Monthly Archives: Oktober 2011

Hans Christian Andersen – Das Schwanennest

Hans Christian Andersen

Das Schwanennest

Zwischen der Ostsee und der Nordsee liegt ein altes Schwanennest, das wird Dänemark genannt. Darin sind und werden Schwäne geboren, deren Name niemals sterben wird.
In grauer Vorzeit flog eine Schar von Schwänen über die Alpen hinab zu Mailands grünen Ebenen, wo gut wohnen war. Diese Schar Schwäne wurden Langobarden geheißen.
Eine andere Schar, mit leuchtendem Gefieder und treuen Augen schwangen sich bis hinunter nach Byzanz. Dort ließen sie sich um den Thron des Kaisers nieder und breiteten ihre großen, weißen Schwingen wie Flügel aus, um ihn zu beschirmen. Sie erhielten den Namen Väringer.
Von Frankreichs Küsten erklang ein Angstschrei vor den blutigen Schwänen, die mit Feuer unter den Schwingen von Norden gezogen kamen, und das Volk betete: „Gott, befreie uns von den wilden Normannen!“
Auf Englands frischgrünen Wiesen am offenen Strande stand der dänische Schwan mit dreifacher Königskrone auf dem Haupte, und er streckte sein goldenes Zepter über das Land.
Die Knie beugten die Heiden an Pommerns Küste, als die dänischen Schwäne mit der Fahne des Kreuzes und gezogenem Schwerte kamen.
„Das war in lang vergangenen Tagen“ sagst Du.
Auch näher unserer Zeit sah man mächtige Schwäne uns dem Neste fliegen.
Es leuchtete durch die Luft, es leuchtete weit über die Länder der Welt; der Schwan teilte mit mächtigem Schwingenschlag die dämmernden Nebel und der Sternenhimmel wurde deutlicher sichtbar, es war als rücke er der Erde näher; das war der Schwan Tycho Brahe.
„Ja, damals!“ sagst Du, „aber jetzt in unseren Tagen.“ Da sahen wir Schwan auf Schwan in herrlichem Fluge dahinfliegen. Einer ließ seine Flügel über die Goldharfe hingleiten, und es klang durch den Norden. Norwegens Felsen erhoben sich höher im Sonnenlichte der Vorzeit; es sauste in Birke und Tanne; die Götter des Nordens, Helden und edle Frauen zeigten sich im tiefen, dunklen Waldesgrunde. Wir sahen einen Schwan mit den Schwingen gegen den Marmorfelsen schlagen, daß der Felsen barst, und die im Gestein gebundenen Gestalten der Schönheit schritten in den sonnenlichten Tag hervor und die Menschen ringsum in den Ländern erhoben ihr Haupt um diese mächtigen Gestalten zu sehen.
Einen dritten Schwan sahen wir einen Gedankenfaden spannen, der nun von Land zu Land rings um die Erde reicht, so daß das Wort mit des Blitzes Geschwindigkeit durch die Länder fliegt.
Unser Herrgott hat das alte Schwanennest zwischen Ostsee und Nordsee lieb. Laß die mächtigen Vögel nur durch die Lüfte kommen, um es niederzureißen: „Das soll nicht geschehen!“ Selbst die federlosen Jungen stellen sich im Kreise um des Nestes Rand, das haben wir gesehen, sie lassen sich in die junge Brust hacken, daß ihr Blut fließt, sie schlagen mit Schnabel und Klauen.
Jahrhunderte werden noch vergehen, die Schwäne fliegen vom Neste, gesehen und gehört von aller Welt, bevor die Zeit kommen wird, daß in Geist und Wahrheit gesagt werden kann: „Das ist der letzte Schwan, der letzte Sang vom Schwanenneste.“

Hans Christian Andersen – Das stumme Buch

Hans Christian Andersen

Das stumme Buch

An der Landstraße im Walde lag ein einsamer Bauernhof. Man mußte mitten durch den Hofraum hindurch. Da schien die Sonne, alle Fenster standen offen. Leben und Emsigkeit herrschte innen. Aber im Hofe, in einer Laube aus blühendem Flieder, stand ein offener Sarg. Der Tote war hier hinausgesetzt worden, denn am Vormittag sollte er begraben werden. Niemand stand und blickte voll Trauer auf den Toten, niemand weinte um ihn. Sein Gesicht war von einem weißen Tuche bedeckt und unter seinem Kopfe lag ein großes dickes Buch, dessen Blätter jedes ein ganzer Bogen aus grauem Papier waren. Und zwischen jedem lagen, verborgen und vergessen, verwelkte Blumen, ein ganzes Herbarium, das an verschiedenen Orten zusammengesucht war. Das sollte mit ins Grab, das hatte er selbst verlangt. An jede Blume knüpfte sich ein Kapitel seines Lebens.
„Wer ist der Tote?“ fragten wir, und die Antwort war: „der alte Student von Upsala! Er soll einst ein tüchtiger Mann gewesen sein, gelehrte Sprachen verstanden, Lieder singen und schreiben gekonnt haben, sagt man. Aber dann ist ihm etwas in die Quere gekommen, und er ersäufte alle seine Gedanken und sich selbst mit im Branntwein. Und als seine Gesundheit zerstört war, kam er hier auf das Land hinaus, wo für ihn ein Kostgeld entrichtet wurde. Er war fromm wie ein Kind, wenn nicht der schwarze Sinn über ihn kam, denn dann gewann er seine Kräfte wieder und lief im Walde umher wie ein gejagtes Tier. Aber wenn wir ihn wieder zu fassen bekamen und ihn dazu brachten, in dies Buch mit den trocknen Pflanzen hineinzuschauen, konnte er den ganzen Tag sitzen und eine Pflanze nach der anderen anschauen. Und oftmals liefen ihm die Tränen über die Wangen dabei nieder. Gott mag wissen, an was er dabei dachte! Aber das Buch bat er mit in seinen Sarg zu legen, und nun liegt es dort, und um eine kurze Stunde soll der Deckel zugeschlagen werden und er wird sanft im Grabe ruhen.“
Das Leichentuch wurde gelüftet; es lag Frieden über dem Antlitz des Toten. Ein Sonnenstrahl fiel darauf, eine Schwalbe schoß in ihrem pfeilschnellen Fluge in die Laube und wendete sich im Fluge zwitschernd über des Toten Haupt.
Wie wunderlich ist es doch -wir kennen gewiß alle das Gefühl -alte Briefe aus unserer Jugendzeit hervorzunehmen und sie wieder zu lesen. Da taucht gleichsam ein ganzes Leben vor uns auf, mit all seinen Hoffnungen, all seinen Sorgen. Wie viele von den Menschen, mit denen wir in jener Zeit so herzlich vertraut zusammen lebten, sind für uns gestorben, obwohl sie noch leben. Aber wir haben lange Zeit nicht mehr an sie gedacht, von denen wir einstmals glaubten, daß wir stets mit ihnen verbunden bleiben und Freude und Leid mit ihnen teilen würden.
Das welke Eichenblatt im Buche hier erinnert an den Freund, an den Freund aus der Schulzeit, den Freund für das ganze Leben. Er heftete dieses Blatt an die Studentenmütze im grünen Walde, als der Freundschaftspakt fürs ganze Leben geschlossen wurde. -Wo lebt er nun? -Das Blatt wurde bewahrt, die Freundschaft vergessen! -Hier ist eine fremdartige Treibhauspflanze, zu fein für die Gärten des Nordens -es ist, als sei noch ein Duft über diesen Blättern. Sie gab sie ihm, das Fräulein aus dem adligen Garten. Hier ist die Wasserrose, die er selbst gepflückt und mit salzigen Tränen begossen hat, die Wasserrose aus den süßen Gewässern. Und hier ist eine Nessel. Was sagen ihre Blätter? Woran dachte er, als er sie pflückte, als er sie aufbewahrte? Hier ist das Maiglöckchen aus der Waldeinsamkeit; hier ist Jelänger-Jelieber aus dem Blumentopf in der Wirtsstube, und hier sind nackte scharfe Grashalme. Der blühende Flieder breitet seine frischen, duftenden Dolden über des Toten Haupt, die Schwalbe fliegt wieder vorüber: „Quivit! Quivit!“ -Nun kommen die Männer mit Nägeln und mit dem Hammer, der Deckel wird über den Toten gelegt, der sein Haupt auf dem stummen Buche ausruht. Verwahrt -vergessen.

