Monthly Archives: Oktober 2011

Das Hellerlein

Ludwig Bechstein

Das Hellerlein

Ein fremder Wandergast trat in ein Bauernhaus und fand alldadie Familie, den Vater mit Frau und Kindern, in trüber Stimmung und in Trauerkleidern, denn ihnen war vor wenigenWochen ein liebes und schönes Kind, ein Mädchen, gestorben.Die Leute ließen den Fremden, der ihnen jedoch verwandtwar, an ihrem Mittagsmahle Anteil nehmen. Man setzte sichnach gesprochenem Gebete zu Tische, da schlug es zwölf Uhr.Und mit dem letzten Schlage der Uhr ging ganz leise die Stubentüre auf, und es trat ein bleiches Kind herein in die Stube,grüßte niemand, sah sich nicht um, sprach kein Wort, sondernging schwebenden Ganges in die Kammer. Niemand sprach einWort, und auch der Fremde fragte nicht, aber es überlief ihnein Schauer.

Geschäfte hielten den Verwandten noch einen und den andern Tag im Orte und bei den Leuten, die ihn aufgenommen,fest, sonst wäre er lieber gegangen, denn am zweiten Tagezeigte sich dieselbe Erscheinung; das bleiche Kind kam zurStubentüre herein und ging schweigend in die Kammer – ohnedaß die Leute es nur zu gewahren schienen. Dasselbe geschaham dritten Tage, da hielt der Fremde nicht länger an sich,sondern fragte: »Ei, saget doch, was ist das für ein Kind, dasjeden Mittag Glock zwölf so still durch die Stube und in dieKammer geht?«

»Ich weiß von keinem solchen Kinde, ich sah noch keins«,antwortete der Vater, die Mutter aber begann zu weinen.

Jetzt ging der Fremde zu der Kammertüre, öffnete sie einwenig und blickte in die Kammer. Da gewahrte er das Kind. Essaß an der Erde und grub mit den Fingern in einer Ritzezwischen zwei Dielen gar emsiglich und wühlte und seufzeteleise: »Ach, das Hellerlein! Ach, das Hellerlein!« als aber dieKammertüre ein wenig knarrte, fuhr das Kind erschrockenzusammen und verschwand.

Nun sagte der Gast den Leuten an, was er gesehen, undbeschrieb des Kindes Gestalt, da rief die Mutter schluchzendaus: »Ach Gott, ach Gott! Das war unser Kind, das wir vor vierWochen begraben haben! Warum nur hat es keine Ruhe imGrabe?« Nun gab der Gast den Rat, die Diele aufzubrechen,und als das geschah, so fand sich darunter ein armseliges Hellerlein, das hatte das Kind in der Kirche in den Klingelbeutellegen sollen, hatte es aber behalten, bis es noch eines zweitenhabhaft würde, dann hatte es sich wollen Pfennigsemmel kaufen. Zu Hause aber hatte das Kind das Hellerlein fallen lassen,und es war zwischen den Dielen in die Ritze gefallen. Deshalbhatte das Kind keine Ruhe im Grabe. Am Tage darauf warf desKindes Mutter das Hellerlein in den Klingelbeutel, und vonnun an kam das Kind nicht wieder.

Aschenpüster mit der Wünschelgerte

Ludwig Bechstein

Aschenpüster mit der Wünschelgerte

Es war einmal ein reicher Mann, der hatte eine einzige schöne Tochter, welche er über alle
Maßen liebte. Seine Frau war gestorben. Die Tochter war außerordentlich schön, und was
sie nur immer wünschte, das gab ihr der Vater, weil er kein größeres Glück kannte, als sein
Mägdlein zu erfreuen, vielleicht auch, weil sie ein Wünschelfräulein war, dem jeder Wunsch
ausging.

»Schenke mir ein Kleid, Vater, das von Silber steht, ich will dir auch einen Kuß dafür
geben!« sprach eines Tages die Tochter zum Vater, und sie empfing bald das Kleid, und der
Vater empfing seinen Kuß.

»Schenke mir ein Kleid, lieber Vater, das vom Golde steht!« sprach die Tochter bald darauf,
»und ich will dir zwei Küsse geben.« Auch diesen Tauschhandel ging der Vater ein.
»Schenke mir ein Kleid, das von Diamanten steht, liebster Vater, und ich will dir drei Küsse
geben!« bat wiederum die Tochter, und der Vater sagte ihr: »Du sollst es haben, aber du
machst mich arm.«

Der Vater schaffte das Kleid, und die Tochter fiel ihm dankend um den Hals, küßte ihn
dreimal und rief: »Nun, herzgoldener, herzallerliebster Vater, schenke mir eine Glücksrute und
Wünschelgerte, so will ich stets dein Goldkind sein und alles tun, was ich dir an den Augen
absehen kann!«

»Mein Kind«, sprach der Vater, »eine solche Gerte habe ich nicht, auch wird sie schwer zu
bekommen sein, doch will ich mein Glück versuchen, dich ganz glücklich zu machen.«

Da verreisete der Vater und nahm sein letztes Vermögen mit und forschte nach einer
Wünschelgerte, aber kein Kaufmann hatte dergleichen feil. So kam der Mann weit in ein
fernes Land, da fand er einen alten Zauberer und hörte, daß dieser eine Wünschelgerte
besitze. Diesen Zauberer suchte der nur zu gute Vater auf, trug ihm sein Anliegen vor und
fragte, was die Gerte kosten solle.

Der alte Zauberer sprach: »Wenn die Menschen Wünschelgerten mit Gelde kaufen könnten,
so würde es auf Erden bald keinen Wald mehr geben, und wenn auch jedes Bäumelein und
jedes Zweigelein eine solche Rute wäre. Der eine solche Gerte empfängt, opfert seine Seele
und stirbt drei Tage nachher, wenn er sie aus der Hand gegeben, es wäre denn, er gäbe sie
jemand, der auch seine Seele dafür zu opfern gelobt und bereit ist. Dann geht die Seele des
Besitzers frei aus.«

»Gut«, sprach der Vater jener Tochter. »Meinem Kinde zuliebe scheue ich das verlangte
Opfer nicht. Gib mir die Gerte!« Der alte Zauberer ließ den Mann seinen Namen in ein Buch
schreiben und erfüllte sein Verlangen. Die weite Reise nach der Gerte zehrte den letzten Rest
des Vermögens des reichen Mannes auf, der alles an die Tochter gewendet, aber es war ihm
einerlei. Sie nur durch Erfüllung aller ihrer Wünsche glücklich zu sehen, war sein einziger
Wunsch und Gedanke. Es ist gut, dachte er, wenn ich sterbe, denn sie würde doch noch mehr
wünschen, und wenn ich ihr nun keinen Wunsch mehr erfüllen könnte, würde ich selbst sehr
unglücklich sein.

Mit größter Freude empfing die Tochter aus ihres Vaters Hand, den sie mit Sehnsucht
zurückerwartete, die Wünschelgerte und wußte nicht, wie sie ihm danken sollte.

Aber nach drei Tagen hatte die Tochter einen neuen Wunsch. Sie hatte von einem überaus
schönen Prinzen gehört, der in einem fernen Lande wohne, sehr reich und aller Liebe würdig
sei. Den wollte sie gern zum Gemahl haben.

Der Vater aber sprach: »Meine geliebte Tochter, ich gab dir alles, was ich besitze, und für
deine Wünschelgerte gab ich Leib und Leben, ja meine Seele dahin. Ich scheide von dir;
schaffe du dir den Prinzen selbst, den du dir wünschest, lebe glücklich und denke mein in
Liebe.« Mit diesen Worten neigte der Vater sein Haupt und verschied. Seine Tochter
beweinte ihn aufrichtig und schmerzlich und sprach: einen bessere Vater hat es nie gegeben!
Und darin hatte sie sehr recht.

Als nun der Vater dieser Tochter zur Erde bestattet war, blieben ihr nicht Verwandte, nicht
Geld und Gut. Da tat sie ein Alltagskleid an, das war ein Krähenpelz, nahm ihr Silberkleid,
ihr Goldkleid und ihr Diamantkleid und hing alle drei über ihre Schulter, dann nahm sie die
Wünschelgerte in die Hand, schwang sie und wünschte sich in die Nähe des Schlosses, darin
der gerühmte Prinz wohnte. Da war es, als ob ein Wind sie sanft erhebe, und sie schwebte,
von der Luft getragen, eilend zur Ferne und war bald in einem Parkwalde, in dessen Nähe
sie das Prinzenschloß durch die dicken Eichbaumstämme schimmern sah. Sie schlug mit der
Gerte an die dickste dieser Eichen und wünschte, daß da drinnen ein Schrein wäre, in dem
sie ihre Kleider aufhängen könne, und ein Stübchen, sich darin umzukleiden, und das geschah
auch gleich alles. Sie verstellte nun ihre Gestalt in die eines Knaben und trat, mit dem
Krähenpelze angetan, in das Prinzenschloß. Der Geruch feiner Speisen führte sie der Küche
zu; dort bot sie dem Koch ihre Dienste an, als ein eltern- und heimatloser Knabe.

»Wohlan«, sprach der Koch, »du sollst mein Aschenpüster werden, sollst früh die Feuer
anschüren und am Tage unterhalten und sorgen, daß keine Asche umherfalle, dafür sollst du
dich alle Tage satt essen. Mußt aber auch des gnädigsten Herrn Prinzen Röcke ausbürsten
und seine Stiefel putzen und glänzend machen.« Das Mädchen wartete als Knabe ihres Amtes
und sahe nach einigen Tagen den Prinzen, der von der Jagd kam, den Küchengang
entlangschritt und einen Vogel, den er geschossen, in die Küche warf, damit derselbe gebraten
werde. Der Prinz war so schön und herrlich von Gestalt und Ansehen, daß Aschenpüster
alsbald eine heftige Liebe zu ihm fühlte. Gar zu gerne wäre sie ihm genaht, doch wollte sich
das nicht schicken. Da hörte sie, drüben auf einem Nachbarschlosse werde eine fürstliche
Hochzeit gehalten, die daure drei Tage lang, und da sei der Prinz der vornehmste Gast und
fahre täglich hinüber zum Tanze. Alles Volk und wer vom Schloßgesinde nur immer konnte,
lief hinüber, die Pracht der Festlichkeiten mit anzusehen. Da bat Aschenpüster den Koch, ihr
doch auch zu erlauben, hinüberzugehen und dem Tanze zuzusehen, denn die Küche sei in
Ordnung, jedes Feuer gelöscht, jedes Fünklein tot und die Asche wohl verwahrt. Der Koch
erlaubte seinem Diener, sich das erbetene Vergnügen zu gewähren. Aschenpüster eilte nach
ihrer Eiche, kleidete sich in das silberne Kleid und verwandelte ihre Knabengestalt in die
eigene, dann schlug sie an einen Stein mit ihrer Wünschelgerte, da wurde ein Galawagen
daraus, und rührte an ein Paar Roßkäfer, daraus wurden stattliche pechschwarze Rosse, und
ein Grasfrosch wurde zum Kutscher und ein grüner Laubfrosch zum Livreejäger. In den
Wagen setzte sich Aschenpüster, und heidi, ging es fort, als flögen wir davon. In den Tanzsaal
trat die stattliche Jungfrau, und von ihrer Schönheit war alles geblendet. Der Prinz gewann sie
gleich lieb und zog sie zum Tanze; sie tanzte entzückend, und war sehr glücklich, aber nach
einigen Reigen schwand sie aus dem Saale, bestieg ihren draußen harrenden Wagen, schwang
die Gerte und rief:

	»Hinter mir dunkel, und vor mir klar,
	Daß niemand sehe, wohin ich fahr!«

Es sah es auch niemand, wohin sie fuhr, aber der Prinz war über das schnelle Verschwinden
seiner schönen Tänzerin sehr unruhig, und da auf alle seine Fragen, wer sie gewesen und
woher sie sei, niemand Auskunft geben konnte, so verbrachte er die Nacht in großer Unruhe,
die sich am Morgen in einen schrecklichen Mißmut und in die üble Stimmung verwandelte, von
der selbst Prinzen bisweilen befallen werden können.

Der Koch brachte des Prinzen Stiefel in die Küche und klagte über dessen Mißlaune, indem er
die Stiefel Aschenpüster zum Putzen und Wichsen übergab. Sie übernahm diese Arbeit und
wichste die Stiefel so schön, daß der Kater sich mit Wohlgefallen darin spiegelte und seinem
Ich im Spiegel einen Kuß gab; davon verschwand an der Stelle, wo der Kater sich geküßt, der
Glanz.

Als Aschenpüster nun in ihrer Knabengestalt und im Krähenpelze in des Prinzen Zimmer
trat und die Stiefel hineinstellte, sah der Prinz gleich den matten Fleck, nahm den Stiefel, warf
ihn ihr an den Kopf und schrie: »Du Bengel von Aschenpüster! Wirst du wohl besser Stiefel
putzen lernen?!«

Aschenpüster hob den Stiefel auf und machte ihn wieder durchweg glänzend und schwieg.

Abends fuhr der Prinz abermals zum Tanze, und Aschenpüster erbat noch einmal Urlaub.
Da Aschenpüster am vorigen Abende bald wiedergekommen und nicht über die Zeit
ausgeblieben war, wie manches Dienstgesinde gerne tut, so gewährte der Koch wiederum
die Bitte – und nun ging Aschenpüster zu ihrem Schrein und Kämmerlein in der Eiche und tat
das goldene Kleid an, schuf sich mit der Wünschelgerte einen neuen Wagen, neue Rosse,
neue Bedienung und fuhr zum Schlosse hinüber. Dort war bereits der Prinz aber verstimmt.
Alles fehlte, weil sie fehlte. Da trat sie ein, strahlend wie eine Königin. Er eilte auf sie zu und
führte sie zum Tanze – O wie glücklich machte ihn ihr holdes Lächeln, ihr sinniges Gespräch,
ihre heitere schelmische Necklust! Viel hatte er heute zu fragen, unter anderem, wo sie her
sei. Lachend antwortete Aschenpüster, »Aus Stiefelschmeiß

Eine kurze Stunde weilte Aschenpüster beim Tanze – mit einem Male war sie aus dem Saale
verschwunden, rasch saß sie wieder in ihrem Wagen und sprach ihr Zauberwort:

	»Hinter mir dunkel, und vor mir klar,
	Daß niemand sehe, wohin ich fahr!«

Des Prinzen Blick suchte vergebens die geliebte Gestalt. Nach ihr fragend, wandte er sich
an diesen und jenen der Hochzeitgäste, niemand kannte sie. Er fragte seinen Geheimen Rat,
der mit ihm als sein Begleiter gekommen war: »Sagen Sie mir doch, mein lieber Geheimerat,
wo liegt der Ort oder das Schloß Stiefelschmeiß

Der Geheimerat machte eine tiefe Verbeugung und antwortete: »Durchlauchtigster Prinz!
Höchstdieselben geruhen? Stiefelschmeiß – o ja, das liegt – das liegt – in – in – fatal, nun fällt es
mir im Augenblicke nicht ein, wo es liegt. Sollte es wirklich ein Ort oder ein Schloß dieses
seltsamen Namens geben? Wo sollte selbiges liegen, Eure Durchlaucht?«

Der Prinz drehte dem Sprecher den Rücken zu und murmelte ärgerlich durch die Zähne: »Ich
lasse diesem Geheimerat jährlich dreitausend Taler Gehalt auszahlen, und nun weiß er nicht
einmal, wo Stiefelschmeiß liegt! Es ist schauderhaft!«

Daraus erklärte sich von selbst, daß, als die Morgenröte des nächsten Tages rosig
emporstieg, die Laune des Prinzen dennoch keine rosenfarbene war. Er hatte keine Ruhe,
wollte früh schon ausgehen, zog seinen Rock an, den Aschenpüster rein gebürstet hatte,
entdeckte darauf einige Stäubchen, rief nach einer Bürste und stampfte mit dem Fuße. Eilend
lief Aschenpüster im Krähenpelze mit der Bürste herbei, der Prinz war aber so schrecklich
böse, daß er ihr die Bürste aus der Hand riß, sie ihr an den Kopf warf und ihr zuschrie, sie
solle ein anderesmal gleich besser bürsten.

