Gustav Schwab - Bellerophontes

admin am Mrz 29th 2008

und ihr Spruch lautete also: »Es ist am Morgen vierfüßig, am Mittag zweifüßig,
am Abend dreifüßig. Von allen Geschöpfen wechselt es allein mit der Zahl seiner
Füße; aber eben wenn es die meisten Füße bewegt, sind Kraft und Schnelligkeit
seiner Glieder ihm am geringsten.« Ödipus lächelte, als er das Rätsel vernahm,
das ihm selbst gar nicht schwierig erschien. »Dein Rätsel ist der Mensch«, sagte
er, »der am Morgen seines Lebens, solang er ein schwaches und kraftloses Kind
ist, auf seinen zween Füßen und seinen zwo Händen geht; ist er erstarkt, so
geht er am Mittage seines Lebens nur auf den zween Füßen; ist er endlich am
Lebensabend als ein Greis angekommen und der Stütze bedürftig geworden, so nimmt
er den Stab als dritten Fuß zu Hilfe.« Das Rätsel war glücklich gelöst, und
aus Scham und Verzweiflung stürzte sich die Sphinx selbst vom Felsen und zu
Tode. Ödipus trug zum Lohne das Königreich von Theben und die Hand der Witwe,
welche seine eigene Mutter war, davon. Iokaste gebar ihm nach und nach vier
Kinder, zuerst die männlichen Zwillinge Eteokles und Polyneikes, dann zwei Töchter,
die ältere Antigone, die jüngere Ismene. Aber diese vier waren zugleich seine
Kinder und seine Geschwister.
Die Entdeckung

Lange Zeit schlief das grauenhafte Geheimnis, und Ödipus, bei manchen Gemütsfehlern
ein guter und gerechter König, herrschte glücklich und geliebt an Iokastes Seite
über Theben. Endlich aber sandten die Götter eine Pest in das Land, die unter
dem Volke grausam zu wüten begann und gegen welche kein Heilmittel fruchten
wollte. Die Thebaner suchten gegen das fürchterliche Übel, in welchem sie eine
von den Göttern gesandte Geißel erblickten, Schutz bei ihrem Herrscher, den
sie für einen Günstling des Himmels hielten. Männer und Frauen, Greise und Kinder,
die Priester mit Ölzweigen an ihrer Spitze, erschienen vor dem königlichen Palaste,
setzten sich um und auf die Stufen des Altars, der vor demselben stand, und
harrten auf die Erscheinung ihres Gebieters. Als Ödipus, durch den Zusammenlauf
herausgerufen, aus seiner Königsburg trat und nach der Ursache fragte, warum
die ganze Stadt von Opferrauch und Klagelaut erfüllt sei, antwortete ihm im
Namen aller der älteste Priester: »Du siehest selbst, o Herr, welches Elend
auf uns lastet: Triften und Felder versengt unerträgliche Hitze; in unsern Häusern
wütet die verzehrende Seuche; umsonst strebt die Stadt aus den blutigen Wogen
des Verderbens ihr Haupt emporzutauchen. In dieser Not nehmen wir unsere Zuflucht
zu dir, geliebter Herrscher. Du hast uns schon einmal von dem tödlichen Zins
erlöst, mit welchem uns die grimmige Rätselsängerin zehntete. Gewiß ist solches
nicht ohne Götterhilfe geschehen. Und darum vertrauen wir auf dich, daß du,
sei es bei Göttern oder Menschen, uns auch diesmal Hilfe finden werdest.« »Arme
Kinder«, erwiderte Ödipus, »wohl ist mir die Ursache eures Flehens bekannt.
Ich weiß, daß ihr kranket; aber niemand krankt im Herzen so wie ich. Denn mein
Gemüt beseufzt nicht nur einzelne, sondern die ganze Stadt. Darum erwecket ihr
mich nicht wie einen Entschlummerten aus dem Schlafe, sondern hin und her habe
ich im Geiste nach Rettungsmitteln geforscht, und endlich glaube ich eines gefunden
zu haben. Denn mein eigener Schwager Kreon ist von mir zum pythischen Apollo
nach Delphi abgesandt worden, daß er frage, welch Werk oder welche Tat die Stadt
befreien kann.«

Noch sprach der König, als auch Kreon unter die Menge trat und den Bescheid
des Orakels dem Könige vor den Ohren des Volkes mitteilte. Dieser lautete freilich
nicht tröstlich: »Der Gott befahl, einen Frevel, den das Land beherberge, hinauszuwerfen
und nicht das zu pflegen, was keine Säuberung zu sühnen vermöge. Denn der Mord
des Königes Laïos laste als eine schwere Blutschuld auf dem Lande.« Ödipus,
ganz ohne Ahnung, daß jener von ihm erschlagene Greis derselbe sei, um dessen
willen der Zorn der Götter sein Volk heimsuche, ließ sich die Ermordung des
Königs erzählen, und noch immer blieb sein Geist mit Blindheit geschlagen. Er
erklärte sich berufen, für jenen Toten Sorge zu tragen, und entließ das versammelte
Volk. Sodann ließ er ins ganze Land die Verkündigung ausgehen, wem irgendeine
Kunde von dem Mörder des Laïos geworden wäre, der sollte alles anzeigen; auch
wer in fremdem Lande darum wüßte, dem sollte für seine Angabe der Lohn und Dank
der Stadt zuteil werden. Der dagegen, der für einen Freund besorgt schweigen
und die Schuld der Mitwissenschaft von sich abwälzen wollte, der sollte von
allem Götterdienst, vom Opfermahle, ja von Umgang und Unterredung mit seinen
Mitbürgern ausgeschlossen werden. Den Täter selbst endlich verfluchte er unter
schauerlichen Beteurungen, wünschte ihm Not und Plage durch das ganze Leben
an und zuletzt das Verderben. Und das sollte ihm widerfahren, selbst wenn er
am Herde des Königes verborgen lebte. Zu allem dem sandte er zwei Boten an den
blinden Seher Tiresias, der an Einsicht und Blick ins Verborgene fast dem wahrsagenden
Apollo selber gleichkam. Dieser erschien auch bald, von der Hand eines leitenden
Knaben geführt, vor dem Könige und in der Volksversammlung. Ödipus trug ihm
die Sorge vor, die ihn und das ganze Land quäle. Er bat ihn, seine Seherkunst
anzuwenden, um ihnen auf die Spur des Mordes zu verhelfen.

Aber Tiresias brach in einen Wehruf aus und sprach, indem er seine Hände abwehrend

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