Hans Christian Andersen – Das Unglaublichste

Hans Christian Andersen

Das Unglaublichste

Derjenige, welcher das Unglaublichste tun konnte, sollte die Tochter des Königs und das halbe Reich haben. Die jungen Leute, ja selbst die Alten auch, strengten alle ihre Gedanken, Sehnen und Muskeln an. Einer aß so viel, daß er starb; zwei richteten sich durch Trinken zugrunde, um nach ihrem Geschmack das Unglaublichste zu leisten, aber nicht auf solche Weise sollte das geschehen.
Kleine Straßenjungen übten sich darauf, sich selber auf den Rücken zu spucken; das sahen sie für das Unglaublichste an.
An einem festgesetzten Tage sollte gezeigt werden, was ein jeder als das Unglaublichste leisten könne. Als Richter waren Knaben von drei Jahren bis zu Männern von neunzig Jahre bestellt. Es fand eine ganze Ausstellung der unglaublichsten Dinge statt, aber alle waren bald darüber einig, daß das Unglaublichste eine große Stubenuhr in einem Futteral sei, welche imÄußeren und Inneren merkwürdig ausgedacht war. Bei jedem Stundenschlage kamen lebendige Bilder zum Vorschein, welche die Zeit anzeigten, Es waren zwölf ganze Vorstellung mit beweglichen Figuren, mit Gesang und Rede. Das war das Unglaublichste, sagte das Volk.
Es schlug ein Uhr, und Moses stand am Berge und schrieb auf die Tafel des Gesetzes den ersten Glaubenssatz: „Es ist nur Ein einziger und wahrer Gott.“
Es schlug zwei Uhr, da zeigte sich der Garten des Paradieses, wo Adam und Eva sich fanden, glücklich beide, ohne auch nur einmal einen Kleiderschrank zu besitzen -aber den brauchten sie auch nicht.
Mit dem Schlage drei erschienen die Heiligen Drei Könige, der eine kohlschwarz, aber dafür konnte er nichts, die Sonne hatte ihn geschwärzt. Sie kamen mit Räucherwerk und Kostbarkeiten.
Mit dem Schlage vier kamen die Jahreszeiten; der Frühling mit einem Kuckuck auf einem grünen Buchenzweige, der Sommer mit einem Grashüpfer auf einer reifen Kornähre, der Herbst mit einem leeren Storchenneste, der Winter mit einer alten Krähe, welche Geschichten im Winkel hinter dem Ofen erzählen konnte, alte Sagen.
Wenn es fünf Schlug, zeigten sich die fünf Sinne, das Gesicht als Brillenmacher, das Gehör als Kupferschmied, dem Geruche folgten Veilchen und Waldmeister, der Geschmack war ein Koch und das Gefühl Die Uhr schlug sechs, da saß ein Spieler, er warf den Würfel, und der fiel so, daß sechs oben stand.
Dann kamen die sieben Wochentage oder die sieben Todsünden -darüber waren die Leute sich nicht ganz einig. Sie gehörten zusammen und waren nicht leicht zu unterscheiden.
Dann kam ein Chor Mönche und sang den Achtuhrsang.
Dem Schlage neun folgten die neun Musen: eine war bei der Astronomie angestellt, eine bei dem historischen Archiv, die übrigen gehörten zum Theater.
Mit dem Schlage zehn trat Moses wieder auf mit den zehn Gesetztafeln. Alle Gebote Gottes standen darauf, und deren waren zehn.
Die Uhr schlug wieder, da hüpften und sprangen kleine Jungen und kleine Mädchen, welche ein Spiel spielten und dazu sangen: „Bro, bre, brille, die Uhr hat elf geschlagen!“ Und das hatte sie geschlagen.
Jetzt schlug es zwölf, und der Nachtwächter mit Mantel und Morgenstern trat vor und sang den Vers des alten Nachtwächterliedes:
„Es war um die Stunde der Mitternacht da ward der Erlöser geboren.“
Und während er sang, wuchsen Rosen, und die wurden Engelsköpfe, welche von regenbogenfarbigen Flügeln getragen wurden.
Das war lieblich zu hören, schön zu sehen. Das Ganze war ein unvergleichliches Kunstwerk, das Unglaublichste, sagten alle Menschen.
Der Künstler war ein junger Mann, er war herzensgut, fröhlich wie ein Kind, seinen armen Eltern hilfreich, er verdiente die Prinzessin und das halbe Reich.
Der Tag der Entscheidung war gekommen, die ganze Stadt war im Festkleide, und die Prinzessin saß auf dem Throne des Landes, welcher neu gepolstert, aber dadurch doch nicht bequemer und behaglicher geworden war. Die Richter ringsumher blickten pfiffig auf den mutmaßlichen Sieger, welcher froh und freudig dastand, hatte er doch das Unglaublichste geleistet.
„Nein, das will ich jetzt tun!“ rief in eben diesem Augenblick ein langer starkknochiger kräftiger Mann. „Ich bin der Mann für das Unglaublichste!“ Und damit schwang er eine große Axt gegen das Kunstwerk. „Das konnte ich tun“, sagte der Mann, „mein Tun hat sein Werk geschlagen und euch alle geschlagen. Ich habe das Unglaublichste getan!“
„Ja, solch ein Kunstwerk zertrümmern!“ sagten die Richter. „Ja, das ist das Unglaublichste!“ Das ganze Volk sagte dasselbe, und so sollte er denn die Prinzessin und das halbe Reich haben, denn ein Wort ist ein Wort, wenn es auch das Unglaublichste ist.
Nun wurde von den Mauern und allen Türmen der Stadt geblasen: „Die Hochzeitsfeier beginnt!“ Die Prinzessin war durchaus nicht erfreut darüber, aber lieblich anzuschauen war sie und kostbar gekleidet. Die Kirche erglänzte von Lichtern, spät am Abend, das nimmt sich am besten aus. Die adligen Jungfrauen der Stadt sangen und führten die Prinzessin, die Ritter sangen und führten den Bräutigam, der sich blähte und stolzierte, als wenn er gar nicht abbrechen könnte. Jetzt verstummte der Gesang. Es ward so stille, daß man hätte eine Nadel zur Erde fallen hören können, aber plötzlich folg mit Lärm und Krachen die großen Kirchentür auf, und bum! bum! da marschierte das ganze Uhrwerk herein in den Kirchengang und stellte sich zwischen Braut und Bräutigam auf. Tote Menschen können nicht wieder gehen, das wissen wir recht gut, aber ein Kunstwerk kann wieder gehen, der Körper war zertrümmert, aber nicht der Geist; der Kunstgeist spukte, und das war kein Spaß.
Leibhaftig stand das Kunstwerk da, als wäre es ganz und unberührt. Die Stunden schlugen, eine nach der andern, bis zur zwölften Stunde, und da wimmelten die Gestalten hervor, zuerst Moses, auf dessen Stirn eine Flamme glänzte; er warf die schweren steinernen Gesetztafeln dem Bräutigam auf die Füße, welche er an den Fußboden der Kirche fesselte.
„Ich kann sie nicht wieder aufheben!“ sagte Moses. „Du hast mir den Arm abgeschlagen. Stehe denn, wo du stehst!“
Jetzt kamen Adam und Eva, die Weisen vom Morgenlande und die vier Jahreszeiten, jeder sagte ihm unangenehme Wahrheiten: „Schäme dich!“ Aber er schämte sich nicht.
Alle die Gestalten, welche jeder Glockenschlag aufzuzeigen hatte, traten aus dem Uhrwerk heraus, und alle wuchsen zu einer bedenklichen Größe, es war fast, als wenn für wirkliche Menschen kein Platz übrigbleibe. Und als mit dem zwölften Schlage der Wächter hervortrat mit Mantel und Morgenstern, entstand eine eigentümliche Unruhe: der Wächter ging gerade auf den Bräutigam zu und schlug ihn mit dem Morgenstern vor die Stirn. Und das ganze Kunstwerk verschwand, aber die Lichter rings in der Kirche wurden zu großen Lichtblumen, und die vergoldeten Sterne dort unter der Wölbung sandten lange Strahlen herab. Die Orgel klang von selber. Alle Menschen sagten, das sei das Unglaublichste, was sie je erlebt hätten.
„Wollen Sie dann den Rechten rufen?“ sagte die Prinzessin. „Er, der das Kunstwerk gemacht hat, soll mein Ehegatte und Herr sein!“
Und er stand in der Kirche, und sein Gefolge war das ganze Volk! Alle freuten sich, alle segneten ihn. Nicht ein Neider war da -ja, das war das Unglaublichste!