Am letzten Abende des nachbarlichen Hochzeitfestes lief wieder alles hinüber zum Schlosse,
und auch der Prinz fuhr wieder hin. Da bat Aschenpüster zum drittenmal um Erlaubnis, auch
zusehen zu dürfen, darüber schüttelte der Koch sehr den Kopf, daß der Junge so neugierig sei,
doch dachte er: Jugend hat nicht Tugend, und sagte: »Es ist heute das letztemal, laufe hin!«

Aschenpüster lief geschwinde in den Park in die Eiche, zog das Diamantkleid an, zauberte sich
wieder Rosse und Wagen, Kutscher und Lakaien und erschien wie ein lebendiger
Schönheitsstrahl beim Feste. Der Prinz tanzte vor allem mit ihr und nur mit ihr und fragte sie
zärtlich, wie sie denn heiße. Aschenpüster lächelte schelmisch und antwortete: »Cinerosa
Bürstankopf

Den Vornamen, der auf Rosa ausging, fand der Prinz, zumal er kein Latein verstand, sehr
schön, den Zunamen befremdlich – er hatte diese gewiß reiche und angesehene Familie noch
nie nennen hören, doch sprach er, von Liebe bezwungen, indem er ihr seinen Ring an einen
Finger schob: »Wer du auch sein magst, schönste Cinerosa! Mit diesem Ringe verlobe ich
mich dir!« Mit hoher Schamröte auf den Wangen blickte Aschenpüster zur Erde und zitterte.
Gleich darauf entfernte sie sich, als der Prinz nur einen Augenblick seine Augen anderswohin
wandte. Schnell saß sie im Wagen, aber der Prinz hatte soeben Befehl gegeben, den seinen
dicht hinter dem ihren aufzufahren, damit er ihr folgen könne. Aschenpüster schwang ihre
Wünschelgerte und sprach:

	»Hinter mir dunkel, und vor mir klar,
	Daß niemand sehe, wohin ich fahr!«

Und da rollte sie hin – rasch saß jetzt auch der Prinz in seinem Wagen und rollte ihr nach, aber
da war ihr Wagen nicht mehr zu sehen, gleichwohl hörte man dessen Räder rollen, und so
folgte der Wagenlenker des Prinzen diesem Schall. Der Tanz hatte diesesmal am längsten
gedauert, schon zog der frühe Morgen dämmernd heran; die Stunde war bereits da, in der die
Küchenarbeit begann, Aschenpüster zauberte schnell ihren Wagen und ihre Bedienung fort und
hatte nicht Zeit, sich erst umzukleiden, sie verbarg daher eiligst ihr Diamantkleid unter dem
Krähenpelze und eilte in die Küche. Der Prinz aber, welcher dem Wagen des herrlichen
Mädchens nachgefahren war, sah sich mit Verwunderung dicht vor seinem eigenen Schlosse
und wußte nicht, wie ihm geschah, war daher wieder sehr mißmutig und dazu sehr unmustern
und übernächtig.

»Unser Prinz ist gar nicht wohl auf!« sagte zu Aschenpüster der Koch. »Er muß ein
Kraftsüpplein haben oder eine Schokolade – zünde rasch Feuer an.« Der Morgenimbiß wurde
schnell bereitet, Aschenpüster warf des Prinzen Ring hinein, der Koch trug die Tasse auf. Der
Prinz trank und fand am Boden mit Erstaunen seinen Ring und fragte hastig: »Wer war so früh
schon in der Küche?«

»Euer Durchlaucht, niemand als ich und der Aschenpüster«, antwortete der Koch.

»Schicke mir diesen Burschen gleich einmal herein!« gebot der Prinz, und als Aschenpüster
kam, sah ihn der Prinz ganz scharf an, aber der Krähenpelz verhallte alle Schönheit.

»Komme her, tritt näher, Aschenpüster!« gebot der Prinz. »Komm, kämme mich, mein
Friseur liegt noch in den Federn!« Aschenpüster gehorchte; sie trat ganz nahe an den Prinzen
heran und strählte ihm mit elfenbeinernem Kamme das volle weiche Haar. Der Prinz befühlte
den Krähenpelz; derselbe war an einigen Stellen abgetragen, daher etwas mürb und
fadenscheinig, und durch die abgeschabten Fäden blitzte es so funkelklar wie Morgentau, das
war der Diamantglanz des Prachtgewandes, das Aschenpüster noch unter ihrem Krähenpelze
trug.

»Jetzt kenne ich dich, o Liebe!« rief voll unaussprechlicher Freude der Prinz. »Jetzt bist du
mein, jetzt bin ich dein! Auf ewig!« Und schloß die Braut in die Arme und küßte sie.

Kurz vor der Hochzeit bat die schöne Braut sich von ihrem geliebten Bräutigam noch eine
Gnade aus. Der gute Koch, der Aschenpüster so wohlwollend aufgenommen und so
freundlich und gütig behandelt hatte, empfing von dem Prinzen den Ritterschlag und wurde zum
Erbtruchseß erhoben. Das war ihm recht, da brauchte er das Essen nicht mehr zu kochen,
wie sonst, sondern konnte es an der fürstlichen Tafel in aller Ruhe selbst mit verzehren helfen,
und als die Hochzeit prachtvoll gefeiert wurde, da trug er im vollen Glanze seiner neuen
Würde, geschmückt mit Stern und Orden, dem prinzlichen Paare mit eigener Hand die Speisen
auf.

Aschenbrödel

Ludwig Bechstein

Aschenbrödel

Ein Mann und eine Frau hatten zwei Töchter, und es war auch
noch eine Stieftochter da, des Mannes erstes liebes Kind, gar
fromm und gut, aber nicht gern gesehen von ihrer Stiefmutter
und den Stiefschwestern, deshalb wurde es auch schlecht
behandelt. Es mußte in der Küche den ganzen Tag über wohnen,
alle Küchenarbeit tun, früh aufstehen, kochen, waschen und
scheuern, und nachts mußte es in der Bodenkammer schlafen.
Da kroch es bisweilen lieber in die Asche am Küchenherd und
wärmte sich, und da es davon nicht sauber aussehen konnte, so
wurde es von der Mutter und den Schwestern noch obendrein
Aschenbrödelchen genannt, aus Spott und Bosheit.

Einst war der Vater zur Messe gereist und hatte die Mädchen
gefragt, was er ihnen mitbringen solle; da hatte die eine schöne
Kleider, die andere Perlen und Edelgesteine gewünscht
Aschenbrödel aber nur ein grünes Haselreis. Diese Wünsche
hatte der Vater auch erfüllt. Die Schwestern putzten und
schmückten sich, Aschenbrödel aber pflanzte das Reis auf das
Grab ihrer Mutter und begoß es alle Tage mit ihren Tränen. Da
wuchs das Reis sehr schnell und wurde ein schönes Bäumlein,
und wenn Aschenbrödel auf dem Grab ihrer Mutter weinte, so
kam allemal ein Vöglein geflogen, das sah sie mitleidig an.

Da begab sich’s, daß der König ein Fest anstellte und dazu
alle Jungfrauen des Landes einladen ließ, denn sein Sohn sollte
sich aus ihnen eine Braut wählen. Und da schmückten sich die
Schwestern überaus reizend, und Aschenbrödel mußte ihnen
die Haare kämmen und schöne Zöpfe flechten, und daß sie
auch gern zum Tanz mitgehen mochte, das fiel gar niemand ein.
Als sie endlich es wagte, um Erlaubnis zu bitten, ward sie
schrecklich ausgelacht, daß sie sich einfallen ließe, zum Tanz
gehen zu wollen, da sie doch keine schönen Kleider habe und
Schuhe. Die böse Stiefmutter nahm geschwind eine Schüssel
voll Linsen, warf diese in die Asche und sagte: »So, so,
Aschenbrödel, mache dir etwas zu tun, lies erst die Linsen; dann sollst
du mitgehen, mußt aber in zwei Stunden fertig sein.«

Das arme Kind ging in den Garten und rief dem Vöglein auf
ihrem Haselnußbaum und auch den Täubchen, daß sie lesen
sollten die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen,
und bald wimmelte es von Tauben und andern Vögeln, da
währte es gar nicht lange, so war die Schüssel voll Linsen ganz
rein gelesen. Aber wie das gute Mädchen voller Freude die
Linsen brachte, ärgerte sich die Stiefmutter und schüttete jetzt
zwei Schüsseln voll Linsen in die Asche, und die sollte es nun
auch noch in zwei Stunden lesen. Aschenbrödel weinte, rief
aber die Vöglein wieder, und bald war auch diese Arbeit getan.
Es wurde ihr aber dennoch nicht Wort gehalten, sondern sie
wurde ausgelacht, denn sie habe ja keine Kleider und keine
Schuhe, und wie sie sei, könne sie sich nimmermehr sehen
lassen, auch müsse der Königssohn und jeder andre einen
schlechten Geschmack haben, der mit ihr tanze, und da gingen
jene Stolzen fort und ließen Aschenbrödel tief betrübt zurück.
Die ging zu ihrem Bäumchen und weinte bitterlich, da kam das
Vöglein geflogen und rief:

»Mein liebes Kind, O sage mir,

Was du wünschest, schenk ich dir!«

Da rief Aschenbrödel, indem sie das Bäumchen anfaßte:

»O liebes Bäumchen, rüttle dich!

O liebes Bäumchen, schüttle dich!

Wirf schöne Kleider über mich!«

Da flogen ein schönes Kleid herunter und kostbare Strümpfe
und Schuhe, das zog Aschenbrödel geschwind an und ging auf
den Ball, und das Mädchen war so schön, ach, so schön, daß es
gar niemand kannte, auch nicht einmal seine Mutter und seine
Schwestern, und der Königssohn tanzte nur mit ihm und mit
keiner andern Jungfrau, und als es abends nach Hause ging,
wollte er ihm folgen, es entwich ihm aber, zog geschwind Kleid
und Schuhe aus auf dem Grabe, unter dem Bäumchen, und
legte sich in seine Asche. Kleider und Schuhe verschwanden
augenblicklich.

So ging es noch zweimal, immer kam Aschenbrödel
unerkannt und in stets schönern Kleidern zum Tanze, immer tanzte
der Königssohn nur mit ihm, und immer folgte dieser, und beim
dritten Mal verlor es von ungefähr den einen kleinen goldnen
Schuh; der Königssohn hob ihn auf, bewunderte seine
Zierlichkeit und sprach es laut, ließ es auch durch die Herolde
kundtun,nur die Jungfrau, an deren Fuß der kleine Schuh passe, solle
seine Gemahlin werden, und ritt von Haus zu Haus, die Probe
zu machen.

Vergebens probierten die beiden Schwestern den kleinen
Schuh; es war, als ob ihre Füße ordentlich größer würden, da
fragte der Königssohn, ob nicht drei Töchter da wären, und der
Mann sagte: »Ja, Herr Prinz! Noch ein kleines Aschenbrödelchen !«

Und die Mutter setzte gleich hinzu: »Die sich nicht sehen
lassen kann.«

Der Königssohn wollte sie aber doch sehen; Aschenbrödel
wusch sich fein und rein und trat ein, auch in ihrem aschgrauen
Kittelchen durch ihre Schönheit die Schwestern überstrahlend.
Und wie es den goldnen Schuh anzog, so paßte er prächtig, wie
angegossen. Und der Königssohn erkannte sie nun auch gleich
wieder und rief: »Das ist meine holde Tänzerin, meine liebe
Braut!« nahm sie, führte sie aufs Schloß und befahl, ein
stattliches Hochzeitsfest zuzurüsten.

Beim Kirchgang hatte Aschenbrödel ein ganz goldenes Kleid
an und ein goldnes Krönlein auf dem Kopf; ihre Schwestern
gingen ihr voll Neid zur Rechten und zur Linken. Da kam das
Vöglein vom Haselbäumchen und pickte jeder ins Auge, daß
dies erblindete. Als nun die Braut aus der Kirche ging, kam
wieder das Vöglein und pickte wieder jeder das andere Auge
aus, und so waren sie für ihren Neid und Bosheit mit Blindheit
geschlagen ihr Leben lang.

Hans Christian Andersen – Am äußersten Meer

Hans Christian Andersen

Am äußersten Meer

Ein paar große Schiffe waren hoch hinauf nach dem Nordpol ausgesandt, um zu erforschen, wie weit das Land dort in das Meer reichte und festzustellen, wie weit Menschen dort vordringen könnten. Schon seit Jahr und Tag waren sie unter großen Beschwerlichkeiten zwischen Nebel und Eis dort oben umher gesteuert. Nun hatte der Winter begonnen, die Sonne verschwand, lange, lange Wochen würden hier zu einer einzigen Nacht werden. Alles ringsum war ein einziges Stück Eis, und fest lag darin das Schiff vertäut, der Schnee lag hoch und aus dem Schnee selbst wurden bienenkorbähnliche Hütten errichtet, einige waren groß, wie unsere Hünengräber, andere nicht größer, als daß sie zwei oder vier Männer fassen könnten. Aber dunkel war es nicht; die Nordlichter glänzten rötlich und blau, es war wie ein ewiges großes. Der Schnee leuchtete, die Nacht hier war eine lange schimmernde Dämmerung. In der hellsten Zeit kamen Scharen von Eingeborenen herbei, wunderlich anzusehen mit ihren behaarten Pelzröcken und Schlitten, die aus Eisstücken gezimmert waren. Felle in großen Haufen brachten sie mit, und die Schneehütten erhielten dadurch warme Teppiche. Die Felle dienten als Decken und Betten, wenn sich die Matrosen ihr Lager unter der Schneekuppel zurechtmachten, während es draußen fror, daß der Schnee knirschte, wie wir es auch in der strengsten Winterszeit nicht kennen lernen. Bei uns waren noch Herbsttage, daran dachten sie mitunter dort oben. Sie erinnerten sich der Sonnenstrahlen in der Heimat und des rotgelben Laubes, das an den Bäumen hing. Die Uhr zeigte, daß es Abend und Schlafenszeit war, und in einem von den Schneehütten streckten sich schon zwei zur Ruhe aus. Der Jüngere hatte seinen besten, reichsten Schatz von zuhause mit, den ihm die Großmutter vor der Abreise gegeben hatte. Es war die Bibel. Jede Nacht lag sie unter seinem Kopfe, er wußte seit seiner Kindheit, was darin stand; jeden Tag las er ein Stück und auf seinem Lager kam ihm oft tröstend der Gedanke an das heilige Wort: „Ginge ich auf Flügeln der Morgenröte und wäre am äußersten Meer, so würde doch Deine Hand mich führen und Deine Rechte mich halten!“ Und unter diesen gläubigen Worten der Wahrheit schloß er seine Augen und der Schlaf kam mit seinen Träumen, des Geistes Offenbarungen in Gott. Die Seele blieb lebendig auch unter der Ruhe des Körpers; er vernahm es wie Melodien von altbekannten, lieben Liedern; es wehte so mild, so sommerwarm, und von seinem Lager sah er es über sich leuchten, als würde die Schneekuppel von außen her durchstrahlt; er hob sein Haupt, das strahlende Weiße war nicht die Wand oder die Decke, es waren die großen Schwingen an eines Engels Schultern, und er blickte empor in sein milde leuchtendes Antlitz. Aus der Bibel Blätter, wie aus dem Kelch einer Lilie, erhob sich der Engel, er breitete seine Arme weit aus und die Wände der Schneehütte versanken ringsum wie ein luftiger Nebelschleier. Der Heimat grüne Felder und Hügel mit den rotbraunen Wäldern lagen rundum im stillen Sonnenglanzte eines herrlichen Herbsttages. Das Nest der Störche standleer, aber noch hingen die Äpfel an dem wilden Apfelbaum, ob auch die Blätter längst gefallen waren. Die roten Hagebutten leuchteten, und der Star flötete in dem kleinen grünen Bauer über dem Fenster des Bauernhauses, wo das Heim seiner Heimat war. Der Star flötete, wie er es gelernt hatte, und die Großmutter hing Vogelmiere in den Käfig, wie es der Enkel immer getan hatte. Und die Tochter des Schmieds stand so jung und schön am Brunnen und zog das Wasser herauf, sie nickte der Großmutter zu, und die Großmutter winkte und zeigte einen Brief von weit, weit her. Heute Morgen war er aus den kalten Ländern gekommen, hoch oben vom Nordpole her, wo der Enkel war -in Gottes Hand. Und sie lachten und weinten, und er, der unter Eis und Schnee in der Welt des Geistes unter den Schwingen des Engels alles dies sah und hörte, lachte und weinte mit ihnen. Und aus dem Brief selbst wurden laut die Bibelworte vorgelesen:
„Am äußersten Meer würde doch Deine Hand mich führen und Deine Rechte mich halten!“ -Wie herrlicher Orgelklang ertönte es ringsum und der Engel senkte seine Schwingen wie einen Schleier um den Schlafenden. Der Traum war zuende -es war dunkel in der Schneehütte, aber die Bibel lag unter seinem Haupte, und Glaube und Hoffnung lagen in seinem Herzen; Gott und die Heimat waren mit ihm -„am äußersten Meere!“

