ohne daß man weiß, wie er zustande kommt. Die Leute arbeiten mit Einbildungskraft anstatt mit nackten Tatsachen.«

»Jonathan Wild war kein Detektiv, auch keine Novellenfigur. Er war ein Meisterverbrecher, der im achtzehnten Jahrhundert, so um 1750 herum, lebte.«

»Dann interessiert er mich nicht. Für mich als Mann der Praxis gibt es nur die Jetztzeit.«

»Nun, Mr. Mac, dann möchte ich Ihnen raten, wenn Sie tatsächlich ein Mann der Praxis sein wollen, sich zunächst einmal auf drei Monate in Ihren vier Wänden einzuschließen und zwölf Stunden täglich die Annalen des Verbrechers nachzulesen. Alles bewegt sich im Kreislauf, selbst der Typ des Professors Moriarty. Jonathan Wild war der geistige Mittelpunkt der Londoner Verbrecherwelt, der er seinen Kopf und seine Organisation gegen eine fünfzehnprozentige Provision zur Verfügung stellte. Das Rad dreht sich ständig weiter, und dieselben Speichen kommen immer wieder empor. Alles ist schon einmal dagewesen und alles wird wieder geschehen. Ich möchte Ihnen ein oder zwei Dinge über Moriarty erzählen, die Sie vielleicht interessieren werden.«

»Davon können Sie überzeugt sein.«

»Ich weiß z. B., wer das erste Glied in seiner Kette ist – einer Kette, an deren einem Ende sich dieser Napoleon der Verbrecher befindet während sie am anderen in eine Unzahl dunkler Existenzen ausmündet, – Rowdies, Taschendiebe, Erpresser, Falschspieler und noch viele andere. Tatsächlich ist jede Form des Verbrechens darin vertreten. Sein Generalstabschef ist Oberst Sebastian Moran, ein Mensch, der über die Verbrecherwelt ebenso hoch erhaben scheint und dem Gesetz gegenüber genau so unangreifbar ist, wie Moriarty selbst. Was glauben Sie, daß er ihm bezahlt?«

»Das möchte ich gerne wissen.«

»Sechstausend Pfund pro Jahr. Ein fürstliches Gehalt. Er hält sich die besten Leute und bezahlt sie entsprechend: das amerikanische Geschäftsprinzip. Ich bin ganz durch Zufall dahinter gekommen. Der Moran erhält ein höheres Gehalt als der Ministerpräsident. Das mag Ihnen einen Begriff davon geben, welche Einkünfte Moriarty bezieht, und in welchem Maßstab er seine Tätigkeit ausübt. Und dann noch etwas. Ich habe es mir kürzlich angelegen sein lassen, einigen von Moriartys Schecks nachzugehen – ganz gewöhnliche, harmlose Schecks, mit denen er seine Haushaltsrechnungen bezahlt. Nach denen zu schließen, die ich fand, unterhält er Konten bei nicht weniger als sechs verschiedenen Banken. Macht das einen Eindruck auf Ihr Gehirn?«

»Höchst merkwürdig, ohne Zweifel. Und was schließen Sie daraus?«

»Er will nicht, daß man über seine Geldmittel spricht. Niemand soll wissen, was er hat. Ich bin ganz sicher, daß er einige zwanzig Bankkonten hat, mit dem Großteil seines Vermögens wahrscheinlich im Ausland, bei der Deutschen Bank oder in Amerika. Wenn Sie einmal etwas Zeit übrig haben, so etwa ein oder zwei Jahre, empfehle ich Ihnen, sich mit Professor Moriarty zu beschäftigen.«

Auf Inspektor McDonald hatten Holmes‘ Ausführungen, je weiter das Gespräch fortschritt, einen immer tieferen Eindruck gemacht. Er ging geradezu darin auf. Aber sein praktisches Tatsachengehirn, eine Eigenart seiner schottischen Heimat, führte ihn bald wieder in die Welt der Wirklichkeit zurück.

»Das muß noch etwas warten,« sagte er. »Wir sind durch Ihre interessanten Erzählungen auf ein Nebengeleise geraten, Mr. Holmes. Was mich betrifft, so interessiert mich zunächst seine angebliche Verbindung mit dem Verbrechen in Birlstone. Diese nehmen Sie an, wegen der Warnung, die Sie von dem Mann Porlock erhalten haben. Ergibt sich daraus etwas für unsere gegenwärtigen praktischen Bedürfnisse?«

»Wir können dadurch vielleicht hinter die Beweggründe des Verbrechens kommen. Aus Ihren ersten Bemerkungen schließe ich, daß der Mord unerklärlich oder bisher wenigstens ungeklärt ist. Wenn wir nun als Ausgangspunkt des Verbrechens den annehmen, von dem ich Ihnen eben sprach, kommen zwei mögliche Motive in Frage. Das erste ist, daß, wie ich Ihnen sagen kann, Moriarty über seine Leute mit einer eisernen Rute regiert. Die Disziplin, die er hält, ist beispiellos. Als Bestrafung kennt er nur eines, nämlich den Tod. Wir können z. B. annehmen, daß der ermordete Mann, dieser Douglas, dessen fürchterliches Schicksal einem Untergeordneten des Erzverbrechers vorher bekannt war, ein Mitglied dieser Organisation war, das in irgendeiner Weise Verrat geübt hat. Die Bestrafung folgte auf dem Fuße und würde natürlich der ganzen Organisation bekanntgemacht werden, um den Leuten Furcht vor einem ähnlichen Schicksal einzuflößen.«

»Nun, das ist die eine Hypothese, Mr. Holmes.«

»Die andere ist, daß die Sache eines seiner dunklen Geschäfte ist und von Moriarty in diesem Sinne geleitet und ausgeführt wurde. Ist irgend etwas geraubt worden?«

»Ich habe nichts davon gehört.«

»Wenn dem so wäre,« fuhr Holmes fort, »würde das natürlich ohne weiteres für die zweite Annahme sprechen. Moriarty wurde vielleicht dazu gewonnen, das Verbrechen auf Teilung des Raubes auszuführen, oder man hat ihm eine bestimmte Summe für die Ausführung des Mordes bezahlt. Beides ist möglich. Aber wie dem auch sei, und selbst wenn es noch eine dritte Möglichkeit gäbe, müssen wir in Birlstone nach der Lösung suchen. Ich kenne unseren Mann zu genau, um nicht überzeugt zu sein, daß er hier keine Spur hinterlassen hat, die auf ihn zurückführen könnte.«

»Also, dann auf nach Birlstone!« rief McDonald von seinem Stuhl auffahrend. »Verdammt! Es ist später geworden, als ich dachte. Ich kann euch beiden Herren höchstens noch fünf Minuten für eure Reisevorbereitungen geben.«

»Für uns ist das reichlich«, sägte Holmes, sprang auf und schlüpfte eiligst aus seinem Schlafrock und in seinen Rock. »Unterwegs, Mr. Mac, werden Sie vielleicht so gut sein und mir alles erzählen, was Sie wissen.«

Dieses alles war, wie sich herausstellte, enttäuschend wenig. Trotzdem ergab sich unzweifelhaft, daß der Fall der sorgfältigsten Bearbeitung eines Meisters wert war. Holmes‘ Gesicht heiterte sich auf, als er, seine dünnen Hände reibend, der mageren, aber ungewöhnlichen Aufzählung der vorliegenden Tatsachen lauschte. Eine lange Reihe stiller Wochen lag hinter uns. Hier endlich fand sich wieder ein Objekt, würdig der erstaunlichen Gaben meines Freundes, die stets nach Handlung drängten und daher ihrem Besitzer unbequem wurden, wenn sich keine Gelegenheit bot, sie auszuüben. Selbst der schärfste Geist stumpft sich durch Untätigkeit ab. Sherlock Holmes‘ Augen funkelten, seine bleichen Wangen übergoß eine wärmere Farbe, sein Gesicht nahm einen durchgeistigten Ausdruck an, wie stets, wenn ihn ein Ruf zur Arbeit erreichte. Den Kopf vorgebeugt, hörte er mit angestrengter Aufmerksamkeit McDonalds kurzer Schilderung der Aufgabe zu, die uns in Birlstone erwartete. Alles, was der Inspektor darüber zur Hand hatte, war, wie er uns erklärte, ein kurzer Bericht, der mit dem frühmorgendlichen Milchzug nach London gesandt worden war. White Mason, das Haupt der Grafschaftspolizei, dem die Untersuchung offiziell unterstand, war einer seiner persönlichen Freunde, weshalb McDonald dessen Benachrichtigung schneller empfing, als sonst geschieht, wenn die Zentrale in Scotland Yard von der Provinzpolizei um Beistand angerufen wird. Der hauptstädtische Detektiv findet meistens schon eine recht kalte Spur vor, wenn er zur Stätte eines Verbrechens gerufen wird.

»Mein lieber Inspektor McDonald«, lautete der Brief, den er uns vorlas. »Die amtliche Anforderung Ihrer Dienste finden Sie unter besonderem Umschlag. Das Folgende ist für Sie privat. Drahten Sie mir, mit welchem Zug Sie morgens in Birlstone eintreffen werden. Ich werde Sie entweder selbst erwarten, oder, wenn meine Zeit dies nicht erlaubt, Sie abholen lassen. Der Fall ist eine Sensation. Zögern Sie nicht einen Moment. Wenn Sie Mr. Holmes mitbringen können, tun Sie es. Er wird die Sache nach seinem Geschmack finden. Man möchte glauben, daß die Geschichte direkt auf einen Bühneneffekt angelegt war, wenn nicht ein Toter in ihrem Mittelpunkt stände. Sie können mir glauben, es ist eine Sensation.«

»Ihr Freund scheint kein Dummkopf zu sein«, bemerkte Holmes.

»Nein, Herr, White Mason hat es in sich, wenn Sie meinem Urteil glauben wollen.«

»Haben Sie sonst noch irgend etwas zu berichten?«

»Nein, er wird uns alles sagen, wenn wir ihn treffen.«

»Es stand aber doch in dem Brief nicht ein Wort von Mr. Douglas und daß er in schrecklicher Weise ermordet wurde. Woher wissen Sie denn das?«

»Das war in dem anliegenden Bericht enthalten. Das Wort ›schrecklich‹ kommt darin allerdings nicht vor; dergleichen kennt die amtliche Ausdrucksweise nicht. Lediglich der Name John Douglas ist angeführt und dazu bemerkt, daß der Tod von einem Kopfschuß herrühre, der aussehe wie von einem Schrotgewehr. Auch ist angeführt, wann das Verbrechen entdeckt wurde, nämlich gestern nahe an Mitternacht. Schließlich steht noch darin, daß es sich zweifellos um Mord handele, daß bisher niemand verhaftet wurde und der Fall einige ungewöhnliche und erstaunliche Eigenarten aufweise. Das ist alles, was uns bisher vorliegt, Mr. Holmes.«

»Wenn Sie gestatten, Mr. Mac, wollen wir es zunächst dabei bewenden lasse». Die Versuchung, sich auf Grund ungenügenden Tatsachenmaterials vorschnelle Ansichten zu bilden, ist eines der größten Übel unseres Berufes. Sicher ist bisher nur das Folgende: das Vorhandensein eines gefährlichen Kopfes in London und eines Toten in Sussex. Alles, was dazwischen liegt, müssen wir noch herausfinden.«

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3. Kapitel. Das Drama von Birlstone.

3. Kapitel. Das Drama von Birlstone.

Nunmehr möchte ich mir erlauben, meine eigene unbedeutende Persönlichkeit im weiteren Verlauf dieser Erzählung auszuschalten und die Ereignisse, die sich vor unserer Ankunft an der Stätte des Mordes abgespielt hatten, so zu schildern, wie sie im Lichte späterer Aufklärung erschienen sind. Dies ist, wie ich glaube, die einzige Art, wie ich den Leser mit den handelnden Personen und der eigenartigen Umgebung, in der sich ihr Schicksal abspielte, vertraut machen kann.

Das Dorf Birlstone liegt am Nordrande der Grafschaft Sussex und besteht aus einer kleinen Gruppe altertümlicher Fachwerkgebäude. Nachdem Jahrhunderte vorübergezogen waren, ohne irgendein Zeichen an dem Dörfchen zu hinterlassen, hatten sich in den letzten Jahren, offenbar von der malerischen Lage angezogen, eine Anzahl wohlhabender Leute, deren Villen aus den umliegenden Wäldern hervorblickten, darin niedergelassen. Diese Wälder sind der äußerste Kranz des großen Weal-Forstes, der sich von dort bis in die nördlichen Kalkdünen erstreckt. Einige kleine Kaufmannsläden traten ins Leben, um den Bedürfnissen der vermehrten Bevölkerung Rechnung zu tragen, und es hat fast den Anschein, als ob sich Birlstone aus einem altehrwürdigen Anscheinend verfügte er über reichliche Geldmittel, die, wie man sagte, aus den kalifornischen Goldfeldern stammten. Aus Gesprächen mit ihm und Andeutungen, die seine Frau fallen ließ, ging klar und deutlich hervor, daß er einen Teil seines Lebens in Amerika verbracht hatte. Der gute Eindruck, den er durch seine Freigebigkeit und seine leutseligen Manieren erweckt hatte, wurde noch erhöht durch den Ruf vollkommenster Furchtlosigkeit. Obgleich ein miserabler Reiter, ließ er es sich nicht entgehen, an jeder Fuchsjagd teilzunehmen, und er hatte bereits eine Anzahl schwerer Stürze erlitten in seinem zähen Bemühen, es den Besten gleichzutun. Als im Pfarrhaus einmal ein Brand ausbrach, zeichnete er sich durch den Mut aus, mit dem er in das brennende Gebäude eindrang, um Einrichtungsgegenstände zu retten, nachdem die Ortsfeuerwehr dies bereits als unmöglich aufgegeben hatte. Auf diese Weise war es gekommen, daß John Douglas, der Besitzer des Herrenhauses, sich in den fünf Jahren seines Aufenthaltes in Birlstone zu einer weithin und bestens bekannten Persönlichkeit gemacht hatte.

Auch seine Frau war bei allen, die sie genauer kannten, sehr beliebt. Sicher gab es allerdings, angesichts der dem Engländer eigenen scheuen Reserve gegenüber Fremden, die sich, ohne über gute Empfehlungen zu verfügen, auf dem Lande niederlassen, nicht sonderlich viele. Daran schien ihr indessen nicht im mindesten zu liegen, denn ihr Wesen neigte nicht zur Geselligkeit, und sie ging ganz in ihren ehelichen und hausfraulichen Pflichten auf. Man wußte von ihr nur, daß sie Engländerin war und Douglas, der damals Witwer war, in London kennengelernt hatte. Sie war eine Schönheit, hoch und schlank gewachsen, dunkel, etwa zwanzig Jahre jünger als ihr Mann, ein Altersunterschied, der in keiner Nacht des 6. Januar abspielten, in keinerlei Beziehung getreten.

Es war um ¾12 Uhr nachts, als die Nachricht von dem Verbrechen im Polizeibüro des Dorfes, das unter der Leitung des Sergeanten Wilson von der Sussex-Polizei stand, einlief. Mr. Cecil Barker war es, der in höchster Aufregung auf die Tür des Polizeibüros zugestürzt kam und heftig klingelnd Einlaß begehrte. Ein schreckliches Drama habe sich im Herrenhaus abgespielt, Mr. John Douglas sei ermordet worden. Das war der Inhalt der atemlos hervorgestoßenen Nachricht. Er eilte wieder zum Hause zurück, wohin ihm einige Minuten später der Sergeant folgte, nachdem er schnell seine vorgesetzte Behörde in Kenntnis gesetzt hatte, daß etwas Ernstliches vorgefallen sei. Sergeant Wilson traf einige Minuten nach 12 Uhr auf der Stätte des Mordes ein.

Als er das Herrenhaus erreichte, fand er die Zugbrücke heruntergelassen, die Fenster erleuchtet und den ganzen Haushalt in einem Zustand wildester Aufregung und größten Schreckens. Die Dienerschaft bildete mit bleichen Gesichtern eine Gruppe in der Halle; Ames stand händeringend im Torweg. Nur Cecil Barker schien Herr seiner Gefühle und Handlungen zu sein. Er öffnete die dem Eingang zunächst liegende Tür und winkte dem Sergeanten, ihm zu folgen. In diesem Augenblick traf auch Dr. Wood, der energische und tüchtige Arzt des Dorfes ein. Die drei Männer betraten das Schreckensgemach zu gleicher Zeit. Ames, der noch an allen Gliedern bebte, folgte ihnen und schloß die Tür, um dem draußenstehenden weiblichen Dienstpersonal den schauerlichen Anblick, der sich bot, zu entziehen.

Der Tote lag auf dem Rücken, ungefähr in der Mitte des Zimmers, alle Glieder von sich gestreckt. Er war nur mit einem Nachtanzug und einem rosafarbigen Schlafrock bekleidet. Seine bloßen Füße steckten in Pantoffeln. Der Arzt kniete neben ihm nieder und beleuchtete ihn mit der Handlampe, die auf dem Tisch stand. Ein Blick auf das Opfer genügte dem Mann der ärztlichen Wissenschaft, um zu erkennen, daß hier jede weitere Mühe vergeblich war. Der Tote war entsetzlich entstellt. Quer über seiner Brust lag eine sonderbare Waffe, ein Schrotgewehr, dessen Läufe etwa 30 cm, von den Drückern an gemessen, abgesägt waren. Es lag auf der Hand, daß das Gewehr aus nächster Nähe abgefeuert worden war, denn der Tote hatte die ganze Ladung ins Gesicht bekommen, wobei sein Kopf förmlich zertrümmert worden war. Die zwei Drücker waren mit Draht verbunden, um beide Läufe gleichzeitig abfeuern zu können und dadurch die entsetzliche Wirkung noch zu erhöhen. Der Dorfpolizist war völlig entnervt von dem Anblick und in größter Sorge über die Verantwortung, die unvermutet auf seine Schultern gefallen war.

»Wir wollen nichts anrühren, bis meine Vorgesetzten hier sind«, sagte er mit halblauter Stimme, den entsetzlich verstümmelten Kopf des Toten schaudernd anstarrend.

»Nichts ist berührt worden,« sagte Cecil Barker, »dafür stehe ich ein. Sie sehen alles so, wie ich es vorgefunden habe.«

»Wann war das?« Der Sergeant hatte sein Notizbuch hervorgezogen und hielt den Bleistift in Bereitschaft.

»Genau um ½12. Ich war noch vollständig angekleidet und saß am Kaminfeuer in meinem Schlafzimmer, als der Schuß ertönte. Er klang nicht sonderlich laut, eher gedämpft. Darauf stürzte ich hinunter. Ich glaube nicht, daß mehr als dreißig Sekunden verflossen waren, bis ich hier ankam.«

»War die Tür offen?«

»Jawohl, sie war offen. Der arme Douglas lag genau so da, wie Sie ihn jetzt sehen. Seine Schlafzimmerkerze stand brennend auf dem Tisch. Ich war es, der sie auslöschte und die Lampe anzündete.«

»Haben Sie irgend jemanden gesehen?«

»Nein, ich hörte Mrs. Douglas hinter mir die Treppe herabkommen und eilte ihr entgegen, um sie daran zu hindern, sich dem entsetzlichen Anblick auszusetzen. Dann kam Frau Allen, die Haushälterin, und führte sie hinweg. Auch Ames war unterdessen angelangt, und ich ging mit ihm wieder in das Zimmer zurück.«

»Die Zugbrücke wird doch, wie ich höre, jeden Abend aufgezogen?«

»Jawohl, sie war auch aufgezogen. Ich habe sie wieder heruntergelassen.«

»Wie war es dann aber möglich, daß der Mörder entkommen konnte? Es steht ganz außer Frage: Mr. Douglas muß sich selbst erschossen haben.«

»Das war auch unser erster Gedanke, aber hier, sehen Sie einmal!« Barker zog den Vorhang beiseite und enthüllte das lange, mit rhombischen Scheiben versehene Fenster, das in voller Breite offen stand. »Und hier, sehen Sie dies an.« Er nahm die Lampe und beleuchtete, das Fensterbrett auf dem sich Spuren einer Fußsohle mit Blut vermischt abhoben. »Jemand hat hier gestanden, um hinauszugelangen.«

»Sie meinen also, daß der Betreffende den Festungsgraben durchwatet hat?«

»Sehr richtig.«

»Wenn Sie also innerhalb einer halben Minute nach dem Schuß im Zimmer waren, muß sich der Mann gerade zu der Zeit im Wasser befunden haben.«

»Ich zweifle nicht daran. Wollte Gott, daß ich zum Fenster gesprungen wäre. Aber es war hinter dem Vorhang verborgen, so wie Sie es sahen und ist mir daher nicht in den Sinn gekommen. Dann hörte ich den Schritt von Mrs. Douglas, und es mußte natürlich meine Aufgabe sein, zu verhindern, daß sie in das Zimmer kam. Es wäre zu schrecklich gewesen.«

»Schrecklich ist nicht zuviel gesagt«, bemerkte der Doktor, der den zerschmetterten Kopf und den grauenerregenden Zustand der unmittelbaren Umgebung betrachtete. »Ich habe seit dem großen Eisenbahnunglück in Birlstone keine so fürchterlichen Verletzungen gesehen.«

»Sagen Sie mir bitte,« bemerkte der Polizeibeamte, dessen ländliches, langsam denkendes Gehirn sich noch immer mit dem offenen Fenster beschäftigte, »es ist alles recht gut und schön, was Sie da sagen von dem Mann, der den Festungsgraben durchwatet hat und dadurch entkommen ist, aber, und das möchte ich Sie hiermit fragen, wie kann er überhaupt ins Haus gekommen sein, wenn die Brücke aufgezogen war?«

»Das möchte ich auch wissen«, sagte Barker.

»Um wieviel Uhr wurde sie aufgezogen?«

»Es ging gerade auf sechs«, bemerkte Ames.

»Ich habe gehört,« sagte der Sergeant, »daß dies gewöhnlich um Sonnenuntergang herum geschieht. Das wäre um diese Jahreszeit eher etwa um halb fünf als sechs.«

»Frau Douglas hatte Besuch zum Tee«, antwortete Ames. »Ich konnte die Brücke nicht gut aufziehen, bevor die Besucher gegangen waren.«

»Die Sache ist also die,« meinte der Sergeant, »wenn irgend jemand von außen hereingekommen ist, – wenn, sage ich, – so muß dies schon vor sechs geschehen sein, und der Betreffende muß sich dann versteckt gehalten haben, bis Mr. Douglas nach elf das Zimmer betrat.«

»So ist es. Mr. Douglas machte jede Nacht vor dem Schlafengehen eine Runde durch das Haus, um zu sehen, ob alle Lichter ausgemacht seien. Zu diesem Zweck ist er auch hierher gekommen. Der Mann hat hier gewartet und ihn niedergeschossen, dann machte er sich durch das Fenster davon, ließ aber sein Gewehr zurück. Das ist meine Ansicht von der Sache, – die einzige, die mir auf Grund der vorliegenden Tatsachen möglich erscheint.«

Der Sergeant hob eine Karte auf, die neben dem Toten auf dem Fußboden lag. Darauf befanden sich nur zwei Buchstaben V V mit der Zahl 341 darunter, grob mit Tinte geschrieben.

»Was ist das?«, fragte er, indem er die Karte hochhielt.

Barker betrachtete sie neugierig.

»Die Karte ist mir noch gar nicht aufgefallen«, sagte er. »Die muß der Mörder hinterlassen haben.«

»V V 341, was kann das wohl bedeuten?«

Der Sergeant drehte sie mit seinen dicken Fingern von einer zur anderen Seite.

»Was ist V V? Jemandes Anfangsbuchstaben wahrscheinlich. Und was haben Sie da, Dr. Wood?«

Es war ein ziemlich großer Hammer, der auf dem Teppich vor dem Kaminfeuer gelegen hatte, ein kräftiges, solides Handwerkszeug. – Cecil Barker wies auf eine Schachtel mit Messingnägeln, die auf dem Kaminsims stand.

»Mr. Douglas hat gestern einige Bilder umgehängt«, sagte er. »Ich sah ihn auf jenem Stuhl stehen und das darüberhängende Bild befestigen. Daher wohl der Hammer.«

»Wir wollen ihn lieber auf den Teppich zurücklegen, wo wir ihn gefunden haben«, bemerkte der Sergeant und kratzte sich verlegen den Kopf. »Wenn wir der Sache auf den Grund kommen wollen, brauchen wir die klügsten Köpfe, die wir in der Polizei haben. Das wird ein Fall für die Londoner Herren werden, denke ich mir.« Er nahm die Handlampe auf und wandelte damit langsam durch das Zimmer. »Hallo!« rief er aufgeregt, indem er den Vorhang zur Seite zog. »Um wieviel Uhr wurden diese Vorhänge zugezogen?«

»Als wir die Lampen anzündeten«, antwortete Ames. »Das wird ungefähr um vier Uhr gewesen sein.«

»Hier hat sich jemand versteckt gehalten, das ist sicher.« Er hielt das Licht zu Boden, wodurch die Spuren schmutziger Stiefel sichtbar wurden. »Das stimmt mit Ihrer Theorie überein, Mr. Barker. Es sieht so aus, als ob der Mann nach vier Uhr, als die Vorhänge bereits zugezogen waren, und vor sechs Uhr, bevor die Zugbrücke aufgezogen wurde, ins Haus gelangte. Er schlüpfte in dieses Zimmer, weil es das erste war, das er sah. Da kein anderer Platz da war, wo er sich verstecken konnte, hat er sich hier hinter diesen Vorhang gedrückt. Das ist alles ganz klar. Wahrscheinlich war es ihm darum zu tun, zu stehlen, aber Mr. Douglas hat ihn zufällig gesehen, worauf der Mann ihn niederschoß und dadurch entwischen konnte.«

»So stelle auch ich mir die Sache vor«, sagte Barker. »Aber meinen Sie nicht, daß wir kostbare Zeit verlieren. Sollten wir nicht hinaus und die Gegend absuchen, bevor der Mann entweichen kann?«

Der Sergeant dachte eine zeitlang nach.

»Vor sechs Uhr morgens geht kein Zug mehr. Auf diese Weise kann er also nicht entfliehen. Wenn er in seinen nassen Kleidern über die Landstraße marschiert, wird er sicherlich jemandem auffallen, überhaupt kann ich mich von hier nicht wegrühren, bevor ich nicht abgelöst werde. Trotzdem bin ich der Meinung, daß ein paar Leute die Spur aufnehmen sollten, bis wir soweit sind, klarer zu sehen.«

Der Doktor hatte die Lampe ergriffen und untersuchte den Körper des Toten.

»Was ist das für ein Zeichen?« fragte er. »Könnte das eine Beziehung zu dem Verbrechen haben?«

Der rechte Arm des Toten stak, bis zum Ellbogen entblößt, aus dem Schlafrock heraus. Ungefähr in der Mitte des Unterarms befand sich ein sonderbares braunes Mal, ein Dreieck innerhalb eines Kreises, das sich von der milchweißen Haut in scharfem Kontrast abhob.

»Es ist keine Tätowierung«, sagte der Doktor, indem er es durch seine Gläser betrachtete. »Ich sah niemals etwas Dergleichen. Der Mann ist einmal mit einem Brand gezeichnet worden, so wie man Vieh brandet. Was halten Sie davon?«

»Ich habe keine Idee, was es bedeutet, aber ich habe das Brandzeichen an Douglas während der letzten zehn Jahre häufig bemerkt.«

»Auch ich«, sagte Ames, der Diener. »Oftmals, wenn sich der gnädige Herr die Hemdärmel aufgekrempelt hat, habe ich das Zeichen beobachtet und war begierig zu wissen, was es bedeuten könne.«

»Dann hat es also mit dem Verbrechen nichts zu tun«, sagte der Polizeibeamte. »Aber merkwürdig ist es trotzdem. Alles in dieser Geschichte ist merkwürdig. Nun was gibt’s schon wieder?«

Der Diener hatte einen Ausruf der Verwunderung ausgestoßen, indem er auf die ausgestreckte Hand des Toten wies. »Sie haben seinen Ehering genommen«, stieß er hervor.

»Was!«

»Jawohl, tatsächlich. Der gnädige Herr hat immer einen einfachen goldenen Trauring auf dem kleinen Finger der linken Hand getragen. Dieser Ring da, mit dem Goldklümpchen darauf, stak darüber und jener mit der gewundenen Schlange am dritten Finger. Der mit dem Goldklümpchen ist da und auch der Schlangenring, aber der Ehering fehlt.«

»Stimmt«, sagte Barker.

»Wollen Sie damit sagen,« fragte der Sergeant, »daß der Ehering hinter dem anderen saß?«

»Immer!«

»Dann muß also der Mörder, wer immer er war, zuerst den einen Ring abgezogen haben, den Sie den Goldklümpchen-Ring nennen und hinterher den Ehering, und dann den ersteren wieder aufgesteckt haben.«

»So ist es.«

Der ehrenwerte Dorfpolizist schüttelte den Kopf.

»Es scheint mir, je schneller wir London an die Sache bekommen, desto besser. White Mason ist sicherlich ein kluger Mann, kein Provinzfall war ihm jemals zu viel. Es wird nicht mehr lange dauern, bis er hier ist und uns helfen kann. Aber ich glaube, wir werden auch die Londoner Herren brauchen. Jedenfalls schäme ich mich nicht, zu sagen, daß so etwas für unser einen zu hoch ist.«

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4. Kapitel. In der Dunkelheit.

4. Kapitel. In der Dunkelheit.

Um drei Uhr morgens traf der oberste Beamte der Grafschafts-Polizei auf den dringenden Anruf des Sergeanten Wilson, in einem leichten Dogcart, das von einem dampfenden Traber gezogen wurde, auf der Stätte des Mordes ein. Mit dem Zug um 5.40 Uhr morgens schickte er seine Nachricht an Scotland Yard in London und war um zwölf Uhr am Bahnhof in Birlstone, um uns zu erwarten.

Mr. White Mason war ein ruhiger, gemütlich aussehender Mensch, in losem Tweedanzug, mit glattrasiertem, sonnengebräunten Gesicht, etwas beleibt. Seine mächtigen O-Beine steckten in Gamaschen, die ihm das Aussehen eines kleinen Grundbesitzers oder eines pensionierten Forstbeamten, jedenfalls aber nicht das der weniger beliebten Gattung des Provinzdetektivs verliehen.

»Eine richtiggehende Sensation, sage ich Ihnen, Mr. McDonald«, wiederholte er in einem fort. »Es wird hier von Reportern wimmeln, wenn die Sache ruchbar wird. Ich will nur wünschen, daß wir mit unserer Arbeit zu Ende sind, bevor die Zeitungsmenschen ihre Nasen hineinstecken und uns alle Spuren ruinieren. Etwas Ähnliches habe ich noch nicht erlebt. Verschiedene Punkte sind auch für Sie da, Mr. Holmes, wenn ich mich nicht täusche, und auch für Sie, Mr. Watson, denn die Herren Ärzte werden noch ein gewichtiges Wort mitzusprechen haben, bevor wir durch sind. Ich habe für Sie ein Zimmer im Dorfgasthaus bestellt, dem einzigen, das es gibt. Kommen Sie, meine Herren, wenn ich bitten darf.«

Er war ein sehr geschäftiger und gesprächiger Mann, dieser Provinzdetektiv. In zehn Minuten befanden wir uns alle in unserem Quartier. In weiteren zehn saßen wir im Salon des Gasthofes und empfingen eine kurze Schilderung der Ereignisse, die im vorangegangenen Kapitel beschrieben sind. McDonald machte sich gelegentlich eine Notiz, während Holmes mit dem Ausdruck überraschter und andächtiger Bewunderung dasaß, etwa wie der Botaniker, der eine seltene und kostbare Blume betrachtet.

»Bemerkenswert«, sagte er, als die Schilderung zu Ende war. »Höchst bemerkenswert. Ich kann mich kaum an einen Fall erinnern, der solche Eigenarten aufwies.«

»Ich dachte mir, daß Sie das sagen würden, Mr. Holmes«, meinte White Mason höchst erfreut. »Wir hier in Sussex sind auf der Höhe der Zeit. Ich habe Ihnen nun erzählt, wie ich die Sache vorgefunden habe, als ich sie von Sergeant Wilson zwischen drei und vier des Morgens übernahm. Donnerwetter, habe ich meine alte Mähre in Schwung gebracht. Aber diese Eile war höchst überflüssig, wie sich hinterher herausstellte, denn es gab für mich tatsächlich nichts weiter zu tun. Sergeant Wilson hatte bereits den ganzen Tatbestand aufgenommen. Ich bin ihm durchgegangen, habe mir alles überdacht und habe vielleicht noch ein paar Kleinigkeiten zugefügt.«

»Welche?«

»Also, in erster Linie ließ ich den Hammer untersuchen. Dr. Wood half mir dabei. Wir fanden nicht das geringste Merkmal eines Schlages gegen einen menschlichen Körper daran. Ich hatte gehofft, daß, wenn sich Mr. Douglas mit dem Hammer verteidigt hatte, Spuren an dem Werkzeug zurückgeblieben sein würden. Aber wir konnten keinen Blutfleck daran entdecken.«

»Das beweist natürlich nicht das geringste«, bemerkte Inspektor McDonald. »Viele Leute sind schon mit einem Hammer ermordet worden, ohne daß diesem etwas anzusehen war.«

»Sehr richtig, es beweist nicht, daß der Hammer nicht gebraucht worden ist, aber es hätte sein können, daß Spuren zu sehen waren, das wäre für uns ein wertvoller Anhaltspunkt gewesen. Wie dem auch sei, die Untersuchung hat zu nichts geführt. Dann untersuchte ich die Flinte. Sie war mit Rehpfosten geladen gewesen und, worauf schon Sergeant Wilson hingewiesen hatte, die Drücker waren in der Weise miteinander verbunden, daß beide Läufe gleichzeitig losgingen, wenn man den hinteren abzog. Wer das bewerkstelligt hat, war fest entschlossen, seinem Opfer keine Chance eines Davonkommens zu geben. Die abgesägte Flinte war nur etwa 60 Zentimeter lang. Man kann sie bequem unter dem Rock tragen. Der Name des Fabrikanten war unvollständig, man konnte nur die Silbe ›Pen‹ auf der Rille zwischen den beiden Läufen lesen; das übrige war offenbar auf dem abgesägten Teil.«

»Ein großes ›P‹ mit einem Schnörkel darüber und dann e und n etwas kleiner?« fragte Holmes.

»Sehr richtig.«

»Pennsylvania Small Arms Co., eine wohlbekannte amerikanische Firma«, erklärte mein Freund.

White Mason blickte ihn mit ebensolcher Ehrfurcht an, wie etwa der Dorfarzt einen Universitätsprofessor, der durch ein Wort Schwierigkeiten löst, die für jenen eine unübersteigbare Mauer bilden.

»Ausgezeichnet, Mr. Holmes! Sie haben Recht, ohne Zweifel. Wundervoll, wundervoll! Sagen Sie, haben Sie die Namen aller Waffenfabriken der ganzen Welt im Kopf?«

Holmes machte eine abwehrende Bewegung.

»Zweifellos ist es eine amerikanische Flinte«, fuhr White Mason fort. »Ich glaube irgendwo gelesen zu haben, daß abgeschnittene Schrotflinten in Amerika sehr gebräuchlich sind. Ich dachte schon daran, unabhängig von dem Namen auf dem Lauf. Wir können dies als einen Beweis auffassen, daß der Mann, der sich in das Haus geschlichen und den Hausherrn getötet hat, ein Amerikaner ist.«

McDonald schüttelte den Kopf.

»Mensch, halten Sie Ihre Gedanken im Zaum«, sagte er. »Wir haben noch gar keinen Beweis, daß sich überhaupt jemand ins Haus geschlichen hat.«

»So! Und das offene Fenster, das Blut am Fensterbrett, die sonderbare Karte, die Fußspuren in der Ecke, die Flinte, ist das gar nichts?«

»Es ist nichts, was nicht auch absichtlich hätte inszeniert werden können. Mr. Douglas war Amerikaner oder hat lange in Amerika gelebt, desgleichen Mr. Barker. Sie brauchen nicht erst einen Amerikaner von außen zu importieren, um eine Erklärung für amerikanische Vorkommnisse im Hause zu haben.«

»Ames, der Diener, –«

»Was ist’s mit ihm? Ist er zuverlässig?«

»Er war zehn Jahre bei Sir Charles Chandos. Er ist unbedingt einwandfrei. Hier bei Douglas war er während der ganzen fünf Jahre, die dieser das Haus bewohnt hat. Er sagte mir, daß er niemals eine Flinte dieser Art im Hause bemerkt hat.«

»Die Flinte ist leicht zu verstecken und offenbar auch dazu bestimmt; darum die abgesägten Läufe. Sie geht in jede größere Schachtel. Wie kann er mit Bestimmtheit sagen, daß keine solche Flinte im Hause war.«

»Jedenfalls hat er keine gesehen.«

McDonald schüttelte seinen störrischen Kopf.