Hans Christian Andersen – Das Wichtelmännchen und der Höker

Hans Christian Andersen

Das Wichtelmännchen und der Höker

Es war einmal ein richtiger Student; er wohnte in der Dachkammer und besaß nichts. Und es war ein richtiger Höker, er wohnte im Parterre und besaß das ganze Haus, und zu ihm hielt sich das Wichtelmännchen, denn hier bekam es jeden Weihnachtsabend seine Schüssel Grütze mit einem großen Klumpen Butter darin! Das konnte der Höker geben; und das Wichtelmännchen blieb im Laden, das war recht lehrreich.
Eines Tages kam der Student durch die Hintertür, um in eigener Person sein Licht und seinen Käse einzukaufen. Er hatte niemand zum Schicken und deshalb ging er selbst. Er bekam, was er verlangte, er bezahlte es und der Höker und seine Frau nickten ihm Guten Abend zu. Das war eine Frau, die mehr konnte als nicken, sie hatte Redegaben. -Und der Student nickte auch, blieb aber stehen und las ganz vertieft in dem Blatt Papier, das um den Käse gewickelt war. Es war ein Blatt, aus einem alten Buche gerissen, das nicht hätte in Stücke zerrissen werden dürfen, denn es war ein altes Buch voller Poesie.
„Da liegt noch mehr davon“ sagte der Höker, „ich gab einer alten Frau ein paar Kaffeebohnen dafür; wenn Sie mir dafür acht Schilling geben wollen, sollen Sie den Rest haben.“
„Schönen Dank!“ sagte der Student, „geben Sie es mir anstelle des Käse! Ich kann heute Abend unbelegtes Butterbrot essen! Es wäre ja sündhaft, wenn das ganze Buch entzwei gerissen werden sollte. Sie sind ein prächtiger Mann, ein praktischer Mann, aber auf Poesie verstehen Sie sich nicht mehr, als diese Bütte hier.“
Das war unartig gesagt, besonders gegen die Bütte, doch der Höker lachte und der Student lachte, denn es war ja halb im Scherze gesagt. Aber das Wichtelmännchen ärgerte sich, daß man solche Dinge einem Höker sagen durfte, der Hauswirt war und die beste Butter verkaufte.
Als es Nacht wurde, der Laden geschlossen und alle zu Bette gegangen waren bis auf den Studenten, ging das Wichtelmännchen hinein und nahm das Maulwerk der Hökersfrau, sie brauchte es ja nicht, während sie schlief. Wo in der Stube er es auf einen Gegenstand setzte, bekam dieser Sprache und konnte seine Gedanken und Gefühlen ebensogut aussprechen wie die Frau; aber nicht mehr als einer konnte es auf einmal haben, und das war ein Segen, denn sonst wären sie sich gegenseitig übers Maul gefahren.
Nun setzte das Wichtelmännchen das Maulwerk auf die Bütte, worin die alten Zeitungen lagen. „Ist es wirklich wahr, daß Sie nicht wissen, was Poesie ist?“
„Ja, das weiß ich!“ sagte die Bütte, „das ist so etwas, was in den Zeitungen unter dem Strich steht und ausgeschnitten wird. Ich glaube, daß ich mehr davon in mir habe als der Student, und doch bin ich nur eine geringe Bütte beim Höker.“
Und das Wichtelmännchen setzte das Maulwerk auf die Kaffeemühle, nein, wie es bei ihr ging! Und er setzte es auf das Butterfäßchen und die Geldschublade -alle waren derselben Meinung wie die Bütte, und worüber die meisten sich einig sind, das muß man respektieren.
„Nun soll es der Student haben!“ damit ging das Wichtelmännchen ganz leise die Hintertreppe hinauf bis an die Dachkammer, wo der Student wohnte. Es war Licht drinnen, und das Wichtelmännchen guckte durch das Schlüsselloch und sah, daß der Student in dem zerfetzten Buche von unten las. Aber wie hell es da drinnen war. Aus dem Buche drang ein leuchtender Strahl hervor, er wurde zu einem Stamm, einem mächtigen Baum, der sich hoch erhob und seine Zweige weit über den Studenten hinbreitete. Jedes Blatt war frisch und jede Blüte ein schönes Mädchenantlitz mit Augen so dunkel und strahlend, und anderen blau und klar. Jede Frucht war ein leuchtender Stern und in den Zweigen sang und klang es so herrlich und wundersam!
Nein, solche Herrlichkeit hätte sich das kleine Wichtelmännchen niemals träumen lassen. Niemals hatte es Ähnliches vernommen. Und so blieb es auf den Zehenspitzen stehen und guckte und guckte, bis das Licht drinnen ausging. Der Student blies wohl seine Lampe aus und ging zu Bett, aber der kleine Wichtel stand noch immer da, denn der Gesang ertönte weiter und war so sanft und liebevoll wie ein Schlummerlied für den Studenten, der sich zur Ruhe legte.
„Hier ist es unsagbar schön“ sagte der kleine Wichtel, „das hätte ich nicht erwartet! Ich glaube, ich werde bei dem Studenten bleiben -und er dachte darüber nach -dachte ganz vernünftig nach; dann seufzte er: „Der Student hat keine Grütze“ -und dann ging er -Ja, dann ging er wieder hinab zu dem Höker. Und es war gut, daß er kam, denn die Bütte hatte das Maulwerk der Frau beinahe verbraucht, indem sie alles, was sie in sich aufgespeichert hatte, von der einen Seite von sich gab, und sie war gerade im Begriff, sich umzudrehen und es von der anderen Seite auch noch von sich zu geben, als das Wichtelmännchen kam und das Maulwerk wieder der Frau aufsetzte. Der ganze Laden jedoch, von der Geldschublade bis zum Brennholz hinab, richtete seit dieser Zeit seine Meinung nach der Bütte und achtete sie in einem solchen Grade und traute ihr soviel zu, daß von nun an, wenn der Höker in seiner Zeitung die Kunst-und Theatermitteilungen las, sie glaubten, daß sie von der Bütte herrührten.
Doch das kleine Wichtelmännchen saß nicht länger ruhig und lauschte all der Weisheit und dem Verstande hier unten, nein, sobald das Licht aus der Bodenkammer schimmerte, war es gerade, als seien die Lichtstrahlen ein starkes Ankertau, das ihn hinaufzog.
Und er mußte laufen und durch das Schlüsselloch gucken, und dort umbrauste ihn dann eine Größe, wie wir sie am rollenden Meere fühlen, wenn Gott im Sturme darüber hingeht, und er brach in Tränen aus; er wußte selbst nicht, weshalb er weinte, aber es waren so wohltuende Tränen. -Wie unvergleichlich schön mußte es sein, mit dem Studenten unter dem Baume zu sitzen, aber es sollte nicht sein, er war ja auch schon froh am Schlüsselloche. Dort stand er noch auf dem Gange, als der Herbstwind zu den Bodenluken hereinblies, und es war so kalt, so kalt, aber das fühlte der Kleine erst, wenn das Licht drinnen in der Dachkammer ausging und die Töne im Winde ersterben. Hu, dann fror er und kroch wieder hinunter in sein warmes Eckchen; dort war es angenehm und behaglich. Und als die Weihnachtsgrütze mit einem großen Klumpen Butter kam, ja, da war der Höker Meister.
Aber mitten in der Nacht erwachte das Wichtelmännchen durch ein fürchterliches Gepolter an den Fensterläden. Die Leute donnerten von außen dagegen, der Wächter pfiff, es war eine große Feuersbrunst; die ganze Straße glühte lichterloh. War es hier im Hause oder bei den Nachbarn? Wo? Das war ein Entsetzen. Die Hökersfrau war so bestürzt, daß sie ihre goldenen Ohrringe aus den Ohren nahm und sie in die Tasche steckte, um doch etwas zu retten. Der Höker lief zu seinen Obligationen und das Dienstmädchen nach seiner Seidenmantille, die zu kaufen ihr kürzlich ihre Mittel gestattet hatten. Jeder wollte das Beste retten, und das wollte auch der kleine Wichtel. In ein paar Sprüngen war er die Treppe hinauf und beim Studenten drinnen, der ganz ruhig am offenen Fenster stand und auf das Feuer herabsah, das im gegenüberliegenden Hause ausgebrochen war. Der kleine Wichtel griff nach dem wunderbaren Buche auf dem Tisch, steckte es in seine rote Kappe und hielt es mit beiden Händen fest. Des Hauses bester Schatz war gerettet! Und dann rannte er davon, aufs Dach und ganz oben auf den Schornstein hinauf, und dort saß er dann, von dem brennenden Hause gegenüber beleuchtet, und beide Hände fest um seine rote Kappe gepreßt, worin der Schatz lag. Nun erkannte er sein innerstes Herz und wem er eigentlich zugehörte, als jedoch später das Feuer gelöscht war und er seine Besinnung wiederfand, ja, da sagte er: „Ich will mich zwischen sie teilen. Ich kann mich von dem Höker nicht ganz lossagen, wegen der Grütze.“
Und das war ja auch ganz menschlich! -Wir anderen gehen ja auch zum Höker –wegen der Grütze.

