Gustav Schwab - Bellerophontes

admin am Mrz 29th 2008

den Knaben auf dem Kithairon übergeben hatte. Der alte Hirt aber war ganz blaß
vor Schrecken und wollte alles leugnen; nur auf die zornigen Drohungen des Ödipus,
der ihn mit Stricken zu binden befahl, sagte er endlich die Wahrheit: wie Ödipus
der Sohn des Laïos und der Iokaste sei, wie der furchtbare Götterspruch, daß
er den Vater ermorden werde, ihn in seine Hände geliefert, er aber ihn aus Mitleid
erhalten habe.
Iokaste und Ödipus strafen sich

Aller Zweifel war nun gehoben und das Entsetzliche enthüllt. Mit einem wahnsinnigen
Schrei stürzte Ödipus davon, irrte in dem Palast umher und verlangte nach einem
Schwert, um das Ungeheuer, das seine Mutter und Gattin sei, von der Erde zu
vertilgen. Da ihm, wie einem Rasenden, alles aus dem Wege ging, suchte er gräßlich
heulend sein Schlafgemach auf, sprengte das verschlossene Doppeltor und brach
hinein. Ein grauenhafter Anblick hemmte seinen Lauf. Mit fliegendem und zerrauftem
Haupthaar erblickte er hier, hoch über dem Lager schwebend, Iokaste, die sich
mit einem Strang die Kehle zugeschnürt und erhängt hatte. Nach langem Hinstarren
nahte sich Ödipus der Leiche mit brüllendem Stöhnen, ließ das hoch aufgezogene
Seil zur Erde herab, daß sich die Leiche auf den Boden senkte. Wie sie nun vor
ihm ausgestreckt lag, riß er die goldgetriebenen Brustspangen aus dem Gewande
der Frau, hob sie hoch in der Rechten auf, fluchte seinen Augen, daß sie nimmer
schauen sollten, was er tat und duldete, und wühlte mit dem spitzen Gold in
denselben, bis die Augäpfel durchbohrt waren und ein Blutstrom aus den Höhlen
drang. Dann verlangte er, ihm, dem Geblendeten, das Tor zu öffnen, ihn herauszuführen,
ihn dem ganzen Thebanervolk als den Vatermörder, als den Muttergatten, als einen
Fluch des Himmels und ein Scheusal der Erde vorzustellen. Die Diener erfüllten
sein Verlangen, aber das Volk empfing den einst so geliebten und verehrten Herrscher
nicht mit Abscheu, sondern mit innigem Mitleid. Kreon selbst, sein Schwager,
den sein ungerechter Verdacht gekränkt hatte, eilte herbei, nicht um ihn zu
verspotten, wohl aber um den fluchbelasteten Mann dem Sonnenlicht und dem Auge
des Volkes zu entziehen und ihn dem Kreise seiner Kinder anzuempfehlen. Den
gebeugten Ödipus rührte soviel Güte. Er übergab seinem Schwager den Thron, den
er seinen jungen Söhnen aufbewahren sollte, und erbat sich für seine unselige
Mutter ein Grab, für seine verwaisten Töchter den Schutz des neuen Herrschers;
für sich selbst aber begehrte er Ausstoßung aus dem Lande, das er mit doppeltem
Frevel besudelt, und Verbannung auf den Berg Kithairon, den schon die Eltern
ihm zum Grabe bestimmt hatten und wo er jetzt leben oder sterben wollte, je
nach der Götter Willen. Dann verlangte er nach seinen Töchtern, deren Stimme
er noch einmal hören wollte, und legte seine Hand auf ihre unschuldigen Häupter.
Den Kreon segnete er für alle Liebe, die dieser ihm, der es nicht um ihn verdient
hätte, erwiesen, und wünschte ihm und allem Volke bessern Schutz der Götter,
denn er selbst erfahren hatte.

Darauf führte ihn Kreon in das Haus zurück, und der jüngst noch verherrlichte
Retter Thebens, der mächtige Herrscher, dem viele Tausende gehorchten, der Ödipus,
der so tiefe Rätsel erforscht und so spät erst das eigene furchtbare Rätsel
seines Lebens gelöst hatte, sollte, einem blinden Bettler gleich, durch die
Tore seiner Vaterstadt und an die Grenzen seines Königreichs wandern.
Ödipus und Antigone

In der ersten Stunde der Entdeckung wäre der schnellste Tod dem Ödipus der
liebste gewesen, ja er hätte es als eine Wohltat aufgenommen, wenn das Volk
sich gegen ihn erhoben und ihn gesteinigt hätte. Und so schien ihm auch die
Verbannung, um welche er flehte und welche sein Schwager Kreon ihm bewilligte,
als ein Geschenk. Als er aber in seiner Finsternis zu Hause saß und der Zorn
allmählich auskochte, da fing er auch an, das Gräßliche zu empfinden, was das
Herumirren eines blinden Verbannten in der Fremde mit sich führen mußte. Die
Liebe zur Heimat begann mit dem Gefühle wieder zu erwachen, daß er für nicht
beabsichtigte und nicht mit Bewußtsein begangene Verbrechen teils durch den
Tod Iokastes, teils durch die Blendung, die er an sich selbst vollzogen habe,
doch eigentlich genug bestraft sei, und er scheute sich auch nicht, den Wunsch,
zu Hause zu bleiben, gegen Kreon und seine eigenen Söhne Eteokles und Polyneikes
laut werden zu lassen. Aber da zeigte sich, daß die Rührung des Fürsten Kreon
nur eine vorübergehende gewesen und auch seine Söhne eine harte und selbstsüchtige
Gemütsart hatten. Kreon nötigte seinen unglücklichen Verwandten, auf seinem
ersten Beschlusse zu verharren, und die Söhne, deren erste Pflicht doch war,
dem Vater zu helfen, verweigerten ihm ihren Beistand. Ja fast ohne daß ein Wort
gewechselt wurde, gab man ihm den Bettelstab in die Hand und stieß ihn zum Königspalaste
von Theben hinaus. Nur seine Töchter fühlten kindliches Erbarmen mit dem Verstoßenen.
Die jüngere Tochter Ismene blieb im Hause ihrer Brüder zurück, um hier soviel
als möglich der Sache des Vaters zu dienen und gleichsam der Anwalt des Entfernten
zu sein. Die ältere, Antigone, teilte mit dem Vater die Verbannung und lenkte
die Schritte des Blinden. So zog sie mit ihm auf schwerer Irrfahrt herum, schweifte
unbeschuht und ohne Speise mit ihm durch die wilden Wälder; Sonnenhitze und

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