Gustav Schwab - Pandaros

admin am Mrz 29th 2008

erschrak. Er hatte schon einmal auf Heras Befehl den Sinn des Gottes betäubt,
als Herakles von dem verwüsteten Troja heimfuhr und Hera, seine Feindin, ihn
auf die Insel Kos verschlagen wollte. Damals hatte Zeus, als er erwachend den
Betrug innewurde, die Götter im Saale herumgeschleudert, und den Schlaf selbst
hätte er vertilgt, wenn er nicht in die Arme der Nacht geflüchtet wäre, die
Götter und Menschen bändigt. Daran erinnerte jetzt der Schlafgott erschrocken
die Gemahlin des Zeus, doch diese beruhigte ihn und sprach: »Was denkst du,
Schlaf! Meinst du, Zeus verteidige die Trojaner so eifrig, als er seinen Sohn
Herakles liebte? Sei klug und willfahre mir: tust du es, so will ich dir der
Charitinnen jüngste und schönste zur Gemahlin geben.« Der Gott des Schlummers
ließ sie mit einem Schwure beim Styx dies Versprechen bekräftigen und versprach,
ihr zu gehorchen.

Nun bestieg Hera im Glanze ihrer Schönheit den Gipfel des Ida, und Inbrunst
erfüllte das Herz ihres Gemahls, als er sie erblickte, so daß er auf der Stelle
des Trojanerkampfs vergaß. »Wie kommst du hierher vom Olymp«, sprach er, »wo
hast du Rosse und Wagen gelassen, liebes Weib?« Mit listigem Sinn erwiderte
ihm Hera: »Väterchen, ich will ans Ende der Erde gehen, den Okeanos und die
Tethys, meine Pflegeeltern, zu versöhnen.« »Hegst du denn ewige Feindschaft
gegen mich?« antwortete Zeus, »diese Ausfahrt kannst du auch später betreiben.
Laß uns hier sanft gelagert und einmütig an dem Kampfe der Völker uns ergötzen.«
Als Hera dies Wort hörte, erschrak sie; denn sie sah, daß selbst ihre Schönheit
und der Zaubergürtel Aphrodites dem Gemahl die Sorge für den Kampf und den Groll
gegen die Griechen nicht ganz aus dem Herzen zu scheuchen vermochten. Doch verhehlte
sie ihren Schrecken, umschlang ihn freundlich und sprach, seine Wange streichelnd:
»Väterchen, ich will ja deinen Willen tun.« Zugleich aber winkte sie dem Schlaf,
der ihr unsichtbar gefolgt war und ihres Befehles gewärtig hinter des Göttervaters
Rücken stand. Dieser senkte sich auf seine Augenlider, daß Zeus, ohne zu antworten,
sein nickendes Haupt in den Schoß der Gemahlin legte und in tiefen Schlummer
versank. Eilig schickte jetzt die Himmlische den Gott des Schlafs als Boten
nach den Schiffen zu Poseidon und ließ dem Bruder sagen: »Jetzt laß dir’s Ernst
sein und verleih den Griechen Ruhm; denn Zeus liegt auf dem Gipfel des Ida durch
meine Betörung in tiefen Schlaf gesunken!«

Schnell stürzte sich Poseidon jetzt ins vorderste Getümmel und rief in eines
Helden Gestalt dem Danaervolke zu: »Wollen wir dem Hektor auch jetzt noch den
Sieg lassen, ihr Männer, daß er die Schiffe erobere und Ruhm einernte? Zwar
ich weiß, er verläßt sich auf den Zorn des Achill, aber es wäre eine Schmach
für uns, wenn wir ohne diesen nicht zu siegen vermochten! Ergreifet eure gewaltigsten
Schilde, hüllt euch in die strahlendsten Helme, schwinget die mächtigsten Lanzen,
wir wollen gehen, und ich selbst voraus vor euch allen; wir wollen sehen, ob
Hektor vor uns besteht!« Die Krieger gehorchten der gewaltigen Stimme des mächtigen
Streiters, die verwundeten Fürsten selbst ordneten die Schlacht, verteilten
den Männern Waffen, gaben dem Starken starke, den Schwächeren schwache. Dann
drang alles vor: der Erderschütterer selbst, ein entsetzliches Schwert wie einen
flammenden Blitz in der Rechten schwingend, war ihr Führer. Ihm wich alles aus,
und niemand wagte ihm im Kampfe zu begegnen. Zugleich empörte er das Meer, daß
es wogend an die Schiffe und Zelte der Danaer anschlug.

Doch ließ sich Hektor durch dieses alles nicht schrecken. Er stürzte mit seinen
Trojanern in die Schlacht, wie ein Waldbrand mit sausenden Flammen durch ein
gekrümmtes Bergtal prasselt; und ein erneuter Kampf entspann sich zwischen beiden
Heeren. Zuerst zielte Hektor auf den großen Ajax mit der Lanze und traf gut;
aber Schild- und Schwertriemen, die sich ihm über den Busen kreuzten, beschirmten
den Leib, und Hektor, des Speeres verlustig, wich unwillig in die Reihen der
Seinigen zurück. Ajax schickte dem Weichenden einen Stein nach, daß er in den
Staub stürzte, Lanze, Schild und Helm ihm entflog und das Erz der Rüstung klirrte.
Die Griechen jauchzten, ein Hagel von Speeren folgte, und sie hofften den Liegenden
wegzuziehen. Aber die ersten Helden der Trojaner vergaßen seiner nicht: Äneas,
Polydamas, der edle Agenor, der Lykier Sarpedon und sein Genosse Glaukos, alle
hielten die Schilde zur Abwehr vor, erhuben den Betäubten und brachten ihn ungefährdet
auf den Streitwagen, der ihn zur Stadt zurückführte.

Als sie den Hektor fliehen sahen, rannten die Griechen noch viel heftiger auf
den Feind ein. Um Ajax erhub sich ein Getümmel; denn nach allen Seiten hin traf
sein Wurfspieß und seine Lanze. Doch schmerzte auch die Griechen hier und dort
ein in ihrer Mitte fallender Held. Den Sturz des Danaers Prothoënor, den Polydamas
erlegt hatte, mußte dem Ajax der Sohn des Antenor, Archilochos, büßen; den Böotier
Promachos, den der Bruder des Archilochos, Akamas, mit dem Speere niedergestochen,
rächte der Grieche Peneleus am Ilioneus; Ajax stieß den Hyrtios nieder; Antilochos
den Mermeros und Phalkes; Meriones den Hippotion und Morys; Teucers Pfeil brachte
den Prothoon und Periphetes zu Falle; Agememnon durchstach dem Hyperenor die
Weiche; am allermeisten aber wütete unter den Trojanern, die schon draußen vor
der Mauer über den Graben und durch die Pfähle zu fliehen begannen, der kleine

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