Gustav Schwab - Bellerophontes
admin am Mrz 29th 2008
sich von dem Felsen, auf dem er saß, und im unbegrenzten Schmerze des Lebens
überdrüssig, stürzte er sich in die jähe Tiefe; zu seinem Andenken nannte man
von da an dies Meer das Ägäische. - Indessen war Theseus gelandet, und nachdem
er im Hafen die Opfer dargebracht hatte, die er bei der Abfahrt den Göttern
gelobt, schickte er einen Herold in die Stadt, die Rettung der sieben Jünglinge
und Jungfrauen und seine eigene zu verkündigen. Der Bote wußte nicht, was er
von dem Empfange denken sollte, der ihm in der Stadt zuteil ward. Während die
einen ihn voll Freude bewillkommten und als den Überbringer froher Botschaft
bekränzten, fand er andere in tiefe Trauer versenkt, die seinen fröhlichen Worten
gar kein Gehör schenkten. Endlich löste sich ihm das Rätsel durch die erst allmählich
sich verbreitende Nachricht vom Tode des Königes Aigeus. Der Herold nahm nun
zwar die Kränze in Empfang, schmückte aber damit nicht seine Stirne, sondern
nur den Heroldsstab und kehrte so zum Gestade zurück. Hier fand er den Theseus
noch im Tempel mit der Darbringung des Dankopfers beschäftigt; er blieb daher
vor der Türe des Tempels stehen, damit die heilige Handlung nicht durch die
Trauernachricht gestört würde. Sobald das Brandopfer ausgegossen war, meldete
er des Aigeus Ende. Theseus warf sich, vom Schmerz wie vom Blitze getroffen,
zur Erde, und als er sich wieder aufgerafft hatte, eilten alle, nicht unter
Freudenjubel, wie sie es sich gedacht hatten, sondern unter Wehgeschrei und
Klageruf in die Stadt.
Theseus als König
Nachdem Theseus unter vielen Klagen seinen Vater bestattet hatte, weihte er
dem Apollo, was er ihm gelobt hatte. Das Schiff, in welchem er mit den attischen
Jünglingen und Jungfrauen abgefahren und gerettet zurückgekehrt war, ein Fahrzeug
von dreißig Rudern, wurde zum ewigen Andenken von den Athenern aufbewahrt, indem
das abgängige Holz immer wieder durch neues ersetzt ward. Und so wurde dieser
heilige Überrest alter Heldenzeit noch geraume Zeit nach Alexander dem Großen
den Freunden des Altertums gezeigt.
Theseus, der jetzt König geworden war, bewies bald, daß er nicht nur ein Held
in Kampf und Fehde sei, sondern auch fähig, einen Staat einzurichten und ein
Volk im Frieden zu beglücken. Hierin tat er es selbst seinem Vorbilde Herakles
zuvor. Er unternahm nämlich ein großes und bewundernswürdiges Werk. Vor seiner
Regierung wohnten die meisten Einwohner Attikas zerstreut um die Burg und kleine
Stadt Athen herum, auf einzelnen Bauernhöfen und weilerartigen Dörfern. Sie
konnten daher nur schwer zusammengebracht werden, um über öffentliche Angelegenheiten
zu ratschlagen; ja bisweilen gerieten sie auch über kleinliche Gegenstände des
Nachbarbesitzes miteinander in Streit. Theseus nun war es, der alle Bürger des
attischen Gebietes in eine Stadt vereinigte und so aus den zerstreuten Gemeinden
einen gemeinschaftlichen Staat bildete; und dieses große Werk brachte er nicht
wie ein Tyrann durch Gewalt zustande, sondern er reiste bei den einzelnen Gemeinden
und Geschlechtern herum und suchte ihre freiwillige Einstimmung zu erlangen.
Die Armen und Niedrigen bedurften keiner langen Ermahnung, sie konnten bei dem
Zusammenleben mit den Vermögenderen nur gewinnen; den Mächtigen und Reichen
aber versprach er Beschränkung der Königsgewalt, die bisher zu Athen unbeschränkt
gewesen war, und eine vollkommen freie Verfassung.«Ich selbst«, sprach er, »will
nur euer Anführer im Kriege und Beschützer der Gesetze sein, im übrigen soll
allen meinen Mitbürgern Gleichheit der Rechte gestattet werden.« Dieses leuchtete
vielen der Vornehmen ein; andere, denen die Umwandlung der Staatsverhältnisse
weniger willkommen war, fürchteten sich vor seiner Beliebtheit beim Volke, der
großen Macht, die er bereits besaß, und seinem wohlbekannten kühnen Mute. Sie
wollten daher lieber der Überredung desjenigen nachgeben, der sie zwingen konnte.
So hob er denn alle einzelnen Rathäuser und unabhängigen Obrigkeiten in den
Gemeinden auf und gründete ein allen gemeinsames Rathaus mitten in der Stadt,
stiftete auch ein Fest für alle Staatsbürger, welches er das Allathenerfest
(Panathenäen) nannte. Erst jetzt wurde Athen zu einer förmlichen Stadt und auch
sein Name Athen erst recht gangbar. Vorher war es nichts anders als eine Königsburg
gewesen, Kekropsburg von ihrem Gründer benannt, und nur wenige Bürgerhäuser
hatten darumher gestanden. Um diese neue Stadt noch mehr zu vergrößern, rief
er unter Zusicherung gleicher Bürgerrechte aus allen Gegenden neue Ansiedler
herbei; denn er wollte in Athen eine allgemeine Völkersiedlung gründen. Damit
aber die zusammengeströmte Menschenmenge nicht Unordnung in den neubegründeten
Staat brächte, teilte er das Volk zuerst in Edle, Landbauern und Handwerker
und wies jedem Stande seine eigentümlichen Rechte und Pflichten zu, so daß die
Edeln durch Ansehen und Amtstätigkeit, die Landbauern durch ihre Nützlichkeit,
die Handwerker durch ihre Menge den Vorzug zu haben schienen. Seine eigene Gewalt
als König beschränkte er, wie er versprochen hatte, und machte sie von dem Rate
der Edeln und der Versammlung des Volkes abhängig.
Der Amazonenkrieg
Während Theseus damit beschäftigt war, den Staat durch Götterfurcht zu befestigen,
und daher den Dienst der Athene (Minerva) als Schutzgöttin des Landes begründete,
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