Hans Christian Andersen – Anne Lisbeth

Hans Christian Andersen

Anne Lisbeth

Anne Lisbeth war wie Milch und Blut, jung, frisch und fröhlich, wunderschön sah sie aus, blendend weiße Zähne, klare Augen hatte sie, leicht war ihr Fuß im Tanze und ihr Sinn noch leichter! Was kam aber dabei heraus? „Ein häßlicher Bube!“ Nein, schön war er nicht!“ Er wurde bei der Frau des Feldarbeiters „abgegeben“. Anne Lisbeth kam ins gräfliche Schloß, saß dort im Prunkzimmer, angetan mit Sammet und Seide, kein Wind durfte sie anwehen, niemand ihr ein hartes Wort sagen, hätte ihr das doch Schaden bringen können, und das dufte ja nicht sein. Sie stillte das gräfliche Kind, und das war fein und zart wie ein Prinz, schön wie ein Engel; wie liebte sie dieses Kind! Ihr eigenes, ja, das war untergebracht, war bei dem Feldarbeiter, wo nicht der Topf, wohl aber der Mund überkochte und wo in der Regel niemand zu Hause war bei dem Knaben. Dieser weinte dann -aber was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß -, er weinte sich in den Schlaf und im Schlaf empfindet man weder Hunger noch Durst; der Schlaf ist eine gar gute Erfindung. Mit den Jahren -auch Unkraut schießt empor -schoß Anne Lisbeths Knabe in die Höhe, und doch war er im Wachstum zurück, sagte man; aber in die Familie war er ganz und gar hineingewachsen, sie hatten Geld dafür erhalten. Anne Lisbeth war ihn ganz los, sie war eine Stadtdame geworden, hatte es gut und gemütlich zu Hause und trug Hut und Schleier, wenn sie spazierenging; aber sie spazierte nie zu dem Feldarbeiter hinaus, das war zu weit von der Stadt entfernt, und sie hatte ja dort auch nichts zu tun, der Knabe gehörte den Arbeiterleuten, und sein Essen hatte er, sagte Sie, und was tun fürs Essen müsse er auch, und deshalb hütete er Matz Matzens rote Kuh, er konnte schon Vieh hüten und sich nützlich machten.
Der Kettenhund auf der Bleiche des Herrenhofes sitzt stolz im Sonnenschein oben auf seiner Hütte und bellt jeden an, der vorübergeht; gibt es Regen, verkriecht er sich in die Hütte und liegt dort warm und trocken. Anne Lisbeths Knaben saß auf dem Feldzaun im Sonnenschein und schnitzte einen Spannpflock, denn im Frühling hatte er drei Erdbeerpflanzen entdeckt, die in Blüte standen, die würden sicher Beeren tragen. Er saß draußen in Regen und Wetter und ward naß bis auf die Haut, der scharfe Wind trocknete ihm nachher die Kleider am Leib. Kam er einmal auf den Herrenhof, wurde er geknufft und gestoßen, er sei gar zu häßlich, sagten die Mägde und Knechte, daran war er gewöhnt, niemand liebte ihn! So erging es Anne Lisbeths Knaben, und wie sollte es ihm anders ergehen! Sein Los war nun einmal, niemals geliebt zu werden.
Bisher eine „Landkrabbe“, wurde er nun vom Land „über Bord“ geworfen, er fuhr zur See mit einem elenden Fahrzeug, saß am Ruder, während der Schiffer beim Schnapsglas saß; schmutzig und häßlich war er, durchgefroren und heißhungrig, man sollte meinen, er sei nie satt gewesen, und das war auch der Fall. Es war Spätherbst, rauhes, nasses, windiges Wetter; der Wind schnitt kalt durch die dicken Kleider, namentlich auf See; und da fuhr ein elendes Fahrzeug mit einem einzigen Segel und nur zwei Mann an Bord, ja, nur anderthalb, hätte man sagen können, dem Schiffer und seinem Schiffsjungen. Dämmerlicht war den ganzen Tag über gewesen, jetzt wurde es finster; es herrschte eine schneidende Kälte Der Schiffer trank einen Schnaps, der ihn von innen erwärmen konnte! Die Flasche war alt, das Glas auch, oben war es ganz, aber der Fuß war abgebrochen, und nun stand es auf einem geschnitzten, blau angestrichenen Holzklötzchen. Ein Schnaps tut wohl, zwei tun noch wohler, meinte der Schiffer. Der Junge saß am Ruder, das er mit seinen harten, schwieligen Händen festkeilt; häßlich war er, das Haar struppig, er selber verkrüppelt und verkümmert, er war des Feldarbeiters Kind -im Kirchenbuch hieß er Anne Lisbeths Kind.
Der Wind flog auf seine Weise, das Fahrzeug auf seine dahin. Das Segel blähte sich, der Wind war hineingesprungen, es ging in sausender Fahrt, rauh, naß ringsumher, und noch ärger konnte es kommen! Halt! Was war nur das? Was stieß da, was zersprang dort, was ergriff das Schiff? Es drehte sich, legte sich um! War das ein Wolkenbruch? erhob sich eine Sturzsee? Der Junge am Ruder schrie laut auf: „In Jesu Namen!“ Das Fahrzeug war auf einen großen Fels am Meeresoden gestoßen und sank wie ein alter Schuh in der Gosse, versank mit Mann und Maus, wie man sagt; und Mäuse waren an Bord, aber nur anderthalb Mann: Der Fischer und des Feldarbeiters Junge. Niemand sah es, außer den schwimmenden Möwen und den Fischen dort unten, und die sahen es auch nicht einmal recht, denn sie fuhren erschrocken auseinander, als das Wasser ins Schiff hineinbrauste und es versank. Kaum einen Faden unter dem Wasserspiegel lag es; diese beiden waren untergebracht, begraben und vergessen! Nur das Glas mit dem blauen hölzernen Fuß sank nicht. der Fuß hielt es oben; das Glas trieb dahin um zerbrochen und an die Küste gespült zu werden -wo und wann? Ja, wem läge wohl daran? Hatte es doch jetzt ausgedient und war es doch geliebt worden, nicht so Anne Lisbeths Knaben“ Doch im Himmel wird keine Seele mehr sagen können: „Niemals geliebt!“ Anne Lisbeth wohnte in der Stadt, und zwar seit vielen Jahren hieß Madame und fühlte sich erst recht, wenn sie auf die alten Erinnerungen zu sprechen kam, auf die „gräfliche“ Zeit, als sie in der Kutsche fuhr und mit Gräfinnen und Baroninnen verkehren konnte. Ihr süßes Grafenkind war der schönste Engel, die liebste Seele, es hatte sie so sehr geliebt und sie es wieder geliebt; sie hatten sich geküßt und geherzt, der Knabe war ihre Freude, ihr halbes Leben. Jetzt war er groß, vierzehn Jahre alt, schön und gelehrt; sie hatte ihn nicht wiedergesehen, seit sie ihn auf ihren Armen getragen; sie war seit vielen Jahren nicht mehr im gräflichen Schloß gewesen, war es doch eine ganze Reise bis dorthin!
„Ich muß mich mal aufraffen!“ sagte Anna Lisbeth, „ich muß hin zu meiner Herrlichkeit, zu meinem süßen Grafenkind! Ja, er sehnt sich gewiß auch nach mir. Der junge Graf denkt an mich, liebt mich wie damals, als er mit seinen Engelsarmen an meinem Halse hing und rief „An-Lis!“ es klang wie eine Violine! Ja, ich muß mich aufraffen und ihn wiedersehen!“
Sie fuhr in einem Schlächterwagen ins Land hinein, ging weiter zu Fuß und gelangte auf das gräfliche Schloß. Es war groß und prächtig, wie es immer gewesen, der Garten wie früher, von außen gesehen, aber die Leute drinnen im Hause waren ihr alle fremd, nicht einer unter ihnen kannte Anne Lisbeth, sie wußten nicht, was sie einst hier bedeutet hatte, aber die Gräfin würde es ihnen schon sagen, auch ihr eigener süßer Knabe; wie sehnte sie sich nach ihm!
Nun war Anne Lisbeth da; lange mußte sie oben warten, und dem Wartenden wird die Zeit lang! Ehe die Herrschaft zur Tafel ging, wurde sie zur Gräfin beschieden und sehr freundlich angesprochen. Ihren süßen Knaben sollte sie nach der Tafel sehen, sie sollte wieder hereingerufen werden.
Wie war er groß und lang und dünn geworden! Aber die wunderschönen Augen hatte er noch und den engelsüßen Mund! Er sah sie an, aber er sprach kein Wort. Er erkannte sie gewiß nicht wieder. Er wandte sich um, wollte weitergehen, da ergriff sie seine Hand und drückte sie an ihren Mund. „Gut, gut!“ sagte er, und daraufhin ging er aus der Stube, er, der Gedanke ihrer Liebe, er, den sie am meisten geliebt hatte und am meisten liebte, er, ihr ganzer Erdenstolz!
Anne Lisbeth ging vor das Schloß und auf die offene Landstraße, ihr war traurig zumute; hatte er doch so fremd mit ihr getan, hatte er doch keinen Gedanken, kein Wort für sie gehabt, er, den sie einst bei Tag und Nacht getragen und immer noch in ihren Gedanken trug! Ein großer, schwarzer Rabe schoß vor ihr auf der Landstraße nieder und schrie wieder und wieder auf. „Eia“ sagte sie, „was bist du doch für ein Unglücksvogel!“ Sie kam an dem Haus des Feldarbeiters vorüber; die Frau stand in der Tür, und beide sprachen miteinander.
„Du siehst gut aus!“ sagte die Frau, „du bist dick und fett, dir geht es gut!“ „Oh ja! antwortete Anne Lisbeth. „Das Schiff ist mit ihnen untergegangen!“ sagte die Frau. „Lars Schiffer und der Junge sind ertrunken, alle beide. Mit ihnen hat es ein Ende. Hatte ich doch immer geglaubt, der Junge würde mir einmal mit ein paar Talern aushelfen können, dich kostet er nun nichts mehr, Anne Lisbeth!“
„Sie sind ertrunken?“ sagte Anne Lisbeth, und sie sprachen nicht mehr über die Angelegenheit. Anne Lisbeth war recht betrübt, weil ihr Grafenkind keine Lust gehabt hatte, mit ihr zu sprechen, mit ihr, die sie ihn so sehr liebte und den langen Weg zurückgelegt hatte, um zu ihm zu gelangen; und Geld hatte die Reise auch gekostet, aber das Vergnügen, welches ihr auf dem Schloß zuteil geworden, war nicht groß, doch hier sprach sie davon kein Wort, sie wollte ihr Herz nicht dadurch erleichtern, daß sie der Arbeitersfrau davon erzählte, könnte die doch leicht glauben, sie genieße nicht mehr das frühere Ansehen bei der Grafenfamilie.
Da schrie der Rabe wieder und flog über sie hin. „Das schwarze Untier!“ sagte Anne Lisbeth. „Wird mir heute noch einen Schrecken einjagen!“
Sie hatte Kaffeebohnen und Zichorie mitgebracht, weil sie dachte, es wäre für die arme Frau eine Wohltat, wenn sie ihr dies gab, damit sie eine Tasse Kaffee kochen könne; sie selbst könnte dann auch eine Tasse trinken. Die Frau machte sich daran, den Kaffe zu kochen, während Anne Lisbeth sich auf einem Stuhl niederließ und dort ermüdet einschlief. Es träumte ihr von dem, von dem ihr noch nie geträumt hatte; sonderbar, ihr träumte von ihrem eigenen Kind, das hier in der armen Hüte des Feldarbeiters gehungert und geweint hatte, sich in Wind und Wetter umhergetrieben hatte und jetzt in der Meerestiefe lag, der liebe Gott wußte, wo! Ihr träumte, daß sie säße, wo sie gerade saß, und daß die Frau mit Kaffeekochen beschäftigt wein, sie roch sogar die Bohnen, und in der Tür der Hütte, auf der Schwelle, stand eine wunderschöne Gestalt, die war ebenso schön wie das Grafenkind, und dieses Kind sprach zu ihr:
„Jetzt geht die Welt unter! Halte dich an mir fest, denn du bist doch meine Mutter. Du hast einen Engel im Himmel! Halte dich an mir fest!“ Und das Kind, der Engel, griff nach ihr, und ein grausiges Gekrach ertönte, die Welt ging aus den Fugen, und der Engel erhob sich über die Erde und hielt sie fest an ihrem Hemdärmel, so fest, schien ihr, daß sie von der Erde emporgehoben wurde; aber es hängte sich wiederum etwas sehr schwer an ihre Füße, lag schwer über ihrem Körper, es war, als klammerten sich Hunderte von Weibern fest an sie und als riefen sie: „Sollst du gerettet werden, müssen wir auch gerettet werden! Angeklammert! Angeklammert!“ Und dann klammerten sie sich alle an; es waren zu viele,ritsch ratsch! und der Ärmel riß, und Anne Lisbeth fiel entsetzt herunter, so daß sie dabei erwachte! -und sie war in der Tat eben nahe daran, mitsamt dem Stuhl, auf dem sie saß, umzustürzen; sie war dermaßen erschrocken und verwirrt, daß sie sich dessen nicht entsinnen konnte, was sie geträumt hatte, aber etwas Böses war es gewesen.
Nun wurde der Kaffee getrunken, dann wurde geplaudert, und endlich ging Anne Lisbeth weiter auf das Städtchen zu, wo sie den Fuhrmann antreffen wollte, um noch in derselben Nacht mit diesem in ihre Heimat zu fahren. Als sie aber mit dem Fuhrmann sprach, sagte derselbe, er könne erst am Abend des nächsten Tages zum Fahren fertig sein. Sie sann jetzt über die Kosten und die Länge des Weges nach, und indem sie bedachte, daß der Weg, wenn sie längs der Meeresküste ging, schon zwei Meilen kürzer sei als der Fahrweg und daß es klares Wetter und wohl auch Mondschein geben würde, da entschloß sie sich, ihn zu Fuß zurückzulegen und sogleich weiterzuwandern, so würde sie schon am nächsten Tage zu Hause sein.