»Ich bin gar nicht überzeugt, daß jemand von außen ins Haus gekommen ist«, sagte er. »Überlegen Sie sich einmal, was es bedeuten würde, wenn tatsächlich jemand die Flinte ins Haus gebracht hätte und alle diese sonderbaren Dinge von einer Außenperson verübt worden wären. Mensch, es ist geradezu undenkbar. Es widerspricht jeder gesunden Logik. Was ist Ihre Meinung, Mr. Holmes, nach dem, was wir bisher gehört haben?«

»Zunächst legen Sie uns einmal den Fall dar, Mr. Mac«, sagte Holmes im Tone des Untersuchungsrichters.

»Der Mann war kein Einbrecher, wenn wir schon annehmen, daß ein solcher Mann überhaupt existiert hat. Die Sache mit dem Ring und die Karte deuten auf persönliche Motive hin. Nun gut. Denken wir uns einen Mann, der sich in das Haus schleicht mit dem bestimmten Vorsatz, jemanden umzubringen. Er weiß und mußte wissen, daß für ihn ein Entrinnen äußerst schwierig ist, weil das Haus ringsum von Wasser umgeben ist. Was für eine Waffe würde er verwenden? Ich würde sagen, die geräuschloseste, die es gibt, denn er mußte doch trachten, nach vollbrachter Tat Zeit zu gewinnen, um aus dem Fenster zu steigen, den Wassergraben zu durchwaten und sich auf der anderen Seite davonmachen zu können. Das wäre verständlich. Aber es ist nicht verständlich, daß er etwas so Ausgefallenes tun würde, eine Waffe zu wählen, die nach menschlichem Ermessen jeden Hausbewohner in kürzester Zeit zur Stelle bringen würde, bevor er den Wassergraben durchqueren konnte. Halten Sie das für logisch, Mr. Holmes?«

»Ich muß sagen,« antwortete mein Freund nachdenklich, »Sie haben starke Gründe für sich. Sicherlich wäre die Erklärung einer solchen Handlungsweise nicht ganz einfach. Darf ich Sie fragen, Mr. White Mason, ob Sie den Boden auf der anderen Seite des Wassergrabens untersucht haben und Spuren eines Menschen, der aus dem Wasser gestiegen war, entdeckten?«

»Nicht das geringste von Spuren, Mr. Holmes. Die Böschung ist gepflastert, und wir konnten natürlich nichts anderes erwarten.«

»Keinerlei Anzeichen irgendwelcher Art?«

»Keine.«

»Haben Sie etwas dagegen, Mr. White Mason, wenn wir jetzt zum Haus hinuntergehen? Vielleicht finden wir noch irgend etwas, das uns einen Anhaltspunkt bieten könnte.«

»Das wollte ich soeben vorschlagen, Mr. Holmes. Ich habe es nur für ratsam gehalten, Ihnen zuerst alles mitzuteilen, was ich weiß. Ich denke mir, daß, wenn Sie irgend etwas finden, –« White Mason betrachtete den Amateurdetektiv zweifelnd.

»Ich habe mit Mr. Holmes schon öfter gearbeitet,« sagte Inspektor McDonald, »man kann sich auf ihn verlassen.«

»Wenigstens soweit, als ich dies für notwendig erachte«, bemerkte Holmes lächelnd. »Wenn ich mich je von der Seite der Polizei getrennt habe, so geschah dies, weil sie sich von mir trennte. Ich arbeite, um der Polizei und der Rechtspflege zu nützen. Es liegt mir nicht das geringste daran, einen Triumph auf deren Kosten einzuheimsen. Dagegen beanspruche ich für mich, Mr. White Mason, auf meine eigene Weise vorgehen und was ich finde, zu der Zeit preisgeben zu dürfen, die ich für die geeignete halte, – vollständig und nicht ratenweise.«

»Ihre Mitwirkung ehrt uns sehr, das kann ich Ihnen versichern, Mr. Holmes, und wir werden Ihnen gern alles zur Verfügung stellen, was wir wissen«, erklärte White Mason herzlich. »Kommen Sie, Dr. Watson, wir hoffen alle noch in Ihr Buch zu kommen.«

Wir schritten die wunderliche, auf beiden Seiten von gestutzten Ulmen eingefaßte Dorfstraße entlang. Jenseits sahen wir zwei altertümliche Steinpfeiler, verwittert und mit Flechten besät, die oben ein unbestimmtes Etwas, das einmal der Wappenlöwe der Capus von Birlstone gewesen sein mochte, trugen. Dann folgte ein kurzer gewundener Weg zwischen Wiesen, flankiert von Eichen, wie man sie nur im ländlichen England findet. Nach einer unvermittelten Wendung lag das langgestreckte, niedrige Haus aus der jakobinischen Periode mit seinem dunkelbraunen Ziegelmauerwerk, umgeben von seinem altmodischen Garten mit zahlreichen beschnittenen Eibenbäumen vor uns. Als wir uns näherten, gewahrten wir die hölzerne Zugbrücke und den schönen breiten Festungsgraben, in dem das stille Wasser wie Quecksilber in dem kalten Wintersonnenschein glitzerte. Drei Jahrhunderte waren an dem alten Herrenhaus vorbeigezogen, Jahrhunderte, die viele Menschen darin geboren werden, ausziehen und wiederkehren sahen, Jahrhunderte, erfüllt von Lustbarkeiten und ländlich-sportlichem Zeitvertreib. Es war ein eigenartiges Verhängnis, daß jetzt, in seinen alten Tagen, der Schatten dieses düsteren Ereignisses auf seine ehrwürdigen Mauern fallen mußte. Und doch bildeten diese sonderbar gegiebelten Dächer, mit ihren altmodischen, wunderlichen Vorsprüngen, die stimmungsvolle Bedachung eines ernsten, schrecklichen Geschehnisses. Als ich die tief eingelassenen Fenster und die lang hingestreckte, dunkle, vom Wasser bespülte Fassade sah, kam mir zum Bewußtsein, daß kaum ein passenderes Milieu für ein solches Drama denkbar war.

»Das ist das Fenster,« sagte White Mason, »jenes, unmittelbar zur Rechten der Zugbrücke. Wir haben es offen gelassen, genau wie wir es gestern abend fanden.«

»Es sieht etwas schmal aus für einen erwachsenen Mann.«

»Nun, er kann eben nicht besonders beleibt gewesen sein. Wir brauchen nicht Ihre Schlußfolgerungen, Mr. Holmes, um das zu wissen. Aber jeder von uns beiden könnte sich leicht durchzwängen.«

Holmes schritt bis an den Rand des Festungsgrabens und blickte nach der anderen Seite hinüber. Dann untersuchte er die steinerne Böschung und deren Graseinfassung.

»Ich habe mich schon genau umgesehen, Mr. Holmes,« sagte White Mason, »es ist nichts da; nicht das geringste deutet darauf hin, daß einer da herausgestiegen ist. Aber wie könnte er auf den Steinen eine Spur hinterlassen?«

»Sehr richtig, wie könnte er. Ist das Wasser immer trübe?«

»Gewöhnlich hat es diese Färbung. Der Zufluß macht es so lehmig.«

»Wie tief ist es?«

»Ungefähr zwei Fuß am Rand und drei in der Mitte.«

»Wir können demnach dem Gedanken, daß der Mann vielleicht darin ertrunken ist, außer acht lassen.«

»Sicherlich, nicht einmal ein Kind könnte darin ertrinken.«

Wir gingen dann über die Zugbrücke und wurden an der Eingangstür von einem wunderlichen, verschrumpften Männchen, dem Diener Ames, in Empfang genommen. Er war noch immer blaß und zitterte am ganzen Leibe in Erinnerung an den ausgestandenen Schrecken. Der Polizeibeamte des Dorfes, ein großer, ernst und gewissenhaft aussehender Mensch, hielt noch Wache in dem Totengemach. Der Arzt war schon fortgegangen.

»Etwas Neues, Sergeant Wilson?« fragte White Mason.

»Nein, Herr.«

»Dann können Sie nach Hause gehen, Sie haben schon genug getan. Wenn wir Sie brauchen, werden wir nach Ihnen schicken. Der Diener soll lieber draußen warten. Sagen Sie ihm, er soll Mr. Cecil Barker, Frau Douglas und die Haushälterin verständigen, sich bereitzuhalten, weil wir einiges mit ihnen zu besprechen haben. Nun, meine Herren, möchte ich mir gestatten, Ihnen die Ansicht, die ich mir gebildet habe, auseinanderzusetzen. Dann wird es an Ihnen sein, sich Ihre Meinungen zu bilden.«

Er gefiel mir, dieser provinzielle Spezialist. Er hatte ein klares Auge für Tatsachen und einen kühlen, praktischen Kopf, der ihn in seinem Berufe ein gutes Stück vorwärts bringen mußte. Holmes hörte ihm aufmerksam zu, ohne ein Zeichen jener Ungeduld, die beamtete Detektive so oft in ihm erregten.

»Ist es Selbstmord oder Mord – das ist unsere erste Frage, meine Herren. Wenn es Selbstmord wäre, müßten wir als erwiesen ansehen, daß der Mann damit begonnen hat, seinen Ehering abzulegen und ihn zu verbergen; daß er, der in einem Schlafrock herunterkam, mit schmutzigen Stiefeln in jener Ecke hinter dem Vorhang herumtrampelte, um vorzutäuschen, daß hier jemand auf ihn gelauert hat; daß er das Fenster öffnete, Blutspuren auf dem –«

»Diesen Gedanken wollen wir als erledigt betrachten«, sagte Holmes.

»Das ist auch meine Meinung. Selbstmord steht außer Frage. Dann war es also Mord. In diesem Falle müssen wir uns darüber klar werden, ob er von jemandem aus dem Hause oder von einem Außenstehenden verübt wurde.«

»Nun gut, lassen Sie uns weiterhören.«

»Es gibt eine Reihe von Umständen, die gegen beide Möglichkeiten sprechen, und trotzdem muß eine davon die richtige sein. Wir wollen zunächst annehmen, daß das Verbrechen von einem Hausbewohner begangen wurde. Es geschah in einer Zeit, als zwar alles schon in tiefster Ruhe lag, aber trotzdem noch niemand schlief. Dann benutzte der Mörder eine der eigenartigsten und geräuschvollsten Waffen, die es gibt, gerade so, als ob er es darauf angelegt hätte, das ganze Haus so rasch als möglich zusammenzutrommeln; und zwar eine Waffe, die noch niemand im Hause vorher gesehen hat. Das klingt nicht wahrscheinlich.«

»So ist es.«

»Wir dürfen es als feststehend annehmen, daß kaum eine Minute verging, nachdem der Schuß gefallen war, bis sich die gesamten Hausbewohner – keineswegs Mr. Cecil Barker allein, obgleich er angibt, der erste gewesen zu sein, sondern auch Ames und alle anderen – an der Mordstelle versammelten. Will irgend jemand behaupten, daß in dieser kurzen Zeit die schuldige Person Fußspuren in der Ecke machen, das Fenster öffnen, das Fensterbrett mit Blut beschmieren, den Ehering von dem Finger des Toten abziehen und alles übrige tun konnte? Das ist ganz unmöglich.«

»Was Sie da sagen, ist ganz klar«, sagte Holmes. »Ich bin geneigt, mich Ihrer Meinung anzuschließen.«

»Nun also, dann müssen wir wieder zu der ersten Annahme zurückkehren, nämlich, daß die Tat von einer Außenperson verübt wurde. Auch hier stehen wir schwerwiegenden Bedenken gegenüber, aber keinen Unmöglichkeiten mehr. Der Mann ist zwischen ½5 und 6 Uhr, also während der Dämmerung und bevor die Zugbrücke aufgezogen wurde, ins Haus gelangt. Es waren Gäste da, die Eingangstür war offen. Es war also nicht schwierig, sich einzuschleichen. Der Mann war entweder ein ganz gewöhnlicher Einbrecher oder jemand, der eine persönliche Angelegenheit mit Mr. Douglas austragen wollte. Da Mr. Douglas einen großen Teil seines Lebens in Amerika zugebracht hat, und diese Flinte amerikanischer Herkunft ist, würde ich die letztere Annahme für die wahrscheinlichere halten. Er schlich sich in dieses Zimmer, weil es das nächstgelegene war, und verbarg sich hinter dem Vorhang. Dort verblieb er bis nach 11 Uhr abends. Zu jener Zeit betrat Mr. Douglas das Zimmer. Die Unterredung kann nur ganz kurz gewesen sein, wenn überhaupt eine stattgefunden hat, denn Mrs. Douglas erklärt, daß ihr Mann sie kaum ein paar Minuten verlassen hatte, als sie den Schuß hörte.«

»Auch die Kerze deutet darauf hin«, sagte Holmes.

»Sehr richtig, die Kerze, die ganz frisch war, ist kaum einen halben Zoll heruntergebrannt. Er muß sie auf den Tisch gestellt haben, bevor er angegriffen wurde, sonst würde sie natürlich zu Boden gefallen sein. Dies würde besagen, daß er nicht sofort nach seinem Eintritt überfallen wurde. Als Mr. Barker kam, zündete er die Lampe an und löschte die Kerze aus.«

»Das ist einleuchtend.«

»Nun also, dann wollen wir uns den Vorgang auf dieser Grundlage rekonstruieren. Mr. Douglas tritt in das Zimmer und stellt die Kerze auf den Tisch. Ein Mann kommt hinter dem Vorhang hervor, mit dieser Flinte bewaffnet. Er verlangt den Ehering, – der Himmel weiß allein, warum, aber er muß es getan haben. Mr. Douglas gibt ihn ab. Dann hat der Mann entweder kaltblütig, oder im Verlauf eines Kampfes – Douglas hat vielleicht den Hammer ergriffen, den wir auf dem Boden liegen sahen, – Douglas auf diese entsetzliche Weise getötet. Er ließ sein Gewehr fallen und anscheinend auch diese wunderliche Karte V V 341, – was das bedeutet, wissen wir nicht. Er sprang aus dem Fenster und durchquerte den Festungsgraben, gerade als Cecil Barker das Verbrechen entdeckte. Wie wäre das, Mr. Holmes?«

»Sehr interessant, aber nicht sonderlich überzeugend.«

»Mann, ich würde es unbedingt für Unsinn halten, wenn nicht alles andere noch unsinniger wäre«, rief McDonald. »Jemand hat diesen Mann getötet und derjenige, der es war, hätte nach allen Regeln der Vernunft ganz anders vorgehen müssen. Was konnte ihn z. B. veranlassen, sich seinen Rückzug zu gefährden, indem er eine Schußwaffe verwendet, wo doch in der Geräuschlosigkeit die einzige Möglichkeit seines Entweichens lag. Lieber Mr. Holmes, es ist nun an Ihnen, uns einen Weg zu zeigen, nachdem Sie behaupten, daß Mr. White Masons Theorie nicht überzeugend ist.«

Holmes hatte während dieser langen Unterredung den angestrengt aufmerksamen Beobachter gespielt. Nicht ein Wort von dem, was gesagt wurde, war ihm offenbar verloren gegangen. Seine scharfen Augen blitzten von links nach rechts, und seine Stirn trug die Falten angestrengtesten Nachdenkens.

»Bevor ich meine Ansicht äußere, Mr. Mac, möchte ich noch einiges Tatsächliche genauer untersuchen«, sagte er, indem er sich neben der Leiche niederkniete. »Großer Gott! Diese Verletzungen sind wirklich entsetzlich. Können wir den Diener ein paar Minuten hier haben? – – – Ames, ich höre, daß Sie verschiedene Male dieses ungewöhnliche Zeichen, ein Dreieck innerhalb eines Kreises, das auf Mr. Douglas‘ Unterarm eingebrannt ist, gesehen haben.«

»Jawohl, sehr oft, Herr.«

»Sie haben niemals eine Vermutung darüber äußern gehört, was es bedeutet?«

»Nein, Herr. Das Einbrennen muß seinerzeit sehr schmerzhaft gewesen sein. Zweifellos ist es ein Brand.«

»Sodann, Ames, bemerke ich, daß Ihr Herr hier am Kinn ein kleines Pflaster kleben hat. Haben Sie dieses schon bemerkt, als er noch am Leben war?«

»Jawohl, Herr, er hat sich gestern Morgen beim Rasieren geschnitten.«

»Hat er dies öfter getan?«

»Schon lange nicht mehr, Herr.«

»Das gibt zu denken«, sagte Holmes. »Vielleicht ist es nur ein zufälliges Zusammentreffen, vielleicht aber deutet es auf eine gewisse Nervosität hin, die besagen würde, daß er sich in Gefahr wußte. Haben Sie in der letzten Zeit etwas Auffälliges in seinem Benehmen bemerkt, Ames?«

»Es ist mir aufgefallen, daß er ein bißchen aufgeregt und unruhig war.«

»Na also, der Überfall war vielleicht nicht ganz unerwartet. Es scheint, wir machen schon einige Fortschritte, nicht wahr? Wollen Sie vielleicht jetzt die Fragestellung übernehmen, Mr. Mac?«

»Nein, Mr. Holmes, sie ist bei Ihnen in besseren Händen.«

»Also, dann wollen wir jetzt zu dieser Karte übergehen. Sie enthält die sonderbare Inschrift V V 341 und ist aus grobem Karton. Haben Sie etwas dergleichen im Hause?«

»Ich glaube nicht.«

Holmes ging hinüber zum Schreibtisch und betupfte das Löschpapier mit Proben aus jeder der beiden Tintenfässer.

»Die Schrift ist nicht in diesem Zimmer ausgeführt worden«, sagte er. »Dies ist schwarze Tinte, während die auf der Karte rötlich ist. Dann wurde sie mit einer breiten Feder geschrieben, während diese spitzig ist. Nein, die Inschrift rührt von wo anders her. Haben Sie eine Ahnung, Ames, was sie bedeuten könnte?«

»Nicht die geringste, Herr.«

»Und Sie, Mr. Mac?«

»Ich halte dafür, daß es das Zeichen irgend eines Geheimbundes ist.«

»Das glaube ich auch,« sagte White Mason.

»Nun also, dann wollen wir dies unseren weiteren Schlußfolgerungen zugrunde legen und sehen, wohin sie uns führen. Ein Abgesandter einer geheimen Verbindung schleicht sich ins Haus, wartet auf Mr. Douglas, trennt ihm fast den Kopf vom Leibe mit dieser Waffe und entweicht durch den Festungsgraben, nachdem er eine Karte neben der Leiche zurückgelassen hat, die, wenn sie in den Zeitungsberichten erwähnt wird, den anderen Mitgliedern des Geheimbundes bekannt gibt, daß der Racheakt vollzogen ist. Das erscheint logisch. Aber warum verwandte er gerade diese Art Waffe?«

»Jawohl, das möchte ich auch wissen.«

»Und wie verhält es sich mit dem fehlenden Ehering?«

»Sehr richtig.«

»Und warum noch keine Verhaftung? Es ist jetzt zwei Uhr vorüber. Ich darf doch annehmen, daß seit heute Morgen jeder Polizist innerhalb vierzig Meilen auf einen Fremdling mit durchnäßten Kleidern aufpaßt?«

»Das können Sie annehmen, Mr. Holmes.«

»Nun denn, wenn er nicht hier in der Nähe einen Unterschlupf hat, oder seine Kleider wechseln konnte, kann er ihnen nach menschlichem Ermessen nicht entgehen. Und doch ist er ihnen offenbar schon entgangen.«

Holmes war zum Fenster gegangen, wo er mit einem Vergrößerungsglas die Blutspuren auf dem Fensterbrett untersuchte.

»Eine Fußspur, unbedingt. Ungewöhnlich breit, anscheinend ein Plattfuß. Sonderbar, denn die Fußspuren in der Ecke drüben rühren von einer weit besser geformten Sohle her. Immerhin, sie sind höchst undeutlich. Und was haben wir hier, unter diesem Tischchen?«

»Die Hanteln von Mr. Douglas«, bemerkte Ames.

»Hanteln, in der Mehrzahl? Ich sehe nur ein Stück, wo ist die andere?«

»Ich weiß nicht, Mr. Holmes, vielleicht war nur eine da. Ich habe schon seit Monaten nicht darauf geachtet.«

»Eine Hantel –«, sagte Holmes nachdenklich, aber was er sagen wollte, blieb ungesprochen, denn von der Tür her ertönte ein kräftiges Pochen. Ein großer, sonngebräunter, energisch aussehender, glattrasierter Mann trat ein. Es war nicht schwierig, in ihm Mr. Cecil Barker, von dem wir schon verschiedentlich gehört hatten, zu erkennen. Seine kalten Augen, die von einem zum anderen wanderten, warfen fragende Blicke auf uns.

»Bitte die Störung zu entschuldigen,« sagte er, »aber Sie müssen das Neueste sofort erfahren.«

»Eine Festnahme?«

»Leider nicht, aber man hat das Zweirad gefunden, das der Mann zurückgelassen hat. Kommen Sie und sehen Sie selbst. Es liegt etwa hundert Schritt vom Eingangstor entfernt.«

Neben dem Zufahrtsweg fanden wir eine kleine Gruppe von Stallbediensteten und anderem Dienstpersonal, die ein Zweirad betrachteten, das man, in einem Gestrüpp von Immergrün verborgen, gefunden hatte. Es war ein ziemlich abgenutztes Fahrzeug, von unten bis oben mit Kot bespritzt. In der Satteltasche befanden sich ein Schraubenschlüssel und eine Schmierkanne. Irgend welche Hinweis auf den Eigentümer fehlten.

»Es wäre für die Polizei eine große Unterstützung, wenn diese Dinger numeriert und eingetragen werden müßten. Aber wir müssen die Dinge nehmen, wie wir sie finden. Wenn wir auch nicht wissen, wohin er sich gewandt hat, so können wir nun doch erfahren, woher er gekommen ist. Aber bei allem, was wunderbar ist, warum hat der Mann das Rad zurückgelassen, und wie ist er ohne das Ding durchgekommen? Ich sehe noch keinen Lichtstrahl, Mr. Holmes.«

»Wirklich?« sagte mein Freund nachdenklich. »Nun, man kann nicht wissen.«

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1. Kapitel. Die Warnung.

I. Teil.
Der Mord in Birstone

1. Kapitel. Die Warnung.

»Ich bilde mir ein, –« sagte ich.

»Ich würde mir nichts einbilden,« unterbrach mich Sherlock Holmes spöttisch.

Ich bin sicherlich einer der fügsamsten und geduldigsten Menschen dieser Welt, aber dieser Ausfall meines Freundes brachte mein Blut doch etwas in Wallung.

»Mein lieber Holmes,« antwortete ich mit aller Schärfe, deren ich fähig bin, »Sie sind manchmal unleidlich.«

Er war so sehr in Gedanken vertieft, daß er meinen Einwand völlig überhörte. Den Kopf in die Hände gestützt, das unberührte Frühstück vor sich, starrte er auf einen Streifen Papier, den er soeben einem Kuvert entnommen hatte. Dann ergriff er das Kuvert, hielt es ans Licht und prüfte es sorgfältig, sowohl die Vorderseite wie die Klappe.

»Es ist Porlocks Handschrift,« murmelte er nachdenklich; »unverkennbar, obwohl ich sie erst zweimal gesehen habe. Er schreibt das e wie das griechische epsilon, mit einem eigenartigen Schnörkel darüber; wenn der Brief von Porlock ist, muß es eine Sache von höchster Wichtigkeit sein.«

Diese halb im Selbstgespräch geäußerten Worte waren eigentlich nicht an mich gerichtet, aber mein Verdruß schwand über dem Interesse, das sie in mir erweckten.

»Und wer, wenn ich fragen darf, ist Porlock?«

»Porlock, mein lieber Watson, ist ein Deckname, nichts weiter als ein einfaches Unterscheidungswort, aber dahinter steckt eine äußerst gewandte und schwer faßbare Persönlichkeit. In einem seiner früheren Briefe hat er mir ganz offen mitgeteilt, daß es nicht sein Name sei und mir zu verstehen gegeben, daß er allen Nachforschungen, ihn in unserer Millionenstadt aufzuspüren, trotzen würde. Porlock ist mir wichtig, nicht wegen seiner selbst, sondern wegen seiner Beziehungen zu einem bedeutenden Manne. Zu diesem steht er in einem Verhältnis, etwa wie der Lotsenfisch zum Hai oder der Schakal zum Löwen. Die beiden stellen eine Vereinigung des Unbedeutenden mit dem Schrecklichen dar. Nicht bloß schrecklich, mein lieber Watson, sondern unheildrohend im höchsten Grade. In diesem Zusammenhang ist Porlock in meinen Gesichtskreis getreten. Habe ich Ihnen nicht schon von Professor Moriarty erzählt?«

»Dem bekannten wissenschaftlichen Verbrecher, der in der Unterwelt dieser Stadt ebenso berühmt ist wie –«

»Sie machen mich erröten, Watson«, murmelte Holmes, bescheiden abwehrend.

»Ich wollte sagen, wie er dem großen Publikum unbekannt ist.«

»Sehr geschickt, äußerst geschickt. Sie entwickeln neuerdings einen überraschend, schelmischen Humor, lieber Watson, gegen den ich noch nicht gewappnet bin. Wenn Sie aber Moriarty einen Verbrecher nennen, so begehen Sie damit im Sinne des Gesetzes eine Beleidigung, und darin gerade liegt der eigenartige Reiz der ganzen Sache. Der größte Bösewicht aller Zeiten, der Organisator teuflischer Verbrechen, das geistige Haupt der Unterwelt – ein Kopf, der ein ganzes Volk zum Guten oder Bösen lenken könnte, das ist das Bild des Mannes. Aber so hoch ist er über jeden Verdacht, selbst über schüchterne Kritik erhaben, so bewunderungswürdig weiß er seine Handlungen zu bemänteln und sich selbst im Dunkeln zu halten, daß er Sie wegen der paar Worte, die Sie eben geäußert haben, vors Gericht schleppen könnte, und daß ihm dieses zweifellos Ihre volle Jahrespension als Entschädigung für die erlittene Ehrenkränkung zusprechen würde. Ist er doch der gefeierte Autor der ›Dynamik eines Asteroiden‹, eines Werkes, das sich zu den höchsten Höhen der Mathematik erhebt, so daß behauptet wird, es gäbe keinen Menschen in der Fachpresse, der fähig wäre, es zu begutachten. Einen solchen Mann darf man nicht ungestraft beleidigen. Der ehrabschneidende Arzt und der gekränkte Professor – das wären die Rollen, die Ihr beide vor Gericht spielen würdet. Darin liegt Genie, Watson. Aber auch mein Tag wird kommen, wenn mich meine Feinde kleineren Formats am Leben lassen.«

»Ich wollte, ich könnte dabei sein,« rief ich andächtig. »Sie wollten mir jedoch etwas von dem Mann Porlock erzählen.«

»Ja so – also der sogenannte Porlock ist ein Glied in der Kette, allerdings eines, das ziemlich weit von dem Kettenschloß entfernt ist. Außerdem ist er, unter uns gesagt, ein etwas schadhaftes Glied, tatsächlich der einzige schwache Punkt darin, den ich bisher feststellen konnte.«

»Nach einem Grundsatz der Mechanik ist aber eine Kette nicht stärker als ihr schwächstes Glied.«

»Sehr richtig, mein lieber Watson. Darin besteht auch die außerordentliche Bedeutung von Porlock. Er leidet offenbar an zarten Anwandlungen zum Guten, die ich gelegentlich durch die Übersendung einer Zehn-Pfund-Note, die ich ihm auf Umwegen zukommen ließ, zu ermutigen getrachtet habe. Daraus entsprangen seine Mitteilungen an mich, von höchstem Wert für den, der Verbrechen lieber verhütet als rächt. Wenn wir jetzt die Chiffre hätten, würde sich, wie ich fest überzeugt bin, herausstellen, daß das, was hier auf dem Papier steht, eine solche Mitteilung ist.«

Abermals glättete Holmes das Papier auf seinem unbenutzten Teller. Ich erhob mich, beugte mich über seine Schulter, und gewahrte auf dem Papier eine sonderbare Inschrift, die wie folgt lautete:

534, K 2, 13, 127, 36 Douglas
10, 9, 293, 5, 37 Birlstone
26 Birlstone, 9, 127

»Was halten Sie davon, Holmes?«

»Es ist offenbar ein Versuch, mir eine geheime Nachricht zu übermitteln.«

»Aber was haben wir von einer Chiffrenachricht ohne den Schlüssel dazu?«

»In diesem Falle nicht das geringste.«

»Warum sagen Sie: in diesem Fall?«

»Sehr einfach, weil ich eine ganze Menge Chiffren so leicht lese, wie die geheimnisvoll abgefaßten Inserate in den Zeitungen. Solche plumpen Versuche, Nachrichten geheim zu halten, sind für mich eher belustigend als ermüdend. Aber dies hier ist etwas anderes. Die Chiffrezeichen beziehen sich offenbar auf eine bestimmte Seite in einem bestimmten Buche, und solange ich nicht weiß, um welche Seite und welches Buch es sich handelt, kann ich natürlich nichts damit anfangen.«

»Aber was soll dann ›Douglas‹ und ›Birlstone‹ bedeuten?«

»Das sind zweifellos Worte, die auf der betreffenden Seite nicht enthalten sind.«

»Warum hat er dann aber nicht angedeutet, auf welches Buch er sich bezieht?«

»Ihre angeborene Schlauheit, mein lieber Watson, jene natürliche Listigkeit in Ihrem Wesen, die das Entzücken Ihrer Freunde ist, würde es sicherlich nicht zulassen, daß Sie eine Chiffrenachricht und den Schlüssel dazu im selben Kuvert versenden. Wenn es in falsche Hände geriete, wären Sie erledigt. Getrennt verschickt, müßten jedoch beide in falsche Hände geraten, damit ein Schaden entstehen könnte. Die zweite Post ist schon überfällig. Ich würde mich nicht wundern, wenn sie uns entweder einen erklärenden Brief oder, was noch wahrscheinlicher ist, das Buch, auf das sich die Zahlen beziehen, bringt.«

Holmes‘ Voraussage sollte nur zu bald in Erfüllung gehen. Billy, unser kleiner Diener, trat wenige Minuten später mit dem Brief ein, den wir erwartet hatten.

»Dieselbe Handschrift,« bemerkte Holmes, als er das Kuvert öffnete, »und tatsächlich auch mit voller Unterschrift,« fügte er freudig hinzu, als er den Brief entfaltete. »Nun werden wir sehen, Watson.«

Sein Gesicht verdüsterte sich jedoch, als er den Inhalt des Briefes überflog.

»Donnerwetter, das ist enttäuschend. Ich fürchte, Watson, daß aus unseren hochgespannten Erwartungen nichts wird. Ich will nur wünschen, daß unserem Porlock kein Unheil zustößt.«

›Sehr geehrter Herr Holmes,‹ lautete der Brief, ›ich kann in der Sache nichts weiter tun. Es ist zu gefährlich. Er hat Verdacht gegen mich geschöpft, wie ich deutlich erkennen kann. Heute kam er ganz unerwarteterweise zu mir herein, als ich bereits dieses Kuvert, in der Absicht, Ihnen damit den Schlüssel der Chiffre zu senden, mit der Anschrift versehen hatte. Ich konnte es gerade noch zudecken. Wenn er es gesehen hätte, würde es mir schlecht ergangen sein. Er ist höchst argwöhnisch, ich lese es in seinen Augen. Bitte verbrennen Sie die chiffrierte Nachricht, die nun für Sie wertlos ist. Fred Porlock.‹

Holmes versank danach in tiefes Schweigen und starrte finster ins Kaminfeuer, indem er den Brief in seinen Fingern zerknüllte.

»Vielleicht,« sagte er, »ist nichts daran. Möglicherweise war es nur sein schuldbeladenes Gewissen, das ihm, dem bewußten Verräter, Argwohn in den Augen des anderen vortäuschte.«

»Unter dem anderen verstehen Sie wohl Professor Moriarty?«

»Niemanden Geringeren. Wenn irgend einer der Bande von ihm spricht, weiß ich, wen er damit meint.«

»Was ist nun zu tun?«

»Ja, das ist nun die große Frage. Da wir einen der klügsten Köpfe ganz Europas gegen uns haben, mit allen dunklen Gewalten ausgerüstet, ergeben sich für uns geradezu unbeschränkte Möglichkeiten. Jedenfalls ist unser Freund Porlock in tödlicher Angst. Vergleichen Sie einmal die Handschrift in diesem Brief mit der auf dem Kuvert, das, wie er angibt, von ihm beschrieben wurde, bevor er den unheilvollen Besuch empfing. Auf dem Kuvert ist sie fest und klar, in dem Brief kaum leserlich.«

»Warum hat er überhaupt geschrieben und die Sache nicht einfach fallen lassen?«

»Wahrscheinlich, weil er befürchtete, ich würde Nachforschungen nach ihm anstellen, die ihm Ungelegenheiten bereiten könnten.«

»Ohne Zweifel,« sagte ich, indem ich die chiffrierte Nachricht aufhob und gedankenvoll betrachtete. »Es ist wirklich zum Verzweifeln, wenn man denkt, daß dieser Streifen Papier wahrscheinlich ein wichtiges Geheimnis enthält, dem man auf keine Weise beikommen kann.«

Sherlock Holmes schob sein unberührtes Frühstück beiseite und zündete sich seine Pfeife an, die ständige Gefährtin seiner tiefsten Gedanken.

»Vielleicht,« sagte er, sich zurücklehnend, den Blick an die Decke geheftet, »vielleicht finden wir etwas heraus, das Ihrem Machiavelli-Gehirn bisher verborgen geblieben ist. Betrachten wir uns einmal das Problem im Lichte der reinen Logik. Die Andeutungen des Mannes beziehen sich auf ein Buch. Das ist klar und davon wollen wir ausgehen.«

»Eine recht unsichere Spur, nach meiner Meinung.«

»Zugegeben; aber vielleicht können wir den Bereich der Möglichkeiten etwas enger umgrenzen. Je stärker ich mein Gehirn darauf konzentriere, desto weniger undurchdringlich erscheint mir das Geheimnis. Welche Anzeichen haben wir, was dieses Buch betrifft?«

»Keine«.

»Na, na, so schlimm wird die Sache nicht sein. Die Chiffre beginnt mit der Zahl 534, und wir wollen annehmen, daß diese Zahl sich auf die Seite in dem Buch, um das es sich handelt, bezieht. Das würde heißen, daß es ein dickes Buch ist, womit wir schon ein Stück weitergekommen sind. Und was für andere Anzeichen haben wir noch, hinsichtlich dieses dicken Buches? Das nächste Zeichen, K 2, was kann das bedeuten, Watson?«

»Zweites Kapitel, ohne Zweifel.«

»Kaum, Watson. Sie werden mir zugeben, daß, wenn er uns die Seite bezeichnet, die Kapitelzahl gleichgültig ist. Außerdem, wenn Sie annehmen, daß die Seite 534 erst im zweiten Kapitel ist, müßte das erste Kapitel schauderhaft lang sein.«

»Kolumne,« rief ich.

»Fabelhaft, Watson. Sie sprühen heute geradezu von Geist. Kolumne ist es, wenn uns nicht alles täuscht. Sie sehen also, vor unseren Augen zeigt sich bereits ein dickes Buch, doppelspaltig gedruckt, mit Spalten von erheblicher Länge, denn eines der darin vorkommenden Worte ist mit 293 bezeichnet. Nun frage ich Sie, haben wir damit schon die Grenze der logischen Ableitung erreicht?«

»Es scheint leider so.«

»Sie sind ungerecht gegen sich selbst. Ich erwarte von Ihnen einen weiteren Geistesblitz, eine neue Gedankenwelle. Wäre der Band ein seltenes Buch, würde er ihn mir geschickt haben. Er spricht aber lediglich von dem Schlüssel, den er in das Kuvert stecken wollte, bevor seine Pläne vereitelt wurden. Das steht klar in seinem Brief. Dies würde also bedeuten, daß es sich um ein Buch handelt, von dem er annehmen mußte, daß ich es mir leicht selbst beschaffen könne. Er hatte das Buch und vermutete, daß auch ich es habe. Mein lieber Watson, es handelt sich also um ein sehr gebräuchliches Werk.«

»Das klingt allerdings glaubhaft.«

»Wir haben somit das Feld unserer Nachforschungen auf ein dickes Buch, doppelspaltig und weitverbreitet, eingeschränkt.«

»Die Bibel,« rief ich triumphierend.