Hans Christian Andersen – Der alte Grabstein

Hans Christian Andersen

Der alte Grabstein

In einem der kleinen Marktflecken bei einem Manne, der seinen eigenen Hof hatte, saß abends in der Jahreszeit, in der die Abende länger werden, die ganze Familie im Kreise zusammen. Es war noch milde und warm. Die Lampe war angezündet, die langen Gardinen hingen vor den Fenstern nieder, auf denen Blumentöpfe standen, und draußen war herrlicher Mondschein. Aber davon sprachen sie nicht, sie sprachen von einem alten, großen Stein, der unten im Hofe lag, dicht bei der Küchentür, wohin die Mädchen oft das geputzte Kupferzeug stellten, damit es in der Sonne trocknen sollte, und wo die Kinder gern spielten, es war eigentlich ein alter Grabstein.
„Ja,“ sagte der Hausherr, „ich glaube, er stammt aus der alten, abgebrochenen Klosterkirche. Die Kanzel, die Denkmäler und die Grabsteine wurden ja verkauft! Mein seliger Vater kaufte mehrere davon; sie wurden zu Pflastersteinen zerschlagen, aber dieser Stein blieb übrig und liegt seitdem im Hofe.“
Man kann wohl sehen, daß es ein Grabstein ist“, sagte das älteste von den Kindern. „Es ist darauf noch ein Stundenglas und ein Stück von einem Engel zu sehen, aber die Inschrift, die darauf gestanden hat, ist schon verwischt außer dem Namen Preben und einem großen ,S‘, das gleich dahinter steht, und ein bißchen weiter unten steht ,Marthe‘. Mehr kann man nicht herausbekommen und auch das ist nur deutlich zu sehen, wenn es geregnet hat oder wir ihn gewaschen haben.“
„Herrgott, das ist Preben Svanes und seiner Frau Leichensteint“ sagte ein alter, alter Mann im Zimmer. Seinem Alter nach hätte er gut und gerne der Großvater all der Alten und Jungen, die hier versammelt waren, sein können. „Ja, das Ehepaar war eines der letzten, die auf dem alten Klosterkirchhofe beerdigt worden sind! Das war ein altes, ehrenhaftes Paar aus meinen Knabenjahren! Alle kannten sie, und alle liebten sie; sie waren das Alters-Königspaar hier in der Gegend. Die Leute sagten von ihnen, daß sie über eine Tonne Gold besäßen, doch gingen sie einfach gekleidet. im gröbsten Zeug, aber ihr Linnen war blendend weiß. Das war ein prächtiges altes Paar. Preben und Marthe. Wenn sie auf der Bank oben auf der großen Steintreppe des Hauses saßen, über die der alte Lindenbaum seine Zweige breitete, und sie so freundlich und milde nickten, wurde man ordentlich fröhlich. Sie waren unendlich gutherzig gegen die Armen! Sie speisten sie und kleideten sie, und es war Vernunft und wahres Christentum in all ihren Wohltaten. Zuerst starb die Frau. Ich entsinne mich noch so gut des Tages. Ich war ein kleiner Knabe und mit meinem Vater drinnen beim alten Preben, als sie gerade hinübergeschlummert war. Der alte Mann war so bewegt, er weinte wie ein Kind. Die Tote lag noch in der Schlafkammer, dicht neben dem Zimmer, in dem wir saßen. Und er sprach zu meinem Vater und ein paar Nachbarn davon, wie einsam es nun sein würde, wie gut sie gewesen sei, wieviele Jahre sie zusammen gelebt hätten und wie es zugegangen wäre, daß sie einander kennen gelernt und sich lieb gehabt hätten. Ich war, wie gesagt, klein und stand und hörte zu, aber es erfüllte mich seltsam stark, dem alten Mann zu lauschen und zu sehen, wie er immer lebhafter wurde und rote Wangen bekam, als er vom Verlobungstage sprach und davon, wie lieblich sie gewesen wäre und wieviele unschuldige, kleine Umwege er gemacht hätte, um mit ihr zusammenzutreffen. Und er erzählte vom Hochzeitstag; seine Augen leuchteten auf dabei, er lebte sich gleichsam wieder zurück in die schönen Zeiten damals, und sie lag dicht dabei in der Kammer, tot, eine alte Frau, und er war ein alter Mann und sprach von den Zeiten der Hoffnung! -ja, ja, so gehts! Damals war ich ein Kind nur, und heute bin ich alt, alt wie Preben Svane. Die Zeit vergeht und alles verändert sich! Ich erinnere mich noch gut ihres Begräbnistages. Der alte Preben ging dicht hinter dem Sarge her. Ein paar Jahre vorher hatte das Ehepaar seinen Grabstein meißeln lassen mit Inschrift und Namen, bis auf den Todestag. Der Stein wurde am Abend hinausgefahren und auf das Grab gelegt, und ein Jahr später wurde er wieder emporgehoben und der alte Preben kam zu seiner Frau heim. -Sie hinterließen nicht solchen Reichtum, wie die Leute geglaubt und behauptet hatten. Das was blieb, fiel an die Familie, die weit entfernt lebte, keiner hatte sie je gekannt. Das Fachwerkhaus mit der Bank auf der hohen Steintreppe unter dem Lindenbaum wurde vom Magistrat niedergerissen, denn es war allzu baufällig, als daß man es hätte stehen lassen dürfen. Später, als es der Klosterkirche ebenso erging und der Kirchhof aufgehoben wurde, kam Prebens und Marthes Grabstein, wie alles andere von dort, zu dem, der ihn kaufen wollte, und nun hat es sich gerade so getroffen, daß er nicht mit zerschlagen und verbraucht worden ist, sondern noch immer im Hofe liegt als Spielzeug für die Kleinen und als Trockenstelle für das gescheuerte Küchenzeug der Mädchen. Die gepflasterte Straße geht nun über die Ruhestätte des alten Preben und seiner Frau. Keiner kennt sie mehr.“
Und der alte Mann, der all dies erzählte, schüttelte wehmütig das Haupt. „Vergessen“ -„Alles wird vergessen“ sagte er. Und dann sprachen sie im Zimmer von anderen Dingen, aber der kleinste Knabe, ein Kind mit großen. ernsten Augen, kletterte auf den Stuhl hinter der Gardine und sah hinab in den Hof, wo der Mond hell auf den großen Stein schien, der ihm zuvor stets leer und flach erschienen war, nun aber da lag, wie ein großes Blatt im Buche der Geschichte. Alles, was der Knabe von Preben und seiner Frau gehört hatte, knüpfte sich an den Stein. Und er blickte auf ihn und hinauf in den klaren, lichten Mond in der reinen, hohen Luft, und es war, als ob eines Gottes Antlitz über die Erde hinschien.
„Vergessen. Alles wird vergessen!“ klang es im Zimmer, und in diesem Augenblick küßte ein unsichtbarer Engel des Kindes Brust und Stirn und flüsterte leise: „Bewahre das empfangene Samenkorn gut. Bewahre es bis zur Zeit der Reife. Durch Dich, o Kind, sollen die verwischte Inschrift, der verwitterte Grabstein in leuchtenden, goldenen Zügen für kommende Geschlechter bewahrt bleiben. Das alte Ehepaar soll wieder Arm in Arm durch die alten Straßen wandern, mit frischen, roten Wangen lächelnd auf der Steintreppe unter dem Lindenbaum sitzen und arm und reich zunicken. Das Samenkorn aus dieser Stunde wird im Laufe der Jahre sich in eine blühende Dichtung verwandeln. Das Gute und Schöne wird nicht vergessen, es lebt in Sagen und Liedern.“

