Gustav Schwab - Pandaros
admin am Mrz 29th 2008
Wagen lenkte. Auch diesen Freund ließ Hektor mit bitterem Schmerze liegen und
rief einen dritten auf den Wagen. Dann drang er in heißer Begier auf Teucer
los und traf ihn, als er eben den Bogen wieder spannte, mit einem langen, kantigen
Stein am Schlüsselbeine, daß die Sehne ihm zerriß, die Hand am Knöchel erstarrte
und er ins Knie sank. Aber Ajax vergaß des Bruders nicht, er umging ihn und
deckte ihn so lange mit dem Schild, bis zwei Freunde den schwer Aufstöhnenden
nach den Schiffen getragen hatten.
Nun aber stärkte Zeus den Trojanern den Mut wieder. Wütend und mit funkelnden
Augen drang Hektor mit den ersten voran und verfolgte die Griechen, wie ein
Hund den gehetzten Eber im Bergwalde verfolgt, indem er immer jeden Äußersten,
der ihm in den Wurf kam, niederstreckte. Die Griechen wurden wieder zu den Schiffen
zusammengedrängt und beteten geängstet zu ihren Göttern. Das erbarmte Hera,
und zu Athene gewendet, sprach sie: »Wollen wir das sterbende Volk der Danaer
immer noch nicht retten? Siehst du nicht, wie unerträglich Hektor dort unten
wütet, welches Blutbad er schon angerichtet hat?« »Ja, mein Vater ist grausam«,
antwortete Athene, »er hat ganz vergessen, wie getreulich ich seinem Sohne Herakles
auf allen Abenteuern zur Seite gestanden habe. Aber die Schmeichlerin Thetis
hat ihn mit ihren Liebkosungen bestochen, und nun bin ich ihm verhaßt geworden.
Doch denke ich, nennt er mich einmal wieder sein blauäugiges Töchterlein. Hilf
mir den Wagen anschirren, Hera; ich selbst will zum Vater nach dem Ida hinabeilen!«
Aber Zeus ergrimmte, als er dies innewurde, und seine windschnelle Botin Iris
mußte den Wagen aufhalten, als er mit den beiden Göttinnen eben durch das vorderste
Tor des Olymp hindurchfuhr. Auf seine zornige Botschaft lenkten diese um, und
bald erschien Zeus auf dem Donnerwagen selbst wieder, daß die Höhen des Götterbergs
vor seinem Nahen erbebten. Aber er blieb taub gegen die Bitten der Gemahlin
und der Tochter. »Noch größeren Sieg der Trojaner sollst du morgen schauen«,
sprach er zu Hera. »Nicht eher soll der gewaltige Hektor vom Streite ruhen,
bis die Griechen in schrecklicher Bedrängnis, um die Steuerruder ihrer Schiffe
zusammengedrängt, kämpfen und der zürnende Achill sich wieder in seinem Zelte
erhebt. So ist es der Wille des Verhängnisses.« Hera ward traurig und verstummte.
Bei den Schiffen hatte die Nacht dem Kampf ein Ziel gesetzt. Hektor berief
seine Krieger, seitwärts von den Schiffen, bei den Wirbeln des Skamander, zu
einer Ratsversammlung und sprach: »Hätte uns die Nacht nicht ereilt, so wären
die Feinde jetzt vertilgt. Aber auch so lasset uns nicht in die Stadt zurückkehren,
sondern führet eilig aus derselben Hornvieh und Schafe herzu, auch Wein und
Brot werde uns reichlich aus den Häusern herbeigeschafft; Wachtfeuer sollen
uns rings vor einem Überfall der Feinde schützen, während wir des Mahles oder
der Wunden pflegen. Mit Anbruch des Morgens erneuern wir den Angriff auf die
Schiffe; dann will ich sehen, ob Diomedes mich zur Mauer hinwegdrängt oder ich
ihm selbst die Rüstung vom Leichnam abziehe!« Die Trojaner rauschten ihm Beifall
zu; es geschah nach seinem Rate; die ganze Nacht über rasteten sie, im Schutze
von tausend Wachtfeuern, je fünfzig und fünfzig, bei Schmaus und Wein; ihre
Rosse standen beim Geschirr und labten sich an Spelt und Gerste.
Botschaft der Griechen an Achill
Im griechischen Lager hatte sich der Schrecken von der Flucht noch nicht gelegt,
als Agamemnon die Fürsten Mann für Mann, doch nicht laut, zu einer Ratsversammlung
rufen ließ. Tiefbekümmert saßen sie bald beisammen, und unter schweren Seufzern
sprach der Völkerfürst: »Freunde und Pfleger des Volkes, in schwere Schuld hat
mich Zeus verstrickt. Er, dessen gnädiger Wink mir verheißen hatte, daß ich
als Sieger nach Vertilgung Trojas heimgehen sollte, hat mich betrogen und befiehlt
mir jetzt, so viele tapfere Männer auf der Walstatt zurücklassend, ruhmlos nach
Argos heimzukehren. Vergebens widersetzen wir uns dem Willen dessen, der schon
so vielen Städten das Haupt zerschmettert hat und noch zerschmettern wird. Aber
Troja sollen wir nicht erobern. So gehorchet mir denn, und laßt uns auf den
schnellen Schiffen zum Lande der Väter fliehen!«
Lang blieben die bekümmerten Helden Griechenlands stumm, als sie das traurige
Wort vernommen hatten, bis endlich Diomedes zu reden begann: »Zwar schmähtest
du jüngst«, sprach er, »meinen Mut und meine Tapferkeit vor den Griechen, o
König, jetzt aber will mir bedünken, daß dir selbst Zeus mit dem Zepter der
Macht die Tapferkeit nicht verliehen hat. Glaubst du denn im Ernste, die Männer
Griechenlands seien so unkriegerisch, wie du geredet? Wohl, wenn dich das Herz
so sehr nach der Heimat drängt, so wandre! der Weg ist frei, und dein Schiff
steht bereit! Wir andern Achiver wollen bleiben, bis wir die Burg des Priamos
zerstört haben. Ja, wenn sie alle davongingen, so blieben doch wir, ich und
mein Freund Sthenelos, und kämpften fort, im Glauben, daß eine Gottheit uns
hierhergeführt!« Die Helden jubelten bei diesem Worte, und Nestor sprach: »Du
könntest mein jüngster Sohn sein, o Jüngling, und doch hast du lauter Verständiges
gesprochen. Auf daher, Agamemnon, gibt den Führern ein Mahl, du hast ja Weins
genug in den Zelten; die Scharenhüter sollen sich am Graben draußen vor der
Mauer lagern, du aber horche beim Becher auf den Rat der Besten unter dem Volke.«
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