Gustav Schwab - Meleager und die Eberjagd
admin am Mrz 29th 2008
den peinigendsten Hunger. Hinter ihm strebten am Ufer des Teiches herrliche
Fruchtbäume empor und wölbten ihre Äste über seinem Haupte. Wenn er sich emporrichtete,
so lachten ihm saftige Birnen, rotwangige Äpfel, glühende Granaten, liebliche
Feigen und grüne Olivenbeeren ins Auge; aber sobald er hinauflangte, sie mit
seiner Hand zu fassen, so riß ein Sturmwind, der plötzlich angeflogen kam, die
Zweige hoch hinauf zu den Wolken. Zu dieser Höllenpein gesellte sich beständige
Todesangst; denn ein großes Felsenstück hing über seinem Haupte in der Luft
und drohte unaufhörlich, auf ihn herabzustürzen.
So ward dem Verächter der Götter, dem ruchlosen Tantalos, dreifache Qual, niemals
endend, in der Unterwelt beschieden.
Pelops
So schwer der Vater an den Göttern sich versündigt hatte, so fromm ehrte sie
sein Sohn Pelops. Er war nach der Verbannung seines Vaters in die Unterwelt
in einem Kriege mit dem benachbarten Könige Trojas aus seinem phrygischen Reiche
vertrieben worden und wanderte nach Griechenland aus. Eben erst bekleidete sich
das Kinn des Jünglings mit dunklem Flaum, aber schon hatte er sich im Herzen
eine Gattin ausersehen. Es war dies die schöne Tochter des Königes Önomaos von
Elis, mit Namen Hippodameia. Sie war ein Kampfpreis, der nicht leicht zu erringen
war. Das Orakel hatte nämlich ihrem Vater vorhergesagt, er werde sterben, wenn
seine Tochter einen Gatten erhielte. Deswegen wandte der erschrockene König
alles an, um jeden Freier von ihr zu entfernen. Er ließ eine Verkündigung in
alle Lande hinausgehen, daß derjenige seine Tochter zur Gemahlin erhalten sollte,
der ihn selbst im Wagenrennen überwinden würde. Wen aber er, der König, besiegte,
der solle sein Leben lassen. Der Wettlauf geschah von Pisa aus nach dem Altare
des Poseidon auf der Meerenge bei Korinth, und die Zeit zur Abfahrt der Wagen
bestimmte der Vater also: er selbst wollte erst gemächlich dem Zeus einen Widder
opfern, während der Freier mit dem vierspännigen Wagen vorausführe; erst wenn
er das Opfer beendigt hätte, sollte Önomaos den Lauf beginnen und auf seinem
von dem Wagenlenker Myrtilos geleiteten Wagen, mit einem Spieß in der Hand,
den Freier verfolgen. Gelänge es ihm, den vorauseilenden Wagen einzuholen, so
sollte er das Recht haben, den Freier mit seinem Spieße zu durchbohren. Als
die vielen Freier, welche Hippodameia wegen ihrer Schönheit zählte, dieses vernahmen,
waren sie alle getrosten Mutes. Sie hielten den König Önomaos für einen altersschwachen
Greis, der, im Bewußtsein, mit Jünglingen doch nicht in die Wette rennen zu
können, ihnen absichtlich einen so großen Vorsprung bewilligte, um seine wahrscheinliche
Niederlage aus dieser Großmut erklären zu können. Daher kam einer um den andern
nach Elis gezogen, stellte sich dem Könige vor und begehrte seine Tochter zum
Weibe. Dieser empfing sie jedesmal freundlich, überließ ihnen ein schönes Viergespann
zur Fahrt und ging hin, dem Zeus seinen Widder zu opfern, wobei er sich gar
nicht beeilte. Dann erst bestieg er einen leichten Wagen, vor welchen seine
beiden Rosse Phylla und Harpinna gespannt waren, die geschwinder liefen als
der Nordwind. Mit ihnen holte sein Wagenlenker die Freier jedesmal noch lange
vor Ende der Bahn ein, und unversehens durchbohrte sie der Speer des grausamen
Königs. Auf diese Art hatte er schon mehr als zwölf Freier erlegt, denn immer
holte er sie mit seinen schnellen Pferden ein.
Nun war Pelops auf seiner Fahrt nach der Geliebten an der Halbinsel, die später
seinen Namen führen sollte, gelandet. Bald hörte er, was sich zu Elis mit den
Freiern zutrage. Da trat er nächtlicherweise ans Meeresufer und rief seinen
Schutzgott, den mächtigen Dreizackschwinger Poseidon, an, der ihm zu Füßen aus
der Meeresflut emporrauschte. »Mächtiger Gott«, rief Pelops ihn an, »wenn dir
selbst die Geschenke der Liebesgöttin willkommen sind, so lenke den ehernen
Speer des Önomaos von mir ab, entsende mich auf dem schnellsten Wagen gen Elis
und führe mich zum Siege. Denn schon hat er dreizehn liebende Männer ins Verderben
gestürzt, und noch schiebt er die Hochzeit der Tochter auf. Eine große Gefahr
duldet keinen unkriegerischen Mann. Ich bin entschlossen, sie zu bestehen. Wer
doch einmal sterben muß, was soll er ein namenloses Alter in Finsternis dasitzend
erwarten, alles Edlen unteilhaftig? Darum will ich den Kampf bestehen: du gib
mir erwünschten Erfolg!«
So betete Pelops, und sein Flehen war nicht vergebens. Denn abermals rauschte
es in den Wassern, und ein schimmernder goldner Wagen mit vier pfeilschnellen
Flügelrossen stieg aus den Wellen empor. Auf ihn schwang sich Pelops und flog,
die Götterpferde nach Gefallen lenkend, mit dem Wind in die Wette nach Elis.
Als Önomaos ihn kommen sah, erschrak er; denn auf den ersten Blick erkannte
er das göttliche Gespann des Meergottes. Doch verweigerte er dem Fremdlinge
den Wettkampf nach den gewohnten Bedingungen nicht; auch verließ er sich auf
die Wunderkraft seiner eigenen Rosse, die es dem Winde zuvortaten. Nachdem die
Pferde des Pelops von der Reise durch die Halbinsel gerastet, betrat er mit
ihnen die Laufbahn. Schon war er dem Ziele ganz nahe, als der König, der das
Widderopfer wie gewöhnlich verrichtet hatte, mit seinen luftigen Rossen plötzlich
ihm auf den Nacken kam und schon den Speer schwang, dem kühnen Freier den tödlichen
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