Gustav Schwab - Bellerophontes
admin am Mrz 29th 2008
in dieser kurzen Rede«, antwortete Ödipus, »ich komme, dir eine Bitte vorzutragen,
die eigentlich eine Gabe ist. Ich schenke dir diesen meinen leidensmüden Leib,
freilich ein sehr unscheinbares Gut, aber doch ein großes Gut. Du sollst mich
begraben und reichen Segen von deiner Mildigkeit ernten!« »Fürwahr«, sagte Theseus
erstaunt, »die Gunst, um welche du flehst, ist klein. Verlange etwas Besseres,
etwas Höheres, und es soll dir alles von mir gewährt sein.« »Die Gunst ist nicht
so leicht, als du glaubst«, fuhr Ödipus fort; »du wirst einen Streit um diesen
meinen elenden Leib zu bestehen haben.« Nun erzählte er ihm seine Verjagung
und das späte und eigennützige Verlangen seiner Verwandten, ihn wieder zu besitzen;
dann bat er ihn flehentlich um seinen Heldenbeistand. Theseus hörte aufmerksam
zu und sprach dann feierlich: »Schon weil jedem Gastfreunde mein Haus offensteht,
darf ich meine Hand nicht von dir abziehen; wie sollte ich es tun, da du noch
dazu mir und meinem Lande soviel Heil versprichst und von der Hand der Götter
an meinen Herd geleitet worden bist!« Er ließ dem Ödipus hierauf die Wahl, mit
ihm nach Athen zu gehen oder hier in Kolonos als Gast zu bleiben. Dieser wählte
das zweite, weil ihm vom Schicksale bestimmt sei, an der Stelle, wo er jetzt
eben sich befinde, den Sieg über seine Feinde davonzutragen und sein Leben rühmlich
zu beschließen. Der Athenerkönig versprach ihm den kräftigsten Schutz und kehrte
in die Stadt zurück.
Ödipus und Kreon
Bald darauf drang der König Kreon von Theben mit Bewaffneten in Kolonos ein
und eilte auf Ödipus zu. »Ihr seid von meinem Eintritt ins attische Gebiet überrascht«,
sprach er zu den noch immer versammelten Dorfbewohnern gewendet; »doch sorget
und zürnet nicht! Ich bin nicht so jung, im Übermute gegen die stärkste Stadt
Griechenlands einen Kampf zu unternehmen. Ich bin ein Greis, den seine Mitbürger
nur abgesandt haben, diesen Mann hier durch gütliche Überredung zu bewegen,
mit mir nach Theben zurückzukehren.« Dann kehrte er sich zu Ödipus und drückte
in den ausgesuchtesten Worten eine erheuchelte Teilnahme an seinem und seiner
Töchter Elend aus. Aber Ödipus erhob seinen Stab und streckte ihn aus, zum Zeichen,
daß Kreon ihm nicht näher kommen sollte. »Schamlosester Betrüger«, rief er,
»das fehlte noch zu meiner Pein, daß du kämest und mich gefangen mit dir fortführtest!
Hoffe nicht, durch mich deine Stadt von der Züchtigung zu befreien, die ihr
bevorsteht. Nicht ich werde zu euch kommen, sondern nur den Dämon der Rache
werde ich euch senden, und meine beiden lieblosen Söhne sollen nur so viel von
thebanischem Boden besitzen, als sie brauchen, um sterbend darauf zu liegen!«
Kreon wollte nun versuchen, den blinden König mit Gewalt hinwegzuführen; aber
die Bürger von Kolonos erhoben sich dagegen, stützten sich auf Theseus’ Wort
und duldeten es nicht. Inzwischen hatten in dem Getümmel auf einen Wink ihres
Herrn die Thebaner Ismene und Antigone ergriffen und von der Seite ihres Vaters
weggerissen. Diese schleppten sie fort und trieben den Widerstand der Koloneer
ab. Kreon aber sprach höhnend: »Deine Stäbe wenigstens habe ich dir entrissen.
Versuch es jetzt, Blinder, und wandre weiter!« Und durch diesen Erfolg kühner
gemacht, ging er aufs neue auf Ödipus los und legte schon Hand an ihn, als Theseus,
den die Nachricht vom bewaffneten Einfalle in Kolonos zurückgerufen hatte, auftrat.
Sobald dieser hörte und sah, was geschehen und noch im Werke sei, entsandte
er Diener zu Fuß und zu Rosse auf der Straße hin, auf der die Töchter von den
Thebanern als Raub fortgeführt wurden; dem Kreon aber erklärte er, ihn nicht
eher freilassen zu wollen, als bis er dem Ödipus die Töchter zurückgegeben.
»Sohn des Aigeus«, hub dieser beschämt an, »ich bin wahrlich nicht gekommen,
dich und deine Stadt zu bekriegen. Wußte ich doch nicht, daß deine Mitbürger
ein solcher Eifer für diesen meinen blinden Verwandten, dem ich Gutes tun wollte,
befallen habe, daß sie den Vatermörder, den Gatten seiner Mutter, lieber bei
sich hegen würden als ihn in sein Vaterland entlassen!« Theseus befahl ihm zu
schweigen, ohne Verzug mit ihm zu gehen und den Aufenthalt der Jungfrauen anzugeben;
und in kurzem führte er die geretteten Töchter dem tiefgerührten Ödipus in die
Arme. Kreon und die Diener waren abgezogen.
Ödipus und Polyneikes
Aber noch sollte der arme Ödipus keine Ruhe haben. Theseus brachte von dem
kurzen Zuge die Nachricht mit, daß ein naher Blutsverwandter desselben, jedoch
nicht aus Theben kommend, Kolonos betreten und sich an dem Altar des benachbarten
Poseidontempels, wo Theseus eben geopfert hatte, als Schutzflehender niedergelassen
habe. »Das ist mein hassenswerter Sohn Polyneikes«, rief Ödipus zürnend aus.
»Es wäre mir unerträglich, ihn anhören zu müssen!« Doch Antigone, die diesen
Bruder als den sanfteren und besseren liebte, wußte die Zornaufwallung des Vaters
zu dämpfen und dem Unglücklichen wenigstens Gehör zu verschaffen. Nachdem sich
Ödipus auch gegen diesen den Arm seines Beschützers ausgebeten hatte, falls
er ihn mit Gewalt hinwegführen wollte, ließ er den Sohn vor sich.
Polyneikes zeigte schon durch sein Auftreten eine ganz andere Gemütsart als
sein Oheim Kreon, und Antigone versäumte nicht, ihren blinden Vater darauf aufmerksam
zu machen. »Ich sehe jenen Fremdling«, rief sie, »ohne Begleiter herschreiten!
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