»Ausgezeichnet, Watson, ganz ausgezeichnet. Aber, wie ich leider sagen muß, noch nicht gut genug. Vielleicht darf ich mir schmeicheln, daß jedermann dieses Buch in meinem Besitz vermutet, aber ich halte es für ausgeschlossen, daß einer von Moriartys Bande es im Bereich seiner Hände stehen hat. Außerdem sind die Ausgaben der Heiligen Schrift so zahlreich, daß nicht ohne weiteres angenommen werden kann, je zwei Leute würden Exemplare mit übereinstimmenden Seitenbezeichnungen haben. Es handelt sich also um ein Normalwerk. Er mußte sicher sein, daß meine Seite 534 mit der seinen, gleicher Zahl, genau übereinstimme.«

»Aber das wird auf die wenigsten Werke zutreffen.«

»Sehr richtig; und gerade darin liegt unsere Rettung. Unsere Suche beschränkt sich daher auf ein Werk, von dem anzunehmen ist, daß jedermann ein Exemplar hat.«

»Das Kursbuch.«

»Nicht so schnell, lieber Watson. Der Wortschatz des Kursbuches ist zwar glatt und sauber, aber beschränkt. Es ist kaum anzunehmen, daß jemand im Kursbuch alle die Wörter finden würde, die er für eine Nachricht braucht. Wir wollen es daher ausschalten. Ein Wörterbuch ist, wie ich glaube, aus denselben Gründen ungeeignet. Was bleibt also noch übrig?«

»Ein Almanach.«

»Großartig, Watson, wenn ich mich nicht irre, haben Sie diesmal den Nagel auf den Kopf getroffen. Ein Almanach! Besehen wir uns z. B. einmal Whitakers Almanach. Er ist weit verbreitet, hat die erforderliche Anzahl Seiten und ist doppelspaltig. Obgleich im ersten Teil kurz gefaßt, wird er gegen den Schluß zu recht wortreich.« Er nahm den Band von seinem Pult. »Hier haben wir Seite 534 Spalte 2. Ein umfangreicher Artikel, der, wie ich sehe, sich mit dem Handel und den Bodenprodukten Indiens beschäftigt. Schreiben Sie die Worte nieder, Watson: 13 ist Mahratta, kein besonders vielversprechender Anfang, fürchte ich. 127 ist Regierung, was immerhin einigen Sinn gibt, obwohl mir unerklärlich ist, was die Regierung von Mahratta mit uns und Professor Moriarty zu tun hat. Und nun zum nächsten. Was tut also die Regierung von Mahratta? O weh, das nächste Wort ist Schweineborsten. Wir sind erledigt, lieber Watson, am Ende unserer Weisheit angelangt.«

Obwohl er sich den Anschein gab, belustigt zu sein, sah ich an dem Zucken seiner buschigen Augenbrauen, wie verärgert und enttäuscht er war. Ich fühlte mich hilflos und unglücklich, als ich so dasaß und ins Feuer starrte. Ein langes Schweigen folgte, das jedoch plötzlich durch einen Ausruf von Holmes unterbrochen wurde, der von seinem Sitz aufsprang, zum Bücherregal eilte, von dem er mit einem zweiten, gelbgebundenen Buche zurückkehrte.

»Das kommt davon, Watson, wenn man allzusehr auf der Höhe ist. Wir sind unserer Zeit voraus und müssen, wie üblich, dafür büßen. Es ist heute der 7. Januar, und wir haben natürlich schon die neue Ausgabe des Almanachs. Wahrscheinlich hat aber Porlock seine Mitteilung nach der alten zusammengestellt. Das hätte er uns sicherlich auch gesagt, wenn er uns den Schlüssel hätte senden können. Nun wollen wir einmal sehen, was die Seite 534 uns für Überraschungen bringt. Wort 13 ist Gefahr, was schon recht bedeutungsvoll klingt. 127 bedeutet droht – Gefahr droht –« Holmes‘ Augen funkelten vor Erregung und seine dünnen, nervösen Finger zuckten, als er das nächste Wort auszählte. »Famos! Schreiben Sie nieder, Watson: Gefahr droht unmittelbar; dann kommt das Wort Douglas, reicher Besitzer, jetzt in Birlstone-Haus, Birlstone – Vertrauen – dringend. Da haben wir’s, Watson. Was sagen Sie nun zu der Bedeutung der logischen Ableitung? Wenn unser Gemüsekrämer so etwas wie einen Lorbeerkranz hätte, würde ich Billy hinschicken und ihn holen lassen.«

Ich starrte auf die sonderbare Mitteilung, deren Dechiffrierung ich auf einem Bogen Papier über meinem Knie niedergekritzelt hatte.

»Eine eigenartige, zusammenhangslose Weise, sich auszudrücken,« sagte ich.

»Im Gegenteil, ich finde, er hat die Sache äußerst geschickt gemacht«, sagte Holmes. »Wenn Sie eine Spalte in einem Buch durchsuchen nach Wörtern, mit denen Sie eine bestimmte Mitteilung zusammenstellen wollen, werden Sie sicherlich auf Schwierigkeiten stoßen. Sie können kaum erwarten, darin alle Worte zu finden, die Sie brauchen. Ein gut Teil werden Sie der Kombinationsgabe des Empfängers überlassen müssen. Der Sinn seiner Nachricht ist völlig klar. Auf einen Menschen namens Douglas soll ein Anschlag verübt werden. Ich weiß nicht, wer er ist. Er wird uns als ein reicher Grundbesitzer bezeichnet. Das Wort Vertrauen bedeutet zweifellos vertraulich, welch letzteres offenbar nicht in der Spalte enthalten war. Dringend will sicherlich ganz besonders betonen, daß der Anschlag unmittelbar bevorsteht. Ich bin der Meinung, daß wir tatsächlich ein wertvolles Stück Arbeit geleistet haben.«

Holmes hatte mit dem wahren Künstler gemein, daß ihm die Lösung einer schwierigen Aufgabe die größte persönliche Genugtuung bereitete, selbst wenn sie hinter seinen Erwartungen zurückblieb. Er frohlockte noch über seinen Erfolg, als Billy die Tür öffnete und den Kriminalinspektor McDonald von Scotland Yard in das Zimmer führte.

Zu jener Zeit hatte Alec McDonald noch nicht die Höhe seines Ruhmes erreicht, die er später erklomm. Er war noch ein junges, aber schon vielversprechendes Mitglied des Detektivpersonals und hatte sich bereits in einigen Fällen, die ihm ausschließlich überantwortet waren, ausgezeichnet. Seine hohe, knochige Gestalt sprach von ungewöhnlicher körperlicher Stärke, während in seiner breiten Stirn und den tiefliegenden, lebhaften Augen, die unter buschigen Brauen hervorblitzten, eine ebenso hohe Intelligenz erkennbar war. Er war ein schweigsamer, ruhiger Mensch, der einen etwas versauerten Eindruck machte und in dem harten Akzent seiner schottischen Heimat sprach. Bei zwei früheren Gelegenheiten hatte ihm Holmes bereits geholfen, einen großen Erfolg einzuheimsen, ohne dabei auf eine andere Belohnung Anspruch zu erheben, als ihm die Mitwirkung an interessanten Aufgaben bot. Mittelmäßigkeit erkennt nichts Höheres an als sich selbst, aber das Talent weiß Genie zu würdigen. Talent besaß McDonald genügend, um keine Herabwürdigung seiner selbst darin zu fühlen, die Hilfe eines Mannes zu erbitten, der einzig in seiner Art in Europa dastand, sowohl was seine geistigen Gaben wie seine Erfahrung anbelangte. Holmes war zwar nicht ein Mann, der leicht Freundschaft schloß, aber zu dem schweigsamen Schotten hatte er eine gewisse Zuneigung gefaßt. Ein freundliches Lächeln erhellte seine Züge, als er ihn begrüßte.

»Sie sind ein Frühaufsteher, Mr. Mac,« sagte er. »Ich wünsche Ihnen alles Gute für Ihre Morgenspaziergänge, die wohl bedeuten, daß irgendetwas Besonderes im Winde ist.«

»Hierbei ist wohl die Hoffnung der Vater des Gedankens, scheint mir, Mr. Holmes,« antwortete der Inspektor mit einem vielsagenden Grinsen. »Wie wäre es mit einem kleinen Schluck von irgendetwas, um mir die Morgenkühle aus den Knochen zu treiben? Nein, danke, ich rauche nicht. Ich muß gleich wieder weiter, denn die ersten Stunden sind bei einem Kriminalfall die kostbarsten, wie niemand besser weiß, als Sie selbst. Aber, aber –«

Der Inspektor hielt plötzlich inne. Seine Blicke waren mit dem Ausdruck ungläubigen Staunens auf dem Stück Papier haften geblieben, das noch auf dem Tische lag; jenem Bogen Papier, aus dem ich die Lösung der chiffrierten Nachricht niedergeschrieben hatte.

»Douglas!« stammelte er, »Birlstone! Was soll das bedeuten, Mr. Holmes? Mensch, das ist ja geradezu Hexerei. Bei allem, was wunderbar ist, wo haben Sie denn diese Namen her?«

»Es ist eine Chiffrenachricht, die Mr. Watson und ich Anlaß hatten zu lösen. Aber was wollen Sie damit sagen? – Was ist denn los mit den Namen?«

Der Inspektor ließ seine Blicke verwirrt und staunend von einem zum anderen schweifen.

»Das Folgende ist los,« sagte er, »Mr. Douglas von Birlstone ist heute morgen in schrecklicher Weist ermordet worden.«

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Die Geschichte des Beryll-Kopfschmuckes

Die Geschichte des Beryll-Kopfschmuckes

»Holmes«, sagte ich eines Morgens, während ich am Erkerfenster stand und auf die Straße hinabschaute, »da kommt ein Verrückter die Straße herab. Ich finde es ja eigentlich unrecht, daß man so einen Menschen allein umherlaufen läßt.« Mein Freund erhob sich träge aus dem Armstuhl und trat, die Hände in den Taschen seines Hausrocks, hinter mich, um mir über die Schulter zu sehen. Es war ein klarer, frischer Februarmorgen, der tags zuvor gefallene, tiefe Schnee bedeckte den Boden und glitzerte hell in der Wintersonne. In der Mitte der Straße war er durch den Verkehr bereits in eine braune Masse verwandelt; zu beiden Seiten dagegen und auf den erhöhten Rändern der Fußsteige lag er noch so weiß, wie er gefallen war. Das graue Pflaster dazwischen war, obwohl gekehrt und abgekratzt, noch gefährlich glatt und vielleicht deshalb weniger belebt als sonst. Tatsächlich war auch der Herr, dessen sonderbares Benehmen meine Aufmerksamkeit erregt hatte, der einzige Fußgänger, der aus der Richtung des Metropolitan-Bahnhofs herkam. Es war ein Mann in den fünfziger Jahren, groß und stattlich, eine vornehme Erscheinung mit breitem, scharfgeschnittenem Gesicht und von achtunggebietender Gestalt. Er war auffallend gut gekleidet. Zu dem würdigen Eindruck seines ganzen Äußern stand jedoch sein Benehmen in schroffem Gegensatz; er lief nämlich in großer Hast und machte dabei von Zeit zu Zeit einen kleinen Sprung, wie es bei eintretender Ermüdung Leute zu tun pflegen, die nicht gewohnt sind, ihren Beinen viel zuzumuten. Dabei fuhr er mit den Händen in der Luft umher, wackelte mit dem Kopf und verzerrte sein Gesicht aufs sonderbarste.

»Was in aller Welt mag nur mit ihm los sein?« fragte ich. »Er schaut an allen Häusern hinauf.«

»Ich glaube, er kommt zu uns«, versetzte Holmes und rieb sich die Hände.

»Zu uns?«

»Jawohl; ich vermute stark, er beabsichtigt, mich zu Rate zu ziehen. Es hat ganz den Anschein danach. Nun – habe ich es nicht gesagt?«

Der Mann war pustend und schnaubend auf unsere Haustür losgestürzt und läutete, daß das ganze Haus davon widerhallte.

Wenige Augenblicke darauf stand er im Zimmer, noch immer keuchend und mit den Händen umherfahrend, aber mit einem so kummervollen und verzweifelten Ausdruck in dem starren Blick, daß unsere unwillkürliche Heiterkeit sich mit einem Schlage in Schrecken und Mitleid verwandelte. Eine Zeitlang vermochte er kein Wort hervorzubringen; er wiegte sich nur hin und her und zerrte an seinen Haaren, als wäre er nahe daran, den Verstand zu verlieren. Holmes drückte ihn in den Armstuhl, setzte sich neben ihn, streichelte ihm die Hand und sprach ihm in der heiteren, beruhigenden Art zu, auf die er sich so gut verstand.

»Sie haben mich aufgesucht, um mir Ihre Geschichte zu erzählen, nicht wahr?« begann er. »Das rasche Gehen hat Sie müde gemacht. Bitte, warten Sie nur, bis Sie sich erholt haben, dann wird es Ihnen leichter fallen, mir alles der Reihe nach zu sagen, was Sie bedrückt.«

Eine oder zwei Minuten saß der Mann mit schwer arbeitender Brust da, gegen seine Erregung kämpfend. Dann fuhr er sich mit dem Taschentuch über die Augen, preßte die Lippen zusammen und wandte uns sein Gesicht zu.

»Sie halten mich sicherlich für verrückt«, begann er.

»Soviel ich sehe, hat Sie irgend ein schwerer Kummer getroffen«, antwortete Holmes.

»Gott weiß es, ja! – Ein Kummer, so plötzlich und so furchtbar, daß ich den Verstand darüber verlieren möchte. Die Schande vor der Öffentlichkeit würde ich zu ertragen gewußt haben, obwohl an meinem Namen bisher noch nie ein Flecken gehaftet hat; Kummer im Privatleben bleibt ja keinem Menschen erspart, aber daß beides zusammen und in so schrecklicher Gestalt über mich hereinbricht, das hat mich im Innersten erschüttert. Außerdem betrifft die Sache nicht mich allein. Eine sehr hochstehende Persönlichkeit in England kann dadurch in Mitleidenschaft gezogen werden, wenn sich nicht ein rettender Ausweg aus dieser schauderhaften Geschichte findet.«

»Bitte, beruhigen Sie sich«, erwiderte Holmes, »und sagen Sie mir klar und deutlich, wer Sie sind und was Ihnen begegnet ist.«

»Meinen Namen«, fuhr der andere fort, »haben Sie vermutlich schon oft gehört. Ich bin Alexander Holder, Teilhaber der Bankfirma Holder & Stevenson in der Threadneedle-Straße.«

Der Name war uns gut bekannt als der des älteren Teilhabers im zweitgrößten Privatbankinstitut der City. Was konnte nur geschehen sein, um einen der angesehensten Bürger Londons in diese wahrhaft klägliche Verfassung zu bringen? In höchster Spannung harrten wir, bis er sich mit erneuter Kraftanstrengung dazu aufraffte, seine Geschichte zu erzählen.

»Ich fühle«, begann er, »daß die Zeit kostbar ist. Deshalb habe ich mich augenblicklich hierher auf den Weg gemacht, nachdem mir der Polizeiinspektor nahegelegt hatte, mich Ihrer Mitwirkung zu versichern. Ich fuhr mit der Untergrundbahn und bin dann bis nach der Bakerstraße vollends zu Fuß gelaufen, denn die Wagen fahren so langsam bei diesem Schnee. Deshalb war ich so außer Atem; ich mache mir nämlich sonst nur sehr wenig Bewegung. Jetzt ist mir wieder besser, und ich will Ihnen die Tatsachen möglichst kurz und klar vortragen.

Sie werden wohl wissen, daß es in einem Bankgeschäft ebensoviel auf lohnende Anlagen für die Kapitalien ankommt, als auf die stete Erweiterung der Verbindungen und die immer ausgedehntere Heranziehung von Depositoren. Zu den einträglichsten Geldanlagen gehört die Gewährung von Darlehen gegen unzweifelhafte Pfandsicherheit. Wir haben in den letzten Jahren viel in dieser Richtung gearbeitet und zahlreichen vornehmen Familien erhebliche Summen auf ihre Gemäldesammlungen, ihre Bibliotheken oder ihr Silberzeug vorgestreckt. Gestern vormittag saß ich in meinem Büro, als mir einer der Angestellten unseres Bankhauses eine Visitenkarte überbrachte. Wie ich den Namen las, war ich zuerst sehr verblüfft, denn es war kein anderer als – doch es ist vielleicht auch Ihnen gegenüber besser, wenn ich nur sage, daß dieser Name jedermann überall bekannt ist, einer der höchsten, vornehmsten, angesehensten in ganz England. Überwältigt von der Ehre, versuchte ich beim Eintritt des Herrn etwas derartiges zu sagen, allein er brachte sofort sein geschäftliches Anliegen vor, als sei es ihm darum zu tun, mit einer unangenehmen Aufgabe möglichst rasch fertig zu werden.

›Herr Holder‹, begann er,›ich habe gehört, daß Sie sich mit Vorschußgeschäften befassen.‹

›Allerdings, gegen gute Sicherheit‹, erwiderte ich.

›Ich brauche auf der Stelle sehr notwendig fünfzigtausend Pfund. Natürlich könnte ich diese Summe zehnmal bei meinen Bekannten borgen, allein es paßt mir weit besser, die Sache in geschäftlicher Weise abzumachen, und zwar persönlich. Bei einer Stellung wie ich sie bekleide, ist es nicht klug, sich auf private Verbindlichkeiten einzulassen.‹

›Auf wie lange brauchen Sie diese Summe, wenn ich fragen darf?‹

›Nächsten Montag wird ein großer Betrag fällig, und dann werde ich den Vorschuß sofort zurückzahlen, samt den Zinsen, die Sie dafür zu berechnen haben. Mir ist hauptsächlich daran gelegen, das Geld unverzüglich in die Hand zu bekommen.‹

›Ich würde Ihnen sehr gerne die Summe aus meiner eigenen Tasche vorstrecken, aber es ist mehr, als ich auf mich nehmen darf. Tue ich es jedoch im Namen der Firma, so muß ich aus Rücksicht für meinen Teilhaber selbst Ihnen gegenüber auf der Beachtung aller geschäftsmäßigen Vorsichtsmaßregeln bestehen.‹

›Es ist mir viel lieber so‹, bemerkte er, indem er ein viereckiges schwarzes Maroquin-Etui zur Hand nahm, das er neben seinen Stuhl gelegt hatte. ›Sie haben ohne Zweifel schon von dem Beryll-Diadem gehört?‹

›Eines der kostbarsten Stücke unserer Reichskleinodien‹, versetzte ich.

›Gewiß‹. Er öffnete das Etui, und darin lag in weichen fleischfarbenen Samt gebettet das wundervolle Schmuckstück.

›Es enthält neununddreißig Berylle von außerordentlicher Größe, und der Wert der Goldfassung läßt sich gar nicht berechnen. Die niedrigste Schätzung würde als Wert des Schmuckes das Doppelte der Summe ergeben, die ich verlangt habe. Ich bin bereit, das Stück als Pfand in Ihren Händen zu lassen.‹ Er reichte mir das Etui, und ich blickte in einiger Verwirrung erst auf dessen kostbaren Inhalt und dann auf meinen hohen Besuch.

›Sie haben Zweifel über den Wert des Schmuckes?‹ fragte er.

›Durchaus nicht, ich bezweifle nur –‹

›Meine Befugnis zur Verpfändung desselben? Darüber können Sie sich beruhigen. Ich würde mir nicht im Traume einfallen lassen, es zu verpfänden, hätte ich nicht die unumstößliche Gewißheit, daß ich es binnen vier Tagen wieder einlösen kann. Es ist eine reine Formsache. Genügt die Sicherheit?‹

›Reichlich.‹

›Sie sehen ein, Herr Holder, daß ich Ihnen einen sehr großen Beweis des Vertrauens gebe. Ich verlasse mich darauf, daß Sie nicht nur verschwiegen sind und sich jedes Wortes über die Angelegenheit enthalten, sondern vor allem, daß Sie dieses Stück mit jeder möglichen Vorsicht aufbewahren, da die geringste Beschädigung schon einen gewaltigen öffentlichen Skandal nach sich ziehen würde. Eine Beschädigung wäre fast so schlimm wie ein völliger Verlust, denn es gibt in der ganzen Welt keine Berylle mehr, die diesen gleichkommen, sie wären überhaupt gar nicht zu ersetzen. Trotzdem überlasse ich Ihnen den Schmuck mit vollem Vertrauen und werde ihn Montag vormittag persönlich wieder abholen.‹

Da ich sah, daß es meinem Besuch darum zu tun war, möglichst rasch fortzukommen, sagte ich weiter nichts, sondern wies meinen Kassier an, dem Herrn fünfzig Tausendpfundnoten einzuhändigen. Als ich jedoch allein war und das Etui mit seinem kostbaren Inhalt vor mir auf dem Tische stand, vermochte ich nur mit Unbehagen an die ungeheure Verantwortung zu denken, die ich mir damit aufgeladen hatte. Da das Stück zum Reichsschatz gehörte, so mußte unfehlbar das geringste Mißgeschick, das ihm begegnete, großes Aufsehen verursachen. Ich bedauerte bereits, daß ich mich überhaupt zu einer Annahme hatte bestimmen lassen. Allein es war jetzt nichts mehr an der Sache zu ändern; so schloß ich denn den Schmuck in meinen eigenen Sicherheitsschrank ein und ging wieder an meine Arbeit. Als es Abend wurde, dachte ich, daß es eine Unvorsichtigkeit wäre, einen solchen Wertgegenstand im Büro zu lassen. Diebessichere Schränke bei Banken waren schon öfters erbrochen worden, warum sollte das nicht auch bei dem meinigen denkbar sein? Welch gräßliche Lage für mich, wenn so etwas vorkäme! Ich beschloß deshalb, während der nächsten Tage das Etui auf Schritt und Tritt bei mir zu tragen und es so tatsächlich keinen Augenblick aus meinem Bereich kommen zu lassen. Mit diesem Vorsatz fuhr ich nach meinem Hause in Streatham und nahm das Schmuckstück mit. Erst als ich es in meinen Schreibtisch oben in meinem Ankleidezimmer eingeschlossen hatte, atmete ich wieder frei.

Und nun ein Wort über mein Hauswesen, Herr Holmes, denn ich möchte Ihnen einen gründlichen Einblick in die Sachlage verschaffen. Der Stallbursche und der Hausbursche schlafen außerhalb des Hauses und können somit außer Betracht bleiben. Meine drei Dienstmädchen sind sämtlich schon seit einer Reihe von Jahren bei mir, und ihre Zuverlässigkeit ist über jeden Zweifel erhaben. Dann ist noch ein zweites Kammermädchen da, namens Lucy Parr, das erst seit wenigen Monaten in meinem Hause ist. Sie brachte jedoch ein ausgezeichnetes Zeugnis mit, und ich war stets zufrieden mit ihr. Sie ist sehr hübsch und hat viele Verehrer, die sich gelegentlich wohl einmal um das Haus herumtrieben. Das ist das einzige, was wir an ihr auszusetzen fanden, allein wir halten sie für ein durchaus braves Mädchen.

So viel von den Dienstboten. Meine Familie ist klein. Ich bin Witwer und habe einen einzigen Sohn namens Arthur. Dieser Junge hat mich in meinen Hoffnungen getäuscht, Herr Holmes, schmerzlich getäuscht! Gewiß bin ich selbst dabei nicht ohne Schuld. Man sagt, ich habe ihn verzogen. Das mag wohl sein. Als ich meine Frau verlor, übertrug ich meine ganze Liebe auf ihn. Ich habe ihm nie einen Wunsch abgeschlagen. Vielleicht wäre es für uns beide besser gewesen, ich hätte mehr Strenge gezeigt, aber ich meinte es herzlich gut.

Ich hatte natürlich vor, ihn zu meinem Nachfolger im Geschäft heranzubilden, allein er zeigte gar keine Neigung für den Beruf eines Bankbeamten. Er war unbeständig und launisch, und, um die Wahrheit zu gestehen, ich hätte ihm nicht die Verfügung über eine größere Geldsumme anvertrauen mögen. Schon in früher Jugend trat er in einen vornehmen Klub ein, wo er sich durch sein liebenswürdiges Wesen mit einer Reihe von Leuten eng befreundete, die volle Brieftaschen und kostspielige Gewohnheiten hatten. Er verstand es bald meisterhaft, sein Geld im Kartenspiel und auf dem Rennplatz zu vergeuden, so daß er mich immer wieder um Vorschuß auf sein Taschengeld angehen mußte, um seine Ehrenschulden begleichen zu können. Mehr als einmal versuchte er, sich von dieser gefährlichen Gesellschaft loszumachen, allein dem Einfluß seines Freundes Sir George Burnwell gelang es jedesmal, ihn wieder in diesen Kreis hineinzuziehen.

Daß ein Mann wie Sir George Burnwell Einfluß auf ihn gewonnen hatte, war wirklich nicht zu verwundern; er hat ihn oft zu mir ins Haus gebracht, und ich muß gestehen, daß ich selbst kaum imstande war, mich seinem anziehenden Wesen zu entziehen. Er ist älter als Arthur, ein vollendeter Weltmann, der schon überall war und alles gesehen hat, ein glänzender Redner und ein auffallend schöner Mensch. Und doch, wenn ich ihn mir bei vernünftiger Überlegung und völlig frei von der Wirkung seiner Gegenwart vorstelle, so kann ich bei seinen zynischen Reden und dem Blick, den ich gelegentlich schon an ihm bemerkt habe, nicht anders, als ihm gründlich mißtrauen. Darin ist auch meine Nichte Mary, die den echt weiblichen Scharfblick für Menschenherzen besitzt, mit mir einverstanden.

Mary ist die einzige, die ich noch zu schildern habe. Als mein Bruder vor fünf Jahren starb und sie allein in der Welt dastand, nahm ich sie an Kindesstatt an und betrachte sie seitdem als meine Tochter. Sie ist ein Sonnenstrahl für mein Haus, freundlich, liebevoll, schön; sie leitet das ganze Hauswesen und ist sehr umsichtig, sanft und ruhig. Sie ist sozusagen meine rechte Hand. Ich weiß nicht, was ich ohne sie anfangen sollte. Nur in einem einzigen Punkt ist sie meinen Wünschen nicht entgegengekommen. Zweimal hat mein Junge um ihre Hand angehalten, denn er liebt sie aufrichtig, aber beidemale hat sie ihn ausgeschlagen. Ich glaubte, sie allein wäre imstande, ihn auf den rechten Weg zu bringen; an ihrer Seite hätte er vielleicht ein ganz neues Leben angefangen, aber jetzt ist es zu spät – für immer zu spät!

Nun, Herr Holmes, kennen Sie alle, die mit mir unter einem Dache leben, und ich will in meinem Bericht fortfahren.

Beim Kaffee nach dem Essen im Wohnzimmer teilte ich Arthur und Mary mit, was mir begegnet war, und was für einen kostbaren Schatz wir unter unserem Dache hatten; ich verschwieg dabei nur den Namen des Verpfänders. Lucy Parr, die den Kaffee hereingebracht hatte, war schon nicht mehr im Zimmer, das weiß ich gewiß; ob jedoch die Türe geschlossen war, kann ich nicht beschwören. Mary und Arthur interessierten sich sehr für die Sache und hätten das berühmte Schmuckstück gerne gesehen, allein ich dachte, es sei besser, es an seinem Platze zu lassen.

›Wo hast du es aufgehoben?‹ fragte Arthur.

›In meinem Schreibtisch.‹

›Ich will nur hoffen, daß heute nacht nicht im Hause eingebrochen wird‹, fuhr er fort.

›Der Schreibtisch ist verschlossen.‹

›Oh, auf den paßt jeder alte Schlüssel. Als kleiner Junge habe ich ihn schon selbst mit dem Schlüssel zum Büfett aufgemacht.‹

Er führte oft so kecke Reden, deshalb achtete ich nicht viel auf seine Bemerkung. Nun ging er mir aber gerade diesen Abend mit sehr ernstem Gesicht in mein Zimmer nach.

›Sag mal, Papa‹, sagte er und heftete dabei die Augen auf den Boden, ›kannst du mir zweihundert Pfund geben?‹

›Nein, gewiß nicht?‹ erwiderte ich scharf. ›Ich bin in Geldsachen schon viel zu nachsichtig gegen dich gewesen.‹

›Du warst allerdings sehr gut gegen mich‹, versetzte er, ›aber ich muß diese Summe haben, oder ich kann mich nie wieder im Klub blicken lassen.‹

›Das wäre ja ein wahres Glück!‹ rief ich aus.

›Jawohl; aber du wirst doch nicht wollen, daß ich mit Schimpf und Schande abziehe. Ich könnte die Schmach nicht ertragen. Ich muß das Geld irgendwo auftreiben; und wenn du es mir nicht geben willst, so muß ich andere Mittel und Wege versuchen.‹

Ich war sehr aufgebracht; denn das war das drittemal in einem Monat, daß er mich um Geld anging. ›Keinen Deut bekommst du von mir!‹ rief ich. Darauf verließ er wortlos das Zimmer.

Als ich allein war, öffnete ich den Schreibtisch und überzeugte mich, daß mein Schatz noch unversehrt darin lag, dann schloß ich wieder ab. Ich machte noch einen Gang durch das Haus, um nachzusehen, ob alles verwahrt sei – eine Obliegenheit, die ich gewöhnlich Mary überlasse, die ich jedoch heute selbst erfüllen wollte. Unten an der Treppe angelangt, sah ich Mary am Seitenfenster des Hausgangs, das sie zumachte und verriegelte, während ich näher trat.

›Sag‘ einmal, Papa‹, fragte sie mich in etwas erregtem Ton, ›hast du Lucy heute abend Erlaubnis zum Ausgehen gegeben?‹

›Gewiß nicht.‹

›Sie kam soeben durch die Hintertür herein. Ich bin zwar ganz sicher, daß sie nur an der Seitenpforte mit irgend jemand zusammengetroffen ist, aber wir sollten doch jetzt gerade, da der Schmuck im Hause ist, sehr vorsichtig sein und es nicht so hingehen lassen.‹

›Du mußt morgen früh mit ihr sprechen, oder ich will es tun, wenn dir das lieber ist. Hast du dich überzeugt, daß alles gut verschlossen ist?‹

›Vollkommen, Papachen.‹

›Dann gute Nacht.‹ Ich gab ihr einen Kuß und ging wieder in mein Schlafzimmer hinauf, wo ich bald einschlief.

Ich bestrebe mich, Ihnen alles zu sagen, Herr Holmes, was für den Fall irgend von Bedeutung sein kann. Aber ich möchte bitten, daß Sie mich über jeden Punkt, der ihnen nicht völlig verständlich ist, ruhig befragen.«

»Ihre Darstellung ist im Gegenteil ganz ausnehmend klar.«

»Nun komme ich zu einem Abschnitt meiner Geschichte, bei dem es mir ganz besonders darum zu tun ist, Ihnen alles anschaulich zu machen. Ich habe keinen sehr festen Schlaf, und die Unruhe in meinem Innern trug wohl dazu bei, daß dies noch weniger der Fall war als sonst.

Etwa um zwei Uhr morgens erwachte ich von einem Geräusch im Hause. Es hörte bereits auf, ehe ich völlig wach war; aber ich hatte davon den Eindruck behalten, als wäre irgendwo im Hause ein Fenster zugemacht worden. Voll Spannung horchend lag ich da. Plötzlich vernahm ich zu meinem Entsetzen ganz deutlich leise Tritte im Nebenzimmer. Bebend vor Angst schlüpfte ich aus dem Bett und spähte vorsichtig durch die Türe in das Nebenzimmer.

›Arthur‹, rief ich, ›du Elender, du Dieb! Wie kannst du dich unterstehen, dich an dem Schmuck zu vergreifen?‹

Die Schreibtischlampe brannte noch, wie ich sie gelassen hatte, und mein unseliger Junge, nur mit Hemd und Hosen bekleidet, stand daneben, das Schmuckstück in der Hand. Es sah aus, als ziehe oder biege er daran herum mit aller Kraft. Auf meinen Zuruf ließ er es fallen und wurde blaß wie der Tod. Ich hob es auf und besichtigte es. Eine der goldenen Ecken, welche drei Berylle enthielt, fehlte.

›Du Lump!‹ schrie ich, außer mir vor Wut, ›du hast es zerbrochen, du hast mich in ewige Schande gestürzt! Wo sind die Steine, die du gestohlen hast?‹

›Gestohlen!‹ rief er dagegen.

›Jawohl, du Dieb!‹ schrie ich wieder und schüttelte ihn dabei an der Schulter.

›Es fehlt keiner. Es kann keiner fehlen‹, entgegnete er.

›Es fehlen drei. Und du weißt wohl, wo sie sind. Ist es nicht genug, daß du ein Dieb bist, muß ich dich auch noch einen Lügner heißen? Habe ich nicht mit eigenen Augen gesehen, wie du noch ein Stück davon abbrechen wolltest?‹

›Du hast mich genug beschimpft‹, versetzte er, ›ich lasse mir das nicht länger gefallen. Kein Wort kommt in dieser Angelegenheit mehr über meine Lippen, nachdem du mich ohne weiteres wie einen ehrlosen Menschen behandelt hast. Morgen früh verlasse ich dein Haus. Ich werde schon allein weiterkommen.‹

›Die Polizei wird die Sache in die Hand nehmen‹, rief ich, halb wahnsinnig vor Kummer und Wut. ›Ich werde dafür sorgen, daß alles gründlich untersucht wird.‹

›Von mir werdet ihr nichts erfahren!‹ erwiderte er mit einer Leidenschaftlichkeit, die ich gar nicht in ihm gesucht hätte. ›Beliebt es dir, die Polizei zu rufen, so mag sie auch sehen, wie sie fertig wird.‹

Inzwischen war alles im Hause wach geworden, denn ich hatte im Zorn laut genug gesprochen. Mary kam zuerst angelaufen. Beim ersten Blick auf den Schmuck und auf Arthurs Gesicht erriet sie alles und stürzte mit einem Schrei ohnmächtig zu Boden. Ich schickte das Hausmädchen auf die Polizei, damit die weiteren Nachforschungen gleich eingeleitet werden sollten. Als der Inspektor mit einem Schutzmann eintraf, richtete Arthur, der die ganze Zeit über mit gekreuzten Armen finster dagestanden, die Frage an mich, ob ich wirklich gesonnen sei, ihn des Diebstahls zu bezichtigen. Ich erklärte ihm, daß die Sache keine Privatangelegenheit mehr, sondern ein öffentliches Vergehen sei, da das beschädigte Schmuckstück zum Nationaleigentum gehöre. Ich sei entschlossen, dem Gesetz seinen vollen Lauf zu lassen. ›Dann wirst du doch wenigstens nicht auf einer sofortigen Festnahme bestehen‹, sagte er jetzt. ›Es wäre ebensosehr in deinem Interesse wie in meinem eigenen, wenn ich das Haus auf fünf Minuten verlassen dürfte.‹

›Um zu entfliehen, oder vielleicht um deinen Raub zu verstecken‹, erwiderte ich bitter. Dann stellte ich ihm die schreckliche Lage vor, in die ich mich versetzt sah; ich bat ihn, doch zu bedenken, wie nicht nur meine Ehre, sondern auch die einer viel höheren Persönlichkeit auf dem Spiele stehe, und daß er einen Skandal heraufbeschwöre, der die ganze Nation in Aufregung versetzen würde. Das alles ließe sich aber noch abwenden, wenn er mir nur sagen wollte, was er mit den drei fehlenden Steinen angefangen hätte.

›Du bist auf frischer Tat ertappt worden‹, fuhr ich fort, ›mache die Sache wenigstens so weit wieder gut, als es in deiner Macht steht; sage mir, wo die Steine sind, und alles soll vergeben und vergessen sein.‹

›Behalte deine Vergebung für Leute, die dich darum bitten‹, gab er zur Antwort und kehrte mir höhnisch den Rücken. Ich sah, daß sein Trotz ihn für alles Zureden taub machte. Nun gab es keine andere Wahl mehr. Ich rief den Inspektor herein und ließ Arthur verhaften. Sofort wurde eine Durchsuchung vorgenommen, nicht allein an ihm, sondern auch in seinem Zimmer und überall sonst im Hause, wo er möglicherweise die Steine versteckt haben konnte. Doch es fand sich keine Spur davon, und aus dem nichtsnutzigen Burschen war weder durch Überredung, noch durch Drohung eine Silbe herauszubringen.

Heute früh wurde er in Gewahrsam gebracht, und nach Erledigung der polizeilichen Förmlichkeiten bin ich sofort hierher geeilt, um Sie dringend zu bitten, all Ihren Scharfsinn an die Aufklärung dieser Angelegenheit zu setzen. Auf der Polizei hat man offen eingestanden, daß man mir vorläufig nicht zu helfen wisse. Wegen der Kosten brauchen Sie sich keinerlei Beschränkung aufzuerlegen. Ich habe bereits tausend Pfund Belohnung ausgesetzt. Mein Gott, was soll ich machen? In einer Nacht habe ich die Juwelen verloren und meinen Sohn dazu! Oh, was soll ich nur tun!«

Er fuhr sich mit beiden Händen an die Schläfen, wiegte sich hin und her und stöhnte dabei wie ein Kind, das für seine Betrübnis keinen Ausdruck mehr findet.

Holmes saß einige Minuten lang mit gerunzelten Brauen und starr auf das Kaminfeuer gerichtetem Blick schweigend da.

