Gustav Schwab – Pandaros
admin am Okt 13th 2011
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Ajax, der hurtige Lokrer, dessen Augenblick jetzt gekommen war.
Hektor von Apollo gekräftigt
Erst bei ihren Wagen machten die Trojaner wieder halt, erschrocken und bleich
vor Angst. Jetzt aber erwachte Zeus auf dem Gipfel des Ida und erhob sein Haupt
aus Heras Schoße. Schnell sprang er empor und überschaute mit einem Blicke Griechen
und Trojaner, diese in die Flucht getrieben, jene stürmisch verfolgend; mitten
in ihren Reihen seinen Bruder Poseidon; er sah Hektorn auf dem Wege zur Stadt
mitten im Felde aus dem Wagen gehoben zu Boden liegen, die Genossen um ihn her;
schwer atmete der Bewußtlose und spie Blut, denn kein Schwächerer hatte ihn
getroffen. Voll Mitleid ruhte der Blick des Vaters der Götter und Menschen auf
ihm; dann wandte er sich drohend zu Hera, sein Angesicht verfinsterte sich,
und er sprach: »Arglistige Betrügerin, was hast du getan? Fürchtest du nicht,
die erste Frucht deines Frevels selbst zu genießen? Denkst du nicht mehr daran,
wie du, die Füße an zwei Ambosse gehängt, die Hände mit goldner Fessel geschürzt,
zur Strafe in der Luft schwebtest und kein Olympischer dir zu nahen wagte, ohne
von mir auf die Erde geschleudert zu werden, damals, als du die Götter des Orkans
gegen meinen Sohn Herakles aufgewiegelt? Verlangt dich darnach zum zweiten Male?«
Hera stutzte eine Weile schweigend, dann sprach sie: »Himmel und Erde und die
Flut des Styx sollen meine Zeugen sein, daß nicht mein Geheiß den Erderschütterer
gegen die Trojaner aufgehetzt hat; ihn wird die eigne Regung getrieben haben.
Ja eher möchte ich ihm selbst freundlich zureden, daß er deinem Befehle, du
wolkig Blickender, sich füge.« Des Zeus Stirne wurde heiterer; denn noch immer
wirkte der Gürtel Aphrodites, den Hera bei sich trug. Endlich sprach er besänftigt:
»Hegtest du im Rate der Unsterblichen gleiche Gesinnung mit mir, Gemahlin, so
würde freilich Poseidon seinen Sinn bald nach unser beider Herzen umlenken.
Wenn es dir aber ernst ist, so geh und rufe mir Iris und Apollo herbei, daß
jene meinem Bruder befehle, aus dem Kampf zum Palaste heimzukehren, und Phöbos
Apollo den Hektor heile, zur Schlacht aufmuntere und mit neuer Kraft beseele!«
Mit erschrockenem Antlitze gehorchte Hera und trat in den olympischen Saal ein,
wo die Unsterblichen zechten. Diese sprangen ehrerbietig von den Sitzen empor
und streckten ihr die Becher entgegen. Sie aber ergriff den Becher der Themis,
schlürfte vom Nektar und meldete des Zeus Machtgebot. Windschnell fuhr Iris
hinab auf das Schlachtfeld. Als Poseidon den Befehl seines Bruders aus ihrem
Munde vernahm, sprach er zuerst unmutsvoll: »Traun, das ist nicht brüderlich
gesprochen! Auch soll er nicht mit Gewalt meinen Willen hemmen, denn ich bin,
was er ist. Hat gleich das Los um die Herrschaft mir nur das graue Meer zugeteilt,
dem Pluto die Hölle und ihm den Himmel: die Erde wie der Olymp ist uns allen
gemein!« »Soll ich diese trotzige Rede, so wie du sie gesprochen, dem Göttervater
überbringen?« fragte Iris zögernd. Da besann sich der Gott, und das Heer der
Danaer verlassend, rief er: »Nun wohl, ich gehe! Das aber wisse Zeus: trennt
er sich von mir und den andern olympischen Freunden der Griechen und beschließt
Trojas Vertilgung nicht, so entflammt uns unheilbarer Zorn!« So sprach er, in
die Fluten tauchend; und Augenblicks vermißten die Danaer seine Gegenwart.
Seinen Sohn Phöbos Apollo sandte dagegen Zeus zu Hektor vom Olymp hinab. Dieser
fand ihn nicht mehr liegend auf dem Boden, sondern schon wieder aufgerichtet
und von Zeus gestärkt. Der Angstschweiß hatte nachgelassen; der Atem war leichter;
ihn erfrischte wiederkehrendes Leben. Als Apollo sich ihm mitleidig näherte,
blickte er traurig auf und sprach: »Wer bist du, Bester der Himmlischen, der
nach mir fragt? Hast du es schon gehört, daß der gewaltige Ajax mich bei den
Schiffen mit einem Stein an die Brust getroffen und mitten im Siege gehemmt
hat? Glaubte ich doch, noch an diesem Tage den schwarzen Hades schauen zu müssen!«
»Sei getrost«, antwortete ihm Apollo, »Siehe, mich selbst, seinen Sohn Phöbos,
sendet dir Zeus, dich ferner, wie ich wohl auch von selbst früher getan habe,
von nun an auf sein Geheiß zu schirmen, und ich werde das goldene Schwert, das
du in meinen Händen siehest, für dich schwingen. Besteige deinen Wagen wieder:
ich selbst eile voran, ebne euren Rossen den Weg und helfe dir die Griechen
in die Flucht jagen!«
Kaum hatte Hektor die Stimme des Gottes vernommen, so sprang er, wie ein mutiges
Roß das Halfter an der Krippe zerreißt, vom Boden auf und schwang sich in seinen
Wagen. Die Griechen aber, als sie den Helden herbeifliegen sahen, standen starr
und ließen plötzlich von der Verfolgung ab, wie Jäger und Hunde, die einem Hirsch
ins Waldesdickicht nachfolgen, vor einem zottigen Löwen erschrecken, der ihnen
plötzlich drohend in den Weg kommt. Der erste, der Hektors ansichtig geworden,
war der Ätolier Thoas, ein beredter Mann, der sogleich die Fürsten der Griechen,
in deren Mitte er kämpfte, aufmerksam machte und ausrief: »Wehe mir, welch Wunder
erblicke ich mit meinen Augen dort! Hektor, den wir alle unter dem Steinwurfe
des Telamoniers stürzen sahen, kommt aufrecht auf dem Wagen heran, freudigen
Mutes dem Vorkampfe zueilend; gewiß, ihm steht Zeus der Donnerer zur Seite!
So gehorchet denn meinem Rate: heißt die Masse des Heeres sich auf die Schiffe
zurückziehen; wir aber, die Tapfersten im Heere, wollen ihm mit Abwehr begegnen;
Tags: Sagen, Schwab
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