Gustav Schwab - Bellerophontes

admin am Mrz 29th 2008

zeigten, aber diese Vorzüge nicht zu menschenfreundlichen Handlungen anwandten,
sondern ihre Freude an Übermut und Gewalttaten hatten und alles mißhandelten
oder vertilgten, was ihnen in die Hände fiel. Einige derselben hatte Herakles
auf seinen Zügen erschlagen. Um jene Zeit aber diente dieser gerade als Sklave
bei der Königin Omphale in Lydien und säuberte zwar jenes Land, in Griechenland
aber brachen die Gewalttätigkeiten von neuem hervor, weil niemand ihnen Einhalt
tat. Deswegen war die Landreise aus dem Peloponnes nach Athen mit der größten
Gefahr verbunden, und sein Großvater beschrieb dem jungen Theseus genau jeden
dieser Räuber und Mörder und welche Grausamkeiten sie an den Fremden zu verüben
pflegten. Aber Theseus hatte sich längst den Herakles und seine Tapferkeit zum
Vorbilde genommen. Als er sieben Jahre alt war, hatte dieser Held seinen Großvater
Pittheus besucht, und wie derselbe mit dem Könige zu Tische saß und schmauste,
durfte unter andern Knaben der Trözenier auch der kleine Theseus zuschauen.
Herakles hatte beim Mahle seine Löwenhaut abgelegt. Die übrigen Knaben nun machten
sich, als sie die Haut erblickten, auf die Flucht. Theseus aber ging ohne Furcht
hinaus, nahm einem der Diener eine Axt aus der Hand und rannte damit auf die
Haut los, die er für einen wirklichen Löwen hielt. Seit diesem Besuche des Herakles
träumte Theseus voll Bewunderung des Nachts von seinen Taten, und am Tage sann
er auf nichts anderes, als wie er dereinst ähnliches unternehmen wollte. Auch
waren sie blutsverwandt, denn ihre Mütter waren Kinder von Geschwistern. So
konnte jetzt der sechzehnjährige Theseus den Gedanken nicht ertragen, daß, während
sein Vetter überall die Frevler aufsuche und Land und Meer von ihnen reinige,
er die sich ihm darbietenden Kämpfe fliehen sollte. »Was würde«, sprach er unwillig,
»der Gott, den man meinen Vater nennt, von dieser feigen Reise im sichern Schoße
seiner Gewässer denken, was würde mein wahrer Vater sagen, wenn ich ihm als
Kennzeichen Schuhe ohne Staub und ein Schwert ohne Blut brächte?« Diese Worte
gefielen seinem Großvater, der auch ein tapferer Held gewesen war. Die Mutter
gab ihm ihren Segen, und Theseus ging davon.
Seine Wanderung zum Vater

Der erste, der ihm in den Weg kam, war der Straßenräuber Periphetes, dessen
Waffe eine mit Eisen beschlagene Keule war, von welcher er den Beinamen Keulenschwinger
führte und mit der er die Wanderer zu Boden schmetterte.

Als Theseus in die Gegend von Epidauros kam, stürzte dieser Bösewicht aus einem
finstern Walde hervor und versperrte ihm den Weg. Der Jüngling aber rief ihm
wohlgemut zu: »Elender! du kommst mir eben gelegen; deine Keule wird dem wohl
anstehen, der als ein zweiter Herakles in der Welt aufzutreten gesonnen ist!«
Mit diesem Ausrufe warf er sich auf den Räuber und erschlug ihn nach einem kurzen
Kampfe. Dem Getöteten nahm er die Keule aus der Hand und trug sie als Siegeszeichen
und Waffe von dannen.

Einem andern Frevler begegnete er auf der Landenge von Korinth; dieses war
Sinnis der Fichtenbeuger, so genannt, weil er, wenn er einen Wanderer in seine
Gewalt bekommen hatte, mit seinen riesenstarken Händen zwei Fichtenwipfel herunterzubeugen
pflegte; an die band er seinen Gefangenen und ließ ihn von den zurückschnellenden
Bäumen zerreißen. Mit der Erlegung dieses Ungeheuers weihte Theseus seine Keule
ein. Sinnis hatte eine sehr schöne, schlanke Tochter, Perigune mit Namen, die
Theseus bei der Ermordung ihres Vaters erschrocken hatte fliehen sehen und nun
überall suchte. Das Mädchen hatte sich an einem dicht mit Gartengewächsen bepflanzten
Ort versteckt und flehte, als verstanden sie es, mit kindlicher Unschuld diese
Sträuche an, indem sie ihnen unter Schwüren gelobte, sie niemals zu verletzen
oder zu verbrennen, wenn dieselben sie verdecken und retten wollten. Da sie
aber Theseus zurückrief, mit der Versicherung, ihr nichts zuleide zu tun, vielmehr
aufs beste für sie sorgen zu wollen, kam sie hervor und blieb seitdem unter
seinem Schirme. Er gab sie später dem Deïoneus, dem Sohne des Königes Eurytos
von Öchalia, zur Gattin. Ihre ganze Nachkommenschaft hielt den Schwur und verbrannte
nie eines von den Gewächsen, welche ihre Ahnfrau geschirmt hatten.

Aber nicht nur von verderblichen Menschen säuberte Theseus den Weg, auf welchem
er einherzog; auch gegen schädliche Tiere glaubte er, hierin nicht weniger dem
Herakles ähnlich, den Kampf wagen zu müssen. So erlegte er denn unter anderm
die Phaia: so hieß das Krommyonische Schwein, welches kein gemeines Tier, sondern
streitbar und schwer zu besiegen war. Über solchen Taten kam er an die Grenze
von Megara und stieß hier auf den Skiron, einen dritten berüchtigten Straßenräuber,
der seinen Aufenthalt auf den hohen Felsen zwischen dem Megarerlande und Attika
genommen hatte. Dieser pflegte aus frechem Mutwillen den Fremden seine Füße
vorzuhalten, mit dem Befehle, sie zu waschen, und während dies geschah, stürzte
er sie mit einem Tritt ins Meer. Dieselbe Todesstrafe vollzog nun Theseus an
ihm selber. Schon auf attischem Gebiete, bei der Stadt Eleusis, begegnete er
dem Wegelagerer Kerkyon; dieser forderte die Vorbeireisenden zum Ringkampfe
auf, und wenn er siegte, brachte er sie um. Theseus nahm seine Ausforderung
an, überwand ihn und befreite die Welt von dem Ungeheuer. Nachdem er nun eine
kleine Strecke weitergereist war, kam er zu dem letzten und grausamsten jener

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