»Führen Sie ein großes Haus?« fragte er dann. »Geben Sie viele Einladungen?«

»Ich lade niemand ein außer gelegentlich meinen Teilhaber mit seiner Familie oder mal einen Bekannten von Arthur. Sir George Burnwell war in letzter Zeit mehrmals da. Sonst glaube ich, kein Mensch.«

»Gehen Sie viel in Gesellschaft?«

»Arthur, ja; ich und Mary bleiben zu Hause. Wir machen uns beide nichts daraus.«

»Das ist auffallend bei einem jungen Mädchen.«

»Sie ist ein ruhiges, anspruchsloses Wesen. Außerdem ist sie nicht mehr so jung. Sie ist vierundzwanzig.«

»Der Vorfall, den Sie uns soeben geschildert haben, hat anscheinend auch sie schwer getroffen.«

»Furchtbar. Sie ist noch fassungsloser als ich.«

»Und Sie haben beide durchaus keinen Zweifel an der Schuld Ihres Sohnes?«

»Wie wäre das möglich, da ich doch mit eigenen Augen sah, wie er den Schmuck in der Hand hielt!«

»Ich vermag dies kaum als einen zwingenden Beweis anzusehen. War das Diadem selbst sonst noch beschädigt?«

»Ja, es war verbogen.«

»Glauben Sie nicht, daß Ihr Sohn vielleicht versuchte, es wieder zurechtzubiegen?«

»Gott lohne Ihnen! Sie tun für ihn und mich, was Sie können; aber das geht über Ihre Kräfte. Was hatte er überhaupt dort zu schaffen? Wenn seine Absicht unsträflich war, warum sagte er es nicht?«

»Ganz richtig. Aber, wenn er schuldig war, warum brachte er nicht eine Lüge vor? Ich finde, sein Stillschweigen läßt sich in diesem wie in jenem Sinne deuten. Der Fall bietet mehrere eigentümliche Momente. Wie erklärte die Polizei das Geräusch, von dem Sie aufwachten?«

»Sie meinte, das werde wohl durch das Schließen von Arthurs Schlafzimmertür entstanden sein.«

»Außerordentlich glaubhaft! Als ob ein Mensch, der sich zur Ausführung eines Verbrechens anschickt, seine Tür zuschlägt, daß das ganze Haus davon wach wird. Und was meinten sie wegen des Verschwindens der Steine?«

»Sie sind noch dabei, die Fußböden und das Mobiliar zu untersuchen, in der Hoffnung, sie aufzufinden.«

»Hat man daran gedacht, auch außen um das Haus herum nachzusehen?«

»Jawohl. Die Polizei betreibt die Sache mit großem Eifer. Der ganze Garten ist bereits aufs genaueste abgesucht worden.«

»Nun, mein lieber Herr«, sagte Holmes, »Sie werden wohl selbst einsehen, daß die Sache nicht so klar auf der Hand liegt, wie Sie oder die Polizei von vornherein anzunehmen geneigt waren. – Der Fall kam Ihnen einfach vor, mir scheint er äußerst verwickelt. Vergegenwärtigen Sie sich nur einmal, was Ihre Auffassung alles in sich schließt. Sie nehmen an, Ihr Sohn sei aus seiner Stube heruntergekommen, habe unter großer Gefahr Ihr Ankleidezimmer betreten, Ihren Schreibtisch geöffnet, den Schmuck herausgenommen, an diesem ein Stück gewaltsam abgebrochen, sich sodann an einen dritten Ort begeben und daselbst drei Steine von den neununddreißig so schlau versteckt, daß kein Mensch sie zu finden imstande ist, um dann mit den übrigen sechsunddreißig nach dem Zimmer zurückzukommen, wo er die größte Gefahr lief, entdeckt zu werden. Nun frage ich Sie: ist das eine haltbare Auffassung?«

»Aber was läßt sich sonst annehmen?!« rief der Bankier mit einer Gebärde der Verzweiflung. »Warum redet er nicht, wenn er keine bösen Absichten hatte?«

»Das herauszubringen, ist unsere Sache«, erwiderte Holmes. »Wenn es Ihnen recht ist, Herr Holder, so wollen wir jetzt zusammen nach Streatham fahren und eine Stunde darauf verwenden, uns die Sache ein wenig genauer zu besehen.«

Mein Freund bestand auf meiner Begleitung, und ich war sehr gerne bereit dazu, denn die Erzählung, deren Ohrenzeuge ich gewesen war, hatte meine Neugier und Teilnahme erregt. Ich gestehe, daß mir die Schuld des jungen Mannes nicht minder zweifellos erschien, als dessen unglücklichem Vater, aber trotzdem hatte ich solches Vertrauen zu Holmes Urteil, daß ich überzeugt war, die Sache stehe noch nicht hoffnungslos, solange er sich mit der vorliegenden Erklärung nicht zufrieden gab. Holmes sprach unterwegs kaum ein Wort, vielmehr saß er, das Kinn auf die Brust gesenkt und den Hut über die Augen gedrückt, in tiefstes Nachdenken versunken da. Der Bankier war angesichts des schwachen Hoffnungsschimmers, den man ihm gezeigt hatte, wie neu belebt, so daß er sich sogar mit mir in eine gleichgültige Unterhaltung über seine Geschäftsangelegenheiten einließ. Nach kurzer Eisenbahnfahrt und einem noch kürzeren Weg zu Fuß erreichten wir Fairbank, den bescheidenen Wohnsitz des reichen Finanzmannes.

Es war ein stattliches viereckiges Gebäude aus weißem Werkstein, das etwas hinter der Straßenlinie zurückstand. Ein doppelter Fahrweg, der in der Mitte einen schneebedeckten freien Platz bildete und gegen die Straße durch zwei große Gittertore abgeschlossen war, führte von vorne auf das Haus zu. Rechts davon befand sich ein kleines Gehölz, durch das man zu einem schmalen Weg gelangte, der zwischen zwei sauberen Hecken von der Straße aus nach der Küche hinführte und den Eingang für die Lieferanten bildete. Links, und zwar bereits außerhalb des Anwesens, lief ein Gäßchen vorbei, durch das man zu den Ställen kam und das als allgemeine, wenn auch selten benutzte Durchfahrt diente. Holmes ließ uns an der Haustür stehen und ging langsam um das ganze Haus herum, vor demselben auf und ab, den Weg zur Küche entlang, dann hinten herum durch den Garten nach dem Weg zu den Ställen. Er hielt sich dabei so lange auf, daß Herr Holder mit mir unterdessen ins Speisezimmer ging, wo wir beim Feuer auf ihn warteten. Da saßen wir schweigend beisammen, als die Tür aufging und eine junge Dame eintrat. Sie war über mittelgroß, schlank, schwarzhaarig und schwarzäugig, was bei ihrer bleichen Gesichtsfarbe um so mehr hervortrat. Ich glaube, ich habe in meinem ganzen Leben keine solche Todesblässe auf einem Frauenangesicht gesehen. Auch ihre Lippen waren blutlos, dagegen ihre Augen vom Weinen gerötet. Wie sie schweigend in das Zimmer glitt, machte sie auf mich einen noch kummervolleren Eindruck als der Bankier am Morgen. Dies war bei ihr um so auffallender, als sie offenbar einen starken Charakter und eine außerordentliche Fähigkeit der Selbstbeherrschung besaß. Ohne mich zu beachten, ging sie geradeswegs auf ihren Onkel zu und streichelte ihm sanft und zärtlich die Wangen.

»Du hast Weisung gegeben, daß Arthur wieder auf freien Fuß gesetzt wird, nicht wahr, Papa?« fragte sie.

»Nein, nein, mein Kind; die Sache muß erst gründlich untersucht werden.«

»Aber ich bin so gewiß, daß er unschuldig ist. Mein Gefühl täuscht mich nicht. Ich weiß, er hat nichts Unrechtes begangen, und es wird dir noch leid tun, daß du so streng verfahren bist.«

»Warum spricht er denn nicht, wenn er unschuldig ist?«

»Wer kann das wissen? Vielleicht aus Unwillen über den Verdacht, den du gegen ihn hast.«

»Konnte ich denn anders als ihn in Verdacht haben, da er den Schmuck vor meinen Augen in der Hand hielt?«

»Ach, er hatte ihn doch nur aufgehoben, um ihn anzusehen. Glaube mir, er ist unschuldig. Laß die Sache auf sich beruhen und sprich nicht mehr davon. Es ist so entsetzlich, sich unsern guten Arthur im Gefängnis vorstellen zu müssen.«

»Ich werde die Sache niemals ruhen lassen, bis die Steine gefunden sind – niemals, Mary. Deine Anhänglichkeit an Arthur macht dich blind für die furchtbaren Folgen, die die Angelegenheit für mich hat. Ich werde sie keineswegs vertuschen, im Gegenteil, ich habe aus London einen Herrn mitgebracht, der sich noch eingehender damit befassen soll.«

»Diesen Herrn?« fragte sie, sich nach mir umwendend.

»Nein, seinen Freund. Er wünschte, wir sollen ihn allein lassen. Er ist eben drüben in dem Gäßchen bei den Ställen.«

»Bei den Ställen?« Sie zog ihre dunklen Brauen in die Höhe. »Was mag er denn dort suchen? Ach, das ist er vermutlich. Ich hoffe fest«, wandte sie sich an den eben eintretenden Holmes, »daß Sie imstande sein werden, die Unschuld meines Vetters Arthur nachzuweisen, von der ich ganz fest überzeugt bin.«

»Ich teile Ihre Anschauung vollkommen und nicht minder Ihre Hoffnung, daß wir den Beweis dafür erbringen werden«, entgegnete Holmes, indem er nochmals zur Fußmatte zurückging, um den Schnee von seinen Schuhen abzuklopfen. »Ich habe wohl die Ehre, mit Fräulein Mary Holder zu sprechen. Dürfte ich vielleicht eine oder zwei Fragen an Sie stellen?«

»Gewiß, wenn es zur Aufklärung dieser schrecklichen Sache dienen kann.«

»Sie haben vergangene Nacht selbst nichts gehört?«

»Nichts, bis mein Onkel hier laut zu sprechen anfing. Das hörte ich, und daraufhin kam ich herunter.«

»Sie haben am Abend vorher die Fenster und Türen verschlossen. Haben Sie sämtliche Fenster fest zugemacht?«

»Jawohl.«

»Waren heute früh noch alle fest zu?«

»Gewiß.«

»Eines Ihrer Dienstmädchen hat einen Liebhaber? Sie machten, soviel ich weiß, gestern abend Ihren Onkel darauf aufmerksam, daß sie das Haus verlassen hätte, um mit ihm zusammenzutreffen.«

»Jawohl, und sie war es eben, die im Wohnzimmer bediente, und die dabei vielleicht Onkels Äußerung über den Schmuck mit angehört hat.«

»Aha. Sie vermuten, sie habe dies ihrem Liebhaber mitgeteilt, und darauf haben dann die beiden zusammen den Diebstahl verabredet.«

»Aber was sollen denn diese unbestimmten Vermutungen!« rief der Bankier ungeduldig dazwischen, »wenn ich Ihnen doch sage, daß ich sah, wie Arthur den Schmuck in der Hand hatte!«

»Gedulden Sie sich ein wenig, Herr Holder, wir müssen noch darauf zurückkommen. Was dieses Mädchen anbelangt, Fräulein Holder, so sahen Sie mit an, wie es wieder zur Küchentür hereinkam, nicht wahr?«

»Jawohl. Als ich eben nachsehen wollte, ob die Türe gut geschlossen sei, schlüpfte sie herein; ich bemerkte auch den Mann draußen im Dunkeln.«

»Kennen Sie ihn?«

»O freilich, es ist ein Gemüsehändler, der uns den Küchenbedarf ins Haus liefert. Er heißt Francis Prosper.«

»Er stand«, fuhr Holmes fort, »links von der Tür, etwas weiter unten an der Hecke?«

»Allerdings.«

»Und er hat einen Stelzfuß!«

Hier blitzte etwas wie Angst in den ausdrucksvollen Augen des jungen Mädchens auf. »Sie sind ja ein wahrer Hexenmeister«, sagte sie, »woher wissen Sie das?« Dabei lächelte sie, aber auf Holmes magerem, scharfgeschnittenem Gesicht fand dies Lächeln keine Erwiderung.

»Ich möchte nun sehr gerne in den oberen Stock gehen. Nachher werde ich voraussichtlich noch einmal die Runde um das Haus machen müssen. Vielleicht ist es übrigens zweckmäßiger, ich besichtige die Fenster unten, ehe ich hinaufgehe.«

Rasch ging er von einem zum andern; nur bei dem einen großen Fenster, das vom Hausgang nach dem Gäßchen hinaussah, hielt er sich länger auf. Dies öffnete er und untersuchte die Fensterbank aufs sorgfältigste mit einem starken Vergrößerungsglas. »Jetzt wollen wir hinaufgehen«, sagte er endlich.

Des Bankiers Ankleidezimmer war ein einfach ausgestatteter kleiner Raum, mit einem grauen Teppich belegt, und enthielt einen großen Schreibtisch und einen hohen Spiegel. Holmes ging zunächst auf den Schreibtisch zu und unterzog das Schloß einer genauen Besichtigung.

»Mit welchem Schlüssel ist es geöffnet worden?« fragte er.

»Mit dem Schlüssel zum Büfett unten, den mein Sohn selbst bezeichnet hat.«

»Haben Sie ihn hier?«

»Dort liegt er auf dem Toilettentisch.«

Holmes nahm ihn und schloß den Schreibtisch damit auf. »Er schließt lautlos. Kein Wunder, daß Sie nicht davon aufwachten. In diesem Etui hier befindet sich wohl der Schmuck. Wir müssen einen Blick darauf werfen.« Er öffnete das Etui, nahm den Schmuck heraus und legte ihn auf den Tisch. Es war ein Prachtstück der Goldschmiedekunst, und die sechsunddreißig Steine waren die schönsten, die ich je gesehen. An dem einen Ende war ein Stück abgebrochen; es fehlte eine Zacke mit drei Steinen.

»Nun, Herr Holder«, sagte Holmes, »wir wollen jetzt versuchen, eine der andern Zacken abzubrechen. Dürfte ich Sie bitten, das vorzunehmen?«

Der Bankier wich vor Schrecken einen Schritt zurück. »Es fällt mir nicht im Traum ein, so etwas zu versuchen«, versetzte er.

»Dann will ich es tun.« Holmes versuchte seine ganze Stärke daran, allein ohne Erfolg. »Ich fühle, daß sie ein wenig nachgibt«, sagte er; »aber obwohl ich ausnahmsweise große Kraft in den Fingern habe, würde ich doch geraume Zeit brauchen, eine der Zacken auszubrechen. Ein gewöhnlicher Mensch wäre dazu gar nicht imstande.«

»Ich weiß nicht, was ich denken soll. Es ist mir völlig rätselhaft.«

»Nun, vielleicht wird es Ihnen doch mit der Zeit klarer werden. – Was halten Sie davon, Fräulein Holder?«

»Ich gestehe, daß ich vorläufig noch ebensowenig klug daraus werde, wie mein Onkel.«

»Ihr Sohn hatte keine Schuhe oder Pantoffeln an, als Sie ihn überraschten?« fragte er darauf Herrn Holder.

»Nichts als Hosen und Hemd.«

»Danke. Wir sind bei der Untersuchung wirklich außerordentlich vom Glück begünstigt, und es wird lediglich unsere eigene Schuld sein, wenn es uns nicht gelingt, die Sache aufzuklären. Wenn Sie erlauben, Herr Holder, will ich jetzt meine Nachforschungen draußen fortsetzen.« Wir ließen ihn dabei auf seine ausdrückliche Bitte wiederum allein; er hatte nämlich erklärt, daß alle unnötigen Fußspuren ihm seine Aufgabe nur erschweren könnten. Eine Stunde oder darüber brachte er damit zu, dann kam er zurück mit einer Masse Schnee an den Stiefeln und einer Miene, die völlig undurchdringlich war.

»Ich habe, glaube ich, jetzt alles gesehen, was es zu sehen gibt, Herr Holder«, sagte er, »ich kann nun nichts Besseres für Sie tun als wieder nach Hause gehen.«

»Aber die Steine, Herr Holmes, wo sind die?«

»Das kann ich nicht sagen.«

Der Bankier rang die Hände. »Ich sehe sie nie wieder!« rief er aus. »Und mein Sohn? Sie geben mir Hoffnung?«

»Meine Überzeugung hat sich nicht im mindesten geändert. Wenn Sie mich morgen vormittag zwischen neun und zehn Uhr in meiner Wohnung besuchen können, so werde ich Ihnen mit Vergnügen Aufschluß darüber geben, soweit dies irgend in meinen Kräften steht. Doch setze ich dabei voraus, daß Sie mir unbeschränkte Freiheit lassen, für Sie zu handeln und Sie mit jeder Summe zu belasten, die ich für nötig halte.«

»Mein ganzes Vermögen gebe ich hin, wenn ich nur die Steine wieder erlange!«

»Ganz gut; ich werde inzwischen die Sache weiter zu ergründen suchen. Leben Sie wohl. Es kann leicht sein, daß ich vor Abend noch einmal hierherkommen muß.«

Ich erkannte klar, daß mein Freund sich nunmehr seine Ansicht über den Fall gebildet hatte, obwohl ich mir von seinen Schlußfolgerungen auch nicht einmal eine dunkle Vorstellung machen konnte. Mehrmals bemühte ich mich auf unserer Heimfahrt, ihn darüber auszuholen, aber er ging immer wieder unmerklich auf einen anderen Gegenstand über, bis ich es schließlich als hoffnungslos aufgab. Vor drei Uhr befanden wir uns bereits wieder zu Hause. Er eilte auf sein Zimmer und erschien schon nach wenigen Minuten wieder in der Verkleidung eines gewöhnlichen Trödlers. Mit seinem aufgeschlagenen Kragen, dem ausgewaschenen, fadenscheinigen Rock, einem roten Halstuch und abgetragenen Stiefeln war er ein vollendetes Muster dieser Menschenklasse.

»Ich denke, so wird es gehen«, sagte er, in den Spiegel über dem Kamin blickend. »Ich möchte nur, du könntest mich begleiten, Watson, aber ich glaube, es geht wohl doch nicht an. Jedenfalls werde ich bald wissen, ob ich auf der richtigen Spur bin oder einem Irrlicht nachjage. Ich hoffe, in ein paar Stunden wieder da zu sein.« Er steckte sich ein belegtes Brötchen in die Tasche und machte sich auf den Weg.

Ich hatte eben meinen Tee getrunken, als er wieder eintraf, in ausgezeichneter Laune, einen alten Zugstiefel in der Hand schwingend, den er sofort in eine Ecke warf, um sich eine Tasse Tee einzuschenken. »Ich bin nur im Vorbeigehen schnell auf einen Augenblick hereingekommen. Ich muß sogleich weiter.«

»Wohin?«

»Hinüber nach der andern Seite des Westends. Ich bleibe vielleicht ziemlich lange aus. Warte nicht auf mich, falls ich spät heimkomme.«

»Wie macht sich die Sache?«

»Ganz leidlich. Kann nicht klagen. Ich bin seither draußen in Streatham gewesen, aber ohne im Hause vorzusprechen. Ein hübscher kleiner Fall, den ich nicht um vieles hergäbe! Aber ich darf die Zeit nicht länger verplaudern und muß aus dieser schnöden Hülle wieder in meine anständigen Kleider schlüpfen.«

Sein Wesen zeigte mir, daß er mehr Grund zur Befriedigung hatte, als seine Äußerungen erraten ließen. Es zuckte in seinen Augen, und auf seinen blassen Wangen zeigte sich sogar eine Spur von Farbe. Rasch ging er nach oben, und schon nach wenigen Minuten hörte ich an dem Zuschlagen der Haustür, daß er sich bereits wieder an die Verfolgung des Zieles gemacht hatte, das auf seinen Scharfsinn eine so unwiderstehliche Anziehung ausübte. Ich wartete bis Mitternacht, aber er kam nicht; ich zog mich deshalb auf mein Zimmer zurück. Es geschah nicht selten, daß er ganze Tage und Nächte ausblieb, wenn er eine Spur verfolgte. So hatte sein Ausbleiben nichts Überraschendes für mich. Wann er heimkam, weiß ich nicht, aber als ich mich morgens zum Frühstück einfand, saß er schon mit einer Kaffeetasse in der einen Hand und einer Zeitung in der andern, ganz frisch und sorgfältig angekleidet da.

»Entschuldige, daß ich nicht auf dich gewartet habe, Watson«, rief er mir entgegen, »aber du weißt ja, daß unser Klient heute schon zu ziemlich früher Stunde vorsprechen will.«

»Ich glaube, es kommt eben jemand«, versetzte ich. »Es ist ja schon neun Uhr vorüber; es sollte mich nicht wundernehmen, wenn er es wäre.«

Es war wirklich unsere neue Bekanntschaft, der Bankier. Ich war ganz betroffen über die Veränderung, die mit ihm vorgegangen war; er sah schlecht und eingefallen aus, und sein Haar kam mir um eine Schattierung weißer vor. Er trat mit einer Müdigkeit und Gleichgültigkeit ein, die einen noch betrübenderen Eindruck machte, als seine gestrige Aufregung, und ließ sich schwer in den Armstuhl fallen, den ich ihm hinschob.

»Ich weiß nicht, womit ich diese harte Prüfung verdient habe«, begann er. »Noch vor zwei Tagen war ich ein glücklicher wohlhabender Mann und ohne die geringste Sorge; nun gehe ich einem einsamen, ehrlosen Alter entgegen. Ein Schlag folgt dem andern auf dem Fuße. Meine Nichte Mary hat mich verlassen.«

»Sie verlassen?« –

»Jawohl. Ihr Bett war heute früh unberührt, ihr Zimmer leer und auf dem Tisch im Salon lag ein Brief an mich. Gestern abend hatte ich ihr gegenüber geäußert, – aber nur aus Betrübnis, nicht im Bösen – wenn sie meinen Jungen geheiratet hätte, so wäre er vielleicht auf gutem Wege geblieben. Es war wohl eine unbedachte Äußerung von mir. Sie spielt in dem Brief hier darauf an. ›Liebster Onkel!‹ schreibt sie, ›ich sehe ein, daß ich Dich betrübt habe, und daß, wenn ich anders gehandelt hätte, dieses schreckliche Mißverständnis vielleicht niemals eingetreten wäre. Mit diesem Gefühl im Herzen kann ich unter Deinem Dache nicht wieder glücklich werden und muß Dich daher auf immer verlassen; mache Dir keinen Kummer um meine Zukunft, denn dafür ist gesorgt; und vor allem forsche nicht nach mir; es wäre vergebliche Mühe und mir ein schlechter Dienst. Im Leben wie im Tode verbleibe ich stets

Deine Dich liebende Mary.‹

Was kann der Brief zu bedeuten haben, Herr Holmes? Glauben Sie, daß er auf Selbstmord hindeutet?«

»Nein, nein; kein Gedanke daran. Diese Lösung ist vielleicht die allerbeste. Ich glaube, Herr Holder, Sie sind dem Ende Ihrer Kümmernisse nahe.«

»Was sagen Sie da? – Sie haben etwas gehört, Herr Holmes, Sie haben etwas erfahren? Wo sind die Steine?«

»Würden Ihnen tausend Pfund für das Stück zu hoch erscheinen?«

»Ich gebe das Zehnfache dafür.«

»So viel braucht es nicht. Mit dreitausend Pfund ist die Sache gedeckt. Um eine kleine Belohnung wird es sich freilich auch noch handeln. Haben Sie Ihr Scheckbuch bei sich? Hier ist eine Feder. Schreiben Sie lieber viertausend Pfund.«

Mit ganz verdutzter Miene fertigte der Bankier den verlangten Scheck aus. Holmes ging nun an sein Schreibpult, nahm ein kleines dreieckiges Stück Gold heraus, an dem sich drei Steine befanden, und legte es auf den Tisch.

Der Bankier stieß einen Freudenschrei aus und griff danach.

»Sie haben es!« stammelte er. »Ich bin gerettet, ich bin gerettet!«

Der Ausbruch seiner Freude war jetzt ebenso leidenschaftlich, als es zuvor sein Kummer gewesen.

»Sie haben noch eine Schuld zu tilgen, Herr Holder«, bemerkte Holmes ziemlich ernst.

»Noch eine Schuld?« Er griff nach einer Feder. »Nennen Sie nur die Summe, und ich werde sie bezahlen.«

»Nein. Die Schuld betrifft nicht mich. Ihrem Sohn schulden Sie eine recht demütige Abbitte. Der hochherzige junge Mann hat sich in dieser Sache so brav gehalten, daß ich stolz auf meinen eigenen Sohn sein würde, falls ich je einen bekommen sollte, wenn er im gleichen Fall ebenso handeln würde.«

»Also ist Arthur nicht der Dieb?«

»Nein, wie ich Ihnen gestern schon sagte und heute wiederhole.«

»Sie wissen es gewiß? Dann lassen Sie uns gleich zu ihm eilen, um ihm zu sagen, daß sich der wahre Sachverhalt herausgestellt hat.«

»Er weiß bereits alles. Sobald ich selbst in der Sache zur Klarheit gekommen war, suchte ich ihn auf. Da er sich nicht dazu verstehen wollte, mir den Hergang zu erzählen, so erzählte ich ihm denselben. Darauf konnte er nicht anders als alles zuzugeben und die wenigen Einzelheiten beizufügen, die mir noch unverständlich waren. Die Neuigkeit, die Sie heute mitgebracht haben, öffnet ihm vielleicht vollends die Lippen.«

»So sagen Sie mir um des Himmels willen, was ist das für ein unbegreifliches Rätsel?«

»Das will ich, und ich werde Ihnen auch sagen, was für Schritte ich getan habe, um zur Lösung zu gelangen. Vor allem lassen Sie mich Ihnen mitteilen, was für mich auszusprechen und für Sie zu hören am schmerzlichsten ist: Ihre Nichte Mary handelte im Einverständnis mit Sir George Burnwell. Sie sind jetzt zusammen entwichen.«

»Meine Mary – unmöglich!«

»Es ist leider mehr als möglich, es ist sicher. Weder Sie selbst noch Ihr Sohn kannten den wahren Charakter dieses Menschen, als Sie ihm in Ihrem häuslichen Kreise Aufnahme gewährten. Er ist eines der gefährlichsten Subjekte in ganz England – ein heruntergekommener Spieler, ein ganz verzweifelter Schurke, ein Mensch ohne Herz und Gewissen. Ihre Nichte hat keine Ahnung davon, daß es solche Menschen auf der Welt gibt. Als er ihr seine Liebe gestand, wie hundert anderen vor ihr, schmeichelte sie sich, die einzige zu sein, die sein Herz gerührt habe. Der Teufel mag wissen, wie er es anfing, aber er brachte es dahin, daß sie zu seinem willenlosen Werkzeug wurde und fast jeden Abend mit ihm zusammentraf.«

»Ich kann, ich will es nicht glauben!« rief der Bankier mit aschfahlem Gesicht.

»Nun, dann will ich Ihnen erzählen, was vorletzte Nacht in Ihrem Hause vorging. Als Ihre Nichte annahm, Sie hätten sich in Ihr Zimmer zurückgezogen, schlüpfte sie hinunter und unterhielt sich mit ihrem Liebhaber durch das Fenster, das nach dem Gäßchen bei den Ställen hinausgeht. Seine Fußstapfen haben sich ganz durch den Schnee durchgedrückt, so lange hat er dortgestanden. Sie erzählte ihm von dem Schmuck. Diese Kunde entflammte seine verruchte Gier nach Gold, und er gewann sie für seine Pläne. Ich zweifle nicht an ihrer Anhänglichkeit für Sie, allein es gibt Frauen, bei denen neben der Anhänglichkeit an einen Geliebten keine andere mehr Raum findet, und zu diesen muß sie wohl gehört haben. Sie hatte kaum die nötigen Vorschriften für ihr Verhalten von ihm empfangen, als Sie die Treppe herunterkamen, worauf sie das Fenster eiligst schloß und ihnen die Geschichte von dem Dienstmädchen erzählte, das sich zu dem stelzfüßigen Liebhaber hinausgeschlichen habe, womit es auch seine volle Richtigkeit hatte.

Ihr Sohn begab sich nach der Unterredung mit Ihnen wohl zu Bett, konnte aber vor Sorgen wegen seiner Schulden im Klub nicht schlafen. Mitten in der Nacht hörte er jemand mit leisem Tritt an seiner Tür vorbeischleichen. Er stand auf, schaute hinaus und sah zu seiner größten Verwunderung seine Base verstohlen durch den Gang gleiten und in Ihrem Ankleidezimmer verschwinden. Rasch warf er ein paar Kleidungsstücke über und harrte im Dunkeln auf die weitere Entwicklung dieser merkwürdigen Geschichte. Nun kam sie wieder aus dem Zimmer heraus, und beim Schein der Flurlampe sah Ihr Sohn, daß sie das kostbare Schmuckstück in der Hand hatte. Sie ging die Treppe hinunter, und er eilte, zitternd vor Schrecken, zu dem Vorhang bei Ihrer Tür, um, dahinter versteckt, sehen zu können, was unten im Hausgang vorgehe. Er sah, wie sie vorsichtig das Fenster aufmachte und das Schmuckstück jemand im Dunkeln reichte, dann das Fenster wieder schloß und eiligst den Rückweg nach ihrem Zimmer einschlug, der sie ganz dicht an seinem Versteck vorbeiführte. Solange sie sich auf dem Schauplatz befand, konnte er nichts unternehmen, ohne das Mädchen, das er liebte, aufs furchtbarste bloßzustellen. Aber sobald sie verschwunden war, machte er sich klar, was für ein namenloses Unglück für Sie daraus entstehen müßte, und wie unendlich wichtig es sei, das Kleinod zurückzubekommen. Barfuß, wie er ging und stand, eilte er hinab, öffnete das Fenster, sprang in den Schnee hinaus und rannte das Gäßchen entlang, wo er eine dunkle Gestalt im Mondschein bemerkte. Es war Sir George, der sich aus dem Staube zu machen suchte, allein Arthur holte ihn ein und rang mit ihm, wobei beide an dem Schmuckstück zerrten, Ihr Sohn am einen Ende, sein Gegner am andern. Auf einmal knackte es, und Ihr Sohn sah, daß ihm der Schmuck in der Hand geblieben war. Er eilte nun ins Haus zurück, machte das Fenster wieder zu und ging hinauf in Ihr Ankleidezimmer. Dort bemerkte er, daß der Schmuck im Handgemenge verbogen worden war. Als er noch versuchte, ihn wieder zurechtzubiegen, erschienen Sie auf dem Schauplatz.«

»Ist es möglich?« stammelte der Bankier.

»Nun brachten Sie ihn in Wut, indem Sie ihm alle möglichen Schimpfreden in das Gesicht schleuderten, in einem Augenblick, wo er sich bewußt war, Ihren wärmsten Dank verdient zu haben. Den wahren Sachverhalt konnte er nicht enthüllen, ohne ein Mädchen zu verraten, das sicherlich keine große Rücksicht von seiner Seite verdient hatte. Er stellte sich jedoch auf den ritterlichen Standpunkt und wahrte ihr Geheimnis.«

»Also darum ihr Schrecken und ihre Ohnmacht beim Anblick des Schmuckes!« rief Herr Holder aus. »Oh, mein Gott, was war ich doch für ein blinder Narr! Und seine Bitte, auf fünf Minuten vor das Haus gehen zu dürfen! Der Junge wollte nur sehen, ob das fehlende Stück nicht noch auf dem Kampfplatz liege. Wie grausam von mir, wie habe ich ihn verkannt!«

»Sogleich nach meinem Eintreffen ging ich sorgfältig um das ganze Haus herum, um nach Spuren im Schnee zu suchen, die mir von Wert sein könnten. Ich wußte, daß seit dem Abend vorher kein Schnee mehr gefallen war, und bei dem starken Frost hatten sich auch die Eindrücke unverändert erhalten. Ich ging den Lieferantenweg entlang. Hier war jedoch alles zusammengetreten, so daß man nichts zu unterscheiden vermochte. Nur gerade oberhalb des Eingangs zur Küche hatte eine Frau bei einem Manne gestanden, der, nach den runden Spuren seines einen Fußes zu schließen, ein hölzernes Bein trug. Man vermochte sogar zu erkennen, daß sie gestört worden waren, denn die Frau war rasch zur Tür zurückgelaufen, wie die leichten Eindrücke ihrer Zehen im Gegensatz zur Ferse bewiesen, während der Stelzfuß noch eine Zeitlang gewartet und sich dann erst entfernt hatte. Ich dachte mir gleich, es werde das Dienstmädchen und ihr Liebhaber gewesen sein, von denen Sie bereits gesprochen hatten, und meine weiteren Nachforschungen bestätigten dies auch. Auf dem Gang durch den Garten konnte ich zahlreiche regellos durcheinanderlaufende Fußspuren bemerken, die ich den Polizeileuten zuschrieb. Als ich jedoch in das Stallgäßchen kam, stand dort in den Schnee geschrieben eine ganze lange, verwickelte Geschichte vor meinen Augen.

Da war eine zweifache Reihe von männlichen Stiefelspuren und eine weitere Doppelreihe von Eindrücken, die – wie ich zu meiner Freude sah – von den bloßen Füßen eines Mannes herrührten. Auf Grund Ihrer Erzählung war ich augenblicklich überzeugt, daß dieser Mann Ihr Sohn sein müsse. Der erste war hinauf- und heruntergegangen, der mit den bloßen Füßen dagegen war rasch gelaufen, und da sein Tritt an manchen Stellen über den des ersten fortging, so war er offenbar nach diesem gekommen. Ich folgte den Spuren und fand, daß sie zu dem Fenster im Hausgang führten, wo der mit den Stiefeln so lange gestanden hatte, daß der Schnee völlig weggetreten war. Dann ging ich ihnen bis zu ihrem andern Ende nach, vielleicht sechzig Meter das Gäßchen hinunter. Ich fand eine Stelle, wo der mit den Stiefeln sich umgewendet hatte und der Schnee aufgewühlt war, als ob ein Kampf stattgefunden hätte, eine Vermutung, welche durch ein paar Blutstropfen im Schnee ihre Bestätigung fand. Der Mann mit den Schuhen war dann rasch das Gäßchen hinabgelaufen, und eine zweite kleine Blutspur zeigte mir, daß er es war, der die Verwundung erhalten hatte. Auf der Straße draußen ließ sich die Spur nicht weiter verfolgen, da der Fußsteig inzwischen gesäubert worden war.

Nach meiner Rückkehr ins Haus untersuchte ich, wie Sie sich erinnern können, den Sims und den Rahmen an dem Gangfenster mit einem Vergrößerungsglas und konnte dabei sogleich erkennen, daß jemand hinausgestiegen war. Ferner vermochte ich die Umrisse eines nassen Fußes zu unterscheiden, den jemand beim Hereinsteigen aufgesetzt hatte. Nun fühlte ich mich allmählich imstande, mir ein Bild von den Vorgängen zu machen. Ein Mann hatte vor dem Fenster gewartet, bis ihm jemand die Steine hinausbrachte, Ihr Sohn hatte die Tat mit angesehen, den Dieb verfolgt und mit diesem gerungen, wobei sie beide an dem Schmuckstück zogen und dieses so mit vereinter Kraft in einer Weise beschädigten, wie dies keinem von beiden allein möglich gewesen wäre. Ihr Sohn brachte wohl das Schmuckstück an sich, mußte aber ein Stück davon in den Händen seines Gegners lassen. So weit war ich im reinen. Nun entstand die Frage, wer war dieser Mann und wer hatte ihm den Schmuck hinuntergebracht?

Es ist ein alter Grundsatz von mir: Nachdem alles Unmögliche ausgeschlossen worden ist, muß man in dem, was übrig bleibt, so unwahrscheinlich es sein mag, die Wahrheit finden. Nun wußte ich, daß Sie den Schmuck nicht hinunter gebracht hatten, demnach blieben nur noch Ihre Nichte und die Dienstmädchen übrig. Aber wenn es eines der Dienstmädchen war, warum hatte sich Ihr Sohn an ihrer Stelle beschuldigen lassen? Dafür war kein vernünftiger Grund zu finden. Er liebte jedoch seine Base, und darin lag die einzige Erklärung für sein Bestreben, ihr Geheimnis zu wahren – um so mehr, als es ein entehrendes Geheimnis war. Wenn ich ferner bedachte, daß Sie Ihre Nichte an jenem Fenster gesehen hatten, und sie in Ohnmacht gefallen war, als sie den Schmuck wieder erblickte, so wurde meine Vermutung zur Gewißheit.

