Gustav Schwab - Bellerophontes

admin am Mrz 29th 2008

Fünftes Buch

Bellerophontes

Sisyphos, der Sohn des Aiolos, der listigste aller Sterblichen, baute und beherrschte
die herrliche Stadt Korinth auf der schmalen Erdzunge zwischen zwei Meeren und
zwei Ländern. Für allerlei Betrug traf ihn in der Unterwelt die Strafe, daß
er einen schweren Marmorstein, mit Händen und Füßen angestemmt, von der Ebene
eine Anhöhe hinaufwälzen mußte. Wenn er aber schon glaubte, ihn auf den Gipfel
gedreht zu haben, so wandte sich die Last um, und der tückische Stein rollte
wieder in die Tiefe hinunter. So mußte der gepeinigte Verbrecher das Felsstück
wieder von neuem und immer von neuem emporwälzen, daß der Angstschweiß von seinen
Gliedern floß.

Sein Enkel war Bellerophontes, der Sohn des Korintherköniges Glaukos. Wegen
eines unvorsätzlichen Mordes flüchtig, wandte sich der Jüngling nach Tiryns,
wo der König Prötos regierte. Bei diesem wurde er gütig aufgenommen und von
seinem Morde gereinigt. Aber Bellerophontes hatte von den Unsterblichen schöne
Gestalt und männliche Tugenden empfangen. Deswegen entbrannte die Gemahlin des
Königes Prötos, Anteia, in unreiner Liebe zu ihm und wollte ihn zum Bösen verführen.
Aber der edelgesinnte Bellerophontes gehorchte ihr nicht. Da verwandelte sich
ihre Liebe in Haß; sie sann auf Lüge, ihn zu verderben, erschien vor ihrem Gemahl
und sprach zu ihm: »Erschlage den Bellerophontes, o Gemahl, wenn dich nicht
selbst unrühmlicher Tod treffen soll, denn der Treulose hat mir seine strafbare
Neigung bekannt und mich zur Untreue gegen dich verleiten wollen.« Als der König
solches vernommen, bemächtigte sich seiner ein blinder Eifer. Weil er jedoch
den verständigen Jüngling so liebgehabt hatte, vermied er den Gedanken, ihn
zu ermorden, denn er machte ihm Grauen. Aber dennoch sann er auf sein Verderben.
Er schickte daher den Unschuldigen zu seinem Schwiegervater Iobates, dem Könige
von Lykien, und gab ihm ein zusammengefaltetes Täfelchen mit, das er dem letzteren
bei seiner Ankunft in Lykien gleichsam als einen Empfehlungsbrief vorweisen
sollte; auf dieses waren gewisse Zeichen eingeritzt, die den Wink enthielten,
den Überbringer hinrichten zu lassen. Arglos wandelte Bellerophontes dahin,
aber die allwaltenden Götter nahmen ihn in ihren Schutz. Als er, übers Meer
nach Asien gefahren, am schönen Strome Xanthos angekommen war und also Lykien
erreicht hatte, trat er vor den König Iobates. Dieser aber, ein gütiger, gastfreundlicher
Fürst nach der alten Sitte, nahm den edeln Fremdling auf, ohne zu fragen, wer
er sei, noch, woher er komme. Seine würdige Gestalt und sein fürstliches Benehmen
genügten ihm zur Überzeugung, daß er keinen gemeinen Gast beherberge. Er ehrte
den Jüngling auf jede Weise, gab ihm alle Tage ein neues Fest und brachte den
Göttern von Morgen zu Morgen ein neues Stieropfer. Neun Tage waren so vorübergegangen,
und erst als die zehnte Morgenröte am Himmel aufstieg, fragte er den Gast nach
seiner Herkunft und seinen Absichten. Da sagte ihm Bellerophontes, daß er von
seinem Eidam Prötos komme, und wies ihm als Beglaubigungsschreiben das Täfelchen
vor. Als der König Iobates den Sinn der mörderischen Zeichen erkannte, erschrak