Hans Christian Andersen – Der Bischof auf Börglum und seine Sippe

Hans Christian Andersen

Der Bischof auf Börglum und seine Sippe

Jetzt sind wir oben in Jütland, oberhalb des Wildmoores; wir können den „Westwauwau“ hören (wie dort die Nordsee heißt); hören wie er bellt, er ist ganz nahe. Aber vor uns erhebt sich ein großer Sandhügel; lange haben wir ihn schon gesehen und wir fahren noch immer auf ihn zu, langsam fahren wir in dem tiefen Sande. Oben auf dem Sandhügel liegt ein großes altes Gebäude; es ist das Kloster Börglum, dessen größter Flügel noch heute als Kirche dient.. Spät am Abend langen wir an, aber es ist klares Wetter, es ist die Zeit der hellen Nächte. Weit, weit hinaus kann man von hier schauen, über Feld und Moor bis zur Aalborger Bucht, über Heide und Wiese, über das dunkelblaue Meer hin.
Nun sind wir oben, nun rasseln wir zwischen Ställen und Scheunen hindurch, biegen um und fahren gerade durch das große Tor in den alten Burghof hinein, wo die Mauer entlang eine Reihe stattlicher Lindenbäume steht. Dort stehen sie geschützt vor Wind und Wetter, deshalb wachsen sie, daß ihre Zweige die Fenster fast verhüllen.
Wir gehen die steinerne Treppe hinauf, wir schreiten durch die langen Gänge unter der Decke von starkem Gebälk hin, der Wind saust hier so wunderlich, draußen oder drinnen, man weiß wirklich nicht, wo es ist; und deshalb erzählt man -ja man erzählt so viel, man sieht so viel, wenn einem bange ist oder man andere bange machen will. Die alten verstorbenen Domherren gleiten, wie man sich erzählt, still an uns vorüber in die Kirche hinein, wo die Messe gesungen wird, die man im Sausen des Windes hören kann. Man wird dabei so sonderbar gestimmt, man denkt an die alten Zeiten -denkt, bis man sich im Geiste mitten in der alten Zeit befindet.
Ein Schiff ist an der Küste gescheitert, die Leute des Bischofs sind dort unten, sie verschonen die Unglücklichen nicht, die das Meer verschont hatte. Die See spült das rote Blut ab, das von den zerschmetterten Stirnen herabfloß. Das Strandgut gehört dem Bischof, und viel ist angetrieben. Die See rollt Fässer und Tonnen heran, gefüllt mit köstlichem Wein für den Klosterkeller, der schon voll ist mit Bier und Met. Voll ist auch die Küche mit erlegtem Wildbret, Wurst und Schinken; in den Teichen draußen schwimmt der fette Brassen und die leckere Karausche. Der Bischof auf Börglum ist ein mächtiger Mann, viele Ländereien gehören zu seinem Besitz und noch mehr will er gewinnen; alles soll sich vor Oluf Glob beugen. In Thy ist sein reicher Vetter gestorben. „Gott behüte mich vor meinen Freunden!“; die Wahrheit dieses Sprichwortes soll die Witwe erfahren. Ihr Gatte herrschte mit Ausnahme der geistlichen Güter über das ganze Land. Der Sohn befindet sich in der Fremde; schon als Knabe wurde er hinausgesandt, um fremde Sitten zu lernen, wonach sein Verlangen stand. Seit Jahren hat man nichts von ihm gehört. Vielleicht ruht er schon im Grabe und kehrt also nimmer heim, um zu herrschen, wo jetzt seine Mutter herrscht.
„Was soll ein Weib herrschen?“ ruft der Bischof. Er sendet eine Vorladung und ruft sie vor das Thinggericht. Aber was hilft ihm das? Sie war nie vom Gesetz abgewichen und ihre Stärke lag in ihrer gerechten Sache.
Bischof Oluf auf Börglum, worauf sinnst Du? Was schreibst Du auf das blanke Pergament nieder? Was verschließt es unter Siegel und Band, während du es Rittern und Knechten gibst, die damit aus dem Lande reiten, weit, weit fort, bis zur Stadt des Papstes?
Es ist die Zeit des Laubfalls, die Zeit der Schiffbrüche, nun kommt der eisige Winter.
Zweimal kam er, nun endlich ruft er den Rittern und Knechten ein Willkommen entgegen, die mit einem päpstlichen Briefe von Rom heimkehren, mit einem Bannbriefe über die Witwe, die den frommen Bischof zu beleidigen wagte. „Verflucht sei sie und alles Ihrige! Ausgestoßen sei sie aus der Kirche und Gemeinde! Niemand leist ihr hilfreiche Hand, Freunde und Verwandte sollen sie wie Pest und Aussatz scheuen!“
„Was sich nicht biegen läßt, muß man brechen!“ sagte der Bischof auf Börglum.
Sie verlassen sie alle; aber sie verläßt ihren Gott nicht, er ist ihr Wehr und Waffe.
Ein einziger Dienstbote, eine alte Magd, bleibt ihr treu; mit ihr geht sie hinter dem Pfluge her, und das Korn wächst und gedeiht, trotzdem daß die Erde von Papst und Bischof verflucht ist.
„Du Kind der Hölle! Ich will doch meinen Willen durchsetzen!“ sagt der Bischof von Börglum, „die Hand des Papstes soll sich jetzt auf dich legen und dich vor Gericht schleppen, damit du dein Urteil erhälst!“
Da spannt sie die letzten beiden Ochsen, die sie noch besitzt, vor den Wagen, setzt sich mit ihrer Magd hinauf und fährt über die Heide zum dänischen Lande hinaus. Als Fremde tritt sie unter ein fremdes Volk wo eine fremde Sprache geredet wird, fremde Sitten die Herrschaft führen, weit fort, wo die grünen Hügel sich zu Bergen erheben, auf denen der Wein gedeiht. Reisende Kaufleute ziehen dort die Straßen, ängstlich schauen sie von ihrem Lastwagen um sich, weil sie fürchten, von Raubrittern überfallen zu werden. Die beiden armen Frauen fahren auf ihrem armseligen, von zwei schwarzen Ochsen gezogenen Fuhrwerke unbesorgt in den unsicheren Hohlweg und in die dichten Wälder hinein. Sie befinden sich in Franken. Hier begegnet die arme Verbannte einem stattlichen Ritter, dem zwölf gewappnete Knappen folgen. Er macht halt, sieht sich den seltsamen Zug an und fragt die beiden Frauen nach dem Ziele ihrer Reise und aus welchem Lande sie kommen. Da nennt die Jüngere von beiden Thy in Dänemark, erzählt ihren Kummer und ihr Elend. Und gar bald hat das Elend ein Ende gefunden; Gott hat es so gefügt. Der fremde Ritter ist ihr Sohn. Er reicht ihr die Hand, er schließt sie in die Arme, und die Mutter weint, was sie seit Jahren nicht vermochte; vorher biß sie sich statt dessen in die Lippen, daß die warmen Blutstropfen hervorquollen.
Es ist die Zeit des Laubfalls, es ist die Zeit der Schiffbrüche; das Meer treibt Weinfässer für des Bischofs Keller und Küche an das Land. Über der lodernden Flamme brät das gespickte Wild. Warm und behaglich ist es jetzt, wo der Winter naht, hinter den geschlossenen Türen. Da verlautet etwas Neues: Jens Glob auf Thy ist mit seiner Mutter heimgekehrt; Jens Glob läßt Ladung ergehen; er ladet den Bischof nach Landes Gesetz und Recht vor das geistliche Gericht.
„Das wird ihm viel helfen!“ meinte der Bischof. „Laß deinen vergeblichen Streit nur ruhen, Ritter Jens!“
Es ist die Zeit des Laubfalles im nächsten Jahr, die Zeit der Schiffbrüche; nun kommt der eisige Winter. Die weißen Bienen schwärmen, sie stechen ins Gesicht, bis sie selbst schmelzen.
„Heute ist es frisches Wetter“, sagen die Leute, wenn sie vor der Tür gewesen sind. Jens Glob steht in Gedanken verloren da, so daß er sich am Kamin sein weites Gewand versengt, ja ein Loch hineinbrennt.
„Du Börglumer Bischof! Ich besiege dich doch noch! Unter dem Mantel des Papstes kann dich das Gesetz nicht erreichen, aber Jens Glob wird dich erreichen!“
Daruf schrieb er einen Brief an seinen Schwager, Herrn Oluf Hase in Salling, und bittet ihn, sich zur Frühmesse am Weihnachtstage in der Kirche zu Hvidberg einzufinden. Dort oben muß der Bischof Messe lesen, deshalb reist er von Börglum nach Thyland; das kennt und weiß Jens Glob. Wiese und Moor liegen unter einer Eis-und Schneedecke, die Pferde und Reiter, den ganzen Zug, den Bischof samt pfaffen und Knechten zu tragen vermag; sie reiten den kürzesten Weg durch das schwache Röhricht, durch das der Wind so traurig saust.
Stoße in deine Messingtrompete, du Spielmann in deinem Fuchspelze! Es klingt gut in der klaren Luft. Dann reiten sie über Heide und Moor, den Wiesengarten der Fata Morgana am warmen Sommertage, immer südwärts; sie wollen nach der Hvidberger Kirche.
Der Wind bläst seine Trompete stärker, er bläst einen Sturm, ein Unwetter zusammen, das mit furchtbarer Gewalt zunimmt. Zum Gotteshaus geht es im Unwetter weiter. Gottes Haus steht fest, aber der Sturm braust über Feld und Moor, über Bucht und Meer. Der Börglumer Bischof erreicht die Kirche, Herr Oluf Hase wird wohl schwerlich hinkommen, wie scharf er auch reitet. Er kommt mit seinen Mannen jenseits der Bucht Jens Glob zu Hilfe, nun, Bischof, wirst du vor des Höchsten Gericht geladen werden.
Gottes Haus ist der Gerichtssaal, der Altartisch Gerichtstisch; die Lichter auf den schweren Messingleuchtern sind alle angezündet. Der Sturm liest Klage und Urteil vor. Es braust in der Luft, über Moor und Heide, über die rollenden Wogen hin. Keine Fähre setzt in solchem Unwetter über die Meeresbucht.
Oluf Hase steht am Ottesund; er verabschiedet seine Mannen, schenkt ihnen Rosse und Harnische, erteilt ihnen Urlaub, heimzuziehen und trägt ihnen Grüße an seine Gattin auf. Allein will er sein Leben dem brausenden Wasser anvertrauen, aber sie sollen ihm bezeugen, daß nicht an ihm die Schuld liegt, wenn Jens Glob in der Kirche zu Hvidberg ohne Unterstützung ist. Die treuen Knappen verlassen ihn nicht, sie folgen ihm in das tiefe Wasser nach. Zehn werden eine Beute der Wellen, Oluf Hase selbst und zwei junge Knappen erreichen das andere Ufer; noch haben sie vier Meilen zu reiten.
Mitternacht ist vorüber, es ist Christnacht. Der Wind hat sich gelegt; die Kirche ist erleuchtet; das strahlende Licht scheint durch die Scheiben über Wiese und Heide hinaus. Längst ist die Christmette beendet. Im Gotteshause ist es still, man kann das Wachs von den Lichtern auf den steinernen Fußboden tropfen hören. Jetzt kommt Oluf Hase.
In der Vorhalle bietet ihm Jens Glob Guten Tag. „Jetzt“, fährt er fort, „habe ich mich mit dem Bischofe verglichen.“
„Das hättest du getan?“ ruft Oluf, „dann sollst weder du noch der Bischof lebendig aus der Kirche kommen!“ Und das Schwert fährt aus der Scheide, und Oluf Hase schlägt zu, daß die Planke der Kirchentüre, die Jens Glob schnell zwischen sich und Oluf zuschlägt, zersplittert wird.
„Halt ein, lieber Schwager, betrachte dir erst meinen Vergleich, ich habe den Bischof und seine ganze Begleitung erschlagen. Nicht eine Silbe sagen sie mehr in der Sache, und auch ich will von nun an von dem Unrecht schweigen, das meiner Mutter zugefügt ist.“
Die Schuppen an den Lichtern auf dem Altar leuchten so rot, aber röter leuchtet es vom Fußboden her; mit zerspaltenem Schädel liegt dort der Bischof in seinem Blute und getötet liegen all seine Begleiter da; lautlos und still ist es an dem heiligen Weihnachtsmorgen.
Aber am Abend des dritten Feiertages läuten im Kloster zu Börglum die Totenglocken; der getötete Bischof und seine erschlagenen Leute werden unter einem schwarzen Baldachin mit florumhüllten Kandelabern ausgestellt. In einem Mantel aus Silberbrokat liegt der Tote, der einst mächtige Herr, mit dem Krummstabe in der machtlosen Hand. Der Weihrauch duftet, die Mönche singen; es klingt wie Klage, es klingt wie ein Urteil des Zornes und der Verdammung, das weithin über das Land vernehmbar ist, getragen vom Winde, mitgesungen vom Winde. Er legt sich wohl und ruht, aber er stirbt niemals; immer erhebt er sich wieder und singt seine Lieder, singt sie bis in unsere Zeit hinein, singt sie hier oben von dem Bischof auf Börglum und seiner harten Sippe. In der finstern Nacht schallt sein Gesang; er wird von den furchtsamen Bauern vernommen, der auf dem schweren Sandwege am Börglumer Kloster vorbeifährt, wird von dem lauschenden Schlaflosen in den Stuben des Klosters trotz ihrer dicken Wände vernommen, und deshalb raschelt es in den langen widerhallenden Gängen, die nach der Kirche führen, deren zugemauerter Eingang längst verschlossen ist; freilich nicht vor den Augen des Aberglaubens. Noch immer erblicken sie die Tür, und sie öffnet sich; die Lichter strahlen von den messingnen Kronleuchtern, der Weihrauch duftet, die Kirche flimmert in altertümlicher Pracht, die Mönche singen die Messe für den getöteten Bischof, der in silberbrokatenem Mantel mit dem Bischofsstabe in seiner machtlosen Hand daliegt, und auf seiner bleichen stolzen Stirn leuchtet die blutige Wunde, die wie Feuer glänzt; es ist der Weltsinn und die bösen Lüste, die daraus hervorbrennen.
Versinket ins Grab, versinket in Nacht und Vergessenheit, ihr entsetzlichen Erinnerungen aus alten Tagen!
Hört den Windstoß, welcher das rollende Meer übertönt! Ein Sturm hat sich draußen erhoben, der viele Menschenleben kosten wird! Das Meer hat mit der neuen Zeit seinen Sinn nicht geändert. Heute nacht ist es nur ein Rachen, der verschlingt, morgen vielleicht ein klares Auge, daß man sich darin spiegeln kann, gerade wie in der alten Zeit, die wir jetzt begraben haben. Schlaf süß, wenn Du es vermagst!
Jetzt ist es Morgen!
Die neue Zeit scheint sonnig in das Zimmer hinein! Der Wind hält noch an. Ein Schiffbruch wird gemeldet, wie in alter Zeit.
Heute nacht ist dort unten bei Löcken, dem kleinen Fischerdorfe mit den roten Dächern, das wir von den Fenstern hier oben aus sehen können, ein Schiff gestrandet. Nicht weit vom Ufer stieß es auf, aber die Rettungsrakete schlug eine Brücke zwischen dem Wrack und dem festen Lande; alle, die an Bord waren, wurden gerettet, sie kamen ans Land und zu Bette. Heute sind sie auf das Kloster Börglum eingeladen. In den freundlichen und wohnlichen Zimmern werden sie Gastfreiheit finden und sanften Augen gegenübertreten, werden sie in ihrer eigenen Landessprache willkommen geheißen werden. Vom Klavier herüber tönen die Melodien ihrer Heimat, und ehe sie noch beendet sind, braust eine andere Saite, lautlos und doch so klangvoll und sicher; auf dem Gedankenträger schwingt die Botschaft bis zur Heimat der Schiffbrüchigen im fremden Lande fort und meldet ihre Rettung. Da fühlt der Sinn sich leicht, da steigt die Lust in ihnen auf, beim Feste am Abend in den alten Klosterstuben am Tanze teilzunehmen. Walzer und Reigen wollen wir tanzen und Lieder sollen gesungen werden von Dänemark und dem „tapfern Landsoldaten“ in dieser neuen Zeit.
Gesegnet seist du, neue Zeit! Mit gereinigter Luft zieh ein in die Stadt! Laß deine Sonnenstrahlen in Herzen und Gedanken leuchten! Auf deinem strahlenden Grunde schweben die finstern Sagen aus den harten, den strengen Zeiten vorüber.