Wer aber konnte es sein, mit dem sie unter einer Decke steckte? Doch nur ein Geliebter, denn nur ein solcher wäre imstande, über ihre Liebe und Dankbarkeit Ihnen gegenüber den Sieg davon zu tragen. Ich wußte, daß Sie wenig ausgingen und Ihr Bekanntenkreis ein sehr beschränkter war. Allein zu diesem kleinen Kreis gehörte Sir George Burnwell. Ich hatte schon früher erfahren, daß er im Hinblick auf seine Beziehungen zu Frauen berüchtigt war. Von ihm mußten die Stiefelspuren herrühren, in seinem Besitz mußten sich die fehlenden Steine befinden. Trotzdem er von Arthur entdeckt worden war, durfte er sich in der Hoffnung wiegen, unbehelligt zu bleiben, denn der junge Mann konnte ja kein Wort sagen, ohne seine eigene Familie bloßzustellen.

Nun werden Sie sich leicht denken können, welche Schritte ich zunächst tat. Ich begab mich, als Trödler verkleidet, in Sir Georges Wohnung, wo ich mit dessen Diener Bekanntschaft anzuknüpfen wußte, und erfuhr, daß sich sein Herr den Abend vorher am Kopf verletzt habe. Durch eine Ausgabe von sechs Schilling stellte ich dann vollends die ganze Wahrheit fest. Ich kaufte nämlich ein Paar seiner abgelegten Stiefel, nahm sie mit nach Streatham und überzeugte mich, daß sie vollkommen in die Fußspuren paßten.«

»Ich bemerkte gestern allerdings einen Strolch in abgerissener Kleidung vor meinem Hause«, warf Herr Holder ein.

»Ganz recht. Das war ich. Nachdem ich meines Mannes sicher war, wechselte ich zu Hause die Kleider. Nun harrte meiner noch eine heikle Aufgabe; denn ich sah ein, daß, um Aufsehen zu vermeiden, keine Verfolgung der Sache stattfinden dürfe, und wußte, ein solch abgefeimter Schurke würde sofort durchschauen, daß uns in dieser Sache die Hände gebunden seien. Ich suchte ihn also auf. Zuerst leugnete er natürlich alles. Als ich ihm jedoch sämtliche Einzelheiten des Hergangs vorhielt, machte er Miene, gewalttätig zu werden, und nahm einen Totschläger von der Wand. Ich kannte meinen Mann und drückte ihm, ehe er zuschlug, eine Pistole an die Stirn. Nun wurde er etwas vernünftiger. Ich erklärte ihm, wir seien bereit, ihm die Steine abzukaufen, und zwar um tausend Pfund das Stück. Diese Eröffnung entlockte ihm zum erstenmal ein Zeichen des Bedauerns. ›Verwünscht!‹ rief er, ›ich habe sie alle zusammen für sechshundert Pfund losgeschlagen.‹ Durch die Zusage, daß jede Verfolgung der Sache unterbleibe, brachte ich ihn bald so weit, mir die Adresse des Käufers der Steine zu geben. Augenblicklich machte ich mich dorthin auf und erhielt endlich nach langem Feilschen unsere Steine für tausend Pfund das Stück. Dann sprach ich noch bei Ihrem Sohne vor, um ihm mitzuteilen, daß alles in Ordnung sei, und ging endlich gegen zwei Uhr in mein Bett, nach einem Tagewerk, das gewiß ein schweres genannt werden darf.«

»Einem Tagewerk, durch das Sie einen großen öffentlichen Skandal verhindert haben«, versetzte der Bankier, indem er sich erhob. »Die Worte fehlen mir, um Ihnen meinen Dank auszudrücken, aber Ihre Leistung soll nicht unbelohnt bleiben. Ihr Scharfsinn übersteigt in der Tat alles, was ich je Ähnliches gehört habe. Aber jetzt muß ich zu meinem Jungen eilen, um ihm das Unrecht abzubitten, das ich ihm angetan habe. Was die arme Mary betrifft, so bin ich durch Ihre Auskunft über sie im Innersten erschüttert. Mir zu sagen, wo sie jetzt sein mag, dazu wird aber freilich selbst Ihr Scharfsinn nicht hinreichen.«

»Ich glaube, wir dürfen ruhig behaupten«, erwiderte Holmes, »sie befindet sich da, wo Sir George Burnwell ist. Wie groß aber auch ihr Unrecht sein mag, so wird sie sicher gar bald die Strafe dafür in mehr als genügendem Maß erhalten.«

*

Während Holmes das Blatt weglegte und das folgende aufschlug, dachte er: Ja, es ist so, das Leben gleicht immer irgendwie alles wieder aus, ohne unser Dazutun, das Gute und das Böse.

Dann fing er an, die nächste Geschichte zu lesen:

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Silberstrahl

Silberstrahl

»Mir wird wohl nichts anderes übrig bleiben, Watson, als hinzugehen«, sagte Holmes eines Morgens zu mir, als wir beim Frühstück saßen.

»So? Wohin denn?«

»Nach Dartmoor – nach Kings Pyland.«

Das überraschte mich nicht; im Gegenteil, ich hatte mich schon gewundert, daß er nicht längst zur Mitarbeit an dem ungewöhnlichen Fall aufgefordert worden war, der in ganz England das Tagesgespräch bildete. Mit gerunzelten Brauen, den Kopf auf die Brust gesenkt, war mein Gefährte einen ganzen Tag lang ruhelos im Zimmer auf- und abgegangen, hatte immer wieder den stärksten schwarzen Tabak in seine Pfeife gestopft und war für alle meine Fragen und Bemerkungen stocktaub gewesen. Die neuesten Nummern sämtlicher Tagesblätter überflog er nur mit einem Blick und warf sie dann in den Winkel. Er blieb stumm, aber ich wußte genau, worüber er brütete. Es lag ja nur ein Fall vor, der genug öffentliches Aufsehen erregte, um ihn zu bewegen, die ganze Kraft seines kritischen Scharfsinns aufzubieten, nämlich das seltsame Verschwinden des Rennpferdes, welches die größte Anwartschaft auf den Ehrenpreis von Wessex gehabt hatte, und die rätselhafte Ermordung des Stallmeisters John Straker. Als Holmes mir daher plötzlich mitteilte, er wolle sich auf den Schauplatz des Dramas begeben, hatte ich bereits auf diesen Entschluß von seiner Seite gewartet und gehofft.

»Ich würde dich sehr gern begleiten, wenn ich dir nicht im Wege bin«, sagte ich.

»Du würdest mir den größten Gefallen damit erweisen, lieber Watson, auch wäre es sicher keine Zeitverschwendung; der Fall enthält nämlich so interessante Einzelheiten, daß er wohl in seiner Art einzig dasteht. Wir können, glaube ich, gerade noch einen Zug erreichen, unterwegs will ich dann eingehender mit dir über die Sache reden. Bitte nimm auch deinen Feldstecher mit, wir brauchen ihn vielleicht.«

So saß ich denn etwa eine Stunde später in der Ecke eines Wagens erster Klasse, und während der Bahnzug mit uns nach Exter davonsauste, vergrub Sherlock Holmes sein scharfgeschnittenes, ausdrucksvolles Gesicht in einen Haufen neuer Zeitungen, die er sich am Zeitungsstand des Bahnhofs in Paddington gekauft hatte. Erst als Reading längst hinter uns lag, warf er die letzte Nummer unter den Sitz und holte seine Zigarrentasche heraus.

»Wir fahren rasch«, sagte er, nachdem er einen Blick aus dem Fenster geworfen und auf seine Uhr gesehen hatte, »unsere Fahrgeschwindigkeit beträgt augenblicklich dreiundachtzig und eine halbe Meile in der Stunde.«

»Ich habe mir nicht die Zeit genommen, die Meilensteine zu zählen.«

»Ich auch nicht«, erwiderte er. »Aber die Telegraphenstangen dieser Linie haben einen Abstand von sechzig Metern; da läßt sich’s leicht berechnen. Vermutlich ist dir die Ermordung John Strakers und das Verschwinden von Silberstrahl schon samt allen näheren Umständen bekannt?«

»Was ›Telegraph‹ und ›Chronicle‹ darüber mitteilen, habe ich gelesen.«

»Bei diesem Fall ist es für die Schlußfolgerung wichtiger, die vorhandenen Angaben genau zu untersuchen, als sich nach immer neuen Beweismitteln umzusehen. Das Trauerspiel ist so ungewöhnlicher Art und für eine große Anzahl Personen von solcher Tragweite, daß uns die Überfülle unbegründeter Annahmen, Mutmaßungen und Voraussetzungen zu verwirren droht. Da gilt es vor allem, die nackten Tatsachen, soweit sie unleugbar und bestimmt feststehen, von dem unnützen Beiwerk zu trennen, welches Berichterstatter und Theoretiker hinzugefügt haben. Erst wenn man eine sichere Grundlage gewonnen hat, wird man Schlüsse ziehen und die besonderen Punkte ins Auge fassen können, um welche sich das ganze Geheimnis dreht. Am Dienstag abend bin ich sowohl von Oberst Roß, dem Eigentümer des Pferdes, als auch von Polizeiinspektor Gregory, dem der Fall übergeben wurde, auf telegraphischem Wege um meine Mitarbeit gebeten worden.«

»Am Dienstag abend!« rief ich. »Und heute ist schon Donnerstag. Warum bist du denn nicht gestern hingefahren?«

»Weil ich mich in einem Irrtum befand, lieber Watson – was leider häufiger vorkommt, als die Leute glauben mögen, die mich aus deinen Aufzeichnungen kennen. Ich hielt es nämlich nicht für möglich, daß das berühmteste Rennpferd Englands lange verborgen bleiben könnte, noch dazu in einer so öden Gegend, wie der Norden von Dartmoor es ist. Von Stunde zu Stunde habe ich gestern auf die Nachricht gewartet, daß man sein Versteck entdeckt hat, und daß der Räuber des Pferdes zugleich John Strakers Mörder ist. Als aber die Zeitungen heute, außer der Festnahme des jungen Fitzroy Simpson, nichts Neues brachten, da fühlte ich wohl, daß etwas geschehen müsse und es für mich an der Zeit sei, tätig einzugreifen. Trotzdem halte ich auch den gestrigen Tag nicht gerade für verloren.«

»Also hast du dir schon eine Ansicht gebildet?«

»Wenigstens ist mir klar geworden, welches die wesentlichen Tatsachen sind. Ich werde sie dir aufzählen, denn es gibt kein besseres Mittel, Licht über einen Fall zu verbreiten, als wenn man ihn jemand auseinandersetzt; auch kann ich ja nur auf deine Mitwirkung rechnen, wenn ich dir zeige, welchen Standpunkt ich selbst einnehme.«

Ich lehnte mich nun in die Kissen zurück und rauchte meine Zigarre, während Holmes vornübergebeugt dasaß, einen kurzen Umriß der Ereignisse entwarf, welche uns zu der Reise veranlaßt hatten, und dabei mit dem langen, dünnen Zeigefinger auf der Fläche seiner linken Hand die verschiedenen Punkte beschrieb, die ihm wichtig erschienen.

»Silberstrahl«, sagte er, »ist ein Abkömmling des berühmten Isonomy, und seine Laufbahn war ebenso glänzend wie die seines großen Vorfahren. Das Pferd steht im fünften Jahr und hat seinem Besitzer, Oberst Roß, nacheinander bereits sämtliche Rennpreise eingebracht. Auch der Ehrenpreis von Wessex war ihm so gut wie gewiß; die Wetten verhielten sich wie drei zu eins. – Überhaupt ist Silberstrahl von jeher der bevorzugte Liebling des Rennpublikums gewesen und hat die auf ihn gesetzten Hoffnungen noch nie getäuscht; gelegentlich sind wahrhaft riesige Summen auf das Pferd gewettet worden. Hieraus ist leicht ersichtlich, daß eine ganze Anzahl Leute das stärkste Interesse daran haben mußten, sein Erscheinen auf dem Rennplatz am nächsten Dienstag zu verhindern.

Auch in Kings Pyland, wo Oberst Roß seinen Reitstall hat, war man sich dieser Tatsache wohl bewußt und traf umfassende Maßregeln zum Schutz des edlen Tieres. John Straker, ein früherer Jockey des Obersten, hatte bei allen Wettrennen dessen Farben getragen, bis sein Gewicht zu schwer wurde. Fünf Jahre ist er als Jockey und sieben Jahre als Stallmeister bei seinem Herrn gewesen und hat den Dienst stets mit Treue und Eifer versehen. Sein Amt war übrigens nicht sehr anstrengend, denn für die vier Pferde, die unter seiner Obhut standen, hatte er drei Stallknechte zur Verfügung. Einer pflegte immer die Nacht über im Stall zu wachen, während die beiden andern auf dem Heuboden schliefen. Alle drei standen in bestem Ruf und galten für sehr zuverlässig. Straker war verheiratet und wohnte in einem kleinen Landhaus, das kaum zweihundert Meter von den Stallgebäuden entfernt liegt; er hatte keine Kinder, hielt sich ein Hausmädchen und lebte in guten Verhältnissen. Die Gegend ist wohl einsam, doch hat ein Bauunternehmer aus Tavistock etwa eine halbe Meile nördlich ein kleines Villenviertel errichtet für Erholungsbedürftige und Sommerfrischler, die in der reinen Luft von Dartmoor Stärkung suchen. Der Ort Tavistock selbst liegt zwei Meilen nach Westen; jenseits des Moors befindet sich in gleicher Entfernung die große Pferdezüchterei von Mapleton, welche Lord Backwater gehört; der dortige Aufseher heißt Silas Brown. Nach jeder andern Richtung hin ist das Moor völlig verödet, es halten sich höchstens herumziehende Zigeuner darin auf.

Auch der letzte Montag verlief in Kings Pyland ruhig wie alle Tage. Nachdem die Pferde ihren gewöhnlichen Übungsritt gemacht hatten und getränkt worden waren, verschloß man um neun Uhr den Stall. Zwei von den Knechten begaben sich nach Strakers Haus, wo sie in der Küche zu Abend aßen, während Eduard Hunter, der dritte, als Wächter zurückblieb. Einige Minuten nach neun brachte ihm das Mädchen, Edith Baxter, sein Nachtessen, das in einem Teller voll Hammelragout bestand. Sie nahm kein Getränk mit, da der Stall eine Wasserleitung hatte und es als strenge Regel galt, daß der wachhabende Knecht nichts anderes trinken durfte als Wasser.

Edith Baxters Weg führte über das offene Moor, und da es ganz dunkel war, nahm sie eine Laterne mit. Als sie sich dem Stall bis auf etwa dreißig Meter genähert hatte, tauchte plötzlich aus der Finsternis ein Mann auf und rief sie an. Er trat in den Lichtkreis der Laterne, sie sah, daß er den besseren Ständen angehörte; er trug einen grauen Anzug aus leichtem Wollstoff, Gamaschen und eine Tuchmütze, in der Hand hielt er einen schweren Stock mit dickem Knauf. Was ihr am meisten auffiel, war jedoch die entsetzliche Blässe seines Gesichts und sein ängstliches Benehmen; nach ihrer Ansicht mochte er eher über als unter dreißig Jahre alt sein.

›Können Sie mir vielleicht sagen, wo ich bin?‹ fragte er. ›Ich hatte mich schon darein ergeben, die Nacht auf dem Moor zuzubringen, als ich das Licht Ihrer Laterne sah.‹

›Sie sind dicht bei den Stallgebäuden von Kings Pyland‹, versetzte sie.

›Wirklich! Nun, das nenne ich Glück haben!‹ rief er. ›Man hat mir gesagt, daß dort nur ein Stallknecht wohnt; vielleicht wollen Sie ihm eben sein Abendbrot bringen. Ich denke, Sie werden nicht zu stolz sein, um sich ein neues Kleid zu verdienen, nicht wahr? – Nun gut, wenn Sie dem Knecht noch heute abend dies hier zukommen lassen‹, er nahm ein kleines, zusammengefaltetes Papier aus der Westentasche, ›so sollen Sie das Geld zu einem hübschen Kleid von mir bekommen.‹

Die Magd erschrak, als er sein Anliegen so dringend vorbrachte, sie lief rasch an ihm vorbei nach dem Fenster hin, durch welches sie das Essen hineinzureichen pflegte. Es war schon geöffnet. Hunter saß drinnen an einem kleinen Tisch. Eben erzählte sie ihm, was ihr zugestoßen sei, als der Fremde selbst herzutrat.

›Guten Abend‹, sagte er, durch das Fenster blickend; ›ich möchte gern ein paar Worte mit Ihnen reden.‹ – Das Mädchen hat unter Eid versichert, daß sie, während er sprach, eine Ecke des weißen Papierpäckchens in seiner geschlossenen Hand bemerkte.

›Was haben Sie hier zu suchen?‹ fragte der Knecht.

›Etwas, wobei Sie ein gutes Stück Geld verdienen können‹, lautete die Antwort. ›Sie haben zwei Pferde hier, die für den Wessex-Preis rennen sollen – Silberstrahl und Bayard. Schenken Sie mir klaren Wein ein, und es soll nicht Ihr Schaden sein. Ist es wahr, daß Bayard dem andern beim Proberennen auf fünf Achtelmeilen hundert Meter Vorsprung abgewonnen hat, und daß das Stallpersonal auf ihn wetten will?‹

›Sie sind ein verdammter Schwindler!‹ rief Hunter. ›Warten Sie nur, ich zeige Ihnen gleich, wie wir solchem Pack in Kings Pyland mitspielen.‹ Er sprang auf und lief nach dem Stall hinüber, um den Hund loszuketten. Das Mädchen ergriff eilends die Flucht, blickte jedoch noch einmal zurück und sah, wie der Fremde sich zum Fenster hineinlehnte. Als Hunter gleich darauf mit dem Hund herausgestürzt kam, war jener verschwunden und keine Spur von ihm zu entdecken, obwohl der Stallknecht rings um das Haus herum nach ihm suchte.«

»Warte einen Augenblick«, unterbrach ich den Bericht meines Freundes; »hat der Stallknecht, als er mit dem Hunde herauskam, die Tür hinter sich offen gelassen?«

»Vortrefflich, Watson, vortrefflich«, murmelte Holmes. »Der Umstand schien auch mir von solcher Wichtigkeit, daß ich gestern eigens ein Telegramm nach Dartmoor sandte, um mir Gewißheit darüber zu verschaffen. Der Stallknecht hat aber die Tür zugeschlossen, als er hinausging, und das Fenster ist nicht groß genug, um einem Mann Einlaß zu gewähren.

Hunter wartete bis zur Rückkehr seiner beiden Kameraden und schickte dann seinem Herrn einen Bericht über den Vorfall. Straker war zwar sehr ärgerlich, doch scheint er sich nicht klar gemacht zu haben, was die Sache eigentlich zu bedeuten hatte. Eine unbestimmte Sorge quälte ihn indessen jedenfalls, denn als seine Frau um ein Uhr nachts aufwachte, sah sie, daß er im Begriff war, sich anzukleiden. Auf ihre Fragen erwiderte er, seine Unruhe um die Pferde lasse ihn nicht schlafen, er wolle im Stall nachsehen, ob alles in Ordnung sei. Sie hörte den Regen an die Scheiben klatschen und bat ihren Mann, daheim zu bleiben, aber es war vergebens; er zog seinen Gummimantel an und verließ das Haus.

Als Frau Straker um sieben Uhr erwachte, war ihr Mann noch nicht zurückgekehrt. Rasch kleidete sie sich an, rief das Mädchen und eilte nach den Ställen. Die Tür stand offen; drinnen saß Hunter auf einem Stuhl zusammengesunken und völlig betäubt; die Box, in der Silberstrahl gestanden, war leer und Straker nirgends zu finden.

Man weckte die beiden Stallknechte, die auf dem Heuboden über der Geschirrkammer schliefen. Sie hatten während der Nacht kein Geräusch gehört. Hunter mußte wohl ein starkes Schlafmittel erhalten haben und litt noch an den Folgen; da nichts Vernünftiges aus ihm herauszubringen war, ließ man ihn weiter schlafen. Frau Straker, die Magd und die beiden Knechte machten sich inzwischen auf, um nach dem Stallmeister zu suchen. Sie hegten noch die leise Hoffnung, er könne vielleicht mit dem Pferd einen Morgenritt gemacht haben, und wandten sich nach einer Anhöhe in der Nähe des Hauses, von der aus man das Moor ringsum überblicken kann. Von dem Rennpferd sahen sie nirgends eine Spur, aber nach John Straker brauchten sie nicht lange zu suchen. Etwa eine Viertelmeile von dem Stallgebäude entfernt hing sein Mantel an einem Ginsterbusch, und nicht weit davon, in einer muldenförmigen Vertiefung des Bodens, fand man seine Leiche. Der Schädel war ihm durch einen wuchtigen Schlag mit einem schweren Werkzeug zerschmettert worden, und am Schenkel hatte er eine lange Schnittwunde, die von einer scharfen Waffe herrühren mußte. Offenbar hatte sich Straker, so gut er konnte, gegen seine Angreifer verteidigt, denn in der rechten Hand hielt er ein kleines Messer, das über und über mit geronnenem Blut bedeckt war. Seine Linke aber umklammerte eine rot und schwarz gestreifte seidene Krawatte; eine solche hatte, nach Aussage der Magd, jener Fremde getragen, den sie am Abend zuvor beim Stall getroffen hatte.

Als Hunter aus seiner Betäubung erwachte, bezeugte auch er, daß der Fremde eine solche Krawatte getragen habe. Nach seiner Ansicht hatte ihm der Fremde das Schlafpulver vom Fenster aus in das Hammelragout geschüttet, damit der Stall unbewacht bleibe.

Was nun das fehlende Rennpferd betrifft, so fand man im Moorboden des Talkessels zahlreiche Beweise, daß es zur Zeit des Kampfes auch am Tatort gewesen sein muß. Aber seit jenem Morgen blieb es verschwunden, und obwohl eine hohe Belohnung ausgesetzt ist und alle Zigeuner von Dartmoor sich auf der Suche befinden, weiß niemand, wo es geblieben sein kann. Schließlich ist noch zu bemerken, daß eine beträchtliche Menge pulverisierten Opiums in den Resten des Nachtessens des Stallknechtes vorgefunden wurde, während die Leute im Hause an demselben Abend vom nämlichen Gericht gegessen haben, ohne nachteilige Folgen zu verspüren.

Das sind in kurzen Umrissen und mit möglichst geringen Abschweifungen die hauptsächlichsten Tatsachen, welche vorliegen. Nun will ich dir noch aufzählen, was für Maßregeln die Polizei getroffen hat.

Inspektor Gregory, der den Fall in Händen hat, ist ein außerordentlich fähiger Beamter. Er würde große Dinge in seinem Beruf leisten, wenn ihm nicht alle Einbildungskraft fehlte. Das erste, was er tat, war, den Mann ausfindig zu machen und festzunehmen, auf dem natürlich der größte Verdacht ruhte. Ihn zu finden, war nicht schwer, denn man kannte ihn in der ganzen Nachbarschaft. Sein Name ist Fitzroy Simpson, er stammt aus einer angesehenen, gebildeten Familie, hat sein Vermögen auf dem Rennplatz durchgebracht und erwirbt jetzt den standesgemäßen Lebensunterhalt durch eine anständige kleine Buchmacherei bei den Londoner Rennklubs. Eine Durchsicht seines Wettbuchs ergab, daß Wetten bis zum Betrage von 5000 Pfund gegen den Favoriten Silberstrahl durch ihn gebucht worden waren.

Bei seiner Verhaftung bekannte er freiwillig, er sei nach Dartmoor gekommen, um Erkundigungen über die Pferde in Kings Pyland einzuziehen und zugleich etwas Näheres über den zweiten Favoriten, Desborough, zu erfahren, der unter Silas Browns Aufsicht im Stall von Mapleton steht. Auch versuchte er nicht etwa sein Benehmen vom Abend zuvor abzuleugnen, erklärte jedoch, er hätte keinerlei böse Absicht gehabt, sondern nur den Wunsch, sich Nachricht aus erster Hand zu verschaffen. Als man ihm die Krawatte zeigte, erblaßte er sichtlich und war außerstande, anzugeben, auf welche Weise sie in die Hand des Ermordeten gelangt sein könne. Sein nasser Anzug trug deutliche Spuren, daß er in der Regennacht draußen gewesen war, und sein Stock, ein mit Blei beschwerter sogenannter Totschläger, war genau die Waffe, mit der die Verletzung hervorgebracht sein konnte, welcher der unglückliche Stallmeister erlegen war.

Dagegen hatte Simpson selbst keine Wunde am Körper, während doch, nach der Beschaffenheit von Strakers Messer zu urteilen, mindestens einer seiner Angreifer durch ihn gezeichnet worden war. – So, Watson, das ist, kurz zusammengefaßt, der ganze Sachverhalt, und wenn du mir nun vielleicht irgendeinen Hinweis geben kannst, tust du mir den größten Gefallen.«

Ich hatte den klaren Auseinandersetzungen meines Gefährten mit gespanntem Interesse zugehört; denn obgleich mir die Tatsachen größtenteils schon bekannt waren, ging mir doch erst jetzt ein Licht auf über ihren Zusammenhang und ihre eigentliche Bedeutung.

»Wäre es nicht möglich«, warf ich ein, »daß sich Straker bei den krampfhaften Zuckungen, welche mit jeder Verletzung des Gehirns verbunden zu sein pflegen, die Schnittwunde mit seinem eigenen Messer beigebracht hat?«

»Nicht nur möglich, sondern höchst wahrscheinlich«, versetzte Holmes. »In diesem Fall wird einer der Hauptpunkte hinfällig, welcher zugunsten des Angeklagten spricht.«

»Und doch«, erwiderte ich, »bin ich noch ganz im Dunkeln darüber, wie sich die Polizei die Sache vorstellt.«

»Ich fürchte, es werden sich gegen jede Theorie, die wir vorbringen könnten, gewichtige Einwendungen erheben«, sagte mein Gefährte. »Die Polizei ist, glaube ich, der Ansicht, daß Simpson, nachdem er dem Stallknecht das Schlafmittel verabreicht hatte, sich mittels eines Nachschlüssels, den er sich irgendwie zu verschaffen gewußt, in den Stall geschlichen hat, um das Pferd zu rauben. Er muß ihm auch den Zaum angelegt haben, da dieser sich nicht vorfindet. Während er nun, die Stalltür offen lassend, das Tier über das Moor davonführte, kam ihm Straker entgegen oder holte ihn ein. Natürlich entspann sich ein Kampf, bei dem Simpson seinen Gegner mit dem schweren Stock erschlug, ohne von ihm mit dem Messer verwundet zu werden, das Straker als Verteidigungswaffe gebrauchte. Hierauf gelang es dem Dieb, entweder das Pferd in ein geheimes Versteck zu bringen, oder es hat sich losgerissen und läuft nun in der Irre auf dem Moor umher. – So denkt sich die Polizei den Fall, und trotz vieler Unwahrscheinlichkeiten, auf die wir bei dieser Erklärung stoßen, ist sie noch die wahrscheinlichste von allen. Sobald ich an Ort und Stelle bin, werde ich der Sache übrigens besser auf den Grund sehen können, einstweilen müssen wir, wohl oder übel, auf dem Standpunkt stehen bleiben, den wir jetzt einnehmen.«

Erst gegen Abend kamen wir in dem Städtchen Tavistock an, das mitten in dem großen Rund von Dartmoor liegt, wie der Buckel an einem Schilde. Zwei Herren erwarteten uns am Bahnhof, der eine groß und blond, mit Haar und Bart wie eine Löwenmähne und scharfen, hellblauen Augen, der andere, ein kleiner beweglicher Mann im Überrock und Gamaschen, sehr geschniegelt und gebügelt, mit kurz geschnittenem Backenbart und eingekniffenem Augenglas. Dies war Oberst Roß, der wohlbekannte Sportsmann, jener aber Polizeiinspektor Gregory, der sich im Dienst der englischen Geheimpolizei rasch einen Namen gemacht hatte.

»Ich bin sehr froh, daß Sie gekommen sind, Herr Holmes«, sagte der Oberst. »Zwar hat der Inspektor alles nur Erdenkliche getan, aber ich möchte nichts unversucht lassen, um den Tod des armen Straker zu sühnen und wieder in den Besitz meines Pferdes zu gelangen.«

»Haben Sie irgend eine neue Spur entdeckt?« fragte Holmes.

»Leider sind wir nur wenig vorwärts gekommen«, entgegnete der Inspektor. »Draußen wartet ein Wagen auf uns«, fuhr er fort, »Sie werden gewiß den Schauplatz sehen wollen, ehe es dunkel wird, und wir können das Nähere während der Fahrt besprechen.«

Gleich darauf fuhren wir durch die Straßen des altertümlichen Städtchens. Inspektor Gregory hatte nichts als den Fall im Kopf und goß die ganze Flut seiner Betrachtungen über uns aus, während Holmes nur dann und wann eine Frage oder einen Ausruf dazwischen warf. Oberst Roß lehnte sich in den Sitz zurück, schlug die Arme unter, drückte seinen Hut tief ins Gesicht und lauschte eifrig dem Gespräch der beiden Männer. Gregorys Auffassung von der Sache stimmte fast genau mit dem überein, was mir Holmes im Zuge zum voraus berichtet hatte.

»Das Netz hat sich schon ziemlich dicht um Fitzroy Simpson zusammengezogen«, schloß der Inspektor, »und ich für meine Person zweifle nicht, daß er der Täter ist. Bei alledem muß ich jedoch zugeben, daß diese Annahme nur auf Indizienbeweisen beruht, die durch eine neue Enthüllung unhaltbar gemacht werden können.«

»Und wie steht’s mit Strakers Messer?«

»Wir sind zu dem sichern Schluß gelangt, daß er sich selbst verwundet hat, als er zu Boden fiel.«

»Mein Freund Watson hat sich bei unserer Herfahrt auch in diesem Sinne geäußert. Dadurch würde der Verdacht gegen Simpson bedeutend erhöht.«

»Natürlich, denn bei ihm hat man weder ein Messer noch Spuren einer Verletzung gefunden. Doch liegen auch andere sehr starke Beweise gegen ihn vor. Sein großes Interesse am Verschwinden des Renners, sein Versuch, den Stallknecht zu vergiften, der Umstand, daß er in der Regennacht draußen war, der schwere Stock, der ihm als Waffe diente, und die Krawatte in des Toten Hand liefern genug Verdachtsgründe, um ihn vor die Geschworenen zu bringen.«

Holmes schüttelte den Kopf. »Ein geschickter Anwalt würde dies ganze Gewebe in Fetzen reißen«, sagte er. »Warum brauchte er das Pferd aus dem Stalle zu führen? Hätte er ihm nicht ebensogut dort einen Schaden zufügen können? Hat man einen Nachschlüssel bei ihm gefunden? Welcher Apotheker hat ihm das Opiumpulver verkauft? Und vor allem – wo hätte ein Mensch, der in der Gegend fremd ist, ein solches Pferd verbergen können? – Wie lautet denn seine eigene Aussage über das Papier, welches das Mädchen dem Stallknecht geben sollte?«

»Er sagt, es sei eine Zehnpfundnote gewesen. Eine solche fand sich auch in seinem Geldbeutel, übrigens lassen sich Ihre andern Einwürfe samt und sonders entkräften. Die Umgegend ist ihm bekannt, da er im Sommer zweimal in Tavistock übernachtete. Das Opium kann er von London mitgebracht haben. Den Nachschlüssel hat er natürlich weggeworfen, sobald er ihn nicht mehr brauchte. Das Pferd liegt vielleicht irgendwo im Moor auf dem Grunde eines alten Schachts.«

»Was sagt er über die Krawatte?«

»Er gibt zu, daß sie ihm gehört, und behauptet, er habe sie verloren. Inzwischen ist ein neuer Verdacht aufgetaucht, der uns vielleicht eine Aufklärung bringt, weshalb Simpson das Pferd aus dem Stall geführt hat.«

Holmes horchte hoch auf.

»Wir haben Spuren gefunden, welche beweisen, daß eine Zigeunerbande am Montag abend eine Meile von der Mordstelle entfernt ihr Lager hatte. Am Dienstag früh war die Bande verschwunden. Kann nicht Simpson im Einvernehmen mit diesen Leuten gestanden haben und im Begriff gewesen sein, ihnen das Pferd zuzuführen, als er sich verfolgt sah? Vielleicht ist es noch in ihrem Besitz?«

»Unmöglich wäre das nicht.«

»Man durchstreift das Moor nach den Zigeunern. Auch habe ich jeden Stall und jedes Hintergebäude in Tavistock und zehn Meilen in der Runde untersuchen lassen.«

»Ich höre, daß noch ein Besitzer von Rennpferden seine Stallungen hier ganz in der Nähe hat.«

»Jawohl, und diesen Umstand dürfen wir nicht aus den Augen lassen. Da der Renner Desborough das zweite Pferd war, auf das gewettet wurde, hatten die Leute dort ein großes Interesse an dem Verschwinden des Favoriten. Silas Brown, der Stallmeister, soll hohe Wetten eingegangen sein, und er war dem armen Straker nicht wohlgesinnt. Übrigens haben wir die Ställe durchsucht und nichts gefunden, was mit der Angelegenheit zusammenhängt.«

»Auch kein Anzeichen, daß Simpson mit dem Stallmeister von Mapleton in irgendwelcher Verbindung steht?«

»Nicht das geringste.«

Holmes lehnte sich in den Wagen zurück, und die Unterhaltung stockte. Wenige Minuten später hielten sie vor einem hübschen kleinen Landhaus aus roten Ziegelsteinen mit vorspringendem Giebel, das dicht am Wege stand. In einiger Entfernung davon, jenseits einer Umfriedung, lag ein langes, mit grauem Schiefer gedecktes Gebäude. Nach allen anderen Richtungen dehnte sich, soweit das Auge reichte, der wellenförmige Boden des Moors aus, dem das welke Farnkraut eine Bronzefärbung verlieh. Nur die Kirchtürme von Tavistock und nach Westen zu eine Anzahl Häuser, die um die Stallungen von Mapleton herlagen, unterbrachen den einförmigen Horizont. Wir sprangen alle aus dem Wagen, Holmes allein lehnte noch in seiner Ecke; er starrte unverwandt ins Weite und schien ganz in Gedanken versunken. Als ich seinen Arm berührte, fuhr er heftig zusammen, raffte sich empor und stieg gleichfalls aus.

»Entschuldigen Sie«, sagte er zu Oberst Roß, der ihn verwundert ansah, »ich habe bei hellem Tage geträumt.« Aber ein gewisses Leuchten seiner Augen und die geheime Erregung in seinem ganzen Wesen überzeugten mich, der ich seine Art kannte, daß er dem Geheimnis auf der Spur sei, wiewohl ich keine Ahnung hatte, wo er den Schlüssel gefunden haben könne.

»Vielleicht möchten Sie gleich weiter fahren, Herr Holmes, um den Schauplatz des Verbrechens zu besichtigen?« fragte Gregory.

»Es wäre mir lieber, eine Weile hier zu bleiben, um erst noch über einige Einzelheiten ins klare zu kommen. Vermutlich ist Straker hierhergeschafft worden?«

»Ja, er liegt im oberen Stock. Morgen soll die Totenschau stattfinden.«

»Nicht wahr, er stand schon seit mehreren Jahren in Ihrem Dienst, Herr Oberst?«

»Ja, und ich war stets außerordentlich zufrieden mit ihm.«

»Sie haben gewiß ein Verzeichnis von den Gegenständen gemacht, die er zur Zeit seines Todes bei sich trug?«

»Die Sachen sind alle im Wohnzimmer verwahrt, Sie können sie dort in Augenschein nehmen.«

»Das wäre mir lieb.«

Wir traten nun in das vordere Zimmer und nahmen um den Tisch in der Mitte Platz, während der Inspektor einen viereckigen Blechkasten aufschloß und eine Anzahl Gegenstände herausnahm: eine Schachtel mit Wachskerzchen, zwei Stückchen Talglicht, einen halb gefüllten ledernen Tabaksbeutel, eine kurze Pfeife, eine silberne Uhr mit goldener Kette, einen Bleistifthalter von Aluminium, fünf goldene Sovereigns, verschiedene Papiere und ein Messer mit Elfenbeingriff, welches ›Weiß & Co. London‹ gezeichnet war und eine sehr biegsame, feine Klinge hatte. Holmes nahm es in die Hand und betrachtete es.

»Ein sonderbares Messer«, sagte er. »Nach den Blutflecken zu urteilen, ist es wohl dasselbe, welches man in des Toten Hand gefunden hat. Ich denke, auf diese Art Messer müßtest du dich eigentlich am besten von uns verstehen, Watson.«

»Es ist ein Messer, wie man es zu Staroperationen braucht«, antwortete ich.