er in tiefster Seele; denn er hatte den edlen Jüngling sehr liebgewonnen. Doch
mochte er nicht denken, daß sein Schwiegersohn ohne gewichtige Ursache die Todesstrafe
über den Unglücklichen verhänge; glaubte also, dieser müsse durchaus ein todeswürdiges
Verbrechen verübt haben. Aber auch er konnte sich nicht entschließen, den Menschen,
der so lange sein Gast gewesen war und durch sein ganzes Benehmen sich seine
Zuneigung zu erwerben gewußt hatte, geradezu umzubringen. Er gedachte ihm deswegen
nur Kämpfe aufzutragen, in denen er notwendig zugrunde gehen müßte. Zuerst ließ
er ihn das Ungeheuer Chimära erlegen, das Lykien verwüstete und das göttlicher,
nicht menschlicher Art emporgewachsen war. Der gräßliche Typhon hatte es mit
der riesigen Schlange Echidna gezeugt. Vorn war es ein Löwe, hinten ein Drache,
in der Mitte eine Ziege; aus seinem Rachen ging Feuer und entsetzlicher Gluthauch.
Die Götter selbst trugen Mitleiden mit dem schuldlosen Jüngling, als sie sahen,
welcher Gefahr er ausgesetzt wurde. Sie schickten ihm auf seinem Wege zu dem
Ungeheuer das unsterbliche Flügelroß Pegasus, das Poseidon mit der Medusa gezeugt
hatte. Wie konnte ihm aber dieses helfen? Das göttliche Pferd hatte nie einen
sterblichen Reiter getragen. Es ließ sich nicht einfangen und nicht zähmen.
Müde von seinen vergeblichen Anstrengungen war der Jüngling am Quell Pirene,
wo er das Roß gefunden hatte, eingeschlafen. Da erschien ihm im Traume seine
Beschirmerin Athene; sie stand vor ihm, einen köstlichen Zaum mit goldenen Buckeln
in der Hand, und sprach: »Was schläfst du, Abkömmling des Aiolos? Nimm dieses
rossebändigende Werkzeug; opfre dem Poseidon einen schönen Stier und brauche
des Zaums.« So schien sie dem Helden im Traume zuzusprechen, schüttelte ihren
dunklen Ägisschild und verschwand. Er aber erwachte aus dem Schlafe, sprang
auf und faßte mit der Hand nach dem Zaume. Und, o Wunder, der Zaum, nach dem
er im Traume gegriffen, der Wachende hielt ihn wirklich und leibhaft in der
Hand. Bellerophontes suchte nun den Seher Polyidos auf und erzählte ihm seinen
Traum sowie das Wunder, das sich in demselben zugetragen. Der Seher riet ihm,
das Begehren der Göttin ungesäumt zu erfüllen, dem Poseidon den Stier zu schlachten
und seiner Schutzgöttin Athene einen Altar zu bauen. Als dies alles geschehen
war, fing und bändigte Bellerophontes das Flügelroß ohne alle Mühe, legte ihm
den goldenen Zaum an und bestieg es in eherner Rüstung. Nun schoß er aus den
Lüften herab und tötete die Chimära mit seinen Pfeilen. Hierauf schickte ihn
Iobates gegen das Volk der Solymer aus, ein streitbares Männergeschlecht, das
an den Grenzen von Lykien wohnte, und nachdem er wider Erwarten den härtesten
Kampf mit diesen glücklich bestanden, so wurde er von dem Könige gegen die männergleiche
Schar der Amazonen gesandt. Auch aus diesem Streite kam er unverletzt und siegreich
zurück. Nun legte ihm der König, um dem Verlangen seines Eidams doch endlich
nachzukommen, eben auf diesem Rückwege einen Hinterhalt, wozu er die tapfersten
Männer des lykischen Landes ausersehen hatte. Aber keiner von ihnen kehrte zurück,

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