Gustav Schwab - Meleager und die Eberjagd
admin am Mrz 29th 2008
Stoß zu versetzen. Da fügte es Poseidon, der den Pelops beschirmte, daß mitten
im Laufe die Räder des königlichen Wagens aus den Fugen gingen und dieser zusammenbrach.
Önomaos stürzte zu Boden und gab vom Falle den Geist auf. In demselben Augenblicke
hielt Pelops mit seinem Viergespann am Ziele. Als er hinter sich blickte, sah
er den Palast des Königs in Flammen stehen; ein Blitzstrahl hatte ihn angezündet
und zerstörte ihn von Grund aus, daß nichts als eine Säule davon stehenblieb.
Pelops aber eilte mit seinem Flügelgespann dem brennenden Hause zu und holte
sich die Braut aus den Flammen.
Niobe
Niobe, die Königin von Theben, war auf vieles stolz. Amphion, ihr Gemahl, hatte
von den Musen die herrliche Leier erhalten, nach deren Spiel sich die Steine
der thebischen Königsburg von selbst zusammengesetzt hatten; ihr Vater war Tantalos,
der Gast der Götter; sie war die Gebieterin eines gewaltigen Reiches und selbst
voll Hoheit des Geistes und von majestätischer Schönheit; nichts aber von allem
diesem schmeichelte ihr so sehr als die stattliche Zahl ihrer vierzehn blühenden
Kinder, die zur einen Hälfte Söhne und zur andern Töchter waren. Auch hieß Niobe
unter allen Müttern die glücklichste, und sie wäre es gewesen, wenn sie nur
sich selbst nicht dafür gehalten hätte; so aber wurde das Bewußtsein ihres Glückes
ihr Verderben.
Einst rief die Seherin Manto, die Tochter des Wahrsagers Tiresias, von göttlicher
Regung angetrieben, mitten in den Straßen die Frauen Thebens zur Verehrung Latonas
und ihrer Zwillingskinder, Apollos und der Artemis, auf, hieß sie die Haare
mit Lorbeeren bekränzen und frommes Gebet unter Weihrauchopfer darbringen. Als
nun die Thebanerinnen zusammenströmten, kam auf einmal Niobe im Schwarm eines
königlichen Gefolges, mit einem golddurchwirkten Gewande angetan, prunkend einhergerauscht.
Sie strahlte von Schönheit, soweit es der Zorn zuließ, ihr schmuckes Haupt bewegte
sich zugleich mit dem über beide Schultern herabwallenden Haar. So stand sie
in der Mitte der unter freiem Himmel mit dem Opfer beschäftigten Frauen, ließ
die Augen voll Hoheit auf dem Kreise der Versammelten ruhen und rief. »Seid
ihr nicht wahnsinnig, Götter zu ehren, von denen man euch fabelt, während vom
Himmel begünstigtere Wesen mitten unter euch weilen? Wenn ihr der Latona Altäre
errichtet, warum bleibt mein göttlicher Name ohne Weihrauch? Ist doch mein Vater
Tantalos der einzige Sterbliche, der am Tische der Himmlischen gesessen hat,
meine Mutter Dione, die Schwester der Plejaden, die als leuchtendes Gestirn
am Himmel glänzen; mein einer Ahn Atlas, der Gewaltige, der das Gewölbe des
Himmels auf dem Nacken trägt; mein Vatersvater Zeus, der Vater der Götter; selbst
Phrygiens Völker gehorchen mir, mir und meinem Gatten ist die Stadt des Kadmos,
sind die Mauern untertan, die sich dem Saitenspiel Amphions gefügt haben; jeder
Teil meines Palastes zeigt mir unermeßliche Schätze; dazu kommt ein Antlitz,
wie es einer Göttin wert ist, dazu eine Kinderschar, wie keine Mutter sie aufweisen
kann: sieben blühende Töchter, sieben starke Söhne, bald ebenso viele Eidame
und Schwiegertöchter. Fraget nun, ob ich auch Grund habe, stolz zu sein! Waget
es noch ferner, mir Latona, die unbekannte Titanentochter, vorzuziehen, welcher
einst die breite Erde keinen Raum gegönnt hat, wo sie dem Zeus gebären konnte,
bis die schwimmende Insel Delos der Umherschweifenden aus Mitleid ihren unbefestigten
Sitz darbot. Dort wurde sie Mutter zweier Kinder, die Armselige. Das ist der
siebente Teil meiner Mutterfreude! Wer leugnet, daß ich glücklich bin, wer zweifelt,
daß ich glücklich bleibe? Die Schicksalsgöttin hätte viel zu tun, wenn sie gründlich
meinem Besitze schaden wollte! Nähme sie mir dies oder jenes, selbst von der
Schar meiner Gebornen, wann wird je ihr Haufe zu der armen Zwillingszahl Latonens
heruntersinken? Darum fort mit den Opfern, heraus aus den Haaren mit dem Lorbeer!
Zerstreuet euch in eure Häuser und laßt euch nicht wieder über so törichtem
Beginnen treffen!«
Erschrocken nahmen die Frauen die Kränze vom Haupte, ließen die Opfer unvollendet
und schlichen nach Hause, mit stillen Gebeten die gekränkte Gottheit verehrend.
Auf dem Gipfel des delischen Berges Kynthos stand mit ihren Zwillingen Latona
und schaute mit ihrem Götterauge, was in dem fernen Theben vorging. »Seht, Kinder,
ich, eure Mutter, die auf eure Geburt so stolz ist, die keiner Göttin außer
Hera weicht, werde von einer frechen Sterblichen geschmäht; ich werde von den
alten heiligen Altären hinweggestoßen, wenn ihr mir nicht beisteht, meine Kinder!
Ja, auch ihr werdet von Niobe beschimpft, werdet ihrem Kinderhaufen von ihr
nachgesetzt!« Latona wollte zu ihrer Erzählung noch Bitten hinzufügen, aber
Phöbos unterbrach sie und sprach: »Laß die Klage, Mutter, sie hält die Strafe
nur auf!« Ihm stimmte seine Schwester bei; beide hüllten sich in eine Wolkendecke,
und mit einem raschen Schwung durch die Lüfte hatten sie die Stadt und Burg
des Kadmos erreicht. Hier breitete sich vor den Mauern ein geräumiges Blachfeld
aus, das nicht für die Saat bestimmt, sondern den Wettläufen und Übungen zu
Roß und Wagen gewidmet war. Da belustigten sich eben die sieben Söhne Amphions:
die einen bestiegen mutige Rosse, die andern erfreuten sich des Ringspieles.
Der älteste, Ismenos, trieb eben sein Tier im Viertelstrabe sicher im Kreise
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