»Ich dachte mir’s wohl, daß man eine so feine Klinge nur zu sehr heikler Arbeit benutzt. Wie sonderbar, daß er ein solches Messer bei dem nächtlichen Ausgang mitgenommen hat; es läßt sich nicht einmal zuklappen und in die Tasche stecken.«

»Die Spitze war durch eine Korkscheibe geschützt, die wir neben der Leiche fanden«, berichtete der Inspektor. »Frau Straker sagt, das Messer hätte schon seit ein paar Tagen auf dem Tisch im Schlafzimmer gelegen, und beim Hinausgehen habe ihr Mann es mitgenommen. Es war nur eine schwache Verteidigungswaffe, aber vielleicht die einzige, die er im Augenblick zur Hand hatte.«

»Wohl möglich. Und was für Papiere sind das?«

»Drei Quittungen von Händlern für geliefertes Heu; ein Brief von Oberst Roß mit Verhaltungsmaßregeln, ferner die Rechnung einer Schneiderin im Betrag von siebenunddreißig Pfund fünfzehn Schilling, von Madame Lesurier in Bondstreet für William Darbyshire ausgestellt. Frau Straker teilte mir mit, dieser Darbyshire sei ein Freund ihres Mannes gewesen, und zuweilen seien Briefe an ihn hierher adressiert worden.«

»Frau Darbyshire scheint etwas verschwenderischer Natur zu sein«, bemerkte Holmes, die einzelnen Beträge der Rechnung überfliegend. »Zweiundzwanzig Pfund ist eine hohe Summe für ein Straßenkostüm. – Nun habe ich hier wohl alles gesehen, und wir können uns an den Tatort selbst begeben.«

Als wir das Wohnzimmer verließen, trat eine Frau, die im Hausflur gewartet hatte, auf uns zu. Man sah es ihrem hagern, eingefallenen Gesicht und ihrer aufgeregten Miene an, daß sie erst kürzlich Entsetzliches erlebt hatte.

»Hat man sie gefunden und festgenommen?« stieß sie hastig hervor und legte ihre Hand auf den Arm des Inspektors.

»Nein, Frau Straker; aber Herr Holmes hier ist aus London gekommen, um uns zu helfen; wir werden alles Menschenmögliche tun.«

»Habe ich Sie nicht kürzlich bei einem Gartenfest in Plymouth gesehen, Frau Straker?« fragte Holmes.

»Nein, das muß ein Irrtum sein.«

»Wirklich? Ich hätte darauf schwören mögen; Sie trugen ein taubengraues Seidenkleid mit Straußenfedern besetzt.«

»Ein solches Kleid habe ich noch nie besessen«, erwiderte die Dame.

»So? – Dann habe ich mich freilich getäuscht. Entschuldigen Sie, bitte«, sagte Holmes und folgte dem Inspektor ins Freie.

Ein kurzer Weg über das Moor brachte uns nach der Talsenkung, wo der Getötete gefunden worden war. Am Rande der Senkung stand der Ginsterbusch, auf dem der Mantel gehangen hatte.

»Es ging in jener Nacht kein Wind, soviel ich weiß«, sagte Holmes.

»Nein, es regnete nur sehr stark.«

»Also ist der Mantel nicht in das Gebüsch geweht worden, sondern man hat ihn dort aufgehängt.«

»Ja, er war quer über den Busch gelegt.«

»Das ist mir von großem Interesse. Der Boden ist ringsherum ganz zertreten. Wahrscheinlich sind seit Montag nacht schon viele Leute hier gewesen.«

»Wir haben auf diese Seite eine Matte gelegt und standen darauf.«

»Ausgezeichnet!«

»In dem Sack hier habe ich einen von den Stiefeln, welche Straker angehabt hat, nebst einem Schuh von Simpson und ein Hufeisen von Silberstrahl.«

»Lieber Inspektor, Sie sind ganz unvergleichlich.«

Holmes nahm den Sack, stieg in die Talsenkung hinab und schob die Matte mehr nach der Mitte zu. Dann streckte er sich der Länge nach auf den Boden, stützte sein Kinn auf die Hände und begann den zertretenen Boden sorgfältig zu betrachten.

»Halt, was ist das?« rief er plötzlich.

Es war ein halb abgebranntes Wachskerzchen, aber so mit Schmutz überzogen, daß es kaum als solches zu erkennen war.

»Ich begreife nicht, wie ich das habe übersehen können«, sagte der Inspektor ärgerlich.

»Es war auch unsichtbar, ganz im Schlamm vergraben. Ich entdeckte es nur, weil ich danach suchte.«

»Was – Sie erwarteten, es zu finden?«

»Ich hielt es nicht für unwahrscheinlich.«

Holmes nahm jetzt den Schuh und den Stiefel aus dem Sack und verglich den Abdruck, welchen sie hinterließen, mit den Fußspuren auf dem Boden. Dann kletterte er an der Böschung hinauf und kroch unter den Farnkräutern und dem Gebüsch umher.

»Schwerlich werden noch andere Spuren vorhanden sein«, sagte der Inspektor. »Ich habe den Boden auf hundert Meter nach allen Richtungen hin sorgfältig untersucht.«

Holmes stand auf. »Wenn das der Fall ist«, meinte er, »so wäre es meinerseits mehr als überflüssig, wollte ich es noch einmal tun. Aber einen kleinen Gang über das Moor möchte ich doch machen, ehe es dunkel wird, damit ich morgen schon etwas Bescheid weiß. Auch möchte ich gern das Hufeisen in die Tasche stecken, das bringt Glück.«

Oberst Roß, der zuletzt nicht ohne deutliche Zeichen von Ungeduld der ruhigen und systematischen Arbeit meines Gefährten zugesehen hatte, zog jetzt die Uhr heraus.

»Es wäre mir lieb, wenn Sie mit mir zurückkämen, Herr Inspektor«, sagte er. »Ich möchte noch über verschiedene Punkte Ihren Rat hören; besonders frage ich mich, ob wir nicht dem Publikum gegenüber verpflichtet sind, den Namen des Pferdes aus der Wettbewerbsliste zu streichen.«

»Keinesfalls!« rief Holmes mit Entschiedenheit, »lassen Sie den Namen nur stehen!«

Der Oberst verbeugte sich. »Es freut mich sehr, daß Sie der Ansicht sind«, sagte er. »Sie werden uns im Haus des armen Straker finden, wenn Sie von Ihrem Gang zurückkommen, und wir fahren dann wieder zusammen nach Tavistock.«

Er kehrte in Begleitung des Inspektors um, während wir, Holmes und ich, langsam über das Moor schritten. Die Sonne begann eben hinter den Stallgebäuden von Mapleton zu sinken; über der weiten, abschüssigen Ebene vor uns lag ein goldener Schimmer ausgebreitet, der sich dort in ein sattes, prächtiges Rotbraun verwandelte, wo der Abendschein auf das dürre Farnkraut und das Dorngesträuch fiel. Aber die ganze landschaftliche Schönheit ging spurlos an meinem Gefährten vorüber, der tief in Gedanken versunken war.

»Es wird am besten sein, Watson«, sagte er endlich, »wir lassen die Frage, wer John Straker umgebracht hat, fürs erste ganz aus dem Spiel und beschränken uns darauf, zu ergründen, was aus dem Rennpferd geworden ist. Angenommen, es hätte sich vor oder nach dem Totschlag losgerissen, wohin könnte es gelaufen sein? – Das Pferd ist ein sehr geselliges Tier. Seinen eigenen Trieben überlassen, würde es entweder nach Kings Pyland zurückgekehrt oder nach Mapleton hinübergetrabt sein. Warum sollte es auf dem Moor in der Irre umherlaufen? Jedenfalls hätte man es dann schon aufgefunden. Auch daß die Zigeuner es gestohlen haben, ist unwahrscheinlich. Diese Leute machen sich immer aus dem Staube, wenn sie von einem Unfall hören, weil sie fürchten, durch die Polizei behelligt zu werden. Verkaufen könnten sie ein solches Pferd doch nicht; wenn sie es aber mit sich führten, würden sie sich nur einer großen Gefahr aussetzen und keinerlei Gewinn davon haben. Das liegt doch auf der Hand.«

»Wo soll es denn aber sein?«

»Wie ich dir schon gesagt habe – es muß nach Kings Pyland oder nach Mapleton gelaufen sein. In Kings Pyland ist es nicht, also ist es in Mapleton. Laß uns diese Annahme fürs erste festhalten und sehen, wohin uns das führt. Dieser Teil des Moors ist sehr hart und trocken, wie der Inspektor schon bemerkt hat. Aber nach Mapleton zu senkt sich der Boden, und der lange Hohlweg, den wir dort drüben sehen, muß Montag nacht ziemlich naß gewesen sein. Habe ich recht in meiner Vermutung, so ist das Pferd hinübergelaufen, und das ist auch die Stelle, wo wir nach seiner Spur suchen müssen.«

Wir waren während dieses Gesprächs rasch weitergegangen und hatten in wenigen Minuten den Hohlweg erreicht. Holmes bat mich, rechts am Abhang hinunter zu steigen, indessen er sich nach links wandte; noch war ich aber keine fünfzig Schritte weit, als ich seinen Zuruf vernahm und sah, daß er nur mit der Hand winkte. Die Spur des Pferdes war in dem weichen Boden deutlich erkennbar, und das Hufeisen, das er aus der Tasche zog, paßte genau in den Abdruck.

»Nun siehst du, welchen Wert die Einbildungskraft hat«, sagte Holmes. »Es ist das einzige, woran es Gregory fehlt. Wir haben uns vorgestellt, was geschehen sein könnte; wir handelten danach und fanden, daß wir uns nicht geirrt hatten. Komm, laß uns weitergehen.«

Wir schritten über den Marschboden, dann über eine Strecke harten dürren Rasens; hierauf senkte sich der Boden wieder, und wir fanden die Hufspuren. Zwar verloren wir sie abermals während einer halben Meile, entdeckten sie jedoch ganz dicht bei Mapleton von neuem. Holmes sah sie zuerst und zeigte mit triumphierendem Blick darauf hin. Die Fußspuren eines Mannes erschienen neben denen des Pferdes.

»Bisher war das Pferd allein«, rief ich.

»Jawohl, es war allein. Aber halt, was ist das?«

Die Doppelspur brach kurz ab und ging in der Richtung nach Kings Pyland weiter. Holmes pfiff vor sich hin, und wir verfolgten sie. Während er aber kein Auge davon verwandte, blickte ich ein wenig zur Seite und sah zu meiner Überraschung, daß dieselben Spuren in entgegengesetzter Richtung zurückkamen.

»Bravo Watson«, sagte Holmes, als ich ihn darauf aufmerksam machte, »du hast uns einen weiten Weg erspart, der uns wieder auf den alten Fleck zurückgebracht hätte. Folgen wir jetzt der Spur nach rückwärts.«

Wir brauchten nicht weit zu gehen. Sie endete bei dem Asphaltpflaster, das bis ans Tor der Stallungen von Mapleton führte. Als wir uns näherten, kam ein Stallknecht eilig heraus.

»Hier darf sich niemand herumtreiben«, rief er uns zu.

Holmes steckte Daumen und Zeigefinger in seine Westentasche. »Ich möchte mir nur eine Frage erlauben«, sagte er. »Könnte ich wohl Herrn Silas Brown schon morgen früh um fünf Uhr sprechen?«

»Warum nicht? Er steht immer zeitig auf und ist zuerst um den Weg. Aber fragen Sie den Herrn selbst, da kommt er eben. – Nein, nein, jetzt kann ich nichts nehmen; sobald er sieht, daß Sie mir Geld geben wollen, verliere ich meine Stelle. – Nachher, wenn’s Ihnen beliebt.« –

Gerade als Sherlock Holmes die halbe Krone, die er aus der Tasche geholt hatte, wieder einsteckte, kam ein grimmig dreinschauender älterer Mann, die Reitpeitsche schwingend, aus dem Tor.

»Was soll das heißen, Dawson?« schrie er. »Ich dulde kein Geschwätz! Geh an deine Arbeit! Und Sie – was zum Henker wollen Sie hier?«

»Eine Unterredung von zehn Minuten mit Ihnen, mein werter Herr«, sagte Holmes in verbindlichstem Ton.

»Ich habe keine Zeit, mich mit jedem Pflastertreter einzulassen. Fremde haben hier nichts zu suchen. Machen Sie, daß Sie fortkommen, sonst sollen die Hunde Ihnen Beine machen.«

Holmes beugte sich nieder und flüsterte dem Stallmeister etwas ins Ohr. Dieser schrak heftig zusammen und wurde rot bis an die Schläfen.

»Das ist nicht wahr«, schrie er. »Es ist eine verdammte Lüge.«

»Sehr wohl. Sollen wir hier draußen öffentlich darüber verhandeln oder drinnen in Ihrem Wohnzimmer?«

»Kommen Sie meinetwegen herein, wenn Sie wollen.«

Holmes lächelte. »Ich bin gleich wieder hier, du brauchst nur ein paar Minuten auf mich zu warten, Watson«, sagte er. »Nun stehe ich ganz zu Ihrer Verfügung, Herr Brown.«

Es vergingen wohl zwanzig Minuten; das Abendrot hatte bereits einer grauen Dämmerung Platz gemacht, als Holmes und der Stallmeister wieder erschienen. In der kurzen Zeit war mit Silas Brown eine Veränderung vorgegangen, wie ich das nie zuvor gesehen hatte. Sein Gesicht war aschbleich, Schweißtropfen standen ihm auf der Stirn, und er zitterte so heftig, daß die Reitpeitsche in seiner Hand hin und her schwankte, wie ein Zweig, den der Wind bewegt. Das herrische, unverschämte Wesen, das er zur Schau getragen, war völlig verschwunden; er begleitete meinen Gefährten mit kriechender Höflichkeit, wie ein Hund, der neben seinem Herrn herläuft.

»Ihre Anweisungen sollen befolgt werden; ich will alles pünktlich ausrichten«, sagte er.

»Es darf keinerlei Mißverständnis vorkommen, beherzigen Sie das wohl«, erwiderte Holmes, und der andere erschrak, als er seinem drohenden Blick begegnete.

»O nein, jeder Irrtum ist ausgeschlossen. Es wird zur Stelle sein. Soll ich erst die Veränderung vornehmen oder nicht?«

Holmes überlegte ein wenig und lachte dann hell auf. »Nein, tun Sie’s nicht«, sagte er. »Ich schreibe Ihnen noch darüber. Aber spielen Sie mir keinen Streich, sonst –«

»Oh, Sie können mir trauen; verlassen Sie sich fest auf mich.«

»Sie müssen an dem Tage dafür sorgen, als ob es Ihr eigenes wäre.«

»Das versteht sich.«

»Ich glaube, Sie werden Wort halten. Morgen sollen Sie noch von mir hören.« Er wandte sich ab, ohne zu beachten, daß der andere ihm zitternd die Hand bot, und wir machten uns wieder nach Kings Pyland auf den Weg.

»Ein solches Gemisch von Unverschämtheit, Feigheit und Hinterlist wie bei diesem Herrn Silas Brown ist mir noch selten begegnet«, äußerte Holmes, während wir zurückwanderten.

»Also, er hat das Pferd?«

»Er versuchte, es zu leugnen; aber ich habe ihm alles, was er an jenem Morgen getan hat, ganz genau beschrieben, und er ist überzeugt, daß ich ihn dabei beobachtet haben muß. Natürlich sind dir bei dem Abdruck der Stiefel die ungewöhnlich breiten Spitzen aufgefallen, und daß seine eigenen Stiefel genau dieselbe Form hatten. Wie sollte sich auch ein Untergebener so etwas herausnehmen! Er war, seiner Gewohnheit gemäß, der erste auf dem Platz gewesen, hatte ein fremdes Pferd bemerkt, welches über das Moor dahergetrabt kam, ging ihm entgegen und erkannte es mit Staunen an dem weißen Streifen vorn am Kopf, dem es seinen Namen verdankt. Der Zufall hatte ihm das einzige Pferd zugeführt, welches den Renner besiegen konnte, auf den er sein Geld gesetzt hatte. Das alles sagte ich ihm und schilderte ihm dann, wie sein erster Antrieb gewesen wäre, das Tier nach Kings Pyland zurückzuführen. Da habe ihm aber der Teufel den Gedanken eingegeben, auf welche Art er Silberstrahl verbergen könne, bis das Wettrennen vorüber wäre; worauf er wieder mit ihm umgekehrt sei, um ihn in Mapleton zu verstecken. Als ich ihm das alles haarklein auseinandersetzte, gab er das Leugnen auf und war nur noch bedacht, seine Haut zu retten.«

»Aber seine Ställe sind doch durchsucht worden.«

»Bah, ein alter Pferdehändler wie Brown versteht sich auf allerlei Kniffe.«

»Aber fürchtest du denn nicht, das Pferd in seiner Gewalt zu lassen, da er ein Interesse daran hat, ihm Schaden zuzufügen?«

»Er wird es hüten, wie seinen Augapfel, liebster Freund. Nur wenn er es gesund und heil zum Vorschein bringt, darf er auf Gnade hoffen.«

»Oberst Roß sieht mir nicht gerade aus wie jemand, der sehr geneigt wäre, Gnade für Recht gelten zu lassen.«

»Über die Sache hat auch der Oberst nicht zu entscheiden. Ich verfahre stets nach eigener Methode und teile den andern so viel oder so wenig mit, wie mir beliebt. Das ist der Vorteil, wenn man kein angestellter Beamter ist. Ich weiß nicht, ob du bemerkt hast, Watson, daß der Oberst mich etwas von oben herab behandelt, dafür will ich mir jetzt einen kleinen Spaß auf seine Kosten machen. Erwähne gegen ihn nichts von dem Pferd.«

»Gewiß nicht ohne deine Erlaubnis.«

»Das alles hat ja natürlich nur sehr geringe Bedeutung im Vergleich zu der Frage, wer John Straker getötet hat.«

»Das wirst du jetzt natürlich zu erforschen suchen!«

»Bewahre; wir kehren beide mit dem Nachtzug nach London zurück.«

Ich war bei diesen Worten meines Freundes wie vom Donner gerührt. Daß er eine Untersuchung, die er mit so glänzendem Erfolg begonnen hatte, wieder aufgeben wollte, nachdem wir uns kaum ein paar Stunden in Devonshire aufgehalten, schien mir ganz unbegreiflich. Doch konnte ich nichts mehr aus ihm herausbringen, bis wir wieder in Strakers Wohnung angekommen waren. Der Oberst und der Inspektor erwarteten uns im Besuchszimmer.

»Wir fahren mit dem Nachtschnellzug zur Stadt zurück, mein Freund und ich«, erklärte Holmes. »Ihre köstliche Luft hier hat uns bei dem kleinen Ausflug sehr wohl getan.«

Der Inspektor machte große Augen, und um den Mund des Obersten zuckte es spöttisch.

»Sie geben also die Hoffnung auf, den Mörder des armen Straker festzunehmen?« sagte er.

Holmes zuckte die Achseln. »Die Sache hat ihre großen Schwierigkeiten. Dagegen ist begründete Aussicht vorhanden, daß Ihr Pferd am nächsten Dienstag am Rennen teilnehmen wird. Halten Sie jedenfalls den Jockey in Bereitschaft. Jetzt möchte ich Sie nur noch um eine Photographie von John Straker bitten.«

Der Inspektor nahm das gewünschte Bild aus einem Umschlag, den er in der Tasche trug, und händigte es ihm ein.

»Mein lieber Gregory, Sie kommen immer meinem Verlangen zuvor. Seien Sie so freundlich, nur einen Augenblick zu warten, ich habe noch eine Frage an das Mädchen zu richten.«

»Ich muß gestehen, daß mich unser Londoner Berater gründlich enttäuscht hat«, sagte Oberst Roß ganz unumwunden, sobald mein Freund das Zimmer verlassen hatte. »Soviel ich sehe, sind wir um keinen Schritt weiter, als vor seiner Ankunft.«

»Wenigstens hat er Ihnen aber doch ziemlich bestimmt die Versicherung gegeben, daß Ihr Pferd das Rennen mitmachen wird.«

»Jawohl«, meinte der Oberst achselzuckend, »aber das kann jeder sagen.«

Ich wollte eben etwas erwidern und meinen Freund in Schutz nehmen, als er selbst eintrat.

»Nun, meine Herren«, sagte er, »bin ich zur Abfahrt bereit.«

Als wir das Haus verließen, öffnete uns einer der Stalljungen die Türe. Holmes fuhr ein plötzlicher Einfall durch den Kopf, er wandte sich um und berührte den Arm des Jungen.

»Ihr haltet doch ein paar Schafe im Pferch«, sagte er. »Wer besorgt denn ihre Pflege?«

»Ich, Herr.«

»Ist ihnen in letzter Zeit nichts Besonderes zugestoßen?«

»Nichts von Bedeutung; drei Schafe waren allerdings etwas lahm.«

Die Antwort schien Holmes große Freude zu machen, denn er lachte und rieb sich die Hände.

»Ein richtiger Treffer, Watson, ein Schuß ins Schwarze«, sagte er und kniff mich in den Arm. »Gregory, ich empfehle diese seltsame Krankheit unter den Schafen Ihrer Aufmerksamkeit. – Aber nun wollen wir abfahren.«

Im Gesicht des Obersten stand deutlich zu lesen, welch geringe Meinung er von der Kunst meines Gefährten hegte, aber des Inspektors Miene nahm einen sehr gespannten Ausdruck an.

»Halten Sie das für so wichtig?« fragte er.

»Für außerordentlich wichtig.«

»Könnten Sie mich nicht noch auf einen oder den andern Punkt aufmerksam machen?«

»Jawohl – auf das sonderbare Benehmen des Hundes während der Nacht.«

»Der Hund hat sich in der Nacht ganz ruhig verhalten.«

»Ja, darin bestand eben die Sonderbarkeit«, versetzte Sherlock Holmes.

Vier Tage später saßen Holmes und ich abermals im Zuge, um nach Winchester zu fahren, wo das Rennen um den Ehrenpreis von Wessex stattfinden sollte. Oberst Roß empfing uns verabredetermaßen am Bahnhof und nahm uns in seinem Wagen nach dem Rennplatz mit, der außerhalb der Stadt lag. Er machte eine sehr ernste Miene, und sein Wesen war schroff und kalt. »Ich habe mein Pferd nicht zu Gesicht bekommen«, sagte er.

»Vermutlich würden Sie es aber doch wiedererkennen, wenn Sie es sähen?« äußerte Holmes.

Der Oberst war sehr ärgerlich. »Seit zwanzig Jahren halte ich Rennpferde«, rief er, »aber eine solche Frage hat noch nie ein Mensch an mich gestellt! Jedes Kind würde doch Silberstrahl an seiner weißen Stirn und dem gesprenkelten rechten Vorderbein erkennen.«

»Wie steht’s mit den Wetten?«

»Sie sind in vollem Gange, und Silberstrahl steht mehr in Gunst als je.«

»Hm«, meinte Holmes, »irgend jemand muß das Publikum beruhigt haben, das ist klar.«

Als der Wagen innerhalb der Umzäunung am großen Halteplatz vorfuhr, warf ich einen Blick auf das Programm, welches die Namenliste enthielt. Es lautete:

Wessex-Preis, 50 Sovereigns, die Hälfte Reugeld
für 4 jähr. und 5 jähr. Pferde. Zusatzpreis 1000 Sovereigns.

Zweiter Preis 300 Pfund. Dritter Preis 200 Pfund. Distanz 2615 Meter.

1. Der Neger. Eigent. Herr Heath Newton (Mütze rot, Jacke zimmetfarben).

2. Gräfin Leah. Eigent. Oberst Wardlow (Mütze rosa, Jacke blau und schwarz).

3. Desborough. Eigent. Lord Backwater (Mütze und Ärmel gelb).

4. Silberstrahl. Eigent. Oberst Roß (Mütze schwarz, Jacke rot).

5. Iris. Eigent. Herzog von Balmoral (Mütze und Jacke schwarz und gelb gestreift).

6. Rasper. Eigent. Lord Singleford (Mütze lila, Ärmel schwarz).

»Wir haben unser zweites Pferd zurückgezogen und unsere ganze Hoffnung auf Ihr Wort gesetzt«, sagte der Oberst.

»Eben wird die Tafel mit den Nummern angehängt«, rief ich. »Alle sechs stehen darauf.«

»Alle sechs! Dann läuft also mein Pferd auch?« sagte der Oberst in großer Erregung. »Aber ich sehe es nicht. Meine Farben sind nicht dabei.«

»Bis jetzt sind nur fünf vorübergekommen. Dies hier muß es sein.«

Als ich diese Worte sprach, trabte gerade ein mächtiger Brauner von der Waage her an uns vorbei; der Jockey auf seinem Rücken trug des Obersten wohlbekannte Farben, die schwarze Mütze und rote Jacke.

»Das ist nicht mein Pferd!« rief der Besitzer des Silberstrahl. »Das Tier hat ja kein weißes Haar am Leibe. Was haben Sie da angerichtet, Herr Holmes?!«

»Lassen Sie uns doch erst sehen, was es zu leisten vermag«, sagte mein Freund mit unerschütterlicher Ruhe. Einige Minuten lang ließ er meinen Feldstecher nicht vom Auge. »Vortrefflich! Ein ausgezeichneter Start!« rief er plötzlich. »Da – jetzt kommen sie eben um die Biegung!«

Von unserem Wagen aus konnten wir die gerade Bahn ihrer ganzen Länge nach prächtig übersehen. Die sechs Pferde waren ganz nahe beisammen, man hätte sie alle mit einem einzigen Teppich bedecken können. Halbwegs kam jedoch der gelbe Jockey aus Mapleton an die Spitze. Aber noch ehe die Renner in unserer Nähe waren, hatte des Obersten Pferd den Desborough überholt; es schoß wie ein Pfeil dahin und erreichte das Ziel reichlich sechs Pferdelängen vor seinem Nebenbuhler. Die ›Iris‹ des Herzogs von Balmoral folgte als drittes in geringer Entfernung.

»Jedenfalls habe ich das Rennen gewonnen«, stieß der Oberst keuchend heraus und fuhr sich mit der Hand über die Stirn. »Aber kein Mensch kann klug daraus werden. Mir scheint doch, Herr Holmes, Sie haben Ihr Geheimnis nun lange genug für sich behalten.«

»Jawohl, Herr Oberst. Sie sollen alles wissen. Kommen Sie, wir wollen uns das Pferd zusammen betrachten. – Da ist es«, fuhr er fort, als wir die Umzäunung bei der Waage betraten, in die nur die Besitzer der Rennpferde und ihre Freunde Einlaß erhalten. »Sie brauchen ihm nur das Gesicht und das Vorderbein mit Spiritus zu waschen, dann haben Sie Ihren alten Silberstrahl unverändert wieder.«

»Ist das möglich?!«

»Ich fand ihn in den Händen eines Betrügers und nahm mir die Freiheit, ihn das Rennen so mitmachen zu lassen, wie er hierher geschickt worden war.«

»Mein bester Herr, Sie haben Wunder getan. Das Pferd ist in vortrefflichem Zustand. So gut ist es noch nie gelaufen. Ich muß mich tausendmal bei Ihnen entschuldigen wegen meiner Zweifel an Ihrem Können. Sie haben mir durch die Auffindung des Pferdes einen großen Dienst erwiesen. Noch lieber wäre es mir freilich, wenn Sie auch den Mörder des John Straker entdecken könnten.«

»Ist schon besorgt«, sagte Holmes mit größter Ruhe.

Wir starrten ihn beide mit offenem Munde an, der Oberst und ich. »Sie haben ihn festgenommen! Wo ist er denn?«

»Er ist hier.«

»Hier! Wo?«

»In meiner nächsten Nähe in diesem Augenblick.«

Der Oberst wurde rot vor Zorn. »Ich erkenne vollkommen an, daß ich Ihnen zu Dank verpflichtet bin, Herr Holmes«, sagte er, »aber, was Sie soeben sagen, kann ich nur als einen sehr schlechten Spaß oder eine Beleidigung ansehen.«

Sherlock Holmes lachte. »Ich glaube durchaus nicht, daß Sie auf irgend eine Weise an dem Verbrechen beteiligt sind, Herr Oberst«, sagte er; »der wahre Mörder steht unmittelbar hinter Ihnen.«

Er schritt an ihm vorbei und legte seine Hand auf den glänzenden Hals des Vollblutpferdes.

»Silberstrahl!« riefen der Oberst und ich wie aus einem Munde.

»Ja, das Pferd. Seine Schuld wird dadurch gemildert, daß es aus Notwehr gehandelt hat, und daß John Straker ein Ihres Vertrauens durchaus unwürdiger Mensch war. – Aber da tönt eben die Glocke; ich erwarte einen kleinen Gewinn beim nächsten Rennen und will daher meinen ausführlichen Bericht auf eine spätere Zeit verschieben.«

Als wir am Abend nach London zurückfuhren, hatten wir eine Ecke des Pullmanwagens ganz für uns. Vermutlich wird die Reise dem Obersten ebenso kurz vorgekommen sein wie mir, denn unterwegs erzählte uns mein Freund, was sich in jener Nacht im Stall von Dartmoor zugetragen hatte und auf welche Weise es ihm gelungen war, das Geheimnis zu enträtseln.

»Ich gestehe«, sagte er, »daß alle Schlüsse, die ich aus den Zeitungsberichten gefolgert hatte, ganz auf Irrtum beruhten. Und doch enthielten sie Andeutungen der Wahrheit, die nur durch verschiedene Einzelheiten verdunkelt wurde, welche mich von der Fährte ablenkten. Als ich nach Devonshire fuhr, war ich überzeugt, daß Fitzroy Simpson das Verbrechen begangen hätte, obwohl ich natürlich einsah, daß noch nicht genügende Beweismittel gegen ihn beigebracht waren.

Im Wagen, auf unserer Fahrt nach Strakers Hause, kam mir zum erstenmal der Gedanke, welche wichtige Rolle das Hammelragout bei der Sache gespielt hatte. Sie erinnern sich vielleicht, daß ich in meiner Zerstreutheit noch sitzen blieb, während alle schon ausgestiegen waren. Ich verwunderte mich gerade innerlich darüber, wie ich imstande sein konnte, eine so deutliche Spur zu übersehen.«

»Wozu sie nützen sollte, begreife ich auch jetzt noch nicht«, warf der Oberst ein.

»Es war das erste Glied in der Kette meiner Beweisführung. – Beim Opiumpulver ist Geruch und Geschmack nicht gerade unangenehm, aber doch entschieden bemerkbar. In den meisten Speisen würde man es gleich herausschmecken. Ein Hammelragout aber ist gerade ein Gericht, in dem ein solcher Beigeschmack schwer zu erkennen wäre. Wie sollte nun wohl Fitzroy Simpson, ein ganz fremder Mann, veranlaßt haben, daß an jenem Abend in Strakers Hause Hammelragout gegessen wurde? – Oder läßt sich annehmen, daß er gerade mit dem Pulver in der Tasche einhergegangen kam, als dort zufällig ein Gericht gekocht worden war, in dem man das Opium nicht schmecken konnte? – An ein so unglaubhaftes Zusammentreffen vermochte ich nicht zu glauben und schloß daher bei der Erwägung des Falles Simpson völlig aus, während ich meine ganze Aufmerksamkeit auf Straker und seine Frau richtete; denn diese beiden allein konnten das Hammelragout zum Abendessen bestellt haben. Das Opiumpulver war erst in die Portion des Stallknechts hineingeschüttet worden, nachdem sein Teller aufgeschöpft war, denn die anderen hatten ohne schädliche Folgen von dem Gericht gegessen. Wer hatte wohl Gelegenheit gehabt, das zu tun, ohne daß die Dienstmagd es bemerkte?

Noch bevor ich hierüber ins reine kam, war mir klar geworden, weshalb der Hund nicht angeschlagen hatte; denn eine richtige Schlußfolgerung leitet immer stets auf neue Spuren. Daß ein Hund im Stall gehalten wurde, bewies der Vorfall mit Simpson, und doch hatte er nicht laut genug gebellt, um die beiden Knechte auf dem Heuboden zu wecken, als jemand in den Stall kam und ein Pferd hinausführte. Offenbar mußte der nächtliche Besucher dem Hunde wohlbekannt gewesen sein.

Ich war jetzt so gut wie überzeugt, daß John Straker bei nachtschlafender Zeit in den Stall gegangen war, um den Silberstrahl herauszuholen. Aber zu welchem Zweck? – Gewiß in unredlicher Absicht, sonst hätte er nicht seinen eigenen Stallknecht zu betäuben brauchen. Aber unerklärlich blieb es mir fürs erste doch, bis mir einfiel, daß Pferdezüchter sich den Gewinn großer Summen sichern können, wenn sie einen Agenten beauftragen, gegen ihre eigenen Renner zu wetten, und es dann den Pferden durch irgend eine Hinterlist unmöglich machen, den Sieg zu erringen. Es waren Fälle vorgekommen, daß man den Jockey bestochen hatte, doch gab es auch noch ein anderes und unfehlbares Mittel. Was aber war hier geschehen? – Ich hoffte, der Inhalt von Strakers Taschen würde mir Aufklärung darüber geben und ich täuschte mich nicht.

Sie erinnern sich gewiß noch des seltsamen Messers, das man in des Toten Hand gefunden hat; kein Mensch, der bei Sinnen ist, hätte es als Waffe gewählt. Messer von solcher Form werden, wie uns Doktor Watson mitgeteilt hat, bei sehr schwierigen chirurgischen Operationen verwendet. Und zu einer derartigen Operation sollte es auch in jener Nacht dienen. Bei Ihrer großen Erfahrung in allem, was mit der Rennbahn zusammenhängt, werden Sie, Herr Oberst, ohne Zweifel wissen, daß man am Schenkel des Pferdes, unter der Haut, einen kleinen Einschnitt in die Sehnen machen kann, so daß äußerlich keine Spur zurückbleibt. Infolgedessen fängt das Pferd an, ein wenig lahm zu gehen, was gewöhnlich auf Überanstrengung geschoben wird oder auf einen leichten Anfall von Rheumatismus; ein Bubenstück vermutet niemand dahinter.«

»So ein Schuft!« schrie der Oberst.

Holmes fuhr fort: »Das liefert uns zugleich die Erklärung, weshalb John Straker das Pferd auf das Moor hinausgeführt hat. Ein so feuriges Tier würde sicherlich jeden aus dem festesten Schlaf geweckt haben, sobald es den Messerstich fühlte. Die Sache konnte nur im Freien vorgenommen werden.«

»Ich war wie mit Blindheit geschlagen«, rief der Oberst; »natürlich brauchte er ein Licht dazu und strich das Wachskerzchen an!«

»Ohne Frage. Bei der Untersuchung seiner Besitztümer war es mir übrigens gelungen, nicht nur die Art zu entdecken, wie er das Verbrechen begehen wollte, sondern auch seine Beweggründe. Auch Sie, Herr Oberst, werden wissen, daß man nicht die Rechnungen anderer Leute in der Tasche herumzutragen pflegt. Jeder hat gewöhnlich genug damit zu tun, seine eigenen zu bezahlen. Ich vermutete sofort, daß Straker ein Doppelleben führen und eine zweite Wohngelegenheit haben müsse. Aus der Rechnung selbst ersah ich, daß eine Dame dabei im Spiel war, die sehr teuere Bedürfnisse hat. Wie hoch auch das Gehalt Ihrer Angestellten sein mag, so glaube ich doch nicht, daß sie ihren Frauen Straßenkostüme für zweiundzwanzig Pfund kaufen können. Ich fragte Frau Straker nach dem Kleide, ohne daß sie meine Absicht merkte; und als ich mich überzeugt hatte, daß es nie in ihre Hände gelangt sei, schrieb ich mir die Adresse der Schneiderin auf. Daß ich mich nur mit Strakers Photographie bei ihr einzufinden brauchte, um den rätselhaften Herrn Darbyshire aus der Welt zu schaffen, dachte ich mir wohl.

