Gustav Schwab - Meleager und die Eberjagd

admin am Mrz 29th 2008

Drittes Buch

Meleager und die Eberjagd

Öneus, der König von Kalydon, brachte die Erstlinge eines mit besonderer Fülle
gesegneten Jahres den Göttern dar; der Demeter Feldfrüchte, dem Bakchos Wein,
Öl der Athene und so jeder Gottheit die ihr willkommene Frucht, nur Artemis
wurde von ihm vergessen, und ihr Altar blieb ohne Weihrauch. Dies erzürnte die
Göttin, und sie beschloß, Rache an ihrem Verächter zu nehmen. Ein verheerender
Eber wurde von ihr auf die Fluren des Königes losgelassen. Glut sprühten seine
roten Augen, sein Nacken starrte; aus dem schäumenden Rachen schoß es ihm wie
ein Blitzstrahl, und seine Hauer waren gleich riesigen Elefantenzähnen. So stampfte
er durch Saaten und Kornfelder hin; Tenne und Scheuer warteten vergeblich auf
die versprochene Ernte; die Trauben fraß er mitsamt den Ranken, die Olivenbeeren
mitsamt den Zweigen ab; Schäfer und Schäferhunde vermochten ihre Herden, die
trotzigsten Stiere ihre Rinder nicht gegen das Ungeheuer zu verteidigen. Endlich
erhub sich der Sohn des Königes, der herrliche Held Meleager, und versammelte
Jäger und Hunde, den grausamen Eber zu erlegen. Die berühmtesten Helden aus
ganz Griechenland kamen, zu der großen Jagd eingeladen, unter ihnen auch die
heldenmütige Jungfrau Atalante aus Arkadien, die Tochter des Iason. In einem
Walde ausgesetzt, von einer Bärin gesäugt, von Jägern gefunden und erzogen,
brachte die schöne Männerfeindin ihr Leben im Walde zu und lebte von der Jagd.
Alle Männer wehrte sie von sich ab, und zwei Zentauren, die ihr in dieser Einsamkeit
nachstellten, hatte sie mit ihren Pfeilen erlegt. Jetzt lockte sie die Liebe
zur Jagd hervor in die Gemeinschaft der Helden. Sie kam, ihr einfaches Haar
in einen Knoten gebunden, über den Schultern hing ihr der elfenbeinerne Köcher,
die Linke hielt den Bogen; ihr Antlitz wäre an Knaben ein Jungferngesicht, an
Jungfrauen ein Knabengesicht gewesen. Als Meleager sie in ihrer Schönheit erblickte,
sprach er bei sich selbst: ›Glücklich der Mann, den diese würdiget, ihr Gatte
zu sein!‹ Mehr zu denken erlaubte ihm die Zeit nicht, denn die gefährliche Jagd
durfte nicht länger aufgeschoben werden.