Hans Christian Andersen – Der böse Fürst

Hans Christian Andersen

Der böse Fürst

Es war einmal ein böser Fürst; all sein Dichten und Trachten ging darauf aus, alle Länger der Welt zu erobern und allen Menschen Furcht einzuflößen; mit Feuer und Schwert zog er umher, und seine Soldaten zertraten die Saat auf den Feldern und zündeten des Bauern Haus an, so daß die rote Flamme die Blätter von den Bäumen leckte und das Obst gebraten an den versengten, schwarzen Bäumen hing. Mit dem nackten Säugling im Arm flüchtete manche Mutter sich hinter die noch rauchenden Mauern ihres abgebrannten Hauses, aber hier suchten die Soldaten sie auch, und fanden sie die Armen, so war dies neue Nahrung für ihre teuflische Freude: böse Geister hätten nicht ärger verfahren können als diese Soldaten; der Fürst aber meinte, gerade so sei es recht, so sollte es zugehen. Täglich wuchs seine Macht, sein Name wurde von allen gefürchtet, und das Glück schritt neben ihm her bei allen seinen Taten. Aus den eroberten Städten führte er große Schätze heim; in seiner Residenzstadt wurde ein Reichtum aufgehäuft, der an keinem anderen Orte seinesgleichen hatte. Und er ließ prächtige Schlösser, Kirchen und Hallen bauen, und jeder , der diese herrlichen Bauten und großen Schätze sah, rief ehrfurchtsvoll: „Welch großer Fürst!“ Sie gedachten aber nicht des Elends, das er über andere Länder und Städte gebracht hatte; sie vernahmen nicht all die Seufzer und all den Jammer, der aus den eingeäscherten Städten empordrang.
Der Fürst betrachtete sein Gold und seine prächtigen Bauten und dachte dabei wie die Menge: „Welch großer Fürst! Aber ich muß mehr haben, viel mehr! Keine Macht darf der meinen gleichkommen, geschweige denn größer als die meine sein!“ Und er bekriegte alle seine Nachbarn und besiegte sie alle. Die besiegten Könige ließ er mit goldenen Ketten an seinen Wagen fesseln, und so fuhr er durch die Straßen seiner Residenz; tafelte er, so mußten jene Könige ihm und seinen Hofleuten zu Füßen liegen und sich von den Brocken sättigen, die ihnen von der Tafel zugeworfen wurden.
Endlich ließ der Fürst seine eigene Bildsäule auf den öffentlichen Plätzen und in den königlichen Schlössern errichten, ja, er wollte sie sogar in den Kirchen vor dem Altar des Herrn aufstellen; allein hier traten die Priester ihm entgegen und sagten: „Fürst, du bist groß, aber Gott ist größer, wir wagen es nicht, deinem Befehl nachzukommen.“ „Wohlan denn!“ rief der Fürst, „ich werde auch Gott besiegen!“
Und in Übermut und törichtem Frevel ließ er ein kostbares Schifflein bauen, mit welchem er die Lüfte durchsegeln konnte; es war bunt und prahlerisch anzuschauen wie der Schweif eines Pfaus, und es wargleichsam mit Tausenden von Äugen besetzt und übersäht, aber jedes Auge war ein Büchsenlauf. Der Fürst saß in der Mitte des Schiffes, er brauchte nur auf eine dort angebrachte Feder zu drücken, und tausend Kugeln flogen nach allen Richtungen hinaus, während die Feuerschlünde sogleich wieder geladen waren. Hunderte von Adlern wurden vor das Schiff gespannt, und pfeilschnell ging es nun der Sonne entgegen. Wie lag da die Erde tief unten! Mit ihren Bergen und Wäldern schien sie nur ein Ackerfeld zu sein, in das der Pflug seine Furchen gezogen hatte, an dem entlang der grüne Rain hervorblickte, bald glich sie nur noch einer flachen Landkarte mit undeutlichen Strichen, und endlich lag sie ganz in Nebel und Wolken gehüllt. Immer höher flogen die Adler aufwärts in die Lüfte ­da sandte Gott einen einzigen seiner unzähligen Engel aus; der böse Fürst schleuderte Tausende von Kugeln gegen ihn, allein die Kugeln prallten ab von den glänzenden Fittichen des Engels, fielen herab wie gewöhnliche Hagelkörner; doch ein Blutstropfen, nur ein einziger, tröpfelte von einer der weißen Flügelfedern herab, und dieser Tropfen fiel auf das Schiff, in welchem der Fürst saß, er brannte sich in das Schiff ein, er lastete gleich tausend Zentner Blei darauf und riß das Schiff in stürzender Fahrt zur Erde nieder; die starken Schwingen der Adler zerbrachen, der Wind umsauste des Fürsten Haupt, und die Wolken ringsum -die waren ja aus dem Flammenrauch der abgebrannten Städte gebildet -formten sich zu drohenden Gestalten, zu meilenlangen Seekrabben, die ihre Klauen und Scheren nach ihm ausstreckten, sie türmten sich zu ungeheuerlichen Felsen mit herabrollenden, zerschmetternden Blöcken, zu feuerspeienden Drachen; halbtot lag der Fürst im Schiff ausgestreckt, und dieses blieb endlich mit einem fruchtbaren Stoß in den dicken Baumzweigen eines Waldes hängen.
„Ich will Gott besiegen!“ sagte der Fürst, „ich habe es geschworen, mein Wille muß geschehen!“ Uns sieben Jahre lang ließ er bauen und arbeiten an künstlichen Schiffen zum Durchsegeln der Luft, ließ Blitzstrahlen aus härtestem Stahl schneiden, denn er wollte des Himmels Befestigung sprengen. Aus allen Landen sammelte er Kriegsheere, die, als sie Mann an Mann aufgestellt waren, einen Raum von mehreren Meilen bedeckten. Die Heere gingen an Bord der künstlichen Schiffe, der Fürst näherte sich dem seinen: da sandte Gott einen einzigen kleinen Mückenschwarm aus. Der umschwirrte den Fürsten und zerstach sein Antlitz und seine Hände; zornentbrannt zog er sein Schwert und schlug um sich, allein er schlug nur in die leere Luft, die Mücken traf er nicht. Da befahl er, kostbare Teppiche zu bringen und ihn in dieselben einzuhüllen, damit ihn keine Mücke fernerhin steche; und die Diener taten wie befohlen. Allein, eine einzige Mücke hatte sich an die innere Seite des Teppichs gesetzt, von hier aus kroch sie in das Ohr des Fürsten und stach ihn; es brannte wie Feuer, das Gift drang hinein in sein Gehirn; wie wahnsinnig riß er die Teppiche von seinem Körper und schleuderte sie weit weg, zerriß seine Kleidung und tanzte nackend herum vor den Augen seiner rohen, wilden Soldaten, die nun den tollen Fürsten verspotteten, der Gott bekriegen wollte und von einer einzigen kleinen Mücke besiegt worden war.