Von da ab war alles sonnenklar. Straker hatte das Pferd in den Hohlweg geführt, wo man das Licht nicht sehen konnte. Unterwegs fand er Simpsons Krawatte, die dieser auf der Flucht verloren hatte, und hob sie auf, vermutlich in der Absicht, dem Pferd damit das Bein festzubinden. Im Hohlweg angelangt, trat er hinter das Pferd und machte Licht, aber der plötzliche grelle Schein erschreckte das Tier, welches wohl instinktmäßig fühlen mochte, daß irgend ein Unheil im Werke sei; es schlug aus und traf Straker mit dem Huf gerade auf die Stirn. Trotz des Regens hatte er schon den Mantel abgelegt, um sein schwieriges Vorhaben auszuführen; so kam es, daß er sich im Fallen mit dem Messer die Wunde am Schenkel beibrachte. – Ist Ihnen die Sache jetzt verständlich?«

»Vollkommen«, rief der Oberst, »Sie sind ein wunderbarer Mensch; es ist gerade, als wären Sie dabei gewesen.«

»Meinen letzten Pfeil habe ich so ziemlich ins Blaue geschossen. Es fuhr mir durch den Kopf, daß ein so schlauer Mensch wie Straker den mißlichen Sehnenschnitt gewiß nicht vornehmen würde, ohne sich erst etwas darin zu üben. Woran konnte er seine Versuche machen? Mein Blick fiel auf die Schafe, und aus der Antwort, die mir auf meine dahinzielende Frage wurde, ersah ich zu meiner Verwunderung, daß ich ganz richtig geraten hatte.«

»Ihr Scharfsinn ist wirklich staunenswert, Herr Holmes.«

»Bei meiner Rückkehr nach London suchte ich die Schneiderin auf. Sie erkannte Straker sofort nach dem Bilde als einen ausgezeichneten Kunden, namens Darbyshire, dessen schöne Frau, eine sehr auffallende Erscheinung, große Vorliebe für kostspielige Kleider habe. Ohne Zweifel hat ihn dies Weib über Hals und Kopf in Schulden gestürzt und ihn so auf den schändlichen Plan gebracht.«

»Nur eins haben Sie noch im Dunkeln gelassen«, sagte der Oberst. »Wo war denn das Pferd?«

»Es war durchgegangen, und einer Ihrer Nachbarn hat es in Pflege genommen. Nach dieser Richtung hin werden wir wohl Gnade für Recht ergehen lassen müssen. – Eben hält der Zug; ich glaube, wir sind jetzt in Clapham, und in zehn Minuten kommen wir nach der Viktoria-Station. Wenn Sie uns begleiten wollen, Herr Oberst, um bei mir zu Hause eine Zigarre zu rauchen, werde ich Ihnen mit Vergnügen noch alle übrigen Einzelheiten mitteilen, die Sie etwa zu wissen wünschen.«

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Das Landhaus in Hampshire

Das Landhaus in Hampshire

Lachend legte Holmes die letzte Nummer des »Telegraph« aus der Hand. Eine gute Zigarre – hm, das wäre auch für ihn jetzt kein schlechter Gedanke. Er angelte mit dem Fuß den Rauchtisch näher heran, schnupperte in den verschiedenen Kistchen herum und wählte endlich eine schwarze Brasil aus, die er mit Wohlgefallen zu rauchen begann.

Endlich kehrte Watson zurück. »Man kommt kaum vom Fleck vor Nebel«, sagte er.

»Nun – ging alles gut mit dem Kind?« erkundigte sich Holmes.

»Danke, besser als ich dachte. Es gab ein paar tüchtige Schrammen zu nähen, aber die Kleine hielt ganz tapfer stand.«

»Du warst so lange weg«, meinte Holmes.

»Ja, weißt du, ich habe mir dann den Mann gleich vorgeknöpft, der das Kind angefahren hat. Da war nämlich nicht mal ’n Stück Brot im Hause bei der Kleinen.«

»Und hattest du Erfolg?«

»Ja – man konnte ganz vernünftig mit ihm sprechen. Aber du, Holmes, womit hast du dir inzwischen die Zeit vertrieben?«

»Oh – mir war es durchaus nicht langweilig. Ich habe Zeitungsartikel gelesen – höchst interessante Artikel!«

Watson warf einen etwas verlegenen Blick auf die durcheinandergeratenen Nummern des »Telegraph«.

»Ja – so kommt alles ans Licht, mein lieber Watson«, sagte Holmes und zwinkerte lustig mit den Augen. »Aber du hast deine Sache nicht so übel gemacht. Vor allem hat es mir wirklich gefallen, daß du dabei nicht den alleinigen Wert auf die sensationellen Fälle gelegt hast, sondern dich auch der kleinen, wenn auch nicht alltäglichen Fälle angenommen hast. Denn sie sind es ja, die mir meist mehr Gelegenheit zu den streng folgerichtigen Beweisführungen und Schlüssen geben, die meine eigenste Spezialität bilden.«

»Und doch«, versetzte Watson, »kann ich mich selbst nicht ganz von dem Vorwurf der Sensationssucht freisprechen, der gegen meine Berichte schon erhoben worden ist.«

»Du hast vielleicht den Fehler gemacht«, fuhr Holmes fort, während er mit einem Stückchen glühender Kohle aus dem Kamin eine neue Zigarre anbrannte, »du hast vielleicht den Fehler gemacht, daß du dich bemüht hast, allen unseren Leistungen Farbe und Leben zu verleihen, statt dich auf die Darstellung meiner streng logischen Schlußfolgerungen von der Ursache auf die Wirkung zu beschränken, die in Wirklichkeit das einzig Bemerkenswerte an der ganzen Sache bilden.«

»Ich denke doch, ich habe dir dabei volle Gerechtigkeit angedeihen lassen«, entgegnete Watson etwas kühl, denn ihm war das starke Selbstgefühl zuwider, welches einen ziemlich ausgesprochenen Zug in Sherlock Holmes merkwürdigem Charakter bildete.

»Nein, es ist nicht Eigenliebe oder Einbildung von mir«, bemerkte Holmes darauf, indem er nach seiner Gewohnheit nicht allein Watsons Äußerung beantwortete, sondern zugleich auch das, was dieser sich dabei gedacht hatte. »Wenn ich volle Gerechtigkeit für meine Fähigkeiten verlange, so tue ich das, weil ich sie als etwas Unpersönliches – als etwas über mir Stehendes betrachte. Verbrechen kommen alle Tage vor, streng folgerichtiges Denken findet sich selten. Deshalb hättest du dich mehr bei dem letzteren aufhalten sollen. Statt einer Reihe belehrender Vorträge sind unter deiner Hand ganz gewöhnliche Geschichten entstanden.«

Watson stand auf und blickte zum Fenster hinaus. Noch immer wallte ein dicker Nebel zwischen den Häuserreihen.

»Sensationssucht«, fuhr Holmes nach einer langen Pause in seiner Vorlesung über Watsons schriftstellerische Mißgriffe fort, während er den Rauch seiner Zigarre in die Luft blies, »Sensationssucht wird man dir übrigens kaum zur Last legen können; handelt es sich doch bei einem guten Teil der Fälle, die du behandelt hast, gar nicht um Verbrechen im strengen Sinne des Wortes. Eher bist du vielleicht über dem Bestreben, dem Sensationellen aus dem Wege zu gehen, ins Alltägliche verfallen.«

»Dies läßt sich wohl manchmal von dem Ausgang sagen, die Methode aber, nach der die Behandlung der Fälle erfolgte, war stets eigenartig und interessant, dabei bleibe ich«, entgegnete Watson.

»Ach was, mein lieber Junge, was kümmert sich das Publikum, das große, oberflächliche Lesepublikum, um die feineren Schattierungen streng logischer Ableitung und Schlußfolgerung! Aber wahrhaftig, wenn deine Erzählungen trivial ausfallen, so kann man dir keinen Vorwurf daraus machen, denn die Tage der großen Fälle sind vorüber. Die Menschheit, oder zum wenigsten die Verbrecherwelt, hat alle Kühnheit und Originalität verloren. Meine eigene bescheidene Praxis befindet sich allem Anschein nach auf dem besten Wege, zu einem Fundbüro für verlorene Gegenstände und zu einer Auskunftsstelle für Schullehrerinnen herabzusinken. Schlimmer kann es übrigens jetzt wohl kaum mehr werden. Mit dieser Zuschrift, die ich heute früh erhielt, dürfte ich vermutlich beim Nullpunkt angelangt sein. Da, lies!« Damit warf Holmes mir einen ganz zerknitterten Brief hin. Er war den Abend vorher am Montague-Platz geschrieben und lautete:

Werter Herr Holmes!

Ich bin im Zweifel, ob ich eine mir angebotene Erzieherinnenstelle annehmen soll oder nicht, und möchte sehr gerne Ihren Rat in der Sache in Anspruch nehmen. Wenn ich Sie nicht störe, werde ich morgen vormittag um halb elf Uhr bei Ihnen vorsprechen.

Ihre ergebene

Violet Hunter.

»Kennst du die Schreiberin?« fragte Watson.

»Nein.«

Watson meinte: »Die Sache kann vielleicht interessanter ausfallen, als du denkst; du erinnerst dich doch der Geschichte mit dem blauen Karfunkel, die sich zuerst ganz wie eine Posse ausnahm und sich dann zu einem wichtigen Kriminalfall entwickelte. So kann es diesmal auch gehen.«

»Nun, wir wollen hoffen!« sagte Holmes. Dann trennten sie sich und gingen zur Ruhe.

Am nächsten Morgen, pünktlich zur angekündigten Stunde betrat die Schreiberin des Briefes das Haus. Es war ein junges Mädchen, einfach aber hübsch gekleidet, sie hatte ein frisches aufgewecktes Gesicht voll Sommersprossen und verriet durch ihr entschiedenes Auftreten, daß sie sich bis dahin allein hatte durch die Welt schlagen müssen.

»Sie nehmen mir doch nicht übel, daß ich Sie belästige?« begann sie, als Holmes sich erhob, um sie zu begrüßen; »aber es ist mir etwas sehr Sonderbares begegnet, und da ich keine Eltern oder sonstige Angehörige habe, die ich um Rat fragen könnte, so dachte ich, Sie wären vielleicht so freundlich, mir zu sagen, was ich tun soll.«

»Bitte, nehmen Sie Platz, Fräulein Hunter. Ich stehe Ihnen gerne in jeder Weise zu Diensten.«

Es war wohl zu sehen, daß Holmes sich von dem Wesen und der Ausdrucksweise seiner neuen Klientin angenehm berührt fühlte. Er ließ den Blick prüfend über sie hingleiten und setzte sich dann mit gesenkten Lidern und aneinandergelegten Fingerspitzen zurecht, um ihrer Geschichte zuzuhören.

»Ich war fünf Jahre lang Erzieherin in der Familie des Obersten Spence Munro«, begann sie. »Allein vor etwa zwei Monaten erhielt der Oberst einen Posten in Halifax in Neu-Schottland und nahm seine Kinder mit, so daß ich meine Stelle verlor. Längere Zeit suchte ich durch die Zeitungen nach einem passenden Platz, jedoch ohne Erfolg. Zuletzt begann die kleine Summe, die ich mir erspart hatte, auf die Neige zu gehen, und ich wußte mir nun nicht mehr zu helfen.

In dem bekannten Westawayschen Stellenvermittlungsbüro im Westend pflegte ich so ziemlich jede Woche einmal nachzufragen, ob sich nicht etwas für mich gezeigt habe. Als ich nun vorige Woche von der Inhaberin des Büros, Fräulein Stoper, in ihr Privatkontor gerufen wurde, fand ich einen Herrn an ihrer Seite sitzen. Er war von ungeheurer Körperfülle, und sein mächtiges Kinn fiel ihm in mehrfachen Falten auf die Brust herab; dabei hatte er sehr freundliche Züge und trug einen Zwicker auf der Nase, durch den er die eintretenden jungen Damen angelegentlich musterte.

Bei meinem Eintritt schnellte er förmlich von seinem Stuhl empor und wandte sich hastig zu Fräulein Stoper. ›Das ist die Rechte‹, sagte er, ›ich könnte gar nichts Besseres finden. Herrlich, herrlich!‹ Er schien ganz entzückt, rieb sich die Hände vor Vergnügen und machte einen solchen Eindruck von Wohlbehagen, daß es eine wahre Freude war, ihn anzuschauen.

›Sie wollen sich nach einer Stelle umsehen, Fräulein?‹ redete er mich an.

›Jawohl.‹

›Als Erzieherin?‹

›Ja.‹

›Und welches sind Ihre Gehaltsansprüche?‹

›In meiner letzten Stelle, bei Oberst Munro, hatte ich vier Pfund monatlich.‹

›Oh, ho, ho! Eine wahrhaft schlechte Bezahlung!‹ rief er, mit seinen fetten Händen in der Luft herumfahrend, als befände er sich in höchster Aufregung. ›Wie kann man nur einer Dame von so hervorragenden Eigenschaften und Leistungen eine so lächerliche Summe bieten!‹

›Meine Leistungen sind doch vielleicht nicht so bedeutend, als Sie glauben‹, bemerkte ich. ›Etwas Französisch, etwas Deutsch, Musik und Zeichnen.‹ –

›Ach, das kommt bei mir alles nicht in Frage‹, rief er. ›Ob Sie Erscheinung und Benehmen einer Dame von Stand haben oder nicht, darauf allein kommt es an. Ist dies nicht der Fall, so eignen Sie sich nicht zur Erziehung eines Kindes, dem eines Tages vielleicht eine wichtige Rolle in der Geschichte des Landes zufallen wird. Trifft es aber zu, wie konnte Ihnen dann ein anständiger Mann zumuten, sich mit weniger als hundert Pfund zu begnügen? Bei mir würde Ihr Gehalt mit diesem Betrage beginnen.‹

Sie können sich vorstellen, Herr Holmes, daß mir in meiner bedrängten Lage dies Angebot so verlockend erschien, daß ich kaum meinen Ohren traute. Der Herr jedoch, der vielleicht den ungläubigen Ausdruck auf meinem Gesicht bemerkte, nahm nun eine Banknote aus seiner Brieftasche.

›Es ist außerdem meine Gewohnheit‹, fuhr er fort und verzog dabei sein Gesicht zu einem so liebenswürdigen Lächeln, daß seine Augen nur noch wie zwei glänzende Streifen zwischen den sie umgebenden Falten hervorblitzten, ›meinen jungen Damen die Hälfte ihres Gehaltes im voraus einzuhändigen, damit ihnen die kleinen Auslagen für die Reise und für ihre Garderobe nicht schwer fallen.‹

Eine derartige Liebenswürdigkeit und Rücksicht war mir, soweit ich mich erinnern konnte, in meinem ganzen Leben noch nirgends vorgekommen. Da ich bereits Schulden bei meinen Bekannten hatte, so kam mir der Vorschuß sehr gelegen; aber trotzdem lag etwas Unnatürliches in dem ganzen Handel, das in mir den Wunsch erweckte, noch einiges Nähere zu erfahren, ehe ich mich völlig band.

›Darf ich fragen, wo Sie wohnen?‹ fragte ich.

›Hampshire – Copper Beeches; reizender Landsitz fünf Meilen hinter Winchester. Sie können sich keine anmutigere Gegend, keinen netteren Wohnsitz denken, mein liebes Fräulein.‹

›Und worin würde meine Arbeit in Ihrem Hause bestehen? Darüber möchte ich doch auch gerne etwas erfahren.‹

›Es handelt sich um ein einziges Kind, es ist ein kleiner, lieber Bengel von genau sechs Jahren. Wenn Sie sehen könnten, wie er Schwaben und andere Käfer mit dem Pantoffel totschlägt! Klatsch, klatsch! geht es, und im Nu sind sie kaput.‹ Dabei lehnte er sich in den Stuhl zurück und lachte wieder, daß seine Augen völlig verschwanden.

Ich war nicht wenig verdutzt über den eigentümlichen Zeitvertreib des Kindes, allein da dessen Vater so darüber lachte, dachte ich, er mache vielleicht Scherz.

›Meine einzige Aufgabe wäre also‹, fragte ich weiter, ›für das eine Kind zu sorgen?‹

›Nein, nein, das ist nicht alles!‹ rief er. ›Sie wären außerdem verpflichtet, was Sie ja gewiß als selbstverständlich betrachten würden, den Weisungen von seiten meiner Frau nachzukommen, vorausgesetzt natürlich, daß sich das alles im Rahmen dessen hält, was man von einer gebildeten jungen Dame erwarten kann. Dagegen haben Sie doch kein Bedenken, wie?‹

›Es wird mir ein Vergnügen sein, mich nützlich machen zu können.‹

›Nun, ja, dann wollte ich noch mit Ihnen wegen der Kleidung sprechen. Wir sind wunderliche Leute, wissen Sie – wunderlich, aber gutmütig. Falls wir von Ihnen verlangten, ein Kleid von uns anzuziehen, so würden Sie keinen Einwand gegen diesen kleinen Wunsch erheben, nicht wahr?‹

›Nein‹, erwiderte ich, ziemlich erstaunt über diese Äußerung.

›Oder sich dahin und dorthin zu setzen – daran würden Sie doch keinen Anstoß nehmen?‹

›O nein.‹

›Oder vor Ihrem Eintritt bei uns Ihr Haar ganz kurz abzuscheiden?‹

Ich traute meinen Ohren kaum. Wie Sie vielleicht bemerken, Herr Holmes, ist mein Haar sehr stark und hat eine ganz besondere kastanienbraune Färbung, die schon oft Beachtung gefunden hat. Es fiel mir deshalb nicht ein, es so kurzer Hand einfach zu opfern.

›Ich bedaure, aber das geht nicht‹, erwiderte ich. Er hatte seine kleinen Augen voll gespannter Erwartung auf mich geheftet, und ich sah, wie bei meiner Antwort ein Schatten über seine Züge flog.

›Leider ist dieser Punkt ganz wesentlich‹ sagte er. ›Es ist das eine kleine Grille von meiner Frau, und auf weibliche Grillen muß man Rücksicht nehmen, wissen Sie, Fräulein. Also, Sie wollen Ihr Haar wirklich nicht abschneiden?‹

›Nein, dazu könnte ich mich unmöglich entschließen‹, antwortete ich fest.

›So, dann muß ich leider verzichten. Es ist schade, denn Sie würden sonst wirklich sehr hübsch gepaßt haben. Unter diesen Umständen, Fräulein Stoper, möchte ich gerne noch ein paar von Ihren jungen Damen sehen.‹

Die Vermittlerin hatte sich die ganze Zeit über mit ihren Papieren zu schaffen gemacht, ohne an eines von uns beiden ein Wort zu richten, allein nun warf sie mir einen so unfreundlichen Blick zu, daß ich nicht anders annehmen konnte, als ich habe sie durch meine abschlägige Antwort um eine recht gute Vermittlungsgebühr gebracht.

›Wünschen Sie noch länger vorgemerkt zu bleiben?‹ fragte sie mich.

›Bitte, ja, Fräulein Stoper.‹

›Nun, das wird wohl keinen großen Wert haben, da Sie die besten Angebote in dieser Weise ausschlagen. Sie können doch kaum von uns erwarten, daß wir uns noch viele Mühe geben werden, Ihnen nochmals eine solche Gelegenheit zu verschaffen. Guten Tag, Fräulein Hunter.‹ Damit war ich verabschiedet.

Als ich nun wieder zu Hause war, Herr Holmes, und dort nichts vorfand als ein paar Rechnungen auf dem Tisch, die ich nicht bezahlen konnte, da begann ich mir doch die Frage vorzulegen, ob ich nicht einen dummen Streich gemacht hätte. Denn schließlich, wenn diese Leute absonderliche Launen hatten und höchst merkwürdige Dinge von einem verlangten, so zahlten sie auch gehörig dafür. Hundert Pfund im Jahre verdienen nur sehr wenige Erzieherinnen in England. Und dann, was nützten mir meine Haare? Es gibt viele, denen sie kurz geschnitten besser stehen; vielleicht gehöre ich auch zu dieser Zahl. Am nächsten Tage neigte ich bereits sehr der Auffassung zu, daß ich einen Fehler begangen hätte, und am dritten war ich fest davon überzeugt. Ich hatte meinen Stolz schon beinahe so weit überwunden, daß ich nochmals auf dem Büro nachfragen wollte, ob die Stelle noch offen sei, als ich von dem Herrn selbst diesen Brief hier erhielt. Ich will ihn vorlesen:

The Copper Beeches bei Winchester.

Wertes Fräulein!

Fräulein Stoper war so freundlich, mir Ihre Adresse zu geben; ich schreibe Ihnen deshalb von hier aus, um bei Ihnen anzufragen, ob Sie sich Ihren Entschluß noch einmal überlegt haben Meine Frau wünscht sehr, daß Sie bei uns eintreten; sie ist ganz entzückt von der Schilderung, die ich ihr von Ihnen gemacht habe. Wir sind bereit, 30 Pfund das Vierteljahr, also jährlich 120 Pfund zu geben, um Sie für alle Unannehmlichkeiten, die Ihnen etwa aus unseren Grillen erwachsen könnten, schadlos zu halten. Im Grunde wollen diese letzteren übrigens gar nicht so viel bedeuten. Meine Frau hat eine Vorliebe für eine ganz bestimmte Schattierung von bleu électrique und wünscht deshalb, daß Sie morgens im Hause ein Kleid von dieser Farbe tragen. Sie brauchen sich jedoch ein solches nicht anzuschaffen, da wir selbst eines besitzen, das meiner zur Zeit in Philadelphia befindlichen lieben Tochter gehörte, und das Ihnen vermutlich vollkommen passen wird. Unsere besonderen Wünsche wegen des Ortes, wo Sie sich hinsetzen, oder wegen der Art, wie Sie sich die Zeit vertreiben sollen, werden Ihnen keinerlei Unannehmlichkeiten verursachen. Was Ihr Haar betrifft, so ist es schade darum; mir selbst ist während unseres kurzen Zusammenseins dessen Schönheit aufgefallen, allein leider muß ich auf diesem Punkte unwiderruflich beharren und will nur hoffen, daß Sie in der Erhöhung Ihres Gehalts einen Ersatz für den Verlust finden. Ihre Pflichten bei dem Kinde sind nicht schwer. Also machen Sie den Versuch; ich werde Sie von Winchester in meinem Wagen abholen. Lassen Sie mich wissen, mit welchem Zuge Sie eintreffen.

Ihr ergebener

Jephro Rucastle.

Dies ist der Brief, und ich bin entschlossen, die Stelle anzunehmen. Ehe ich jedoch den entscheidenden Schritt tue, wollte ich gerne die ganze Angelegenheit noch Ihrer Erwägung unterbreiten.«

»Wenn Sie sich bereits entschlossen haben, Fräulein Hunter, so ist die Frage ja schon entschieden«, meinte Holmes lächelnd.

»Sind Sie denn der Ansicht, ich sollte lieber abschreiben?«

»Hätte eine Schwester von mir Aussicht auf diese Stelle, so wäre mir dies nicht gerade erwünscht, das muß ich gestehen.«

»Wie soll man sich nur alles erklären, Herr Holmes?«

»Ohne nähere Anhaltspunkte möchte ich keine Vermutung aussprechen. Vielleicht haben Sie sich selbst eine Ansicht darüber gebildet?«

»Ich kann mir nur eine einzige Erklärung dafür denken. Herr Rucastle machte einen sehr freundlichen, gutmütigen Eindruck. Wäre es nicht möglich, daß seine Frau verrückt ist, und daß er dies geheim zu halten sucht, damit sie nicht etwa in eine Anstalt verbracht wird, und daß er ihren tollen Launen in jeder Weise entgegenkommt, um einem Ausbruch vorzubeugen?«

»Diese Erklärung hat, wie die Sache liegt, in der Tat am meisten für sich. So viel ist jedenfalls sicher, daß eine solche Häuslichkeit nichts Anziehendes für eine junge Dame hat.«

»Aber das Gehalt, Herr Holmes, das Gehalt!«

»Nun ja, freilich, die Bezahlung ist gut – zu gut; das ist es gerade, was mir nicht behagen will. Warum bezahlt man Ihnen 120 Pfund im Jahr, während unter gewöhnlichen Verhältnissen 40 Pfund vollauf genügen? Dahinter muß ein ganz gewichtiger Grund stecken.«

»Ich dachte, es wäre gut, Sie in die Verhältnisse einzuweihen, damit Sie wissen, um was es sich handelt, falls ich später einmal Ihrer Hilfe bedürfen sollte. Das Bewußtsein, daß Sie hinter mir stehen, würde mir viel mehr Mut verleihen.«

»Nun, dieses Bewußtsein dürfen Sie getrost mitnehmen. Ich versichere Ihnen, daß Ihr kleines Problem das interessanteste zu werden verspricht, das mir seit mehreren Monaten vorgekommen ist. Es bietet einige Züge ganz besonderer, überraschender Art. Sollten Sie sich je einmal in Zweifel oder in Gefahr befinden –«

»Gefahr? – Was für eine Gefahr denken Sie sich als möglich?«

Holmes schüttelte ernst den Kopf. »Könnten wir uns darüber bestimmt aussprechen, so wäre es ja keine Gefahr mehr. Doch es bedarf nur eines Telegramms, und ich werde zu jeder Tages- oder Nachtstunde zu Ihrem Beistand bereit sein.«

»Das genügt.« Damit erhob sie sich frisch und munter, und ihre Züge zeigten keine Spur von Ängstlichkeit mehr. »Nun gehe ich ganz guten Mutes meiner neuen Bestimmung entgegen. Ich werde Herrn Rucastle unverzüglich schreiben, mein Haar heute abend opfern und morgen nach Winchester fahren.«

»Die junge Dame scheint mir Manns genug zu sein, sich selbst zu beschützen«, bemerkte Watson, als ihre raschen, festen Schritte auf der Treppe verklangen.

»Sie wird es wohl auch tun müssen«, erwiderte Holmes ernst; »wenn ich mich nicht sehr täusche, werden wir schon in wenigen Tagen Nachricht von ihr erhalten.«

Es dauerte auch gar nicht lange, so ging seine Vorhersagung in Erfüllung. Während der nächsten vierzehn Tage ertappte Watson häufig seine Gedanken auf der Wanderung zu dem alleinstehenden Mädchen, das vom Schicksal auf einen so rätselhaften Irrweg verschlagen worden war. Das ungewöhnlich hohe Gehalt, die sonderbaren Bedingungen, die leichten Obliegenheiten – dies alles war ganz gegen die Regel, und doch konnte er schlechterdings nicht mit sich darüber ins reine kommen, ob es sich dabei nur um eine verrückte Laune oder um einen verbrecherischen Zweck handelte, und ob der Mann ein philanthropischer Schwärmer oder ein Schurke war. Holmes saß oft eine halbe Stunde lang mit gerunzelten Brauen in tiefes Nachdenken versunken da; fing Watson jedoch von der Sache an, so winkte er immer ab. »Tatsachen, Tatsachen!« rief er ungeduldig aus. »Ich muß doch vor allem festen Grund unter den Füßen haben.« Wenn er sich aber dann erhob, machte er jedesmal die Bemerkung, seiner eigenen Schwester würde er niemals gestattet haben, eine derartige Stelle anzunehmen. Das erwartete Telegramm traf eines Abends spät ein, als Watson eben im Begriffe war, sich zurückzuziehen, und Holmes sich anschickte, seine geliebten chemischen Untersuchungen anzustellen, die ihn die ganze Nacht festhielten; hatte Watson ihn doch schon oft abends über seine Gefäße und Gläser gebeugt verlassen und ihn am nächsten Morgen zur Frühstücksstunde noch in derselben Stellung getroffen. Er riß den gelben Umschlag auf, überflog den Inhalt der Depesche, und dann reichte er sie dem Freund.

»Sieh gleich die Züge im Kursbuch nach«, sagte er dabei, indem er sich wieder seiner Beschäftigung zuwandte. Es war eine kurze, dringende Aufforderung. Sie lautete:

Kommen Sie, bitte, morgen mittag in den »Schwarzen Schwan« in Winchester. Kommen Sie ganz bestimmt, ich weiß nicht mehr aus noch ein.

Hunter.

»Willst du mich begleiten?« fragte Holmes aufschauend.

»Ja, gerne«, antwortete Watson.

»Dann sieh nur gleich nach.«

»Ein Zug um halb zehn Uhr«, sagte der Doktor, in sein Kursbuch blickend, »trifft in Winchester um halb zwölf Uhr ein.«

»Das paßt ja ganz gut. Dann will ich meine Untersuchung hier lieber auf sich beruhen lassen, denn wir müssen morgen früh frisch und munter sein.«

Am nächsten Vormittag befanden sie sich gegen elf Uhr nicht mehr weit vom Ziele der Fahrt. Holmes hatte sich während der ganzen Zeit in die Morgenblätter vergraben. Als sie jedoch auf dem Gebiet von Hampshire angelangt waren, warf er sie beiseite, um die schöne Gegend anzusehen. Es war ein wundervoller Frühlingstag, am lichtblauen Himmel flogen weiße Federwölkchen hin, und bei dem hellen Sonnenschein lag in der Luft etwas herrlich Erfrischendes. Rings in der Runde bis zu den fernen Hügeln von Aldershot blickten überall die roten und grauen Dächer der Gehöfte aus dem zarten jungen Grün hervor.

»Wie frisch und hübsch diese Häuschen daliegen!« rief Watson mit der Begeisterung eines Menschen, der eben erst die Nebeldünste Londons hinter sich gelassen hatte.

Doch Holmes schüttelte ernst den Kopf. »Weißt du, Watson«, meinte er, »das gehört mit zu den Schattenseiten meiner Geistesanlage, daß ich immer alles unter dem Gesichtspunkte des Falles ansehen muß, der mich gerade beschäftigt. Du hast beim Anblick dieser zerstreuten Behausungen nur die Empfindung ihrer Schönheit. Ich dagegen muß immer daran denken, wie einsam sie liegen und wie leicht sich darin ein Verbrechen begehen läßt, das seiner Strafe entgeht.«

»Liebe Zeit!« rief Watson aus, »wer möchte bei diesen netten alten Heimstätten an Verbrechen denken?«

»Mich erfüllen sie stets mit einem gewissen Schauder. Nach meinen Erfahrungen bin ich fest überzeugt: die verrufensten Gassen Londons liefern keine so reiche Ausbeute an Missetaten als dieses lachende Gelände hier.«

»Das klingt ja ganz entsetzlich!«

»Und doch liegt der Grund sehr nahe. In der großen Welt tritt die öffentliche Meinung ergänzend ein, wo die Macht des Gesetzes nicht ausreicht. Da gibt es keine noch so elende Gasse, wo der Schmerzensschrei eines gequälten Kindes oder die rohe Gewalttat eines Trunkenbolds nicht Mitleid und Empörung bei den Nachbarn erweckte, auch sind sämtliche Werkzeuge der Rechtspflege jederzeit so bei der Hand, daß ein Wort der Klage hinreicht, um sie in Bewegung zu setzen, und es ist nur ein Schritt vom Verbrechen zum Gefängnis. Betrachte dagegen diese einsamen Häuser, umgeben von eigenem Grund und Boden, bewohnt von armem, unwissendem Volk, das Gesetz und Recht kaum von ferne kennt. Stelle dir die Taten höllischer Grausamkeit, heimlicher Verruchtheit vor, die sich vielleicht jahraus jahrein an solchen Stätten abspielen, ohne daß eine Seele es ahnt. Wäre die Familie, bei der unsere Schutzbefohlene einzutreten hatte, in Winchester, ich würde mir niemals Sorgen um sie gemacht haben; daß sie fünf Meilen von dort entfernt auf dem Lande wohnt, darin liegt die Gefahr. Und doch ist sie selbst offenbar persönlich nicht bedroht.«

»Nein, wenn sie uns nach Winchester entgegenkommen kann, so darf sie ja ihren Aufenthaltsort ungehindert verlassen.«

»Gewiß. Ihre Freiheit ist ihr nicht genommen.«

»Was kann aber nur dahinter stecken? Weißt du denn gar keine Erklärung dafür?«

»Ich habe mir sieben verschiedene Erklärungen ausgedacht, von denen jede sich mit den Tatsachen decken würde, soweit wir sie kennen. Aber welche die richtige ist, läßt sich nur auf Grund der neuen Mitteilungen bestimmen, die wir zweifellos bekommen werden. Nun, da ist ja bereits der Turm der Kathedrale, wir werden also bald alles wissen, was Fräulein Hunter inzwischen erlebt hat.«

Das Gasthaus zum »Schwarzen Schwan«, an der Hauptstraße nicht fern vom Bahnhof gelegen, hat einen guten Ruf; dort fanden sie Fräulein Hunter bereits wartend vor. Sie hatte ein Zimmer für die beiden Herren bestellt, und auf dem Tisch stand ein Imbiß bereit.

»Ich bin so froh, daß Sie gekommen sind«, sagte sie lebhaft. »Es ist sehr gütig von Ihnen beiden, aber ich weiß auch wirklich nicht, was ich tun soll. Ihr Rat wird mir von unschätzbarem Wert sein.«

»Bitte, erzählen Sie uns Ihre Erlebnisse.«

»Das will ich, und ich muß mich damit beeilen, denn ich habe Herrn Rucastle versprochen, um drei Uhr zurück zu sein. Er erlaubte mir heute vormittag, nach der Stadt zu fahren; natürlich hatte er keine Ahnung zu welchem Zweck.«

»Erzählen Sie uns nur alles hübsch nach der Reihe«, wiederholte Holmes, indem er seine Beine am Feuer ausstreckte und sich zum Zuhören zurechtsetzte.

»Ich möchte gleich vorausschicken«, begann Fräulein Hunter, »daß mir im großen und ganzen keinerlei schlechte Behandlung von Herrn und Frau Rucastle widerfahren ist. Gerechterweise muß ich das hervorheben. Allein ich werde nicht klug aus den Leuten und fühle mich daher beunruhigt.«

»Was kommt Ihnen unverständlich vor?«

»Die Gründe für ihr Verhalten. Doch ich will Ihnen alles ganz genau berichten. Bei meiner Ankunft hier holte mich Herr Rucastle in seinem Jagdwagen nach Copper Beeches ab. Die Umgegend ist allerdings schön, wie er Wunsch an den Augen abzulesen und demselben wenn möglich zuvorzukommen. Er seinerseits ist gegen sie ebenfalls gut in seiner plumpen, ungestümen Weise, und so mußte ich sie im ganzen für ein glückliches Paar halten. Und doch hatte sie eine geheime Sorge, diese Frau. Oft saß sie ganz in Gedanken verloren mit dem allertraurigsten Ausdruck da, mehr als einmal habe ich sie in Tränen getroffen. Manchmal dachte ich schon, sie betrübe sich so über die Sinnesart ihres Knaben, denn ein so gänzlich verdorbenes, bösartiges, kleines Wesen ist mir noch nie vorgekommen. Er ist klein für sein Alter, hat aber einen ganz unverhältnismäßig großen Kopf. Ausbrüche wilder Leidenschaft und finsterer Trotz wechseln unaufhörlich bei ihm. Geschöpfe zu quälen, die schwächer sind als er, ist das einzige Vergnügen, nach dem er strebt, und für den Fang von Mäusen, kleinen Vögeln und Insekten verrät er eine ganz bemerkenswerte Begabung. Doch ich will über diesen Jungen lieber keine Worte mehr verlieren, er hat ja auch mit meiner Geschichte nur wenig zu schaffen.«

»Ich bin dankbar für alle Einzelheiten«, bemerkte Holmes, »ganz gleich, ob dieselben Ihnen wichtig erscheinen oder nicht.«

»Ich werde mich bestreben, nichts von Bedeutung zu übergehen. Das einzige Unangenehme im Hause, was mir sogleich auffiel, war das Aussehen und Benehmen der Dienerschaft. Diese besteht nur aus einem Manne und dessen Frau. Toller, so heißt er nämlich, ist ein rauher, wunderlicher Mensch mit grauem Haar und Bart und riecht beständig nach Alkohol. Zweimal schon, seit ich da bin, war er gänzlich betrunken, und doch schien Herr Rucastle sich nichts daraus zu machen. Seine Frau ist eine sehr große, starke Person mit mürrischem Gesicht, so schweigsam wie ihre Herrin, nur weit weniger liebenswürdig. Die beiden sind ein sehr unangenehmes Paar, allein glücklicherweise komme ich wenig mit ihnen in Berührung, denn ich bringe meine Zeit meist in der Kinderstube und in meinem eigenen Zimmer zu, welche ganz nahe beisammen in einem Flügel des Gebäudes liegen.

Die ersten zwei Tage nach meiner Ankunft in Copper Beeches ist mein Leben sehr ruhig verlaufen. Am dritten jedoch kam Frau Rucastle gleich nach dem Frühstück herunter und flüsterte ihrem Gatten etwas zu.

›O ja‹, sagte dieser darauf, sich zu mir wendend; ›wir sind Ihnen sehr verbunden, Fräulein Hunter, daß Sie auf unsern Wunsch eingegangen sind und sich Ihr Haar abgeschnitten haben. Ich versichere Ihnen, es hat Ihrer Erscheinung nicht im mindesten Eintrag getan. Jetzt wollen wir sehen, wie Ihnen das blaue Kleid steht. Es liegt auf Ihrem Bett, und wenn Sie es anziehen wollten, so würden wir Ihnen beide sehr dankbar sein.«

Das Kleid, das für mich bereit lag, hatte einen ganz eigentümlichen blauen Farbton, der Stoff war sehr schön, ausgezeichnet, doch verrieten unverkennbare Spuren, daß es früher schon getragen worden war. Es paßte, wie wenn mein Maß dazu genommen worden wäre. Als sich Herr und Frau Rucastle davon überzeugten, legten beide ein Entzücken an den Tag, das mir ganz unnatürlich übertrieben vorkam. Sie warteten im Wohnzimmer auf mich, einem sehr großen Raum, der die ganze Front des Hauses einnimmt und dessen drei hohe Fenster bis auf den Boden herabreichen. Am Mittelfenster, und zwar mit der Lehne dagegen, stand ein Stuhl. Auf diesen Stuhl mußte ich mich setzen, während Herr Rucastle vor mir im Zimmer auf- und abging und dabei eine ganze Reihe der tollsten Geschichten zum Besten gab, die ich je gehört habe. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie komisch das war; ich wurde schließlich ganz müde vor lauter Lachen. Frau Rucastle dagegen, die offenbar keinen Sinn für Humor besitzt, verzog den Mund nicht zum leisesten Lächeln, sondern saß, die Hände im Schoße, mit trauriger, ängstlicher Miene da. Nach einer Stunde ungefähr bemerkte Herr Rucastle plötzlich, es sei jetzt Zeit, an die täglichen Beschäftigungen zu gehen, ich könne mich wieder umkleiden und zu dem kleinen Eduard ins Kinderzimmer gehen.

