Gustav Schwab - Bellerophontes
admin am Mrz 29th 2008
Straßenräuber, dem Damastes, den aber jedermann nur unter seinem Beinamen Prokrustes,
das heißt der Gliedausrecker, kannte. Dieser hatte zwei Bettstellen, eine sehr
kurze und eine sehr lange. Kam nun ein Fremder in sein Gehege, der klein war,
so führte ihn der finstere Räuber beim Schlafengehen zur langen Bettstelle.
»Wie du siehst«, sprach er dann, »ist meine Lagerstatt für dich viel zu groß;
laß dir das Bette anpassen, Freund!« Und damit reckte er ihm die Glieder so
lange auseinander, bis er den Geist aufgab. Kam aber ein langer Gast, so brachte
er ihn zur kurzen Bettstelle, und zu diesem sagte er: »Es ist mir leid, Guter,
daß mein Lager nicht für dich gemacht und viel zu klein ist, doch dem soll bald
geholfen sein!« Und so hieb er ihm die Füße ab, so weit sie das Bett überragten.
Diesen, der ein Riese von Natur war, legte Theseus in das kleine Bett des Räubers
selbst und schnitt ihm den Leib zusammen, daß er jämmerlich umkam. So widerfuhr
den meisten dieser Verbrecher von der Hand des Theseus nach der Weise ihres
eigenen Unrechtes ihr Recht.
Auf seiner ganzen bisherigen Reise war dem Helden nichts Freundliches begegnet.
Endlich aber, als er zum Flusse Kephissos kam, traf er auf einige Männer aus
dem Geschlechte der Phytaliden, bei denen er gastfreie Aufnahme fand. Vor allen
Dingen reinigten sie ihn auf seine Bitte mit den gewohnten Gebräuchen vom vergossenen
Blute und bewirteten ihn in ihrem Hause. Nachdem er sich gütlich getan und den
wackern Leuten seinen Dank mit herzlichen Worten bezeugt, lenkte er seine Schritte
der nahen väterlichen Heimat zu.
Theseus in Athen
Zu Athen fand der junge Held nicht den Frieden und die Freude, die er erwartet
hatte. Bei der Bürgerschaft herrschte Verwirrung und Zwietracht, und das Haus
seines Vaters Aigeus selbst fand er in trauriger Lage. Medea, die auf ihrem
Drachenwagen Korinth und den verzweifelnden Iason verlassen hatte, war zu Athen
angekommen, hatte sich in die Gunst des alten Aigeus eingeschlichen und versprochen,
durch ihre Zaubermittel ihm die Kraft seiner Jugend zurückzugeben. Deswegen
lebte der König mit ihr in vertrautem Verhältnisse. Durch ihren Zauber hatte
das furchtbare Weib vorher Kunde von der Ankunft des Theseus erhalten, und nun
überredete sie den Aigeus, den der Parteizwist seiner Bürger mit Argwohn erfüllte,
den Fremdling, in welchem er den Sohn nicht ahnte und den sie ihm als einen
gefährlichen Späher darzustellen wußte, als Gast zu bewirten und mit Gift aus
dem Wege zu räumen. So erschien denn Theseus unerkannt beim Frühmahle und freute
sich, den Vater selbst entdecken zu lassen, wen er vor sich habe. Schon war
ihm der Giftbecher vorgesetzt, und Medea harrte mit Ungeduld auf den Augenblick,
wo der neue Ankömmling, von dem sie aus dem Hause vertrieben zu werden fürchtete,
die ersten Züge daraus tun würde, die wirksam genug sein sollten, ihm die jungen
wachsamen Augen für immer zu schließen. Theseus aber, den mehr nach der Umarmung
seines Vaters als nach dem Becher verlangte, zog, scheinbar um das vorgelegte
Fleisch zu zerschneiden, das Schwert, das sein Vater für ihn hinter den Felsblock
hinterlegt hatte, damit Aigeus es gewahr werden und den Sohn in ihm erkennen
sollte. Dieser sah nicht so bald die ihm wohlbekannte Waffe blinken, als er
den Giftbecher umwarf, und nachdem er sich durch einige Fragen vollends überzeugt
hatte, daß er den vom Schicksal ersehnten Sohn in junger Heldenblüte vor sich
habe, so schloß er ihn in seine Arme. Sofort stellte der Vater ihn der Versammlung
des Volkes vor, dem er die Abenteuer seiner Reise erzählen mußte und das den
früh erprobten Helden mit freudigem Jauchzen begrüßte. Gegen die falsche Medea
hatte der König Aigeus jetzt einen Abscheu gefaßt, und die mordlustige Zauberin
wurde aus dem Lande vertrieben.
Theseus bei Minos
Die erste Tat, die Theseus verrichtete, seitdem er als Königssohn und Erbe
des attischen Throns an seines Vaters Seite lebte, war die Aufreibung der fünfzig
Söhne seines Oheims Pallas, welche früher gehofft hatten, den Thron zu erlangen,
wenn Aigeus ohne Kinder stürbe, und welche ergrimmt waren, daß jetzt nicht bloß
ein angenommener Sohn des Pandion, wie Aigeus war, König der Athener sei, sondern
daß auch in Zukunft ein hergelaufener Fremdling die Herrschaft über sie und
das Land führen sollte. Sie griffen daher zu den Waffen und legten dem Ankömmling
einen Hinterhalt. Aber der Herold, den sie mit sich führten und der ein fremder
Mann war, verriet diesen Plan dem Theseus, der nun plötzlich ihr Versteck überfiel
und alle fünfzig niedermachte. Um durch diese blutige Notwehr die Gemüter des
Volkes nicht von sich abzukehren, zog hierauf Theseus auf ein gemeinnütziges
Wagestück aus, bezwang den marathonischen Stier, der den Bewohnern vier attischer
Gemeinden nicht wenig Not verursacht hatte, führte ihn zur Schau durch Athen
und opferte ihn endlich dem Apollo.
Um diese Zeit kamen von der Insel Kreta zum drittenmal Abgeordnete des Königs
Minos, um den gebräuchlichen Tribut abzuholen. Mit demselben verhielt es sich
also: Der Sohn des Minos, Androgeos, war, wie die Sage ging, im attischen Gebiete
durch Hinterlist getötet worden. Dafür hatte sein Vater die Einwohner mit einem
verderblichen Kriege heimgesucht, und die Götter selbst hatten das Land durch
Seiten: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21
Gerne gelesen werden auch:
Geschrieben in Erzählungen, Sagen | Kein Kommentar bis jetzt