Hans Christian Andersen – Der Buchweizen

Hans Christian Andersen

Der Buchweizen

Häufig, wenn man nach einem Gewitter an einem Acker vorübergeht, auf dem Buchweizen wächst, sieht man, daß er ganz schwarz geworden und abgesengt ist; es ist gerade, als ob eine Feuerflamme über ihn hingefahren wäre, und der Landmann sagt dann: »Das hat er vom Blitze bekommen!« Aber warum bekam er das? Ich will erzählen, was der Sperling mir gesagt hat, und der Sperling hat es von einem alten Weidenbaume gehört, der bei einem Buchweizenfelde steht. Es ist ein ehrwürdiger, großer Weidenbaum, aber verkrüppelt und alt, er ist in der Mitte geborsten, und es wachsen Gras und Brombeerranken aus der Spalte hervor; der Baum neigt sich vornüber, und die Zweige hängen ganz auf die Erde hinunter, gerade als ob sie langes, grünes Haar wären.
Auf allen Feldern ringsumher wuchsen Korn, Roggen, Gerste und Hafer, ja der herrliche Hafer, der, wenn er reif ist, gerade wie eine Menge kleiner, gelber Kanarienvögel an einem Zweige aussieht. Das Korn stand gesegnet, und je schwerer es war, desto tiefer neigte es sich in frommer Demut.
Aber da war auch ein Feld mit Buchweizen, und dieses Feld war dem alten Weidenbaume gerade gegenüber. Der Buchweizen neigte sich durchaus nicht wie das übrige Korn, sondern prangte stolz und steif.
»Ich bin wohl so reich wie die Ähre«, sagte er; »überdies bin ich weit hübscher; meine Blumen sind schön wie die Blüten des Apfelbaumes; es ist eine Freude, auf mich und die Meinigen zu blicken! Kennst du etwas Prächtigeres als uns, du alter Weidenbaum?«
Der Weidenbaum nickte mit dem Kopfe, gerade als ob er damit sagen wollte: »Ja, freilich!« Aber der Buchweizen spreizte sich aus lauter Hochmut und sagte: »Der dumme Baum, er ist so alt, daß ihm Gras im Leibe wächst!« Nun zog ein schrecklich böses Gewitter auf; alle Feldblumen falteten ihre Blätter zusammen oder neigten ihre kleinen Köpfe herab, während der Sturm über sie dahinfuhr.
Aber der Buchweizen prangte in seinem Stolze.
»Neige dein Haupt wie wir!« sagten die Blumen.
»Das ist durchaus nicht nötig«, erwiderte der Buchweizen. »Senke dein Haupt wie wir!« rief das Korn. »Nun kommt der Engel des Sturmes geflogen! Er hat Schwingen, die oben von den Wolken bis gerade herunter zur Erde reichen, und er schlägt dich mittendurch, bevor du bitten kannst, er möge dir gnädig sein!«
»Aber ich will mich nicht beugen!« sagte der Buchweizen.
»Schließe deine Blumen und neige deine Blätter!« sagte der alte Weidenbaum. »Sieh nicht zum Blitze empor, wenn die Wolke birst; selbst die Menschen dürfen das nicht, denn im Blitze kann man in Gottes Himmel hineinsehen; aber dieser Anblick kann selbst die Menschen blenden. Was würde erst uns, den Gewächsen der Erde, geschehen, wenn wir es wagten, wir, die doch weit geringer sind!«
»Weit geringer?« sagte der Buchweizen. »Nun will ich gerade in GottesHimmel hineinsehen!« Und er tat es in seinem Übermut und Stolz. Es war, als ob die ganze Welt in Flammen stände, so blitzte es.
Als das böse Wetter vorbei war, standen die Blumen und das Korn in der stillen, reinen Luft erfrischt vom Regen, aber der Buchweizen war vom Blitz kohlschwarz gebrannt; er war nun ein totes Unkraut auf dem Felde.
Der alte Weidenbaum bewegte seine Zweige im Winde, und es fielen große Wassertropfen von den grünen Blättern, gerade als ob der Baum weine, und die Sperlinge fragten: »Weshalb weinst du? Hier ist es ja so gesegnet! Sieh, wie die Sonne scheint, sieh, wie die Wolken ziehen! Kannst du den Duft von Blumen und Büschen bemerken: Warum weinst du, alter Weidenbaum?«
Und der Weidenbaum erzählte vom Stolze des Buchweizens, von seinem Übermute und der Strafe, die immer darauf folgt. Ich, der die Geschichte erzähle, habe sie von den Sperlingen gehört. Sie erzählten sie mir eines Abends, als ich sie um ein Märchen bat.

Hans Christian Andersen – Der Ehre Dornenpfad

Hans Christian Andersen

Der Ehre Dornenpfad

So heißt ein altes Märchen: „Der Ehre Dornenpfad“, und es handelt von einem Schützen mit Namen Bryde, der wohl zu großen Ehren und Würden kam, aber nicht ohne lange und vielfältige Widerwärtigkeiten und Fährnisse des Lebens durchzumachen. Manch einer von uns hat es gewiß als Kind gehört oder es vielleicht später gelesen und dabei an seinen eigenen stillen Dornenweg und die vielen Widerwärtigkeiten gedacht. Märchen und Wirklichkeit liegen einander so nahe, aber das Märchen hat seine harmonische Lösung hier auf Erden, während die Wirklichkeit sie meist aus dem Erdenleben hinaus in Zeit und Ewigkeit verlegt.
Die Weltgeschichte ist eine Laterne magica, die uns in Lichtbildern auf dem dunklen Grunde der Zeit zeigt, wie der Menschheit Wohltäter, die Märtyrer des Genies, den dornigen Pfad der Ehre wandeln.
Aus allen Zeiten, aus allen Ländern treten diese Glanzbilder hervor, jedes nur für einen Augenblick, und doch jedes ein ganzes Leben mit seinen Kämpfen und Siegen. Laß uns hie und da einen aus der Reihe der Märtyrer betrachten, die nicht abschließt, ehe die Erde vergeht.
Wir sehen ein vollbesetztes Amphitheater, Aristophanes‘ „Wolken“ senden Ströme von Spott und Munterkeit in die Menge: Von der Bühne herab wird Athens bemerkenswertester Mann, der dem Volke ein Schild gegen die dreißig Tyrannen war, körperlich und geistig verspottet. Sokrates, er, der im Schlachtgetümmel Alkibiades und Xenophon rettete, er, dessen Geist sich über die Götter des Altertums emporgeschwungen hatte -er ist selbst zur Stelle. Er erhebt sich von der Zuschauerbank und stellt sich dar, damit die lachenden Athener sehen können, ob er seinem Spottbild auf der Bühne ähnlich sehe. Aufgerichtet steht er vor ihnen, weit über alle erhaben.
Du saftiger, grüner, giftiger Schierling, Du solltest Athens Wahrzeichensein, und nicht der Ölbaum.
Sieben Städte stritten sich um die Ehre, Homers Geburtsort zu sein, das heißt, als er tot war. -Sieh ihn während seiner Lebenszeit. -Da wandert er durch eben diese Städte, er singt ihnen seine Verse vor, um zu leben. Der Gedanke an den morgigen Tag läßt sein Haar ergrauen. Er, der mächtigste Seher, ist blind und einsam. Der spitze Dorn reißt den Mantel des Königs aller Dichter in Fetzen. Seine Gesänge leben noch, und allein durch sie leben die Götter und Helden des Altertums.
Bild auf Bild wogt aus dem Morgen-und Abendlande hervor, so fern von einander an Ort und Zeit, und doch stets derselbe Gang auf der Ehre Dornenpfad, an dem die Distel erst blüht, um das Grab zu schmücken.
Unter den Palmen schreiten Kamele, reichbeladen mit Indigo und anderen köstlichen Schätzen. Des Landes Herrscher sendet sie ihm, dessen Gesänge des Volkes Freude, des Landes Ehre sind. Er, den Neid und Lüge aus dem Lande verjagt haben, ist gefunden! -Die Karawane nähert sich der kleinen Stadt, wo er eine Freistatt gefunden hat; ein ärmlicher Leichenzug kommt aus dem Tore, die Karawane hält. Der Tote ist eben der, welchen sie suchen: Firdusi -zu Ende ist der Ehre Dornenpfad.
Der Afrikaner mit den plumpen Zügen, den dicken Lippen, dem schwarzen Wollhaar, sitzt an des Palastes Marmortreppe in Portugals Hauptstadt und bettelt -es ist Camoens treuer Sklave, ohne ihn und die Kupferschillinge, die ihm zugeworfen werden, müßte sein Herr, der Sänger der „Lusiade“ verhungern.
Heut steht ein kostbares Monument auf Camoens Grabe.
Wieder ein Bild.
Hinter Eisenstangen zeigt sich ein Mann, totenbleich, mit langem verfilztem Bart: „Ich habe eine Erfindung gemacht, die größte des Jahrhunderte“ ruft er, „und man hat mich dafür mehr als zwanzig Jahre lang hier eingesperrt gehalten.“ -„Wo ist er?“ -„Ein Irrer“ sagt, der Aufseher der Irrenanstalt: „Auf was ein Mensch nicht alles verfallen kann. Er glaubt, man könne sich durch Dampf fortbewegen.“ Salomon de Caus, der Erfinder der Dampfkraft, der mit den unklaren Worten seines ahnenden Gefühls von einem Richelieu nicht verstanden wurde und eingekerkert in der Irrenzelle starb.
Hier steht Columbus, den einst die Straßenjungen verfolgten und verspotteten, weil er eine neue Welt entdecken wollte. -Er hat sie entdeckt: Die Glocken des Jubels erklingen bei seiner Heimkehr, aber der Mißgunst Glocken läuten stärker noch; der Weltenentdecker, er, der das amerikanische Goldland über das Meer erhob und es seinem Könige gab, wird mit eisernen Ketten belohnt und sie, die er mit in seinen Sarg zu legen bat, zeugen von der Welt und ihrem Lohn.
Bild drängt sich auf Bild, reich daran ist der Ehre Dornenpfad.
In Dämmer und Dunkel sitzt hier der welcher die Höhe der Mondgebirge ausmaß, er, welcher über den Raum hinaus zu den Planeten und Sternen drang, er, der Mächtige, welcher den Geist der Natur hörte und sah, der vernahm, wie die Erde sich unter ihm drehte: Galilei. Blind und taub sitzt er in den Jahren des Alters, gefoltert von den Dornen des Leidens: der Verleugnung Qual. Kaum hat er noch die Kraft, seinen Fuß zu heben, den Fuß, mit dem er einst im Seelenschmerz, als das Wort der Wahrheit ausgestrichen wurde, die Erde stampfte mit dem Ausruf: „Und sie bewegt sich doch.“
Hier steht ein Weib mit Kindessinn, Begeisterung und Glauben -sie trägt das Banner dem kämpfenden Heere voran und bringt ihrem Vaterland den Sieg und die Rettung. Der Jubel erschallt -und der Scheiterhaufen wird angezündet: Jeanne d’Arc, die Hexe, wird verbrannt. -Ja, das kommende Jahrhundert bespie die weiße Lilie: Voltaire, der Satyr des Verstandes, sing‘ von „La pucelle“.
Auf dem Ting in Viborg verbrennt der dänische Adel des Königs Gesetze ­sie lodern in Flammen, beleuchten die Zeit und den Gesetzgeber, werfen einen Glorienschein in den dunklen Gefängnisturm, wo er sitzt mit grauem Haupt, mit gekrümmtem Rücken, mit den Fingernägeln Furchen in einen steinernen Tisch grabend, er, einst Herr über drei Königreiche, der volkstümliche Herrscher, Freund der Bürger und Bauern: Christian der Zweite. Er, der mit hartem Sinn seine harte Zeit regierte. Die Feinde schrieben seine Geschichte. -An die siebenundzwanzigjährige Gefangenschaft wollen wir denken, wenn wir uns seiner Blutschuld erinnern.
Dort segelt ein Schiff aus Dänemark fort, ein Mann steht am hohen Mast, er blickt zum letzten Male zur Heimat zurück: Tycho Brahe, der Dänemarks Namen zu den Sternen empor trug, und dafür mit Kränkung und Verdruß belohnt wurde -er zieht nach einem fremden Lande. „Der Himmel ist allerorten, was brauche ich mehr!“ sind seine Worte. Dort segelt er fort, unser berühmtester Mann, um in fremdem Lande geehrt und frei zu leben.
Wir sind in Amerika an einem der großen Flüsse, eine Menschenmasse hat sich angesammelt. Ein Schiff soll gegen Wind und Wetter fahren können, eine Macht gegen die Elemente sein: Robert Fulton heißt er, welcher dies zu können glaubt. Das Schiff beginnt seine Fahrt; plötzlich steht es still. ­Der Haufen lacht, er schreit und pfeift, der eigene Vater pfeift mit: „Hochmut. Wahnsinn. Verdienter Lohn. Unter Schloß und Riegel mit dem Narren.“ -Da bricht ein kleiner Nagel, der einen
Augenblick die Maschine hemmte, die Räder drehen sich, die Schaufeln stoßen den Widerstand des Wassers beiseite, das Schiff fährt. Die Weberspule des Dampfers wandelt Stunden in Minuten zwischen des Ländern der Welt.
Menschheit! Begreifst Du das Bewußtsein der Seligkeit in solcher Minute, diesen Glauben des Geistes an seine Sendung in einem Augenblick, in dem alle Niederlagen auf dem dornigen Pfad der Ehre, selbst die durch eigene Schuld erlittenen, sich in Heilung, Gesundung, Kraft und Klarheit auflösen, die Disharmonie sich in Harmonie verwandelt und die Menschen die Offenbarung göttlicher Gnade schauen, die dem einzelnen erwiesen und von ihm zum Nutzen aller verwendet wurde
Der Dornenpfad der Ehre ist dann vom Glorienschein erleuchtet. Glückselig, zum Wanderer auf diesem Wege auserkoren zu sein und ohne Verdienst sich unter den Baumeistern der Brücke zu finden, die Menschengeschlecht mit Gott verbindet.
Auf mächtigen Schwingen schwebt der Geist der Geschichte durch die Zeiten und zeigt -zur Ermutigung, zum Troste und zur Nachdenken erweckenden Milde -in leuchtenden Bildern auf nachtschwarzem Grunde den Dornenpfad der Ehre, der nicht wie im Märchen schon auf Erden in Glanz und Freuden endet, sondern über sie hinaus in Zeit und Ewigkeit weist.