Die Sonne war untergegangen, das Abendläuten von den Glocken der Dorfkirchen hallte noch durch die Luft -doch nein, es waren die Glocken nicht, sondern die Unken, die im Schilfe klagten. Jetzt schwiegen sie, alles ringsum war still, nicht einen Vogel vernahm man, alle waren zur Ruhe gegangen, selbst die Eule mochte nicht zu Hause sein; lautlose Stille herrschte am Waldesrand und Meeresstrand; wie sie dahinschritt am Ufer, hörte sie ihre eigenen Fußtritte im Sand; das Meer hatte keinen Wellenschlag, alles draußen über dem tiefen Gewässer war verstummt. Alle waren verstummt, die Lebendigen und die Toten des Meeres.
Anne Lisbeth schritt dahin, sie dachte, wie man sagt, an gar nichts, sie war abwesend von ihren Gedanken, aber die Gedanken waren von ihr nicht abwesend, die sind niemals von uns abwesend, sie schlummern nur so, sowohl die gedachten Gedanken, die untergetaucht sind, als auch diejenigen, die sich noch nicht gerührt haben. Aber diese Gedanken brechen zu ihrer Zeit hervor, sie rühren sich bald im Herzen, bald im Kopfe; sie stürzen sich gleichsam auf uns herab!
Es steht geschrieben: „Eine gute Tat trägt ihre segensreiche Frucht!“ Und so steht auch geschrieben: „In der Sünde ist der Tod!“ Vieles steht geschrieben, vieles ist gesagt worden, man weiß es nicht, man entsinnt sich dessen nicht, so erging es Anne Lisbeth; allein es kann einem ein Licht aufgehen, das Vergessene kann sich einem nahen!
Alle Laster, alle Tugenden liegen in unserm Herzen: in deinem, in meinem; sie liegen dort als kleine unscheinbare Samenkörner; von außen her kommt dann ein Sonnenstrahl, die Berührung einer bösen Hand. Du biegst um die Ecke, nach rechts oder links, ja, das kann entscheidend sein, und das kleine Samenkorn wird erschüttert, es schwillt auf dabei, es zerspringt und ergießt seine Säfte in all dein Blut, und nun bist du schon getrieben von dir selbst! Es gibt qualvolle Gedanken, die hat man nicht, wenn man so gleichsam schlummernd umherwandelt, aber sie sind da, sie gären im Herzen; Anne Lisbeth schritt so mit schlummernden Sinnen dahin, die Gedanken gärten! Von Lichtmeß zu Lichtmeß ist dem Herzen viel aufgerechnet worden, es hat eine ganze Jahresrechnung. Vieles ist vergessen, Sünden in Worten und Gedanken gegen Gott, unseren Nächsten und gegen unser eigenes Gewissen, wir denken nicht darüber nach, und Anne Lisbeth tat das auch nicht; sie hatte nichts verbrochen gegen das öffentliche Recht und Gesetz, sie war sehr gut angesehen, eine ehrenwerte, geachtete Person, das wußte sie. Und wie sie so einherschritt am Meeresufer -was lag denn dort? Sie blieb stehen; was war dort angeschwemmt? Ein alter Männerhut lag da. Wo möchte der wohl über Bord gegangen sein? Sie trat näher heran, blieb stehen und blickte den Hut an. Ja, was lag den dort? Sie fuhr erschrocken zusammen; allein es war nichts, worüber sie erschrocken war, es war Seegras und Schilf, das sich über einen großen länglichen Stein gelegt hatte, sah es doch ganz aus wie ein Mensch, es war nur Schilf und Seegras, aber sie erschrak doch, und indem sie weiterschritt, kam ihr so vieles in den Sinn, was sie als Kind gehört hatte, alter Aberglaube von Gespenstern am Meeresufer, dem Geist des Ertrunkenen und nicht Begrabenen, der an der öden Meeresküste angeschwemmt liegt. Der tote Leib, der tue niemandem etwas zu Leide, aber sein Geist, ja, der verfolge den einsamen Wanderer, hänge sich an denselben und fordere, zum Kirchhof getragen zu werden, um in geweihter Erde zu liegen. Angeklammert! Angeklammert! rufe das Gespenst. Und als Anne Lisbeth still für sich diese Worte wiederholte, stand ihr plötzlich ihr ganzer Traum vor Augen, leibhaftig wie er gewesen war, wie die Mutter sich an sie angeklammert und dieses Wort immerfort gerufen hatten, als die Welt versank, ihr Hemdärmel zerriß und sie aus den Händen ihres Kindes fiel, das sie in der Stunde des Jüngsten Gerichts hatte retten wollen. Ihr Kind, ihr eigenes, leibliches Kind, das sie nie geliebt hatte, ja, für das sie nicht einmal einen Gedanken gehabt hatte, dieses Kind lag jetzt auf dem Meeresgrunde, es konnte als Gespenst aus den Wellen auftauchen und rufen: „Angeklammert! Trage mich in geweihte Erde!“ Und als sie daran dachte, prickelte ihr die Angst in den Fersen, so daß sie schneller dahinschritt; die Furcht kam heran als eine kalte, nasse Hand und legte sich in ihre Herzgrube, so daß sie fast ohnmächtig ward, und wie sie nun über das Meer hinausblickte, wurde dort alles dicker und dichter; ein schwerer Nebel wälzte sich heran, legte sich um Gebüsch und Baum, diese sonderbar gestaltend. Sie wandte sich um und schaute nach dem Mond, der hinter ihr stand; der war wie eine blasse Scheibe, ohne Strahlen, es war, als habe sich ein Etwas schwer auf alle ihre Gliedmaßen gelegt. Angekammert! Angeklammert! dachte sie, und als sie sich wieder umdrehte und den Mond anblickte, schien es ihr, als sei dessen weißes Gesicht ihr ganz nahe, und der Nebel hing ihr wie ein Gewand von den Schultern herab. „Angeklammert! Trage mich in geweihte Erde!“ klang es in ihren Ohren, so hohl, so gar sonderbar, der Laut kam nicht von den Unken, nicht von den Raben oder Krähen, es war nichts von ihnen zu sehen. „Ein Grab! Grab mir ein Grab!“ klang es ganz laut; ja, es war der Strandgeist von ihrem Kinde, das auf dem Meeresgrunde lag, das keinen Frieden fand, bevor es nicht auf den Kirchhof getragen und ihm ein Grab in geweihter Erde geschaufelt worden war. Dorthin wollte sie gehen, dort wollte sie graben, und sie schritt dahin in der Richtung, in der die Kirche lag, und es schien ihr dabei, als werde die Last ihr leichter, ja, sie verschwand, und da wollte sie wieder umkehren und auf dem kürzesten Wege nach Hause gehen, aber da faßte es sie wieder an: „Angeklammert! Angeklammert!“ Es hörte sich an wie das Quaken der Frösche, wie das Klagen eines Vogels, nein, es klang ganz deutlich: „Ein Grab! Grab mir ein Grab!“
Der Nebel war kalt und feucht, Hand und Gesicht waren ihr kalt und naß vor Entsetzen, an ihren Körper faßte es und legte sich schwer darauf, in ihrem Innern öffnete sich ein unendlicher Raum für Gedanken, die niemals früher gekommen waren.
Hier im Norden schlägt der Buchenwald oft während einer einzigen Frühlingsnacht aus und steht im Tagessonnenschein da in seiner jungen, hellgrünen Pracht -in einer einzigen Sekunde kann in unserm Innern die Saat der Sünde in Gedanken, Worten und Taten aufgehen, die in unser bisheriges Leben gesät worden ist; sie sprießt empor und entfaltet sich während einer einzigen Sekunde, wenn das Gewissen erwacht, und Gott weckt es, wenn wir es am wenigsten vermuten. Alsdann ist nichts zu entschuldigen,die Tat ist da und zeugt wider uns; die Gedanken werden zu Worten, und die Worte klingen laut in die Welt hinaus. Wir entsetzen uns über das, was wir in uns getragen und nicht erstickt haben, über das, warwir in Übermut und Gedankenlosigkeit ausgesät haben. Das Herz birgt in sich alle Tugenden, aber auch alle Laster, und die gedeihen selbst auf kargstem Boden.
Anne Lisbeth hatte Raum für all die Gedanken, die wir hier in Worte gekleidet haben; sie war von ihnen überwältigt, sie brach zusammen und kroch eine Stecke auf der Erde hin. „Ein Grab, grab mir ein Grab!“ ertönte es wieder, und am liebsten hätte sie sich selber begraben, wenn das Grab ein ewiges Vergessen jeglicher Tat wäre. Es war die ernste Stunde derErweckung in Ängsten und Grauen. Der Aberglaube machte sie bald fröstelnd zittern, bald trieb er Fieberglut in ihr Blut. Gar vielen, von dem sie nie hatte reden mögen, kam ihr in den Sinn. Lautlos, wie die Wolkenschatten im hellen Mondenschein, fuhr eine gespenstische Erscheinung an ihr vorüber, sie hatte davon früher schon gehört. Dicht an ihr jagten vorüber vier schnaubende Rosse, das Feuer sprühte ihnen aus Augen und Nüstern, sie zogen eine glühende Kutsche, in der Kutsche saß der böse Gutsherr, der vor mehr als hundert Jahren in dieser Gegend sein Wesen getrieben hatte. Um jede Mitternacht, hieß es, fahre er in seinen Herrenhof hinein und kehre sogleich wieder um. Da! Da! Er war nicht bleich, wie man es von Toten sagt, nein, er war schwarz wie Kohle. Er nickte Anne Lisbeth zu und winkte ihr: „Angeklammert! Angeklammert! Dann kannst du wieder in gräflicher Kutsche fahren und kannst dein Kind vergessen. “
Sie raffte sich zusammen und eilte zum Kirchhof; aber die schwarzen Kreuze und die schwarzen Raben tanzten vor ihren Augen, und sie vermochte es nicht, die einen von den anderen zu unterscheiden. Die Raben schrien, wie der Rabe am Tage geschrien hatte, doch jetzt verstand sie, was sie schrien: „Ich bin die Rabenmutter! Die Rabenmutter“ schrie jeder Rabe, und Anne Lisbeth wußte jetzt, daß dieser Name auch ihr galt; sie würde vielleicht in einen solchen schwarzen Vogel verwandelt werden und müßte vielleicht immerfort schreien, was die schrien, wenn sie das Grab nicht grübe.
Und sie warf sich auf die Erde, und sie grub mit ihren Händen ein Grab in den harten Boden, daß das Blut ihr aus den Nägeln sprang.
„Ein Grab, grab mir ein Grab!“ tönte es immerfort, sie fürchtete, daß der Hahnenschrei und der erste rote Streifen im Osten kommen konnten, bevor sie ihre Arbeit beendigt hatte, dann war sie verloren.
Und der Hahn schrie, und es leuchtete im Osten auf -das Grab war nur halb gegraben; eine eisige Hand glitt über ihr Haupt und Antlitz hin bis in die Herzgrube. „Nur halbes Grab“, seufzte es und entschwebte hinab auf den Meeresgrund, ja, es war der Strandgeist; Anne Lisbeth sank überwältigt und erstarrt zu Boden, alle Sinne schwanden ihr. Es war heller Tag, als sie wieder zu sich kam, zwei Männer hoben sie auf; sie lag nicht auf dem Kirchhof, sondern unten am Meeresufer, und dort hatte sie ein tiefes Loch vor sich in den Sand gegraben und ihre Finger blutig geschnitten an einem zerbrochenen Glas, dessen scharfer Stiel in einem kleinen Holzklotz steckte. Anne Lisbeth war krank; das Gewissen hatte die Karten des Aberglaubens gemischt, hatte diese Karten gelegt und aus denselben herausbekommen, daß sie nunmehr nur eine halbe Seele hatte, die andere Hälfte hatte ihr Kind mit auf den Meeresgrund genommen; nimmer würde sie sich emporschwingen können zu der Gnade des Himmels, ehe sie nicht die andere Hälfte besäße, die festgehalten wurde in dem tiefen Wasser. Anne Lisbeth kam wieder in ihre Heimat, sie war nicht mehr dieselbe, die sie früher gewesen war, ihre Gedanken waren verwirrt wie verwirrtes Garn; nur einen Faden, nur einen Gedanken hatte sie frei gemacht, das war der, daß sie den Strandgeist zum Kirchhofe tragen und ihm ein Grab graben müsse, um dadurch ihre ganze Seele wiederzugewinnen.
Manche Nacht wurde sie in ihrer Wohnung vermißt, und immer fand man sie wieder an der Meeresküste, wo sie des Strandgeistes harrte; auf solche Weise verstrich ein ganzes Jahr, da verschwand sie wieder einmal eine Nacht, war aber nicht aufzufinden; der ganze folgende Tag verging mit vergeblichem Suchen.
Gegen Abend, als der Küster in die Kirche trat, um die Vesperglocke zu läuten, erblickte er dort vor dem Altar Anna Lisbeth, hier hatte sie seit dem frühesten Morgen verweilt; ihr Körper was fast unterlegen, aber ihre Augen strahlten, ihr Antlitz hatte einen rosigen Glanz, die letzten Sonnenstrahlen beschienen sie, strahlten über den Altar hin auf die blanken Beschläge der Bibel, die dort aufgeschlagen lag mit den Worten des Propheten Joel: „Zerreißet eure Herzen und nicht eure Kleider, kehret um zum Herrn!“ -„Das war nur so zufällig!“ sagten die Leute, „Wie so vieles zufällig ist!“
Im Antlitz Anne Lisbeths, bestrahlt von der Sonne, war zu lesen von Frieden und Gnade. Ihr sei so wohl, sagte sie. Nun habe sie überwunden! Diese Nacht sei der Strandgeist, ihr eigenes Kind, bei ihr gewesen, er habe zu ihr gesagt: du grubst mir nur ein halbes Grab -aber du hast jetzt Jahr und Tag mich ganz in deinem Herzen begraben, und dort birgt eine Mutter ihr Kind am besten! Und darauf habe er ihr ihre verlorene Seele wiedergegeben und habe sie hier in die Kirche hineingeleitet.
„Jetzt bin ich in Gottes Haus!“ sprach sie, „und in dem Hause ist man selig!“ Als die Sonne ganz unten war, war Anne Lisbeths Seele ganz oben,
wo keine Furcht ist, wenn man hier ausgelitten hat und Anne Lisbeth hatte ausgelitten.

