Gustav Schwab - Bellerophontes

admin am Mrz 29th 2008

den wütenden Eurytion, wie er die sich sträubende und hilferufende Hippodameia
an den Haaren gewaltsam auf dem Boden schleifte. Seine Untat war für die weinerhitzte
Schar der Zentauren ein Zeichen, gleiches zu wagen; und ehe die fremden Helden
und Lapithen sich von ihren Sitzen erhoben hatten, hielt schon jeder der Zentauren
eins der thessalischen Mädchen, die am Hofe des Königes dienten oder als Gäste
bei der Hochzeit zugegen waren, mit rohen Händen als eine Beute gefaßt. Die
Hofburg und die Gärten glichen einer eroberten Stadt. Das Geschrei der Weiber
hallte durch das weite Haus. Schnell sprangen Freunde und Geschlechtsverwandte
der Braut von ihren Sitzen empor. »Welche Verblendung treibt dich, Eurytion«,
rief Theseus, »den Peirithoos zu reizen, während ich noch lebe, und so zwei
Helden in einem zu kränken?« Mit diesem Worte drang er auf die Stürmenden ein
und entriß dem wütenden Räuber die Geraubte. Eurytion sprach nichts darauf,
denn er konnte seine Tat nicht verteidigen, sondern er hub seine Hand gegen
Theseus auf und versetzte diesem einen Schlag auf die Brust. Aber Theseus ergriff,
da ihm keine Waffe zur Hand war, einen ehernen Krug mit erhabener Arbeit, der
zufällig neben ihm stand; diesen schmetterte er dem Gegner ins Antlitz, daß
er rücklings in den Sand fiel und Gehirn und Blut zugleich aus der Kopfwunde
drang. »Zu den Waffen!« scholl es jetzt von allen Seiten an den Zentaurentischen;
zuerst flogen Becher, Flaschen und Näpfe, dann entriß ein tempelräuberisches
Untier die Weihgeschenke den benachbarten heiligen Stätten; ein anderer riß
die Lampe herab, die über dem Mahle voll Kerzen brannte, wieder ein anderer
focht mit einem Hirschgeweih, das an den Wänden der Grotte als Schmuck und Weihgeschenk
hing. Ein entsetzliches Gemetzel wurde unter den Lapithen angerichtet. Rhötos,
der Schlimmste nach Eurytion, ergriff die größte Brandfackel vom Altare und
bohrte sie einem schon verwundeten Lapithen wie ein Schwert in die klaffende
Wunde, daß das Blut wie Eisen in der Esse zischte. Gegen diesen jedoch hub der
tapferste Lapithe, Dryas, einen im Feuer geglühten Pfahl und durchbohrte ihn
zwischen Nacken und Schulter. Der Fall dieses Zentauren tat dem Morden seiner
rasenden Gesellen Einhalt, und Dryas vergalt nun den Wütenden, indem er fünf
hintereinander niederstreckte. Jetzt flog auch der Speer des Helden Peirithoos
und durchbohrte einen riesigen Zentauren, den Petraios, wie er gerade einen
Eichenstamm aus der Erde zu rütteln bemüht war, und damit zu kämpfen; sowie
er den Stamm eben umklammert hielt, heftete der Speer seine schwer atmende Brust
ans knorrige Eichenholz. Ein zweiter, Diktys, fiel von den Streichen des griechischen
Helden und zerknickte im Fallen eine mächtige Esche. Ein dritter wollte diesen
rächen, wurde aber von Theseus mit einem Eichpfahl zermalmt. Der schönste und
jugendlichste unter den Zentauren war Kyllaros; goldfarben sein langes Lockenhaar
und sein Bart, sein Antlitz freundlich, Nacken, Schultern, Hände und Brust wie
vom Künstler geformt, auch der untere Teil seines Körpers, der Roßleib, war
ohne Fehler, der Rücken bequem zum Sitzen, die Brust hochgewölbt, die Farbe
pechschwarz, nur Beine und Schweif lichtfarbig. Er war mit seiner Geliebten,
der schönen Zentaurin Hylonome, beim Fest erschienen, die sich beim Mahle liebkosend
an ihn lehnte und auch jetzt mit ihm vereint im wütenden Kampf an seiner Seite
focht. Diesen traf, von unbekannter Hand, eine Wunde ins Herz, daß er, zum Tode
verwundet, seiner Geliebten in die Arme sank. Hylonome pflegte seine sterbenden
Glieder, küßte ihn und versuchte vergebens, den entfliehenden Atem aufzuhalten.
Als sie ihn verscheiden sah, zog sie ihm den Wurfpfeil aus dem Herzen und stürzte
sich darein.

Noch lange wütete der Kampf zwischen den Lapithen und den Zentauren fort, bis
die letzteren ganz unterlegen waren und nur Flucht und Nacht dem weitern Gemetzel
sie entrückte. Jetzt blieb Peirithoos im unbestrittenen Besitze seiner Braut,
und Theseus verabschiedete sich am andere Morgen von seinem Freunde. Der gemeinschaftliche
Kampf hatte das frischgeknüpfte Band dieser Verbrüderung schnell in einen unauflöslichen
Knoten zusammengezogen.
Theseus und Phädra

Theseus stand jetzt auf dem Wendepunkte seines Glücks. Gerade ein Versuch,
dasselbe nicht nur auf Abenteuern zu suchen, sondern es sich an seinem eigenen
Herde zu gründen, stürzte ihn in schwere Drangsal. Als der Held in der Blüte
seiner Taten und in den ersten Jünglingsjahren die Geliebte seiner Jugend Ariadne
ihrem Vater Minos aus Kreta entführte, wurde diese von ihrer kleinen Schwester
Phädra begleitet, welche nicht von ihr weichen wollte und, nachdem Ariadne von
Bakchos geraubt worden war, den Theseus nach Athen begleitete, weil sie nicht
wagen durfte, zu ihrem tyrannischen Vater zurückzukehren. Erst als ihr Vater
gestorben war, ging das aufblühende Mädchen in ihre Heimat Kreta zurück und
erwuchs dort in dem Königshause ihres Bruders Deukalion, der als der älteste
Sohn des Königes Minos die Insel jetzt beherrschte, zu einer schönen und klugen
Jungfrau heran. Theseus, der nach dem Tode seiner Gemahlin Hippolyte lange Zeit
unvermählt geblieben war, hörte viel von ihren Reizen und hoffte, sie an Schönheit
und Anmut seiner ersten Geliebten, ihrer Schwester Ariadne, ähnlich zu finden;
Deukalion, der neue König von Kreta, war auch dem Helden nicht abhold und schloß,

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