Gustav Schwab – Pandaros
admin am Okt 13th 2011
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Diesmal laß uns zu Wagen entfliehen; dein Wüten dürfte dir nichts nützen gegen
diese!«
Aber Diomedes blickte finster und erwiderte ihm: »Sage mir nichts von Furcht!
Es liegt nicht in meiner Art, vor einem Kampfe zurückzubeben oder mich zu schmiegen.
Meine Kraft ist noch nicht erschöpft; es verdrösse mich, untätig im Wagen stehen
zu müssen. Nein, wie ich hier zu Fuße bin, will ich ihnen entgegenwandeln. Gelingt
es mir, sie beide zu töten, so hemme du unsre Pferde, den Zaum am Sesselrand
befestigend, und führe mir die Rosse des Äneas als Beute zu den Schiffen!« Indem
flog die Lanze des Pandaros dem Tydiden entgegen, durchfuhr den Schild und prallte
vom Panzer ab. »Nicht getroffen, gefehlt!« rief Diomedes dem jauchzenden Trojaner
entgegen, und sein die Luft im Bogen durchsausender Speer fuhr dem Gegner unter
dem Auge in den Kiefer, durch die Zähne und Zunge hindurch, daß die Spitze am
Unterkinn wieder herauskam. Pandaros stürzte rasselnd vom Wagen und zuckte sterbend
in der glänzenden Rüstung auf dem Boden. Seine Rosse rannten flüchtig auf die
Seite; Äneas aber sprang herab und umwandelte den Leichnam wie ein trotziger
Löwe, Schild und Speer vorstreckend und jeden zu erschlagen bereit, der ihn
antasten würde. Jetzt ergriff Diomedes einen Feldstein, wie ihn zwei gewöhnliche
Männer nicht aufheben konnten. Mit diesem traf er den Sohn des Anchises am Hüftgelenk,
zermalmte dieses und zerriß ihm die Sehnen, daß der Held, die Rechte gegen den
Boden stemmend, ins Knie sank und ihm die Sinne vergingen; und er wäre gestorben,
wenn nicht Aphrodite ihren trauten Sohn mit den Lilienarmen umschlungen, ihn
mit den Falten ihres silberhellen Gewandes umhüllt und aus der Schlacht getragen
hätte. Sthenelos hatte inzwischen Wagen und Rosse des Äneas, dem Befehle seines
Freundes folgsam, zu den Schiffen geführt und war auf dem eigenen Wagen bald
wieder an der Seite des Tydiden angekommen. Dieser hatte mit seinen von Athene
geöffneten Augen die Göttin Aphrodite erkannt, durch das Schlachtgetümmel verfolgt
und mit ihrer Beute erreicht. Der Held stieß mit der Lanze nach ihr, und sein
Speer drang durch die ambrosische Haut in die Handwurzel, daß ihr unsterbliches
Blut zu rinnen begann. Die verwundete Göttin schrie laut auf und ließ den Sohn
zur Erde sinken. Dann eilte sie ihrem Bruder Ares zu, den sie zur Linken der
Schlacht, Wagen und Rosse in Nacht gehüllt, sitzen fand. »O Bruder«, rief sie
flehend, »schaff mich weg, gib mir die Rosse, daß ich zum Olymp entkomme; mich
schmerzt meine Wunde; Diomedes, der Sterbliche, hat mich verwundet: er wäre
imstande, selbst mit unserem Vater Zeus zu kämpfen.« Ares überließ ihr den Wagen,
und Aphrodite, auf der Höhe des Olymps angekommen, warf sich weinend in die
Arme ihrer Mutter Dione und wurde von ihr unter schmeichelnden Trostworten vor
den Göttervater geleitet, der sie lächelnd empfing und ihr entgegenrief: »Drum
wurden dir nicht die Werke des Krieges verliehen, mein liebes Töchterchen; ordne
du Hochzeiten und laß die Schlachten den Kriegsgott besorgen!« Ihre Schwester
Pallas und Hera aber sahen sie spöttisch von der Seite an und sprachen stichelnd:
»Was wird es sein? Wahrscheinlich hat die schöne falsche Griechin unsere Schwester
nach Troja gelockt, da wird sie Helenas Gewand gestreichelt und sich mit einer
Spange geritzt haben!«.
Drunten auf dem Schlachtfeld hatte sich Diomedes auf den liegenden Äneas geworfen
und holte dreimal aus, ihm den Todesstreich zu versetzen; aber dreimal hielt
der zornige Gott Apollo, der nach der Schwester Verwundung herbeigeeilt war,
ihm den Schild vor; und als jener das viertemal anstürmte, drohte er ihm mit
schrecklicher Stimme: »Sterblicher, wage nicht, mit den Göttern dich zu messen!«
Scheu und mit zauderndem Schritt entwich Diomedes. Apollo aber trug den Äneas
aus dem Schlachtgewühl in seinen Tempel nach Troja, wo Leto, seine Mutter, und
Artemis, seine Schwester, ihn in ihre Pflege nahmen. Auf dem Boden, wo der Held
gelegen, schuf er sein Scheinbild, um das sich nun Trojaner und Griechen mit
wilden Schlägen und Stößen zankten. Dann ermahnte Apollo den Ares, daß er den
frechen Tydiden, der die Götter selbst bekämpfe, aus der Schlacht zu entfernen
strebe. Und der Kriegsgott, in der Gestalt des Thrakiers Akamas, mischte sich
im Getümmel unter die Söhne des Priamos und schalt sie: »Wie lange gönnet ihr
den Griechen das Morden, ihr Fürsten? Wollt ihr warten, bis um die Tore eurer
Stadt selbst gekämpft wird? Wißt ihr nicht, daß Äneas auf dem Boden liegt? Auf
und retten wir den edlen Genossen aus der Hand der Feinde!« So erregte Ares
die Herzen der Trojaner. Sarpedon, der Fürst der Lykier, näherte sich dem Hektor
und sprach zu ihm: »Hektor, wohin ist dir dein Mut geschwunden? Rühmtest du
dich doch jüngst, selbst ohne Verbündete, ohne Heeresmacht, mit deinen leiblichen
Brüdern und Schwägern allein wolltest du Troja schirmen; nun aber sehe ich ihrer
keinen in der Schlacht, sie schmiegen sich alle wie die Hunde vor dem Löwen,
und wir Bundesgenossen allein müssen den Kampf aufrechterhalten!« Hektor fühlte
den Vorwurf tief im Herzen, er sprang vom Wagen, schwenkte die Lanze, durchwandelte
ermahnend alle Heldengeschwader und erweckte den tobenden Streit aufs neue.
Seine Brüder und alle Trojaner kehrten die Stirne dem Feinde wieder zu. Auch
den Äneas, mit Gesundheit und Kraft erfüllt, sandte Apollo wieder in den Kampf,
daß er sich plötzlich unverletzt den Seinigen wieder zugesellte. Alle freuten
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