Gustav Schwab – Pandaros

admin am Okt 13th 2011


Gustav Schwab - Pandaros als PDF downloaden


Dienerin, ihr folgend, trug das unmündige Knäblein Astyanax, schön wie ein Gestirn,
an der Brust. Mit stillem Lächeln betrachtete der Vater den Knaben, Andromache
aber trat ihm unter Tränen zur Seite, drückte ihm zärtlich die Hand und sprach:
»Entsetzlicher Mann! gewiß tötet dich noch dein Mut, und du erbarmst dich weder
deines stammelnden Kindes noch deines unglückseligen Weibes, das du bald zur
Witwe machen wirst. Werde ich deiner beraubt, so wäre es das beste, ich sänke
in den Boden hinab. Den Vater hat mir Achill getötet, meine Mutter hat der Bogen
der Artemis erlegt, meine sieben Brüder hat auch der Pelide umgebracht, ohne
dich habe ich keinen Trost, Hektor: du bist mir Vater und Mutter und Bruder.
Darum erbarme dich, bleib hier auf dem Turm; mach dein Kind nicht zur Waise,
dein Weib nicht zur Witwe! Das Heer stelle dort an den Feigenhügel: dort steht
die Mauer dem Angriffe frei und ist am leichtesten zu ersteigen, dorthin haben
die tapfersten Krieger, die Ajax beide, Idomeneus, die Atriden und Diomedes
schon dreimal den Sturm gelenkt, sei es, daß ein Seher es ihnen offenbarte,
sei’s, daß das eigene Herz dieselben trieb!«

Liebreich antwortete Hektor seiner Gemahlin: »Auch mich härmt alles dieses,
Geliebteste; aber ich müßte mich vor Trojas Männern und Frauen schämen, wenn
ich, erschlafft wie ein Feiger, hier aus der Ferne zuschaute. Auch mein eigner
Mut erlaubt es mir nicht, er hat mich immer gelehrt, im Vorderkampfe zu streiten;
zwar das Herz weissagt es mir: der Tag wird kommen, wo die heilige Troja hinsinkt
und Priamos und all sein Volk; aber weder der Trojaner Leid noch der eigenen
Eltern und der leiblichen Brüder, wenn sie dann unter dem Schwert der Griechen
fallen, geht mir so zu Herzen wie das deine, wenn dich, die Weinende, ein Danaer
in die Knechtschaft führen wird und du dann zu Argos am Webestuhl sitzest oder
Wasser trägst, vom harten Zwang belastet, und dann wohl ein Mann, dich in Tränen
schauend, spricht: ›Das war Hektors Weib!‹ Decke mich der Grabhügel, ehe ich
von deinem Geschrei und deiner Entführung hören muß!« So sprach er und streckte
die Arme nach seinem Knäbchen aus; aber das Kind schmiegte sich schreiend an
den Busen der Amme, von der Zärtlichkeit des Vaters erschreckt und vor dem ehernen
Helm und dem fürchterlich flatternden Roßschweif erbangend. Der Vater schaute
das Kind und die Mutter lächelnd an, nahm sich schnell den schimmernden Helm
vom Haupte, legte ihn zu Boden, küßte sein geliebtes Söhnchen und wiegte es
auf dem Arm. Dann flehte er zum Himmel empor: »Zeus und ihr Götter! laßt dies
mein Knäblein werden wie mich selbst, voranstrebend dem Volk der Trojaner; laßt
es mächtig werden in Troja und die Stadt beherrschen, und dereinst sage man,
wenn es beutebeladen aus dem Streite heimkehrt: der ist noch weit tapferer als
sein Vater; und darüber soll sich seine Mutter herzlich freuen!« Mit diesen
Worten gab er den Sohn der Gattin in den Arm, die unter Tränen lächelnd ihn
an den Busen drückte. Hektor aber streichelte sie, inniger Wehmut voll, mit
der Hand und sagte: »Armes Weib, traure mir nicht zu sehr im Herzen, gegen das
Geschick wird mich niemand töten; dem Verhängnis aber ist noch kein Sterblicher
entronnen. Auf, geh du zur Spindel und zum Webestuhl und befiehl deinen Weibern!
Den Männern Trojas liegt die Sorge für den Krieg ob, am meisten aber mir!« Als
er dies gesagt, setzte sich Hektor den Helm auf und ging davon. Andromache schritt
dem Hause zu, indem sie wiederholt rückwärts blickte und herzliche Tränen weinte.
Als die Mägde in der Kammer sie erblickten, teilte sich ihnen allen ihr Gram
und ihre Betrübnis mit, und Hektor wurde bei lebendigem Leib in seinem Palast
betrauert.

Auch Paris hatte nicht gezaudert; in strahlenden Erzwaffen eilte er durch die
Stadt, wie ein stattliches Roß die Halfter zerreißt und nach dem Strombade rennt.
Er erreichte den Bruder, als dieser sich eben von seiner Gattin Andromache gewendet
hatte. »Nicht wahr«, rief ihm Paris von weitem zu, »ich habe dich, mein älterer
Bruder, durch mein Zaudern aufgehalten und bin nicht da zur rechten Zeit!« Aber
Hektor antwortete ihm freundlich: »Mein Guter, billig zu reden bist du ein tapferer
Streiter; nur säumst du oft gern und willst nicht, und sieh, da kränkt es mich
dann innig, wenn ich unter dem Trojanervolke, das so viel für dich erduldet,
schmähliche Reden über dich hören muß. Doch das wollen wir ein andermal ausmachen,
wenn wir die Griechen aus Troas verjagt haben und um den Krug der Freiheit im
Palaste sitzen!«

Hektor und Ajax im Zweikampf

Als die Göttin Athene vom Olymp herab die beiden Brüder so zum Kampfe hineilen
sah, flog sie stürmisch hinunter zur Stadt Troja. An des Zeus Buche begegnete
ihr Apollo, der von der Zinne der Burg, von wo er die Schlacht der Trojaner
lenkte, daherkam und seine Schwester anredete: »Welch ein heftiger Eifer treibt
dich vom Olymp herunter, Pallas? Bist du noch immer auf den Fall der Trojaner
bedacht, Erbarmungslose? Wolltest du mir doch gehorchen und für heute den Entscheidungskampf
ruhen lassen! Ein andermal mögen sie die Feldschlacht erneuern, weil ihr, du
und Hera, doch nicht ruhet, bis ihr die hohe Stadt Troja verwüstet habt!« Ihm
antwortete Athene: »Fernhintreffer, es sei, wie du sagst; und in derselben Absicht
bin ich auch vom Olymp herabgekommen. Aber sage mir, wie gedenkst du den Männerkampf


Tags: ,

Geschrieben in Erzählungen, Sagen | Kein Kommentar bis jetzt