Hans Christian Andersen – Alles am rechten Platz

Hans Christian Andersen

Alles am rechten Platz

Es ist über hundert Jahre her.
Da lag hinter dem Walde an dem großen See ein alter Herrenhof, der war rings von tiefen Gräben umgeben, in denen Kolbenrohr, Schilf und Röhricht wuchsen.
Drüben vom Hohlwege herüber erklangen Jagdhornruf und Pferdegetrappel, und deshalb beeilte sich das kleine Gänsemädchen, die Gänse auf der Brücke zur Seite zu treiben, ehe die Jagdgesellschaft herangaloppiert kam.
Sie kamen so geschwind daher, daß sie hurtig auf einen der großen Steine an der Seite der Brücke springen mußte, um nicht unter die Hufe zu kommen. Ein halbes Kind war sie noch, fein und zierlich, doch mit einem wunderbaren Ausdruck im Antlitz und in den großen, hellen Augen; aber das sah der Gutsherr nicht. Während seines sausenden Galopps drehte er die Peitsche in seiner Hand, und in roher Lust stieß er sie mit dem Schafte vor die Brust, daß sie hintenüber fiel.
»Alles am rechten Platze!« rief er, »in den Mist mit Dir.« Und dann lachte er; denn es sollte ein guter Witz sein, und die anderen lachten mit. Die ganze Gesellschaft schrie und lärmte und die Jagdhunde bellten, es war ganz wie im Liede: »Reiche Vögel kommen geflogen.«
Gott weiß, wie reich er damals war.
Das arme Gänsemädchen griff um sich, als sie fiel und bekam einen der herabhängenden Weidenzweige zu fassen. An diesem hielt sie sich krampfhaft über dem Schlamm, und sobald die Herrschaft und die Hunde im Tore verschwunden waren, versuchte sie, sich heraufzuarbeiten. Aber der Zweig brach oben am Stamme ab und das Gänsemädchen fiel schwer zurück ins Rohr. Im selben Augenblick griff von oben her eine kräftige Hand nach ihr. Es war ein wandernder Hausierer, der ein Stückchen weiter davon zugesehen hatte und sich nun beeilte, ihr zu Hülfe zu kommen.
»Alles am rechten Platze!« sagte er höhnend hinter dem Gutsherrn her und zog sie auf das Trockene. Den abgebrochenen Zweig drückte er gegen die Stelle, wo er sich abgespalten hatte, aber »alles am rechten Platze« läßt sich nicht immer tun. Deshalb steckte er den Zweig in die weiche Erde. »Wachse, wenn Du kannst und schneide denen dort oben auf dem Hofe eine gute Flöte.« Er hätte dem Gutsbesitzer und den seinen wohl einen tüchtigen Spießrutenmarsch gegönnt. Dann ging er in den Herrenhof, aber nicht oben in den Festsaal, dazu war er zu geringe. Er ging zu den Dienstleuten in die Gesindestube und sie beschauten seine Waren und handelten. Aber oben von der Festtafel tönte Gekreisch und Gebrüll, das sollte Gesang vorstellen, sie konnte es nicht besser. Es klang Gelächter und Hundegebell. Es war ein wahres Freß-und Saufgelage. Wein und altes Bier schäumten in Gläsern und Krügen und die Leibhunde fraßen mit. Ein oder das andere von den Tieren wurde von den Junkern geküßt, nachdem sie ihnen erst mit den langen Hängeohren die Schnauzen abgewischt hatten. Der Hausierer wurde mit seinen Waren heraufgerufen, aber nur, damit sie ihre Späße mit ihm treiben konnten. Der Wein war drinnen und der Verstand draußen. Sie gossen Bier für ihn in einen Strumpf, daß er mittrinken könne, aber geschwind! Das war nun ein außerordentlich feiner Einfall und sehr zum Lachen. Ganze Herden Vieh, Bauern und Bauernhöfe wurden auf eine Karte gesetzt und verloren.
»Alles am rechten Fleck!« sagte der Hausierer, als er wohlbehalten aus dem Sodom und Gomorra, wie er es nannte, entronnen war. »Die offene Landstraße, das ist der rechte Platz für mich, dort oben war mir nicht wohl zumute.« Und das kleine Gänsemädchen nickte ihm von der Feldgrenze aus zu.
Und es vergingen Tage und es vergingen Wochen, und es zeigte sich, daß der abgebrochene Weidenzweig, den der Hausierer neben dem Wassergraben in die Erde gesteckt hatte, sich ständig grün hielt, ja er trieb sogar neue Zweige. Das kleine Gänsemädchen sah, daß er Wurzel gefaßt haben mußte und sie freute sich von ganzem Herzen darüber, denn es war ihr, als gehöre der Baum ihr.
Ja, mit dem Baume ging es vorwärts, aber mit allem anderen auf dem Hofe ging es durch Trunk und Spiel mit großen Schritten rückwärts. Das sind zwei Rollen, auf denen nicht gut stehen ist.
Nicht ganz sechs Jahre waren vergangen, da wanderte der Gutsherr mit Sack und Stock, als armer Mann, vom Hofe. Der wurde von einem reichen Hausierer gekauft und es war derselbe, der einst dort zum Spott und Gelächter gemacht worden war, als man ihm Bier in einem Strumpfe darbot. Aber Ehrlichkeit und Fleiß geben guten Fahrwind. Nun war der Hausierer der Herr auf dem Hofe. Und von Stund an kam kein Kartenspiel mehr dorthin. »Das ist eine schlechte Lektüre,« sagte er, »sie entstand damals, als der Teufel das erste Mal die Bibel zu Augen bekam. Er wollte daraus ein Zerrbild schaffen, das ebenso große Anziehungskraft besäße, so erfand er denn das Kartenspiel.«
Der neue Herr nahm sich eine Frau, und wer war sie? Es war das kleine Gänsemädchen, das immer sittsam, fromm und gut gewesen war. In den neuen Kleidern sah sie so fein und schön aus, als sei sie als vornehme Jungfrau geboren. Wie ging das zu? Ja, das würde eine zu lange Geschichte für unsere eilfertige Zeit werden, aber es war nun einmal so, und das Wichtigste kommt nun.
Gesegnet und gut war es auf dem alten Hofe. Die Hausmutter stand selbst dem inneren Hause vor und der Hausherr dem äußeren; es war gerade, als quelle der Segen überall hervor, und wo Wohlstand ist, kommt Wohlstand ins Haus. Der alte Hof wurde geputzt und gestrichen, die Gräben gereinigt und Obstbäume gepflanzt. Freundlich und gepflegt sah es hier aus und die Fußböden in den Zimmern waren blank wie poliert. In dem großen Saale saß an den Winterabenden die Hausfrau mit allen ihren Mägden und spann Wolle und Leinen. An jedem Sonntagabend wurde laut aus der Bibel vorgelesen, und zwar von dem Kommerzialrat selbst, denn der Hausierer war Kommerzialrat geworden, aber erst in seinen alten Tagen. Die Kinder wuchsen heran – denn Kinder waren auch gekommen – und alle lernten etwas Rechtes; sie hatten nicht alle gleich gute Köpfe, aber das geht ja in einer jeden Familie so.
Der Weidenzweig draußen war ein großer, prächtiger Baum geworden, der frei und unbeschnitten dastand. »Das ist unser Stammbaum« sagten die alten Leute, »und der Baum soll in Achtung und Ehren gehalten werden!« sagten sie zu den Kindern, auch zu denen, die keinen guten Kopf mitbekommen hatten.
Und nun waren darüber hundert Jahre vergangen.
Es war in unserer heutigen Zeit. Der See war zu einem Moor geworden und der alte Herrenhof war gleichsam wie weggewischt. Eine längliche Wasserpfütze mit ein wenig Steinumrandung an den Seiten war der Rest der tiefen Gräben, und hier stand ein prächtiger alter Baum, der seine Zweige ausbreitete. Das war der Stammbaum. Er stand und zeigte, wie schön ein Weidenbaum sein kann, wenn er wachsen darf, wie er Lust hat.
– Er war freilich mitten im Stamme geborsten, von der Wurzel bis zur Krone hinauf und der Sturm hatte ihn ein wenig geneigt, aber er stand, und aus allen Rissen und Spalten, in die der Wind Erde hineingeweht hatte, wuchsen Gras und Blumen. Besonders ganz oben, wo die großen Zweige sich teilten, war gleichsam ein hängender kleiner Garten mit Himbeeren und Vogelgras, ja, auch ein winzig kleiner Vogelbeerbaum hatte dort Wurzel gefaßt und stand schlank und fein in der Mitte oben auf dem alten Weidenbaum, der sich in dem schwarzen Wasser spiegelte, wenn der Wind die Wasserlinien in eine Ecke der Wasserpfütze getrieben hatte. Ein schmaler Fußsteig über den Fronacker führte dicht hier vorbei. Hoch auf dem Hügel am Walde, mit einer herrlichen Aussicht, lag das neue Schloß, groß und prächtig, mit Glasfenstern, so klar, daß man hätte glauben mögen, es seien gar keine darin. Die große Treppe vor der Tür sah wie eine Laube aus Rosen und großblättrigen Pflanzen aus. Die Grasflächen waren so sauber gehalten und so grün, als ob nach jedem Halm abends und morgens gesehen würde. Drinnen im Saale hingen kostbare Gemälde und mit Seide und Samt bezogene Stühle und Sofas, die fast auf ihren eigenen Beinen einhergehen konnten, Tische mit blanken Marmorplatten und Bücher in Saffian und Goldschnitt gebunden, standen da …. Ja, es waren wohl freilich reiche Leute, die hier wohnten, es waren vornehme Leute; hier wohnten Barone.
Eins paßte zum anderen. »Alles am rechten Fleck« sagten auch sie, und deshalb waren alle Gemälde, die einmal dem alten Hofe zu Schmuck und Ehre gereicht hatten, nun im Gange, der nach der Dienerkammer führte, aufgehängt worden. Es war ja altes Gerümpel, besonders zwei alte Porträts, die einen Mann in rosenrotem Rocke mit einer Perücke und eine Dame mit gepudertem, hoch frisierten Haar und einer roten Rose in der Hand darstellten, aber beide mit dem gleichen großen Kranze von Weidenzweigen umgeben. Es waren viele runde Löcher in den beiden Bildern, das kam daher, daß die kleinen Barone immer ihre Flitzbogen auf beiden alten Leute abschossen. Das war der Kommerzialrat und die Kommerzialrätin, von denen das ganze Geschlecht abstammte.
»Sie gehören aber nicht richtig in unsere Familie« sagte einer der kleinen Barone. »Er war ein Hausierer gewesen und sie eine Gänsemagd. Sie waren nicht so wie Papa und Mama.«
Die Bilder waren altes, häßliches Gerümpel, und »alles am rechten Fleck« sagte man, und so kamen Urgroßvater und Urgroßmutter auf den Gang zur Dienerkammer.
Der Pfarrersohn war Hauslehrer auf dem Schloße. Eines Tages ging er mit den kleinen Baronen und ihrer älteren Schwester, die gerade kürzlich eingesegnet worden war, spazieren. Dabei kamen sie den Fußsteg entlang und zu dem alten Weidenbaume herunter. Und während sie gingen, band sie einen Feldblumenstrauß; »alles am rechten Fleck,« er wurde ein kleines Kunstwerk. Währenddessen hörte sie aber doch recht gut alles, was gesagt wurde, und sie freute sich, wie der Pfarrersohn von den Kräften der Natur und der Geschichte großer Männer und Frauen erzählte; sie war eine gesunde, prächtige Natur, voller Adel des Geistes und der Seele und mit einem Herzen, das alles von Gott Erschaffene freudig umfaßte. Sie machten unten bei dem alten Weidenbaume halt. Der kleinste der Barone wollte gern eine Flöte geschnitten haben, wie er sie schon oft von Weidenbäumen bekommen hatte, und der Pfarrersohn brach einen Zweig ab.
»O, tun sie es nicht« sagte die junge Baronesse; aber es war schon geschehen. »Das ist ja unser alter, vielberühmter Baum. Ich habe ihn so gern. Deshalb werde ich oft zuhause ausgelacht, aber das tut nichts. Es umschwebt eine Sage den Baum.«
Und nun erzählte sie alles, was wir über den Baum gehört haben, über den alten Herrenhof, über das Gänsemädchen und den Hausierer, die sich hier begegneten und die Stammeltern des vornehmen Geschlechtes und auch der jungen Barone wurden.
»Sie wollten sich nicht adeln lassen, die alten, biederen Leute« sagte sie. »Sie hatten den Wahlspruch: Alles am rechten Platze und sie meinten, nicht dahin zu kommen, wenn sie sich durch Geld erhöhen ließen. Ihr Sohn, mein Großvater, war es, der Baron wurde; er soll ein großes Wiesen besessen haben und hoch angesehen bei Prinzen und Prinzessinnen gewesen sein. Er war bei allen ihren Festen dabei. Ihn verehren die anderen zuhause am meisten, aber ich weiß selbst nicht, für mich ist etwas an dem alten Paar, was mein Herz zu ihnen zieht. Es muß so gemütlich und patriarchalisch auf dem alten Hofe gewesen sein, wo die Hausmutter saß und mit allen ihren Mägden spann und der alte Herr laut aus der Bibel vorlas.«
»Es waren prächtige Leute, vernünftige Leute« sagte der Pfarrersohn; und dann geriet das Gespräch in das Fahrwasser von Adel und Bürgertum und es war fast, als gehöre der Pfarrersohn nicht zur Bürgerschaft, so hob er die Vorzüge hervor, von Adel zu sein.
»Es ist ein Glück, zu einem Geschlechte zu gehören, das sich ausgezeichnet hat, und gleichsam schon in seinem Blute den Ansporn zu haben, nach allem Tüchtigen vorwärts zu streben. Herrlich ist es, eines Geschlechtes Namen zu tragen, der den Zugang zu den ersten Familien gewährleistet. Adel bedeutet edel, das ist wie eine Goldmünze, die ihren Wert aufgeprägt erhalten hat. Es liegt im Zuge der Zeit, und viele Dichter stimmen natürlich in diesen Ton ein, daß alles, was adlig ist, schlecht und dumm sein soll, aber bei den Armen glänzt alles, und je tiefer man niedersteigt, desto mehr. Aber das ist nicht meine Ansicht, denn sie ist irrig, völlig falsch. In den höheren Ständen findet sich mancher ergreifende und schöne Zug. Meine Mutter hat mir einen erzählt und ich selbst könnte mehrere hinzufügen. Sie war zu Besuch in einem vornehmen Hause in der Stadt, meine Großmutter, glaube ich, hatte die gnädige Frau gesäugt und aufgezogen. Meine Mutter stand im Zimmer mit dem alten, hochadligen Herrn. Da sah er, wie unten zum Hofe hinein eine alte Frau auf Krücken gehumpelt kam. Jeden Sonntag kam sie und bekam ein paar Schillinge. »Da ist ja die arme Alte,« sagte der Herr, »das Gehen fällt ihr so schwer!« Und ehe meine Mutter es sich versah, war er aus der Tür und die Treppen herunter, die siebzigjährige Exzellenz war selbst zu der armen Frau hinuntergegangen, um ihr den beschwerlichen Weg wegen des Schillings zu ersparen. Es ist ja nur ein geringer Zug, aber wie das Scherflein der Witwe hat er den Klang eines Herzens in sich, den Klang einer wahren Menschennatur. Darauf sollte der Dichter zeigen, gerade in unserer Zeit sollte er es besingen, denn es würde Gutes wirken, besänftigen und versöhnen. Wo jedoch ein Mensch, weil er von Geblüt ist und einen Stammbaum hat wie die arabischen Pferde, sich auf die Hinterbeine setzt und in den Straßen wiehert, und im Zimmer sagt: »Hier sind Leute von der Straße gewesen!« wenn ein Bürgerlicher drinnen gewesen ist, da ist der Adel in Verderbnis übergegangen und zu einer Maske geworden, wie Tespis sich eine machte, und man lacht über die Person und macht sie zum Gegenstand des Spottes.«
Das war die Rede des Pfarrersohns, sie war zwar etwas lang, aber unterdessen war die Pfeife geschnitten.
Es war eine große Gesellschaft auf dem Schlosse mit vielen Gästen aus der Umgegend und der Hauptstadt. Die Damen waren mit und ohne Geschmack gekleidet. Der große Saal war voller Menschen. Die Pfarrer aus der Umgegend standen ehrerbietigst zu einem Knäuel zusammengedrängt in einer Ecke, es sah aus, als seien sie zu einem Begräbnis gekommen; und doch war ein Vergnügen angesagt, es war nur noch nicht in Gang gesetzt.
Ein großes Konzert sollte stattfinden, und daher hatte der kleine Baron seine Weidenflöte mit hereingebracht, aber er konnte ihr keinen Ton entlocken, auch Papa konnte es nicht; deshalb taugte sie eben nichts.
Nun kamen Musik und Gesang an die Reihe, und zwar von jener Art, die hauptsächlich den Ausübenden Freude macht; es war übrigens wirklich niedlich.
»Sie sind auch Virtuos?« sagte ein Kavalier, der das Kind seiner Eltern war, zum Hauslehrer. »Sie blasen Flöte und schneiden sie sogar selbst. Das Genie beherrscht alles, sitzt auf der rechten Seite – Gott behüte. Ich gehe ganz mit der Zeit, das muß man. Nicht wahr, sie werden uns mit diesem kleinen Instrument entzücken!« Und dann reichte er ihm die Flöte, die von dem Weidenbaume unten am Wassertümpel geschnitten war, und laut und vernehmlich verkündete er, daß der Hauslehrer ein kleines Flötensolo zum besten geben wolle.
Man wollte ihn zum Gespött machen, das war nicht schwer zu verstehen, und deshalb wollte der Hauslehrer auch nicht blasen, obwohl er es recht wohl gekonnt hätte; aber sie drängten ihn und nötigten ihn und so nahm er die Flöte und setzte sie an den Mund.
Es war eine wunderliche Flöte. Es erklang ein Ton, so anhaltend wie bei einer Dampflokomotive, nur noch viel schriller. Er klang über den ganzen Hof, den Garten und den Wald und meilenweit ins Land hinaus, und mit dem Ton erhob sich ein Sturmwind, der brauste: »Alles am rechten Platze« – und da flog Papa wie vom Winde getragen aus dem Hause hinaus gerade in das Viehhüterhaus hinein, und der Viehhirt flog. hinauf – nicht in den Saal, denn dort hinein gehörte er ja nicht, nein, in die Dienerkammer hinauf, mitten unter die feine Dienerschaft, die in seidenen Strümpfen einherging. Den stolzen Herren schlug der Schreck wie Gicht in die Glieder, daß so eine geringe Person sich mit ihnen an einen Tisch zu setzen wagte.
Aber im großen Saale flog die junge Baronesse an das oberste Tischende, wo zu sitzen sie würdig war, und der Pfarrersohn bekam den Sessel an ihrer Seite, und da saßen sie nun beide, als seien sie ein Brautpaar. Ein alter Graf aus dem ältesten Geschlechte des Landes blieb unverrückt auf seinem Ehrenplatz; denn die Flöte war gerecht, und das soll man sein. Der witzige Kavalier, der die Schuld am Flötenspiel trug, er, der das Kind seiner Eltern war, flog kopfüber zwischen die Hühner, aber nicht allein.
Eine ganze Meile ins Land hinaus klang die Flöte, und man hörte von großen Begebenheiten. Eine reiche Großhändlersfamilie, die mit Vieren ausgefahren war, wurde aus dem Wagen hinaus geblasen und bekam nicht einmal den hinteren Platz; zwei reiche Bauern, die in letzter Zeit über ihre Kornfelder hinausgewachsen waren, wurden in einen sumpfigen Graben hinabgeblasen; es war eine gefährliche Flöte. Glücklicherweise sprang sie beim ersten Ton und das war gut, denn so kam sie wieder in die Tasche: »Alles am rechten Platze!«
Am nächsten Tage sprach man nicht über die Begebenheit, daher stammt die Redensart »die Pfeife wieder einstecken!« Alles war auch wieder in seiner alten Ordnung, nur daß die beiden alten Bilder, der Hausierer und das Gänsemädchen, oben im großen Saale hingen. Sie waren dort an die Wand geblasen worden Und da ein wirklicher Kunstkenner sagte, daß sie von Meisterhand gemalt seien, blieben sie dort hängen und wurden instandgesetzt. Man hatte ja vorher nicht gewußt, daß sie etwas taugten, und woher hätte man das auch wissen sollen. Nun hingen sie auf dem Ehrenplatze. »Alles am rechten Platze!« und dahin kommt es auch meist! Die Ewigkeit ist lang, länger als diese Geschichte.

