Gustav Schwab - Bellerophontes

admin am Mrz 29th 2008

Ihm strömen die Tränen aus den Augen.« »Ist er es?« fragte Ödipus und wendete
sein Haupt ab. »Ja, Vater«, erwiderte die gute Schwester, »dein Sohn Polyneikes
steht vor dir.« Polyneikes warf sich vor dem Vater nieder und umschlang seine
Knie. An ihm hinaufblickend, betrachtete er jammernd seine Bettlerkleidung,
seine hohlen Augen, sein ungekämmt in der Luft flatterndes Greisenhaar. »Ach,
zu spät erfahre ich alles dieses«, rief er, »ja ich selbst muß es bezeugen,
ich habe meines Vaters vergessen! Was wäre er ohne die Fürsorge meiner Schwester!
Ich habe mich schwer an dir versündigt, Vater! Kannst du mir nicht vergeben?
Du schweigst? Sprich doch etwas, Vater! Zürne nicht so unerbittlich hinweggewandt!
O ihr lieben Schwestern, versucht ihr es, den abgekehrten Mund meines Erzeugers
zu rühren!« »Sage du selbst zuvor, Bruder, was dich hergeführt hat«, sprach
die milde Antigone; »vielleicht öffnet deine Rede auch seine Lippen!« Polyneikes
erzählte nun seine Verjagung durch den Bruder, seine Aufnahme beim König Adrastos
in Argos, der ihm die Tochter zur Gemahlin gab, und wie er dort sieben Fürsten
mit siebenfacher Schar für seine gerechte Sache geworben habe und diese Bundesgenossen
das thebanische Gebiet bereits umringt hätten. Dann bat er den Vater unter Tränen,
sich mit ihm aufzumachen, und nachdem durch seine Hilfe der übermütige Bruder
gestürzt sei, die Krone von Theben aus Sohnes Händen zum zweitenmal zu empfahen.
Doch die Reue des Sohnes vermochte den harten Sinn des gekränkten Vaters nicht
zu erweichen. »Du Verruchter!« sprach er und hob den Niedergeworfenen nicht
vom Boden auf, »als Thron und Zepter noch in deinem Besitze war, hast du den
Vater selbst aus der Heimat verstoßen und in dieses Bettlerkleid eingehüllt,
das du jetzt an ihm bemitleidest, wo gleiche Not über dich gekommen ist! Du
und dein Bruder, ihr seid nicht meine wahren Kinder; hinge es von euch ab, so
wäre ich längst tot. Nur durch meine Töchter lebe ich. Auch harrt euer schon
der Götter Rache. Du wirst deine Vaterstadt nicht vertilgen; in deinem Blute
wirst du liegen, und dein Bruder in dem seinen. Dies ist die Antwort, die du
deinen Bundesfürsten bringen magst!« Antigone nahte sich jetzt ihrem Bruder,
der bei dem Fluche des Vaters entsetzt vom Boden aufgesprungen und einige Schritte
rückwärts gewichen war. »Höre mein inbrünstiges Flehen, Polyneikes«, sprach
sie ihn umfassend, »kehre mit deinem Heere nach Argos zurück, bekriege deine
Vaterstadt nicht!« »Es ist unmöglich«, erwiderte zögernd der Bruder; »die Flucht
brächte mir Schmach, ja Verderben! Und wenn wir Brüder beide zugrunde gehen
müssen, dennoch können wir nicht Freunde sein!« So sprach er, wand sich aus
der Schwester Armen und stürzte verzweifelnd davon.

So hatte Ödipus den Versuchungen seiner Verwandten nach beiden Seiten hin widerstanden
und sie dem Rachegott preisgegeben. Jetzt war sein eigenes Geschick vollendet.
Donnerschlag auf Donnerschlag erscholl vom Himmel. Der Greis verstand diese
Stimme und verlangte sehnlich nach Theseus. Die ganze Gegend hüllte sich in
Gewitterfinsternis. Eine große Angst bemächtigte sich des blinden Königes; er
fürchtete, von seinem Gastfreunde nicht mehr lebend oder nicht mehr unverstörten
Sinnes getroffen zu werden und ihm den vollen Dank für so viele Wohltaten nicht
mehr bezahlen zu können. Endlich erschien Theseus, und nun sprach Ödipus seinen
feierlichen Segen über die Stadt Athen. Dann forderte er den König auf, dem
Heroldrufe der Götter zu folgen und ihn allein an die Stelle zu begleiten, wo
er, von keiner sterblichen Hand berührt und nur vom Auge des Theseus geschaut,
enden sollte. Keinem Menschen dürfe er sagen, wo Ödipus die Erde verlassen.
Bleibe das heilige Grab, das ihn verschlingen würde, verborgen, so werde es
mehr als Speer und Schild und alle Bundesgenossen eine Schutzwehr gegen alle
Feinde Athens sein. Seinen Töchtern und den Bewohnern von Kolonos erlaubte er
dann, ihn eine Strecke weit zu begleiten, und so vertiefte sich der ganze Zug
in die schauerlichen Schatten des Furienhaines. Keines durfte an Ödipus rühren;
er, der Blinde, bisher von der Tochter Hand geleitet, schien auf einmal ein
Sehender geworden, ging wunderbar gestärkt und aufgerichtet allen andern voran
und zeigte ihnen den Weg zu dem vom Schicksal ihm bestimmten Ziele.

Mitten in dem Haine der Erinnyen sah man einen geborstenen Erdschlund, dessen
Öffnung mit einer ehernen Schwelle versehen war und zu welchem mehrere Kreuzwege
führten. Von dieser Höhle ging von uralter Zeit her die Sage, daß sie einer
der Eingänge in die Unterwelt sei. Jener Kreuzwege einen betrat nun Ödipus,
doch ließ er sich von dem Gefolge nicht bis zu der Grotte selbst begleiten,
sondern unter einem hohlen Baume machte er halt, setzte sich auf einen Stein
nieder und löste den Gürtel seines schmutzigen Bettlerkleides. Dann rief er
nach einer Spende fließenden Wassers, wusch sich von aller Unreinigkeit der
langen Wanderung und zog ein schmuckes Gewand an, das ihm durch seine Töchter
aus einer nahen Wohnung herbeigebracht wurde. Als er nun völlig umgekleidet
und wie erneuert dastand, tönte unterirdischer Donner vom Boden herauf. Bebend
warfen sich die Jungfrauen, die bisher um ihren Vater bemüht gewesen waren,
in seinen Schoß; Ödipus aber schlang seinen Arm um sie, küßte sie und sprach:
»Kinder, lebet wohl, von diesem Tag an habt ihr keinen Vater mehr!« Aus dieser
Umarmung weckte sie eine donnergleiche Stimme, von der man nicht wußte, ob sie

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