Hans Christian Andersen – Der Engel

Hans Christian Andersen

Der Engel

Jedesmal, wenn ein gutes Kind stirbt, kommt ein Engel Gottes zur Erde hernieder, nimmt das tote Kind auf seine Arme, breitet die großen, weißen Flügel aus und pflückt eine ganze Handvoll Blumen, die er zu Gott hinaufbringt, damit sie dort noch schöner als auf der Erde blühen. Gott drückt sie dort an sein Herz, aber der Blume, die ihm die liebste ist, gibt er einen Kuß, und dann bekommt sie Stimme und kann in der großen Glückseligkeit mitsingen.
Sieh, alles dieses erzählte ein Engel Gottes, während er ein totes Kind zum Himmel forttrug, und das Kind hörte wie im Traume; sie flogen über die Stätten in der Heimat, wo das Kleine gespielt hatte, und kamen durch Gärten mit herrlichen Blumen.
„Welche wollen wir nun mitnehmen und in den Himmel pflanzen?“ fragte der Engel.
Da stand ein schlanker, herrlicher Rosenstock, aber eine böse Hand hatte den Stamm abgebrochen, so daß alle Zweige, voll von großen, halb aufgebrochenen Knospen, vertrocknet rundherum hingen. „Der arme Rosenstock!“ sagte das Kind. „Nimm ihn, damit er oben bei Gott zum Blühen kommen kann!“
Und der Engel nahm ihn, küßte das Kind dafür, und das Kleine öffnete seine Augen zur Hälfte. Sie pflückten von den reichen Prachtblumen, nahmen aber auch die verachtete Butterblume und das wilde Stiefmütterchen.
„Nun haben wir Blumen!“ sagte das Kind, und der Engel nickte, aber er flog noch nicht zu Gott empor. Es war Nacht und ganz still; sie blieben in der großen Stadt und schwebten in einer der schmalen Gassen umher, wo Haufen Stroh und Asche lagen; es war Umzug gewesen. Da lagen Scherben von Tellern, Gipsstücke, Lumpen und alte Hutköpfe, was alles nicht gut aussah. Der Engel zeigte in allen diesen Wirrwarr hinunter auf einige Scherben eines Blumentopfes und auf einen Klumpen Erde, der da herausgefallen war. Von den Wurzeln einer großen vertrockneten Feldblume, die nichts taugte und die man deshalb auf die Gasse geworfen hatte, wurde er zusammengehalten. „Diese nehmen wir mit!“ sagte der Engel. „Ich werde dir erzählen, während wir fliegen!“ Sie flogen, und der Engel erzählte: „Dort unten in der schmalen Gasse, in dem niedrigen Keller, wohnte ein armer, kranker Knabe. Von seiner Geburt an war er immer bettlägerig gewesen; wenn es ihm am besten ging, konnte er auf Krücken die kleine Stube ein paarmal auf und nieder gehen, das war alles. An einigen Tagen im Sommer fielen die Sonnenstrahlen während einer halben Stunde bis in den Keller hinab, und wenn der Knabe dasaß und sich von der warmen Sonne bescheinen ließ und das rote Blut durch seine feinen Finger sah, die er vor das Gesicht hielt, dann hieß es: ‚Heute ist er aus gewesen!‘ Er kannte den Wald in seinem herrlichen Frühjahrsgrün nur dadurch, daß ihm des Nachbars Sohn den ersten Buchenzweig brachte, den hielt er über seinem Haupte und träumte dann unter Buchen zu sein, wo die Sonne scheint und die Vögel singen. An einem Frühlingstage brachte ihm des Nachbars Knabe auch Feldblumen, und unter diesen war zufällig eine Wurzel, deshalb wurde sie in einen Blumentopf gepflanzt und am Bette neben das Fenster gestellt. Die Blume war mit einer glücklichen Hand gepflanzt, sie wuchs, trieb neue Zweige und trug jedes Jahr ihre Blumen; sie wurde des kranken Knaben herrlichster Blumengarten, sein kleiner Schatz hier auf Erden; er begoß und pflegte sie und sorgte dafür, daß sie jeden Sonnenstrahl, bis zum letzten, der durch das niedrige Fenster hinunterglitt, erhielt; die Blume selbst verwuchs mit seinen Tränen, denn für ihn blühte sie, verbreitete sie ihren Duft und erfreute das Auge; gegen sie wendete er sich im Tode, da der Herr ihn rief. Ein Jahr ist er nun bei Gott gewesen, ein Jahr hat die Blume vergessen im Fenster gestanden und ist verdorrt und wurde deshalb beim Umziehen hinaus auf die Straße geworfen. Und dies ist die Blume, die vertrocknete Blume, die wir mit in unsern Blumenstrauß genommen haben, denn diese Blume hat mehr erfreut als die reichste Blume im Garten einer Königin!“
„Aber woher weißt du das alles?“ fragte das Kind, das der Engel gen Himmel trug.
„Ich weiß es“, sagte der Engel, „denn ich war selbst der kleine, kranke Knabe, der auf Krücken ging; meine Blume kenne ich wohl!“
Das Kind öffnete seine Augen ganz und sah in des Engels herrliches, frohes Antlitz hinein, und im selben Augenblick befanden sie sich in Gottes Himmel, wo Freude und Glückseligkeit waren. Gott drückte das tote Kind an sein Herz, und da bekam es Schwingen wie der andere Engel und flog Hand in Hand mit ihm. Gott drückte alle Blumen an sein Herz, aber die arme verdorrte Feldblume küßte er, und sie erhielt Stimme und sang mit allen Engeln, welche Gott umschwebten, einige ganz nahe, andere um diese herum in großen Kreisen und immer weiter fort in das Unendliche, aber alle gleich glücklich. Und alle sangen sie, klein und groß, samt dem guten, gesegneten Kinde und der armen Feldblume, die verdorrt dagelegen hatte, hingeworfen in den Kehricht des Umziehtages, in der schmalen, dunklen Gasse.