Hans Christian Andersen – Aufgeschoben ist nicht aufgehoben

Hans Christian Andersen

Aufgeschoben ist nicht aufgehoben

Es lag einmal ein altes Schloß mit sumpfigen Gräben und einer Zugbrücke; die war häufiger aufgezogen als herabgelassen; nicht alle Gäste, die kommen, sind angenehm.Unter dem Dachfirst waren Öffnungen, durch die man hinausschießen und hin und wieder auch kochendes Wasser, ja geschmolznes Blei auf den Feind herabgießen konnte, wenn der zu nahe kam. Drinnen waren die Räume hoch, und das war gut für den vielen Rauch, der aus dem Kaminfeuer aufstieg, in dem die großen, nassen Holzscheite lagen. An den Wänden hingen Bilder von geharnischten Männern und von stolzen Frauen in steifen Kleidern; die stolzeste von ihnen allen ging hier drinnen lebendig umher, sie hieß Mette Mogens und war Herrin im Schloß.
Zur Abendzeit kamen Räuber; sie erschlugen drei von ihren Leuten und auch den Kettenhund, und dann legten sie Frau Mette an die Hundekette in der Hundehütte fest; sie selber aber setzten sich oben im Saal hin und tranken den Wein aus ihrem Keller und all das gute Bier.
Frau Mette stand an der Hundekette; sie konnte nicht einmal bellen. Da kam der Bursche der Räuber; er schlich so leise herbei, niemand sollte es merken, denn sonst hätten sie ihn totgeschlagen.
»Frau Mette Mogens«, sagte der Bursche; »weißt du noch, wie mein Vater auf dem hölzernen Pferd ritt, als noch dein Gemahl Herr im Schloß war? Da batest du für ihn, aber es half nicht, er sollte sich zuschanden reiten, du aber schlichst hinunter, so wie ich jetzt hinuntergeschlichen bin, und legtest selber einen kleinen Stein unter seine beiden Füße, damit er Ruhe finden möge. Niemand sah es, oder auch, sie taten, als sähen sie es nicht, weil du die junge gnädige Frau warst. Das hat mein Vater erzählt, und ich habe es nicht vergessen, der Dank ist aufgeschoben, aber nicht aufgehoben! Und darum löse ich jetzt deine Bande, Frau Mette Mogens!«
Und dann zogen sie ein Paar Pferde aus dem Stall und ritten in Sturm und Regen hinaus, um bei Freunden Hilfe zu suchten.
»Das war eine gute Bezahlung für das kleine Liebeswerk, das ich dem alten Manne getan,« sagte Frau Mette Mogens.
»Aufgeschoben ist nicht aufgehoben!« sagte der Bursche.
Die Räuber aber wurden gehängt.
Es lag einmal ein altes Schloß, es liegt noch heute da; es war nicht Frau Mette Mogens‘ Besitz, es gehörte einer andern hochadeligen Familie.
Die Geschichte spiel in unsere Zeit. Die Sonne scheint auf die vergoldete Spitze des Turmes, kleine Waldinseln liegen wie Blumensträuße auf dem Wasser, und rings um sie herum schwimmen die wilden Schwäne. Im Garten wachsen Rosen, die Schloßherrin selber ist das zarteste Rosenblatt, es strahlt vor Freude; die Freude der guten Werke strahlt nicht in die weite Welt hinaus, sie strahlt in die Herzen.
Jetzt verläßt sie das Schloß und begibt sich nach dem kleinen Ausmärkerhaus draußen auf dem Felde. Dort wohnt ein armes, gichtbrüchiges Mädchen; das Fenster in der kleinen Stube liegt nach Norden, die Sonne kommt nicht dahin; sie kann nur über ein Stück Feld hinaussehen, das der hohe Graben abschließt. Aber heute ist hier Sonnenschein, unseres lieben Gottes schöne, warme Sonne scheint hier drinnen; sie kommt aus dem Süden durch das neue Fenster, wo bisher nur eine Mauer war.
Die Gichtbrüchige sitzt in dem warmen Sonnenschein, sieht Wald und Strand, die Welt ist so groß und so schön geworden und das alles durch ein einziges Wort der freundlichen Schloßherrin.
»Das Wort war so leicht, die Tat so gering!« sagte sie. »Die Freude, die mir ward, war unendlich groß und herrlich!«
Und darum übt sie so viele Lebenswerke, denkt an alle in den armen Häusern und in den reichen Häusern, wo es auch Betrübte gibt. Sie tut es im Stillen und Verborgenen, aber der liebe Gott sieht es und lohnt es ihr einst. »Aufgeschoben ist nicht aufgehoben!«
Drinnen in der großen, geschäftigen Stadt lag ein altes Haus. Da waren Zimmer und Säle, aber in die gehen wir nicht hinein; wir bleiben in der Küche, da ist es warm und hell, da ist es reinlich und zierlich. Das Kupfergeschirr blitzt, der Tisch ist so blank, als sei er gebohnert, die Abwasche sieht aus wie ein frischgescheuertes Spickbrett; das alles hat das einzige Mädchen ausgerichtet, und dabei hat sie noch Zeit gehabt, sich so sauber anzuziehen, als wollte sie zur Kirche gehen. Sie trägt eine Schleife an der Haube, eine schwarze Schleife; das bedeutet Trauer. Sie hat ja niemand, um den sie trauern könnte; sie hat ja weder Vater noch Muter, weden Verwandte noch einen Liebsten; sie ist ein armes Mädchen. Einmal ist sie verlobt gewesen mit einem armen Burschen; sie hatten sich lieb. Da kam er eines Tages zu ihr. »Wir haben beide nichts!« sagte er. »Die reiche Witwe drüben im Keller hat mir warme Worte gesagt; sie will mich zum wohlhabenden Mann machen; aber du lebst in meinem Herzen. Was rätst du mir, daß ich tun soll?«
»Tue das, was du für dein Glück hältst!« sagte des Mädchen. »Sei gut und liebevoll gegen sie, bedenke aber, von dem Augenblick an, wo wir uns trennen, können wir einander nicht wiedersehen!«
Und dann vergingen ein paar Jahre; da begegnete sie auf der Straße Ihrem ehemaligen Freund und Liebsten; er sah krank und elend aus; da konnte sie es nicht lassen, sie mußte fragen: »Wie geht es dir denn?«
»Reich und gut über alle Maßen!« sagte er. »Die Frau ist brav und gut, aber du lebst in meinem Herzen. Ich habe meinen Kampf gekämpft, bald ist es zu Ende! Wir sehen uns erst beim lieben Gott wieder!«
Seitdem ist eine Woche vergangen; heute morgen hat in der Zeitung gestanden, daß er gestorben ist. Und darum trägt das Mädchen Trauer. Der Geliebte ist tot, betrauert von seiner Frau und drei Stiefkindern, so steht es in der Zeitung; das klingt, als sei die Glocke gesprungen, und doch ist das Erz rein.
Die schwarze Schleife bedeutet Trauer, das Gesicht des Mädchens drückt noch mehr Trauer aus; die sitzt im Herzen und wird nie daraus verschwinden. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben!
Das sind drei Geschichten, drei Blätter an einem Stengel. Wünschest du noch mehr Kleeblätter? Da sind viele im Buche des Herzens, und was darin aufgewahrt ist, wird nie vergessen!

Hans Christian Andersen – Das ABC Buch

Hans Christian Andersen

Das ABC Buch

Es war einmal ein Mann, der hatte einige neue Verse zu einem »ABC-Buch« geschrieben, solche zwei Zeilen für jeden Buchstaben wie in dem alten ABC; ihm schien, daß man etwas Neues haben sollte, die alten Verse waren so abgenutzt, und der fand seine eigenen gerade immer so gut. Das neue ABC lag noch geschrieben da, und es war neben das alte, gedruckte in den großen Bücherschrank gestellt worden, in dem so viele gelehrte Bücher und unterhaltende Bücher standen, aber das alte ABC wollte wohl nicht Nachbar des neuen sein und war deshalb vom Bord gesprungen und hatte zugleich dem neuen einen Stoß gegeben, so daß es auch auf dem Boden lag, und zwar waren alle seine losen Blätter ringsum verstreut. Das alte ABC kehrte die erste Seite nach oben, und das ist die wichtigste darin; da stehen alle Buchstaben, die großen und die kleinen. Das Blatt hat nun alles, wovon alle die übrigen Bücher leben, das Alphabet, die Buchstaben, die doch die Welt regieren; eine schreckliche Macht haben sie! Es kommt nur darauf an, in welche Stellung sie kommandiert sind; sie können Leben geben, töten, erfreuen und betrüben. Einzeln aufgestellt, bedeuten sie nichts, aber in Reih und Glied aufgestellt, ja, als Gott sie seine Gedanken ausdrücken ließ, vernahmen wir mehr, als wir zu ertragen vermochten, wir beugten uns tief, aber die Buchstaben vermochten die Gedanken zu ertragen.
Da lag es nun und kehrte sich nach oben! Und der Hahn in dem großen A strahle von roten, blauen und grünen Federn; er brüstete sich, denn er wußte, was die Buchstaben bedeuten und daß er der einzige lebendige darunter war.
Da das alte ABC-Buch auf den Boden fiel, schlug er mit den Flügeln, flog heraus und setzte sich auf eine Ecke des Bücherschranks, zupfte sich mit dem Schnabel glatt und krähte, so daß es nachhallte. Jedes Buch im Schrank, das sonst Tag und Nacht wie in einem Halbschlaf stand, wenn es nicht gebraucht wurde, vernahm den Trompetenstoß, und dann sprach der Hahn laut und deutlich von dem Unrecht, das dem würdigen, alten ABC-Buch geschehen war.
»Alles soll nun neu, soll anders sein!« sagte er, »alles soll so fortschreiten! Die Kinder sind so klug, daß sie nun lesen können, bevor sie die Buchstaben kennen. »Sie sollen etwas Neues haben!« sagte er, der die neuen ABC-Verse schrieb, die da auf dem Boden verstreut liegen. Ich kenne Sie! Mehr als zehnmal habe ich ihn gehört, sie sich selber vorlesen. Das war ihm so ein Vergnügen, nein, ich muß um meine eignen, die guten alten und Xanthus bitten, und um die Bilder, die dazu gehören, für die will
ich kämpfen, danach will ich krähen! Jedes Buch im Schrank kennt sie
wohl. Nun werde ich die geschriebenen neuen vorlesen, sie alle in Ruhe
vorlesen: laßt uns dann darüber einig werden, daß sie nichts taugen!« A Amme
Eine Amme geht im Sohntagskleide,
einer andern Kind ist ihre Freude. B Bauer
Ein Bauer litt einst großen Schaden,
jetzt hat er zu viel in der Laden. »Den Vers finde ich nun wirklich schwach!« sagte der Hahn, »Aber ich lese
weiter!« C Columbus
Columbus fuhr hin übers Meer,
und doppelt so groß war die Welt nachher. D Dänemark
In Dänemark der Glaube gilt,
daß Gott ihm stets bleibt gut gewillt. »Was werden nun manche nett finden!« sagte der Hahn, »aber das tue ich
nicht! Ich finde nun nichts Nettes hier! Weiter!« E Elefant
Der Elefant geht schwer genug,
wenn auch sein Herz noch leicht und jung. F Finsternis
Finsternis tut dem Monde gut,
er trägt solang den Priesterhut. G Glücksschwein
Das Glücksschwein mit dem Nasenring
bleibt, war es ist, ein plumpes Ding! H Hurra
Hurra kann oft auf unser Erden
von Toren nur gerufen werden. »Wie sollen das nun die Kinder verstehen?« sagte der Hahn, »es steht
freilich auf dem Titelblatt »ABC-Buch für Große und Kleine«, aber die
Großen haben anders zu tun, als ABC-Verse zu lesen, und die Kleinen
können das nicht verstehen! Alles hat seine Grenzen! Weiter!

