Gustav Schwab - Bellerophontes

admin am Mrz 29th 2008

als Theseus von der blutigen Hochzeit seines thessalischen Freundes zurückgekehrt
war, ein Schutz-und-Trutz-Bündnis mit den Athenern. An ihn wandte sich nun Theseus
mit seiner Bitte, ihm die Schwester Phädra zur Gemahlin zu geben. Sie wurde
ihm nicht versagt, und bald führte der Sohn des Aigeus die Jungfrau aus Kreta
heim, die wirklich von Gestalt und äußerer Sitte der Geliebten seiner Jugend
so ähnlich war, daß Theseus die Hoffnung seiner jungen Jahre im späteren Mannesalter
erfüllt glauben konnte. Damit zu seinem Glücke nichts fehlen konnte, gebar sie
in den ersten Jahren ihrer Ehe dem Könige zwei Söhne, den Akamas und den Demophoon.
Aber Phädra war nicht so gut und treu, als sie schön war. Ihr gefiel der junge
Sohn des Königes, Hippolytos, der ihres Alters war, besser als der greise Vater.
Dieser Hippolytos war der einzige Sohn, den die von Theseus entführte Amazone
ihrem Gemahl geboren hatte. In früher Jugend hatte der Vater den Knaben nach
Trözen geschickt, um ihn bei den Brüdern seiner Mutter Aithra erziehen zu lassen.
Wie er erwachsen war, kam der schöne und züchtige Jüngling, der sein ganzes
Leben der reinen Göttin Artemis zu weihen beschlossen und noch keiner Frau ins
Auge geschaut hatte, nach Athen und Eleusis, um hier die Mysterien mitfeiern
zu helfen. Da sah ihn Phädra zum ersten Male; sie glaubte ihren Gatten verjüngt
wiederzusehen, und seine schöne Gestalt und Unschuld entflammte ihr Herz zu
unreinen Wünschen; doch verschloß sie ihre verkehrte Leidenschaft noch in ihre
Brust. Als der Jüngling abgereist war, erbaute sie auf der Burg von Athen der
Liebesgöttin einen Tempel, von wo aus man nach Trözen blicken konnte und der
später Tempel der Aphrodite Fernschauerin genannt ward. Hier saß sie tagelang,
den Blick auf das Meer gerichtet. Als endlich Theseus eine Reise nach Trözen
machte, seine dortigen Verwandten und den Sohn zu besuchen, begleitete ihn seine
Gemahlin dorthin und verweilte geraume Zeit daselbst. Auch hier kämpfte sie
noch lange mit dem unlautern Feuer in ihrer Brust, suchte die Einsamkeit und
verweinte ihr Elend unter einem Myrtenbaume. Endlich aber vertraute sie sich
ihrer alten Amme, einem verschmitzten und ihrer Gebieterin in blinder und törichter
Liebe ergebenen Weibe an, die es bald über sich nahm, den Jüngling von der strafbaren
Leidenschaft seiner Stiefmutter zu unterrichten. Aber der unschuldige Hippolytos
hörte ihren Bericht mit Abscheu an, und sein Entsetzen stieg, als ihm die pflichtvergessene
Stiefmutter sogar den Antrag machen ließ, den eigenen Vater vom Throne zu stoßen
und mit der Ehebrecherin Zepter und Herrschaft zu teilen. In seinem Abscheu
fluchte er allen Weibern und meinte schon durch das bloße Anhören eines so schändlichen
Vorschlags entweiht zu sein. Und weil Theseus gerade abwesend von Trözen war
- denn diesen Zeitpunkt hatte das treulose Weib erwählt -, so erklärte Hippolytos,
auch keinen Augenblick mit Phädra unter einem Dache verweilen zu wollen, und
eilte, nachdem er die Amme gebührend abgefertigt, ins Freie, um im Dienste seiner
geliebten Herrin, der Göttin Artemis, in den Wäldern zu jagen und so lange dem
Königshause nicht wieder zu nahen, bis sein Vater zurückgekehrt sein würde und
er sein gepeinigtes Herz vor ihm ausschütten könnte.

Phädra vermochte die Abweisung ihrer verbrecherischen Anträge nicht zu überleben.
Das Bewußtsein ihres Frevels und die unerhörte Leidenschaft stritten sich in
ihrer Brust; aber die Bosheit gewann die Oberhand. Als Theseus zurückkehrte,
fand er seine Gattin erhängt und in ihrer krampfhaft zusammengeballten Rechten
einen von ihr vor dem Tode abgefaßten Brief, in welchem geschrieben stand: ›Hippolytos
hat nach meiner Ehre getrachtet; seinen Nachstellungen zu entfliehen ist mir
nur ein Ausweg geblieben. Ich bin gestorben, ehe ich die Treue meinem Gatten
verletzt habe.‹ Lange stand Theseus vor Entsetzen und Abscheu wie eingewurzelt
in der Erde. Endlich hub er seine Hände gen Himmel und betete: »Vater Poseidon,
der du mich stets geliebt hast wie dein leibliches Kind, du hast mir einst drei
Bitten freigegeben, die du mir erfüllen wollest und deine Gnade mir erzeigen
unweigerlich. Jetzt gemahne ich dich an dein Versprechen. Nur eine Bitte will
ich erfüllt haben: Laß meinem Sohn an diesem Tag die Sonne nicht mehr untergehen!«
Kaum hatte er diesen Fluch ausgesprochen, als auch Hippolytos, von der Jagd
heimgekehrt und von der Rückkehr seines Vaters unterrichtet, in den Palast einging
und der Spur des Weheklagens nachgehend vor das Antlitz des Vaters und die Leiche
der Stiefmutter trat. Auf die Schmähungen des Vaters erwiderte der Sohn mit
sanfter Ruhe: »Vater, mein Gewissen ist rein. Ich weiß mich einer Untat nicht
schuldig.« Aber Theseus hielt ihm den Brief seiner Stiefmutter entgegen und
verbannte ihn ungerichtet aus dem Lande. Hippolytos rief seine Schutzgöttin,
die jungfräuliche Artemis, zur Zeugin seiner Unschuld auf und sagte seinem zweiten
Heimatlande Trözen unter Seufzern und Tränen Lebewohl.

Noch am Abende desselben Tages suchte den König Theseus ein Eilbote auf und
sprach, als er vor ihn gestellt war: »Herr und König, dein Sohn Hippolytos sieht
das Tageslicht nicht mehr!« Theseus empfing diese Botschaft ganz kalt und sagte
mit bitterem Lächeln: »Hat ihn ein Feind erschlagen, dessen Weib er entehrt,
wie er das Weib des Vaters entehren wollte?« »Nein, Herr!« erwiderte der Bote.
»Sein eigener Wagen und der Fluch deines Mundes haben ihn umgebracht!« »O Poseidon«,
sprach Theseus, die Hände dankend zum Himmel erhoben, »so hast du dich mir heute

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