Gustav Schwab - Bellerophontes

admin am Mrz 29th 2008

vom Himmel herab- oder aus der Unterwelt herauftönte: »Was säumest du, Ödipus?
Was zögern wir zu gehen?« Als der blinde König die Stimme vernahm und wußte,
daß der Gott ihn abfordere, machte er sich aus den Armen seiner Kinder los,
rief den König Theseus zu sich und legte seiner Töchter Hände in die Hand desselben,
zum Zeichen seiner Verpflichtung, sie nimmermehr zu lassen. Dann befahl er allen
andern, umgewendet sich zu entfernen. Nur Theseus an seiner Seite durfte auf
die offene Schwelle mit ihm zuschreiten. Seine Töchter und das Gefolge waren
dem Winke gefolgt und schauten sich erst um, als sie eine gute Strecke rückwärtsgegangen
waren. Da hatte sich ein großes Wunder ereignet. Von dem Könige Ödipus war keine
Spur mehr zu erblicken. Kein Blitz war zu sehen, kein Donner zu hören, kein
Wirbelwind zu spüren; die tiefste Stille herrschte in der Luft. Die dunkle Schwelle
der Unterwelt schien sich sanft und lautlos für ihn aufgetan zu haben, und durch
den Erdspalt war der entsündigte Greis ohne Stöhnen und Pein sachte wie auf
Geisterflügeln zur Tiefe hinabgetragen worden. Den Theseus aber erblickten sie
allein, mit der Hand die Augen sich überschattend, als hätte er ein göttliches,
überwältigendes Gesicht gehabt. Dann sahen sie, wie er, die Hände hoch gen Himmel
gehoben, zu den Olympiern, und wieder, demütig auf den Boden niedergeworfen,
zu den Göttern der Unterwelt flehte. Nach kurzem Gebete kehrte der König zu
den Jungfrauen zurück, versicherte sie seines väterlichen Schutzes und schritt
mit ihnen, in heiliges Schweigen versunken, nach Athen zurück.

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