Hans Christian Andersen – Das alte Haus

Hans Christian Andersen

Das alte Haus

Drüben in der Straße stand ein altes, altes Haus, das war fast dreihundert Jahr alt, so konnte man an einem Balken lesen, an dem die Jahreszahl zugleich mit Tulpen und Hopfenranken eingekerbt war. Da standen ganze Verse in der Schreibweise alter Tage, und über jedem Fenster war ein fratzenhaftes Gesicht in den Balken eingeschnitten. Das obere Stockwerk hing weit über das untere, und unter dem Dache war eine Bleirinne mit Drachenköpfen. Das Regenwasser sollte aus dem Rachen herauslaufen, aber es lief aus dem Bauche, denn es war ein Loch in der Rinne.
Alle anderen Häuser in der Straße waren so neu und so nett, mit großen Scheiben und glatten Wänden, und man konnte wohl sehen, daß sie nichts mit dem alten Haus zu tun haben wollten. Sie dachten wohl: „Wie lange soll das Gerümpel hier noch der Straße zur Schande stehen bleiben. Der Erker steht so weit heraus, daß niemand aus unseren Fenstern sehen kann, was auf der anderen Seite geschieht! Die Treppe ist so breit, wie bei einem Schloß und so hoch wie bei einem Kirchturm. Das Eisengeländer sieht ja aus, wie die Tür zu einem alten Erbbegräbnis, dazu hat es noch Messingknöpfe. Das ist geschmacklos!“
Gerade gegenüber in der Straße standen auch neue und nette Häuser, und sie dachten wie die anderen. Aber am Fenster saß hier ein kleiner Knabe mit frischen, roten Wangen, mit klaren, strahlenden Augen, dem das alte Haus am besten gefiel sowohl im Sonnenschein wie im Mondschein. Wenn er nach der Mauer hinüber sah, wo der Kalk abgebröckelt war, konnte er sitzen und sich die wunderbarsten Bilder ausdenken: wie wohl die Straße früher ausgesehen haben mochte mit Treppen, Erkern und spitzen Giebeln. Er konnte Soldaten mit Hellebarden sehen, und Dachrinnen, die wie Drachen und Lindwürmer herumliefen. ­Das war so recht ein Haus zum Betrachten. Und drüben wohnte ein alter Mann; der ging in Kniehosen, hatte einen Rock mit großen Messingknöpfen und eine Perrücke, bei der man sehen konnte, daß es eine wirkliche Perrücke war. Jeden Morgen kam ein alter Diener zu ihm, der aufräumte und Gänge besorgte. Sonst war der alte Mann in den Kniehosen ganz allein in dem alten Hause. Zwischendurch kam er wohl einmal ans Fenster und sah hinaus, und der kleine Knabe nickte zu ihm hinüber; der alte Mann nickte wieder, und so wurden sie Bekannte, und so wurden sie Freunde, obwohl sie niemals miteinander gesprochen hatten. Aber das war auch unnötig. Der kleine Knabe hörte seine Eltern sagen: „Der alte Mann da drüben hat es gut, aber er ist so schrecklich allein!“
Am nächsten Sonntag nahm der kleine Knabe etwas, wickelte es in ein Stück Papier, ging vor die Tür, und als der Diener, der die Gänge besorgte, vorbeikam, sagte er zu ihm: „Hör, willst Du dem alten Mann da drüben das von mir bringen? Ich habe zwei Zinnsoldaten, dies ist der eine; er soll ihn haben, denn ich weiß, daß er so schrecklich allein ist.“
Und der alte Diener sah ganz vergnügt aus, nickte und trug den Zinnsoldaten hinüber in das alte Haus. Darauf kam von drüben ein Bote mit der Anfrage, ob der kleine Knabe wohl Lust hätte, selbst einmal herüber zu kommen und Besuch zu machen. Dazu bekam er von seinen Eltern Erlaubnis, und so kam er in das alte Haus hinüber.
Die Messingknöpfe am Treppengeländer glänzten viel stärker als sonst. Man hätte glauben mögen, daß sie des Besuches wegen poliert worden wären. Und es war, als ob die geschnitzten Trompeter -denn es waren geschnitzte Trompeter an der Tür, die in den Tulpen standen -aus Leibeskräften bliesen; ihre Backen sahen viel dicker aus als zuvor. Ja, sie bliesen: „Tratteratra. Der kleine Knabe kommt. Tratteratra!“ und dann ging die Türe auf. Den ganzen Gang entlang hingen alte Porträts, Ritter in Harnischen und Frauen in Seidenkleidern. Und die Harnische rasselten und die seiden Kleider raschelten! Dann kam eine Treppe, die ging ein großes Stück hinauf und ein kleines hinab und dann war man auf einem Altan, der freilich sehr altersschwach und voller großer Löcher und Risse war, aber daraus hervor wuchsen Gras und Blätter; denn der ganze Altan, der Hof und die Mauern waren mit soviel Grün bewachsen, daß es wie ein Garten aussah. Aber es war nur ein Altan. Hier standen alte Blumentöpfe, die Gesichter und Eselsohren hatten. Die Blumen darin wuchsen aber ganz wie sie selbst wollten. In dem einen Topf liefen die Nelken nach allen Seiten über den Rand, das heißt das Grüne, Schößling neben Schößling, und ganz deutlich sagten sie: „Die Luft hat mich gestreichelt, die Sonne hat mich geküßt und mir am Sonntag eine kleine Blume versprochen, eine kleine Blume am Sonntag.“
Und dann kamen sie in eine Kammer hinein, wo die Wände mit Schweinsleder bezogen waren, darauf waren goldene Blumen gedruckt.
„Vergoldung vergeht, aber Schweinsleder besteht“ sagten die Wände.
Und Lehnstühle standen da mit hohen Rücken, über und über geschnitzt, und mit Armen an beiden Seiten. „Sitz nieder! Sitz nieder!“ sagten sie; „O, wie es in mir knackt! Nun bekomme ich die Gicht wie der alte Schrank. Gicht im Rücken. O!“ Und dann kam der kleine Knabe in die Stube hinein, wo der Erker war und wo der alte Mann saß.
„Schönen Dank für den Zinnsoldaten, mein kleiner Freund“ sagte der alte Mann. „Und Dank, daß Du zu mir herüberkommst!“
„Dank, Dank,“ oder „Knack, Knack,“ sagte es in allen Möbeln. Da waren so viele, daß sie sich fast im Wege standen, um den kleinen Knaben anzusehen.
Mitten an der Wand hing eine Malerei mit einer wunderschönen Dame, so jung, so froh, aber ganz so gekleidet, wie vor alten Zeiten, mit Puder im Haar und Kleidern, die ganz steif um sie herum standen. Sie sagte weder „Dank“ noch „Knack“, aber sah mit ihren freundlichen Augen den kleinen Knaben an, der sogleich den alten Mann fragte: „Wo hast Du sie her bekommen?“
„Drüben vom Trödler“ sagte der alte Mann. „Da hängen soviele Bilder. Keiner kennt sie mehr und macht sich etwas daraus, denn alle sind nun begraben. Aber in alten Tagen habe ich sie gekannt; nun ist sie tot schon seit fast einem halben Jahrhundert“
Und unter der Malerei hing unter Glas ein verwelkter Blumenstrauß. Der hatte gewiß auch ein halbes Jahrhundert gesehen, so alt war er. Und der Perpendikel an der großen Uhr ging hin und her und der Zeiger drehte sich und alle Dinge in der Stube wurden immer älter, aber das merkten sie nicht.
„Sie sagen zuhause,“ sagte der kleine Knabe, „daß Du so schrecklich einsam bist.“
„O,“ sagte er, „die alten Gedanken mit allem, was sie so mit sich führen können, kommen und besuchen mich, und nun kommst Du ja auch. Mir geht es ganz gut.“
„Und dann nahm er vom Bücherbrett ein Buch mit Bildern. Darin waren ganze Aufzüge, die wunderlichsten Karossen, die man heute nicht mehr zu sehen bekommt, Soldaten wie auf den Spielkarten und Bürger mit wehenden Fahnen. Die Schneider hatten eine mit einer Schere, die von zwei Löwen gehalten wurde, und die Schuhmacher hatten eine ohne Stiefel, aber mit einem Adler, der zwei Köpfe besaß, denn die Schuhmacher müssen alles so haben, daß sie sagen können: das ist ein Paar. -Ja, das war ein Bilderbuch.
Und der alte Mann ging in die andere Stube, um Eingezuckertes und Äpfel und Nüsse zu holen; -es war wirklich prächtig hier drüben in dem alten Hause. „Ich kann es nicht aushalten!“ sagte der Zinnsoldat, der auf der Kommode stand; „hier ist es so einsam und traurig; nein, wenn man einmal Familienleben kennen gelernt hat, kann man sich hier nicht eingewöhnen. -Ich kann das nicht aushalten! Der ganze Tag ist so lang und der Abend noch länger. Hier ist es nicht wie drüben bei Dir, wo Deine Mutter und Dein Vater so fröhlich miteinander sprachen, und wo Du und alle Ihr süßen Kinder einen so prächtigen Spektakel machtet! Nein, wie allein der alte Mann ist. Glaubst Du, er bekommt einen Kuß? Glaubst Du, jemand macht ihm freundliche Augen oder einen Weihnachtsbaum? Er bekommt gar nichts, nur ein Begräbnis -Ich kann das nicht aushalten!“
„Du mußt es nicht so schwer nehmen!“ sagte der kleine Knabe, „mir kommt es hier herrlich vor, und alle die alten Gedanken mit dem, was sie so mit sich führen können, kommen ja auch und machen Besuch.“
„Ja, die sehe ich nicht, und die kenne ich nicht“ sagte der Zinnsoldat. „Ich kann das nicht aushalten!“
„Das mußt Du“ sagte der kleine Knabe.
Und der alte Mann kam mit dem vergnügtesten Gesicht und mit demherrlichsten Eingemachten und Äpfeln und Nüssen, und da dachte der kleine Knabe nicht mehr an den Zinnsoldaten.
Glücklich und froh kam der kleine Knabe heim. Es vergingen Wochen und Tage, es wurde zu dem alten Hause und von dem alten Hause hinübergenickt, und dann kam der kleine Knabe wieder hinüber.
Und die geschnitzten Trompeter bliesen: „Tratteratra. Da ist der kleine Knabe. Tratteratra“ Und Schwerter und Rüstungen auf den alten Ritterbildern rasselten und die Seidenkleider raschelten, das Schweinsleder sprach und die alten Stühle hatten Gicht im Rücken: „au!“ Es war ganz genau wie beim ersten Mal, denn hier drüben war ein Tag und eine Stunde ganz wie die andere.
„Ich kann das nicht aushalten!“ sagte der Zinnsoldat. „Ich habe Zinn geweint! Hier ist es allzu traurig laß mich lieber in den Krieg ziehen und Arme und Beine verlieren! Das ist doch eine Abwechslung. Ich kann das nicht aushalten! -nun weiß ich, was das heißt, Besuch von seinen alten Gedanken zu bekommen, mit dem was sie mit sich führen können. Ich habe von meinen Besuch gehabt, und Du kannst mir glauben, es ist kein Vergnügen auf die Dauer. Ich war zuletzt nahe daran, von der Kommode zu springen. Euch alle da drüben sah ich so deutlich, als ob Ihr wirklich hier wäret; es war wieder der Sonntagmorgen -Du weißt doch noch. Alle Ihr Kinder standet vor dem Tische und sangt Eure Lieder, wie Ihr sie jeden Morgen singt. Ihr standet andächtig mit gefalteten Händen, und Vater und Mutter waren ebenso feierlich, und dann ging die Tür auf, und die kleine Schwester Maria, die noch nicht zwei Jahre alt war, und die immer tanzte, wenn sie Musik oder Gesang hörte, was für eine Art es auch sein mochte, wurde hereingeschoben. Sie sollte es nun eigentlich nicht -aber sie fing an zu tanzen, konnte jedoch nicht recht in den Takt kommen, denn die Töne waren so lang, und so stand sie erst auf dem einen Bein und bog den Kopf ganz nach vorn über, und dann auf dem andern Bein und den Kopf noch weiter vornüber, aber es wollte nicht recht gehen. Ihr standet alle ganz ernst da, obgleich es recht schwer hielt damit; ich aber lachte innerlich, und deshalb fiel ich vom Tische herunter und bekam eine Beule, mit der ich jetzt noch gehe, denn es war nicht recht von mir, zu lachen. Aber das Ganze zieht jetzt wieder innerlich an mir vorüber und noch manches andere, was ich so erlebt habe. Das werden wohl die alten Gedanken sein, mit allem, was sie mit sich führen können. Sag mir, singt Ihr noch immer an den Sonntagen? Erzähle mir ein bischen von der kleinen Maria. Und wie geht es meinem Kameraden, dem andern Zinnsoldaten? Ja, er ist wirklich glücklich. Ich kann das nicht aushalten.“
„Du bist weggeschenkt!“ sagte der kleine Knabe. „Du mußt bleiben. Kannst Du das nicht einsehen?“
Und der alte Mann kam mit einem Kasten, worin es viele Dinge zu sehen gab, seltsame, kleine Häuschen, Balsambüchsen und alte Karten, so groß und dick vergoldet, wie man sie jetzt gar nicht mehr sieht. Und es wurden große Schubladen aufgezogen und das Klavier wurde geöffnet; das hatte eine Landschaft inwendig auf dem Deckel und war ganz heiser, als der alte Mann darauf spielte. Er summte dabei eine alte Weise.
„Ja, die konnte sie singen“ sagte er, und dann nickte er zu dem Porträt hinüber, das er beim Trödler gekauft hatte, und des alten Mannes Augen leuchteten auf.
„Ich will in den Krieg! Ich will in den Kriegt“ rief plötzlich der Zinnsoldat so laut er konnte und stürzte sich auf den Fußboden.
Ja, wo war er geblieben? Der alte Mann suchte, der kleine Knabe suchte, aber fort war er und fort blieb er. „Ich werde ihn schon finden!“ sagte der Alte, aber er fand ihn nie mehr! Der Fußboden hatte allzu große Löcher und Ritzen. Der Zinnsoldat war durch eine Spalte gefallen, und dort lag er im offenen Grabe.
Und der Tag verging, und der kleine Knabe kam heim, und die Woche verging und noch viele Wochen. Die Fenster waren ganz zugefroren. Der kleine Knabe mußte sitzen und darauf blasen, um ein Guckloch zu dem alten Haus hinüber zu bekommen. Dort war der Schnee in alle Schnörkel und Inschriften hineingefegt. Er lag dicht über der Treppe, gerade, als sei niemand dort zuhause. Und es war auch niemand zuhause, der alte Mann war tot.
Am Abend hielt ein Wagen davor, und zu ihm herunter trug man ihn in seinem Sarge. Er sollte draußen auf dem Lande in seinem Erbbegräbnis beerdigt werden. Da fuhr er nun, aber niemand folgte, alle seine Freunde waren ja tot. Nur der kleine Knabe warf dem Sarge viele Kußhände nach, als er fortfuhr.
Einige Tage später war Auktion in dem alten Hause, und der kleine Knabe sah von seinem Fenster aus, wie man die alten Ritter und die alten Damen, die Blumentöpfe mit den langen Ohren, die alten Stühle und die alten Schränke wegtrug. Einiges kam hierhin, einiges dorthin. Das Porträt von ihr, das er beim Trödler gefunden hatte, kam wieder zum Trödler und dort blieb es hängen; denn nun kannte sie niemand mehr, und niemand kümmerte sich um das alte Bild.
Im Frühjahr riß man auch das Haus nieder, denn es sei nur ein altes Gerümpel, sagten die Leute. Von der Straße aus konnte man gerade in die Stuben mit dem Schweinslederbezug hineinsehen, der zerfetzt und heruntergerissen wurde. Und all das Grüne hing vom Altan wild um die fallenden Balken herab. -Und dann wurde dort aufgeräumt.
„Das half!“ sagten die Nachbarhäuser.
Und es wurde ein herrliches, neues Haus dort gebaut mit großen Fenstern und weißen, glatten Mauern. Aber vorne, wo eigentlich das alte Haus gestanden hatte, wurde ein kleiner Garten angelegt, und zu des Nachbarhauses Mauern hinauf wuchsen wilde Weinranken. Vor den Garten kam ein großes eisernes Gitter mit eiserner Tür; das sah gar stattlich aus. Die Leute standen still und schauten hinein. Und die Spatzen hingen sich dutzendweil an die Weinranken und nahmen einander das Wort vom Munde, so gut sie konnten, aber es war nicht das alte Haus, worüber sie sprachen, denn darauf konnten sie sich nicht besinnen. Es waren nun schon so viele Jahre darüber hingegangen, daß der kleine Knabe zu einem großen Manne herangewachsen war, ja, zu einem tüchtigen Mann, an dem seine Eltern Freude hatten. Er hatte sich eben verheiratet und war mit seiner kleinen Frau hier in das Haus gezogen, wo der Garten war. Und er stand dort bei ihr, während sie eine Feldblume pflanzte, die sie gar niedlich fand. Sie pflanzte sie mit ihrer kleinen Hand und klopfte die Erde mit den Fingern fest. -Au, was war das? Sie hatte sich gestochen. Da saß etwas Spitzes gerade oben auf der weichen Erde. Es war -ja denk nur. Es war der Zinnsoldat, er, der bei dem alten Mann da oben fortgekommen war, der inzwischen bei Zimmerholz und Schutt herumgebummelt, sich tüchtig getummelt und zuletzt viele Jahre lang in der Erde gelegen hatte.
Und die junge Frau wischte den Soldaten zuerst mit einem grünen Blatte, dann mit ihrem feinen Taschentuch ab; das hatte einen so lieblichen Duft. Und es war dem Zinnsoldaten, als erwache er aus einer Ohnmacht.
„Laß mich sehen!“ sagte der junge Mann, dann lachte er und schüttelte den Kopf. „Ja, er kann es wohl nicht gut sein, aber er erinnert mich an eine Geschichte mit einem Zinnsoldaten, die geschah, als ich noch ein kleiner Knabe war.“ Und dann erzählte er seiner Frau von dem alten Hause und dem alten Manne und dem Zinnsoldaten, den er ihm hinübergeschickt hatte, weil er so schrecklich allein war. Und er erzählte es ganz genau so, wie es wirklich gewesen war, so daß der jungen Frau Tränen in die Augen stiegen über das alte Haus und den alten Mann.
„Es kann doch sein, daß es derselbe Zinnsoldat ist!“ sagte sie. „Ich will ihn aufbewahren und alles behalten, was Du mir erzählt hast. Aber des alten Mannes Grab mußt Du mir zeigen!“
„Ja, das weiß ich nicht,“ sagte er, „und niemand weiß es. Alle seine Freunde waren tot, niemand kümmerte sich darum, und ich war ja ein kleiner Knabe.“
„Wie schrecklich allein muß er gewesen sein.“ sagte sie.
„Schrecklich allein!“ sagte der Zinnsoldat, „aber es ist herrlich, nicht vergessen zu sein.“
„Herrlich!“ rief etwas dicht daneben; aber niemand außer dem Zinnsoldaten sah, daß es ein Fetzen von dem schweinsledernen Bezuge war. Er war ohne alle Vergoldung und sah aus wie nasse Erde, aber eine Meinung hatte er, und die sprach er aus:
„Vergoldung vergeht, Aber Schweinsleder besteht.“ Doch das glaubte der Zinnsoldat nicht.

