Gustav Schwab - Pandaros

admin am Mrz 29th 2008

So geschah es. Die Fürsten schmausten bei Agamemnon getrösteteren Muts, und
nach dem Mahle sprach Nestor wieder in der Versammlung: »Agamemnon, du weißt,
was seit dem Tage geschehen ist, an welchem du dem zürnenden Peliden die schöne
Tochter des Brises aus den Zelten raubtest, wider unsern Sinn; denn ich habe
dich mit großem Ernst abgemahnt. Jetzt ist es Zeit, darauf zu sinnen, wie wir
das Herz des Gekränkten zur Versöhnung bewegen mögen.« »Du hast recht, o Greis«,
antwortete Agamemnon, »ich habe gefehlt und leugne es nicht. Auch will ich es
gerne gutmachen und dem Beleidigten unendliche Sühnung bieten: zehn Talente
Goldes, sieben Dreifüße, zwanzig Becken, zwölf Rosse, sieben blühende lesbische
Weiber, die ich selbst erobert, endlich die liebliche Jungfrau Brisëis selbst,
die ich, obgleich ich sie dem Achill entrissen, doch immer in Ehren gehalten
habe, wie ich mit heiligem Eide beschwören kann. Erobern wir dann Troja und
teilen den Siegesraub, so will ich ihm selbst sein Schiff mit Erz und Gold vollfüllen,
und er mag sich zwanzig Trojanerinnen, die schönsten nach Helena, zur Beute
heraussuchen. Kommen wir nach Argos heim, so soll er sich eine von meinen Töchtern
zur Gattin erwählen; er wird mir ein lieber Eidam sein, und meinen eigenen einzigen
Sohn Orestes will ich nicht höher halten. Sieben Städte werde ich ihm zum Brautschatz
geben. Solches alles will ich tun, sobald er von seinem Zorn abläßt.«

»Fürwahr«, antwortete ihm Nestor, »du bietest dem Fürsten Achill keine verächtlichen
Gaben. Senden wir denn auf der Stelle auserlesene Männer, Phönix als Führer,
dann den großen Ajax und den edlen Odysseus und mit ihnen die Herolde Hodios
und Eurybates, zu den Zelten des zürnenden Helden.«

Nach einem feierlichen Trankopfer verließen wirklich die von Nestor ausgewählten
Fürsten die Versammlung und gelangten in kurzem zu den Schiffen der Myrmidonen.
Hier fanden sie den Achill, wie er auf der schönen gewölbten Leier mit silbernem
Stege, einer Beute aus Eëtions Stadt, sein Herz erlabend spielte und Siegestaten
der Helden dazu sang. Ihm gegenüber saß sein Freund Patroklos und harrte schweigend,
bis jener den Gesang beendigt hätte. Als der Pelide die Abgesandten, Odysseus
an der Spitze, kommen sah, erhub er sich staunend von seinem Sitze, die Leier
in der Hand behaltend. Auch Patroklos stand auf, sobald er ihrer ansichtig wurde;
beide gingen ihnen entgegen, und Achill faßte den Phönix und den Odysseus bei
den Händen und rief »Freude sei mit euch, ihr Teuren! Zwar führt euch gewiß
irgendeine Not zu mir her; doch ich liebe euch so sehr vor allen Griechen, daß
ihr auch dem Zürnenden willkommen seid. « Schnell brachte jetzt Patroklos einen
großen Krug Weines herbei. Achill selbst steckte den Rücken einer Ziege und
eines Schafes und das Schulterblatt eines Mastschweins an den Spieß und briet
alles mit Hilfe seines Gefährten Automedon. Nachdem sie sich nun, um das Mahl
gelagert, an Speise und Trank gelabt hatten, winkte Ajax dem Phönix; Odysseus
aber kam diesem zuvor, füllte den Becher mit Wein und trank dem Peliden mit
einem Handschlage zu; dann begann er: »Heil dir, Pelide, deinem Schmaus gebricht
es nicht an Fülle; aber nicht das liebliche Mahl ist’s, wonach uns verlangt,
sondern unser großes Unglück führt uns zu dir. Denn jetzt gilt es unsere Rettung
oder unsern Untergang, je nachdem du mit uns gehest oder nicht. Die Trojaner
bedrohen den Steinwall und unsere Schiffe; Hektor, die Augen voll Mordlust,
wütet, auf Zeus vertrauend. Erhebe dich denn, die Griechen wenn auch spät, zu
befreien; bändige den Stolz deines Herzens; glaube mir, freundlicher Sinn ist
besser als verderblicher Zank. Hat dir doch dein Vater Peleus selbst solche
Ermahnungen mit auf den Zug gegeben!« Dann zählte ihm Odysseus alle die herrlichen
Gaben auf, die Agamemnon ihm zur Sühne anbieten ließ und noch weiter versprach.

Aber Achill erwiderte: »Edler Sohn des Laërtes, ich muß deine schöne Rede von
der Brust weg mit Nein beantworten. Agamemnon ist mir verhaßt wie die Pforte
des Hades, und weder er noch die Griechen werden mich bereden, wieder in ihren
Reihen zu kämpfen; denn wann habe ich einen Dank für meine Heldenarbeit davongetragen?
Wie eine Mutter den nackten Vögelchen den gefundenen Bissen darbringt, auch
wenn sie selbst hungert, so habe ich unruhige Nächte und blutige Tage genug
zugebracht, um jenen Undankbaren ein Weib zu erobern, und was ich erbeutet hatte,
brachte ich dem Atriden zur Gabe dar; er aber nahm die Schätze, behielt das
meiste und verteilte davon nur weniges; mir selbst hat er auch die lieblichste
Beute entrissen. Darum will ich morgen schon Zeus und den Göttern opfern; noch
im Morgenrote sollen meine Schiffe im Hellespont schwimmen, und in dreien Tagen
hoffe ich in Phthia zu Hause zu sein. Einmal hat er mich betrogen, zum zweiten
Male wird er mich nicht täuschen; er begnüge sich! Gehet und meldet den Fürsten
diese Botschaft, Phönix aber bleibe, wenn es ihm gefällt, und schiffe heim mit
mir ins Land der Väter!«

Vergebens suchte Phönix, sein alter Freund und Führer, den jungen Helden auf
andere Gedanken zu bringen. Dieser winkte dem Patroklos, dem alten Helden ein
warmes Bette zurechtzumachen. Da stand Ajax auf und sprach: »Odysseus, laß uns
gehen, in der Brust des Grausamen wohnt keine Milde; den Unbarmherzigen bewegt
nicht die Freundschaft der Genossen, er trägt ein unversöhnliches Herz im Busen!«
Auch Odysseus erhob sich nun vom Mahle, und nachdem sie den Göttern das Trankopfer

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