Die Schar der Jäger ging einem Gehölze mit uralten Stämmen zu, das, in der
Ebene anfangend, sich einen Bergesabhang hinanzog. Als die Männer hier angekommen
waren, stellten die einen Netze, die andern ließen die Hunde von der Fessel
los, wieder andere folgten schon der Fährte. Bald gelangte man in ein abschüssiges
Tal, das die geschwollenen Waldbäche ausgehöhlt; Binsen, Sumpfgras, Weidengebüsch
und Schilfrohr wucherten unten im Abgrunde. Hier hatte das Schwein im Versteck
gelegen, und von den Hunden aufgejagt, durchbrach es das Gehölz wie ein Blitzstrahl
die Wetterwolke und stürzte sich wütend mitten unter die Feinde. Jünglinge schrien
laut auf und hielten ihm die eisernen Spitzen ihrer Speere vor; aber der Eber
wich aus und durchbrach eine Koppel von Hunden. Geschoß um Geschoß flog ihm
nach, aber die Wunden streiften ihn nur und vermehrten seinen Grimm. Mit funkelndem
Auge und dampfender Brust kehrte er um, flog wie ein vom Wurfgeschosse geschleuderter
Felsblock auf die rechte Flanke der Jäger und riß ihrer drei, tödlich verwundet,
zu Boden. Ein vierter, es war Nestor, der nochmals so berühmte Held, rettete
sich auf die Äste eines Eichbaumes, an dessen Stamm der Eber grimmig seine Hauer
wetzte. Hier hätten ihn die Zwillingsbrüder Kastor und Pollux, die hoch auf
schneeweißen Rossen saßen, mit ihren Speeren erreicht, wenn das borstige Tier
sich nicht ins unzugängliche Dickicht geflüchtet hätte. Jetzt legte Atalante
einen Pfeil auf ihren Bogen und sandte ihn dem Tier in das Gebüsch nach. Das
Rohr traf den Eber unter dem Ohr, und zum erstenmal rötete Blut seine Borsten.
Meleager sah die Wunde zuerst und zeigte sie jubelnd seinen Gefährten: »Fürwahr,
o Jungfrau«, rief er, »der Preis der Tapferkeit gebühret dir!« Da schämten sich
die Männer, daß ein Weib ihnen den Sieg streitig machen sollte, und alle zumal
warfen ihre Speere; aber gerade dieser Schwarm von Geschossen verhinderte die
Würfe, das Tier zu treffen. Mit stolzen Worten erhob jetzt der Arkadier Ankaios
die doppelte Streitaxt mit seinen beiden Händen und stellte sich, zum Hieb ausholend,
auf die Zehen. Aber der Eber stieß ihm die beiden Hauer in die Weichen, ehe
er den Streich vollführen konnte, und er stürzte, von Blut gebadet, mit entblößtem
Gedärmen auf den Boden. Dann warf Iason1) seinen Speer; allein diesen lenkte
der Zufall in den Leib des Keladon. Endlich schoß Meleager zwei Speere hintereinander
ab. Der erste fuhr in den Boden, der zweite dem Eber mitten in den Rücken. Das
Tier fing an zu toben und sich im Kreise zu drehen. Schaum und Blut quoll aus
seinem Munde, Meleager versetzte ihm mit dem Jagdspieß eine neue Wunde in den
Hals, und nun fuhren ihm von allen Seiten die Spieße in den Leib. Der Eber,
weit auf der Erde ausgestreckt, wälzte sich sterbend in seinem Blute. Meleager
stemmte seinen Fuß auf den Kopf des Getöteten, streifte mit Hilfe seines Schwertes
die borstige Hülle seines Rückens vom Leibe des Tieres nieder und reichte sie
mitsamt dem abgehauenen Haupte, aus dem die mächtigen Hauer hervorschimmerten,
der tapferen Arkadierin Atalante. »Nimm die Beute hin«, sprach er, »die von
Rechts wegen mir gehörte; ein Teil des Ruhmes soll auch auf dich kommen!« Diese
Ehre mißgönnten die Jäger dem Weibe, und rings in der Schar erhob sich ein Gemurmel.
Mit geballten Fäusten und lauter Stimme traten vor Atalante die Söhne des Thestios
hin, Meleagers Muttersbrüder. »Auf der Stelle«, riefen sie, »lege die Beute
nieder, Weib, und erschleiche nicht, was uns zugehört; deine Schönheit dürfte
dir sonst wenig helfen, und dein verliebter Gabenspender auch nicht!« Mit diesen
Worten nahmen sie ihr das Geschenk weg und sprachen dem Helden das Recht ab,
darüber zu verfügen. Dies ertrug Meleager nicht. Vor Jähzorn knirschend, schrie
er: »Ihr Räuber fremden Verdienstes! Lernet von mir, wieweit Drohungen von Taten
verschieden sind!« Und damit stieß er dem einen, und eh der sich besinnen konnte,
auch dem andern Oheim den Stahl in die Brust.

Althaia, die Mutter Meleagers, war auf dem Wege nach dem Göttertempel, um Dankopfer

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