Hans Christian Andersen – Das Feuerzeug

Hans Christian Andersen

Das Feuerzeug

Es kam ein Soldat die Landstraße dahermarschiert: Eins, zwei! Eins, zwei! Er hatte seinen Tornister auf dem Rücken und einen Säbel an der Seite, denn er war im Kriege gewesen und wollte nun heim. Da traf er eine alte Hexe auf dem Wege. Sie war garstig, ihre Unterlippe hing ihr bis auf die Brust hinab. Sie sagte: »Guten Abend, Soldat! Was für einen schönen Säbel du hast und was für einen großen Tornister! Du bist ein richtiger Soldat! Nun sollst du soviel Geld bekommen, wie du haben willst!« »Schönen Dank, alte Hexe!« sagte der Soldat.
»Kannst du den großen Baum sehen?« sagte die Hexe, und zeigte auf einen Baum, der an der Seite stand. Er ist innen ganz hohl! Dort sollst du hinaufklettern bis zur Spitze; dann siehst du ein Loch, durch welches du dich hinabgleiten lassen und tief in den Baum hinunterkommen kannst! Ich werde dir einen Strick um den Leib binden, damit ich dich wieder heraufziehen kann, wenn du mich rufst!«
»Was soll ich denn unten im Baum?« fragte der Soldat.
»Geld holen!«. sagte die Hexe. »Du mußt wissen, wenn du auf dem Grund des Baumes ankommst, so bist du in einem großen Gange; da ist es ganz hell, denn es brennen über hundert Lampen dort. Dann siehst du drei Türen. Du kannst sie aufschließen, der Schlüssel steckt darin. Gehst du in die erste Kammer hinein, so siehst du mitten auf dem Fußboden eine große Kiste, auf der ein Hund sitzt; er hat ein paar Augen so groß wie ein paar Teetassen, doch darum sollst du dich nicht kümmern! Ich gebe dir meine blaugewürfelte Schürze, die kannst du auf dem Fußboden ausbreiten; geh dann rasch hin und nimm den Hund, setze ihn auf meine Schürze, schließ die Kiste auf und nimm soviel Geld wie du willst; es ist lauter Kupfer. Wenn du aber lieber Silber haben willst, mußt du in das nächste Zimmer geben; doch dort sitzt ein Hund, der hat ein Paar Augen, so groß wie ein Paar Mühlräder; aber darum brauchst du dich nicht kümmern, setz ihn auf meine Schürze und nimm dir von dem Gelde! Willst du hingegen Gold haben, so kannst du auch das bekommen, und zwar soviel, wie du tragen magst, wenn du in die dritte Kammer hineingehst. Aber der Hund, der hier auf der Geldkiste sitzt, der hat zwei Augen, jedes so groß, wie der Runde Turm in Kopenhagen. Das ist ein gewaltiger Hund, kannst du glauben! Aber darum sollst du dich gar nicht kümmern! Setze »Das ist gar nicht so dumm!« sagte der Soldat. »Aber was soll ich dir geben, du alte Hexe? Denn etwas willst du wohl auch haben, denke ich!«
»Nein«, sagte die Hexe, »nicht einen einzigen Schilling will ich haben! Für mich sollst du nur ein altes Feuerzeug nehmen, das meine Großmutter vergaß, als sie das letzte Mal unten war!«
»Na, dann leg mir den Strick um den Leib!« sagte der Soldat.
»Hier ist er«, sagte die Hexe, »und hier ist meine blaugewürfelte Schürze.«
So kletterte der Soldat nun den Baum hinauf, ließ sich durch das Loch hinuntergleiten und stand unten, wie die Hexe es gesagt hatte, in dem großen Gange, wo die vielen hundert Lampen brannten.
Nun schloß er die erste Tür auf. Uh! da saß der Hund mit den Augen, so groß wie Teetassen und glotzte ihn an.
»Du bist mir ja ein netter Kerl!« sagte der Soldat, setzte ihn auf die Schürze der Hexe und nahm so viel Kupferschillinge, wie in seine Taschen hineingehen wollten, schloß dann die Kiste, setzte den Hund wieder darauf und ging in das andere Zimmer. Hei! da saß der Hund mit den Augen so groß wie ein Paar Mühlräder.
»Du solltest mich nicht so lange ansehen!« sagte der Soldat, »Du könntest Augenschmerzen bekommen!« und dann setzte er den Hund auf die Schürze der Hexe. Doch als er das viele Silbergeld in der Kiste sah, warf er alles Kupfergeld fort, was er hatte und füllte seine Taschen und den Tornister mit dem lauteren Silber. Nun ging er in die dritte Kammer! Nein, war das scheußlich! Der Hund darin hatte wirklich zwei Augen so groß wie der Runde Turm und die rollten im Kopfe herum gerade wie Mühlräder!
»Guten Abend!« sagte der Soldat und griff an die Mütze, denn solch einen Hund hatte er niemals vorher gesehen; aber als er ihn ein Weilchen angesehen hatte, dachte er, nun genügt es eigentlich, hob ihn auf den Fußboden herunter und schloß die Kiste auf. Nein, Gott bewahre, was war das für eine Menge Gold, ganz Kopenhagen konnte er dafür kaufen und die Zuckerferkel der Kuchenfrauen, alle Zinnsoldaten, Peitschen und Schaukelpferde in der ganzen Welt! Ja, da war wirklich einmal Geld! – Nun warf der Soldat alle die Silberschillinge, mit denen er seine Taschen und den Tornister gefüllt hatte, fort und nahm Gold dafür. Ja, alle Taschen, der Tornister, die Mütze und die Stiefel wurden gefüllt, so daß er kaum laufen konnte. Nun hatte er Geld! Den Hund setzte er wieder auf die Kiste, »Hast du das Feuerzeug mit?« fragte die Hexe.
»Wahrhaftig!« sagte der Soldat, »das habe ich reinweg vergessen«, und er ging und nahm es. Die Hexe zog ihn herauf, und da stand er wieder auf der Landstraße mit seinen Taschen, Stiefeln, dem Tornister und der Mütze voll Geld.
»Was willst du eigentlich mit dem Feuerzeug?« fragte der Soldat.
»Das geht dich nichts an!« sagte die Hexe, »Du hast ja nun Geld bekommen, gib mir nur das Feuerzeug!«
»Schnickschnack!« sagte der Soldat, »willst du mir wohl gleich sagen, was du damit willst, oder ich ziehe meinen Säbel und haue dir den Kopf ab!«
»Nein!« sagte die Hexe.
Da schlug ihr der Soldat den Kopf ab. Nun lag sie da! Aber er band all sein Geld in ihre Schürze, nahm sie wie ein Bündel auf den Rücken, steckte das Feuerzeug in die Tasche und ging geradeaus in die Stadt.
Das war eine prächtige Stadt und in dem prächtigsten Wirtshaus kehrte er ein und verlangte die allerbesten Zimmer und seine Leibgerichte, denn nun war er reich, da er soviel Geld hatte. Dem Diener, der seine Stiefel putzen sollte, schienen es eigentlich recht jämmerliche, alte Stiefel zu sein, für einen so reichen Herrn, aber er hatte sich noch keine neuen gekauft; am nächsten Tage kaufte er sich Stiefel, mit denen er sich sehen lassen konnte, und die schönsten Kleider! Nun war der Soldat ein vornehmer Herr geworden, und man erzählte ihm von all den prächtigen Dingen in der Stadt, und von ihrem Könige und was seine Tochter für eine hübsche Prinzessin war.
»Wo kann man sie zu sehen bekommen?« fragte der Soldat.
»Man kann sie überhaupt nicht zu sehen bekommen!« sagte man ihm, »sie wohnt in einem großen kupfernen Schlosse mit vielen, vielen Mauern und Türmen herum! Niemand außer dem König darf aus – oder eingehen bei ihr, denn es ist geweissagt, daß sie sich mit einem ganz gewöhnlichen Soldaten verheiraten wird, und das kann der König nicht zugeben.«
»Ich möchte sie wohl sehen!« dachte der Soldat, aber dazu konnte er ja eben keine Erlaubnis bekommen.
Nun lebte er lustig darauf los, ging ins Theater, fuhr in des Königs Garten und gab den Armen viel Geld, und das war wohlgetan; er wußte noch aus alten Tagen, wie schlimm es war, nicht einen Schilling zu besitzen! – Er war nun reich, hatte schöne Kleider und bekam viele Freunde, die alle sagten, er wäre ein feiner Kerl, ein richtiger Kavalier und das konnte der Soldat wohl leiden. Aber da er jeden Tag Geld ausgab und nie etwas hereinbekam, so hatte er zuletzt nicht mehr als zwei Schillinge übrig und mußte aus den schönen Zimmern, wo er gewohnt hatte, fortziehen in eine winzig kleine Kammer hinein ganz oben unter dem Drache, mußte selbst seine Stiefel bürsten und sie mit einer Stopfnadel zusammennähen, und keiner von seinen Freunden kam zu ihm, denn es waren so viele Treppen zu steigen.
Es war ein ganz dunkler Abend, und er konnte sich nicht einmal ein Licht kaufen; aber da fiel ihm ein, daß in dem Feuerzeug, das er aus dem hohlen Baum mitgebracht hatte, in welchen ihm die Hexe hinuntergeholfen hatte, ein kleiner Lichtstumpf gewesen war. Er holte das Feuerzeug und den Stumpf hervor, aber eben, als er Feuer schlug und die Funken aus dem Stein stoben, sprang die Türe auf, und der Hund, der Augen hatte so groß wie ein paar Teetassen, und den er unten unter dem Baume gesehen hatte, stand vor ihm und sagte: »Was befiehlt mein Herr?«
»Was ist denn das!« sagte der Soldat, »das wäre ja ein lustiges Feuerzeug, wenn ich so bekommen kann, was ich haben will. Schaff mir etwas Geld!« sagte er zu dem Hund, und wupp, war der fort und wieder da und hielt einen großen Beutel voll Geld in seinem Maule.
Nun wußte der Soldat, was für ein prächtiges Feuerzeug das war. Schlug er einmal, so kam der Hund, der auf der Kiste mit Kupfergeld saß, schlug er zweimal, so kam der, der das Silbergeld hatte, und schlug er dreimal, so kam der, der das Gold hatte. Nun zog der Soldat wieder hinunter in die hübschen Zimmer und ging in den guten Kleidern einher, und da kannten ihn gleich alle seine Freunde wieder; sie hielten so sehr viel von ihm.
Da dachte er einst: Es ist doch merkwürdig, daß man die Prinzessin nicht zu sehen bekommen darf. Sie soll so wunderschön sein, sagen alle; aber was kann das helfen, wenn sie immer in dem großen Kupferschloß mit den vielen Türmen sitzen muß. – Kann ich sie denn gar nicht zu sehen bekommen? – Wo ist denn mein Feuerzeug und nun schlug er Feuer und wupp, kam der Hund mit den Augen, so groß wie Teetassen.
»Es ist freilich mitten in der Nacht,« sagte der Soldat, »aber ich möchte so herzlich gern die Prinzessin sehen, nur einen kleinen Augenblick!«
Der Hund war stracks aus der Tür und ehe der Soldat es gedacht, sah er ihn mit der Prinzessin wieder. Sie saß und schlief auf dem Rücken des Hundes und war so schön, daß jedermann sehen konnte, daß es eine Der Hund lief nun mit der Prinzessin wieder zurück, aber als am Morgen der König und die Königin Tee tranken, sagte die Prinzessin, sie habe heute Nacht einen so wunderlichen Traum geträumt von einem Hunde und einem Soldaten. Sie hätte auf dem Hunde geritten, und der Soldat hätte sie geküßt.
»Das wäre ja eine schöne Geschichte!« sagte die Königin.
Nun sollte eine von den alten Hofdamen die nächste Nacht am Bette der Prinzessin wachen, um zu sehen, ob es wirklich ein Traum war, oder was es sonst sein könnte.
Der Soldat hatte schreckliche Sehnsucht danach, die wunderschöne Prinzessin wiederzusehen, und so kam denn der Hund in der Nacht, nahm sie und lief was er konnte, doch die alte Hofdame zog Wasserstiefel an und lief ebenso schnell hinterdrein. Als sie nun sah, daß sie in einem großen Hause verschwanden, dachte sie: nun weiß ich, wo es ist, und malte mit einem Stück Kreide ein großes Kreuz auf die Tür. Dann ging sie nach Hause und legte sich wieder hin, und der Hund kam auch wieder mit der Prinzessin; als er aber sah, daß ein großes Kreuz auf die Tür gemalt war, wo der Soldat wohnte, nahm er auch ein Stück Kreide und machte Kreuze auf alle Türen in der ganzen Stadt, und das war klug getan, denn nun konnte ja die Hofdame nicht die richtige Tür finden, wenn an allen Kreuze waren.
Morgens früh kam der König und die Königin, die alte Hofdame und alle Offiziere, um zu sehen, wo die Prinzessin gewesen war.
»Da ist es!« sagte der König, als er die erste Tür mit einem Kreuze sah.
»Nein, dort ist es, mein lieber Mann!« sagte die Königin, als sie die zweite Tür mit dem Kreuze sah.
»Aber hier ist eins und dort ist auch eins,« riefen alle; wohin sie sahen, waren Kreuze auf den Türen. Da mußten sie einsehen, daß ihnen das Suchen nichts helfen würde.
Doch die Königin war eine sehr kluge Frau, die mehr konnte, als bloß in der Kutsche fahren. Sie nahm ihre große goldene Schere, schnitt ein großes Stück Seidenzeug in Stücke und nähte einen kleinen niedlichen Beutel; den füllte sie mit feiner Buchweizengrütze, band ihn der Prinzessin auf den Rücken und als das getan war, schnitt sie ein kleines Loch in den Beutel, so daß die Grütze den ganzen Weg bestreuen mußte, den die Prinzessin nahm. Der Hund merkte gar nicht, wie die Grütze den ganzen Weg entlang vom Schlosse bis zum Fenster des Soldaten streute, wo er die Mauer mit der Prinzessin hinauflief. Am Morgen konnten der König und die Königin genau sehen, wo ihre Tochter gewesen war, und da nahmen sie den Soldaten und warfen ihn in den Kerker.
Da saß er nun. Hu, wie dunkel und langweilig das war, und überdies sagte man zu ihm: »Morgen wirst du gehängt«. Das war nicht eben angenehm zu hören, und sein Feuerzeug hatte er zuhause im Wirtshause vergessen. Am Morgen konnte er durch die eisernen Stangen vor dem kleinen Fenster sehen, wie das Volk aus der Stadt eilte, um ihn hängen zu sehen. Er hörte die Trommeln und sah die Soldaten marschieren. Alle Leute waren unterwegs; da war auch ein Schusterjunge mit Schurzfell und Pantoffeln, der lief so im Galopp, daß sein einer Pantoffel abflog und gerade gegen die Mauer, wo der Soldat saß und zwischen den Eisenstangen herausguckte.
»He, Schusterjunge! Du brauchst nicht solche Eile zu haben. Es wird doch nichts daraus, ehe ich komme! Aber willst du nicht hinlaufen, wo ich gewohnt habe und mir mein Feuerzeug holen? Dann sollst du vier Schillinge haben! Aber du mußt Beine machen!« Der Schusterjunge wollte gern die vier Schillinge haben, lief pfeilgeschwind fort nach dem Feuerzeug, gab es dem Soldaten, und ja, nun werden wir hören!
Draußen vor der Stadt war ein großer Galgen gemauert. Rundum standen Soldaten und viele hunderttausend Menschen. Der König und die Königin saßen auf einem prächtigen Thron, den Richtern und dem ganzen Rate gegenüber.
Der Soldat stand schon oben auf der Leiter, aber als sie ihm den Strick um den Hals legen wollten, sagte er, daß doch stets einem armen Sünder, bevor er seine Strafe erleide, ein unschuldiger Wunsch gewährt werde. Er wolle so gern noch eine Pfeife Tabak rauchen, es sei ja die letzte Pfeife, die er in dieser Welt bekäme.
Das mochte der König nun nicht abschlagen, und so nahm der Soldat sein Feuerzeug und schlug Feuer, eins, zwei, drei! und alle Hunde standen da, der mit den Augen so groß wie Teetassen, der mit den Augen so groß wie ein Paar Mühlräder und der, der Augen hatte so groß wie der Runde Turm.
»Helft mir nun, daß ich nicht gehängt werde!« sagte der Soldat, und die Hunde fuhren auf die Richter und den ganzen Rat los, nahmen den einen »Ich will nicht!« sagte der König, aber der größte Hund nahm beide, ihn und die Königin, und warf sie allen anderen nach. Da erschraken die Soldaten, und alles Volk rief: »Lieber Soldat, du sollst unser König sein und die schöne Prinzessin haben!«
Dann setzten sie den Soldaten in des Königs Kutsche, und alle drei Hunde tanzten voran und riefen »Hurra!« und die Jungen pfiffen auf den Fingern, und die Soldaten präsentierten das Gewehr. Die Prinzessin kam aus dem kupfernen Schlosse heraus und wurde Königin, und das gefiel ihr ausgezeichnet! Die Hochzeit dauerte acht Tage, und die Hunde saßen mit am Tische und machten große Augen.