Zwei Tage darauf wiederholte sich dieser ganze Vorgang unter ähnlichen Umständen. Wieder mußte ich das andere Kleid anziehen, wieder mich ans Fenster setzen, und abermals lachte ich aus vollem Halse über Herrn Rucastles tolle Geschichten, von denen er einen unerschöpflichen Vorrat besitzt, und die er unnachahmlich vorträgt. Darauf gab er mir ein Buch in die Hand, rückte meinen Stuhl ein wenig zur Seite, damit mein Schatten nicht auf das Buch falle, und bat mich, ihm aus demselben laut vorzulesen. Ich mußte irgendwo im Kapitel anfangen und las etwa zehn Minuten lang, bis er mich plötzlich mitten in einem Satze aufhören ließ und mir sagte, ich solle mich wieder umkleiden. Sie können sich denken, Herr Holmes, wie groß meine Neugier war, die Bedeutung dieser merkwürdigen Komödie zu erfahren. Soviel ich bemerkt hatte, waren beide Ehegatten stets eifrig bestrebt, meine Blicke vom Fenster abzuhalten; ich verging deshalb förmlich vor Begierde, zu sehen, was hinter meinem Rücken vorgehe. Zuerst kam mir dies unmöglich vor, allein bald verfiel ich auf ein Mittel. Mein Handspiegel war zerbrochen, und so kam mir der glückliche Einfall, ein Stück von dem Glase in meinem Taschentuch zu verstecken. Das nächstemal hielt ich mir dieses beim Lachen vor die Augen und war nun mit einiger Geschicklichkeit imstande, alles hinter mir Befindliche zu sehen. Ich muß gestehen, ich war enttäuscht, denn ich bemerkte gar nichts. Wenigstens war dies mein erster Eindruck. Beim zweiten Blicke jedoch sah ich einen Mann auf der Landstraße stehen, einen kleinen, bärtigen, grau gekleideten Mann, der nach mir herüberzuschauen schien. Da es eine Hauptverkehrsstraße ist, so sieht man dort meist Leute. Dieser Mann jedoch stand an den Zaun gelehnt, der das Grundstück umgibt, und schaute angelegentlich nach dem Fenster. Ich nahm mein Taschentuch vom Gesicht und blickte Frau Rucastle an; ihre Augen waren mit forschendem Blick auf mich gerichtet. Sie sagte nichts, aber ich bin fest überzeugt, sie hatte erraten, daß ich einen Spiegel in der Hand hielt und gesehen hatte, was hinter mir vorging. Mit einemmale stand sie auf.

›Jephro‹, sagte sie, ›da steht ein unverschämter Kerl auf der Straße, der nach Fräulein Hunter heraufschaut.‹

›Doch nicht etwa ein Bekannter von Ihnen, Fräulein Hunter?‹ fragte er.

›Nein, ich kenne niemand hier in der Gegend.‹

›Nein, welche Frechheit! Bitte, wenden Sie sich doch um und winken Sie ihm zu, er solle fortgehen.‹

›Es wäre gewiß besser, die Sache unbeachtet zu lassen.‹

›Nein, nein; wir würden ihn sonst immerfort hier herumlungern sehen. Bitte, drehen Sie sich um und winken Sie ihm ab.‹

Ich tat es, und im selben Augenblick ließ Herr Rucastle die Rolläden herab. Dies war vor einer Woche, und seither habe ich nicht mehr am Fenster sitzen und das blaue Kleid nicht mehr anziehen müssen, habe auch den Mann auf der Straße nicht mehr gesehen.«

»Bitte, fahren Sie fort«, bemerkte Holmes, »Ihre Erzählung verspricht sehr interessant zu werden.«

»Ich fürchte, sie ist recht unzusammenhängend; es kann wohl sein, daß die verschiedenen Vorfälle, auf welche ich jetzt zu sprechen komme, sehr wenig miteinander zu tun haben. Gleich am allerersten Tage führte mich Herr Rucastle an ein kleines Häuschen, das neben dem Eingang zur Küche steht. Beim Hinzutreten vernahm ich das scharfe Rasseln einer Kette und ein Geräusch, wie wenn ein großes Tier sich darin bewegte.

›Da schauen Sie hinein‹, sagte Herr Rucastle und zeigte mir eine Ritze zwischen zwei Planken. ›Ist es nicht ein Prachtexemplar?‹

Ich blickte hindurch und begegnete zwei glühenden Augen und einer Gestalt, die in unbestimmten Umrissen aus der Finsternis heraustrat.

›Haben Sie keine Angst‹, beruhigte mich mein Begleiter lachend, als er meine Gebärde des Schreckens sah, ›es ist nur Carlo, der Kettenhund. Er gehört wohl mir, aber in Wirklichkeit ist der alte Toller, mein Bedienter, der einzige, der etwas mit ihm machen darf. Er bekommt nur einmal am Tage zu fressen, und auch da nicht zuviel, so daß er jederzeit scharf ist wie Gift. Jede Nacht läßt Toller ihn los, und Gott sei dem Eindringling gnädig, der ihm zwischen die Zähne gerät. Setzen Sie um des Himmels willen nachts niemals unter irgend einem Vorwand den Fuß über Ihre Schwelle, wenn Ihnen Ihr Leben lieb ist.‹

Diese Warnung war auch sehr am Platze. In der übernächsten Nacht schaute ich zufällig etwa um zwei Uhr morgens aus meinem Schlafzimmerfenster. Es war eine schöne Mondnacht, und der Rasenplatz vor dem Hause strahlte fast taghell in Silberglanz. Gebannt von der friedlichen Schönheit dieses Bildes stand ich da, als ich gewahr wurde, daß sich im Schatten der Blutbuchen etwas regte. Als es in den Mondschein heraustrat, sah ich, was es war: ein riesiger Hund, so groß wie ein Kalb, von braungelber Farbe, mit hängenden Backen, schwarzer Schnauze und gewaltigen, weit vorstehenden Knochen. Er schlich langsam über den Rasen und verschwand dann wieder auf der andern Seite in der Dunkelheit. Ich glaube, kein Einbrecher wäre imstande gewesen, mir einen solchen Todesschrecken einzujagen, wie dieser furchtbare stumme Wächter.

Und nun habe ich Ihnen noch eine ganz merkwürdige Entdeckung mitzuteilen. Ich hatte mir, wie Sie wissen, in London mein Haar abschneiden lassen und verwahrte es, zu einem großen Knäuel zusammengerollt, unten in meinem Koffer. Eines Abends, nachdem das Kind zu Bett war, begann ich zum Zeitvertreib die Einrichtung meines Zimmers zu mustern und meine wenigen Habseligkeiten aufzuräumen. In meinem Zimmer stand eine alte Kommode, deren zwei oberste Schubfächer offen waren, während ich das unterste verschlossen fand. Nachdem ich die beiden oberen mit meinem Weißzeug angefüllt hatte, war sonst noch gar vieles unterzubringen, und so verdroß es mich natürlich sehr, daß ich das dritte nicht auch zur Verfügung hatte. Ich nahm an, dieses sei vielleicht nur aus Versehen verschlossen worden, deshalb zog ich meinen Schlüsselbund heraus und versuchte, es zu öffnen. Gleich der erste Schlüssel paßte, und so zog ich die Schublade auf. Es war nur ein einziger Gegenstand darinnen, aber was für einer würden Sie ganz gewiß niemals erraten. Es war mein Haarzopf.

Ich nahm ihn heraus, um ihn zu besichtigen. Die Haare hatten ganz genau die eigentümliche Farbe und die Stärke meiner eigenen. Aber dann drängte sich mir wieder die Unmöglichkeit der Sache auf. Wie konnten denn meine Haare in diese verschlossene Schublade kommen? Mit zitternden Händen öffnete ich meinen Koffer, räumte ihn aus und zog zu unterst meinen Zopf hervor. Ich legte die beiden Zöpfe nebeneinander, und ich gebe Ihnen die Versicherung, sie waren vollkommen gleich. War das nicht merkwürdig? Ich mochte mir den Kopf zerbrechen, wie ich wollte, die Sache blieb mir ein völliges Rätsel. Ich legte den fremden Zopf wieder in die Schublade, ohne Herrn Rucastle und seiner Frau gegenüber etwas von der Sache zu erwähnen, denn ich fühlte wohl, daß es nicht recht von mir gewesen war, eine Schublade zu öffnen, die sie verschlossen hatten. Ich bin von Natur eine scharfe Beobachterin, wie Sie vielleicht schon bemerkt haben, Herr Holmes, und hatte bald einen ziemlich genauen Plan des ganzen Gebäudes im Kopfe. Ein Flügel desselben schien völlig unbewohnt zu sein. Eine Tür, dem Eingang zur Behausung des Tollerschen Ehepaares gegenüber, führte zu diesem Flügel, allein sie war stets verschlossen. Eines Tages jedoch stieß ich auf der Treppe auf Herrn Rucastle, wie er, seine Schlüssel in der Hand, aus dieser Tür herauskam, und zwar mit einem so veränderten Ausdruck, daß ich den sonst so behäbigen, gemütlichen Mann kaum wieder erkannte. Seine Wangen waren gerötet, seine Brauen zornig gerunzelt, und in der Erregung traten ihm die Adern an den Schläfen weit hervor. Er verschloß die Tür und eilte hinter mir die Treppe herauf, ohne ein Wort oder einen Blick an mich zu richten.

Dies erregte meine Neugier, und ich richtete deshalb den nächsten Spaziergang, den ich mit dem Kleinen machte, so ein, daß ich dabei die Fenster an diesem Teil des Hauses im Auge hatte. Es waren vier in einer Reihe, drei davon ganz mit Staub überzogen, während an dem vierten der Laden geschlossen war. Offenbar waren die Räume, zu denen sie gehörten, sämtlich unbewohnt. Während ich auf- und abschlenderte und dabei gelegentlich einen Blick nach den Fenstern warf, kam Herr Rucastle zu mir heraus; seine Züge zeigten jetzt wieder ganz den heiteren, gemütlichen Ausdruck wie immer.

›Ach‹, redete er mich an, ›Sie müssen mich nicht für rücksichtslos halten, weil ich ohne ein Wort an Ihnen vorübergeeilt bin, mein liebes Fräulein. Ich hatte den Kopf voll Geschäftssachen.‹

Ich gab ihm die Versicherung, daß ich es ihm nicht übel genommen habe. ›Sie scheinen da oben eine ganze Reihe überzähliger Zimmer zu haben‹, fuhr ich fort, ›und an einem ist der Laden geschlossen.‹

Er sah überrascht und, wie es mir vorkam, etwas verdutzt aus über meine Bemerkung. ›Ich bin Photograph aus Liebhaberei‹, sagte er, ›und habe da oben meine Dunkelkammer eingerichtet. Aber du meine Güte, an was für eine Beobachterin wir geraten sind! Wer hätte das geglaubt; wer hätte das für möglich gehalten?‹ Seine Worte klangen scherzhaft, aber in dem Blick, den er dabei auf mich richtete, lag kein Scherz. Ich las darin wohl Argwohn und Ärger, aber nichts Spaßhaftes.

Sehen Sie, Herr Holmes, von dem Augenblick an, als mir klar wurde, daß es mit diesen Zimmern etwas auf sich habe, wovon ich nichts wissen sollte, brannte ich vor Begierde, hinter die Sache zu kommen. Es war mehr als bloße Neugier, obwohl ich auch davon mein gutes Teil besitze. Es war mehr ein Pflichtgefühl, die Empfindung, daß es zum Guten dienen werde, wenn ich mir in diese Räume Eingang verschaffe. Man spricht von weiblichem Instinkt; vielleicht war es dieser, der mir das Gefühl einflößte. Ich spähte nun emsig nach einer Gelegenheit zum Überschreiten der verbotenen Schwelle.

Beiläufig bemerkt, haben außer Herrn Rucastle auch Toller und seine Frau gelegentlich in den unbewohnten Räumen zu schaffen; einmal sah ich die beiden zusammen ein großes Bündel schmutziger Wäsche durch die Tür tragen. In den letzten Tagen trank Toller stark, so daß er gestern völlig betrunken war, und als ich die Treppe heraufkam, steckte der Schlüssel an der fraglichen Tür. Ganz sicher hatte er ihn stecken lassen. Herr Rucastle und seine Frau waren mit dem Kinde unten, und so bot sich mir die allerschönste Gelegenheit, mein Vorhaben auszuführen. Sachte drehte ich den Schlüssel im Schlosse um, öffnete die Tür und schlüpfte hindurch.

Vor mir lag ein kurzer Gang, der sich am oberen Ende rechtwinkelig fortsetzte. Um die Ecke befanden sich drei Türen in einer Reihe, von denen die erste und die dritte offen waren. Sie führten in leere, staubige, öde Zimmer, das eine mit zwei, das andere mit einem Fenster, die sämtlich derart mit Schmutz überzogen waren, daß die abendliche Helle nur trübe hindurchschimmerte. Die mittlere Tür war zu und quer herüber durch eine dicke eiserne Stange verrammelt, die an einem Ende mit einem Vorlegeschloß an einen Ring in der Wand befestigt war, am andern mit einem starken Strick. Die Tür selbst war verschlossen, und der Schlüssel abgezogen. Diese verrammelte Tür gehörte offenbar zu demselben Raum wie das Fenster mit dem geschlossenen Laden an der Außenseite, und doch konnte ich an dem hellen Streifen unten sehen, daß es drinnen nicht dunkel war. Offenbar fiel durch ein Oberlicht Helle hinein. Während ich in dem Gang stand und die unheimliche Tür betrachtete und mich dabei verwundert fragte, was das wohl bedeuten sollte, hörte ich plötzlich im Innern Schritte und sah, wie in dem schmalen, trüben Lichtstreifen, der unter der Tür durchfiel, ein Schatten sich vor- und rückwärts bewegte. Ein jäher sinnloser Schrecken faßte mich bei diesem Anblick. Meine überreizten Nerven versagten plötzlich, ich wandte mich um und rannte davon – rannte, als wäre eine gräßliche Hand hinter mir her, um mich am Saum meines Kleides zu fassen. Ich lief den Gang entlang und zu der Tür hinaus – gerade Herrn Rucastle in die Arme, der außen stand und wartete.

›So‹, sagte er lächelnd, ›also Sie waren es. Ich dachte es mir gleich, als ich die Tür offen stehen sah.‹

›Oh, ich bin so erschrocken‹, stieß ich zitternd hervor.

›Mein liebes Fräulein, mein liebes Fräulein!‹ Sie glauben gar nicht, in wie liebevollem, sanftem Ton er dies sagte. ›Und was hat Sie erschreckt, mein liebes Fräulein?‹

Aber seine Stimme klang doch ein wenig gar zu schmeichelnd. Man merkte gleich, daß er unbefangen scheinen wollte.

›Ich war so töricht und betrat den unbewohnten Flügel‹, antwortete ich. ›Aber es ist so einsam und öde dort bei dieser trüben Beleuchtung, daß mich die Angst packte, und ich eilends wieder umkehrte. Oh, es ist so schauerlich still da drinnen!‹

›Nichts sonst?‹ fragte er und sah mich dabei scharf an.

›Wieso, was meinen Sie damit?‹ fragte ich.

›Wozu glauben Sie wohl, daß ich diese Tür verschließe?‹

›Das weiß ich wirklich nicht.‹

›Nun, damit niemand hineingeht, der nichts darin zu schaffen hat. Verstehen Sie?‹ Dabei lag noch immer das liebenswürdige Lächeln auf seinen Zügen.

›Ganz gewiß, hätte ich das gewußt, ich …‹

›Nun, jetzt wissen Sie es also; und falls Sie je wieder Ihren Fuß über jene Schwelle setzen‹,– dabei verwandelte sich sein Lächeln mit einem Schlage in ein wuterfülltes Grinsen, und er stierte mich mit einem teuflischen Gesichtsausdruck an – ›so werfe ich Sie dem Hunde vor.‹

Ich war so entsetzt, daß ich nicht mehr sagen kann, was ich tat. Vermutlich bin ich an ihm vorbei auf mein Zimmer geeilt. Als ich wieder zu mir kam, lag ich auf meinem Bett und bebte am ganzen Körper. Da fielen Sie mir ein, Herr Holmes. Ich hielt es nicht länger aus ohne Beistand. Es graute mir vor dem Hause, vor dem Herrn, vor der Frau, vor den Dienstboten, selbst vor dem Kinde. Wenn ich Sie nur hier hätte, dachte ich, wäre ich ganz ruhig. Ich hätte ja freilich aus dem Hause entfliehen können, allein meine Neugier war fast ebenso groß als meine Angst. Mein Entschluß war bald gefaßt: Ich wollte Ihnen telegraphieren. Ich nahm Hut und Mantel und ging nach dem ungefähr eine halbe Meile entfernten Telegraphenamt, und als ich zurückkam, war mir bereits viel leichter ums Herz. Vor dem Tor faßte mich plötzlich der schreckliche Gedanke, der Hund möchte am Ende losgelassen worden sein; doch fiel mir dann wieder ein, daß Toller sich an jenem Abend bis zur Sinnlosigkeit betrunken hatte, und er war, wie ich wußte, der einzige, der etwas mit dem gefährlichen Tier machen durfte; außer ihm würde es niemand wagen, es loszulassen. Unversehrt schlüpfte ich wieder herein und konnte die halbe Nacht nicht schlafen vor Freude bei dem Gedanken, daß Sie nun bald da sein würden. Urlaub in die Stadt erhielt ich heute früh ohne Schwierigkeit, aber ich muß vor drei Uhr zurück sein, denn Herr Rucastle geht mit seiner Frau fort auf Besuch, und sie werden den ganzen Abend ausbleiben, so daß ich nach dem Kinde sehen muß. – Jetzt habe ich Ihnen alle meine Erlebnisse erzählt, Herr Holmes, und ich wäre sehr froh, wenn Sie mir sagen könnten, was dies alles zu bedeuten hat, und vor allem, was ich tun soll.«

Holmes und Watson hatten mit atemloser Spannung diesem merkwürdigen Berichte zugehört. Nun erhob sich Holmes und schritt, die Hände in den Rocktaschen und mit dem Ausdruck tiefsten Ernstes, im Zimmer auf und ab.

»Ist Toller noch betrunken?« fragte er.

»Ja; ich hörte, wie seine Frau zu Herrn Rucastle sagte, sie könne gar nichts mit ihm anfangen.«

»Das ist gut. Und Rucastles gehen heute abend aus?«

»Ja.«

»Ist ein Keller mit gutem, festem Schloß vorhanden?«

»Jawohl. Der Weinkeller.«

»Nach meinem Dafürhalten, Fräulein Hunter, haben Sie in dieser Sache bis jetzt recht viel Mut und Umsicht bewiesen. Glauben Sie, daß Sie noch etwas Weiteres leisten könnten? Ich würde die Frage nicht an Sie richten, wenn ich Sie nicht für eine Ausnahme unter den Frauen hielte.«

»Ich will sehen, ob ich es vermag. Was ist es?«

»Wir werden gegen sieben Uhr in Copper Beeches eintreffen, mein Freund und ich. Die Rucastles sind wohl um diese Zeit bereits fort, und Toller wird hoffentlich noch nicht wieder zu sich gekommen sein. Die einzige, die dann allenfalls noch Lärm machen könnte, ist also Tollers Frau. Wenn Sie diese mit irgend einem Auftrag in den Keller schicken und ihn hinter ihr abschließen könnten, so würden Sie uns die Sache außerordentlich erleichtern.«

»Ich bin dazu bereit.«

»Gut. Nun wollen wir einmal das Ding genauer ins Auge fasten. Selbstverständlich gibt es nur eine einzige mögliche Erklärung. Sie sind hier um irgend eine andere Person vorzustellen, und diese Person selbst wird in dem Zimmer gefangen gehalten. Das liegt ja auf der Hand; und die Gefangene ist, wie ich nicht im mindesten bezweifle, die Tochter, Fräulein Alice Rucastle, wenn ich mich recht erinnere, die sich angeblich in Amerika befindet. Jedenfalls ist die Wahl auf Sie gefallen, weil Sie ganz dieselbe Größe, Figur und Haarfarbe haben. Ihr hatte man sehr wahrscheinlich das Haar abgeschnitten, und so mußten Sie das Ihrige gleichfalls opfern. Durch einen merkwürdigen Zufall sind Ihnen die Strähnen in die Hände gefallen. Der Mann auf der Straße war zweifellos ein Bekannter von ihr, oder wohl ihr Verlobter, – da Sie nun Fräulein Alices Kleider trugen und ihr so ähnlich sehen, so mußte er aus Ihrer Heiterkeit bei seinem jedesmaligen Erscheinen und dann vollends aus Ihrer Handbewegung schließen, daß seine Ungebetene völlig zufrieden sei und seine Aufmerksamkeit ferner nicht wünsche. Der Hund wird nachts losgelassen, damit ihr Verehrer keinen Versuch macht, sich mit ihr in Verbindung zu setzen. So weit ist alles ganz klar. Den ernstesten Punkt bildet der Charakter des Kindes.«

»Was in aller Welt hat denn das damit zu tun?« rief der Doktor aus.

»Mein lieber Watson, wenn du dir in deinem Beruf als Arzt über die Neigungen eines Kindes Aufschluß verschaffen willst, so studierst du jedesmal dessen Eltern. Siehst du denn nicht ein, daß das umgekehrte Verfahren ganz dieselbe Berechtigung hat? Ich habe oft und viel wirkliches Verständnis für den Charakter der Eltern erst durch das Studium ihrer Kinder gewonnen. Dieses Kind hat einen abnormen Hang zur Grausamkeit, und mag dieser nun von seinem stets lächelnden Vater herrühren, wie ich vermute, oder von seiner Mutter – jedenfalls bedeutet er nichts Gutes für das arme Mädchen, das sich in ihrer Gewalt befindet.«

»Sie haben ganz gewiß recht, Herr Holmes«, rief Fräulein Hunter aus. »Es fallen mir jetzt tausenderlei Dinge wieder ein, die mir beweisen, daß Sie das Richtige getroffen haben. Wir wollen keinen Augenblick verlieren, um dem armen Geschöpf zu Hilfe zu kommen.«

»Wir müssen vorsichtig zu Werke gehen, denn wir haben es mit einem ganz geriebenen Patron zu tun«, versetzte Holmes. »Vor sieben Uhr können wir nichts beginnen. Um diese Stunde werden wir bei Ihnen eintreffen, und dann wird das Rätsel bald gelöst sein.«

Ganz pünktlich um sieben Uhr fanden sich Holmes und Watson ein, – den Wagen hatten sie in einem Wirtshaus an der Straße eingestellt. An der Baumgruppe mit ihrem dunkeln Laub, das jetzt im Licht der sinkenden Sonne einen blinkenden Metallglanz ausstrahlte, würden sie das Haus sofort erkannt haben, auch wenn Fräulein Hunter nicht freundlich lächelnd an der Haustreppe gestanden hätte.

»Haben Sie es ausgeführt?« fragte Holmes.

Ein lautes heftiges Pochen drang von unterhalb des Treppenhauses herauf. »Das ist Frau Toller im Keller«, sagte sie, »ihr Mann liegt schnarchend auf der Küchenbank. Hier sind seine Schlüssel; er hat ganz die gleichen wie Herr Rucastle.«

»Sie haben Ihre Sache wirklich gut gemacht«, rief Holmes erfreut aus. »Nun gehen Sie voran, und wir werden dieser dunkeln Geschichte bald auf den Grund kommen.«

Sie stiegen die Treppe hinauf, schlossen die Tür auf und gingen den Gang entlang, bis sie vor der verrammelten Tür standen, die Fräulein Hunter beschrieben hatte. Holmes schnitt den Strick durch und nahm die vorgelegte Stange weg. Dann probierte er verschiedene Schlüssel im Schloß, aber ohne Erfolg. Drinnen vernahm man keinen Laut, und bei dieser Stille verdüsterten sich Holmes Züge. »Ich will nicht hoffen, daß wir zu spät kommen«, sagte er. »Wir wollen lieber ohne Sie hineingehen, Fräulein Hunter. Nun, Watson, stemme einmal deine Schulter an, dann werden wir ja sehen, was sich ausrichten läßt.« Es war eine alte, wackelige Tür, die dem vereinten Druck sofort nachgab. Zusammen drangen sie in das Zimmer ein. Es war leer. Ein schmales Feldbett, ein kleiner Tisch und ein Korb mit Wäsche bildeten die ganze Einrichtung. Das Oberlicht stand offen, und die Gefangene war fort. »Hier ist eine Schurkerei vorgegangen«, sagte Holmes, »der saubere Herr hat Fräulein Hunters Absichten erraten und sein Opfer fortgebracht.«

»Aber wie?«

»Durch das Oberlicht. Wir werden bald sehen, wie er es angestellt hat.« Damit schwang er sich auf das Dach hinauf. »Oh ja«, rief er aus, »hier schaut eine lange, leichte Leiter über die Dachrinne empor; mit dieser hat er die Sache ausgeführt.«

»Aber das kann ja nicht sein«, bemerkte Fräulein Hunter, »die Leiter stand noch nicht da, als die Rucastles fortgingen.«

»Dann ist er zu diesem Zweck noch einmal heimgekommen. Ich sage Ihnen, er ist ein schlauer, gefährlicher Mensch. Es sollte mich auch gar nicht wundern, wenn es sein Tritt wäre, den ich eben auf der Treppe höre. Ich glaube, Watson, du wirst gut tun, deine Pistole bereit zu halten.«

Kaum waren diese Worte aus seinem Munde, als ein sehr dicker, aufgedunsener Mann, mit einem schweren Stock in der Hand, unter der Tür des Zimmers erschien. Fräulein Hunter schrie laut auf bei seinem Anblick und drückte sich an die Wand, Holmes dagegen sprang vor und trat ihm gegenüber.

»Wo ist Ihre Tochter?« fragte er.

Der dicke Mann sah sich ringsum und schaute dann nach dem Oberlicht hinauf.

»Diese Frage muß ich an euch richten, ihr Spitzbuben und Diebe! Aber jetzt habe ich euch gefangen. Ihr seid in meinen Händen. Ich will euch heimleuchten!« Damit wandte er sich um und eilte die Treppe hinunter, was er laufen konnte.

»Er holt den Hund«, rief Fräulein Hunter.

»Ich habe meinen Revolver«, sagte Watson.

»Wir wollen lieber die Haustür schließen«, schlug Holmes vor, und sofort stürmten alle zusammen die Treppe hinunter. Kaum hatten sie den Hausgang erreicht, als sie das Bellen eines Hundes und gleich darauf einen kläglichen Hilferuf vernahmen. Ein ältlicher Mann mit rotem Gesicht und schlotternden Gliedern trat taumelnd aus einer Nebentür und rief: »Wer hat den Hund losgemacht? Seit zwei Tagen hat er nichts zu fressen bekommen. Schnell, schnell zu Hilfe, ehe es zu spät ist!«

Watson stürzte mit Holmes zur Tür hinaus und um die Hausecke herum, Toller hinterdrein. Eine gewaltige, heißhungrige Bestie hatte ihre schwarze Schnauze in Herrn Rucastles Hals gegraben, der sich ächzend am Boden wand. Watson lief hinzu und jagte dem Hund eine Kugel durch den Kopf. Er stürzte zusammen, aber seine scharfen, weißen Zähne steckten noch in den mächtigen Falten von Rucastles Hals. Mit vieler Mühe brachten sie beide auseinander und trugen den Verwundeten zwar lebend, aber schauerlich zugerichtet ins Haus. Sie legten ihn auf das Sofa im Wohnzimmer, und nachdem der inzwischen wieder nüchtern gewordene Toller mit der Botschaft von dem Vorfall an seine Frau abgeschickt war, tat Watson alles, was er vermochte, um die Qual des Verwundeten zu lindern. Sie standen alle um ihn herum, als die Tür aufging und eine große, hagere Frauensperson ins Zimmer trat.

»Frau Toller!« rief Fräulein Hunter.

»Ja, Fräulein. Als Herr Rucastle heimkam, ließ er mich zuerst heraus, ehe er zu Ihnen hinaufging. Ach, Fräulein, es ist schade, daß Sie mich Ihre Absichten nicht wissen ließen; ich würde Ihnen gesagt haben, daß Sie sich vergebliche Mühe machen.«

»So«, rief Holmes und blickte sie scharf an, »offenbar weiß Frau Toller mehr von der Sache als irgend sonst jemand.«

»Jawohl, und ich sage auch ganz gerne, was ich weiß.«

»Dann, bitte, setzen Sie sich und lassen Sie es uns hören, denn ich gestehe, mehrere Punkte sind mir noch nicht ganz klar.«

»Ich würde Ihnen längst alles auseinandergesetzt haben, hätte ich nur aus dem Keller herausgekonnt. Falls die Sache etwa vor Gericht kommen sollte, so vergessen Sie nicht, daß ich mich auf Ihre Seite gestellt und es auch mit Fräulein Alice gut gemeint habe.

Seit der Wiederverheiratung ihres Vaters hat sich Fräulein Alice zu Hause nicht mehr glücklich gefühlt. Sie sah sich immer zurückgesetzt und durfte nicht viel dreinreden, aber eigentlich schlimm erging es ihr erst, als sie sich mit Herrn Frowler verlobte. Soviel ich gehört habe, besaß Fräulein Alice nach dem Testament ihrer Mutter gewisse Ansprüche, aber sie war viel zu sanft und gutmütig, um sie geltend zu machen, und ließ alles in Herrn Rucastles Händen. Der wußte wohl, daß er mit ihr machen konnte, was er wollte; als jedoch die Möglichkeit eintrat, daß ein Ehemann kam und alles verlangte, was er nach dem Gesetz beanspruchen konnte, da hielt es ihr Vater an der Zeit, einen Riegel vorzuschieben. Er verlangte von ihr, sie solle ein Schriftstück ausstellen, wonach ihm die Nutznießung an ihrem Vermögen zustehe, sie möge heiraten oder nicht. Als sie das nicht tun wollte, quälte er sie so lange, bis sie ein Nervenfieber bekam, so daß sie sechs Wochen lang am Rande des Grabes schwebte. Zwar erholte sie sich endlich, aber sie war zu einem Schatten abgezehrt, und ihr schönes Haar hatte man ihr abgeschnitten. Doch das machte ihrem Bräutigam alles nichts aus, und er blieb ihr so treu wie nur einer.«

»Durch Ihre freundlichen Mitteilungen«, sagte Holmes, »haben Sie nunmehr die Sache so weit aufgeklärt, daß ich mir das übrige vollends denken kann. Nicht wahr, Herr Rucastle ging darauf zu seinem Einsperrungssystem über?«

»Jawohl.«

»Und holte Fräulein Hunter von London, um sich den unbequemen Herrn Frowler vom Halse zu schaffen?«

»So ist es.«

»Allein Herr Frowler«, fuhr Holmes fort, »belagerte das Haus mit der Zähigkeit eines echten Liebhabers und verstand es, durch klingende oder anderweitige Beweisgründe Sie in sein Interesse zu ziehen – nicht wahr?«

»Herr Frowler war ein sehr freundlicher, freigebiger Herr«, erwiderte Frau Toller gelassen.

»Und auf diese Weise sorgte er dafür, daß Ihr guter Mann stets reichlich zu trinken erhielt, und daß die Leiter bereit stand, sobald Ihr Herr das Haus verlassen hatte.«

»Sie haben es getroffen, Herr, gerade so ist es gegangen.«

»Wir sind Ihnen wirklich Anerkennung schuldig, Frau Toller«, sagte Holmes, »denn Sie haben uns über alle Punkte, die noch dunkel waren, volle Aufklärung verschafft. Da kommt ja auch der Distriktsarzt mit Frau Rucastle; mir scheint, es wird wohl jetzt das beste sein, wir bringen Fräulein Hunter nach Winchester zurück, da sowohl ihr wie unser ferneres Verbleiben im Hause keinen ersichtlichen Zweck mehr hat.« –

So klärte sich also das Geheimnis des unheimlichen Hauses mit den Blutbuchen am Tore auf. Herr Rucastle kam zwar mit dem Leben davon, blieb jedoch für immer ein gebrochener Mann, der sein Dasein lediglich der aufopfernden Pflege seiner Gattin verdankte. Sie wohnen noch immer mit ihren alten Dienstboten zusammen, welche so viel von Herrn Rucastles Vergangenheit wissen, daß er sich nicht entschließen kann, sich von ihnen zu trennen. Herr Frowler und seine Braut ließen sich gleich am Tage nach ihrer Flucht in Southampton trauen; er bekleidet jetzt einen Beamtenposten auf der Insel Mauritius. Was Fräulein Violet Hunter betrifft, so legte Sherlock Holmes zu Watsons ziemlich lebhafter Enttäuschung kein Interesse mehr für sie an den Tag, sobald das Problem gelöst war, in dessen Mittelpunkt sie gestanden hatte.

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Einleitung

Die Haushälterin hatte eben den Nachmittagstee hereingebracht. Nun zog sie die Vorhänge vor den Fenstern zu und zündete die Stehlampe an, die ein warmes Licht über den gedeckten Tisch warf. Das Feuer im Kamin verbreitete eine angenehme Wärme. Doktor Watson saß in einem bequemen Sessel und las, als sich die Türe öffnete und Sherlock Holmes eintrat. »Das ist heute mal wieder ein Nebel!« sagte er und rieb sich die Hände vor dem Feuer warm. »Ein scheußliches Wetter draußen! Keinen Hund möchte man da hinausjagen!« Dann wandte er sich dem Hausgenossen zu: »Was liest du denn da so interessiert, Doktor?«

Watson legte rasch, fast in leichter Verlegenheit, die Blätter beiseite. Es waren eine Anzahl fortlaufender Nummern des »Telegraph«.

»Ach, nichts weiter«, sagte er in offensichtlichem Bemühen, der Sache keine weitere Bedeutung zuzuschreiben. »Komm, setz dich lieber her und trinke gleich einen heißen Tee, wenn du so ausgefroren bist.«

Damit füllte er ihm eine Tasse, rückte einen Sessel zurecht und bot ihm einen Teller mit belegten Broten an. Kaum hatte Holmes sich gesetzt, so klingelte es. Sie stellten beide zugleich, wie auf Verabredung, ihre Tassen nieder und lauschten.

War es ein Besuch oder ein Ruf? Und wem von ihnen beiden mochte er gelten?

Dr. Watson hatte zwar seit seiner Rückkehr aus dem afghanischen Feldzug, an dem er als Militärarzt teilnahm, offiziell noch keine Praxis aufgenommen. Aber es kam doch vor, daß er gelegentlich, etwa bei Unglücksfällen, zur dringenden Hilfeleistung geholt wurde und sie dann selbstverständlich nicht verweigerte.

Die Haushälterin kam herein. »Ein Kind ist überfahren worden, Herr Doktor – –«

»Ich komme«, unterbrach Watson ihren Bericht und stand sofort auf. Ein Mensch in Gefahr – da wurde jede Frage nach Zeit und Wetter gleichgültig für ihn. Er eilte hinaus, und Holmes hörte noch, wie er draußen mit einem Mädchen verhandelte, sich Name und Wohnung sagen ließ, während er alles Nötige zur Hilfeleistung einpackte. Gleich darauf fiel die Haustüre ins Schloß. Frau Hudson kam mit ihrem schweren Schritt die Treppe herauf und verschwand in der Küche.

Es war wieder still geworden im Hause. Nichts war mehr zu hören, als das Aufflackern des Feuers im Kamin. Der Lärm der Straße und der vorbeifahrenden Wagen drang nur gedämpft herauf, wie etwas Fernes, das die Abgeschlossenheit dieses Raumes nicht stören konnte.

Sherlock Holmes hatte seinen Tee getrunken. Nun saß er in behaglicher Entspannung zurückgelehnt in seinem Sessel und blickte gedankenverloren den blauen Wolken seiner Pfeife nach. Da fiel sein Blick auf die Zeitungen, die Watson achtlos liegengelassen hatte und er griff danach. Zuerst blieb sein Blick auf einem Artikel haften, in dem jemand sich weit und breit über die Notwendigkeit frühzeitiger Zahnpflege beim Kleinkind ausließ, dann folgte ein Bericht über den Stand der übertragbaren Krankheiten. Fachsimpelei, die nur Watson angeht, dachte Holmes und war schon im Begriff, den »Telegraph« wieder wegzulegen, als er plötzlich seinen eigenen Namen darin entdeckte. »Aha, Watson scheint mal wieder unter die Schriftsteller gegangen zu sein!« murmelte Holmes vor sich hin. Er überflog einige Spalten, lächelte, legte die Pfeife aus der Hand, setzte sich bequem zurecht, suchte den Anfang und las:

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