Gustav Schwab - Pandaros
admin am Mrz 29th 2008
in diesem Ereignis ein Zeichen des Zeus erkannten. »Laß uns nicht weitergehen«,
rief Polydamas, der Sohn des Panthoos, seinem Busenfreunde, dem Hektor, erschrocken
zu, »es könnte uns ergehen wie dem Adler, der seinen Raub nicht heimbrachte.«
Aber Hektor erwiderte finster: »Was kümmern mich die Vögel, ob sie rechts oder
links daherfliegen; ich verlasse mich auf des Zeus Ratschluß! Ich kenne nur
ein Wahrzeichen: es heißt Rettung des Vaterlandes! Warum zitterst denn du vor
dem Kampfe? Sänken wir auch alle an den Schiffen darnieder, dir droht kein Todesschrecken,
denn du hast kein Herz, in der Feldschlacht auszuhalten; doch wisse, wo du dich
dem Kampf entziehest, so fällst du, von meiner eigenen Lanze durchbohrt!« So
sprach Hektor und ging voran, und alle andern folgten ihm unter gräßlichem Geschrei.
Zeus aber schickte einen ungeheuren Sturmwind vom Idagebirge herab, der den
Staub zu den Schiffen hinüberwirbelte, daß den Griechen der Mut entsank, die
Trojaner aber, dem Winke des Donnergottes und der eigenen Kraft vertrauend,
die große Verschanzung der Danaer zu durchbrechen sich anschickten, indem sie
die Zinnen der Türme herabrissen, an der Brustwehr rüttelten und die hervorragenden
Pfeiler des Walles mit Hebeln umzuwühlen begannen.
Aber die Danaer wichen nicht von der Stelle; wie ein Zaun standen sie mit ihren
Schilden auf der Brustwehr und begrüßten die Mauerstürmer mit Steinen und Geschossen.
Die beiden Ajax machten die Runde auf der Mauer und ermahnten das Streitvolk
auf den Türmen, die Tapferen freundlich, die Nachlässigen mit strengen Drohworten.
Inzwischen flogen die Steine hin und her wie Schneeflocken; doch hätte Hektor
mit seinen Trojanern den mächtigen Riegel an der Wallpforte noch immer nicht
durchbrochen, wenn nicht Zeus seinen Sohn Sarpedon, den Lykier mit dem goldgeränderten
Schilde, wie einen heißhungrigen Berglöwen gegen die Feinde gereizt hätte, daß
er schnell zu seinem Genossen Glaukos sprach: »Was ist es, Freund, daß man uns
im Lykiervolke mit Ehrensitz und gefüllten Bechern beim Gastmahle wie die Götter
ehrt, wenn wir in der brennenden Schlacht nicht auch uns im Vorkampfe zeigen?
Auf, entweder wollen wir den eigenen Ruhm oder durch unsern Tod den Ruhm anderer
verherrlichen!« Glaukos vernahm es nicht träge, und beide stürmten mit ihren
Lykiern in gerader Richtung voran. Menestheus, von seinem Turme herab, stutzte,
als er sie so wütend herannahen und sich und die Seinigen dem Verderben ausgesetzt
sah. Ängstlich schaute er sich nach der Unterstützung anderer Helden um: wohl
sah er in der Ferne die beiden Ajax, unersättlich im Kampfe, dastehen und noch
näher den Teucer, der eben von den Zelten zurückkam; doch hallte sein Hilferuf
nicht so weit, er prallte an Helmen und Schilden ab, und das Getöse der Schlacht
verschlang ihn. Deswegen schickte er den Herold Thootes zu den beiden Ajax hinüber
und bat den Telamonier durch ihn, samt seinem Bruder Teucer, wenn sie beide
dies könnten, ihm aus der Bedrängnis zu helfen. Der große Ajax war nicht säumig,
er eilte mit seinem Bruder Teucer und Pandion, der dessen Bogen trug, der Mauer
entlang, von innen dem Turme zu. Sie kamen bei Menestheus an, als eben die Lykier
an der Brustwehr emporzuklimmen anfingen. Ajax brach sogleich einen scharfgezackten
Marmorstein zuoberst aus der Brustwehr und zerknirschte damit dem Epikles, einem
Freunde des Sarpedon, Helm und Haupt, daß er wie ein Taucher von dem Turme herabschoß.
Teucer aber verwundete den Glaukos am entblößten Arme, während er eben den Wall
hinanstieg. Dieser sprang ganz geheim von der Mauer, um nicht von den Griechen
erblickt und mit seiner Wunde gehöhnt zu werden. Mit Schmerzen sah Sarpedon
seinen Bruder aus der Schlacht scheiden; er selbst aber klomm aufwärts, durchstach
den Alkmaon, den Sohn Thestors, mit der Lanze, daß dieser der wieder herausgezogenen
taumelnd folgte, faßte dann mit aller Gewalt die Brustwehr, daß sie von seinem
Stoß zusammenstürzte und die Mauer, entblößt, für viele einen Zugang gewährte.
Doch Ajax und Teucer begegneten dem Stürmenden; der letztere traf ihn mit einem
Pfeil in den Schildriemen; Ajax durchstach dem Anlaufenden den Schild: die Lanze
durchdrang ihn schmetternd, und einen Augenblick wich Sarpedon von der Brustwehr
hinweg. Doch ermannte er sich bald wieder, und gegen die Schar seiner Lykier
sich umdrehend, rief er laut: »Lykier, vergesset ihr des Sturmes? Mir allein,
und wäre ich der Tapferste, ist es unmöglich, durchzubrechen! Nur wenn wir zusammenhalten,
können wir uns die Bahn zu den Schiffen öffnen!« Die Lykier drängten sich um
ihren scheltenden König und stürmten rascher empor; aber auch die Danaer von
innen verdoppelten ihren Widerstand, und so standen sie, nur durch die Brustwehr
getrennt und über sie hin wild aufeinander loshauend, wie zwei Bauern auf der
Grenzscheide stehen und miteinander darum hadern. Rechts und links von den Türmen
und der Brustwehr rieselte das Blut hinab. Lange stand die Waage der Schlacht
schwebend, bis endlich Zeus dem Hektor die Oberhand gab, daß er zuerst an das
Tor der Mauer vordrang und die Genossen teils ihm folgten, teils zu seinen beiden
Seiten über die Zinnen kletterten. Am verschlossenen Tore, dessen Doppelflügel
zwei sich begegnende Riegel von innen zusammenhielten, stand ein dicker, oben
zugespitzter Feldstein. Diesen riß Hektor mit übermenschlicher Gewalt aus dem
Boden und zerschmetterte damit die Angeln und die Bohlen, daß die mächtigen
Riegel nicht mehr standhielten, das Tor dumpf aufkrachte und der Stein schwer
hineinfiel. Furchtbar anzuschauen wie die Wetternacht, im schrecklichen Glanze
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