Gustav Schwab – Pandaros
admin am Okt 13th 2011
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zu stillen?« »Wir wollen«, sprach Apollo, »dem gewaltigen Hektor seinen Mut
noch steigern, daß er einen der Danaer zum entscheidenden Zweikampf herausfordert;
laß uns dann sehen, was diese tun.« Athene war das zufrieden.
Das Gespräch der Unsterblichen hatte der Seher Helenos in seiner Seele vernommen;
eilig trat er zu Hektor und sprach: »Weiser Sohn des Priamos, wolltest du diesmal
meinem Rate gehorchen, der ich dein liebender Bruder bin? Heiß die andern alle,
Trojaner und Griechen, vom Streite ruhen; du selbst aber fordre den Tapfersten
aller Argiver zur Entscheidung heraus. Du kannst es ohne Gefahr; denn, glaube
meinem Seherworte, der Tod ist noch nicht über dich verhängt.«
Hektor freute sich dieses Worts. Er hemmte die trojanischen Heerhaufen und
trat, den Speer in der Mitte haltend, zwischen die kämpfenden Heere, und auf
dieses Zeichen ruhte alsbald der Streit auf beiden Seiten; denn auch Agamemnon
hieß seine Griechen sich lagern. Athene und Apollo aber setzten sich beide in
Gestalt zweier Geier auf die Buche des Zeus und freuten sich des Männergewühls,
bis beide Ordnungen, von Schilden, Helmen und hervorragenden Lanzen dicht umstarrt,
gedrängt dasaßen, nur so viel sich regend als das Meer, wenn das Gekräusel des
Westes darüber hinschauen. In der Mitte beider Völker begann jetzt Hektor: »Trojaner
und ihr Griechen, höret, was mir mein Herz gebietet! Den Bundesvertrag, den
wir jüngst geschlossen, hat Zeus nicht genehmigt, vielmehr beiden Völkern böse
Entschlüsse eingegeben, bis entweder ihr selbst Troja erobert oder vor uns erlieget
bei euren Schiffen. Nun sind die tapfersten Helden Griechenlands in eurem Heere.
Welchem von solchen sein Herz gebeut, mit mir, dem göttergleichen Hektor, den
Vorkampf zu wagen, der trete heraus! Die Bedingung, die ich stelle, ist diese,
und Zeus sei mein Zeuge: wenn mein Gegner mich mit dem Speer erlegt, mag er
meinen Waffenraub zu den Schiffen hinabtragen, doch meinen Leib nach Troja senden,
daß er der Ehre des Scheiterhaufens in der Heimat teilhaftig werde; wenn aber
mir Apollo Ruhm gewährt und ich meinen Gegner erlege, so hänge ich seine Rüstung
im Tempel des Phöbos zu Troja auf, und den Erschlagenen möget ihr bei euren
Schiffen mit Pracht bestatten und ihm am Hellespont ein Mal auftürmen, von dem
einst in späten Zeiten der Schiffer noch sage: ›Sehet, hier ragt der Grabhügel
des längstverstorbenen Mannes, der einst im Streit mit dem göttergleichen Hektor
erlag!‹«
Also sprach jener; die Danaer aber schwiegen, denn es war schimpflich, den
Kampf zu verweigern, und gefahrvoll, ihn anzunehmen. Endlich stand Menelaos
auf und strafte seine Landsleute mit den Worten: »Wehe mir, ihr Prahler: Weiber,
nicht Männer! Wäre es doch eine unvertilgbare Schande, wenn kein Danaer dem
Hektor zu begegnen wagte! Möchtet ihr euch alle in Kot und Wasser verwandeln,
wie ihr miteinander dasitzet, jeder ohne Herz und ohne Ruhm! So will ich denn
mich selbst zum Kampfe gürten und den Göttern den Ausgang anempfehlen!« So sprach
er und warf sich in die Rüstung; und sein Tod wäre beschlossen gewesen, wenn
nicht die Fürsten der Griechen aufgefahren wären und ihn zurückgehalten hätten.
Ja selbst Agamemnon ergriff seine Rechte und sprach: »Bruder, bedenke dich!
was fällt dir ein, den stärkern Mann bekämpfen zu wollen, vor dem selbst andern,
als du bist, graut; mit dem Achill selber in der Feldschlacht sich zu messen
gestutzt hat! Wir bitten dich alle, tritt zurück und setze dich nieder!« So
wandte Agamemnon seinem Bruder das Herz. Und nun hielt Nestor eine strafende
Rede an das Volk und erzählte seinen eigenen Zweikampf mit Ereuthalion, dem
Arkadier. »Wäre ich noch so jugendlich«, endete er, »noch so ungeschwächter
Kraft wie damals, so sollte Hektor seinen Kämpfer bald gefunden haben!« Auf
seine Strafrede erhuben sich neun Fürsten in dem Heere: vor allen Agamemnon,
ihm zunächst Diomedes, drauf die beiden Ajax zugleich; dann Idomeneus, sein
Genosse Meriones, Eurypylos, Thoas und Odysseus. Sie alle erboten sich zu dem
gefürchteten Kampf. »Das Los soll entscheiden«, begann von neuem Nestor; »wen
es auch trifft, freuen werden sich die Griechen und der Erkorene mit, wenn er
aus dem erbitterten Streit als Sieger hervorgeht.« Nun bezeichnete sich jeder
selbst ein Los; alle zusammen wurden in den Helm Agamemnons geworfen; das Volk
betete; Nestor schüttelte den Helm, und heraus sprang das Los des Telamonssohnes
Ajax. Ein Herold zeigte dasselbe herumwandelnd den acht Helden vor Ajax, aber
keiner erkannte es, bis die Reihe an den kam, der es sich selbst bezeichnet
hatte. Freudig warf Ajax das Los vor die Füße und rief. »Freunde, wahrlich,
es ist meines, und mein Herz ist froh, denn ich hoffe, über Hektor zu siegen.
Ihr alle betet in der Stille oder laut, während ich mich rüste.« Das Volk gehorchte
ihm, und bald stürmte Ajax, den riesigen Leib in blinkende Erzwaffen gehüllt,
zum Kampfe vor, dem ungeheuren Kriegsgott selber ähnlich. Ein Lächeln flog über
sein finsterernstes Antlitz, wie er mächtigen Schrittes, die gewaltige Lanze
schwingend, einherwandelte. Alle Danaer freuten sich ringsum seines Anblicks,
und Schrecken durchschauderte die Schlachtreihen der Trojaner. Ja dem gewaltigen
Hektor selbst fing sein Herz im Busen an zu schlagen, aber er konnte nicht mehr
ins Gewühl seiner Scharen zurückfliehen, hatte er doch selbst den Zweikampf
gefordert.
Tags: Sagen, Schwab
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